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Reisebericht Westpolen (August 2012)

Danzig und Umgebung

Danzig (jetzt Gdansk)

Der älteste Teil der Stadt war eine befestigte slawische Siedlung aus der zweiten Hälfte des 9. und der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Die Siedlung wurde in der heutigen Rechtsstadt in der Nähe des Rathauses lokalisiert, Auch lebten noch Prußen in Danzig. In der Danziger Gegend gab es noch geschlossene prußische Siedlungen. Im Jahre 997 wurden Prußen in der Danziger Gegend getauft. Während des 10. Jahrhunderts entstand auf dem Gebiet der ältesten Siedlung eine slawische Handels- und Hafensiedlung. An dem Ort sollten Handelsgeschäfte abgewickelt sowie Waren aufbewahrt und gerichtliche Angelegenheiten erledigt werden. Die Stadt wurde auf lübischen Recht gegründet. Der bedeutendste Herrscher Pommerellens, Swietopelk II. (der Große) hatte Danzig 1261 und 1263 das Lokationsrecht verliehen. 1298 wurde den Kaufleuten von Lübeck ein eigener Hof zugestanden und zwar vom polnischen Herrscher Wladyslaw Lokietek. Er rief den Deutschen Orden gegen die Brandenburger zu Hilfe, die Danzig belagerten. Einer der Beweggründe für diese Belagerung war der, dass die brandenburgischen Askanier vom römisch-deutschen Kaiser Friedrich II. 1231 in Ravenna mit Pommern und Pommerellen belehnt worden waren und dass sie nach dem Tod des letzten pommerellischen Herzogs von dieser Belehnung, die noch am 1295 in Mühlhausen erneuert worden war, Gebrauch machen wollten. 1308 besetzten die Kreuzritter Danzig und töteten viele Bewohner.Die Mehrheit der Historiker vertritt die Meinung, dass die Stadt von den Kreuzrittern total zerstört wurde.1

Das im 14. Jahrhundert im Bereich des Langen Marktes und der Langgasse errichtete Stadtzentrum heißt Rechtstadt. Es stellte die anderen Stadtteile – Altstadt, Junge Stadt und Hakelwerk – in den Schatten. 1343 bis 1346 wurde ihm das eingeschränkte Kulmer Recht verliehen. 1327 begann der Bau eines Rathauses.

1378 verlieh der Hochmeister des Deutschen Ordens, Winrich von Kniprode 2, der Rechtstadt das volle  Kulmer Recht und  volle Gerichtsbarkeit.

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Danzig zog regelmäßig Literaten an, so dichtete schon 1842 Joseph von Eichendorff:

Dunkle Giebel, hohe Fenster

Türme tief auf Nebeln sehn

Bleiche Statuen wie Gespenster

Lautlos an den Türen stehn

Träumerisch der Mond drauf scheinet,

Dem die Stadt gar wohl gefällt,

Als läg zauberhaft versteinet

Drunten eine Märchenwelt

Ringsher durch das tiefe Lauschen

Über alle Häuser weit

Nur des Meeres fernes Rauschen –

Wunderbare Einsamkeit!

Und der Türmer wie vor Jahren

Singet ein uraltes Lied:

Wolle Gott den Schiffer wahren

Der bei Nacht vorüberzieht!

DSC03674[1] Bild:Danziger Rathaus

Die Stadt gehörte bis 1454 dem Deutschen Ordensstaat. Sie kam zu Polen bis zur Zweiten Polnischen Teilung von 1793. Mit einer kurzen Unterbrechung von 1807 bis 1814,in der sie von Napoleon zur Freien Stadt erklärt wurde, blieb sie bis zum Ende des Ersten Weltkrieges preußisch-deutsch.

Mit dem Versailler Vertrag von1919 wurde Danzig mit seinen umliegenden Gebieten vom Deutschen Reich getrennt und am 15. November 1920 zu einem unabhängigen Staat, der Freien Stadt Danzig, erklärt. Dieser Staat stand unter der Aufsicht des Völkerbundes. Polnische und britische Truppen waren für die Sicherheit der Stadt verantwortlich. Nach einer fundierten Einschätzung stellte dieser Staat „wohl eines der kompliziertesten Gebilde“ dar, „das jemals dem theoretischen Denken improvisierender Völkerrechtler entsprungen ist… Weder die Freie Stadt, noch die Republik Polen, noch der Völkerbund besaßen klar definierte Befugnisse.“3 Der letzte polnische Außenminister vor dem Krieg, Józef Beck, meinte dazu: „Das Statut der Freien Stadt Danzig war zweifellos die bizarrste und komplizierteste Schöpfung des Versailler Vertrages. Es war schwer, etwas anderes anzunehmen, als daß es einzig mit dem Zweck geschaffen worden war, den Ursprung beständiger Konflikte zwischen Deutschland und Polen, oder zum allermindesten ein Tauschobjekt zu bilden, das gelegentlich benützt werden konnte, um polnische Interessen zugunsten Deutschlands zu opfern.“4

Danzig wurde am 1. September 1939 erneut von Deutschland bis zum 30. März 1945 besetzt. Hier war der Sitz des dritten Reichsgaues Danzig – Westpreußen.5 In der Stadt wurden 1940 Teile deutscher U-Boote hergestellt. Zudem wurden Kriegsschiffe und Schnellboote hier produziert. Die Bombardierung durch Engländer, US-Amerikaner und Sowjets hatte hierin ihren Grund. Die britische Luftwaffe bombardierte Danzig zum ersten Mal am 12. Juli 1942. Ein amerikanischer Luftangriff erfolgte am 9. Oktober 1943, die Briten waren wieder am 9. März 1945 an der Reihe. Die größten Verwüstungen wurden im März 1945 erreicht. Zu Zeiten der sowjetischen Belagerung kam am 25. März 1945 aus dem Hauptquartier Hitlers der Befehl: „Jedes Stück Boden in Danzig muss bis zum letzten Mann verteidigt werden!“ Die Stadt wurde wie Königsberg, Kolberg und Breslau zur Festung erklärt. Die Eroberung der Stadt gelang am 30. März 1945. Hier taten sich besonders „die polnischen Panzerwagensoldaten aus der 1. Panzerbrigade nach den Westerplatte-Helden benannt “6 hervor. Seit dem 4.April 1945 wurde dann eine polnische Stadtverwaltung organisiert. Das Ausmaß der Zerstörungen war so groß, dass man darüber nachdachte, die Ruinen stehen zu lassen und die Stadt in der Nähe wieder aufzubauen.

 

Werfen wir noch einen Blick auf die führenden Nationalsozialisten: „ Der Gauleiter Albert Forster war 1902 in Fürth geboren, er war Bankbeamter, als er 1930 durch Hitler zum Gauleiter von Danzig ernannt wurde. In der Folge sollte er sich am 23. August 1939 zum Staatsoberhaupt der Freien Stadt erklären, um dann am 1. September 1939 das Gesetz über die Wiedervereinigung der Freien Stadt mit Deutschland als Krönung seines Werkes zu erlassen. Im Kriege war er Reichsstatthalter von Danzig-Westpreußen, im Jahre 1946 wurde er an die Polen ausgeliefert. Julius Streicher hatte in Fürth auf seine Jugend bestimmend gewirkt. Arthur Greiser stand bei unserer ersten Begegnung im vierzigsten Lebensjahr. Er war in Posen als Sohn eines Mittelschullehrers geboren, den man 1918 aus Stellung und Heimat vertrieben hatte. Greisers Brüder waren im Weltkrieg gefallen , er selbst hatte sich 17jährig zur Front gemeldet und hatte sich als Flieger im Verband der Staffel Richthofen bewährt. Nach Kriegschluß besaß er keine berufliche Ausbildung; wie unzählige andere, die als Soldaten ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, trieb er ohne wirtschaftliche Zukunft in den trüben Zeiten der Inflation dahin. In Danzig erzählte man, er habe sich Ostseebad Zoppot als Bootsvermieter sein Leben verdient, seine Klienten seien damals begüterte Sommergäste aus dem Berliner Westen gewesen. … Greiser hatte unter dem ersten nationalsozialistischen Senatspräsidenten, Rauschning, eine gewisse politische Schulung durchgemacht, er war beweglich, er besaß wirtschaftliche Kenntnisse, von Natur war er weich, mit gütigen Zügen, aber wenn ihn die Umstände zur Härte zwangen, und das taten sie beständig, übertrieb er diese Härte. … Bei Greiser wurde die freie Betätigung des Urteils augenblicklich gelähmt, sobald Hitlers Gunst in Frage stand.“7

Der Antisemitismus nahm in der Zeit, als Carl Jakob Burckhardt Hoher Kommissar des Völkerbundes in Danzig war, stark zu. Am 23. Oktober 1937 ereigneten sich antisemitische Ausschreitungen. Es gab Plünderungen und die Schaufenster jüdischer Geschäfte wurden eingeschlagen. Die Polizei, die sich zunächst passiv verhielt, verhaftete später 70 Personen. Ein Kreisleiter der NSDAP in Danzig meinte dazu kurz darauf: „Wir haben mit den Zwischenfällen am Sonnabend nichts zu tun und werden dafür sorgen, daß die Täter, die in keinem der festgestellten Fälle zu uns gehören, bestraft werden. Ich fordere die Einwohner der Danziger Innenstadt zu der allen Nationalsozialisten selbstverständlichen Disziplin auf, um den Kampf gegen den schädlichen Einfluß der Juden in Danzig in der alten erfolgreichen Form auf weltanschaulicher Grundlage fortzusetzen. Danzig, den 25. Oktober 1937 Kampe, Kreisleiter.“8 Das Erklärungsmuster läuft darauf hinaus, dass niemand dafür verantwortlich gemacht werden kann. In der Nacht vom 13. auf den 14. November 1938 wurden in Danzig zwei Synagogen in Brand gesteckt sowie jüdische Privatwohnungen und Läden geplündert. Am nächsten Morgen flohen etwa 1.500 Juden über die polnische Grenze.

Danzig Oliva /Kathedrale

DSC03838[1] Park der Kathedrale von Oliva

DSC03825[1] Kathedrale von Oliva

Die Kathedrale gilt als ältestes und prächtigstes Denkmal in ganz Pommerellen. Sie ist 97,6 Meter lang und 19 Meter breit. Die Frontfassade wurde 1770 bis 1771 gestaltet. Das Barockportal am Kircheneingang ist von 1688. Im Nordschiff erregt das Grabmal der Familie Kos aus dem 17. Jahrhundert Aufmerksamkeit. Der Hochaltar aus der Zeit von 1688 wurde von Abt Hacki gestiftet (wenigstens einmal ein polnischer Name der halbwegs deutsch klingt). Auf einem Marmorsockel stehen halbkreisförmig vierzehn schwarze sieben Meter hohe Marmorsäulen mit vergoldeten korinthischen Kapitellen. Im Hauptschiff befindet sich eine beachtliche Rokokoorgel. „Dieses riesige Instrument begeistert mit seinen Klängen, die wie Naturgeräusche wirken. Beim Spiel hört man Kukuck, Nachtigall und andere Vögel, Bärenbrummen, Musikinstrumente, Windrauschen, Gesang, Glockengeläut und Wassergeplätscher. Dies wird begleitet durch die Bewegung von Sonne, Sterne und Engeln, die in ihren Händen sich bewegende Trompeten und Glocken halten:“9 Also auch hier wie in Heiligelinde ein bewegliches Orgelspektakel nach dem Motto „Freude schöner Himmelsfunken“.

Im 12. Jahrhundert wurde hier 1188 ein Zisterzienserkloster gegründet,das mit sieben Dörfern aus der näheren Umgebung ausgestattet war. Die Zisterzienser waren verpflichtet, auch körperliche Arbeit zu leisten sowie sich weiterzubilden. Die Abtei wurde 1226 und 1234 von den Pruzzen überfallen, wobei die Mönche umgebracht wurden sowie die Abtei abgebrannt. Der Überfälle nicht genug. 1243, 1247 und 1252 waren die Deutschordensritter dran. 1308 bis 1309 brachte der Deutsche Orden Pommerellen unter seine Herrschaft. Hochmeister Ludolf König (1343 bis 1345) setzte die Grenzen der Güter des Klosters fest. 1350 folgte ein großer Brand, dem das Kloster und Teile der Siedlung zum Opfer fielen. Ende des 14. Jahrhunderts bekam die Olivaer Abtei großzügige Schenkungen von pommerellischen Herzögen – es waren Landgüter in der Danziger Höhe, Oxhöfter Kämpe, Weichselwerder und Danzig. Das Plündern nahm kein Ende – 1433 waren die Hussiten dran. Im dreizehnjährigen Krieg von 1454 bis 1466 gab es weitere Zerstörungen. Das Kloster unterstützte Stefan Batory. Hintergrund: Die Hansestadt Danzig fürchtete um ihre Privilegien und verweigerte dem neuen König von Polen und Litauen die Huldigung, solange dieser nicht ihre Autonomie bestätigen würde. Danzig hatte ein eigenes Heer zur Verteidigung. Die Stadt stand auf der Seite Kaiser Maximilians II., der der Stadt weitgehende Privilegien zugestand, sollte sie sich bei der Königswahl auf seine Seite schlagen. Unterstützt durch ihren immensen Reichtum, beinahe uneinnehmbare Befestigungen und Unterstützung durch Dänemark, hatte sie ihre Tore vor dem Versuch der Eroberung durch den neuen Monarchen Polens verschlossen. Zwei polnische Versuche, die Stadt einzunehmen, scheiterten. Die protestantischen Streitkräfte Danzigs zerstörten das Kloster 1577 aus Rache für die Unterstützung Batorys. 1581 wurde das Kloster der polnischen Zisterzienserprovinz angeschlossen. 1626 und 1655 bis 1660 plünderten und zerstörten schwedische Söldner das Kloster. 1660 wurde hier der Olivaer Frieden geschlossen. In diesem Vertrag zog König Johann II. Kasimir von Polen-Litauen seine Ansprüche auf die schwedische Krone zurück, die sein Vater 1599 verloren hatte. Zugleich erkannte er die seit den 1620er Jahren bestehende schwedische Oberhoheit über Livland und Riga sowie die Souveränität des hohenzollernschen Herzogtums Preußen an. Sowohl der Nordische Krieg (1700 bis 1721) und der polnische Thronfolgekrieg (1733 bis 1734) brachten dem Kloster Zerstörungen ein. Die Erste Teilung Polens beendete 1772 die wirtschaftliche und kulturelle Tätigkeit des Klosters. Die Grundstücke der Zisterzienser wurden von der preußischen Verwaltung übernommen. 1931 wurde der Orden aufgelöst. 1925 gründete Papst Pius XI. die Danziger Diözese. Er erhob die ehemalige Zisterzienserkirche zur Kathedrale. Oliva wurde zum Sitz der Bischöfe erhoben. 1992 gründete Papst Johannes Paul II. die Danziger Erzdiözese.

Die Danziger Marienkirche ist die größte aus Backstein errichtete Kirche in Europa des Mittelalters. Errichtet wurde sie zwischen 1343 und 1502. Ihre Kunstschätze wurden 1945 vor der Zerstörung gerettet. Sie war die dritte Kirchengründung in Danzig. Älter sind die altstädtische Pfarrkirche St. Katharinen und die St. Nikolaikirche (seit 1227 Dominikanerkirche). Die Vorläuferkirche ließ der Herzog von Pommerellen Swantopolk 1243 zum Gedächtnis an seine 1240 gestorbene Mutter errichten. 1342/43 gab der Hochmeister des Deutschen Ordens Ludolf König der Stadt eine Handfeste- sie war allgemein eine zur Sicherung eines Rechts ausgefertigte Urkunde, die dazu bestimmt war, dem Berechtigten ausgehändigt zu werden – in der zahlreiche für die künftige Entwicklung wichtige Angelegenheiten neu geregelt wurden. Darin bekommt Danzig das kulmische statt wie bisher das Lübecker Stadtrecht. Zwei Bestimmungen gibt es zur Marienkirche. Dem Pfarrer wird ein zinsfreies Grundstück übereignet, das einen beachtlichen Umfang haben sollte. Die zweite Regelung bezog sich auf das eigentliche Gelände der Kirche und des Kirchhofs. Es sollte 7.465 Quadratmeter betragen. Die Bauarbeiten begannen im März 1343. Für die Finanzierung des Kirchenbaus war die Kirchenfabrik zuständig. In Danzig gab es vier Kirchenväter, die für verschiedene Aufgabenbereiche zuständig waren, z.b. Steinamt, Bauamt und Glockenamt.Das Geld für den Bau kam aus Spenden und Stiftungen der Bürger Danzigs. Die Spendierfreudigkeit der Danziger wurden durch Ablässe gefördert, die 1347 begannen und bis zum frühen 16. Jahrhundert ausgeschrieben wurden.

 

Die Ablässe hatten sehr mit dem Seelenheil zu tun, das man als Christ zu bekommen bestrebt war. Reichtum war ein Hindernis, um in den Himmel zu kommen. Wohlhabende fürchteten wegen ihres Reichtums um ihr Seelenheil. Das Geld an die Armen zu verschenken, dazu konnten sich nur wenige entschließen. Die Kirche bot eine Möglichkeit zur Rettung der Seele, den Ablass. Er war ein Element der Kritik, die Luther zur Reformation nötigte. Ablässe wurden von Päpsten und Bischöfen ausgeschrieben. Wer einen Ablass kaufte, musste bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Er sollte regelmäßig den Gottesdienst besuchen und beten. Wenn er dies erfüllte, wurde ihm das Fegefeuer ersetzt. Aus der Hölle konnte man sich mit einem Ablass nicht freikaufen. Die Danziger Bürger nahmen den Ablass häufig in Anspruch. Zahlreich waren die Ausschreibungen: 1347, 1359,1381, 1406, 1425, 1452, 1455, 1467, 1468, 1470, 1475, 1478, 1483, 1486, 1487, 1496, 1497, 1500, 1503, 1504, 1509, 1516. Der größte Teil der Gelder für den Bau der Marienkirche wurde durch den Verkauf von Ablässen hereingeholt. Sogar ein eigener Kiosk wurde zu diesem Zweck in der Kirche errichtet.10 Das Gebäude ist bis heute erhalten. Auf dem Portalflügel steht die Aufschrift:“Got gebe den das ewige leben: dy yr almusen zu der Kirche gebe“. 1529 wurde in der Kirche erstmals ein evangelischer Gottesdienst gehalten. Bis 1572 gab es in der Kirche Gottesdienste beider Konfessionen. Dann gehörte die Marienkirche ausschließlich den Protestanten. Da der polnische König als Patronatsherr bei Besuchen die Möglichkeit zum Kirchgang haben musste, wurde auf dem Gelände der Pfarrei 1678 bis 1681 die katholische Königliche Kapelle errichtet. Die Ablässe endeten mit dem Übergang an die Protestanten. In der Neuzeit ließen sich viele Patrizier und Kaufleute in der Kirche begraben. Im März 1945 wurde die Kirche schwer beschädigt, einige Giebel vor allem. 40 Prozent der Gewölbe stürzten ein., der Turm brannte aus. Sicherungsmaßnahmen gab es schon 1946, 1950 waren die Dächer und Gewölbe wieder hergestellt. In der Zeit, als das Kriegsrecht in Polen ausgerufen wurde, flüchteten sich am 3. Mai 1982 Demonstranten einer gewaltsam aufgelösten Demonstration in die Marienkirche. 1987 wurde die Kirche zur Konkathedrale des Bistums Danzig erhoben. In diesem Jahr stattete ihr auch Papst Johannes Paul II. einen Besuch ab. Eine Kopie des Gemäldes „Das jüngste Gericht“ von Hans Memling findet sich in der Reinholdskapelle. Nicht gerade nach den Grundsätzen des siebten Gebotes kam das Gemälde nach Danzig. Es wurde 1471 vollendet und war eigentlich gedacht von einem italienischen Bankier für eine Kirche in Florenz vorbestimmt. Die Danziger eroberten das Bild in einem Kaperkrieg der Hanse gegen England 1473.11 Das Bild stifteten die Seeleute der Marienkirche. Florenz konnte die Herausgabe des Bildes nicht erzwingen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gemälde nach Thüringen augelagert und von dort in die Sowjetunion gebracht. 1956 erfolgte die Rückgabe an das Danziger Kriminalmuseum. Von diesem erhielt die Marienkirche das Gemälde bis heute nicht zurück. Deswegen wurde eine Kopie aufgestellt. In ihm ist die Jenseitsvorstellung des ausgehenden Mittelalters zu sehen. Die Menschen kriechen aus ihren Gräbern. Rechenschaft über ihr Leben wird verlangt. Der Erzengel Gabriel spielt den Richter. Wer moralisch gefehlt hat, den reißen Teufelsgestalten zur Hölle hin.

5-Memling_small Bild: Memling „Das jüngste Gericht“

Eines der wertvollsten Ausstellungsstücke der Kirche ist die astronomische Uhr, die von 1464 bis 1470 vom aus Thorn stammenden Uhrmachermeister Hans Düringer geschaffen wurde. Sie besteht aus dem Kalendarium, dem Planetarium und dem Zifferblatt sowie dem Figurentheater. Die Uhr funktionierte bis ins 17. Jahrhundert.

Betrachten wir das Stadttheater, das 1797 erbaut wurde und vor dem Oskar Matzerath, eine Figur von Günter Grass, seine Glas zerstörenden Schreie ausstößt: „Nach wenigen Minuten verschieden geladenen Geschreis, das jedoch nichts ausrichtete, gelang mir ein nahezu lautloser Ton und mit Freude und verräterischem Stolz durfte Oskar sich melden: Zwei mittlere Scheiben im linken Foyerfenster hatten den Abendsonnenschein aufgeben müssen, lasen sich als zwei schwarze, schleunigst neu zu verglasende Vierecke ab … Es gelang mir, innerhalb einer knappen Viertelstunde alle Fenster des Foyers und einen Teil der Türen zu entglasen. Vor dem Theater sammelte sich eine, wie es von oben aussah, aufgeregte Menschenmenge. Es gibt immer Schaulustige. Mich beeindruckten die Bewunderer meiner Kunst nicht besonders. Allenfalls veranlaßten sie Oskar, noch strenger, noch formaler zu arbeiten.“

1Vgl.Jerzy Kuklinski, Das reichsstädtische Rathaus in Danzig, Danzig-Warschau 1995, S. 6

2 Winrich von Kniprode (1310 bis 1382) war der 22. Hochmeister des Deutschen Ordens. Er bekleidete dieses Amt in der Zeit von 1351 bis 1382. In diese Epoche fallen sowohl die Blütezeit des Rittertums als auch die Glanzzeit des Ordensstaates

3Carl J. Burckhardt, Meine Danziger Mission 1937 – 1939, München 1962, S. 23.f.

4Ebd., S. 24

5Kazimierz Malkowski, Gdansk (ehemals Danzig) – Aus Ruinen wiedererstanden – Stadtführer, Olsztyn o.J., S. 2

6Ebd., S. 19

7Carl J. Burckhardt, a.a.O., S. 77 f.

8Ebd.. S. 117

9Kirchenführer Kathedrale in Danzig-Oliva, o.O. 2011, S. 32

10Vgl. Christofer Herrmann, Marienkirche in Danzig, Olsztyn 2007, S. 13

11Ebd., S. 44

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Polens Westen

Die Ostkolonisation im Frühmittelalter

Im Frühmittelalter lebten die ostgermanischen Stämme in mehr oder weniger enger Nachbarschaft mit normannischen und westslawischen Stämmen. Nachdem die ostgermanischen Stämme (zum Beispiel Goten, Vandalen, Burgunder) sowie die meisten elbgermanischen Stämme (beispielsweise Semnonen, Langobarden) im Laufe der Völkerwanderung nach Süden gezogen waren, rückten ab dem 5. Jahrhundert in das ziemlich verlassene Gebiet östlich der Elbe slawischem Stämme nach. Die expandierenden Franken unterwarfen nach und nach die östlich von ihnen lebenden germanischen Stämme wie z. B. die Alemannen, Bajuwaren, Thüringer, Friesen und Sachsen, bildeten ein mächtiges Reich und waren schließlich unmittelbare Nachbarn westslawischer Stämme. Obwohl es auch friedliche Koexistenz, Handel und sogar Bündnisse (zum Beispiel Karls des Großen mit den Abodriten gegen die Sachsen) gab, waren in dieser Zeit vor allem christliche Mission und Expansion Motive für das Vordringen der Sachsen, Franken und Baiern nach Osten und die Bildung von Grenzmarken in slawischem Siedlungsgebiet.

Wanderungen in der Karolingerzeit

Nach dem Sieg Karls des Großen über die Awaren 796 kam es unter den ostfränkischen Königen Ludwig dem Deutschen (Karls Enkel) und mehr noch unter Arnulf von Kärnten zu ersten Siedlungswellen insbesondere von Franken und Bajuwaren, die bis in den Raum der heutigen Slowakei und des ehemaligen Pannonien (im Wesentlichen der Raum des heutigen Burgenlands, Ungarns und Sloweniens) ausgriffen. Die Pioniere wurden dabei von Missionaren begleitet, die bereits frühzeitig auch den kulturellen deutschen Einfluss in den entsprechenden Gebieten etablierten – mit durchaus unterschiedlicher Wirkungstiefe. Im Zuge der Auseinandersetzungen mit dem (und im) Großmährischen Reich entwickelte sich hier eine Konkurrenz von West- und Ostkirche, die – etwa in der „mentalen“ Orientierung der Tschechen einerseits und der Slowaken andererseits – bis heute fortwirkt. Im neunten Jahrhundert lebte auch Alfred, der bedeutende britische Herrscher. Er hatt die Wikinger aus England vertrieben. Der Däne Wulfstan berichtete von Haithabu und Truso. Er kam bis zu Land der Esthen. Knapp hundert Jahre nach Wulfstan reiste Ibn Jaqub,ein Jude, in den Osten, unter anderem nach Vineta (unter Wollin ausgegraben). Damals herrschte im 10. Jahrhundert Mieszko I. Jacub wurde 973 von Kaiser Otto empfangen (in Quedlinburg). Der Slawenboden scheint schon bei Hamburg zu beginnen, wie tschechische und polnische Historiker behaupten.  Weiter im Osten wohnten die Pruzzen (Heiden). 1350 wurden 800 pruzzische Wörter sicher gestellt. Die Pruzzen besaßen keine Schrift und deshalb auch keine Literatur. Tacitus nannte die alten Preußen Aestii, ein friedliebendes Volk, das mit Bernsteinen handelt.

Die Ostkolonisation der Ottonen und Salier

Unter den Ottonen und Saliern wurden Unterwerfungsfeldzüge jenseits der östlichen Reichgrenzen geführt. Diese fanden in einem Gebiet statt, das im Westen etwa durch die Linie Elbe-Saale-Naab begrenzt wird und im Osten durch Oder, Elbe und Moldau. In eroberten Gebieten wurden Grenzmarken etabliert. Diese Marken wurden von den Fürsten mit Menschen aus dem Reich (Deutschen, Niederländern) besiedelt, denen dort Landbesitz und Privilegien (beispielsweise das erbliche Schulzenamt) gewährt wurden. Meist wurde die Besiedlung von so genannten Lokatoren organisiert. Die fortschrittlicheren landwirtschaftlichen Methoden und rechtlich-verwaltungstechnische Organisation sowie die parallel erfolgende Christianisierung der Einwanderer führten zu einer graduellen Transformation der Marken. Zwischenzeitlich sprachlich und kulturell slawische Gebiete wurden in zahlreichen Fällen dem Heiligen Römischen Reich als deutsche Länder angegliedert. Die ursprünglich dort etablierten Fürsten wurden dann Fürsten des Reichs. Allerdings gingen auch immer wieder bereits eroberte und kolonisierte Gebiete verloren. Besonders gravierende Folgen hatten der Slawenaufstand von 983 und eine Erhebung der Abodriten ab 1066. Außerdem gerieten die deutschen Kaiser bei ihrer Ostpolitik im 10. Jahrhundert zunehmend in Konkurrenz mit den Fürsten von Polen, die ebenfalls ein starkes Interesse an der Unterwerfung und Eroberung der wendischen Gebiete hatten. Besonders erfolgreich war der erste polnische König Boleslaw.

Die Heimat der Slawen waren die Sumpfgebiete am Pripet. Die Lausitzer Kultur wurde in der Inselstadt Biskupin ausgegraben. Bei einer Gesamtinselfläche von etwa 20000 Quadratmetern nahmen die Wehranlagen  an die 7000 Quadratmeter ein. Hier lebten fünfzehnhundert Menschen. Das kleinwüchsige Volk der hundert Burgen kann weder den Germanen noch den Slawen zugeordnet werden. Es ist etwa im dreizehnten Jahrhundert vor Christus zuerst nachweisbar. Die Lausitzer Kultur breitete sich ungefähr im demselben Gebiet aus wie vorher die Aunjetitzer. Sie umfaßte Sachsen von der Saale ostwärts, das südliche Brandenburg, Schlesien, den Raum von Posen und  den Westrand des sogenannten Großpolen, das Gebiet der ehemaligen Tschechoslowkei und Niederösterreichs. Polen wurde 966 christlich, Mieszko wurde von seiner Frau dazu gebracht. Dobrowa verweigerte sich solange, bis er das Christentum annahm. Danach wurde 968 das Bistum Posen errichtet.  Boleslaw Chrobry, der Nachfolger Mieskos, erreichte 999 die Einrichtung eines Erzbistums Gnesen. Otto III. setzte sich schon 999 zu einm Polenzug in Bewegung. Im Jahr darauf machte Otto III. den Polenherzog zum “frater et cooperator imperii” und zum “amicus populi romani”. Wahrscheinlich bedeuten diese Formulierungen eine Art Stellvertreterschaft des Kaisers. Das Erzbistum Gnesen erhielt seine eigene kirchliche Organisation. Suffragan-Bistümer wurden Kolberg, Breslau und Krakau. Posen blieb möglicherweise im deutschen Magdeburger Kirchenverband. Raue Sitten herrschten im Polen Boleslavs. Thietmar von Merseburg berichtet: “Wenn dort jemand durch Mißbrauch fremder Ehefrauen Unzucht zu treiben wagt, erleidet er als Sühne sofort Strafe: Man führt ihn auf die Marktbrücke, nagelt dort seine Hodensack fest, legt dann ein scharfes  Messer neben ihn und läßt ihm die harte Wahl zwischen Tod und Verstümmelung. Wer nach Septuagesima (neunter Sonntag vor Ostern und Beginn der Vorfastenzeit) beim Fleischessen ertappt wird, dem werden zur Strafe die Zähne ausgebrochen.”

Boleslaw gelangt 1003 zur Herrschaft in Böhmen und Mähren. Einen Lehenseid leistet er Heinrich II., dem deutschen König, hierfür nicht. 1003 bis 1018 herrscht Krieg zwischen Deutschland und Polen- 1018 kann sich Polen als unabhängiges Land im Frieden von Bautzen etablieren. 1025 wird Boleslaw zum König gekrönt. Unter Miesko II. kommt es 1033 zur Wiederherstellung der deutschen Lehensabhängigkeit Polens. Polen verliert unter anderem Pommern, Mähren und die Lausitz. Nach der Verwüstung Polens durch Bretislaw I. von Böhmen 1039 gelingt es mit Hilfe Heinrich III.  Kasimir I. als Restaurator den Fortbestand der piastischen Dynastie einzusetzen. Der Deutsche Orden erreichte um 1400 in Preußen seine größte Ausdehnung. Gotland war erobert, Territorien im Süden des Landes in Pfandschaft übernommen. Vytautas von Litauen trat Samaiten ab. Bei Tannenberg unterlag das Heer des Deutschen Ordens unter dem Großmeister Ulrich von Jungingen 1410 der litauisch-polnischen Koalition. Da die Marienburg nicht fiel, war der militärische Erfolg wieder zerronnen. Die Herrschaft des Ordens in Preußen wurde im November 1410 von Hochmeister Heinrich von Plauen vollständig wieder hergestellt. Vorher hatte sich der polnische König nach zwei Monaten Belagerung der Marienburg erfolglos zurückgezogen. Einbußen musste der Deutsche Orden im Zweiten Thorner Frieden hin nehmen.1 Der Westen Preußens mit den großen Städten und das Bistum Ermland wurde Polen unterstellt. Der Osten Preußens mit den Bistümern Pomesanien und Samland blieb beim Deutschen Orden. Künftig musste der Hochmeister dem polnischen König einen Treueeid schwören. Zudem war er zur Heerfolge verpflichtet. Die Hälfte der Ordensmitglieder in Preußen sollte aus dem polnischen Adel kommen. Eine neuartige Entwicklung leitete der Hochmeister Albrecht von Brandenburg ein. Zum Jahresende 1524/1525 übertrug er gegen beachtliche Summen die Balleien Koblenz und Bozen, dem livländischen Meister den Norden Livlands. Er nahm ein polnisches Angebot an, als Hochmeister zurückzutreten und unter polnischer Oberhoheit ein erbliches Herzogtum Preußen zu leiten. Die Lehensnahme wurde im April 1525 in Krakau vollzogen. Albrecht trat zum Luthertum über. Es entstand das erste protestantische Territorium Europas

Die Eroberung des heidnischen Pruzzenlandes vorher vollzog sich alles andere als friedlich. Peter von Dusburg berichtet darüber in seiner Chronik “Chronicum terrae Prussiae”: “Der Landmeister, Bruder Hermann Balk,und die übrigen Brüder versammelten zur Winterszeit, als alles tief in Eis erstarrt war, die Kreuzfahrer, deren Herz danach bannte, den Mut der Preußen zu brechen. Sie betraten das Gebiet Reisen, töteten und fingen viele Leute und rückten zum Flusse Sorge vor, wo sie das erlebten, was sie lange gewünscht hatten. Denn sie trafen hier auf ein großes Heer der Preußen, das sich in Waffen gesammelt hatte und schon bereitstand zur Schlacht. Als sie dieses mannhaft angriffen, schlugen sie es in die Flucht. Doch der Herzog von Pommern und sein Bruder, die im Kampf mit de Preußen erfahrener waren, besetzten die Wege rings um die Umzingelten mit ihren Bewaffneten, damit ihnen niemand entgehen könne, und dann vernichteten sie die Sünder in ihrem Zorn. Dort verzehrte das Schwert der christlichen Ritterschaft blitzend das Fleisch der Ungläubigen, und hier bohrte sich eine Lanze nicht vergebens verwundend ein, denn die Preußen vermochten weder hier noch dort dem Antlitz ihrer Verfolger zu entweichen. So erfolgte ein großes Blutbad im Preußenvolk, da an jenem Tag mehr als fünftausend getötet wurden. Die Kreuzfahrer aber kehrten alle voller Freude in ihre Heimat zurück und priesen die Gnade des Heilands.”

Polen erlebte als Vielvölkerstaat mit nur 40 Prozent polnischer Bevölkerung unter den Jagiellonen -Königen Zygmunt I. und Zygmunt II. im 16. Jahrhundert ein Zeitalter der Blüte für Handel und Handwerk sowie Kultur. Es entstanden Renaissance Paläste. Im Zeitalter der Toleranz entstand das heliozentrische Weltbild des Kopernikus. Der Adel baute seine Macht aus, besetzte alle Ämter und trotzte dem König einen Reichstag ab. Die Bauern wurden seiner Rechtsprechung unterzogen. Sie wurden bis zur Leibeigenschaft herabgestuft. 1569 erlebte Polen eine Realunion mit Litauen. Die Hauptstadt wurde Warschau, vorher gab es zwei: Vilnius und Krakau. Als Zygmunt II. 1572 starb, erlosch die Jagiellonen-Dynastie. Es kam zur Einführung der Wahlmonarchie, der König unterstand dem Adel.2 In rascher Folge wechselten Franzosen, Ungarn und Schweden vom Haus Wasa auf den Thron. Demnach wurde Polen zum Spielball fremder Mächte. 1612 fiel das vereinte polnisch – litauische Heer in Moskau ein, um Anspruch auf den Zarenthron zu erheben. Nach zwei Jahren zog das Heer ab und erreichte wichtige Zugeständnisse.

Die Ereignisse von 1648: „Daß der Talmud und die großen Lehrer des Judentums Betrügerei und Übervorteilung von Andersgläubigen fast noch mehr gebrandmarkt haben als gegen Stammesgenossen, daran kehrten sich die polnischen Söhne des Talmud wenig. Diese Verdorbenheit rächt sich an ihnen auf blutige Weise. In arger Verblendung hatten sie den Adligen und Jesuiten hilfreiche Hand geboten, die Kosaken in der Ukraine und Kleinrußland zu bedrücken. Die Magnaten wollten aus den Kosaken einträgliche Leibeigene, die Jesuiten aus den griechischen Ketzern römische Katholiken machen, die in dem Landstriche angesiedelten Juden wollten sich dadurch bereichern und die Herren über diese niedrigsten Parias spielen. Sie maßten sich Richterämter über sie an und kränkten sie in den kirchlichen Angelegenheiten. Kein Wunder, daß die geknechteten Kosaken die Juden fast noch mehr haßten als ihre adligen und geistlichen Feinde, weil sie mit ihnen am meisten zu verkehren hatten. An Warnungszeichen hat es den Juden nicht gefehlt, welches Los sie treffen würde, wenn diese ihre erbitterten Feinde einst die Oberhand erlangen sollten. Bei einem wiederholten Aufstand der Zaporoger3 unter ihrem selbstgewählten Hetman Pawliuk (um 1638), so kurz er auch dauerte, erschlugen sie 200 Juden und zerstörten einige Synagogen. Nichtsdestoweniger boten die Juden die Hand zu der infolge des Aufstandes noch gesteigerten Knechtung der Unglücklichen. Sie erwarteten im Jahre 1648 laut des Lügenbuches Sohar die Ankunft des Messias und die Zeit der Erlösung, wo sie die Herren würden spielen können, und waren daher rücksichtsloser und sorgloser, als sie sonst zu sein pflegten. Die blutige Vergeltung blieb nicht aus und traf die Unschuldigen mit den Schuldigen, vielleicht jene noch mehr als diese. Sie ging von einem Manne aus, welcher den gesteigerten Haß der Kosaken zu seinen Zwecken zu nutzen verstand, Bogdan Chmielnicki (russisch Chmel), vor dem ganz Polen mehrere Jahre zitterte, und der Rußland zuerst Gelegenheit gab, sich in die polnische Republik einzumischen, war für die Juden eine erschreckende Geißel, welche auch sie um ihre halbgünstige Stellung gebracht hat.“4 Der Konflikt entlud sich 1648 in einem von Chmielnicki angeführten Bauern- und Kosakenaufstand. Ihm vielen über 100.000 Juden zum Opfer, möglicherweise stellvertretend für die Adelschicht. Der daraufhin gegründete Kosakenstaat kam sechs Jahre später an Russland, Polen verlor Teile der Ukraine und das Gebiet um Smolensk an Russland.

Von 1587 bis 1668 beherrschten die schwedischen Wasa – Könige die Agenda in Polen. Die katholischen Könige in Polen lagen im Clinch mit ihnen, was schließlich im Ersten Nordischen Krieg kulminierte. Polen verlor neben Livland auch Preußen. Tschenstochau konnte als eine der wenigen Städte Polens dem schwedischen Angriff trotzen. Wahrscheinlich herrschte hier schon der Geist von Johannes Paul II. Das Wirken der Schwarzen Madonna galt als entscheidend für diesen Sieg. Der König ließ daraufhin Maria zur „polnischen Königin“ krönen. Von dieser Zeit an galt Polen als „katholisches Land“.

In Kriegen mit dem Osmanischen Reich verlor Polen neben der Schwarzmeerküste auch das Moldaugebiet und 1676 Podolien.  Die zweite Belagerung Wiens durch die Türken endete erfolgloser als die erste. Zwei Monate lang belagerte ein türkisches Heer mit einem riesigen Troß die Stadt Wien.Am 12. September 1683 besiegten polnische, sächsische und habsburgische Truppen unter Erzherzog Karl von Lothringen und dem polnischen König Johann III. Sobieski die Osmanen in einer langen und blutigen Schlacht. Die Beute der Sieger war enorm, als „Türkenbeute“ ist sie in Völkerkundemuseen zu sehen. Nutznießer des Sieges war in erster Linie Habsburg. Für die Osmanen war die Niederlage verheerend, der Großwesir Mustafa Kara wurde umgebracht. Das osmanische Reich hatte nicht mehr die Kraft, derartige Niederlagen wegzustecken. Sobieski galt als „Retter des Abendlandes“. 66 Jahre regierten in Polen von 1697 bis 1763 Könige aus Sachsen. In Warschau erblühte in dieser Zeit der Barock und das Rokoko. Polen konnte im Zweiten Nordischen Krieg Livland nicht von den Schweden zurückerobern. Danach entstand das russisch-preußische Bündnis. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde der Katholizismus immer mehr zur Staatsreligion. Es wurden über 100 Jesuiten-Kollegien gegründet und damit calvinistische und lutherische Ideen zurückgedrängt. Seit 1733 gab es keine Gleichheit der Religionen mehr – nur römische Katholiken konnten aufsteigen. Andere Konfessionen waren nicht mehr im Sejm vertreten – auch in höhere Staats- und Richterämter kamen sie nicht mehr.

Unter Stanislaw August Poniatowski kam ein „Toleranztraktat“ zustande (1768), das die Gleichstellung der christlichen Konfessionen zum Ziel hatte. Dagegen erhob sich ein Teil des Adels, der dem Katholizismus seine Vorrechte sichern wollte. Die Rebellion führte zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, die den Nachbarn den Vorwand zur Intervention boten. Die drei Anrainer Preußen, Österreich und Rußland griffen ein. Am 2. August 1772 wurde in Petersburg der Teilungsvertrag zwischen den drei Mächten Rußland, Preußen und Österreich abgeschlossen.5 Durch die Annexionen verlor Polen rund ein Viertel seines bisherigen Staatsgebietes. Rußland erhielt das zwischen Livland und der Ukraine gelegene weißruthenische Land, Österreich ein fast gleichgroßes galizisches Territorium. Preußen erhielt das Ermland, die Wojewodschaft Marienburg, das Kulmerland, Pommerellen und den Netzedistrikt. Danzig und Thorn blieben bis 1793 polnisch. Im Januar 1793 wurde der preußisch russische Teilungsvertrag abgeschlossen – es kam zur Zweiten Polnischen Teilung. Rußland verleibte sich die gesamte polnische Ukraine ein, Preußen annektierte das zwischen Ostpreußen und Oberschlesien gelegene Großpolen und einen Teil Masowiens. Österreich war von dem Vertrag ausgeschlossen. Die Auslieferung Danzigs gelang nur mit Waffengewalt. Die abermalige Teilung bewirkte die Gründung von nationalen Geheimgesellschaften seit 1793, 1794 griff eine Unruhe in Polen um sich, der Führer der Nationalbewegung hieß Tadeusz Koscziuszko, der in diesem Jahr aus dem Leipziger Asyl heimkehrte, im März wurde er Führer des nationalen Befreiungskampfes mit beachtlichen Anfangserfolgen. Im Juni besiegte die Armee des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm II. die aufständischen polnischen Verbände. Im Oktober 1794 fiel Kosciuszko südlich von Warschau in russische Hände. Katharina II. war nun entschlossen, Polen ganz aufzuteilen. Am 3. Januar 1795 wurde zwischen Rußland und Österreich ein Teilungsvertrag abgeschlossen.6 Österreich erhielt ein an sein galizisches Territorium angrenzendes Stück Land. Rußland gewann ganz Kurland und Litauen. Der Rest des Landes mit Warschau und Bialystok fiel an Preußen. Im endgültigen Teilungsvertrag vom 24. Oktober 1795 musste Preußen auf Krakau verzichten. Die Dritte Polnische Teilung bewirkte das Ende Polens auf der Landkarte. 123 Jahre lang bis 1918 blieb Polen geteilt.

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Im Tilsiter Frieden (7./8.6.1807) zwischen Rußland und Frankreich wurde die Gründung eines Herzogtums Warschau festgelegt. Es entstand ein napoleonischer Satellitenstaat von104.000 km² Ausdehnung und einer Bevölkerung von 26 Millionen Einwohnern. Das Territorium umfaßte Gebiete die Preußen nach der zweiten und dritten polnischen Teilung besetzt hatte sowie aus den südlichen Teilen aus der ersten Teilung. Das Gebiet um Danzig wurde zur Freien Stadt erklärt. Später wurde daraus das Königreich Polen mit dem Zaren als Herrscher. Im November 1830 gab es hier mit dem Kleinadel an der Spitze einen Aufstand, der niedergeschlagen wurde und zu einer Russifizierungspolitik führte. Polnische Flüchtlinge ließen sich überwiegend in Frankreich nieder, darunter der Nationaldichter Adam Mickiewicz und der Komponist Frédéric Chopin. Für Preußen entwickelte sich Polen danach zum „Sicherheitsrisiko“. Gegen mehr als 1.000 Polen wurdenim Jahr darauf Hochverratsprozesse geführt, die mit glimpflichen Strafen endeten. Im Gegensatz dazu ging Zar Nikolaus I. mit drakonischen Strafen gegen die Anhänger des Aufstandes vor.

 

1863 kam es wieder zu einem Aufstand im russischen Teil, als der Zar die Bauern von der Leibeigenschaft befreite und den Juden Niederlassungsfreiheit gewährte. Kongreßpolen wurde daraufhin zum Weichselgouvernement, Russisch die Amtssprache, die orthodoxe Kirche erreichte die führende Rolle. Im preußisch besetzten Teil Polens verschärfte sich nach der Reichsgründung 1871 die Repression. Die katholische Kirche in Polen musste sich mit dem „Kulturkampf“ auseinandersetzen. 1918 wird Polen wieder ein souveräner Staat. Diese Tatsache verdankte das Land dem Zusammenbruch der Monarchien nach dem Ersten Weltkrieg, das Staatsgebiet entsprach ungefähr dem von 1772. Nach dem Krieg fiel die ehemalige deutsche Provinz Westpreußen zu großen Teilen an Polen. Nach dem Versailler Vertrag wurde Danzig zur Freien Stadt. In Masuren stimmte die Bevölkerung mehrheitlich für den Verbleib beim Deutschen Reich. Ein Deutscher, der nach Ostpreußen wollte, musste zwei Mal die Grenze überqueren.

 

In Polen gelang Józef Pilsudski 1926 ein Staatsstreich, der ihn nach 1922 wieder an die Macht brachte. Ein Hauptbürgerkomitee bringt dem Pilsudski -Kult folgendermaßen zum Ausdruck: Józef Pilsudski – das ist die Waffe Polens, bedeckt mit dem Ruhm der Legionen im Weltkrieg Józef Pilsudski -das ist der Wille zum leben und zum Sieg an der Schwelle zum unabhängigen Vaterland, der seinen Ausdruck fand in der unvergeßlichen Verteidigung von Lemberg und Wilna Józef Pilsudski – das sind die Grenzen der heutigen Republik, gezogen von der Stärke der polnischen Waffen Józef Pilsudski – das ist der ruhmvolle Frieden, die Frucht der Arbeit des siegreichen Führers der Nation Józef Pilsudski – das ist die Losung (unserer) gemeinsamen Anstrengung zur Festigung der Macht der Republik in der neuen polnischen Gesellschaft7

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall des Deutschen Reiches auf Polen. Vorher gab Polen für die Rüstung 1,3 Mrd. Dollar aus, Deutschland wendete in der gleichen Zeit zu diesem Zweck mindestens 40 Mrd. Dollar aus. Den deutschen Aufrüstungsbestrebungen entgegnete der polnische Außenminister Józef Beck am 5. Mai 1939 im Parlament: „Der Frieden ist etwas Kostbares und Erstrebenswertes. Unsere Generation, in Kriegen ausgeblutet, verdient mit Sicherheit den Frieden. Der Frieden aber, wie alles auf der Welt, hat seinen Preis. Es gibt nur eine Sache im Leben der Menschen, Völker und Staaten, die unbezahlbar ist. Das ist die Ehre.“

Im ehemaligen Ostpreußen liegt das Führerhauptquartier Wolfsschanze“, dem ein Besuch abzustatten immer sinnvoll ist. Er liegt auch im Programm der „Studiosus – Reise“. Während der Kriegshandlungen in Europa zwischen 1939 und 1945 gab es im Deutschen Reich sieben Hauptquartiere, die so genannten Führerhauptquartiere (FHQ). Im Juni 1940 erhielt das Oberkommando des Heeres den Befehl des „Führers“ zur Vorbereitung der strategischen Grundkonzeption eines Angriffs auf die Sowjetunion.8 Hitler bevorzugte Ostpreußen, die entscheidende Stimme kam von Reichsverkehsminister Fritz Todt. Ein Waldkomplex sieben Kilometer von Rastenburg bestand aus Mischwäldern. Nicht weit davon entstand ein Kurhaus, auf dem sich einst Fritz Todt erholte. 1907 wurde eine Eisenbahnlinie erbaut, die Rastenburg mit Angerburg verband. Der Militärflughafen in der Nähe wurde für die militärische Gesamtkonzeption modernisiert. Zur militärischen Umgebung des Führers in der Wolfsschanze gehörten drei Adjutanten – Oberst Gerhard Engel, Heer; Oberst Nicolaus von Below, Luftwaffe und Konteradmiral Karl-Jesko v. Puttkammer, Kriegsmarine. Seit 1942 gab es eine Stelle des Historiografen der Wehrmacht, die von General Major Walter Scherff eingenommen wurde. Eine maßgebliche Rolle in der Umgebung Hitlers spielte sein persönlicher Sekretär Martin Bormann. Zu den häufig in der „Wolfsschanze“ weilenden Gästen gehörten Fritz Todt und Rüstungsminister Albert Speer. Nie in diesem Führerhauptquartier war Eva Braun. Mit dem Bau des Quartiers wurde im Herbst 1940 begonnen. Die Arbeiten wurden von der Organisation Todt (OT) übernommen. Dr. Ing. Fritz Todt organisierte den Bau von vielen Schnellverkehrstrassen und bekam dadurch den Beinamen „Autobahnkönig“. Die Fläche des Geländes betrug 250 ha. Die Baumaterialien wurden mit der Bahn herangeschafft.9 Die Arbeiter lebten in Baracken in der Nähe der Zuckerfabrik von Rastenburg. Im Zeitraum von vier Jahren waren 28.000 Bauarbeiter beschäftigt.Bekannte deutsche Baufirmen: Wayss und Freitag, Dykerhof und Wiedmann, Hoyer GmbH und Ackermann. Es gab Kampfstände mit einer Widerstandsfähigkeit „A“. Zwei Stahlbetonschichten von zusammen 7,2 Meter waren durch eine Basaltschicht (80 cm) getrennt. Der Bunker „A“ (Hitlers Bunker) hielt US amerikanischen Bomben mit einem Gewicht von 1.800 kg stand. In der ersten Bauphase vom September 1940 bis März 1943 wurden die technische Infrastruktur, die Wasserleitungen und das Klärwerk errichtet. In der zweiten Bauphase von März 1943 bis November 1944 wurde der Hitlerbunker mit einem Mantel aus Stahlbeton umfasst. Man geht davon aus, dass der Führerbunker etwa 20 Millionen Reichsmark gekostet hat. Die Gesamtkosten dürften sich auf 80 Millionen Reichsmark belaufen haben. Für die Sicherheit Hitlers waren verantwortlich: Das Führerbegleitkommando, das Führerbegleitbatallion, die Führerflakabteilung und andere SS- und Polizeieinheiten. Zum System des Luftschutzes der „Wolfsschanze“ gehörten Abhörstationen des Wehrmachtsnachrichtendienstes (WNO). Zum Luftschutz gehörte die Luftflotte „Reich“. Zusätzlich bildete die „Masuren“-Flakgruppe das Schutzgebiet im Umkreis von 100 km rund um die „Wolfsschanze“. In diesem Gebiet gab es auch sowjetische und polnische Partisanen, sie beeinträchtigten die Sicherheit der „Wolfsschanze“ nicht. Das Kriegsfernmeldesystem der „Wolfsschanze“ wurde von Reichsminister Speer folgendermaßen bewertet: „Die Nachrichtenübermittlung des Hauptquartiers arbeitete, in Hinsicht auf jene Zeiten, vorbildlich. Man konnte von hier direkte Gespräche mit allen Kriegsschauplätzen führen. Hitler überschätzte die Möglichkeiten des Telefons, des Funkgeräts und des Fernschreibens.“10

Das Leben hier gleiche einer Mischung aus Kloster und Konzentrationslager, meinte A. Jodl, Chef des Wehrmachtsführungsstabes. Hitler verbrachte von 1941 bis 1944 800 Tage in der „Wolfsschanze“. Für die Offiziere gab es Kasinos und Teehäuser. Rausching beschreibt einen Wutausbruch Hiltlers Ende 1942: „Er benahm sich wie ein quengelicher Knabe. Er schrie etwas mit piepsiger, dünner Stimme, er trampelte mit dem Bein, er schlug mit den Fäusten in den Tisch und in die Wände. Mit Schaum auf dem Mund, schnaubend in schriller Wut brachte er nur einen abgebrochenen Satz heraus wie ‘Ich will nicht! Alle raus! Verräter!’ Einen packte das Entsetzen, wenn man ihn anguckte. Seine Haare fielen in Unordnung ins Gesicht, sein Blick war irrig, das Gesicht verzerrt und mit Blut unterlaufen. Ich fürchtete, dass er gleich umfällt von einem Schlaganfall getroffen.“11 King Crimson dichtet in einem Songtext auf der CD „Twentyfirst century schizoid man“ unter anderem „The fate of all mankind I see is in the hands of fools“. Fahren wir hiermit weiter fort im Führebunker. General Guderian beschreibt die Fähigkeiten Hitlers als Stratege folgendermaßen: „Hitler war in militärischen Angelegenheiten Dilettant und seine Einschätzung des Feindes war kindisch, die von ihm gehörte Meinung eines Offiziers wurde ein paar Stunden später seine Idee. Außerdem verfügte er über ungewöhnliches Gedächtnis, das zum Albtraum für die Offizierskader wurde. Er konnte sich daran erinnern,wer, was und zu welchem Thema eine Woche früher sagte.“12

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion hielt sich Hitler am 23. Juni 1941 in der „Wolfsschanze“ auf. Am 16. Juli wurde ein Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete eingerichtet. Alfred Rosenberg wurde hier Minister. Am 24.August traf Marschall Ion Antonescu im FHQ ein. Rumänische Truppen sollten an den Kriegsoperationen im Osten teilnehmen. Ende August traf der italienische Diktator Benito Mussolini hier ein, um die italienischen Einheiten in der Heeresgruppe Süd zu begutachten. Am 19. Oktober kam der slowakische Premierminister Josef Tiso. So kamen viele Verbündete in die Wolfsschanze. Kommen wir noch zum Stauffenberg-Attentat vom 20.Juli 1944. Zum Zeitpunkt der Explosion der Bombe waren 24 Personen im Besprechungsraum in der Wolfsschanze. Vier Personen starben, die meisten Anwesenden wurden nur leicht verwundet, Hitlers Trommelfell zerplatzte, 200 Splitter verwundeten seinen Körper. Zwei Stunden später traf schon Mussolini ein. Um Mitternacht des 20.Juli wurden Stauffenberg, Olbricht, von Quirnheim und v. Haeften verhaftet und danach erschossen. Die Filme von der Hinrichtung – warum muss man Hinrichtungen filmen? – wurden in der Wolfsschanze gezeigt.13 48 Jahre nach dem Attentat wurde 1992 eine Gedenktafel eingeweiht. Auf ihr steht: „Hier stand die Baracke in der am 20. Juli 1944 Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Hitler unternahm. Er und viele andere, die sich gegen die nationalsozialistische Diktatur erhoben hatten, bezahlten mit ihrem Leben.“ Nachdem sich Ende 1944 abzeichnete, dass Deutschland den Krieg auf keinen Fall mehr gewinnen konnte, gab Feldmarschall Keitel im November den Befehl, die Gebäude der Wolfsschanze auf die Sprengung vorzubereiten. Die Verminungsarbeiten dauerten zwei Monate. Am 24. Januar 1945 wurden 80 Prozent der Gebäude in die Luft gesprengt, die Rote Armee traf am 27. Januar 1945 ein. Bei der umfangreichen Entminung durch Polen konnte die genaue Zahl der Todesfälle nicht ermittelt werden. Der Autor stellt seiner Arbeit ein Zitat von Friedrich Hegel voran: „ Die Geschichte lehrt im Wesentlichen, dass die Menschen nicht aus ihr lernen wollen.“ Er hofft zum Schluss, dass die Einschätzung im 21. Jahrhundert keine Daseinsberechtigung hat.14

Kommen wir zu einem weiteren wichtigen Anziehungspunkt in dieser Region , der Marienburg. Der Deutsche Orden begann in den siebziger Jahren des 13. Jahrhunderts mit dem Bau. Die pruzzische Bevölkerung stand damals gegen den Orden auf. Es musste ein Wehrlager für die Arbeiter geschaffen werden, das von einem Schutzwall und Graben umgeben war. In der Gegend gab es beachtliche Lehmvorkommen, die Ziegeleien an der Baustelle ermöglichten. Große Waldflächen wurden gerodet. Die Baumeister kamen wahrscheinlich aus Schlesien. Um 1280 zog der Ordenskonvent aus der südlich gelegenen Burg Zantyr in die Marienburg um. Ein Konvent sollte nach den Regeln mindestens zwölf Ordensritter und sechs Priester zählen, dazu kommen Halbbrüder und Gesinde. An der Spitze der Komtur stand Heinrich von Wilnowe. Bis 1300 entstand ein Teil des Südflügels. Im ersten Stock lagen zwei dunkle Räume, sie dienten als Dormitorium.15

Bilder der Marienburg

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Der Sitz der Hochmeister wurde 1309 in die Marienburg verlegt. Vor 1300 entstand der Eingang zur Kapelle im nördlichen Flügel, die „Goldene Pforte“. In dieser Zeit unterschied sich die Marienburg kaum von anderen Schloßbauten des Deutsche Ordens in Preußen. Damals bildete sich die Kloster-Burg heraus. Ähnliche Burgen entstanden am „Frischen Haff“: Brandenburg, Lochsted und Mewe. In Marienburg entstand neben der Burg eine Siedlung, das Lokationsprivileg wurde 1286 von Landmeister Konrad von Thierberg dem Jüngeren gewährt. Überregional war die Entwicklung dadurch gekennzeichnet, dass nach der endgültigen Niederlage der Kreuzfahrer 1291 der Sitz des Großmeisters nach Venedig verlegt wurde.1211 waren dem Deutschen Orden das Burzenland in Siebenbürgen (heute Rumänien) verliehen worden und zwar von König Andreas II. von Ungarn. Es ging um die Missionierung der Kumanen. Als diese gegen die Mongolen verloren, kam es zu einer Annäherung der Kumanen an Ungarn. Andreas II. ging 1225 militärisch gegen den Orden vor mit der Begründung, die Rechte missbraucht zu haben.16   Er hatte, wie es in einer polnischen Quelle heisst, „ihre (der Ordensritter) Absichten durchschaut und mit Gewalt aus Siebenbürgen vertrieben.“17

 

1308 bis 1309 eroberte der Orden Pomerellen, Hochmeister war in dieser Zeit Siegfried von Feuchtwangen. Damit befand sich die Marienburg fast im Zentrum des jetzt vom Orden beherrschten Territoriums. Kurz danach wurde das Konventshaus ausgebaut. In der Mitte des 14.Jahrhunderts entstand eine dreiteilige Wehranlage, eine  der gewaltigsten Festungen desmittelalterlichen Europas. 1335 wurde die Kirche vergrößert, das Innere derKirche bekam eine Ausstattung, die anderen europäischen Domen ähnelte. Markant ist eine acht Meter hohe Mariafigur mit dem Jesuskind aus dem Jahr 1340. Im Untergeschoßentstand ein neuer Raum, die Grabkapelle St. Annen. Sie wardie Ruhestätte der Hochmeister des Deutschen Ordens. Auf der Ostseite entstand ein langes Gebäude, in dem vor allem ritterliche Gäste unterkamen. Im Nordflügel entstand ein massiver Torturm. Im Westflügel entstand der Große Remter, einer der schönsten Innenräume Europas. 18 Im 14. Jahrhundert entstand auch der Hochmeisterpalast. 1410 kam es zur großen Schlacht bei Tannenberg, die der Deutsche Orden gegen Polen und Litauen verlor. Der polnische König Wladyslaw Jagiello belagerte die Burg und machte den Ordensrittern dadurch bewusst, welche Gefahr durch Artilleriebeschuss für die Mauern bestand.

 

Im Jahr 1454 wurde Preußen vom  polnischen König Kasimier IV. dem polnischen Staat inkorporiert. Dies führte zu einem dreizehnjährigen Krieg zwischen Polen und dem Deutschen Orden, Polen konnte das Kulmerland, Pomerellen, Pomesanien, Werder mit der Marienburg und das Ermland dazu gewinnen. Während dies Krieges wurde der Orden aufgrund finanzieller Probleme dazu gezwungen, einige Burgen, zu denen auch die Marienburg gehörte, den Söldnertruppen als Pfand für die ausstehende Bezahlung zu überlassen.19  Der polnische König Kasimier IV. kaufte die Burg schließlich 1457 für die sehr große Summe von 190.000 Florins. Seitdem wurde die Burg zur Repräsentationsstätte des polnischen Staates. Der Starost war der Schatzmeister der Provinz Königliches Preußen und der Marienburger Woiwode residierten hier. König Sigismund I. der Alte bildete aus seinen Besitztümern in Werder 1510 die Marienburger Ökonomie. Seit 1568 hatte die „Ostseekommission“ (polnische Admiralität) ihren Sitz in der Burg. 1626 marschierten die Schweden in Polen ein. Im gleichen Jahr eroberte König Gustav Adolf die Marienburg. Nach dem Frieden von Stuhmsdorf kam die Marienburg wieder zu Polen. Die Schweden verwüsteten die Burg durch ihren Aufenthalt, durch Artilleriebeschuss wurden die Dächer beschädigt. 1644 gab es einen großen Brand. Gerhard Denhoff, Schatzmeister des Königlichen Preußen und Woiwode von Pommerellen, hat die beschädige Burg danach größtenteils wieder aufgebaut. 1660 endete der zweite polnisch-schwedische Krieg im Frieden von Oliva.

 

In diesem Vertrag zog der polnische König Johann II. Kasimir seine Ansprüche auf die schwedische Krone zurück, die sein Vater 1599 verloren hatte. Er erkannte die seit den 1620er Jahren bestehende schwedische Oberhoheit über Livland und Riga sowie die Souveränität des hohenzollernschen Herzogtums Preußen an. Die Vereinbarung bestätigte vorhergehende Verträge. Auch wenn Polen auf den von Schweden besetzten Teil Livlands verzichten musste, bedeutete der Frieden doch eine Wiederherstellung des Status Quo im Ostseeraum und war somit für Polen erträglich. Nach diesem Krieg verfiel die Marienburg zusehends. Die Wehranlagen waren besonders betroffen. 1756 ließ der Starost Rexin einen barocken Turm auf dem Hauptturm errichten. (Starost ist ein slawisches Wort, das ursprünglich den Verwalter des Vermögens einer Sippe bezeichnet. Seit dem Mittelalter wird es für sowohl offizielle als auch inoffizielle Führungspositionen verwendet. Insofern ähnelt es den deutschen Worten Ältester oder Vorsteher.)

 

Schlimme Zeiten erlebte die Burg von 1772 bis 1804. Die Burg wurde 1772 vom preußischen König Friedrich II. besetzt. Die Besetzung war eine Folge der ersten polnischen Teilung. Die Preußen betrachteten die Burg unter dem Aspekt der Baumaterialgewinnung. Der Nutzung als Kaserne 1773 bis 1774 folgte eine Nutzung als Militärlager. Im Großen Remter wurde fleißig exerziert, was der Ausschmückung nicht dienlich war. Auch sonst wurden wertvolle Bauelemente vernichtet. Mit dem Aufkommen romantischer Vorstellungen begann 1817 die erste Phase eines romantischen Wiederaufbaus. Ende des 19. Jahrhundert sollte die Burg eine der Residenzen des Kaisers sein. Als Festung wurde die Burg zum Ende des Zweiten Weltkrieges mit großer Zähigkeit verteidigt. Nach der Eroberung im März 1945 durch die rote Armee stand nur noch eine Ruine und eine zertrümmerte Altstadt. Die Burg wurde zu 60 Prozent zerstört. Danach wurde sie vom polnischen Staat wieder aufgebaut. 1997 wurde sie Weltkulturerbe.

 

Marienwerder

Die Siedlung wurde von den Deutschordensrittern zwischen der Weichsel und de Alten Nogat gegründet. Am rechten Ufer der Weichsel entstand die Siedlung später auf dem höheren Ufer der Weichsel. Bekriegt wurden von hier die Pruzzen, die ältesten Wehranlagen stammen aus der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, genannt Klein Marienwerder. Nach der Einsetzung der Pomesianischen Bischöfe wurde Marienwerder ihr Hauptsitz. Ein wehrhafter Bischofssitz wurde wahrscheinlich Anfang des 14. Jahrhunderts erbaut. Die Domkirche entstand ungefähr zur gleichen Zeit. Um das Jahr 1330 wurde im Dom der Hochmeister Werner von Orseln beerdigt, was auf ein damals existíerendes Presbyterium hinweist. Eine bedeutende Heilige in dieser Kirche ist die 1394 verstorbene Dorothea von Gross Montau. Ihr Beichtvater und Biograph war Jan aus Marienwerder. Heilig gesprochen wurde Dorothea 1976 und gilt als gemeinsame Schutzheilige von Deutschen und Polen. Sie verschenkte ihr Vermögen und blieb freiwillig, als Reklusin, bis zum Lebensende in einer Zelle eingeschlossen, die an den Gebäudekomplex des Domes angebaut worden war.20 Wie ist es um die Architektur der Domkirche bestellt?  Es handelt sich um einen Ziegelbau mit der Form einer dreischiffigen, fünfjochigen Pseudobasilika.21

Die Architektur war der Wehrfunktion untergeordnet. Über den erhöhten Seitenschiffen befanden sich Schießgänge

Heiligelinde

Der Ort befindet sich im Nordosten Polens im Gebiet von Ermland und Masuren. Es handelt sich um eine Kultstätte der Marienverehrung. In der Nähe liegen die Städte Rastenburg und Rößel. Die Kirche wurde in einer menschenleeren Gegend erbaut.. Einer Volkssage nach erschien einem Verbrecher in Rastenburg vor Vollstreckung seines Todesurteils die Maria als Gottesmutter. Der Verzweifelte sollte eine Holzfigur schnitzen, obwohl ihm dieses Handwerk fremd war. Es entstand eine wunderbare Marienfigur.Die Richter sahen in diesem Faktum eine Art himmlische Begnadigung. Auf dem Heimweg nach Rößel suchte der Begnadigte eine geeignete Linde, unter der er die Figur aufstellen wollte. Die Linde zog auf wundersame Weise die Figur immer wieder an. Um sie herum wurde eine Kapelle gebaut. Die Stadt Rastenburg wurde 1350 gegründet. Man kann annehmen, dass die Kapelle in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gebaut wurde. 1519 kam Albrecht von Brandenburg-Ansbach als Pilger von Königsberg in diese Gegend. 1525 entstand das weltliche Herzogtum Preußen, in dem der katholische Glaube nicht gestattet war. In diesem Zusammenhang wurde die Kapelle zerstört, die Linde gefällt. Zur Abschreckung wurde ein Galgen aufgestellt, die Wallfahrten verboten. Doch im Dunkel der Nacht fanden sie heimlich doch statt. 100 Jahre später wurde der katholische Glaube unter Herzog Joachim Friedrich wieder zugelassen. Der ermländische Bischof Simon Rudnicki bemühte sich um die Wiederherstellung der Marienkultstätte. 1617 gelang es den Katholiken, das Gelände Heiligelinde zu erwerben. Es ging in die Obhut des polnischen Königs Sigismund III. Wasa. An die Stelle der Holzfigur entstand eine Bildkopie Marias „Maria-Schnee“. Schutzheilige des Neubaus wurden 1619 der Heilige Stephan und Ignatius von Loyola. 1639 gelangte der Jesuitenorden in den Besitz der Kirche. Das Domkapitel von Ermland erhielt das Gebiet von Heiligelinde als immerwährendes Eigentum. Es sollte den Protestanten nie mehr in die Hände fallen. Es begann eine Blütezeit der Wallfahrt. Für Pilger nicht nur der näheren Umgebung gab es die Möglichkeit, ein Wunder zu erleben. 1644 wohnten schon zwei Pfarrer neben der Kapelle während der Sommermonate.22

1687 wurde der Grundstein für eine größere Kirche gelegt.  1693 fand die Einweihung statt. Bischof Zbaski segnete den Altar. Auch wurden die Reliquien eingemauert. 1697 wurden Kreuzgänge gebaut. 1712 bis 1742 entstand die Innenausstattung – die Orgel, das Tabernakel und der Hochaltar. 1765 befahl die preußische Regierung den Jesuiten, in Heiligelinde 20 Wohnhäuser mit Wirtschaftsgebäuden zu bauen. Die Auflösung des Jesuitenordens geschah in Preußen im Jahre 1780, sieben Jahre später als von Papst Klemens XIV. allgemein angeordnet. Das Wallfahrtsgeschehen hatte Mitte des 19.Jahrhunderts seinen Höhepunkt, als in Sommermonaten 36 Wallfahrtstage gezählt wurden. Seit 1772 befand sich in Heiligelinde eine Musikschule, sie bestand bis 1909. 1932 kehrte der Jesuitenorden wieder zurück, den 2. Weltkrieg überstand die Kirche zerstörungsfrei. 1968 wurde das Muttergottesbild gekrönt. 1989 gelang es Papst Johannes Paul II. die Kirche in den Rang einer Basilika Minor zu erhöhen. Nennen wir neben dem Bildhauer Perwanger, der für die Pilgeranlage 44 Plastiken aus Gotlander Sandstein schuf, vor allem die ungewöhnliche Orgel. Sie wurde 1719 bis 1721 erbaut. Den Besucher erwartet bei der Präsentation der Orgelmusik etwas bisher noch nicht Gesehenes. Es besteht ein Mechanismus, der die Figuren in Bewegung setzt. Oben auf dem rechten Orgeltürmchen verneigt sich der Erzengel Gabriel (Gott habe ihn selig) vor der Jungfrau Maria. Sie antwortet ihm kopfnickend. Schellen erklingen vom Mittelturm. Seitlich spielen die Engel Mandoline und bewegen ihre goldenen Köpfe. Putten lassen ihre Glöckchen erklingen. Zwei Engel posaunen nicht nur, sondern bewegen sich auch dazu noch von links nach rechts. Auf dem seitlichen Orgeltürmchen drehen sich die Sterne. Das kosmisch – theologische Geschehen wird getoppt durch den Heiligen Geist in Gestalt einer Taube. Ein Erlebnis der besonderen Art. Der Teufel kommt hier überhaupt nicht mehr vor.

 

DSC03703[1] Bild: Basilika Minor Heiligelinde

Kommen wir auf die deutsche Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg zurück, die nach der Eroberung Polens nach dem 1. September 1939 praktiziert wurde. Generalgouverneur Hans Frank meinte schon während einer Sitzung des Reichsverteidigungsausschusses im Palais Brühl in Warschau am 2. März 1940 unter anderem: „… so haben wir die ungeheure Verantwortung, daß dieser Raum fest in der deutschen Macht bleibt, daß die Polen für die Zukunft das Rückgrat gebrochen erhalten und daß niemals wieder aus diesem Gebiet auch nur der geringste Widerstand gegen die deutsche Reichspolitik bestehen kann.“23 Auf die Frage nach dem Unterschied zwischen dem Generalgouvernement und dem Protektorat Böhmen und Mähren antwortete er am selben Ort: Einen plastischen Unterschied kann ich Ihnen sagen. In Prag waren z.B. große rote Plakate angeschlagen, auf denen zu lesen war, daß heute 7 Tschechen erschossen worden sind. Da sagte ich mir: wenn ich für je sieben erschossene Polen ein Plakat aushängen lassen wollte, dann würden die Wälder Polens nicht ausreichen, das Papier herzustellen für solche Plakate.“24 Nach der polnischen Niederlage kam es im Herbst 1939 zu Massendeportationen. Hunderttausende von Polen und Juden stehen plötzlich nur mit einem Koffer auf der Straße. Im polnischen Osten beginnt die Umsiedlung in die Sowjetunion. Sie beginnt im Winter 1939/ 1940 und endet im Juli 1941. Betroffen waren 1,6 bis 1,8 Millionen Polen.

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Das Dorf und Gut Galiny

DSC03753[1]DSC03741[1] Bilder: Gut Galiny

Galiny ist eine polnische Ortschaft in der Wojwodschaft Ermland Masuren. Die Grenze zumrussischen Gebiet Kaliningrad liegt nur 25 Kilometer entfernt. Das erstmals 1336 schriftlich erwähnte Gallingen – so der deutsche Name – unterstand zu dieser Zeit als Zinsdorf der Komturei Balga des Deutschen Ordens. 1589 wurde der von Botho zu Eulenburg veranlasste Bau eines Gutshauses vollendet. 1786 wurde das Geschlecht der zu Eulenburgs in den Grafenstand erhoben. 1745 erfolgte ein weitgehender Umbau des Herrensitzes, mit dem die heute noch vorhandene dreiflüglige Anlage entstand. Anfang des 19. Jahrhunderts besaß das Gut Gallingen 5.100 Morgen Land. 1839 wurde das Gutshaus durch einen Brand beschädigt. Der damalige Besitzer Ludwig Botho zu Eulenburg nahm dies zum Anlass, die Anlage wieder umzubauen. Der linke Gebäudeflügel erhielt eine neugotische Form und zwei Türme. Sein Sohn Botho Ernst ließ einen vier Hektar großen Landschaftspark um das Gutshaus legen.25 Ende 1944 bewegten sich zahlreiche Flüchtlingstrecks durch Ostpreußen. Graf Botho-Wend stellte den durch Gallingen ziehenden Flüchtlingen den gesamten Gutskomplex als Zwischenstation zur Verfügung. Er selbst wurde nach der Einnahme des Gutes durch die Rote Armee im Januar 1945 verhaftet. Auf dem Weg in die Sowjetunion starb er. Die Einwohner Gallingens starben zum größten Teil auf der Flucht in den Westen. Das Gutshaus wurde vollständig geplündert. Im Mai 1945 erhielt das Dorf den polnischen Namen Galiny. Später wurde der Ort der Gemeinde Bartoszyce (Bartenstein) unterstellt. Seit 1995 wurden ein Hotel und ein Gestüt aufgebaut. Bemerkenswert an der Unterkunft in Galiny ist die Tatsache, dass ein Kleiderschrank mit der Aufschrift „Ostpreußenhilfe München 1915“ vorhanden ist.

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Gemeinde Gorowo Ilaweckie

polen02_04s Bild: Storchennester in Gorowo

Sie liegt im Zentrum des Landes Natangen und hieß auf deutsch Landsberg und ist eingebettet in die Landberger Hügel. Das ökologische Netz „Natur 2000“ hat hier eine Ausformung gefunden. Unter den dort beheimateten Tieren stechen der Seeadler und der Biber hervor. Das Europäische Weißstorchzentrum befindet sich in Zywkowo (Schewenken). Auf neun Bauernhöfen nisten 35 bis 50 Storchenpaare. Eine derartige Häufung dieser Vögel auf engem Raum ist einmalig.

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Frombork, früher Frauenburg

DSC03777[1] Bild: Dom von Frombork

Das ehemalige Frauenburg liegt am Frischen Haff (jetzt Wislany Haff) in der Landschaft Ermland. Hier befand sich eine Siedlung des Pruzzenstammes „Warmen“. Im 13. Jahrhundert wurde der Ort kolonisiert. Im Ortswappen ist das Stadttor mit zwei Wappen dargestellt. Dazwischen ist die Madonna mit dem Kind zu sehen. Aus der Gründungsurkunde von Braunsberg (jetzt Braniewo) von 1284 geht hervor, dass Siedler aus Lübeck für die Errichtung dieser Ortschaft verantwortlich waren. 1310 erteilte der ermländische Bischof Eberhard aus Neiße das Gründungsprivileg. Der Stadtgründer hieß Gerko Fleming. Von 1329 bis 1388 (fast 60 Jahre) wurden in Frombork aus Ziegeln der Dom erbaut und das bischöfliche Schloß. Die ermländischen Bischöfe residierten von 1350 bis 1795 in Lidzbark Warminski (früher Heilsberg), der Sitz des Domes war jedoch Frombork.26 Ihren Grund hatte diese Entscheidung in der Furcht vor Pruzzen-Überfällen. 1454 plünderte der Hochmeister des Deutschen Ordens, Heinrich von Plauen, die Stadt . Frombork gelang es nicht, einen Handelshafen anzulegen, weil Braniewo und Elblag (deutsch Elbing) dagegen opponierten. 1619 klagte Elblag gegen Frombork wegen der illegalen Errichtung eines Hafens an. Als Ergebnis kam heraus, dass der Ort nur eine Fischeranlagestelle errichten durfte. Der größte Sohn des Ortes war Nikolaus Kopernikus, der von 1510 bis 1543 überwiegend in Frombork wohnte und wirkte. Er war Domherr des Warmiaer Domkapitels und ein berühmter Astronom. Schwedens Truppen verwüsteten Frombork ebenso wie Braniewo 1626 schwer. Domschätze und Teile der Dombibliothek wurden weggebracht. Doch der Erfolg stellte sich nicht ein, das Schiff mit der Kriegsbeute sank. 1772 wurde Frombork von den Preußen besetzt. Die neuen Machthaber beschlossen, die Bischofsresidenz von Lidzbark Warminski nach Frombork zu verlegen. Frombork war von 1837 bis 1945 Sitz der Warmiaer Bischöfe. 1945 wurde die Stadt schwer verwüstet, was mit dem Verlust der Stadtrechte einherging. 1946 lebten noch 260 Einwohner in der Stadt. 1959 erhielt Frombork die Stadtrechte zurück. Neben dem Dom, der die größte gotische Kirche in Warmia ist, ist der Kopernikus-Turm, der 1400 erbaut wurde, von Bedeutung und der älteste Teil der Befestigungen des Domhügels ist.Kopernikus wohnte darin mit kurzer Unterbrechung von 1504 bis 1543. Ferner existierte die achteckige Bastei mit dem quadratischen Glockenturm. Zur Zeit hat der Ort etwa 2.700 Einwohner.

Lidzbark Warminski

Die Anfänge dieses Ortes gehen auf das Jahr 1240 zurück, als der Deutsche Orden an der Stelle einer pruzzischen Siedlung eine Festung bauen ließ, die im 14. Jahrhundert zum Sitz des ermländischen Fürstbischofs ausgebaut wurde. Die Bischöfe des Ermlandes residierten hier bis zur Ersten Polnischen Teilung 1772. Ignacy Kasicki war der letzte von ihnen, ein Humanist, Dichter und Publizist. Auch Nikolaus Kopernikus lebte eine Zeit auf der Heilsberger (deutsche Bezeichnung) Bischofsburg. Die ehemalige Bischofsburg ist eine der Hauptattraktionen des Ermlandes. Das gotische Hauptschloss wurde von 1348 bis 1400 erbaut. Die barocke Vorburg entstand im 16. Jahrhundert. Der große Speisesaal (Remter) und die Burgkapelle sind sehenswert. Im ersteren findet man eine Sammlung mittelalterlicher sakraler Skulpturen. Im Innenhof befindet sich ein zweigeschossiger Kreuzgang. Die Altstadt wurde im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört. Die vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. Gestiftete evangelische Kirche war die erste im katholischen Ermland. Sie entstand 1821 bis 1823 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie der orthodoxen Gemeinde übergeben.

Elblag (deutsch Elbing)

Auch Elbling wurde vom Deutschen Orden gegründet und zwar 1237.Die Stadt entwickelte sich zum wichtigsten Zentrum des Ordensstaates. 1358 wurde Elbling eines der Gründungsmitglieder der Hanse. Im 15. Jahrhundert erstarkte Danzig, Elbing verlor an Bedeutung. Nach der polnischen Herrschaft seit 1453 gelangte die Stadt 1772 zu Preußen. Im 19. Jahrhundert erfolgte ein industrieller Aufschwung. Im Zweiten Weltkrieg war sie ein Zentrum der deutschen Rüstungsproduktion. Die Schichau – Werft war neben Loeser und Wolff (größte Zigarrenfabrik Europas) größter Arbeitgeber der Region. Am 23. Januar 1945 begann die Schlacht um Elblag, bei der 90 Prozent der Stadt zerstört wurden. Erst 1983 wurde mit dem Wiederaufbau begonnen. Imposant ist die spätgotische Nikolaikirche mit dem 96 Meter hohen Glockenturm. Markant ein zusammenklappbarer Schrankaltar von 1510. Das mittelalterliche Markttor konnte als einziges Relikt der städtischen Befestigungsanlagen erhalten werden. Die Dominikanerkirche stammt von 1246. Heute ist sie Galerie.

 

Mragowo

Hier befindet sich sowohl das Masurische Museum als auch das Ernst Wiechert Museum, daneben existiert eine Orthodoxe Kirche. Am Czos-See liegen die meisten Tourismusburgen. In der Nähe liegt Kosewo, wo seit 1984 das Leben der Hirsche erforscht wird. In der Gegend liegt ein masurischer See neben dem anderen. Eine Schiffsfahrt bietet sich an. Obwohl der Schriftsteller Ernst Wiechert vor allem in den fünfziger Jahren in der Bundesrepublik viel gelesen wurde (vor allem „Das einfache Leben“) hat „Studiosus“ diesen Ort leider nicht im Reiseangebot.

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Nikolaiken (polnisch Mikolajki)

DSC03731[1] Bild: Dampferausflug bei Nikolaiken

Der Ort entstand aus einem Fischerdorf, liegt zwischen zwei Seen und ist mittlerweile ein bekannter Ferienort der Region. Schon 1726 erhob der preußische König Friedrich Wilhelm I. Die Fischersiedlung zu einer Stadt. Um die Stadt wurden Kanäle angelegt, auf denen Holz in den Norden transportiert wurde. Hierdurch wurde der Bevölkerung etwas Wohlstand garantiert. Fischerei und Flößerei haben heute keine Bedeutung mehr, dafür steht der Tourismus im Zentrum des „Masurischen Venedigs“ In der Mitte des Marktplatzes findet man den „Stinthengst“, das Wahrzeichen Nikolaikens. Der Stinthengst ist der Sage nach ein großer Fisch, der eine goldene Krone trug und in den Gewässern des Ortes sein Unwesen trieb. Er wurde von den Fischern gefangen genommen. Man ließ ihn am Leben, weil er mit dem Tod aller Fische im See drohte. Zur Sicherheit wurde er an einer Kette festgebunden.

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Krutynia

DSC03713[1] Bild: Mit dem Boot auf der Krutynia

Es handelt sich um einen malerischen Fluß, auf dem eine Paddeltour angeboten wird. Das Wasser ist sehr seicht, ein Führer will sogar kriechende Flusskrebse auf dem Grund entdeckt haben. Die Ruhe dichter Baumkronen lässt die Tatsache vergessen, dass eine kühle Witterung herrscht.

Wojnowo

Es handelt sich hier um eines von elf Dörfern, das von altrussischen Gläubigen bewohnt wird. Diese hatten 1830 aus Russland fliehen müssen, weil sie den Zaren nicht als obersten Kirchenherren anerkannten. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. gewährte ihnen Religionsfreiheit. Als Auflage wurde ihnen gemacht, den Nikolaiker Forst urbar zu machen. Das altgläubige Kloster wird von einem Küster bewohnt.

Zoppot

Seinen Aufstieg zum bedeutenden Seebad verdankt die Stadt George Haffner, dem Leibarzt Napoleons. Er kam 1823 hierhin zurück, nachdem er mit der Grande Armée durchgezogen war. Er war überzeugt von der Heilwirkung der milden Seeluft. Es wurden ein Kurhaus und eine kleine Mole errichtet. In der Zwischenkriegszeit logierte die polnische und deutsch Oberschicht hier. Man weilte beim Pferderennen oder im Kasino. Bedeutende Straße ist die Promenade Monte Cassino, polnisch Monciak genannt. Sie führt von der Erlöserkirche zum Meer. 2010 wurde ein Kurhaus gebaut, von dem südlich die Balneologische Anstalt liegt. Das Museum von Zoppot war die Villa Ernst Claaszens. Er war ein Danziger Kaufmann, der die Villa 1903 bis 1904 errichten ließ. Die Innenausstattung der Villa entsprach dem Zeitgeist der Häuser um die Jahrhundertwende. Eine Veranda erfüllte die Funktion eines Wintergartens. Der Kaufmann lebte von 1853 bis 1924. Zu Beginn der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts gründete er ein Unternehmen, das Zucker von Danzig nach England exportierte. Etwa 1900 trug er den Titel eines Konsularagenten der Vereinigten Staaten in Danzig. 1928 wurde der Besitzer eines Eisengußbetriebes und einer Maschinenfabrik Oskar Meltzner aus Danzig der neue Besitzer des Hauses. 1932 übernahm sein Sohn Herbert das Haus zusammen mit seiner Frau Ida. Die Stadt wurde am 23. März 1945 von der Sowjetarmee erobert und nur wenig zerstört. 1945 zog der Leiter der „Regierungsgesandschaft für Küstenangelegenheiten“, Eugeniusz Kwiatkowski, hier ein. Aufgrund einer Säuberung durch die herrschende kommunistische Partei mußte Kwiatkowski mit seiner Familie die Villa verlassen. 1981 ging das Haus in den Besitz der Gemeinde Zoppot über, bis 2001 befand sich hier eine psychologisch – pädagogische Beratungsstelle. Seit 2001 wurde das Gebäude dem Museum von Zoppot übergeben.

DSC03849[1] Bild: Zoppot – Villa Claaszen

Im Geburtshaus des Schauspielers Klaus Kinski wurde eine Art Kultbar errichtet. Er wurde hier 1926 geboren, lebte dort aber nur vier Jahre. Nie ist er dorthin zurückgekehrt, in seiner Autobiografie kommt die Stadt nicht vor. Zum Zeitpunkt des Besuches war die Bar geschlossen.

DSC03792[1] Bild: Badestrand bei Zoppot

DSC03846[1] Bild: Zoppot – Platz am Seesteg

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Gdynia (früher Gdingen)

Vor 100 Jahren gab es den Ort noch nicht auf der Landkarte.Ein paar Kaschuben lebten hier vom Fischfang. Im Versailler Vertrag wurde der Ort 1919 der neuen Republik Polen zugeschlagen. Polen bekam den ersehnten Zugang zum Meer, der „Polnische Korridor“ schnitt Danzig vom Deutschen Reich ab. Sehr schnell entstand eine aufblühende Küstenstadt. Gdynia wurde Polen Tor zur Welt. 1939 marschierten die deutschen Truppen ein und vertrieben die einheimische Bevölkerung. Unter den Nationalsozialisten hieß die Stadt Gotenhafen. 1944 wurde die Stadt zerbombt, so dass sie nach dem Krieg vollständig neu aufgebaut werden musste. Heute ist Gdynia ein bedeutender polnischer Hafen, seit 1999 NATO-Basis Polens in der Ostee.

Vertreibungen, wie sie in Gdynia stattfanden, liefen an anderer Stelle, z.B. im Wartheland im September 1940 folgendermaßen ab: „An einem Abend wurde ein polnisches Dorf umstellt von einer Gruppe von SA- Männern, welche die Leitung der Aktion inne hatten … Das Dorf wurde umzingelt, und kurz vor Mitternacht wurden die Leute aus den Betten herausgejagt. Dann kam der Befehl, binnen einer halben oder dreiviertel Stunde mit einem Gepäck von 30 Kilogramm reisefertig zu sein. Es wurde dort furchtbar gehaust. Heiligenbilder, Kruzifixe wurden zerbrochen und in den Kehricht geworfen. Die Polen mußten in ihren eigenen Wagen in die Kreisstadt fahren und kamen dort hinter Stacheldraht. In der Kreisstadt warteten bereits Volksdeutsche, die man woanders geholt hatte. Diese Volksdeutschen wurden dann auf dieselben Wagen geladen, in denen die polnischen Familien gekommen waren. Selbstverständlich waren diese Volksdeutschen sehr entsetzt von den fürchterlichen Dingen, die sie dort anfanden.“ (Bericht von Karl Schoepke; Nürnbg. Dok. NO-5112) 27 Nach Kriegsende geschah den Deutschen genau das, was sie viereinhalb Jahrevorher den Polen angetan hatten. Die geistigen Grundlagen für diese Vertreibungs- und Enteignungspolitik lieferte z.B. eine Denkschrift von Theodor Schieder aus dem Jahre 1939. Er forderte „die Schaffung einer Generalvollmacht für den Staat zur Einziehung von ländlichem und städtischem Grundbesitz aus polnischer Hand. Die sofortige Einbeziehung der Besitztümer geflüchteter oder rechtskräftig wegen deutschfeindlicher Ausschreitung verurteilter Polen. Die Ausweisung aller seit 1919 nach Posen-Westpreußen zugewanderten Polen. Dazu vorausgehend die Ermittlung des Wohnbesitzes der Bevölkerung im Jahre 1914.“28 Theodor Schieder lehrte an der „Grenzlanduniversität“ Königsberg am „Institut für osteuropäische Wirtschaft“. 1951 wurde er Koordinator des Dokumentations- und Forschungsprojekts zum Schicksal der vertriebenen Deutschen. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1946 befasste sich der Hilfsankläger für die Sowjetunion, L.N. Smirnow, mit den Nazi-Vertreibungen aus dem Warthegau:“Eine Ortschaft nach der anderen, Dorf um Dorf, Städtchen und Städte in den annektierten Gebieten wurden von den polnischen Bewohnern geräumt.Dies begann im Oktober 1939, als die Ortschaft Orlowo von allen Polen, die dort lebten und arbeiteten, gesäubert wurde. Dann kam der polnische Hafen Gdynia (Gotenhafen) an die Reihe.Im Februar 1940 wurden ungefähr 40.000 Menschen aus der Stadt Posen vertrieben.An ihre Stelle kamen 36.000 Baltendeutsche und die Familien deutscher Militär- und Zivilbeamter.“29

Gesamteinschätzung des Vertreibungsgeschehens: „Es waren tatsächlich die vom nationalsozialistischen Deutschland initiierten Vertreibungsverbrechen und ‘Umvolkungspolitiken’,  die es ethnisch-völkisch denkenden nationalistischen Politikern in Mittelosteuropa und der in  geopolitischen Großmachtvorstellungen schwelgenden sowjetischen Führung ermöglichten, ihre  Vorstellungen von einer ArrondierungOstmitteleuropas durch  Aussiedlung und Vertreibung der  Deutschen umzusetzen.“30

Von Bedeutung für Gdingen ist noch das Joseph Conrad Denkmal. Joseph Conrad wurde 1857 geboren und starb 1924. Er war polnischer Seemann und Schriftsteller mitbritischer Staatsangehörigkeit. Seine Erlebnisse auf der See bildeten den Haupthintergrundseiner Werke. Herz der Finsternis („Heart of Darkness“) ist seine bekannteste Erzählung aus dem Jahre 1899, mit der er zu anhaltendem Weltruhm gelangte. Obwohl Conrad erst 1878 zum ersten Mal den britischen Boden betrat, beherrschte er schonbald die englische Sprache so gut, dass er seine Romane nur noch in Englisch schrieb.

DSC03801[1] Bild: Gdynia – Joseph Conrad Denkmal

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Halbinsel Hel

Die Halbinsel Hel ist eine 34 Kilometer lange Landzunge in Polen. Sie trennt die Danziger Bucht teilweise von der Ostsee. Sie ist mit dem Schiff von Zoppot erreichbar. Die Halbinsel bildete Jahrhunderte einen natürlichen strategischen Schutz Danzigs in Richtung Nordwesten. „Die Halbinsel Hela ist der Danziger Bucht vorgelagert. Von der engen Straße, die durch die Landzunge führt, sieht man durch die Stämme des Kiefernwaldes gleichzeitig die Bucht und die offene Ostsee, so schmal ist der Streifen, an dessen Ende sich das aufblühende Polen kleine Hotels und einige hübsche Villen gebaut hatte.“31 Die Halbinsel war schon Ende der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts ein Ort der landschaftlichen Schönheit und der Diplomatie. Auf der Überfahrt liest man Stefan Chwin „Der goldene Pelikan“. Inhalt: Jakub ist Juraprofessor an der Universität in Danzig, gut aussehend, selbstbewusst, wohlsituiert. Er weiß, was richtig ist. Ein Mädchen beschwert sich, sie sei zu Unrecht durch die Prüfung gefallen. Er lässt sie hochmütig stehen. Bis er eines Tages zufällig erfährt, dass sie sich umgebracht habe. Sein Gewissen beginnt ihn zu plagen. Er begeht kleine Ladendiebstähle, trennt sich von seiner Frau, verliert Arbeit und Wohnung und streift schließlich als Obdachloser durch die Stadt. Bis ihn die vermeintlich Tote auflest und pflegt. Damit endet der Roman versöhnlich. Persönliches Erleben: aufgrund des kühlen Windes verkriecht man sich besser in den warmen Schiffsbauch, in dem sich überwiegend Fahrradfahrer niedergelassen haben.

Historischer Exkurs – Versöhnliches im 15. Jahrhundert – Die Landshuter Hochzeit von 1475

Im Jahre 1475 schlossen die jagiellonische Prinzessin Hedwig und der Wittelsbacher Herzog Georg der Reiche die Ehe. Es versammelte sich in der niederbayrischen Stadt alles, was Rang und Namen hatte. Die Menge an verschlungenen Speisen war gigantisch – 323 Ochsen, 490 Kälber, 969 Schweine, 3.295 Schafe und Lämmer sowie 51.500 Hühner und Gänse. Das polnische Königshaus investierte in die Selbstdarstellung des Hofes und die Aussteuer der Prinzessin 100.000 Gulden.32 Diese Landshuter Hochzeit ging als eines der glänzendsten Feste des Spätmittelalters in die Geschichte ein. In einem Passauer Museum findet man heute den Brautschmuck Hedwigs,der zu einer Votivkrone umgearbeitet wurde. Polen war 1466 nach der endgültigen Niederlage des Deutschen Ordens zur europäischen Großmacht aufgestiegen, seit 1386 waren die Jagiellonen an der Macht. Das Herrschergeschlecht verfolgte strategische Interessen in Konkurrenz zu Habsburg mit seiner Heiratspolitik. Die Landshuter Hochzeit bildete den Auftakt zu weiteren Hochzeiten. 1479 kam die Hochzeit Friedrichs des Älteren von Brandenburg-Ansbach mit Prinzessin Sophie von Polen in Frankfurt an der Oder zustande. Sophie brachte insgesamt 18 Kinder zur Welt. Sohn Georg gelang eine glänzende Karriere am Hofe Vladislavs II. von Ungarn. Er wurde Vormund des Thronfolgers Ludwig II. und nicht nur größter Grundbesitzer des Landes, sondern auch Hauptmann über Schlesien. Sein Bruder Albrecht wurde zum letzten Hochmeister des Deutschen Ordens 1511 in Preußen gewählt.1525 wurde Preußen säkularisiert. Initiator war Albrecht in Übereinkunft mit seinem Onkel König Sigismund I..Diese Koalition wurde gefestigt durch die Ehe seines Vetters Kurfürst Joachim II. von Brandenburg mit Prinzessin Hedwig von Polen, der Tochter Sigismunds I.. Joachim wurde 1569 mit dem Herzogtum Preußen mitbelehnt. Es folgt eine Reihe weiterer Heiraten.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte eine lange Zeit der kalte Krieg auch zwischen Polen und Deutschland. Seit dem Beginn der 60er Jahre zeichnete sich in akademischen und intellektuellen Kreisen der Bundesrepublik eine Öffnung gegenüber Polen ab.33 In einem Briefwechsel zwischen den deutschen und polnischen Bischöfen 1965 hieß es in dem berühmten Satz: „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung“. In dieser Zeit wirkte auch die Aktion Sühnezeichen in Polen.Im Herbst 1969 verfolgte die neue sozialliberale Regierung gegenüber der Sowjetunion und Polen eine neue Ostpolitik. Am 7. Dezember 1970 kam der Vertrag über die Grundlagen der Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen mit Polen zustande. Wichtigstes Ergebnis war die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch die Bundesrepublik mit einem Friedensvertragsvorbehalt. Am 14. Dezember 1970 kam es zu dem denkwürdigen Ereignis des Kniefalls des deutschen Kanzlers Willy Brandt vor dem Denkmal der Aufständischen des Warschauer Ghettos. Er war in der Bundesrepublik stark umstritten und wurde in Polen von der Zensur unterdrückt.34

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus gab es am 12. November 1989 auf dem ehemaligen Gut der Familie von Moltke in Kreisau eine Versöhnungsmesse, an der Bundeskanzler Helmut Kohl und der damalige polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki teilnahmen. Die Oder-Neiße-Grenze wurde am 14. November 1990 im Grenzbestätigungsvertrag besiegelt. Der nächste Schritt, den Deutsche und Polen gingen, war der „Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“ vom 17. Juni 1991, der das Zusammenleben bis heute bestimmt. Ein bedeutender Auftritt kam am 27.Januar 2011 zustande, als der damalige Bundespräsident Christian Wulff und sein polnischer Amtskollege Bronislaw Komorowski in Auschwitz zusammentrafen – Anlass war der 66. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Seit 1991 ist das Deutsch Polnische Jugendwerk tätig, dass den Jugendaustausch organisiert. Im Spätherbst 2007 wurde der nationalkonservative Politiker Jaroslaw Kaczynski nach den Wahlen als Regierungschef durch Donald Tusk von der liberalen Bürgerplattform ersetzt.35

Fußnoten

1Jürgen Sarnowsky, Der Deutsche Orden, München 2007, S. 105

2Reise-Handbuch Polen. Der Norden, Ostfildern 2011, S. 32

3 Die Saporoger Kosaken (d. h. die hinter den Stromschnellen des Dnepr wohnenden Kosaken) sind mit den Kleinrussischen (Ukrainischen) Kosaken, mit denen sie gleichen Ursprung haben, der älteste Kosakenstamm.

4Heinrich Graetz, Volkstümliche Geschichte der Juden, Band II, Köln 2000, S. 720

5Vgl. Martin Broszat, Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik, Frankfurt am Main 1972, S.48 f.

6Vgl. ebd., S.63 f.

7Heidi Hein, Der Pilsudski-Kult und seine Bedeutung für den polnischen Staat 1926 – 1939, Marburg 2002, S. V

8Jaroslaw Zarzecki, Die Geschichte des Führerhauptquartiers „Wolfsschanze“ , Olsztyn o.J., S. 11

9Vgl. Ebd., S 27

10Ebd., S. 56

11Ebd., S. 66

12Ebd.

13Ebd.. S.97

14Vgl. ebd., S. 118

15Vgl. Mariiusz Mierzwinski, Marek Zak, Die Marienburg das Schloß des Deutschen Ordens , Bydgoszcz o.J., S. 12

16Vgl. Sarnowsky, S. 31

17Mierzwinski, a.a.O., S. 16

18Ebd., S.24

19Ebd,., S. 30

20 Übersetzt heißt Reklusin oder Inklusin Eingeschlossene. Siel ließen sich zu Askese und Gebet in einem Inklusorium einmauern. Ihre extreme Form der Lebensabgewandtheit hatte zum Ziel, Vollkommenheit (perfectio) zu erlangen

21Maria Gawryluk, Die Domkirche in Marienwerder, Sztutowo o.J., S. 3

22Alicja Woronowicz, Heiligelinde Reiseführer, Ketrzyn 2012, S. 10

23Wladyslaw Bartoszewski, Aus der Geschichte lernen? Aufsätze und Reden zur Kriegs- und Nachkriegsgeschichte Polens,

München 1986, S. 36

24Ebd.

25Siehe Wikipedia Galiny (Bartoszyce)

26Vgl. Krzysztof Panasik, Frombork, Olsztyn o.J., S. 7

27Martin Broszat, a.a.O., S 286 f.

28Zitiert nach Micha Brumlik, Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen, Berlin 2005, S. 27

29Alfred de Zayas, Die Nemesis von Potsdam. Die Anglo -Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen, München 2005, S. 272 f.

30Micha Brumlik, a.a.O., S.29

31Carl J. Burkhardt, a.a.O., S. 153

32Agnieszka Gasior, Dynastische Verbindungen der Jagiellonen mit den deutschen Fürstenhäusern, in: Tür an Tür Polen –Deutschland, 1000 Jahre Kunst und Geschichte, o.O., o.J., S. 212

33Vgl. Dieter Bingen, Versöhnung zwischen den Deutschen und Polen nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Tür an Tür a..a.O., S. 708

34Ebd., S. 710

35Vgl. ebd., S.713

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Veröffentlicht 8. Mai 2012 von schauerchristian in Reisebericht Westpolen