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Alzenau und Gunzenhausen in der NS-Zeit

 

Gunzenhausen,  Alzenau und Umgebung in der NS-Zeit

Schon im April 1920 sprach Julius Streicher, der spätere Gauleiter Frankens, auf einer Veranstaltung der Deutsch-Sozialistischen Partei in Gunzenhausen.1 Im Januar 1923 entstand die NSDAP-Ortsgruppe. Im Stadtrat von Gunzenhausen saßen schon 1924 Nationalsozialisten. Schon in den 20er Jahren gab es erste antijüdische Ausschreitungen. 1928 wurden Fenster der Synagoge eingeschlagen, im Dezember 1929 wurden 18 Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof umgestürzt und teilweise zertrümmert. Im Februar dieses Jahres wurde ein jüdischer Lehrer am städtischen Gymnasium durch eine seiner Schülerinnen – mit Unterstützung der nationalsozialistischen Zeitung “Der Stürmer” – beschuldigt, die christliche Religion verunglimpft zu haben. Die Sache kam vor Gericht, wo noch einigermaßen rechtsstaatlich geurteilt wurde. Der Lehrer wurde freigesprochen und dem Redakteur des “Stürmers” eine Geldstrafe auferlegt.

Ende der 20er Jahre existierten drei jüdische Bankhäuser in Gunzenhausen. Es gab eine jüdische Gastwirtschaft und ein Kaffeehaus. Zwei jüdische Ärzte praktizieren, ein Allgemeinarzt und ein Zahnarzt. Überwiegend waren Juden Handeltreibende, selten Handwerker. Der Rabbi kam aus Ansbach und betreute die Gemeinde mit. In dem Haus am Hafnermarkt 13 befand sich eine Mikwe (Ritualbad). 2 Seit 1928 war Hans Appler Führer der Ortsgruppe Gunzenhausen der NSDAP.

Hans Appler

Hans Appler

1930 wurde SS-Sturmführer Appler Kreisleiter, kurz vor der Machtergreifung sogar Mitglied des Reichstages. 3 Bis 1932 leitete er den NSDAP-Bezirk Gunzenhausen, dann anschließend bis November 1940 den dortigen Kreis.4 Appler wurde am 1. Oktober 1935 Erster Bürgermeister in Gunzenhausen und blieb in diesem Amt bis April 1945. Nach manchen Quellen setzte sich Appler 1946 nach Kairo ab. Dort sei er zum Islam konvertiert und habe unter dem Namen Salah Chaffar gelebt.

Wie die Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen mitteilt, handelt es sich um eine Verwechslung. “Durch Überprüfung der personenbezogenen Findhilfsmittel ist festzustellen, dass Johann Appler, geb. 1892, in den von der Zentralen Stelle übernommenen Unterlagen mehrfach bekannt geworden ist. Die in dem Wikipedia-Artikel zitierten Informationen über seineangebliche Auswanderung nach Ägypten stammen aus einer hier vorliegenden Veröffentlichung des Simon-Wiesenthal-Zentrums v. Juni 1967 (B 162/5656, Bl. 59ff.),in der ein ‚Hans Appler‘ entsprechend erwähnt wird (Bl. 67). Da dieser jedoch als Mitarbeiter des Reichspropagandaministeriums bezeichnet wird, scheint hier eine Verwechslung vorzuliegen.

Johann Appler war nach 1945 zunächst in Ludwigsburg interniert. Entsprechend dürfte im Staatsarchiv Ludwigsburg eine Spruchkammerakte vorliegen. 1946 bis 1950 war Appler Beschuldigter mehrerer Verfahren der Staatsanwaltschaft Ansbach, deren Akten teilweise im Staatsarchiv Nürnberg verwahrt werden.” Ägypten war neben Argentinien ein Hauptzufluchtsort für Nationalsozialisten nach dem Zweiten Weltkrieg. 5

Gunzenhausen war dem Nationalsozialismus überdurchschnittlich gewogen, was sich in sehr guten Reichstagswahlergebnissen dokumentierte. 1928 erreichte die Partei hier über sechzehn Prozent, 1930 waren es über fünfunddreißig Prozent. 6 Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 konnte die NSDAP 66,5 Prozent der Stimmen gewinnen (Reichsdurchschnitt 37,3 Prozent). 7 Noch etwas besser schnitt die NSDAP bei der letzten einigermaßen “freien” Reichstagswahl am 5. März 1933 ab – sie erhielt 67,1 Prozent der abgegebenen Stimmen (Reichsdurchschnitt 43,9 Prozent).

Am 25. März 1934 ereignete sich in Gunzenhausen ein antijüdisches Pogrom, das “Pogrom von Gunzenhausen”. Das Wetter war deutlich freundlicher als die Ereignisse, die dort stattfanden. Obersturmführer Kurt Bär führte den SA-Sturm 30/13. An diesem Tag traf man sich abends im “Hotel zur Post”. 8 Ein erster Höhepunkt des Konfliktes zwischen SA und war die gewaltsame Entfernung des nicht-jüdischen Landwirts und Dorfbürgermeisters Leonhard Baumgärtner durch die SA aus der Wirtschaft Strauss, die als “Judenwirtschaft” galt. Es ging hervorgehoben um die Jagd auf ein ehemaliges Mitglied des Reichsbanners 9, den jüdischen Kaufmann Jakob Rosenfelder. Der Tag endete damit, dass eine aufgeputschte Menge von bis zu 1.500 Teilnehmern durch Gunzenhausen zog. Angestachelt von antisemitischen Hetzreden des SA-Mannes Kurt Bär drang sie gewaltsam plündernd in jüdische Wohnungen ein und trieb die Bewohner unter Schlägen ins Gefängnis. 10 Zwei Juden kamen an diesem denkwürdigen Tag ums Leben, der 65-jährige Privatier Max Rosenau und der 30-jährige Kaufmann Jakob Rosenfelder.

Aus der Vernehmung des Zeugen Erich Klein, der in einem Spruchkammerverfahren folgendes äußerte: „ … Hierauf begab ich mich in die Wirtschaft Strauß, kam aber nicht ins Lokal. Zu dieser Zeit war bereits eine ziemliche Menschenmenge vor der Wirtschaft. Ich sah den jungen Strauß außen … auf dem Pflaster regungslos liegen. Hierauf erschien Kurt Bär unter der Haustüre …und hielt eine kleine Ansprache … ich kann mich nur noch an Bruchteile davon erinnern: ‚Die Juden haben Christus ans Kreuz geschlagen, diese haben den Krieg verursacht und haben zwei Millionen Deutsche auf dem Gewissen, die Juden wollten auch das deutsche Volk ans Kreuz nageln.’ Er sprach auch davon, dass er von dem Juden Julius Strauß angespuckt wurde, und dass sich ein SA-Mann das nicht gefallen lassen kann, weil sie die Garanten des Staates sind.” … 11 Die NS- Tendenz, den Juden die Schuld am Ersten Weltkrieg zuzuschieben, wurde schon vor Ende des Krieges von rechtsradikalen Kräften in die Wege geleitet. 12

Der Mord an Simon Strauß

Beim Heimatfest am 15. Juli 1934 trafen sich auch SA-Männer, darunter Kurt Bär. KurtBär ließ seinem Antisemitismus freien Lauf. Nach Angaben der Oberstaatsanwaltschaft Ansbach äußerte er: Diese Lumpen gehören alle erschossen.” Zwischen 21 und 22 Uhr erfuhr die Gendarmerie Gunzenhausen, dass Kurt Bär Vater und Sohn Strauß niedergeschossen hatte. Simon Strauß lag in der Gaststube, sein Sohn Julius im Neben-zimmer. Im Krankenhaus erlag Simon Strauß noch am gleichen Tag seinen Verletzungen. Der SA-Mann Kurt Bär bestand darauf, die Tat ohne fremde Hilfe vollbracht zu haben. Seine Wut richtete sich gegen Simon und Julius Strauß, weil das Gericht ihm nicht geglaubt habe, dass der Jude Strauß ihn angespuckt habe. Den beiden Juden habe man geglaubt. Sowohl die SA als auch die NSDAP verurteilten die Vorfälle. Das Landgericht Ansbach verurteilte den Angeklagten Bär zu einer lebenslänglichen plus zehnjährigen Zuchthausstrafe wegen versuchten Totschlags. 1935 wurde eine Revision des Urteils abgelehnt. Kurt Bär wurde nach seiner Begnadigung am 16. November 1938 vorzeitig entlassen. 13

Antisemitismus in Alzenau

Schon im August 1933 wurden die Juden Siegfried Rothschild und Arthur Hecht aus Hörstein schwer misshandelt. Dem Metzger Moritz Löwenthal wurde der Kiefer gebrochen. Bei den Tätern handelte es sich um SS-Leute aus Aschaffenburg, die von SS-Leuten aus Hörstein Informationen über den Ort Hörstein erhielten. Ein 37 jähriger SS-Mann aus Aschaffenburg erhielt für die Tat zwei Monate auf Bewährung. “Der Stürmer” wertete die Tat im September als Züchtigung von “geständigen Mädchenschändern und Schwarzschlächtern” – Geständnisse gab es de facto nicht.

Wahrscheinlich 1935 wurde in Alzenau ein Flugblatt verteilt, dass weniger zu allgemeinen Verschwörungstheorien sich verstieg wie Kurt Bär in Gunzenhausen (siehe oben) als vielmehr Menschen jüdischen Glaubens persönlich angriff: “Wie lange noch liefert der grosse Judenfreund Metzgermeister Pflaum Fleisch in das Bezirkskrankenhaus? Bei einer Listensammlung (Mutter und Kind) gab er nichts. Seine Viehhäute liefert er nach wie vor an den Juden Lippmann. Wie lange noch kaufen hiesige Beamte besonders aus der Kunkelsrainstr. noch in auswärtigen Judengeschäften ein? Ist die Judenbäckerei Schafheimer ein besonderer Günstling? Dieser schleicht noch Nachts um 23 Uhr mit seiner für die ‘Goims’ zubereiteten Knatschware in den Häusern umher. Wie lange erlaubt sich die Judenbagasche noch die Frechheit, unsere schöne Hauckwaldanlage zu besudeln und die Bänke am Wasserloser Waldeck zu belagern? Wie lange glaubt die Judensippe noch am Schabbes in 6er Reihen durch unsere Strassenwatscheln zu dürfen? Warum wird des Emigranten Hotel des Schacher- und Watscheljuden Benzion Wechsler (Löffler) nicht ausgehoben und gesprengt? Wie lange werden hier noch jüdische Flüchtlinge beherbergt? Bemerkt man nicht das ständige Kommen und Gehen der Plattfuss-Indianer in diesem Haus? Z- Zt. mit ca. 15 Hebräern belegt!!!” 14

Benzion Wechsler

Benzion Wechsler

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Lehrer Benzion Wechsler (1874 bis 1943) war als Vorstandsmitglied von Vereinen im lokalen Geschehen verwurzelt. Er hielt im August 1929 für die Israelitische Kultusgemeinde eine Ansprache bei der Feier zur Übergabe und Weihe des Ehrenmals für die Gefallenen des Weltkrieges. Wechsler meinte damals: “Unsere Nachkommen, Enkel und Urenkel, sollen beim Anblick dieses Denkmals daran erinnert werden, daß im Weltkriege tapfere Soldaten Gefahren vom Deutschen Volke nahmen.” Er betonte als national denkender Jude, dieses Ehrenmal vermittle ein Gefühl von Eintracht und Zusammengehörigkeit und beendete seine Ansprache mit den Worten: “Einer für Alle, Alle für Einen, so soll auch jetzt nach dem Kriege das Volk in Eintracht verkehren, jeden Rassen- und Klassenhaß von sich weisen, die Überzeugung und Religion anderer achten, wie dies unser Nationaldichter Schiller so herrlich in Wilhelm Tell ausspricht: ‘Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr.’ ” Zum Ausschluß von Juden aus Sportvereinen gibt das Protokoll des Turn- und Sportvereins Alzenau vom 13. Mai 1933 Aufschluß. Dort heißt es unter anderem: „In unserem Verein befinden sich noch Lehrer Wechsler, Moritz und Salomon Hamburger. Es wurde diesen Mitgliedern nahegelegt, ihren Austritt zu erklären, was auch geschehen ist.” Benzion Wechsler wurde 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Der Wille zur Ausgrenzung ist in diesem Flugblatt deutlich zu spüren.Juden, die ansonsten eine riesige Hakennase haben, fehlt hier der aufrechte Gang . Sie watscheln (“Watscheljude Benzion Wechsler”, “durch unsere Strassen watscheln”). Allein durch ihre Anwesenheit besudeln sie die Hauckwaldanlage – sind also Unreine. Eng mit dem Begriff des “unreinen Juden” verbunden ist die Bezeichnung “Judensau”. Die Bezeichnung „Judensau“ umfasste ein im Hochmittelalter entstandenes häufiges Bildmotiv der antijüdisch christlichen Kunst. Es sollte Juden nicht nur verhöhnen, sondern auch demütigen, da das Schwein im Judentum als unrein gilt und mit einem religiösen Nahrungsverbot belegt ist.

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Bild: Wittenberger Judensau von 1596

Spalt VfHK 19.08.2017 17-48-33

Judensau von Spalt Innenhof Stiftsgasse 10

Bild: Hans-Peter Lautner

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Die NS-Sympathien in Alzenau und Umgebung

Die Reichstagswahl vom 05.03.1933 im Bezirk Alzenau ging folgendermaßen aus

Parteien Stimmen Prozent

NSDAP 4348 25,2

SPD 3452 20,0

KPD 1231 7,2

Bayerische Volkspartei 8049 46,7

Kampffront Schwarz

weiß rot 64

DVP 40

Christlich-sozialer

Volksdienst 22

Deutsche Bauernpartei 9

DDP (Deutsche

Staatspartei) 18

Der Stimmenanteil für die NSDAP war also deutlich geringer als in Gunzenhausen. Zusammenfassend lässt sich für den Bezirk Alzenau für die Reichstagswahlen 1928 bis 1933 feststellen: 15 Der Wählerstamm der Bayerischen Volkspartei blieb in dieser Zeit relativ konstant. Im Mai 1928 lag des Ergebnis bei 50,7 %, im März 1933 bei 46,7 %. Die NSDAP erhielt bei der letzten noch halbwegs freien Wahl knapp 25 % der Stimmen 1928 lag sie noch bei 1 %. Der Anteil der SPD sank von 33,1 % 1928 auf 20 % 1933. Damit ging der Anteil dieser Partei deutlich zurück. Die KPD erreichte ihr bestes Ergebnis im November 1932 mit 11,2 %, im März 1933 fiel sie auf 7,2 % zurück – 1928 lag der Anteil bei 4,8 %.

Die Reichspogromnacht in Alzenau

Lesen wir die Zeugenaussage von Meta Bachrach- Tochter von Ferdinand Hamburger– im Spruchkammerverfahren vom 6.11.1946 “An die Spruchkammer Alzenau”: “Hier ist es so wie ich es erlebt habe- Als Zeuge und victim mache ich folgende Angaben. Am 10. November als mein Vater in die Synagoge kam die gleich neben unserem Hausewar, war dieselbe demoliert und das Almemor sowie auch der Aron (?) Hakodesch angehackt mit einem Beil etc. Ich sah es selbst. Dieses geschah in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Während des Tages zogen Horden von Nazis vor unser Haus und der Synagoge auf. Wie man sagt hat P. und E. W. Spitzel beherbergt. Besonders E. W. die zwischen uns und meinem Onkel J. in der Judengasse (?) wohnte. Bei ihr besonders müssen Sie geehrter Herr Rothschild auf den Grund gehen, denn lügen war schon immer ihr Meister Stück. Joan or J. R. Sohn des früheren Ortsdieners Reinhard (?) R. stand Schmiere während Horden von Nazis in die Synagoge eindrangen und bei Ferdinand Hamburger der in der Wohnung oben in(?) der Synagoge wohnte. In der Synagoge wurde alles kurz und klein geschlagen auch bei Ferdinand Hamburger wobei sie sogar die Betten aufschlissen und den Herd zum Fenster hinaus wurfen. Die Sefer Thoras verrissen sie auf der Strasse und in dem Wege zwischen Pflaum und uns war ein richtiges Papiermeer von zerrissenen Thoras und Gebetbüchern. Besonders hervor taten sich in dieser Aktion die folgenden Personen. Die beiden Gebrüder F., die Gebrüder G., L. G. von der damaligen Hitler Jugend und dessen Vater, Kimmel der damalige Ortsgruppenleiter, K. E. und dessen Sohn W., Dr. B. Lehrer B., bei dem ich mehrere Jahre in die Schule ging und der schon von Anfang an gegen die jüdischen Kinder discriminiert hat.J. oder H. H. (genannt K.) wohnhaft im Hause von Sattler B. (?), SS-.Mann G. (wohnhaft auf der Oberschur). Ganz besonders tat sich hervor der lange K. der auf der Elze wohnt ein junger Mann der heute ungefähr 38 (?) alt ist. Der Vorname ist mir unbekannt aber es wird ihnen jeder sagen können wer er ist. Derselbe hat bei uns öfters die Fensterscheiben eingeschmissen vor dem 10. Nov. 1938. Gezeichnet Meta Bachrach.” 16

Synagogen-Denkmal Alzenau

Synagogen-Denkmal Alzenau

Anmerkungen: Mit dem Begriff “Sefer Thora” sind Thorarollen gemeint, “Almemor” ist ein erhöhter Platz in der Synagoge für die Verlesung der Thora. Aron Hakodesch ist die hebräische Bezeichnung für den Thoraschrein (oder auch „heiligen Schrein“). Es ist der Schrein, in dem die Thorarollen in der Synagoge aufbewahrt werden.

In Hörstein randalierten in der Reichspogromnacht SA – Leute vor mehreren jüdischen Häusern. Das Haus von Hermann Rothschild wurde heimgesucht. Gesucht wurde nach Schuldscheinen. Nicht einwandfrei zu klären war, ob die Synagoge in dieser Nacht beschädigt wurde. Der Anwohner Julius Hamburger wurde so stark geschlagen, dass seine Frau danach flehte, ihn gehen zu lassen. 17 Ein SA – Führer erteilte Ausweisungsbefehle gegenüber einigen Juden, was dazu führte, dass sich einige Familien reisefertig machten.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 setzte sich der wirtschaftliche Boykott in Alzenau nur allmählich durch. Noch im September 1935 waren 20 der 29 Tabakwarenfabriken in jüdischem Besitz und hatten etwa 2.100 Beschäftigte. Bis Sommer 1937 befand sich auch der Viehhandel als traditionelle Domäne der Juden noch überwiegend in jüdischen Händen.18 Durch den verschärften Antisemitismus entschlossen sich bis 1939 44 jüdische Einwohner zur Auswanderung. 21 flohen in die Vereinigten Staaten, 11 nach Palästina. Einigen gelang bis 1941 noch die Auswanderung, 24 die Flucht in andere deutsche Städte. Die letzten 11 jüdischen Einwohner Alzenaus wurden 1942 nach Izbica in Polen oder in das KZ Theresienstadt deportiert.

Reichspogromnacht in Gunzenhausen und Shoa

Die Synagoge von Gunzenhausen blieb in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 verschont. Sie war wahrscheinlich bereits Eigentum der Stadt. Die Wohnungen der Gunzenhäuser Juden wurden gestürmt und geplündert. Zahlreiche Einrichtungen wurden zerstört und nicht wenige Personen misshandelt. Fünfzehn wurden im Amtsgerichtsgefängnis inhaftiert, acht Männer wurden am 12. November nach Dachau verschleppt, die übrigen Frauen und Kinder wurden in der jüdischen Volksschule inhaftiert. Ende des Jahres lebten nur noch drei Juden in der Stadt. Auch sie verließen am 25. Januar 1939 die Stadt endgültig. Der Holocaust forderte nach aktuellem Stand 92 namentlich bekannte Opfer aus Gunzenhausen. Nehmen wir als Beispiel Ilse Bacherach, geb. Theilheimer. Sie wurde am 03.10.1903 Gunzenhausen geboren und am 04.10.1944 im KZ Auschwitz für tot erklärt. Schriftliche Zeugnisse von ihr liegen mir nicht vor, dafür von Frauen, die Auschwitz überlebten. “Ich erinnere mich noch an HerrnMengele, wie er breitbeinig dagestanden ist und den Daumen immer nach rechts oder nach links bewegt hat. Ich hatte keine Ahnung was die Daumenbewegungen bedeuteten- und dass der Herr dort Herr über Leben und Tod gewesen ist. Dann bin ich mit vielen anderen Frauen in die Duschen gekommen. Ich hatte keine Ahnung dass das auch eine Gaskammer hätte sein können. Aber nach einer Stunde in Auschwitz wusste ich das. Nach einer Stunde in Auschwitz habe ich genau gewusst, wo ich bin: in der Hölle.” 19 …. “Dann erinnere ich mich noch an das stundenlange Appellstehen, bei dem ich nur ein Gefühl hatte: Jetzt möchtest du sofort tot unfallen. Und zu allem spielte laute Musik.” 20 Eine andere Zeitzeugin erinnert sich: “Wir marschierten, bis wir zu einem großen Tor mit der Inschrift ‘Arbeit macht frei’. Als wir durch das Tor kamen, wurden wir von SS-Frauen und SS-Männern mit den folgenden Worten begrüßt: ‘ So, ihr Saujuden jetzt werden wir euch mal zeigen, was arbeiten heißt.’ Sie trieben uns in eine große Halle, die sogenannte Sauna. Wir mussten unsere Kleider ausziehen. Die Koffer mussten wir auf der Rampe stehen lassen. Die SS-Männer blieben dabei, als wir uns auszogen,  und amüsierten sich anscheinend köstlich, während wir vor Scham anfingen zu heulen. Im nackten Zustand wurden uns die Haare geschoren. Wir wurden dabei so entstellt, dass man den einen oder anderen gar nicht wiedererkannte.” 21

Kehren wir zur überproportionalen Zustimmung des Nationalsozialismus in Gunzenhausen zurück und nehmen als Beispiel die Haltung der Hensoltshöhe -ein sogenanntes Gemeinschafts-Diakonissen- Mutterhaus. Auf der offiziellen Homepage wird zugegeben “1933 Öffnung gegenüber den Nationalsozialisten in der Hoffnung auf erweiterte missionarische Möglichkeiten” 22 Rektor Ernst Keupp entwickelte sich zu einem begeisterten Anhänger des NS-Regimes. Die unregelmäßig erscheinende Schrift “Von der Hensoltshöhe” bot im März 1934 eine deutsch-christliche Botschaft. Die Wohltat einer “Errettung vor dem bolschewistischen Chaos” durch die Nationalsozialisten solle nicht vergessen werden. 23 Der “Retter” Adolf Hitler sei von Gott gesandt. Die Hensoltshöhe sei “tief innerlich verbunden” mit dem Nationalsozialismus.Der Hensoltshöher Rektor war gleichzeitig bis 1938 NS-“Blockleiter”. In dieser Funktion schulte er die ihm unterstellten Schwestern oder war bei Schulungen von NS-Funktionären anwesend. Die Schwestern der Hensoltshöhe waren geschlossen in der NS-Frauenschaft. Nach dem Spruchkammerverfahren musste er eine hohe Geldstrafe zahlen.

Vergangenheitsarbeit in Alzenau und Gunzenhausen

In Alzenau liegt eine Rohfassung einer Gesamtgeschichte der Juden im Ort vor.Unter dem Titel “Jüdisches Leben in Alzenau, Hörstein und Wasserlos. Von den Anfängen bis zur Vernichtung” haben die Historikerinnen Esther Graf und Monika Preuß aus Heidelberg eine umfassende Arbeit geschrieben, die leider noch nicht veröffentlicht ist. Ansonsten erscheinen regelmäßig Arbeiten zur Aufarbeitung des NS-Regimes in den Heimatjahrbüchern. Edgar Meyer – schon verblichen – hat ein lesenswertes Buch “Alt Alzenau – neu entdeckt – Der Nationalsozialismus in Alzenau sein Ende und die Zeit danach” geschrieben, das im Reinhold Keim Verlag erschienen ist. 24 Zur Person des Alzenauer Alt-Bürgermeisters Michael Antoni gibt es Spruchkammerakten, die leider nicht öffentlich zugänglich sind.

In Gunzenhausen sind die meisten Beiträge zur Vergangenheitsbewältigung in Alt-Gunzenhausen Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung- Hrsg.: Verein für Heimatkunde Gunzenhausen – erschienen. Hervorzuheben ist die Serie „Der Nationalsozialismus in Gunzenhausen“ Aufsehen erregte das Buch „Heimat – eine Suche“ von Thomas Medicus, das in der überregionalen Presse überwiegend positiv besprochen wurde. Eine lesenswerte Broschüre über das beschriebene Pogrom wird von Heike Tagsold herausgegeben: „Was brauchen wir einen Befehl, wenn es gegen die Juden geht?“ Das Pogrom von Gunzenhausen1934 – Hefte zur Regionalgeschichte. Wer das tiefbraune Mittelfranken in dieser Zeit genauer erforschen will, der lese das Buch von Peter Zinke „An allem ist Alljuda schuld“ – Antisemitismus während der Weimarer Republik in Franken. 35 Erwähnungen im Ortsregister findet die Stadt Gunzenhausen in einem Werk über die braunen Wallfahrten auf dem nahe gelegenen Hesselberg. 25 Über den letzten Frankentag 1939 schrieb in einem Lagebericht der damalige Regierungspräsident Dippold von Ober- und Mittelfranken: „Am 24./25. Juni versammelte sich das nationalsozialistische Franken, dessen Städte und Dörfer festlich geschmückt waren, einer alten und heiligen Tradition gemäß zu einer würdigen und großartigen Feierstunde auf dem Hesselberg. Eine unübersehbare Anzahl von Volksgenossen aus Stadt und Land war dem Rufe, auf den heiligen Berg der Franken zu kommen, gefolgt, um auf die Erfolge des vergangenen Jahres zurückzuschauen und Ausblick zu halten auf die vielleicht schwere Arbeit der kommenden Monate …“ 26 Ein vollständiges Bild kann hier natürlich von beiden Städten nicht gezeichnet werden. Es sollen einige Meilensteine aufgezeigt werden.

Anmerkungen

1 Die Deutsch-Sozialistische Partei (DSP) war eine Partei radikal antisemitischer Kräfte der völkischen Bewegung. Sie wurde bei einem Parteitag (23.-25. April 1920) in Hannover auf Reichsebene gegründet, im Mai 1919 war eine Gründung in München vorausgegangen. Im Sommer 1920 zählte die Nürnberger DSP bereits 350 Mitglieder und besaß damit neben München eine der stärksten Ortsgruppen im Deutschen Reich.Hier war Julius Streicher tätig.

2 Vgl. http://jl-gunzenhausen.de/de/einleitung.html

3 Vgl. Daniel Loy, Unter “Eichenkranz” und “Hackenkreuz” Das Kriegerdenkmal am Hindenburgplatz, in: Alt-Gunzenhausen Heft 56/2001, S.114

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Appler

5 Einige Fakten zu Nationalsozialisten in Ägypten sind in folgendem Leserbrief zusammengefasst: In die Nasserzeit fielen die guten Beziehungen von Teilen des Militärs zum deutschen Nationalsozialismus. Im Main-Echo vom 16.2.2009 sind sie von mir zusammengefasst. Ägypten – beliebter Zufluchtsort für Nazis Nicht verwunderlich ist das Faktum, dass der NS-Verbrecher Aribert Heim in Ägypten untergetaucht ist,war dieses Land doch neben Argentinien ein bevorzugter Exilort für Nationalsozialisten,denen in Deutschland ein Prozess drohte. Es fanden dort Unterschlupf: Johannes von Leers, Hauptschriftleiter der nationalsozialistischen Zeitung Wille und Weg.

Der Ex-Goebbels-Mitarbeiter wurde politischer Berater des Informationsbüros der ägyptischen Regierung. Von ihm ist die Aussage überliefert:“Wenn es überhaupt eine Hoffnung gibt, die Welt von jüdischer Tyrannei zu befreien, dann mit Hilfe der Moslems, die sich unerschütterlich Zionismus, Kolonialismus und Imperialismus widersetzen.” SS-Standartenführer Leopold Gleim organisierte in Ägypten die Geheimpolizei und war für die Juden Ägyptens zuständig. SS-Obersturmbannführer Bernhard Bender war unter der Leitung Gleims für die politische Abteilung der ägyptischen Geheimpolizei zuständig. SS- Sturmbannführer Joachim Däumling wurde zum Berater im ägyptischen Innenministerium. SS-Sturmführer Wilhelm Boekler arbeitete in der Abteilung Israel im ägyptischen Geheimdienst. SA-Gruppenführer Heinrich Stellmann wurde Berater der Gegenspionage. Louis Heiden vom Reichssicherheitshauptamt übersetzte Hitlers “Mein Kampf” ins Arabische. Bevorzugt war dieses Buch bei ägyptischen Offizieren verbreitet. Der nationalsozialistische Journalist Franz Bünsche setzte seine Tätigkeit in Ägypten fort. Hans Appler war für den Islamischen Kongress tätig. Selbst wenn Zweifel am Tod Aribert Heims aufkommen, passt sein Aufenthaltsort doch in die Logik der Nachkriegszeit.

Siehe auch http://www.juif.org/go-blogs-10606.php

6 Vgl. Thomas Medicus, Heimat Eine Suche, Berlin 2014, S. 74

7 Heike Tagsold (Hg.), “Was brauchen wir einen Befehl wenn es gegen die Juden geht?” Das Pogrom von Gunzenhausen 1934, Nürnberg 2006, S. 9

8 Vgl.Thomas Medicus. a.a.O., S.45

9 Am 22. Februar 1924 wurde von Mitgliedern der SPD, der Deutschen Zentrumspartei, der Deutschen Demokratischen Partei sowie Gewerkschaftern in Magdeburg das Reichsbanner gegründet. Es überwog der Anteil der Sozialdemokraten in der Mitgliedschaft. Schätzungen gehen von bis zu 90 Prozent aus. Der Kampf für die Republik richtete sich sowohl gegen den “Stahlhelm” oder die SA als auch gegen den “Roten Frontkämpferbund”.

10 Vgl. http://www.nurinst.org/nurinst_org/proj_gunzen.htm

11 Vgl. http://jl-gunzenhausen.de/de/rosenfelder.html

12 “Die Alldeutschen und andere völkische und antisemitische Gruppen mussten nicht den Waffenstillstand, die Abdankung des Kaisers und die Ausrufung der Republik im November 1918 abwarten, um den Juden die Schuld an der Niederlage zu geben, hatten sie doch bereits 1917 den Krieg in einen Kampf ums Dasein zwischen Deutschtum und Judentum umgedeutet. Noch im September 1918 gründeten sie zur Koordination der antisemitischen Aktivitäten einen “Ausschuss für die Bekämpfung des Judentums”, der die Bereitschaft signalisierte, Antisemitismus bedenkenlos als politische Waffe bis hin zum Mord einzusetzen. Mit der “Dolchstoßlegende” besaß man ein wirksames Propagandainstrument, um die Wende des Krieges aus der Verantwortung des Militärs auf andere Gruppen wie Juden und Sozialdemokraten abzuschieben.” In: Der Erste Weltkrieg von Werner Bergmann

http://www.antisemitismus.net/geschichte/weltkrieg.htm

13 Vgl. Heike Tagsold, a.a.O., S. 50 ff.

14 Peter Körner, Skizzen zur Geschichte der Juden in Alzenau, Wasserlos und Hörstein, Alzenau o.J., S.16 f.

15 Vgl. Helmut Winter, Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im ehemaligen Bezirksamt Alzenau, Heimatjahrbuch Unser Kahlgrund 1983, S. 137 f.

16 Das Schreibmaschinen-Skript ist undeutlich. Es wurden Abkürzungen verwendet

17 Vgl. Walter Scharwies, Toleranz und Zusammenleben, aber auch unverständlicherHaß -Jüdische Kultusgemeinde in Alzenau/Wasserlos und Hörstein, in: Alzenauer Stadtbuch 2001, S.286

18 Vgl. http://www.alemannia-judaica.de/alzenau_synagoge.htm

19 Trude Simonsohn, Noch ein Glück- Erinnerungen, Göttingen 2014, S. 85

20 Ebd., S. 86

21 Esther Bejarano, Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts, Hamburg 2013, S. 64

22 Siehe: http://www.hensoltshoehe.de/index.php?id=587

23 Vgl. Daniel Schönwald, Die Geschichte der Deutschen Christen in Gunzenhausen unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses der “Hensoltshöhe” zum Nationalsozialismus, In: Alt- Gunzenhausen. Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung Heft 56/2001, S. 204

24 Edgar Meyer, Alt Alzenau – neu entdeckt. Der Nationalsozialismus in Alzenau, sein Ende und die Zeit danach, Alzenau 1995

25 Thomas Greif, Frankens braune Wallfahrt. Der Hesselberg im Dritten Reich, Ansbach 2007

26 Ebd. S. 219


Dokumente zur Geschichte der Juden und NS-Geschichte in Alzenau

Ein Artikel in der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung“ vom 7. Oktober 1926 befasst sich mit Benzion Wechsler: „Alzenau. Eine Reihe verdienter jüdischer Lehrer konnten im vergangenen Jahre auf eine 25-, beziehungsweise 50jährige Tätigkeit in ihren Gemeinden zurückblicken. Ihnen reiht sich am 1. Oktober Herr Benzion Wechsler an, der 25 Jahre als Religionslehrer, Kantor und Lehrer seine Gemeinde betreut hat. Der Sohn eines bedeutenden Talmudgelehrten, der an den Talmud-Toraschulen in Schwabach und Höchberg segensreich wirkte, widmete er sich der Tradition seiner Familie folgend dem Lehrerberuf. Nach dem Seminaraustritt (Würzburg 1890), amtierte er in mehreren Kleingemeinden und folgte 1901 einer Berufung in die noch immer stattliche Gemeinde Alzenau. Als Sekretär der Kultusverwaltung und als Kassier und Schriftführer des Frauenvereins nahm er hervorragenden Anteil am Gemeindeleben. Seiner werbenden Tätigkeit gelang es die Synagoge gründlich zu renovieren und der Gemeinde ein würdiges Gotteshaus zu erhalten. Über den engen Kreis hinaus wirkte er im Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden, im Lehrerverein und der Aguda stets fördernd, wenn es auch seiner Natur nicht entsprach, sich in den Vordergrund zu drängen.

Das Vertrauen seiner christlichen Mitbürger übertrug ihm in den Kriegsjahren das Versorgungswesen, viele Jahre stand er ein eifriger Schüler Jahns an der Spitze des Turnvereins, leitete er als Dirigent den örtlichen Gesangverein. So wird der Ehrentag des tüchtigen Schulmanns, des pflichtbewussten Beamten und allgemein geachteten Bürgers ein Ehrentag auch für die Kultusgemeinde und das Städtchen werden. S.D.“


Der Kahltalbote vom 2. Mai 1933

Die erste nationale Maifeier in Alzenau

Der Tag der nationalen Arbeit, der 1. Mai, wurde auch in Alzenau in recht eindrucksvoller Weise gefeiert. Die festlich mit frischem Grün geschmückten Häuser und der Fahnenwald in den Farben des neuen Reiches, den bayerischen Farben, waren das äußere Kennzeichen eines der deutschen Arbeit und dem deutschen Arbeiter gewidmeten Feiertages. Alzenau hat mit dieser glänzenden Feier wie so viele andere deutsche Städte und Dörfer seinen größten Tag erlebt. …

Um 2 Uhr nachm. fand der festliche Umzug durch die überaus reichlich geschmückten Straßen des Marktfleckens statt. Er war ein Glanzstück seiner Art und bot ein überaus fesselndes Bild. Ganz Alzenau war ein wogendes Fahnenmeer und ein einziger grüner Maienwald. Fast jede Wohnung zeigte die Flaggen der nationalen Erhebung.Wir haben schon öfters große Festzüge in Alzenaus Mauern gesehen, aber die Demonstration des arbeitenden Alzenau in der Form einer begeisterten Bekundung der Volksgemeinschaft wie sie der gestrige nationale Feiertag der Arbeit brachte –  das ist jetzt beispiellos. Noch nie hat Alzenau einen solchen Aufmarsch erlebt. Es war etwas Erhabenes eine solche gehobene Stimmung, der seelische Kontakt der Massen, der Geist der Kameradschaftlichkeit und das freie, natürliche Gemeinschaftsgefühl im Dienste des Vaterlandes feststellen zu können. Der Festzug stellte sich in der Wasserloserstraße bei Gärtnereibesitzer Stumpf auf. Mit wehenden Fahnen, mit ihren Zeichen und Emblemen rückten die Verbände und Vereine, die Belegschaften der Betriebe und der Behörden an, ihren bestimmten Platz im Zuge einnehmend. Unter den schneidigen Klängen der SA-Kapelle und klingendem Spiel des Turn -und Sportvereins setzte sich der imposante Zug in Bewegung. Da marschierten die Vereine mit ihren Fahnen, die Handwerker im Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes, Herr Arthur Wohlschlögel mit Embleme des Schlossergewerbes, die Metzger, Schornsteinfeger, Installateure und die Belegschaft der Cellulosefabrik im Arbeitsgewande mit Fabrikationsgegenständen und Werkzeugen, die Beamten, die Sportvereine, Feuerwehr und Sanitäts-Kolonne in Uniform, die Vereinigte Kriegskameradschaft, SA und SS. Leute in schmucker Uniform, die Jugendverbände in ihren kleidsamen Uniformen, darunter der kath. Gesellenverein, die vielen Zellen der NSBO. Der Himmel war mit den marschierenden Bataillonen; es war nicht zu warm und nicht zu frisch und ein gutes Lüftchen bei strahlendem Sonnenschein fehlte auch nicht. Ein Maitag, wie ihn die große Aktion nicht besser wünschen konnte. Unter diesem leuchtenden Frühlingshimmel war das Bild des festlichen Marktfleckens von geradezu überwältigender Wirkung. Überall wurde der Festzug mit lebhaften Heilrufen begrüßt und reichlich wurden aus den Fenstern den Teilnehmern Blumen zugeworfen. Der Zug kam nach dem Durchmarsch der verschiedenen Straßen an der Anlage im Mühlweg zum Stehen. Hier versammelten sich die Teilnehmer um den Platz der Anlage. Nach einem schneidigen Musikstücke der SA-Kapelle ergriff Herr Rechtsanwalt Dr. Bauer das Wort, um in einer groß angelegten gut durchdachten Fest-und Gedächtnisrede über den Sinn und Zweck des Tages der nationalen Arbeit, auch all derer zu gedenken, die für die Errichtung des dritten Reiches kämpften und dafür ihr Leben lassen mußten. Es waren echte deutsche Worte, die der Redner sprach, die wohl noch manchen der Bewegung abseits Stehenden aufrüttelten, an dem gemeinschaftlichen Wiederaufbau des Deutschen Reiches mitzuarbeiten. Die Feierstunde erreichte mit der Umbenennung der Kahlgasse mit Mühlweg in Horst-Wessel-Straße und die vor Jahren vom Verschönerungsverein und der Gemeinde geschaffene schöne Anlage in Horst-Wesselplatz und dem Absingen des Horst-Wessel-Liedes mit Musikbegleitung einen ehrenvollen Abschluß. Langanhaltender Beifall folgte dem Festredner, der so vielen aus dem Herzen gesprochen. Nicht unerwähnt wollen wir lassen, daß die Schwerkriegsbeschädigten im geschmückten Auto im Festzuge gefahren wurden. Den Beschluß der Feier bildete ein Deutscher Maitanz bei Gastwirt Ludorf. Abends 8 Uhr fand die Uebertragung der Riesenkundgebung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin mittels Lautsprecher mit einer Rede des Reichskanzlers Adolf Hitler bei Gastwirt Ludorf statt. Anschließend war Fortsetzung des Maitanzes.

Der Kahltalbote vom 2. Mai 1933

Deutscher Abend

Der von der NS-Frauenschaft Alzenau am Samstag veranstaltete Deutsche Abend im Sittinger’schen Saale hatte sich eines guten Besuches zu erfreuen. Die Kreisleiterin, Frl. Ella Winkler, hielt in schönen Worten die Begrüßungsrede. Auch Herr Bezirkskommissar Knaup hielt eine kernige Ansprache und wies auf die Bedeutung des des Abends hin. Die Vorsprüche von Frl. Marianne Edeler, Frl. Gretl Groß und Frl. Rita Ott gefielen gut. Auch gut gefiel der Chor, und die Aufführung des „Horst-Wessel“- Stückes unter der Regie des Herrn Heinz Edeler war eine Glanzleistung des Abends. „Der selige Florian“, aufgeführt von der Spielschar Kahl, setzte die Lachmuskel in Bewegung. Auch sei die Kapelle Franzl mit ihren schneidigen Musikstücken nicht zu vergessen. Ein reicher Glückshafen legte manchen noch einen schönen Gewinn in den Schoß. Alles in allem, der Abend kann als wohlgelungen bezeichnet werden.

Protokoll des Turn- und Sportvereins Alzenau vom 13. Mai 1933 im Wortlaut:

„Sodann gab der 1. Vorsitzende die neuen Richtlinien der Deutschen Turnerschaft bekannt. Nach diesen Richtlinien können nur national denkende Turner Mitglied der deutschen Turnerschaft sein.Soweit Mitglieder noch nicht national eingestellt sind, wurden sie aufgefordert, sich umzustellen und im nationalen Geist am Aufbau der deutschen Turnerschaft mitzuarbeiten. Ferner ist es nicht mehr möglich, daß jüdische Mitglieder in der deutschen Turnerschaft weiter verbleiben können. In unserem Verein befinden sich noch Lehrer Wechsler, Moritz und Salomon Hamburger. Es wurde diesen Mitgliedern nahegelegt, ihren Austritt zu erklären, was auch geschehen ist.Somit sind die vorgenannten nicht mehr Mitglieder des Turn- und Sportvereins Alzenau.“


Verzeichnis der in Alzenau ortsansässigen Juden – Stand 29. Juli 1935

Name, Vorname, Geburtstag, Geburtsort, Beruf

1 Bravmann, Siegfried, 14.3.1919, Edelfingen, Bäckerlehrling

2 Feldmann, Ludwig, 15.6.1901, Buttenhausen, Kaufmann

3 Feldmann, Berta, 9.6.1905, Alzenau, Ehefrau v. Ludwig 2

4 Feldmann, Lore, Jette, 4.5.1932, Alzenau, Kind von Ludwig 2

5 Feist, Hermann Friedrich, 9.5.1889, Büdesheim, Kaufmann

6 Feist, Lina, 2.4.1898, Alzenau, Ehefrau v. Hermann 5

7 Feist, Karl Leo, 12.9.1931, Alzenau, Kind von Hermann 5

8 Freudenthal, Karolina, 31.8.1867, Alzenau, Viehhändler-Witwe

9 Freudenthal, Heinrich, 23.5.1903, Alzenau, Viehhändler

10 Hamburger, Bernhard, 2.8.1874, Alzenau, Viehhändler

11 Hamburger, Sara, 4.4.1881, Großkrotzenburg, Ehefrau von Bernhard 10

12 Hamburger, Flora, 30.11.1914, Alzenau, Tochter von Bernhard 10

13 Hamburger, Karl, 29.9.1919, Alzenau, Sohn von Bernhard 10

14 Hamburger, Ferdinand, 28.1.1874, Alzenau, Viehhändler

15 Hamburger, Lina, 13.3 1879, Wiesenfeld, Ehefrau von Ferdinand 14

16 Hamburger, Siegfried, 10.3.1906, Alzenau, Sohn von Ferdinand 14

17 Hamburger, Gustav, 12.3.1870, Alzenau, Viehhändler

18 Hamburger, Berta, 16.4.1875, Alzenau, Ehefrau von Gustav 17

19 Hamburger, Siegfried, 12.6.1907, Alzenau, Sohn von Gustav 17

20 Hamburger, Herz, 7.7.1841, Alzenau, Viehhändler

21 Hamburger, Hugo, 5.5.1895, Alzenau, Manufakturwaren-Händler

22 Hamburger, Diana, 23.3.1900, Nidda, Ehefrau von Hugo 21

23 Hamburger, Berta, 19.3.1900, Alzenau, Schwester von Hugo 21

24 Hamburger, Isaak, 11.10.1866, Alzenau, Viehhändler

25 Hamburger, Fanny, 24.2.1869, Sterbfritz, Ehefrau von Isaak 24

26 Hamburger, Jakob, 29.4.1900, Alzenau, Landwirtschaftlicher Produktions Händler

27 Hamburger, Irmgard, 17.4.1901, Alzenau, Ehefrau von Jakob 26

28 Hamburger, Kurt Josef, 8.12.1928, Alzenau, Kind von Jakob 26

29 Hamburger, Evi, 26.8.1932, Alzenau, Kind von Jakob 26

30 Hamburger, Isidor, 5.3.1865, Alzenau, Viehhändler

31 Hamburger, Issi, 24.12.1887, Alzenau, Tabakwaren Händler

32 Hamburger, Rosa, 6.2.1896, N. Moschel, Ehefrau von Issi 31

33 Hamburger, Rudolf Simon, 10.11.1924, Alzenau, Kind von Issi 31

34 Hamburger, Josef, 9.4.1901, Alzenau, Viehhändler

35 Hamburger, Regina, 5.10.1908, Hopsten, Ehefrau von Josef 34

36 Hamburger, Josef, 1.7.1873, Alzenau, Manufakturwaren Händler

37 Hamburger, Binchen, 12.7.1876, Höbst , Ehefrau von Josef 36

38 Hamburger, Daniel, 5.7.1909, Alzenau, Kaufmann Sohn von Josef 36

39 Hamburger, Martha, 12.10.1911, Alzenau, Tochter von Josef 36

40 Hamburger, Hugo, 9.11.1913, Alzenau, Kaufmann, Sohn von Josef 36

41 Hamburger, Julius, 23.8.1877, Alzenau, Manufakturwaren Händler

42 Hamburger, Elsa, 10.3.1885 O. Lauringen, Ehefrau von Julius 41

43 Hamburger, Daniel, 24.11.1911, Alzenau, Sohn von Josef 36

44 Hamburger, Adolf, 15.8.1910, Alzenau, Kaufmann, Sohn von Josef 36

45 Hamburger, Meta, 22.11.1920, Alzenau, Tochter von Julius 41

46 Hamburger, Sara, 4.3.1858, Fechenheim, Viehhändler-Witwe

47 Hamburger, Karolina, 19.3.1869, Alzenau, Ohne Beruf

48 Hamburger, Moritz, 8.10.1899, Alzenau, Manufakturwaren Händler

49 Hamburger, Rosa, 8.5.1902, Külsheim, Ehefrau von Moritz 48

50 Hamburger, Johanna, 21.3.1869, Dinkelsbühl, Manufakturwaren Händler-Witwe

51 Herzberger, Leopold, 19.2.1910, Karlsruhe, Bäcker

52 Herzberger, Meta, 23.12.1912, Alzenau, Ehefrau von Leopold 51

53 Nussbaum, Isaak, 10.12.1865, Vollmerz, Landwirtschaftlicher Produktions Händler

54 Nussbaum, Jonna, 24.9.1872, Mehringen, Ehefrau von Isaak 53

55 Oppenheimer, Simon, 13.8.1896, Elmshausen, Manufakturwaren-Händler

56 Oppenheimer, Selma, 25.5.1903, Alzenau, Ehefrau von Simon 55

57 Oppenheimer, Ilsa , 10.2.1930, Alzenau, Kind von Simon 55

58 Oppenheimer, Alfred, 12.6.1935, Alzenau, Kind von Simon 55

59 Oestrich, Bernhard, 12.11.1881, Alzenau, Vieh-und Schuhhändler

60 Oestrich, Babette, 22.2.1985, Biblis, Ehefrau von Bernhard 59

61 Oestrich, Josef , 8.10.1868, Alzenau, Viehhändler

62 Oestrich, Amalie, 6.8.1873, Alzenau, Ehefrau von Josef 61

63 Oestrich, Julius, 22.10.1906, Alzenau,Viehhändler Sohn von Josef 61

64 Rothschild, Klara, 16.4.1877, O. Mockstadt, Manufakturwaren-Händler-Witwe

65 Rothschild, Daniel, 16.2.1881, Hörstein, Manufakturwaren- Händler

66 Spies, Hermann,12.8.1885, Biblis, ohne Beruf

67 Schafheimer, Fanny, 13.5.1881, Alzenau, Bäckerwitwe

68 Schönmann, Leopold, 26.3.1902, Offenbach, Kaufmann

69 Schönmann, Silva, 2.9.1902, Alzenau, Ehefrau von Leopold 68

70 Schönmann, Herbert David, 15.1.1930, Alzenau, Sohn von Leopold 68

71 Steinhäuser, Moritz, 19.5.1887, O. Lauringen, Kaufmann

72 Stern, Elsa, 27.4.1923, Hochheim, Pflegekind bei Wechsler

73 Strauss, Julius, 12.10.1892, Sommerau, Manufakturwaren-Händler

74 Strauss, Rika , 16.6.1895, Alzenau, Ehefrau von Julius 73

75 Strauss, Adolf, 12.3.1921, Alzenau, Sohn von Julius 73

76 Strauss, Hermann, 24.4.1925, Alzenau, Sohn von Julius 73

77 Wechsler, Benzion, 10.3.1874, Schwabach, Judenlehrer

78 Wechsler, Sophie, 29.7.1879 Berlichingen, Ehefrau von Benzion 77

79 Weissmann, Max, 28.7.1903, Schöllkrippen, Metzger

80 Weissmann, Selma, 9.1.1906, Wörishofen, Ehefrau von Max 79

81 Weissmann, Siegmund, 15.7.1931, Schöllkrippen, Sohn von Max 79

82 Weissmann, Eugenie, 24.7.1864, Braunsfeld, Metzgerwitwe

Quellen: Stadt Alzenau (Hrsg.), Skizzen zur Geschichte der Juden in Alzenau, Wasserlos und Hörstein, Alzenau o.J.

Maschinenschriftliche Kopie eines Mitglieds des Alzenauer Geschichtsvereins

Manufakturwaren-Definition (Universal- Lexikon): Meterwaren, Textilwaren, die nach der Maßangabe des Käufers geschnitten und verkauft wurden

Juden

Jüdische Gedenkstätte vor dem Alzenauer Rathaus

Rede anlässlich des 55.Jahrestages der Reichspogromnacht am 9.November 1993 in Alzenau

Meine Damen und Herren!

Ich möchte am Anfang meiner Ausführungen aus einem antisemitischen Flugblatt, das wohl 1935 verfasst wurde, zitieren: “Wie lange noch liefert der grosse Judenfreund Metzgermeister Pflaum Fleisch in das Bezirkskrankenhaus? Bei einer Listensammlung (Mutter und Kind) gab er nichts. Seine Viehhäute liefert er nach wie vor an den Juden Lippmann. Wie lange noch kaufen hiesige Beamte besonders aus der Kunkelsrainstr. noch in auswärtigen Judengeschäften ein? Ist die Judenbäckerei Schafheimer ein besonderer Günstling? Dieser schleicht noch Nachts um 23 Uhr mit seiner für die ‘Goims’ zubereiteten Knatschware in den Häusern umher. Wie lange erlaubt sich die Judenbagasche noch die Frechheit, unsere schöne Hauckwald-anlage zu besudeln und die Bänke am Wasserloser Waldeck zu belagern?Wie lange glaubt die Judensippe noch am Schabbes in 6er Reihen durch unsere Strassenwatscheln zu dürfen? Warum wird des Emigranten Hotel des Schacher- und Watscheljuden Benzion Wechsler (Löffler) nicht ausgehoben und gesprengt? Wie lange werden hier noch jüdische Flüchtlinge beherbergt? Bemerkt man nicht das ständige Kommen und Gehen der Plattfuss-Indianer in diesem Haus? Z- Zt. mit ca. 15 Hebräern belegt!!!”

Sehr aktuell an diesen Zeilen wirkt die rhetorische Frage nach der Beherbergung von Flüchtlingen; wie damals sind sie auch heute vielen ein Dorn im Auge. Noch war der Höhepunkt der antisemitischen Ausschreitungen nicht erreicht, doch schon Jahre vorher mehrten sich die Zeichen, dass Nationalisten Schlimmes mit den Juden vorhatten. So war es im August 1933 in Hörstein zu schweren Mißhandlungen von drei ortsansässigen Juden durch SS-Leute gekommen. Den Tätern wurde damals vom Bezirksamt bestätigt, ihre Opfer „in geradezu viehischer Weise mißhandelt zu haben.“ Die SS-Täter kamen zwar aus Aschaffenburg, sie wurden jedoch von Gesinnungsgenossen aus Hörstein instruiert. Zwei Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung erhielt einer der Täter. Später zählte er zu den Mördern eines Juden in der Aschaffenburger „Reichskristallnacht“.

Zu Synagogenschändungen kam es in Hörstein im April und Mai 1936, als Fenster eingeschlagen wurden.Weitere Vorgänge belegen, daß in dieser Zeit antisemitische Handlungen deutlich aggressiver wurden. Nach der Schändung des Hörsteiner Friedhofes Anfang des Jahres wurde dem Alzenauer Viehhändler Hamburger im Dezember 1936 die Verglasung der Haustüre zertrümmert. Am Abend des 1. Mai 1938 zogen 100 Personen vor das Geschäft des Juden Hugo Hamburger, der ein Nachthemd verkauft hatte, und schrien: „Raus muß der Jud, der Strinker, der Schänder des nationalen Feiertags.“ Im Oktober dieses Jahres kam es zu neuen Sachbeschädigungen von Privathäusern und Schändungen von Synagogen in Alzenau, Hörstein und Schöllkrippen. Auf Hörsteins Straßen hörte man kurz vorher die Drohung „Schneidet den Juden die Hälse ab.“

Wie verhielt sich nun die Bevölkerung diesen Handlungen gegenüber? Ein Polizist teilte dazu dem Bezirksamt mit: „All diese Vorfälle werden von einem großen Teil der Bevölkerung von Alzenau als unangebracht bezeichnet, und zwar nicht der Juden wegen, sondern weil eben dadurch Volkswerte vernichtet und dabei auch Ruhestörungen begangen wurden.“

Nach Zeugenaussage einer ortsansässigen Jüdin spielte sich in der „Reichskristallnacht“ in Alzenau folgendes ab: SA-Männer drangen in die Synagoge ein und „schlugen alles kurz und klein.“ Ferner wurden Kultgegenstände zerstört, Thorarollen und Gebetbücher zerrissen sowie in der Wohnung eines Juden die Betten aufgeschlitzt und der Herd zum Fenster hinausgeworfen. – Die Synagoge in Schöllkrippen wurde am Morgen des 10. November von Aschaffenburger SA-Leuten in die Luft gesprengt. In Hörstein wurden viele Juden, die nicht fliehen konnten, von Rechtsradikalen zusammengeschlagen.. Den Plan, die Synagoge anzuzünden, ließ man wieder fallen, weil die Gefahr zu groß war, daß das Feuer auf umliegende Wohnhäuser übergreifen könnte. Festgenommen wurden sowohl Alzenauer als auch Schöllkrippener Juden, von ersteren wurde Benno Strauß in das KZ Dachau verbracht. Mit der „Reichskristallnacht“ verbunden war eine Welle von Arisierungen, auch „Entjudungen“ genannt, in Schöllkrippen waren es 21, in Hörstein 56. Juden mußten ihren Besitz weit unter Wert verkaufen. Die danach folgende Katastrophe soll hier nicht Gegenstand der Betrachtung sein.

Manche werden sich jetzt denken, was das alles soll. Müssen die alten Geschichten immer wieder aufgerührt werden? Kann das Vergangene nicht ruhen?

Ich finde, man darf das Vergangene nicht auf sich ruhen lassen. Ein bedeutender Dichter hat einmal gesagt: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“ Judenfeindschaft ist und war eine Variante des Fremdenhasses. Dieser ist heute virulenter denn je. Einige Zahlen sollen dokumentieren, daß für rechtsradikale Gewalt, die aus diesem Fremdenhaß hervorgeht, in den letzten Jahren ein enormer Anstieg zu verzeichnen war. Von 1990 auf 1991 stieg die Zahl rechtsradikal motivierter Gewalttaten auf 1.500. Im vergangenen Jahr wurden 2.285 dieser Gewalttaten gezählt, 17 Tote mußten beklagt werden, wobei die wirkliche Zahl wahrscheinlich höher liegt. Die übergroße Mehrheit der Tatverdächtigen war jünger als dreißig Jahre- Einzeltäter ohne Rückhalt in der Gesellschaft der Bundesrepublik, so werden jetzt einige meinen feststellen zu müssen. Dem widerspricht, daß viele Deutsche enorme Schwierigkeiten haben, sich vorzustellen, mit Menschen, die nicht hier geboren sind, aber schon lange hier leben und arbeiten, zusammenzuleben. „Deutschland den Deutschen“ – diese Parole scheint nach wie vor viele schlichte Gemüter zu überzeugen. So kommt INFAS kurz nach den Ereignissen von Rostock zu dem Ergebnis, daß 51 Prozent der Befragten dieser Aussage zustimmen. Auch Umfrageergebnisse zu ähnlichen Themen dokumentieren, daß rechtsextreme Gewalttäter nicht isoliert in der Gesellschaft sind. 37 Prozent der Deutschen sind demnach der Meinung, daß „die Deutschen sich im eigenen Land gegen die Ausländer wehren müssen.“ 26 Prozent stimmen der Parole „Ausländer raus“ zu. Nach dem Brandanschlag von Mölln gingen die Zahlen nach unten, doch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Deutschen sympathisiert offensichtlich mit völkischem Denken. Ebenso bedrücken wirken die Fakten eine IBM-Jugendstudie 1992. Danach kann fast ein Drittel der Heranwachsenden als „konsequent ausländerfeindlich oder zumindest anfällig für fremdenfeindliche Gedanken“ eingestuft werden.

Wieviel harscher Kritik aus dem In- und Ausland bedurfte es, um gegen die rechtsradikalen Ausschreitungen und Auswüchse eine mittlerweile etwas härtere Gangart des Staates durchzusetzen? Wer erinnert sich nicht an die Ereignisse von Rostock, als es durch unterbliebene Hilfe der Sicherheitskräfte nur zufällig vermieden wurde, daß Dutzende Vietnamesen den Flammentod erlitten?

In den Berichten über die Ereignisse aus den 30er Jahren vermißt man die Personen, die sich schützend vor die Juden stellten, was sicherlich in der damaligen Diktatur risikoreicher war, als es heute ist. Gegenwärtig sind es mehr geworden, die sich mit Fremden solidarisieren – Zeichen sind die vielen Demonstrationen, Lichterketten und Mahnwachen. Sie bilden ein Gegengewicht gegen die vielen Gleichgültigen, die in etwa so denken, wie Teile der hiesigen Bevölkerung damals. Daß rechtsradikale Einstellungen, die wie die Umfragen beweisen, latent oder manifest vorhanden sind, nicht überhand nehmen, hängt auch davon ab, ob es gelingt, wirksame Konzepte gegen Arbeitslosigkeit und soziale Perspektivlosigkeit zu entwickeln. Schon einmal scheiterte eine Demokratie daran, daß zu der völkischen Grundeinstellung weiter Schichten eine schwere Wirtschaftskrise hinzukam, die für viele Elend bedeutete.

Lernfähige Demokraten müssen aus dem Erstarken rechtsradikaler Kräfte zudem die Konsequenz ziehen, das Wissen um die Vorgänge der Judenverfolgungen und später des Holocaust wachzuhalten. Es kann gar nicht oft genug festgestellt werden, wie zwangsläufig bestimmte antihumane Gesinnungen gegenüber Fremden zu Gewalt, Pogromen und Schlimmerem führten. Noch immer liegt beispielsweise keine zusammenfassende ortsgeschichtliche Darstellung der Juden in Alzenau und Umgebung vor, obwohl sie schon vor 5 Jahren in Auftrag gegeben wurde. Rechtsradikalem Denken und Handeln muß entschieden entgegengetreten werden. Verständnis wird von rechtsradikalen Tätern als Schwäche ausgelegt und führt zu noch mehr Gewaltakten. Rücksichtnahme auf rechtspopulistische Stammtischstimmungen wirkt sich verheerend auf die demokratische Kultur dieses Landes aus. In diesem Sinne Sinne mein Aufruf an alle Demokraten: Die Offensiven gegen rechtsradikales Denken und Handeln dürfen nicht erlahmen. Einmal Faschismus – das lehrt die Geschichte – reicht völlig.

Christian Schauer für den Ortsverband von Bündnis 90/ Die Grünen Alzenau


Die Reichspogromnacht im Raum Aschaffenburg und reichsweit

Gedenken an die Reichspogromnacht 2017. Vortrag am 9. November 2017 in Kahl am Main

Unmittelbar nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933 kam es am 11. März 1933 zum „Warenhaussturm“ in Braunschweig. Es handelte sich um eine Gewaltaktion gegen jüdische Warenhäuser- initiiert von der NS-Führung des Freistaates Braunschweig.

Am 1. April kam es zum reichsweiten Judenboykott. Es handelte sich um einen Boykott jüdischer Geschäfte, Warenhäuser, Banken, Arztpraxen, Rechtsanwalts- und Notarkanzleien, den das NS-Regime seit März 1933 plante und am Samstag, dem 1. April 1933 in die Tat umsetzte. Schon im 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 war die Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben geplant. Am 1. April 1933, einem Samstag, begannen die Aktionen um 10 Uhr – an einigen Orten schon am Abend vorher. Überall in deutschen Städten standen uniformierte, teils auch bewaffnete SA-, HJ- und „Stahlhelm“-Posten vor jüdischen Geschäften, Arztpraxen und Anwaltskanzleien und hinderten etwaige Kunden den ganzen Tag lang daran, diese zu betreten. Auf Schildern und Plakaten wurde gefordert: Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei(m) Juden! – Die Juden sind unser Unglück! – Meidet jüdische Ärzte! – Geht nicht zu jüdischen Rechtsanwälten!

Weiter ging es am 7. April 1933. Durch das Berufsbeamtengesetz und das Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft verloren im Jahre 1933 etwa 37.000 Juden ihre berufliche Existenz in Deutschland.

Mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 – auch als Nürnberger Rassengesetze bezeichnet – wurde die antisemitische Ideologie juristisch festgelegt. Sie wurden anlässlich des 7. Reichsparteitags der NSDAP am 15. September 1935 einstimmig vom Reichstag angenommen, der eigens zu diesem Zweck telegrafisch nach Nürnberg einberufen worden war. Die institutionalisierte Rassentrennung sah folgendermaßen aus. Das am 15. September 1935 erlassene Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre verbot eine Eheschließung von Juden und Nichtjuden sowie den außerehelichen Geschlechtsverkehr.

Mit dem Reichsbürgergesetz wurde eine besondere Art des Bürgers kreiert, der „Reichsbürger“. Die vollen politischen Rechte sollte nach diesem Gesetz allein der „Reichsbürger“ haben (§ 2 Abs. 3 Reichsbürgergesetz – RBG). Dieser müsse Staatsangehöriger „deutschen oder artverwandten Blutes“ sein und durch sein Verhalten beweisen, dass er „gewillt und geeignet ist, in Treue dem Deutschen Volk und Reich zu dienen.“ Das Reichsbürgergesetz hatte zur Folge, dass kein Jude mehr ein öffentliches Amt innehaben konnte. Kommentator der Rassen-Gesetze war Hans Globke (1898 bis 1973). Er wirkte federführend an der Vorbereitung der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz (14.11.1935) mit. Auch wurde die Einführung des Stempels „J“ in Pässe von Juden von Globke mit konzipiert. Formuliert wurden von ihm das Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen (5.1.1938) sowie die Ausführungsverordnungen dazu. Von 1953 bis 1963 leitete er das Bundeskanzleramt.

Die Gruppe der „jüdischen Mischlinge“ wurde unterteilt in „jüdische Mischlinge ersten Grades“ mit zwei jüdischen Großeltern und „jüdische Mischlinge zweiten Grades“ mit einem jüdischen Großelternteil. „Mischlinge ersten Grades“ galten nicht als „Mischlinge“, sondern als „Voll-Juden“.

Dabei kam es zu verwickelten Situationen, wenn sogenannte Mischlinge mit Deutschen verheiratet waren. So führte der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, am 13.9.1939 aus: „SS-Obersturmführer Mayr/Miesbach ist mit Frau Sigrid, geb. Magnusssen verheiratet. Sigrid Magnussen ist nach ihrer Abstammung zu einem Viertel jüdischen Blutes.

SS-Obersturmführer Mayr hat sich verpflichtet, keine weiteren Kinder mit seiner Frau zu erzeugen und weiß, daß die 3 vorhandenen Kinder niemals die Genehmigung zur Verheiratung mit einem SS-Angehörigen bekommen werden.

Ich habe genehmigt, daß Obersturmführer Mayr in der SS verbleibt.

Dieses Schriftstück ist mit den Anlagen verschlossen und versiegelt beim Personalakt des SS-Obersturmführers Mayr aufzubewahren.“

Am 17. August 1935 ordnete die Geheime Staatspolizei (Gestapo) die Einrichtung einer reichsweiten „Judenkartei“ an, um die deutschen Juden regional und lokal zu erfassen und damit zu überwachen.

Zu Anfang des Jahres 1938 waren der jüdische Einzelhandel und die freien Berufe schon weitgehend ausgeschaltet. Dagegen waren Großfirmen, Privatbanken und das jüdische Handwerk verhältnismäßig verschont geblieben.

Von Januar bis Oktober 1938 gab es im Deutschen Reich 769 „Arisierungen“. Darunter waren 340 Fabrikbetriebe und 370 Großhandelsfirmen.1

Juden mussten seit dem 23. Juli 1938 „Kennkarten“ bei sich tragen, seit dem 17. August gemäß der Namensänderungsverordnung die Zweitnamen „Israel“ (Männer) oder „Sara“ (Frauen) annehmen und seit dem 5. Oktober ihre Sonderausweise mit einem roten J (Judenstempel) abstempeln lassen.

Ebenfalls im Juli 1938 wurde den etwa 3.000 noch im „Altreich“ (Deutsches Reich ohne Österreich) praktizierenden jüdischen Ärzten die Ausübung ihres Berufes verboten. Im September dieses Jahres folgte das Berufsverbot für jüdische Rechtsanwälte.

Am 9. Oktober 1938 erließ Polen eine Verordnung, nach der die Pässe aller länger als fünf Jahre im Ausland lebenden Polen ohne Sondervisum eines zuständigen Konsulats am 30. Oktober ablaufen sollten. Das betraf vor allem bis zu 18.000 von geschätzten 70.000 polnischen, meist verarmten Juden, die vielfach illegal im Großdeutschen Reich lebten. Die deutsche Regierung stellte Polen daraufhin am 26. Oktober ein Ultimatum, die Rückkehrmöglichkeit dieser Staatenlosen zu garantieren, andernfalls werde man sie sofort ausweisen. Nach der erwarteten Ablehnung befahl die Gestapo allen Städten und Gemeinden einen Tag später, die Betroffenen sofort festzunehmen. In der Nacht zum 29. Oktober wurden sie aus ihren Wohnungen geholt, in Zügen und Lastwagen zur deutsch-polnischen Grenze abtransportiert und hinüber getrieben. Ein Teil kam in den nächsten Tagen bei jüdischen Gemeinden in Polen unter, etwa 7.000 Personen mussten aber in ein Flüchtlingslager marschieren, wo sie bis August 1939 interniert wurden. Im Januar 1939 durften sie vorübergehend in ihre deutschen Heimatorte zurückkehren, um ihre Geschäfte zu verkaufen und ihre Haushalte aufzulösen. Der Sachverhalt ging als „Polenaktion“ in die Geschichte ein.

Der Vorwand für das Pogrom war das Attentat des polnischen Juden Herschel Grynspan auf den deutschen Legationsrat Ernst vom Rath in Paris am 7.November 1938. Zwei Tage später starb vom Rath. Sein Motiv war die Empörung über die geschilderte „Polenaktion“. Betroffen waren seine Eltern und Geschwister.

An diesem 9. November nahm Hitler nach dem Gedenkmarsch für den Hitlerputsch 1923 an einem Essen bei einem Kameradschaftsabend der Parteiführung mit im Alten Rathaus in München teil. Dort erfuhr er vom Tod des Diplomaten vom Rath. Goebbels machte die „jüdische Weltverschwörung“ für das Attentat verantwortlich. Er ließ nach Abschluss der Gedenkfeier nachts Telegramme von seinem Ministerium aus an untergeordnete Behörden, Gauleiter und Gestapostellen im Reich aussenden. In einem an die SA-Stelle Nordsee hieß es:Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können … Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden … Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen…“

Festgenommen werden sollten laut Fernschreiben von Heinrich Müller, dem Chef des Geheimen Staatspolizeiamtes, 20.000 bis 30.000 Juden, in erster Linie wohlhabende.

Zahlen zur Reichspogromnacht: 2

Bezugszahl: ca. 550.000 standen unter Hitlers Herrschaft (1933 lebten 499.682 im Deutschen Reich

Ermordet/ Todesfälle: Mindestens 91 Juden (nach „Die Zeit“ vom 3.11.1978); weitere Hunderte von Toten nach Einlieferung in Konzentrationslager)

Schwerverletzte und Selbstmorde: 36 nach Vollzugsmeldung von Heydrich an Göring vom 11.11.1939, bzw. unbekannt, darunter 2 polnische Staatsangehörige

Vergewaltigungen: Mehrere Fälle /vom nationalsozialistischen Parteigericht als Verbrechen gewertet und den staatlichen Gerichten überstellt, da Verstoß gegen Hitlers Nürnberger Rassen-Gesetze von 1935

Synagogen niedergebrannt und/oder zerstört: Mindestens 267

Geschäfte zerstört und/oder geplündert: 7.500

Jüdische Friedhöfe verwüstet: Fast alle

Wohnhäuser in Brand gesteckt/ zerstört: Mindestens 177

Fensterscheiben eingeworfen: Zehntausende

Glasschäden: 6.000.000 Mark (=halbe Jahresproduktion der belgischen Glasindustrie)

Sachschäden: Mehrere hundert Millionen Reichsmark

Verhaftungen: rund 30.000 Juden, 7 „Arier“, 3 Ausländer – davon verschleppt 9.815 ins KZ Buchenwald, 10.911 ins KZ Dachau, 5.000 – 10.000 ins KZ Sachsenhausen

Sühne“-Forderungen an Juden („Kontribution“): 1 Milliarde Reichsmark – Beschlagnahme der Versicherungsansprüche von Juden zugunsten des Reichs und Übernahme der Kosten zur Wiederherstellung von Betrieben und Wohnungen

Nicht bei jedem stieß dieser Vandalismus auf Zustimmung. So meinte Göring am 12. November 1938: „Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und hättet nicht solche Werte vernichtet.“3

Neuere Schätzungen gehen davon aus, dass in der Pogromnacht ungefähr 400 Menschen ermordet wurden. Während der Tage nach dem Pogrom kamen weitere 400 Menschen ums Leben.4 Nach jahrelanger Forschungsarbeit fand das Synagogue Memorial … heraus, dass im Novemberpogrom in Deutschland 1.406 Synagogen und Betstuben niedergebrannt oder vollständig zerstört wurden. 5

Die Lagerhaft kostete Hunderte Menschenleben. In Buchenwald fanden nach Angaben der Lagerverwaltung 207 Juden den Tod, in Dachau starben 185 , die Opferzahl von Sachsenhausen ist unbekannt. Tausende der Überlebenden wurden schwer körperlich verletzt – so mussten im Jüdischen Krankenhaus Berlin später 600 erfrorene Gliedmaßen amputiert werden 6

Die meisten Inhaftierten wurden bis August 1939 wieder entlassen. Vorher mussten sie sich schriftlich zur Auswanderung bereit erklären. Vom Pogrom bis zum Kriegsbeginn verließen etwa 115.000 bis 120.000 Juden das Reich, fast so viele wie seit der „Machtergreifung bis zum 9. November 1938.7

Wo fanden die Ausgewanderten Aufnahme? „Die britische Regierung gewährte den Verfolgten nach der Kristallnacht großzügige Aufnahme. Von den rund 100.000 Juden, die zwischen November 1938 und dem Kriegsausbruch im September 1939 Deutschland verließen, erhielten 40.000 Asyl in Großbritannien, das außerdem nach etwa 20.000 Flüchtlinge aus Österreich und 10.000 aus der Tschechoslowakei aufnahm. Kein anderes Land kam damals den verfolgten und vertriebenen Juden in gleicher Weise zu Hilfe.“8

Ein-und Ausreisevisa bezog man häufig nur noch auf dem Schwarzmarkt. Zudem bedurfte es Kredite ausländischer Verwandter oder Beamtenbestechung.

Am 12. November 1938 wurde eine Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben beschlossen. Alle reichsdeutschen Juden sollten enteignet und aus dem Kulturleben entfernt werden. Das Deutsche Reich sollte „judenfrei“ gemacht werden. Göring schlug damals vor, den Juden eine „Judenvermögensabgabe“ von einer Milliarde Reichsmark als „Sühneleistung“ abzufordern. Grund: „eine feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk“. Zweck des Vorschlags, der allgemeine Zustimmung fand: „Sehr kritische Lage der Reichsfinanzen. Abhilfe zunächst durch die der Judenschaft auferlegte Milliarde und durch die Reichsgewinne bei der Arisierung jüdischer Unternehmen.“ (Göring in einem Vermerk an den Reichsversicherungsrat vom 18. November 1938).

Die „harte Sühne“ sollten für die Juden folgendermaßen aussehen: Verbot von Einzelläden, Gewerbe-und Handwerksbetrieben, Versandgeschäften, Bestellkontoren, Märkten, Messen, Ausstellungen, Werbung und Bestellannahmen.

Zudem wurde es verboten, Mitglied einer Berufsgenossenschaft zu sein.

Am 21. November 1938 kam die erste Durchführungsverordnung zum Einzug der „Sühneleistung“. Die Kontribution wurde aufgrund der Vermögensanmeldung vom 26. April 1938 von jedem Juden einzeln erhoben in Form einer zwanzigprozentigen Abgabe von der Vermögenssumme. Sie war in vier Teilbeträgen bis zum 15. August 1939 zu zahlen. Im Oktober 1939 wurde die Abgabe auf 25 % des angemeldeten Vermögens erhöht. Begründung: der Betrag von einer Milliarde Reichsmark sei nicht erreicht worden. Letztlich brachte die Kontribution 1,127 Milliarden Reichsmark ein.9

Eine weitere Schikane: Am 14. November ordnete der damalige Reichserziehungsminister, Bernhard Rust, an, dass jüdische Schüler sofort aus deutschen Schulen entlassen werden müssten. Vorher, am 12. November 1938, wurde gegenüber den Juden ein Verbot der Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen ausgesprochen.

Waren die Ausschreitungen spontan? Der Gauleiter von Franken, Julius Streicher, gab in einem Memorandum vom 14. März 1939 die Antwort: „Die antisemitische Aktion vom November 1938 ist nicht spontan aus dem Volke gekommen … Ein Teil des Parteiapparates war mit der Durchführung der antisemitischen Aktion beauftragt worden.“

Reichspogromnacht regional

Die Reichspogromnacht in Alzenau

Etwas lapidar kann zusammengefasst werden, dass auch in Alzenau sie Synagoge schwer beschädigt wurde. Mit einem Beil wurde gegen die jüdischen Kulturdenkmäler vorgegangen.Zerrissen wurden Thora und Gebetsbücher. Im 1.Stock wurde die Hausmeisterwohnung demoliert – die Betten wurden aufgeschlitzt und der Küchenherd zum Fenster hinausgeworfen.

Lesen wir die Zeugenaussage von Meta Bachrach- Tochter von Ferdinand Hamburger–im Spruchkammerverfahren vom 6.11.1946 “An die Spruchkammer Alzenau”:

“Hier ist es so wie ich es erlebt habe-Als Zeuge und victim mache ich folgende Angaben.

Am 10. November als mein Vater in die Synagoge kam die gleich neben unserem Hause war, war dieselbe demoliert und das Almemor sowie auch der Aron Hakodesch angehackt mit einem Beil etc. Ich sah es selbst. Dieses geschah in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Während des Tages zogen Horden von Nazis vor unser Haus und der Synagoge auf. …In der Synagoge wurde alles kurz und klein geschlagen auch bei Ferdinand Hamburger wobei sie sogar die Betten aufschlissen und den Herd zum Fenster hinaus wurfen. …

Die Sefer Thora verrissen sie auf der Strasse und in dem Wege zwischen Pflaum und uns war ein richtiges Papiermeer von zerrissenen Thoras und Gebetbüchern.“

Einer Person wurde nachgewiesen, schon vor dem 10. November 1938 im Haus Bachrach öfters die Fensterscheiben eingeworfen zu haben.

Mit dem Begriff “Sefer Thora” sind Thorarollen gemeint, “Almemor” ist ein erhöhter Platz in der Synagoge für die Verlesung der Thora. Aron Hakodesch ist die hebräische Bezeichnung für den Thoraschrein (oder auch „heiligen Schrein“). Es ist der Schrein, in dem die Thorarollen in der Synagoge aufbewahrt werden.

Im Monatsbericht des Leiters des Bezirksamts vom 30.12.1938 heißt es zu den Folgen der Reichspogromnacht: „Die Stimmung der Bevölkerung kann im allgemeinen als gut bezeichnet werden, doch nehmen weite Kreise an dem eigennützigen Gebahren mancher führender Persönlichkeiten Anstoß, die die Arisierung des jüdischen Besitzes dazu benützen, um sich in ganz unzulässiger Weise zu bereichern. So hat ein Ortsgruppenleiter einen auf mindestens 2000 RM gewerteten Personenkraftwagen dem jüdischen Vorbesitz um 600 RM ‚abgekauft‘, ein anderer hat -natürlich ohne jede Befugnis- die Hauseinrichtung abwandernder jüdischer Familien ‚beschlagnahmt‘ und sich und seiner Verwandtschaft zugewiesen usw. Daß unter solchen Verhältnissen das Ansehen von Partei und Staat leiden muß, bedarf keiner weiteren Begründung. Es wäre sehr zu wünschen, daß solche Nutznießer der Judenaktion wenigstens zu einer kräftigen Abgabe an das Reich herangezogen würden.“

Reichspogromnacht in Hörstein

In der Nacht vom 9. auf den 10.November randalierten Hörsteiner SA-Leute vor mehreren jüdischen Anwesen. Manchmal drangen sie auch ein.Betroffen war das Haus von Hermann Rothschild, der angsterfüllt flüchtete. Die Eindringliche suchten „Schuldsteine“. Zudem beschädigten sie die Einrichtung und misshandelten sie die Bewohner. Als Julius Hamburger überdimensional geschlagen wurde, rief seine Frau:“Laßt ihn gehen, ihr schlagt ihn tot!“ Die Schreie wurden von Zeugen vernommen, die sich aber nicht dafür interessierten. Von Misshandlungen war auch Leopold Rothschild betroffen. Ein SA-Führer erteilte jüdischen Anwohnern Ausweisungsbefehle. Ob die Synagoge beschädigt wurde, konnte nicht zweifelsfrei festgestellt werden.

Sonstige jüdische Gemeinden im Kreis Aschaffenburg

Goldbach

Die Synagoge wurde 1818 erbaut und 1938 innen zerstört, 1942 wurden die Goldbacher Juden in die Vernichtungslager transportiert

Großostheim

Hier wurde die Synagoge 1751 erbaut. 1938 wurden die Synagoge und die Mikwe beschädigt. Die Kultusgemeinde erlosch 1942.

Kleinostheim

Hier bestand von 1692 (?) bis 1875 eine Kultusgemeinde

Schöllkrippen

Die Synagoge entstand 1826, die Kultusgemeinde existierte bis 1938. In diesem Jahr wurde die Synagoge geschändet und angezündet. Am Morgen des 10. November wurde die Synagoge von Aschaffenburger SA-Leuten in die Luft gesprengt. Jüdische Häuser und Geschäfte wurden verwüstet. 1934 wurden in den Straßen, in denen hauptsächlich Juden wohnten, SA- Kampflieder gesungen („Wenn’s Judenblut ans Messer spritzt“). Die Bevölkerung wurde zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen. Wenige Monate nach der Zerstörung der Synagoge in Schöllkrippen meldete der damalige Bürgermeister Valentin Kraus, dass der Ort als einer der ersten in Unterfranken „judenfrei“ sei.10 Eine jüdische Gemeinde gab es damit nicht mehr. Achtzehn jüdische Bürger wurden deportiert und in Konzentrationslagern ermordet, einer kehrte aus dem KZ Theresienstadt in seinen Heimatort zurück. Bemerkenswert an Schöllkrippen ist, dass die Aneignung der jüdischen Anwesen schon vor der Reichspogromnacht geplant war. Bei der Gedenksteineinweihung vom 9.11.1988 führte der damalige Bürgermeister Karl-Peter Seitz nach der Lektüre des Gemeinderatsprotokolls vom 6.10.1938 aus: „ … Der damalige Bürgermeister hat aufgrund der Beratung im Gremium am gleichen Tag verfügt: … Die Synagoge wird von der Gemeinde erworben und zum Spritzenhaus umgebaut. Haus Neumann ist geeignet für HJ-Heim, Haus Gustav Maier zur Straßenverlegung, Haus Isaak Strauß zum Rathaus und Haus Louis Strauss wird zum Kindergarten eingerichtet – Hier muss man bedenken, dass die Betroffenen seinerzeit noch in Schöllkrippen wohnten und ihre Häuser, ihr Vermögen noch nicht aufgeben mussten. Diese Erkenntnis, die ich aus dem Protokollbuch des Marktes entnommen habe, hat mich unwahrscheinlich betroffen und nachdenklich gemacht.“11

In Zusammenhang mit dem Judenpogrom befanden sich 1938 folgende Juden im Gerichtsgefängnis in Alzenau: Hugo Hamburger, Dina Hamburger und Simon Oppenheimer (Anfang Mai „zum eigenen Schutze“). Nach der Reichspogromnacht: Salomon Maier, Wilhelm Neumann (Schöllkrippen), Gustav Maier (Viehhändler Schöllkrippen), Leo Maier (Viehhändler Schöllkrippen), Benno Strauß (Viehhändler Schöllkrippen), Heinrich Freudenthal (Händler Alzenau), Josef Hamburger (Viehhändler Alzenau), Ludwig Feldmann (Händler Alzenau), Moritz Steinhauser (Handelsvertreter Alzenau) und Julius Hamburger. Die Haftdauer betrug überwiegend etwa eine Woche, einmal etwa zwei und einmal etwa drei Wochen. Die Verhaftungen erfolgten nahezu alle auf Weisung der Gestapo Würzburg und Aschaffenburg.

Aschaffenburg

In Aschaffenburg zündeten in der Nacht vom 9. auf den 10.November 1938 SA-Trupps gegen ein Uhr morgens die Synagoge an und hinderten die Feuerwehr daran, den Brand zu löschen. Sie brannte bis auf die Grundmauern nieder, die Abrisskosten wurden der jüdischen Gemeinde in Rechnung gestellt. SA-Männer demolierten zahlreiche Geschäfte, das Restaurant „Kulp“ in der Weißenburger Straße wurde restlos zerstört. Der Getreidehändler Alfons Vogel wurde niedergeschossen. Er starb an seinen Verletzungen. 20 jüdische Männer wurden in „Schutzhaft“ genommen, sieben von ihnen nach Dachau deportiert.12

Allgemeine Einschätzung der Reichspogromnacht

Mit der Reichspogromnacht wurde ein neuer Abschnitt der Judenverfolgung erreicht. Es war der Übergang von der systematischen Diskriminierung zum Vandalismus – dem gewollten Pogrom. Dass diese Entwicklung nicht der Endpunkt war, wissen wir alle. Der renommierte Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz ordnet die Ereignisse wie folgt ein: „Der Pogrom … markierte die Wende. Mit keinem andern Ereignis hat das NS-Regime so zynisch demonstriert, daß es auch auf den Schein rechtsstaatlicher Tradition nun keinen Wert mehr legte. Antisemitismus und Judenfeindschaft, wie sie als Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie schon immer propagiert worden waren, schlugen jetzt um in die primitiven Formen physischer Gewalt und Verfolgung. Die ‚Reichskristallnacht‘ bildete den Scheitelpunkt des Wegs zur ‚Endlösung‘ zum millionenfachen Mord an Juden aus ganz Europa.“13 Eine andere Einordnung sieht einen gezielten umfassender Angriff des Regimes auf die noch vorhandenen moralisch-ethischen Grundlagen und Reste eines rechtsstaatlichen Bewusstseins der Deutschen.

Heutige Entwicklung

Aktuell feiert eine Partei den Einzug in den Bundestag als drittstärkste Kraft, die einen klaren Trennungsstrich zu dieser Zeit nicht ziehen will. „Wir Deutschen sind das einzige Volk, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“, sagte der AfD-Vorsitzende von Thüringen, Björn Höcke, im Januar 2017 in Dresden. AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland hat vor kurzem einen Schlussstrich unter die Nazi-Vergangenheit und eine Neubewertung der Taten deutscher Soldaten im zweiten Weltkrieg gefordert. In einer Rede vor Anhängern sagte Gauland am 2. September bei einem „Kyffhäuser-Treffen“ der AfD in Thüringen, kein anderes Volk habe „so deutlich mit einer falschen Vergangenheit aufgeräumt wie das deutsche“. Mit Blick auf die NS-Zeit von 1933 bis 1945 fügte Gauland hinzu: „Man muss uns diese zwölf Jahre nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr. Deshalb haben wir auch das Recht, uns nicht nur unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen.“ Weiter führte er aus: Wenn Franzosen und Briten stolz auf ihren Kaiser oder den Kriegspremier Winston Churchill seien, „haben wir das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“.

Die hier zu Tage tretende Geschichtsvergessenheit ist nicht hinzunehmen. Die zwölf Jahre der NS-Herrschaft müssen ein abschreckendes Beispiel für Inhumanität bleiben. Nicht nur in Deutschland, auch in anderen Teilen der Welt nimmt der völkische Nationalismus zu, zum Beispiel in Ungarn und Polen. Auch der amerikanische Präsident, Donald Trump, hat mit Völkerverständigung nichts am Hut. Deswegen gilt es, Kurs zu halten und den nationalistischen Trend entschieden zu bekämpfen.

Christian Schauer

Gedenken Reichspogromnacht 2017 Kahl

Reichspogromnacht Gedenken in Kahl am 9.11.2017 Foto privat

Literatur:

Walter H. Pehle (Hrsg.): Der Judenpogrom 1938. Von der „Reichskristallnacht“ zum Völkermord, Frankfurt am Main 1988

Heinz Lauber, Judenpogrom „Reichskristallnacht“ November 1938 in Großdeutschland, Gerlingen 1981

Micha Brumlik/ Petra Kunik (Hrsg.), Reichspogromnacht . Vergangenheitsbewältigung aus

jüdischer Sicht, Frankfurt am Main 1988

Stadt Alzenau (Hrsg.), Skizzen zur Geschichte der Juden in Alzenau, Wasserlos und Hörstein, Alzenau o.J. (Text: Peter Körner)

Helmut Winter, Die Reichskristallnacht im Bezirk Alzenau, in: Unser Kahlgrund Heimatjahrbuch 1989, S. 198 -203

„Es waren unsere Mitbürger…“ Gedenkstein an die Schöllkrippener Synagoge übergeben, in „Der Heimatbote“ vom 10.11.1988

Juden im Raum Aschaffenburg: Denken an eine Minderheit nicht verdrängen, in Main-Echo vom 12.2.1993

„Am 9.November ging unser Vertrauen in Flammen auf“, in Main-Echo vom 12.11.1996

Manuskript anonym, Juden in Alzenau und Umgebung, Alzenau 1986

https://de.wikipedia.org/wiki/Novemberpogrome_1938#Die_Nacht_vom_9._auf_den_10._November_1938

https://de.wikipedia.org/wiki/Herschel_Grynszpan

https://de.wikipedia.org/wiki/Polenaktion

https://de.wikipedia.org/wiki/Judenkartei

https://de.wikipedia.org/wiki/Arierparagraph

http://www.faz.net/aktuell/politik/bundestagswahl/afd-alexander-gauland-relativiert-verbrechen-der-wehrmacht-15199412.html

http://www.kurtgumpel.de/lebenslauf-kurt-gumpels/massnahmen-gegen-juden.html

1Vgl. Walter H. Pehle (Hrsg.): Der Judenpogrom 1938. Von der „Reichskristallnacht“ zum Völkermord, Frankfurt am Main 1988, S. 106

2Heinz Lauber, Judenpogrom „Reichskristallnacht“ November 1938 in Großdeutschland, Gerlingen 1981, S. 123 f.

3Micha Brumlik/ Petra Kunik (Hrsg.), Reichspogromnacht . Vergangenheitsbewältigung aus jüdischer Sicht, Frankfurt am Main 1988, S.23

5Ebd.

7Pehle, a.a.O. S. 116 u. S.139

8Lauber, a.a.O., S. 198

9Vgl. Pehle, a.a.O. S.115

10Arbeitskreis Jüdisches Leben in Schöllkrippen (Hrsg.), Stolpersteine zum Gedenken an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Schöllkrippen, Schöllkrippen o.J., S. 3

11Ebd., S.24

12 Juden im Raum Aschaffenburg: Denken an eine Minderheit nicht verdrängen, in Main-Echo vom 12.2.1993

13 Wolfgang Benz: Der Holocaust 6. Auflage, München 2005, S.26

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Dokumente zur Geschichte der Juden in Gunzenhausen

The New York Times 29. (?) März 1934

Deaths Of Two Jews Laid to Nazi Raiders

One Dies of Four Knife Wounds in Bavarian Village, Other Ends life by Hanging

Berlin. March 28 (AP). – A violent anti-Semitic demonstration at Gunzenhausen in Bavaria was reported today to have resulted in the deaths of two Jews, one committing suicide by hanging and the other dying from four knife wounds.

Eleven Jews were arrested during the demonstrations reported to have been staged by Nazi storm troopers Sunday after a Jew expectorated on a troopers’s uniform. All those arrested were released later.

The two victims were Jacob Rosenfelder, who hanged himself after the demonstration, and Max Rosenau, who was found dead in his room.

The demonstration was said to have been carried out by the local storm troopers against the protests of local police and authorities.

The newspaper Fraenkische Tageszeitung printed an editorial Saturday, the day before the demonstration, which said:

Tell me from whom you are buying and I will tell you what you are.“

It was reported today that villages of Upper Franconia, Bavaria, were stopping merchant carts at the entrances of the towns, determining wheter the merchants were Jewish before permitting them to pass.

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Geschichte des Hauses Hafnermarkt 13 – einst jüdisches Ritualbad

Gunzenhausen

Gedenktafel am Haus Hafnermarkt 13

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Veröffentlicht 1. März 2013 von schauerchristian in Alzenau und Gunzenhausen in der NS-Zeit

Carl Diem Debatte in Alzenau

Diem Resümee für Alzenau

Mitte August 2017 wurde bekannt, dass der Antrag auf Umbenennung der Carl-Diem-Straße erneut abgelehnt wurde.

Die Alzenauer Grünen erinnerten in ihrem Antrag vom März 2017 an Reinhard Appel (1927- 2011). Der ehemalige Chefredakteur des ZDF war Augenzeuge des Diem – Auftrittes. Am 18. März 1945 hatte Diem bei einer Rede auf dem Berliner Reichssportfeld Hitlerjungen und Volkssturm auf- gefordert, bis zum Tod weiterzukämpfen. Dabei verglich er das letzte Aufgebot an Vaterlandsverteidigern mit den Spartanern und zitierte ein Lied mit der Eingangszeile:“Schön ist der Tod…“  Reinhard Appels Vorwurf: Diem habe seine Autorität genutzt, »um Jugendliche wie ihn damals in den Kugelhagel zu schicken.« Die Atmosphäre im Kuppelsaal sei vergleichbar gewesen mit der im Sportpalast bei der Goebbels-Rede zum ‚totalen Krieg‘. Für die Fraktionssprecherin von Bündnis 90/ Die Grünen Claudia Neumann war klar: »Carl Diem kann in der heutigen Zeit nicht mehr als Vorbild gesehen werden.“

Der Antrag der Grünen wurde nicht zur Abstimmung gestellt. Das verhinderte ein Geschäftsordnungsantrag, den Bürgermeister Alexander Legler (CSU) begründete. Argumentiert wurde, dass eine Entscheidung des Stadtrates aus 2003 (für die Beibehaltung des Namens) nicht umgestoßen werden dürfe, da sich seither kein neuer Sachverhalt ergeben habe. Ein neuer Sachverhalt wäre nach Auffassung Leglers, wenn es neue historische Erkenntnisse gäbe.
Der Alzenauer Stadtrat ließ 2003 die Aussage protokollieren, dass die Einschätzung zur Person von Carl Diem »nicht eindeutig« sei. Daran habe sich nichts geändert. 2003 hatte die Deutsch-Ausländische Gesellschaft Alzenau zum zweiten Mal beantragt, die Straße umzubenennen. Beim ersten Mal 1995/1996 war es der Ortsverband der Grünen.

Michael Müller vom Main-Echo würdigte in seinem Kommentar die vorbildliche Erinnerungskultur Alzenaus und sah es als vorbildlich an, dass Hetzern kein Raum gelassen wurde. Er fuhr fort:“Doch Carl Diem war zweifellos einer dieser Hetzer, einer dieser Hass- und Zwietrachtsäer. Wie muss man ticken, wenn man in einem verlorenen Krieg Mitte März 1945 Jugendliche zu einem ‚finalen Opfergang‘ aufruft? Zu dem Diem selbst offenbar nicht bereit war. Er machte noch schön seine Nachkriegskarriere, während viele seiner jungen Zuhörer nicht mehr am Leben waren.
Diesen Mann sollte man nicht ehren – nicht einmal »nur« mit einer nach ihm benannten Straße. Das Ganze passt nicht zusammen, es passt nicht zu Alzenau.
Es mag ja verständlich sein, wenn Anlieger keine Umbenennung wollen. Dazu sei gesagt: In der Nachbarkommune Freigericht sind zigfach Straßen umbenannt worden, um Mehrfachnennungen in den Ortsteilen zu vermeiden. Dieser Vorgang ging viel geräuschloser und unspektakulärer vonstatten, als die Kritiker (die ihren Straßennamen behalten wollten) zuvor gedacht hätten. Es war letztlich kein Problem. Natürlich wäre es möglich gewesen, einen »neuen Sachverhalt« gelten zu lassen – der neue Wohnkomplex an der Carl-Diem-Straße ist ein solcher. Ich halte es in diesem Punkt mit den Alzenauer Grünen: Eine historische Chance ist vertan.“

Dass es so kommen würde, deutete sich bereits Anfang Juli 2017 an. Bürgermeister Alexander Legler (CSU) überraschte mit der Ankündigung, das Thema in der Augustsitzung des Stadtrates behandeln zu wollen – allerdings gänzlich anders, als es die Grünen erwartet hätten: Legler will beantragen, dass der grüne Antrag nicht behandelt wird. Der Grund: Alzenaus Stadtrat habe bereits über die Abschaffung des Namens entschieden – und die Abschaffung abgelehnt. Dieser Beschluss sei gültig und habe Bestand.

Christian Schauer wies in einem Leserbrief kurz darauf auf die Entwicklung in anderen Kommunen hin. „Der Tatsache, den Antrag auf Umbenennung der Carl-Diem-Straße nicht behandeln zu wollen, widerspricht die Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland seit 2003. In diesem Jahr war ein derartiger Antrag in Alzenau zuletzt gestellt worden.
Seither sind viele Städte dazu übergegangen, Carl-Diem-Straßen, -wege und -hallen umzubennen. Diems Wirken wurde von Kommunalpolitikern kritischer gesehen. Städte wie Aachen (2007), Köln (2007/2008), Neuss (2009), Grevenbroich (2010) und Münster (2010) haben bereits Carl-Diem-Straßen und -Wege umbenannt und somit ein deutliches Zeichen der Distanz zu diesem braunen Sportfunktionär gesetzt. Die einst am Carl-Diem-Weg gelegene Deutsche Sporthochschule in Köln scheiterte 2008 vor Gericht mit dem Versuch, die Umbenennung der Straße in „Am Sportpark Müngersdorf“ zu verhindern. In seiner Geburtsstadt Würzburg wurde eine historische Entscheidung gefällt. Eine Sporthalle ist seit 2004 nicht mehr nach Carl Diem benannt.

Eine überzeugende Argumentation führte ein Kommunalpolitiker in Pulheim (Nordrhein-Westfalen) an, wo es 2009 auch zu einer Umbenennung kam: ‚Ich bin schockiert, das wir die Frage des ‚ob‘ hier überhaupt noch diskutieren müssen. Gegen das Leid, das dieser Mensch verursacht hat, die Änderungskosten für einen Briefkopf zu setzen, ist zynisch‘.

Eine der letzten Umbenennungen fand 2014 in Alsdorf statt. In den Aachener Nachrichten hieß es dazu abschließend: ‚Damit ist auch in Alsdorf vollzogen, was in anderen Städten bereits geschah. Dieser Prozess war zuletzt von allen Parteien unterstützt worden.‘

Alzenau stellt sich bisher als ziemlich einzigartig dar, was die Einschätzung von Carl Diem betrifft. Das muss nicht so bleiben.“

Mitte März wies er auf die NS-Verstrickung Carl Diems hin:Diems extremer Nationalismus und Militarismus zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben: Schon 1931 führte er in der Heeressportschule Wünsdorf folgendes aus: „Vom Standpunkt der Wehrgesinnung gilt es noch ein letztes zu beachten: Sporteinigkeit. Der nächste Krieg wird nicht mit den Kriegsfreiwilligen gewonnen, sowenig wie es im Weltkrieg möglich war, er ruht vielmehr auf dem Wehrwillen der Wehrflauen.“ Nach der Machergreifung 1933 war Sport für ihn „eine weihevolle Tätigkeit“ und „ein Dienst am Vaterland“.

Im Festspiel-Entwurf für das Deutsche Turn- und Sportfest 1938 in Breslau äußerte er seinen romantischen Militarismus: „Allen Spiels heil’ger Sinn, Vaterlandes Hochgewinn – Vaterlandes höchst‘ Gebot in der Not, Opfertod!“

Eine führerzentrierte Skidemonstration entwarf Diem 1940. Höhepunkt sollte eine „Gefechtsfeldübung der Wehrmacht“ und eine Hitleransprache sein. Sein Wunsch, Sportregimenter für die Blitzkriegskonzeption aufzustellen, scheiterte am Widerstand der SA. In einem Memorandum von 1941 begründete er die Beibehaltung weltumspannender olympischer Spiele wir folgt: „ Ich meine aber, daß man den Herrenstandpunkt der überlegenen Rasse nur dann auf Dauer durchhält, wenn auch eine körperliche Gesundheit und Kraft dahinter steht, und darum sehe ich in den Spielen für Europa genau das, was Coubertin in ihnen für Frankreich gesehen hat: die immer wiederkehrende Prüfung im härtesten Feuer und der stachelnde Anreiz, es den besten aller Völker gleichzutun. Wir wollen Weltspiele, weil wir der Welt zeigen wollen, was wir können!“

In einer Rede auf dem Reichsssportfeld vom 18. März 1945 zitierte er den Satz des griechischen Dichters Tyrtaios (7. Jahrhundert vor Christus): „Schön ist der Tod, wenn der edle Krieger für das Vaterland fällt.“

Dass Diem seine Rolle in der NS-Zeit in der Nachkriegszeit öffentlich bereut hat, ist nicht bekannt.

Angefangen hatte die Debatte Mitte März 2017. In einer Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses wurde beschlossen, das Bauleitplanverfahren für das ehemalige Gärtnerei Huth Gelände unter der neuen Bezeichnung »An der Carl-Diem-Straße« fortzuführen. Stadtrat Otto Grünewald (CSU) ist Anlieger dieser Straße. Er störte sich nicht an dem Bauprojekt in der Nachbarschaft. Doch nahm er das laufende Genehmigungsverfahren zum Anlass, auf ein »dauerhaftes Ärgernis« hinzuweisen. Seine Familie und andere wollten nicht länger in einer Carl-Diem-Straße wohnen.

Ende Juni 1996 war der Antrag mit folgender Begründung abgelehnt worden (Main-Echo vom 27.6.1996):“Keine neue Diskussion gab es zum Antrag der Grünen auf Umbenennung der Carl-Diem-Straße im Stadtteil Michelbach. Der Sportfunktionär war bereits bundesweit in die Kritik geraten, weil er während der NS-Zeit mit etlichen Äußerungen aufgefallen war. Der Stadtrat folgte mehrheitlich der Empfehlung des Kulturausschusses und ließ es bei der bisherigen Bezeichnung der Straße in Michelbach. Dabei beriefen Kulturausschuss und Stadtratsplenum sich auf ein Gutachten von Professor Teichler, das das Lebenswerk von Carl Diem ’nicht auf die Zeit des NS-Regimes reduziert‘ sehen wollte.“

Aller guten Dinge sind drei“ – sollte man meinen. Für Alzenau gilt das nicht. Hier gehen die Uhren anders. Die meisten haben wohl kein Interesse an der Thematik, den anderen fehlt die Distanz zur Vergangenheit. Die große Mehrheit der von der Stadt Befragten wollte die Beibehaltung des Namens (34 gegen 5). Diese Mehrheit ist bodenlos. Keiner dieser Menschen hat sich die Mühe gemacht, auf die Einlassungen der Umbenennungs – Befürworter Gegenargumente anzuführen.

Alzenau, 5.12.2017 Christian Schauer

https://schauerchristian.wordpress.com/category/leserbriefe-aktuell-szydlo-dreht-durch-und-fluch-des-coltan/leserbriefe-regional/

Diem 1996

Debatte über Carl-Diem-Straße 1996 © Main-Echo

Diem 1996 zwei

Debatte über Carl-Diem-Straße 1996 © Main-Echo

 

Veröffentlicht 7. Dezember 2012 von schauerchristian in Carl Diem Debatte in Alzenau