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Bansin, Heringsdorf, Ahlbeck, Kolberg, Peenemünde und Koserow: Ende August, Anfang September 2009 – Ligurien 2006- Bayerischer Wald 2004 -Quedlinburg 2003

Bansin, Heringsdorf, Ahlbeck, Kolberg, Peenemünde und Koserow: Ende August, Anfang September 2009

Bansin ist durch den Schriftsteller Hans Werner Richter in erster Linie bekannt. Der Gründer der Gruppe 47 wurde dort geboren. Sein „Roman einer Jugend“ heißt „Spuren im Sand“. Hier heißt es:“Als ich geboren wurde,  machte der Kaiser noch seine Nordlandfahrten, trugen die Männer des Dorfes, in dem ich den ersten Schrei ausstieß, den Es-ist-erreicht-Schnurrbart, gab es noch die klingenden Taler und das goldene Zwanzigmarkstück.“

Bansin wurde 1256 das erste Mal erwähnt. Das Seebad Bansin entstand erst viel später. 1896 gründeten die Bansiner eine Badegenossenschaft. 1901 kam die Anerkennung als Seebad. 1923 gab es eine Freibadeerlaubnis, man durfte sich fortan im Badeanzug am Strand tummeln.

Bansin wurde das „Adelsbad“ genannt. Eine Bahnverbindung entstand 1911. Die Künstler suchten Entspannung am idyllischen Schloonsee. An den Fischerkaten nahe der Seenbrücke duftet es – wie nicht anders zu erwarten – nach Fisch. Eine hölzerne Konzertmuschel wurde 1930 gebaut.

Im historischen Feuerwehr-Gerätehaus befindet sich heute das Hans-Werner-Richter-Haus. Zudem gibt es in Bansin den kleinsten Zoo der Welt und das Gedenkatelier Rolf Werner. Sein „poetischer Realismus“ sucht seinesgleichen.

Auch in Heringsdorf findet sich eine pittoreske Seebrücke. Sie mißt 508 Meter und gilt als die längste Europas. Hier weht ein kühler Wind auch bei warmer Witterung. In dem pyramidenförmigen Pavillon gibt es zwei Restaurants. Auf der Brücke befinden sich 25 Geschäfte und ein Muschelmuseum. Auf dem Vorplatz der Seebrücke steht ein Kugelbrunnen. Der Ort ist gekennzeichnet durch prächtige Villen, die Villa Staudt von 1873. Ihr Eigentümer war der Konsul Staudt, sein Gast häufig Kaiser Wilhelm II. Die Villa Oppenheim wurde 1880 im palladinischen Stil erbaut. Von 1909 bis 1912 verbrachte dort der Maler Lyonel Feininger sein Ferien. Die Vila Diana ließ der Bankier Gerson von Bleichröder 1890 als Sommersitz errichten. 1933 wurde die Familie enteignet und Göring beanspruchte das Haus. In der DDR wurde es zum FDGB-Ferienheim.

Das Weiße Schloß ist das Haus des Heringsdorf -Gründers Bülow. 1866 gastierte hier die preußische Kronprinzessin Viktoria. Kurt Tucholsky quartierte sich hier 1920 und 1921 ein. Die Kirche wurde 1848 im neugotischen Stil errichtet. Der Kirchenbau von 1848 war ein relativ kleiner Saalbau. Bereits 1905 wurde der baufällige Turm ausgebessert. Die Kirche steht inmitten eines kleinen Buchenwaldes auf einem Hügel. Der rote Ziegelbau mit seinem schlanken Turm erscheint als imposante Bekrönung der Anhöhe. Der Außenbau zeigt Stilelemente des Historismus.

Kirche von Heringsdorf

Der Aufenthaltsort ist Ahlbeck, ein kleiner malerischer Fischerort. Um 1700 wurde an der Beek, einem kleinen Fluß, eine Wassermühle erbaut. In der Beek gab es viele Aale. Auf dem nördlichen Flußufer – seit 1720 preußischer Staatsbesitz- entstand ebenfalls eine kleine Siedlung. Friedrich II. siedelte dort Kolonisten an. Das Dorf hieß Königlich Ahlbeck. Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die Touristen nach Ahlbeck. Bedeutender war allerdings das Seebad Heringsdorf. 1874 entstand das erste Hotel. Theodor Fontane erwog, dort sich ein Ferienhäuschen zu erwerben. Mittelpunkt Ahlbecks ist die Seebrücke, auf der Loriots „Pappa ante Portas“ spielte. An der Strandpromenade lässt es sich bummeln. Auf dem Vorplatz zur Seebrücke steht eine prächtige Jugendtstilstanduhr.

Sie wurde 1911 gestiftet. Die Backsteinkirche von 1895 ist sehenswert. In Ahlbek ißt man Fisch- Bismarckhering zum Beispiel.

Wer Usedom besucht, macht gern auch einmal einen Abstecher nach Polen, ins ehemals deutsche Kolberg, das nach dem Zweiten Weltkrieg nach Polen kam.

Geschichte Kolbergs Kolberg ist eine Stadt des Salzes.

Ab dem Jahre 1255 setzte sich für den Ort der Name Colberg durch, bevor er 1891 in Kolberg umbenannt wurde. Seit dem Jahre 1945 ist der offizielle Name der Stadt Kolobrzeg. Eine verbreitete Deutung des Namens ist auf deutsch: Ort am Ufer.  Eine erste Phase wirtschaftlicher Prosperität erlebte Kolberg mit dem Eintritt in die Hanse. Unter dem Schutz der großen Handelsorganisation der Ostsee konnte Kolberg Fischfang betreiben und besaß auf der Insel Schonen eine eigene Handelsniederlassung, eine sogenannte Vitte.

Als ab 1600 der Seehandel mit der Bedeutung der Hanse zurückging und die Erträge aus dem Salzgeschäft ebenfalls mangelhaft waren, begann für die Kolberger eine lange Zeit von Kriegen, Belagerungen und Verwüstungen. Häufig traten diese in so dichter Folge auf, dass die Einwohner kaum Zeit fanden, sich von den Folgen des letzten Krieges zu erholen, als der neue bereits nahte.

Einen erneuten Aufschwung machte Kolberg ab Anfang des 19. Jahrhunderts durch. Die Stadt entwickelte sich zum See-, Sol- und Moorbad und zog im Laufe der Jahre mehr und mehr Touristen in die Stadt.

Der zweite Weltkrieg mit seinen Verwerfungen brachte der Stadt eine neunzigprozentige Zerstörung sowie eine neue Bevölkerung. Kolberg ist auch heute durch starke Militärpräsenz charakterisiert. Bei Regen wirkt die Stadt so trist wie eine Träne, die wegen der vielen Toten nie versiegt. Der Hafen ist pittoresk, aber grau. Es empfiehlt sich, einen Apfelstrudel zu essen. Nicht jedes Restaurant nimmt allerdings schon Euro als Zahlungsmittel. Ein bedeutender Durchhaltefilm des Dritten Reiches war der Film „Kolberg“. Anschließend ist es ratsam, seinen Bus wieder zu finden.

Nur wenige Monate vor der sich abzuzeichnenden Niederlage des Deutschen Reichs im Zweiten Weltkrieg sollte der Film „Kolberg“ die deutsche Bevölkerung in den Kinos zum Weiterkämpfen aufrufen. Der von Propagandaminister Joseph Goebbels im Sommer 1943 in Auftrag gegebene „größte Film aller Zeiten“ erzählt unter der Regie von Veit Harlan (auch „Jud Süß“) die Geschichte der Verteidigung der pommerschen Stadt Kolberg unter Leitung des preußischen Generalfeldmarschalls Graf Neidhardt von Gneisenau (1760-1831) gegen die Truppen Napoleon Bonapartes. Nachdem die preußische Armee bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 geschlagen worden war, bot in Preußen nur noch die Festung Kolberg bis Juli 1807 entschlossenen Widerstand gegen die feindlichen Okkupanten. „Lieber unter Trümmern begraben, als kapitulieren!“ – so die gleichnishaften Worte des Bürgermeisters von Kolberg, Joachim Nettelbeck (1738-1824). Er wurde von Heinrich George gespielt. Der Film konnte den Kriegsverlauf allerdings auch nicht mehr ändern.

Peenemünde

Die V 2, als Vergeltungswaffe eine sogenannte Wunderwaffe des Dritten Reiches, wurde in Peenemünde gebaut. Walter Dornberger beschreibt in einem sehr affirmativem Buch die Entwicklung dieser Waffe während des Dritten Reiches. Im Jahr 1943 wurde Dornberger zum Generalmajor ernannt und Kommandeur der Heeresversuchsanstalt Peenemünde. Dornberger war von 1943 bis 1945 auch zuständig für das Training und die Logistik der V 2 -Einheiten. Am 29. Oktober 1944 wurde Dornberger nach dem Einsatz der V2 an der Westfront mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.

Dornberger schrieb ein ausführliches Buch über seine Zeit in Peenemünde „Die Geschichte der C- Waffen“, das ohne jegliche Distanz die damalige Zeit betrachtet. Das Buch liest sich wie ein spannender Roman, wie auf der Rückseite steht, und bietet doch nichts als Grauen. Unter der Überschrift „Flammende Nacht“, wird des vernichtenden Luftangriffs der Engländer vom August 1943 gedacht. „Mein armes, armes Peenemünde!“ meint der Autor angesichts des Ausmasses der Zerstörungen. „Es sollen 600 viermotorige englische Bomber beteiligt gewesen sein. Nach Londoner Radiomeldungen sind 1,5 Millionen Kilogramm Sprengbomben und eine ungeheure Menge Brandbomben abgeworfen worden. Aus erbeuteten Karten und Skizzen geht der Angriffsplan klar hervor. Die Bomber haben sich über Rügen gesammelt. Nach dem Ablenkungsmanöver der ersten Welle, die die Jagdabwehr wegziehen sollte, sind sie längs einer geraden Linie, von der Nord- über die Südspitze Rügens fliegend, genau über den Anlagen in Peenemünde erschienen… Am härtesten war die Siedlung betroffen worden … Flak und Nachtjäger haben 47 Bomber abgeschossen. Die gefangenen Besatzungen dieser britischen Bomber sollen sollen ihr Erstaunen über die verhältnismäßig geringe Abwehr geäußert haben.“

In Dornbergers Buch findet sich starke und unkritische Technikbegeisterung mit keinerlei Distanz zur damaligen Entwicklung von Waffen, die eingesetzt wurden, als der Krieg schon verloren war.

Die Nazis stilisierten die V2 zur deutschen Hoffnung auf den „Endsieg“; sie sollte den Widerstandswillen der britischen Bevölkerung brechen. Der erste erfolgreiche Start gelang im Herbst 1942, die V2 wurde bis kurz vor Kriegsende eingesetzt. An der Serienherstellung mussten Häftlinge des Konzentrationslagers Dora-Mittelbau mitarbeiten, eines der grausamsten Lager des Dritten Reiches.

Rund 20.000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene starben beim Bau der Versuchsanlagen in Peenemünde, der unterirdischen Raketenfabrik in Thüringen und bei der Waffenproduktion. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Tausende V2-Raketen auf Städte in England, Frankreich, Belgien und Holland abgefeuert. Laut Bundeszentrale für politische Bildung kamen dabei etwa 12.000 Menschen ums Leben, vor allem in London und Antwerpen. Weder für die Zwangsarbeiter noch für die Opfer der V2-Angriffe findet Dornberger ein einziges Wort des Mitleides.

Das Historisch Technische Informationszentrum befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Kraftwerks, einem der wenigen sichtbaren Zeitzeugen der Peenemünder Versuchsanstalt. Die im Schalthausbau befindliche historische Ausstellung dokumentiert die Waffenentwicklung und -erprobung der Peenemünder Heeresversuchsanstalt und der Luftwaffenerprobungsstelle des Dritten Reiches sowie die Raketenentwicklung in der Nachkriegszeit. Im Freigelände werden neben orginalgetreuen Modellen der V1 und V2, Flugzeug-, Schiffstechnik- und -bewaffnung aus den Beständen der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR ausgestellt.

Außerhalb des Geländes befindet sich eine Kapelle, die im Jahr 1993 restauriert wurde – pünktlich zur 50 jährigen Wiederkehr der ersten Bombardierung Peenemündes.

In der Nähe befindet sich der Gedenkstein des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf, der an die Landung seines Heeres während des Dreißigjährigen Krieges erinnert.

Gustav adolf

Gustav Adolf Gedenkstein

Der Gedenkstein wurde 1930 errichtet. Seine Inschrift lautet: „Verzage nicht, Du Häuflein klein“.

Eine Mahn- und Gedenkstätte im Kiefernwald am Ortseingang in Karlshagen erinnert als Symbol der Besinnung an die Opfer des Krieges.

Koserow

Koserows Seebrücke ragt 261 Meter in die Ostsee. Wahrzeichen des Ortes sind die Salzhütten in der Nähe der Seebrücke. Sie wurden 1820 auf Anordnung des preußischen Staates errichtet. Ihr Zweck war, die Heringe für das Binnenland mit subventioniertem Salz haltbar zu machen. Zudem sollte den Fischern zu einem bescheidenen Einkommen verholfen werden. Einige Salzhütten aus Lehmfachwerk blieben erhalten und stehen unter Denkmalschutz. Koserow liegt nahe am Streckelsberg (56 Meter), der höchsten Erhebung an der Küste. Vor dem Ort liegt das Vineta-Riff.

Die Koserower Kirche zählt zu den ältesten Usedoms. 1230 wurde sie von den Mönchen aus Pudalga geweiht. 1843 wurde ein Roman veröffentlicht, der vom Pfarrer dieser Kirche, Johann Wilhelm Meinhold, veröffentlicht wurde. Titel: „Maria Schweidler, die Bernsteinhexe.“ Meinhold hatte die Pfarreistelle in Koserow nur sechs Jahre inne, weitere 17 Jahre verbrachte er als Pfarrer in Krummin. Er wurde wegen Aufmüpfigkeit gegen die Obrigkeit vorzeitig pensioniert und starb 1851 in Berlin-Charlottenburg. Maria Schweidler fand in Zeiten großer Not Bernstein, dessen Verkauf das Überleben der Pfarrersfamilie sichern konnte. Die Tatsache, dass es im Pfarrhaus wieder etwas zu essen gab, brachte das Mädchen in den Ruf, eine Hexe zu sein. Das Mädchen wurde zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt und in letzter Minute gerettet.

Bei dem Vineta -Kreuz in der Kirche handelt es sich um eine schwedische Arbeit aus dem 15. Jahrhundert. Das Vineta-Riff galt lange Zeit als Überrest der versunkenen Sagenstadt. Die massiven Felsbrocken des Riffs wurden im 19. Jahrhundert ausgebaggert.

 

Koserow

Koserower Kirche


 

Reisebericht: Ligurien 15.08.2006 bis 25.8.2006

Ich kam, sah und siegte, nicht 47 vor Christus, sondern Mitte August flog die Lufthansa nach Nizza, von dort ging es weiter nach Perinaldo über Ventimiglia und Bordighera. Das Meer wieder einmal zu sehen, war schon der eine Sieg, den Duft der Pinien zu riechen, der zweite – beide Siege gelangen ohne die Anwendung unmittelbarer militärischer Gewalt, es waren sozusagen gewaltlose Siege.

Nicht so gewaltfrei ging es bei früheren germanischen Landnahmen in Italien zu.

So kamen zum Beispiel 568 mit den Langobarden, einem westgermanischen Stamm, regelrechte Eroberer, ganz Oberitalien unterwarfen sie sich. Kerngebiete ihres Reiches waren Venetien, die Poebene (für die Einheimischen damals offensichtlich eine regelrecht stinkende Gegend) und die Toskana. Ihr erster König Alboin verlor sein Leben durch Mord 572, zwei Jahre später wurde sein Nachfolger Kleph ebenfalls ermordet. Mord in der Geschichte – eine endlose Serie. Eroberer kommen eben nicht in friedlicher Absicht. So fielen den Gräueln der ersten Eroberungsphase der Langobarden die grundbesitzende einheimische Schicht zum Opfer. Im 7. Jahrhundert schreitet die Romanisierung der langobardischen Herrenschicht fort – damit ist im August 2006 überhaupt nichts zu vergleichen. Die Langobarden treten vom Arianismus zum Katholizismus über.

Die bayerische Prinzessin Theudelinde, die König Authari heiratete, förderte diesen Prozeß – die Bayern waren eben damals schon für ihren ausgreifenden Katholizismus bekannt. Die ebenfalls langobardischen Herzogtümer Spoleto und Benevent blieben bis auf die Zeit von König Liutprand (712 bis 744) vom Langobarden- reich weitgehend unabhängig. Die Könige stützen sich sowohl auf die persönliche Gefolgschaft als auch auf die Arimannen, das sind gegen Kriegsdienst und Zins auf Fiskalland angesiedelte Freie. Sie unterstanden Schultheißen und bildeten autonome Landgemeinden. Nicht Rotbart sondern König Rothari veranlaßte 643 die erste Aufzeichnung des langobardischen Rechtes (Edictus Rothari), er eroberte zudem die ligurische Küste mit Genua, sein Nachfolger Aripert I., eine Neffe Theudelindes, wurde dann endgültig Katholik, nachdem sein Vorgänger Rothari noch Arianer war. Byzanz konnte 663 das Langobardenreich nicht niederringen. Auch das Langobardenreich ging den Weg vieler Reiche, 733 bis 774 wurde es von Karl dem Großen erobert. Der letzte langobardische König Desiderius ging in Gefangenschaft, fortan wurden die Langobarden dem Frankenreich unterstellt (Karl als rex Francorum et Langobardorum) Oberitalien ist nun fränkisch, in Mittelitalien findet man den Kirchenstaat, Unteritalien kommt unter die Herrschaft der Byzantiner, später der Normannen.

Das waren allerdings noch nicht die ersten Germanen in Italien, schon im 5. Jahrhundert gründete Theoderich das Ostgotenreich, das war 493. Der Gotenkönig war ein „wahrer Kaiser“, er übte die Blutsgerichtsbarkeit und das Gnadenbrot über alle Bewohner Italiens aus; obwohl Arianer, besaß er die Hoheit über die katholische Kirche. 626 stirbt er in Ravenna, wo heute sein Grabmal zu bewundern ist – in der Heldensage ist er Dietrich von Bern. Bekannt ist das „Edictum Theoderici“, das nicht in das Vorrecht der kaiserlichen Gesetzgebung eingreift, aber territorial alle erfaßt. Das ostgotische Föderatenheer ersetzt eine römische Hofarmee. Italiker dienen damit nur in regionalen Milizeinheiten, sie leisten nur in Ausnahmefällen Kriegsdienst im Felde. Nichts zu lachen hatte Theoderichs Tochter, Amalaswintha, die 534 als Königin der Ostgoten regierte. Ihr Vetter Theodahad, den sie zum Mitregenten erhoben hat, hatte nicht Besseres zu tun als sie ein Jahr später zu ermorden – dieser Unhold! Diese Untat  bietet Kaiser Justinian I. Gelegenheit, von Byzanz aus, den Ostgoten den Krieg zu erklären, Totila konnte 541 noch einmal ganz Italien außer Ravenna zurückerobern. 552/ 553 kann Narses die Ostgoten im Dienst von Byzanz besiegen. Nicht allzu lang hat also das Ostgotenreich Bestand gehabt. Vielleicht hat Theodahad die Lunte zum Untergang gelegt.

Noch vorher versuchte sich König Theudebert I. auch in Italien. Ausgangspunkt seiner Machtentfaltung war neben seinem Kerngebiet um Reims seine Herrschaft über Thüringer und Alemannen, 537 ehelichte er eine langobardische Fürstentochter. Von Rätien aus griff er in Italien ein. Mit dem Ostgotenkönig Vitigis wollte er ein Bündnis gegen Byzanz schließen und beanspruchte dafür die Hälfte Italiens. 539 rückte Theudebert mit einem großen Heer über die Westalpenpässe nach Italien vor, besiegte sowohl die Ostgoten als auch die Byzantiner und verwüstete die Emilia zwischen Po und Appenin verwüstete.

Mit dem byzantinischen Feldherren Belisar schloss er erst dann einen Waffenstillstand, als Seuchen in seinem Heer ausbrachen. Ligurien und das südliche Vorfeld der Alpen blieben in seiner Hand. 545 eroberte er große Teile Venetiens und Aquilea. Er ließ sich auf Goldmünzen portraitieren und verlieh sich den Titel Augustus und plante wohl einen Angriff auf Byzanz.

Gelegentlich wurde er sogar „der Große“ genannt.

Lassen wir nun die kriegerischen Eroberungen, erobern wir Perinaldo friedlich, das 572 Meter über dem Meeresspiegel liegt und etwa 900 Einwohner hat, wobei die zahlreichen Touristen allerdings nicht mitgezählt sind. Die Auffahrt in diesen malerischen Ort ist extrem kurven- reich und gelegentlich mit einem vorsichtshalber getätigten Hupen verbunden. Unterhalb dieses Ortes werden die Abhänge für Weinberge, Olivenkulturen und Blumenzucht genutzt. Berühmte Astronomen lebten in diesem Ort, Gian Domenico Cassini (1625 bis 1712) und zwei Angehörige der Familie Maraldi. Die Pfarrkirche S. Nicolò di Bari wurde 1357 gegründet, die Barockfassade stammt von 1770. Dem Astronomen ist ein kleines Museum gewidmet.

Unterhalb des Ortes liegt die Wallfahrtskirche Visitazione, sie ist nächstens malerisch beleuchtet. Der Kirchturm von S. Nicolò schlägt nicht nur monoton, sondern sogar gelegentlich mit einem Glockenspiel. Neben ihm zu wohnen, kann bedeuten, regulär mit diesen Geräuschen konfrontiert zu werden. Bewohnt man hier ein Haus, kann man das Meer sehen, das einem in 30 Kilometer Entfernung (geschätzt) entgegen leuchtet (verschwommen), ebenso die Autobahnbrücke mit ihren riesigen Pfeilern, die Nizza mit Genua verbindet. In das Dorfinnere kann man nur als Fußgänger vordringen, weil die Gassen zu eng sind. Es gibt kaum eine Straße, die breit genug ist, um bei Gegenverkehr nicht zurückstoßen zu müssen, was abenteuerlich ist. Die Parkplatzsituation ist nervig, weil es schwer ist, einen freien Platz zu bekommen, nicht nur in Perinaldo, sondern auch am Strand. Nicht selten muss man eine halbe Stunde einen Parkplatz suchen, ein Bus fährt allerdings schon gar nicht, die Situation der öffentlichen Verkehrsmittel ist dürftig, was vor allem in Städten wie San Remo bald zum Verkehrsinfarkt führen dürfte, braucht man doch mindestens zwei Stunden, um durch die Stadt zu kommen. Auffällig sind die vielen Roller, die eine rechts und links überholen, gelegentlich mit achtzig auf der Busspur rechts überholen. Trotz aller nicht weg zu leugnenden Anarchie hat man nicht den Eindruck, als ob die Unfallgefahr erhöht ist, irgendwie fahren viele nach dem Motto. „Nicht die Ordnung lieben, aber das Chaos meistern!“

Ligurien1

Perinaldo

Kommen wir zur Müllabfuhr. Eine getrennte Sammlung gibt es in Perinaldo nicht. Der zentrale Müllcontainer befindet sich in einem Holzverschlag auf der Hauptstraße. Hier  kann man den Müll manuell hinbringen. Im Gegensatz zu Mallorca fehlt aber die wilde Mülldeponie, die dort häufig zu finden ist, hier fast völlig. Ein Fortschritt nach dem Motto: wenig ist besser als gar nichts.

Das Preisniveau ist hoch, die italienische Riviera nicht umsonst ein Hauptattraktionspunkt der Touristen, bescheidener Komfort am Strand zum Baden kostet gleich sechs Euro pro Person. Aber umsonst ist eben der Tod und der ist auch teuer.

Lohnend ist in jedem Fall ein Abstecher in Dolceacqua, dem wirtschaftlichen Zentrums des Nerviatals. Imposant ist die 33 Meter lange Eselsrückenbrücke aus dem 15. Jahrhundert. Der Wein dieses Städtchens ist ebenso berühmt wie sein Olivenöl. Dolceacqua wurde von Savoyen 1652 zur Markgrafschaft erhoben. 1815 kam es zum Königreich Sardinien. 1177 wurde die erstmals die Burg „Castrum de Dulzana“ erwähnt.

Besuchen wir die reizvollen Gärten von Hanbury, die sich auf ungefähr 18 Hektar Fläche erstrecken. Hanbury sammelte ein großes Vermögen durch den Handel mit Tee, Gewürzen und Seide. Er erwarb ein Landgut mit dem Namen „Palazzo“, das Gebäude stammte aus dem 11. Jahrhundert. 1960 erwarb der Staat das Gebiet, nachdem Dorothy Hanbury, die Schwiegertochter des Gründers, zwischen 1925 und 1939 Veränderungen des Areals durchgesetzt hatte. Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein Eingangstor errichtet. Im Schlussstein des Bogens erscheint ein chinesisches Ideogramm, das „Glück“ bedeutet. Ein kleiner Bach durchfließt den Garten, der „Rio Sorba“. Zu sehen sind verschiedene Arten des Genus Aloe. Auch Agaven – Fettpflanzen aus den warmen Regionen der Nord- und Zentralamerikas- sind zu bewundern. Nach der Blütezeit stirbt das Röschen der meisten Agaven, sie können starke, schwache oder auch keine Dornen haben. Eine Zypressenallee, die den Garten von Osten bis Westen durchquert, bildet den zentralen Teil des ursprünglichen Zugangs zum „Palazzo“. Am Ende einer Treppe steht das Maurische Mausoleum, ein 1886 errichteter Tempel, in dem die Asche von Thomas Hanbury und seiner Frau Katherine Pease ruht.

Ruhen wir nicht, ehe wir das Archäologische Museum „Girolamo Rossi“ in Ventimiglia besucht haben. Girolamo Rossi lebte von 1831 bis 1914 und war ein leidenschaftlicher Ausgräber. Die Festung wurde von den Savoyern im 19. Jahrhundert erbaut. Im 16. Jahrhundert stand hier ein Kloster, das der Festung den Namen gab. Zur Zeit besteht das Museum aus vier Sälen. Im ersten Saal findet man die Funde aus Glas, die aus der Nekropolis Albintimilium stammen. Im zweiten Saal befinden sich Vitrinen mit Tonfiguren und Ölllampen. Von grosser Bedeutung sind die architektonischen Figuren aus Ton. Der dritte Saal enthält das Lapidarium mit mehr als 50 römischen Inschriften aus dem I. bis IV. Jahrhundert nach Christus. Die Funde betreffen die führenden Klassen, Senat und Ritterstand, z.B. die Basis des Aemilius Bassus, einer berühmten Persönlichkeit oder das Epigraph eines unbekannten Senators. Auch findet man Aesculapius gewidmete Votivbilder. – Der vierte Saal enthält Hanburykollektionen – Statuen, Köpfe, Portraits, Reliefs und Sarkophage aus römischer Zeit, z.B. einen weiblichen Götterkopf oder ein Männerportrait aus de flavischen Zeit.

Werfen wir noch einen Blick auf die ligurisch-römische Stadt Albintimilium am Fuß des Steilen Hügels im Osten der Stadt Ventimiglia. Die Reste sind links und rechts des Corso Genova vor der Brücke über die Bahnlinie zu sehen. Flächenmäßig 600 x 400 m groß, war das größte Bauwerk das Theater von Ende 2./ Anfang 3. Jh., das etwa 5000 Zuschauer fasste. Dahinter lag die Porta Praetoria, von der noch zwei Rundtürme stehen. Daneben dehnte sich die große Nekropole aus, in der zahlreiche wertvolle Funde entdeckt wurden. Thermen und Villen mit sehenswerten Mosaikfußböden lagen vor dem Theater, ein Aquädukt versorgte die Anlagen mit Wasser. Die Kathedrale S. Maria Assunta geht auf eine karolingische Kirche des 9./10. Jahrhunderts zurück. Im 11. Jahrhundert entstanden eine größere dreischiffige Basilika im lombardischen Stil, der Glockenturm wurde 1150 errichtet, sein oberer Teilbarock umgestaltet. Im Innern findet man die provenzalische Zisterzienser- Architektur.

Auf eine vorchristliche Vorgeschichte verweist eine römische Inschrift. Hauptachse der Stadt ist die Via Garibaldi. Im nordwestlichen Teil der Altstadt steht die Kirche S. Michele, um 1100 als Hauskapelle der Grafen von Ventimiglia errichtet.

Fahren wir ein Stück nach Osten, so gelangen wir in den bekanntesten Badeort der ganzen Riviera, San Remo. In römischer Zeit befestigte man das Dorf gegen die Sarazenen und nannte es „Castrum Sancti Romuli“, im Dialekt hieß es „Sanrömu“, woraus San Remo wurde. 1860 wurde das erste Hotel gebaut, 1904 bis 1906 folgte das Casino. 1887 hielt sich hier der Kronprinz Friedrich Wilhelm (später Friedrich III.) auf. 1920 wurde in der Konferenz von San Remo eine Revision des Versailler Vertrages abgelehnt. Die Altstadt („Pigna“) ist eine typisch mittelalterliche Stadt an der Riviera. Im 13. Jahrhundert wurde die romanisch – gothische Kathedrale San Siro erbaut. Nebenan steht das Baptisterium, das  ursprünglich romanisch war und später zu einem barocken Zentralbau umgewandelt wurde. Das Stadtmuseum bietet einen hervorragenden Überblick über die Stadtgeschichte, der allerdings nur in italienischer Sprache gewährt wird. Die russisch-orthodoxe Kirche S. Basilio erinnert an den Aufenthalt der Zarin Maria Alexandrowna 1874/1875. Auch die Überreste der montenegrinischen Königsfamilie wurden hier bis 1989 aufbewahrt. Wer mit dem Auto durch San Remo fährt, braucht dazu vor allem nachmittags sehr lange, da die Straßen verstopft sind. Besser man fährt also mit dem Zug von Bordighera hin. Man muss hier allerdings viele Tunnels durchfahren und am Hauptbahnhof von San Remo lange in dis Innenstadt laufen. viele Moped- und Rollerfahrer beweisen eine hohe Virtuosität, um sich zwischen den vielen Autos voranzuschlängeln.

Werfen wir zum Schluss einen virtuosen Blick auf die mittelalterliche Stadt Taggia und erblicken – zur Erbauung der Augen – ie Reste der Burg aus dem 12. Jahrhundert, weiter zu empfehlen die Basilika Giacomo e Filippo aus dem 17. Jahrhundert. Hier steht die Marmorstatue „Madonna vom heiligen Herzen“. Am südlichen Ortsrand liegt die Kirche San Domenico, für viele Jahrhunderte das geistliche Zentrum der westlichen Riviera. Die Dominikaner erbauten den spätgotischen Bau von 1469 bis 1479. Der Innenraum ist geprägt durch den schwarzweißen Dekor. Ein pittoresker Kreuzgang entstand im 15. Jahrhundert.

Das Museum enthält Werke von Parmigiano – dem Entdecker des Parmesankäses (!). Besucher, die einen Euro spenden, bekommen eine Willkommensportion Spaghetti mit extra viel Parmesankäse (!)[1]

Nicht mithalten kann allerdings die Parmesanspaghetti-Portion mit der Strandpizzeria in Arma di Taggia, wo ein luzider Sandstrand zum Baden einlädt. Hier kann man dösen oder ins Meer schwimmen. Es grüßen echt italienische Möwen, die das Erlernen der italienischen Sprache erleichtern. Dialog:

Möwe: „Buon giorno, Signor Schauer!“

Signor: „Buon giorno, cari amici, siamo fratelli!“

[1] Es handelt sich dabei um Gerüchte, die einer Bestätigung durch das Fremdenverkehrsamt bedürfen


 

Der Bayerische Wald, Tschechien, die Grenzregion, 04.09.2004 bis 10.09.2004

Waldmünchen, 04.09.2004: 

Was gründen von den Hunnen versprengte Mönche 910? – Angeblich Waldmünchen, was nicht exakt zu beweisen ist.

Wahrscheinlicher ist da schon die Zahl 1283. Vom 15. Jahrhundert an lautet der Ort definitiv Waldmünchen. 1526 erfolgt die Erhebung zur Stadt. Das Pflegerschloß  ist wohl um 1000 entstanden, die Stadtmauern werden 1364 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Der Ort konnte frühzeitig schon im 15. Jahrhundert die niedere Gerichtsbarkeit ausüben, die auch im 18. Jahrhundert ausgeübt wurde.  

Das kurpfälzische Amt hatte Waldmünchen seit 1510. Ein Landgericht wurde dort 1803 eröffnet. Seit 1280 hat Waldmünchen einen Rat, der einen Richter wählt, dem später ein Bürgermeister folgt, 1563 gab es sogar einen „Rat der Zwölfe“ von vier Bürgermeistern und acht Räten. 1818 erhielt die Stadt von Maximilian I. von Bayern als mittelbare Stadt einen gewählten Bürgermeister. 

Das Herrschaftsgebiet des Nordgaus konnte stolz darauf sein, den Ort Waldmünchen seit 788 zu seinem Territorium zählen zu können, seit 1072 gehörte Waldmünchen zur Markgrafschaft  Cham. Als Berthold IV. das Zeitliche segnete, fiel die Markgrafschaft Cham an die bayerischen Herzöge, deren Vasallen wiederum die Schwarzenburger waren. 1283 mußte sich die Herrschaft Schwarzenburg den niederbayerischen Herzögen beugen. 

Heinrich von Guttenstein kam 1506 in den Besitz von Waldmünchen. Dieser war ein berüchtigter Raubritter. Er überfiel auf der alten Handelsstraße nach Böhmen Kaufleute. Lösegeld wollte er aus ihnen pressen. 1510 verkaufte der berüchtigte Guttensteiner seine Herrschaft an den Kurfürsten  Ludwig von der Pfalz.  

Furth im Wald, 05.09.2004:

Wer keinen Hausdrachen hat und trotzdem scharf auf Drachen ist, der fahre nach Furth im Wald. Nicht im Odenwald, wo Siegfried den Drachen erlegte, sondern hier an der Ostgrenze Bayerns zu Tschechien findet seit mehr als 500 Jahren der „Drachenstich“ statt. Der Ursprung dieses ältesten deutschen Volksschauspiels liegt in der Legende von Sankt Georg. Das Spiel handelt in der düsteren Zeit des Mittelalters. Ein  Drachenmuseum bietet dem Interessierten fundierte Einblicke in die Geschichte dieses Fabelwesens. 

Die Geschichte der Stadt hat ihren ersten Höhepunkt 1086, als Kaiser Heinrich IV. die Siedlung „Vurte“ den Grafen zu Bogen schenkte. Die Siedlung lag an einer Furt. Hier verband eine alte Heer- und Handelsstraße Bayern und Böhmen. Möglicherweise reiste schon der Regensburger Bischof Wolfgang nach Prag  über Furth. Der Ort war eine dokumentierte Zollstation. Um 1300 wurden in der Further Mautstelle Salz, Getreide, Feigen, Kupfer, Zinn, Blei, verschiedene Getränke, Leinwand, Leder, Wolle und Obst verzollt. Vieh aus Galizien durfte das Privileg genießen, von Nürnberger Kaufleute über Furth in den Westen getrieben zu werden.

1332 verliehen die bayerischen Herzöge dem Ort die Stadtrechte. Furth im Wald wurde im 19. Jahrhundert aus seiner ländlichen Abgeschiedenheit gerissen. 1861 wurde die Eisenbahnlinie Nürnberg-Prag gebaut. Die Stadt wuchs durch die Ansiedlung von Industrien, ein Grenzbahnhof entstand als Verbindung zu Böhmen. Nach dem Wegfall des „Eisernen Vorhangs“ 1990 explodierte der grenzüberschreitende Verkehr. 

Schon einmal war der Ort schier unüberwindlichen Schwierigkeiten gegenübergestanden. In den Nachkriegsjahren war der Ort 1945/1946 für mehr als 750.000 Vertriebene die erste Station nach der Vertreibung.  

Großer Arbersee, 06.09.2004:

Der Nordgau ist ein historischer Begriff, der Naturpark Bayerischer Wald kann als Naturlandschaft eingestuft werden. Seit 1952 tobte ein Kampf um diesen Naturpark, der 1967 im Sinne des Naturschutzes entschieden wurde. Der Bayerische Wald war schließlich die ideale Gegend für ein weiteres besonders geschütztes Gebiet, nachdem schon 26 Naturschutzgebiete mit einer Fläche von 1240 Hektar  existierten. Brennpunkt der Touristik war einst und jetzt der „Große Arbersee“, der malerisch von Wäldern umgeben nahe der tschechischen Grenze liegt. Der Himmel ist strahlend blau (oh weh), die Luft etwas kühl, seltene Flechten sind um den See zu finden, ein fußgängerfreundlicher Rundweg läßt den Spaziergang zur rechten Freude werden. Die Gastronomie am See lädt zum Verweilen ein, ein Briefkasten bewirkt, daß man auch hier alten Bekannten phantasievolle Ansichtskarten schicken kann.

Ein kleiner Abstecher- und schon ist man am Arber und fährt mit der Seilbahn hinauf – ein röhrender Hirsch ist nicht zu sehen, dafür aber bietet sich folgender unsäglicher Kalauer an 

Was ißt man auf dem Arber? – Rhabarber!

Was ißt man auf dem Nanga Parbat? – Blattspinat! 

Was ißt man in Alzenau? – Kabeljau (vom Fisch-Düwel auf dem Marktplatz)! 

Was ißt der Linke im Kahlgrund? – Saure Gurken – aus Frust  über Hartz IV und den Montagsdemoschwund!!!!!!!!!! 

07.09.2004 Susice und Burg Rabi:

(Exkurs: Was isst man auf Burg Rabi? – Kohl-Rabi!)

Der Böhmerwald wurde lange auch von sehr vielen Deutschen bewohnt, deswegen gibt es für fast jede Ortschaft einen deutschen Namen, so heißt Susice auch Schüttenhofen und wurde im 9. Jahrhundert als Goldwäscherdorf gegründet. Die Luxemburger unter den böhmischen Kaisern gewährten eine Reihe von Privilegien, nach den Hussitenkriegen versank die Stadt in Bedeutungslosigkeit. Im Böhmerwaldmuseum können vor allem Zündholzschachteln bewundert werden. Im 19. Jahrhundert gegründet, wurde die Firma Fürth die größte ihrer Art im Habsburger Reich. Sie exportierte ihre farbenfrohen Zündholzschachteln in alle Kontinente. 1903 kam es zur Gründung der Gesellschaft SOLO nach der Fusionierung mit anderen kleinen Fabriken. Farbenfrohe Streichholzschachteln machen das Museum auch für Kinder interessant, vor allem wenn sie käuflich erworben werden können. 

Die Burg Rabi entstand im 13. Jahrhundert. Ihre große Ausdehnung wirkt attraktiv. Ihre herausragenden Herren  waren die  Svihovsky von Riesenberg. So meint auch der offizielle Führer gleich  am Anfang: „Die majestätische Burgruine Rabi ist eine der beeindruckendsten und gleichzeitig gröten Burgen, eine von Weitem sichtbare Dominante der  nördlich von Susice gelegenen Gegend … Die älteste Bauphase des Burgkerns zeigt romanischen Charakter und beweist somit, dass die Burg lange vor ihrer schriftlichen Erwähnung aus dem Jahr 1380 gegründet wurde.“ Im besagten 13. Jahrhundert kam die Burg mit dem angrenzenden Gebiet an die  Wittelsbacher, danach kam sie unter Ottokar II., dem Premysliden, wieder in das Königreich Böhmen. Die Herren von Velhartice bauten die Burg im 14. Jahrhundert großzügig um. Danach war dann die Familie Svihovsky Ryzemberk der Eigentümer, die die Burg Ende des 14. Jahrhunderts großzügig erweiterte. 1420/1421 wurde die Burg durch Hussiten erobert.

Jan Zizkas Augenlicht ist tragisch mit der Burg verquickt. 1420 konnte er die Burg zum ersten mal erobern, sieben Mönche ließ  er auf dem Scheiterhaufen verbrennen. 1421 verlor der Hussitenführer sein zweites Auge vor dieser Burg. 1490 war wieder ein großer Umbau fällig. Da die besagte adelige Familie der Svihovsky hohe Ansprüche hatte, mußten  ältere Gebäudetrakte umgebaut werden. Die Burg war mit dem Städtchen durch drei Tore verbunden. 

Die spätgotische Festung konnte nicht vollendet werden. In den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts hatten sich die Svihovskys  übernommen, weil ihnen die Baukosten über die Köpfe wuchsen. 1547 mußten die Svihovskys die Burg verkaufen, Nachfolger wurden die Chanovs z Dlouhe Vsi. Im 17. Jahrhundert kulminierte der bauliche Verfall der Burg, im Dreißigjährigen Krieg wurde sie ausgeplündert. Dies war der Verfall, der damit endete, dass  die Baumaterialien der Burg für die Häuser der Stadt verwendet wurden. Die Romantik bewirkte ein abermaliges Interesse für dieses imposante Bauwerk. 

Skurril ist die Geschichte des Affen des Grafen Puta Svihovskys, der 1494 in die Wälder entwischte. Die abergläubischen Bauern meinten Satan persönlich zu erkennen, als der Affe sich in den Bäumen fortbewegte und veranstalteten eine Teufelsjagd. Der Adelige verhängte, arrogant wie er war, eine Affensteuer, die bis zum Ende des 17. Jahrhunderts galt. – Wer alte Burgen schätzt und zudem sicher sein will, daß kein  übergroßer Andrang  herrscht, der möge sich die Burg merken! 

08.09.2004 Klattau (tschechisch: Klatovy):

Der Böhmerwaldcourier, der die Tour anbietet, macht dazu folgende Angaben: Gegründet wurde die Stadt 1260. Die Eisenbahnstrecke Bayerisch Eisenstein – Klatovy wurde in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts ausgebaut. Länge: 49 km, Höhe der Bahndämme: bis 38 m, Höhenunterschied: 450 m. 

Abfahrt in Bayerisch Eisenstein um 10.55 Uhr. Bahnhof Bayerisch Eisenstein und Zelezna Ruda/ Markt Eisenstein – Grenze: 724 M ü. M., eröffnet 1878, in Böhmen 1953 den Betrieb eingestellt, wieder eröffnet am 02.06.1991, Gemeinde Alzbetin- Elisental, früher auch Glashütte. 

Zelezna Ruda mesto – Markt Eisenstein Stadt: ca. 1000 Einwohner, Wintersport- und Erholungszentrum. Im 16. Jahrhundert Abbau und Verarbeitung von Eisenerz, Barocke Kirche Jungfrau Maria Hilf von Stern aus dem Jahr 1732, schönes Zwiebeldach und Sterngrundriss. 

Spicak – Spitzberg: Der höchstgelegene Bahnhof der Strecke (838 m), Berg Spicak – Spitzberg (1202 m), links davon Jezerni hora – Seewand (1343 m). Die Mulde Certovo jezero – des Teufelsees (1030 m), Fläche: 10,7 ha, Tiefe 37 m. Der Spitzbergtunnel, erbaut 1873 – 1877, Länge: 1748 m, überschreitet die europäische Wasserscheide zwischen dem Schwarzen Meer und der Nordsee. 

Hojsova Straz- Brcalnik – Frischwinkel: Links die Mulde Cerne jezero – des Schwarzen Sees (1008 m), Fläche: 18 ha, Tiefe: 40 m, dahinter die Seewand. Im Hintergrund rechts der Berg Velky Ostry – Großer Osser (1283 m) 

Hamry – Hojsova Straz – Hamern – Eisenstraß: Früher Sitz der Freibauern, die die Landesgrenze bewachten. Im 16. Jahrhundert Eisenerzabbau. Gegenüber dem Bahnhof Velky Ostrry – der Große Osser. 

Zelena Lhota – Grün: Einzige st. Wolfgangskirche in Böhmen (1786). Der Stausee seit 1969, 150 ha groß, dient als Trinkwasserspeicher, tiefste Stelle 34 m. 

Desenice – Deschenitz: Früher Schloss, später Brauerei und Gut.

Nyrsko – Neuern: Ca. 5000 Einwohner, gotische St. Thomaskirche. Einzige Brillenfabrik in CR. 

Petrovice: Lamazucht.

Janovice nad Uhlavou: Auf dem Hügel die gotische Burgruine Klenova. Große Kaserne, wo auch die Bundeswehr übt. 

Bezdekov: Neugotisches Schloss. 

Klatovy – Klattau: Ankunft 12.05 Uhr. Bahnhof seit 1956, etwa in der Mitte zwischen Bayerisch Eisenstein und Pilzen.  

Verlassen wir den Böhmerwaldcourier und betreten die Barockapotheke „Zum Weissen Einhorn“. Zu ihr meint der offizielle  Führer:

Die Geschichte des Apothekerwesens in Klatovy reicht bis in die Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück, als der erste Apotheker Bernard Feuerbach hier sein Gewerbe begann. Nach seinem Tode übernahm die Familie Schispogens die Apotheke und als einer der Gehilfen sich selbständig machte, hatte Klatovy zwei Apotheken. Später wurde eine der Apotheken „Zum Weissen Einhorn“ und die zweite „Zum schwarzen Adler“ genant. Im Jahre 1765 kaufte Prochazka, der Besitzer der Apotheke „Zum Weissen Einhorn“ auch die zweite Apotheke. Ab 1771 besass die Familie Firbas die Apotheke. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens im Jahre 1773 kaufte Jan Michal Firbas die ganze Einrichtung der jesuitischen Apotheke und übertrug sie in das Haus Nr. 149, wo sie sich bis heute an der ursprünglichen Stelle befindet. Zu beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Apotheke wieder zerteilt. Im Jahr 1966 wurde die Apotheke in ein Museum umgewandelt. Die heutige Exposition vermittelt dem Besucher ein Bild des Apothekermilieus des 18. Jahrhunderts. 

Die Apotheke wurde von der UNESCO zum Weltkulturdenkmal erklärt. Die Stadt hat auch sonst einiges zu bieten. Neben der Marienkirche aus dem 13. Jahrhundert erhebt sich der Weiße Turm aus dem 16. Jahrhundert. Der für die Stadt charakteristische 81 Meter hohe Schwarze Turm ist ebenfalls ein Renaissancebau und entstand zur gleichen Zeit wie das Rathaus. Kunsthistorisch am bedeutendsten ist die im 17. Jahrhundert von Domenico Orsi und Carlo Lurago errichtete Jesuitenkirche St. Ignatius. Möglicherweise stammt das Portal von Kilian Ignaz Dientzenhofer. In den Katakomben ruhen 200 mumifizierte tote Jesuiten, die man mit guten Nerven ausgestattet besichtigen kann. Fast wäre die Kirche verfallen. Als es 1981 schon zum Dach herein regnete, entwarf der Pfarrer ein Gerüst, um eine Renovierung zu ermöglichen. 

09.09.2004 Zwiesel:

Man befindet sich im Hinteren Bayerischen Wald. Gold spielt eine sagenhafte Rolle in der Geschichte der Stadt. Im 10. Jahrhundert sollen sich zwei Goldwäscher zwischen dem Kleinen und Großen Regen niedergelassen haben. Wahrscheinlich wurde das Zwieseler Becken erst im 11. oder 12. Jahrhundert besiedelt. Der heilige Gunther ließ sich als Einsiedler  um 1010 im heutigen Rinchnach im Bayerischen Wald nieder. 1029 stellte Kaiser Konrad II. für dieses Rinchnach eine Schenkungsurkunde aus, die auch den Zwieseler Raum umfasste. 

Urkundlich zum ersten Mal erwähnt ist der Ort 1254 als „unbebautes Dorf“. Dabei könnte eine kriegerische Auseinandersetzung der Anlass zu dieser Bezeichnung gewesen sein. Ein Jahr später wird Zwiesel wieder in den Quellen genannt, eine Kapelle wird ihm zugerechnet. Die Lastwagenmaut ist in Deutschland immer noch nicht eingeführt, damals im zwölften Jahrhundert war es viel einfacher, eine Maut einzuführen. Das Kloster Niederaltaich konnte seit 1295 in Zwiesel eine Maut von den Transporten  erheben. Dies Funktion als Mautstätte bewirkte den Aufstieg zum Markt. Zwiesel wird 1312 zum ersten Mal als Forum bezeichnet. Die Ritter von Degenberg, die sich seit 1308 als Herrscher im Bayerischen Wald aufbauten,  erwarben 1320 die Maut in Zwiesel. 1534 konnte dieses Geschlecht das Kloster Niederaltaich aus Zwiesel verdrängen und seinen Herrschaftsbereich um Zwiesel erweitern. 1602 starb allerdings das letzte Familienmitglied. Der bayerische Herzog vereinigte die Herrschaft 1609 mit seinem Pflegegericht Weißenstein in Personalunion. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Zwiesel zum Zentrum der Glasindustrie. Daneben entwickelte sich der Fremdenverkehr zu einer weiteren Säule der lokalen Wirtschaft. 1904 wurde Zwiesel schließlich zur Stadt erhoben.


Stiftskirche in Quedlinburg gefährdet, in: Main-Echo vom 23.12.2003

Leserbrief zu: „Vom Hauch de Geschichte umweht“, in: Main-Echo vom 20.12.2003

Tatsächlich weht nicht nur ein Hauch, sondern ein Sturm der Geschichte im Harz, in den die Studienfahrt der VHS Kahl führte. Muß man nicht tatsächlich zudem den dicken Wintermantel der Historie bemühen, um den Schneesturm auf dem Brocken zu bewältigen?

Zwei der besuchten Städte, Goslar und Quedlinburg, können tatsächlich als Kleinodien des deutschen Mittelalters angesehen werden, wobei für Goslar nicht so sehr Heinrich I. von überragender Bedeutung war, der 922 die Marktsiedlung gründete, sondern Kaiser Heinrich III. (1039 – 1056), unter dem 1050 der Pfalzbau sowie der Dom fertiggestellt wurden. Er und seine Gemahlin Agnes waren diesem Ort besonders verbunden, so daß 1050 in der Pfalz der spätere Kaiser Heinrich IV. geboren wurde, der in seiner Regierungszeit unter anderem den Gang nach Canossa antreten mußte. Eine Rarität ist bezüglich der körperlichen Überreste Heinrich III. festzustellen: die Knochen liegen in Speyer, das Herz wurde wunschgemäß in Goslar beigesetzt.

Für die andere Stadt, Quedlinburg, kann man nur auf die gefährdete Lage des Schlossberges hinweisen, auf dem sich die romanische Stiftskirche Sankt Servatius befindet. Der Berg droht sich zu öffnen, schon wölben sich die Außenmauern, der Sandstein des Schlossberges ist kein sicherer Untergrund. Er müßte durch Stahlseile und Anker, ergänzt durch stützende Mauern, dauerhaft gesichert werden. Hierfür sind zwölf Millionen Euro nötig. Das Land Sachsen-Anhalt kann diesen Betrag ebenso wenig aufbringen wie die Stadt Quedlinburg, die 25% Arbeitslose hat. Unterstützenswert ist in diesem Zusammenhang eine Spendenaktion der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Konto-Nummer 55 555 00 bei der Dresdner Bank, Bankleitzahl 37080040. Durch die Arbeit der Stiftung konnten 600 der 1.200  Fachwerkhäuser dieser mittelalterlichen Stadt renoviert werden.

Wer den Harz besucht, dem kann nur geraten werden, Quedlinburg zentral anzusteuern, durch ihr überragendes Stadtbild wurde die Stadt 1994 zum Weltkulturerbe erklärt. 929 brachte Heinrich I. (der Vogler) den Ort in das Zentrum der deutschen Geschichte, als er seiner Frau Mathilde unter anderem Quedlinburg zur Witwen-Nutznießung schenkte. Den Sandsteinfelsen, auf dem die heutige Stiftskirche liegt, ließ er zu einer starken Burg ausbauen. Ein erheblicher Teil der Urkunden Heinrich I. wurden in Quedlinburg ausgestellt. Über ein Jahrhundert von Heinrich I. bis Mitte des 11. Jahrhunderts war der Ort „Hauptstadt des Reiches“.

Vier aufeinanderfolgende Kirchen wurden auf dem Schloßberg errichtet, die mächtige ottonische Basilika wurde 1070 durch eine Feuersbrunst zerstört. Der vierte Bau wurde 1129 geweiht und ist mit einigen Umbauten bis heute erhalten geblieben. Die makaberste Nutzung erfuhr die Kirche 1936 in der NS-Zeit am Todestag Heinrichs I., als sie vom Reichsführer SS, Heinrich Himmler, zu einer „Weihestätte“ des Nationalsozialismus erklärt wurde. Die Nationalsozialisten vereinnahmten Heinrich I. als ihren Ahnherren. Die Kirchenschlüssel mußten 1938 der SS übergeben werden. Die Kirche wurde 1936 bis 1939 renoviert, unter anderem wurden Kanzel und Gestühl entfernt, am 3. Juli 1945 fand zum ersten mal wieder ein Gottesdienst in ihr statt, nachdem Türme und Dachkonstruktion durch amerikanischen Artilleriebeschuß beschädigt worden waren.

Wer sich das Mittelalter und die frühe Neuzeit vorstellen will, der darf Quedlinburg nicht links liegen lassen. Mit den vielen engen Gassen, mit Fachwerkhäusern und romanischen sowie gotischen Kirchen kann man sich relativ gut in vergangene Zeiten zurückversetzen.

Christian Schauer

P.S. Der Text geht auf Eindrücke einer Harzreise zurück, die ich im August 1998 mit meiner Familie unternahm. In einem Dankesschreiben der Stiftung Denkmalschutz schrieb Frau Bettina Vaupel von der Redaktion Monumente am 15.Januar 2004:

„Daß Sie in ihrem interessanten Text so vehement Werbung für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz machen und sich vor allem so für unsere Spendenaktion in Sachen Quedlinburger Schlossberg eingesetzt haben, freut uns natürlich außerordentlich!“

 

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