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Carl Diem Debatte in Alzenau

Diem Resümee für Alzenau

Mitte August 2017 wurde bekannt, dass der Antrag auf Umbenennung der Carl-Diem-Straße erneut abgelehnt wurde.

Die Alzenauer Grünen erinnerten in ihrem Antrag vom März 2017 an Reinhard Appel (1927- 2011). Der ehemalige Chefredakteur des ZDF war Augenzeuge des Diem – Auftrittes. Am 18. März 1945 hatte Diem bei einer Rede auf dem Berliner Reichssportfeld Hitlerjungen und Volkssturm auf- gefordert, bis zum Tod weiterzukämpfen. Dabei verglich er das letzte Aufgebot an Vaterlandsverteidigern mit den Spartanern und zitierte ein Lied mit der Eingangszeile:“Schön ist der Tod…“  Reinhard Appels Vorwurf: Diem habe seine Autorität genutzt, »um Jugendliche wie ihn damals in den Kugelhagel zu schicken.« Die Atmosphäre im Kuppelsaal sei vergleichbar gewesen mit der im Sportpalast bei der Goebbels-Rede zum ‚totalen Krieg‘. Für die Fraktionssprecherin von Bündnis 90/ Die Grünen Claudia Neumann war klar: »Carl Diem kann in der heutigen Zeit nicht mehr als Vorbild gesehen werden.“

Der Antrag der Grünen wurde nicht zur Abstimmung gestellt. Das verhinderte ein Geschäftsordnungsantrag, den Bürgermeister Alexander Legler (CSU) begründete. Argumentiert wurde, dass eine Entscheidung des Stadtrates aus 2003 (für die Beibehaltung des Namens) nicht umgestoßen werden dürfe, da sich seither kein neuer Sachverhalt ergeben habe. Ein neuer Sachverhalt wäre nach Auffassung Leglers, wenn es neue historische Erkenntnisse gäbe.
Der Alzenauer Stadtrat ließ 2003 die Aussage protokollieren, dass die Einschätzung zur Person von Carl Diem »nicht eindeutig« sei. Daran habe sich nichts geändert. 2003 hatte die Deutsch-Ausländische Gesellschaft Alzenau zum zweiten Mal beantragt, die Straße umzubenennen. Beim ersten Mal 1995/1996 war es der Ortsverband der Grünen.

Michael Müller vom Main-Echo würdigte in seinem Kommentar die vorbildliche Erinnerungskultur Alzenaus und sah es als vorbildlich an, dass Hetzern kein Raum gelassen wurde. Er fuhr fort:“Doch Carl Diem war zweifellos einer dieser Hetzer, einer dieser Hass- und Zwietrachtsäer. Wie muss man ticken, wenn man in einem verlorenen Krieg Mitte März 1945 Jugendliche zu einem ‚finalen Opfergang‘ aufruft? Zu dem Diem selbst offenbar nicht bereit war. Er machte noch schön seine Nachkriegskarriere, während viele seiner jungen Zuhörer nicht mehr am Leben waren.
Diesen Mann sollte man nicht ehren – nicht einmal »nur« mit einer nach ihm benannten Straße. Das Ganze passt nicht zusammen, es passt nicht zu Alzenau.
Es mag ja verständlich sein, wenn Anlieger keine Umbenennung wollen. Dazu sei gesagt: In der Nachbarkommune Freigericht sind zigfach Straßen umbenannt worden, um Mehrfachnennungen in den Ortsteilen zu vermeiden. Dieser Vorgang ging viel geräuschloser und unspektakulärer vonstatten, als die Kritiker (die ihren Straßennamen behalten wollten) zuvor gedacht hätten. Es war letztlich kein Problem. Natürlich wäre es möglich gewesen, einen »neuen Sachverhalt« gelten zu lassen – der neue Wohnkomplex an der Carl-Diem-Straße ist ein solcher. Ich halte es in diesem Punkt mit den Alzenauer Grünen: Eine historische Chance ist vertan.“

Dass es so kommen würde, deutete sich bereits Anfang Juli 2017 an. Bürgermeister Alexander Legler (CSU) überraschte mit der Ankündigung, das Thema in der Augustsitzung des Stadtrates behandeln zu wollen – allerdings gänzlich anders, als es die Grünen erwartet hätten: Legler will beantragen, dass der grüne Antrag nicht behandelt wird. Der Grund: Alzenaus Stadtrat habe bereits über die Abschaffung des Namens entschieden – und die Abschaffung abgelehnt. Dieser Beschluss sei gültig und habe Bestand.

Christian Schauer wies in einem Leserbrief kurz darauf auf die Entwicklung in anderen Kommunen hin. „Der Tatsache, den Antrag auf Umbenennung der Carl-Diem-Straße nicht behandeln zu wollen, widerspricht die Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland seit 2003. In diesem Jahr war ein derartiger Antrag in Alzenau zuletzt gestellt worden.
Seither sind viele Städte dazu übergegangen, Carl-Diem-Straßen, -wege und -hallen umzubennen. Diems Wirken wurde von Kommunalpolitikern kritischer gesehen. Städte wie Aachen (2007), Köln (2007/2008), Neuss (2009), Grevenbroich (2010) und Münster (2010) haben bereits Carl-Diem-Straßen und -Wege umbenannt und somit ein deutliches Zeichen der Distanz zu diesem braunen Sportfunktionär gesetzt. Die einst am Carl-Diem-Weg gelegene Deutsche Sporthochschule in Köln scheiterte 2008 vor Gericht mit dem Versuch, die Umbenennung der Straße in „Am Sportpark Müngersdorf“ zu verhindern. In seiner Geburtsstadt Würzburg wurde eine historische Entscheidung gefällt. Eine Sporthalle ist seit 2004 nicht mehr nach Carl Diem benannt.

Eine überzeugende Argumentation führte ein Kommunalpolitiker in Pulheim (Nordrhein-Westfalen) an, wo es 2009 auch zu einer Umbenennung kam: ‚Ich bin schockiert, das wir die Frage des ‚ob‘ hier überhaupt noch diskutieren müssen. Gegen das Leid, das dieser Mensch verursacht hat, die Änderungskosten für einen Briefkopf zu setzen, ist zynisch‘.

Eine der letzten Umbenennungen fand 2014 in Alsdorf statt. In den Aachener Nachrichten hieß es dazu abschließend: ‚Damit ist auch in Alsdorf vollzogen, was in anderen Städten bereits geschah. Dieser Prozess war zuletzt von allen Parteien unterstützt worden.‘

Alzenau stellt sich bisher als ziemlich einzigartig dar, was die Einschätzung von Carl Diem betrifft. Das muss nicht so bleiben.“

Mitte März wies er auf die NS-Verstrickung Carl Diems hin:Diems extremer Nationalismus und Militarismus zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben: Schon 1931 führte er in der Heeressportschule Wünsdorf folgendes aus: „Vom Standpunkt der Wehrgesinnung gilt es noch ein letztes zu beachten: Sporteinigkeit. Der nächste Krieg wird nicht mit den Kriegsfreiwilligen gewonnen, sowenig wie es im Weltkrieg möglich war, er ruht vielmehr auf dem Wehrwillen der Wehrflauen.“ Nach der Machergreifung 1933 war Sport für ihn „eine weihevolle Tätigkeit“ und „ein Dienst am Vaterland“.

Im Festspiel-Entwurf für das Deutsche Turn- und Sportfest 1938 in Breslau äußerte er seinen romantischen Militarismus: „Allen Spiels heil’ger Sinn, Vaterlandes Hochgewinn – Vaterlandes höchst‘ Gebot in der Not, Opfertod!“

Eine führerzentrierte Skidemonstration entwarf Diem 1940. Höhepunkt sollte eine „Gefechtsfeldübung der Wehrmacht“ und eine Hitleransprache sein. Sein Wunsch, Sportregimenter für die Blitzkriegskonzeption aufzustellen, scheiterte am Widerstand der SA. In einem Memorandum von 1941 begründete er die Beibehaltung weltumspannender olympischer Spiele wir folgt: „ Ich meine aber, daß man den Herrenstandpunkt der überlegenen Rasse nur dann auf Dauer durchhält, wenn auch eine körperliche Gesundheit und Kraft dahinter steht, und darum sehe ich in den Spielen für Europa genau das, was Coubertin in ihnen für Frankreich gesehen hat: die immer wiederkehrende Prüfung im härtesten Feuer und der stachelnde Anreiz, es den besten aller Völker gleichzutun. Wir wollen Weltspiele, weil wir der Welt zeigen wollen, was wir können!“

In einer Rede auf dem Reichsssportfeld vom 18. März 1945 zitierte er den Satz des griechischen Dichters Tyrtaios (7. Jahrhundert vor Christus): „Schön ist der Tod, wenn der edle Krieger für das Vaterland fällt.“

Dass Diem seine Rolle in der NS-Zeit in der Nachkriegszeit öffentlich bereut hat, ist nicht bekannt.

Angefangen hatte die Debatte Mitte März 2017. In einer Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses wurde beschlossen, das Bauleitplanverfahren für das ehemalige Gärtnerei Huth Gelände unter der neuen Bezeichnung »An der Carl-Diem-Straße« fortzuführen. Stadtrat Otto Grünewald (CSU) ist Anlieger dieser Straße. Er störte sich nicht an dem Bauprojekt in der Nachbarschaft. Doch nahm er das laufende Genehmigungsverfahren zum Anlass, auf ein »dauerhaftes Ärgernis« hinzuweisen. Seine Familie und andere wollten nicht länger in einer Carl-Diem-Straße wohnen.

Ende Juni 1996 war der Antrag mit folgender Begründung abgelehnt worden (Main-Echo vom 27.6.1996):“Keine neue Diskussion gab es zum Antrag der Grünen auf Umbenennung der Carl-Diem-Straße im Stadtteil Michelbach. Der Sportfunktionär war bereits bundesweit in die Kritik geraten, weil er während der NS-Zeit mit etlichen Äußerungen aufgefallen war. Der Stadtrat folgte mehrheitlich der Empfehlung des Kulturausschusses und ließ es bei der bisherigen Bezeichnung der Straße in Michelbach. Dabei beriefen Kulturausschuss und Stadtratsplenum sich auf ein Gutachten von Professor Teichler, das das Lebenswerk von Carl Diem ’nicht auf die Zeit des NS-Regimes reduziert‘ sehen wollte.“

Aller guten Dinge sind drei“ – sollte man meinen. Für Alzenau gilt das nicht. Hier gehen die Uhren anders. Die meisten haben wohl kein Interesse an der Thematik, den anderen fehlt die Distanz zur Vergangenheit. Die große Mehrheit der von der Stadt Befragten wollte die Beibehaltung des Namens (34 gegen 5). Diese Mehrheit ist bodenlos. Keiner dieser Menschen hat sich die Mühe gemacht, auf die Einlassungen der Umbenennungs – Befürworter Gegenargumente anzuführen.

Alzenau, 5.12.2017 Christian Schauer

https://schauerchristian.wordpress.com/category/leserbriefe-aktuell-szydlo-dreht-durch-und-fluch-des-coltan/leserbriefe-regional/

Diem 1996

Debatte über Carl-Diem-Straße 1996 © Main-Echo

Diem 1996 zwei

Debatte über Carl-Diem-Straße 1996 © Main-Echo

 

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Veröffentlicht 7. Dezember 2012 von schauerchristian in Carl Diem Debatte in Alzenau