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Ägypten – Reader

Leserbrief zu: Todesurteile gegen Muslimbrüder bestätigt, in Main-Echo vom 23.6.2014 Das extreme Morden in Ägypten muss endlich aufhören. Todesurteile können in keiner Weise geeignet sein, einen Weg aus der Krise aufzuweisen. Zu viele Menschen sind schon gestorben als dass die neuen Machthaber nicht wenigstens einmal versuchen müssten, einen Weg der Aussöhnung zu begehen. Der prominente ägyptische Oppositionelle Alaa Abd al-Fattah wurde Anfang Juni zusammen mit 24 anderen Aktivisten zu jeweils 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Schnellgericht in der Polizeiakademie von Kairo habe den jungen Blogger und die Mitangeklagten wegen “Aufstachelung zur Gewalt” verurteilt, meinte sein Vater. Das Urteil dokumentiert, dass die Behörden unter dem neuen Präsidenten Abd Al-Fattah al-Sisi in Ägypten wieder diktatorische Verhältnisse schaffen wie zu Mubaraks Zeiten. Er kritisierte Ex-Präsident Mubarak, Muslimbruder Mursi oder General Al-Sisi: Der ägyptische Satiriker Bassem Youssef hat sich mit allen Mächtigen in Ägypten angelegt. Dem Druck weicht er nun aus: Jetzt zieht er sich aus Angst um seine Sicherheit aus dem Showgeschäft zurück.” Ich bin müde und fühle mich in meiner persönlichen Sicherheit bedroht”, meinte er zur Begründung. Auch das war Anfang Juni und zeigt, dass auch von dem neuen Machthaber Al-Sisi eine Demokratie mit garantierter Meinungs- und Kunstfreiheit nicht zu erwarten ist. Der Satiriker hatte sich zuvor über die “ach so spannende” Präsidentenwahl lustig gemacht. Damit hat er zwar recht, denn der Sieger stand schon vorher fest. Aber Ironie ertragen Diktatoren nicht. Mursi so wenig wie Al-Sisi.

C. Schauer, in: Main-Echo online vom 3.7.2014, Print-Ausgabe vom 7.7.2014

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Ägypten – Reader

Frühe Kämpfe zwischen Kopten und Muslimen

Nach der Eroberung Syriens durch die muslimischen Araber begannen diese 639 mit 9.000 Mann, Ägypten zu erobern. Nach ihrem Sieg bei Heliopolis über die Byzantiner wurde das ganze Land besetzt. Alexandria kapitulierte aber erst 642, nachdem den Kopten (ägyptischen Christen) unter dem Patriarchen von Alexandria die Religionsfreiheit zugesichert worden war. Die islamischen Herrscher waren nach ihrem Sieg im 7.Jahrhundert in Ägypten weniger an einem Religionswechsel als an den Abgaben der Kopten interessiert. Dies änderte sich mit Al Hakim bi Amrillah, dem sechsten Kalifen der Fatimiden-Dynastie. Im Jahr 1003 begann die Verfolgung der Kopten. Der Anlaß war eine baufällige koptische Kirche in Al Kahira. Die Bauarbeiten ärgerten die muslimischen Bewohner des Stadtviertels. Vom Kalifen bekamen die Muslime die Erlaubnis, die Kirche niederzureißen. Die Kopten wehrten sich, konnten sich aber nicht durchsetzen, es gab Tote und Verletzte. In den folgenden Jahren wurden Gesetze erlassen, die den Kopten das Leben erschwerten. Alle Kirchengüter wurden beschlagnahmt, Christen hatten schwarze Gürtel und schwarze Turbane zu tragen, sie durften nicht auf Pferden reiten, die Palmsonntag-Prozession wurde verboten. Der koptischen Beamtenschaft wurde von den Muslimen vorgeworfen, Muslime mit härteren Methoden zur Steuerzahlung zu zwingen als Kopten. Der Chef der Finanzverwaltung, ein Christ, wurde daraufhin auf Befehl des Kalifen hingerichtet. Eine frühe Talibanisierung fand unter diesem Kalifen statt. Das Leben der Menschen wurde auf das Jenseits abgerichtet. Der Gesang und das Musikspielen wurde verboten. Der Alkoholgenuß wurde streng bestraft. Schmuck war nicht erlaubt, der Hundebesitz verboten, Schachspiele mussten abgegeben werden und wurden im Kalifen-Palast verbrannt.

Napoleon in Ägypten

1798, als der spätere Kaiser der Franzosen noch der Revolutionsgeneral Bonaparte war, führte er ein Heer von 38000 Soldaten nach Ägypten. Sein Ziel war es, Englands Vormachtstellung im Nahen Osten zu brechen und Englands Handel mit seinen indischen Kolonien zu bedrohen. Denn die Engländer, die unangreifbar auf ihrer trotzigen Insel saßen, waren die ständigen Feinde der revolutionären Franzosen. Durch die Versenkung der französischen Flotte in der Schlacht von Abukir wurde der Seeweg blockiert und Napoleons Armee vom Nachschub abgeschnitten. Das Expeditionskorps zog daraufhin drei Jahre lang durch das Landesinnere und nach Syrien, bis es den Briten schließlich 1801 unterlag. Napoleon war bereits im August 1799 heimlich nach Frankreich zurückgekehrt. Bonaparte wußte damals über die Herkunft des Nilwassers: „Der Nil wird durch die Vereinigung des Blauen und des Weißen Flusses gebildet. Der erstere entspringt dem See Dembea. Unter dem 11. Breitengrad durchbricht er einen Bergkette und stürzt in Tälern dieser Berge über sechs Katarakte, deren Fallhöhe jeweils 10 bis 12 Meter beträgt. Unter dem 14. Breitengrad empfängt er den Fluß Dender, der Nubien von Abessinien trennt. Der Weiße Nil entspringt unter dem 8. Breitengrad, östlich vom Blauen Nil. Er durchbricht dieselbe Bergkette. Die Anzahl seiner Wasserfälle ist jedoch unbekannt. Die beiden Flüsse vereinigen sich unter dem 16. Breitengrad.“1

Die Moslembruderschaft

Die sunnitische Muslimbruderschaft ging 1928 aus einer kleinen Gruppe von Männern um den Grundschullehrer Hasan al-Banna (1906–1949) hervor, die sich als “Brüder im Dienste des Islam” verstanden. Ziel war die Verbreitung islamischer Moralvorstellungen und die Unterstützung wohltätiger Aktionen und sozialer Einrichtungen, aber auch die Befreiung des Landes von der fremden Okkupation sowie der Kampf gegen die britisch-westliche „Dekadenz“, die sich im Lande ihrer Meinung nach offenbarte. Die mitunter auch als “Mutterorganisation des politischen Islams” bezeichnete Muslimbruderschaft versucht, die Regierungen ihrer jeweiligen Heimatstaaten abzulösen und einen islamischen Gottesstaat auf der Grundlage der Scharia zu errichten. In den 1930er Jahren politisierte sich die Bruderschaft stärker und setzte sich für das Ziel der Rückkehr zum ursprünglichen Islam und der Errichtung einer islamischen Ordnung ein. Al-Banna wandte sich 1936 mit diesem Ziel in dem Traktat „Aufbruch zum Licht“ (nahwa an-nūr) an den ägyptischen König und andere arabische Staatsoberhäupter. Er trat auch für den bewaffneten, offensiven Dschihad gegen Nicht-Muslime und deren Helfer ein. 2 1938 initiierte die „Bruderschaft“ gewalttätige Proteste gegen Juden mit Parolen wie „Nieder mit den Juden“ und „Juden raus aus Ägypten“. 1938 erschien Al-Bannas Werk „Die Todesindustrie“, in welchem die Abwendung vom Leben radikalisiert und die Verherrlichung des Märtyrertums entfaltet wird: „Derjenigen Nation, welche die Industrie des Todes perfektioniert und die weiß, wie man edel stirbt, gibt Gott ein stolzes Leben auf dieser Welt und ewige Gunst in dem Leben, das noch kommt.“ Sie hatte 1941 schon ungefähr 60.000, 1948 ungefähr 500.000 Mitglieder und Hunderttausende Sympathisanten. Sie war streng hierarchisch organisiert. Ihr Anführer, Hassan el-Banna, bestand auf der unverzichtbaren Präsenz des Islam im politischen Leben. Die mächtige Organisation unternahm nichts gegen die Besatzungsmacht. Die Handlungsweise gegenüber der Nationalen Front war extrem. Eine Serie von Attentaten prägte ihr Tun. Die Mordanschläge auf Mustafa el-Nahas (am 6. Dezember 1945, am 25. April 1948 und im November 1948), die Ermordung von Amin Osman durch Hussein Taufik (am 5. Januar 1946), der Sprengstoffanschlag auf das Metro-Kino (am 6. Mai 1947), die Ermordung des Vizepräsidenten des Appelationsgerichtes von Kairo, Ahmed al-Chazindar (am 22. März 1948), die wiederholten Bombenanschläge auf jüdische Geschäfte und Wohnviertel (Cicurel und Oreco), das Warenhaus Ades im Juli 1948, Benzion, Gattegno, die Me’adi Company im August; doch vor allem im September die Anschläge auf das Harit el-Yahúd, das jüdische Viertel, (die 20 Tote und 61 Verletzte forderten), die Explosion in der Galal Street im November 1948 und die Lancierung eines mit Sprengstoff beladenen Jeeps, der am 5. November 1948 in Kairo entdeckt wurde.3 Am 4. Dezember 1948 wurde General Selim Zaki, Polizeichef von Kairo, in unmittelbarer Nähe der medizinischen Fakultät, in seinem gepanzerten Dienstfahrzeug ermordet. Das Ziel des Terrors war, die Regierung zu einer Aufhebung der politischen Freiheiten zu zwingen. Letzere sah sich ihrerseits gezwungen, die Muslimbrüderschaft zu zerschlagen. Die Behörden reagierten so ihrerseits mit verstärkter Verfolgung. Al-Banna wurde schließlich am 12. Februar 1949 in Kairo, wahrscheinlich im Auftrag des ägyptischen Königshauses, erschossen; der Attentäter wurde nicht gefasst.4

Der Brand Kairos am 26. Januar 1952

Am 25. Januar verschanzte sich die Provinzpolizei in Ismailia und führte ein 12-stündiges Gefecht gegen britische Panzer und Artillerie, die sie unter gezieltem Feuer hielten. Es folgte ein Massaker unter der Fellachenpolizei. Am folgenden Tag kam es zu einem Generalstreik. Studenten und Arbeiter zogen zum Zentrum von Kairo. Staaatsminister Fattah Hassan versprach einen Abbruch der Beziehungen zu Großbritannien und einen Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion. Kurz vor Mittag traten die Brandleger in Aktion. Sie trugen Listen bei sich, auf denen die Reihenfolge der anzuzündenden Häuser verzeichnet war. Wer waren dies Leute? Einerseits Militärs aus der alten Partei von Ahmed Hussein, die Grünhemden der Jungägypter. Dann die Fanatiker von „Schabab Mohammed“, die die „Rückkehr in die Wüste“ predigten. Nicht zuletzt Anhänger der Muslimbrüderschaft. Mittels einer Angstpsychose versuchten sie, eine antijüdische Stimmung zu erzeugen, die es bisher in Ägypten nicht gab. Die Organisation richtete ihre Zerstörungskampagne gegen die Bars und Unterhaltungszentren von Kairo und Alexandria. Sie schossen auf Liebespaare in dunklen Vorstadtstraßen und predigten religiösen Fanatismus. Um die Mittagszeit stand der Geschäftsbezirk, die moderne City im Herzen Kairos, in Flammen. Die Demonstranten starrten auf die Taten der Brandstifter, die sich mit Hunderten von jungen arbeitslosen Landstreichern aus dem Lumpenproletariat von Kairo verbündet hatten. Ahmed Hussein, Führer der Sozialistischen Partei, wurde angeklagt und später von Innenminister Nasser wieder freigelassen. Sieben Brandstifter wurden zu langjähriger Zwangsarbeit verurteilt und 1959 wieder freigesprochen.

Der Militärputsch von 1952

Die jungen Führungskräfte der Armee waren sämtlich von nationalistischen Ideen beeinflußt. Die meisten waren Wafdisten oder Mitglieder der Moslembruderschaft, eine Minderheit Marxisten. Einige waren Anhänger von Ahmed Hussein. Sie unterstützten General Aziz el-Masri. Er war Stabschef und wurde wegen seines Zusammenspiels mit der Achse 1942 von den Briten aus seiner Position entfernt. Am 23. Juli um drei Uhr morgens besetzte die führende Gruppe der Freien Offiziere das Generalhauptquartier der Armee in Abbassia. Das Oberkommando wurde verhaftet. Drei Tage später muße König Faruk abdanken und Ägypten für immer verlassen. „Die Hauptursache für die Revolution“, schrieb Nasser später in einem Buch „lag in der Notwendigkeit, unseren Lebensraum zu erweitern angesichts des Anwachsens der Bevölkerung, das sich im Laufe der letzten Jahre auf Millionen beläuft und den Produktionsmechanismus fast vollständig gelähmt hat, was für das Land die ernstesten Gefahren mit sich brachte …“

Das Landproblem

Der Gott Pharao war bis zum Ende des Alten Reiches mitsamt einer zentralistischen Bürokratie Herrscher über das Wassersystem – das Ausheben von Bewässerungskanälen und die Regulierung des Nilwasserstandes. Bewässerungs- und Drainagearbeiten beanspruchten einen großen Teil der Arbeitskraft. Es war nicht möglich, diese hydraulischen Aufgaben auf nur lokaler Ebene zu erledigen. Der Pharao war als Herr über Bewässerung und Arbeitsverteilung der alleinige Besitzer des ägyptischen Landes. Seine ausführenden Organe waren Minister, Gebietsverwalter und Priester. Unter Ramses II. im 13. Jahrhundert vor Christus bestand dann die dreifache Aufteilung des Landes unter dem König, den Priestern und den Kriegern. Privaten Landbesitz gab es während des Mittleren Reiches, danach wurde dieser wieder aufgehoben. Auch unter den Lagiden (Dynastie 322 bis 30 vor Christus) scheint der König im Besitz des überwiegenden Teils des ägyptischen Grund und Bodens gewesen zu sein. Auch die Eroberung Ägyptens durch die Araber brachte in der Struktur des Landbesitzes nicht viel Wandel. Die Institution der Wakf (im muslimischen Recht ein ständig der Nutznießung für religiöse oder wohltätige Zwecke zur Verfügung stehender Besitz) faßte Fuß in Ägypten bis 1954. Der Staat war alleiniger Besitzer des ägyptischen Bodens – Nutznießer waren jedoch nicht ausgeschlossen. Es gab drei Hauptformen: die erste bestand darin, daß das Land der Priesterschaft oder den religiösen Institutionen als Entschädigung für die gewährte Unterstützung zur Nutzung übergeben wurde. Später dann gab es die Landzuteilung an Militärführer, deren Unterstüzung sich das Königshaus sichern wollte.5 Zudem gab es noch die Form, in der reichen Bauern Grund und Boden gegen Übernahme von steuerlichen Verpflichtungen und Naturalienzahlungen übergeben wurde.

Ramses II.

Ramses II.

Nur zweimal, im Mittleren Reich und unter den Mameluken, gingern die nutznießenden Militärführer und die Geistlichkeit über die Beschränkungen hinaus und fingen an, ihr Land zu vererben oder es einer dritten Partei zu überlassen. Die zentrale Macht gewann nach kürzester Zeit wieder die Oberhand. Die Mehrheit der Bauern lernte bis ins 17. und 18. Jahrhundert nie einen eigenen Grundbesitz kennen. Friedrich Engels meinte zu Thema Privateigentum im Orient: „Woher kommt es, daß die Orientalen nicht zum Grundeigentum kommen, nicht einmal zum feudalen? Ich glaube, es liegt hauptsächlich am Klima, verbunden mit den Bodenverhältnissen, speziell mit den Wüstenstrichen… Die künstliche Bewässerung ist hier die erste Bedingung des Ackerbaus, und diese ist Sache entweder der Kommunen, Provinzen oder der Zentralregierung. Die Regierung im Orient hatte immer auch nur drei Departements: Finanzen (Plünderung des Inlands), Krieg (Plünderung des Inlands und des Auslands) und Travaux Publics, Sorge für die Reproduktion…“ Von der Zeit der Pharaonen bis heute bildete Ägypten eine einzige geschlossene nationale Einheit. Die Multazimin, die oberen Steuereinnehmer, mußten sich für ihren Posten jedes Jahr durch die Erlegung des Gesamtsteueraufkommens aus ihrem genau abgegrenzten Gebiet entlasten. Sie hatten daher diese Summe mit allen verfügbaren Mitteln aufzubringen und taten das, indem sie den Bauern große Belastungen auferlegten. Das System des Grundbesitzes vor Mohammed Ali entspricht einem „orientalischen Feudalismus“, dessen Grundlagen im Gegensatz zu denen des europäischen Feudalismus im Fehlen privaten Landeigentums und  dem Zentralismus der Staatsmacht auf dem Gebiet der Landwirtschaft bestanden. Es gibt auch Punkte der Ähnlichkeit mit dem europäischen Feudalismus: das Tributsystem und das einer natürlichen Ökonomie auf dem Lande. Bonapartes französische Expedition von 1798 bis 1801 und Mohammed Ali haben den orientalischen Feudalismus stark erschüttert. In dem Gesetz vom 16. September 1789 wurden Bodenpreise festgesetzt, den Bauern ein Erbrecht zuerkannt und die Registrierung des Grundbesitzes geregelt. Unter der Herrschaft Muhammad Alis wurde mit der Privatisierung des sich bis dahin nominell allein im Besitz des Staates befindlichen Landes begonnen und das alte System der Steuerpacht (Iltizam) zugunsten einer direkten Besteuerung von Grund und Boden, durchgesetzt durch bezahlte Angestellte des Staates, ersetzt. Zwei Millionen Feddan6 – das entsprach der bebauten Gesamtfläche- wurden wie folgt aufgeteilt. Es gab von der Katastrierung ausgenommenes Land und Landgüter- von Mohammed Ali Mitgliedern seiner Familie und seines Hofes, Militärführern und hohen Beamten übertragen, insgesamt 200.000 Feddan, die steuerfrei bleiben; 100.000 Feddan, die den früheren Multazimin als Entschädigung übereignet wurden; das Land für die Dorfscheichs, insgesamt 154.000 Feddan; steuerfreies Land, das ausländische Beamte erhielten, insgesamt 6.000 Feddan; Land, das an die Dörfer grenzte und den Beduinen überlassen wurde. 1952 besaßen 94,3 Prozent kleine Besitzer mit weniger als 5 Feddan 35,4 Prozent des Landes, 5,2 Prozent mittlere Besitzer mit 5 bis 50 Feddan 30,4 Prozent des Landes und 0,5 Großgrundbesitzer mit mehr als 50 Feddan 34,2 Prozent des Landes. Innerhalb der ersten Gruppe, die weniger als 5 Feddan besaßen, gab es zwei Untergruppen: die der Bauern, die weniger als 2 Feddan besaßen und nicht in der Lage waren, ihren Lebensunterhalt zu sichern und die Kleingrundbesitzer (2 bis 5 Feddan), die ihre Lebensbedürfnisse befriedigen konnten. Auf die erste Gruppe entfielen 2.308901 Bauern. 84 Prozent der Grundbesitzer verfügten über 21 Prozent des Landes. Andererseits verfügten 0,01 Prozent der Grundbesitzer über 10 Prozent des Landes. Die „Landaristokratie“ oder auch die Feudalisten zerfiel in zwei Gruppen.Die erste Gruppe setzte sich aus Magnaten zusammen, die ihren Besitz gewinnbringend an dritte Parteien , sogenannte Compradores verpachteten. Vor 1952 vollzog sich eine solche Verpachtung auf zwei Arten: entweder an eine Person, die ihrerseits Kleinparzellen von 1 bis 5 Feddan an bearbeitende Kleinbesitzer verpachtete.7 Das Interesse an Verpachtungen nahm nach dem Zweiten Weltkrieg stark zu und stieg von einem Anteil von 1,73 Prozent des Landes im Jahre 1939 auf 60,7 Prozent im Jahre 1949 und auf 75 Prozent 1952. Die Fellachen hatten auch unter einer Vielzahl von Steuern und Abgaben zu leiden sowie einem Anstieg des Pachtpreises parallel zum Anstieg des Baumwollpreises. Den Kern dieser Gruppe bildete der König Faruk mit der königlichen Familie mit einem Gesamtbesitz von 159.000 Feddan und einem jährlichen Ertrag von 750.000 ägyptischen Pfund. Die zweite Gruppe waren die reichen Landwirte, die Minderheit der Großgrundbesitzer, die ihr Land selber bebauten, entweder zur Produktion von Rohmaterialien für die Veredelungsindustrien, überwiegend Baumwolle, oder von Konsumgütern für den einheimischen wie den Weltmarkt. Beide Gruppen verstärkten ihren Einfluß in der Wafd-Partei, der sie eine konservative Prägung gaben, im besonderen unter der Einwirkung von Fuag Serag Eddin. Die mittleren Landbesitzer (5 bis 50) Feddan bebauten ihr Land mithilfe einer kleinen Anzahl von Landarbeitern. Eine Gruppe (20 bis 50 Feddan) waren gut situierte Besitzer, die zu Großgrundbesitzern aufsteigen wollte – sie lehnte sich an die Muslimbruderschaft an. Eine andere Gruppe (5 bis 20 Feddan) hatte es mit einer sich verschlechternden Lage zu tun. Sie fand ihren politischen Ausdruck in der Wafd-Partei. Unterhalb diese Klasse gab es das agrarische Kleinbürgertum, das sich aus Grundbesitzern zwischen 1 und 5 Feddan zusammensetzte. Das Leben dieser Menschen war vom Marktpreis für landwirtschaftiche Produkte abhängig, der auch an weiterverpachteten Parzellen hing. Der linke Flügel der Wafd-Partei hatte bei dieser Gruppe viele Anhänger, auch die Kommunisten. Auch die extrem Rechte unter Achmed Hussein fand hier Anhänger. Der größte Teil der ägyptischen Fellachen besaß überhaupt kein Land. Die Schätzungen schwanken zwischen 8 Millionen und 14 Millionen Personen.1947 überstieg ihre Zahl die von der Landwirtschaft benötigten Arbeitskräfte um 47 Prozent. Sie mußten mit 8 bis 15 Piastern am Tag auskommen. Nach dem Umzug in die Städte drangen Sätze wie „Das Land für die, die es bebauen!“ an die Öffentlichkeit. Die Fellachen drohten sich zu erheben.

Rolle der Banken

Die unter Ismail eingeführte Monokultur von Baumwolle regte die Schaffung eines ganzen Banken- und Hypothekensystems an, durch das sich aus der Arbeit der ägyptischen Bauern eine reiche jährliche Ernte erzielen ließ. Die Ägyptische Bodenkreditbank wurde 1880 mit französischem Kapital gegründet, 1905 folgte die von den Engländern die Land Bank of Egypt. In der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts übten diese Finanz- und Bankengruppen auf den ägyptischen Grundbesitz einen großen Druck aus. Der Wert des kultivierten Landes betrug 120 Millionen ägyptische Pfund, die Hypotheken beliefen sich auf 60 Millionen ägyptische Pfund. Ein beträchtlicher Anteil des ägyptischen Bodens war somit unter dem Einfluß der Kreditbanken.

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Politischer Staatsstreich von 1952

1948/49 engagierte sich Ägypten gemeinsam mit anderen arabischen Armeen im ersten Nahostkrieg gegen den neuen Staat Israel. Die dort erlittene Niederlage schwächte Faruks Autorität. 1952 zwang ihn die Organisation Freie Offiziere zur Abdankung, im folgenden Jahr erklärte ein Revolutionsrat Ägypten zur Republik. 1954 übernahm der Führer der Freien Offiziere, Oberst Gamal Abdel Nasser das Präsidentenamt und errichtete ein diktatorisches Regime. 1954 entging Staatspräsident Gamal Nasser (1918-1970) einem Attentat, für das die Regierung die Muslimbruderschaft verantwortlich machte.  Die Muslimbruderschaft wurde daraufhin verboten und zahlreiche Anhänger u.a. auch Sayyit Qutb verhaftet.

Die Bauernfrage

Zwischen 1949 und 1951 nahmen die Bauernaufstände auf den großen Besitzungen enorm zu. Bewaffnete Bauern griffen Wachen und Polizeikasernen an und erhoben Anspruch auf das von ihnen bearbeitete Land.8 Von den Ereignissen blieben auch die königlichen Ländereien nicht verschont.

Streik von Kafr el-Dawwar

In dem Ort, in dem die angloägyptischen Fabriken der Beyda Dyers Company lagen, beschloß die Gewerkschaft den Streik. Die Führer Mustafa Chamis und Mohammed Hassan el-Bakari sprachen am 13. August 1952 von einer neuen Ära. Am gleichen Tag wurde die Fabrik von der Armee eingeschlossen. Die beiden Arbeiterführer wurden von einem Militärtribunal zum Tode verurteilt und gehängt.

Die Agrarreform von 1952

Die oberste Grenze des Landbesitzes wurde auf 200 Feddan festgelegt. Praktisch jedoch besaß die Mehrheit der Besitzer 300 Feddan (mit Familienzuschlag) Für die Bearbeitung von Brach- und Ödland wurden Ausnahmen zugelassen Jeder von den Auswirkungen des Gesetzes betroffene Eigentümer erhielt Regierungsobligationen für das ihm enteignete Land Das enteignete Land sollte vom Staat innerhalb von fünf Jahren an die Bauern verteilt werden. Die oberste Grenze bei dem Verkauf an Bauern war auf  fünf Feddan festgelegt. Die Ableistung ihrer Schulden für das ihnen vom Staat zugeteilte Land sollten die Bauern über einen Zeitraum von 30 Jahren zu einem Zinssatz von drei Prozent pro Jahr vornehmen Für die Beziehungen von Besitzern und Pächtern galt: Der Pachtwert des Feddan sollte das Siebenfache der Grundsteuer betragen oder der Hälfte des Wertes der Ernte entsprechen. Ein Komitee sollte mit der jährlichen Festlegung der Löhne für die Landarbeiter in den verschiedenen Gebieten betraut werden Agrargenossenschaften sollten für die kleinen Grundbesitzer (bis zu fünf Feddan) eingerichtet werden. Aufgabe war die Beschaffung von Landwirtschaftskrediten sowie die Organisation von Futter- und Düngemitteln und Saatgut. Es war den Landarbeitern gestattet, eigene Vereinigungen zum Schutz ihrer Interessen zu bilden 9 1962 wurde mitgeteilt, daß damals 10 Prozent des kultivierten Landes an zwei Millionen Bauern verteilt wurden. Hierzu meinte ein Kritiker: „Die Agrarreform war eine politische Geste der Sympathie; sie fand den größten Beifall, doch man muß zugeben, daß ihr praktischer Effekt bedeutungslos war.“10

Die Entschädigung der Großgrundbesitzer war großzügig, die Mehrheit hatte den Preis ihres Bodens in 14 Jahren amortisiert. Die kleinen Grundbesitzer mußten nicht selten mehr Abgaben zahlen als sie Einkommen erzielten. Es entstand eine Landwirtschaft von Pächtern, zusätzlich stieg der Anteil von Lohnarbeitern auf dem Land. Bis 1958 existierte eine Föderation von Lohnarbeitergewerkschaften, doch ihr Einfluß war gering.

Agrargenossenschaften – Gegen Ende 1956 bestanden 272 Genossenschaften, gegründet nach dem Gesetz von 1952- ein Jahr später gab es 400 Genossenschaften, in denen 200.000 Bauern mit 500.000 Feddan organisiert waren. Die genossenschaftliche Zusammenarbeit war eine Zusammenarbeit auf Kreditbasis zur Kommerzialisierung.

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Nassers politische Ideologie

Zu Beginn seiner Herrschaft vertrat Nasser vor allem die Idee des ägyptischen Nationalismus. Auch vertrat er eine eher konziliantere Haltung gegenüber dem Staat Israel, den er als eine gelungene Befreiung von kolonialer Herrschaft betrachtete. Nach seiner Machtübernahme verschrieb er sich immer mehr dem Panarabismus. Eine Begründung für seinen Sinneswandel gab Nasser selbst 1953 gegenüber einem engen Freund : “Früher habe ich weder an die Araber noch an den Arabismus geglaubt. Jedesmal wenn du oder jemand anderer mit mir über die Araber geredet hatten, habe ich darüber gelacht. Aber dann habe ich das ganze Potential der arabischen Staaten erkannt! Dadurch habe ich meine Meinung geändert.” 1954 publizierte er das programmatische Buch Die Philosophie der Revolution, welches vom Chefredakteur der Zeitung Heikal geschrieben wurde. Darin wurde die Führung Ägyptens innerhalb der arabischen Welt, Afrikas und der islamischen Welt als Ziel propagiert. Nassers “Drei-Kreise-Theorie” begründete eine Führungsrolle Ägyptens sowohl in der arabischen als auch in der afrikanischen bzw. der islamischen Welt. Infolge seiner Wandlung zum arabischen Nationalisten vertrat Nasser auch eine aggressivere Haltung gegenüber Israel, dessen Existenzrecht er ablehnte. Dies unterstrich Nasser durch seine martialische Rhetorik. Nasser nutzte die Medien, um seine Ideologie in Afrika und vor allem der arabischen Welt zu verbreiten. Dazu benutzte er auch islamische Untertöne. Häufig wurden Falschmeldungen über diese Radiostationen verbreitet. Die Hinwendung zum Panarabismus half Nasser auch dabei, seinen politischen Gegnern – Nagib und der Muslimbruderschaft- ideologisch etwas entgegenzusetzen.

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Gamal Abdel Nasser 1968

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In die Nasserzeit fielen die guten Beziehungen von Teilen des Militärs zum deutschenNationalsozialismus. Im Main-Echo vom 16.2.2009 sind sie von mir zusammengefasst.

Ägypten – beliebter Zufluchtsort für Nazis

Nicht verwunderlich ist das Faktum, dass der NS-Verbrecher Aribert Heim in Ägypten untergetaucht ist, war dieses Land doch neben Argentinien ein bevorzugter Exilort für Nationalsozialisten, denen in Deutschland ein Prozess drohte. Es fanden dort Unterschlupf: Johannes von Leers, Hauptschriftleiter der nationalsozialistischen Zeitung Wille und Weg.  Der Ex-Goebbels-Mitarbeiter wurde politischer Berater des Informationsbüros der ägyptischen Regierung. Von ihm ist die Aussage überliefert: “Wenn es überhaupt eine Hoffnung gibt, die Welt von jüdischer Tyrannei zu befreien, dann mit Hilfe der Moslems, die sich unerschütterlich Zionismus, Kolonialismus und Imperialismus widersetzen.” SS-Standartenführer Leopold Gleim organisierte in Ägypten die Geheimpolizei und war für die Juden Ägyptens zuständig. SS-Obersturmbannführer Bernhard Bender war unter der Leitung Gleims für die politische Abteilung der ägyptischen Geheimpolizei zuständig. SS-Sturmbannführer Joachim Däumling wurde zum Berater im ägyptischen Innenministerium. SS-Sturmführer Wilhelm Boekler arbeitete in der Abteilung Israel im ägyptischen Geheimdienst. SA-Gruppenführer Heinrich Stellmann wurde Berater der Gegenspionage. Louis Heiden vom Reichssicherheitshauptamt  übersetzte Hitlers “Mein Kampf” ins Arabische. Bevorzugt war dieses Buch bei ägyptischen Offizieren verbreitet. Der nationalsozialistische Journalist Franz Bünsche setzte seine Tätigkeit in Ägypten fort. Hans Appler war für den Islamischen Kongress tätig. Selbst wenn Zweifel am Tod Aribert Heims aufkommen, passt sein Aufenthaltsort doch in die Logik der Nachkriegszeit.

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Nicht ganz unsymptomatisch äußerte sich Präsident Nasser in der Nationalzeitung zum Thema Holocaust folgendermaßen: Präsident Gamal Abdel Nasser im Mai 1964 in der „Deutschen Nationalzeitung: „Die Lüge von den sechs Millionen ermordeten Juden wird von niemandem ernst genommen.“ Schon frühzeitig zeigte Nassers Entwicklung in diese Richtung: „In October 1933, the same year Hitler came to power, al-Husseini played a role in the creation of Young Egypt, also known as the Green Shirts, which was headed by Ahmed Hussein and which included among its members a young Gamel Abdel Nasser, a protégé of Al Husseini and later president of Egypt. The Green shirts adopted as their motto the Nazi-style slogan ‘One Folk, One Party, One Leader.’“ 11 Etwa 10 Jahre vorher hatte sich sein Nachfolger Sadat folgendermaßen geäußert. Sadat: „Mein lieber Hitler! Ich gratuliere Ihnen vom Grunde meines Herzens. Auch wenn es so aussieht, als seien Sie geschlagen, in Wirklichkeit sind Sie der Sieger. […] Deutschland wird wiedergeboren werden trotz der westlichen und östlichen Mächte. Es wird keinen Frieden geben, bis Deutschland wieder das wird, was es war.“ – Anwar as Sadat, späterer Präsident von Ägypten, 18. Sep. 1953 (in: „Al Musawar, 18.09.1953)

Schon Anfang 1942 zur Zeit des Vormarsches des deutschen Afrika-Corps riefen ägyptische Studenten der Al Azhar Universität „Vorwärts Rommel“. Zur „Verteidigung“ Ägyptens hatten die Engländer vorgesehen, die Nildämme zu öffnen und das Ackerland zu überfluten, um das Delta für Panzer unpassierbar zu machen.Diese Maßnahmen hätten Rommels Panzer möglicherweise zum Stehen gebracht. „Das ägyptische Kabinett übergab dem Gouverneur von Alexandria einen offiziellen Brief mit dem Befehl, sich zu Rommel zu begeben und ihm die Schlüssel der Stadt auszuliefern, falls er gegen Alexandria vorrücken sollte, damit es weder zu Kämpfen noch zu einer Überflutung käme.“12

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Verstaatlichung des Suezkanals

1956 verstaatlichte Nasser den Suezkanal, was zum Konflikt mit Großbritannien, Frankreich und Israel führte. Sadat erinnert sich daran folgendermaßen: „Ich saß im Bett und hörte der Radioübertragung zu … In der Mitte begann er jedoch über Ferdinand de Lesseps (den Erbauer des Suezkanals) zu sprechen. Nun begriff ich, was er beabsichtigte, und hörte tatsächlich wenige Minuten später, daß ich recht hatte: Nasser verkündete die Verstaatlichung des Suezkanals … Ägypten, ein kleines Land, war endlich imstande, laut und klar die größte Macht der Welt herauszufordern. Es war ein Wendepunkt in der Geschichte unserer Revolution und der gesamten Geschichte Ägyptens.“13 Der Entschluß zur Verstaatlichung des Suezkanals habe gewaltige Folgen gehabt, Nasser sei zu einem mythischen Helden geworden. „Der damalige Premierminister Anthony Eden erhielt die Nachricht von der Verstaatlichung des Suezkanals bei einem Abendessen, das er zu Ehren König Faisals vom Irak und des irakischen Ministerpräsidenten Nuri-el-Said gab.“14 Der Coup Nassers erboste die Engländer. Eden konnte die Haltung Nassers nicht begreifen. Zusammen mit Guy Mollet und David Ben Gurion beschlossen sie, die Waffen sprechen zu lassen. Am 29. Oktober 1956 griff Israel auf dem Sinai an, eine UNO – Vermittlungsversuch scheiterte. Nasser beobachtete von seinem Haus aus, wie englische und französische Luftstreitkräfte den nahe gelegenen Flughafen bombardierten. Die gesamte Luftwaffe der Ägypter wurde vernichtet. In der Folge knüpfte Ägypten engere Beziehungen zur UdSSR. 1958 hatten Ägypten und Syrien eine Vereinigte Arabische Republik ausgerufen, aber der Traum arabischer Einheit zerbrach, als Syrien nach einem Staatsstreich aus der Union ausstieg. Außerdem verwickelte sich der Präsident gegen den Rat seines Botschafters 1962 in eine teure Militäraktion gegen den Jemen. Nasser erwartete einen schnellen Sieg gegen die pro-Saudischen Kräfte. Aber nach drei Jahren war das Truppenkontingent von 5.000 auf 55.000 Soldaten angestiegen und Nassers Ansehen in der arabischen Welt hatte stark abgenommen. 1967 sperrte Ägypten den Golf von Aqaba für israelische Schiffe und erzwang den Abzug der Uno-Truppen, die seit 1957 die ägyptisch-israelische Waffenstillstandslinie abschirmten. Daraufhin kam es zum “Sechstagekrieg”, in dem Ägypten die Sinai-Halbinsel verlor.

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Nachfolger Nassers

Nach dem Tod Nassers 1970 wurde sein Stellvertreter Anwar As Sadat Staatspräsident. Im Jom-Kippur-Krieg 1973 griff Ägypten gemeinsam mit Syrien 1973 Israel an. Zwar konnte die ägyptische Armee einen Teilerfolg erringen, doch musste Sadat erkennen, dass der Konflikt nicht militärisch, sondern nur auf politischem Weg zu lösen war. Die ägyptische Geschichtsschreibung erwähnte die israelische Überquerung des Suezkanals 1973 in Richtung Westen nur am Rande. Die Dritte Ägyptische Armee wurde am Suekanal eingeschlossen.15

Beziehungen zu Israel

1977 entschloss Sadat sich zu einem spektakulären Schritt: Er reiste nach Jerusalem, und Ägypten erklärte sich als erstes arabisches Land bereit, Israel völkerrechtlich anzuerkennen. Nach langwierigen Verhandlungen unter Vermittlung der USA wurde 1979 der ägyptisch-israelische Friedensvertrag unterzeichnet,  der die vollständige Räumung des Sinai durch Israel vorsah. Die Annäherung an Israel und den Westen isolierte Ägypten in der arabischen Welt, die ägyptische Mitgliedschaft in der Arabischen Liga wurde bis 1989 suspendiert. 1981 fiel Sadat einem Attentat zum Opfer. Neuer Präsident wurde der bisherige Vizepräsident Hosni Mubarak. Er setzte die Politik der Zusammenarbeit mit dem Westen fort, konnte jedoch auch die Isolierung Ägyptens innerhalb des arabischen Lagers überwinden. Innenpolitisch trugen die großen sozialen Probleme zu einer Stärkung des militanten islamischen Fundamentalismus bei. 16

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1Gerhard Konzelmann, Der Nil- Heiliger Strom unter Sonnenbarke. Kreuz und Halbmond, München 1985, S.169

2Vgl. Wikipedia Artikel Muslimbruderschaft

3Vgl: Anouar Abdel-Malik, Ägypten: Militärgesellschaft. Das Armeeregime, die Linke und der soziale Wandel unter

Nasser, Frankfurt am Main 1971, S. 71 f.

4Vgl. Wikipedia Artikel Muslimbruderschaft

5Abdel-Malek, a.a.O., S. 97

6`Feddan` ist ein arabisches Flächenmaß, das vornehmlich in Ägypten und dem Sudan gebräuchlich ist.

1 `Feddan` = 24 `Kirat` = 300 `Kassabas` = 4201 mò (0,42 ha).

7Vgl Abdel-Malek, a.a.O, S. 103

8Abdel-Malek, a.a.O.. S. 114

9Abdel-Malek, a.a.O. S. 117 f.

10Abdel-Malek, ebd. S.118

11Chuck Morse, The Nazi connection to Islamic terrorism. Adolf Hitler and Haj Amin Al-Husseini,

Washington D.C. 2010, S. 45 f.

12Der Spiegel vom 25.10.1971 „Die deutschen Waffen töten uns“

13Anwar El Sadat, Unterwegs zur Gerechtigkeit. Die Geschichte meines Lebens, München 1981 (2. Auflage), S. 171 f.

14Ebd., S. 173

15Gerhard Konzelmann, Der Nil- Heiliger Strom unter Sonnenbarke. Kreuz und Halbmond, München 1985, S. 59

16Vgl. Spiegel Lexikon Ägypten

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Politische Probleme zur Zeit Mubaraks

Das Wirtschaftswachstum, das zuvor etwa 3 Prozent ausmachte und gerade mit dem Wachstum der Bevölkerung Schritt hielt, erreichte in den Jahren 2006 bis 2008 einen durchschnittlichen Wert von 7,1 Prozent. Die Regierung hatte mindestens 7 Prozent vorgegeben, um die Arbeitslosigkeit abzubauen und die Armut zu bekämpfen. Dank der Wachstumsraten, die relativ hoch sind, sank der Anteil der Ägypter, die unter der Armutsgrenze von 2 Dollar am Tag leben, knapp. Seit 2008 verlangsamte sich das Wachstum auf 5 Prozent. Die Zahl der völlig Armen stieg wieder an. 2011 betrug das Wirtschaftswachstum etwa 5,5 Prozent. Die Bevölkerung von etwa 82 Millionen ist sehr jung. Jedes Jahr strömen aus den Schulen und Universitäten 750 000 Absolventen auf den Arbeitsmarkt. Von ihnen finden die meisten keine Arbeit oder landen in der Schattenwirtschaft. Sie sind der Rebellion geneigt. Der Internationale Währungsfonds hat immer wieder einen Abbau der staatlichen Subventionen etwa für Lebensmittel gefordert, um das Haushaltsdefizit von 7 bis 8 Prozent am Bruttoinlandsprodukt zu senken. Dem widersetzte sich Mubarak aber in der richtigen Analyse der verheerenden Wirkung. Nicht gelungen ist es in dieser Zeit der Regierung Nazif, mit dem stärkeren Wachstum die Ungleichheit der Vermögen und Einkommen abzubauen. Im Gegenteil, die Schere öffnete sich weiter, und der opulente Lebensstil der Oberschicht wurde immer sichtbarer und von vielen einfachen Ägyptern als empörend empfunden.1 Im November 2012 verkündete der IWF neue geplante Sparmaßnahmen. Die Kürzung von Subventionen für Kraftstoff  oder Brot, auf die eine Vielzahl von armen Ägyptern angewiesen sind, wird wahrscheinlich von der Mehrheit der Bevölkerung nicht hingenommen werden. Zudem verlangte der IWF, dass Ägypten sein “großes Haushaltsdefizit” von elf Prozent des Bruttoinlandsproduktes im abgelaufenen Haushaltsjahr bis Ende des Jahres 2014 auf 8,5 Prozent reduziert.2

Mursi Präsident bis zum 3. Juli 2013

Präsident Ägyptens bis zum 3. Juli 2013 war Mohammed Mursi, der 1951 in Al-Adwah geboren wurde. Als Mitglied der Führungsriege der Muslimbruderschaft beteiligte sich Mursi in der Regierungszeit Mubaraks an regierungskritischen Demonstrationen und wurde dabei mehrfach verhaftet, zuletzt 2011. Nach dem Sturz Mubaraks gründeten die Muslimbrüder die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei und wählten Mursi am 30. April 2011 zum ersten Parteivorsitzenden dieser neuen Partei. Für seine Partei trat er bei der Präsidentschaftswahl 2012 an. Ursprünglich sollte Mursi Parteivorsitzender bleiben, doch die ursprünglich vorgesehene Kandidatur El-Schaters wurde von der Wahlkommission nicht zugelassen. Im ersten Wahlgang erhielt Mursi mit fast 25 % die meisten Stimmen und trat Mitte Juni in einer Stichwahl gegen den unabhängigen Kandidaten Ahmad Schafiq an, gegen den er mit 51,7 % der gültigen Stimmen gewann. Am 30. Juni 2012 trat Mursi sein Amt an.3 Dass es einen Hardliner Mohammed Mursi gibt, einen Mann voller Hass auf das “zionistische Gebilde”, wie Islamisten und arabische Nationalisten den jüdischen Staat nennen, das wurde westlichen Diplomaten und Politikern Mitte des Monats Januar 2013 bewusst. Ein Video aus dem Jahre 2010, veröffentlicht vom Mediendienst Memri, zeigt einen eifernden Islamisten, der sich in einem Interview mit einem arabischen Sender über die Israelis auslässt. “Blutsauger” seien die, “Kriegstreiber”, sagte Mursi ziemlich fanatisch, mit den “Nachkommen von Affen und Schweinen” (diese Formulierung findet sich auch im Hamas-Programm) könne man keinen Frieden schließen. Mursi gibt sich moderat als Präsident aller Ägypter. Die jetzige ideologische Richtung der Muslimbrüder wird von manchem Beobachter als eine Art CDU der 50er Jahre angesehen. Die Kunstfreiheit ist gegenwärtig jedoch in Gefahr. Ende März dieses Jahres drohte dem ägyptischen Komiker Bassem Youssef Gefängnis, weil er sich über Präsident Mursi und islamistische Prediger lustig gemacht hat. Seinen Termin beim Staatsanwalt machte der Satiriker zu einer Art Happening. Für Regierungskritiker ist die Lage in Ägypten gegenwärtig schwierig.

1FAZ vom 4.2.2011

2Vgl. World socialiste web site, 15.1.2013

3Vgl. Wikipedia Mohammed Mursi

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Kommentar zur neuesten Entwicklung im Main-Echo geschrieben am 20. Juli 2013

Man kann gespannt sein, ob die Militärs in Ägypten für eine demokratische Entwicklung sorgen können, für die sie in der Vergangenheit nicht standen. Mursi, der abgesetzte Präsident, war kein Demokrat, sondern instrumentalisierte die Demokratie für eine zunehmende Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft. Am 21. November 2012 hat Mursi ein Dekret erlassen, mit dem er seine Entscheidungen über das Recht stellte und sich selbst unangreifbar durch das Rechtssystem machen wollte. Damit hat er sich als eine Art Diktator etabliert. Er hat zudem 3400 Protestierer festnehmen lassen, die schlimmste Folter haben ertragen müssen, schlimmer als die Folter unter Mubarak, bei dem Folter an der Tagesordnung war. Nach glaubwürdigen Quellen wurden zwanzig Männer in Mursis Gefängnissen vergewaltigt.

Am 17. Juni 2013 macht Mursi sieben Muslimbrüder und ein Mitglied der ehemaligen Terrorgruppe Gamaa Islamija zu Provinzgouverneuren. Bei dem Gamaa Islamija Mitglied handelt es sich um Adel Asaad al-Khayyat. Er wurde zum Gouverneur von Luxor ernannt. 1997 wurde die Gamaa Islamija einer internationalen Öffentlichkeit bekannt, als sie einen Anschlag auf Touristen in Luxor durchführte. 58 Touristen kamen bei diesem Anschlag ums Leben. Der liberale Intellektuelle Hamed Abdel-Samad wurde kürzlich von einer Fatwa wegen islamkritischer Äußerungen in Ägypten heimgesucht. Zur Person, die einen Tötungsaufruf gegen ihn verbreitete, meinte er vor ein paar Tagen: „Es war eigentlich eine Vorführung, dass der Außenminister Westerwelle am 13. Juni von der ägyptischen Regierung verlangte, sich von den Mordaufrufen zu distanzieren, und zwei Tage später empfängt Mursi Assem Abdel Maged, der den Mordaufruf gemacht hat, und umarmt ihn öffentlich, vor laufender Kamera. Das ist eine Farce, und die deutsche Regierung darf sich so etwas nicht gefallen lassen.“ Juden sind in Mursis Welt pauschal „Nachfahren von Affen und Schweinen“ – so lautete die Formulierung in einem Video 2010 – ein Klischee, das ein Staatsoberhaupt disqualifiziert.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau

Veröffentlicht 20. Mai 2017 von schauerchristian in Reader Ägypten

Andalusien, Geschichte und Religion – Islamisch christliche Zusammenstöße

Die Juden, Mauren und Christen in Spanien, Al Andalus September/Oktober 2018

In Spanien sind Juden seit der Römerzeit nachweisbar.218 vor Christus wird Tarragona gegründet, Cordoba 152 und Mérida 35 vor Christus. Zwischen 100 und 50 vor Christus sind Juden in Tarragona, Tottosa und Mérida bezeugt. Erste Reibereien mit Christen sind Anfang des 4. Jahrhunderts im Konzil von Elvira bezeugt – die Juden sollten auf Distanz gehalten werden und von persönlichen Beziehungen ferngehalten werden.

Weitere wichtige Daten sind die Zerstörung des Tempels 70 nach Christus und der Bar Kochba Aufstand 132 bis 135 nach Christus.Viele Juden fliehen danach in den Mittelmeerraum nach Sepharad, den iberischen Raum. Die bevorzugte Betätigung ist der Handel in den Städten, manchmal besitzen sie einen Weinberg oder Vieh. Der Handel vollzog sich in erster Linie mit Purpur, Pfeffer und Gold, was Waren betrifft. Aber auch mit Sklaven wurde gehandelt.

Die Judenfeindschaft wurde mit dem Eintreffen der Goten im 5. Jahrhundert eher stärker als zur Zeit der Römer. 476 lösten sie die Weströmer in Iberien ab, das westgotische Reich wird unabhängig. Die Sueben müssen sich auf das Territorium des späteren Portugal und Galizien zurückziehen. König Leowigild ist letzter arianischer Herrscher. Rekared, sein Nachfolger, schließt sich 568 dem Katholizismus an. Mit der Annahme des Katholizismus entwickelten sich die Westgoten zu Antisemiten. Der erste Herrscher mit antisemitischer Gesetzgebung ist Sisebut (612 bis 621). Als großer Judenfeind entwickelte sich Isidor von Sevilla. 633 schrieb er sein antijüdisches Traktat „De fide catholica contra Judoes“. Die jüdischen Feiertage duldet er nicht, auch den Sabbat, die christlichen Feiertage sollen gelten. Eine Verfolgung der Juden verlangt er nicht.Spätere Konzile von 660 und 670 sind strenger, sie gebieten den Juden, die Städte zu verlassen. In Anwesenheit von Christen dürfen sie nicht arbeiten. 671 beschloss König Wamba die völlige Ausmerzung der Juden. Jüdische Kinder mussten zwangsgetauft werden und einen christlichen Namen annehmen. Der Erzbischof Julian von Toledo, der dafür mitverantwortlich war, stand im Verdacht, selbst ein getaufter Jude zu sein. In dieser Zeit beginnen sich die Juden zu verstecken. Offiziell wurden sie Christen.

Die Eroberung durch die Araber von 711 wurde von manchen Historikern später den Juden angelastet, die die Araber unterstützt hätten. So behauptet der Historiker Ibn Haijan, die Juden hätten dem Feldherren Tarek in Toledo die Tore geöffnet. Toledo war die Hauptstadt der Westgoten.1 Was man weiß ist, dass versteckt lebende Juden oft von den Arabern gezwungen wurden, eroberte Stützpunkte zu verteidigen.

Der letzte Omajade gründete 756 in Cordoba ein Emirat, das 929 in ein Kalifat umgewandelt wurde. Hier wirkte zu dieser Zeit Abd-ar-Rahman III. Die Regeln für religiöse Minderheiten wurden von dem Mohammed Nachfahren Omar festgelegt. Die Schutzbefohlenen sind Dimmi, Schriftbesitzer. Betroffen sind Christen, Juden und Zoroastrier. Die Christen in Al-Andalus werden Mozaraber genannt und genießen Religionsfreiheit. Sie sind steuerpflichtig. Die Djizya ist eine Kopfsteuer für Nichtmuslime. Sie beten für das Wohlergehen des Herrschers. Muslimische Sklaven sind nicht erlaubt. Jüdische Dimmi sind mit einem gelben Kreis auf der Brust gekennzeichnet sowie einem gelben Turban. Zudem tragen sie eine Leibbinde. Für den Heiligen Krieg sind sie nicht vorgesehen. Das Reittier für sie ist der Esel -ein nicht besonders edles Tier!

Cordoba Ansicht

Stadtansicht von Cordoba

Cordoba

Moschee Kathedrale Cordoba

Somit wurde Cordoba im 10. Jahrhundert das religiöse Zentrum von Al Andalus. Vorher war seine Bedeutung schon ersichtlich, als es 27 vor Christus Hauptstadt der römischen Provinz “Hispania ulterior Baetica” wurde. 411 besetzten die Vandalen die Stadt zeitweise. Gründer des Emirats war Abd ar-Rahman I. (731 bis 788), der einzige Überlebende der Omajaden-Dynastie. In seiner Zeit wurde die Hauptmoschee von Cordoba an Stelle der Basilika San Vicente Mártir errichtet. Sie umfasst elf Längs- und zwölf Querschiffe. Hischam I., sein Nachfolger, lässt ein Minarett hinzufügen.2 793 erlitt er in Asturien eine schwere Niederlage bei Lucos oder Lugo in der Nähe von Oviedo gegen König Alfons II.3 von Asturien. Einen zweiten Feldzug führte Hischam gegen Aquitanien, dessen König Ludwig in Italien weilte. Bei Carcassonne kam es zu einer Schlacht, die wahrscheinlich unentschieden ausging.Wilhelm von Toulouse, Herzog mit der kurzen Nase, trat in Erscheinung. Unter Al -Hakam I. (770 bis 822) sind die Zeiten unruhig. Er muss hinnehmen, dass Barcelona 801 wieder eine christliche Stadt wird. In der Regierungszeit Alfons II. wird Santiago de Compostela gegründet.Hakam I. schlug eine Erhebung in Toledo 797 nieder. Eine Verschwörung in Cordoba wurde von Vetter Casim 805 dem Emir verraten. Dieser ließ dreihundert Verschwörer köpfen. Ein Aufstand gegen Steuererhöhungen in der rebellischen Vorstadt wurde 818 niedergeschlagen. Die Aufständischen wurden gepfählt. 25.000 Bewohner der Vorstadt wurden nach Fez in Nordafrika ausgewiesen.Die Vorstadt wurde zur Plünderung freigegeben, hierbei tat sich die slavonische Leibgarde Hakams I. hervor: Slavonier waren vorher aus Dalmatien rekrutiert worden. Andere der Leibgarde bestanden aus übergetretenen spanischen Christen (“Benicazzi”).4 Der Herrscher fühlte sich offensichtlich unsicher.

Hakam entwickelte sich zu einem Flotten-Emir. Um 800 schwärmten seine Schiffe in das westliche Mittelmeer aus. 799 überfielen seine Muslime auf der Insel Pantellaria ein Kloster, Kämpfe gab es auch auf Sardinien und Korsika. Für das Jahr 806 heißt es in den Reichsannalen dazu: “In diesem Jahr wurde nach Korsika gegen die Mauren, welche dies Insel verwüsteten, von (Karls Sohn) Pippin eine Flotte aus Italien abgeschickt, die Mauren aber machten sich, ohne die Ankunft derselben abzuwarten, davon. Einer von den Unsrigen, der Graf Hadumar von Genua, fiel in einem Kampf, in den er sich unvorsichtig mit ihnen eingelassen hatte…”5 Nicht besiegen konnte er 816 oder 821 Navarra und Asturien, es war die “Schlacht der dreizehn Tage”. Barcelona konnte sich in der Zeit konsolidieren, Graf Bernward, fränkischer Statthalter, konnte die Spanische Mark befestigen.

Hakam wurde Melancholiker, rief mitten in der Nacht seine Berater und die Kadis von Cordoba zusammen, ohne Beschlüsse fassen zu wollen. Er ließ nackte Mädchen tanzen, Sklavinnen machten Musik- die Geister der Vorstadt suchten ihn heim, er schrieb Gedichte und trank spanischen Wein. Man könnte meinen, er hätte das Lied “Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang , der ist ein Narr sein Leben lang” schon gekannt. Er war ein Förderer der Künste.

822 folgte sein Sohn Abd ar-Rahman II. (792 bis 852) dem gestorbenen Emir.Seine Regierungszeit ist geprägt durch die Gegensätze von Berbern und Arabern. Die christlichen Königreiche im Norden nehmen das zum Anlaß für Anstrengungen zur Reconquista. Von 833 bis 855 wird die Moschee durch acht Querschiffe erweitert. Muhammad I. (852 bis 886) hat zwei Söhne Al-Mundir (886 bis 888) und Abdallah I. (888 bis 912). Die Mozaraber (Christen in Andalusien) sind in dieser Zeit ebenso aufständisch wie die Muladies (Personen mit Eltern unterschiedlicher Herkunft).

Unter Abd ar-Rahman III. (910 bis 961) wurde Cordoba zum Kalifat. Markant in seiner Amtszeit ist der Jude Chasdai ibn Schaprut, der gleichzeitig Philosoph, Dichter und Leibarzt des Emirs war und damit am Hofe sehr einflußreich. Medizinisch erfolgreich war er bei der Heilung des dickleibigen Königs Sancho I. von Léon (935 bis 966).6 Mit Hilfe Navarras und der Araber von Cordoba eroberte dieser 959 Zamora und erlangte bald darauf seinen Thron zurück, den er 858 bis 960 an seinen Halbruder Ordono IV. verloren hatte.7 In dieser Zeit schlug Chasdai dem Emir auch erfolgreich ein Bündnis Cordobas mit dem Kaiser von Byzanz gegen die Seeräuber im Mittelmeer vor. Aufgetreten sind im 10. Jahrhundert in Cordoba und Umgegend die Karäer, eine jüdische theologische Schule, die ausschließlich die Thora als Erkenntnisquelle heranzog.Die traditionellen Rabbiner verehrten auch den Talmud. Im 10. Jahrhundert scheint es keine größeren Reibereien zwischen Muslimen und Juden gegeben zu haben. Die jüdische Frau saß verschleiert neben ihrem Mann am Sabbat. Die Männer kleideten sich wie Araber in der Öffentlichkeit, die der Frau verschlossen blieb. Beruflich fungierten die Juden als Ärzte, Händler oder Finanzverwalter. Weinanbau stand ihnen ebenso zu wie Landbesitz. Muslimische Untergebene waren nicht zugelassen. Handwerkliche Berufe standen ihnen auch offen. Auch jüdische Matrosen wurden registriert, zum Beispiel in Kairo. Der Handel trieb die Juden nach Alexandria und Antiochia.8

Chasdai ibn Schaprut pflegte auch Kontakte mit dem König des jüdischen Reiches der Chasaren, Joseph. Es existierte vom 10. bis ins 13. Jahrhundert und war zwischen Krim, Wolga und Kaspischem Meer gelegen. Chasdai würde den jüdischen König gerne besuchen: “Ich werde dann alle empfangenen Ehrenbezeichnungen verachten, ich werde meine Stellung und meine Familie verlassen; ich werde Berge und Täler, Land und Wasser überqueren, um zu kommen und mich vor meinem Könige huldvoll zu verneigen …”9 Das Interesse beruhte auf Gegenseitigkeit, Joseph möchte Chasdai kennenlernen.

Wie entwickelte sich der Kampf zwischen Cordoba und den christlichen Nordreichen? Ordono von Asturien, Sohn des Alfons III. erprobte sich in Frühjahrsfeldzügen gegen den maurischen Süden. Geschehen war dies 916, 917 und 918, die Städte der Araber konnten sich vor der Erstürmung freikaufen. Nach der Eroberung wüteten die Truppen Ordonos allerdings diabolisch. In der Stadt Talavera wurden die waffenfähigen Männer liquidiert, die Frauen und Kinder in die Sklaverei fortgeschleppt. Abd-ar Rahman geizte nicht mit Vergeltung. Beim Vordringen in den Norden wurden Dörfer niedergebrannt, Städte geplündert, viele Gefangene wurden in die Sklaverei entführt. Die Riesenarmee musste allerdings wegen Nahrungsmangel zurückkehren. Die Beute war riesengroß und Ordono griff die geschwächten Mauren an. Nach der Tötung der gefangenen Christen durch die Mauren, griffen die Truppen Ordonons vergeltungssüchtig an. Viele Mauren fielen, unter ihnen der Feldherr Abulhabaz. Provokativer Rekord: Ordono ließ des Feldherren Kopf zusammen mitt einem Schweinskopf auf einer Pike ausstellen.

939 erlitt Abd-ar Rahman in der Schlacht bei Simancas eine schwere Niederlage. Der Historiker Ibn al Hatib (1313 bis 1375) schrieb im 14.Jahrhundert dazu: “Der Himmel prüfte und traf Abderrahman durch eine Niederlage, die Gottes Feind Ramiro, Ordonos Sohn,ihm …vor den Toren der Stad Simancas im christlichen Spanien beibrachte. Vorausgegangen war ein Kampf von mehrerern Tagen, als in erbittertem Ringen eine über die andere Partei abwechselnd die Oberhand gewann. Erneut griffen die Christen an, und jetzt erlitten die Muslime einen unerhörten Zusammenbruch. Und zwar verschuldeten diesen Schlag gewisse Personen im Heere des Herrschers, die ihm den Ruhm neideten und ihn absichtlich falsch beraten hatten.”10 Der Historiker schreibt später, dass die “Verräter” ein schlimmes Schicksal erlitten haben: “Nach dem Verlassen der Walstatt (Schlachtfeld) sandte Abderrahman eine Schar ausgesuchter Gardisten als Vortrupp nach Cordoba. Sie sollten die Frohbotschaft seiner Errettung verkünden, aber auch Pfähle und Kreuze am Ufer des Guadalquivir aufrichten. Sogleich bei seiner Ankunft ließ der Herrscher dreihundert (maurische) Ritter pfählen oder kreuzigen und dazu verkünden, so werde bestraft, wer die Front des Heiligen Krieges auflöse.”11

Von Bedeutung war auch der diplomatische Verkehr mit dem deutschen Kaiser Otto I. und dem Kaiser von Byzanz in der Zeit von 945 an. Otto ließ die Gesandten aus Cordoba drei Jahre warten, ehe sie nach seinem Sieg über die Ungarn 955 heimkehren durften. Es war nicht unbedingt sicher, dass ein Austausch zustande kommen würde. Nur kurze Zeit vorher wurden noch die Leichname christlicher Märtyrer für viel Geld aus Cordoba und anderen muslimischen Städten nach Frankreich, den Niederlanden und Deutschland gebracht. Der Leiter der Mission nach Cordoba war Jean de Gorze. Wichtiges Dokument war ein Traktat, in dem der Erzbischof von Köln, Bruno, die Überlegenheit des Christentums über den Islam behauptete. Ein weiteres Thema des Dialogs war der Piratenstaat von Fraxinetum, den nordafrikanische Piraten in Frankreich errichtet hatten. Er war in der Nähe von Saint Tropez errichtet worden und wurde von Piratenstützpunkten auf Korsika versorgt. Eine Audienz kam nach schwierigen Verhandlungen zustande. Zunächst gefiel das einfache Ordensgewand von Johann dem Kalifen nicht. Abd-ar Rahman III. sandte zunächst eine große Summe Geld, um eine festliche Ausstattung des Mönches zu ermöglichen. Dieser verteilte das Geld unter die Armen und wurde dann vom Kalifen empfangen. Beim Gespräch über die Zustände im damaligen Deutschen Reich mißfiel dem Kalifen die zu große Macht der Reichsfürsten. Die Vorteile des stärkeren Zentralismus des Kalifats zeige sich nach Einschätzung des Kalifen im größeren Reichtum und höherem Bildungsstand.12

Unter Kalif Al-Hakam II. (961 bis 976) wuchs die Einwohnerzahl Cordobas auf etwa 500.000. Nicht sehr tolerant verfuhr der Kammerherr Almansor (971 bis 1002) mit den Juden. Er entmachtete den offiziellen Nachfolger Hischam II. de facto. Nach der Eroberung Barcelonas 985 liqudierte er viele Juden, nur wenige überlebten.

Von 1009 bis 1031 tobte ein Bürgerkrieg in Cordoba, der mit einem Saatstreich unter Führung eines Urenkels Abd ar-Rahmans III. beginnt. Hischam II. wird abgesetzt, der Alkazar und die Medina werden zerstört, die Hauptstadt wird temporär nach Malaga verlegt, zehn verschiedene Kalifen wechseln sich ab. 1031 entsteht dann die Taifa von Cordoba.13, die wesentlich kleiner als das Kalifat ist. 1070 erobert Sevilla dieses Gebiet.

Eine der bekanntesten Geistesgrößen Cordobas war Maimonides. Er wurde 1135 (oder 1138?) in Cordoba geboren und starb 1204 in Kairo. Sein Talent streckte sich von der Philosophie, der Rechtswissenschaft, der Astronomie bis hin zur Medizin. 1148 nach der Regierungsübernahme der intoleranten Almohaden wurde er vor die Wahl gestellt, zum Islam zu konvertieren oder zu emigrieren. Er floh mit seiner Familie zunächst in andere Teile Spaniens, danach in die Provence und wahrscheinlich 1160 nach Fes. 1165 zog er weiter nach Jerusalem, dann über Alexandria in einen Ort nahe Kairo.14 1185 stieg er zum Leibarzt des Sekretärs Sultan Saladins auf, der die Regierungsgeschäfte führte und behandelte auch Sultan Saladin und seinen Sohn. An seinem religionsphilosophischen Hauptwerk „Führer der Unschlüssigen“ arbeitete Maimonides von 1176 an, wahrscheinlich bis zum Jahr 1200. Hauptproblem dieses Werkes ist die Unvereinbarkeit zweier Systeme: einerseits dem des Glaubens mit seiner Offenbarung und andererseits dem System der aristotelischen Logik. Starken Einfluß übte er auf die Haskala des Moses Mendelssohn aus.

Auch Averroes, arabisch Ibn Rushd, wurde 1126 in Cordoba in Spanien geboren, studierte Rechtswissenschaft und Heilkunde und wurde 1169 Richter in Sevilla, 1171 nach Cordoba versetzt, wo er zehn Jahre lang als Richter wirkte. Während dieser Zeit kommentierte er das Werk des Philosophen Aristoteles. 1182 wurde er an den Hof von Marrakesh als Leibarzt gesandt. Der 1198 verstorbene Philosoph sah sich zu Lebzeiten mit dem Vorwurf der Häresie konfrontiert. Seine geisteswissenschasftlichen Werke wurden 1195 verbrannt. Die Theologen erblickten in seinem Denken eine Gefahr für den Glauben.

1236 hatte Ferdinand III., der Heilige, von Kastilien und Leon, seinen großen Auftritt. Er erobert Cordoba. Die arabische Bevölkerung wanderte aus, sie floh in das 1238 gegründete Königreich von Granada. Hier herrscht die Nasriden-Dynastie. Im Jahr der Eroberung wurde die Moschee von Cordoba zur Kathedrale umgebaut, der muslimische Alkazar in einen Bischofspalast.

Wie wurde die Reconquista finanziert? Neben dem Beutemachen (z.B. durch Lebensmittelraub) spielte das Erheben von Tributen eine große Rolle. Fernando III. griff auch auf Darlehen zurück. Bei der Belagerung von Sevilla gewährten ihm galicische Stadträte diese Unterstützung. Geld kam auch von italienischen Bankiers und jüdischen Steuerpächtern wie Don Mayr.

Ein großer Teil des Geldes kam vom Klerus. Er musste zwar nicht die städtische Kopfsteuer bezahlen, er musste aber den königlichen Dritten (tercias reales) abgeben.Die Christen mussten ein Zehntel ihres Enkommens an ihre Pfarrei abführen. Die Pfarrei behielt vom Kirchenzehnten ein Drittel ein, ein Drittel wurde an den Bischof weitergeleitet. Das verbleibende Drittel war eigentlich für die Instandhaltung von Kirchengebäuden vorgesehen. Mit Erlaubnis des Papstes konnte es auch für andere Zwecke genutzt werden. Honorius III. ermächtigte Erzbischof Rodrigo von Toledo dazu, das Geld für Kreuzzüge auszugeben. Gregor IX. kritisierte den kastilischen König zwar, weil er ohne päpstliche Erlaubnis den Dritten erhoben hatte, forderte aber den kastilischen Klerus auf, den König finanziell bei seinen Feldzügen zu untestützen.15 Ein weiterer Faktor waren die Ablässe, die den Kreuzfahrern zuflossen. Sie wurden im Osten erworben und kamen 1225 und 1231 den Gefolgsleuten Fernandos zu.

Mehr islamische Strenge brachten die Geschlechter, die den Omajaden folgten, von 1086 an die Almoraviden und nach 1147 die Almohaden. Unter den ersteren wurde 1084 Toledo von den Arabern zurückerobert von Alfons VI. von Léon. Er nimmt den Titel “Kaiser von Toledo” an.16 Die Almoraviden aus der Sahara wurden von einem Rechtsgelehrten namens Ibn Yasin gegründet. Er war ein Vertreter des Malikismus, der den Koran wörtlich nahm. Ibn Yasin war der geistliche Führer, an der Spitze des Heeres stand ein Emir. Sie waren wenig gebildet, puritanisch und grausam. Wein und Gesang war bei ihnen verpöhnt, in marokkanischen Städten nicht.17 In der Schlacht bei Sagrajas siegte der Almoravide Yusuf 1086 mit den Königen von Sevilla, Granada, Malaga und Badajoz verbündet gegen Alfons VI. von Léon. “Auf dem Schlachtfeld wurden die Köpfe der Christen zu Hügeln geschichtet, von denen herab die Muezzins die Sieger zum Gebet riefen. Wagenladungen von Köpfen wurden dann in die wichtigsten Städte Spaniens und des Maghreb gesandt, um zu zeigen, daß die Christen nicht mehr zu fürchten waren, fromme Muslime gaben Almosen und ließen als Dank Sklaven frei, und die Taifa-Könige hörten auf, Alfonso Tribut zu zahlen.”18

Sevilla zwei

Sevilla Alcazar Löwentor

Die nachfolgenden Almohaden machen Sevilla 1163 zu ihrer Hauptstadt. Die Stadt war 2500 vor Christus eine phönizische Siedlung. Schon in der römischen Zeit kämpften Cordoba und Sevilla um den größten Einfluß in Andalusien. Der schon erwähnte Isidor von Sevilla war in der westgotischen Zeit ein bedeutender Erzbischof. Im 9. Jahrhundert zerstörten die Wikinger de Stadt. Der Emir von Cordoba schlug sie zurück. Einige trieben geduldet Viehzucht. Noch also ein Volk neben Hispaniern und Mauren. Reinrassigkeit ist also auch hier nicht gegeben … Die Almohaden waren den Sevillanern zu streng, die Christen aus dem Norden gefielen auch nicht bis zum Sieg Ferdinands III. 1248. Mehr als fünf Jahrhunderte muslimischer Herrschaft waren beendet. Nach der Eroberung wurde der Alcazar im 14. Jahrhundert zum Palast des kastilischen Königs Peter I. (1334 bis 1369).19 1356 wurde die Stadt von einem schweren Erdbeben heimgesucht.

Seit 1378 predigte der Erzdiakon von Sevilla, Ferrando Martínez von Écija, gegen die Juden und hetzte die Christen gegen sie auf. Sie waren für ihn ein Schrecken. Zur wohlhabenden Stadt war Sevilla im Spätmittelalter geworden. Auch die Bevölkerung war gewachsen, wobei reiche Juden sich an der Verwaltung der Stadt beteiligten. Auch jüdische Karrieren am königlichen Hof nahmen zu. Dem König mißfiel dies, doch Martinez ließ sich nicht beirren:” … Niemand kann mich daran hindern, daß ich predige und das über die Juden sage, was mein Herr Jesus Christus in den Evangelien gesagt hat.”20 Als eifernder Antisemit führte er weiter aus:” Ein Christ,der einem Juden Böses zufügen oder ihn gar töten würde, würde damit beim König und bei der Königin kein Mißfallen erregen. Ganz im Gegenteil! Er wisse das aus einer direkten und sicheren Quelle und würde dafür auch als Bürge einstehen.”21 Diese Agitation wurde zwölf Jahre Jahre fortgesetzt. Martinez forderte seine Zuhörer auf, die Juden zu vertreiben und ihre Synagogen anzuzünden. Der Eskalation der Worte folgte das Pogrom. Vorher starben allerdings noch König Johann I. von Kastilien und Barroso, der Erzbischof von Sevilla. Der Nachfolger, König Heinrich III., war erst 10 Jahre alt. Am 6. Juni 1391 ereignete sich die Ausschreitungen im jüdischen Wohnbezirk. Juden, die sich nicht rechtzeitig verstecken konnten, wurden zur Konversion zum Christentum aufgefordert. Wer sich nicht bekehrte, wurde getötet. Der Aufruhr gegen die Juden wurde auch in anderen Regionen sichtbar – in anderen Städten Andalusiens, in Kastilien und Aragón. Im August griffen die Unruhen auch auf Katalonien und die Balearen über. In Saragossa war der Hauptagitator der Neffe von Martinez. Papst Clemens VII. war in der Sache nicht eindeutig. In Valencia hörte man den Schlachtruf im jüdischen Viertel: “Martinez kommt! Die Juden – in den Tod oder ins Weihwasser!”22 Ein heiliger Furor durchzuckte in dieser Zeit weite Teile Spaniens. Der Geist der Reconquista wütete in den Gehirnen. In Cuenca wurde die Sturmglocke geläutet. Man könnte meinen, die Sportpalastrede von Goebbels vom 18. Februar 1943 sei vorweg genommen worden. “Nun, Volk, steh auf, und Sturm, brich los!” In Tortosa trat ein fahrender Spielmann als Trommler auf. Manche Christen leisteten Hilfe. Adlige boten Juden in ihren Häusern Unterschlupf gegen Bezahlung, die Juden verarmen ließ.23 Dem in Avignon residierenden Papst Clemens VII. wurden von Juden Geschenke angeboten, um ihn zu bewegen, das Vorgehen des Hasspredigers Martinez zu mißbilligen.Auch die Königin von Aragón setzte sich für die Juden ein. Eine Verurteilung der Massaker durch Clemans VII. wurde aber nicht erreicht.

Fest in ihrem Glauben blieben die Juden in Toledo – Juda ben Ascher und seine Schüler. In Barcelona begingen viele Juden Selbstmord, in Gerona schworen die Juden ihrem Glauben nicht ab. Mehrheitlich waren die “Aljamas” (jüdische Gemeinden) allerdings bereit, ihren Glauben aufzugeben.

Nicht wenige Juden ließen sich taufen. Als Beweggründe führte der Arzt Josue de Lorca vier Gründe an: “ Der Ehrgeiz und die Habgier, sich aller irdischen Güter zu erfreuen. Der philosophische Skeptizismus gegenüber den Wahrheiten des Judentums und gegenüber jeder geoffenbarten Religion, woraus dann die Vorliebe hervorgeht, die man der im Augenblick angenehmsten Religion gewährt. Die Überzeugung von einem unmittelbar bevorstehenden Verschwinden des Judentums, als einer Folgeerscheinung der Verfolgungen, und die Verzweiflung. Die Offenbarung der Glaubwürdigkeit des Christentums.”24 Josue de Lorca bekehrte nach seiner Konversion zum Christentum eifrig andere Juden.

Vorher gab es in anderen spanischen Städten schon Ausschreitungen. 1111 plünderte eine Menschenmenge in Sahagun (heutige Provinz Léon) die Judenviertel. Eigentlich rebellierte sie gegen die Stadtverwaltung. Eine Plünderung der Judenviertel fand auch 1146 in Toledo statt – auch gegen Franzosen wurde agitiert. Berengar Oller ließ 1285 in der Nähe der Kathedrale von Barcelona die Juden töten.

Der Dichter und Musiker, Guillaume de Machaut, in Diensten des Königs von Navarra, Karls des Bösen, verfasste im 14. Jahrhundert, im Angesicht der Pest, die in Spanien 1348 wütete und 1361, 1375 und 1383 zurückkehrte, eine judenfeindliche Dichtung “La jugement du Roy den Navarre”, in der es unter anderem heißt:

Es war der Jude, der geschmähte,

der schlechte, der Verräter,

der haßt und alles Böse liebt,

der soviel Gold und Silber gab

und versprach den Christenmenschen.

Der Brunnen, Flüsse und Quellen,

die waren klar und gesund,

an mehreren Orten vergiftet hat

und manchem das Leben nahm;

denn die, die davon tranken,

ganz plötzlich starben sie …

Doch, der oben thront und alles sieht,

der alles lenkt und alles prüft,

er will ihn nicht mehr verbergen,

er läßt den Verrat entdecken…

Denn die Juden wurden ausgerottet,

die einen gehenkt, die andern verbrannt,

die dritten ertränkt und viele geköpft,

mit dem Beil oder mit dem Schwert …25

Die Konvertiten haben es nicht selten in sich. Ein ehemaliger Jude namens Mose von Roquemaure, der sich später Juan d’Avignon nannte und Arzt war, zog nach seiner Konversion 1350 nach Andalusien. Er schrieb 1380 eine Abhandlung zur Medizin “Sevillana medicina”, in der er die Gründe für die Pest in Sevilla beschreibt: “Die Luft in Sevilla ist heiß und feucht … Der Grund dafür ist in der Fäulnis und Verwesung zu suchen, die aus der Juderia kommen. Denn dort leben viele, die zu allen möglichen Leiden verurteilt sind.”26

Auch Könige sonnten sich in ihren Vorurteilen. Alfons X. von Kastilien (1221 bis 1284) lebte mit manchem Juden zusammen, zog aber in seinen “Cantigas de Santa Maria” böse über einen Juden her. Gottesmörder und Verräter in einem sowie geizig und falsch war der von ihm geschilderte Jude. Sein Schatzmeister wurde der Unterschlagung angeklagt und 1280 hingerichtet. Im gleichen Jahr mussten sich die Juden in ihren Synagogen versammeln und eine enorme Summe für ihre Freilassung bezahlen. Es war von täglich (?) 12.000 Maravedis (spanische Goldmünze) als globaler Steuer die Rede, die über mehrere Jahre erhoben werden sollte.27

Auch ist in diesem Werk von Alfons X. von der Jungfrau Maria die Rede, die ein Kind wieder zum Leben erweckt, das von Juden geopfert wurde.

Alfons XI. von Kastilien (1311 bis 1350) starb in Gibraltar an der Pest. Diesmal wurden die Juden nicht als Urheber seines Todes bezichtigt.28 Sein Nachfolger Don Pedro der Grausame – König von 1350 bis 1369 -begünstigte die Juden sogar, sie wurden nicht als Verworfene behandelt. Zwischendurch ging es auch aufwärts mit den Beziehungen der Juden zu christlichen Herrschern. Der Einfluß der Juden am Hof war beachtlich. Seinen Beinamen, der “Grausame” bezog er überwiegend wegen seiner Strenge gegenüber den Hidalgos (niederer spanischer Adel) und Granden (Hochadel). Die Juden hielten zu ihm. Herausragende Juden in seiner Umgebung waren der Dichter Santob de Carrion, der unter anderen die Vorurteile der spanischen Hidalgos gegen die Juden kritisierte. Sein Erzieher war Don Juan Alfonso de Albuquerque, er empfahl ihm erfolgreich als Finanzminister Don Samuel Meir Allavi, obwohl Juden gemäß Cortes-Beschluß dazu nicht mehr zugelassen waren. Arzt und Astrologe an seinem Hofe war Abraham Ibn-Zarzal.Auch einen eigenen Alcalden (Richter) wollte er den Juden lassen, obwohl die Cortes dagegen argumentiert hatten.29 Die Bastardbrüder des Königs bemächtigten sich in einem Bürgerkrieg Toledos und massakrierten hier annähernd 12.000 Juden, die zu Don Pedro standen. In die Innenstadt konnten sie nicht eindringen, weil die Juden die Tore geschlossen hatten. Don Pedro rächte sich an den Parteigängern seiner Bastardbrüder. Peter I., der Grausame, wie er in Westeuropa auch genannt wird, ließ sich von den judenfeindlichen Stimmen seiner Umgebung beeinflussen und betrieb Samuels Sturz. Er ließ Samuels ganzes Vermögen einziehen: unter anderem 170.900 Dublonen und 80 Sklaven. Trotz Folter blieb Samuel standhaft.30 Peters Bastardbruder, Heinrich de Trastamare, schaffte es 1366, den König zu stürzen, nur Sevilla blieb ihm übrig. 1367 eroberte Peter mit Hilfe des Prinzen von Wales seinen Thron zurück. Der “Schwarze Prinz” ließ Peter allerdings danach im Stich. Dieser gewann den König von Granada als Bundesgenossen gegen seinen abermals vorrückenden Bastardbruder. Der König von Granada nahm dreihundert jüdische Familien aus Jaen als Gefangene mit nach Hause. Die jüdische Gemeinde von Toledo kam größtenteils durch Krieg und Hungersnot ums Leben. Bei Montiel unterlag Peter seinem Halbbbruder 1369 und wurde geköpft. Papst Urban V. verstieg sich zu der Aussage: “Die Kirche muß jubeln über den Tod eines solchen Tyrannen, eines Rebellen gegen die Kirche und eines Gönners der Juden und Sarazenen. Der Gerechte freut sich, wenn er Rache sieht.”31 Stark dezimiert wurden die Juden von Toledo, viele Juden in Kastilien wurden zu Bettlern.

Granada Alhambra.JPG

Granada Alhambra

Granada

Die Stadt Ilbira wurde 711 von den Arabern erobert. 756 wurde 10 Kilometer weiter im Nordwesten eine neue Stadt mit dem Namen Madinat Ilbira gegründet. Für die ursprüngliche Stadt setzte sich der Name Granada durch. Möglicherweise steht der Name in Verbindung mit dem romanischen Farbadjektiv granat (deutsch rot). Ob die römische Siedlung Illiberis mit der Stadt identisch ist, ist unklar.

Nach dem Untergang des Kalifats von Cordoba übernahm 1012 ein berberischer Clanchef die Macht in der Provinz und machte das leichter als Ilbira zu verteidigende Granada zum Sitz der Ziriden-Dynastie. Die Dynastie herrschte etwa 80 Jahre lang und wurde von den Almoraviden gestürzt (1090). Danach herrschten die Almohaden, die vertrieben wurden.32

Eine besonders gehobene Stellung in Granada erreichte Samuel ben Josef Halevi ibn Nagrela, oder auch Schmuel ibn Naghrela genannt. Er wurde 993 in einer reichen jüdischen Familie in Cordoba geboren. In Granada schloß er Bekanntschaft mit dem Ziriden-Herrscher Habbus al-Muzaffar. Während dessen Regierungszeit wurde er Großwezir.1038 verhalf ibn Nagrela dem Sohn Badis ibn Habbus zur Macht und wurde zusätzlich Militärführer.33 Religiös war Samuel ibn Nagrela ein gelehrter Polemiker. In einer arabisch verfassten Schrift zählte er in Koran enthaltene Widersprüche auf. Ein berühmter arabischer Theologie, sein Freund Ibn Hasm, polemisierte gegen ihn: “Ein Mann hat sich erhoben, der von Haß gegen unseren Propheten erfüllt ist … Seine verachtungswürdige Seele ist stolz auf ihren Reichtum; Gold und Silber, von denen sein Haus überlaufen, haben seine gemeinen Leidenschaften erregt. Er hat ein Buch geschrieben, um die im Koran enthaltenen Widersprüche zwischen den einzelnen Worten Gottes aufzuzählen … Der König möge sich doch trennen von diesen unreinen, übelriechenden, schmutzigen und verfluchten Menschen, denen Gott eine derart ehrlose Erniedrigung und eine solch schmutzige Demütigung auferlegt hat, wie sie sonst kein anderes Volk kennt. Ihr sollt wissen, daß die Kleidung, in die Gott sie hüllt, weit gefährlicher ist als der Krieg und der ansteckendste Aussatz.”34 Nach seinem Tod folgte Samuel ibn Nagrela sein Sohn Joseph ibn Nagrela 1058 nach. Die Familie erregte Neid in ihrer Umgebung, der Dichter Ishak von Elvira polemisierte scharf gegen Joseph: “Der Herr dieser Affen hat seinen Palast mit Marmorinkrustrationen ausgestattet; er ließ Fontänen einbauen, denen das allerreinste Wasser entspringt, und während er uns an seiner Pforte warten läßt, spottet er über uns und unsere Religion. Mein König, wenn ich sagen würde, er sei ebenso reich wie Sie, dann würde ich die Wahrheit sagen. Auf! Beeilen Sie sich, ihn zu erwürgen und ihn als Ganzopfer (Holocaust) zu schlachten ; opfern Sie ihn – er ist ein fetter Widder! Schonen Sie aber auch nicht seine Verbündeten; auch sie haben unermeßliche Schätze angehäuft…”35 1066 kam es zum ersten großen Pogrom in Europa gegen die Juden. Am 30. Dezember stürmte eine große Menschenmenge den Königspalast. Der jüdische Wesir Joseph ibn Nagrela wurde gekreuzigt. Etwa 4.000 Juden wurden ermordet.

Die Einstufung eines Juden als Affen ist direkt dem Koran entnommen.Hier heißt es: „Und als sie trotzig bei dem verharrten, was ihnen verboten worden war, da sprachen Wir zu ihnen:’Werdet denn verächtliche Affen’“ Sure 7:165. Mohammed konnte Spott nicht ertragen. 630 nach der Rückkehr nach Mekka besaß er zwei Singsklavinnen, die über den Propheten Spottlieder sangen. Mohammed ordnete deshalb an, unter anderem diese beiden zu töten. Die Ereignisse damals erinnern in manchem an die Vorgänge um die Mohammed-Kritik in Frankreich vor fünf Jahren. Am 2. Januar 2013 veröffentlichte die französische Satire-Zeitschrift “Charlie Hebdo” eine Comic-Biographie des Propheten Mohammed. Anfang März 2013 wurde der Chefzeichner des Magazins von einem Al Quaida-Zweig zur Fahndung ausgeschrieben. Ein Slogan war damals” Eine Kugel am Tag schützt vor Ungläubigen”.36 Bei dem Anschlag im Januar 2015 wurden zwölf Mitarbeiter der Zeitschrift hingerichtet. Die beiden Täter, die Brüder Kouachi, riefen Porolen wie “Wir haben den Propheten gerächt”. Ein Verbündeter der beiden, Amedy Coulibaly, überfiel zwei Tage später einen jüdischen Supermarkt und erschoß vier Geiseln. Er bekannte sich zum “Islamischen Staat”. Alle drei Attentäter wurden schließlich von der Polizei getötet. Schon 2005 war es nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten gekommen. Danach kam es vor allem in islamisch geprägten Ländern zu Demonstrationen und Ausschreitungen. Auf einer der Karikaturen war Mohammed mit einem Turban mit Bombe und brennender Lunte dargestellt worden. Eine Provokation gegen das Bilderverbot des Islam. Ende des Jahres kam es zu einer Strafanzeige wegen Blasphemie gegen die Zeitung. Initiatoren waren elf Vertreter islamischer Organisationen in Dänemark.

Die Nasridendynastie. Als Stammvater gilt Muhammad ibn al-Ahmar, der von einem in Jáen ansässigen Geschlecht abstammt.. Anfang des 13. Jahrhunderts wehrte er dort die Vorstösse der Kastilier ab. An einen Sieg gegen die Christen glaubte er nicht mehr. In einer Absprache mit Ferdinand III. von Kastilien erreichte er 1246, dass ein maurisches Reich im Süden akzeptiert wurde. Es sollte von Granada bis zur Meerenge von Gibraltar reichen und Granada als Hauptstadt haben. Als eigentliches Gründungsjahr des Königreiches gilt das Jahr 1238. Bis zur Blütezeit 1325 entwickelte sich ein militaristischer Feudalstaat.37 Danach kam die eigentliche Blütezeit unter Jussuf I. (1333 bis 1354) und seinem Sohn Mohammed V. (1354 bis 1391). Der islamische Einfluß wurde hergestellt von den banu al-Sarray und den banu Kumasa. Absolut herrschte der Sultan (König). Die Ratsversammlung bestand aus den einflussreichsten Persönlichkeiten des Königreiches. Der Gerichtshof bestand daneben. Der Etat des Reiches finanzierte sich aus der Direktbesteuerung sowie Abgaben für den Handel, die Bäder und Erbschaften. Gebäude im typisch islamischen Spiel waren die Medrese (Koranschule) und das Maristán (Krankenhaus). Auch der arabische Markt (Alcaiceria) ist dazu zu zählen!

Die Eroberung Granadas wurde von Isabella von Kastilien (Königin seit 1474) und Ferdinand von Aragon (König seit 1479) in die Wege geleitet. Möglicherweise spielte Kreuzzugsbegeisterung nach der türkischen Eroberung von Konstantinopel von 1453 eine entscheidende Rolle! Man fürchtete, dass der türkische Sultan auch Italien und Griechenland erobern könnte – mit Granada als eine Art Brückenkopf für weiteren Einfluß. König Abu’l Hassan von Granada begann 1481 den Krieg. Ein Jahr später begehrte sein Sohn Abd Allah gegen den Vater auf und rief sich selbst zum König aus. Schließlich nahmen die Christen Abd Allah gefangen und ermöglichten Ferdinand den Durchmarsch durch das Königreich. 1483 bis 1486 eroberten er und der Marqis von Cadiz die westliche Hälfte des Reiches. Ferdinand besetzte 1488/89 die Städte Baza, Almeria und Guadix. Granada kapituliere am 2. Januar 1492, vier Tage später zogen Ferdinand und Isaballa triumphal in die Stadt ein.38 Siedler wurden ins Land geholt wie schon zweihundert Jahre vorher in Cordoba und Sevilla. Die Könige regierten autoritärer als Ferdinand III. Die kirchlichen Ämter wurden von ihnen vergeben, die Städte an die Kandare genommen. Die Muslime verblieben in Granada mit garantierten Religions- und Besitzrechten.

Granada lässt noch in letzter Zeit die Phantasie einer arabischer Autorin blühen:” Warum hat die Alhambra eine Wirkung auf mich, die sie auf meine Freunde nicht hat?

Es gibt keinen Sieger außer Gott! Über jede Wand rankt sich ein feingearbeitetes Ornament. Die Arabesken winden sich empor und wieder hinab, durchbrechen und umflechten sich als Kette und Schuss, wie die Araber sie nannten, in vollkommener Harmonie. Genau wie Mann und Frau miteinander harmonieren, einander anziehen und sich voneinander trennen, oder wie die beiden Pole innerhalb eines Geschöpfs.Was machen diese Ornamente mit mir?…

Ich habe fast das Gefühl, als wimmelten durch mein zauberhaftes Granada Millionen von durchsichtigen Gespenstern.Am Eingang zum alten arabischen Viertel Albaicín empfangen mich die Geister der Mauren. Ich besuche es gern. Ich sehne mich danach, dort zu sein. Warum, weiß ich nicht zu sagen.

Meine Mutter sagt, es sind die Gene. Die Gene meines andalusischen Urahns. Wer weiß! Vielleicht haben ja auch die Gene mich bewogen, Arabisch zu lernen! Zeit genug hatten sie vermutlich, acht Jahrhunderte waren für diese ‚Gene‘ wohl genug, meiner Stadt ihre Spuren aufzuprägen.

Als ich Arabisch gelernt hatte, machte ich eine Entdeckung: dass nämlich von mir schon lange geschätzten Trubadoure, die Europa im zwölften Jahrhundert mit ihren Liebesgedichten berauschten und die bestehende kirchliche Strenge durchbrachen, nichts anderes waren als die Nachfolger der arabischen Dichter des elften Jahrhunderts! Nachfolger des Ibn Farazan und des Mutamid von Sevilla und derer, die als erste von der sogenannten platonischen Liebe schrieben.Selbst Wilhelm IX. von Aquitanien hatte auf seiner Orientreise diese Art der Liebesdichtung kennengelernt und entlehnte ihr seine Wörter und Rhythmen.

In jedem Geliebten offenbart sich für die Liebenden Gott. Deshalb können wir nur eine Person verehren, in der wir Göttliches sehen, sagt Ibn Arabi. Ist das eine eigens an mich gerichtete Botschaft?

Ich stehe auf dem zentralen Platz, beobachte zerstreut die Passanten und spüre bei den Einwohnern von Granada eine sonderbare, eine orientalische Hitze, ein heißes Temperament. Vor kurzem bin ich an der großen Kathedrale mitten im Viertel La Alcaicería vorbeigekommen. Beinahe kam es mir vor, als erblickte ich unter den Ornamenten der Kathedrale die Stadtmoschee, ihr gegenüber die Koranschule, und sähe die Bauarbeiter des 14.Jahrhundrets den Islamischen Palast für Yusuf I. errichten.

Ich bin keine Muslima. Mich treibt nicht die Religion.

Ich versuche meiner Mutter das Ganze zu erklären. Es sind Stimmen aus tiefsten Tiefen, die aus dem Unsichtbaren, Fernen, zu mir dringen, als kämen sie aus meinem Schlaf.

Nicht die Religion treibt mich. Es sind Leben, die durch die Ewigkeit reisen, Leben, die vergangen sind, wiedergekehrt und nochmals wiedergekehrt. Als sei der Körper nur ein ledernes Kleid, das das Leben umhüllt!

Das aus dem Norden anrückende Heer erschreckt mich, als gehörte ich den Nasriden an.

Ich fühle die Tränen des jungen Boabdil, die er an einem Tag im Moment Muharram des Jahres 897 der Hidschra angesichts der Mauern Granadas auf dem Pass über den Rihan-Berg vergossen hat. Als wäre es gestern gewesen, als seien nicht fünfhundert Jahre seitdem dahingegangen!

Ich sehe die Lippen von Boabdils Mutter zittern, während sie ihn so hart zurechtweist. Ich wache auf von den Heeren der Reconquista, die unter Führung Ferdinands und Isabellas in die Täler und Ebenen aussschwärmen.

Ich lese die Kapitulationsabkommen mitsamt seinen 67 Bedingungen.”39

Die Vertreibung der Juden 1492

Ein Höhepunkt antisemitischer Agitation wurde 1412 erreicht, als aufgrund des Wirkens von Vincent Ferrer in Valencia und des Conversos Bischof Pablo de Santa Maria, der Kanzler von Kastilien war, beschlossen wurde, dass Juden und Mauren Kennzeichnungsabzeichen tragen mussten. Sie durften keine Beamten mehr sein, keine Titel führen und ihren Wohnsitz nicht wechseln. Folgende Berufe durften sie nicht mehr ausüben: Lebensmittelhändler, Zimmerleute, Schneider und Fleischer. Das Waffentragen wurde ihnen verboten und die Anstellung von Christen.Auch durften sie mit Christen nicht sprechen.40

1473 fand in Cordoba ein großes Pogrom statt. Eine Prozession der Brüderschaft der “Wohltätigen”fordert dazu auf, sich auf die Juden zu stürzen. Anton de Montoro, ein bekehrter Jude und Dichter, nahm in einem Brief an Königin Isabella kein Blatt vor den Mund: “… Ich sprach das Credo, ich begehrte Töpfe mit fettem Speck, ich hörte die Messe und sagte mein Gebet; dann schlug ich das Kreuz und konnte doch nicht ausmerzen das Bild des getauften Juden … In großer Demut habe ich gehofft, habe den Rosenkranz der Passion geleiert … damit meine Schuld vergehe, doch den Namen des alten, des gemeinen Juden wurde ich nicht los …”41 Kurze Zeit später 1480 gab es schon Scheiterhaufen für Konvertiten. Alle Juden wurden aus den Diözesen Sevilla und Cordoba ausgewiesen. Drei Jahre später steigt Tomas de Torquemada zum obersten Inquisitor auf. Oberrabiner war Abraham Senior, oberster Richter und Finanzfachmann, der Geld für den Krieg gegen Granada für die katholischen Könige auftrieb. Am Hof hielt sich auch Isaak Abrabanel als Berater auf. Er war Schriftsteller, Philosoph und Talmudkenner und finanzierte die Ausrüstung der ersten Schiffe von Christoph Columbus.

Werfen wir eine Blick auf die Bevölkerung Kastiliens und Aragonines Ende des 15. Jahrhunderts. 1482 lebten dort etwa 9 Millionen Menschen. Etwa 0,8 Prozent der Bevölkerung gehörte zum hohen Adel und etwa 0,85 Prozent zum Stadtadel. Zusammen ergibt das 1,65 Prozent der Bevölkerung. Dieser Teil der Bevölkerung herrschte über 97 Prozent des Bodens.42 Das Jahreseinkommen der spanischen Kirche wurde in der damaligen Zeit auf 6 Millionen Dukaten geschätzt, das des Erzbischofs von Toledo auf 80.000 Dukaten.

Am 31. März 1492 wird die Vertreibung der Juden von Isabella und Ferdinand angeordnet. Die Zahl der Ausgewanderten bleibt umstritten. Nach Schätzungen betrug sie zwischen 165.000 und 400.000. Etwa 50.000 blieben im Lande.43 Wie ging es den Vertriebenen nach ihrer Flucht?Ein Betroffener schrieb dazu:“ Einige von ihnen wurden von den Türken getötet, die ihnen das Gold, das sie verschluckt hatten, um es zu verbergen, aus dem Körper holten. Manche kamen durch Hunger und Pestilenz um, und manchen wurden von den Kapitänen nackt auf Inseln im Meer ausgesetzt, andere als Diener und Mägde im Genua und den Vororten verkauft, umd manche wurden ins Meer geworfen.”44

Was waren die Gründe der Vertreibung?Nach Einschätzung eines Historikers”war sie ein Versuch des feudalistischen Adels, jene Elemente des Mittelstandes, die ihrer Vorherrschaft im Staat bedrohlich wurden, auszuschalten. Es war die Weigerung der alten Stände, sich mit dem wachsenden Einfluß jener Bevölkerungsgruppen abzufinden, die den Geldverkehr und den Handel in den Städten beherrschten, eine Reaktion, die sich bereits seit dem frühen 14. Jahrhundert vorbereitete, als die durch die christlichen ‚Wiedereroberungen‘ des 13. Jahrhunderts gefährdete Koexistenz der verschiedenen Volksgruppen auf der Halbinsel zu Ende ging.”45 Die Vertreibung der Juden war aber ein so großer finanzieller Aderlaß, dass die Goldzufuhren aus den eroberten Gebieten Südamerikas nötig waren, um ihn auszugleichen. Die Grabinschrift Ferdinands weist allerdings auch einen religiösen Alleinvertretungsanspruch hin, der absolut intolerant ist: „Die Vernichter der Mohammedanischen Sekte und Auslöscher der ketzerischen Falschheit, Fernando von Aragón und Isabella von Kastilien Gemahl und Gemahlin, allerseits die Katholischen geheißen, umschließt dieses marmorne Grab.“ 46

Die Conversos waren als Wirtschaftsfaktor nicht zu unterschätzen. So waren es Luis de Santangel und Gabriel Sánchez, die die erste Reise von Columbus finanzierten. Möglicherweise stammte Columbus aus einer Familie von Conversos. Ökonomisch waren die Conversos besonders in Aragonien präsent – sie besetzten die fünf bedeutendsten Posten im Königreich am Ende des 15. Jahrhunderts.

Die Mauren nach 1492

Nach der Kapitulation von Granada wurde den Mauren zugesichert (von Ferdinand uns Isabella), dass sie die muslimische Religion unbehindert ausüben können.1499 wandte sich Kaardinal Ximénez davon ab, indem er dazu überging, die maurische Bevölkerung zur Übernahme des christlichen Glaubens zu zwingen. Am 18. Dezember 1499 ließen sich 3.000 Muslime von ihm taufen. Eine der großen Moscheen in Granada wurde in eine christliche Kirche umgewandelt.Danach kam es zu einem Aufstand in Granada.47 Die Regierung war mit der Vorgehensweise des katholischen Kardinals einverstanden, es kam zu Massentaufen in Granada. Die Bewohner bevorzugten dies gegenüber der Deportation nach Afrika. Durch die Eile fand eine religiöse Unterweisung kaum statt. Die Unangepassten flohen in die Berge und leisteten bewaffneten Widerstand. Dieser Aufstand wurde niedergeschlagen. 1501 wurde behauptet, das Königreich Granada sei ein Reich der christlichen Mauren – Moriscos genannt- geworden. 1502 ließ Königin Isabella einen Befehl, der den in Kastilien weilenden Mauren die Wahl zwischen Taufe und Vertreibung ließ. Die Mehrheit- Mudéjares – ließ sich taufen. Eine Auswanderung wurde unmöglich gemacht. Die Situation der Morisken war in Valencia besonders schlimm – sie bildeten ein ländliches Proletariat. Ihre einzige Einnahmequelle war die Landbestellung- Geistliche, Soldaten, Ärzte, Rechtsanwälte und Steuereinnehmer durften sie nicht werden. Vergleichbar war die Situation mit der der Schwarzen in den Südstaaten der Vereinigten Staaten. 1526 gelang es den Moriscos nach einer Reihe Autos de fe (Verbrennungen), mit dem König und dem Großinquisitor einen geheimen Vertrag abzuschließen, daß sie (die moriscos) vierzig Jahre vor Verfolgung geschützt seien, falls sie sich der Zwangstaufe unterzögen. Die Vereinbarung wurde zwei Jahre später bekannt gegeben. Besonders wirksam war das nicht. Die Inquisition legte das so aus, dass sie in maurische Sitten zurückkehrenden Bekehrten den Prozess machen dürfe.

1526 wurde der Sitz der Inquisition von Jaén nach Granada verlegt. Neue Verordnungen verboten den Moriscos, arabisch zu sprechen, ihre ursprüngliche Kleidung zu tragen und arabische Namen tragen. Gegen Bezahlung konnten die Moriscos eine Aufhebung dieser Schriften erreichen, die aber nicht sehr wirksam war. 1567 gab es ein neues Edikt,das die Sprache und die Bräuche der Moriscos verbot. Da auch andere kulturelle Eigenarten verboten wurden, kam 1568 eine Revolte im Bergland der Alpujarras aus, der die Heerführer Philipps II. bis 1570 beschäftigte.

In Aragonien wehrten sich die Gutsherren dagegen, dass die Inquisition von den Moriscos Land konfiszierte zum Schaden der feudalen Besitzer. 1571 kam es zu einem Kompromiß, in dem das Tribunal der Inquisition sich bereit erklärte im Gegenzug für 2.500 Dukaten das Eigentum der der Ketzterei angeklagten Moriscos nicht zu konfiszieren und zu beschlagnahmen. Aufatmen konnte die Inquisition wegen geregelter Einnahmen und die Gutsherren, denen Ländereien, die sie an die Moriscos verpachtet hatten, erhalten blieben.48

1596 lebten in Andalusien und Toledo 20.000 Moriscos, deren Einkommen 20.000 Dukaten überstieg. Es existierte eine Angst, die Moriscos könnten die Türken unterstützen, die auch nach dem Seesieg bei Lepanto 1571 nicht überwunden wurde. 1580 entdeckte man in Sevilla eine Verschwörung von Moriscos. Sie wollten eine Invasion von Moriscos unterstützen. 1602 konspirierten die Moriscos mit Heinrich IV. von Frankreich, 1608 waren die Moriscos von Valencia an der Reihe, indem sie sich an die Araber in Marokko um Hilfe wandten. Die Vertreibung der Moriscos von 1609 bis 1614 geschah auf dem Landwege und zur See. Insgesamt waren 275.000 der etwa 300.000 Moriscos in Spanien betroffen. Die Folgen waren katastrophal, vor allem in Valencia. Die Produktion von Weizen und Zuckerrohr nahm ab. Mit den Moriscos verschwand ein Großteil der arbeitenden Landbevölkerung. Der Landadel gewann durch die beschlagnahmten Äcker der Moriscos noch Land hinzu. Der Mittelstand musste Verluste durch den Wegfall der Pacht für das bestellte Land der Moriscos hinnehmen. Der Adel weigerte sich jedoch, den Pachtzins zu zahlen. Die Sparkasse von Valencia ging 1613 bankrott.49 Cervantes rühmte die Vertreibung der Moriscos durch Philipp III. indirekt in einem seiner Stücke, für Kardinal Richelieu war die Tat barbarisch. Die Vertreibung der Moriscos war eine kastilische Lösung. “Rasse” und “Ehre” – limpieza de sangre – hatten sich durchgesetzt.

Die Gründung der Inquisition 1480 beförderte das Prinzip der “Reinheit des Blutes” “limpieza de sangre”. Tausende heimlicher Juden wurden ketzerischer Bräuche bezichtigt und verbrannt. Die Conversos sollten von allen einflußreichen Posten ausgeschlossen werden. 1483 verfügte der militärische Orden von Alcantra, dass alle Abkömmlinge von Juden und Mauren nicht aufgenommen werden. 1501 erließen die katholischen Majestäten zwei Verfügungen, wonach es Kindern durch die Inquisition verbotener Personen verboten war, Ehrenämter zu bekleiden oder eine Reihe renommierter Berufe zu ergreifen.

Viele Spanier waren stolz, Altchristen zu sein. Ein adliger Begriff von Ehre verachtete körperliche Arbeit. Den Juden und Mauren mussten nach dieser Begrifflichkeit mit verachteten Stellungen bedacht werden. Die Juden wurden als gefährliche Minderheit angesehen. Sie galten als reich und begabt. Die Ehre der Religion konnte nach Auffassung von Altchristen nur gehalten werden, wenn der Stammbaum judenfrei war.Andererseits war bis ins 16. Jahrhundert bekannt, dass führende Familien in Aragon und Kastilien von Conversos abstammten. Dem sollte Einhalt geboten werden.50 Das erste Domkapitel war 1511 das von Badajoz, das die limpieza-Vorschrift in die Statuten aufnahm, 1515 folgte das von Sevilla.

Ronda Arena

Stierkampf-Arena von Ronda

Ronda (ca.36.000 Einwohner)

Hier gründete der römische General Scipio Aemilianus 139 vor Christus den Ritterorden “Legio Arundensis”. Damals wurde die Burg Laurus gebaut. Sertorius zerstörte sie und die Stadt im Krieg gegen Pompeius. 45 vor Christus wurde ein Altar gebaut, wo heute die Kirche “Heilige Maria der Fleischwerdung” steht – der Grund war der Sieg des Caesar über die Pompeius-Söhne. Die Muslime eroberten die Stadt 713 – über den Ruinen sollte die neue Stadt Izna- Rand-Onda gebaut werden. Sie wurde zur Hauptstadt von Tacaroma, einem der fünf Bezirke, in die der Süden Andalusiens unterhalb der Provinz Sevilla unterteilt war.

Ronda Park

Park von Ronda

Im 13.Jahrhundert rief der Nasriden-König Mohamed II. – durch das christliche Vorrücken im Süden Spaniens alarmiert- die nordafrikanische Mariniden- Dynastie zu Hilfe. Ronda kam in ihren Einflußbereich. 1295 wurde Ronda wieder unabhängig- kam nach erneutem Einfluss der Mariniden 1340 wieder in den Machtbereich Granadas – bis 1485. Die Stadt erhielt in diesem Jahr das Recht, sich nach eigenen Gesetzen zu regieren. Im 18. Jarhundert spielte die Viehzucht in Ronda eine entscheidend neben dem Bergbau. Wichtig war der Handel mit Gibraltar. Repräsentative Bauten entstanden die “Alte Brücke”, die “Kirche des Beistands”und die “Kirche der heiligen Cecilia.”

1808 bestieg auf Druck Napoleons sein Bruder Joseph Bonaparte den spanischen Thron. Im Februar 1810 marschierten seine Truppen in Ronda ein und blieben zwei Jahre– sie sprengten, als sie abzogen, die Burg und Teile der Stadtmauern. Drei Jahre später erlangte Spanien seine Unabhängigkeit zurück.51

Bekannt war im 19. Jahrhundert auch das andalusische Räuberwesen. El Tempranillo (1805 bis 1833) ist der bekannteste Repräsentant. Er galt als edler Räuber, der sich für die Benachteiligten einsetzte. Angeblich raubte er an einem Morgen bis zu 110 Reisende aus, was wahrscheinlich übertrieben52 ist. Die Eisenbahn wurde 1891 eingeweiht.1909 wird die Sparkasse gegründet. In den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wanderte fast die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung ab.

Bedeutend ist in Ronda die älteste Stierkampfarena überhaupt von 1784. 1785 trat der legendäre Pedro Romero auf. Eigentümer war das “königliche Korps der Ritterschule”, das von König Philipp II. gegründet wurde. Das Bogenwerk der Arena weist 136 toskanische Säulen auf. Das Fassungsvermögen beträgt 5.000 Plätze, der Durchmesser ist 66 Meter. Pedro Romero (1754 bis 1844) tötete fast 6.000 Stiere und war Gründer der rondesischen Schule. Spektakuläre Besucher Rondas waren Orson Welles und Ernest Hemingway. Ein weiterer berühmter Stierkämpfer dieser Zeit war Antonio Ordonez. Beachtlich ist das Stierkampfmuseum in der Arena. Heute sieht man den Stierkampf vom Tierschutzstandpunkt eher kritisch.

Nicht weit von der Arena entfernt ist die Ecclesia Del Socorro, 1709 erbaut. Die aktuelle Kirche wurde 1956 vollendet, Im Giebelfeld der Fassade ist das kaiserliche Wappen zu sehen. Das Kasino an diesem Platz ist im Jugendstil erbaut.53 Besonders markant am Stadtbild ist die Neue Brücke, die 1793 fertig wurde. Die Vorgängerbrücke stürzte 1741 ein. Daneben stehen pittoresk “hängende Häuser” über dem Tajo.

Cadiz Kathedrale

Kathedrale von Cadiz

Cádiz hat heute 123.000 Einwohner. Ein phönizisches Gräberfeld ist im Museu de Cádiz zu besichtigen.Auch die Römer nutzten die Stadt als Nekropole. In der Nähe lag die Stadt Baelo Claudia, 17 Kilometer nordwestlich von Tarifa in Richtung Cádiz. Dort steht heute eine Kopie der Statue des römischen Kaisers Trajan (98 bis 117 nach Christus). Der Ort wurde im 2. Jahrhundert vor Christus gegründet.54 Eine beeindruckende Grünanlage in Cádiz ist der Park Genovés, ein Botanischer Garten aus dem 19. Jahrhundert.55 Der Gartenarchitekt dieses Parkes hieß Gerónimo Genovés i Puig. 1892 wurde die Neugestaltung vorgenommen.

Ein barockes Bauwerk ist die Kathedrale von Cádiz. Der Bau wurde 1772 begonnen und 1838 vollendet. Der Innenraum ist unglaublich groß (85 Meter lang, 60 Meter breit und 52 Meter hoch). Das Chorgestühl ist aus Mahagoniholzwurde schon 1702 gerschnitzt. In der Krypta befindet sich unterhalb des Meeresspiegels das Grab des Komponisten Manuel de Falla. Der östliche Uhrturm kann bestiegen werden.

Jerez de La Fronterea (211.000 Einwohner)

Von 711 bis 1264 war die Stadt in maurischer Hand. Nach der Eroberung durch Alfons X. von Kastilien war Jerez Grenzstadt zwischen christlichem und maurischem Territorium. Die arabische Bezeichnung für die Stadt war Sherrish. Daraus leitete sich die Bezeichnung des Weines “Sherry” ab. Diesem Wein ist ein eigenes Museum gewidmet (das “Misterio de Jerez”), das die Geschichte der Sherryproduktion beleuchtet. Der Alcázar stammt aus der Almohadenzeit (12. Jahrhundert). Im Inneren finden sich Reste arabischer Bäder und eine Moschee.

Malaga

Friedenstaube Malaga

Malaga (570.000 Einwohner)

Die Stadt wurde im 8. Jahrhundert vor Christus von den Phöniziern gegründet. Im 3. Jahrundert vor Christus kam die Stadt in den römischen Machtbereich. Etwas 83 nach Christus bekam die Stadt unter Kaiser Domitian das flavische Stadtrecht. Ein römisches Theater zeugt von dieser Zeit.In der Völkerwanderungszeit gehörte die Stadt zur Provinz Baetica. 616 kam die Stadt von den Oströmern an die Westgoten. 711 ging die Herrschaft an die Mauren über, die die Schlacht gegen die Westgoten bei Jerez gewonnen hatten.

Hier wurde 1881 Pablo Picasso geboren, genau genommen am 15. Oktober in der Plaza de la Merced Nr.15. Es folgten noch zwei jüngere Schwestern.- Sein Vater war Lehrer für Malerei an der städtischen Kunstschule, seine Mutter stammte aus einer Künstlerfamilie. Die Stadt trug lange Zeit den Namen “Perle des Mittelmeeres”. Landwirtschaftliche Produkte waren vor allem Wein und Obst. Die Industrialisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachte vor allem Textilproduktion und Hochöfen für die Erzeugung von Roheisen.56 10 Jahre nach seiner Geburt verließ Picassos Familie Malaga und zog nach A Coruna. 1895 siedelte die Familie nach Barcelona über. Pablo besuchte Malaga zum letzten mal 1900 – er besuchte seinen Freund Carlos Casagemas. Frühe Themen seiner Malerei waren der Taubensport und der Stierkampf, den er in der Arena La Malagueta kennen gelernt hatte. Selbst in “Guernica”, seinem Bild von 1937, ist ein Stier zu finden. Sein Vater war ein leidenschaftlicher Taubenzüchter. Das Interesse an diesem Vogel übernahm Pablo.

Unweit der Stadt liegt der Ausgangspunkt der Reise

Torremolinos

Torremolinos

Torremolinos (68.000 Einwohner)

Hier beginnt die klassische Costa del Sol. In den 70er Jahren des vergangenen Jarhunderts wurde eine klassische Ferienstadt aus dem Boden gestampft. In der Hochsaison sind hier Zehntausende Urlauber. Ältere Stadttteile sind La Carihuela (Fischersiedlung) und El Bajondillo (typisches andalusisches Dorf). In den Botanischen Garten ist eine Museumsmühle einbezogen.57 Torremolinos‘ Mühlengebäude erreichte Berühmtheit dadurch, dass 1926 König Alphons XIII. und seine Frau Victoria Eugenia hier übernachteten.

El Cid eigentlich Rodrigo Diaz de Vivar (1045 oder 1050 bis 1099)

Er war der Sohn eines kastilischen Kleinadligen. Das Dorf Vivar al Cid liegt in der Nähe von Burgos. Belegt ist der Geburtsort nicht. Die Bezeichnung Meo Cidi (Mein Herr) taucht erst 50 Jahre nach seinem Tod auf. Er war der Gefolgsmann König Sanchos II. von Kastilien und königlicher Bannerträger. Sancho wurde 1072 während der Belagerung Zamoras ermordet.

Das Zerwürfnis mit dem kastilischen König rührte daher, dass sich Rodrigo Diaz 1072 weigerte, Alfonds VI. den Treueeid zu leisten, es sei denn, der König würde dreimal auf die Bibel schwören, dass er nicht an der Ermordung seines Bruders Sancho beteiligt gewesen sei. Die Historizität ist umstritten.

Nach der schweren Niederlage der nordspanischen Christenreiche gegen das Heer der berberischen Almoraviden unter Yusuf ibn Taschfin in der Schlacht bei Sakkala (Zallaqa) kam es ab 1086 zur zeitweiligen Annäherung zwischen dem Cid und Alfons VI. von Kastilien und Leon, der ein Jahr vorher Toledo eingenommen hatte. Alfons VI. hatte Rodrigo aus Kastilien verbannt. Dieser fand Asyl bei dem maurischen Herrscher von Saragossa, Al Mutamin.58 Hier wird schon klar, dass es einen klaren Kampf Christen gegen Muslime nie gab, sondern wechselnde Bündnisse wurden geschlossen. “Spanien war Ende des 11. Jahrhunderts ein unglückliches, zerrissenes Land. Im Norden kämpften die christlichen Königreiche Kastilien, Aragón und Navarra gegeneinander. Im Süden, „al-Andalus“ genannt, hielten es die arabischen Emirate von Granada, Toledo, Valencia, Cordoba und Saragossa nicht anders. Jeder kämpfte gegen jeden, nicht nur Mauren gegen Christen, wie häufig angenommen wird.”59 Nicht selten kämpften christliche Ritter für muslimische Potentaten, die gut zahlten. Ein anderer kämpfte für die Muslime, weil er in die Verbannung geschickt worden war, so Graf García Gómez von Carrión. Er fiel in Diensten Sanchuelos, des Kämmerers des Kalifats von Cordoba. Ende des 12.Jahrhunderts kämpfte Pedro Fernández de Castro für die Almohaden. 1194 traf er eine Übereinkunft mit ihnen und kämpfte für sie 1195 in der Schlacht bei Alarcos, in der Alfons VIII. von Kastilien geschlagen wurde.60

Der arabische Historiker Ibn als Hatib(1313 bis 1374), der die Ereignisse um El Cid beschreibt, meinte über ihn: “In seiner Gegenwart soll man auch islamische Werke erörtert und Biographien berühmter Araber vorgelesen haben; …”61

Etwa ab dieser Zeit übernahm Rodrigo nach jahrelanger Belagerung das formal mit Kastilien verbündete maurische Fürstentum Valencia. Ab 1089/90 wurde es zum Bollwerk gegen die anstürmenden almoravidischen Kräfte. 1092 wurde Valencia vorübergehend von almoravidischen Truppen besetzt, Rodrigo nahm die Stadt am 15. Juni 1094 ein und schlug das Entsatzheer der Almoraviden kurze Zeit später in der Schlacht von Cuarte. Er stützte sich auf die anti-almoravidische Partei unter den muslimischen Stadtbewohnern sowie die kleinere Gruppe der Mozaraber. Er beherrschte das Königreich bis zu seinem Tod am 10. Juli 1099 als oberster Richter und Herr. Dabei gelang ihm zunächst noch die erfolgreiche Verteidigung gegen die vorrückenden Almoraviden, die er 1097 unter Mithilfe von König Peter I. von Aragonien in der Schlacht bei Bairen nochmals schlug. Die Siege von Cuarte und Bairen errang Rodrigo ohne Billigung des Königs. Die Almoraviden waren nicht unbesiegbar – das bewies Rodrigo.

Rodrigos Sieg für die Christen war nicht von Dauer. Schon wenige Jahre nach seinem Tod wurde die Stadt endgültig von den Almoraviden beherrscht.

Der Stoff des Cid fand schon frühzeitig literarische Beachtung. Eine bedeutende Bearbeitung des Stoffes vollbrachte Pierre Corneille (1606 bis 1684) 1636/1637. Liebe und Ehre stehen sich in dem Stück gegenüber. Die Junge Adelige Chimene liebt Rodrigo wie die Infantin. Einer Ehe steht zunächst nichts im Wege. Rodrigo tötet den Vater von Chimene, Don Gomez, als Reaktion auf eine Beleidigung seines Vaters Diego. Aus Gründen der Ehre verlangt Chimene gegenüber dem König die Bestrafung des Mörders. Um der Ehre seines Vaters willen steht Rodrigo zu seiner Tat. Dieser weist Rodrigo an, Sevilla gegenüber den anstürmenden Mauren zu verteidigen. Rodrigo erweist sich als großer Held und erringt einen überwältigenden Sieg – zwei Könige der Mauren werden gefangen genommen. Don Ferdinand heißt der spanische König in dem Stück. Er verleiht ihm den Ehrennamen El Cid (der Herr). Durch seinen kühnen Sieg sieht er Rodrigos Schuld gegenüber Gomez gesühnt. Chimenes Ehrenbegriff läßt nicht locker – auch jetzt will sie noch Rache für den Mord an ihrem Vater. Der König vermittelt einen Zweikampf zwischen Rodrigo und Don Sancho. Auch er liebt Chimene. Dem Sieger winkt die Ehe mit Chimene. Rodrigo gewinnt und schont den Gegner. Er läßt den König beschließen, was er tun soll. Don Ferdinand möchte, dass er erneut gegen die Mauren zu Felde zieht. Seine Worte beschließen das Drama: “Auf deinen Muth hoff‘ und auf mein Versprechen. Da der Geliebten Herz dein, überlaß Ihre Bedenken zu zerstreu’n der Zeit und deiner Tapferkeit und deinem König!”

Die unmittelbare Quelle des Stückes ist “Mocedades der Cid” von Guillém de Castro. Corneille war der Begründer des klassischen französischen Dramas. Dominant ist das Primat der Ehre, somit wirkt ein Ehrenmord aus Beleidigung zündend. Mit Pathos begründen die Personen ihre Handlungen.62 Die positive Darstellung eines Duells unter Männern gefiel Kardinal Richelieu, der dies kurz vorher verboten hatte, nicht.

Zusammenfassung

Kommen wir abschließend auf wirtschaftliche Entwicklungen zu sprechen. Der Ackerbau erfährt nach der islamischen Eroberung starke Förderung durch den Bau von Entwässerungsanlagen. Aus dieser Zeit stammen die andalusischen Gärten, “huertas” genannt und durch Schöpfräder bewässerte Kulturen an den großen Flüssen, die “norias”. In den Bergwerken wurden Silber, in geringem Umfang Gold sowie Eisen, Zinn und Quecksilber gefördert. Zudem gab es Edelsteinbrüche und Korallenfischereien. Neben Cordoba, dem Sitz der Großen Moschee bringt der Handel das Wachstum großer Häfen mit sich. So mausert sich Alméria an der Südostküste zum Zentrum. Mitte des 10. Jahrhunderts entstand hier die Seerepublik Pechina.63

Auf den Herrscher von Al Andalus, Emir genannt – was Kommandant und Gouverneur bedeutet- folgte im 10. Jahrhundet der Kalif Abd ar-Rahman III., der sich durch diesen Titel von der Fatimiden-Dynastie im Maghreb abgrenzte. Überragende Bedeutung nahm in Al Andalus der Kämmerer, “hagib” genannt – einer, der eigentlich zur Dienerschaft des Herrschers gehörte. Er konnte unter einem schwachen Herrscher zu großer Bedeutung heranwachsen. Ein bedeutender “hagib” war Almansor (auch Al Mansur- 971 -1002), der am Ende des 10. Jahrhunderts der eigentliche Herrscher im Kalifat von Cordóba war. Vergleichbar ist er mit den karolongischen Hausmeiern, die im 8. Jahrhundert nach Christus die eigentliche Macht im Merowingerreich innehatten. 1031 traten die Omajaden ab, es kam zur Errichtung kleineren Herrschaften, Regionalkönigtümer oder Taifas. Sevilla, Granada und Valencia blühten auf. Die einen strengen Islam praktizierenden Almoraviden herrschten in Al Andalus von 1046 bis 1147. Die Eroberung Marrakeschs 1147 durch die Almohaden beendete die Dynastie. Die Schlacht von Las Navas de Tolosa ist nach der gleichnamigen Burg im Norden der heutigen spanischen Provinz Jaén benannt. Hier besiegte im Juli 1212 ein Bündnis der christlichenn Königreiche Kastilien, Aragón, Portugal und Navarra unter Führung von König Alfons VIII. von Kastilien die Almohaden unter Kalif Muhammad an-Nasir. Eine arabische Chronik beschreibt stellvertretend für viele Schlachten die schrecklichen Ergebnisse der Schlacht: “Da gab es so viele Tote, daß man vor lauter Leichen nicht vorwärts konnte und wenn jemals die Mauren den Christen Schmach zugefügt hatten, so wurde es ihnen an diesem Tag gehörig vergolten.”64 Dadurch war die Almohadenherrschaft langfristig geschwächt, so daß sich schon im 13. Jahrhundert der Sieg der christlichen Rückeroberer andeutete.

Die Einkünfte im Kalifat von Cordóba waren wahrscheinlich höher als die gesamten Staatseinkünfte der lateinischen Christen und waren einer guten Organisation von Ackerbau, Handel undd Gewerbe geschuldet.65 Die volle Kultfreiheit wurde den nichtmuslimischen Religionen zugestanden. Die von den Westgoten unterdrückten Juden standen der muslimischen Eroberung teilweise positiv gegenüber. Manchen Christen gelang der Aufstieg, Mischehen zwischen Muslimen und Christen waren möglich. Die Kirche war allerdings nicht frei, ihr Grundbesitz war größtenteils eingezogen worden. Bei den Kampfhandlungen wurden viele Kirchen zerstört, ein Neubau war untersagt. Kritik von muslimischen Theologen an christlichen Dogmen war möglich, für Christen war es besser, zu schweigen.

Im 14. Jahrhundert wirkte der Islam anziehend auf Christen. Muslime gab es in dieser Zeit in Granada etwa 200.000, fast nur zum Islam bekehrte ehemalige Christen, eine Zeichen, dass muslimische Herrscher als toleranter eingestuft wurden. Toleranz, wie sie heute in westlichen Demokratien üblich ist, gab es in al-Andalus allerdings nicht. Ein Eroberungskrieg von Mauren war nicht selten. Ihre Herrschaft war milder, sowie kulturell und wirtschaftlich höher entwickelt als im christlichen Europa. Letztendlich ersetzte eine katholische Tyrannei die maurische Herrschaft. Juden, Marranen (zum Christentum konvertierte Juden) wurden vertrieben und verfolgt. Die Vertreibung von 300.000 Mauren aus Spanien war ein gigantisches wirtschaftliches Desaster. Der Geist und die Realität der Inquisition schufen eine bleierne Zeit, die der Marqués von Gondomar in einem Brief an Philipp III. im Jahre 1619 folgendermaßen beschrieb:” Die Entvölkerung, die Armut, das Elend des heutigen Spanien sind derart, dass die Fremden berichten, das Reisen sei schwieriger und unbequemer als in irgendeinem verlassenen Land Europas, denn es gebe weder Betten, noch Herbergen, noch Mahlzeiten, und das infolge der zahlreichen Steuern und Bedrückungen, die auf Ihren Untertanen lasten… In Spanien leisten mehr als fünf Personen auf sechs nichts für den Handel und die Erhaltung des menschlichen Lebens, während in England und in Holland auf hundert Menschen nicht einer müßig geht. Die aus Amerika gekommenen Schätze haben Verheerungen zur Folge gehabt, das Land zugrunde gerichtet und die Arbeit getötet.”66 Die vielen Vertreibungen haben das Land ruiniert.

1Léon Poliakov, Geschichte des Antisemitismus, Bd. III. Religiöse und soziale Toleranz unter dem Islam, Worms 1979, S. 87

2Editorial Fisa Escudo de oro (Hrsg.), Moschee-Kathedrale von Córdoba, o.O. o.J.

4Vg. Hermann Schreiber, Halbmond über Granada. Acht Jahrhunderte maurischer Herrschaft in Spanien, Bergisch Gladbach 1980, S. 121 f.

5Ebd., S.123

6Béatrice Leroy, Die Sephardim. Geschichte des iberischen Judentums, Frankfurt am Main 1991, S. 28

8Beatrice Léroy, a.a.O., S.30 f.

9Léon Poliakov, a.a.O., S. 92

10Schreiber, a.a.O., S. 185

11Ebd., S. 188

12Vgl. Hermann Schreiber, a.a.O., S. 198

13Editorial Fisa Escudo de oro (Hrsg.), Moschee-Kathedrale von Córdoba, o.O. o.J., S. 10

15Derek W. Lomax, Die Reconquista. Die Wiedereroberung Spaniens durch das Christentum, München 1978, S.244

16Derek W. Lomax, Die Reconquista. Die Wiedereroberung Spaniens durch das Christentum, München 1978, S.281

17Ebd., S. 108 f.

18 Ebd., S. 112

20 Léon Poliakov, Geschichte des Antisemitismus -IV. Die Marranen im Schatten der Inquisition, Worms 1981, S. 10

21Ebd.

22Ebd., S. 12

23Vgl. ebd. S. 13

24Ebd., S. 14

25Béatrice Leroy, a.a.O, S. 83 f., Dichtung übersetzt von Frederica Pauli – Übersetzerin dieses Buches ins Deutsche

26Ebd., S. 85

27Ebd. S. 86

28Heinrich Graetz, Volkstümliche Geschichte der Juden – Bd. II, Köln 2000, S. 318 f.

29Vgl ebd., S. 320 f.

30Vgl ebd., S. 324 f.

31Ebd., S. 328

34Léon Poliakov, Religiöse und soziale Toleranz unter denm Islam, a.a.O. S. 93 f.

35Ebd., S. 95

37Vgl. Aurelio Cid Acedo, Die Alhambra -Aus der Nähe betrachtet, Granada o.J., S. 21

38Vgl. Lomax, a.a.O., S. 263

39Rosa Yassin Hassan, Wächter der Lüfte, Köln 2016, S. 297 ff.

40Henry Kamen, Die spanische Inquisition. Verfolgung und Vertreibung, München 1980, S. 24

41Béatrice Leroy, a.a.O., S. 98

42Vgl. Henry Kamen, a.a.O., S. 10

43Vgl. Henry Kamen, a.a.O. S. 29

44Ebd., S. 30

45Ebd., S. 13

47Vgl. Henry Kamen, a.a.O., S. 110 f.

48Vgl. Henry Kamen, a.a.O., S. 115

49Ebd. S. 119 f.

50Vgl. Henry Kamen, a.a.O. S. 124

53José Páez Carrascosa, Ronda aus der Nähe betrachtet, Ronda o.J., S.68 f.

55Oliver Breda, Susanne Lipps, Andalusien, Ostfildern 2017, S. 198 ff.

56Vgl. Francoise Docquiert, Museo Pablo Picasso Málaga, Malaga 2018, S. 6

57Vgl. Ebd., S. 110 f.

59Vgl. Spaniens Ritter, den die Mauren „El Cid“ nannten, in: Die Welt vom 9.1.2016

61Hermann Schreiber, a.a.O., S. 288

62Vgl. Wikipedi Le Cid

Otto Zur Nedden und Karl Ruppel (Hrsg.), Reclams Schauspielführer, Stuttgart 1968 (10.Auflage), S. 185 f.

63Claude Cahen (Hrsg,), Weltbild Weltgeschichte Band 14, Der Islam I – Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches, Augsburg 1998, S. 233

64Vgl. Hermann Schreiber, a.a.O., S. 301

66Ebd.


Die Kreuzzüge, lange vorbei und doch aktuell

Amin Maalouf, Der Heilige Krieg der Barbaren. Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003, 300 Seiten, 12,50 Euro

Hans Wollschläger, Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem, Diogenes Verlag, Zürich 1973, 254 Seiten

Hans-Jürgen Kotzur (Hrsg.): Kein Krieg ist heilig – Die Kreuzzüge, Mainz 2004

Steven Runciman, Geschichte der Kreuzzüge, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003 (4.Auflage),  1338 Seiten, 24,50 Euro

Als Ausgangspunkt des permanenten Kreuzzugsgeistes, der christliche wie islamische Politiker durchdringt, nimmt der Autor Maalouf, ein arabischer Christ aus dem Libanon, die Aussage von George W. Bush nach dem 11. September 2001, wonach ein „Kreuzzug“ gegen den Terrorismus nötig sei. umgekehrt bezeichnen Islamisten Amerikaner und Westeuropäer als „Kreuzritter“, die man mit allen Mitteln bekämpfen müsse. Die „barbarischen Invasoren“ erschreckten die Araber zweihundert Jahre (1096 bis 1291) bis ins Mark. Die erste Schilderung widmet der Autor der Eroberung Jerusalems am 15. Juli 1099, als die Franken nach einer vierundvierzigtägigen Belagerung in die Stadt eindringen. Überlebende Flüchtlinge berichten in Bagdad von den Massakern der Christen, die Zehntausende Moslems hinschlachteten, die Juden in ihrer Synagoge verbrannten und kaum einen entfliehen ließen. 

Wie war es zu diesem ersten Kreuzzug gekommen, der für die Einwohner Jerusalems so tödlich endete? Die christlichen Pilger fühlten sich im heiligen Land nicht mehr sicher. Der byzantinische Kaiser Alexios schilderte 1088 dem Grafen Robert von Flandern eine Reihe von Scheußlichkeiten der Seldschuken, mit denen sich christliche Pilger herumschlagen mussten. Ende 1095 rief Papst Urban II. zum Kreuzzug auf. Wer mitzuziehen bereit war, dem wurde vollständige Sündenvergebung in Aussicht gestellt. Wählerisch war der Papst nicht: “ Mögen denn alle, die früher nur Räuber waren, nun Christi Soldaten werden; möge, wer Söldling sonst war um nur geringen Lohn, jetzt die ew’ge Belohnung gewinnen … Hier werden die Traurigen sein, die Armen, dort aber die Fröhlichen, Reichen; hier Gottes Feinde, dort aber seine Freunde …“ „Gott will es!“ war danach der Schlachtruf des Konzils. Ein leuchtendes Kreuz hefteten sich die Versammelten auf die rechte Schulter. Bald danach erschienen Excitatoria, bebilderte Agitationsschriften für Alphabeten und Analphabeten. Als erstes traf es eine Gruppe der Ungläubigen, die es schon häufig erwischt hatte, die Juden. „Es war dieses Jahr aber ein Jahr der Trübsal für die Kinder Jakobs, und sie wurden zum Raube gegeben in den Landen der Unbeschnittenen und in allen Städten, dahin sie zerstreut waren worden. Und es kam über sie viel Elend und Verwüstung, wie sie geschrieben stehen im Gesetz Moses und nicht können beschrieben werden in einem Buch.“ So fasst die Zustände Ekkehard von Aura in einem Bericht zusammen. Die Kreuzzugsbewegung war insofern erfolgreich, als dass eine regelmäßige bewaffnete Wallfahrt nach Jerusalem vom Ende des 11. Jahrhunderts bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts zum Standardkrieg des Hochmittelalters wurde. Fassen wir die sieben Kreuzzüge kurz zusammen 

Der Erste Kreuzzug (1096 bis 1099)

Ausgehend von den Heilsversprechen Papst Urban II. setzte sich ein riesiges Heer abendländischer Kreuzfahrer in Bewegung, das nach der siegreichen Schlacht gegen die seldschukische Hauptarmee von Dorylaeum 1097 ein Jahr später 1098 die Grafschaft Edessa und das Fürstentum Antiochia als die ersten beiden Kreuzfahrerstaaten errichten konnte. Trauriger Höhepunkt vor der Eroberung Jerusalems sind die Vorgänge in der syrischen Stadt Maara im Dezember 1098. Der Geschichtsschreiber Raoul de Caen berichtet darüber: „In Maara kochten unsere Leute die erwachsenen Heiden in Kesseln, zogen die Kinder auf Spieße und aßen sie geröstet.“ Der Geschichtsschreiber Ussama Ibn Munqidh meint dazu später: „Alle, die nach dem Wesen der Franken geforscht haben, mussten feststellen, dass sie Tiere sind, die uns zwar an Mut und Kampfkraft überlegen sind, aber sonst nicht, eben wie uns die Tiere nur durch ihre Kraft und ihre Angriffslust überlegen sind.“ Nach Darstellung der Anführer der Kreuzfahrer war eine Hungersnot der Grund für den Kannibalismus. Andererseits gab es „fanatische Banden“[1], die lauthals im Gebiet um Maara verkündeten, dass sie Sarazenenfleisch essen. Ein anderer Geschichtsschreiber stellt sogar fest: „Nicht nur, dass die Unseren es nicht verabscheuten, die getöteten Türken und Sarazenen zu essen, sie aßen sogar die Hunde!“[2] Im Juli 1099 können sich die Kreuzfahrer nach einem unermesslichen Blutbad an Juden und Muslims in Jerusalem durchsetzen. Gottfried von Boullion, der Herzog von Niederlothringen, wird zum „Vogt des Heiligen Grabes“ gewählt. Wenig später wird das Königreich Jerusalem gegründet.  

Ein weiterer Erfolg der Kreuzzugsbewegung war 1109 die Gründung der Grafschaft Tripolis. Die Stadt war zweitausend Tage belagert worden war. Die Wiedereroberung von Edessa 1144 durch Zinki, den Herrn von Aleppo, ist nicht die erste große Niederlage der Kreuzfahrer. Schon 1119 müssen die Franken sich bei Sarmada von Ilghazi von Aleppo vernichtend geschlagen geben. Da sich das Abendland dies nicht gefallen ließ, folgte kurz darauf der

Zweite Kreuzzug (1147 bis 1149)

Kurz zuvor hatte Bernhard von Clairvaux 1146 in Speyer eine Kreuzzugspredigt gehalten: „Was tut Ihr, tapfere Männer? Was tut Ihr, Diener des Kreuzes? So wollt Ihr das Heiligtum den Hunden und die Perlen den Säuen geben? Wie viele Sünder haben dort ihre Sünden mit Tränen gebeichtet und Verzeihung erlangt, seit das Schwert der Väter den Heidenunrat hinausgeworfen hat? Der Böse sieht das und schaut scheel darauf; er knirscht mit den Zähnen und erbleicht; er rührt die Gefäße seiner Bosheit und wird gewiss weder Zeichen noch Spur von soviel Frömmigkeit übriglassen, wenn er jemals – was Gott verhüte – stark genug wird, jenes Allerheiligste zu gewinnen. Das wäre dann für alle künftigen Zeiten ein unheilbarer Schmerz und unersetzlicher Schaden; für dies Geschlecht aber, dies ganz unfromme, wäre es unendliche Scham und allewiger Vorwurf.- Weil Euer Land an tapferen Männern fruchtbar ist und kräftig durch die Fülle seiner Jugend – wie denn durch alle Welt Euer Preis geht und der Ruhm Eures Heldentums die ganze Erde erfüllt hat- , so gürtet auch Ihr Euch mannhaft und ergreift die glücklichen Waffen im Eifer für Christi Namen. … Du tapferer Ritter, du Mann des Kriegs, jetzt hast du eine Fehde ohne Gefahr, wo der Sieg Ruhm bringt und der Tod Gewinn. Bist du ein kluger Kaufmann, ein Mann des Erwerbs in dieser Welt –einen großen Markt sage ich Dir an; sieh zu, dass er Dir nicht entgeht. Nimm Kreuzeszeichen, und für Alles, was du reuigen Herzensbeichtest, wirst Du einen Ablass erlangen. Die Ware ist billig, wenn man sie kauft; und wenn man fromm für sie bezahlt, ist sie ohne Zweifel das Reich Gottes wert.“ 

Nicht zum ersten Mal waren die Juden die Leidtragenden von so viel religiöser Inbrunst. Im Sommer 1146 agierte ein fanatischer Zisterzienser Radulf: „Auf, übet die Rache unseres Herrn an seinen Feinden, so unter uns sind; danach dann wollen wir hinabziehen gen Jerusalem!“ In Köln wurde der Rabbiner erschlagen. Geldzahlungen ersparte den Juden hier Schlimmeres. Zu Gräueln kam es in Speyer, Mainz, Worms, Bacharach, Würzburg und Aschaffenburg. Besonders schlimm traf es die Würzburger Gemeinde, die sich nicht rechtzeitig an befestigten Orten in Sicherheit bringen konnte. Am 24. Februar 1147 kulminierte das Geschehen. Die Lüge, dass im Fluss Main der wundertätige Leichnam eines Christen gefunden wurde, heizte die Stimmung an. Kreuzfahrer und örtlicher Pöbel taten sich zusammen, um Pogrome in die Wege zu leiten. Zu Pogromen kam es auch in der Normandie. Führende Persönlichkeiten dieses Kreuzzuges waren der Staufer Konrad III.,  Ludwig VII. von Frankreich und Roger II. von Sizilien. Das Bündnis scheiterte nicht nur an seiner inneren Zerrissenheit, sondern auch wegen der nur gemäßigten Unterstützung durch das Byzantinische Kaiserreich. 

Die Lage der Kreuzfahrerstaaten wurde im 12. Jahrhundert immer schlechter, vor allem als Sultan Saladin das Kreuzfahrerheer 1187 bei Hattin vernichtend geschlagen hatte. Nachdem ihm auch andere Städte und zum Schluss Jerusalem in die Hände fällt (2. Oktober 1187) , erweist er sich als großzügiger Sieger und lässt die Fürsten für Lösegeld abziehen, arme Gefangene können ohne Lösegeld gehen, fränkische Witwen und Waisen wurden sogar beschenkt, bevor sie gehen durften. Der Patriarch schleppte Schätze in erheblichem Umfang fort. Saladin rechtfertigte sein Verhalten mit den Worten:“ Wir müssen die von uns unterzeichneten Verträge wortgetreu einhalten, so wird niemand die Gläubigen beschuldigen können, sie gebrochen zu haben. Ganz im Gegenteil, die Christen werden überall erzählen, mit welchen Wohltaten wir sie überschüttet haben.“[3]  Die Großzügigkeit Saladins ließ ihn nach seinem Tod 1193 als einen „der größten, achtbaren Herrscher der mittelalterlichen Geschichte“[4] erscheinen. Das sich das Abendland noch nicht damit abfinden konnte, dass die Staaten in Outremer auf Dauer nicht zu halten waren, entstand daraus der 

Dritte Kreuzzug (1189 bis 1192)

Hervor tat sich hier besonders Friedrich Barbarossa, dessen Kaiserpfalz in Gelnhausen einen Einblick in staufische Architektur gibt. Er war nicht allein, sondern auch der französische König Philipp II. August und der englische Monarch Richard Löwenherz ließen sich vom Ziel der Rückeroberung der heiligen Stätten zu einem erneuten Abenteuer hinreißen. Aber nicht sah man „zur Rechten wie zur Linken … einen halben Türken heruntersinken“, wie Ludwig Uhland in seinem Gedicht schreibt, sondern Barbarossa versank in Gänze 1190 im Fluss Salef in der Türkei und trug damit dazu bei, dass lediglich die beiden anderen Monarchen ein Jahr darauf Akkon erobern konnten. Ein Tendenz zur beiderseitigen Nutzung Jerusalems konnte Richard Löwenherz 1192 erreichen, als für Christen Jerusalem zu Pilgerbesuchen geöffnet wurde. 

Bedurfte es noch eines Beweises, dass es bei den Kreuzzügen nicht nur um eine Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam ging, dann war es der Vierte Kreuzzug von 1202 bis 1204, als die christlichen Kreuzfahrer das griechische Byzanz eroberten. Es entsteht ein lateinisches Kaiserreich anstelle der griechischen Herrschaft. 

Weiterführen wird die Tendenz, dass Heiligkeit teilbar ist, die Richard Löwenherz 1192 begonnen hatte, der deutsche Staufenkaiser Friedrich II., der 1229 einen zehnjährigen Waffenstillstand mit dem ägyptischen Sultan Al Kamil aushandelte, in dem der friedliche Zugang der heiligen Stätten für die Christenheit zehn Jahre lang garantiert wurde.1229 ließ sich Friedrich II. auch zum König von Jerusalem  krönen. Ein Jahr später konnte er den  päpstlichen Bann lösen. Kurz vor seinem Tode bedachte Friedrich II. das Heilige Land mit 100.000 Goldunzen. Der päpstliche Bann hatte Friedrich 1227 getroffen, als er sein Kreuzzugsgelübde wegen fiebriger Erkrankung nicht einhalten konnte. 

Wie  wird man König von Jerusalem? Friedrich II. beschreibt seine Begegnung mit Isabel von Brienne, durch deren Heirat er 1225 das Königreich gewann. Der König schreibt darüber: „Ich deflorierte Isabella Brienne ohne Lust. Occursius hatte sie nach Art der Chirurgen nur so weit aufgedeckt, wie zur ungehinderten Erledigung dieses Staatsgeschäfts nötig war. Ihm war dabei bewusst gewesen, dass der Anblick des total entblößten Kinderkörpers dieser Dreizehnjährigen bei mir mit Sicherheit eine Erektion verhindern würde.“[5]   

Noch einmal will Friedrich II. 1244 für mehrere Jahre ins Heilige Land ziehen, als Jerusalem den Kreuzfahrern wieder entrissen wird. Danach wird zum zweiten Mal der Bann vom Papst Innozenz IV. aufgehoben. Wer sich für das Leben dieses Renaissance-Menschen und Tierliebhabers, der seiner Zeit voraus war, interessiert, dem sei das zitierte werk von Horst Stern empfohlen. 

Vorausgegangen waren den Taten Friedrichs II. die Ereignisse von 1217 bis 1221, die gemeinhin als der Fünfte Kreuzzug gelten. Belagert von den Kreuzfahrern wurde zunächst der ägyptische Seehafen Damiette. 1221 werden die Kreuzfahrer bei Mansura geschlagen und Damiette muß aufgegeben werden. 

Immer hoffnungslose Versuche unternimmt noch der französische König Ludwig IX. 1248 bis 1254 im Sechsten Kreuzzug. Schon wieder werden die Kreuzfahrer bei Mansura 1250 in Ägypten geschlagen. Sein letztes Unternehmen endet 1270 als Siebter Kreuzzug mit seinem Tod.  

Werfen wir noch einige Blicke auf die Kreuzzüge, die außerhalb der „regulären Kreuzzüge“ liefen.

Im Jahre 1147 gab es einen Kreuzzug gegen die heidnischen Wenden, Slawen, die östlich der Elbe lebten und vollständig unterworfen werden sollten. Er endete mit Scheintaufen und Tributzahlungen. Einen dauerhaften Erfolg hatte das Unternehmen nicht.  

Die Bewegung der Katharer verbreitete sich in der Mitte des 12. Jahrhunderts in Südfrankreich. Ihre Agitation richtete sich gegen die Kirche, die sie eine Hure bezeichneten. Sie nannten sich „gute Menschen“ oder „bonshommes“. Später wurden sie als Reine oder „Katharer“ bezeichnet. Vom Standpunkt ihrer Gegner aus stellte sich ihre Lehre so dar: „Sie alle, Glieder des Antichrists, Erstgeborene des Satans, schlechte Saat, Verbrecher, heuchlerische Lügner, Verführer schlichter Herzen, hatten mit dem Gift ihrer Perdfidie fast die ganze Provinz Narbonne verseucht. Sie sagten, die römische Kirche gleiche einer Räuberhöhle und jener berüchtigten Hure, von welcher in der Offenbarung die Rede ist. Die Sakramente der Kirche hielten sie für nichtig und lehrten in der Öffentlichkeit, das Wasser der Taufe würde sich keineswegs vom fließenden Wasser unterscheiden und die Eucharistie keineswegs vom Brot für den profanen Gebrauch.“[6] Die Katharer wurden in den sogenannten Albigenserkriegen (1209 bis 1229) niedergeworfen. Die Bewegung wurde ausgerottet. 1233 nahm dann die Inquisition ihre Tätigkeit auf. 

1212 begann der sogenannte Kinderkreuzzug. In der Kölner Königschronik

steht dazu: „In diesem Jahr bezeichneten sich aus ganz Frankreich und Deutschland Knaben verschiedenen Alters und Standes mit dem Kreuz und Erklärten, es sei ihnen von Gott aufgetragen zur Unterstützung des heiligen Landes nach Jerusalem zu ziehen. Auch einige schlechte Menschen mischten sich unter sie, und was jene mit sich genommen hatten und was sie tatsächlich von den Gläubigen empfingen, unterschlugen diese heimlich und in nichtswürdiger Weise und machten sich mit dem gesammelten Geld heimlich davon. Einer von diesen wurde in Köln ergriffen und seines Lebens durch den Strang beraubt. Von jenen aber gingen viele in Wäldern und Einöden durch Hitze, Hunger und Durst zu Grunde. Andere wurden sobald sie die Alpen überschritten hatten  und Italien betraten von den Lombarden beraubt und zurückgejagt und kehrten mit Schande heim.“[7] Bei diesem Kinderkreuzzug ist die Quellenlage äußerst kritisch, Mythen mischen sich mit Fakten. Die zweite Fortsetzung der Kölner Chronik meint dazu abschließend: „So zogen sie eine Strecke Wegs vorwärts, einige kehrten in Mainz, andere in Piacenza, andere in Rom um, andere kamen nach Marseille. Ob diese übergesetzt sind oder nicht, und was ihr Ende gewesen sei, das hält man für ungewiß. Es steht nur fest, dass von vielen Tausenden, die ausgezogen waren, nur wenige heimgekehrt sind.“[8] 

1291 erobern die Mamelucken Akkon, Sidon und Beirut. Mit der von den Templern gehaltenen Insel Ruad fällt 1302 der letzte Stützpunkt der Christen. 

Die Politik der italienischen Seerepubliken 

Am Anfang dieser Schilderungen wurde von der religiösen Ergriffenheit der Christen in Clermont berichtet. Es soll allerdings auch ein Blick auf die materiellen Interessen gerichtet werden, die mit den Kreuzzügen verbunden waren. Die italienischen Seerepubliken Venedig, Pisa und Genua spielten von Anfang an in der Kreuzzugsbewegung eine besondere Rolle. Für Kreuzfahrer, die den Landweg scheuten, boten die Schiffe der Venezianer, Genuesen und Pisaner die einzige Möglichkeit das Mittelmeer zu überqueren. In Byzanz und Ägypten besaßen die Republiken wirtschaftliche Interessen. Venedig besaß seit 1082 im byzantinischen Reich das Handelsmonopol. Die beiden anderen Republiken waren vor allem in Nordafrika aktiv. Für die Interessenlage der Seerepubliken galt, dass die Gründung von Kreuzfahrerstaaten unter christlicher Herrschaft ihnen neue Abatzmärkte für ihre Waren bringen würde. In den muslimischen Reichen waren die Kaufleute dieser Republiken nämlich Fremde, deren persönliche Sicherheit und Freiheit nicht ausreichend gewährleistet werden konnte. Ein Konkurrent der Republiken war zudem das Normannenreich in Unteritalien, das sich auf eine starke Seemacht stützte. Ein Konkurrent Venedigs war bis 1073 Amalfi, das in diesem Jahr von den Normannen erobert wurde.[9] Die Genuesen beteiligten sich am ersten Kreuzzug nicht nur durch die Versorgung der Kreuzfahrer mit Lebensmitteln, sondern beteiligten sich auch mit Kriegsgerät an der Belagerung und Eroberung der Städte Antiochia (1098) und Jerusalem (1099). Pisa rüstete frühzeitig eine Flotte mit 120 Schiffen aus, die 1099 in das Kampfgeschehen eingriff. Ohne ihre Hilfe wären die Kreuzfahrerstützpunkte in Palästina wehrlos den Angriffen der fatimidischen Flotte ausgesetzt gewesen. Sie blockierten ein Jahr später eine Reihe von Küstenstädten, die von den Muslimen gehalten wurden – Arsuf, Askalon, Caesarea und Akkon. Durch die Tributpflicht dieser Städte konnte die Herrschaft der Kreuzfahrer zunächst gesichert werden. 

Spätestens 1097 beteiligte sich auch Venedig am ersten Kreuzzug mit einer großen Flotte. Interessiert war Venedig an der Erhaltung seiner Vormachtstellung im byzantinischen Reich. Auch an denn Küsten Palästinas und Syriens sollten Genua und Pisa nicht allein agieren. Venedig rüstete rund 200 Schiffe aus, die von Rhodos aus 1100 eine pisanische Flotte besiegen mussten, ehe sie Palästina erreichten. Ab Juni 1100 unterstützten sie die Kreuzfahrer bei der Eroberung von Küstengebieten. Die Einnahme Haifas im August 1100 geschah mit ihrer Unterstützung. 

Wenden wir uns Venedig wieder zu, als es seinen militärischen Triumph im vierten Kreuzzug verzeichnete. Ursprünglich wollte die Seestadt gegen Syrien und Ägypten vorgehen, letztendlich wurde aber das byzantinische Kaiserreich das Ziel der Begierde. Nach der Einnahme von Byzanz konnte Venedig seine Konkurrenten für lange Zeit aus der Romania vertreiben. Erst im 17. Jahrhundert konnten die Osmanen die Venezianer in dieser Region als Führungsmacht ablösen. Auch die Seestädte betrachteten die Kreuzzüge im ausgehenden 13. Jahrhundert als gescheitert. Durch die vielen Niederlagen der Kreuzfahrer versprachen sie keinen sicheren Gewinn mehr. Eine letzte Seeschlacht lieferten sich Pisa und Genua 1284 bei Meliora; die Pisaner verloren ihre gesamte Flotte.  

Christen gegen Christen

Ein heiliger Krieg gegen Glaubensfeinde, so stellte sich ein Kreuzzug idealtypisch dar, de facto waren die Fronten häufig nicht entlang der Glaubensgemeinschaften zu ziehen, sondern durchfurchten die Christen untereinander. Beispielhaft ist hier der vierte Kreuzzug zur Niederzwingung des Byzantinischen Reiches. 1204 schlossen Kreuzfahrer und Venezianer einen Vertrag, wie die Beute nach der Eroberung der Stadt verteilt werden sollte. Für die Rechte Venedigs war es ausschlaggebend, dass die Privilegien dieser Stadt in Byzanz erhalten blieben. Der zukünftig lateinische Kaiser sollte ein Viertel des Territoriums, Kreuzfahrer und Venezianer je drei Achtel erhalten. Die Beute sollte zwischen Venezianern und Kreuzfahrern im Verhältnis drei zu eins geteilt werden, wobei bei diesem Schlüssel die Schulden der Kreuzfahrer bei den Venezianern ins Gewicht fielen. Letztere waren die Gewinner, drei Achtel des Territoriums fielen ihnen zu, ein zu wählender Kaiser war von ihrem Willen abhängig. 

Die Einnahme der Stadt Byzanz am 13. April 2004 ging in die Geschichte als eine der großen Plünderungsorgien ein. Verbunden damit waren Raub, Totschlag und Vergewaltigung in einem Ausmaß, die die orthodoxe Welt Jahrhunderte lang tief abstieß. Geraubte Kunstschätze schmückten in großer Zahl die Kirchen des Abendlandes. Byzanz war nach diesem Vandalismus als Kunststadt weit zurückgeworfen. Als neuen lateinischen Kaiser konnten die Venezianer Balduin von Flandern durchsetzen. 1261 konnten die Griechen Niceas Byzanz zurückerobern, nachdem das lateinische Kaiserreich schon 1205 dem Ansturm der Bulgaren nicht gewachsen war. Wirtschaftliche Interessen Venedigs und die Abneigung des Abendlands gegen die als Ketzer eingestuften Griechen bewirkten diesen Sonderweg eines Kreuzzuges. 

Gesellschaftliches Leben in den Kreuzfahrerstaaten  

Eine sehr umfangreiche Einwanderung abendländischer Einwanderer hat offensichtlich nicht stattgefunden. Schätzungsweise bevölkerten zu keiner Zeit auch nur tausend Barone und Ritter das Königreich Jerusalem. Dazu kamen noch einmal eine ähnliche Anzahl von nichtkämpfenden Verwandten. Die Oberschicht umfasste also zweitausend bis dreitausend Personen, wenn man die Angehörigen der Geistlichkeit und die Ritter der Militärorden mitzählt. Etwa eine ähnliche Anzahl von Personen des Ritterstandes hielt sich in den anderen Kreuzfahrerstaaten Antiochia, Edessa und Tripolis auf. 

Sergeanten gab es als dienstpflichtige Freisassen mehr. Sie stammten aus Franken und waren bewaffnete Fußsoldaten. Angesiedelt wurden sie auf den Lehnsgütern ihrer Grundherren. Ehen mit einheimischen Christen waren nicht selten. In der Mitte des 12. Jahrhunderts bildete sich eine Klasse vom Poulains, als man sich mit der einheimischen christlichen Bevölkerung vermischte. Um das Jahr 1180 schätzte man die Zahl der Sergeanten auf etwa 5.000. Turkopolen nannte man Personen, die im Land ausgehoben wurden. Ausgebildet wurden sie wie leichte Reiterei in Byzanz. Sie bestanden aus einheimischen Christen, zum Christentum Bekehrten und Mischlingen.  

Da die Ansiedler fast ausschließlich französischer Abkunft waren, sprach man in Jerusalem und Antiochia nordfranzösisch, in Tripolis südfranzösisch. Die Deutschen spielten keine bedeutende Rolle. In den Städten gab es beachtliche italienische Niederlassungen. Auch Marseille hielt in einigen Städten Niederlassungen, Barcelona pflegte eine in Tyros. Einheimische Christen nannte man die Mehrheit der Bevölkerung. Im Königreich Jerusalem waren sie orthodox, sprachen aber überwiegend arabisch. In Tripolis gehörten einige Christen der Sekte der Maroniten an.  

Die Einheimischen konnten dann ihr Land behalten, wenn sie ein Besitzrecht auf Grund und Boden nachweisen konnten. Auf Ländereien, die von mohammedanischen Eigentümern nach der Eroberung verlassen worden waren, setzten die neuen Herren ihre Vasallen ein. Freie Dörfer wie in einst im byzantinischen Reich gab es nicht mehr. Die Dorfgemeinden waren an die Scholle gebunden. Sie musste dem Grundherren einen Teil ihrer Erzeugnisse abliefern. Mit dem Ertrag ernährte der Grundherr seine Hofhaltung, seine Poullains und Turkopolen, die nahe seiner Burg angesiedelt waren. Der einheimische Bauer konnte kein Soldat werden. Der Grundherr bewirtschaftete Obstgärten, Weinberge und Zuckerrohrplantagen selbst. Die Sklavenarbeit beschränkte sich auf die Hofhaltung des Grundherren. Mohammedanische Gefangene mussten vorübergehend auf den Gütern des Königs und der Grundherren schuften. Der rais oder regulus besorgte die Geschäfte der Dorfbewohner mit dem Grundherren. Ein bücherführender Sekretär des Grundherren wurde als Dragoman bezeichnet.[10] 

Das Kronland bestand im Königreich Jerusalem aus den Städten Jerusalem, Akkon und Nablus, zu dem später die Grenzstadt Daron hinzukam. Vor allem die Königin Melisende trug mit der Vergabe von Grund und Boden an die Kirche, Freunde und Orden dazu bei, dass das Kronland schrumpfte. Auch schmälerten verwitwete Königinnen durch Leibgedinge den Besitz des Königs. Verschieden groß waren die Lehen. Während die weltlichen Lehen festgefügte und zusammenhängende Gebietsstücke bildeten, lagen die Liegenschaften der Kirche und der Orden über die fränkischen Gebiete verstreut. Überwiegend waren Güter mit einem Dorf territorial identisch, in seltenen Fällen mit der Hälfte oder einem Drittel eines Dorfes. Dörfer zählten manchmal nur vierzig männliche Einwohner, konnten aber auch größer sein. Bei manchen weltlichen Herren war auch das Geldlehen üblich, das heißt es wurden ihnen aus gewissen Städten und Dörfern feste Geldeinkünfte gewährt. Dafür mussten sie eine entsprechende Anzahl von Soldaten stellen. Diese Geldlehen waren erblich, der König konnte sie nicht aufheben. Die Kronstädte und die Kirche mussten dem König Soldaten stellen. Die Bürgerschaft war zu Geldsteuern verpflichtet. “Es wurden regelmäßige Steuern auf Häfen und Warenausfuhr, Kauf und Verkauf, Ankerplätze, Pilger und die Verwendung von Maßen und Gewichten erhoben. Außerdem gab es das sogenannte terraticum, eine Steuer auf bürgerliches Besitztum und Vermögen, über die kaum etwas bekannt ist. Endlich waren von Zeit zu Zeit besondere Abgaben zu entrichten, um die Kosten dieses oder jenes Feldzuges zu bestreiten. Im Jahr 1166 hatten die Nichtkämpfenden zehn Prozent vom Wert all ihrer beweglichen Habe zu zahlen; und im Jahre 1183 wurde der gesamten Bevölkerung eine Kapitalabgabe von einem Prozent auf allen Besitz und alle Schulden auferlegt sowie zwei Prozent auf alle Einkommen aus Kirchenstiftungen und dem Grundbesitz der Barone. Außer den Naturalien, welche die Dörfer zu liefern hatten, schuldete jeder Bauer seinem Grundherrn noch eine Kopfsteuer; und mohammedanische Untertanen hatten noch einen Zehnten oder dime zu entrichten, welcher der Kirche zufloß … Aber selbst bei Einrechnung des dime fanden die Mohammedaner die allgemeine Besteuerung unter den Franken niedriger als unter den benachbarten islamischen Herren.Auch waren die Mohammedaner nicht von niederen Verwaltungsposten ausgeschlossen. Sie konnten ebenso wie die Christen als Zöllner und Steuereinnehmer Beschäftigung finden.“[11] 

Der Krieg – Männersache? 

Im Mittelalter galt Krieg als Männersache – eine Rolle, die mittlerweilen nicht mehr aktuell ist, erobern doch Frauen zunehmend die Bundeswehr. Kirchengelehrte lehnten Frauen als Kreuzzugsteilnehmer deshalb ab, weil die vermutete Geilheit der Männer ihre kriegerischen Leistungen schmälerte. Argumentiert wurde so während des dritten Kreuzzuges und des vierten. Ein päpstlicher Legat verfügte damals, dass die dem Heer nachgezogenen Frauen in Venedig zurück bleiben sollten. Gut fünfzig Jahre später wurden die Prälaten Frieslands ermahnt, Kreuzfahrerinnen den Weg nach Jerusalem zu versperren. Der Bischof von Bethlehem meinte damals, dass die Anwesenheit von Frauen im Heer zu ungezügeltem Geschlechtsverkehr führen würde und dadurch zu einer Schwächung der Kampfbereitschaft.

Für die Kirche bestand die Funktion der Frauen vor allem darin, durch Gebete zum Gelingen der Kreuzzüge beizutragen. Papst Innozenz IV. gewährte den Frauen zuhause ebenso wie den Männern im Heiligen Land Ablaß. Die Frau sollte entsagen, wenn der Mann in den Krieg zog. Ein von der Kirche gerühmtes Beispiel ist hier die heilige Elisabeth von Thüringen, deren Mann, Landgraf Ludwig IV. von Thüringen in den Krieg zog, während sie entsagte. Dargestellt ist das in einem Fenster der Marburger Elisabethenkirche. Auch der Geschichtsschreiber Ekkehard von Aura sah Teufelswerk bei der Teilnahme mancher Frauen: „Er (Satan) zögerte nicht, unter die gute Saat Unkraut zu säen, falsche Propheten zu erwecken und unter die Heere des Herrn falsche Propheten und ehrlose Weiber zu mischen, unter dem Schein der Frömmigkeit.“ Die Anwesenheit von Prostituierten war etwas durchaus Übliches, am Ende der Reise war auch für diesen Personenkreis der Erlaß der Sünden vorgesehen. Richard Löwenherz war vergeblich darum bemüht, Prostituierte von seinem Heer fernzuhalten. Italienische Adelige gaben ihren Söhnen sogar Prostituierte mit auf den Weg, damit diese nicht mit einheimischen Frauen verkehren mussten. 

Zum Thema Vergewaltigung bei Kreuzzügen  meint ein Historiker: „Wie viele behütete Frauen wurden entehrt, Herrschende beherrscht, junge Mädchen geheiratet, wieviel Keusche mussten sich hingeben, wie viel Verborgene verloren ihre Scham, wieviel Ernste wurden verhöhnt, wie viel Freie genommen, wie viel Begehrliche erschöpft. Wieviel Anmutige wurden verführt, wieviel Jungfrauen entjungfert, Anmaßende geschändet, Rotlippige ausgesaugt, Braune hingestreckt, und Unbezähmbare gezähmt. Glühende entflammten sich an ihnen, Ledige befriedigten sich, Erregte verbrauchten ihre Glut.“ Als Vergewaltiger traten sowohl Christen als auch Muslime auf. Beteiligung am Kampf von Frauen sind vom dritten Kreuzzug dokumentiert, aber auch vorher und nachher. Eine Bogenschützin wurde 1190 beschrieben bei der Belagerung von Akkon. Ein arabischer Chronist meint dazu, dass Frauen  getötet wurden, die „nicht als Frauen erkennbar waren, bis man sie ihrer Rüstung entkleidet hatte.“ 

Das Ordensrittertum

Werfen wir zum Schluß einen Blick auf  das Ordensrittertum, das sich in der Zeit der Kreuzzüge herausbildete. Ritter legten sich für ihre Gemeinschaften eine mönchische Lebensform zu. Durch ein Gelübde verpflichteten sie such zu den mönchischen Tugenden Armut, Keuschheit und Gehorsam. 

Die Templer, die auch „rote Mönche“ genannt wurden, trugen einen weißen Mantel mit Rotem Kreuz. Gründer war 1120 der französische Ritter Hugo von Payens.  Ihr Name ist dadurch entstanden, dass sie in Jerusalem auf dem Boden das Salomonischen Tempels ein Gebäude bezogen. Ursprünglich nannten sie sich „arme Ritter Christi.“ Zweck des Ordens war der Schutz der Pilger. Ein bedeutendes Mitglied wurde der König von Portugal, der den Orden mit reichen Gütern ausstattete. Durch beachtliche Geldmittel aus dem Adel Frankreichs unterstützt, bildete der Großmeister 1129 mit 300 Rittern das erste stehende Heer des Mittelalters.[12]  Zum Protektor des Ordens wurde Bernhard von Clairvaux, der eine Werbeschrift für den Orden verfasste: „An erster Stelle stehen Disziplin und uneingeschränkter Gehorsam. Jeder kommt und geht, wie es der Vorgesetzte befiehlt. Jeder trägt die ihm zugeteilte Kleidung, keiner besorgt sich Nahrung und Kleidung nach seinem Gutdünken. Hinsichtlich Ernährung und Gewandung gibt man sich mit dem Notwendigsten zufrieden und meidet alles Überflüssige. Die Templer leben maßvoll und fröhlich in einer Gemeinschaft, ohne Frauen und Kinder. Um der apostolischen Lebensweise möglichst nahe zu kommen, leben sie alle unter gleichen Bedingungen im gleichen Haus, auch nennen sie nichts ihr eigen, um einer einheitlichen Gesinnung und eines friedlichen Zusammenlebens willen. Ungebührliche Reden, nutzlose Beschäftigung, lautes Gelächter, heimliches Tuscheln und selbst unterdrücktes Kichern sind unbekannt. Sie verabscheuen Schach und Würfelspiel; sie hassen die Jagd, ja, sie erfreuen sich nicht einmal am Flug des Falken. Sie verachten Komödianten, Taschenspieler, Schwätzer und zweideutige Lieder sowie Vorstellungen von Possenreißern, denn sie Erachten das alles als sinnlose, nichtige Torheiten. Sie tragen das Haar kurz geschnitten, weil es ihrer Ansicht nach beschämend  für einen Mann ist, langes Haar zu haben. Niemals übertrieben gekeidet, baden sie selten;  sie sind schmutzig und behaart, und ihre Haut erscheint gebräunt vom Tragen des Kettenhemds und von der Sonne.“ 

Die Johanniter wirkten in erster Linie karitativ. Eine Bruderschaft pflegte in Jerusalem in einem Hospital kranke Bürger. Ihr Schutzpatron war Johannes der Täufer. Im Laufe der Jahre kam als zusätzliche Tätigkeit ein Ritterdienst gegen die Ungläubigen hinzu. Eine Ordensregel nahmen sie 1160 an. Sie trugen einen schwarzen Mantel mit einem weißen Kreuz. Nach dem Vordringen des Islam kamen sie über Zypern nach Rhodos. Ihr zweiter Großmeister Raimund de Podio (1125 bis 1158) wandelte sie in einen geistlichen Ritterorden um, der sich 1183 auch in Prag niederließ. 1325 entstand ein selbständiges Ordenspriorat in Böhmen. 1530 wurde der Orden von Kaiser Karl V. mit Malta, Tripolis und Gozo belehnt. Seine Tätigkeit auf Malta konnte der Orden bis 1798 fortsetzen. In der Bundesrepublik wirkt er unter anderem in der Johanniter-Unfallhilfe. National ist er sonst in Assoziationen gegliedert. 

Der Deutsche Orden wurde 1128 von einem Unbekannten in Jerusalem gestiftet. Das Ordensgewand der „Brüder des Hospitals Unserer Lieben Frau der Deutschen zu Jerusalem“ bestand aus einem weißen Mantel mit einem schwarzen Kreuz. Friedrich von Schwaben, der Sohn Barbarossas, vermachte dem Orden einen Großteil seines Vermögens. Auch dieser Orden hatte zum Ziel, das Heilige Land zu beschützen, Hilfe für Witwen und Waisen zu leisten, Kranke und Leidende zu pflegen. Der Stammsitz des Ordens war in Akkon, sein erster Hochmeister, Walpot von Besenheim, kämpfte nach dem Dritten Kreuzzug gegen die Sarazenen. Auch dieser Orden ist noch aktiv: „Daß er im Zwanzigsten Jahrhundert und ausgerechnet nach dem alles in Frage stellenden Zweiten Weltkrieg einen entscheidenden neuen Impuls erhielt und insbesondere in seinem Ursprungsland Deutschland nach nahezu hundertfünfzigjähriger Verbannung wieder aufblühte, hat die Skeptiker und jenen großen Teil der Öffentlichkeit, für den der Deutsche Orden nur noch sagenumwoben oder auch berüchtigten Erinnerungswert aus dem Geschichtsunterricht hatte, überrascht, wenn nicht gar verblüfft.“[13]  

Relativ frühzeitig legte der Deutsche Orden seinen Schwerpunkt auf die Tätigkeit in Europa. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts ließ er sich in Siebenbürgen nieder, wo Kronstadt gegründet wurde. 1226 erhielt der Orden das Kulmerland, um die heidnischen Preußen zu germanisieren. Bis 1283 wurde das gesamte Preußenland unterworfen. 1309 wurde Marienburg zum Sitz des Großmeisters. Den Höhepunkt seiner Herrschaft erlebte der Orden unter Großmeister Winrich von Kniprode (1351 bis 1382). 1410 unterlag der Orden der litauisch-polnischen Koalition in der Schlacht von Tannenberg. 

Waren die Kreuzzüge eine Reaktion auf den islamischen Djihad seit 711?

Nach Einschätzung des renommierten Historikers Eberhard Mayer unterscheidet sich das christliche Verständnis des „Heiligen Krieges“ vom islamischen Djihad dadurch, dass Christen beanspruchen, einen „gerechten Verteidigungskrieg“ gegen die Heiden zu führen, während Muslime offensiv vorgehen.[14] Gleichzeitig weist er nach, wie blutrünstig die Kreuzfahrer vorgingen. Runciman beschreibt die Kluft, die die Kreuzzüge auch zwischen Ost- und Westchristen hervorbrachte, ihre Spaltung war endgültig.[15] 

Schließen wir den Kreis der Aktualitätsbezüge mit zwei Beispielen aus der jüngsten Vergangenheit. Viele Muslime ordneten den Golfkrieg 1991 als Kreuzzug ein, orthodoxe Ost-Christen nahmen den NATO-Krieg im Kosovo gegen Serbien von 1999 als Kreuzzug der Westkirche wahr.[16]  

Abschließend das vollständige Gedicht von Ludwig Uhland:

Ludwig Uhland

Als Kaiser Rotbart lobesam

Als Kaiser Rotbart lobesam
Zum heil’gen Land gezogen kam,
Da mußt er mit dem frommen Heer
Durch ein Gebirge wüst und leer.
Daselbst erhub sich große Not,
Viel Steine gab’s und wenig Brot,
Und mancher deutsche Reitersmann
Hat dort den Trunk sich abgetan;
Den Pferden war’s so schwer im Magen,
Fast mußte der Reiter die Mähre tragen.

2. Nun war ein Herr aus Schwabenland,
Von hohem Wuchs und starker Hand,
Des Rößlein war so krank und schwach,
er zog es nur am Zaume nach;
Er hätt‘ es nimmer aufgegeben,
Und kostet’s ihn das eigne Leben.
So blieb er bald ein gutes Stück
Hinter dem Heereszug zurück;
Da sprengten plötzlich in die Quer
Fünfzig türkische Ritter daher.

3. Die huben an auf ihn zu schießen,
Nach ihm zu werfen mit den Spießen.
Der wackre Schwabe forcht sich nit,
Ging seines Weges Schritt vor Schritt,
Ließ sich den Schild mit Pfeilen spicken
Und tät nur spöttisch um sich blicken,
Bis einer,dem die Zeit zu lang,
Auf ihn den krummen Säbel schwang.

4. Da wallt dem Deutschen auch sein Blut,
Er trifft des Türken Pferd so gut,
Er haut ihm ab mit einem Streich
Die beiden Vorderfüß‘ zugleich.
Als er das Tier zu Fall gebracht,
Da faßt er erst sein Schwert mit Macht,
Er schwingt es auf des Reiters Kopf,
Haut durch bis auf den Sattelknopf,
Haut auch den Sattel noch zu Stücken
Und tief noch in des Pferdes Rücken;
Zur Rechten sieht man wie zur Linken,
Einen halben Türken heruntersinken.

5. Da packt die andern kalter Graus;
Sie fliehen in alle Welt hinaus,
Und jedem ist’s, als würd‘ ihm mitten
durch Kopf und Leib hindurchgeschnitten.
Drauf kam des Wegs ’ne Christenschar,
Die auch zurückgeblieben war;
Die sahen nun mit gutem Bedacht,
Was Arbeit unser Held gemacht.

6. Von denen hat’s der Kaiser vernommen.
Der ließ den Schwaben vor sich kommen;
Er sprach: „Sag an, mein Ritter wert!
Wer hat dich solche Streich‘ gelehrt?“
Der Held bedacht sich nicht zu lang:
„Die Streiche sind bei uns im Schwang;
Sie sind bekannt im ganzen Reiche,
Man nennt sie halt nur Schwabenstreiche.“

[1] Maalouf, S. 54

[2] Maalouf, S. 55

[3] Maalouf, S. 216

[4] Wollschläger, S. 113

[5] Horst Stern, Mann aus Apulien,  München 1986, S.  35

[6] Peter Milger, Die Kreuzzüge – Krieg im Namen Gottes, München 1988 (Bertelsmann Verlag), S. 264

[7] ebd., S. 304

[8] ebd., S. 305

[9] Vgl. Marie-Luise Favreau-Lilie, Die italienischen Seestädte und die Kreuzzüge, in: Hans-Jürgen Kotzur (Hrsg.), Kein Krieg ist heilig – Die Kreuzzüge, Mainz 2004, S. 193 ff.

[10] Vgl. Steven Runciman, Geschichte der Kreuzzüge, München 2003 (4.Auflage). S. 595 ff.

[11]  ebd., S. 601

[12] vgl.: Nicolaus Heutger, Die Ritterorden im Heiligen Land: Die Hospitäler und Ordensgemeinschaften, in:

Hans-Jürgen Kotzur (Hrsg.), Die Kreuzzüge – Kein Krieg ist heilig,  Mainz 2004, S. 137 ff.

[13]  J.F.G. Grosser/ Johannes Sobotta, Geistiges Rittertum – Islamische und christliche Tugenden, Berlin

1982, S. 27

[14]  vgl.  Bassam Tibi, Kreuzzug und Djihad – Der Islam und die christliche Welt,  München 2001

[15]  Runciman, a.a.O., S. 908

[16]  vgl. Bassam Tibi, a.a.O., S. 117


Bevor die Zusammenstöße beschrieben werden, soll hier kurz die Ausbreitung des Islam nach dem Tod Mohammeds berichtet werden.

Bereits 629 war ein arabisch-islamisches Heer in Palästina eingefallen, jedoch von oströmischen und christlich-arabischen Verbänden geschlagen worden. Im Herbst 633 rückte nun wieder eine starke Armee nach Palästina und Syrien vor. Sie konnte kleinere oströmische Verbände schlagen, kam aber insgesamt nur schwer voran. Tatsächlich leisteten die oströmischen Truppen zum Teil erbitterten Widerstand. So forderte der Kalif Abu Bakr beim Kommandeur der Truppen im Südirak, Al – Walid, dringend Verstärkung an:

Beeilt euch! Beeilt euch! Denn bei Gott, die Eroberung eines Dorfes in Syrienkommt mich teurer zu stehen als eine ganze Provinz im Irak.“

Mit Hilfe der angeforderten Verstärkung wurde der oströmische Widerstand nun gebrochen. Kaiser Herakleios, der nicht mit einem Angriff von solcher Wucht aus der Wüste gerechnet hatte, sandte entschlossen stärkere Truppen nach Syrien, die jedoch Mitte 634 südwestlich von Jerusalem geschlagen wurden.

Die Araber eroberten Damaskus 635, dessen Bevölkerung jedoch geschont wurde. Die Stadt hatte sich ergeben. Der Kapitulationsvertrag der Stadt sollte Modellcharakter erhalten, wonach die Bevölkerung die Kopfsteuer zu entrichten hatte, aber ansonsten weitgehend ungestört blieb.

Am 20. August 636 fand die Schlacht am Jarmuk im heutigen Jordanien statt. Die oströmischen Truppen waren zwar in der Überzahl, jedoch auch erschöpft vom Marsch und taktisch unterlegen. Die Überlegenheit der arabischen schnellen leichten Reiterei, die Streitigkeiten im kaiserlichen Oberkommando und topografische Nachteile bewirkten, dass die Oströmer vernichtend geschlagen wurden, womit das bislang christlich bestimmte Schicksal Syriens und Palästinas besiegelt war. Herakleios, der nur Jahre vorher mit Mühe die Perser abgewehrt hatte, sah sein Lebenswerk zusammenbrechen und verließ Antiochia, bevor auch diese Stadt an die Araber fiel.

638 kapitulierte das isolierte Jerusalem zu günstigen Bedingungen, das Heilige Grab fiel in die Hände der Araber. Cäsarea in Palästina fiel 640 in arabische Hände – es war die letzte byzantinische Bastion Den Arabern stand nun keine Feldarmee mehr im Weg, so dass sie nach Ägypten vorstießen, wo sie im Juli 640 die Oströmer in der Nähe der heutigen ägyptischen Hauptstadt Kairo schlugen. Alexandria fiel endgültig im Jahre 642 in ihre Hände. Nachdem der organisierte militärische Widerstand der kaiserlichen Truppen gebrochen war, arrangierte sich der größte Teil der Zivilbevölkerung in Syrien und Ägypten mit den Arabern – dies umso eher, als die dortigen Christen zumeist Monophysiten waren und sich im Dauerstreit mit den orthodoxen Kaisern befunden hatten. Im Norden überrannten die Araber Armenien bis in die Mitte des 7.Jahrhunderts, während in Kleinasien die Gebirgskette des Taurus ein schnelles Vordringen verhinderte. Die Oströmer wichen einer erneuten Feldschlacht aus, so dass Kleinasien letztlich gehalten werden konnte.

In Nordafrika kämpften sich die Araber bis nach Marokko vor. Das oströmische Karthago vermochte sich jedoch bis 697/698 zu halten, denn auch die Berber bekämpften die Araber, wie sie zuvor die Römer bekämpft hatten. Doch für Byzanz blieb entscheidend, dass das Imperium mit den vorderorientalischen Besitzungen zwei Drittel seines Territoriums und gut die Hälfte der Bevölkerung verloren hatte.

Byzanz brauchte Jahrhunderte, um sich von diesem Schock zu erholen und wieder in die Offensive zu gehen. Doch blieb der Verlust nordafrikanischer Territorien wie auch von großen Teilen Syriens und Palästinas endgültig; er besiegelte das Ende der spätantiken Phase des Reiches, das in der Folge administrativ, militärisch und strukturell einen massiven Wandel durchlief.

Islamisch christliche Zusammenstöße des Mittelalters und der frühen Neuzeit

711 kommt es zum ersten Aufeinandertreffen des militärisch expandierenden Islam mit einem christlichen Staat. Ein islamischer Historiker schreibt zur Vorgeschichte: „Der Feldherr Tarik Ibn Zejjad kämpfte im Gebiet von Tanger. Da traf er in der Stadt Ceuta auf einen Mann, dessen Name war Julian. Er war dem Goten Roderich, dem Herrn von El Andalus, untertan. Julian hatte eine seiner Töchter an den Hof des Roderich geschickt. Roderich aber hatte das Mädchen schwanger gemacht. Aus Zorn über diese Schandtat hatte Julian geschworen, er werde die Araber nach El Andalus holen.“ Tarik stimmte mit dem Kalifen überein, dass das Hilfegesuch ausgenutzt werden sollte, um in El Andalus Fuß zu fassen. Julian war ein Lehensmann des verdrängten Königs Witiza, den Roderich verdrängt hatte. Die gotische Oberschicht war also zerstritten, was den eroberungswilligen Muslimen zugute kam. Tarik sprach vor der Invasion folgende Worte:“ Der Prophet Mohammed, Allah gebe ihm Frieden, ist mir erschienen. Er war umgeben von vielen Helden aus Mekka und Medina. Alle waren bewaffnet mit Schwertern, Lanzen und Bogen. Mohammed hat mir zugerufen: Schreite Vorwärts, Tarik! Führe aus, was du dir vorgenommen hast. Dann sah ich, wie der Prophet am Himmel entlang zog, weit über das Wasser hin bis nach Al Andalus.“

Der Sieg der Muslime bei Xeres de la Frontera 711 beendete das Gotenreich, König Roderich verschwand in der Versenkung. Hartnäckigen Widerstand leisteten die Festungen Cordoba und Granada. Neben Plünderungen gab es den Raub einheimischer Frauen, nach arabischen Angaben mussten dreißigtausend Frauen sich auf den Weg zu den Sklavenmärkten der arabischen Welt machen. Innerhalb von vier Jahren war El Andalus erobert, ein eigener Statthalter regierte weitgehend selbständig. Weiter nach Norden zu ziehen war die Devise der Araber. Einen ersten Misserfolg gab es 721, die Eroberung von Toulouse misslang, der König von Aquitanien kam dazwischen, als die Festung schon sturmreif war. Die weiteren Vorstöße erfolgten von Narbonne aus 725, das Land an den Ufern der Rhone sollte erkundet werden, Arles und Avignon bildeten weitere Stützpunkte. Auf viel Gegenwehr stießen die Muslime nicht, geplündert wurden die Klöster Chalon-sur- Saone, Macons undLuxeuil. Das fränkische Reich war durch Adelsfehden geschwächt, lange gab es keine starke Zentralgewalt. Die Eroberung der Stadt Bordeaux in Aquitanien war ein weiterer Sieg der Muslime, König Eudo hatte einen wichtigen Stützpunkt verloren. Aus Frustration verbündete er sich sogar mit seinem langjährigen Feind Karl Martell, dem karolingischen Hausmeier, der die Macht in Franken gewonnen hatte. Karl Martell war entschlossen, gegen die Muslime unter ihrem Feldherren Abdel Rahman Ibn Abdallah zu Felde zu ziehen. Dazu wurde der Heerbann, die allgemeine Mobilmachung, ausgerufen.

Auch Klöster und Kirchen sollten einen Beitrag leisten. Manche Prediger riefen zum Glaubenskampf, das Kreuz müsse gegen den Halbmond siegen, aus allen Gegenden Frankens strömten Krieger herbei nach Westen, den Reitertrupps der Muslime entgegen, die sich zunächst in Sicherheit wiegten. Sie wollten die christlichen Wallfahrtsorte Tours und Poitiers überfallen, in denen prächtige Schätze lagerten. Die Plünderung von Poitiers gelang, die anschließende Schlacht von 732 (bei Tours und Poitiers) endete mit einer Niederlage der Muslime, bei der der Feldherr Abdel Rahmann ums Leben kam., das Reiterheer wurde nicht vernichtet, das Frankenreich erwies sich als stärker. Die islamische Expansion war gestoppt. Karl Martell wird seither als Retter des Abendlandes gefeiert, für Muslime war es die „Schlacht der Millionen Tränen“. Ob der Vormarsch der Araber nach Mitteleuropa nach einer Niederlage der Franken nicht mehr aufzuhalten gewesen wäre, ist fraglich. Man geht davon aus, dass die Araber bei einem Sieg nicht in der Lage gewesen wären, eine Vorherrschaft langfristig zu sichern, weil es einfach zu wenige waren. Tausende Soldaten sind alleine nicht in der Lage, ein Land zu verwalten. Aktueller Bezug: nach dem Feldherrn Tarik ist in Frankfurt eine Moschee in der Mönchhofstraße benannt.

Die Eroberung Konstantinopels 1453 traf das oströmische Reich tödlich, kein anderer christlicher Staat war zur Hilfe bereit. Sultan Mehmet II. galt zunächst als Schwächling und wurde doch wegen seiner Entschlusskraft bekannt. Schon Anfang 1451 baute er eine riesige Festung am Bosporus auf dem Territorium des Kaiserreichs. Die Truppen Konstantinopels waren nicht in der Lage, den Bau dieser Festung zu verhindern, im August 1452 war das Bauwerk fertiggestellt. In Zukunft mussten Schiffskapitäne ihre Ladungen hier inspizieren lassen. Bei Zuwiderhandlungen drohten drastische Strafen. Eine venezianische Galeere wurde versenkt, die Besatzung enthauptet, der Kapitän gepfählt. Unter hunderttausend Mann bereiteten sich auf die Belagerung Konstantinopels vor. Die Belagerungsartillerie des Sultans war gefürchtet, allen hervorragend kämpfenden Soldaten wurde das Paradies versprochen. Die Eroberung dieser wichtigen Stadt sei Allah und dem Propheten angenehm. „Die Einnahme von Konstantinopel ist der höchste Triumph des Islam.“ 1453 wurde die Lage für Konstantinopel ernst, die Abschließung war vollkommen. Kriegsführung im Namen des Islam bedeutete damals, den Herrscher dazu aufzufordern, zu kapitulieren, mit der Zusicherung, Güter und Menschenleben würden verschont. Der Befehl wurde zurückgewiesen, danach begann die Beschießung der Wälle, Ende Mai 1453 begann der Sturm, Zehntausende Christen zogen sich in die Hagia Sophia zurück und beteten. Vergeblich hoffte man, die Kirche würde verschont. Jung und alt wurden weggeführt und waren für Sklavenmärkte bestimmt, Ältere wurden erschlagen.1 Konstaninopel wurde gründlich geplündert, selbst religiöse Gegenstände wurden nicht verschont. Sultan Mehmed II. zunächst frustriert vom Grad der Zerstörung, starb 1481. Seine Hauptstadt war zu dieser Zeit ansehnlich, die Kirchen waren in Moscheen verwandelt worden.

Aktueller Bezug: nicht wenige Moscheen sind nach diesem Mehmed II., dem Eroberer, benannt. Der Name „Fatih“ („Der Eroberer“) deutet darauf hin. Protobeispiel ist die Bremer Moschee. Andere Moscheen tragen den Namen „Ayasofya“ und repräsentieren die Umwidmung der christliche Hagia Sophia in eine Moschee. Ayasofya-Moscheen gibt es unter anderem in Nürnberg, Oberhausen, Karlsruhe und Neuss. 2 Ganz in der Nähe in Aschaffenburg heißt eine Moschee „Ayasofya Cami“.

1529 kam es zum ersten Zusammenstoß zwischen einigen christlichen Staaten und dem osmanischen Reich vor Wien. Suleiman der Prächtige sah sich als Stellvertreter des Propheten an: „Ich, dessen Macht aufrechterhalten wird durch die Gnade des Allmächtigen, durch die Segnungen des größten seiner Propheten, durch den Schutz der vier ersten Begünstigten desselben, ich, Schatten Gottes über beide Welten“ so schrieb er an den König von Frankreich. Sein Schwiegersohn Mustapha äußerte 1528: „Weißt Du nicht, dass unser Herr der nächste ist nach Allah, dass wie nur eine Sonne am Himmel, so auch er der einzige Herr auf Erden ist?“

Anfang Mai 1529 setzte sich ein osmanisches Heer in Marsch zum Heiligen Kriege. „Und von da an wälzte sich nun ohne weiteren Widerstand das barbarische Heer nach den deutschen Grenzen, nach einem Lande, sagen die osmanischen Geschichtsschreiber, in das noch nie die Hufe moslemische Rosse eingeschlagen. Da traf die orientalische Weltmacht …. mit den Kernlanden des okzidentalischen Lebens, in denen die unterbrochenen Kontinuitäten des Fortschritts des allgemeinen Geistes ihren Sitz genommen und in vollen Trieben war, zusammen.“3

Bei der Belagerung mussten Vorstädte geopfert werden. Ausfälle endete zunächst nicht glücklich, den Gefallenen wurden die Köpfe abgeschlagen, auf Stangen gespießt und als Trophäen in das Zelt des Sultans gebracht. Gefangene wurden vom Sultan mit der Mission betraut, für eine Kapitulation zu werben, nach der die Stadt von den Muslimen verschont werde. Das wechselseitige Stollentreiben entwickelte sich zur Kriegsstrategie, Sprengkammern zur Zerstörung von Mauern wurden angelegt.

In Flugblättern wurde auf christlicher Seite die Angst folgendermaßen ausgedrückt

Ach der Herre Gott im höchsten Thron,

Schau dir diesen großen Jammer an.

So der türkisch wütend Tyrann

Im Wienerwalde hat getan.

Elend vermordet er Jungfrauen und Frauen.

Die Kinder mitten entzwey gehauen

Zertreten und entzwey gerissen

An spitzig Pfahl tet er sie spiessen.

O unser Hirte Jesu Christ

Der du gnedig und barmherzig bist

Dein Zoren von dem Volk abwendt

Erett es aus der Türken Hend

Trotz ungemütlicher Lage war Kaiser Karl V. nicht bereit, für die Rettung der Stadt Soldaten aufzutreiben. Seine Widersacher waren der König von Frankreich, der Papst und die Republik Venedig. König Ferdinand appellierte am 28.August 1529 an die gesamte Christenheit, der Stadt Wien zu helfen – vergeblich, dem türkischen Sultan blieb dies nicht verborgen.

Viermal gab Suleiman den Angriffsbefehl, dreimal hätten es ritterliche Werte nur erlaubt,. Wahrscheinlich war es der hereinbrechende Winter (Oktober), der Suleiman aufgeben ließ. In einem Kriegstagebuch hieß es: „Vom Morgengebet bis zum Abend schneite es in einem fort. Einige der Soldaten fanden wegen einer Überschwemmung ihr Gepäck nicht wieder.“ Unter hohen Opfern der Bevölkerung war die Stadt gerettet worden.4

Die weiblichen Gefangenen klagten

Ach weh uns armen Frawen weh

Nun werden wir frolich nymer meh

Seyd wir von den Thürkische mannen

Ins Elend wern geführt von dannen

Aus unserem Christenvaterland

Von Ehr und Gut in Laster und Schand

Von Eltern, Männern, Kindern, Freunden,

Hin zu den unchristlichen Fremden

Nun haben wir auf Erd kein Trost

Dass wir vom Thürcken würden erlöst

1532 führte Suleiman dann Krieg in der Steiermark. Ferdinand erklärte sich bereit, jährlich 30 000 Gulden zu zahlen, wer zahlte galt als abhängig.

Eine der merkwürdigsten Auseinandersetzungen zwischen Türken und Christen fand 1565 um Malta statt, das die Türken vom 18. Mai bis zum 8. September 1565 belagerten. Wie durch ein Wunder konnte das zahlenmäßig weit unterlegene Heer des Johanniterordens, der in Malta beheimatet war, den türkischen Ansturm zurückschlagen. Ein spanisches Entsatzheer war zu Hilfe gekommen. Der Großmeister (Führer) des Johanniterordens, Jean Parisot de la Valette, konnte die Insel dem Orden für mehr als zwei Jahrhunderte retten. Die nach ihm benannte Stadt La Valletta wurde kurz darauf gegründet. Der Erfahrungssatz „Der Türke kehrt immer zurück“ traf diesmal nicht zu. Das Arsenal von Konstantinopel wurde wahrscheinlich von Spionen des Ordens in die Luft gesprengt, Werft und Flotte des Sultans Suleiman weitgehend zerstört. 1566 starb schließlich der Sultan während eines Feldzuges in Ungarn. (Fußnote 4a)

Die zweite Belagerung Wiens durch die Türken endete erfolgloser als die erste. Zwei Monate lang belagerte ein türkisches Heer mit einem riesigen Troß die Stadt Wien.Am 12. September 1683 besiegten polnische, sächsische und habsburgische Truppen unter Erzherzog Karl von Lothringen und dem polnischen König Johann III. Sobieski die Osmanen in einer langen und blutigen Schlacht. Die Beute der Sieger war enorm, als „Türkenbeute“ ist sie in Völkerkundemuseen zu sehen. Nutznießer des Sieges war in erster Linie Habsburg. Für die Osmanen war die Niederlage verheerend, der Großwesir Mustafa Kara wurde umgebracht. Das osmanische Reich hatte nicht mehr die Kraft, derartige Niederlagen wegzustecken. Es brauchte die Beute, um sich selbst bezahlen zu können. (Fußnote 4b)

Aktueller Bezug dazu in der FR vom 6.6.2005

Kara Mustafa · Der in Wien aufbewahrte Kopf des türkischen Großwesirs, erfolgloser Feldherr bei der Belagerung Wiens 1683, soll endlich eine letzte Ruhestätte finden. Noch liefen Versuche, die mangels Totenschein unbestätigte Echtheit des Schädels zu prüfen, berichtete die österreichische Nachrichtenagentur APA. Der osmanische Großwesir Kara Mustafa Pascha (1635/36- 1683) hatte 1683 den Feldzug gegen Österreich und die Zweite Türkenbelagerung Wiens geleitet. Wegen Misserfolgs ließ ihn der Sultan später köpfen. Im Zug der habsburgischen Eroberung Belgrads kam der Schädel nach Wien. Die Türkei bezweifelt die Echtheit des Schädels und zeigte bisher kein Interesse, ihn zurückzuerhalten. dpa

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Großwesir Kara Mustafa

 Endgültig geschlagen wurden die Türken in der Schlacht von Peterwardein vom 5.August 1716. Der türkische Großwesir erlitt ein melancholisches Schicksal. Als er seine Reiterei auf dem Rückzug, die Janitscharen wanken und sein Heer fliehend sah, stürzte er sich in das Kampfgetümmel. Eine österreichische Kugel traf ihn tödlich. Eugen gewann die Schlacht nach fünf Stunden, die Türken mussten 6000 Tote hinnehmen. Das türkische Lager fiel mit reicher Beute in die Hände der Kaiserlichen: Geschirre und Sättel der Pferde, persische Teppiche und Stoffe, Pferde und Kamele. Der siegreiche Feldherr behielt das Zelt des Großwesirs, luxuriös und mit Räumen aus Gold und Seide; 500 Mann waren erforderlich, um es aufzuschlagen. „Innerhalb der gesamten Christenheit herrschte freudige Erregung über die Niederlage der Ungläubigen bei Peterwardein. In Wien waren die Straßen voll von Menschen und in Rom wurden auf Anordnung des Papstes alle Glocken geläutet und die Straßen der Stadt beleuchtet. An Eugen sandte der Papst einen Ehrendegen und Hut in Anerkennung der überragenden militärischen Verdienste des Prinzen um die Christenheit und die katholische Kirche.“5

Legen wir die Ereignisse von 1571 nach, die einen weiteren Höhepunkt türkisch-habsburgischer Auseinandersetzungen bildeten. 1568 wird Don Juan D’Austria, ein unehelicher Sohn Karls V., zum Oberbefehlshaber der spanischen Mittelmeerflotte ernannt. Seine Worte bei seiner Ernennung sprechen von hohem Selbstbewusststein: „Diese Flotte, an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe, ist die schönste der Welt und gleichzeitig die mächtigste, die dem Halbmond bisher entgegengetreten ist. Auf uns ruhen die Augen der gesamten Christenheit. So bin ich denn entschlossen, sofort die türkische Flotte zu suchen und zu besiegen.“6 Der Feldherr weiter: im Jahre 1565 habe das Selbstvertrauen der osmanischen Feldherren schweren Schaden erlitten, ihr Glaube an Allahs Beistand sei erschüttert worden. D’Austria weiter: „Nicht nur die Küsten sind Bedroht durch die Galeeren der Barbaren, auch die heilige Stadt Rom liegt ungeschützt, den Moslems zur Beute preisgegeben. Das Grab des Petrus zuschänden, das ist die Absicht der Ungläubigen. Ist Rom aber gefallen, dann ist die Sache Christi verloren in Europa.“ Wieder einmal wird die Entscheidungsschlacht zwischen Kreuz und Koran geschlagen. Die Schlacht fand am 7. Oktober 1571 bei Lepanto statt. Der türkische Befehlshaber, Ali Pascha, wurde erschlagen. Die Heilige Liga siegte, doch war ihr Sieg nicht vollständig. Der Gouverneur von Algerien, Uluch Ali, konnte einen Teil der Schiffe an Sultan Selim II. zurückbringen. Schon ein Jahr später war die türkische Flotte reorganisiert. Zypern wurde 1573 von Venedig aufgegeben, obwohl die Heilige Liga für dieses Gebiet gekämpft hatte. Die Vertreibung der Portugiesen aus dem Indischen Ozean, die Uluch Ali bezweckte, gelang unter Sultan Murad III. nicht, der Christen mehr im eigenen Land bekämpfte. Kirchen wurden unter seiner Herrschaft in Moscheen umgewandelt. Nach der Schlacht von Lepanto wurden weder Italien noch Spanien mehr von türkischen Geschwadern bedroht. Die islamische Energie zur See war erloschen. Das Ereignis war so bedeutend, dass es sogar auf dem Deckengemälde der „Kirche zu Unserer Lieben Frau“ in Günzburg bildlich dargestellt ist. Maria greift in den Entscheidungskampf zwischen der christlich-abendländischen und der türkischen Flotte ein.7

Zu Massakern kam es auch im Libanon. Frankreich nutzte sie, um im Libanon und Syrien als Schutzmacht der Christen aufzutreten. 8 Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wuchs der christliche Einfluss im Nahen Osten trotz dieser Massaker.

8 Vgl. Gerhard Schwarzer, Syrien verstehen- Geschichte Gesellschaft und Religion, Stuttgart 2015, S. 265 ff.

1 Konzelmann, Die islamische Herausforderung, München 1988, S. 158

2 Udo Ulfkotte, Der Krieg in unseren Städten. Wie radikale Islamisten Deutschland unterwandern, Frankfurt

am Main 2004, s. 104 ff.

3 Leopold von Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation Band 2, Hamburg o. J., S.107

4 Gerhard Konzelmann, Die islamische Herausforderung, München 1988, S. 172

4a Vgl. Ingeborg Tetzlaff, Malta und Gozo, Köln 1988 (DuMont Kunst-Reiseführer), S. 67 ff.

4b Michael Neumann-Adrian, Christoph K. Neumann, Die Türkei. Ein Land und seine 9000 Jahre alte Geschichte, München 1990, S. 257

5 Nicholas Henderson, Prinz Eugen. Der edle Ritter, München 1978 (Heyne Biographien), S. 310

6 Konzelmann, a.a.O., S. 199

7 Kirche zu Unserer Lieben Frau in Günzburg, Führer, S. 14

1860: Das Massaker an Christen in Damaskus

Wahrscheinlich starben über 3.000 Personen in den Christenvierteln von Damaskus im Juli 1860. 32.000 Christen lebten damals in dieser Stadt. Der türkische Gouverneur hatte wenig dagegen getan. 1260, sechshundert Jahre vorher, war es zu einem Pogrom an Christen gekommen. 1258 hatten die Mongolen Bagdad erobert. Arabische Christen aus Damaskus hatten sich hilfesuchend an die Mongolen gewandt, um Unterstützung gegen die Mamluken zu erhalten. Der Sultan Baibar konnte die Mongolen vertreiben und wütete darauf gegen die Christen von Damaskus. In der syrischen Hauptstadt entzündeten sich die Feindseligkeiten im Streit zwischen arabischen und christlichen Kaufleuten. Hintergrund bildete die Tatsache, dass von den Franzosen betriebene Schulen mit westlichen Lehrplänen auch für die muslimische Oberschicht Anklang fanden, was den geistlichen Rechtsgelehrten mißfiel.

Jemen-Krieg – Harter Brexit? – Unfairness im Sport – Fluch des Coltan -Nationalpopulismus in Europa und den USA – Begriff Neurussland – Hindenburgstraße umbenennen – Krim -Konflikt – Agrarpreise kontrollieren – Zur Lage der Roma in Serbien – Keine Abschiebungen in den Kosovo – Pierre Vogel – Flüchtlinge Liberia – Aufstand in Syrien – Hartz IV – Nordkorea – Berlusconi

Leserbrief zu: „Kompromiß gefunden – kein Problem gelöst“, In Main-Echo vom 29.3.2019, erschienen in: Main-Echo online vom 8.5.2019

Ausgangslage: Rein deutsche Rüstungsgüter dürfen für ein weiteres halbes Jahr nicht nach Saudi-Arabien geliefert werden. Bei Zulieferungen für europäische Gemeinschaftsprojekte ist die Lage komplizierter. Bis Ende des Jahres dürfen deutsche Unternehmen wieder Bauteile nach Frankreich oder Großbritannien liefern, um eine Fortführung der Produktion zu ermöglichen. Einen Export fertiger Produkte mit deutschen Teilen wie etwa Eurofighter-Kampfjets aus Großbritannien nach Saudi-Arabien und in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) will die Regierung aber unterbinden.

In gekürzter Form erschienen in: Main-Echo vom 4.7.2019 Bezugsartikel: „Stopp für Rüstungsexport ausgehebelt … Die Bundesregierung hat seit Jahresanfang Rüstungslieferungen für mehr als eine Milliarde Euro an die von Saudi-Arabien geführte Allianz im Jemen-Krieg genehmigt“, in Main-Echo vom 17.6.2019

Waffen im Jemen-Krieg – Die Vereinten Nationen bezeichnen den von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten auf der einen Seite, dem Iran auf der anderen geförderten Konflikt als „eine der schlimmsten humanitären Krisen“ der Gegenwart. 24 Millionen Menschen, 80 Prozent der Bevölkerung, brauchen demnach humanitäre Hilfe oder Schutz, darunter 14,3 Millionen Kinder. Die Bilder der vielen unterernährtern Kinder sprechen eine deutliche und schreckliche Sprache.

Im Einsatz sind unter anderem Leclerc-Panzer und Caesar-Kanonen aus französischer Produktion, die im Jemen stationiert sind oder von der Grenze zu Saudi-Arabien aus den Jemen bombardieren. Die Kanonen haben eine Reichweite von 42 Kilometern und werden vom Krauss-Maffei-Wegmann-Partner Nexter hergestellt. Sie sind auf Mercedes-Unimog-Chassis montiert. Damit sind auch deutsche Lieferanten an dem Konflikt beteiligt. Durch den Artilleriebeschuss werden auch Zivilisten getötet.

Die Vereinigten Arabischen Emirate setzen Mirage 2000-9 Kampfbomber ein, die Saudis Tornado-Kampfflugzeuge. Bewaffnet sind sie unter anderem mit Marschflugkörpern des europäischen Herstellers MBDA (Matra BAe Dynamics Aerospatiale).

Es ist ein Kompromiss, der viele enttäuscht: Der Export deutscher Waffen an Saudi-Arabien bleibt verboten, deutsche Bauteile für europäische Waffen dürfen aber wieder geliefert werden. Der Beschluß läßt eine Hintertür offen, durch die deutsche und europäische Waffen weiter im Jemen-Krieg landen können. Auch im Jemen tätige Hilfsorganisationen befürchten zu Recht „Schlupflöcher“ für die Lieferung von Rüstungsgütern. Was sind das eigentlich für Verpflichtungen gegenüber den europäischen Partnern, die zu so einem Elend führen? Müssen sie ewig so weiter gehen?

Christian Schauer

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Krieg im Jemen

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Flagge des Iran

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Leserbrief zu:“ ‚Brexit bringt stürmische Zeiten‘„, in: Der Heimatbote vom 17.1.2019, erschienen in: Der Heimatbote vom 29.1.2019

Man kann gespannt sein, ob der harte Brexit kommt und die vielen Nationalisten ihr Waterloo erleben.

Im Falle eines harten Brexits ist es denkbar, dass Teile des Flugverkehrs zwischen der EU und Großbritannien zeitweilig eingestellt werden. Bei Reisen nach Großbritannien könnten nach einen Austritt wieder Roaming-Gebühren anfallen, das Telefonieren mit dem Handy würde teurer! Autofahrer aus Großbritannien bräuchten einen internationalen Führerschein bei Fahrten in EU-Ländern.

Die britische Exportwirtschaft würde im ersten Brexit-Jahr wahrscheinlich Ausfuhren im Wert von 30 Milliarden Pfund verlieren. Das britische Pfund würde um 25 Prozent an Wert verlieren. Die Hauspreise könnten um 30 Prozent fallen. Da Waren und Personen an den EU-Grenzen wieder kontrolliert werden müssten, müsste der deutsche Zoll 900 zusätzliche Beamte einstellen.

Kommt das Ganze tatsächlich?

Christian Schauer

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Leserbrief zu: „Ronaldo und Bale als Stimmungskiller“, in Main-Echo vom 28.5.2018, erschienen in: Main-Echo vom 30.5.2018

Der Schiedsrichter hat sich zwei Fehlentscheidungen geleistet. Sergio Ramos hätte bei dem Tackling gegen Salah, das zum Ausscheiden des Ägypters führte, mindestens die gelbe Karte bekommen müssen. Er lässt ihn nicht los am Arm, als beide schon fallen und nimmt dadurch eine Verletzung der Schulter in Kauf. Oliver Kahn behauptete in der Pause, dass das ein „normaler Zweikampf“ gewesen sei – dieser Behauptung kann ich nicht folgen. Der Ellenbogenschlag, den Ramos Karius nach der Pause an die Schläfe versetzte, hätte dann zur zweiten gelben Karte führen müssen. Nach einem Platzverweis für Real Madrid wäre das Spiel anders gelaufen.

Ein schlechtes Gewissen schien der Kapitän von Real Madrid, Sergio Ramos, nicht zu haben. Jubelnd riss der Kapitän er immer wieder die Champions-League-Trophäe in die Höhe. Ein Spiegelbild des Profisports. Wer über Leichen geht, wird belohnt – wo das nötige Geld im Spiel ist, sind Skrupel selten und ein namhafter Sportkommentator hätte es wohl ebenso gemacht.

Christian Schauer

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Leserbrief zu „Handy Sammelaktion im Weltladen“, in: Der Heimatbote vom 4. 7.2017, erschienen im Heimatboten vom 11.7.2017

Weiß man wirklich viel über die Handys, die man ständig benutzt? Wahrscheinlich viele eher nicht.- Die im Smartphone verwendeten raren Mineralien stammen häufig aus Afrika, beispielsweise das Erz Coltan aus Minen in der Demokratischen Republik Kongo. Coltan ist alles andere als sehr lange verfügbar, die Weltvorräte neigen sich allmählich dem Ende entgegen. In den Coltan-Minen lässt sich schnell viel Geld verdienen, weshalb man meinen könnte, dass der Coltanabbau dem betreffenden Land und seiner Bevölkerung gut tut. Weltweit steht immer wieder der Coltanabbau in der Regio Kivu in der Demokratischen Republik Kongo im Vordergrund. Die Arbeitsbedingungen – nicht selten kommt es zur Kinderarbeit – sind sehr inhuman.

Der Coltan-Boom bewirkte bei der Bevölkerung ähnliches wie ein Goldrausch -etwas Irrationales. Die Felder wurden nicht bewirtschaftet, weil der Verdienst in den Bergarbeitercamps bis zu fünfmal höher war als in der Landwirtschaft.

Ein Rausch wird auch durch hohe Gewinne noch potenziert.Diese hohen Gewinne für die Konzerne gingen einher mit fehlender staatlicher Überwachung während des Bürgerkrieges in diesem Land. Sie führten zu chaotischem Raubbau, der gravierende Umweltschäden nach sich zog. Unter anderem hatten die Gorillas darunter zu leiden, deren Lebensraum verkleinert wurde.Der Krieg in der Demokratischen Republik Kongo hat seit Anfang der 90er Jahre schätzungsweise fünf Millionen Menschen das Leben gekostet. Auch daran sollte man bei der Nutzung seiner Handys denken.

Christian Schauer, Alzenau

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Leserbrief zu: „Trump justiert Sicherheitspolitik neu“, in Main-Echo vom 31.1.2017 und „Der Kleinkrieg mit den Medien ist Alltag -USA: Trump und sein Umgang mit Journalisten“, in Main-Echo vom 7.2.2017, erschienen in Main-Echo online vom 14.2.2017 und 9.2.2017 , in Main-Echo Printausgabe vom 2.3.2017

Wie Breitbart-News, ein Portal, das dem aktuellen Präsidenten der USA, Donald Trump, nahesteht, Nachrichten verfälscht, kann man anhand der Ereignisse der Silvesternacht 2016 in Dortmund dokumentieren.

Eine Gruppe von mehr als 1.000 Männern habe „Allahu Akbar“ geschrien, Polizisten attackiert und eine historische Kirche in Brand gesetzt, berichtete das umstrittene, nationalpopulistische nordamerikanische Portal „Breitbart“ und zeichnete ein düsteres, bedrohliches Bild von der Silvesternacht in Dortmund. Für den Leser scheint es so, als sei die Lage dort in der Nacht zum neuen Jahr vollkommen außer Kontrolle geraten.

Der Wahrheit entsprach das nicht. Eine Gruppe von 1.000 Männern feierte in der Dortmunder Innenstadt. Es gab auch einzelne „Allahu-Akbar“-Rufe. Eine Feuerwerksrakete landete im Netz eines Baugerüsts der Reinoldikirche. Sie ist, anders als „Breitbart“ berichtete, nicht die älteste Kirche Deutschlands. Dort entstand ein kleinerer Brand, der schnell gelöscht werden konnte. Einige Polizisten wurden verletzt – doch keiner wurde bewußt angegriffen.

Es wird deutlich, dass eine Art Bürgerkrieg aus relativ harmlosen Ereignisssen herbeigeschrieben werden soll.

Steve Bannon, der wichtigste Berater des Präsidenten Trump, weist andererseits schon auf die Unabänderlichkeit von Kriegen auch nach außen hin, wenn er im März 2016 zur China-Politik der Vereinigten Staaten folgendes schreibt: „Wir werden im Südchinesischen Meer in fünf bis zehn Jahren Krieg haben, oder etwa nicht? Daran gibt’s keinen Zweifel. Die nehmen ihre Sandbänke und machen daraus ständige stationäre Flugzeugträger, dann stellen sie noch Raketen drauf. Sie kommen dann in die USA, und sie sagen uns direkt ins Gesicht und Ihnen allen ist klar, wie wichtig das Gesicht ist , die See dort ist seit alters her ihr Territorium.“

Unbewiesene pauschale Vorwürfe an die Medien gehören zum Repertoire Trumps – bei Terroranschlägen gebe es aktive Nachrichtenunterdrückung. Die Berichterstattung über die Anschläge von Nizza, Paris und Berlin beweisen das Gegenteil. Muslime werden kollektiv des Terrors verdächtigt.

Eine Vorstellung von Völkerfreundschaft hat im Denken der Nationalpopulisten nicht die geringste Chance. Man kann nur hoffen, dass die humanen Werten verpflichtete Opposition in den USA stark genug ist, diese Leute zu stoppen.

Christian Schauer

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Leserbrief zu „Den Hass schüren Linke, Grüne, SPD“ und „Trump fordert Einreiseverbot für Muslime“ in: Main-Echo vom 9.12.2015 umd “Sorge um EU-Flüchtlingspolitik nach Rechtsruck in Polen”, in: Main-Echo vom 26.10.2015

Herr Bystron spricht weltweit von 90 Prozent Wirtschaftsmigranten. Er sollte in der aktuellen Debatte lieber die Zahlen für Deutschland berücksichtigen. Demnach wurden von Januar bis November 2015 ca. 965.000 Asylanträge gestellt, davon von Syrern ca. 484.000, von Afghanen ca. 127.000 und Irakern ca. 93.000, das heißt etwa zwei Drittel der Asylanträge wurden von Personen gestellt, die aus Kriegsländern kommen – es handelt sich um Kriegsflüchtlinge.

Ich stimme Herrn Bystron zu, dass arabische Länder wie Saudi-Arabien und Katar keinerlei Vorbildcharakter haben können, wenn sie keine Flüchtlinge aus muslimischen Ländern wie Syrien aufnehmen wollen. Auch Länder wie Großbritannien sind überhaupt nicht vorbildlich, wenn sie ohne Grund im Irak 2003 Krieg führen und wenn die Ergebnisse nicht den behaupteten Ergebnissen entsprechen, kaum Flüchtlinge aufnehmen wollen.

Menschen, die diesen (und auch anderen) Flüchtlingen mit Empathie begegnen, haben es nicht verdient als „Willkommens-Hudler“ oder „nützliche Idioten“ bezeichnet zu werden. Solche Vokabeln versauen die Atmosphäre. Dahinter steckt die nationalistische Logik der Feindschaft gegenüber Menschen in Not, die zum Aufstieg von Pegida und AFD geführt hat.

Dass auch in demokratischen Parteien Ressentiments gegen Minderheiten hoffähig geworden sind, zeigt der Präsidentschaftskandidat der Republikaner in den USA, Donald Trump, mit der Forderung eines Einreiseverbotes für alle Muslime in die USA. Das suggeriert, dass potentiell alle Muslime Terroristen sind.

Mit der pauschalen Ablehnung von Flüchtlingen gewinnt man heute schon Wahlen in Europa. So meinte der Chef der polnischen Nationalkonservativen Jaroslaw Kaczynski Mitte Oktober 2015 auf einer Wahlveranstaltung zum Thema Migration: „Cholera auf den griechischen Inseln, Ruhr in Wien, alle Arten von Parasiten und Bakterien, die in den Organismen dieser Menschen harmlos sind, können hier gefährlich werden“. Es ist skandalös, dass eine Partei „Recht und Gerechtigkeit“ eine Wahl gewinnt, die sich weigert, bei einer Bevölkerungszahl von etwa 38,5 Millionen 7.000 Flüchtlinge aufzunehmen. Auf diese lächerlich geringe Zahl ließ sich die Vorgängerregierung zumindest ein.

Den würdigen Abschluss bietet der ungarische Ministerpräsident: „Natürlich gibt man es nicht gerne zu, aber es ist eine Tatsache, dass alle Terroristen letztlich Migranten sind“, sagt Viktor Orbán. „Die Frage ist nur, wann sie in die Europäische Union eingewandert sind.“ (Welt vom 24.11.2015)

In Ungarn gab es eine rechtsradikale Partei mit dem Namen „Die Pfeilkreuzler“, die massiv in den Holocaust verwickelt war und vom Oktober 1944 bis zum Weltkriegsende 1945 die ungarische Politik bestimmte. Führer war Ferenc Szálasi. Folgende Ungarn waren prominente Mitglieder dieser Partei: Károly Beregfy, Verteidigungsminister dieses Regimes, Gábor Vajna, Innenminister und József Gera war ein Vertrauter des Ministerpräsidenten Szálasi. Alle diese Faschisten waren Ungarn Herr Orbán! Aber nicht alle Ungarn sind Faschisten!

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Foto: Pfeilkreuzler-Flagge und Parteiführer Ferenc Szálasi – Montage:C. Schauer

Der völkische Nationalismus mit seinen grobschlächtigen Ressentiments ist auf dem Vormarsch. Es wird Zeit, ihn zu stoppen.

Christian Schauer, Alzenau – erschienen in Main-Echo online am 19.12.2015, auszugsweise in: Frankfurter Rundschau vom 30.12.2015, Bezugsartikel: „Das braune Problem in Polen wächst“, in FR vom 21.12.2015

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Leserbrief zu: “Putin bekräftigt Bedeutung der Krim für Moskau in Neujahrsansprache”, in: Main-Echo vom 31.12.2014

Wer verbirgt sich hinter der Bewegung, die unter dem Begriff Neurussland im Osten der Ukraine die Separation unterstützt und den Anschluß der Krim an Russland vollzogen hat? Es sind Personen, die eindeutig dem rechtsradikalen Spektrum zuzurechnen sind.

Pawel Gubarew (zeitweilig „Volksgouverneur“ der „Volksrepublik Donezk“) Lange war er Mitglied der paramilitaristischen neofaschistischen Partei „Russische Nationale Einheit“ (RNU), deren Parteiemblem aus dem Hakenkreuz und dem Andreaskreuz der kaiserlichen russischen Marine besteht. Er betätigte sich in zahlreichen panslawistischen und ultranationalistischen Kleinparteien. Zur Zeit ist er Vorsitzender der „Partei Neurussland“, die am 13. Mai 2014 von den Ultranationalisten Valery Korowin, Alexander Prochanow und Alexander Dugin gegründet wurde. Im  Oktober 2014 wurde Gubarew auf einer Fahrt vom russischen Rostow am Don nach Donezk verletzt, nachdem sein Fahrzeug in der umkämpften Oblast Donezk beschossen wurde. Seitdem liegt er in einem Krankenhaus in Rostow am Don.

Alexander Borodai wurde nach dem Referendum im Osten der Ukraine 2014 zum Premierminister der “Volksrepublik Donezk” ernannt. Am 7. August 2014 trat er von diesem Posten zurück  und erklärte, diesen an Alexander Sachartschenko abzugeben. Am 28. September 1993 begannen öffentliche Proteste gegen Jelzins Regierung in den Straßen Moskaus, wobei es zu erstem Blutvergießen kam. Die Armee blieb unter Jelzins Kontrolle, was letztlich den Ausgang der Krise entschied.  Borodai gehörte zusammen mit den Paramilitärs der neofaschistischen RNU zu den Putschisten, die sich in Moskau im Weißen Haus verbarrikadiert hatten. Er betätigte sich auch als freiwilliger Kämpfer für prorussische Rebellen in Transnistrien. Während dieser Zeit war Borodai Redakteur der rechtsextremen und ultranationalistischen Wochenzeitung „Zavtra“ („Morgen“), die Partei Neurussland -Gründer Alexander Prochanow ins Leben gerufen hatte. Um die „auseinanderfallende russische Gesellschaft“ wieder zu vereinen, propagiert

Alexander Prochanow eine nationalsozialistische Ideologie. Es handelt sich um eine Art Faschismus ähnlich dem von Benito Mussolini – ohne ausgewiesenen Rassismus. Prochanow bezeichnet sich selbst als „traditionellen russischen Imperialisten“ – das „ideale Russland“ ist für ihn ein „euroasiatischer Staat“ mit einem „zentralen und regulierenden“ Volk, den Russen. In Prochanows Weltbild wollen „liberale jüdische Gruppen“ Russland von innen heraus aushöhlen. Seine Wochenzeitung „Zavtra“ ist ultranationalistisch. In ihr wird ein deutlicher Antisemitismus gepflegt.

Daneben gibt es noch Igor Girkin, der zeitweilig eine Art Verteidigungsminister darstellte. Auch Igor Girkin, der meist unter seinem Kampfnamen „Strelkow“ („der Schütze“) geführt wird, ist aus Russland. Als Kämpfer im Bosnien-Krieg für die serbische Seite wurden ihm zahlreiche Kriegsverbrechen vorgeworfen.

Die Zusammenarbeit Putins mit der rechtspopulistischen “Nationalen Front” in Frankreich wurde von der Vorsitzenden dieser Partei, Marine Le Pen, Ende November 2014 bestätigt. Zur Höhe eines Kredites meinte sie:  “Wir haben neun Millionen Euro beantragt, und wir haben neun Millionen Euro bekommen.” Auf ukrainischer Seite werden oft die Taten der Svoboda-Partei und des “Rechten Sektors” für die mangelnde Abgrenzung zum Rechtsradikalismus zurecht angeführt. Dass die russische Politik so rechtsradikal beeinflusst ist, wollen viele nicht wahrhaben. Christian Schauer, auszugsweise veröffentlicht als Kommentar zu “Putins Geschichtsklitterung”, in Main-Echo online vom 1.1.2015

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Leserbrief zu: Darmstadt streitet über die Hindenburg-Straße     In: Main-Echo vom 1.9.2014

Paul von Hindenburg erwies sich nach dem Ende der Weimarer Republik als Totengräber der Demokratie. Am 1. Februar 1933 löste er den Reichstag auf. Die Verordnung dazu ist unterschrieben von Hindenburg, Hitler und Frick. Nach dem Reichstagsbrand erfolgte im Laufe des Februars eine Reihe von antidemokratischen Maßnahmen wie die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“. Nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 wurd die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ erlassen, mit der die Grundrechte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges außer Kraft gesetzt wurden. Danach kam es zu Massenverhaftungen von Anhängern der KPD und der SPD. Bei dem am “Tag von Potsdam” am 21. März 1933 wurde der neu gewählte Reichstag in der Garnisonkirche eröffnet. Durch eine symbolische Verneigung Hitlers vor dem greisen Reichspräsidenten wurde eine symbolträchtige Kontinuität zwischen dem Kaiserreich und dem Dritten Reich hergestellt. Beim Streit um die Straßenbenennung in Darmstadt kann deshalb den Befürwortern einer Umbenennung nur beigepflichtet werden.

Christian Schauer, Alzenau geschrieben: 12.09.2014 in Main-Echo online

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Leserbrief zu: “Russland bleibt unbeeindruckt”, in: Main-Echo vom 8.3.2014, erschienen am 11.4.2014

Großrussischer Nationalismus und sowjetisches Expansionsstreben bildeten von Anfang an keinen Gegensatz.

Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt (Hitler Stalin Pakt) 1939 – Geheimes Zusatzprotokoll In einem geheimen Zusatzprotokoll, das erst nach dem Krieg bekannt wurde, legten die Länder die Aufteilung Polens, des Baltikums und Bessarabiens in deutsche und sowjetische Interessensphären für den Fall fest, dass es zu „territorial-politischen Umgestaltungen“ kommen sollte. Die Punkte des Zusatzprotokolls sahen dabei Folgendes vor: Bei den baltischen Staaten (zu denen damals auch Finnland gerechnet wurde) sollten diese „Interessensphären“ durch die Nordgrenze Litauens abgegrenzt werden; Lettland, Estland und Finnland sollten in der sowjetischen Interessensphäre liegen, Litauen in der deutschen. Das Staatsgebiet Polens wurde entlang der Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San in zwei Interessensphären geteilt. „Ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre“, das sollte erst „im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden“. Das Zusatzprotokoll sollte von beiden vertragsschließenden Parteien „streng geheim behandelt werden“ – es wurde aber schließlich doch bekannt. Die Sowjetunion kam durch ein temporäres Bündnis mit dem NS-Staat in den Besitz neuer Gebiete.

Die Breschnew-Doktrin wurde am 12. November 1968 vom sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew auf dem 5. Parteitag der “Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei” verkündet. Sie ging von der „beschränkten Souveränität“ der sozialistischen Staaten aus und leitete daraus das Recht ab, einzugreifen, wenn in einem dieser Staaten der Sozialismus bedroht würde. Dabei lautete die Hauptthese: „Die Souveränität der einzelnen Staaten findet ihre Grenze an den Interessen der sozialistischen Gemeinschaft.” Bestimmt wird ein solcher Fall vom Politbüro der KPdSU. Aktueller Anlaß war der Einmarsch der Warschauer Pakt Staaten 1968 in die Tschechoslowakei.  Im Juni 1953 konnte sich die SED nur mit sowjetischer Hilfe die Macht in Ostdeutschland erhalten. Drei Jahre später war Ungarn an der Reihe. Auch hier konnten sich Kommunisten nur durch sowjetische Bajonette die Herrschaft sichern.

Mit dem Verlust der nach dem Zweiten Weltkrieg in sowjetischen Einflußbereich gekommenen Staaten konnte sich das heutige Rußland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990 abfinden, mit dem Verlust von Gebieten, die früher erobert wurden, nicht. Nachdem die Krim unter Grigori Potjomkin von Russland annektiert worden war, wurde sie von Katharina II. am 8. April 1783 „von nun an und für alle Zeiten“ als russisch deklariert. Vorher stand die Krim Jahrhunderte lang unter türkischem Einfluß. Seit 1475 übten die Osmanen beherrschenden Einfluß aus, gestanden aber eine gewisse Autonomie zu. An Katharinas Formulierun scheint man sich auch heute wieder gerne in Rußland zu erinnern.

Einem Kompromiß ist derartiger Nationalismus wenig zugeneigt. Erschwert wird die Situation dadurch, dass die stark nationalistische “Swoboda-Partei” in der Ukraine nach dem Janukowytsch-Sturz an der neuen Regierung beteiligt ist. Bei der Regierungsbildung am 27. Februar 2014 erhielt der stellvertretende Vorsitzende von Swoboda, Oleksandr Sytsch, das Amt des stellvertretenden Ministerpräsidenten. Die Partei stellt auch weitere Mitglieder der Übergangsregierung, so etwa Ihor Tenjuch als Verteidigungsminister und den Umweltminister. Das EU-Parlament hatte sich in einer Resolution vom 13. Dezember 2012 besorgt über eine “zunehmende nationalistische Stimmung in der Ukraine” erklärt, die im Wahlerfolg der Swoboda zum Ausdruck gekommen sei. Seit Beginn der Proteste in der Ukraine 2013 bildet die “Swoboda” gemeinsam mit der UDAR von Vitali Klitschko und der Allukrainischen Vereinigung „Vaterland“ von Julija Tymoschenko ein oppositionelles Dreierbündnis. Die beiden letzten Parteien streben in die Europäische Union. Das Bündnis mit “Swoboda” macht beide Parteien angreifbar. Gesucht ist in dem Konflikt ein Deeskalationsmechanismus.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau

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Main-Echo 25.01.2013

Agrarpreise kontrollieren

Nach Schätzung der Weltbank sind seit Anfang 2011 zusätzlich mindestens 62 Millionen Menschen in das Heer der Unterernährten abgesunken. Wie die Weltbank meint, verursachten 2008 in Afrika die erhöhten Preise für Nahrungsmittel, dass 30 Millionen Menschen zusätzlich in starke Armut gestürzt wurden. Tatsächlich führen nur zwei Prozent der Rohstoff-Futures tatsächlich zur Lieferung einer Ware. Bei Futures handelt es sich, wie bei Optionen oder Optionsscheinen, um ein standardisierte Termingeschäft. Futures aus dem Rohstoffbereich sind mit wenigen Ausnahmen nur in den USA über einen Broker handelbar. Die restlichen 98 Prozent werden vor dem Fälligkeitsdatum weiterverkauft. Es gibt dazu Alternativen. Als Lösung schlägt der ehemalige Finanzstaatssekretär, Heiner Flassbeck, vor, der UNCTAD die weltweite Kontrolle über die Börsenkurse für Agrarrohstoffe zu übertragen. Flassbeck schreibt dazu: Auf den Terminmärkten dürften fortan nur noch die Erzeuger, Händler oder Verwender von Agrarrohstoffen tätig werden. Wer mit einer Partie Weizen oder Reis, einer Anzahl Hektoliter Öl etc., handle, müsse gehalten sein, die vereinbarte Ware auch zu liefern. Außerdem empfehle es sich, die zu hinterlegenden Sicherheiten für solche Geschäfte zu erhöhen.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, Alzenau

Der Leserbriefschreiber, auf den sich die Stellungnahme bezieht, äußerte Zweifel über die Asylberechtigung der Roma aus Serbien in Deutschland

schauer Sachlich bleiben

Nach Aussagen der serbischen Regierung leben etwa 60 Prozent der geschätzten 450 000 Roma in Serbien in unsicheren und unhygienischen Lebensverhältnissen, im Winter gibt es nur ungenügende Möglichkeiten der Beheizung der illegalen Siedlungen; 30 Prozent haben keinen Zugang zu Trinkwasser; 70 Prozent keinen Zugang zur Kanalisation. Zwangsumsiedlungen in neu erstellte Container-Siedlungen verbessern die Situation der Roma nicht immer, da die Siedlungen oft ebenfalls katastrophale Bedingungen vorweisen. Teilweise sind sie auf ehemaligen Müllhalden errichtet. Serbische Studien belegen, dass Romakinder in Sonderschulen mit einem Anteil von mehr als 30 Prozent deutlich überrepräsentiert sind. Umfragen zufolge gelten sie als die meist diskriminierte Bevölkerungsgruppe in Serbien, eine Diskriminierung, die sich insbesondere im Zugang zum Arbeitsmarkt deutlich macht. Die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) stellte in ihrem letzten Länderbericht zu Serbien fest, dass die Mehrheit aller Roma von Gelegenheitsjobs wie beispielsweise dem Sammeln von Altmetall lebt und dass kaum Roma in staatlichen Betrieben beschäftigt sind. In Serbien gibt es eine obligatorische Krankenversicherung, in der Ende 2010 fast 7 Mio. Personen versichert waren. 2009 waren 93 Prozent der Bevölkerung in dieser obligatorischen Krankenversicherung versichert. Die restlichen sieben Prozent waren vor allem Angehörige der Roma, Ashkali und Ägypter sowie Flüchtlinge und Angestellte, deren Arbeitgeber Beiträge verweigern. Die Notwendigkeit, den Anspruch auf eine Krankenversicherung durch verschiedene amtliche Dokumente belegen zu müssen, stellt für die Roma eine Hürde dar. Roma ohne Registrierung eines permanenten oder temporären Wohnsitzes können nicht versichert werden. Sie können mit ihren beschränkten Mitteln die Reise zum ursprünglichen permanenten Wohnsitz nicht leisten. 2012 war der serbische Staat bemüht, den Zugang der Roma zum Gesundheitswesen zu erleichtern.

geschrieben: 08.11.2012 23:18 Main-Echo

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Leserbrief zu „Amnesty kritisiert auch Deutschland“, in: Main-Echo vom 24.5.2012, erschienen in:Main-Echo vom 6.6.2012

Amnesty kritisierte unter anderem, dass mehrere Bundesländer Roma in den Kosovo abschieben, obwohl ihnen dort Verfolgung und Diskriminierung drohen. Die Kritik konnten Menschenrechtsverbände vor kurzem bestätigen. „Den Abgeschobenen fehlt es oft am Allernötigsten, in vielen Fällen sind noch nicht mal zeitnahe Unterbringung und Ernährung gesichert”, so die Einschätzung einer Delegation des Flüchtlingsrates Niedersachsen und Pro Asyl, die kürzlich den Kosovo besuchte. Die Hilfsprogramme für Abgeschobene existierten teils nur auf dem Papier oder deckten nur die ersten Monate ab. Durch die Abschiebungen würden die Betroffenen aus ihrem bisherigen Lebensumfeld herausgerissenen und stehen im Kosovo in den meisten Fällen vor dem Nichts. Der Schock der Abschiebung lasse vor allem Familien in Angst und Apathie erstarren. Seit dem Abschluss des Rücknahmeübereinkommens mit dem Kosovo im Jahr 2010 wurden über 1000 Menschen aus Deutschland in den Kosovo abgeschoben. Durch die Abschiebungen würden die Betroffenen aus ihrem bisherigen Lebensumfeld herausgerissenen und stünden im Kosovo in den meisten Fällen vor dem Nichts. Der Schock der Abschiebung lasse vor allem Familien in Angst und Apathie erstarren. Seit dem Abschluss des Rücknahmeübereinkommens mit dem Kosovo im Jahr 2010 wurden über 1000 Menschen aus Deutschland in den Kosovo abgeschoben. Die Sicherheitswahrnehmung der Betroffenen sei geprägt von Berichten tätlicher Angriffe durch die albanische Bevölkerungsmehrheit und durch die Polizei. Ein großer Teil der Abgeschobenen fliehe deshalb in Nachbarländer oder zurück in den Westen. Die Konsequenz daraus kann nur heißen, Abschiebungen dorthin in Zukunft zu unterlassen.

Christian Schauer,  Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau

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27.04.2011 Main-Echo Leserbrief (Auszug)

Als Hassprediger verleumdet

Es ist sehr bedauernswert, wie der muslimische Prediger Pierre Vogel als »Hassprediger«, »Extremist« oder »radikaler Islamist« verleumdet wird. Ich verfolge die Vorträge von Herrn Vogel seit Jahren und konnte seinen Predigten nichts entnehmen, was nur annähernd verwerflich klingt.

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Entgegnung schauer zu „Als Hassprediger verleumdet“

Pierre Vogel nimmt eine Reihe von Positionen ein, die aufgeklärten Menschenrechten zuwider laufen. Bei einem seiner Vorträge im Juni 2009 in Stuttgart wurde ein islamisches Frauenbuch angeboten, in dem eheliche Gewalt gegen Frauen gerechtfertigt wird. Zudem werden Ratschläge für spurenlose Misshandlungen gegeben. Bei einem Vortrag am 25. April 2010 in Dillingen (Saarland) sagte er im Hinblick auf die Steinigung von Ehebrecherinnen, dass dies ein Befehl Allahs sei, der ausgeführt werden müsse. Vogel lehnt ein pluralistisches Nebeneinander von Religionen ab und predigt einen Gegensatz von Paradies und Hölle. Entsprechend sollen alle Menschen Muslime werden. Das entspricht nicht dem Grundsatz eines gleichberechtigten Zusammenlebens unterschiedlicher Religionen. Von der Anwendung von Gewalt zur Mission distanziert er sich jedoch. Die Situation der Muslime in Deutschland vergleicht Vogel mit der Lage der Juden in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus. Damit liegt er völlig falsch- mittlerweile gibt es 2500 Moscheen in Deutschland -das ist ein Zeichen von großer Toleranz im Gegensatz zu den Zuständen im muslimischen Saudi-Arabien, wo es keine einzige christliche Kirche gibt. 2007 hat Pierre Vogel in einer Moschee in Göttingen die Verheiratung neunjähriger Mädchen gerechtfertigt und damit erneut eine menschenrechtsfeindliche Position. Zu Osama bin Laden meint er: “Welche Beweise gibt es, dass Osama bin Laden Hinter dem 11. September steht? Wollte man seine Zeugenaussage nicht hören?“ Zum Tode von Bin Laden will er am Samstag eine Kundgebung im Frankfurt abhalten. Wem nützt sie?

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau, geschrieben: 05.05.2011 18:50

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Leserbrief zu: „Friedrich warnt vor falschen Signalen an Nordafrika“, in: Main-Echo vom 12.4.2011

Wenn man die 20.000 Flüchtlinge in Italien auf alle EU-Staaten verteilt, was sinnvoll ist, braucht man keine Angst vor zu vielen Flüchtlingen zu haben. Als Beispiel einer vorbildlichen Gelassenheit, wie man mit weit größeren Flüchtlingsströmen umgeht, kann das kleine Liberia gelten, das sehr viele Flüchtlinge aus der Elfenbeinküste aufnimmt, das gegenwärtig in einem schrecklichen Bürgerkrieg versinkt, den es in seiner direkten Nachbarschaft erlebt. Täglich fliehen Tausende aus der Elfenbeinküste, gegenwärtig sind es mindestens 130.000. Dort werden sie von den Einheimischen sehr freundlich aufgenommen und versorgt, wie Hilfsorganisationen berichten. Die Liberianer, heißt es, erinnerten sich an die eigene, konfliktreiche Vergangenheit (etwa 250.000 Liberianer kamen infolge des Bürgerkrieges in den letzten Jahrzehnten um, eine Million wurden – teilweise in die Nachbarländer – vertrieben) und nähmen jene, die jetzt in Not sind, bereitwillig auf. Akut ist nicht bekannt, dass sich Liberia Wortgefechte mit anderen Ländern in Afrika geliefert hätte zu der Frage, wohin man die Gestrandeten weiterschieben könne oder nicht. Hierin unterscheidet es sich positiv von den Europäern. Zumindest vorübergehend sollte Deutschland Flüchtlinge aus Nordafrika aufnehmen, wie alle anderen EU-Staaten auch. Insgesamt sollte im Falle einer verstärkten Fluchtbewegung aus Libyen oder anderen nordafrikanischen Staaten eine EU-weite Verteilung der neu ankommenden Schutzsuchenden nach humanitären Kriterien erfolgen.

Christian Schauer, Alzenau Der Leserbrief erschien im Main-Echo vom 14.April 2011

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Main-Echo vom 29.4.2011 (Auszug) Syrien bestreitet Meuterei in der Armee Unruhen: Angeblich mehrere Offiziere erschossen – Verurteilung im UN- Sicherheitsrat gescheitert – EU will Sanktionen

Damaskus Die syrischen Streitkräfte haben Berichte über eine angebliche Meuterei in der Armee dementiert. Diese Falschmeldungen sollten das Ansehen der Sicherheitskräfte beschädigen, erklärte ein Armeesprecher. Die EU strebt nach dem Scheitern eines Vorstoßes im UN-Sicherheitsrat Sanktionen gegen Syrien an. ….. Die Organisation syrischer Menschenrechtsbeobachter teilte am Donnerstag mit, ihr lägen die Namen von 453 Menschen vor, die seit Beginn der Unruhen getötet worden seien. Zu den Berichten über eine Meuterei hatten Regimegegner in Syrien berichtet, etliche Offiziere hätten sich geweigert, in der belagerten Stadt Daraa auf Demonstranten zu schießen. Einige von ihnen seien daraufhin von Angehörigen der regimetreuen Republikanischen Garden wegen Befehlsverweigerung erschossen worden. Auch bei den Christen bröckelt die Unterstützung für Assad anscheinend.

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Leserbrief schauer Syrien bestreitet Meuterei“

Der Schatten Alois Brunners liegt auf dem Wirken der Assads. Alois Brunner, die “rechte Hand” von Adolf Eichmann, war in Deutschland, im angeschlossenen Österreich, in Mazedonien, der Slowakei und zuletzt im besetzten Frankreich aktiv an der Ausführung des Mordprogramms der Nazis beteiligt. Die deutsche Justiz wirft ihm vor, direkt für die Deportation von 124 000 Juden und Jüdinnen in die Vernichtungslager verantwortlich zu sein. Seit den fünfziger Jahren fand man Brunner in Damaskus wieder, wo er Berater der politischen Polizei gewesen ist. Der Kriegsverbrecher wohnte mit dem ehemaligen Lagerkommandanten von Treblinka, Franz Stangl, in einer Wohnung in Damaskus. Brunner nannte sich Georg Fischer und stieg zum Berater der syrischen Regierung auf.

Nachdem Hafiz al- Assad schon einen Massenmord 1982 in Hama begangen hatte – beginnend am 2. Februar des Jahres wurde die 350.000 Einwohner zählende Stadt von syrischen Spezialkräften unter Führung des Präsidentenbruders Rifaat al Assad unter Granatbeschuss genommen, nachdem die Luftwaffe die Ausfallstraßen systematisch zerstört hatte. 20.000 bis 30.000 Menschen (die Angaben variieren) fanden während des Angriffs den Tod und viele andere flohen aus der Stadt, wobei auch nicht wenige den Tod fanden. Auch große Teile der Stadt, insbesondere der historischen Altstadt, wurden zerstört – tut es sein Sohn ihm jetzt gleich. Mehr als 120 Tote durch die Kugeln von Regierungssoldaten – kein Wunder, dass die Menschen dem Reformwillen Assads nicht trauen. Amnesty International spricht von 400 Toten seit Beginn der Demonstrationen vor etwa vier Wochen. Die Ideologie der Baath-Partei ähnelt der der deutschen Nationalsozialisten. Der Ideologe der Baath- Partei Aflaq sah Hitler-Deutschland als eines seiner Vorbilder und empfahl seinen Parteigenossen sogar die Lektüre von NS-Ideologen wie Alfred Rosenberg. Deshalb ist für die syrische Opposition nichts Positives zu erwarten.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau geschrieben: 03.05.2011 23:14

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Leserbrief zu „Armut in einem reichen Land in: Der Heimatbote vom 28. Mai 2011

Was kann man tun, um das Gespenst der Armut zu überwinden, vom dem Professor Butterwegge spricht? Unter anderem sollte man an einen höheren Hartz-IV-Regelsatz denken. Eine Erhöhung auf 420 Euro im Monat wegen der gestiegenen Lebensmittel- und Energiepreise ist sinnvoll. Die Anpassung des Hartz-IV-Regelsatzes an die aktuelle Inflationsrate und Preisentwicklung der steigenden Lebenshaltungskosten ist nötig. Es ist dafür einzutreten, dass dem Karlsruher Richterspruch von 2010 durch eine nachvollziehbare Definition des Existenzminimums, das mindestens 420 Euro beträgt, Geltung verschafft wird. Diese Zahl ist das Ergebnis von Berechnungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Die neuen Hartz-IV-Sätze sollten anders berechnet werden als dies die Bundesregierung 2010 getan hat. Die Bedarfe sollten einheitlich auf Basis der unteren 20 Prozent der nach Einkommen geschichteten Haushalte ermittelt werden. Zum Maßstab müssen die realen Ausgaben der Haushalte genommen werden. Diese beinhalteten auch den gelegentlichen Besuch einer Eisdiele oder den bescheidenen Konsum z.B. von Alkohol, wie sie in allen Einkommensgruppen unserer Gesellschaft üblich sind. Insbesondere sollten die Mobilitätserfordernisse realitätsgerecht ermittelt werden. Der Regelsatz müssen die Anschaffung eines Fahrrades oder einer Monatskarte für den öffentlichen Nahverkehr auch tatsächlich ermöglichen. Den Leistungsberechtigten sollen künftig einmalige Leistungen für die Anschaffung oder, wenn wirtschaftlich vertretbar, die Reparatur von Herden, Kühlschränken und Waschmaschinen gewährt werden. Es ist nicht sinnstiftend, Menschen von der Teilhabe an der Gesellschaft auszuschließen.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau

Der Leserbrief erschien im „Heimatboten“ am 4. Juni 2011

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Main-Echo vom 8.1.2011 (Auszug)

Gysi kritisiert Lötzschs Kommunismus-Aussage

Berlin Linke-Fraktionschef Gregor Gysi hat sich von den umstrittenen Kommunismus Äußerungen der Parteivorsitzenden Gesine Lötzsch distanziert. »Wir können mit dem Begriff Kommunismus unsere Ziele nicht erklären«, sagte Gysi.

Leserbrief schauer Realer Kommunismus

Das Wort Kommunismus erweckt keine utopischen Hoffnungen mehr. Sie sind verflogen. Wenden wir uns dem zu, was der Globalisierungskritiker Jean Ziegler über das Nordkorea der 90er Jahre schreibt: „Heute kämpft die internationale Gemeinschaft gegen den Hunger in Nordkorea. Zugleich herrscht in Pjöngjang eines der schlimmsten Regimes der Welt. Von 1995 bis heute sind mehr als zwei Millionen Menschen- die Mehrheit von ihnen Kinder- dort verhungert. Millionen andere erlitten unheilbare Schädigungen auf Grund chronischer Unterernährung. Seit mehr als vier Jahren leidet das Land unter drei Plagen: Die vormals blühende Landwirtschaft- Reisfelder, Zitrusfrüchteplantagen, Viehzucht etc. – wurde durch die Zwangskollektivierung des Landes und der Produktionsmittel ruiniert. 1995 zerstörten sintflutartige Regenfälle einen großen Teil der Reisfelder und ihres ausgeklügelten Bewässerungssystems. 1997 und 1998 versetzten schließlich zwei aufeinander folgende Dürreperioden der Lebensmitteproduktion den Todesstoß. Hinzu kommt, dass eine Einheitspartei, die Partei der Arbeit, und eine korrupte Nomenklatura seit Jahren eine Kriegsparanoia schüren. Die Überbewaffnung der so genannten ‘Volksarmee’ und das Programm zur Entwicklung von Nuklearwaffen verschlingen alljährlich enorme Summen. Diese werden aus der Fronarbeit einer Bauernschaft gezogen, die praktisch auf Sklavenstatus reduziert wurde.”

geschrieben: 28.01.2011 23:47

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Zeitloser Leserbrief zum Dauerthema Berlusconi

Neue Regierungskrise in Italien

Es gibt Menschen, die sind mit jungen Frauen, finsteren Geschäften und Korruption beschäftigt. Sie brauchen es gar nicht zu erzählen, daß sie beschäftigt sind, denn womit, weiß sowieso jeder. Zu ihnen gehört Silvio Berlusconi. Zu Berlusconis Gerichtsverfahren schreibt die Zeit: “Berlusconi ist des Meineides schuldig; er hat Finanzbeamte bestochen; er hat Schmiergelder gezahlt und Steuern hinterzogen. Aber bisher ist er immer davongekommen.” Schon 1994, als Berlusconi kurzfristig Regierungschef war, erstrebte er eine Amnestie gegen Korruptionsvergehen. Die kurze Amtszeit seiner Regierung verhinderte damals dieses Vorhaben. In der Kontinuität solcher im Kern rechtstaatsfeindlicher Vorhaben steht Berlusconis häufig vorgetragene Absicht, den Richtern und Staatsanwälten die Leitung von Ermittlungen zu entziehen. Diese sollen der Polizei anvertraut werden und damit der Exekutive. Zudem soll die Parlamentsmehrheit- also im Endeffekt er selbst festlegen, welche Straftatbestände überhaupt noch geahndet werden. Die hiermit geäußerten putschistischen Absichten gegenüber dem Rechtsstaat und dem Prinzip der Gleichheit suchen an Dreistigkeit in Europa ihresgleichen. Es bleibt nur zu hoffen, daß dieser Spuk bald aufhört.

Christian Schauer, geschrieben: 04.01.2011 21:02 im Main-Echo

Griechenland Reparationen und Schulden

Leserbrief zu: „Ein gespaltenes Land – Griechenland – Vor dem Referendum läuft der Meinungskampf auf Hochtouren“, in: Der Heimatbote vom 2.7.2015, erschienen am 4.7.2015

Soziale Krise in Griechenland

Die sozialen Folgen der Rezession in Griechenland sind verheerend. Das Arbeitslosengeld von 322 Euro im Monat wird maximal ein Jahr lang gezahlt. Danach ist Schluss. Eine Sozialhilfe oder Grundsicherung gibt es nicht. Wer kein Arbeitslosengeld mehr bekommt, verliert automatisch auch seine Krankenversicherung. Wovon soll man eigentlich leben, wenn man keine Ersparnisse hat? Eine fehlende Krankenversicherung betrifft aktuell sechs von zehn Arbeitslosen, also rund 780.000 Menschen.

In Griechenland ist es nur ein kleiner Schritt von der Arbeitslosigkeit ins Elend. Ein Uno-Armutsexperte schätzt, dass bereits 38 Prozent der Griechen unter der Armutsschwelle leben. Vor allem die soziale Lage vieler Kinder ist dramatisch: „322.000 griechische Kinder haben nicht mal das, was ein Kind als Minimum grundsätzlich braucht“, meint ein Vertreter der griechischen Niederlassung des Weltkinderhilfswerks.

Als die Sparmaßnahmen im Juni 2011 beschlossen wurden, gab es einen starken Anstieg der Selbstmorde von über 35 Prozent im Land. Im Juli 2012 erreichte die Zahl mit durchschnittlich 64 Suiziden pro Monat einen traurigen Höhepunkt.

Empfehlenswert ist ein Blick auf das Londoner Schuldenabkommen von 1953, in dem auch Griechenland auf die Eintreibung deutscher Schulden aus der Kriegszeit verzichtete. Deutschland wurde damals keinem Spardiktat unterworfen, es wurden wachstumsfördernde Maßnahmen beschlossen. Der Weg weist in die richtige Richtung.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau

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Leserbrief zu: “Berlin lehnt Reparationen an Athen ab”, in: ME vom 8.4.2015

Nach dem Abzug der Wehrmacht im Oktober 1944 waren von der Darlehenssumme von 568 Millionen Reichsmark nur noch 476 Millionen zu begleichen. Es handelte sich um einen Kriegskredit, den das Nazi-Regime der griechischen Zentralbank 1942 abgezwungen hat.Für Athen – aber auch nach Einschätzungen mancher Linker – wären das heute mit Zinsen rund elf Milliarden Euro, andere Schätzungen gehen eher von fünf Milliarden aus.

Klar ist, dass die Bundesrepublik 1960 insgesamt 115 Millionen D-Mark an Griechenland gezahlt hat, als Entschädigung für NS-Verfolgte relativ wenig.

Alle weiteren Ansprüche wurden im Londoner Schuldenabkommen von 1953 „bis zur endgültigen Regelung der Reparationsfrage“ in einem Friedensabkommen „zurückgestellt“. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 sah keine weiteren Reparationen mehr an Griechenland vor- leider waren die Griechen in diesen Vertrag nicht involviert.

Der stellvertretende griechische Finanzminister Dimitris Mardas beziffert die Forderungen seines Landes auf 278,7 Milliarden Euro. Das ist sicherlich kein realistischer Betrag für eine angemesse Entschädigung.

Über eine Entschädigung, die einen heutigen Betrag der Darlehenssumme von 1944 zur Grundlage hat, könnte verhandelt werden. Schon allein aufgrund der Tatsache, dass die 115 Millionen D-Mark von 1960 einfach als zu geringe Entschädigungssumme eingestuft werden müssen.

Man sehe sich die Liste von Massakern der Wehrmacht an:

Komeno (16. August 1943, 317 Einwohner ermordet),Lyngiades (3. Oktober 1943, 83 Tote),Kalavrita (13. Dezember 1943, über 650 Tote), Klissoura (Epirus, 5.April 1944, 215 Personen niedergeschossen), Massaker von Distomo (10. Juni 1944, 218 Tote)

Betrachten wir das Massaker von Komeno beispielhaft, das am 16. August 1943 stattfand. Involviert war die 12. Kompanie des 98. Regiments der 1. Gebirgs-Division. Das Dorf wurde eingekreist, bewaffnete Posten sollten eine Flucht von Dorfbewohnern verhindern. Die mit Granaten, Gewehren und Maschinenpistolen bewaffneten Sturmtrupps drangen in die Häuser ein und ermordeten 317 Menschen. Die Flucht gelang anderen der 600 Dorfbewohner über einen unbewachten Fußpfad, von den Wehrmachtsoldaten wurde niemand verletzt.

Ein Zeuge, der das Dorf nach der Tat betrat, beschrieb den Ort des Grauens: „Überall lagen Leichen herum.. Soviel ich aus dem Menschenleiberwirrwarr ersehen konnte, dürften unter den Leichen viel mehr Frauen und Kinder gewesen sein, als Männer. Das Kirchentor war offen, und auch in der Kirche lagen Leichen.“

Main-Echo online 9.4.2015, Main-Echo print-Ausgabe 28.4.2015, Frankfurter Rundschau 13.4.2015

Christian Schauer, Alzenau

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Distomo Memorial

© Martin Windischhofer

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Deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland – Sympathie für die Täter in der Nachkriegszeit

Es gab 200 Ermittlungsverfahren wegen Kriegsverbrechen in Griechenland. Nur ein einziges führte zu einem Hauptverfahren, das 1951 vor dem Langericht Augsburg stattfand. Es ging um die Erschießung von sechs Zivilisten auf Kreta.

Typisch für die Zeitgeist, der deutsche Staatsanwaltschaften damals beseelte war, dass der Standpunkt der Wehrmacht übernommen wurde. Das Landgericht Augsburg bezeichnete es als Notwehr im Sinne des Völkerrechtes, wenn „verdächtge Personen, die sich im Vorfeld der deutschen Hauptkampflinie aufhielten und nicht sofort als harmlos zu erkennen waren, ohne Standgerichtsurteil auf Befehl von Offizieren erschossen wurden.“1

Der Hauptmann ging folgerichtig straffrei aus- alte Seilschaften sprachen sich frei in der Nachkriegszeit. Dazu gehörte der NS-Militärrichter Erich Schwinge. Ein Bochumer Staatsanwalt begründete der Einstellung eines Ermittlungsverfahrens gegen einen Kampfgruppenführer, der sich im Massaker von Kalavryta hervorgetan hatte:“In dieser Situation waren Repressalien notwendig. … Da somit die (…) angeordneten und durchgeführten Repressalien nach dem geltenden Recht nicht als völkerrechtswidrig angesehen werden können, mithin auch strafrechtlich nicht rechtswidrig waren, ist auch die Teilnahme an ihnen, in welcher Form auch immer, nicht rechtswidrig.“2

Das schlimmste Massaker fand am 10.Juni 1944 in Distomo statt. Einheiten der Waffen-SS führten eine sogenannte Sühne-Maßnahme durch. 218 Menschen kamen zu Tode.

1994 fand ein Symposion in Delphi statt, zu dem der eingeladene deutsche Botschafter in Griechenland nicht kam. Die Entschädigungsprozesse bezüglich Distomo sind noch immer nicht abgeschlossen. Im Einsatz war die 2. Kompanie des 7. Regiments der 4. SS-Polizei – Panzer-Grenadier-Division. Aus Distomo war mit Granatwerfern und

Maschinengewehren auf deutsche Soldaten geschossen worden. Der deutsche Kompanie-Chef Fritz Lautenbach berichtete damals: „Ich habe daraufhin die Feuereröffnung und den Angriff mit allen zur Verfügung stehenden Waffen auf Distomon befohlen. Nachdem das Dorf gesäubert war, wurden insgesamt 250 bis 300 tote Bandenangehörige gezählt.“ Dass dem Massaker ein Beschuss aus den Ort vorausgegangen war, wurde von General Felmy dementiert:“ Dieser Bericht und die damit erstattete dienstliche Meldung ist wissentlich falsch. .. Tatsache ist, dass Distomon ohne Feindberührung erreicht wurde, die Truppe sich mehrere Stunden in dem Ort aufhielt, ohne dass Feindeinwirkung erfolgte“

SS- Standartenführer Schümers, der strellvertretende Divisionskommandeur, meinte allerdings letztendlich:“ Er (Lautenbach) hat vielmehr pflichtbewußt und verantwortungsfreudig geglaubt, durch die von ihm angeordneten Maßnahmen den Sinn der Sühnebefehle zu erfüllen,wenn auch gegen den Wortlaut verstoßen wird.“

Für Kriegverbrechen in Griechenland wurden verurteilt: General Helmut Felmy wegen der Massaker von Klissura und Distomo zu 15 Jahren. Wilhelm List musste lebenslänglich in den Knast. Grund: Initiierung und Duldung der Liquidierung von tausenden von Zivilisten bei “Sühnemaßnahmen”. Wilhelm Speidel wurde zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt wegen des Massakers von Kalavryta. Hubert Lanz erwischte es wegen Kriegsverbrechen in Epirus 12 Jahre. Abgesessen hat die Strafen keiner.1951 amnestierte der amerikanische Hochkommissar für die Bundesrepublik Deutschland, John Mc Cloy, Speidel und Lanz, Wilhelm List kam ein Jahr später frei.

In der Bundeswehr setzte Gebirsjäger Reinhold Klebe seine militärische Karriere fort. In Griechenland sind nur vier deutsche Kriegsverbrecher zu höheren Strafen verurteilt worden. Schärfer gingen manche andere kleinere europäische Länder gegen Nazi-Kriegsverbrecher vor: Belgien verurteilte 75 Angeklagte, davon 10 zum Tode. Luxemburg verurteilte 68 Angeklagte, davon 15 zum Tode. In den Niederlanden wurden 19 von 204 Angeklagten zumTode verurteilt. Dänemark brachte es auf 4 Todesurteile (80 verurteilte Angeklagte), Norwegen verurteilte 16 Angeklagte zu Tode (60 verurteilte Angeklagte).

Insgesamt wurden in Griechenland nach gut unterrichteten Kreisen mindestens 30.000 Zivilisten Opfer von Vergeltungsaktionen. Dazu kommen noch 60.000 in den KZ im Osten ermordete Juden. Die meisten starben in Auschwitz-Birkenau. 

Eine Intiative zur Wiedergutmachen hat sich im Rahmen des Projektes “Zug der Erinnerung” entwickelt – dort heißt es:

Gemeinsam mit der Bürgerinitiative „Zug der Erinnerung“ und der Jüdischen Gemeinde von Thessaloniki fordere ich von der Deutschen Bahn AG und ihrer Eigentümerin, die verzinsten Fahrtkosten für die Massendeportationen aus Griechenland nach Auschwitz und Treblinka in vollem Umfang, ohne Umwege und unverzüglich an die Jüdische Gemeinde von Thessaloniki zurückzuerstatten.“

http://www.zug-der-erinnerung.eu/appell/index.php

1 Rüter-Ehlermann, Adelheid u.a.: Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozisslistischer Tötungsverbrechen 1945 – 1966. Bd. VIII, Amsterdam 1972, S. 661 f.

2 Ermittlungsverfahren gegen den Kampfgruppenführer Oberleutnant Franz Juppe, Landgericht Bochum, Einstellungsverfügung (AZ 33 Js 655/72). BArch-Zst, 162/5794, Bl. 247f.

Literatur: Eberhard Rondholz, Blutspur in Hellas. Die lange verdrängten deutschen Kriegsverbrechen im besetztten Griechenland 1941 -1944, in: Blume H.-D. Und Lienau, C. (Hg): Choregia, Münstersche Griechenland-Studien, Münster 2012

http://www.spiegel.de/einestages/kriegsverbrechen-von-ss-und-wehrmacht-in-griechenland-a-1016511.html

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Leserbrief zu: „Besatzungskosten, nicht Zwangskredit“, in: Main-Echo vom 21.5.2015

Die Eroberung Griechenlands Anfang April 1941 geschah gegen den Widerstand des größten Teil des griechischen Volkes.Am 9. April wurde Saloniki eingenommen. Die englischen, australischen und neuseeländischen Einheiten konnten den Vormarsch nicht aufhalten. Am 23. April 1941 kapitulierten die nordgriechischen Streitkräfte vor der Wehrmacht. Am 27. April wurde Athen besetzt. Die englischen Trupppen und griechische Einheiten flohen nach Kreta. Nur wenige griechische Politiker befürworteten die deutsche Besetzung. Die deutsche Besatzung war härter als die italienische. Mussoloni hatte im Oktober 1940 beschlossen, Griechenland besetzen zu lassen, konnte sich aber frühzeitig militärisch nicht durchsetzen. Am 28. April 1941 begannen Angehörige der Wehrmacht mit der Plünderung der Hauptstadt. Ein Journalist berichtete, wie Wehrmachtssoldaten Geschäft für Geschäft in der Innenstadt ausräumten. Die erbeuteten Waren wurden von deutschen Soldaten als Päckchen in die Heimat geschickt. Schon geleerte Geschäfte wurden für nachfolgende Soldaten außen als solche markiert.

In Griechenland hatte die kommunistische Volksbefreiungsarmee ELAS die Oberhand unter den Partisanenverbänden. Der Widerstand in Griechenland war wesentlich durch die große Hungersnot bedingt. Sie war im Herbst und Winter 1941/1942 die mit Abstand schlimmste Hungersnot in der griechischen Geschichte. Sie folgte aus einer auf maximale wirtschaftliche Auspressung ausgelegten Besatzungspolitik des NS-Regimes während der Okkupation Griechenlands. Die Schätzungen über die Zahl der Menschen, die in Griechenland während des Zweiten Weltkrieges an den direkten oder indirekten Folgen des Hungers starben, schwanken zwischen 100.000 und 450.000 Opfern.

Die Beschlagnahmung und der Abtransport durch das Deutsche Reich umfassten nicht nur erzeugte Waren, sondern auch die Demontage sämtlicher Fertigungsanlagen. Der Abtransport geschah durch in Griechenland erbeutete 111 Eisenbahnwaggons und zwei konfiszierte Schiffe. Zuständig war die Spedition Schenker, eine Tochter der Deutschen Reichsbahn, die von Saloniki aus agierte. Schenker erhielt das Transportmonopol für Griechenland.

Einem Bericht zufolge waren landesweit alle Maschinen und Anlagen in damals bedeutenden Bereichen wie dem Textilsektor und der chemischen Industrie demontiert und nach Deutschland geschafft worden. Als es nichts mehr zu konfiszieren gab, konzentrierte sich die Ausbeutung auf Lebensmittel und Rohstoffe. Vertreter deutscher Firmen konnten sich vor Ort aussuchen, welche Güter sie haben wollten. Besonders die fehlenden Nahrungsmittel führten zu einer Hungerkatastrophe und einer Säuglingssterblichkeit von 80 Prozent. Von 300 im Oktober 1944 in Athen untersuchten Kindern waren 290 an Tuberkulose erkrankt.

Zwischen Mai 1941 und November 1944 wurden etwa 28.000 Tonnen reines Chrom aus Griechenland abtransportiert. Diese Menge deckte in dem genannten Zeitraum ein Viertel des Bedarfs des Deutschen Reiches an dem für die Rüstungsproduktion sehr wichtigen Metall.

Wer wie der Leserbriefschreiber aus Eppertshausen von Besatzungskosten spricht, der unterschlägt, dass für die vielen Beschlagnahmungen in Griechenland eine Entschädigung unabdingbar ist und es unmöglich ist, für die Ausplünderung eines Landes auch noch die Einheimischen zahlen zu lassen.

C. Schauer, erschienen auszugsweise in Main-Echo online vom 27.5.2015, gekürzt in: Main-Echo vom 17.6.2015

Nachtrag  “Massaker von Viannos” bei Amiras in Kreta

Nach dem Tod von wahrscheinlich zwölf Soldaten der deutschen Wehrmacht durch griechische Partisanen bei Kato Symi wurden am 14. September 1943 auf Befehl von General Friedrich-Wilhelm Müller, damals Kommandeur der 22. Infanterie-Division in Griechenland, mindestens 358 Männer, Frauen und Kinder des Ortes hingerichtet und der Ortsteil Ano Viannos sowie mehrere umliegende Dörfer niedergebrannt – das sogenannte „Massaker von Viannos“. Der damalige Befehlshaber, General Friedrich-Wilhelm Müller, wurde für diese und andere Kriegsverbrechen durch ein griechisches Gericht zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtet.

 

Gedenkstätte bei Amiras Foto R. Ruf

Gedenkstätte bei Amiras
Foto R. Ruf

 

Veröffentlicht 10. April 2012 von schauerchristian in Griechenland Reparationen und Schulden

Die Entwicklung der Türkei

Hagia Sophia – Kommentar

Die Hagia Sophia (auch Sophienkirche genannt) wurde im 6. Jahrhundert ( 532 bis 537) nach Christus in Konstantinopel erbaut und war Hauptkirche des Byzantinischen Reiches. Das damaligen Konstantinopel wurde im Jahr 1453 durch Sultan Mehmet II. erobert. Am 29. Mai ritt der damals 22 jährige Sultan durch das Romanos-Tor – heute Topkapi. Er besuchte die Hagia Sophia und befahl, das weitere Plündern zu unterlassen. Drei Tage lang war Konstantinopel vorher grausam geplündert worden. Der letzte Kaiser des Byzantinischen Reiches, Konstantin XI. Dragases, starb unerkannt.

Es folgte das muslimische Nachmittagsgebet, die christliche Nutzung war vorbei. Ein gefälschtes Zitat des Propheten Muhammad wurde geglaubt: „Sie werden Konstantinopel erobern. Heil dem Fürsten und dem Heere, dem dies beschieden!“

Auf Betreiben des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Pascha (Atatürk) ordnete der Ministerrat 1934 die Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum an. Das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei gab aktuell der Klage eines Vereins recht, der argumentiert hatte, die Unterschrift von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk unter dem Museumsbeschluss sei gefälscht.

Die nächste Wahl 2023 will Erdogan mit einer Reihe nationalpopulistischer Entscheidungen gewinnen. Bisher ließ er die türkische Armee und ihre islamistischen Hilfstruppen völkerrechtswidrig gegen die kurdisch kontrollierten Gebiete in Syrien marschieren- danach folgte die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge nach Europa.

Erdogan hatte die Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum zuletzt vor den Kommunalwahlen im vergangenen Jahr als „großen Fehler“ bezeichnet. Ihm geht es wie bei anderen Entscheidungen um die Beendigung des von Atatürk durchgesetzten Laizismus (Trennung von Kirche und Staat) und um die rigorose Reislamisierung der Türkei. Zur Entspannung im Verhältnis zu anderen Religionen trägt diese Entscheidung nicht bei. Christian Schauer, 10.7.2020

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Hetze gegen religiöse Minderheiten: Juden und Christen in der Türkei fürchten Übergriffe von Frank Nordhausen

Juden und Christen in der Türkei fürchten, in der Corona-Krise als Sündenböcke missbraucht zu werden – und das mit dem Segen der Regierung. FR vom 18.5.2020

Auszug

„Das einflussreiche Magazin hatte die christlichen und jüdischen Gemeinden beschuldigt, mit den Putschisten von 2016 gemeinsame Sache gemacht zu haben. Das 176-seitige Sonderheft trägt den Titel ‚Fetö: Die 100-jährige Geschichte der bösartigsten Terrororganisation‘. Als Fetö bezeichnet Erdogan die verbotene Bewegung des in den USA lebenden Islampredigers Fethullah Gülen, dem er vorwirft, Drahtzieher des gescheiterten Militärputsches gewesen zu sein. Mehr als 50.000 angebliche Gülenisten wurden inhaftiert, mehr als 150.000 aus dem Staatsdienst entfernt. Als ‚Fetö‘ benannt zu werden, bedeutet Ächtung bis hin zu gewaltsamen Übergriffen.“…

„Auf Twitter erinnerte der bekannte emeritierte türkische Jura-Professor Hüseyin Hatemi an das verheerende anti-griechische Pogrom von 1955 in Istanbul mit 30 Toten und Dutzenden zerstörter Kirchen. Die Übergriffe geschahen nach gezielt gestreuten Verleumdungen in einer politischen Krise.“ ….

„In der aktuellen, durch Corona verstärkten Wirtschaftskrise werden anti-christliche und anti-jüdische Impulse wieder stärker wahrnehmbar. Etwa gleichzeitig mit der Gercek Hayat-Publikation gab es einen Brandanschlag auf eine armenische Kirche in Istanbul – angeblich von einem ‚geistig Verwirrten‘, der im Polizeiverhör als Motiv nannte, von dort sei ‚das Coronavirus in die Türkei gekommen‘.“ …

Kommentar teilweise als Leserbrief an FR, erschienen am 3.6.2020

Der hysterischen Verfolgung der Gülen-Anhänger nach dem Putsch von 2016 folgt jetzt wie schon im Ersten Weltkrieg die behauptete Verschwörung der Armenier und Griechen. Dass Erdogan pauschale Israelfeindschaft hegt, ist bekannt.

Dass der gegenwärtige Präsident der Türkei größenwahnsinnig ist, zeigt schon die Errichtung eines gigantischen Palastes, der am 30.Oktober 2014 eingeweiht wurde.1 Die Baukosten betrugen rund 275 Millionen Euro. „Wir wollen ein Bauwerk schaffen, damit die künftigen Generationen sagen: ‚Von dort aus wurde die neue Türkei regiert.’“ Der Palast hat 1.150 Zimmer. Zurecht bezeichnete ein Schüler aus Konya Erdogan einen „ Meister des Diebstahls, der Bestechung und Korruption“ und „Besitzer eines illegalen Palastes“. Der Schüler wurde verhaftet und zu elf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Ende Mai 2015 sagte er vor den Parlamentswahlen am 7. Juni 2015 martialisch: „Eroberung heißt Mekka. Eroberung heißt Sultan Saladin, heißt, in Jerusalem wieder die Fahne des Islams wehen zu lassen. Eroberung bedeutet, das Erbe Sultan Fatih Mehmeds zu wahren. Eroberung bedeutet, die Türkei wieder auf die Beine zu bringen. Eroberung ist 1994, Eroberung ist der 7. Juni.“ Mit 1994 ist die Kandidatur Erdogans für das Oberbürgermeisteramt in Istanbul gemeint. Er gewann die Wahl überraschend.

Am 3. März 2016 fand in Ankara eine Internationale Kalifatskonferenz statt. Veranstalter war „Hizb-ut-Tahrir“, eine Organisation, die mit dem „Islamischen Staat“ verbunden ist. Ihr Ziel ist die Wiedereinführung des Kalifats. Diese Organisation ist in zahlreichen Ländern verboten, seit 2003 in Deutschland. Sie ruft unter anderem zur Vernichtung Israels und zur Tötung der Juden auf.

Ein Insider, Fuat Avni, behauptet auf Twitter Verbindungen des türkischen Präsidenten zur Mafia:“ Die einflussreichen Teile der Mafia-Banden im Gefängnis sind überzeugt worden, mitzuarbeiten. Für die Fälle, die er nicht im Deckmantel der Gesetze erledigen kann, wird sie beauftragt. Dadurch sollen entstehende Probleme auf kürzestem Weg gelöst werden.“2

Der Pogrom von Istanbul bezeichnet gewalttätige Ausschreitungen gegen die christliche, vor allem griechische Minderheit in Istanbul, Izmir und in der türkischen Hauptstadt Ankara in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955. Diesem Verbrechen fielen auch türkische Juden und Armenier zum Opfer. Man geht aktuell von fünfzehn bis dreißig Toten aus. Zunächst wurde die Nachricht verbreitet, Griechen hätten einen Anschlag auf das Geburtshaus des Staatsgründers Atatürk verübt. Danach entlud sich die Aggression. Zwei Tage später waren in Istanbul über 4.000 Wohnungen verwüstet.

Die Ursachen liegen teils im türkischen Nationalismus, der nach dem Untergang des Osmanischen Reiches emporkam und in der Vernichtung der Armenier seinen schrecklichen Höhepunkt fand, sowie im damals existierenden Zypernkonflikt. Die griechische Nationalbewegung EOKA auf Zypern erstrebte die Enosis, eine Vereinigung mit Griechenland, die türkische Bevölkerung Zyperns lehnte das ab.

Auch erlebte die türkische Bevölkerung einen sinkenden Lebensstandard durch einen Preisverfall für landwirtschaftliche Erzeugnisse auf dem Weltmarkt. Misswirtschaft und Korruption kamen hinzu. Die Popularität der Regierung des Ministerpräsidenten Adnan Menderes sank deutlich. Eine Eskalation zwischen den Religionen wurde von der damaligen Regierung auch dadurch gefördert, dass sie sich vom Prinzip des Laizismus, das Atatürk eingeführt hatte, abwandte und einen islamischen Staat etablieren wollte. Menderes meinte dazu: „Wir haben unsere bis jetzt unterdrückte Religion von der Unterdrückung befreit. Ohne das Geschrei der besessenen Reformisten zu beachten, haben wir den Gebetsruf wieder auf das Arabische umgestellt, den Religionsunterricht an den Schulen eingeführt und im Radio die Rezitation des Koran zugelassen. Der türkische Staat ist muslimisch und wird muslimisch bleiben. Alles, was der Islam fordert, wird von der Regierung eingehalten werden.“

Adnan Menderes

Nach 1955 war das Griechentum in der Türkei vollständig am Ende. Politikwissenschaftler vermuteten damals, dass der Staat bei der Planung des Pogroms mitwirkte und der Zypernkonflikt bewusst hochgespielt wurde. Demnach trafen die Ereignisse die griechische Gemeinde Istanbuls überraschend. In ihr glaubte die damalige Regierung den Sündenbock für die wirtschaftlichen und politischen Missstände gefunden zu haben.

Vorausgegangen war die kleinasiatische Katastrophe. In den Jahren 1914 bis 1923 kam es zu einer Welle von Griechenverfolgungen im Osmanischen Reich. Es handelte sich um eine Vertreibung der Griechen von der Westküste Kleinasiens sowie um gewaltsame Maßnahmen gegen die Griechen Ost-Anatoliens. Gemäß verschiedenen Quellen starben mehrere hunderttausend Griechen in der Türkei in dieser Zeit. Viele überlebende Griechen mussten 1923 die Türkei verlassen. Der Friede von Lausanne regelte aber auch die Übersiedlung von Türken aus Griechenland in die Türkei.

Für die Minderheiten in der Türkei bedeuten die Anschuldigungen in einer regierungsnahen Publikation nichts Gutes.

1 Vgl. Jürgen Roth, Schmutzige Demokratie. Ausgehöhlt – Ausgenutzt – Ausgelöscht?, Wals bei Salzburg 2016, S. 120

2 Ebd.. S. 126

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Can Dündar, Verräter – Von Istanbul nach Berlin – Aufzeichnungen im deutschen Exil, Hamburg 2017

Can Dündar stellt die Ereignisse in der Türkei nach dem Putsch vom 15. Juli 2016 bewusst in die Tradition der Bücherverbrennungen in der Nazizeit am 10. Mai 1933. In der Nacht dieses Tages brennen auf öffentlichen Plätzen vorwiegend der Universitätsstädte des Deutschen Reiches die Bücher auf Scheiterhaufen. Bücher unter anderem folgender Autoren werden verbrannt: Lion Feuchtwanger, Sigmund Freud, Ernst Glaeser, Erich Kästner, Karl Kautsky, Alfred Kerr, Egon Erwin Kisch, Emil Ludwig, Heinrich Mann, Karl Marx, Carl von Ossietzky, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky und Arnold Zweig. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels führte dazu in seiner Rede aus:“ Meine Kommilitonen! Deutsche Männer und Frauen!Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende, und der Durchbruch der deutschen Revolution hat auch dem deutschen Wesen wieder die Gasse freigegeben … Ihr tut gut daran, um diese mitternächtliche Stunde den Ungeist der Vergangenheit den Flammen anzuvertrauen.“

In dem Kapitel „Der Brand“ heißt es dazu unter anderem:

„Als ich die Zeitung aufschlug, stieß ich auf folgende Meldung: „Auf Anordnung des Erziehungsministeriums wurden 900.000 Bücher vernichtet. Grund für die Vernichtung des Arbeitsbuchs Türkisch für die 8. Klasse war, dass darin als Lesetext der Artikel Man muss sich an die Einsamkeit gewöhnen von Can Dündar enthalten war …“

Ich konnte es nicht glauben.

Es war also so weit, dass mein Name aus Büchern getilgt wurde.

Nach der Vernichtung von 900.000 Lehrbüchern, in denen mein harmloser Text stand, ließ das Ministerium das Buch ohnen meinen Text neu drucken . Das kostete den Steuerzahler umgerechnet 566.000 Euro.

Unwillkürlich fallen einem dabei die öffentlich inszenierten Bücherverbrennungen der Nazis ein. Vor Jahren hatte ich Erich Kästners Tragödie gelesen:

Als Studenten, begleitet von SS und SA, von Joseph Goebbels aufgehetzt auf dem Berliner Opernplatz Bücher verbrannten, stand auch Kästner in der Zuschauermenge. Unter den verbrannten Büchern befand sich auch eines von ihm. …

Heinrich Heine schrieb: ‚dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch Menschen.‘ Das war 1821. In der Türkei waren Menschen schon vor den Büchern verbrannt worden: Im Sommer 1993 forderte in Sivas ein Mob die Scharia und setzte ein Hotel in Brand , in dem Schriftsteller und Intellektuelle tagten. So ermordeten sie dreiunddreißig Menschen.“ (S. 47 f.)

Die Ereignisse von Sivas sollen hier etwas ausführlicher geschildert werden. Im Sommer 1993 fand in Sivas ein Kulturfestival der Aleviten statt, bei den der Poet Pir Sultan Abdal geehrt werden sollte. Anwesend war der bekannte Schriftsteller Aziz Nezin, der die “Satanischen Verse” von Salman Rushdie ins Türkische übersetzt und teilweise veröffentlicht hatte. Seitdem stand er im Visier islamischer Fundamentalisten, die ihn in einer Fatwa zum “Abtrünnigen des Islam” erklärten.

Die Ereignisse eskalierten am 2.Juli in Sivas nach dem Freitagsgebet in dem Hotel, in dem Aziz Nesin und viele alevitische Kulturschaffende sich aufhielten. Wütende Protestierende warfen Brandsätze gegen das aus Holz gebaute Hotel, in dem sich das Feuer rasch ausbreitete. 35 Menschen verbrannten dabei. Aziz Nezin, dem der Anschlag gegolten hatte, überlebte nur leicht verletzt. Die wütende Menschenmenge vor dem Hotel verhinderte ein Entweichen der Eingeschlossenen.

Dündar fährt fort „Laut Bericht des türkischen Verlegerverbandes wurden 2016 dreißig Verlage geschlossen mit der Begründung, sie stellten eine Bedrohung für die nationale Sicherheit dar, Hunderttausende Bücher wurden konfisziert. Tausende Menschen wurden verhaftet, weil sie angeblich Bücher besaßen, die Mitglieder von Terrororganisationen geschrieben hatten. Unter den in den Anklageschriften genannten ‚Organisationsmitgliedern‘ befanden sich auch Camus, Althusser und Spinoza.“ (S.48)

Enttäuscht ist Dündar über die Bundeskanzlerin, Angela Merkel, gewesen, als sie bei ihrem Besuch in der Türkei im Mai 2016 in der Türkei es ablehnte, Vertreter der Opposition zu treffen, sie „posierte fröhlich mit jenen, die Recht und Freiheit mit Füßen traten.“ Kurz vorher hatte sich das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei abgeschlossen, nach dem die Flüchtlinge aus Syrien in der Türkei bleiben mussten. Europa bezahlte dafür viel Geld, die deutsche Außenpolitik verlor aber auch ihre Glaubwürdigkeit, da die öffentliche Kritik an Erdogans repressivem System weitgehend verschwand.

Die Diktion Erdogans gegenüber Dündar wurde immer rabiater. Am 26.November 2016 polemisiert er unflätig gegenüber dem in Berlin weilenden: „Ein Terroristen-Kolumnisten-Schlappschwanz wird zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Er kommt auf freien Fuß, während der Prozess weiterläuft, da flüchtet er nach Deutschland. In Deutschland empfängt ihn der deutsche Bundespräsident … So ist der Westen. Jetzt nähren sie diese Leute an ihrer Brust. Glauben, sie könnten sie hierhin und dorthin schicken und Reden halten lassen, die die Türkei verändern.“

Dündar und Erdogan – Montage C. Schauer

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Leserbrief zu „Ankara destabilisiert Nordsyrien“, in: Main-Echo vom 8.10.2019, erschienen in Main-Echo online vom 9.10.2019, in Main-Echo print-Ausgabe vom 30.10.2019

Es ist zu befürchten, dass tatsächlich fundamentalistisch religiöse Kräfte in Syrien durch den Einmarsch der Türkei wieder Auftrieb bekommen. Can Dündar, Chefredakteur der Cumhuriyet, konnte nachweisen, dass Erdogan den IS zeitweise militärisch unterstützte. Das brachte Dündar 2016 fünf Jahre und zehn Monate Freiheitsstrafe, der er sich im Spätsommer 2016 durch Flucht nach Deutschland entzog. Zudem wurde bekannt, dass IS-Kämpfer die Türkei jahrelang als Transitland für ihren Einsatz in Syrien oder im Irak benutzten und verletzte IS-Soldaten in der Türkei behandelt wurden.

Erdogan sucht Teile Nordsyriens aufgrund von nationalistischen Kurdenressentiments unter seine Kontrolle zu bekommen. Er folgt in seiner Syrienpolitik seinemVorbild Sultan Selim I. (1470 bis 1520), der 40.000 Aleviten hinrichten ließ. Danach brachte Selim Syrien und Ägypten unter seine Herrschaft. 1516 besiegte er das mamlukische Heer (Mamluken waren damals Herrscher über Ägypten und Syrien) beim syrischen Mardsch Dabiq. Nach Ägypten wie Selim I. wird Erdogan wohl nicht weitermarschieren. Erdogan ließ eine Brücke in Istanbul nach diesem Sultan benennen.

Es ist sicherlich eine große humanitäre Leistung der Türkei, 3,6 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen zu haben. Wachsende Probleme mit der Wirtschaft verbunden mit zunehmenden Ressentiments gegen syrische Flüchtlinge rechtfertigen allerdings keinen Völkerrechtsbruch. Eine bis 35 Kilometer tiefe Sicherheitszone, die etwa 400 Kilometer lang sein soll, würde ein abermaliges Vertreibungsdesaster bewirken, das die Region nicht gebrauchen kann.

Christian Schauer

Sultan Selim I.

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Selahattin Demirtas, Vorsitzender der HDP, wurde am 4. November 2016 von der türkischen Polizei verhaftet und sitzt seitdem in Edirne in U-Haft. Über seine Bedingungen im Gefängnis schrieb er eine Kurzgeschichte, die vor einem Jahr in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Darin heißt es: „Liebe Kommission! Diese Zeilen schreibe ich Ihnen aus einem Hochsicherheitsgefängnis. Jetzt werden Sie fragen, warum ich schreibe, da kann ich nur sagen: Weil ich da eingesperrt bin. Na das wissen wir , werden Sie sagen, aber warum schreibst du uns, wir haben die Nase voll davon, deine ganzen Briefe zu lesen. Nun, gerade darauf will in hinaus. Ich frage mich nämlich, warum Sie sich diesen Brief ausgesucht haben. Sie lesen die Brief wildfremder Menschen, und womöglich werden Sie auch noch gut dafür bezahlt (das werden Sie tatsächlich, zweitausendsechzig Lira im Monar, das kann ja kein Mensch ausgeben!) Aber darum geht es jetzt nicht. Waorum es wirklich geht, weiß ich selbst nicht (das ist ein Zitat aus einer Erzählung von Ilhami Algör, hoffentlich schwärzen Sie das nicht gleich).

Jetzt, wo ich Sie genügend abgelenkt habe, komme ich zum Thema. Meine Freunde draußen (oder vielmehr: meine Freunde, die sich draußen wähnen) möchten eine letzte Erzählung von mir. Ich habe denen gesagt, seit ich in Haft bin, rauft sich die Brief-Lese-Kommission die Haare. Wegen mir arbeiten sie dort um ein Butterbrot ‚wie die Sklaven.‘ Außerdem bin ich ja kein Schriftsteller. Obwohl, wer in einem Haushalt aufwächst, in dem die Mutter sich mit Kunst beschäftigt und der Vater mit Literatur, bei dem sammelt sich einiges an.“1 Nachdem sein bester Freund Bahir Selbstmord begangene hat, wendet sich der Gefangene zum Schluß wieder seinen Aufsehern mit einer gewissen Ironie zu.“ Ich weiß auch nicht, wie ich nun gerade darauf gekommen bin, aber so ist es nun mal, liebe Kommission. Meine Freunde wollten unbedingt, dass ich etwas schreibe, was mir im Gefängnis widerfahren ist, aber ich habe gesagt, das kann ich den Kommissionsbeamten nicht antun. Schließlich habe ich größtes Verständnis für Arbeit als solche und für die arbeitende Bevölkerung. Das wollte ich Ihnen ja nur mitteilen. Ich wünschen Ihnen gutes Gelingen und viel Erfolg in Ihrem Berufsleben. Hochachtungsvoll…“2 Sehr beengt ist die Wirkungsstätte des Gefangenen in einer anderen Kurzgeschichte:„Unser Gefängnishof ist so groß wie ein rechteckiger Betonbrunnen. Vier mal acht Meter. Zu Fuß kaum zu bewältigen. Wenn man morgens losgeht, ist man abends immer noch nicht angekommen. Zwei Menschen dürfen auf diesen Hof, der Parlamentsabgeordnete Abdullah Zeydan und ich. Was aber nicht heißt, dass er uns allein gehört. Wir teilen uns den Hof mit Ameisen und Spinnen.“3

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Leserbrief zu: Schuldige für Grubenunglück gesucht, in Main-Echo vom 17.5.2014

Mit hoher Wahrscheinlichkeit war das Minenunglück in der Türkei Resultat einer falschen ultraliberalen Unternehmensstrategie. Der Grubenchef Alp Gürkan rühmte sich 2012 damit, die Produktionskosten von 130 Dollar (rund 95 Euro) auf 24 Dollar pro Tonne gesenkt zu haben. Das wurde auch dadurch erreicht, dass Gürkan Aufträge an Subunternehmer vergab, die die Sicherheitsvorkehrungen nicht einhielten und ihre Arbeiter schlechter bezahlen als gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer. Eine Frechheit ist es deshalb, wenn der türkische Ministerpräsident Erdogan das Schicksal beschwört – der Unfall sei Gott gegeben, so sei das Risiko in einem Bergwerk. Man kann nur hoffen, dass eine zunehmende Anzahl von demonstrierenden Türken eine lückenlose Aufklärung der Katastrophe von Soma erzwingen kann. Und der Mythos der AKP mit ihrem undemokratischen Führer bröckelt.

Christian Schauer geschrieben: 25.05.2014 09:46, in: Main-Echo online

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Leserbrief zu: Main-Echo 31.03.2014

Erdogan will Widersacher verfolgen

36 osmanische Sultane standen 2013 für Erdogan zur Auswahl als Namensgeber für die neue Brücke in Istanbul. Eine Provokation in Reinkultur lag für Minderheiten in der Türkei darin, dass ausgerechnet Sultan Selim I. – für seine Grausamkeit bekannt – gewählt wurde. Als strenger Sunnit ging Selim I. (1470 bis 1520) hart gegen sämtliche Schiiten im Osmanischen Reich vor. 40.000 Aleviten ließ er umbringen, als die sich gegen ihn auflehnen wollten. Mit der Enttarnung, dass ein Grund gesucht wurde, in Syrien einzugreifen, steht Erdogan in der Tradition von Selim I. Deswegen kam es vor kurzem sogar zu einer Youtube-Sperrung. Die Veröffentlichung von Aufnahmen eines Gesprächs von Außenminister Ahmet Davutoglu, Geheimdienstchef Hakan Fidan und zwei weiteren ranghohe Politikern über einen möglichen Militäreinsatz im Nachbarland Syrien gefährde die nationale Sicherheit der Türkei, so Erdogan. Journalisten werden wegen unbotmäßiger Äußerungen häufig inhaftiert. Seit Bekanntwerden von Korruptionsvorwürfen ließ Erdogan Ende letzten Jahres mehrere Tausend Polizisten, Richter und Staatsanwälte zwangsversetzen. Langsam kommt jetzt der Wolf zum Vorschein, der seinen Schafspelz abwirft: Im April 1998 wurde Erdogan vom Staatssicherheitsgericht Diyarbakır wegen Missbrauchs der Grundrechte und -freiheiten gemäß Artikel 14 der türkischen Verfassung nach einem Artikel des damaligen türkischen Strafgesetzbuches – Aufstachelung zur Feindschaft auf Grund von Klasse, Rasse, Religion, Sekte oder regionalen Unterschieden- zu zehn Monaten Gefängnis und lebenslangem Politikverbot verurteilt. Anlass war eine Rede bei einer Konferenz in einer ostanatolischen Stadt, in der er aus einem religiösen Gedicht, das dem Soziologen Ziya Gökalp (Vertreter eines türkischen Kulturnationalismus) zugeschrieben wurde, zitiert hatte: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Das heisst im Klartext: Demokratie wird instrumentalisiert, um sie abzuschaffen

Christian Schauer, Alzenau, erschienen in: Main-Echo online, 6.4.2014

Zusätzliches zu Erdogan und Selim I.

“Genau jetzt, da der Nahe Osten im Krieg versinkt und an der türkisch-syrischen Grenze ein Konflikt zwischen Sunniten und Aleviten geschürt wird, geben sie dieser Brücke einen Namen, der die Aleviten ganz bewusst verletzen soll! Das ist eine ganz bewusste politische Entscheidung! Sie wissen genauso gut wie wir, woran der Name Yavuz Sultan Selim uns Aleviten erinnert.” Das meinte ein führender Alevit angesichts der Benennung einer Brücke in Istanbul nach Sultan Selim I. durch die regierende AKP und ihren Präsidenten Erdogan. 1513 begann die Verfolgung der Kizilbasch (“Rotschöpfe”)-zu ihnen zählten neben den Aleviten auch die persischen Safaviden. In einer osmanischen Quelle heißt es dazu: „Der allwissende Sultan* sandte korrekte Schreiber über das gesamte Land, um die Unterstützer der Gruppe** zu vermerken, Stück für Stück und Name für Name, es wurde angeordnet vom Diwan*** , um Aufzeichnungen des Diwans über jeden von sieben bis siebzig Jahren abzuholen und die Namen von vierzigtausend Personen, alt und jung, wurden in diesen Registern aufgezeichnet; danach brachten Beamte diese Register zu den Verwaltern aller Regionen; in den Orten, in die sie gingen, töteten sie mehr als vierzigtausend per Schwert in ihren Heimatregionen.“ Neben den Tötungen erfolgten auch Zwangsumsiedlungen und Vertreibungen in entlegene Gebiete Anatoliens. **** Ein Jahr später 1514 griff Selim I. das persische Safavidenreich an. Östlich des Van-Sees wurde das persische Heer geschlagen. 1516 wurde Syrien erobert, 1517 Ägypten, der Mamlukenstaat ging unter. Als Nachfolger der Mamluken kontrollierte Selim die heiligen Stätten des Islam Mekka und Medina. Der letzte abbasidische Kalif, Mutawakkil III., fand keinen Nachfolger mehr. Im 18. Jahrhundert behaupeteten die Osmanen dann, dass Kalifat sei 1518 auf die Osmanen übergegangen.

* gemeint ist Selim I.

** gemeint sind die Kizilbasch

*** eine Institution der leitenden Exekutive des Osmanischen Reiches

**** Vgl. Ismail Kaplan, Das Alevitentum. Eine Glaubens- und Lebensgemeinschaft in Deutschland, Köln 2004, S. 17

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Türkei nur ein bedingt demokratischer Staat

Die Türkei entwickelt sich immer stärker zu einem nur bedingt demokratischen System. So wird zum Beispiel die bekannte türkische Soziologin Pnar Selek zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, weil sie angeblich ein Mitglied der verbotenen PKK ist und in deren Auftrag 1998 einen Bombenanschlag in Istanbul verübt haben soll. In jüngerer Zeit hat die Regierung Hunderte Journalisten, Akademiker und Oppositionelle inhaftiert. Die Türkei führt gegenwärtig im weltweiten Vergleich, was die Zahl der Journalisten im Gefängnis anbelangt. Es gibt keine Pressefreiheit. Über siebzig Journalisten sitzen in Haft. Sie sind Opfer einer Gesetzgebung, die Berichterstattung über Terrorakte mit Terrorismus gleichsetzt.

Verhandelt wird zum Teil vor Sondergerichten und es kann geschehen, dass ein Staatsanwalt, der aufgrund der dürftigen Beweislage von einer Anklage absehen wollte, abgelöst und durch einen Regierungskonformen ersetzt wird, der das Verfahren dann in größerer Strenge weiterführt. Von den rechtsstaatlichen Standards, die in der Europäischen Union üblich sind, und von der Wahrung der Pressefreiheit ist die Türkei derzeit weit entfernt. Die Frage ist, ob die Türkei tatsächlich nach Europa will. Ein Hoffnungsschimmer liegt darin, dass sich eine Verhandlungslösung im Kurdenkonflikt andeutet. Hier bleibt abzuwarten, ob aus der Kompromissbereitschaft Erdogans in Worten reale Taten folgen. Fazil Say meinte: »Ich weiß nicht, ob ihr es gemerkt habt? Überall wo es Schwätzer, Gemeine, Sensationsgierige, Diebe, Scharlatane gibt, sie alle sind übertrieben gläubig (wörtlich: »Allahisten«). Ist das ein Paradoxon?« Da ihm diese Aussage eine Bewährungsstrafe gebracht hat, denkt er darüber nach, das Land zu verlassen. Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, Alzenau

Main-Echo// Erscheinungsdatum: 3.05.2013 Bezugsartikel Main-Echo 16.04.2013

Pianist Fazil Say verurteilt wegen Islam-Beleidigung Justiz: Twittern brachte ihm zehn Monate auf Bewährung Istanbul Wegen Beleidigung des Islam ist der weltbekannte türkische Pianist und Komponist Fazil Say am Montag von einem Gericht in Istanbul zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Say (43) habe sich mit im Internet verbreiteten Kommentaren der Verletzung religiöser Werte schuldig gemacht, zitierten türkische Medien aus dem Urteil.

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Leserbrief zu: Türkei zieht Botschafter aus Paris ab, in: Der Heimatbote vom 24.12.2011 – Der Leserbrief erschien am 31.12.2011 im “Heimatboten” und am 4.1.2012 im “Main-Echo”

Es ist sicher immer vonnöten, auch vor den Türen der anderen Völker zu kehren, wie der türkische Ministerpräsident Erdogan in der letzten Debatte zum Armenien – Gesetzentwurf der französischen Nationalversammlung in Bezug auf die französische Geschichte meint. Besonders aber die eigene Geschichte sollte man ohne Mythen betrachten. Für die Rechtfertigung des Völkermords wurde in der Türkei eine Dolchstoßlegende konstruiert wie die Behauptung, einige freiwillige Armenier in der russischen Armee hätten die für die Türkei niederschmetternde Niederlage ein der Schlacht bei Sarikamis verursacht. Die dritte Osmanische Armee (100.000 Mann) rückte unvorbereitet im Dezember 1914 und Januar 1915 nach Sarikamis (heute im türkischen Bezirk Kars, damals russisch) vor. Mehrere Schneestürme und meterhoher Schnee schnitten die Armee vom Nachschub ab. Größtenteils erfror die Armee in den Bergen beim Anrücken auf die Stadt. Bis in den Januar 1915 waren noch 5000 türkische Soldaten am Leben. Die etwa 5.000 armenischen Freiwilligen in der Armee des russischen Zaren waren nicht kriegsentscheidend, sie schürten allerdings die Abneigung gegen die Armenier in der Türkei. Auf eine andere Tatsache wies der Oberbefehlshaber der türkischen Armee, Enver Pascha, am 25. Februar 1915 in einem Schreiben an den armenischen Patriarchen hin – er dankte für die Aufopferung armenischer Soldaten im Dienste der osmanischen Armee. Später schrieb er die Niederlage bei Sarikamis dem „Verrat“ der Armenier zu. Er sprach von einer „Gefahr“, die nur zu beseitigen sei, wenn die Armenier an andere Orte verschickt würden. Betrachten sollte man den anwachsenden Türkismus von 1908 bis 1913, der die Ausschaltung der Armenier schon vor dem Ersten Weltkrieg ins Auge fasste. Die bekannteste Zeitschrift „Türk Yurdu“ fasste die wichtigsten Intentionen des Türkismus zusammen: Betonung der rassischen Identität von Tataren und Türken, Verherrlichung des Patriotismus und Wiederherstellung der turanischen Gemeinschaft in den Grenzen des 13. Jahrhunderts. Talaat, damals Innenminister, ernannte die Beamten nach dem Kriterium von pantürkischen Überzeugungen. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges sagten nationalistische Journalisten den Fall des Russischen Reiches und den Aufstieg eines Panturanischen Reiches auf seinen Ruinen voraus. Die türkischen Nationalisten schlossen sich dem Kampf für den Pantürkismus an und lenkten ihren Blick nach Transkaukasien, das nun als potentieller türkischer Lebensraum galt mit dem Endziel eines Großreiches aller Turkvölker. Auf den Punkt bringt es der pantürkische Nationalist Dr. Nazim kurz nach den Massakern von Kilikien von 1909: „Das Osmanische Reich muss ausschließlich türkisch sein. Die Existenz fremder Elemente bietet einen Vorwand für europäische Interventionen. Dies Elemente müssen mit Waffengewalt türkisiert werden.“

Die Vorstellung, die Armenier auszuschalten, war also ein offizielles Programm der Jungtürken (an der Spitze Talaat, Enver Pascha und Ahmet Cemal), die nur nach einem Vorwand suchten, dieses umzusetzen.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755

1 Selahattin Demirtas, Morgengrauen – Storys, München 2018, S. 67 f.

2 Ebd., S. 71

3 Ebd., S. 11

Veröffentlicht 10. Oktober 2011 von schauerchristian in Die Entwicklung der Türkei

Gesangskultur im Bundestag

Frankfurter Rundschau, 09.09.2013, Leserbrief Gesangsstunde im Bundestag

Zur Pippi-Langstrumpf-Gesangseinlage von Andrea Nahles

Andrea Nahles sollte den Startschuss zu Gesangseinlagen von Politikern auch anderer Parteien im Bundestag geben. Die Bundeskanzlerin sollte „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ vortragen, eingedenk der von ihr befürworteten Sparprogramme in Griechenland, in der manche wegen Wohnungsverlustes auf den Campingplatz umziehen müssen, oder viele nicht mehr in der gesetzlichen Krankenversicherung sind.

Gysi könnte bei jedem seiner Auftritte ein anderes Arbeiterlied anbieten – zunächst

Dem Karl Liebknecht,

dem haben wir’s geschworen,

der Rosa Luxemburg

reichen wir die Hand“

dann nächste Strophe

Es steht ein Mann,ein Mann,

so fest wie eine Eiche!

Er hat gewiß, gewiß

schon manchen Sturm erlebt!

Vielleicht ist er

schon morgen eine Leiche,

Wie es so vielen

Freiheitskämpfern geht.“    

                          

Brüderle sollte eine Neuauflage von „Hoch auf dem gelben Wagen“ in die Runde werfen. Hier war schon sein Parteifreund, Walter Scheel, erfolgreich. Da seine Stimme ziemlich brüchig ist, müsste wohl Heino als Background-Sänger einspringen, um ein angemessenes Volumen zu erreichen.

 Für Trittin kommt „Grün ist die Heide“ in Frage:

„Als ich gestern einsam ging

Auf der grünen, grünen Heid‘,

Kam ein junger Jäger an,

Trug ein grünes, grünes Kleid“                                   

Hermann_Löns_Kunsthist._Museum

Hermann Löns als Jäger

Für Seehofer wäre ein Evergreen angemessen wie:

.

„Ich brech‘ die Herzen der

stolzesten Frau’n,

weil ich so stürmisch und so

leidenschaftlich bin;

mir braucht nur eine ins Auge

zu schau’n,

und schon ist sie hin!“

C.S.

Veröffentlicht 20. September 2011 von schauerchristian in Gesangskultur im Bundestag

Nationalpopulismus und Rechtsradikalismus in Ungarn

Leserbrief zu: „Ungarn gibt Orban mit Notstandsgesetz freie Hand“, in Main-Echo vom 30.3.2020, erschienen in Main-Echo online am 30.3.2020

Der ungarische Ministerpräsident pflegt pauschale Ressentiments gegen Migranten: „Natürlich gibt man es nicht gerne zu, aber es ist eine Tatsache, dass alle Terroristen letztlich Migranten sind“, argumentierte Viktor Orbán im November 2015. „Die Frage ist nur, wann sie in die Europäische Union eingewandert sind.“ (Welt vom 24.11.2015). Diese war eine seiner denkwürdigen Aussagen während der Flüchtlingsbewegung im Jahre 2015.

Anfang 2019 entwarf der ungarische Regierungschef Viktor Orbán eine nationalistisch-völkische Familienpolitik. Mit staatlichen Gebärprämien will er die Frauen in seinem Land dazu bewegen, mehr Kinder zur Welt zu bringen. Die Prämien sollen nur Ungarinnen erhalten. Sein Land brauche „ungarische Babies“. Konkret sollen ungarische Frauen nach den Vorstellungen der regierenden Fidesz-Partei bis zum Alter von 40 Jahren, die zum ersten Mal heiraten, einen Kredit in Höhe von zehn Millionen Forint (etwa 31.000 Euro) erhalten. Bekommen sie ein Kind, soll die Rückzahlung des Kredites für drei Jahre ausgesetzt werden. Bekommen sie ein zweites Kind, wird ein Drittel der Kreditsumme erlassen.


Nach Geburt des dritten Kindes müssen die Frauen nichts mehr zurückzahlen. Frauen, die vier oder mehr Kinder zur Welt bringen, sollen nach den Plänen Orbáns bis an ihr Lebensende keine Einkommensteuer mehr bezahlen. In Ungarn hat eine Frau derzeit im Schnitt 1,53 Kinder.

Jetzt kann er ohne zeitliche Befristung auf dem Verordnungsweg über das Parlament hinweg regieren. Ein weitere Schritt hin zu einer völkisch nationalistischen Diktatur.

Christian Schauer, Alzenau

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Leserbrief zu „Bleibt Fidesz in EVP“? In: Main-Echo vom 29.1.2020, erschienen in: Main-Echo online vom 24.3.2020, in: Print-Ausgabe vom 24.4.2020

Die aktuelle Entwicklung in Ungarn wirft die Frage auf, ob die Fidesz-Partei überhaupt eine demokratische Partei ist. Ungarns Regierungschef Viktor Orbán nutzt die Coronaviruskrise, um seine „illiberale Demokratie“ auszubauen. Die Regierung in Budapest arbeitet an einem Notverordnungsgesetz, das das Regieren per Dekret möglicherweise unbegrenzt ermöglicht. Kürzlich wurde auf der Webseite des ungarischen Parlaments ein Gesetzentwurf publiziert, wonach der am 11. März verhängte Notstand in Zukunft auch ohne Zustimmung der Abgeordneten verlängert werden soll. Bislang muss das Parlament alle fünfzehn Tage über die Verhängung von Einschränkungen entscheiden.

Diese neueste Entwicklung in Ungarn erinnert an den Artikel 48 der Weimarer Verfassung und die daraus resultierende Praxis, wonach der Reichspräsident mit Notverordnungen regierte.

Was ist der Artikel 48? (Auszug)

Der Reichspräsident kann, wenn im Deutschen Reich die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird, die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen treffen, erforderlichenfalls mit Hilfe der bewaffneten Macht einschreiten. Zu diesem Zwecke darf er vorübergehend die in den Artikeln 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 festgesetzten Grundrechte ganz oder zum Teil außer Kraft setzen.

Die folgenreichste Notverordnung war die „Reichstagsbrandverordnung“ nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 einen Tag später. Sie setzte wesentliche Grundrechte außer Kraft. Sie ist auch als „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ in die Geschichte eingegangen. – So weit ist es in Ungarn noch nicht, aber die Entwicklung in eine Diktatur wird in Ungarn forciert.

Christian Schauer, Alzenau

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Horthy und die Juden

Bezug: In einem Leserbrief im Main-Echo führt Lajos Malina unter anderem folgendes aus: “Und nun zum Miklós Horthy’s »traurigen Engagement«: Er hat die Deportation von jüdischen Mitbürgern in Juli 1941 verboten, und so hat er 200 000 jüdischen Mitbürgern das Leben gerettet! Dafür hat er eine Gedenktafel in der Yad Vashem-Gedenkstätte in Jerusalem bekommen!”

Das Verhältnis Horthys zu den Juden soll etwas ausführlicher dargestellt werden.

Seit 1938 wurde in Ungarn unter Horthy eine Reihe antijüdischer Gesetze erlassen, die Züge der Nünberger Rassengesetze trugen. Es handelte sich bei den Judengesetzen um Maßnahmen, welche die Anzahl der Juden in freien Berufen, in der Verwaltung sowie in Handel und Industrie zunnächst auf 20 Prozent und später bis auf fünf Prozent reduzierten. Ihre politischen Rechte wurden dabei eingeschränkt.

Die Anfänge der “Endlösung” begannen 1941 und Anfang 1942. Verantwortlich war die Regierung Bardossy, die im August 1941 eine Razzia gegen die Ostjuden initiierte.Sie waren vor Jahren aus Galizien nach Ungarn emigriert, hatten aber nicht die ungarische Staatsbürgerschaft. Sie wurden auf das von der Sowjetunion eroberte Gebiet vertrieben. Hiervon waren die Juden der Karpatenukraine besonders betroffen. Ein antijüdisches Gesetz von 1939 verwehrte ihnen die Einbürgerung, wenn sie nicht ihre Präsenz seit 1867 nachweisen konnten. Mehrere tausend vertriebene ungarische Juden, die in Südgalizien weilten, wurden von Deutschen in das Ghetto Stanislawow verbracht. Hier wurden sie 1942 erschossen.

Im Januar 1942 ereignete sich ein zweites antijüdisches Pogrom. In der von Ungarn besetzten jugoslawischen Stadt Novi Sad wurden möglicherweise mehrere Tausend Juden und Serben erschossen.1 Andere Quellen sprechen von knapp über 1.200 Toten.2Verantwortlich war der ungarische General Feketehalmy- Czeydner.

Bardossy musste im März 1942 abtreten. Danach amtierte Ministerpräsident Kallay, der dem Deutschen Drängen, die Juden zu deportieren, nicht entsprach. Allerdings dehnte er den Enteignungsprozeß aus und erweiterte den Arbeitsdienst. Anfang März 1944 wurde in Berlin die Besetzung Ungarns angedroht. Horthy wurde am 15. März 1944 bei einem Besuch beim „Führer“ als Alternative vorgeschlagen, eine den Deutsche genehme Regierung einzusetzen. Als Argument für diesen Schritt wurde von deutscher Seite unter anderem die vorgebliche Sabotage der von Deutschland als „Endlösung“ bezeichnete finale Lösung der Judenfrage durch die ungarische Regierung angeführt. Hier war also Ungarn unter Horthy nach deutscher Einschätzung nicht konsequent genug. Bei Beginn der deutschen Besetzung Ungarns am 19. März 1944 – Vertreter des Auswärtigen Amtes, der SS und Polizei, des Heeres und der Luftwaffe lenkten von Budapest aus und auch in der Provinz das öffentliche Leben – waren allerdings bereits etwa 63.000 Juden den Verfolgungen zum Opfer gefallen. Oberster Koordinator des deutschen Einflusses in Ungarn war der Generalbevollmächtigte Veesenmayer..3

Am 22. März wurde eine neue extrem nationalistische Regierung unter Döme Sztojay als Premierminister gebildet. Die Deportation jüdischer Ungarn nach Auschwitz begann am 15. Mai 1944 und hielt bis zum 9. Juli 1944 an. Hier ließ Horthy die Transporte stoppen. Die jüdische Bevölkerung von Budapest wurde damit weitgehend verschont. Dies geschah auf internationalen Druck, für den Schweden, die Vereinigten Staaten und der Vatikan verantwortlich waren. Vorher waren die so genannten Auschwitz-Protokolle in der Schweiz veröffentlicht worden. 437.000 jüdische Ungarn waren bis zu diesem Zeitpunkt bereits deportiert worden, nur etwa ein Viertel der vormals über 800.000 jüdischen Ungarn überlebte den Holocaust.4 Den Exzess verhinderte Horthy, verstrickt war er deutlich. Bei einem Gespräch mit dem Generalbevollmächtigten Veesenmayer am 4. Juli 1944 äußerte Horthy, dass er kein Freund der Juden sei, aus politischen Gründen habe er sich für die christlichen Juden, die jüdischen Ärzte, für jüdische Arbeitskompanien und die für die Kriegsproduktion wichtigen Juden einzusetzen.5 Horthy stufte sich selbst schon vorher als Antisemiten ein. In einem Brief an Pal Teleki (Ministerpräsident von März bis April 1941) vom 14. Oktober 1940 führte er aus, dass er sein ganzes Leben lang Antisemit gewesen sei, unerträglich seien ihm Fabriken und Banken in jüdischer Hand. Wenn Juden allerdings durch unfähige Blender ersetzt würden, würde das Land bankrott gehen.

Juden wurden auch in Ungarn als Zwangsarbeiter eingesetzt, er wurde im Unterschied zum „Waffendienst“ „Hilfsdienst“ genannt. Dies geschah seit 1942, die Gesamtzahl der Zwangsarbeiter betrug 130.000. Von den Zwangsarbeitern kamen 30.000 bis 40.000 ums Leben.

Horthy versuchte vorzeitig aus dem Krieg auszuscheiden. Am 11. Oktober 1944 wurde eine vorläufige Waffenstillstandsvereinbarung mit der Sowjetunion geschlossen.6 Nach einem verkündeten Waffenstillstand und dem Kidnapping seines Sohnes durch die Deutschen am 15. Oktober 1944 dankte Horthy am Tag darauf zusammen mit dem Ministerpräsidenten Lakatos, der den Deutschen nicht willfährig genug war, ab. Vorher hatte schon Rumänien, ein deutscher Alliierter, den Alliierten einen Waffenstillstand angeboten. Der neue ungarische Reichsverweser und Regierungschef wurde Szalasi, der Führer der rechtsradikalen Pfeilkreuzler-Bewegung. Er war ein Gangster reinsten Wassers – der einzige pronazistische Kandidat, der im Oktober 1944 auffindbar war. Die in Budapest verbliebenen Juden wurden in ein Ghetto gesperrt, das am 10. Dezember 1944 versiegelt wurde. Im Januar 1945 lebten dort etwa 70.000 Juden.7 Unter Szalasi besaßen zahlreiche Juden eine Auswanderungsberechtigung. Seine Pfeilkreuzler wüteten von November 1944 bis Februar 1945 entsetzlich unter den Juden. Große Teile des jüdischen Vermögens wurde zu Staatseigentum erklärt. Im Ghetto herrschte Hunger und Kälte. In dieser Zeit trieben Pfeilkreuzler Juden an der Donau zusammen und erschossen sie. Auf diese Weise wurden wahrscheinlich 2.600 bis 3.600 Menschen liquidiert.8         

Schuhe Budapest

Schuhe am Donauufer in Budapest © Holocaust Memorial – Nikodem Nijaki

Für die Zeit Horthys, der 1920 zum Reichsverweser – eine Art Staatsoberhaupt- bestellt wurde 9, gelten folgende Charakteristika einer politischen Ordnung – es war ein autoritäres politisches System. Darin anzutreffen war ein reaktionär bürgerlicher Staat vermischt mit diktatorischen antidemokratischen Elementen 10. Soziologisch beruhte das System auf einem Bündnis der Großgrundbesitzer, des Landadels und Teilen des Bürgertums, darunter vielen Offizieren und Beamten. Der Rechtsstaat existierte formal, das Parlament war entmachtet. Ein deutlicher Chauvinismus dominierte, Liberalismus, Demokratie und Sozialismus wurden abgelehnt 11. Das aktuelle Ungarn unter Viktor Orbán weist viele Ähnlichkeiten mit dem System unter Horthy auf. Weshalb Demokraten ihn als Vorbild einstufen, ist daher schleierhaft.

1 Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden Band 2, Frankfurt am Main 1990,  S. 876
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Vgl. Hilberg, a.a.O., S. 886

5 Vgl. Hilberg, a.a.O., S. 916

6 Holger Fischer, Eine kleine Geschichte Ungarns, Frankfurt am Main 1999, S.197

7 Hilberg, a.a.O.., S. 925

10 Vgl. Fischer, a.a.O., S. 180

11 Vgl. ebd.

 

Erschienen auszugsweise als Leserbrief: in Main-Echo online vom 20.4.2018

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Leserbrief zu: „Der bayerisch ungarische Gipfel“, in: Main-Echo vom 5.1.2018, erschienen in Main-Echo online vom 17.1.2018, in der Main-Echo Print-Ausgabe vom 29.1.2018

Der bayerische Ministerpräsident Seehofer meinte vor kurzem in Seeon, der ungarische Ministerpräsident stehe „zweifelsfrei“ auf rechtsstaatlichem Boden.

Wer in Ungarn Zeitung liest oder Radio hört, trifft nur selten auf regierungskritische Berichte. Premierminister Viktor Orbán und seine Regierung kontrollieren einen Großteil der Medienlandschaft. Die Pressefreiheit ist stark eingeschränkt. Das Internet ist noch nicht gänzlich gleichgeschaltet.

Im Oktober 2016 musste eine unabhängige Tageszeitung „Népszabadság“ über Nacht schließen. Zuletzt deckte die Zeitung einige Wochen vorher Korruptionsaffären zweier Vertrauter des ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán auf. Kurz danach wurde auf der Webseite der Budapester Börse bekannt gegeben, dass Mediaworks mitsamt „Népszabadság“ an die regierungsnahe ungarische Firma Opimus Press verkauft wurde. Sie gehört zum Imperium des Orbán-Oligarchen Lörinc Mészaros.

Insgesamt war das nur ein Höhepunkt einer allgemeinen Tendenz. Die öffentlich-rechtlichen Medien in Ungarn wurden durch ein restriktives Mediengesetz unter Orbán regelrecht gleichgeschaltet.

Die Menschenrechte sind sein Feindbild. Mitte März 2016 kritisierte er „Rotten unverbesserlicher Kämpfer für die Menschenrechte“ anläßlich des ungarischen Nationalfeiertages. Europa werde „von einer Zig-Millionen-Masse“ und von einer „finalen Gefahr“ bedroht. Die Sprache ist von Untergangsphantasien gekennzeichnet und kennt keinerlei Differenzierung.

Im Juni 2017 würdigte Orbán Miklós Horthy als “Ausnahmestaatsmann”. Dieser war ein treuer Verbündeter des Deutschen Dritten Reiches. Er war unter anderem mitverantwortlich für die Deportation von 600.000 ungarischen Juden in deutsche Vernichtungslager. Orbáns Einschätzung bezog sich überwiegend auf die Taten Horthys auf den Wiederaufbau Ungarns nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg. Orbán weiter: Auch Ungarns “trauriges Engagement” im Zweiten Weltkrieg könne Horthys Beurteilung “ nicht überschatten”.

Das Wesen des “Rechtsstaates Ungarn” besteht aktuell darin, daß die Grenzen der Regierungspartei nach rechtsaußen zunehmend verwischt werden.

Christian Schauer

Zwei Führer (2)

„Ausnahmestaatsmann“ Horthy links, rechts?

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Leserbrief zu: “Orban und Seehofer üben wieder den Schulterschluss“, in Main-Echo vom 17.10.2016

Ungarn entwickelt sich seit geraumer Zeit unter Viktor Orbán hin zum völkischen Nationalismus. Zwei Plätze tragen seit Mitte Mai 2011 den Namen des Blut- und Boden-Schriftstellers Albert Wass. Er ist ein Repräsentant des völkischen Magyarentums. Der Schriftsteller war in Rumänien 1946 wegen angeblicher Teilnahme an Erschießungen zum Tode verurteilt worden. Das Simon Wiesenthal Center hat die Vorwürfe bestätigt. Er sah die Juden in Ungarn als größtes Übel.

Ein Park Budapests trägt nicht mehr den Namen Endre Bajcsy-Zsilinszky. Der jüdische Politiker hatte zu den führenden Widerständlern gegen das Bündnis des Reichsverwesers Miklós Horthy mit Hitler-Deutschland gehört. Die Pfeilkreuzler hängten ihn dafür 1944. Jetzt hängt ihn das Orbán-Regime zum zweiten Mal symbolisch auf.

Der Direktor des Holocaust Zentrums für Dokumentation und Erinnerung in Budapest, László Harsányi, hat ebenfalls 2011 seinen Posten verloren, weil die Ausstellung nach Ansicht der Orbán-Regierung den Verbündeten des Deutschen Reiches zu deutlich mit der Ermordung von Juden in Verbindung brachte. Es gab unter Horthy Massaker an Juden (z.B. in Novi Sad 1942, dort auch an nichtjüdischen Einwohnern), die Errichtung von Ghettos, unter anderem in Kassa (ab 1941), aber auch in ländlichen Gegenden im Kernland und es entfaltete sich bereits eine von den Pfeilkreuzlern betriebene Terrorherrschaft gegen Andersdenkende, Minderheiten, sowohl ethnischer wie politischer Natur. Nicht erst seit 1944 trieben ermordete Juden in der Donau.Das erste antijüdische Gesetz unter Horthy – es umfasste einen Numerus clausus für jüdische Studenten – stammte aus dem September 1920. Der jüdischen Minderheit (6,2 % der Gesamtbevölkerung) wurde darin der Zugang zur Universität erschwert und eine Beschäftigung im Staatsdienst praktisch unmöglich gemacht. Ab 1938 wurden in Ungarn eine Reihe antijüdischer Gesetze erlassen. Diese Gesetze waren den Nürnberger Rassegesetzen ähnlich. Ab 1940 wurden die Juden aus den ungarisch besetzten Gebieten, wie der Südslowakei und Siebenbürgen, in das Generalgouvernement nach Galizien getrieben, wo sie dem deutschen Zugriff ausgeliefert waren. Entgegen den Wünschen der deutschen Regierung weigerte sich Ungarn allerdings, seine ungarischen jüdischen Einwohner auszuliefern bzw. deren Transport in Lager zuzulassen. C. Schauer

Erschienen in Main-Echo online vom 13.1.2017


Leserbrief zu: „Treffen der Freunde Europas”

Die Aschaffenburger Landtagsabgeordnete Martina Fehlner, medienpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion und Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn betonten bei ihrem Treffen in Bad Aibling, dass die EU eine Wertegemeinschaft ist – und nicht nur ein Wirtschaftsraum.

In: Der Heimatbote vom 8.10.2016

Erfreulich ist es, dass eine Partei den Luxemburgischen Außenminister Asselborn als Freund Europas empfängt.

Der Luxemburgische Außenminister Asselborn hat eine Forderung erhoben, nämlich Ungarn aus der EU auszuschließen, der man sich nur anschließen kann. Die völkisch nationalistische Politik unter Viktor Orbán setzt auf pauschale Vorurteile gegenüber Flüchtlingen aus muslimischen Ländern. Im November letzten Jahres konnte man diese hysterische Furcht vor Flüchtlingen kennenlernen: „Natürlich gibt man es nicht gerne zu, aber es ist eine Tatsache, dass alle Terroristen letztlich Migranten sind“, sagte Viktor Orbán damals. „Die Frage ist nur, wann sie in die Europäische Union eingewandert sind.“ Eine Anklage wegen Volksverhetzung vor dem Europäischen Gerichtshof wegen Volksverhetzung wäre hier die richtige Antwort. Polen sollte Ungarn folgen.

Polen war im Jahr 2014 mit rund 13,75 Milliarden Euro der größte Nettoempfänger der EU, Ungarn der zweite mit 5,68 Milliarden Euro. Beide Länder profitieren also von den Beziehungen zur EU, ohne den geringsten Gegenwert an Humanität leisten zu wollen.

Der Höhepunkt der nationalistischen Hysterie in Ungarn: Ein Europa-Abgeordneter der Orbán -Partei Fidesz twitterte vor dem Referendum, man solle zur Abschreckung muslimischer Flüchtlinge Köpfe von Schweinen an die Grenzzäune zu Serbien und Kroatien hängen. Ein Vorschlag, der in Deutschland von der NPD kommen könnte.

Fazit: Wer völkisch nationalistisch denkt und handelt, der soll auf die heimische Scholle verwiesen werden und nicht von den Fleischtöpfen der EU profitieren.

Erschienen am 15.10.2016 im „Heimatboten“

Christian Schauer


Leserbrief zu: »Wir brauchen einen Geist der Besonnenheit« – Heinrich Bedford-Strohm: Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche über Nächstenliebe als globale und lokale Verantwortung, in: Main-Echo vom 12.2.2016 und Seehofer will Orban besuchen, in Main-Echo vom 19.2.2016

Wer immer Ungarn im Konfliktfall die letzte Entscheidung über die Asylgewährung in Europa überlässt, der muss wissen, daß dieses Land und seine rechtskonservative Regierung im Kern keinen einzigen Asylbewerber aus einem anderen Kulturkreis will. Seine Haltung hat Orbán Mitte Dezember 2015 noch einmal prägnant zusammengefasst: „Wir wollen diese Menschen nicht haben.“

Das ungarische Recht und die Rechtspraxis weichen derzeit in mehreren Bereichen von den Bestimmungen der Genfer Flüchtlingskonvention ab. Erstens fehlen im ungarischen Recht ausreichende rechtlich verankerte Garantien zur Gewährleistung der vollen Übereinstimmung mit Artikel 31 der Genfer Flüchtlingskonvention („Flüchtlinge, die sich nicht rechtmäßig im Aufnahmeland aufhalten“). Asylsuchende werden oft verhaftet und es werden Verfahren gegen sie wegen Einreise mit falschen oder gefälschten Reisedokumenten eingeleitet. Trotz der andauernden und langfristigen Bemühungen von UNHCR, die Rechtslage und -praxis zu beeinflussen, sind Personen, die wegen des Verwaltungsvergehens der irregulären Einreise oder des unrechtmäßigen Aufenthalts verurteilt werden, harten Haftbedingungen in Gefängniseinrichtungen, in denen Straftäter untergebracht sind, ausgesetzt.

Zudem kommt Ungarn nicht im vollen Umfang seinen Pflichten gemäß Artikel 35 der Flüchtlingskonvention („Zusammenarbeit der staatlichen Behörden mit en Vereinten Nationen“) nach, insbesondere hinsichtlich der Bereitstellung von Statistiken über Asylsuchende und Flüchtlinge auf Ersuchen von UNHCR (z. B. über die Anzahl der in Haft befindlichen Asyl suchenden Familien mit Kindern und die Anzahl der Familienzusammenführungen von Flüchtlingsfamilien).

Wenn der Regierungschef eines EU-Mitgliedstaates, Herr Orbán, erklärt, sein Land nehme keine muslimischen Flüchtlinge auf, ist das mit der EU-Grundrechtecharta und der Religionsfreiheit, der Rechtsgleichheit und dem Verbot der Diskriminierung nicht vereinbar. Die Behauptung, die Aufnahme vieler Asylbewerber in Deutschland sei rechtswidrig, ist nicht richtig. Zwar sollen Asylverfahren grundsätzlich dort durchgeführt werden, wo ein Asylbewerber erstmals die EU-Außengrenze überschreitet, aber das Dublin-Regime kennt auch ein Selbsteintrittsrecht eines primär nicht zuständigen Staates.

Wer die ungarische Haltung als beispielgebend ansieht mit dem Gerede vom Rechtsstaat, der angeblich von der Bundesregierung ausgehebelt wird, der soll wenigstens vorher die Genfer Flüchtlingskonvention kündigen und versichern, dass auch er mit Flüchtlingen aus anderen Kulturen nichts zu tun haben will.

Christian Schauer, Alzenau – Erschienen in Main-Echo online vom 20.2.2016, in der Print- Ausgabe vom 4.3.2016

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Leserbrief zu „Lebenslang für rechtsradikale Roma-Mörder“, in: „Main-Echo“ vom7.8.2013

Rechtsradikale und antisemitische Tendenzen nehmen in Ungarn Besorgnis erregende Ausmaße an. Mitte März fanden sich auf den Namensschildern mehrerer Professoren der Eötvös- Loránd -Universität in Budapest Aufkleber mit dem Slogan „Juden, die Universität gehört uns, nicht euch“. Betroffen war unter anderem die emeritierte Philosophieprofessorin Ágnes Heller, eine Holocaust Überlebende, die lange Zeit am Hannah Arendt Center der New School for Social Reseaerch in New York lehrte. Dahinter steckt die rechtsextreme Studenten- selbstverwaltung HÖK, die der faschistischen Jobbik-Partei nahe steht. Sie legte Listen von Studenten an, in denen Personen als „hässlicher Judenkopf“ oder „Scheißliberaler“ klassifiziert werden. Nach einer Umfrage wurde Jobbik an den Universitäten zur beliebtesten Partei in Ungarn. Jeder dritte Student in Ungarn neigt zur Wahl dieser rechtsextremen Kraft. Ähnlich viele ziehen eine Diktatur der Demokratie vor. Jobbik ist neueren Umfragen zufolge zweitstärkste Partei. Ihre Ideologie ähnelt der der NSDAP. Demnach sind die „wahren Ungarn“ anderen Volksgruppen überlegen. Die Regierung wird aufgefordert „Judenlisten“ zu erstellen, Beschimpfungen von Juden und Roma sind an der Tagesordnung. Hervorstechend ist die „Neue Ungarische Garde“ -eine paramilitärische Organisation der Jobbik-Partei. Sie verbreitet bei öffentlichen Aufmärschen Angst und Schrecken. Besonders Roma sind das Ziel von Übergriffen.

Der jetzige Ministerpräsident Viktor Orbán tritt diesen Tendenzen nicht entschieden entgegen. Seit seinem Amtsantritt 2010 ist Ungarn fremdenfeindlicher und antisemitischer geworden. Seine nationale Sicht polarisiert. Fernsehjournalisten werden mit Sanktionen bedroht, wenn ihre Beiträge Mißfallen bei den Aufsichtsbehörden hervorrufen. Dem Verfassungsgericht wurde Anfang des Jahres die Kontrollmöglichkeit der Regierung genommen, die Gewaltenteilung damit augehoben. Ferenc Szaniszló, ein rechtsradikaler Redakteur von Echo TV, meint, die Linken bewirkten, dass das Ungarntum „verwest. Sie sind Parasiten, die das reine Blut der Ungarn saugen.“ Roma „Zigeuner“ seien Schmarotzer und „Ungarnmörder“. Der Journalist erhielt am ungarischen Nationafeiertag den Táncsics-Preis, eine hohe Auszeichnung für Journalisten. Herbe Kritik bewirkte, dass Szaniszló den Preis zurück gab. Zum Holocaust-Gedenktag am 21. April wurde zu einer Motorrad-Parade unter dem Motto „Gib Gas“ aufgerufen. Bei Länderstudien zur Verbreitung von Rassismus belegen die Ungarn Spitzenwerte. 62 Prozent glauben, Roma seien „kriminell veranlagt“, zwei Drittel halten Homosexualität für unmoralisch, für 46 Prozent sind „die Juden“ für die gegenwärtige Finanzkrise verantwortlich. Das völkische Denken nahm bereits seit Anfang der 90er Jahre zu. Sein Ausmaß ist bedenklich.

Christian Schauer, erschienen am 20.8.2013 im Main-Echo

Veröffentlicht 20. August 2011 von schauerchristian in Aktueller Kommentar zu Ungarn

Erinnerungskultur für zwei Weltkriege – Glockenläuten gegen Nationalismus – Asylbewerber in Alzenau – Kritik der NPD im Kreis Aschaffenburg – Bildung ist ein Menschenrecht – Einschätzung von Gemeinschaftsunterkünften – Friedel Heymann – Elektronische Hinweise HLB/KVG – Stolpersteine Schöllkrippen – Save-me-Kampagne regional – Aschaffenburger Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber – Stolpersteine in Hörstein – Kirchliches Theater?

Leserbrief zu: Jetzt beschildert: Kurt-Eisner-Platz am Aschaffenburger Herstallturm, in Main-Echo online vom 4.5.2020, erschienen in Main-Echo online vom 8.5.2020, Main-Echo Printausgabe vom 14.5.2020

Kurt Eisner wurde 1867 in Berlin geboren. Von 1898 bis 1917 war er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. 1917 trat er wegen seiner pazifistischen Grundhaltung in die USPD über. Nach der Januarstreikwelle 1918 wurde er verhaftet – wegen versuchten Landesverrates. Am 14. Oktober 1918 wurde er entlassen. Eisner rief am 8. November 1918 den „Freistaat Bayern“ aus und erklärte König Ludwig III. für abgesetzt. Von der Versammlung der „Arbeiter- und Soldatenräte“ wurde er zum Ministerpräsidenten gewählt. Die USPD erlitt jedoch bei der Landtagswahl Anfang 1919 eine schwere Niederlage und erhielt nur 2,5 Prozent der Stimmen. Auf dem Weg zur konstituierenden Sitzung des Landtags, auf der er seinen Rücktritt bekannt geben wollte, wurde er am 21. Februar 1919 von Graf von Arco auf Valley ermordet.

Nach Kurt Eisners Ermordung fand am 26. Januar 1919 die Beisetzung in München statt. In München wurde dazu angeordnet: Arbeitsruhe, schwarz-rote Beflaggung aller öffentlichen Gebäude, Flaggen auf halbmast und Glockengeläute der Kirchen von 10 bis 11.30 Uhr. In Aschaffenburg wurde das nur teilweise umgesetzt, die Kirchenglocken waren nicht zu hören, die Kirchen blieben geschlossen. Verantwortlich dafür war Ignaz Hergenröther, Geistlicher Rat und Stiftspfarrer, der den Anhängern Eisners den Zutritt zu den Kirchen verweigerte: „Gebraucht, was ihr wollt! In meiner Kirche wird nicht geläutet. Ihr könnt über meine Leiche schreiten; aber die Kirchenschlüssel findet ihr nicht und zum Läuten kommt ihr nicht.“ Hergenröther folgte den Weisungen von Kardinal Faulhaber (München), der Vorbehalte gegen Eisner hegte. Er war Anhänger der Monarchie, die er als gottgegeben einstufte. -Glocken läuten ließ er allerdings an Hitlers 50. Geburtstag 1939.

Eisner wollte ein basisdemokratisches Rätesystem. Er widersetzte sich der nationalistischen Grundstimmung vieler Deutscher im Ersten Weltkrieg. Eisners Regierungsprogramm war eher reformerisch geprägt: Er führte unter anderem das erste Frauenwahlrecht in Deutschland ein, den Achtstundentag und eine Arbeitslosenversicherung

Eine Platzbennung in Aschaffenburg nach ihm in Aschaffenburg ist zu befürworten.

Christian Schauer, Alzenau

Kurt Eisner 1919

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Leserbrief zu „Ein naiver Blick auf das Grauen – Erinnerung an Tote durch Bombenhagel – Glockenläuten und Konzert“, in: Der Heimatbote vom 3.3.2020, erschienen in: Der Heimatbote Facebook am 3.3.2020- Printausgabe vom 5.3.2020

War die Zerstörung deutscher Städte nötig, als der Krieg für Deutschland schon verloren war? Der Führer des Großdeutschen Reiches, Adolf Hitler, und seine große Gefolgschaft in der deutschen Bevölkerung waren zweifellos die Initiatoren des Krieges. Hitler wollte die Städte Englands „ausradieren“. Bekanntestes Beispiel ist die Stadt Coventry, in der durch deutsche Luftangriffe am 14. November 1940 568 Menschen ums Leben kamen und etwa 1.000 Menschen verletzt wurden. Mehr als 4.000 Häuser wurden zerstört. Es trat für Deutschland das ein, was der Prophet Hosea verkündet hatte:“Wer Wind säht, wird Sturm ernten.“

Am 28. März 1945 verkündet der englische Premierminister, Winston Churchill, in einem persönlichen Telegramm an die Stabschefs der Royal Airforce: „Mir scheint der Augenblick gekommen, da man das Problem der Bombardierung der deutschen Städte um des wachsenden Terrors willen – denn darum geht es doch, auch wenn andere Bewgeggründe vorgeschoben werden- , überdenken sollte. Anderenfalls werden wir die Macht über ein vollkommen ruiniertes Land übernehmen. … Ich halte eine schärfere Konzentration der Angriffe auf militärische Objekte … für nötig, statt daß wir Terror und zügellose Zerstörung verbreiten, so eindrucksvoll das auch immer sein mag.“

Für Würzburg, das am 16. März 1945 zerstört wurde, kam diese Einsicht zu spät. Der letzte Einsatz des Bomber-Command wurde dann am 26. April 1945 auf Kiel geflogen. Würzburg wurde am 6. April 1945 von der US-Armee eingenommen.

Das Gedenkkonzert „Nachtkinder – Ein deutsches Requiem“ findet am Montag, 16. März, im Würzburger Kiliansdom statt. Es werden Texte verarbeitet auf der Grundage der Erinnerungen von Überlebenden der Nacht der Zerstörung Würzburgs. Man kann nur hoffen, dass die Aufführung viele Menschen zum Nachdenken bringt.

Christian Schauer, Alzenau

Montage „Tote Stadt“ von Gunter Ullrich

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Alzenauer Kriegerdenkmal – Diskussion 1989

Im Jahre 1989 wurde über eine Veränderung des Kriegerdenkmals im Alzenauer Hauckwald diskutiert. Im Main-Echo vom 5. Oktober 1989 hieß es dazu: „Alzenauer Kriegerdenkmal im Hauckwald bleibt in seiner historischen Form erhalten“ Weiter steht in dem Pressebericht: „Der Schriftzug ‚Die Toten mahnen‘ auf dem Kriegerdenkmal im Alzenauer Hauckwald wird nicht durch den Zusatz ‚Nie wieder Krieg‘ ergänzt. Ein entsprechender Antrag der Alzenauer ‚Grünen‘ an den Stadtrat wurde vom Ausschuß für Erziehung, Sport, Kultur und soziale Angelegenheiten in seiner Sitzung am Dienstag negativ beschieden. Der Ausschuß empfahl dem Stadtrat einstimmig, den Antrag abzulehnen.

Die Grünen hatten ihren Antrag folgendermaßen begründet: Anläßlich des 50.Jahrestages des Beginns des Zweiten Weltkriegs am 1. September wurde nicht nur weltweit, sondern auch auf kommunaler Ebene über die Folgen dieses von Deutschland entfesselten Krieges für Gegenwart und Zukunft nachgedacht. Um die erforderliche Konsequenz aus den schrecklichen Ereignissen dieses Krieges zu ziehen, sei, so die Meinung der Grünen, eine Inschrift wie ‚Die Toten mahnen‘ zu allgemein und nichtssagend.

Dieser Satz könne bei böswilliger Interpretation auch bedeuten, daß man in Zukunft Kriege mit weniger Toten, mit anderen Bündnispartnern und anderen Zielsetzungen führen könne. Es werde nicht klar, wozu ermahnt werden soll. Dagegen werde durch den Zusatz ‚Nie wieder Krieg‘ verdeutlicht, daß die Absicht besteht, alles zu tun, um in Zukunft Kriege zu vermeiden und den Frieden auf Dauer zu gewährleisten. Dies sei eine Absicht, die in der Konsequenz des Schreckens des Zweiten Weltkrieges als einzig sinnvoll erscheint.

Der Ausschuß erachtete den beantragten Zusatz jedoch als überflüssig. Daß niemand wieder einen Krieg wolle, sei eine Selbstverständlichkeit, auf die nicht mehr eigens hingewiesen werden müsse. Bei dem Kriegerdenkmal, das als solches auch ohne nähere Bezeichnung bei der Bevölkerung bekannt sei, handele es sich um ein Monument aus dem Jahre 1929. Es sei aufgrund der Entscheidung einer eigens gebildeten Gemeinderatskommission nach über acht Jahre langer´n Diskussionen ausdrücklich als Ehrenmal für die Gefallenen, Vermißten und an den Kriegsfolgen des Ersten Weltkrieges Verstorbenen errichtet worden.

Aufgrund seiner Entstehung verkörpere das Mahnmal nicht zuletzt auch gegenständlich Alzenauer Geschichte. Änderungen oder Zusätze sollten deshalb untebleiben.

Im übrigen werde bei den Gedenkfeiern, die alljährlich an dem Denkmal stattfinden, an alle Toten – nicht nur die Gefallenen der beiden Weltkriege – erinnert. Man müsse das hístorische Gebilde Kriegerdenkmal so akzeptieren, wie es entstanden sei.

Dies gelte auch für andere Gedenkstätten im Stadtbereich. Schließlich käme auch niemand auf die Idee, beispielsweise den abgebildeten Stahlhelm auf der Gedenkplatte an der Kälberauer Kirchenmauer zu entfernen oder etwa Bücher aus der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu verbrennen.

Angeregt wurde in diesem Zusammenhang, künftig mehr auf das Verhalten von Passanten in der näheren Umgebung des Denkmals zu achten. Dieser platz im Hauckwald würde häufig von Jugendlichen als Treffpunkt belagert und nicht selten stark verschmutzt. Dieser Umstand sei mit der Würde des Denkmals nicht vereinbar. Man sollte deshalb seitens der Stadtverwaltung Gegenmaßnahmen ergreifen.“ …

In einem Leserbrief entgegnete ich dazu im Main-Echo am 13. Oktober 1989 unter anderem:

„‘ Daß niemand wieder einen Krieg wolle, sei eine Selbstverständlichkeit, auf die nicht mehr eigens hingewisen werden müsse.‘ Die darin getroffene Aussage entspricht nicht den Tatsachen. 15 Prozent rechtsradikale Stimmen in Bayern bei der letzten Europawahl für eine Partei, die den faschistischen Krieg und die dahinter stehende Ideologie massiv verharmlost, beweisen nicht nur, daß Vergangenes nicht bewältigt ist, sondern auch, daß miltaristisch großdeutsches Denken noch lange nicht überwunden ist. Noch nicht lange ist es her, daß ein Berater der Reagan-Administration einen auf Europa begrenzbaren Atomkrieg führbar und gewinnbar machen wollte ….

Historisch peinlich ist der Vergleich mit der Bücherverbrennung… Wer die kulturelle Barbarei der Bücherverbrennung hier ins Spiel bringt, die z.B. die Nazis im Mai 1933 als Mittel des Kampfes gegen den Liberalismus und den Marxismus gebrauchten, der bewegt sich auf dem Felde des demagogischen historischen Vergleiches. … „ Es gehe um die Konstruktion von etwas Sinnvollem.

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Leserbrief zu: „Tafeln finden in St. Justinus ihren Platz“, in Main-Echo vom 7.3.2019, erschienen in Main-Echo online vom 21.3.2019 und in der Main-Echo Print-Ausgabe vom 22.3.2019

Nun sollen die Tafeln für die Gefallenen der beiden Weltkriege also wieder in die Kirche zurückkommen, in der sie bis 1988 waren. Ist eine Kirche der richtige Ort für Gefallenen-Tafeln? Ich denke, die Gefallenen-Tafeln passen eher in ein Heimatmuseum.

Mit welchen Feindbildern man im Ersten Weltkrieg operierte, ist manchen wahrscheinlich nicht mehr bekannt. So gab es Bildpostkarten mit den nationalistischen Feindbildern „Jeder Schuss ein Russ‘ – Jeder Stoss ein Franzos‘ – Jeder Tritt ein Britt‘ – Jeder Klaps ein Japs“. Eine religiöse Weihe sollte man diesen Feindbildern nicht geben. In der Bibel steht nichts Derartiges.

Auch im Zweiten Weltkrieg war die nationalistische Verhetzung ausschlaggebend. Wer jemals die Chance hatte, Filme wie „Jud Süß“ oder „Der ewige Jude“ zu sehen, der weiß, wie das Bild vom jüdischen Ungeziefer in die Welt gesetzt wurde und was daraus folgte.

Heißt es nicht in der Bergpredigt „Selig die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben“ ? Sicher war dieser Gedanke der Massenhypnose der Weltkriege wesensfremd. Man sollte an diese Zeiten erinnern – so wie es der Heimat- und Geschichtsverein 2009 getan hat – im Heimatmuseum im Michelbacher Schlößchen. Mit einigen historischen Hintergrunderklärungen verbunden.

Christian Schauer, Alzenau

I. Weltrkieg, Mobilmachung

Erster Weltkrieg Mobilmachung Foto: Bundesarchiv gemeinfrei

Jeder Schuß farbig

„Jeder Schuß ein Ruß'“ – Postkarte 1. Weltkrieg © Österreichische Nationalbibliothek

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Leserbrief „Weihbischof Boom leitet Bistum“, in: Der Heimatbote vom 21.9.2017, erschienen in: Der Heimatbote vom 23.9.2017

Der jetzige Bistumsleiter hat vor elf Jahren auf sich aufmerksam gemacht. Der damalige Pfarrer Ulrich Boom wurde überregional bekannt, als er am 22. Juli 2006 die Glocken der Miltenberger Jakobuskirche läutete, um eine Kundgebung der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ zu stören.

Zwanzig Minuten haben Ulrich Boom bekannt gemacht. So lange ließ er an diesem Tag die Glocken der Miltenberger Kirche läuten, dann hatten die zu einer Kundgebung versammelten Mitglieder der „Jungen Nationaldemokraten“ genug und brachen ihre Aktion ab. Die Effizienz war damals gegeben. Vielleicht setzt er solche Aktionen auch als Bistumsleiter fort.

Christian Schauer

Glockenläuten JN


Alzenau bunt

Plakat für ein weltoffenes Alzenau Marktplatz


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Flüchtlinge bald wieder in der Alzenauer “Brezel”?, in Main-Echo vom 5.6.2014

20 der insgesamt 49 Asylbewerber, die im Juli 2013 vor der Alzenauer »Brezel« abgeholt und in andere Flüchtlingsunterkünfte umziehen mussten, wünschen sich die Rückkehr nach Alzenau. Das zeigt eine gelungene Integration in die Unterkunft und teilweise auch in die Stadt. Dass eine baldige Rückkehr nach Alzenau von den Asylbewerbern erwünscht ist, versteht sich daher von selbst. Es bleibt nur zu hoffen, dass die bürokratischen Verfahren bis zur Wiederzulassung den Einzug nicht allzu lange verzögern. Hierzu bedarf es eines guten Willens, der dem langen Leerstand gerecht wird. Ist es eine Besonderheit, wenn eine Traditionsgaststätte sich in eine Asylunterkunft verwandelt?

Ganz selten ist eine derartige Umwidmung in Deutschland wohl nicht. So soll die Traditionsgaststätte Möller in Haina-Löhlbach (Landkreis Waldeck-Frankenberg Nordhessen)  Mitte 2014 ein Asylbewerberwohnheim werden. Das bei Vereinen beliebte Lokal schloß am 23. März dieses Jahres. Früher lebte die Gaststätte auch von Feriengästen.  Eine ähnliche Entwicklung nahm der Gasthof „Adler“ in Unterelchingen (Kreis Neu-Ulm). Dort wurden Ende 2013 Asylbewerber untergebracht.

C. Schauer geschrieben: 08.06.2014 15:32, in: Main-Echo online

Zur Brezel

Bild: Zur Brezel, Foto privat

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Leserbrief zu: „SPD stellt eigenen Antrag zum NPD-Verbot“, in: Der Heimatbote vom 12.1.2013, erschienen  im „Heimatboten“ vom 15.1.2013

Das Treiben der NPD ist nicht nur bundesweit, sondern auch in der Region kriminell. Deswegen ist ein neuerlicher NPD-Verbotsantrag zu begrüßen. Aktueller Hintergrund in der Region: Die Kriminalpolizei sucht den Verfasser eines von der NPD ins Internet gestellten Texts zum Aschaffenburger Pogrom- Gedenken vom 9. November. Dem Autor wird Beleidigung vorgeworfen. Nach der Veröffentlichung auf der Homepage des NPD-Kreisverbands Aschaffenburg/ Miltenberg hatten die Stadt und der Förderkreis Haus Wolfsthalplatz Anzeige erstattet. Es lohnt sich den NPD-Text zur Gedenkrede ausführlicher zu zitieren: „’Bald brennen die Öfen in Aschaffenburg’, könnte man den Grundtenor des unerträglichen Gefasels vor dem Gedenkstein nennen. Jemand ging hinter jemandem und es gibt Aufkleber. Das sind Beweise für das Auferstehen böser Mächte am Untermain, die nicht nur sprachlos, sondern auch betroffen machen – über soviel substantielles Vakuum, sprich Schwachsinn!“ Aus einem Internet-Text vom 9. November 2012 des „Ringes Nationaler Frauen“ stammt dieses Zitat – Titel „Zivilcourage am Untermain hat einen Namen: Sigrid Schüßler“. Es wird deutlich, dass die Vergangenheit des Nationalsozialismus insgesamt als positiv gesehen wird. Das geht auch aus anderen Äußerungen von Frau Schüßler hervor – auf die Frage eines Journalisten, warum sie so betont von der BRD spreche und nicht einfach nur von Deutschland, gab sie zur Antwort: „Die BRD ist der Staat, in dem ich lebe. Deutschland ist meine Heimat. Und ich würde lieber in Deutschland leben.“ Daraus folgt klar, dass eine Art neues Drittes Reich erstehen soll. Eine andere Frau aus dem Bundesvorstand des „Ringes Nationaler Frauen“ wird noch deutlicher: „Für den Erhalt unseres Volkes, unserer Sitten und Werte werde ich mich aktiv einsetzten! Ich möchte den jungen Menschen  andere Lebensweisen vorzeigen, welche nicht von diesem BRD System geprägt sind.” Da keine Kritik am Nationalsozialismus gewünscht ist, ist zu befürchten, dass bei einem Erstarken dieses Denkens in Zukunft die Vergangenheit von 1933 bis 1945 wiederkehrt. Zumindest Aktionen wie die der NSU sind die Folge dieser Feindschaft gegenüber allen Fremden.

Christian Schauer

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Bildung ist ein Menschenrecht”, erschienen in Main-Echo vom 31.10.2012 Leserbrief zu: „Studiengebühren: Weg frei für Plebiszit“, in: Main-Echo vom 23.10.2012

Ende Februar 2011 wurden die allgemeinen Studiengebühren in Nordrhein-Westfalen durch einen Beschluss des Landtags mit den Stimmen von SPD,m Grünen und Linken zum Wintersemester 2011/2012 abgeschafft. Der Bundes-Trend geht mit dieser Entscheidung weiter in eine Richtung. Es werden immer weniger Studiengebühren erhoben. In Hessen und im Saarland waren sie in den letzten Jahren wieder abgeschafft worden. Zum Sommersemester 2012 soll mit den Studiengebühren auch in Baden- Württemberg Schluss sein – das hat die grün-rote Koalition schon in ihrem Koalitionsvertrag geplant. In Hamburg soll das Studium ab dem Wintersemester 2012/13 wieder gebührenfrei sein. Allein Bayern und Niedersachsen halten nun noch an den Gebühren fest. Deswegen kann man nur begrüßen, dass der Bayerische Verfassungsgerichtshof das Volksbegehren zulassen wird und so die Mehrheit der Bürger den Freistaat Bayern zwingt, der bundesweiten Tendenz zu folgen. Wichtigstes Argument gegen Studiengebühren: Auch höhere Bildung muss als Menschenrecht allen gleichermaßen offen stehen. Menschen mit niedrigeren Einkommen haben jedoch einen schlechteren Zugang zu höherer Bildung. Die Erhebung von Studiengebühren verstärkt dieses Problem.

Christian Schauer

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Kritik an Asylheim geht an Realität vorbei!

Samstag, den 18. Februar 2012 um 18:43 Uhr dp   Prima Sonntag

ASCHAFFENBURG. Verwahrlost und menschenunwürdig! Mit diesen Schlagworten beschreiben Kritiker die Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in Aschaffenburg. In der Berichterstattung über das Haus geistern Begriffe wie Stacheldrahtzaun, Einlasskontrolle, Verweigerung der Essenspakete und Überbelegung. Dringend Zeit, die Dinge im Asylantenheim grundlegend zu ändern, möchte man meinen. Der Chef der CSU im Kreis A´burg Peter Winter wollte sich nicht länger aus zweiter Hand über die Zustände dort informieren, besuchte das Haus zweimal ausführlich. Sein Fazit fällt anders aus. Er hält Kritik an der Unterkunft für realitätsfern und nicht gerechtfertigt, weist Vorwürfe wie menschenunwürdige Verhältnisse und Verwahrlosung zurück!

Auszug eines Artikels von Peter Winter- Kommentar dazu
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#4Schauer, Christian2012-02-21 20:21

Man kann die Situation in einem Flüchtlingsheim in Bayern als menschenrechtswidrig einschätzen. Wer über Jahre in einer Gemeinschaftsunterkunft leben muss, der geht psychisch vor die Hunde. Statt den Flüchtlingen zu erlauben, für sich selbst zu sorgen, werden sie systematisch von der Arbeit entwöhnt. Als besonders belastend wird das Arbeitsverbot – Arbeitsverbot während der ersten 12 Monate, danach 3 Jahre lang nur nachrangiger Zugang zum Arbeitsmarkt und damit kaum Chancen, eine Arbeit zu finden – empfunden, das zum Nichtstun verdammt und die lange Asylverfahrensdauer. Knapp 7500 Flüchtlinge leben in Bayern in Gemeinschaftsunterkünften, davon rund 1150 in Unterfranken. Rund ein Drittel hat ein laufendes Asylverfahren, knapp die Hälfte eine „Ausreiseverpflichtung“. Vor allem diese Gruppe lebt dauerhaft hier. Im Schnitt leben die Flüchtlinge gut drei Jahre in den Unterkünften, gelegentlich lebt  eine Person mehr als 18 Jahre in einer solchen Einrichtung. Zur Situation des Asylbewerbers in Würzburg, der sich umgebracht hat: Wiederholt, das berichten unabhängig voneinander gleich mehrere Bewohner, habe er die Atmosphäre in der ehemaligen Kaserne beklagt: Es sei hier wie im Gefängnis. Die Umgebung erinnere ihn ständig an die Polizei, an das Gefängnis im Iran, an die Folter. Auch gegenüber Ärzten äußerte er das.
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+7#2Schauer, Christian2012-02-19 11:25

Man kann anerkennen, dass einiges investiert wurde, um die Infrastruktur der Gemeinschaftsunterkunft zu verbessern, das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass das System Gemeinschaftsunterkünfte insgesamt auf Zermürbung angelegt ist. So meinte der Würzburger Mediziner Stich erst vor kurzem zurecht: “Das System ist menschenverachtend. Die Menschen werden entmündigt. Alles wird vorgegeben, seien es Hygieneartikel oder Nahrungspakete. Die freie Entfaltung wird extrem beschnitten. Und das ist so gewollt. Deswegen geht meine Kritik in Richtung Staatsregierung nach München, wo an diesem System festgehalten wird. Und das, obwohl der Bayerische Flüchtlingsrat errechnet hat, dass jeder GU-Platz teurer ist als die Unterbringung in kleinen Gruppen. Aber man belässt die Menschen in Perspektivlosigkeit. Sie sitzen tagein tagaus in der GU, und es geschieht nichts. Wären da nicht die Ehrenamtlichen und  Wohlfahrtsverbände, wäre alles noch viel schlimmer.”

Christian Schauer
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Leserbrief zu „Rund 250 Teilnehmer dabei“, in: Der Heimatbote vom 31.1.2012, erschienen am 2.2.2012

Beim Rundgang der Demonstration wurde verschiedener Opfer des Nationalsozialismus gedacht,über die die Initiatoren informierten. „Feiglinge und Verräter hängen! Gestern starb ein Offiziersanwärter aus Elsaß – Lothringen bei der Vernichtung eines Feindpanzers den Heldentod. Er lebt weiter. Heute hängt ein Feigling im Offiziersrock, weil er Führer und Volk verriet. Er ist für immer tot !“ So lautet der Text eines Plakates, das der nationalsozialistische Kampfkommandant Emil Lamberth neben dem hingerichteten Friedel Heymann anbringen ließ. Friedel Heymann wurde trotz Verwundung vor ein „Standgericht“ gebracht. Wer die Verhaftung veranlasst hat, ist später ebenso wenig zu klären wie das spurlose Verschwinden der beweisträchtigen Lazarettpapiere, die die Verwundung dokumentieren. Die Hinrichtung fand vor dem damaligen Cafe´ Höfling in der Herstallstraße 5 am 28. März 1945 statt. Heymann hing sieben Tage dort bis zum Einmarsch der Amerikaner am 3.April 1945. Das Standgericht in Aschaffenburg befand sich im Keller des Stabsgebäude der Jägerkaserne in der Würzburger Straße 45. Heymann war nicht der einzige, den es am Ende des Krieges noch erwischte. Es verurteilte auch drei kampfmüde, so genannte fahnenflüchtige Soldaten zum Tode und befahl die Erschießung von Hauptmann Baur aufgrund des bloßen Verdachtes der Spionage. Besonders aktuell werden diese Tatsachen, wenn man die Drohungen des Neonazis Martin Wiese vom Sommer sich vor Augen führt. Bei einer Kundgebung in Unterfranken im August 2011 soll der 35-Jährige Journalisten bedroht haben – unter anderem mit den Worten: “Wir werden eines Tages kommen, euch aus euren Löchern holen, euch vor einen Volksgerichtshof stellen und euch wegen Deutschlands Hochverrat verurteilen zum Tode.” Beim sogenannten Nationalen Frankentag in Roden im Landkreis Main-Spessart soll Wiese zudem ein T-Shirt mit dem Aufdruck “Seine Idee – unser Weg” und der Signatur “Adolf Hitler” getragen haben. Der Geist der Hinrichtung von 1945 ist also nach wie vor aktuell, der Schoß ist fruchtbar noch.

Christian Schauer

Aschaffenburg Demo zum Holocaust-Gedenktag

Demo zum Holocaust-Gedenktag 2012

Fotos privat

Holocaust-Gedenktag 2012

© Main-Echo

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Im Kahlgrund wenig Infos für die Fahrgäste

Insgesamt 14 Fahrten auf der Kahlgrundstrecke zwischen Schöllkrippen und Hanau waren laut Notfahrplan der Hessischen Landesbahn (HLB) am Mittwoch vom Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) betroffen. Wie konnte man das als Fahrgast in Erfahrung bringen? Bei der HLB hieß es dazu am Donnerstag: »Leider haben wir noch keinerlei Informationen, wie lange der Streik noch anhält. Derzeit werden wir noch auf unbestimmte Zeit bestreikt.« Ist es nicht möglich, dass die GDL der HLB mitteilt, wann sie streikt und diese dann der Kahlgrund Verkehrsgesellschaft (KVG) für ihre Anzeigetafeln die Informationen weiterleitet, so dass man am Morgen als unbescholtener Fahrgast dort lesen kann: »Zug fällt aus«?

Christian Schauer, Main-Echo vom 3.9.2011

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Der Leserbrief erschien im Heimatboten vom 6. August 2011

Leserbrief zu „Marktgemeinde unterstützt ‘Stolpersteine’- Projekt“, in: Der Heimatbote vom 4. August 2011

Dass das Projekt der Stolpersteine in Schöllkrippen bei Gesprächen mit den Bürgern auf offene Ohren stieß, ist zu begrüssen. Nicht überall ist das der Fall – in Alzenau war die Ablehnung zu groß. Für die Informationsbroschüre kann man nur auf die Dokumentation „Stolpersteine in Wiesbaden 2005 bis 2008“ hinweisen, die vom „Aktiven Museum Judengasse“ herausgegeben wird. Darin wird auf 175 Seiten über viele Einzelschicksale von Wiesbadener Juden berichtet. Darin heißt es, dass die Stolpersteine nur die Namen und Lebensdaten der gewürdigten Menschen beinhalten, die Dokumentation jedoch ausführlich die Schicksale dieser Menschen schildere. Der Verleger der Stolpersteine, Gunter Demnig, meinte in einem Interview (bezogen auf Wiesbaden) zu  seinem Projekt: „Ich denke, die Millionen-Anzahl der Opfer werde ich sowieso nicht mit neinen Stolperstein- Verlegungen bewältigen können. Es wird immer ein symbolisches Projekt bleiben… Auch die Formulierungen , die auf den Steinen sind, möchte ich bestimmen. Wenn etwa gesagt wird „verschollen in Auschwitz“ kann ich nur sagen, Auschwitz war Mord, da ist keiner verschollen… Das Stolperstein-Projekt ist ja auch ein Kunstwerk, das ich entwickelt, erfunden habe … Und einen Moment später kommt jemand aus dem Haus mit einem Klassenfoto und zeigt auf den und sagt, das war mein Freund. Das sind Momente, wo ich zu mir sagen kann, jetzt weißt du, warum du das machst!“ Es ist insgesamt erfreulich, dass sich nach Aschaffenburg jetzt auch mit Schöllkríppen ein zweiter Ort im Raum Aschaffenburg dieser Initiative angeschlossen hat.

Christian Schauer

Der Heimatbote vom 4.8.2011 Marktgemeinde unterstützt „Stolpersteine“-Projekt

Schöllkrippen. Der Marktgemeinderat Schöllkrippen will dem Schöllkrippener Projekt „Stolpersteine“ – subsidiär – unter die Arme greifen. Was das genau bedeutet, erklärte Bürgermeister Reiner Pistner mit den Worten, dass der Markt hinter dem Vorhaben stehe und den finanziellen Teil, der vom Arbeitskreis „Jüdische Geschichte“, in der Mittelschule, Kirchen, Heimat- und Geschichtsverein sowie die Gemeinde vertreten sind, nicht geleistet werden könne. Auf etwa 2.500 Euro würden sich die Gesamtkosten für die Stolpersteinregelung , inklusive einer Informationsbroschüre und Nebenausgaben belaufen. Der Bürgermeister konnte nach Gesprächen mit Bürgern bestätigen, dass das Projekt durchweg mit offenen Ohren aufgenommen werde. Mit den Stolpersteinen biete sich eine hervorragende Möglichkeit, an die Schicksale ehemaliger jüdischer Mitbürger zu erinnern.

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Main -Echo 29.12.2010

Andere Städte zeigen: Es geht auch besser

Dass es auch anders geht, zeigt die Stadt Hofheim im Taunus. Am 3. November 2010 erklärte die Stadtverordnetenversammlung in einem gemeinsamen Antrag mehrerer Fraktionen (SPD, CDU, GOHL und BfH) bei 38 Ja-Stimmen, nur zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung ihre Bereitschaft, Flüchtlinge im Rahmen eines Resettlement- Programms aufzunehmen und bestmöglich zu integrieren. Die Stadt appellierte gleichzeitig an die Bundesregierung, ein dauerhaftes Aufnahmeprogramm für Flüchtlinge einzurichten. In Deutschland sind inzwischen alle 2500 Irak-Flüchtlinge aus Syrien und Jordanien angekommen, die die Vereinten Nationen im Rahmen des Resettlement-Programms nach Deutschland vermittelt haben. München hat 127 Flüchtlinge aufgenommen; ursprünglich sollten circa 200 von ihnen in dieser Stadt ein neues Leben beginnen. Am 21. April 2010 hat der Nürnberger Stadtrat den Beschluss gefällt: Die Stadt wird Flüchtlinge im Rahmen des UNHCR-Resettlement- Programms aufnehmen. Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly hofft, dass dies ein Signal für andere Kommunen in der Region ist, der Bewegung »Save-me« beizutreten. Seit dem 1. Februar 2010 zählt auch Magdeburg zu den Städten, die sich für eine Aufnahme weiterer Flüchtlinge ausgesprochen haben. Fast einstimmig ist der Antrag beschlossen worden, die einzige Gegenstimme kam von der NPD.

Christian Schauer

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Leserbrief zu „Anstieg der Asylbewerberzahlen in Deutschland“, in: Der Heimatbote vom 16. Oktober 2010

In dem Artikel heißt es, die Gemeinschaftsunterkünfte seien dadurch stark ausgelastet. Es bestehe ein akuter Bedarf an Unterbringungs- und Erstaufnahmeplätzen. Sieht man sich die Zustände in der Aschaffenburger Gemeinschaftsunterkunft an, so kann man einerseits feststellen, daß Sanierungen der sanitären Einrichtungen in Angriff genommen wurden. Gegenwärtig sieht die Lage so aus: Zu gut 90 Prozent ist die Aschaffenburger Gemeinschaftsunterkunft derzeit ausgelastet. 320 Menschen leben Mitte Oktober im Asylbewerberheim, darunter 71 Kinder. Sie verteilen sich auf ein Männerhaus, zwei Familienhäuser und ein Haus für Frauen und Kinder. Die meisten kommen aus dem Irak, Iran, Äthiopien und Afghanistan. Handlungsbedarf gibt es bei Waschmaschinen, bei denen eine für acht Familien reichen muss. Da der Ablauf defekt ist, fließt das Abwasser auf den Boden. Die vielen Menschen auf engem Raum klagen über nervliche Belastungen, alle wollen raus. Das Ziel, die Gemeinschaftsunterkünfte aufzulösen, teilt auch die Regierung von Unterfranken. Insider bestreiten, daß es überhaupt keine kleinen Wohnungen gibt. Bis zum Auszug sollten eingezogene Wände für etwas Privatsphäre sorgen, damit etwas mehr Ruhe herrscht. Man kann nur an Vermieter appellieren, für diese Menschen privaten Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Christian Schauer  Der Leserbrief erschien im „Heimatboten” vom 21. 10.2010

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Main-Echo vom 12.08.2009

Stolpersteine wären besser für Hörstein Leserbrief

Immer noch will man bei der Bewältigung der NS-Geschichte mit Gedenksteinen arbeiten, obwohl es die schon in genügen der Zahl gibt. Warum schließt man sich nicht Aschaffenburg oder Seligenstadt an, wo “Stolpersteine” verlegt wurden? Hier handelt es sich um eine Form des Gedenkens, die sich weitgehend eingebürgert hat. Die pflastersteingroßen Stolpersteine werden glatt in Bürgersteige vor Häusern eingelassen, in denen ermordete Juden oder Regimegegner gewohnt haben. Die Oberflächeführt den Namen, Geburtsjahr, Deportations- und Todesort – soweit zu ermitteln – mit Jahresangabe auf.Gunter Demnig hat seine Denkzeichen bereits in vielen großen und kleineren Orten in Deutschland und in Europa verlegt.Zu unserer Nachbarstadt Seligenstadt lässt sich Folgendes sagen: Rund 150 Menschen jüdischer Abstammung lebten in dieser Stadt, als 1933 die nationalsozialistische Herrschaft begann. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges waren sie alle verschwunden – ausgewandert, deportiert oder häufig unter grausamen Umständen umgebracht. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss vor rund zwei Jahren, diesen Opfern an den Orten ihrer einstigen Existenz bleibende Erinnerungsstücke zu geben. Ein erstes Kontingent von 22 Stolpersteinen wurde im März 2007 in die Gehwege der Altstadt eingelassen. Ich denke, es ist eine sinnvolle Art des Gedenkens. Also Mut zu neuen Lösungen!

Christian Schauer
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Main-Echo vom 12.09.2008

Soll es nur kirchliches Theater geben?

Ich verstehe den Satz “Wir fördern den Unterhalt von Theatern und so auch einer Kultur mit, die uns zum Teil zuwider ist” nicht. Wer ist “uns”? Soll das Theater abgeschafft werden? Soll es nur kirchliches Theater geben? Gegen welchen Kulturbegriff geht es? Was meint Ortspfarrer Clemens Bieber damit? Ein deutscher Dichter namens Friedrich Schiller hat dem Theater einmal eine ganz hohe Aufgabe zugewiesen. Im Text über das Theater als moralische Anstalt ist der Erziehungsgedanke durchaus wichtig; aber er ist nicht ästhetisch, sondern praktisch verstanden. Unter “moralisch” versteht Schiller das gesamte praktische Leben mit seinen Entscheidungen und Werten. Moralisch bedeutet also: Erkenntnisse im Menschen fördernd, die ihn richtig handeln lassen. Und ihn lehren, seine Freiheit richtig zu gebrauchen, im praktischen Sinne – dahinter steht Kant. Ein Philosoph, der gelegentlich von deutschen Politikern zitiert wird. Es mag sein, dass dieses Ideal überhöht ist. Andere Sinnstiftungen für das Theater in der Gegenwart sind weniger hoch schweifend. Abschreckend wirkt der Populismus in der oben genannten Aussage auf jeden Fall.

Christian Schauer

Veröffentlicht 12. August 2011 von schauerchristian in Leserbriefe regional

Vertreibung der Deutschen; Roma in Frankreich – Linker Antisemitismus – Fall Emmely – Obamas Indianerpolitik – Seligsprechung von Kardinal Galen – Herero-Aufstand – Schwarzgeld bringt’s


Vertreibung der Deutschen – Historisches und Aktuelles – Die Politik der Vertriebenenverbände

Ohne eine Mindestmaß an historischer Analyse ist eine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Vertreibungsgeschehen des Zweiten Weltkrieges nicht möglich.

Der von den Nationalsozialisten vom Zaum gebrochene Zweite Weltkrieg brachte für die einheimische Bevölkerung im Osten nicht nur unverschuldetes Leid, das von der Einschränkung persönlicher Freiheit bis zur Ermordung von Millionen Menschen reichte, sondern auch eine Politik der Germanisierung, das ist eine Umschreibung für die Vertreibung der slawischen Völker aus ihrer Heimat Osteuropa, die Ansiedlung von Deutschen an ihrer Stelle und die Eindeutschung von Angehörigen anderer Völker. Den slawischen Völkern war die Rolle zugedacht als „Arbeitsvolk“ für das deutsche „Herrenvolk“ zu arbeiten. Bei der Eroberung Osteuropas wurden nationalsozialistische Zielsetzungen mit rabiaten Methoden propagiert und auch angewandt. Die Eroberung der Sowjetunion sollte mit einer Bevölkerungsreduzierung einhergehen, wobei eine Zahl von 30 Millionen verhungernden Sowjetmenschen hingenommen wurde.

Symptomatisch für die Haltung gegenüber den osteuropäischen Völkern ist eine Aussage eines Vertreters des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete:“ Es sei zu erwägen, ob nicht durch die Industrialisierung des baltischen Raumes zweckmäßigerweise die rassisch unerwünschten Teile der Bevölkerung verschrottet werden könnten.“ Weitere Monströsitäten des Generalplanes Ost entwickelte Himmler noch zu einer Idee einer flächendeckenden Germanisierung des Ostens. Die Visionen waren verbunden mit dem Wunsch der Massenvertreibung und der Vernichtung anderer Völker.

Der vom Deutschen Reich als „totaler Krieg“ geführte zweite Weltkrieg konnte nur mit einem totalen Sieg oder einer totalen Niederlage enden. Die Vertreibung der Deutschen wurde in den Konferenzen von Teheran (1943) und Jalta (1945)gutgeheißen und im Potsdamer Abkommen 1945 besiegelt. Der englische Premierminister Churchill meinte dazu im Dezember 1944: „Denn die Vertreibung ist, soweit wir in der Lage sind, es zu überschauen, das befriedigendste und dauerhafteste Mittel. Es wird keine Mischung der Bevölkerung geben…“
Besonders hervor tat sich schon 1941 der tschechoslowakische Staatspräsident Benesch, indem er die restlose Vertreibung der 3,5 Millionen Sudetendeutschen forderte. Insgesamt befanden sich 1946 in den Besatzungszonen über 9,5 Millionen heimatvertriebene Deutsche. Bis 1950 kamen noch einmal über 2 Millionen dazu. Die Vertreibung vollzog sich nicht in den geordneten Bahnen, wie sie im Potsdamer Abkommen vorgesehen waren, sondern wurde mit Massakern und Terror durchgesetzt. So wurden allein 240.000 Sudetendeutsche getötet. Zwei Millionen Menschen starben insgesamt auf der Flucht. Hinrichtungen, Todesmärsche und Vergewaltigungen rücken das Bild einer Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Gesinnung in das Bewußtstein.

Im August 1950 unterzeichneten führende Vertreter der deutschen Heimatvertriebenen in Stuttgart die „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ Darin heißt es:

1. Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung.
Dieser Entschluß ist uns ernst und heilig im Gedenken an das unendliche Leid, welches insbesondere das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat.

2. Wir werden jedes Beginnen mit allen Kräften unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können.

3. Wir werden durch harte, unermüdliche Arbeit teilnehmen am Wiederaufbau Deutschlands und Europas.

Zu einem „Grundrecht auf Heimat“ heißt es: „Wir fühlen uns berufen zu verlangen, daß das Recht auf die Heimat als eines der von Gott geschenkten Grundrechte der Menschheit anerkannt und verwirklicht wird.“

Die Vertriebenenverbände gliederten sich organisatorisch in der Bundesrepublik in zwei Dachverbände
– den Bund der Vertriebenen- Vereinigte Landsmannschaften und Landesverbände (BdV) und
– den Bund der Mitteldeutschen (BMD)

Im BdV sind 19 Landsmannschaften mit etwa 2 Mio. Mitgliedern (Mitte der 80er Jahre 2,25 Mio. Mitgliedern) zusammengefaßt, der BMD hatte um 1990 60.000 Mitglieder (220.000 Mitglieder in den 80er Jahren). Laut BdV hat hat er sich aufgelöst.
Der BdV trat Mitte der 80er Jahre nach eigenen Angaben ein „für die Verwirklichung der Menschenrechte, des Rechts auf Heimat, für die Durchsetzung eines internationalen Vertreibungsverbots sowie für die Entwicklung wirksamer Volksgruppenrechte, für die Wahrung der nationalen und staatlichen Einheit Deutschlands,für die Wiedervereinigung aller Teile Deutschlands in Freiheit und Frieden und für eine friedliche Ordnung der Staaten in einem freien und geeinten Europa“ (Deutscher Ostdienst, Bonn 9/ 1983)
Der Masseneinfluß der Vertriebenen war durch Vererbung gesichert. Nach 1945 in der Bundesrepublik geborene Kinder von Vertriebenen galten ebenfalls als Vertriebene, was dazu führte, daß sich die Vertriebenenzahl trotz mangelnder Vertreibung im Laufe der Jahrzehnte erhöht hat. Zum 1.1.1993 ist die Vertriebeneneigenschaft von Kindern aufgehoben worden. Beachtlichen publizistischen Einfluß üben die Vertriebenenverbände durch Presseorgane wie die „Sudetendeutsche Zeitung“, den „Schlesier“ oder das „Ostpreußenblatt“ aus.

Im „Gesetz über die Angelegenheiten der Vertriebenen und Flüchtlinge“ (Bundesvertriebenengesetz) wird den Vertriebenen eine Sonderstellung in der Bevölkerung zugesichert. Vor allem die CDU-geführten Regierungen pflegten ein freundschaftliches Verhältnis zu den Vertriebenen. Überdurchschnittlich viele der Vertriebenenfunktionäre gehörten der CDU an, ein Bindeglied bildet auch die „Ost- und Mitteldeutsche Vereinigung der CDU/CSU- Union der Vertriebenen“.

Trotz des offiziellen Programmpunktes, der einen Verzicht auf Rache und Vergeltung festschreibt, sind in den Reihen der Vertriebenen immer wieder Äußerungen zu finden, die dieser Absicht entgegenstehen. Um die Jahreswende 1984/1985 tauchte zum „Deutschlandtag“ der Schlesischen Landsmannschaft die Losung „Schlesien bleibt unser“ auf. Aus dieser Formulierung konnte ein Bestreben nach Grenzrevisionen herausgelesen werden, das Ängste im Osten hervorrief. Schon in den 50er Jahren war aufgefallen, daß ein tiefbrauner Vertriebenenminister Oberländer (NSDAP-Mitglied seit 1933) das demokratische Bild der Vertriebenen trübte. Der nationalkonservative Scharfmacher Seebohm bildete als Verkehrsminister einen weiteren Höhepunkt der fraglichen Aussöhnungsbereitschaft mit dem Osten. Er bekannte zum Beispiel 1950 in Kassel, er neige sich „vor jedem Symbol, unter dem deutsche Soldaten ihr Leben gelassen haben.“ Scharf bekämpften die Vertriebenenverbände auch die Ostpolitik der sozialliberalen Regierungen seit 1969. Mit den bestehenden Ostgrenzen wollten sie sich erst recht nicht nach der konservativen Wende von 1982 abfinden. Im Organ „Der Schlesier“ hieß es dazu am 25.5.1984: „Die illegale Fremdbesiedelung Ostdeutschlands stellt absolut kein Faktum dar, an dem nicht mehr gerüttelt werden dürfe. Eine Repatriierung der dort nach 1945 angesiedelten Menschen wäre beileibe keine „zweite Vertreibung“. Es ist nicht unbillig, vom Unrechtsverursacher zu verlangen, die ihm durch die Wiederherstellung des Rechtszustandes entstehenden Härten in Kauf zu nehmen.“ Eine neue Vertreibung der Polen wurde allerdings von den führenden Vertretern der Vertriebenenverbände abgelehnt.

Nicht abfinden konnte sich der Bund der Vertriebenen 1990 mit der Unterzeichnung eines Grenzvertrages, in dem Deutschland die Oder-Neiße-Grenze gegenüber Polen anerkennt. Die Organisation warnte vor einer „totalen Preisgabe deutscher Gebiete und Rechte“ in Polen. Mitte dieses Jahres ließ sich der Bund der Vertriebenen sogar dazu hinreißen, die Beteiligung der Deutschen jenseits von Oder und Neiße an den gesamtdeutschen Wahlen zu fordern. Würden die Deutschen aus diesen Gebieten von den gesamtdeutschen Wahlen ausgeschlossen, „wäre dieses Gesetz illegal und die Wahl ungültig“. In dieser Zeit ermutigte der Vertriebenenverband auch deutschstämmige Polen, deutsche Pässe zu beantragen. „Die Tätigkeit des Bundes der Vertriebenen zielt darauf ab, völkerrechtlich verbindliche Vereinbarungen zur polnischen Westgrenze zu unterlaufen“, meinte der Grünen-Politiker Hubert Kleinert dazu.

Gegenwärtig fordern der Bund der Vertriebenen ebenso wie die CDU ein Zentrum für Vertreibung. Erika Steinbach, Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, meinte dazu anläßlich des Jubiläums der Charta der Heimatvertriebenen, der Verband wolle Menschenrechtsverletzungen in der gesamten Vertreibungspolitik in das gesellschaftliche Bewußtstein bringen.

Ende 1999 brachte die CDU/CSU Bundestagsfraktion den Antrag „Errichtung eines Mahnmals gegen Flucht und Vertreibung“ in den Deutschen Bundestag ein. Mit dem Antrag sollte die Bundesregierung aufgefordert werden, das im Jahre 1955 am Theodor-Heuss-Platz in Berlin errichtete Denkmal für die Opfer von Flucht und Vertreibung als zentrales Mahnmal gegen Flucht und Vertreibung in die Gedenkenstättenkonzeption des Bundes aufzunehmen.

Auf wenig Gegenliebe stößt das vom Bund der Vertriebenen geforderte „Zentrum gegen Vertreibungen“ bei der jetzigen Bundesregierung. Bundeskanzler Gerhard Schröder meinte während seines Auftrittes beim „Tag der Heimat“ Anfang September 2000, es gebe schon jetzt viele und gut ausgestattete Einrichtungen für die Erinnerung an die Geschichte. „Deshalb steht die Bundesregierung Plänen für eine zusätzliche zentrale Gedenkstätte zurückhaltend gegenüber.“ Auch widersprach Schröder Vorstellungen von Vertriebenenfunktionären, die Ost-Erweiterung der Europäischen Union davon abhängig zu machen, daß in Tschechien die Benesch-Dekrete aufgehoben würden.

Einen Konfliktpunkt der Vertriebenenpolitik nach der Bildung einer rotgrünen Regierung 1998 bildete auch die Neubewertung der Vertriebenenkultur durch den Staatsminister für Kultur im Bundeskanzleramt, Michael Neumann, der mittlerweile zurückgetreten ist. Dieser wollte 1999 die Zuwendungen des Bundes für die Pflege der deutschen Kultur in Osteuropa von dreiundvierzig auf fünfunddreißig Millionen Mark 2003 senken. Die „Stiftung Ostdeutscher Kulturrat“ und die „Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen“ sollten ganz aus der Bundesförderung ausgeschlossen werden. Die Unterstützung von Projekten der „Stiftung Deutschlandhaus“ in Berlin wurde Ende 1999 eingestellt. Die Vertriebenenverbände sahen diese Pläne als „Kulturpolitik mit dem Schlachtermesser“.

Christian Schauer

Flüchtlinge

Vertreibung von Deutschen aus den Ostgebieten 1945

 

Literatur:

Benz, Wolfgang: Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen, Frankfurt am Main 1988

Rabe, Karl-Klaus: Von Oggersheim bis Oberschlesien. Union und Vertriebenenverbände im politischen Gleichklang- Eine Dokumentation, Bornheim-Merten 1985

Aly, Götz, Heim, Susanne: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Frankfurt am Main 1993

Böddeker, Günter: Die Flüchtlinge. Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, München-Berlin 1980

50 Jahre Charta der Heimatvertriebenen, Reden von Erika Steinbach am 4.August 2000 und vom 2.September 2000 Deutscher Bundestag -hib (heute im Bundestag) vom 7.Dezember 1999, Vertreibungsmahnmal in Gedenkstättenkonzeption aufnehmen (Antrag der CDU/CSU Fraktion)

Munzinger-Archiv über Hans-Christoph Seebohm 49/67 und Theodor Oberländer 31/98

 

Zeitungsberichte:


FAZ vom 28.7.1999: Weniger fördern, statt dessen mehr fordern
FAZ vom 23.10.1999
FAZ vom 4.9.2000: Schröder würdigt die Arbeit der Vertriebenenverbände

Stuttgarter Zeitung vom 4.9.2000: Vorsichtige Annäherung bei klaren Fronten
Die Welt vom 4.9.2000: Landsmann Schröder
FAZ vom 11.12.2000 Umwälzende Neuordnungen- Eine Biographie des Vertriebenenministers Theodor Oberländer

TAZ vom 18.6.1990: „Preisgabe Ostdeutschlands“
TAZ von 23.6.1990: „Nur zur Beruhigung der Welt“
TAZ vom 2.7.1990: Schlesier in Polen- neue Wege oder alte Fronten
TAZ vom 19.7.1990: 2+4-Garantie für Polens Westgrenze
TAZ vom 25.7.1990: Alle sollen wählen
TAZ vom 29.8.1990: Vertriebene schäumen über Oskar Lafontaine
TAZ vom 13.9.1990: Deutschlandvertrag im Windschatten des Golfkonfliktes
TAZ vom 12.10.1990: Gegen Finanzierung der Vertriebenenverbände
Kölner Stadtanzeiger vom 21.3.1991: Durchhalte-Parolen, weil Bonn nicht zahlt?

Bundesvertriebenengesetz (BVFG)- Text im Bundesgesetzblatt 1993 Teil I Seite 830

 

(Quelle: „Asyl am Untermain“, Informationsdienst, Nr. 25, März – August 2001, Seite 10 – 11)

Geschrieben im Jahr 2001

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Leserbrief zum Spruch des Tages „Wir würden weit mehr gewinnen, wenn wir uns zeigten, wie wir sind, als bei dem Versuche, das zu scheinen, was wir nicht sind- Larochefoucauld“ und „Roma sollen raus“, in: Der Heimatbote vom 19.8.2010

Zwischen 10.000 und 15.000 Roma aus Rumänien und Bulgarien leben seit etwa zehn Jahren in Frankreich – die meisten im Großraum Paris. Hier sind ihre Einnahmemöglichkeiten aus Betteln und aus Straßenmusik am besten. Oft leben sie in slumähnlichen Verhältnissen. Häufig gehen Nachbargemeinden rechtlich gegen sie vor.

Zwar gilt seit dem 1. Januar 2007 für Staatsangehörige der neuen EU-Mitglieder Rumänien und Bulgarien die Freizügigkeit. Doch Frankreich hat eine “Übergangsfrist” bis 2013 eingeführt. Auf dieser Grundlage hat das Land 2008 mehr als 8.000 Rumänen und Bulgaren abgeschoben. Nach der Abschiebung können sie jedoch problemlos wieder nach Frankreich einreisen. Nicolas Sarkozy hat die osteuropäischen Roma ins Visier genommen. Vor kurzem hatte der französische Präsident seinen Innenminister Maßnahmen ankündigen lassen, mit denen den Roma das Leben in Frankreich schwer bis unmöglich gemacht werden soll. So soll die Hälfte der 300 wilden Camps in Frankreich binnen drei Monaten aufgelöst werden. Zehn Finanzinspektoren sollen die Rechnungsbücher des fahrenden Volkes prüfen. Weiterhin wurde beschlossen, dass bei kriminellen Handlungen auf frischer Tat ertappte Roma sofort nach Rumänien, Bulgarien oder Ex-Jugoslawien ausgewiesen werden. Zudem sollen rumänische Polizisten in Frankreich an der Jagd auf kriminelle Roma beteiligt werden. Innenminister Hortefeux will das Gesetz Ende September der Nationalversammlung präsentieren. Die Initiative erfolgt wenige Tage nach Unruhen in einem Dorf im Loiretal. Roma hatten ihrer Wut über den Tod eines der ihren mit Brandschatzungen und Verwüstungen Luft gemacht. Der Mann war an einer Polizeisperre erschossen worden, als er sich gewaltsam einer Kontrolle entziehen wollte. Die Kampagne gegen die in Frankreich ansässigen Sinti und die ausländischen Roma hatte der französische Präsident eröffnet, als er ihnen pauschal Kinderhandel und Prostitution vorwarf. Zwei Tage später schränkte er ein: Man müsse zwischen einer Minderheit krimineller Roma und der großen Mehrheit dieser Volksgruppe unterscheiden- so seine Meinung.

Die bekannte Schauspielerin Fanny Ardant sagte dazu, in Zeiten von Wirtschaftskrisen suche man Sündenböcke – und als solche dienten Ausländer oder Roma. Auch der Verband Romeurope unterstellt Sarkozy die “Ethnisierung und Stigmatisierung” eines sozialen Problems. Statt aber auf billigen Populismus zu setzen, solle er sich dieser Problematik annehmen. Das Hilfswerk France-Terre d’asile kritisiert, Sarkozy schieße sich auf eine kleine Minderheit von 15 000 Roma ein. Schon jetzt weise die Polizei jedes Jahr Tausende von Roma aus, viele kehrten jedoch sofort nach Frankreich zurück. Es ist bedauerlich, daß eine derartig großangelegte Kampagne gegen ein derartig kleines Volk gestartet wird. Wahrscheinlich geht es für das Sarkozy-Lager tatsächlich darum, mit Hilfe der rechtsradikalen Wählerstimmen wieder den nächsten Präsidenten zu stellen.

Christian Schauer

Der Leserbrief erschien im „Heimatboten“ am 21.8.2010

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Auszug Main-Echo vom 17.7.2010

Raus aus der »Dauermeckerecke« Gesellschaft: Zentralrat der Juden in Deutschland vor 60 Jahren in Frankfurt gegründet – Erinnerung an Holocaust bleibt auch künftig zentrale Aufgabe 1990 begann die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion – die das Judentum in Deutschland nachhaltig verändert hat. Die Zahl der Juden in Deutschland stieg von rund 25 000 auf heute 110 000 an. Die Integration der Einwanderer, die in ihrer Heimat meistens wenig Berührung mit dem Judentum gehabt hatten, wurde zur vordringlichen Aufgabe des Zentralrats. Seit 2008 erhält der Verband, unter anderem für die Integration, jährlich fünf Millionen Euro von der Bundesregierung.
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Leserbrief schauer

Linker Antisemitismus

Eigentlich ist es erstaunlich, daß überhaupt noch Juden hier bleiben wollten (in Deutschland), nachdem der Widerstand gegen den Antisemitismus nicht sehr groß war während des Zweiten Weltkrieges. Warum waren 1938/39 nach der Proklamation des Großdeutschen Reiches 90 Prozent der Deutschen nicht für die NSDAP, aber für Adolf Hitler? Fragen, die den wenigen dagebliebenen Juden sicherlich ein Unbehagen einflößten. Der Anstieg der Zahl der Juden auf 100.000 belegt allerdings, daß die Bundesrepublik mittlerweilen als sicherer Ort gilt als die ehemaligen Staaten des Ostens (aus denen viele Juden zuwanderten), die früher- in kommunistischer Zeit- schon bedenkliche antisemitische Auswüchse zuließen. Der Auftakt für die antijüdische „Säuberungen“ in der Sowjetunion nach dem 2. Weltkrieg bildete die Ermordung des großen jüdischen Schauspielers Shlomo Michoels durch Stalins Geheimpolizei im Januar 1948. Michoels war Vorsitzender des Jüdischen  Antifaschistischen Komitees. Kurz darauf wurde  das JAFK verboten. Am 12.8.1952 wurde auf Befehl Stalins die Elite der jiddischen sowjetischen Schriftsteller, darunter die weltberühmten Dichter Perez Markisch, ltzik Fejfer und David Bergelson, hingerichtet. Den Höhepunkt des antisemitischen Tendenzen in der Sowjetunion bildete das sogenannte “Ärztekomplott” von Anfang 1953. Die angeklagten Ärzte, unter ihnen auch Stalins Leibärzte, waren fast alle Juden und wurden bezichtigt, Mordpläne gegen Stalin geschmiedet zu haben und mit zionistischen Spionen im Bunde zu sein. Der Tod Stalins am 5.3.1953 verhinderte ein landesweites Pogrom und wahrscheinlich die geplante Massendeportation der russischen Juden nach Sibirien. Sicherlich wäre es schon damals gut gewesen, wenn die Bundesrepublik einige dieser bemitleidenswerten Menschen hätte aufnehmen können.

Christian Schauer

geschrieben: 22.07.2010 20:08

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Main-Echo 17.06.2010 (Auszug) »Emmely« kehrt wieder zu Kaiser’s zurück Kündigungsskandal: Aber nicht in die alte Filiale Berlin  – Die wegen des Einlösens von zwei Pfandbons entlassene und als »Emmely« bundesweit bekanntgewordene Berliner Kassiererin Barbara E. arbeitet ab Montag wieder bei ihrem früheren Arbeitgeber ,der Supermarktkette Kaiser’s.
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Leserbrief schauer

Emmely kehrt wieder zu Kaiser’s zurück

Es ist sehr zu begrüßen, daß es im Fall Emmely durch das Bundesarbeitsgericht zu einer Wende gekommen ist. Derartig niedrig schwellige Verfehlungen wie die Einlösung von liegen gebliebenen Pfandmarken im Wert von 1,30 Euro dürfen nie und nimmer Anlass einer Kündigung sein.Die Wende in den Kündigungsprozessen deutete sich bereits im vorigen Jahr an. Damals betonte das BAG in einer Kündigungs- Entscheidung, dass es auch bei Eigentumsdelikten Fälle geben kann, in denen der Arbeitgeber nicht einfach kündigen darf, sondern zuvor eine Abmahnung aussprechen muss. Das Grundprinzip muss lauten:Verletzt ein Arbeitnehmer seine Pflichten, muss er in der Regel zuerst abgemahnt werden. Die fristlose Kündigung muß die Ausnahme sein.Eine Gesetzesänderung, wie sie SPD und Linke vorschlagen − bei Delikten mit geringem wirtschaftlichen Schaden sollte beim ersten Mal in der Regel nur eine Abmahnung ausgesprochen werden − ist deshalb zu befürworten.

Christian Schauer, geschrieben: 18.06.2010 17:19

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Main-Echo vom 24.12.2009

Obamas Vorgänger begingen historisches Unrecht

Die Entscheidung einer Entschädigung für die Indianer gehört zu den positiven Dingen, die die Präsidentschaft Obamas bisher gebracht hat. Die Indianerkriege erreichten ihren Höhepunkt zwischen 1860 und 1890. 1890 nach der Niederlage der Indianer am »Wounded Knee« war der Widerstand der Indianer gebrochen. Besaßen die Indianer zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch rund 300 000 Quadratkilometer Land, waren es 50 Jahre später noch 100 000 Quadratkilometer. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts waren mehr als die Hälfte der Indianer ohne Arbeit, 90 Prozent ihrer Wohnungen blieben unter dem Standard der übrigen Bevölkerung. Die Krankheit Tuberkulose grassierte bei Indianern acht mal häufiger als bei Weißen, die Kindersterblichkeit war doppelt so hoch, die Lebenserwartung deutlich geringer.

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts begann in der »era of good feelings« 1819 die Auslöschung der Semiolen in Florida; nicht viel besser erging es den Creek, den Choctow, den Mohikanern und den Delawaren. Die Zahl der Pawnees sank zwischen 1838 und 1951 von 10 000 auf 650. Nehmen wir zwei Repräsentativfälle aus den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts. Im November 1864 überfällt in Colorado Oberst Chivington im Morgendämmer mit circa 1000 Mann rund 150 Hütten der Cheyennen und tötet mehr als 450 Menschen. Perfid erpresste man von den Sioux Millionen Acres Land für fast nichts. 1862 kommt es deswegen zu einem großen Aufstand der Sioux, dem fast tausend Weiße zum Opfer fallen. Sioux, die im Anschluss daran nicht fliehen, werden in ein Konzentrationslager gebracht, aufgehängt oder erschossen.1866 schrieb ein General: »Wir müssen mit äußerster Strenge gegen die Sioux vorgehen, bis zu ihrer Ausrottung – Männer, Frauen und Kinder.« Deswegen ist das Eingeständnis der amerikanischen Regierung, dass Vorgänger-regierungen historisches Unrecht begangen haben, ein Stück sinnvolle Vergangenheitsbewältigung. Christian Schauer


Leserbrief zur Seligsprechung von Kardinal Clemens August von Galen

Vorbemerkung: Im Main-Echo Artikel vom 10.10.2005 zur Seligsprechung von Kardinal Clemens August von Galen hieß es zum Wirken Galens in der NS-Zeit unter anderem: „Der von Zeitzeugen als hünenhaft und unerschrocken beschriebene Geistliche (1878 – 1946) hatte unter anderem maßgeblich zur Veröffentlichung der regimekritischen päpstlichen Enzyklika „Mit brennender Sorge“ beigetragen und später in drei legendären Predigten mit dem so genannten Euthanasie-Programm der Nazis abgerechnet. Vor zehntausenden Menschen sprach er offen über die Grausamkeit, mit der geistig behinderte Menschen als „lebensunwert“ bezeichnet und ermordet wurden.“

Leserbrief zu: „Löwe von Münster“ in Rom selig gesprochen, in: Main-Echo vom 10.10.2005;erschienen am 27.10.2005 unter dem Titel „Keine offene Kritik an Judenvernichtung“:

Galens heroisches Bild als der „Löwe von Münster“ ist einseitig, blendet es doch Teile seiner geistigen Haltung aus.

Thomas Mann meinte in der Ruhr-Zeitung vom 12. Mai 1945 zu Galen: „Meine Leser in Deutschland! Ihr konntet Euch von dieser Herrschaft aus eigener Kraft nicht befreien, das war wohl nicht möglich. Die Befreier mussten von außen kommen… Betrachtet sie nun zum wenigsten nicht, wie der Bischof Galen, dieser unbelehrbare Geistliche, es Euch vormacht, als Eure ‚Feinde’…“

Galen war keineswegs der Widerständler gegen die Naziherrschaft bzw. die Judenverfolgung. Er hat die Tötung von Geisteskranken in einem Hirtenbrief kritisiert. Diese mutige Tat muss als Verdienst angesehen werden, weil sie menschlich und lebensgefährlich zugleich war. Reicht diese Haltung für eine Seligsprechung aus, wenn man weiß, dass andere Taten Hitlers gebilligt wurden?

Der nationalsozialistischen Machtergreifung stand er positiv gegenüber. In seinem ersten Hirtenbrief schrieb er: „Wir wollen Gott dem Herrn für seine liebevolle Fügung dankbar sein, welche die höchsten Führer unseres Vaterlandes erleuchtet und gestärkt hat, dass sie die furchtbare Gefahr, welche unserem geliebten Volke durch die offene Propaganda für Gottlosigkeit und Unsittlichkeit drohte, erkannt haben und sie auch mit starker Hand auszurotten suchen.“

Ein Widerstand oder offene Kritik an der Judenvernichtung fand nicht statt. Dies wird von der amtlichen katholischen Kirche damit erklärt, dass diese von den Juden selbst gebeten worden seien, nichts zu unternehmen, um Schlimmeres zu verhindern.

Herauszuheben ist, dass der Bischof Galen den Krieg sowohl gegen die Sowjetunion als auch gegen England gutgeheißen hat. Anlässlich des Krieges gegen die Sowjetunion erklärte sich Galen erleichtert, dass der Führer den „Russenpakt“ (deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt) für erloschen erklärt habe. Zum Krieg gegen England schreibt Galen in einem Kirchenblatt: „Gott hat es zugelassen, dass das Vergeltungsschwert gegen England in unsere Hände gelegt wurde. Wir sind Vollzieher seines gerechten Willens.“

Auch zum Sieg Francos im spanischen Bürgerkrieg zeigt der Bischof seine wahre Gesinnung: „Der gottlose Bolschewismus ist mit Gottes und Hitlers Hilfe besiegt worden.“

Christian Schauer

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Leserbrief zu „100 Jahre Herero-Aufstand“ – Gedenken am 12.1.2004; der Leserbrief erschien in der Zeitung „Der Heimatbote“ am 20.1.2004:

Die schrecklichen Ereignisse des Hereroaufstandes wurden von etwas weitblickenderen Persönlichkeiten schon damals als dem deutschen Image nicht förderlich eingestuft. So meinte der letzte deutsche Gouverneur von Ostafrika, Heinrich Schnee, missbilligend zur Ausrottungspolitik General von Trothas in seinen Memoiren: „Trotha führte den Krieg rein militärisch in rücksichtslosester Weise durch, das Ergebnis war äußerst übel; viele Menschen wurden unsinnigerweise unter bedauernswerten Umständen vernichtet. Das Vorgehen war ebenso geeignet, das Ansehen Deutschlands als einer Kulturnation in der Welt herabzusetzen, wie es die wirtschaftliche Entwicklung der ohnehin sehr dünn mit Eingeborenen bevölkerten Kolonie schädigen mußte.“ Grundsätzliche Kritik an einem Kolonialkrieg ist in diesen Worten allerdings nicht zu erkennen.

Eine entschiedenere Kritik an der Kriegspolitik von Trothas übten die Sozialdemokraten im Reichstag. Durch Feldpostbriefe von der unmenschlichen Härte der deutschen Kriegsführung unterrichtet, protestierten sie gegen die Barbarei. Doch auch August Bebel war in seiner Kritik eher zwiespältig: „Es muß auch der größte Gegner der Kolonialpolitik anerkennen, dass diese Männer (die deutschen Soldaten) mit einer Ausdauer und Opferfreudigkeit gekämpft haben, die geradezu als bewundernswert genannt werden muß.“

Welche Folgerungen ergeben sich für die Bundesrepublik heute daraus? Die wirtschaftliche Lage der „Eingeborenen“ ist gegenwärtig nicht sehr positiv. 130000 Nachfahren dieses bedauernswerten Volkes leben in äußerst bescheidenen Verhältnissen. Ein Grund genug für die deutsche Außenpolitik, sich mit besonderem Nachdruck für die unterprivilegierten Hereros einzusetzen. Relative Verbesserungen gegenüber der Politik Helmut Kohls, der 1995 die Vertreter der Hereros nicht empfangen wollte, sind schon eingetreten, indem der jetzige Außenminister Fischer im vergangenen Jahr eine Verantwortung Deutschlands für seine Kolonialgeschichte anerkannte.

Einiges Geld hat die Bundesrepublik seit 1990 nach Namibia transferiert, mit einer halben Milliarde Euro mehr als in andere unterentwickelte Länder. Die Hereros bekommen davon nicht viel zu sehen, haben doch die Ovambos in Namibia das Sagen. Ist es nicht möglich, dass man einen eingegrenzten Verwendungszweck „Verbesserung der Lage der Hereros“ bestimmt und Entwicklungshilfegelder einem demokratisch gewählten Gremium dieses Volkes zukommen lässt?

Last but not least: Eine Von-Trotha-Straße wie in München-Trudering darf es in Deutschland in Zukunft nicht mehr geben.

Christian Schauer


Hintergrund der Finanzaffäre der hessischen CDU

Es war ziemlich skandalös. Mitte Januar 2000 gestand der ehemalige hessische CDU-Vorsitzende Manfred Kanther, 1983 insgesamt 8 Millionen DM der CDU-Hessen ins Ausland transferiert zu haben und Rücküberweisungen als Vermächtnisse oder Kredite getarnt zu haben. Der hessische CDU-Vorsitzende und Ministerpräsident Roland Koch berichtete allerdings am 27. Januar 2000, dass im Jahre 1983 nicht 8 Millionen DM, sondern 18 Millionen DM in die Schweiz transferiert worden seien. Während der Affäre kündigte Roland Koch an, er wolle die Spenden-Affäre „brutalstmöglich“ aufklären; später stellte sich heraus, dass Koch wohl selbst an der Tarnung der fraglichen Gelder als „Darlehen“ beteiligt war. Koch musste daher die sogenannte „Sternsingerlüge“ einräumen. Am 10. Januar 2000 behauptete der Ministerpräsident Roland Koch, dass die hessische CDU keine Einnahmen außerhalb regulärer Konten verbucht habe. An diesem Tag waren Sternsinger aus Hessen zu Gast in der Staatskanzlei und wurden Zeugen dieser Lüge. Er hatte Journalisten trotz mehrfacher Nachfrage die Rückdatierung eines Kreditvertrags über 2 Millionen DM verschwiegen, der Geldflüsse in der Parteibuchhaltung rechtfertigen sollte.1

Kaltblütig nach oben

Hessens Ministerpräsident Roland Koch hat brutalstmögliches Stehvermögen bewiesen. Über die Kontenaffäre wird kaum noch gesprochen

Von Matthias Geis, „Die Zeit“ vom 15. März 2001 Bezugsartikel Auszug

Es herrscht wieder Ordnung in Hessen“, ruft Roland Koch. Das ist keine Anspielung auf das mafiöse Finanzgebaren der hessischen CDU, kein Resultat der „brutalst möglichen Aufklärung“, die der Ministerpräsident vor Jahresfrist versprochen hat. Nein, es ist seine Regierungsbilanz zur inneren Sicherheit, mit der er derzeit wahlkämpfend durch die hessischen Festsäle zieht. Und die Affäre? „Das Thema ist für die Menschen erledigt“, wusste der Ministerpräsident schon vor Monaten, als nicht das Thema, wohl aber der Ministerpräsident erledigt schien. ….

Leserbrief erschienen in. „Die Zeit“, 29. März 2001

Nur bei schwerwiegenden Verstößen gegen die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit der Wahl dürfe die Hessenwahl aufgehoben werden, so die Einschätzung des Bundesverfassungsgerichtes.

Für den kühl analysierenden Betrachter ergibt sich daraus Folgendes:

1. Schwarzgeldeinsatz in beträchtlicher Menge lohnt sich. Der Ehrliche ist auch hier der Dumme. Moralische Aufgeregtheiten in der Öffentlichkeit führen nicht zu Verschiebungen der Macht, verpuffen vielmehr nach einiger Zeit.

Devise für die Zukunft: Schwarzgeldeinsatz nicht mehr nachweisbar machen!

2. Auch nationalpopulistische Kampagnen wie die gegen doppelte Staatsbürgerschaft rechnen sich. Beim Zündeln mit dem sowieso schon schwierigen Verhältnis zwischen Deutschen und Ausländern darf man keine Skrupel haben!

3. Für erfolgreiche Wahlkämpfe in Zukunft bedeutet das also, dass eine geniale Mischung aus Betrug und Populismus gefragt ist.

Christian Schauer

Skandal in Reinkultur

Leserbrief zu “Mit SS-Massenmördern an einem Tisch”, in: Main-Echo vom 10.1.2014,

erschienen in: Main-Echo vom 14.1.2014

Die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts können in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen als die Epoche der großen Amnestie gegenüber Kriegsverbrechern. Man denke an Hans Globke, den Kommentator der Nürnberger Rassengesetze, der als Personalchef des Bundeskanzlers Adenauer das Auswärtige Amt zu zwei Dritteln mit ehemaligen NS-Diplomaten besetzte. Der damalige Bundeskanzler meinte rechtfertigend dazu: „Man kann doch ein Auswärtiges Amt nicht aufbauen, wenn man nicht wenigstens zunächst an den leitenden Stellen Leute hat, die von der Geschichte von früher etwas verstehen.«

Die Todesurteile gegen Einsatzgruppenleiter und Angehörige des Reichsicherheitshauptamtes führten 1951 nach der Vollstreckung zu scharfen Protesten eines Teils der deutschen Presse. Franz Blücher, Stellvertreter des Bundeskanzlers, nannte sie eine „Ungerechtigkeit.“ Die „Organisation Gehlen“, eine Abteilung des ehemaligen Oberkommandos der Hitlerwehrmacht – Abteilung Fremde Heere Ost – wurde im Mai 1955 zum Bundesnachrichtendienst umfunktioniert.

Der Friede mit den Tätern des Nationalsozialismus – er war eine Herzensangelegenheit der politischen Elite der deutschen Nachkriegsepoche. Juristen des NS-Staates mussten um ihre Nachkriegskarriere nicht bangen. Tausende von belasteten Richtern durften wieder amtieren, sie besetzten die Posten der Landgerichts- und Oberlandesgerichtspräsidenten. Im Bonner Justizministerium agierten Juristen wie Dr. Schafheutle und Dr. Ernst Kanter, die im NS-Staat hervorgehobene Positionen im Reichsjustizministerium inne hatten. 1958 wurde Kanter Präsident des 3.Strafsenats des Bundesgerichtshofes.

Zwischen 1945 und 1965 wurden insgesamt gegen über 60.000 Beschuldigte Ermittlungen wegen Verdachtes der Beteiligung an NS-Kriegsverbrechen geführt. Ganze zehn Prozent davon, nämlich 6115, führten zu rechtskräftigen Urteilen– die Verurteilten wurden häufig vorzeitig entlassen. Kein einziger Angehöriger des Volksgerichtshofes wurde rechtskräftig verurteilt- ein Skandal in Reinkultur. Das 131-Gesetz, das der Bundestag 1951 verabschiedete, gab der Wiederverwendung von ehemaligen Nationalsozialisten in bundesdeutschen Behörden Rechtskraft- Amnestie auch hier.

Man kann Richter und Generalstaatsanwalt Fritz Bauer als Vorbild einstufen, mit dem Auschwitz Prozeß von 1963 ein Signal zur Verurteilung der NS-Vergangenheit zu setzen. Auch ist Herrn Reusings Erinnerungskultur zu würdigen.

 Fritz Bauer_©_Fritz Bauer Institut

Bild: Fritz Bauer © Fritz-Bauer-Institut

Christian Schauer

Neuwiesenstraße 14

63755 Alzenau

Bezugs-Artikel Main-Echo 10.01.2014

Mit SS-Massenmördern an einem Tisch

Zeitgeschichte: Roland Reusing aus Hohl hat vor 50 Jahren als junger Jurist den Frankfurter Auschwitz-Prozess erlebt – Roland Reusing als Jurist beim Frankfurter Auschwitz-Prozess Roland Reusing aus Mömbris-Hohl hat als Zeitzeuge den Frankfurter Auschwitz-Prozess erlebt. Vor gut 50 Jahren, exakt am 20. Dezember 1963, begann in Frankfurt der Prozess gegen 22 Angeklagte, der am 20. August 1965 endete. Roland Reusing als junger Justizbeamter in den 60er Jahren. Den ersten Auschwitz-Prozess vor einem deutschen Gericht hat er ab 1963 in Frankfurt hautnah erlebt.