Archiv für die Kategorie ‘Die Entwicklung der Türkei

Die Entwicklung der Türkei

Can Dündar, Verräter – Von Istanbul nach Berlin – Aufzeichnungen im deutschen Exil, Hamburg 2017

Can Dündar stellt die Ereignisse in der Türkei nach dem Putsch vom 15. Juli 2016 bewusst in die Tradition der Bücherverbrennungen in der Nazizeit am 10. Mai 1933. In der Nacht dieses Tages brennen auf öffentlichen Plätzen vorwiegend der Universitätsstädte des Deutschen Reiches die Bücher auf Scheiterhaufen. Bücher unter anderem folgender Autoren werden verbrannt: Lion Feuchtwanger, Sigmund Freud, Ernst Glaeser, Erich Kästner, Karl Kautsky, Alfred Kerr, Egon Erwin Kisch, Emil Ludwig, Heinrich Mann, Karl Marx, Carl von Ossietzky, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky und Arnold Zweig. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels führte dazu in seiner Rede aus:“ Meine Kommilitonen! Deutsche Männer und Frauen!Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende, und der Durchbruch der deutschen Revolution hat auch dem deutschen Wesen wieder die Gasse freigegeben … Ihr tut gut daran, um diese mitternächtliche Stunde den Ungeist der Vergangenheit den Flammen anzuvertrauen.“

In dem Kapitel „Der Brand“ heißt es dazu unter anderem:

„Als ich die Zeitung aufschlug, stieß ich auf folgende Meldung: „Auf Anordnung des Erziehungsministeriums wurden 900.000 Bücher vernichtet. Grund für die Vernichtung des Arbeitsbuchs Türkisch für die 8. Klasse war, dass darin als Lesetext der Artikel Man muss sich an die Einsamkeit gewöhnen von Can Dündar enthalten war …“

Ich konnte es nicht glauben.

Es war also so weit, dass mein Name aus Büchern getilgt wurde.

Nach der Vernichtung von 900.000 Lehrbüchern, in denen mein harmloser Text stand, ließ das Ministerium das Buch ohnen meinen Text neu drucken . Das kostete den Steuerzahler umgerechnet 566.000 Euro.

Unwillkürlich fallen einem dabei die öffentlich inszenierten Bücherverbrennungen der Nazis ein. Vor Jahren hatte ich Erich Kästners Tragödie gelesen:

Als Studenten, begleitet von SS und SA, von Joseph Goebbels aufgehetzt auf dem Berliner Opernplatz Bücher verbrannten, stand auch Kästner in der Zuschauermenge. Unter den verbrannten Büchern befand sich auch eines von ihm. …

Heinrich Heine schrieb: ‚dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch Menschen.‘ Das war 1821. In der Türkei waren Menschen schon vor den Büchern verbrannt worden: Im Sommer 1993 forderte in Sivas ein Mob die Scharia und setzte ein Hotel in Brand , in dem Schriftsteller und Intellektuelle tagten. So ermordeten sie dreiunddreißig Menschen.“ (S. 47 f.)

Die Ereignisse von Sivas sollen hier etwas ausführlicher geschildert werden. Im Sommer 1993 fand in Sivas ein Kulturfestival der Aleviten statt, bei den der Poet Pir Sultan Abdal geehrt werden sollte. Anwesend war der bekannte Schriftsteller Aziz Nezin, der die “Satanischen Verse” von Salman Rushdie ins Türkische übersetzt und teilweise veröffentlicht hatte. Seitdem stand er im Visier islamischer Fundamentalisten, die ihn in einer Fatwa zum “Abtrünnigen des Islam” erklärten.

Die Ereignisse eskalierten am 2.Juli in Sivas nach dem Freitagsgebet in dem Hotel, in dem Aziz Nesin und viele alevitische Kulturschaffende sich aufhielten. Wütende Protestierende warfen Brandsätze gegen das aus Holz gebaute Hotel, in dem sich das Feuer rasch ausbreitete. 35 Menschen verbrannten dabei. Aziz Nezin, dem der Anschlag gegolten hatte, überlebte nur leicht verletzt. Die wütende Menschenmenge vor dem Hotel verhinderte ein Entweichen der Eingeschlossenen.

Dündar fährt fort „Laut Bericht des türkischen Verlegerverbandes wurden 2016 dreißig Verlage geschlossen mit der Begründung, sie stellten eine Bedrohung für die nationale Sicherheit dar, Hunderttausende Bücher wurden konfisziert. Tausende Menschen wurden verhaftet, weil sie angeblich Bücher besaßen, die Mitglieder von Terrororganisationen geschrieben hatten. Unter den in den Anklageschriften genannten ‚Organisationsmitgliedern‘ befanden sich auch Camus, Althusser und Spinoza.“ (S.48)

Enttäuscht ist Dündar über die Bundeskanzlerin, Angela Merkel, gewesen, als sie bei ihrem Besuch in der Türkei im Mai 2016 in der Türkei es ablehnte, Vertreter der Opposition zu treffen, sie „posierte fröhlich mit jenen, die Recht und Freiheit mit Füßen traten.“ Kurz vorher hatte sich das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei abgeschlossen, nach dem die Flüchtlinge aus Syrien in der Türkei bleiben mussten. Europa bezahlte dafür viel Geld, die deutsche Außenpolitik verlor aber auch ihre Glaubwürdigkeit, da die öffentliche Kritik an Erdogans repressivem System weitgehend verschwand.

Die Diktion Erdogans gegenüber Dündar wurde immer rabiater. Am 26.November 2016 polemisiert er unflätig gegenüber dem in Berlin weilenden: „Ein Terroristen-Kolumnisten-Schlappschwanz wird zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Er kommt auf freien Fuß, während der Prozess weiterläuft, da flüchtet er nach Deutschland. In Deutschland empfängt ihn der deutsche Bundespräsident … So ist der Westen. Jetzt nähren sie diese Leute an ihrer Brust. Glauben, sie könnten sie hierhin und dorthin schicken und Reden halten lassen, die die Türkei verändern.“

Dündar und Erdogan – Montage C. Schauer

————————————————-

Leserbrief zu „Ankara destabilisiert Nordsyrien“, in: Main-Echo vom 8.10.2019, erschienen in Main-Echo online vom 9.10.2019, in Main-Echo print-Ausgabe vom 30.10.2019

Es ist zu befürchten, dass tatsächlich fundamentalistisch religiöse Kräfte in Syrien durch den Einmarsch der Türkei wieder Auftrieb bekommen. Can Dündar, Chefredakteur der Cumhuriyet, konnte nachweisen, dass Erdogan den IS zeitweise militärisch unterstützte. Das brachte Dündar 2016 fünf Jahre und zehn Monate Freiheitsstrafe, der er sich im Spätsommer 2016 durch Flucht nach Deutschland entzog. Zudem wurde bekannt, dass IS-Kämpfer die Türkei jahrelang als Transitland für ihren Einsatz in Syrien oder im Irak benutzten und verletzte IS-Soldaten in der Türkei behandelt wurden.

Erdogan sucht Teile Nordsyriens aufgrund von nationalistischen Kurdenressentiments unter seine Kontrolle zu bekommen. Er folgt in seiner Syrienpolitik seinemVorbild Sultan Selim I. (1470 bis 1520), der 40.000 Aleviten hinrichten ließ. Danach brachte Selim Syrien und Ägypten unter seine Herrschaft. 1516 besiegte er das mamlukische Heer (Mamluken waren damals Herrscher über Ägypten und Syrien) beim syrischen Mardsch Dabiq. Nach Ägypten wie Selim I. wird Erdogan wohl nicht weitermarschieren. Erdogan ließ eine Brücke in Istanbul nach diesem Sultan benennen.

Es ist sicherlich eine große humanitäre Leistung der Türkei, 3,6 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen zu haben. Wachsende Probleme mit der Wirtschaft verbunden mit zunehmenden Ressentiments gegen syrische Flüchtlinge rechtfertigen allerdings keinen Völkerrechtsbruch. Eine bis 35 Kilometer tiefe Sicherheitszone, die etwa 400 Kilometer lang sein soll, würde ein abermaliges Vertreibungsdesaster bewirken, das die Region nicht gebrauchen kann.

Christian Schauer

Sultan Selim I.

———————————

Selahattin Demirtas, Vorsitzender der HDP, wurde am 4. November 2016 von der türkischen Polizei verhaftet und sitzt seitdem in Edirne in U-Haft. Über seine Bedingungen im Gefängnis schrieb er eine Kurzgeschichte, die vor einem Jahr in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Darin heißt es: „Liebe Kommission! Diese Zeilen schreibe ich Ihnen aus einem Hochsicherheitsgefängnis. Jetzt werden Sie fragen, warum ich schreibe, da kann ich nur sagen: Weil ich da eingesperrt bin. Na das wissen wir , werden Sie sagen, aber warum schreibst du uns, wir haben die Nase voll davon, deine ganzen Briefe zu lesen. Nun, gerade darauf will in hinaus. Ich frage mich nämlich, warum Sie sich diesen Brief ausgesucht haben. Sie lesen die Brief wildfremder Menschen, und womöglich werden Sie auch noch gut dafür bezahlt (das werden Sie tatsächlich, zweitausendsechzig Lira im Monar, das kann ja kein Mensch ausgeben!) Aber darum geht es jetzt nicht. Waorum es wirklich geht, weiß ich selbst nicht (das ist ein Zitat aus einer Erzählung von Ilhami Algör, hoffentlich schwärzen Sie das nicht gleich).

Jetzt, wo ich Sie genügend abgelenkt habe, komme ich zum Thema. Meine Freunde draußen (oder vielmehr: meine Freunde, die sich draußen wähnen) möchten eine letzte Erzählung von mir. Ich habe denen gesagt, seit ich in Haft bin, rauft sich die Brief-Lese-Kommission die Haare. Wegen mir arbeiten sie dort um ein Butterbrot ‚wie die Sklaven.‘ Außerdem bin ich ja kein Schriftsteller. Obwohl, wer in einem Haushalt aufwächst, in dem die Mutter sich mit Kunst beschäftigt und der Vater mit Literatur, bei dem sammelt sich einiges an.“1 Nachdem sein bester Freund Bahir Selbstmord begangene hat, wendet sich der Gefangene zum Schluß wieder seinen Aufsehern mit einer gewissen Ironie zu.“ Ich weiß auch nicht, wie ich nun gerade darauf gekommen bin, aber so ist es nun mal, liebe Kommission. Meine Freunde wollten unbedingt, dass ich etwas schreibe, was mir im Gefängnis widerfahren ist, aber ich habe gesagt, das kann ich den Kommissionsbeamten nicht antun. Schließlich habe ich größtes Verständnis für Arbeit als solche und für die arbeitende Bevölkerung. Das wollte ich Ihnen ja nur mitteilen. Ich wünschen Ihnen gutes Gelingen und viel Erfolg in Ihrem Berufsleben. Hochachtungsvoll…“2 Sehr beengt ist die Wirkungsstätte des Gefangenen in einer anderen Kurzgeschichte:„Unser Gefängnishof ist so groß wie ein rechteckiger Betonbrunnen. Vier mal acht Meter. Zu Fuß kaum zu bewältigen. Wenn man morgens losgeht, ist man abends immer noch nicht angekommen. Zwei Menschen dürfen auf diesen Hof, der Parlamentsabgeordnete Abdullah Zeydan und ich. Was aber nicht heißt, dass er uns allein gehört. Wir teilen uns den Hof mit Ameisen und Spinnen.“3

————————————

Leserbrief zu: Schuldige für Grubenunglück gesucht, in Main-Echo vom 17.5.2014

Mit hoher Wahrscheinlichkeit war das Minenunglück in der Türkei Resultat einer falschen ultraliberalen Unternehmensstrategie. Der Grubenchef Alp Gürkan rühmte sich 2012 damit, die Produktionskosten von 130 Dollar (rund 95 Euro) auf 24 Dollar pro Tonne gesenkt zu haben. Das wurde auch dadurch erreicht, dass Gürkan Aufträge an Subunternehmer vergab, die die Sicherheitsvorkehrungen nicht einhielten und ihre Arbeiter schlechter bezahlen als gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer. Eine Frechheit ist es deshalb, wenn der türkische Ministerpräsident Erdogan das Schicksal beschwört – der Unfall sei Gott gegeben, so sei das Risiko in einem Bergwerk. Man kann nur hoffen, dass eine zunehmende Anzahl von demonstrierenden Türken eine lückenlose Aufklärung der Katastrophe von Soma erzwingen kann. Und der Mythos der AKP mit ihrem undemokratischen Führer bröckelt.

Christian Schauer geschrieben: 25.05.2014 09:46, in: Main-Echo online

—————————————————————————————————

Leserbrief zu: Main-Echo 31.03.2014

Erdogan will Widersacher verfolgen

36 osmanische Sultane standen 2013 für Erdogan zur Auswahl als Namensgeber für die neue Brücke in Istanbul. Eine Provokation in Reinkultur lag für Minderheiten in der Türkei darin, dass ausgerechnet Sultan Selim I. – für seine Grausamkeit bekannt – gewählt wurde. Als strenger Sunnit ging Selim I. (1470 bis 1520) hart gegen sämtliche Schiiten im Osmanischen Reich vor. 40.000 Aleviten ließ er umbringen, als die sich gegen ihn auflehnen wollten. Mit der Enttarnung, dass ein Grund gesucht wurde, in Syrien einzugreifen, steht Erdogan in der Tradition von Selim I. Deswegen kam es vor kurzem sogar zu einer Youtube-Sperrung. Die Veröffentlichung von Aufnahmen eines Gesprächs von Außenminister Ahmet Davutoglu, Geheimdienstchef Hakan Fidan und zwei weiteren ranghohe Politikern über einen möglichen Militäreinsatz im Nachbarland Syrien gefährde die nationale Sicherheit der Türkei, so Erdogan. Journalisten werden wegen unbotmäßiger Äußerungen häufig inhaftiert. Seit Bekanntwerden von Korruptionsvorwürfen ließ Erdogan Ende letzten Jahres mehrere Tausend Polizisten, Richter und Staatsanwälte zwangsversetzen. Langsam kommt jetzt der Wolf zum Vorschein, der seinen Schafspelz abwirft: Im April 1998 wurde Erdogan vom Staatssicherheitsgericht Diyarbakır wegen Missbrauchs der Grundrechte und -freiheiten gemäß Artikel 14 der türkischen Verfassung nach einem Artikel des damaligen türkischen Strafgesetzbuches – Aufstachelung zur Feindschaft auf Grund von Klasse, Rasse, Religion, Sekte oder regionalen Unterschieden- zu zehn Monaten Gefängnis und lebenslangem Politikverbot verurteilt. Anlass war eine Rede bei einer Konferenz in einer ostanatolischen Stadt, in der er aus einem religiösen Gedicht, das dem Soziologen Ziya Gökalp (Vertreter eines türkischen Kulturnationalismus) zugeschrieben wurde, zitiert hatte: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Das heisst im Klartext: Demokratie wird instrumentalisiert, um sie abzuschaffen

Christian Schauer, Alzenau, erschienen in: Main-Echo online, 6.4.2014

Zusätzliches zu Erdogan und Selim I.

“Genau jetzt, da der Nahe Osten im Krieg versinkt und an der türkisch-syrischen Grenze ein Konflikt zwischen Sunniten und Aleviten geschürt wird, geben sie dieser Brücke einen Namen, der die Aleviten ganz bewusst verletzen soll! Das ist eine ganz bewusste politische Entscheidung! Sie wissen genauso gut wie wir, woran der Name Yavuz Sultan Selim uns Aleviten erinnert.” Das meinte ein führender Alevit angesichts der Benennung einer Brücke in Istanbul nach Sultan Selim I. durch die regierende AKP und ihren Präsidenten Erdogan. 1513 begann die Verfolgung der Kizilbasch (“Rotschöpfe”)-zu ihnen zählten neben den Aleviten auch die persischen Safaviden. In einer osmanischen Quelle heißt es dazu: „Der allwissende Sultan* sandte korrekte Schreiber über das gesamte Land, um die Unterstützer der Gruppe** zu vermerken, Stück für Stück und Name für Name, es wurde angeordnet vom Diwan*** , um Aufzeichnungen des Diwans über jeden von sieben bis siebzig Jahren abzuholen und die Namen von vierzigtausend Personen, alt und jung, wurden in diesen Registern aufgezeichnet; danach brachten Beamte diese Register zu den Verwaltern aller Regionen; in den Orten, in die sie gingen, töteten sie mehr als vierzigtausend per Schwert in ihren Heimatregionen.“ Neben den Tötungen erfolgten auch Zwangsumsiedlungen und Vertreibungen in entlegene Gebiete Anatoliens. **** Ein Jahr später 1514 griff Selim I. das persische Safavidenreich an. Östlich des Van-Sees wurde das persische Heer geschlagen. 1516 wurde Syrien erobert, 1517 Ägypten, der Mamlukenstaat ging unter. Als Nachfolger der Mamluken kontrollierte Selim die heiligen Stätten des Islam Mekka und Medina. Der letzte abbasidische Kalif, Mutawakkil III., fand keinen Nachfolger mehr. Im 18. Jahrhundert behaupeteten die Osmanen dann, dass Kalifat sei 1518 auf die Osmanen übergegangen.

* gemeint ist Selim I.

** gemeint sind die Kizilbasch

*** eine Institution der leitenden Exekutive des Osmanischen Reiches

**** Vgl. Ismail Kaplan, Das Alevitentum. Eine Glaubens- und Lebensgemeinschaft in Deutschland, Köln 2004, S. 17

——————————-

Türkei nur ein bedingt demokratischer Staat

Die Türkei entwickelt sich immer stärker zu einem nur bedingt demokratischen System. So wird zum Beispiel die bekannte türkische Soziologin Pnar Selek zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, weil sie angeblich ein Mitglied der verbotenen PKK ist und in deren Auftrag 1998 einen Bombenanschlag in Istanbul verübt haben soll. In jüngerer Zeit hat die Regierung Hunderte Journalisten, Akademiker und Oppositionelle inhaftiert. Die Türkei führt gegenwärtig im weltweiten Vergleich, was die Zahl der Journalisten im Gefängnis anbelangt. Es gibt keine Pressefreiheit. Über siebzig Journalisten sitzen in Haft. Sie sind Opfer einer Gesetzgebung, die Berichterstattung über Terrorakte mit Terrorismus gleichsetzt.

Verhandelt wird zum Teil vor Sondergerichten und es kann geschehen, dass ein Staatsanwalt, der aufgrund der dürftigen Beweislage von einer Anklage absehen wollte, abgelöst und durch einen Regierungskonformen ersetzt wird, der das Verfahren dann in größerer Strenge weiterführt. Von den rechtsstaatlichen Standards, die in der Europäischen Union üblich sind, und von der Wahrung der Pressefreiheit ist die Türkei derzeit weit entfernt. Die Frage ist, ob die Türkei tatsächlich nach Europa will. Ein Hoffnungsschimmer liegt darin, dass sich eine Verhandlungslösung im Kurdenkonflikt andeutet. Hier bleibt abzuwarten, ob aus der Kompromissbereitschaft Erdogans in Worten reale Taten folgen. Fazil Say meinte: »Ich weiß nicht, ob ihr es gemerkt habt? Überall wo es Schwätzer, Gemeine, Sensationsgierige, Diebe, Scharlatane gibt, sie alle sind übertrieben gläubig (wörtlich: »Allahisten«). Ist das ein Paradoxon?« Da ihm diese Aussage eine Bewährungsstrafe gebracht hat, denkt er darüber nach, das Land zu verlassen. Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, Alzenau

Main-Echo// Erscheinungsdatum: 3.05.2013 Bezugsartikel Main-Echo 16.04.2013

Pianist Fazil Say verurteilt wegen Islam-Beleidigung Justiz: Twittern brachte ihm zehn Monate auf Bewährung Istanbul Wegen Beleidigung des Islam ist der weltbekannte türkische Pianist und Komponist Fazil Say am Montag von einem Gericht in Istanbul zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Say (43) habe sich mit im Internet verbreiteten Kommentaren der Verletzung religiöser Werte schuldig gemacht, zitierten türkische Medien aus dem Urteil.

———————————

Leserbrief zu: Türkei zieht Botschafter aus Paris ab, in: Der Heimatbote vom 24.12.2011 – Der Leserbrief erschien am 31.12.2011 im “Heimatboten” und am 4.1.2012 im “Main-Echo”

Es ist sicher immer vonnöten, auch vor den Türen der anderen Völker zu kehren, wie der türkische Ministerpräsident Erdogan in der letzten Debatte zum Armenien – Gesetzentwurf der französischen Nationalversammlung in Bezug auf die französische Geschichte meint. Besonders aber die eigene Geschichte sollte man ohne Mythen betrachten. Für die Rechtfertigung des Völkermords wurde in der Türkei eine Dolchstoßlegende konstruiert wie die Behauptung, einige freiwillige Armenier in der russischen Armee hätten die für die Türkei niederschmetternde Niederlage ein der Schlacht bei Sarikamis verursacht. Die dritte Osmanische Armee (100.000 Mann) rückte unvorbereitet im Dezember 1914 und Januar 1915 nach Sarikamis (heute im türkischen Bezirk Kars, damals russisch) vor. Mehrere Schneestürme und meterhoher Schnee schnitten die Armee vom Nachschub ab. Größtenteils erfror die Armee in den Bergen beim Anrücken auf die Stadt. Bis in den Januar 1915 waren noch 5000 türkische Soldaten am Leben. Die etwa 5.000 armenischen Freiwilligen in der Armee des russischen Zaren waren nicht kriegsentscheidend, sie schürten allerdings die Abneigung gegen die Armenier in der Türkei. Auf eine andere Tatsache wies der Oberbefehlshaber der türkischen Armee, Enver Pascha, am 25. Februar 1915 in einem Schreiben an den armenischen Patriarchen hin – er dankte für die Aufopferung armenischer Soldaten im Dienste der osmanischen Armee. Später schrieb er die Niederlage bei Sarikamis dem „Verrat“ der Armenier zu. Er sprach von einer „Gefahr“, die nur zu beseitigen sei, wenn die Armenier an andere Orte verschickt würden. Betrachten sollte man den anwachsenden Türkismus von 1908 bis 1913, der die Ausschaltung der Armenier schon vor dem Ersten Weltkrieg ins Auge fasste. Die bekannteste Zeitschrift „Türk Yurdu“ fasste die wichtigsten Intentionen des Türkismus zusammen: Betonung der rassischen Identität von Tataren und Türken, Verherrlichung des Patriotismus und Wiederherstellung der turanischen Gemeinschaft in den Grenzen des 13. Jahrhunderts. Talaat, damals Innenminister, ernannte die Beamten nach dem Kriterium von pantürkischen Überzeugungen. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges sagten nationalistische Journalisten den Fall des Russischen Reiches und den Aufstieg eines Panturanischen Reiches auf seinen Ruinen voraus. Die türkischen Nationalisten schlossen sich dem Kampf für den Pantürkismus an und lenkten ihren Blick nach Transkaukasien, das nun als potentieller türkischer Lebensraum galt mit dem Endziel eines Großreiches aller Turkvölker. Auf den Punkt bringt es der pantürkische Nationalist Dr. Nazim kurz nach den Massakern von Kilikien von 1909: „Das Osmanische Reich muss ausschließlich türkisch sein. Die Existenz fremder Elemente bietet einen Vorwand für europäische Interventionen. Dies Elemente müssen mit Waffengewalt türkisiert werden.“

Die Vorstellung, die Armenier auszuschalten, war also ein offizielles Programm der Jungtürken (an der Spitze Talaat, Enver Pascha und Ahmet Cemal), die nur nach einem Vorwand suchten, dieses umzusetzen.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755

1 Selahattin Demirtas, Morgengrauen – Storys, München 2018, S. 67 f.

2 Ebd., S. 71

3 Ebd., S. 11

Veröffentlicht 10. Oktober 2011 von schauerchristian in Die Entwicklung der Türkei