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Jean Ziegler- Wir lassen sie verhungern; FIAN – Wirtschaft global- Hunger egal? / Petra Ramsauer – So wird Hunger gemacht / Beate Klarsfelds Kiesinger-Dokumentation

Jean Ziegler, Wir lassen sie verhungern. Massenvernichtung in der Dritten Welt, München 2012 (Dritte Auflage) und FIAN, Wirtschaft global- Hunger egal? Für das Menschenrecht auf Nahrung, Hamburg o.J. (attac Basis Texte 16)

Niger als Beispiel

In Niger gibt es nur wenig Ackerland, nur vier Prozent des Bodens sind nutzbar. Es gibt 20 Millionen Stück Vieh. Die Bewohner werden von den Auslandsschulden erdrückt. Der IWF hat die Schließung des Nationalen Veterinäramtes angeordnet. Damit wurde der Markt für die multinationalen Konzerne der Tierpharmazie geöffnet. Der Staat hat keine Möglichkeit mehr, die Verfallsdaten von Impfstoffen und Medikamenten zu kontrollieren. Jetzt müssen die Viehzüchter in Niger die Medikamente zur Behandlung ihrer Tiere zu dem Preis kaufen, der von den multinationalen Konzernen festgesetzt ist.Viele Viehzüchter sind nicht in der Lage, diese Preise zu bezahlen, deshalb werden die Tiere krank und verenden. Bestenfalls werden die Tiere noch vor ihrem Tod zu Billigpreisen verkauft. Auch die Gesundheit der Menschen verschlechtert sich nach dem Verlust ihrer Herden. Die ehemals stolzen Eigentümer wandern mit ihren Familien in die Elendsviertel von Niamey, Kano oder die großen Küstenstädte. Der IWF hat zusätzlich die Auflösung der nationalen staatlichen Nahrungsreserven auferlegt. Sie beliefen sich auf 40.000 Tonnen Getreide. Die Vorratslager unterhielt der Staat für Notfälle,wenn es zu Dürren, Heuschreckenplagen oder Überschwemmungen kam. Für den IWF durfte der Staat kein Eigentümer des Getreidehandels sein, weil das Dogma des Freihandels gilt. Seit Mitte der achtziger Jahre, als es eine fünfjährige Dürre zu beklagen gab, hat sich die katastrophale Entwicklung beschleunigt. „Inzwischen wird Niger alle zwei Jahre von Hungersnöten heimgesucht.“1

Zum Thema Uran im Niger ist zu sagen, dass der französische Staatskonzern Areva das Abbaumomopol in den Minen des Departements Arlit besitzt. Die dafür zu zahlende Gebühr an den Staat von Niger ist sehr gering. Vergeblich versuchte ein chinesischer Konzern in Niger im Uranbergbau in Niger Fuß zu fassen. 2010 sicherte ein Militärputsch die französischen Interessen. Der neue Machthaber brach die Gespräche mit den Chinesen ab und bekräftigte die guten Bezíehungen zum Areva Konzern aus Frankreich. Ein Bewässerungssystem für Niger schien nach Weltbank Analysen sinnvoll. 440.000 Hektar Land seien ohne größere technische Schwierigkeiten zu bewässern. Auf dem so gewonnenen Boden könnten jährlich drei Ernten eingebracht werden. Die Selbstversorgung an Nahrungsmitteln sei somit möglich. Der Hunger schien besiegbar. Der Areva Konzern hatte keinerlei Interesse, einen Beitrag zur Finanzierung dieses Projektes zu leisten. So scheiterte es. „Und im Niger verhungern die Kinder weiter.“2

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Indien

Wechseln wir den Kontinent nach Indien und springen in den Staat Madhya Pradesh. Im Jahr 2000 also vor zwölf Jahren – wurden 11.000 Bauernfamilien von der bundesstaatlichen Regierung von ihrem Land gejagt – es wurden Staudämme gebaut und Bodenschätze erschlossen. Eine Kohlemine war der Grund der Enteignung von Tausenden von Familien in Hazaribagh. Der gigantische Narmada – Staudamm hat mehrere Tausend Familien ihrer Lebensgrundlage beraubt. In den ländlichen Gebieten von Madhya Pradesh fallen die zu Skeletten abgemagerten Kinder auf.

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Einen Sieg konnte man in Südafrika feiern.

Johannesburg

Die Stadt Johannesburg hatte ihre Trinkwasserversorgung an einen multinationalen Konzern verkauft. Darauf wurde der Wasserpreis massiv erhöht. Viele Bewohner der Armenviertel konnten die hohen Preise nicht bezahlen. Das fließende Wasser wurde vom Betreiber abgestellt. Viele mittellose Familien waren gezwungen, sich ihr Wasser aus Bewässerungsgräben, verschmutzten Bächen oder Tümpeln zu holen. Einige Bewohner zogen in Soweto vor das Oberste Gericht. Der Prozess wurde gewonnen . Die Stadt Johannesburg musste zulassen, das die öffentliche Trinkwasserversorgung zu bezahlbaren Preisen wieder eingeführt wurde.

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Kommen wir zu Haiti. Grundnahrungsmittel ist der Reis. Anfang der 80er Jahre konnte sich Haiti mit Reis selbst versorgen. Die Bauern waren durch einen Einfuhrzoll von 30 Prozent geschützt. Strukturanpassungsmassnahmen des IWF: Der Schutzzoll für Reis wurde von 30 auf 3 Prozent reduziert. Der von den USA hochsubventionierte nordamerikanische Reis eroberte den Markt von Haiti. Er ruinierte den nationalen Anbau und damit die Existenz von Hunderttausenden Reisbauern. „Zwischen 1985 und 2004 stiegen in Haiti die Reisimporte – vor allem aus Nordamerika, wo der Reisanbau, wie gesagt, stark subventioniert wurde – von 15.000 auf 350.000 Tonnen pro Jahr an. Gleichzeitig brach der lokale Reisanbau ein- von 124.000 auf 43.000 Tonnen pro Jahr.“3 „In normalen Zeiten verbrauchen die 9 Millionen Haitianer 320.000 Tonnen Reis pro Jahr.Als sich 2008 der Weltmarktpreis von Reis verdreifachte, konnte der Staat nicht genügend Lebensmittel einführen. Daraufhin ging der Hunger um in der Cité Soleil, der ‘Sonnenstadt’, dem größten Slum Lateinamerikas, der zu Füßen des Hügels von Port – Au 4– Prince am Ufer des Karibischen Meers liegt.“

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Wechseln wir nach Brasilien. Dort hat das Programm, Agrotreibstoffe zu produzieren, absolute Priorität. Hier wird in erster Linie der Rohrzucker verwendet, um Bioethanol herzustellen. Das Programm heißt Plan Pro-Alkohol. 2009 hat Brasilien 14 Milliarden Liter Bioethanol verbraucht und 4 Milliarden Liter exportiert. Ein vages Ziel besteht sogar darin, in Zukunft einmal 200 Milliarden Liter zu exportieren. Jetzt schon werden dazu Häfen ausgebaut. Die Ausbauflächen für Zuckerrohr sollen auf 26 Millionen Hektar ausgedehnt werden. Vom Pro-Alkohol Plan haben vor allem die Zuckerrohrbarone und transnationale Konzerne profitiert. Das Umland von Ribeiráo Preto im Bundesstaat Sao Paulo ist die größte Zuckerregion. Relativ große Zuckerrohrplantagen kommen dadurch zustande, dass die einst unabhängigen Bauern gezwungen werden, ihr Land den Großgrundbesitzern zu veräußern. „Zwischen 1985 und 1996 hat man in Brasilien nicht weniger als 5,4 Millionen von ihrem Land vertriebene Bauern und die Aufgabe von 941.111 kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betrieben gezählt.“5 Wie gesagt profitieren neben den einheimischen Großmagnaten transkontinentale Großkonzerne wie Louis Dreyfus, Bunge, Noble Group, Archer Daniels Midland und Fonds aus China. China kann bis 2013 zwanzig Ethanolfabriken in Brasilien errichten. Dieses „Land grabbing“ ist charakteristisch für eine Entwicklung, in der Einheimische stark unter die Räder kommen. Der Plan Pro-Alkohol wurde selbst vom damaligen Präsidenten Inácio Lula 2007 gerechtfertigt. Zuckerrohr sei keine Nahrungspflanze, im Gegensatz zu den Amerikanern werde weder Mais noch Weizen verbrannt. Das Argument hält Ziegler für nicht stichhaltig. Die Landwirtschaftsgrenze verlagere sich stetig. Das Zuckerrohr dringe in das Innere des kontinentalen Hochlandes vor. Nach einer Hochrechnung der Weltbank seien beim gegenwärtigen Ausmaß der Brandrodung im Jahr 2050 40 Prozent der Amazonaswälder verschwunden.6 Durch zunehmenden Zuckerrohranbau wird das Land gezwungen , Lebensmittel einzuführen. Die zunehmende globale Nachfrage bewirkt eine Preissteigerung der Lebensmittel. 2008 konnten Millionen Menschen wegen der hohen Lebensmittelpreise nicht genügend Nahrung kaufen. Auf den Zuckerrohrfeldern wird nur selten der gesetzliche Mindestlohn bezahlt. Die Hersteller von Agrotreibstoffen stellen in erster Linie Wanderarbeiter ein. Häufig sterben die Schnitter und ihre Kinder an Tuberkulose und Unterernährung. Die Zahl der Landarbeiter ohne Boden beträgt 4,8 Millionen. Wenn die Ernte im Süden beendet ist, müssen die Arbeiter 2.000 Kilometer nach Nordosten ziehen… sie wechseln alle sechs Monate ihren Aufenthaltsort.7 Die Ordnung wird von privaten Zuckermilizen eingehalten. Auch Kinder arbeiten auf den Plantagen. Nach Angaben der ILO sind 2,4 Millionen Kinder unter 17 Jahren in der brasilianischen Landwirtschaft tätig, davon 22.876 auf Zuckerrohrplantagen.8

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Zuckerrohr in Indien

Auch in Indien ist die Situation ähnlich auf einer Plantage im indischen Bundesstaat Gujarat. Die Zuckerrohrschnitter auf der Plantage bekommen von Würmern befallenes Essen, die Hütten bieten keinen Schutz vor Tieren. Wer protestiert, wird durch einen gefügigeren Arbeiter ersetzt. Ausverkauf von Boden an multinationale Konzerne Das angeblich marxistische Äthiopien ist hier ein beachtliches Negativbeispiel. Fast 1,6 Millionen Hektar Land hat es Investoren zum Anbau von Zuckerrohr und Ölpalmen überlassen. Bis 2009 haben auch ausländische Investoren neben über 8.000 einheimischen die Genehmigungen erhalten. Mächtigster Agarinvestor ist der saudische Multimilliardär Al- Ahmoudi. Er bekam viele Tausend Hektar in einigen fruchtbaren Regionen wie Sidamo und Gambella. Er will noch zusätzlich 500.000 Hektar erwerben, um Zuckerrohr anzupflanzen. Früher lebten auf seinen Ländereien Kleinbauernfamilien aus dem Volk der Nuer, die mit Waffengewalt vertrieben wurden. Al-Amoudi zahlt 90 Eurocent Pachtzins pro Hektar und pro Jahr. 2008 wurde dem koreanischen Konzern Daewoo vom Präsidenten Madagaskars, Ravalomanana, eine Million Hektar Ackerboden zugesagt. Der Konzern erhielt die Konzession ohne finanzielle Gegenleistung für 99 Jahre. Geplant war die Herstellung von Bioethanol. Verpflichtet wurde der Konzern, Straßen, Bewässerungskanäle und Lagerhäuser zu bauen. Den Präsidenten kostete dieser Vertrag Ende November 2008 sein Amt, der Nachfolger löste den Vertrag auf.

In Sierra Leone hat der transnationale Konzern Addax Bioenergy, der in Lausanne beheimatet ist, die Konzession für die Nutzung von 20.000 Hektar fruchtbaren Bodens erhalten. Auch dort soll Zuckerrohr für die Nutzung von Bioethanol angebaut werden, ein Ausbau auf 57.000 Hektar ist vorgesehen. Der Vertrag wurde mit der Regierung in Freetown geschlossen, die betroffenen Bauern wissen nichts von ihrem Schicksal. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone endete 2002, 80 Prozent der Bevölkerung lebt in extremer Armut. Versprochen sind 4.000 Arbeitsplätze von Addax, eine Studie widerlegt dieses Versprechen. Gegenwärtig beschäftigt das Unternehmen fünfzig Personen zur Beaufsichtigung der Zuckerrohrsprossen und des Manioks. Der Tageslohn beträgt umgerechnet 1,8 Euro. „Die Agrotreibstoffe verursachen soziale und klimatische Katastrophen. Sie bringen die dem Lebensmittelanbau dienenden Flächen zum Schrumpfen, sie vernichten die bäuerlichen Familienbetriebe und verstärken den Hunger in der Welt.“9

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Nahrungsmittelspekulation

Nach Schätzung der Weltbank sind seit Anfang 2011 zusätzlich mindestens 62 Millionen Menschen in das Heer der Unterernährten abgesunken. Heiner Flassbeck meint dazu: „ Die Auswirkungen der durch die Risikohypotheken (Subprime-Kredite) bewirkten Krise haben weit über die Vereinigten Staaten hinausgegriffen und zu einer allgemeinen Liquiditäts – und Kreditkontraktion geführt. Der Anstieg der Rohstoffpreise, teilweise bewirkt durch spekulative Fonds, die von Finanzinstrumenten auf Agrarrohstoffe umstiegen, erschwert die Ausarbeitung politischer Maßnahmen zur Vermeidung einer Rezession bei gleichzeitiger Kontrolle der Inflation.“10 Zwischen 2003 und 2008 haben die Spekulationen auf Rohstoffe durch Indexfonds um über 2.000 Prozent zugenommen.11 Tatsächlich führen nur zwei Prozent der Rohstoff-Futures tatsächlich zur Lieferung einer Ware. Die restlichen 98 Prozent werden vor dem Fälligkeitsdatum weiterverkauft. Als Lösung schlägt der ehemalige Finanzstaatssekretär, Heiner Flassbeck, der UNCTAD die weltweite Kontrolle über die Börsenkurse für Agrarrohstoffe zu übertragen. „Auf den Terminmärkten dürften fortan nur noch die Erzeuger, Händler oder Verwender von Agrarrohstoffen tätig werden. Wer mit einer Partie Weizen oder Reis, einer Anzahl Hektoliter Öl etc, handle, müsse gehalten sein, die vereinbarte Ware auch zu liefern. Außerdem empfehle es sich, die … zu hinterlegenden Sicherheiten für solche Geschäfte zu erhöhen.“12

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Aktivitäten, die das Verbot der Spekulation mit Grundnahrungsmittel zum Ziel haben: Die Linkspartei in Spanien brachte im Mai 2012 einen Gesetzentwurf ein, in dem das Verbot der Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel gefordert wird. Hintergrund: laut Unicef sind 2012 2,2 Millionen Kinder schwerst und dauerhaft unterernährt. Die Jungsozialisten der Schweiz beschlossen ebenfalls im Mai 2012 eine Volksinitiative mit dem Ziel, das Verbot der Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel in die Bundesverfassung aufzunehmen.

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Zwischeneinwurf: Die Lage der Ernährung in einem Land, das seit Jahrzehnten planwirtschaftlich funktioniert: Nordkorea. Sechs der vierundzwanzig Millionen Nordkoreaner sind stark unterernährt. Zwischen 1996 und 2005 sind zwei Millionen Menschen den verschiedenen Hungersnöten zum Opfer gefallen. Anfang 2011 gab es riesige Überschwemmungen, die die Reisfelder verwüsteten, die Maul- und Klauenseuche hat den Viehbestand reduziert. In Umerziehungslagern gibt es mehr als 200.000 Personen – unter ihnen auch von Chinesen abgeschobene Hungerflüchtlinge. Es wird von Betonwürfeln berichtet, in denen sich Häftlinge weder aufrichten noch hinlegen können – inhaftiert sind hier vor allem „Unruhestifter“. An Mangelernährung sterben in den Lagern 40 Prozent der Häftlinge. Auswirkungen des WTO-Agrarabkommens

Beispiel Jamaika: Dort wurden jährlich 150 Millionen Liter Milch verbraucht. 2002 wurden allerdings jährlich 12 Prozent in Jamaika selbst erzeugt. Für die Kleinbauern hatte das die Auswirkung, dass ihre Milchproduktion in fünf Jahren von 2,5 Millionen auf 300.000 Liter sank. Grund dafür waren die Milchsubventionen der EU, die Milchpulverimporte aus ihr stiegen von 1.200 Tonnen im Jahr 1992 auf 6.300 Tonnen im Jahr 2000.13 1992 hatte Jamaika seine Zölle auf Milchpulver reduziert und die Subventionen für heimische Milchbauern gestrichen. Dies hatte die Weltbank zur Voraussetzung für einen Kredit gemacht. Die Gesamtzahl der Exportsubventionen der EU für Exportsubventionen für Milchprodukte belief sich 1999 auf 1,5 Milliarden Euro. Viele einheimische Bauern in Jamaika zwingen diese Subventionen zum Aufgeben.

Weitere Beispiele für die Subventionspolitik der EU brachte der Entwicklungsexperte Uwe Kekeritz in einem Vortrag im November 2011.14 Von den Milchbauern im Norden Kameruns etwa, die zuerst über die Entwicklungshilfe eine kleine Molkerei bekamen, bevor sie durch Billigmilchimporte aus der EU verdrängt wurden. Von Hähnchenzüchtern in Ghana, die aufgeben mussten, nachdem tiefgefrorene Hähnchenschenkel und -flügel aus der EU den Markt überschwemmten und ihre Preise unterboten.

Die frühere Textilindustrie ganz Afrikas sei gezielt kaputt gemacht worden, ist er überzeugt, durch den Verkauf von Textilien, die hier bei Altkleidersammlungen eingesammelt werden. Es sei eine Frechheit, dass sich das Rote Kreuz, für fünf Cent pro Kilogramm, für die kommerzielle Sammlung über die Altkleidercontainer einspannen lasse, meinte der Referent.15

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Gegenwärtige Preisentwicklung nach Einschätzung der Weltbank: „Der Preisimdex für Lebensmittel, der sich zwischen Oktober 2010 und Januar 2011 um 15 Prozent erhöht hat, ist gegenüber dem Vorjahr um 29 Prozent gestiegen und liegt nur um 3 Prozent unter seinem Höchststand vom Jahr 2008. Der in den letzten drei Monaten beobachtete Anstieg kann großenteils auf die Preiserhöhungen für Zucker (20 Prozent), Fette und Öle (22 Prozent), Weizen (20 Prozent) und Mais (12 Prozent) zurückgeführt werden.“16 Nach Schätzungen der Weltbank sind seit Beginn des Jahres 2011 zusätzlich mindestens 62 Millionen Männer, Frauen und Kinder in das Heer der Unterernährten und vom Hunger Gefährdeten abgesunken.17  

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Wie handeln? „Wie berichtet, haben 146 der damals 193 der UNO angehörenden Staaten ihre Vertreter im September 2000 nach New York entsandt, um ein Verzeichnis der schlimmsten Tragödien anzulegen… Nach Berechnungen, die die Staats- und Regierungschefs vorlegten, müsse man, um die acht Tragödien zu besiegen – unter denen der Hunger den ersten Rang einnimmt -, fünfzehn Jahre lang eine jährliche Investition von 80 Milliarden Dollar vornehmen. Dazu würde es genügen, bei den 1210 vorhandenen Milliardären eine jährliche Vermögenssteuer von 2 Prozent zu erheben…“18 Es ergeben sich in dem Buch doch einige Vorschläge, die dem Hunger ernsthaft zu Leibe rücken.

1Jean Ziegler, Wir lassen sie verhungern. Massenvernichtung in der Dritten Welt, München 2012

(Dritte Auflage), S. 57

2Ebd., S.58

3Ebd., S. 162

4Ebd., S.163

5Ebd. S. 236 f.

6Vgl., S 238 f.

7Vgl., S. 240

8Vgl., S. 241

9Ebd., S. 253

10Ebd., S. 270

11 Indexfonds sind Investmentfonds , die einen bestimmten, repräsentativen Index möglichst exakt nachbilden. Um das zu erreichen, investieren die Fonds zum Beispiel in die dem Index zugrunde liegenden Wertpapiere im gleichen

Verhältnis wie der Index. (Quelle: Wikipedia)

12Ziegler, S. 272

13 Vgl. FIAN, Wirtschaft global- Hunger egal? Für das Menschenrecht auf Nahrung,

Hamburg o.J., S. 40 f.

14Main-Echo 21.11.2011

15Ebd.

16Ziegler, S. 268

17Ebd.

18Ebd., S 303

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Petra Ramsauer, So wird Hunger gemacht, Wer warum am Elend verdient, Wien 2009

Eine Milliarde Menschen sind aktuell von Hunger und Tod bedroht, und die Angst vor der Armut hat längst Schichten in den westlichen Industrieländern erreicht, die sich lange auf der sicheren Seite eines Wohlstandes wähnten, der sich schon immer auf dem Rücken der Ärmsten aufbaute. 1974 wurden 500 Millionen hungrige Menschen registriert, 1996 waren es 830 Millionen Hungernde.

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Ein Anstieg um einen Prozentpunkt der durchschnittlichen Lebensmittelpreise bedeutet, dass 16 Millionen diese Preise nicht mehr bezahlen können, so die Autorin. Wie die Weltbank meint, verursachten 2008 in Afrika die erhöhten Preise für Nahrungsmittel, dass 30 Millionen Menschen zusätzlich in starke Armut gestürzt wurden. Am stärksten traf es Somalia, wo bis Ende 2008 über drei Millionen Menschen Lebensmittelhilfe brauchten.Die hohe Summe von 2,8 Billionen Dollar wurde an den Finanzmärkten im Herbst 2008 vernichtet. Weltweit gaben Regierungen die Summe von 14 Billionen Dollar aus allein bis Herbst 2009 und das zur Rettung ihrer Finanzinstitute. „Alle hungrigen Menschen Afrikas hätten mit dieser Rettungssumme drei Jahre lang satt werden können“ meinte Stephen Muchiri, Vorsitzender der Vereinigung afrikanischer Bauern. Jeffrey Sachs, Direktor des Earth Institute“ der Columbia University formulierte folgendermaßen: „Die USA und Europa haben in den Herbstmonaten des Jahres 2008 Billionen von Dollar für die Unterstützung ihrer gescheiterten Banken aufgebracht. Sie haben es aber nicht geschafft, ein Tausendstel dieser Summe für die Ärmsten der Welt bereitzustellen, die angesichts der Ernährungskrise dringend Hilfe gebraucht hätten.“ 2007 gab es die Ernährungskrise mit sprunghaft gestiegenen Getreidepreisen und steigenden Kursen für Weizen, Mais und Soja.

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Biotreibstoffe sind ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ meint Jean Ziegler. Man kann davon ausgehen, dass sie für den Anstieg der Lebensmittelpreise mit verantwortlich sind. Ein renommiertes Institut geht davon aus, dass 30 Prozent des globalen Anstieges von Lebensmittel-preisen aus ihrem Vorhandensein resultiert. 2008 wurde ein Viertel der Maisernte der Vereinigten Staaten in Biosprit verwandelt. Bis 2016 soll der Anteil auf ein Drittel anwachsen. Eine weitere Dimension von Biotreibstoffen lässt sich in Borneo (Indonesien) nachweisen. Dort werden Urwälder planiert, um riesigen Palmölplantagen Platz zu machen. Zeitgleich verschwinden die Anbauflächen für Lebensmittel. Der Palmölverbrauch hat sich weltweit verdoppelt. Bislang wurden Margarine oder auch Lippenstifte daraus gewonnen, jetzt ist es Biosprit. 20 Millionen Hektar will die indonesische Regierung für Plantagen freigeben, das ist etwa das Fünffache der Fläche der Schweiz. Bemerkenswert ist, dass auf den 23 Millionen Hektar Land, auf denen in Brasilien Zuckerrohr für Bioethanol angebaut wird, Nahrungsmittel für eine vegetarische Ernährung von bis zu 450 Millionen Menschen angebaut werden könnten. Paul Krugmann meint zum Thema Biotreibstoff als Nobelpreisträger: „Jedes Stück Land, das dazu verwendet wird, Biotreibstoffe anzubauen, ist Land, das bei der Nahrungsmittelproduktion fehlt. Förderungen und Steueranreize für ihren Einsatz sind ein wesentlicher Faktor, der zur Nahrungsmittelkrise beiträgt. Oder man könnte es auch so sagen: Man lässt Menschen in Afrika hungern, damit amerikanische Politiker in den Bundesstaaten mit einem hohen Anteil von Farmern ihre Wähler hofieren können.“

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Nehmen wir das Beispiel Mauretanien, um das Problem der Unterernährung zu erläutern. Ein Großteil der Nahrungsmittel muss importiert werden. Zahlreiche Exportländer schränkten zum Schutz ihrer eigenen Konsumenten die Ausfuhren von Getreide und Mais deutlich ein. Daraufhin waren Importländer wie Mauretanien mit erheblichen Mehrkosten konfrontiert. Das Land lebt vom Verkauf von Fischereilizenzen.Ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes wird dadurch erwirtschaftet. Die Hochseeflotten der EU fangen einen Großteil der Fische im Meer vor diesem Land. Der Fang gelangt tiefgefroren in die Verbraucherländer. Die hochwertigen Fische verschwinden, die Sardinen bleiben. „Wir haben keine Chance gegen den Hunger der reichen Länder.“ Die verbleibenden Sardinen sind um die Hälfte teurer und für viele unerschwinglich. Was schlägt Petra Ramsauer als Lösungsmöglichkeit vor?

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„Zum globalisierten Handlungsgeflecht gehören auch die Geschäfte mit Rohstoffen, auch jenen, aus denen unsere Grundnahrungsmittel hergestellt werden. Spekulation und die damit verbundene Finanzakrobatik ist ein wesentlicher Faktor der Preissteigerung von Lebensmitteln geworden. Der US-amerikanische Nobelpreisträger James Tobin hat als Maßnahme gegen die Auswucherungen der

Finanzspekulation die Einführung einer minimalen Transaktionssteuer vorgeschlagen, Tobin Tax genannt. Würde lediglich ein geringer Prozentsatz von 0,5 Prozent aller Kapitalflüsse besteuert, brächte dies jährlich 290 Milliarden Euro… Ein Verbot des Börsenhandels mit Agrarprodukten ist unrealistisch. Allerdings muss bei Spekulationsgeschäften das Regelwerk von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie greifen.“ Letztere Vorstellungen sind allerdings zu vage, um eine Vorstellung zu gewinnen, was konkret zu tun ist.

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Zum Thema „Menschenrecht auf Ernährung“ meint die Autorin: „Um die Hungerkrise zu lösen, ist eine zweite ‘Grüne Revolution’, vor allem in Afrika, nötig, doch diese Revolution darf sich nicht auf die technische Umsetzung von Ertragssicherheit reduzieren: Von einem ‘New Deal’ der globalen Ernährungssicherheit spricht Weltbank-Generaldirektor Robert Zoellick. FAO – Generaldirektor Jacques Diouf hofft angesichts der Krise auf einen Impuls für eine neue Ordnung der weltweiten Agrarproduktion mit dem Schwerpunkt auf dem Menschenrecht auf Nahrung, das längst völkerrechtlich verankert ist. Anlässlich des 60. Jahrestages der Erklärung der Menschenrechte wurde durch die UN-Vollversammlung am 10.Dezember 2008 ein Zusatzprotokoll zu diesem Sozialpakt verabschiedet. Damit soll Opfern von Verletzungen sozialer Menschenrechte, wenn ihnen die Lebensgrundlage gewaltsam entzogen wurde und sie sich nicht ernähren können, die Möglichkeit eingeräumt werden, bei der UNO Beschwerde einzulegen. Mit der Einklagbarkeit ist ein erster Schritt getan. Nun geht es darum, die Durchsetzbarkeit dieses fundamentalen Menschenrechtes auch zu gewährleisten.“ Wie, fragt sich der interessierte Leser. Wäre es nicht sinnvoller, zu fordern: „Verbot der Agrarsubventionen der Industrieländer“?

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Weiter heißt es zum Thema „Kleinbauern stärken“

„Es geht um die Besinnung der Einzelstaaten darauf, was ihre Landwirtschaft zu allererst leisten soll: Versorgung der Bevölkerung. 30 Milliarden Dollar sollten deshalb, fordert die FAO, jährlich in die Landwirtschaft investiert werden. Und zwar in fünf Bereiche: Investitionen in die Produktivitätssteigerung in den abgelegenen Dörfern der weniger entwickelten Welt, in die Bewahrung natürlicher Ressourcen, in den Aufbau der Infrastruktur und der Märkte, in die Ausbildung der lokalen Bauern und auch in den Aufbau von Nothilfeprogrammen.“ Zum Thema „Zukünftige Landwirtschaft“ wird ausgeführt: „… Noch fehlen die endgültigen Beweise, dass es auch langfristig möglich ist, sei es ökonomisch oder ökologisch, mit Gentechnik das Hungerproblem zu lösen. Es stellt sich auch die Frage, ob die industrielle – sehr energieintensive – Form der Landwirtschaft angesichts der schwindenden Energieressourcen in der Lage sein wird, den zu erwartenden Nachfrageanstieg bewältigen zu können. Ermutigend sind allerdings die Resultate einer Untersuchung, die vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) durchgeführt wurde. 114 Projekte mit Biolandwirtschaft in 24 afrikanischen Staaten wurden dafür analysiert. Ertragssteigerungen von 128 Prozent konnten dort verbucht werden, indem Felder mit naturbelassenen Methoden bestellt wurden… Durch den Einsatz traditioneller Methoden schritt die Bodenerosion weniger stark voran, gleichzeitig verringerte sich das Sinken des Grundwasserspiegels.“

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Weiter heißt es zum Problemfeld „Klimaschutz gegen Armut“

„ … Die Produktion von Fleisch ist sehr energieintensiv und verursacht einen großen Anteil der Kohlendioxid- Emissionen in dem Bereich. Pflanzliche ökologische Erzeugnisse verursachen um ein Viertel weniger Treibhausgas – Emissionen als konventionell hergestellte Produkte.. Die neue Regelung (Nachfolgeprotokoll des Kyoto-Abkommens) muss Armutsbekämpfung und Klimaschutz verknüpfen…Eine Möglichkeit wäre es, den Erlös aus dem Handel mit Verschmutzungsrechten zum Teil direkt für die Finanzierung der Millenniumsziele zu verwenden. Derzeit bringt dieser Zertifikatshandel in der EU jährlich 60 Milliarden Euro an Erlösen. Würden die Verschmutzungsrechte global gehandelt, würde das bis zu 250 Milliarden Euro bringen.“ Für verändertes Verbraucherverhalten plädiert Petra Ramsauer zum Schluss ihres lesenswerten Buches:“Laut einer Untersuchung … landet jeder fünfte Laib Brot, der in Österreich produziert wird, am Müll. Eine Ursache für diese Verschwendung ist, dass jeder bis zum Geschäftsschluss eine große Auswahl von Produkten erwartet und am nächsten Tag kaum bereit ist, ‘altes’ Brot zu essen. Umso mehr zeigt sich, wie verrückt und dekadent unsere Welt geworden ist. Es ist so banal. Dies wieder und wieder festzustellen, doch die Folgen dieser Ungleichheit sind tödlich. Für 5 Millionen Kinder pro Jahr.“

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Beate Klarsfeld

Die Geschichte des PG 2633930 Kiesinger Dokumentation mit einem Vorwort von Heinrich Böll (Melzer Verlag) Darmstadt 1969

Biografisches

Der dritte Kanzler der Bundesrepublik, Kurt Georg Kiesinger, war bei seiner Wahl 1966 umstritten wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit. Geboren wurde er 1904 in Ebingen in Schwaben. Nach dem frühen Tod seiner Mutter entstammen sechs Stiefgeschwister der zweiten Ehe seines Vaters Christian Kiesinger.Kiesinger bestand die „Einjährigen“- Prüfung und trat in das katholische Lehrerseminar in Rottweil ein. Er war Mitglied der konservativen Korporationen „Sif -Sippia“ und „Laetitia“. Das Abitur holte er an einem Stuttgarter Gymnasiun nach. Damals entstand sein Plan, in den diplomatischen Dienst einzutreten. 1926 ging Kiesinger nach Berlin: Er studierte dort zunächst Neuphilologie, später Jura. Dort schloss er sich der katholischen Studentenvereinigung „Askania“ an sowie dem „Görres Ring“. Damals lernte er Konrad Adenauer kennen, der sowohl Oberbürgermeister von Köln als auch Präsident des Preußischen Staatsrates war. Er war wiederholt Gast im „Herrenklub“ des späteren Reichskanzlers Franz von Papen. Am 1. 3.1933 wurde Kiesinger – nur wenige Stunden nach dem Reichstagsbrand- Mitglied der NSDAP. Die Mitgliedsnummer ist oben schon genannt, zwei Monate später wurde sein späterer Kollege Hans Fritzsche, Angeklagter in Nürnberg, Parteimitglied. Über die Motive seines Eintrittes meinte Kiesinger: „Meine Freunde aus der katholischen Verbindung und ich meinten, man müsse doch irgendwie auf die Entwicklung Einfluß nehmen…“

 

Schwer verständlich äußerte er sich am 4.7.1968 vor dem Landgericht Frankfurt über seine NSDAP – Mitgliedschaft: „Nicht aus Überzeugung, und nicht aus Opportunismus. Ich habe mich dann in den ersten Jahren 33/34 gleich umgesehen. Dann habe ich Verbindung zum NSK*1 aufgenommen … Auch Veranstaltungen des nazistischen Juristenbundes habe ich mir angesehen, habe mich dann aber geweigert, dort einzutreten. Ab 1934 sah ich sehr klar, wohin der Weg lief…“

 

Auswärtiges Amt – Rundfunkpolitische Abteilung

Offiziell wurde Kiesinger in das Auswärtige Amt „dienstverpflichtet“. Dem widerspricht, dass er von entscheidender Stelle für würdig befunden wurde, in leitender Funktion im Auswärtigen Amt tätig zu sein. Dort war er Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter (WHA). Er begann seine Laufbahn nicht als Jurist, sondern als Nachrichten- und Rundfunkpolitiker in der Kulturpolitischen Abteilung (Kult R). 1941 entstand die Rundfunkpolitische Abteilung. Im Oktober und November 1940 erfolgte die Bildung des Kolonialreferates in der Kulturabteilung mit den Mitarbeitern: Dr. Markus Timmler, Referent Zschäck und WHA Kiesinger. 1943 wurde Kiesinger stellvertretender Abteilungsleiter. Übertragen wurden ihm die Referate:

Ru A – Referat Rundfunkeinsatz, Internationale Rundfunkbeziehungen und Rundfunkrecht, technische Angelegenheiten und

Ru B – Allgemeine Propaganda, Koordinierung der Länderreferate, Verbindung zum Propagandaministerium

Kiesinger bestimmte, was in den Referaten geschah und ließ sich regelmäßig Bericht erstatten. In fast fünfjähriger Tätigkeit gingen tausende Dokumente mit nationalsozialistischem Inhalt durch seine Hände. In der Interradio AG hatte er eine Schlüsselfunktion, er war Teilnehmer von Beratungen einflussreicher Propagandagrößen, z.B. am 16.12.1943 an einer von Fritzsche geleiteten Beratung im Propagandaministerium. Eine Woche später verlautet in einem Protokoll über eine abermalige Beratung folgendes: „Kiesinger schlägt vor, einen Sender der kleinen Staaten, einen sogenannten Neutralitätssender laufen zulassen, der als Endziel in ‘neutraler Form’ doch die Richtigkeit der deutschen Belange den Hörern einzufiltern versucht. Hierzu soll Ministervorlage gemacht werden.“

Beispiele der Tätigkeiten Kurt Georg Kiesingers

Nach der Kapitulation Frankreichs wurde eine Reise nach Frankreich geplant. Am 18. Juli 1940 hieß es dazu: „Die Reise steht unter Leitung von Herrn Kurt Georg Kiesinger, der zugleich auch für die politische Zensur …verantwortlich ist …“ Dieser verfasste dazu einen Bericht, in dem es hieß: „Die Reportagen verfolgen den Zweck

  1. den Hörern einen Eindruck zu geben von der unwiderstehlichen Kraft der deutschen Waffen im Kriege und
  2. von der Haltung und Leistung des Siegers während des Krieges und nach Beendigung derKampfhandlungen“

Unter der Regie von Kurt Georg Kiesinger stand am 18.9.1941 eine „Liste der Persönlichkeiten, die für Rundfunkaufrufe gegen den Bolschewismus dem Herrn RAM vorgeschlagen werden“.

  1. Länder, aus denen offizielle Persönlichkeiten sprechen können

    Italien: Minister für Volkskultur Pavolini

Rumänien: Stellvertretender Ministerpräsident Mihai Antonescu

Ungarn: Ministerpräsident aund Außenminister Bardossy

Slowakei: Ministerpräsident Tuka oder Innenminister Mach

Kroatien: Kriegsminister Feldmarschall Kavternik

Finnland: Generalfeldmarschall Mannerheim

  1. Länder, aus denen keine offiziellen Persönlichkeiten in Frage kommen

Spanien: Befehlshaber der Blauen Division General Munes Grande

Dänemark; Kommandeur der Freiwilligendivision Kryssning

Norwegen: Quisling oder Knut Hamsun

Schweden: Sven Hedin

Holland: Führer des NSB Mussert, oder Präsident der niederländischen Bank, Rost von Tonningen

Belgien: Für Flamen: Leiter der VNV Staff de Clerque

Für die Wallonen: Léon Degrelle

Frankreich: Alfonse de Chateau-Briand, Herausgeber der der Zeitschrift „Le Gerbe“ oder Marcel Déat, Leiter des Rassemblement Nationale Populaire oder Robert Brasillach, Herausgeber der Zeitschrift „Je suis Partout“

Zum Thema Griechenland hieß es in einer Sendung vom 19.4.1941: „Athener! Trinkt kein Wasser, die Engländer haben ein fast unglaubliches Vorhaben ausgeführt. Beamte des englischen Geheimdienstes haben den Marathon-See von der Nordostseite her mit Typhusbazillen infiziert, um den Deutschen einen englischen Empfang zu bereiten. Daß dabei nicht die Deutschen, sondern viele Tausende von Athenern zugrunde gingen, ist den Briten gleichgültig…“ Im Zusammenhang mit den antijüdischen Kampagnen des Auswärtigen Amtes charakterisierte der damalige Unterstaatssekretär Baron Steengracht von Moyland bei seiner Vernehmung vor dem Nürnberger Tribunal Kiesinger folgendermaßen: „Kiesinger war der Vertreter von Rühle, Chef der Rundfunkabteilung des AA. Er war eine gewissenhafte Arbeitskraft.“

Welches Verhältnis hatte Kiesinger zum Nationalsozialismus?

In einem Beitrag meint Martin Hirsch (SPD) in der Festausgabe zu Kiesingers 80. Geburtstag, dem Kiesinger als Rechtslehrer 1935/36 begegnete: “Es mag sein, daß Kiesinger damals im Gegensatz zu mir gehofft haben mag, das Naziregime könne doch erträglicher werden oder gar sich selbst kurieren können. Vielleicht war dies der große Irrtum seines Lebens, der ihn dann während des Krieges zu seiner Tätigkeit im Auswärtigen Amt veranlaßt hat. Sicher aber ist, ein Nazi war Kurt Georg Kiesinger ganz gewiß nicht.” Im Gegensatz dazu urteilt Beate Klarsfeld in ihrem Buch dazu: „Es ist geradezu ausgeschlossen, daß Kurt Georg Kiesinger monate- und jahrelang mit geistigen Scheuklappen seine Diensträume in der Saarlandstraße 60 betrat, Zimmer an Zimmer mit Leuten wie Dr. Ahrens und Prof. Mahr zusammenarbeitete, Dienstbesprechungen leitete und sich Berichte schreiben ließ, aber nicht gewußt haben will,was sich in den Nachbarzimmern tat. Nicht gewußt haben will, womit sich AA-Beamte und -Angestellte beschäftigten, die zum Teil viel länger in den Diensten der Rundfunkpolitischen Abteilung (einschließlich dem Vorgänger Kult-R) standen, die er aber allesamt im Tempo der Beförderungen überflügelte.“ (S. 56)

1 Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps – bedeutendes Mitglied: Franz Josef Strauß. Die Mitgliedschaft wuchs in den Jahren von 1934 bis 1940 von 10.000 auf weit über eine halbe Million an.

Christian Schauer, März 2012

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Veröffentlicht 14. September 2015 von schauerchristian in Buchbesprechungen

Nazis in Argentinien, Die Zeit der Schuldlosen, Opfer der Pflicht

Nazis in Argentinien, Die Zeit der Schuldlosen, Opfer der Pflicht

Peter Z. Malkin, Ich jagte Eichmann. Der Bericht des israelischen Geheimagenten, der den Organisator der „Endlösung“ gefangennahm, Müchen 1990 (Piper Verlag)

Peter Malkin (1927 bis 2005) nimmt als israelischer Agent Eichmann im Mai 1960 in Buenos Aires gefangen. Immer wieder sucht er das Gespräch mit ihm.

„Nachdem wir erst einmal angefangen hatten, dauerte es nicht lange, bis wir zum Kern kamen.

‚Wie ist es dazu gekommen?‘ fragte ich.’Wie kam es, daß Sie das getan haben?‘

Eichmann schien nicht im mindesten überrascht zu sein. ‚Es war ein Auftrag‘, sagte er gleichmütig.’Ich mußte den Auftrag erfüllen.‘

‚Nur ein Auftrag?‘

Er zögerte, vielleicht irritierte ihn meine Reaktion. ‚Sie müssen mir glauben, es war nichts, was ich geplant hatte oder mir ausgesucht hätte.‘

‚Aber warum Sie? Sagen Sie mir genau, wie es dazu gekommen ist.‘

So erzählte er mir die Geschichte seines frühen Aufstiegs in der SS, schilderte, wie er am Anfang todlangweilige Aufgaben bekam und deshalb begeistert die Gelegenheit ergriff, für das neue ‚Jüdische Museum‘ zu arbeiten, das im Hauptquartier aufgebaut wurde.

Ich merkte bald, daß Eichmann gern redete, vor allem über sich, und daß er einen scharfen Verstand hatte. Obwohl sein Ton respektvoll, manchmal geradezu servil war, ein gehorsames Kind, das einen guten Eindruck machen will, war er auch gerissen. Er wußte genau, wie er sich mit gegenüber verhalten mußte. Ich war vermutlich der erste Mensch, vor dem er sich rechtfertigen wollte- ganz bestimmt der erste Jude-, und doch ging er dabei mit kalter Gelassenheit vor. Er war scheinbar aufrichtig, frisierte aber manches zu seinem Vorteil und wies jede Verantwortung von sich, auch wenn er die Fakten in allen Einzelheiten bestätigte.

Die Dinge, meinte er, seien außer Kontrolle geraten. Aber das sei am Anfang nicht beabsichtigt gewesen, weder von seinen unmittelbaren Vorgesetzten noch von ihm. Er habe vom Büro aus gearbeitet und sich immer für Mäßigung ausgesprochen. Aber er sei Soldat gewesen- darauf war er ungeheuer stolz-, und ein Soldat sei nie auf sich allein gestellt. Wenn diejenigen an der Spitze Entscheidungen trafen und Befehle gaben, mußte gehorcht werden. Das war Pflicht. Nur das erkannte er als seine Verantwortung an.

Während ich ihm zuhörte, spürte ich, daß es nicht so leicht war, wie ich dachte, stichhaltige Antworten zu geben. Ich hatte geglaubt, er werde defensiv sein, er werde zumindest Reue vortäuschen. Statt dessen redete er, als ob er in jenen Jahren Buchhalter in einem Lebensmittelgeschäft gewesen wäre. …

‚Sie müssen mir glauben‘, fügte er plötzlich hinzu.’Ich hatte nichts gegen Juden.‘

‚Warum sind Sie dann überhaupt zur SS gegangen? Deren Ideologie war schließlich kein Geheimnis.‘

‚Aber ich stand damit nicht allein. Alle wußten, daß sich in Deutschland etwas ändern mußte; es war nur die Frage, in welcher Form. Die Zeiten waren schrecklich. Ich hatte Arbeit, habe in Oberösterreich Benzin verkauft, und für mich war die Lage nicht so schlimm. Es war eine der schönsten Gegenden der Erde. Die herrlichen Bergwälder hoben jeden Tag meine Stimmung. Aber der Mensch lebt nicht für sich allein. Hitler war der einzige, der das Volk gegen die Kommunisten vereinigen konnte. Er brachte die Hoffnung auf Arbeit und Brot. Ich gebe es offen zu; ich war so mitgerissen wie alle anderen.’” (S. 243 ff.)

Adolf Eichmann

Adolf Eichmann

Eugène Ionesco, Opfer der Pflicht, Frankfurt am Main 1961 (Fischer Verlag)

Gegen Ende dieses Einakters bohrt ein Dichter namens Nikolaus Zwei einem Polizisten das Messer in die Brust, und eine dabeistehende Frau ruft „Hör doch auf“.

Choubert: Ich bin ein Opfer der Pflicht

Nikolaus : Ich auch

Madeleine : Wir alle sind Opfer der Pflicht! Zu Choubert: Kauen

(S. 74)

Die Entzauberung des Herrenmenschen – Fortsetzung Malkin „Ich jagte Eichmann“

„Ich führte ihn in die etwa sechs Meter entfernte Toilette,zog die Schlafanzughose herunter und half ihm, sich zu setzen. Ich ließ die Tür angelehnt und ging ein paar Schritte weg.

Eine Minute verstrich. Dann noch eine.

‚Darf ich anfangen?‘ rief Eichmann.

Ich fing Uzis Blick auf und mußte mich körperlich anstrengen, damit ich nicht herausplatzte.

‚Jawohl!‘ kommandierte ich. ‚Sie können anfangen.‘

Das Verdauungssystem des Mannes mußte in einer fürchterlichen Verfassung gewesen sein.Es folgten Geräusche, die der Phantasie Hohn sprachen. Und nach jedem Furz und jedem langwierigen Gurgeln, nach jedem Ächzer und jedem qualvollen Schnauben entschuldigte er sich. Die Entschuldigungen wurden immer lauter, genau wie die Geräusche, bis es klang, als wende er sich an ein ganzes Bataillon.

‚Entschuldigen Sie.‘

Als wir hörten, wie es eskalierte -Furz, ‚entschuldigen Sie‘; Furz, ‚Entschuldigen Sie‘; Furz, ‚Entschuldigen Sie‘-, konnte Uzi sich nicht mehr zurückhalten. Mein Freund hielt sich den Bauch und stolperte rückwärts ins Wohnzimmer, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Ich versuchte, diskret zu sein, wenn ich schon nicht höflich sein konnte, und biß mir im vergeblichen Versuch, einen Lachanfall zu unterdrücken, auf die Unterlippe.

Aber falls Eichmann etwas davon merkte, falls er überhaupt verstand, daß irgend jemand die Szene komisch finden konnte, ließ er es sich nicht anmerken. Es dauerte weitere zehn Minuten, bis er endlich erklärte, er sei fertig, und um Erlaubnis bat, sich abwischen zu dürfen.“ (S. 239 f.)

Raul Hilberg, Sonderzüge nach Auschwitz, Berlin 1987

Wer sich auch nach Argentinien absetzte, war der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Albert Ganzenmüller, seit 1942 für den Schienenverkehr zuständig. Er gehörte seit 1931 der NSDAP an, war SA-Brigadeführer und Träger des Goldenen Parteiabzeichens. Ganzenmüller floh aus der Internierung nach Argentinien und wurde beratender Ingenieur der argentinischen Staatsbahn. Im Frühsommer 1952 kehrte er in die Bundesrepublik zurück, seit Juli 1952 war er in Diensten der Hoesch AG.

Obwohl er Staatssekretär war, wusste er angeblich nichts davon, dass die Menschen in den Viehwaggons in den Tod fuhren. Ganzenmüller war bereits 1964 im Treblinka-Prozess in Düsseldorf schwer belastet worden.Im April 1973 musste sich Ganzenmüller wegen Beihilfe zum Mord an mehr als einer Million Juden vor dem Schwurgericht in Düsseldorf verantworten. Auf Veranlassung von Reichsführer der SS. Heinrich Himmler, soll er Eisenbahnzüge bereitgestellt haben, mit denen von Juli 1942 bis Herbst 1944 mehr als eine halbe Million Juden in die Vernichtungslager Treblinka, Belcec, Sobibor, Auschwitz und Lublin transportiert wurden.

Über die Vernehmung von Ganzenmüller berichtete die Stuttgarter Zeitung ausführlich am 26. April 1973.

Vorsitzender Richter Legde:“Herr Dr. Ganzenmüller, was war Ihnen als Staatssekretär über die Pläne und Absichten der Reichsregierung bekannt, die Angehörigen der jüdischen Rasse in Europa zu vernichten?“

Ganzenmüller: „Ich hatte nie davon gehört, daß man die Juden vernichten will. Erst nach dem Kriege erfuhr ich es.“

Richter: „Hatten Sie denn nicht die Führer-Rede im Reichstag 1939 gehört?“

Ganzenmüller: „Nein.“

Richter: „Haben Sie den Stürmer gelesen?“

Ganzenmüller: „Nein, ich war viel zu sehr mit Arbeit überhäuft.“

Richter:“Und die Goebbels-Rede 1943 im Berliner Sportpalast, wo Goebbels offiziell von der ‚Ausrottung der Juden‘ sprach?“

Ganzenmüller:“Auch da war ich nicht dabei.“

Richter: „Wann hatten Sie erstmals den Ruf ‚Deutschland erwache – Juda verrecke‘ gehört?“

Ganzenmüller: „Nie.“

Keiner von ihnen ist an der Hitler-Katastrophe unmittelbar ’schuldig’“ meinte Hermann Broch in seinem Roman „Die Schuldlosen“. Die Gestalten seien unpolitisch – sie wissen von nichts. „Trotzdem ist gerade das der Geistes- und Seelenzustand, aus dem – und so geschah es ja – das Nazitum seine eigentlichen Kräfte gewonnen hat. Politische Gleichgültigkeit nämlich ist ethischer Perversion recht nah verwandt.“

Richter: „Im Herbst 1941 waren Sie längere Zeit in der Ukraine, in Poltawa. Dort wurden am 23. November 1538 Juden erschossen. Anschließend hingen entsprechende Plakate in den Straßen Poltawas aus. Was hörten und sahen Sie davon?“

Ganzenmüller: „Nichts … ich war in jedem Fall so weit weg, daß ich nichts gehört und nichts gesehen hatte. Die Front war damals ja 30 bis 40 Kilometer entfernt. Den Kanonendonner konnte man nicht hören.“

Richter: „Sind Ihnen dort die gelben Sterne aufgefallen, die Kennzeichen der Juden also?“

Ganzenmüller: „Nein, gelbe Sterne habe ich nie gesehen.“

Richter: „Am 16. Juli 1942 wurden Sie von SS-Obergruppenführer Wolff aus dem persönlichen Stab Himmlers angerufen und gebeten, Züge für den Abtransport der Juden in die Vernichtungslager bereitzustellen. Wie reagierten Sie?“

Ganzenmüller: „Wenn da ein General der Waffen-SS anrief, so werde ich mutmaßlich gedacht haben, muß es sich wohl um militärische Dinge handeln. Ich werde das Telefonat also an die Abteilung ‚Landesverteidigung‘ weitergegeben haben. Eine exakte Erinnerung habe ich allerdings nicht mehr… Im übrigen war ein Zug täglich von so geringer Bedeutung, daß ich nicht hätte eingeschaltet werden brauchen. SS-Obergruppenführer Wolff hatte sich da offensichtlich vertan. Mit so minimalen Dingen war ich nicht beschäftigt …“

Richter: „Ihr Geheimschreiben vom 28.Juli 1942 … an Himmlers Stab, demzufolge ab 22.Juli täglich ein Zug mit 5000 Juden nach Treblinka rollte und zweimal wöchentlich ein weiterer Zug in das Vernichtungslager Belzec, trägt aber Ihre Unterschrift. Ist sie echt?“

Ganzenmüller:“Ja. Das ist meine Unterschrift … aber ich hatte dem Vorgang keine Beachtung geschenkt … ich war so überlastet mit Arbeit, daß die Grenzen meiner Aufnahmefähigkeit damals überschritten waren…“

Richter:“5000 Juden täglich bedeutete 35000 Juden pro Woche, im Monat rund 150000 also! Machten Sie sich keine Gedanken darüber, was die dort wohl sollten?“

Ganzenmüller: „Ich sagte schon, den Inhalt dieses Schreibens hatte ich innerlich und geistig nicht aufgenommen…“

Richter: „Sie wollen behaupten, daß Sie einen Geheimbrief an den Stab des Reichsführers SS, Himmler, an den zweithöchsten Mann also im Dritten Reich, zwar unterschrieben, aber inhaltlich nicht zur Kenntnis genommen haben?“

Ganzenmüller: „Ja, so ist es. Der Brief ist sicherlich von einer Unterabteilung, der Gruppe L, aufgesetzt und dann von mir lediglich noch routinemäßig unterschrieben worden.“

Richter: „Es war aber einer Ihrer Privatbogen. Wie konnte die Gruppe L wohl an Ihr Privatbriefpapier kommen?“

Ganzenmüller: „Sie werden es vielleicht aus meinem Sekretariat geholt haben…“

Richter:“Und wie konnte das Schreiben, wenn es tatsächlich wie Sie jetzt behaupten, von der Gruppe L aufgesetzt worden war, wie konnte es ohne Tagebuch-Nummer durch die Registratur gehen?“

Ganzenmüller: „Also, um derartige Einzelheiten habe ich mich nicht gekümmert … und es war außerdem ja wirklich nicht leicht, all diese Zusammenhänge zu durchschauen… ich meine, für mich als einfacher Staatsbürger …“

Ganzenmüller fiktiv: „Mein Name ist Hase – ich weiß von nichts. Dass es überhaupt Juden in Deutschland gab, war mir nicht bekannt. In Palästina habe ich sie eher verortet. War nicht Jesus von Nazareth einer von ihnen? Wurden sie nicht irgendwann aus Spanien vertrieben? Im Geschichtsunterricht habe ich öfters gefehlt – ich fuhr lieber mit der Eisenbahn!“

Aus: Das Kabinett des Dr.Caligari von Robert Wiene, Stummfilm von 1919

Eine Rahmenhandlung gibt die Erzählung eines Irren wieder, der durch den unter seltsamen Umständen zustande gekommenen Tod seines Freundes wahnsinnig geworden ist und nun Wahrheit und Phantasie – Ganzenmüller vorwegnehmend – nicht mehr unterscheiden kann. In dem Direktor des Irrenhauses (Adolf Hitler) meint er, Dr. Caligari, den Jahrmarktschausteller, zu erkennen, der den Somnambulen Dr. Ganzenmüller alias Cesare zwingt, hypnotisiert Morde zu begehen. Der Direktor versucht nicht, ihm zu helfen, obwohl er selbst wahnsinnig ist und den Grund des Wahnsinns von Ganzenmüller – hypnotisierte Gefolgschaft – erkannt hat.

Wer trieb sein Unwesen noch in Argentinien? Einer darf nicht fehlen, der noch im Januar 1945 das Ritterkreuz mit Eichenlaub von seinem Führer verliehen bekam.1 Es war Hans Ulrich Rudel (1916 bis 1982). Nach Kriegsende betätigte er sich als Fluchthelfer für seine NS-Freunde und Waffenhändler. Er unterstützte die rechtsextreme Deutsche Reichspartei (DRP), deren Spitzenkandidat er 1953 im Bundestagswahlkampf war. Vorher im Jahre 1948 emigrierte er über eine der Rattenlinien nach Argentinien: Er gelangte über die Schweiz nach Rom und beschaffte sich dort einen gefälschten Pass des Roten Kreuzes mit dem Decknamen „Emilio Meier“. Im Juni 1948 landete mit einem Flug aus Rom in Buenos Aires. In seinem gewünschten Exil gründete Rudel in Buenos Aires das „Kameradenwerk“, eine Hilfseinrichtung für NS-Kriegsverbrecher. Hier versammelten sich neben dem SS-Mann Ludwig Lienhardt weitere NS-Kriegsverbrecher wie Kurt Christmann (Gestapochef unter anderem in Koblenz) und der Österreicher Fridolin Guth. Rudel wirkte auch in Chile. Dort seien die Deutschen „dem alten Deutschtum treu geblieben“ und würden „die neue Richtung nicht mitmachen.“ 2

Nach der Absetzung Perons 1955 wurde Rudel als eine Schlüsselfigur der Wiedererstehung des Nationalsozialismus eingestuft, das Operationszentrum der „Braunen Internationale“ war Argentinien. Ende 1952 wird bekannt, dass Rudel mit Nazigrößen der Bundesrepublik Überfälle auf die Gefängnisse Landsberg, Werl und Wittich geplant habe, um die dort einsitzenden Kriegsverbrecher zu befreien.

1 Michael Frank, Die letzte Bastion – Nazis in Argentinien, Hamburg 1962, S. 138

2 Ebd., S.141

Veröffentlicht 24. September 2013 von schauerchristian in Nazis in Argentinien

Alzenau und Gunzenhausen in der NS-Zeit

 

Gunzenhausen,  Alzenau und Umgebung in der NS-Zeit

Schon im April 1920 sprach Julius Streicher, der spätere Gauleiter Frankens, auf einer Veranstaltung der Deutsch-Sozialistischen Partei in Gunzenhausen.1 Im Januar 1923 entstand die NSDAP-Ortsgruppe. Im Stadtrat von Gunzenhausen saßen schon 1924 Nationalsozialisten. Schon in den 20er Jahren gab es erste antijüdische Ausschreitungen. 1928 wurden Fenster der Synagoge eingeschlagen, im Dezember 1929 wurden 18 Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof umgestürzt und teilweise zertrümmert. Im Februar dieses Jahres wurde ein jüdischer Lehrer am städtischen Gymnasium durch eine seiner Schülerinnen – mit Unterstützung der nationalsozialistischen Zeitung “Der Stürmer” – beschuldigt, die christliche Religion verunglimpft zu haben. Die Sache kam vor Gericht, wo noch einigermaßen rechtsstaatlich geurteilt wurde. Der Lehrer wurde freigesprochen und dem Redakteur des “Stürmers” eine Geldstrafe auferlegt.

Ende der 20er Jahre existierten drei jüdische Bankhäuser in Gunzenhausen. Es gab eine jüdische Gastwirtschaft und ein Kaffeehaus. Zwei jüdische Ärzte praktizieren, ein Allgemeinarzt und ein Zahnarzt. Überwiegend waren Juden Handeltreibende, selten Handwerker. Der Rabbi kam aus Ansbach und betreute die Gemeinde mit. In dem Haus am Hafnermarkt 13 befand sich eine Mikwe (Ritualbad). 2 Seit 1928 war Hans Appler Führer der Ortsgruppe Gunzenhausen der NSDAP.

Hans Appler

Hans Appler

1930 wurde SS-Sturmführer Appler Kreisleiter, kurz vor der Machtergreifung sogar Mitglied des Reichstages. 3 Bis 1932 leitete er den NSDAP-Bezirk Gunzenhausen, dann anschließend bis November 1940 den dortigen Kreis.4 Appler wurde am 1. Oktober 1935 Erster Bürgermeister in Gunzenhausen und blieb in diesem Amt bis April 1945. Nach manchen Quellen setzte sich Appler 1946 nach Kairo ab. Dort sei er zum Islam konvertiert und habe unter dem Namen Salah Chaffar gelebt.

Wie die Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen mitteilt, handelt es sich um eine Verwechslung. “Durch Überprüfung der personenbezogenen Findhilfsmittel ist festzustellen, dass Johann Appler, geb. 1892, in den von der Zentralen Stelle übernommenen Unterlagen mehrfach bekannt geworden ist. Die in dem Wikipedia-Artikel zitierten Informationen über seineangebliche Auswanderung nach Ägypten stammen aus einer hier vorliegenden Veröffentlichung des Simon-Wiesenthal-Zentrums v. Juni 1967 (B 162/5656, Bl. 59ff.),in der ein ‚Hans Appler‘ entsprechend erwähnt wird (Bl. 67). Da dieser jedoch als Mitarbeiter des Reichspropagandaministeriums bezeichnet wird, scheint hier eine Verwechslung vorzuliegen.

Johann Appler war nach 1945 zunächst in Ludwigsburg interniert. Entsprechend dürfte im Staatsarchiv Ludwigsburg eine Spruchkammerakte vorliegen. 1946 bis 1950 war Appler Beschuldigter mehrerer Verfahren der Staatsanwaltschaft Ansbach, deren Akten teilweise im Staatsarchiv Nürnberg verwahrt werden.” Ägypten war neben Argentinien ein Hauptzufluchtsort für Nationalsozialisten nach dem Zweiten Weltkrieg. 5

Gunzenhausen war dem Nationalsozialismus überdurchschnittlich gewogen, was sich in sehr guten Reichstagswahlergebnissen dokumentierte. 1928 erreichte die Partei hier über sechzehn Prozent, 1930 waren es über fünfunddreißig Prozent. 6 Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 konnte die NSDAP 66,5 Prozent der Stimmen gewinnen (Reichsdurchschnitt 37,3 Prozent). 7 Noch etwas besser schnitt die NSDAP bei der letzten einigermaßen “freien” Reichstagswahl am 5. März 1933 ab – sie erhielt 67,1 Prozent der abgegebenen Stimmen (Reichsdurchschnitt 43,9 Prozent).

Am 25. März 1934 ereignete sich in Gunzenhausen ein antijüdisches Pogrom, das “Pogrom von Gunzenhausen”. Das Wetter war deutlich freundlicher als die Ereignisse, die dort stattfanden. Obersturmführer Kurt Bär führte den SA-Sturm 30/13. An diesem Tag traf man sich abends im “Hotel zur Post”. 8 Ein erster Höhepunkt des Konfliktes zwischen SA und war die gewaltsame Entfernung des nicht-jüdischen Landwirts und Dorfbürgermeisters Leonhard Baumgärtner durch die SA aus der Wirtschaft Strauss, die als “Judenwirtschaft” galt. Es ging hervorgehoben um die Jagd auf ein ehemaliges Mitglied des Reichsbanners 9, den jüdischen Kaufmann Jakob Rosenfelder. Der Tag endete damit, dass eine aufgeputschte Menge von bis zu 1.500 Teilnehmern durch Gunzenhausen zog. Angestachelt von antisemitischen Hetzreden des SA-Mannes Kurt Bär drang sie gewaltsam plündernd in jüdische Wohnungen ein und trieb die Bewohner unter Schlägen ins Gefängnis. 10 Zwei Juden kamen an diesem denkwürdigen Tag ums Leben, der 65-jährige Privatier Max Rosenau und der 30-jährige Kaufmann Jakob Rosenfelder.

Aus der Vernehmung des Zeugen Erich Klein, der in einem Spruchkammerverfahren folgendes äußerte: „ … Hierauf begab ich mich in die Wirtschaft Strauß, kam aber nicht ins Lokal. Zu dieser Zeit war bereits eine ziemliche Menschenmenge vor der Wirtschaft. Ich sah den jungen Strauß außen … auf dem Pflaster regungslos liegen. Hierauf erschien Kurt Bär unter der Haustüre …und hielt eine kleine Ansprache … ich kann mich nur noch an Bruchteile davon erinnern: ‚Die Juden haben Christus ans Kreuz geschlagen, diese haben den Krieg verursacht und haben zwei Millionen Deutsche auf dem Gewissen, die Juden wollten auch das deutsche Volk ans Kreuz nageln.’ Er sprach auch davon, dass er von dem Juden Julius Strauß angespuckt wurde, und dass sich ein SA-Mann das nicht gefallen lassen kann, weil sie die Garanten des Staates sind.” … 11 Die NS- Tendenz, den Juden die Schuld am Ersten Weltkrieg zuzuschieben, wurde schon vor Ende des Krieges von rechtsradikalen Kräften in die Wege geleitet. 12

Der Mord an Simon Strauß

Beim Heimatfest am 15. Juli 1934 trafen sich auch SA-Männer, darunter Kurt Bär. KurtBär ließ seinem Antisemitismus freien Lauf. Nach Angaben der Oberstaatsanwaltschaft Ansbach äußerte er: Diese Lumpen gehören alle erschossen.” Zwischen 21 und 22 Uhr erfuhr die Gendarmerie Gunzenhausen, dass Kurt Bär Vater und Sohn Strauß niedergeschossen hatte. Simon Strauß lag in der Gaststube, sein Sohn Julius im Neben-zimmer. Im Krankenhaus erlag Simon Strauß noch am gleichen Tag seinen Verletzungen. Der SA-Mann Kurt Bär bestand darauf, die Tat ohne fremde Hilfe vollbracht zu haben. Seine Wut richtete sich gegen Simon und Julius Strauß, weil das Gericht ihm nicht geglaubt habe, dass der Jude Strauß ihn angespuckt habe. Den beiden Juden habe man geglaubt. Sowohl die SA als auch die NSDAP verurteilten die Vorfälle. Das Landgericht Ansbach verurteilte den Angeklagten Bär zu einer lebenslänglichen plus zehnjährigen Zuchthausstrafe wegen versuchten Totschlags. 1935 wurde eine Revision des Urteils abgelehnt. Kurt Bär wurde nach seiner Begnadigung am 16. November 1938 vorzeitig entlassen. 13

Antisemitismus in Alzenau

Schon im August 1933 wurden die Juden Siegfried Rothschild und Arthur Hecht aus Hörstein schwer misshandelt. Dem Metzger Moritz Löwenthal wurde der Kiefer gebrochen. Bei den Tätern handelte es sich um SS-Leute aus Aschaffenburg, die von SS-Leuten aus Hörstein Informationen über den Ort Hörstein erhielten. Ein 37 jähriger SS-Mann aus Aschaffenburg erhielt für die Tat zwei Monate auf Bewährung. “Der Stürmer” wertete die Tat im September als Züchtigung von “geständigen Mädchenschändern und Schwarzschlächtern” – Geständnisse gab es de facto nicht.

Wahrscheinlich 1935 wurde in Alzenau ein Flugblatt verteilt, dass weniger zu allgemeinen Verschwörungstheorien sich verstieg wie Kurt Bär in Gunzenhausen (siehe oben) als vielmehr Menschen jüdischen Glaubens persönlich angriff: “Wie lange noch liefert der grosse Judenfreund Metzgermeister Pflaum Fleisch in das Bezirkskrankenhaus? Bei einer Listensammlung (Mutter und Kind) gab er nichts. Seine Viehhäute liefert er nach wie vor an den Juden Lippmann. Wie lange noch kaufen hiesige Beamte besonders aus der Kunkelsrainstr. noch in auswärtigen Judengeschäften ein? Ist die Judenbäckerei Schafheimer ein besonderer Günstling? Dieser schleicht noch Nachts um 23 Uhr mit seiner für die ‘Goims’ zubereiteten Knatschware in den Häusern umher. Wie lange erlaubt sich die Judenbagasche noch die Frechheit, unsere schöne Hauckwaldanlage zu besudeln und die Bänke am Wasserloser Waldeck zu belagern? Wie lange glaubt die Judensippe noch am Schabbes in 6er Reihen durch unsere Strassenwatscheln zu dürfen? Warum wird des Emigranten Hotel des Schacher- und Watscheljuden Benzion Wechsler (Löffler) nicht ausgehoben und gesprengt? Wie lange werden hier noch jüdische Flüchtlinge beherbergt? Bemerkt man nicht das ständige Kommen und Gehen der Plattfuss-Indianer in diesem Haus? Z- Zt. mit ca. 15 Hebräern belegt!!!” 14

Benzion Wechsler

Benzion Wechsler

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Lehrer Benzion Wechsler (1874 bis 1943) war als Vorstandsmitglied von Vereinen im lokalen Geschehen verwurzelt. Er hielt im August 1929 für die Israelitische Kultusgemeinde eine Ansprache bei der Feier zur Übergabe und Weihe des Ehrenmals für die Gefallenen des Weltkrieges. Wechsler meinte damals: “Unsere Nachkommen, Enkel und Urenkel, sollen beim Anblick dieses Denkmals daran erinnert werden, daß im Weltkriege tapfere Soldaten Gefahren vom Deutschen Volke nahmen.” Er betonte als national denkender Jude, dieses Ehrenmal vermittle ein Gefühl von Eintracht und Zusammengehörigkeit und beendete seine Ansprache mit den Worten: “Einer für Alle, Alle für Einen, so soll auch jetzt nach dem Kriege das Volk in Eintracht verkehren, jeden Rassen- und Klassenhaß von sich weisen, die Überzeugung und Religion anderer achten, wie dies unser Nationaldichter Schiller so herrlich in Wilhelm Tell ausspricht: ‘Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr.’ ” Zum Ausschluß von Juden aus Sportvereinen gibt das Protokoll des Turn- und Sportvereins Alzenau vom 13. Mai 1933 Aufschluß. Dort heißt es unter anderem: „In unserem Verein befinden sich noch Lehrer Wechsler, Moritz und Salomon Hamburger. Es wurde diesen Mitgliedern nahegelegt, ihren Austritt zu erklären, was auch geschehen ist.” Benzion Wechsler wurde 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Der Wille zur Ausgrenzung ist in diesem Flugblatt deutlich zu spüren.Juden, die ansonsten eine riesige Hakennase haben, fehlt hier der aufrechte Gang . Sie watscheln (“Watscheljude Benzion Wechsler”, “durch unsere Strassen watscheln”). Allein durch ihre Anwesenheit besudeln sie die Hauckwaldanlage – sind also Unreine. Eng mit dem Begriff des “unreinen Juden” verbunden ist die Bezeichnung “Judensau”. Die Bezeichnung „Judensau“ umfasste ein im Hochmittelalter entstandenes häufiges Bildmotiv der antijüdisch christlichen Kunst. Es sollte Juden nicht nur verhöhnen, sondern auch demütigen, da das Schwein im Judentum als unrein gilt und mit einem religiösen Nahrungsverbot belegt ist.

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Bild: Wittenberger Judensau von 1596

Spalt VfHK 19.08.2017 17-48-33

Judensau von Spalt Innenhof Stiftsgasse 10

Bild: Hans-Peter Lautner

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Die NS-Sympathien in Alzenau und Umgebung

Die Reichstagswahl vom 05.03.1933 im Bezirk Alzenau ging folgendermaßen aus

Parteien Stimmen Prozent

NSDAP 4348 25,2

SPD 3452 20,0

KPD 1231 7,2

Bayerische Volkspartei 8049 46,7

Kampffront Schwarz

weiß rot 64

DVP 40

Christlich-sozialer

Volksdienst 22

Deutsche Bauernpartei 9

DDP (Deutsche

Staatspartei) 18

Der Stimmenanteil für die NSDAP war also deutlich geringer als in Gunzenhausen. Zusammenfassend lässt sich für den Bezirk Alzenau für die Reichstagswahlen 1928 bis 1933 feststellen: 15 Der Wählerstamm der Bayerischen Volkspartei blieb in dieser Zeit relativ konstant. Im Mai 1928 lag des Ergebnis bei 50,7 %, im März 1933 bei 46,7 %. Die NSDAP erhielt bei der letzten noch halbwegs freien Wahl knapp 25 % der Stimmen 1928 lag sie noch bei 1 %. Der Anteil der SPD sank von 33,1 % 1928 auf 20 % 1933. Damit ging der Anteil dieser Partei deutlich zurück. Die KPD erreichte ihr bestes Ergebnis im November 1932 mit 11,2 %, im März 1933 fiel sie auf 7,2 % zurück – 1928 lag der Anteil bei 4,8 %.

Die Reichspogromnacht in Alzenau

Lesen wir die Zeugenaussage von Meta Bachrach- Tochter von Ferdinand Hamburger– im Spruchkammerverfahren vom 6.11.1946 “An die Spruchkammer Alzenau”: “Hier ist es so wie ich es erlebt habe- Als Zeuge und victim mache ich folgende Angaben. Am 10. November als mein Vater in die Synagoge kam die gleich neben unserem Hausewar, war dieselbe demoliert und das Almemor sowie auch der Aron (?) Hakodesch angehackt mit einem Beil etc. Ich sah es selbst. Dieses geschah in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Während des Tages zogen Horden von Nazis vor unser Haus und der Synagoge auf. Wie man sagt hat P. und E. W. Spitzel beherbergt. Besonders E. W. die zwischen uns und meinem Onkel J. in der Judengasse (?) wohnte. Bei ihr besonders müssen Sie geehrter Herr Rothschild auf den Grund gehen, denn lügen war schon immer ihr Meister Stück. Joan or J. R. Sohn des früheren Ortsdieners Reinhard (?) R. stand Schmiere während Horden von Nazis in die Synagoge eindrangen und bei Ferdinand Hamburger der in der Wohnung oben in(?) der Synagoge wohnte. In der Synagoge wurde alles kurz und klein geschlagen auch bei Ferdinand Hamburger wobei sie sogar die Betten aufschlissen und den Herd zum Fenster hinaus wurfen. Die Sefer Thoras verrissen sie auf der Strasse und in dem Wege zwischen Pflaum und uns war ein richtiges Papiermeer von zerrissenen Thoras und Gebetbüchern. Besonders hervor taten sich in dieser Aktion die folgenden Personen. Die beiden Gebrüder F., die Gebrüder G., L. G. von der damaligen Hitler Jugend und dessen Vater, Kimmel der damalige Ortsgruppenleiter, K. E. und dessen Sohn W., Dr. B. Lehrer B., bei dem ich mehrere Jahre in die Schule ging und der schon von Anfang an gegen die jüdischen Kinder discriminiert hat.J. oder H. H. (genannt K.) wohnhaft im Hause von Sattler B. (?), SS-.Mann G. (wohnhaft auf der Oberschur). Ganz besonders tat sich hervor der lange K. der auf der Elze wohnt ein junger Mann der heute ungefähr 38 (?) alt ist. Der Vorname ist mir unbekannt aber es wird ihnen jeder sagen können wer er ist. Derselbe hat bei uns öfters die Fensterscheiben eingeschmissen vor dem 10. Nov. 1938. Gezeichnet Meta Bachrach.” 16

Synagogen-Denkmal Alzenau

Synagogen-Denkmal Alzenau

Anmerkungen: Mit dem Begriff “Sefer Thora” sind Thorarollen gemeint, “Almemor” ist ein erhöhter Platz in der Synagoge für die Verlesung der Thora. Aron Hakodesch ist die hebräische Bezeichnung für den Thoraschrein (oder auch „heiligen Schrein“). Es ist der Schrein, in dem die Thorarollen in der Synagoge aufbewahrt werden.

In Hörstein randalierten in der Reichspogromnacht SA – Leute vor mehreren jüdischen Häusern. Das Haus von Hermann Rothschild wurde heimgesucht. Gesucht wurde nach Schuldscheinen. Nicht einwandfrei zu klären war, ob die Synagoge in dieser Nacht beschädigt wurde. Der Anwohner Julius Hamburger wurde so stark geschlagen, dass seine Frau danach flehte, ihn gehen zu lassen. 17 Ein SA – Führer erteilte Ausweisungsbefehle gegenüber einigen Juden, was dazu führte, dass sich einige Familien reisefertig machten.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 setzte sich der wirtschaftliche Boykott in Alzenau nur allmählich durch. Noch im September 1935 waren 20 der 29 Tabakwarenfabriken in jüdischem Besitz und hatten etwa 2.100 Beschäftigte. Bis Sommer 1937 befand sich auch der Viehhandel als traditionelle Domäne der Juden noch überwiegend in jüdischen Händen.18 Durch den verschärften Antisemitismus entschlossen sich bis 1939 44 jüdische Einwohner zur Auswanderung. 21 flohen in die Vereinigten Staaten, 11 nach Palästina. Einigen gelang bis 1941 noch die Auswanderung, 24 die Flucht in andere deutsche Städte. Die letzten 11 jüdischen Einwohner Alzenaus wurden 1942 nach Izbica in Polen oder in das KZ Theresienstadt deportiert.

Reichspogromnacht in Gunzenhausen und Shoa

Die Synagoge von Gunzenhausen blieb in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 verschont. Sie war wahrscheinlich bereits Eigentum der Stadt. Die Wohnungen der Gunzenhäuser Juden wurden gestürmt und geplündert. Zahlreiche Einrichtungen wurden zerstört und nicht wenige Personen misshandelt. Fünfzehn wurden im Amtsgerichtsgefängnis inhaftiert, acht Männer wurden am 12. November nach Dachau verschleppt, die übrigen Frauen und Kinder wurden in der jüdischen Volksschule inhaftiert. Ende des Jahres lebten nur noch drei Juden in der Stadt. Auch sie verließen am 25. Januar 1939 die Stadt endgültig. Der Holocaust forderte nach aktuellem Stand 92 namentlich bekannte Opfer aus Gunzenhausen. Nehmen wir als Beispiel Ilse Bacherach, geb. Theilheimer. Sie wurde am 03.10.1903 Gunzenhausen geboren und am 04.10.1944 im KZ Auschwitz für tot erklärt. Schriftliche Zeugnisse von ihr liegen mir nicht vor, dafür von Frauen, die Auschwitz überlebten. “Ich erinnere mich noch an HerrnMengele, wie er breitbeinig dagestanden ist und den Daumen immer nach rechts oder nach links bewegt hat. Ich hatte keine Ahnung was die Daumenbewegungen bedeuteten- und dass der Herr dort Herr über Leben und Tod gewesen ist. Dann bin ich mit vielen anderen Frauen in die Duschen gekommen. Ich hatte keine Ahnung dass das auch eine Gaskammer hätte sein können. Aber nach einer Stunde in Auschwitz wusste ich das. Nach einer Stunde in Auschwitz habe ich genau gewusst, wo ich bin: in der Hölle.” 19 …. “Dann erinnere ich mich noch an das stundenlange Appellstehen, bei dem ich nur ein Gefühl hatte: Jetzt möchtest du sofort tot unfallen. Und zu allem spielte laute Musik.” 20 Eine andere Zeitzeugin erinnert sich: “Wir marschierten, bis wir zu einem großen Tor mit der Inschrift ‘Arbeit macht frei’. Als wir durch das Tor kamen, wurden wir von SS-Frauen und SS-Männern mit den folgenden Worten begrüßt: ‘ So, ihr Saujuden jetzt werden wir euch mal zeigen, was arbeiten heißt.’ Sie trieben uns in eine große Halle, die sogenannte Sauna. Wir mussten unsere Kleider ausziehen. Die Koffer mussten wir auf der Rampe stehen lassen. Die SS-Männer blieben dabei, als wir uns auszogen,  und amüsierten sich anscheinend köstlich, während wir vor Scham anfingen zu heulen. Im nackten Zustand wurden uns die Haare geschoren. Wir wurden dabei so entstellt, dass man den einen oder anderen gar nicht wiedererkannte.” 21

Kehren wir zur überproportionalen Zustimmung des Nationalsozialismus in Gunzenhausen zurück und nehmen als Beispiel die Haltung der Hensoltshöhe -ein sogenanntes Gemeinschafts-Diakonissen- Mutterhaus. Auf der offiziellen Homepage wird zugegeben “1933 Öffnung gegenüber den Nationalsozialisten in der Hoffnung auf erweiterte missionarische Möglichkeiten” 22 Rektor Ernst Keupp entwickelte sich zu einem begeisterten Anhänger des NS-Regimes. Die unregelmäßig erscheinende Schrift “Von der Hensoltshöhe” bot im März 1934 eine deutsch-christliche Botschaft. Die Wohltat einer “Errettung vor dem bolschewistischen Chaos” durch die Nationalsozialisten solle nicht vergessen werden. 23 Der “Retter” Adolf Hitler sei von Gott gesandt. Die Hensoltshöhe sei “tief innerlich verbunden” mit dem Nationalsozialismus.Der Hensoltshöher Rektor war gleichzeitig bis 1938 NS-“Blockleiter”. In dieser Funktion schulte er die ihm unterstellten Schwestern oder war bei Schulungen von NS-Funktionären anwesend. Die Schwestern der Hensoltshöhe waren geschlossen in der NS-Frauenschaft. Nach dem Spruchkammerverfahren musste er eine hohe Geldstrafe zahlen.

Vergangenheitsarbeit in Alzenau und Gunzenhausen

In Alzenau liegt eine Rohfassung einer Gesamtgeschichte der Juden im Ort vor.Unter dem Titel “Jüdisches Leben in Alzenau, Hörstein und Wasserlos. Von den Anfängen bis zur Vernichtung” haben die Historikerinnen Esther Graf und Monika Preuß aus Heidelberg eine umfassende Arbeit geschrieben, die leider noch nicht veröffentlicht ist. Ansonsten erscheinen regelmäßig Arbeiten zur Aufarbeitung des NS-Regimes in den Heimatjahrbüchern. Edgar Meyer – schon verblichen – hat ein lesenswertes Buch “Alt Alzenau – neu entdeckt – Der Nationalsozialismus in Alzenau sein Ende und die Zeit danach” geschrieben, das im Reinhold Keim Verlag erschienen ist. 24 Zur Person des Alzenauer Alt-Bürgermeisters Michael Antoni gibt es Spruchkammerakten, die leider nicht öffentlich zugänglich sind.

In Gunzenhausen sind die meisten Beiträge zur Vergangenheitsbewältigung in Alt-Gunzenhausen Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung- Hrsg.: Verein für Heimatkunde Gunzenhausen – erschienen. Hervorzuheben ist die Serie „Der Nationalsozialismus in Gunzenhausen“ Aufsehen erregte das Buch „Heimat – eine Suche“ von Thomas Medicus, das in der überregionalen Presse überwiegend positiv besprochen wurde. Eine lesenswerte Broschüre über das beschriebene Pogrom wird von Heike Tagsold herausgegeben: „Was brauchen wir einen Befehl, wenn es gegen die Juden geht?“ Das Pogrom von Gunzenhausen1934 – Hefte zur Regionalgeschichte. Wer das tiefbraune Mittelfranken in dieser Zeit genauer erforschen will, der lese das Buch von Peter Zinke „An allem ist Alljuda schuld“ – Antisemitismus während der Weimarer Republik in Franken. 35 Erwähnungen im Ortsregister findet die Stadt Gunzenhausen in einem Werk über die braunen Wallfahrten auf dem nahe gelegenen Hesselberg. 25 Über den letzten Frankentag 1939 schrieb in einem Lagebericht der damalige Regierungspräsident Dippold von Ober- und Mittelfranken: „Am 24./25. Juni versammelte sich das nationalsozialistische Franken, dessen Städte und Dörfer festlich geschmückt waren, einer alten und heiligen Tradition gemäß zu einer würdigen und großartigen Feierstunde auf dem Hesselberg. Eine unübersehbare Anzahl von Volksgenossen aus Stadt und Land war dem Rufe, auf den heiligen Berg der Franken zu kommen, gefolgt, um auf die Erfolge des vergangenen Jahres zurückzuschauen und Ausblick zu halten auf die vielleicht schwere Arbeit der kommenden Monate …“ 26 Ein vollständiges Bild kann hier natürlich von beiden Städten nicht gezeichnet werden. Es sollen einige Meilensteine aufgezeigt werden.

Anmerkungen

1 Die Deutsch-Sozialistische Partei (DSP) war eine Partei radikal antisemitischer Kräfte der völkischen Bewegung. Sie wurde bei einem Parteitag (23.-25. April 1920) in Hannover auf Reichsebene gegründet, im Mai 1919 war eine Gründung in München vorausgegangen. Im Sommer 1920 zählte die Nürnberger DSP bereits 350 Mitglieder und besaß damit neben München eine der stärksten Ortsgruppen im Deutschen Reich.Hier war Julius Streicher tätig.

2 Vgl. http://jl-gunzenhausen.de/de/einleitung.html

3 Vgl. Daniel Loy, Unter “Eichenkranz” und “Hackenkreuz” Das Kriegerdenkmal am Hindenburgplatz, in: Alt-Gunzenhausen Heft 56/2001, S.114

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Appler

5 Einige Fakten zu Nationalsozialisten in Ägypten sind in folgendem Leserbrief zusammengefasst: In die Nasserzeit fielen die guten Beziehungen von Teilen des Militärs zum deutschen Nationalsozialismus. Im Main-Echo vom 16.2.2009 sind sie von mir zusammengefasst. Ägypten – beliebter Zufluchtsort für Nazis Nicht verwunderlich ist das Faktum, dass der NS-Verbrecher Aribert Heim in Ägypten untergetaucht ist,war dieses Land doch neben Argentinien ein bevorzugter Exilort für Nationalsozialisten,denen in Deutschland ein Prozess drohte. Es fanden dort Unterschlupf: Johannes von Leers, Hauptschriftleiter der nationalsozialistischen Zeitung Wille und Weg.

Der Ex-Goebbels-Mitarbeiter wurde politischer Berater des Informationsbüros der ägyptischen Regierung. Von ihm ist die Aussage überliefert:“Wenn es überhaupt eine Hoffnung gibt, die Welt von jüdischer Tyrannei zu befreien, dann mit Hilfe der Moslems, die sich unerschütterlich Zionismus, Kolonialismus und Imperialismus widersetzen.” SS-Standartenführer Leopold Gleim organisierte in Ägypten die Geheimpolizei und war für die Juden Ägyptens zuständig. SS-Obersturmbannführer Bernhard Bender war unter der Leitung Gleims für die politische Abteilung der ägyptischen Geheimpolizei zuständig. SS- Sturmbannführer Joachim Däumling wurde zum Berater im ägyptischen Innenministerium. SS-Sturmführer Wilhelm Boekler arbeitete in der Abteilung Israel im ägyptischen Geheimdienst. SA-Gruppenführer Heinrich Stellmann wurde Berater der Gegenspionage. Louis Heiden vom Reichssicherheitshauptamt übersetzte Hitlers “Mein Kampf” ins Arabische. Bevorzugt war dieses Buch bei ägyptischen Offizieren verbreitet. Der nationalsozialistische Journalist Franz Bünsche setzte seine Tätigkeit in Ägypten fort. Hans Appler war für den Islamischen Kongress tätig. Selbst wenn Zweifel am Tod Aribert Heims aufkommen, passt sein Aufenthaltsort doch in die Logik der Nachkriegszeit.

Siehe auch http://www.juif.org/go-blogs-10606.php

6 Vgl. Thomas Medicus, Heimat Eine Suche, Berlin 2014, S. 74

7 Heike Tagsold (Hg.), “Was brauchen wir einen Befehl wenn es gegen die Juden geht?” Das Pogrom von Gunzenhausen 1934, Nürnberg 2006, S. 9

8 Vgl.Thomas Medicus. a.a.O., S.45

9 Am 22. Februar 1924 wurde von Mitgliedern der SPD, der Deutschen Zentrumspartei, der Deutschen Demokratischen Partei sowie Gewerkschaftern in Magdeburg das Reichsbanner gegründet. Es überwog der Anteil der Sozialdemokraten in der Mitgliedschaft. Schätzungen gehen von bis zu 90 Prozent aus. Der Kampf für die Republik richtete sich sowohl gegen den “Stahlhelm” oder die SA als auch gegen den “Roten Frontkämpferbund”.

10 Vgl. http://www.nurinst.org/nurinst_org/proj_gunzen.htm

11 Vgl. http://jl-gunzenhausen.de/de/rosenfelder.html

12 “Die Alldeutschen und andere völkische und antisemitische Gruppen mussten nicht den Waffenstillstand, die Abdankung des Kaisers und die Ausrufung der Republik im November 1918 abwarten, um den Juden die Schuld an der Niederlage zu geben, hatten sie doch bereits 1917 den Krieg in einen Kampf ums Dasein zwischen Deutschtum und Judentum umgedeutet. Noch im September 1918 gründeten sie zur Koordination der antisemitischen Aktivitäten einen “Ausschuss für die Bekämpfung des Judentums”, der die Bereitschaft signalisierte, Antisemitismus bedenkenlos als politische Waffe bis hin zum Mord einzusetzen. Mit der “Dolchstoßlegende” besaß man ein wirksames Propagandainstrument, um die Wende des Krieges aus der Verantwortung des Militärs auf andere Gruppen wie Juden und Sozialdemokraten abzuschieben.” In: Der Erste Weltkrieg von Werner Bergmann

http://www.antisemitismus.net/geschichte/weltkrieg.htm

13 Vgl. Heike Tagsold, a.a.O., S. 50 ff.

14 Peter Körner, Skizzen zur Geschichte der Juden in Alzenau, Wasserlos und Hörstein, Alzenau o.J., S.16 f.

15 Vgl. Helmut Winter, Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im ehemaligen Bezirksamt Alzenau, Heimatjahrbuch Unser Kahlgrund 1983, S. 137 f.

16 Das Schreibmaschinen-Skript ist undeutlich. Es wurden Abkürzungen verwendet

17 Vgl. Walter Scharwies, Toleranz und Zusammenleben, aber auch unverständlicherHaß -Jüdische Kultusgemeinde in Alzenau/Wasserlos und Hörstein, in: Alzenauer Stadtbuch 2001, S.286

18 Vgl. http://www.alemannia-judaica.de/alzenau_synagoge.htm

19 Trude Simonsohn, Noch ein Glück- Erinnerungen, Göttingen 2014, S. 85

20 Ebd., S. 86

21 Esther Bejarano, Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts, Hamburg 2013, S. 64

22 Siehe: http://www.hensoltshoehe.de/index.php?id=587

23 Vgl. Daniel Schönwald, Die Geschichte der Deutschen Christen in Gunzenhausen unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses der “Hensoltshöhe” zum Nationalsozialismus, In: Alt- Gunzenhausen. Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung Heft 56/2001, S. 204

24 Edgar Meyer, Alt Alzenau – neu entdeckt. Der Nationalsozialismus in Alzenau, sein Ende und die Zeit danach, Alzenau 1995

25 Thomas Greif, Frankens braune Wallfahrt. Der Hesselberg im Dritten Reich, Ansbach 2007

26 Ebd. S. 219


Dokumente zur Geschichte der Juden und NS-Geschichte in Alzenau

Ein Artikel in der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung“ vom 7. Oktober 1926 befasst sich mit Benzion Wechsler: „Alzenau. Eine Reihe verdienter jüdischer Lehrer konnten im vergangenen Jahre auf eine 25-, beziehungsweise 50jährige Tätigkeit in ihren Gemeinden zurückblicken. Ihnen reiht sich am 1. Oktober Herr Benzion Wechsler an, der 25 Jahre als Religionslehrer, Kantor und Lehrer seine Gemeinde betreut hat. Der Sohn eines bedeutenden Talmudgelehrten, der an den Talmud-Toraschulen in Schwabach und Höchberg segensreich wirkte, widmete er sich der Tradition seiner Familie folgend dem Lehrerberuf. Nach dem Seminaraustritt (Würzburg 1890), amtierte er in mehreren Kleingemeinden und folgte 1901 einer Berufung in die noch immer stattliche Gemeinde Alzenau. Als Sekretär der Kultusverwaltung und als Kassier und Schriftführer des Frauenvereins nahm er hervorragenden Anteil am Gemeindeleben. Seiner werbenden Tätigkeit gelang es die Synagoge gründlich zu renovieren und der Gemeinde ein würdiges Gotteshaus zu erhalten. Über den engen Kreis hinaus wirkte er im Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden, im Lehrerverein und der Aguda stets fördernd, wenn es auch seiner Natur nicht entsprach, sich in den Vordergrund zu drängen.

Das Vertrauen seiner christlichen Mitbürger übertrug ihm in den Kriegsjahren das Versorgungswesen, viele Jahre stand er ein eifriger Schüler Jahns an der Spitze des Turnvereins, leitete er als Dirigent den örtlichen Gesangverein. So wird der Ehrentag des tüchtigen Schulmanns, des pflichtbewussten Beamten und allgemein geachteten Bürgers ein Ehrentag auch für die Kultusgemeinde und das Städtchen werden. S.D.“


Der Kahltalbote vom 2. Mai 1933

Die erste nationale Maifeier in Alzenau

Der Tag der nationalen Arbeit, der 1. Mai, wurde auch in Alzenau in recht eindrucksvoller Weise gefeiert. Die festlich mit frischem Grün geschmückten Häuser und der Fahnenwald in den Farben des neuen Reiches, den bayerischen Farben, waren das äußere Kennzeichen eines der deutschen Arbeit und dem deutschen Arbeiter gewidmeten Feiertages. Alzenau hat mit dieser glänzenden Feier wie so viele andere deutsche Städte und Dörfer seinen größten Tag erlebt. …

Um 2 Uhr nachm. fand der festliche Umzug durch die überaus reichlich geschmückten Straßen des Marktfleckens statt. Er war ein Glanzstück seiner Art und bot ein überaus fesselndes Bild. Ganz Alzenau war ein wogendes Fahnenmeer und ein einziger grüner Maienwald. Fast jede Wohnung zeigte die Flaggen der nationalen Erhebung.Wir haben schon öfters große Festzüge in Alzenaus Mauern gesehen, aber die Demonstration des arbeitenden Alzenau in der Form einer begeisterten Bekundung der Volksgemeinschaft wie sie der gestrige nationale Feiertag der Arbeit brachte –  das ist jetzt beispiellos. Noch nie hat Alzenau einen solchen Aufmarsch erlebt. Es war etwas Erhabenes eine solche gehobene Stimmung, der seelische Kontakt der Massen, der Geist der Kameradschaftlichkeit und das freie, natürliche Gemeinschaftsgefühl im Dienste des Vaterlandes feststellen zu können. Der Festzug stellte sich in der Wasserloserstraße bei Gärtnereibesitzer Stumpf auf. Mit wehenden Fahnen, mit ihren Zeichen und Emblemen rückten die Verbände und Vereine, die Belegschaften der Betriebe und der Behörden an, ihren bestimmten Platz im Zuge einnehmend. Unter den schneidigen Klängen der SA-Kapelle und klingendem Spiel des Turn -und Sportvereins setzte sich der imposante Zug in Bewegung. Da marschierten die Vereine mit ihren Fahnen, die Handwerker im Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes, Herr Arthur Wohlschlögel mit Embleme des Schlossergewerbes, die Metzger, Schornsteinfeger, Installateure und die Belegschaft der Cellulosefabrik im Arbeitsgewande mit Fabrikationsgegenständen und Werkzeugen, die Beamten, die Sportvereine, Feuerwehr und Sanitäts-Kolonne in Uniform, die Vereinigte Kriegskameradschaft, SA und SS. Leute in schmucker Uniform, die Jugendverbände in ihren kleidsamen Uniformen, darunter der kath. Gesellenverein, die vielen Zellen der NSBO. Der Himmel war mit den marschierenden Bataillonen; es war nicht zu warm und nicht zu frisch und ein gutes Lüftchen bei strahlendem Sonnenschein fehlte auch nicht. Ein Maitag, wie ihn die große Aktion nicht besser wünschen konnte. Unter diesem leuchtenden Frühlingshimmel war das Bild des festlichen Marktfleckens von geradezu überwältigender Wirkung. Überall wurde der Festzug mit lebhaften Heilrufen begrüßt und reichlich wurden aus den Fenstern den Teilnehmern Blumen zugeworfen. Der Zug kam nach dem Durchmarsch der verschiedenen Straßen an der Anlage im Mühlweg zum Stehen. Hier versammelten sich die Teilnehmer um den Platz der Anlage. Nach einem schneidigen Musikstücke der SA-Kapelle ergriff Herr Rechtsanwalt Dr. Bauer das Wort, um in einer groß angelegten gut durchdachten Fest-und Gedächtnisrede über den Sinn und Zweck des Tages der nationalen Arbeit, auch all derer zu gedenken, die für die Errichtung des dritten Reiches kämpften und dafür ihr Leben lassen mußten. Es waren echte deutsche Worte, die der Redner sprach, die wohl noch manchen der Bewegung abseits Stehenden aufrüttelten, an dem gemeinschaftlichen Wiederaufbau des Deutschen Reiches mitzuarbeiten. Die Feierstunde erreichte mit der Umbenennung der Kahlgasse mit Mühlweg in Horst-Wessel-Straße und die vor Jahren vom Verschönerungsverein und der Gemeinde geschaffene schöne Anlage in Horst-Wesselplatz und dem Absingen des Horst-Wessel-Liedes mit Musikbegleitung einen ehrenvollen Abschluß. Langanhaltender Beifall folgte dem Festredner, der so vielen aus dem Herzen gesprochen. Nicht unerwähnt wollen wir lassen, daß die Schwerkriegsbeschädigten im geschmückten Auto im Festzuge gefahren wurden. Den Beschluß der Feier bildete ein Deutscher Maitanz bei Gastwirt Ludorf. Abends 8 Uhr fand die Uebertragung der Riesenkundgebung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin mittels Lautsprecher mit einer Rede des Reichskanzlers Adolf Hitler bei Gastwirt Ludorf statt. Anschließend war Fortsetzung des Maitanzes.

Der Kahltalbote vom 2. Mai 1933

Deutscher Abend

Der von der NS-Frauenschaft Alzenau am Samstag veranstaltete Deutsche Abend im Sittinger’schen Saale hatte sich eines guten Besuches zu erfreuen. Die Kreisleiterin, Frl. Ella Winkler, hielt in schönen Worten die Begrüßungsrede. Auch Herr Bezirkskommissar Knaup hielt eine kernige Ansprache und wies auf die Bedeutung des des Abends hin. Die Vorsprüche von Frl. Marianne Edeler, Frl. Gretl Groß und Frl. Rita Ott gefielen gut. Auch gut gefiel der Chor, und die Aufführung des „Horst-Wessel“- Stückes unter der Regie des Herrn Heinz Edeler war eine Glanzleistung des Abends. „Der selige Florian“, aufgeführt von der Spielschar Kahl, setzte die Lachmuskel in Bewegung. Auch sei die Kapelle Franzl mit ihren schneidigen Musikstücken nicht zu vergessen. Ein reicher Glückshafen legte manchen noch einen schönen Gewinn in den Schoß. Alles in allem, der Abend kann als wohlgelungen bezeichnet werden.

Protokoll des Turn- und Sportvereins Alzenau vom 13. Mai 1933 im Wortlaut:

„Sodann gab der 1. Vorsitzende die neuen Richtlinien der Deutschen Turnerschaft bekannt. Nach diesen Richtlinien können nur national denkende Turner Mitglied der deutschen Turnerschaft sein.Soweit Mitglieder noch nicht national eingestellt sind, wurden sie aufgefordert, sich umzustellen und im nationalen Geist am Aufbau der deutschen Turnerschaft mitzuarbeiten. Ferner ist es nicht mehr möglich, daß jüdische Mitglieder in der deutschen Turnerschaft weiter verbleiben können. In unserem Verein befinden sich noch Lehrer Wechsler, Moritz und Salomon Hamburger. Es wurde diesen Mitgliedern nahegelegt, ihren Austritt zu erklären, was auch geschehen ist.Somit sind die vorgenannten nicht mehr Mitglieder des Turn- und Sportvereins Alzenau.“


Verzeichnis der in Alzenau ortsansässigen Juden – Stand 29. Juli 1935

Name, Vorname, Geburtstag, Geburtsort, Beruf

1 Bravmann, Siegfried, 14.3.1919, Edelfingen, Bäckerlehrling

2 Feldmann, Ludwig, 15.6.1901, Buttenhausen, Kaufmann

3 Feldmann, Berta, 9.6.1905, Alzenau, Ehefrau v. Ludwig 2

4 Feldmann, Lore, Jette, 4.5.1932, Alzenau, Kind von Ludwig 2

5 Feist, Hermann Friedrich, 9.5.1889, Büdesheim, Kaufmann

6 Feist, Lina, 2.4.1898, Alzenau, Ehefrau v. Hermann 5

7 Feist, Karl Leo, 12.9.1931, Alzenau, Kind von Hermann 5

8 Freudenthal, Karolina, 31.8.1867, Alzenau, Viehhändler-Witwe

9 Freudenthal, Heinrich, 23.5.1903, Alzenau, Viehhändler

10 Hamburger, Bernhard, 2.8.1874, Alzenau, Viehhändler

11 Hamburger, Sara, 4.4.1881, Großkrotzenburg, Ehefrau von Bernhard 10

12 Hamburger, Flora, 30.11.1914, Alzenau, Tochter von Bernhard 10

13 Hamburger, Karl, 29.9.1919, Alzenau, Sohn von Bernhard 10

14 Hamburger, Ferdinand, 28.1.1874, Alzenau, Viehhändler

15 Hamburger, Lina, 13.3 1879, Wiesenfeld, Ehefrau von Ferdinand 14

16 Hamburger, Siegfried, 10.3.1906, Alzenau, Sohn von Ferdinand 14

17 Hamburger, Gustav, 12.3.1870, Alzenau, Viehhändler

18 Hamburger, Berta, 16.4.1875, Alzenau, Ehefrau von Gustav 17

19 Hamburger, Siegfried, 12.6.1907, Alzenau, Sohn von Gustav 17

20 Hamburger, Herz, 7.7.1841, Alzenau, Viehhändler

21 Hamburger, Hugo, 5.5.1895, Alzenau, Manufakturwaren-Händler

22 Hamburger, Diana, 23.3.1900, Nidda, Ehefrau von Hugo 21

23 Hamburger, Berta, 19.3.1900, Alzenau, Schwester von Hugo 21

24 Hamburger, Isaak, 11.10.1866, Alzenau, Viehhändler

25 Hamburger, Fanny, 24.2.1869, Sterbfritz, Ehefrau von Isaak 24

26 Hamburger, Jakob, 29.4.1900, Alzenau, Landwirtschaftlicher Produktions Händler

27 Hamburger, Irmgard, 17.4.1901, Alzenau, Ehefrau von Jakob 26

28 Hamburger, Kurt Josef, 8.12.1928, Alzenau, Kind von Jakob 26

29 Hamburger, Evi, 26.8.1932, Alzenau, Kind von Jakob 26

30 Hamburger, Isidor, 5.3.1865, Alzenau, Viehhändler

31 Hamburger, Issi, 24.12.1887, Alzenau, Tabakwaren Händler

32 Hamburger, Rosa, 6.2.1896, N. Moschel, Ehefrau von Issi 31

33 Hamburger, Rudolf Simon, 10.11.1924, Alzenau, Kind von Issi 31

34 Hamburger, Josef, 9.4.1901, Alzenau, Viehhändler

35 Hamburger, Regina, 5.10.1908, Hopsten, Ehefrau von Josef 34

36 Hamburger, Josef, 1.7.1873, Alzenau, Manufakturwaren Händler

37 Hamburger, Binchen, 12.7.1876, Höbst , Ehefrau von Josef 36

38 Hamburger, Daniel, 5.7.1909, Alzenau, Kaufmann Sohn von Josef 36

39 Hamburger, Martha, 12.10.1911, Alzenau, Tochter von Josef 36

40 Hamburger, Hugo, 9.11.1913, Alzenau, Kaufmann, Sohn von Josef 36

41 Hamburger, Julius, 23.8.1877, Alzenau, Manufakturwaren Händler

42 Hamburger, Elsa, 10.3.1885 O. Lauringen, Ehefrau von Julius 41

43 Hamburger, Daniel, 24.11.1911, Alzenau, Sohn von Josef 36

44 Hamburger, Adolf, 15.8.1910, Alzenau, Kaufmann, Sohn von Josef 36

45 Hamburger, Meta, 22.11.1920, Alzenau, Tochter von Julius 41

46 Hamburger, Sara, 4.3.1858, Fechenheim, Viehhändler-Witwe

47 Hamburger, Karolina, 19.3.1869, Alzenau, Ohne Beruf

48 Hamburger, Moritz, 8.10.1899, Alzenau, Manufakturwaren Händler

49 Hamburger, Rosa, 8.5.1902, Külsheim, Ehefrau von Moritz 48

50 Hamburger, Johanna, 21.3.1869, Dinkelsbühl, Manufakturwaren Händler-Witwe

51 Herzberger, Leopold, 19.2.1910, Karlsruhe, Bäcker

52 Herzberger, Meta, 23.12.1912, Alzenau, Ehefrau von Leopold 51

53 Nussbaum, Isaak, 10.12.1865, Vollmerz, Landwirtschaftlicher Produktions Händler

54 Nussbaum, Jonna, 24.9.1872, Mehringen, Ehefrau von Isaak 53

55 Oppenheimer, Simon, 13.8.1896, Elmshausen, Manufakturwaren-Händler

56 Oppenheimer, Selma, 25.5.1903, Alzenau, Ehefrau von Simon 55

57 Oppenheimer, Ilsa , 10.2.1930, Alzenau, Kind von Simon 55

58 Oppenheimer, Alfred, 12.6.1935, Alzenau, Kind von Simon 55

59 Oestrich, Bernhard, 12.11.1881, Alzenau, Vieh-und Schuhhändler

60 Oestrich, Babette, 22.2.1985, Biblis, Ehefrau von Bernhard 59

61 Oestrich, Josef , 8.10.1868, Alzenau, Viehhändler

62 Oestrich, Amalie, 6.8.1873, Alzenau, Ehefrau von Josef 61

63 Oestrich, Julius, 22.10.1906, Alzenau,Viehhändler Sohn von Josef 61

64 Rothschild, Klara, 16.4.1877, O. Mockstadt, Manufakturwaren-Händler-Witwe

65 Rothschild, Daniel, 16.2.1881, Hörstein, Manufakturwaren- Händler

66 Spies, Hermann,12.8.1885, Biblis, ohne Beruf

67 Schafheimer, Fanny, 13.5.1881, Alzenau, Bäckerwitwe

68 Schönmann, Leopold, 26.3.1902, Offenbach, Kaufmann

69 Schönmann, Silva, 2.9.1902, Alzenau, Ehefrau von Leopold 68

70 Schönmann, Herbert David, 15.1.1930, Alzenau, Sohn von Leopold 68

71 Steinhäuser, Moritz, 19.5.1887, O. Lauringen, Kaufmann

72 Stern, Elsa, 27.4.1923, Hochheim, Pflegekind bei Wechsler

73 Strauss, Julius, 12.10.1892, Sommerau, Manufakturwaren-Händler

74 Strauss, Rika , 16.6.1895, Alzenau, Ehefrau von Julius 73

75 Strauss, Adolf, 12.3.1921, Alzenau, Sohn von Julius 73

76 Strauss, Hermann, 24.4.1925, Alzenau, Sohn von Julius 73

77 Wechsler, Benzion, 10.3.1874, Schwabach, Judenlehrer

78 Wechsler, Sophie, 29.7.1879 Berlichingen, Ehefrau von Benzion 77

79 Weissmann, Max, 28.7.1903, Schöllkrippen, Metzger

80 Weissmann, Selma, 9.1.1906, Wörishofen, Ehefrau von Max 79

81 Weissmann, Siegmund, 15.7.1931, Schöllkrippen, Sohn von Max 79

82 Weissmann, Eugenie, 24.7.1864, Braunsfeld, Metzgerwitwe

Quellen: Stadt Alzenau (Hrsg.), Skizzen zur Geschichte der Juden in Alzenau, Wasserlos und Hörstein, Alzenau o.J.

Maschinenschriftliche Kopie eines Mitglieds des Alzenauer Geschichtsvereins

Manufakturwaren-Definition (Universal- Lexikon): Meterwaren, Textilwaren, die nach der Maßangabe des Käufers geschnitten und verkauft wurden

Juden

Jüdische Gedenkstätte vor dem Alzenauer Rathaus

Rede anlässlich des 55.Jahrestages der Reichspogromnacht am 9.November 1993 in Alzenau

Meine Damen und Herren!

Ich möchte am Anfang meiner Ausführungen aus einem antisemitischen Flugblatt, das wohl 1935 verfasst wurde, zitieren: “Wie lange noch liefert der grosse Judenfreund Metzgermeister Pflaum Fleisch in das Bezirkskrankenhaus? Bei einer Listensammlung (Mutter und Kind) gab er nichts. Seine Viehhäute liefert er nach wie vor an den Juden Lippmann. Wie lange noch kaufen hiesige Beamte besonders aus der Kunkelsrainstr. noch in auswärtigen Judengeschäften ein? Ist die Judenbäckerei Schafheimer ein besonderer Günstling? Dieser schleicht noch Nachts um 23 Uhr mit seiner für die ‘Goims’ zubereiteten Knatschware in den Häusern umher. Wie lange erlaubt sich die Judenbagasche noch die Frechheit, unsere schöne Hauckwald-anlage zu besudeln und die Bänke am Wasserloser Waldeck zu belagern?Wie lange glaubt die Judensippe noch am Schabbes in 6er Reihen durch unsere Strassenwatscheln zu dürfen? Warum wird des Emigranten Hotel des Schacher- und Watscheljuden Benzion Wechsler (Löffler) nicht ausgehoben und gesprengt? Wie lange werden hier noch jüdische Flüchtlinge beherbergt? Bemerkt man nicht das ständige Kommen und Gehen der Plattfuss-Indianer in diesem Haus? Z- Zt. mit ca. 15 Hebräern belegt!!!”

Sehr aktuell an diesen Zeilen wirkt die rhetorische Frage nach der Beherbergung von Flüchtlingen; wie damals sind sie auch heute vielen ein Dorn im Auge. Noch war der Höhepunkt der antisemitischen Ausschreitungen nicht erreicht, doch schon Jahre vorher mehrten sich die Zeichen, dass Nationalisten Schlimmes mit den Juden vorhatten. So war es im August 1933 in Hörstein zu schweren Mißhandlungen von drei ortsansässigen Juden durch SS-Leute gekommen. Den Tätern wurde damals vom Bezirksamt bestätigt, ihre Opfer „in geradezu viehischer Weise mißhandelt zu haben.“ Die SS-Täter kamen zwar aus Aschaffenburg, sie wurden jedoch von Gesinnungsgenossen aus Hörstein instruiert. Zwei Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung erhielt einer der Täter. Später zählte er zu den Mördern eines Juden in der Aschaffenburger „Reichskristallnacht“.

Zu Synagogenschändungen kam es in Hörstein im April und Mai 1936, als Fenster eingeschlagen wurden.Weitere Vorgänge belegen, daß in dieser Zeit antisemitische Handlungen deutlich aggressiver wurden. Nach der Schändung des Hörsteiner Friedhofes Anfang des Jahres wurde dem Alzenauer Viehhändler Hamburger im Dezember 1936 die Verglasung der Haustüre zertrümmert. Am Abend des 1. Mai 1938 zogen 100 Personen vor das Geschäft des Juden Hugo Hamburger, der ein Nachthemd verkauft hatte, und schrien: „Raus muß der Jud, der Strinker, der Schänder des nationalen Feiertags.“ Im Oktober dieses Jahres kam es zu neuen Sachbeschädigungen von Privathäusern und Schändungen von Synagogen in Alzenau, Hörstein und Schöllkrippen. Auf Hörsteins Straßen hörte man kurz vorher die Drohung „Schneidet den Juden die Hälse ab.“

Wie verhielt sich nun die Bevölkerung diesen Handlungen gegenüber? Ein Polizist teilte dazu dem Bezirksamt mit: „All diese Vorfälle werden von einem großen Teil der Bevölkerung von Alzenau als unangebracht bezeichnet, und zwar nicht der Juden wegen, sondern weil eben dadurch Volkswerte vernichtet und dabei auch Ruhestörungen begangen wurden.“

Nach Zeugenaussage einer ortsansässigen Jüdin spielte sich in der „Reichskristallnacht“ in Alzenau folgendes ab: SA-Männer drangen in die Synagoge ein und „schlugen alles kurz und klein.“ Ferner wurden Kultgegenstände zerstört, Thorarollen und Gebetbücher zerrissen sowie in der Wohnung eines Juden die Betten aufgeschlitzt und der Herd zum Fenster hinausgeworfen. – Die Synagoge in Schöllkrippen wurde am Morgen des 10. November von Aschaffenburger SA-Leuten in die Luft gesprengt. In Hörstein wurden viele Juden, die nicht fliehen konnten, von Rechtsradikalen zusammengeschlagen.. Den Plan, die Synagoge anzuzünden, ließ man wieder fallen, weil die Gefahr zu groß war, daß das Feuer auf umliegende Wohnhäuser übergreifen könnte. Festgenommen wurden sowohl Alzenauer als auch Schöllkrippener Juden, von ersteren wurde Benno Strauß in das KZ Dachau verbracht. Mit der „Reichskristallnacht“ verbunden war eine Welle von Arisierungen, auch „Entjudungen“ genannt, in Schöllkrippen waren es 21, in Hörstein 56. Juden mußten ihren Besitz weit unter Wert verkaufen. Die danach folgende Katastrophe soll hier nicht Gegenstand der Betrachtung sein.

Manche werden sich jetzt denken, was das alles soll. Müssen die alten Geschichten immer wieder aufgerührt werden? Kann das Vergangene nicht ruhen?

Ich finde, man darf das Vergangene nicht auf sich ruhen lassen. Ein bedeutender Dichter hat einmal gesagt: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“ Judenfeindschaft ist und war eine Variante des Fremdenhasses. Dieser ist heute virulenter denn je. Einige Zahlen sollen dokumentieren, daß für rechtsradikale Gewalt, die aus diesem Fremdenhaß hervorgeht, in den letzten Jahren ein enormer Anstieg zu verzeichnen war. Von 1990 auf 1991 stieg die Zahl rechtsradikal motivierter Gewalttaten auf 1.500. Im vergangenen Jahr wurden 2.285 dieser Gewalttaten gezählt, 17 Tote mußten beklagt werden, wobei die wirkliche Zahl wahrscheinlich höher liegt. Die übergroße Mehrheit der Tatverdächtigen war jünger als dreißig Jahre- Einzeltäter ohne Rückhalt in der Gesellschaft der Bundesrepublik, so werden jetzt einige meinen feststellen zu müssen. Dem widerspricht, daß viele Deutsche enorme Schwierigkeiten haben, sich vorzustellen, mit Menschen, die nicht hier geboren sind, aber schon lange hier leben und arbeiten, zusammenzuleben. „Deutschland den Deutschen“ – diese Parole scheint nach wie vor viele schlichte Gemüter zu überzeugen. So kommt INFAS kurz nach den Ereignissen von Rostock zu dem Ergebnis, daß 51 Prozent der Befragten dieser Aussage zustimmen. Auch Umfrageergebnisse zu ähnlichen Themen dokumentieren, daß rechtsextreme Gewalttäter nicht isoliert in der Gesellschaft sind. 37 Prozent der Deutschen sind demnach der Meinung, daß „die Deutschen sich im eigenen Land gegen die Ausländer wehren müssen.“ 26 Prozent stimmen der Parole „Ausländer raus“ zu. Nach dem Brandanschlag von Mölln gingen die Zahlen nach unten, doch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Deutschen sympathisiert offensichtlich mit völkischem Denken. Ebenso bedrücken wirken die Fakten eine IBM-Jugendstudie 1992. Danach kann fast ein Drittel der Heranwachsenden als „konsequent ausländerfeindlich oder zumindest anfällig für fremdenfeindliche Gedanken“ eingestuft werden.

Wieviel harscher Kritik aus dem In- und Ausland bedurfte es, um gegen die rechtsradikalen Ausschreitungen und Auswüchse eine mittlerweile etwas härtere Gangart des Staates durchzusetzen? Wer erinnert sich nicht an die Ereignisse von Rostock, als es durch unterbliebene Hilfe der Sicherheitskräfte nur zufällig vermieden wurde, daß Dutzende Vietnamesen den Flammentod erlitten?

In den Berichten über die Ereignisse aus den 30er Jahren vermißt man die Personen, die sich schützend vor die Juden stellten, was sicherlich in der damaligen Diktatur risikoreicher war, als es heute ist. Gegenwärtig sind es mehr geworden, die sich mit Fremden solidarisieren – Zeichen sind die vielen Demonstrationen, Lichterketten und Mahnwachen. Sie bilden ein Gegengewicht gegen die vielen Gleichgültigen, die in etwa so denken, wie Teile der hiesigen Bevölkerung damals. Daß rechtsradikale Einstellungen, die wie die Umfragen beweisen, latent oder manifest vorhanden sind, nicht überhand nehmen, hängt auch davon ab, ob es gelingt, wirksame Konzepte gegen Arbeitslosigkeit und soziale Perspektivlosigkeit zu entwickeln. Schon einmal scheiterte eine Demokratie daran, daß zu der völkischen Grundeinstellung weiter Schichten eine schwere Wirtschaftskrise hinzukam, die für viele Elend bedeutete.

Lernfähige Demokraten müssen aus dem Erstarken rechtsradikaler Kräfte zudem die Konsequenz ziehen, das Wissen um die Vorgänge der Judenverfolgungen und später des Holocaust wachzuhalten. Es kann gar nicht oft genug festgestellt werden, wie zwangsläufig bestimmte antihumane Gesinnungen gegenüber Fremden zu Gewalt, Pogromen und Schlimmerem führten. Noch immer liegt beispielsweise keine zusammenfassende ortsgeschichtliche Darstellung der Juden in Alzenau und Umgebung vor, obwohl sie schon vor 5 Jahren in Auftrag gegeben wurde. Rechtsradikalem Denken und Handeln muß entschieden entgegengetreten werden. Verständnis wird von rechtsradikalen Tätern als Schwäche ausgelegt und führt zu noch mehr Gewaltakten. Rücksichtnahme auf rechtspopulistische Stammtischstimmungen wirkt sich verheerend auf die demokratische Kultur dieses Landes aus. In diesem Sinne Sinne mein Aufruf an alle Demokraten: Die Offensiven gegen rechtsradikales Denken und Handeln dürfen nicht erlahmen. Einmal Faschismus – das lehrt die Geschichte – reicht völlig.

Christian Schauer für den Ortsverband von Bündnis 90/ Die Grünen Alzenau


Die Reichspogromnacht im Raum Aschaffenburg und reichsweit

Gedenken an die Reichspogromnacht 2017. Vortrag am 9. November 2017 in Kahl am Main

Unmittelbar nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933 kam es am 11. März 1933 zum „Warenhaussturm“ in Braunschweig. Es handelte sich um eine Gewaltaktion gegen jüdische Warenhäuser- initiiert von der NS-Führung des Freistaates Braunschweig.

Am 1. April kam es zum reichsweiten Judenboykott. Es handelte sich um einen Boykott jüdischer Geschäfte, Warenhäuser, Banken, Arztpraxen, Rechtsanwalts- und Notarkanzleien, den das NS-Regime seit März 1933 plante und am Samstag, dem 1. April 1933 in die Tat umsetzte. Schon im 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 war die Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben geplant. Am 1. April 1933, einem Samstag, begannen die Aktionen um 10 Uhr – an einigen Orten schon am Abend vorher. Überall in deutschen Städten standen uniformierte, teils auch bewaffnete SA-, HJ- und „Stahlhelm“-Posten vor jüdischen Geschäften, Arztpraxen und Anwaltskanzleien und hinderten etwaige Kunden den ganzen Tag lang daran, diese zu betreten. Auf Schildern und Plakaten wurde gefordert: Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei(m) Juden! – Die Juden sind unser Unglück! – Meidet jüdische Ärzte! – Geht nicht zu jüdischen Rechtsanwälten!

Weiter ging es am 7. April 1933. Durch das Berufsbeamtengesetz und das Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft verloren im Jahre 1933 etwa 37.000 Juden ihre berufliche Existenz in Deutschland.

Mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 – auch als Nürnberger Rassengesetze bezeichnet – wurde die antisemitische Ideologie juristisch festgelegt. Sie wurden anlässlich des 7. Reichsparteitags der NSDAP am 15. September 1935 einstimmig vom Reichstag angenommen, der eigens zu diesem Zweck telegrafisch nach Nürnberg einberufen worden war. Die institutionalisierte Rassentrennung sah folgendermaßen aus. Das am 15. September 1935 erlassene Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre verbot eine Eheschließung von Juden und Nichtjuden sowie den außerehelichen Geschlechtsverkehr.

Mit dem Reichsbürgergesetz wurde eine besondere Art des Bürgers kreiert, der „Reichsbürger“. Die vollen politischen Rechte sollte nach diesem Gesetz allein der „Reichsbürger“ haben (§ 2 Abs. 3 Reichsbürgergesetz – RBG). Dieser müsse Staatsangehöriger „deutschen oder artverwandten Blutes“ sein und durch sein Verhalten beweisen, dass er „gewillt und geeignet ist, in Treue dem Deutschen Volk und Reich zu dienen.“ Das Reichsbürgergesetz hatte zur Folge, dass kein Jude mehr ein öffentliches Amt innehaben konnte. Kommentator der Rassen-Gesetze war Hans Globke (1898 bis 1973). Er wirkte federführend an der Vorbereitung der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz (14.11.1935) mit. Auch wurde die Einführung des Stempels „J“ in Pässe von Juden von Globke mit konzipiert. Formuliert wurden von ihm das Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen (5.1.1938) sowie die Ausführungsverordnungen dazu. Von 1953 bis 1963 leitete er das Bundeskanzleramt.

Die Gruppe der „jüdischen Mischlinge“ wurde unterteilt in „jüdische Mischlinge ersten Grades“ mit zwei jüdischen Großeltern und „jüdische Mischlinge zweiten Grades“ mit einem jüdischen Großelternteil. „Mischlinge ersten Grades“ galten nicht als „Mischlinge“, sondern als „Voll-Juden“.

Dabei kam es zu verwickelten Situationen, wenn sogenannte Mischlinge mit Deutschen verheiratet waren. So führte der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, am 13.9.1939 aus: „SS-Obersturmführer Mayr/Miesbach ist mit Frau Sigrid, geb. Magnusssen verheiratet. Sigrid Magnussen ist nach ihrer Abstammung zu einem Viertel jüdischen Blutes.

SS-Obersturmführer Mayr hat sich verpflichtet, keine weiteren Kinder mit seiner Frau zu erzeugen und weiß, daß die 3 vorhandenen Kinder niemals die Genehmigung zur Verheiratung mit einem SS-Angehörigen bekommen werden.

Ich habe genehmigt, daß Obersturmführer Mayr in der SS verbleibt.

Dieses Schriftstück ist mit den Anlagen verschlossen und versiegelt beim Personalakt des SS-Obersturmführers Mayr aufzubewahren.“

Am 17. August 1935 ordnete die Geheime Staatspolizei (Gestapo) die Einrichtung einer reichsweiten „Judenkartei“ an, um die deutschen Juden regional und lokal zu erfassen und damit zu überwachen.

Zu Anfang des Jahres 1938 waren der jüdische Einzelhandel und die freien Berufe schon weitgehend ausgeschaltet. Dagegen waren Großfirmen, Privatbanken und das jüdische Handwerk verhältnismäßig verschont geblieben.

Von Januar bis Oktober 1938 gab es im Deutschen Reich 769 „Arisierungen“. Darunter waren 340 Fabrikbetriebe und 370 Großhandelsfirmen.1

Juden mussten seit dem 23. Juli 1938 „Kennkarten“ bei sich tragen, seit dem 17. August gemäß der Namensänderungsverordnung die Zweitnamen „Israel“ (Männer) oder „Sara“ (Frauen) annehmen und seit dem 5. Oktober ihre Sonderausweise mit einem roten J (Judenstempel) abstempeln lassen.

Ebenfalls im Juli 1938 wurde den etwa 3.000 noch im „Altreich“ (Deutsches Reich ohne Österreich) praktizierenden jüdischen Ärzten die Ausübung ihres Berufes verboten. Im September dieses Jahres folgte das Berufsverbot für jüdische Rechtsanwälte.

Am 9. Oktober 1938 erließ Polen eine Verordnung, nach der die Pässe aller länger als fünf Jahre im Ausland lebenden Polen ohne Sondervisum eines zuständigen Konsulats am 30. Oktober ablaufen sollten. Das betraf vor allem bis zu 18.000 von geschätzten 70.000 polnischen, meist verarmten Juden, die vielfach illegal im Großdeutschen Reich lebten. Die deutsche Regierung stellte Polen daraufhin am 26. Oktober ein Ultimatum, die Rückkehrmöglichkeit dieser Staatenlosen zu garantieren, andernfalls werde man sie sofort ausweisen. Nach der erwarteten Ablehnung befahl die Gestapo allen Städten und Gemeinden einen Tag später, die Betroffenen sofort festzunehmen. In der Nacht zum 29. Oktober wurden sie aus ihren Wohnungen geholt, in Zügen und Lastwagen zur deutsch-polnischen Grenze abtransportiert und hinüber getrieben. Ein Teil kam in den nächsten Tagen bei jüdischen Gemeinden in Polen unter, etwa 7.000 Personen mussten aber in ein Flüchtlingslager marschieren, wo sie bis August 1939 interniert wurden. Im Januar 1939 durften sie vorübergehend in ihre deutschen Heimatorte zurückkehren, um ihre Geschäfte zu verkaufen und ihre Haushalte aufzulösen. Der Sachverhalt ging als „Polenaktion“ in die Geschichte ein.

Der Vorwand für das Pogrom war das Attentat des polnischen Juden Herschel Grynspan auf den deutschen Legationsrat Ernst vom Rath in Paris am 7.November 1938. Zwei Tage später starb vom Rath. Sein Motiv war die Empörung über die geschilderte „Polenaktion“. Betroffen waren seine Eltern und Geschwister.

An diesem 9. November nahm Hitler nach dem Gedenkmarsch für den Hitlerputsch 1923 an einem Essen bei einem Kameradschaftsabend der Parteiführung mit im Alten Rathaus in München teil. Dort erfuhr er vom Tod des Diplomaten vom Rath. Goebbels machte die „jüdische Weltverschwörung“ für das Attentat verantwortlich. Er ließ nach Abschluss der Gedenkfeier nachts Telegramme von seinem Ministerium aus an untergeordnete Behörden, Gauleiter und Gestapostellen im Reich aussenden. In einem an die SA-Stelle Nordsee hieß es:Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können … Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden … Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen…“

Festgenommen werden sollten laut Fernschreiben von Heinrich Müller, dem Chef des Geheimen Staatspolizeiamtes, 20.000 bis 30.000 Juden, in erster Linie wohlhabende.

Zahlen zur Reichspogromnacht: 2

Bezugszahl: ca. 550.000 standen unter Hitlers Herrschaft (1933 lebten 499.682 im Deutschen Reich

Ermordet/ Todesfälle: Mindestens 91 Juden (nach „Die Zeit“ vom 3.11.1978); weitere Hunderte von Toten nach Einlieferung in Konzentrationslager)

Schwerverletzte und Selbstmorde: 36 nach Vollzugsmeldung von Heydrich an Göring vom 11.11.1939, bzw. unbekannt, darunter 2 polnische Staatsangehörige

Vergewaltigungen: Mehrere Fälle /vom nationalsozialistischen Parteigericht als Verbrechen gewertet und den staatlichen Gerichten überstellt, da Verstoß gegen Hitlers Nürnberger Rassen-Gesetze von 1935

Synagogen niedergebrannt und/oder zerstört: Mindestens 267

Geschäfte zerstört und/oder geplündert: 7.500

Jüdische Friedhöfe verwüstet: Fast alle

Wohnhäuser in Brand gesteckt/ zerstört: Mindestens 177

Fensterscheiben eingeworfen: Zehntausende

Glasschäden: 6.000.000 Mark (=halbe Jahresproduktion der belgischen Glasindustrie)

Sachschäden: Mehrere hundert Millionen Reichsmark

Verhaftungen: rund 30.000 Juden, 7 „Arier“, 3 Ausländer – davon verschleppt 9.815 ins KZ Buchenwald, 10.911 ins KZ Dachau, 5.000 – 10.000 ins KZ Sachsenhausen

Sühne“-Forderungen an Juden („Kontribution“): 1 Milliarde Reichsmark – Beschlagnahme der Versicherungsansprüche von Juden zugunsten des Reichs und Übernahme der Kosten zur Wiederherstellung von Betrieben und Wohnungen

Nicht bei jedem stieß dieser Vandalismus auf Zustimmung. So meinte Göring am 12. November 1938: „Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und hättet nicht solche Werte vernichtet.“3

Neuere Schätzungen gehen davon aus, dass in der Pogromnacht ungefähr 400 Menschen ermordet wurden. Während der Tage nach dem Pogrom kamen weitere 400 Menschen ums Leben.4 Nach jahrelanger Forschungsarbeit fand das Synagogue Memorial … heraus, dass im Novemberpogrom in Deutschland 1.406 Synagogen und Betstuben niedergebrannt oder vollständig zerstört wurden. 5

Die Lagerhaft kostete Hunderte Menschenleben. In Buchenwald fanden nach Angaben der Lagerverwaltung 207 Juden den Tod, in Dachau starben 185 , die Opferzahl von Sachsenhausen ist unbekannt. Tausende der Überlebenden wurden schwer körperlich verletzt – so mussten im Jüdischen Krankenhaus Berlin später 600 erfrorene Gliedmaßen amputiert werden 6

Die meisten Inhaftierten wurden bis August 1939 wieder entlassen. Vorher mussten sie sich schriftlich zur Auswanderung bereit erklären. Vom Pogrom bis zum Kriegsbeginn verließen etwa 115.000 bis 120.000 Juden das Reich, fast so viele wie seit der „Machtergreifung bis zum 9. November 1938.7

Wo fanden die Ausgewanderten Aufnahme? „Die britische Regierung gewährte den Verfolgten nach der Kristallnacht großzügige Aufnahme. Von den rund 100.000 Juden, die zwischen November 1938 und dem Kriegsausbruch im September 1939 Deutschland verließen, erhielten 40.000 Asyl in Großbritannien, das außerdem nach etwa 20.000 Flüchtlinge aus Österreich und 10.000 aus der Tschechoslowakei aufnahm. Kein anderes Land kam damals den verfolgten und vertriebenen Juden in gleicher Weise zu Hilfe.“8

Ein-und Ausreisevisa bezog man häufig nur noch auf dem Schwarzmarkt. Zudem bedurfte es Kredite ausländischer Verwandter oder Beamtenbestechung.

Am 12. November 1938 wurde eine Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben beschlossen. Alle reichsdeutschen Juden sollten enteignet und aus dem Kulturleben entfernt werden. Das Deutsche Reich sollte „judenfrei“ gemacht werden. Göring schlug damals vor, den Juden eine „Judenvermögensabgabe“ von einer Milliarde Reichsmark als „Sühneleistung“ abzufordern. Grund: „eine feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk“. Zweck des Vorschlags, der allgemeine Zustimmung fand: „Sehr kritische Lage der Reichsfinanzen. Abhilfe zunächst durch die der Judenschaft auferlegte Milliarde und durch die Reichsgewinne bei der Arisierung jüdischer Unternehmen.“ (Göring in einem Vermerk an den Reichsversicherungsrat vom 18. November 1938).

Die „harte Sühne“ sollten für die Juden folgendermaßen aussehen: Verbot von Einzelläden, Gewerbe-und Handwerksbetrieben, Versandgeschäften, Bestellkontoren, Märkten, Messen, Ausstellungen, Werbung und Bestellannahmen.

Zudem wurde es verboten, Mitglied einer Berufsgenossenschaft zu sein.

Am 21. November 1938 kam die erste Durchführungsverordnung zum Einzug der „Sühneleistung“. Die Kontribution wurde aufgrund der Vermögensanmeldung vom 26. April 1938 von jedem Juden einzeln erhoben in Form einer zwanzigprozentigen Abgabe von der Vermögenssumme. Sie war in vier Teilbeträgen bis zum 15. August 1939 zu zahlen. Im Oktober 1939 wurde die Abgabe auf 25 % des angemeldeten Vermögens erhöht. Begründung: der Betrag von einer Milliarde Reichsmark sei nicht erreicht worden. Letztlich brachte die Kontribution 1,127 Milliarden Reichsmark ein.9

Eine weitere Schikane: Am 14. November ordnete der damalige Reichserziehungsminister, Bernhard Rust, an, dass jüdische Schüler sofort aus deutschen Schulen entlassen werden müssten. Vorher, am 12. November 1938, wurde gegenüber den Juden ein Verbot der Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen ausgesprochen.

Waren die Ausschreitungen spontan? Der Gauleiter von Franken, Julius Streicher, gab in einem Memorandum vom 14. März 1939 die Antwort: „Die antisemitische Aktion vom November 1938 ist nicht spontan aus dem Volke gekommen … Ein Teil des Parteiapparates war mit der Durchführung der antisemitischen Aktion beauftragt worden.“

Reichspogromnacht regional

Die Reichspogromnacht in Alzenau

Etwas lapidar kann zusammengefasst werden, dass auch in Alzenau sie Synagoge schwer beschädigt wurde. Mit einem Beil wurde gegen die jüdischen Kulturdenkmäler vorgegangen.Zerrissen wurden Thora und Gebetsbücher. Im 1.Stock wurde die Hausmeisterwohnung demoliert – die Betten wurden aufgeschlitzt und der Küchenherd zum Fenster hinausgeworfen.

Lesen wir die Zeugenaussage von Meta Bachrach- Tochter von Ferdinand Hamburger–im Spruchkammerverfahren vom 6.11.1946 “An die Spruchkammer Alzenau”:

“Hier ist es so wie ich es erlebt habe-Als Zeuge und victim mache ich folgende Angaben.

Am 10. November als mein Vater in die Synagoge kam die gleich neben unserem Hause war, war dieselbe demoliert und das Almemor sowie auch der Aron Hakodesch angehackt mit einem Beil etc. Ich sah es selbst. Dieses geschah in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Während des Tages zogen Horden von Nazis vor unser Haus und der Synagoge auf. …In der Synagoge wurde alles kurz und klein geschlagen auch bei Ferdinand Hamburger wobei sie sogar die Betten aufschlissen und den Herd zum Fenster hinaus wurfen. …

Die Sefer Thora verrissen sie auf der Strasse und in dem Wege zwischen Pflaum und uns war ein richtiges Papiermeer von zerrissenen Thoras und Gebetbüchern.“

Einer Person wurde nachgewiesen, schon vor dem 10. November 1938 im Haus Bachrach öfters die Fensterscheiben eingeworfen zu haben.

Mit dem Begriff “Sefer Thora” sind Thorarollen gemeint, “Almemor” ist ein erhöhter Platz in der Synagoge für die Verlesung der Thora. Aron Hakodesch ist die hebräische Bezeichnung für den Thoraschrein (oder auch „heiligen Schrein“). Es ist der Schrein, in dem die Thorarollen in der Synagoge aufbewahrt werden.

Im Monatsbericht des Leiters des Bezirksamts vom 30.12.1938 heißt es zu den Folgen der Reichspogromnacht: „Die Stimmung der Bevölkerung kann im allgemeinen als gut bezeichnet werden, doch nehmen weite Kreise an dem eigennützigen Gebahren mancher führender Persönlichkeiten Anstoß, die die Arisierung des jüdischen Besitzes dazu benützen, um sich in ganz unzulässiger Weise zu bereichern. So hat ein Ortsgruppenleiter einen auf mindestens 2000 RM gewerteten Personenkraftwagen dem jüdischen Vorbesitz um 600 RM ‚abgekauft‘, ein anderer hat -natürlich ohne jede Befugnis- die Hauseinrichtung abwandernder jüdischer Familien ‚beschlagnahmt‘ und sich und seiner Verwandtschaft zugewiesen usw. Daß unter solchen Verhältnissen das Ansehen von Partei und Staat leiden muß, bedarf keiner weiteren Begründung. Es wäre sehr zu wünschen, daß solche Nutznießer der Judenaktion wenigstens zu einer kräftigen Abgabe an das Reich herangezogen würden.“

Reichspogromnacht in Hörstein

In der Nacht vom 9. auf den 10.November randalierten Hörsteiner SA-Leute vor mehreren jüdischen Anwesen. Manchmal drangen sie auch ein.Betroffen war das Haus von Hermann Rothschild, der angsterfüllt flüchtete. Die Eindringliche suchten „Schuldsteine“. Zudem beschädigten sie die Einrichtung und misshandelten sie die Bewohner. Als Julius Hamburger überdimensional geschlagen wurde, rief seine Frau:“Laßt ihn gehen, ihr schlagt ihn tot!“ Die Schreie wurden von Zeugen vernommen, die sich aber nicht dafür interessierten. Von Misshandlungen war auch Leopold Rothschild betroffen. Ein SA-Führer erteilte jüdischen Anwohnern Ausweisungsbefehle. Ob die Synagoge beschädigt wurde, konnte nicht zweifelsfrei festgestellt werden.

Sonstige jüdische Gemeinden im Kreis Aschaffenburg

Goldbach

Die Synagoge wurde 1818 erbaut und 1938 innen zerstört, 1942 wurden die Goldbacher Juden in die Vernichtungslager transportiert

Großostheim

Hier wurde die Synagoge 1751 erbaut. 1938 wurden die Synagoge und die Mikwe beschädigt. Die Kultusgemeinde erlosch 1942.

Kleinostheim

Hier bestand von 1692 (?) bis 1875 eine Kultusgemeinde

Schöllkrippen

Die Synagoge entstand 1826, die Kultusgemeinde existierte bis 1938. In diesem Jahr wurde die Synagoge geschändet und angezündet. Am Morgen des 10. November wurde die Synagoge von Aschaffenburger SA-Leuten in die Luft gesprengt. Jüdische Häuser und Geschäfte wurden verwüstet. 1934 wurden in den Straßen, in denen hauptsächlich Juden wohnten, SA- Kampflieder gesungen („Wenn’s Judenblut ans Messer spritzt“). Die Bevölkerung wurde zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen. Wenige Monate nach der Zerstörung der Synagoge in Schöllkrippen meldete der damalige Bürgermeister Valentin Kraus, dass der Ort als einer der ersten in Unterfranken „judenfrei“ sei.10 Eine jüdische Gemeinde gab es damit nicht mehr. Achtzehn jüdische Bürger wurden deportiert und in Konzentrationslagern ermordet, einer kehrte aus dem KZ Theresienstadt in seinen Heimatort zurück. Bemerkenswert an Schöllkrippen ist, dass die Aneignung der jüdischen Anwesen schon vor der Reichspogromnacht geplant war. Bei der Gedenksteineinweihung vom 9.11.1988 führte der damalige Bürgermeister Karl-Peter Seitz nach der Lektüre des Gemeinderatsprotokolls vom 6.10.1938 aus: „ … Der damalige Bürgermeister hat aufgrund der Beratung im Gremium am gleichen Tag verfügt: … Die Synagoge wird von der Gemeinde erworben und zum Spritzenhaus umgebaut. Haus Neumann ist geeignet für HJ-Heim, Haus Gustav Maier zur Straßenverlegung, Haus Isaak Strauß zum Rathaus und Haus Louis Strauss wird zum Kindergarten eingerichtet – Hier muss man bedenken, dass die Betroffenen seinerzeit noch in Schöllkrippen wohnten und ihre Häuser, ihr Vermögen noch nicht aufgeben mussten. Diese Erkenntnis, die ich aus dem Protokollbuch des Marktes entnommen habe, hat mich unwahrscheinlich betroffen und nachdenklich gemacht.“11

In Zusammenhang mit dem Judenpogrom befanden sich 1938 folgende Juden im Gerichtsgefängnis in Alzenau: Hugo Hamburger, Dina Hamburger und Simon Oppenheimer (Anfang Mai „zum eigenen Schutze“). Nach der Reichspogromnacht: Salomon Maier, Wilhelm Neumann (Schöllkrippen), Gustav Maier (Viehhändler Schöllkrippen), Leo Maier (Viehhändler Schöllkrippen), Benno Strauß (Viehhändler Schöllkrippen), Heinrich Freudenthal (Händler Alzenau), Josef Hamburger (Viehhändler Alzenau), Ludwig Feldmann (Händler Alzenau), Moritz Steinhauser (Handelsvertreter Alzenau) und Julius Hamburger. Die Haftdauer betrug überwiegend etwa eine Woche, einmal etwa zwei und einmal etwa drei Wochen. Die Verhaftungen erfolgten nahezu alle auf Weisung der Gestapo Würzburg und Aschaffenburg.

Aschaffenburg

In Aschaffenburg zündeten in der Nacht vom 9. auf den 10.November 1938 SA-Trupps gegen ein Uhr morgens die Synagoge an und hinderten die Feuerwehr daran, den Brand zu löschen. Sie brannte bis auf die Grundmauern nieder, die Abrisskosten wurden der jüdischen Gemeinde in Rechnung gestellt. SA-Männer demolierten zahlreiche Geschäfte, das Restaurant „Kulp“ in der Weißenburger Straße wurde restlos zerstört. Der Getreidehändler Alfons Vogel wurde niedergeschossen. Er starb an seinen Verletzungen. 20 jüdische Männer wurden in „Schutzhaft“ genommen, sieben von ihnen nach Dachau deportiert.12

Allgemeine Einschätzung der Reichspogromnacht

Mit der Reichspogromnacht wurde ein neuer Abschnitt der Judenverfolgung erreicht. Es war der Übergang von der systematischen Diskriminierung zum Vandalismus – dem gewollten Pogrom. Dass diese Entwicklung nicht der Endpunkt war, wissen wir alle. Der renommierte Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz ordnet die Ereignisse wie folgt ein: „Der Pogrom … markierte die Wende. Mit keinem andern Ereignis hat das NS-Regime so zynisch demonstriert, daß es auch auf den Schein rechtsstaatlicher Tradition nun keinen Wert mehr legte. Antisemitismus und Judenfeindschaft, wie sie als Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie schon immer propagiert worden waren, schlugen jetzt um in die primitiven Formen physischer Gewalt und Verfolgung. Die ‚Reichskristallnacht‘ bildete den Scheitelpunkt des Wegs zur ‚Endlösung‘ zum millionenfachen Mord an Juden aus ganz Europa.“13 Eine andere Einordnung sieht einen gezielten umfassender Angriff des Regimes auf die noch vorhandenen moralisch-ethischen Grundlagen und Reste eines rechtsstaatlichen Bewusstseins der Deutschen.

Heutige Entwicklung

Aktuell feiert eine Partei den Einzug in den Bundestag als drittstärkste Kraft, die einen klaren Trennungsstrich zu dieser Zeit nicht ziehen will. „Wir Deutschen sind das einzige Volk, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“, sagte der AfD-Vorsitzende von Thüringen, Björn Höcke, im Januar 2017 in Dresden. AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland hat vor kurzem einen Schlussstrich unter die Nazi-Vergangenheit und eine Neubewertung der Taten deutscher Soldaten im zweiten Weltkrieg gefordert. In einer Rede vor Anhängern sagte Gauland am 2. September bei einem „Kyffhäuser-Treffen“ der AfD in Thüringen, kein anderes Volk habe „so deutlich mit einer falschen Vergangenheit aufgeräumt wie das deutsche“. Mit Blick auf die NS-Zeit von 1933 bis 1945 fügte Gauland hinzu: „Man muss uns diese zwölf Jahre nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr. Deshalb haben wir auch das Recht, uns nicht nur unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen.“ Weiter führte er aus: Wenn Franzosen und Briten stolz auf ihren Kaiser oder den Kriegspremier Winston Churchill seien, „haben wir das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“.

Die hier zu Tage tretende Geschichtsvergessenheit ist nicht hinzunehmen. Die zwölf Jahre der NS-Herrschaft müssen ein abschreckendes Beispiel für Inhumanität bleiben. Nicht nur in Deutschland, auch in anderen Teilen der Welt nimmt der völkische Nationalismus zu, zum Beispiel in Ungarn und Polen. Auch der amerikanische Präsident, Donald Trump, hat mit Völkerverständigung nichts am Hut. Deswegen gilt es, Kurs zu halten und den nationalistischen Trend entschieden zu bekämpfen.

Christian Schauer

Gedenken Reichspogromnacht 2017 Kahl

Reichspogromnacht Gedenken in Kahl am 9.11.2017 Foto privat

Literatur:

Walter H. Pehle (Hrsg.): Der Judenpogrom 1938. Von der „Reichskristallnacht“ zum Völkermord, Frankfurt am Main 1988

Heinz Lauber, Judenpogrom „Reichskristallnacht“ November 1938 in Großdeutschland, Gerlingen 1981

Micha Brumlik/ Petra Kunik (Hrsg.), Reichspogromnacht . Vergangenheitsbewältigung aus

jüdischer Sicht, Frankfurt am Main 1988

Stadt Alzenau (Hrsg.), Skizzen zur Geschichte der Juden in Alzenau, Wasserlos und Hörstein, Alzenau o.J. (Text: Peter Körner)

Helmut Winter, Die Reichskristallnacht im Bezirk Alzenau, in: Unser Kahlgrund Heimatjahrbuch 1989, S. 198 -203

„Es waren unsere Mitbürger…“ Gedenkstein an die Schöllkrippener Synagoge übergeben, in „Der Heimatbote“ vom 10.11.1988

Juden im Raum Aschaffenburg: Denken an eine Minderheit nicht verdrängen, in Main-Echo vom 12.2.1993

„Am 9.November ging unser Vertrauen in Flammen auf“, in Main-Echo vom 12.11.1996

Manuskript anonym, Juden in Alzenau und Umgebung, Alzenau 1986

https://de.wikipedia.org/wiki/Novemberpogrome_1938#Die_Nacht_vom_9._auf_den_10._November_1938

https://de.wikipedia.org/wiki/Herschel_Grynszpan

https://de.wikipedia.org/wiki/Polenaktion

https://de.wikipedia.org/wiki/Judenkartei

https://de.wikipedia.org/wiki/Arierparagraph

http://www.faz.net/aktuell/politik/bundestagswahl/afd-alexander-gauland-relativiert-verbrechen-der-wehrmacht-15199412.html

http://www.kurtgumpel.de/lebenslauf-kurt-gumpels/massnahmen-gegen-juden.html

1Vgl. Walter H. Pehle (Hrsg.): Der Judenpogrom 1938. Von der „Reichskristallnacht“ zum Völkermord, Frankfurt am Main 1988, S. 106

2Heinz Lauber, Judenpogrom „Reichskristallnacht“ November 1938 in Großdeutschland, Gerlingen 1981, S. 123 f.

3Micha Brumlik/ Petra Kunik (Hrsg.), Reichspogromnacht . Vergangenheitsbewältigung aus jüdischer Sicht, Frankfurt am Main 1988, S.23

5Ebd.

7Pehle, a.a.O. S. 116 u. S.139

8Lauber, a.a.O., S. 198

9Vgl. Pehle, a.a.O. S.115

10Arbeitskreis Jüdisches Leben in Schöllkrippen (Hrsg.), Stolpersteine zum Gedenken an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Schöllkrippen, Schöllkrippen o.J., S. 3

11Ebd., S.24

12 Juden im Raum Aschaffenburg: Denken an eine Minderheit nicht verdrängen, in Main-Echo vom 12.2.1993

13 Wolfgang Benz: Der Holocaust 6. Auflage, München 2005, S.26

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Dokumente zur Geschichte der Juden in Gunzenhausen

The New York Times 29. (?) März 1934

Deaths Of Two Jews Laid to Nazi Raiders

One Dies of Four Knife Wounds in Bavarian Village, Other Ends life by Hanging

Berlin. March 28 (AP). – A violent anti-Semitic demonstration at Gunzenhausen in Bavaria was reported today to have resulted in the deaths of two Jews, one committing suicide by hanging and the other dying from four knife wounds.

Eleven Jews were arrested during the demonstrations reported to have been staged by Nazi storm troopers Sunday after a Jew expectorated on a troopers’s uniform. All those arrested were released later.

The two victims were Jacob Rosenfelder, who hanged himself after the demonstration, and Max Rosenau, who was found dead in his room.

The demonstration was said to have been carried out by the local storm troopers against the protests of local police and authorities.

The newspaper Fraenkische Tageszeitung printed an editorial Saturday, the day before the demonstration, which said:

Tell me from whom you are buying and I will tell you what you are.“

It was reported today that villages of Upper Franconia, Bavaria, were stopping merchant carts at the entrances of the towns, determining wheter the merchants were Jewish before permitting them to pass.

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Geschichte des Hauses Hafnermarkt 13 – einst jüdisches Ritualbad

Gunzenhausen

Gedenktafel am Haus Hafnermarkt 13

Veröffentlicht 1. März 2013 von schauerchristian in Alzenau und Gunzenhausen in der NS-Zeit

Carl Diem Debatte in Alzenau

Diem Resümee für Alzenau

Mitte August 2017 wurde bekannt, dass der Antrag auf Umbenennung der Carl-Diem-Straße erneut abgelehnt wurde.

Die Alzenauer Grünen erinnerten in ihrem Antrag vom März 2017 an Reinhard Appel (1927- 2011). Der ehemalige Chefredakteur des ZDF war Augenzeuge des Diem – Auftrittes. Am 18. März 1945 hatte Diem bei einer Rede auf dem Berliner Reichssportfeld Hitlerjungen und Volkssturm auf- gefordert, bis zum Tod weiterzukämpfen. Dabei verglich er das letzte Aufgebot an Vaterlandsverteidigern mit den Spartanern und zitierte ein Lied mit der Eingangszeile:“Schön ist der Tod…“  Reinhard Appels Vorwurf: Diem habe seine Autorität genutzt, »um Jugendliche wie ihn damals in den Kugelhagel zu schicken.« Die Atmosphäre im Kuppelsaal sei vergleichbar gewesen mit der im Sportpalast bei der Goebbels-Rede zum ‚totalen Krieg‘. Für die Fraktionssprecherin von Bündnis 90/ Die Grünen Claudia Neumann war klar: »Carl Diem kann in der heutigen Zeit nicht mehr als Vorbild gesehen werden.“

Der Antrag der Grünen wurde nicht zur Abstimmung gestellt. Das verhinderte ein Geschäftsordnungsantrag, den Bürgermeister Alexander Legler (CSU) begründete. Argumentiert wurde, dass eine Entscheidung des Stadtrates aus 2003 (für die Beibehaltung des Namens) nicht umgestoßen werden dürfe, da sich seither kein neuer Sachverhalt ergeben habe. Ein neuer Sachverhalt wäre nach Auffassung Leglers, wenn es neue historische Erkenntnisse gäbe.
Der Alzenauer Stadtrat ließ 2003 die Aussage protokollieren, dass die Einschätzung zur Person von Carl Diem »nicht eindeutig« sei. Daran habe sich nichts geändert. 2003 hatte die Deutsch-Ausländische Gesellschaft Alzenau zum zweiten Mal beantragt, die Straße umzubenennen. Beim ersten Mal 1995/1996 war es der Ortsverband der Grünen.

Michael Müller vom Main-Echo würdigte in seinem Kommentar die vorbildliche Erinnerungskultur Alzenaus und sah es als vorbildlich an, dass Hetzern kein Raum gelassen wurde. Er fuhr fort:“Doch Carl Diem war zweifellos einer dieser Hetzer, einer dieser Hass- und Zwietrachtsäer. Wie muss man ticken, wenn man in einem verlorenen Krieg Mitte März 1945 Jugendliche zu einem ‚finalen Opfergang‘ aufruft? Zu dem Diem selbst offenbar nicht bereit war. Er machte noch schön seine Nachkriegskarriere, während viele seiner jungen Zuhörer nicht mehr am Leben waren.
Diesen Mann sollte man nicht ehren – nicht einmal »nur« mit einer nach ihm benannten Straße. Das Ganze passt nicht zusammen, es passt nicht zu Alzenau.
Es mag ja verständlich sein, wenn Anlieger keine Umbenennung wollen. Dazu sei gesagt: In der Nachbarkommune Freigericht sind zigfach Straßen umbenannt worden, um Mehrfachnennungen in den Ortsteilen zu vermeiden. Dieser Vorgang ging viel geräuschloser und unspektakulärer vonstatten, als die Kritiker (die ihren Straßennamen behalten wollten) zuvor gedacht hätten. Es war letztlich kein Problem. Natürlich wäre es möglich gewesen, einen »neuen Sachverhalt« gelten zu lassen – der neue Wohnkomplex an der Carl-Diem-Straße ist ein solcher. Ich halte es in diesem Punkt mit den Alzenauer Grünen: Eine historische Chance ist vertan.“

Dass es so kommen würde, deutete sich bereits Anfang Juli 2017 an. Bürgermeister Alexander Legler (CSU) überraschte mit der Ankündigung, das Thema in der Augustsitzung des Stadtrates behandeln zu wollen – allerdings gänzlich anders, als es die Grünen erwartet hätten: Legler will beantragen, dass der grüne Antrag nicht behandelt wird. Der Grund: Alzenaus Stadtrat habe bereits über die Abschaffung des Namens entschieden – und die Abschaffung abgelehnt. Dieser Beschluss sei gültig und habe Bestand.

Christian Schauer wies in einem Leserbrief kurz darauf auf die Entwicklung in anderen Kommunen hin. „Der Tatsache, den Antrag auf Umbenennung der Carl-Diem-Straße nicht behandeln zu wollen, widerspricht die Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland seit 2003. In diesem Jahr war ein derartiger Antrag in Alzenau zuletzt gestellt worden.
Seither sind viele Städte dazu übergegangen, Carl-Diem-Straßen, -wege und -hallen umzubennen. Diems Wirken wurde von Kommunalpolitikern kritischer gesehen. Städte wie Aachen (2007), Köln (2007/2008), Neuss (2009), Grevenbroich (2010) und Münster (2010) haben bereits Carl-Diem-Straßen und -Wege umbenannt und somit ein deutliches Zeichen der Distanz zu diesem braunen Sportfunktionär gesetzt. Die einst am Carl-Diem-Weg gelegene Deutsche Sporthochschule in Köln scheiterte 2008 vor Gericht mit dem Versuch, die Umbenennung der Straße in „Am Sportpark Müngersdorf“ zu verhindern. In seiner Geburtsstadt Würzburg wurde eine historische Entscheidung gefällt. Eine Sporthalle ist seit 2004 nicht mehr nach Carl Diem benannt.

Eine überzeugende Argumentation führte ein Kommunalpolitiker in Pulheim (Nordrhein-Westfalen) an, wo es 2009 auch zu einer Umbenennung kam: ‚Ich bin schockiert, das wir die Frage des ‚ob‘ hier überhaupt noch diskutieren müssen. Gegen das Leid, das dieser Mensch verursacht hat, die Änderungskosten für einen Briefkopf zu setzen, ist zynisch‘.

Eine der letzten Umbenennungen fand 2014 in Alsdorf statt. In den Aachener Nachrichten hieß es dazu abschließend: ‚Damit ist auch in Alsdorf vollzogen, was in anderen Städten bereits geschah. Dieser Prozess war zuletzt von allen Parteien unterstützt worden.‘

Alzenau stellt sich bisher als ziemlich einzigartig dar, was die Einschätzung von Carl Diem betrifft. Das muss nicht so bleiben.“

Mitte März wies er auf die NS-Verstrickung Carl Diems hin:Diems extremer Nationalismus und Militarismus zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben: Schon 1931 führte er in der Heeressportschule Wünsdorf folgendes aus: „Vom Standpunkt der Wehrgesinnung gilt es noch ein letztes zu beachten: Sporteinigkeit. Der nächste Krieg wird nicht mit den Kriegsfreiwilligen gewonnen, sowenig wie es im Weltkrieg möglich war, er ruht vielmehr auf dem Wehrwillen der Wehrflauen.“ Nach der Machergreifung 1933 war Sport für ihn „eine weihevolle Tätigkeit“ und „ein Dienst am Vaterland“.

Im Festspiel-Entwurf für das Deutsche Turn- und Sportfest 1938 in Breslau äußerte er seinen romantischen Militarismus: „Allen Spiels heil’ger Sinn, Vaterlandes Hochgewinn – Vaterlandes höchst‘ Gebot in der Not, Opfertod!“

Eine führerzentrierte Skidemonstration entwarf Diem 1940. Höhepunkt sollte eine „Gefechtsfeldübung der Wehrmacht“ und eine Hitleransprache sein. Sein Wunsch, Sportregimenter für die Blitzkriegskonzeption aufzustellen, scheiterte am Widerstand der SA. In einem Memorandum von 1941 begründete er die Beibehaltung weltumspannender olympischer Spiele wir folgt: „ Ich meine aber, daß man den Herrenstandpunkt der überlegenen Rasse nur dann auf Dauer durchhält, wenn auch eine körperliche Gesundheit und Kraft dahinter steht, und darum sehe ich in den Spielen für Europa genau das, was Coubertin in ihnen für Frankreich gesehen hat: die immer wiederkehrende Prüfung im härtesten Feuer und der stachelnde Anreiz, es den besten aller Völker gleichzutun. Wir wollen Weltspiele, weil wir der Welt zeigen wollen, was wir können!“

In einer Rede auf dem Reichsssportfeld vom 18. März 1945 zitierte er den Satz des griechischen Dichters Tyrtaios (7. Jahrhundert vor Christus): „Schön ist der Tod, wenn der edle Krieger für das Vaterland fällt.“

Dass Diem seine Rolle in der NS-Zeit in der Nachkriegszeit öffentlich bereut hat, ist nicht bekannt.

Angefangen hatte die Debatte Mitte März 2017. In einer Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses wurde beschlossen, das Bauleitplanverfahren für das ehemalige Gärtnerei Huth Gelände unter der neuen Bezeichnung »An der Carl-Diem-Straße« fortzuführen. Stadtrat Otto Grünewald (CSU) ist Anlieger dieser Straße. Er störte sich nicht an dem Bauprojekt in der Nachbarschaft. Doch nahm er das laufende Genehmigungsverfahren zum Anlass, auf ein »dauerhaftes Ärgernis« hinzuweisen. Seine Familie und andere wollten nicht länger in einer Carl-Diem-Straße wohnen.

Ende Juni 1996 war der Antrag mit folgender Begründung abgelehnt worden (Main-Echo vom 27.6.1996):“Keine neue Diskussion gab es zum Antrag der Grünen auf Umbenennung der Carl-Diem-Straße im Stadtteil Michelbach. Der Sportfunktionär war bereits bundesweit in die Kritik geraten, weil er während der NS-Zeit mit etlichen Äußerungen aufgefallen war. Der Stadtrat folgte mehrheitlich der Empfehlung des Kulturausschusses und ließ es bei der bisherigen Bezeichnung der Straße in Michelbach. Dabei beriefen Kulturausschuss und Stadtratsplenum sich auf ein Gutachten von Professor Teichler, das das Lebenswerk von Carl Diem ’nicht auf die Zeit des NS-Regimes reduziert‘ sehen wollte.“

Aller guten Dinge sind drei“ – sollte man meinen. Für Alzenau gilt das nicht. Hier gehen die Uhren anders. Die meisten haben wohl kein Interesse an der Thematik, den anderen fehlt die Distanz zur Vergangenheit. Die große Mehrheit der von der Stadt Befragten wollte die Beibehaltung des Namens (34 gegen 5). Diese Mehrheit ist bodenlos. Keiner dieser Menschen hat sich die Mühe gemacht, auf die Einlassungen der Umbenennungs – Befürworter Gegenargumente anzuführen.

Alzenau, 5.12.2017 Christian Schauer

https://schauerchristian.wordpress.com/category/leserbriefe-aktuell-szydlo-dreht-durch-und-fluch-des-coltan/leserbriefe-regional/

Diem 1996

Debatte über Carl-Diem-Straße 1996 © Main-Echo

Diem 1996 zwei

Debatte über Carl-Diem-Straße 1996 © Main-Echo

 

Veröffentlicht 7. Dezember 2012 von schauerchristian in Carl Diem Debatte in Alzenau

Alois Brunner

Georg Hafner, Esther Schapira, Die Akte Alois Brunner. Warum einer der größten Naziverbrecher noch immer auf freiem Fuß ist. Reinbeck bei Hamburg 2002, Burchard Brentjes, Geheimoperation Nahost, Berlin 2001

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Alois Brunner wurde 1912 in Rohrbrunn (Burgenland) geboren. 1938 wurde er Stellvertreter Adolf Eichmanns.In dieser Eigenschaft organisierte er die Deportationen in Paris, in Saloniki, Nizza oder Berlin. Im November 1938 wurde Brunner der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien zugeteilt. Mit dem Antritt dieser neuen Stelle fand die Unstetigkeit in Brunners Leben ein Ende. Zuerst als Mitarbeiter Eichmanns, dann ab 1941 als Leiter der Zentralstelle, organisierte Brunner fortan die Deportation der Wiener Juden in Ghettos und Vernichtungslager im Osten. Am 9. Oktober 1942 meldete er, dass Wien nunmehr „judenfrei“ sei, was bedeutete, dass 180.000 Wiener zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen oder aber bereits in den sicheren Tod geschickt worden waren. Ein erschütterndes Beispiel liegt im Kabarettisten Fritz Grünbaum, der verhaftet wurde und ins KZ Dachau eingeliefert wurde. Am 14. Januar 1941 stirbt Fritz Grünbaum im Alter von 61 Jahren.

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1945 stand er als Nummer 13 auf der Liste der angeklagten Kriegsverbrecher. Im Nürnberger Prozeß sollte er sich verantworten. 120.000 Menschenleben gingen auf sein Konto. Bis 1954 lebte er unbehelligt in Essen. Als „Alois Schmaldienst“ war er dort sogar polizeilich gemeldet. Laut dem Autoren Christopher Simpson war Alois Brunner jahrelang Angestellter des BND1. Bei der Bereitstellung von Fachleuten für den ägyptischen Geheimdienst wurde Hjalmar Schachts Schwiegersohn, Otto Skorzeny, von der Organisation Gehlen angeheuert. 1953 und 1954 mobilisierte er etwa hundert alte Kameraden, darunter auch Alois Brunner. „In Kairo trat Brunner bei Empfängen deutscher Konzernvertreter unter seinem Klarnamen auf.“ Zu denFachleuten in Kairo gehörte auch Franz Buensch, der in Eichmanns Abteilung tätig war. Als Resident der Organisation Gehlen in Kairo teilte er sein Büro mit Brunner. Anfang des Jahres 1954 hält sich Alois Brunner in Ägypten auf. Von Kairo wird er nach Damaskus in Syrien weiter geschleust. Der ehemalige Großmufti von Jerusalem Husseini, der für seine Sympathien für den Nationalsozialismus bekannt ist, hilft ihm dabei. Der Kriegsverbrecher wohnt mit dem ehemaligen Lagerkommandanten von Treblinka und Sobibor, Franz Stangl, in einer Wohnung in Damaskus. Stangl wurde 1970 wegen gemeinschaftlichen Mordes an mindestens 400.000 Juden zu lebenslanger Haft verurteilt. Brunner nennt sich in Syrien Georg Fischer. Er steigt zum Berater der syrischen Regierung auf und betreibt in Syrien einen lukrativen Handel mit Sauerkraut und Schwarzbrot. Brunner macht von Syrien aus Geschäfte mit Adolf Eichmann, der in Argentinien lebt. In Damaskus wohnte Brunner in der Nähe des „Kathar Office“ – einer Im- und Exportfirma- die in der Rue Georges Haddad 22 sich befand. Brunner hieß dort „Mister Fischer“. Mitbetreiber war Adolf Eichmann – in Syrien strandeten aber auch viele andere alte Nazis. Hier war das „Kathar office“ die einschlägige Anlaufstelle. Zum Startkapitel des „Kathar Office“ gehörten Restgelder aus dem Reichssicherheitshauptamtes IV B 4 und Teile des „geheimen Reichsvermögens“3

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Kontaktperson in Damaskus für Interessenten war Franz Rademacher, der auch ein enger Mitarbeiter gewesen war. Er war Judenreferent im Außenministerium. Der Titel seines Buches lautete „Wünsche und Ideen des Auswärtigen Amtes zu der vorgesehenen Gesamtlösung der Judenfrage in Europa“. Seit 1952 lebte er mit einem Decknamen in Damaskus. Brunner bewegte sich in Damaskus ohne Angst vor Entdeckung . Er gründete die Firma „Orient Trading Company“ (Otraco), die überwiegend mit Waffenhandel befasst war. In der Geschäftsleitung sitzen Otto Ernst Remer und Ernst Wilhelm Springer.  Remer war im Dritten Reich Kommandeur des Wach-bataiilons „Großdeutschland“. Den Putschversuch gegen Hitler schlug er an maßgeblicher Stelle nieder. Nach dem Krieg machte er eine Karriere in der „Sozialistischen Reichspartei“, die er im Oktober 1949 mit anderen Nazis gründete. Gefordert wurden „Treue zum Reich“ und „Schutz der Ehre des deutschen Soldaten“.4 Nach dem Parteiverbot 1952 wurde die „Sozialistische Reichspartei“ aufgelöst. Remer, ihr populärer Führer, floh mit Springer zunächst in die Schweiz, dann nach Kairo und schließlich zu seinem Freund Alois Brunner nach Damaskus. Offiziell behauptete er, dass Brunner hingerichtet worden sei. Brunner lebt und wurde zusätzlich Geschäftsführer der „Thameco“, einem pharmazeutischen Unternehmen. Auch Wilhelm Beisner verkehrte im syrischen Innenministerium – er war für das Reichssicherheitshauptamt in Serbien und im Nahen Osten. 1985 wurde Brunner Vertreter für die Dortmunder Aktienbrauerei DAB.5

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Am 10. Oktober 1985 gab Brunner der Zeitschrift „Bunte“ ein Interview. Der Journalist, der ihn interviewte, berichtete einige Jahre später, dass Brunner immer noch stolz darauf sei, geholfen zu haben‚ dieses „Dreckszeug“ (die Juden) wegzuschaffen. Damit meinte er die vielen Juden, die er hatte deportieren lassen. Er sei mit seinem Leben zufrieden und würde, bestünde die Möglichkeit, alles noch einmal so machen. Nur eines ärgere ihn: dass noch immer Juden in Europa lebten.6  Also eindeutig keine Reue. 1960 kam eine gewisse Turbulenz in das Leben des Alois Brunner. Bisher freute sich die deutsche Gemeinde in Damaskus über das  deutsche Bier und das aus Europa importierte Sauerkraut. Auch schwarzes Brot buk  er angeblich selbst. In diesem Jahr fiel auf Brunner der Verdacht, Gelder aus dem  Drogenhandel zu waschen. Der syrische Geheimdienst inhaftiert ihn. Als er sich als  Judenverfolger in der NS-Zeit outet, drückt ihm der Geheimdienstoffizier Lahan die Hand  und sagt: „Herzlich willkommen in Syrien, die Feinde unserer Feinde sind unsere  Freunde.“7  Manche syrischen Geheimdienstler sprachen damals sogar österreichisch  gefärbtes Deutsch.

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Nach der Gefangenname Eichmanns durch die Israelis kommt Brunner sogar gegenüber Lahan auf die Idee, Eichmann aus Israel zu kidnappen. Andererseits  versuchen auch die Israelis, Brunner in Damaskus aufzuspüren. Der Mossad hatte dazu Elle Cohn ausersehen. Dessen Funkfrequenz wird vom syrischen Geheimdienst geknackt, er wird im Mai 1965 in Damaskus öffentlich hingerichtet.8 Wie weit waren die Pläne der Entführung Eichmanns konkret? Dem syrischen Geheimdienst waren sie zu riskant. Auch Brunners Alternative, die Entführung Goldmanns, wurde nicht realisiert.

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Nach Christopher Simpson, Professor an der „American University“ in Washington, wurde Brunner 1947 von der „Organisation Gehlen“ angeheuert: „Für das Jahr 1946 bin ich mir nicht ganz sicher, aber spätestens 1947 hatte er einen neuen Job. Er wurde der Geheimdienst-Experte für Gehlen für die Region des Nahen Ostens. Es gibt nicht den geringsten Zweifel, dass die Amerikaner Gehlen dafür bezahlt haben, den ägyptischen Geheimdienst aufzubauen, und dass im Zuge dieser Operation die ‘Organisation Gehlen’ Brunner angeheuert und beschützt und ihm entsprechende Arbeit gegeben hat.“9 Brunner floh über das „Gasthaus Woess“ in Lembach, wie amerikanische Quellen dokumentieren. Die Akten von Alois Brunner waren dem BND offensichtlich peinlich.

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Die Brunner-Akten wurden zwischen 1994 und 1997 vernichtet. Offenbar auf Anweisung des Kanzleramtes. Damals leitete Friedrich Bohl (CDU) das Kanzleramt.10  Für die Ergreifung Brunners wurde 2007 eine Belohnung von 250.000 Euro ausgesetzt, dass er noch lebt ist unwahrscheinlich.11 So stellt sich die Frage, ob jemals eine Bestätigung des Todes Brunners auftaucht.

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Was geht in einem Menschen vor, der noch im Juli 1944 Paris durchstreift auf der Suche nach versteckten jüdischen Kindern und dort 250 Mädchen und Jungen für den letzten Zug in den Osten findet?12  Hat sich der Haß völlig verselbständigt?

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1993 lebte Brunner in einem Gästehaus Hafis El Assads, des damaligen syrischen Präsidenten in den Bergen bei Damaskus.13 Offensichtlich verspürte der damalige syrische Machthaber eine ideologische Nähe zu Brunner. In Syrien fiel der Nationalsozialismus auf fruchtbaren Boden. 1932 wurde die säkulare und totalitäre Syrische Soziale Nationalistische Partei gegründet. Sie lehnte sich an die NSDAP an (Hakenkreuzfahne, Gruß mit erhobener Hand). Der Ideologe der Baath-Partei Aflaq sah Hitler-Deutschland als eines seiner Vorbilder. Die Baath-Partei herrscht heute noch in Syrien.

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Bild: Alois Brunner, Foto: Polizei

Alois Brunner soll nach Recherchen des französischen Magazins „XXI“ 2001 unter jämmerlichen Bedingungen in Damaskus gestorben sein – dies wurde Anfang 2017 bekannt. Wie das Magazin berichtet, habe er die letzten Jahre seines Lebens in einer Kellerzelle des Geheimdienstes in der syrischen Hauptstadt verbracht.

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Fußnoten

1 Burchard Brentjes, Geheimoperation Nahost, Berlin 2001, S. 255

2 Ebd., S. 256

3 Georg M. Hafner, Esther Schapira, Die Akte Alois Brunner. Warum einer der größten Naziverbrecher noch immer auf freiem Fuß ist, Reinbeck bei Hamburg 2002, S. 272

4 Ebd., S. 274

5 Ebd., S. 275

6 Wikipedia Alois Brunner

7 Hafner, Schapira, a.a.O., S, 277

8 Ebd., S. 279

9 Ebd., S. 284

10 Vgl. Neues Deutschland 23.7.2011

11 Vgl. taz vom 14.1.2010

12 Vgl. Welt vom 20.8.2011

13 Vgl. Wikipedia Alois Brunner

Veröffentlicht 12. August 2012 von schauerchristian in Die Last der NS-Vergangenheit - Syrien

Juden in Würzburg und Umgebung – Schwerpunkt Aufklärung

Die Juden in Würzburg und Umgebung – Schwerpunkt Aufklärung

Juden im Mittelalter

Leichenteile wurden 1147 aus dem Main gezogen. Dies war der Beginn eines der blutigsten Kapitel in der Geschichte der Judenverfolgung in Würzburg. Der zweite Kreuzzug begann in Würzburg mit einer Ansammlung von Kreuzfahrern. Dass der Tote – Dietrich genannt- von Juden ermordet wurde, war zwar falsch, verhinderte aber nicht, dass etwa 20 Juden erschlagen wurden. Der bekannteste war Rabbiner Isaak ben Eljakim. Bischof Siegfried von Truhendingen (1146 bis 1150) muss sich in einen festen Turm flüchten, um nicht gesteinigt zu werden. Der im Ägidiusspital beigesetzte Dietrich soll zum Heiligen erklärt werden. Der Spitalname wird auf Dietrich erweitert. Der erste Arzt , der im Dietrich-Spital genannt ist, heisst Süßkind von Trimberg; er ist der einzige jüdische Minnesänger, in der Manessischen Lieder-Handschrift mit gelbem Hut gekennzeichnet. Mit seinem Gehalt als Arzt war er nicht zufrieden.1 Die Juden waren von dem kanonischen Zinsverbot ausgenommen und deckten den wachsenden Geldbedarf der Kreuzzüge, die ohne ein funktionierendes Kreditwesen nicht vorangekommen wären. Ende des 12. Jahrhunderts und Anfang des 13. Jahrhunderts wurden die Juden in Würzburg wohlhabender – das Amt des Münzmeisters erlangte ein Jude namens Jechiel unter Bischof Otto I. von Lobdeburg (1207 bis 1221), eine Reihe von Gelehrten führten den Titel „Chaver“. 1298 kam es zur Hostienschändung.

1298 kam es zur sogenannten Hostienschändung von Röttingen. Eine Gruppe von „Judenschlägern“ zog unter der Anführung des „König Rintfleisch“ durch Franken und angrenzende Gebiete und verübte Massaker an den örtlichen jüdischen Gemeinden. Am 20. April 1298 wurden die Juden der Stadt Röttingen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Überirdische Aspekte traten dadurch auf,dass Rintfleisch verkündete, er habe vom Himmel eine persönliche Botschaft erhalten und sei zum Vernichter aller Juden ernannt worden. Klagelieder hielten die Erinnerung an die Schreckenstage wach: „Trauernd werfe ich meinen Schmuck fort und schere kahl mein Haupt wegen des berühmten Würzburg, der fröhlichen Stadt, welche ein Raub der Flammen, des Hohns und der Plünderung wurde, so daß keiner übrig blieb in Jakobs Zelten, sondern alle zur Schlachtbank geschleppt wurden…“2 Nach Röttingen ging es nach Rothenburg ob der Tauber, dort flüchteten 380 Juden in die Burg. Viele fränkische Orte wurden von Pogromen heimgesucht: Neustadt/Aisch, Windsheim, Iphofen, Mergentheim, Tauberbischofsheim, Ochsenfurt, Kitzingen, Nürnberg. Hier kamen 628 Juden zu Tode, in Bamberg gab es 126 Opfer und in Würzburg starben 900 Menschen.

Springen wir in das 18. Jahrhundert in den sieben Kilometer von Würzburg entfernten Ort Veitshöchheim.

Simon Höchheimer 

Simon Höchheimer wurde 1744 in Veitshöchheim geboren, wo seit 1644 eine orthodoxe jüdische Landgemeinde und seit 1730 eine Synagoge bestand. Nach dem Besuch der jüdischen Elementarschule eignete er sich autodidaktisch mathematische, ökonomische und geografische Kenntnisse an. Beschreiben wir kurz die zeithistorischen Umstände. 1740 besetzte Preußen Schlesien. 1756 bis 1763 tobte der siebenjährige Krieg. Würzburg musste Truppendurchmärsche und Einquartierungen erdulden genauso wie Veitshöchheim. 1747 hauste eine Dragonerkompanie aus Würzburg in Veitshöchheim. In Veitshöchheim befand sich die fürstbischöfliche Sommerresidenz mit ihrem Hofgarten. In dem Ort lebten um 1700 etwa fünf Prozent Juden, 1703 lebten dort acht Familien. Wenig später waren es vierzehn. Samuel Wolf stieg zum Hoffaktor in Würzburg auf. Ein besonders hartes Schicksal traf Löw Nathan. Im Februar 1749 wurde er verhaftet und in Würzburg an den Pranger gestellt. Kurz vorher war Fürstbischof Anselm Franz von Ingelheim gestorben. Für den Hoffaktor Abraham Rost war das ein schwerer Schlag. Beim nächsten Fürstbischof, Karl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads, fiel er in Ungnade. In Marktbreit wurde er gefangen genommen. Von dort floh er nach Ansbach. Der Markgraf lieferte ihn nach Würzburg aus – dort wurde er in Arrest genommen. Der Vorwurf: er habe seine Schulden nicht bezahlt und als „ Justiz-Makler“ dem Land Schaden zugefügt. Löw Nathan war sein Unterhändler.

Betrachten wir die Debatte um den Judenleibzoll in Würzburg und berichten wir vorher allgemein, was das war. Das Phänomen wird auch Judenschutzgeld genannt. Dabei handelt es sich seit dem 13. Jahrhundert vom König erhobene Abgabe als Entgelt für den von ihm gewährten Judenschutz.3 Dieser galt als Regal (dem König zustehendes Recht). Später ging er an die Landesherren über. Dem Kaiser blieb nur noch der Opferpfennig der Juden in Frankfurt am Main und Worms. Zusätzlich blieb ihm die bei jeder Krönung gezahlte Krönungssteuer der Juden in Mainz. In einigen Städten wurde ein doppeltes Judenschutzgeld errichtet, sowohl der Stadt als auch dem Landesherren.4

Der Judenleibzoll

Der Judenleibzoll im Hochstift entstand im 17. Jahrhundert. Vorher sprach man von Geleit – gemeint war Sicherheit der Juden gegen eine Abgabe. Julius Echter 5 führte die Erhebung eines Zolls für eine Person ein. Julius Echter war mehr als vierzig Jahre lang, von 1573-1617, Fürstbischof von Würzburg und damit weltlicher wie geistlicher Herr. 1660 kam es zu einer Erweiterung des Aufenthaltsrechtes der Juden im Fürstbistum Würzburg. Sie durften nun die Messen der Stadt und die Märkte auf dem umliegenden Land besuchen. Die ritterschaftlichen Juden kamen in Besitz des Leibzolles. Ihre Repräsentanten, die Landvorgänger, erzielten Einnahmen, die deutlich über der Pachtsumme lagen, die am Anfang 720 Gulden betrug. 1792 übertrug Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal die Judenleibzollpacht an die Judenschaft des Hochstiftes, die vorher bei der ritterschaftlichen Judenschaft war. Damit erfüllte sich für die Judenschaft des Hochstiftes ein lang ersehnter Wunsch. Anfang des Jahres 1792 bekam die Judenschaft des Hochstiftes die Pacht von 3000 Gulden für ein Jahr. Franz Ludwig von Erthal war nicht gut auf die ritterschaftliche Judenschaft zu sprechen: Sie hätten nur „darauf geachtet, wie sie die Leibzollzeichen anbringen, und sich einen Vorteil daraus verschaffen können; sie waren gewiss wenig bekümmert, was der Fremde Jude, der ein Leibzollzeichen sich erkauft, für ein Gewerb im Lande treibe, ob er handle, bettle, stehle oder sonst erlaubtes oder unerlaubtes trieb.“6

Gehen wir einige Jahre nach vorn. Im Hochstift Würzburg7 lebten um 1800 etwa 265.000 Menschen. 1,4 Prozentwaren Juden; 2933 unterstanden unmittelbar dem Fürstbischof, 739 mediaten Institutionen. Im mainfränkischen Raum lebten 13.000 Juden, das sind vier Prozent der Gesamtbevölkerung. Der größte Teil hatte in ritterschaftlichen Territorien seinen Wohnsitz. 71 Prozent der Juden wurden zu den ritterschaftlichen gezählt, 17 Prozent zu den hochstiftischen. 12 Prozent lebten unter mediaten Herrschaftsträgern. Es gab drei Korporationen: die hochstiftische Landjudenschaft, die Oberländer Judenschaft und die Unterländer Judenschaft.8 Die Emanzipation war unter den Fürstbischöfen Ludwig von Erthal und Georg Karl von Fechenbach nicht so recht vorangekommen. Die Forderungen des Aufklärers9 Simon Höchheimer10 in seiner Schrift „Über Moses Mendelsohns Tod“, die Juden finanziell zu entlasten und sie in das Wirtschaftsleben zu integrieren, wurden nicht aufgegriffen. Eine grundlegende Emanzipation fehlte, einzelne Erleichterungen gab es schon. Im Hochstift Würzburg wurde 1790 das Grundbesitzverbot aufgehoben. Die Juden konnten als jetzt Grund und Boden erwerben. Ein Jahr später folgte die Aufhebung des Hausierverbotes. 1785 besuchte erstmals ein jüdischer Schüler ein Gymnasium in Würzburg, ein Jahr später konnte Isaak Bamberger ein Medizinstudium in der Julius-Maximilian-Universität aufnehmen. Eine Integration der Juden war nicht vorgesehen.11 Das Ende des Hochstiftes Würzburg war in dieser Zeit gekommen, Bayern wurde 1803 (Reichsdeputationshauptschluss) größer und Fürstbischof Karl Georg von Fechenbach musste abdanken, Würzburg wurde eine Provinzstadt.

Jüdische Aufklärung Haskala

Exkurs :Grundzüge der jüdischen Aufklärung Die Haskala bezeichnet die jüdische Aufklärung von 1770 bis 1880. Sie beginnt im Berliner Bürgertum, das von den Schriften vor allem der französischen Aufklärung inspiriert ist. Angesichts der historischen (und der ökonomischen) Entwicklung (besonders der Öffnung der Ghettos und der Industrialisierung) befürchten ihre Vertreter, dass die jüdische Bevölkerung bei einem Festhalten an den bestehenden Sozialstrukturen sich selbst isolieren könnte. Hauptziele der Haskala sind: Säkularisierung als Trennung von Kirche und Staat. Öffnung in die Mehrheitsgesellschaft der Christen durch persönliche und institutionelle Kontakte sowie Bildung, die sowohl die Thora als auch säkulare Inhalte vermitteln soll. Dabei besteht ein Konfliktfeld zwischen dem Versuch der Erneuerung des Judentums und der Konfrontation mit orthodoxen Rabbinern. Der Hauptvertreter und bedeutende Vertreter ist Moses Mendelssohn. Sein Hauptwerk zum Judentum ist „Jerusalem, oder über die religiöse Macht und Judentum“. Das jüdische Leben und der Glaube wurde im Sinne der rationalistischen Aufklärung interpretiert. Höchheimers Schrift über „Über Moses Mendelssohns Tod“ akzeptiert die Kritik an den rabbinisch Talmud – orientierten Glaubenssätzen, die niederzureißen seien12.

Moses Mendelssohn

Moses Mendelssohn, 1771 Gemälde von Anton Graff

 

Emanzipation der Juden

1803 wurde die Diskussion über die Emanzipation der Juden fortgesetzt. Höchheimer verfasste die Schrift „Gedanken über Verbesserung der Jüdischen Nation“.Sein Gesinnungsgenosse Franz Oberthür meinte zum Thema: „ Die Verbesserung der bürgerlichen Lage der Juden ist jetzt ernstlicher als je zur Sprache gekommen, und reger als je ist das Streben derselben nach bürgerlicher Freiheitund Gleichsetzung mit den Christen, den ursprünglichen Bewohnern des Landes.“13 Oberthür setzte eine Bittschrift zur Verbesserung der politischen Lage der Juden auf, er verlangte eine Aufhebung der Sonderabgaben, ihr Los sollte erleichtert werden. Bildung und Erziehung sollten verbessert werden. Die Mehrheit der Juden in Würzburg stand diesen Gedanken der Emanzipation ablehnend gegenüber. Die Rabbiner erziehen die Jugend „für den Himmel“- damit eher weltfremd. Kurz nach der Jahrhundertwende war die Lage der Juden nicht besser als zur Zeit von Höchheimers Schrift zu Mendelssohn von 1786. Sie sind nicht in der bürgerlichen Gesellschaft angekommen, leben von traditionellen Erwerbsmöglichkeiten. Der Staat erlegt ihnen große finanzielle Belastungen auf. Viele sind Bettler . Ihre Lage führt zur Zunahme des internen Zwistes. Anfang 1807 wurde der Judenleibzoll im Großherzogtum Würzburg aufgehoben. Die ritterschaftlichen Juden wurden den alt Würzburgischen Juden gleichgestellt. Sie erhielten Landespatente. Nicht alle erhielten sie, die sich damit nicht ausweisen konnten, wurde der Handel im Großherzogtum nicht erlaubt. Maximilian IV. Joseph wurde 1799 neuer Landesherr als Kurfürst von Bayern. Die Würzburger Juden huldigten ihm 1802, die Bamberger Juden ein Jahr später. Er möge einer „sehr herabgewürdigten Menschenrasse“ gewogen sein.14 Maximilian sah die Juden als „vernachlässigte Menschenklasse“. Mit Hilfe humaner Einrichtungen sollten sich die Juden evolutionär zu „nützlichen Staatsbürgern“ entwickeln. Angestrebt wurde eine bürgerliche Gleichheit zu den anderen Einwohnern. Viel passierte jedoch nicht in den ersten vier Jahren bayerischer Landesherrschaft, die Schutzbriefe wurden bestätigt, die Abgaben wie bisher erhoben. 1803 kehrte der erste Jude nach der Vertreibung 1642 in die Stadt Würzburg zurück. Moses Hirsch mit seinen zwei Söhnen wurde die Erlaubnis zur Niederlassung gewährt. Zwischen 1803 und 1806 wurde er Hoffaktor.1805 und 1806 gewährte er zwei Darlehen. König Maximilian Joseph gewährte seinem Hoffaktor die Freizügigkeit innerhalb Bayerns. Jakob Hirsch kaufte viel säkularisierten geistlichen Besitz auf, zum Beispiel das Kloster Münster Schwarzach. Die Absicht, die zu Kloster Oberzell gehörende Kirche abzubrechen, erregte den Argwohn der christlichen Bevölkerung.

Hep Hep Unruhen

Die Emanzipation der Juden wurde auch von sozialen Protesten begleitet. Mit dem Kampfruf „Hep-Hep, Jud’ verreck!“ kam es im Spätsommer 1819 zu judenfeindlichen Krawallen sowohl in Dänemark als auch in Polen sowie in Österreich. Von Würzburg aus brachen die Unruhen am 2. August aus. 15. Unter bayrischer Herrschaft ließen sich in Würzburg vermehrt Juden nieder.1919 waren bereits 30 jüdische Familien, um die 400 Personen in Würzburg wohnhaft. Dieser Zuzug bewirkte „dumpfe Unzufriedenheit“, wie ein Zeitgenosse meinte. Würzburger Einwohner forderten von der Münchner Regierung die Rücknahme des Ediktes von 1813, das die rechtlichen Verhältnisse der Juden in Bayern regelte. Etliche Juden und liberale Fürsprecher der Emanzipation mühten sich, die Beschränkungen des Niederlassungs- und Erwerbsrechts aufzuheben. Der jüdische Bankier Salomom von Hirsch richtete eine Petition an die bayrische Ständeversammlung. Ein Rechtspraktikant namens Theodor Scheuring sah sich zu einer polemischen Schrift veranlasst.16 Liberale Kritik entzündete sich an dem judenfeindlichen Pamphlet. Scheuring behauptete, dass die christliche Religion der jüdischen überlegen sei und konstatierte negative Charaktereigenschaften der Juden, die bewirkten, dass sie nicht als Gleichberechtigte Staatsbürger aufgenommen werden konnten.17

Scheuring befürwortete die Trennung der Juden von den Christen. Sie sollten in abgelegenen Dörfern angesiedelt werden. Aus Geldgeschäften sollten sie herausgedrängt werden. Am liebsten wollte er die Juden ganz los werden. Am 2. August wurde ein jüdischer Kaufladen verwüstet. An den Darauf folgenden Tagen richteten sich weitere Aggressionen gegen die Wohnungen jüdischer Kaufleute – vor allem gegen die jüdischen Bankiers Salomon und Jakob Hirsch. Sie waren zu Wohlstand gekommen, während breite christliche Bevölkerungsschichten verarmt waren. Bei den Auseinandersetzungen mit der Polizei in Würzburg wurde ein Kaufmann erschossen, zwei Bürger wurden verletzt. Geschäftsleute und Handwerksmeister waren an den Judenverfolgungen interessiert. Trotz des Einsatzes von Militär dauerte es fast zwei Wochen, bis die Unruhen aufhörten. Jüdische Bürger suchten außerhalb der Stadt Zuflucht.

1819 wurde bei den „Hep-Hep-Unruhen“ auch in Rimpar bei Würzburg die Synagoge beschädigt. Die Gebetbücher wurden zerschnitten, die Leuchter zertrümmert und die Thoralade ramponiert. In Preußen rief ein Flugblatt die „Brüder in Christo“ auf, sich gegen die Glaubensfeinde zu wenden: „…Diese Juden, die hier unter uns leben, die sich wie verzehrende Heuschrecken unter uns verbreiten, und die das ganze preußische Christentum mit dem Umsturz bedrohen, das sind Kinder derer, die da schreiben: kreuzige,kreuzige …Hepp! Hepp!! Hepp!!! Aller Juden Tod und Verderben, ihr müßt fliehen oder sterben.“18

Das Scheitern der Integration – das Scheitern der Vernunft

Beim Pogrom im November 1938 wurde die Hauptsynagoge in der Domerschulstraße durch SS- und SA-Männer überfallen. Fenster und die Inneneinrichtung wurden zerschlagen, Leuchter und Ritualien zerstört. Die Thorarollen wurden in Brand gesteckt, das Haus wurde jedoch nicht niedergebrannt – vermutlich mit Rücksichtnahme auf die “arischen” Häuser in der Umgebung. Unter denen, die in der Synagoge zugange waren, war auch Universitätsrektor Prof. Dr. Ernst Seifert, damals SA-Führer und SA-Obersturmbannarzt. Nach dem Pogrom wurde im Synagogengebäude ein Parteibüro der NSDAP eingerichtet. Was war vorausgegangen? 1920 hatte des Judentum in Würzburg eine starke Stellung im mittleren und gehobenen Bürgertum.19 Von 1000 jüdischen Bürgern waren in diesem Jahr nur 395 berufstätig, 1931 schon 440. Politisch näherten sich die Juden den Christen beinahe, indem sie überwiegend die Parteien der Mitte wählten, die rechtsradikalen Parteien NSDAP und Völkischer Block jedoch mieden. Die jüdischen Wähler gingen angesichts des Niederganges der rechtsliberalen DDP überwiegend zur SPD und BVP. Alle drei Parteien der Mitte setzten sich in Würzburg für die jüdische Minderheit ein. Politisch gab es bei den Juden ein Gleichgewicht zwischen Orthodoxen und Liberalen. Die liberale Vorstellung von der Koedukation jüdischer und christlicher Kinder in den städtischen Volksschulen konnte nicht verwirklicht werden. Die jüdische Volksschule sicherte, dass Kindern eine Konfrontation mit dem Antisemitismus erspart blieb. Starke Unterstützung erfuhren auch jüdische Jugendbünde. Antisemitische Vorstellungen wurden in studentischen Korporationen zunehmend hoffähig. Von 1918 bis 1933 war kein einziger jüdischer Student in Würzburg Mitglied einer nichtjüdischen Studentenverbindung.20

Die Argumentation im Würzburger Habima-Prozeß21 von Seiten des Richters und Staatsanwaltes folgte antisemitischen Denkmustern. Ablauf: Für den Abend des 19.November 1930 war ein Auftritt der in der Sowjetunion beheimateten jüdischen Theatergruppe Habima vorgesehen. Die NSDAP – Ortsgruppe reagierte mit einem Flugblatt „Kulturbolschewismus in Würzburg“ darauf, das zu einer Protestaktion aufrief: „Würzburger, der Jude scheut sich also nicht davor, das Stadttheater, das von Euren Steuergroschen erhalten wird, zum Schauplatz für Reklame für seine Kultur, die keine ist, herabzuwürdigen. Es ist geradezu unverständlich, wie eine deutsche Theaterintendanz ihre Räume zu einem solchen Unternehmen hergeben kann … Würzburger! Studenten! Protestiert mit uns gegen diese Kulturschande! Hinein in die Abwehrfront des erwachenden Deutschland! Gegen die Bolschewisierung des Theaters! Für deutsche Art und Kultur!“22 Schon eine halbe Stunde vor der Vorstellung hatten sich Hunderte überwiegend halbwüchsige Demonstranten versammelt. Sie riefen: „Deutschland erwache! Juda verrecke!“ Die Besucher der Veranstaltung mussten Spießruten durch die Menge laufen. Zum Zeitpunkt des Beginns der Veranstaltung schlugen die Demonstranten mit Stöcken und Fäusten gegen die Türen des Theaters. Einer der Demonstranten schrie: „Nieder mit all den Juden, raus mit den Hebräern! Schlagt sie tot!“. Polizisten verhinderten ein gewaltsames Eindringen der Demonstranten. Eine Zeitung berichtete zusammenfassend über die Ereignisse: „ Die Theatervorstellung endigte um ein halb 12 Uhr. Es waren also drei Stunden Zeit, um durch polizeiliche Hilfe den Heimweg der Theaterbesucher sicherzustellen, wie dies vor Beginn der Vorstellung von der Bühne bekanntgegeben wurde. Trotzdem geschah das Unglaubliche, dass die Hauptverkehrsstraßen, deren sich die Theaterbesucher zum Heimweg bedienen mußten, abgesperrt waren: so war insbesondere die Maxstraße zwischen der Vereinsbank und dem Museum von einer Mauer Menschen besetzt, die durch einige Schutzleute zurückgehalten war, ebenso der Ausgang der Theaterstraße und der Juliuspromenade, so daß für alle in der Sanderau wohnenden oder zum Bahnhof gehenden Theaterbesucher die Hauptstraßen abgeriegelt waren. Beim Theaterausgang wurde von Polizeiorganen ausdrücklich erklärt, statt der Maxstraße ist der Weg durch den Ingolstadter Hof und die Domerpfarrgasse frei. Man hatte also den Theaterbesuchern die Hauptstraßen abgeschnitten und ihnen dafür dunkle Nebengassen zum Verkehr freigelassen. Dies machten sich die Demonstranten zunutze. In dem dunklen Ingolstadter Hof, der lediglich am Schrannensaal polizeilich bewacht war, bildete sich eine Menge, die alle durchgehenden Personen, die nach Hunderten zählten, mit Johlen, Schreien und Beschimpfungen belästigten. Aber nicht genug damit. Dem Referenten liegen 12 Anzeigen vor von Personen, die teils im Ingolstadter Hof, teils in der  Domerpfarrgasse tätlich angegriffen worden sind … In keinem dieser Fälle von Tätlichkeiten hatte ein Schutzmann eingegriffen oder war polizeiliche Hilfe erreichbar.“23

Im Februar 1931 wurde ein Urteil gesprochen, das überwiegend unter den Anträgen des Staatsanwaltes Seelos lag. Die Gesamtgefängnisstrafe lag bei 15 Jahren und zwei Wochen. Das Jüdische Echo schrieb dazu: „Dieser Prozeß und dieses Urteil sind wieder einmal symptomatisch für die heute in Deutschland grassierende Umkehrung des normalen Rechtsgefühls. Der Staatsanwalt , anstatt die Verrohung und Verhetzung gebührend zu tadeln, den brutalen politischen Eingriff in kulturelle Bezirke abzuwehren, bescheinigt den Jüngern vom Gummiknüppel ihre idealistische Gesinnung und zwar so, daß jüdische Hörer ihren Eindruck dahin zusammenfaßten: Hier sei den Juden wieder einmal demonstriert worden, daß sie sich als Staatsbürger dritten Ranges zu fühlen hätten. Und das Urteil ist eher noch schlimmer als besser: Gänzlich ungenügende Strafen und eine Begründung, die den Exzedenten Recht gibt und geradezu wie eine Belobigung der Ausschreitungen wirkt. Wenn dieses Urteil sagt, es müsse dahin gestellt bleiben, ob das Gastspiel der jüdischen Truppe am Platze war, so hat es dieses Gastspiel schon verurteilt. Daß die eigentlichen Hetzer bei diesem Prozeß überhaupt nicht zu fassen waren, , ist ja selbstverständlich; daran hat man sich seit langem gewöhnt, daß die Drahtzieher im Dunkeln bleiben und daß der Polizei und den Gerichten entweder der Ernst oder der Wille oder die Fähigkeit fehlen, in dieses Dunkel hineinzuleuchten.“24 In der Würzburger Parteizeitung der NSDAP weht der neue Geist des Antisemitismus besonders scharf. Dort heißt es am 3. April 1931: „Golgatha – Auferstehung. Alljuda wandelt sein Antlitz nicht durch die Jahrtausende. Vor 1900 Jahren starb Jesus Christus, der Galiläer, verraten von Judas Ischariot, den Schächttod am Kreuze. Die Hohenpriester und Rabbiner Judas, sie triumphierten … Aber auf Golgatha folgte die Auferstehung. Über den Geifer und die Lästerung Judas hinweg breitete sich der Triumph der Lehre des Gottessohns.. Heute sitzt das Schächtmesser Alljudas, des ewigen Mörders, am Halse des deutschen Volkes. Millionen hungern, weinen, sterben- Juda lacht. Aber schon flammt das Licht der Erkenntnis durch die Nacht des Betrugs und die Finsternis der Verwirrung. Schon zerrt die Verzweiflung mit Millionen Armen an der Maske, hinter der sich die Fratze der Kötermasse dieser Welt birgt. Schon erstarrt das Lächeln im Antlitz des Volkes mit seinem Talmud und seinem Schächterritual. Schon brennt in Millionen Bannern das Zeichen des Erwachens. Das Hakenkreuz, und kündet die Auferstehung des deutschen Volkes, sein Ostern.“ 25 Zum Thema der sogenannten Rassenschande meinte die „Freiheit“ am 21.8.1931: „Die Mädchen Würzburgs fühlen und denken deutsch. Sie haben, wenn auch zum größten Teil unbewußt, ihren Rassenstolz. Und da ist es kein Wunder, wenn räudige Ausnahmen um so schimpflicher empfunden werden. Das ist die neudeutsche Zeit der ‘Freiheit, Schönheit u. Würde’, der sittlichen Entartung u. Schande.Wir kennen diese Löwenstein, Rosenbusch, Stern, Oppenheimer, Strauss u. noch viele andere. Wir kennen auch die Namen der Schandmädchen, die sich nicht schämen, sich mit Juden einzulassen. Wir warnen die Ria D., Tilly Sch., Ilse etc. Ab nächste Nummer werden wir die vollen Namen der Mädchen veröffentlichen u. sie der allgemeinen Verachtung preisgeben.“ 26 Eine Woche später wurden die Namen der drei Frauen tatsächlich genannt, was zu einer Privatklage führte, die mit einem Vergleich endete. Wo war das Licht der Aufklärung aus dem 18. Jahrhundert geblieben? Wenn man Aufklärung sogar mit einer religiösen Dimension verbindet wie Simon Höchheimer, dann würde dies neuhochdeutsch so lauten. „ Eine Handlung des Menschen geschieht alsdann nur nach echter Religiosität, wenn er durch richtige Vernunft ihren Geist prüft und erkennt, aus guter edler Gesinnung sie wählt, und mit einem reinen tugendhaften Herzen sie ausübt.“ 27 Bei den in Würzburg der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts dargestellten Vorgängen, kann weder von einem Restbestand an Vernunft noch von einer humanen Gesinnung ausgegangen werden. Hier setzte sich schlicht das Gegenteil von Aufklärung, nämlich die Barbarei durch. Das Ganze gipfelte dann im Holocaust – in den Jahren 1941 bis 1943 wurden über 2000 Juden aus Unterfranken verschleppt und ermordet..

Literatur

Werner Dettelbacher, Würzburg – ein Gang durch seine Vergangenheit, Würzburg 1974

Karl-Heinz Grossmann, Würzburgs Mendelssohn – Leben und Werk des jüdischen Aufklärers Simon Höchheimer 1774 bis 1828, Würzburg 2011

Roland Flade, Juden in Würzburg 1918 bis 1933, Würzburg 1985

Helmut Berding, Moderner Antisemitismus in Deutschland, Frankfurt am Main 1988

Alfred Wendehorst (Hrsg.), Würzburg Geschichte in Bilddokumenten, München 1981

1 Vgl. Werner Dettelbacher, Würzburg- ein Gang durch seine Vergangenheit, Würzburg 1974, S. 28

2 Vgl. Alfred Wendehorst (Hrsg.), Würzburg Geschichte in Bilddokumenten, München 1981, S.51

3Vgl. Haberkern/Wallach, Hilfswörterbuch 1für Historiker , München 1972 (3. Auflage), S. 312

4Vgl. ebd.

5Karl-Heinz Grossmann, Würzburgs Mendelssohn – Leben und Werk des jüdischen Aufklärers Simon Höchheimer

1774 bis 1828, Würzburg 2011, S.200

6Ebd., S. 201

7 Das Hochstift Würzburg nahm im Deutschen Reich in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung ein. Es zählte zu den bedeutenden geistlichen Territorien des Reichs, gelegen an der Schnittstelle zwischen den großen Herzogtümern des Reiches im Norden und Süden. Seit der Übertragung der Herzogswürde für die Diözese 1168 lag die geistliche und weltliche Gewalt in der Hand des Bischofs. Durch die starke territoriale Zersplitterung Frankens gelang der Aufbau eines geographisch und rechtlich homogenen Territoriums nie. Der Hochstiftsbesitz umfasste in unterschiedlicher herrschaftlicher Durchdringung etwa ein Drittel des Diözesangebiets.

8Vgl. Grossmann, S. 362

9AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeitist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung…Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.

10Vertreter der jüdischen Aufklärung, genannt Haskala

11In Ochsenfurt war es den jüdischen Händlern zwar meistens erlaubt, ihre Waren auf den Jahr- und Wochenmärkten der Stadt anzubieten, doch herrschte zeitweise ein strenges Hausierverbot (16. bis 18. Jahrhundert). Den jüdischen Händlern war zwar meistens erlaubt, ihre Waren auf den Jahr- und Wochenmärkten der Stadt anzubieten, doch herrschte zeitweise ein strenges Hausierverbot.  1688 soll sich die erste Jüdische Gemeinde in Elmshorn gegründet haben. Ein Hausier -Verbot stürzte Elmshorns Juden in Armut; es war verboten, mit Bauchladen und Kiepe auf Verkaufstour zu gehen.

12Vgl. Grossmann,S.113

13ebd. S.364 siehe auch Christian Wilhelm von Dohm “Über die bürgerliche Verbesserung der Juden”, das 1781 (kurz nach Lessings Tod) erschien, man hat in im das staatsrechtliche Gegenstück zu “Nathan der Weise” gesehen. Dohm forderte die Gleichberechtigung der Juden auf allen Gebieten.

14ebd. S. 381

15Vgl. Helmut Berding, Moderner Antisemitismus in Deutschland, Frankfurt am Main 1988, S. 66 ff.

16Ebd., S.67

17Vgl. Grossmann, S. 445

18Zitiert nach Berding, a.a.O., S.71

19Vgl. Roland Flade, Juden in Würzburg 1918 bis 1933, Würzburg 1985, S. 356

20Vgl. ebd. S. 359

21 Im sogenannten „Habima“-Prozeß 1931 über die tätlichen Angriffe von NSDAP- Schlägern auf Besucher einer Aufführung der hebräischsprachigen Bühne „Habima“ werden wegen „nicht unehrenhafter Motive“ milde Strafen verhängt.

22Hans Steidle, Der Habima-Skandal in Würzburg 1930/31, in: Mainfränkisches Jahrbuch, Jg. 35, 1983, S. 152 bis 210, Zitat: S.161

23Würzburger General-Anzeiger vom 26.11.1930, S.4, zitiert nach Flade, a.a.O., S. 343

24Roland Flade, a.a.O., S.348

25Ebd. , S. 349

26Ebd., S. 350

27Vgl. Grossmann, a.a.O., S. 255

Der arische Mythos

 

Der arische Mythos

Die Arier im Iran

Schon Darius I. (521 – 486 vor Christus), einer der bedeutenden Großkönige des persischen Reiches, leitete seine Dynastie vor etwa 2.500 Jahren aus arischem Stamme ab. „Ich bin Darius, der große König […], ein Perser, Sohn eines Persers, ein Arier, welcher eine arische Abstammung hat.“

Archäologen zufolge ist die nomadische Gruppe der Arier vor 4.000 Jahren aus den Steppen des Urals nach Indien gezogen. Vor 3.000 Jahren erfolgte dann die Einwanderung in den heutigen        Iran. Man hielt sich anderen Volksgruppen gegenüber überlegen. Im 19. Jahrhundert begann das Ariertum in Europa aufzutauchen.

Johannn Gottfried Herder (1744 – 1803) entwickelte die Indomanie oder auch Indophilie. Später wurden Gemeinsamkeiten zwischen europäischen Sprachen und dem Sanskrit Indiens entdeckt. Friedrich Schlegel (1772 bis 1829) schloß dann von einer Sprach- auf eine Rasseverwandtschaft. Der Mythos der arischen Rasse war geboren. Friedrich Schlegel fand 1808 in seiner Abhandlung „Über die Sprache und Weisheit der Inder“ gemeinsame Wurzeln von Deutsch, Griechisch, Latein und Sanskrit. Für Schlegel galt Sanskrit als Ursprache aus der sich alle anderen Sprachen ableiten und der Nordwesten Indiens als Urheimat aller Völker. 1

Im deutsch-französischen Krieg stritten sich Deutsche und Franzosen darum, wer die Urarier seien. Bald entstand der nordische Typ: Hochgewachsen, langschädelig, blondhaarig und blauäugig. Der rassische Gegenpol war der Semit und damit der Jude.

Im 20. Jahrhundert verloren die Perser ihren Hochglanz als Arier an die Germanen. Alfred Rosenberg sieht in seinem Buch „Der Mythos des 20. Jahrhunderts“ die Arier durch die Perser der Gegenwart ersetzt, die durch den Einfluss der Händlerrassen zu Maultiertreibern degeneriert seien.

Dass sich Ariertum nicht immer in einer eindeutigen Physiognomie niederschlägt, lässt sich im Frühjahr 1933 nachweisen. Damals verprügelten deutsche SA-Leute iranische Stipendiaten, weil sie sie für Juden hielten. Die iranische Gesandtschaft protestierte beim Auswärtigen Amt dagegen.

Dürfen Arier eigentlich untereinander heiraten? Eigentlich schon, es sei denn, sie werden als Nichtarier definiert. Im Sommer 1936 wurden Pläne bekannt, dass das Deutsche Reich Iraner zu Nichtariern erklären wollte. Damit wären Mischheiraten unmöglich. Es wurde eine Art Kompromiss gefunden: „Man sei in Deutschland bestrebt, den Arierbegriff aus der Praxis heraus zu formulieren“ hieß es in einem Gespräch mit dem iranischen Botschafter. Göring formulierte einmal ähnlich doppeldeutig: „Wer Jude ist, bestimme ich.“ Kurz darauf wurde dem iranischen Botschafter gegenüber von den Nazis zugestanden, dass man die Iraner als Vorfahren der Arier sehe. Im selben Jahr konnten die Iraner den Erfolg verbuchen, dass Iraner nicht unter die Nürnberger Rassegesetze fielen. 2

Aus dieser gemeinsamen Berufung auf das Ariertum entwickelte sich eine Art Freundschaft zwischen Deutschen und Iranern. Das Hakenkreuz fungierte als gemeinsames Symbol der „Arier des Nordens“ und der „Arier des Südens“. Die Decke der großen Bahnhofshalle in der iranischen Hauptstadt Teheran wurde mit Hakenkreuz ähnlichen Symbolen verziert. In Isfahan entstand ein Deutsches Archäologisches Museum mit dem Schwerpunkt „Arische Geschichte“. 3

Der SS -Brigadeführer Erwin Ettel berichtete Anfang 1941 aus Teheran: „Seit Monaten ist die Gesandtschaft von den verschiedensten Seiten darauf hingewiesen worden, daß im ganzen Lande Geistliche auftreten, die zu den Gläubigen von alten geheimnisvollen Weissagungen und Träumen sprechen, die dahin gedeutet werden, daß in der Gestalt Adolf Hitlers der zwölfte Imam von Gott auf die Welt gesandt worden ist.“ 4 Ettel fährt fort: „So ist völlig ohne Zutun der Gesandtschaft eine mehr und mehr um sich greifende Propaganda entstanden, die in dem Führer und damit Deutschland den Retter in aller Not erblickt …Ein Teheraner Bildverleger hat in seinem Verlage Bilder des Führers wie auch Ali’s, des ersten Imams, hergestellt. Monatelang hingen diese großen Bilder rechts und links an der Tür zu seinem Geschäft. Jeder Eingeweihte verstand diese Nebeneinanderstellung. Es bedeutet: Ali ist der erste, Adolf Hitler der letzte Imam.“ Für die NS-Strategie ergibt sich für Ettel daraus folgendes: „Ein Weg, um diese Entwicklung zu fördern, wäre das klare Herausarbeiten des Kampfes Mohammeds gegen die Juden in alter und den des Führers in jüngster Zeit.Verbindet man hiermit eine Gleichsetzung von Briten und Juden, so wird eine außerordentlich wirksame antienglische Propaganda in das schiitische iranische Volk getragen.“ 5

Die guten Beziehungen zwischen Deutschland und dem Iran begannen schon im Ersten Weltkrieg. Wilhelm II. wurde von den Schiiten als „Befreier des Islam“ bezeichnet. Im Ersten Weltkrieg stammten die Sympathien der Iraner für das Deutsche Reich aus der Gegnerschaft zu Russland und Großbritannien. Ein iranischer Intellektueller meinte beispielsweise: „Gott hat das Schwert den Deutschen in die Faust gegeben. Ihrem Kaiser gab er Mut und das Herz eines Löwen…“ 6

Arier im Nationalsozialismus

Im nationalsozialistischen Sprachgebrauch wurde das Wort dem „Juden“ entgegengesetzt. Seit 1935 wurde „arisch“ jedoch nicht mehr als amtlicher Rechtsbegriff verwendet. An die Stelle des in dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums verwendeten Begriffes „Arier“ trat im September 1935 die in den Nürnberger Gesetzen gebrauchte Formulierung „Person deutschen oder artverwandten Blutes“, die nach einem Runderlass 1935 durch den Ausdruck „deutschblütig“ ersetzt wurde. 7

Außerhalb der Rechtssprache wurden der Ausdruck allerdings weiter gebraucht.

Adolf Hitler führte in „Mein Kampf“ unter der Rubrik „Arier als Kulturbegründer“ folgendes aus: „Es ist ein müßiges Beginnen, darüber zu streiten, welche Rasse oder Rassen die ursprünglichen Träger der menschlichen Kultur waren und damit die wirklichen Begründer dessen, was wir mit dem Worte Menschheit alles umfassen. Einfacher ist es, sich diese Frage für die Gegenwart zu stellen, und hier ergibt sich auch die Antwort leicht und deutlich. Was wir heute an menschlicher Kultur, an Ergebnissen von Kunst, Wissenschaft und Technik vor uns sehen, ist nahezu ausschließlich schöpferisches Produkt des Ariers. Gerade diese Tatsache aber läßt den nicht unbegründeten Rückschluß zu, daß er allein der Begründer höheren Menschentums überhaupt war, mithin den Urtyp dessen darstellt, was wir unter dem Worte „Mensch“ verstehen. Er ist der Prometheus der Menschheit, aus dessen lichter Stirne der göttliche Funke des Genies zu allen Zeiten hervorsprang, immer von neuem jenes Feuer entzündend, das als Erkenntnis die Nacht der schweigenden Geheimnisse aufhellte und den Menschen so den Weg zum Beherrscher der anderen Wesen dieser Erde emporsteigen ließ.“ 8

Den Arier entgegengesetzt waren die Juden. In einem „Taschenwörterbuch des Nationalsozialismus“ hieß es dazu unter anderem: „Die Emanzipation brachte zwar eine starke wirtschaftliche Aufwärtsbewegung des Judentums, jedoch unter völliger Aufrechterhaltung der Eigenheit der jüdischen Rassegemeinschaft. Sie blieb ein Fremdkörper, der sich in seiner erstaunlichen Vitalität gegen die seelische und völkische Geschlossenheit des deutschen Volkes richtete.“ 9

Zu den Wegbereitern der Rassentheorie gehört der französische Schriftsteller Arthur de Gobineau. In seinem Werk „Theorie der Ungleichheit der Menschenrassen“ nimmt er eine Kategorisierung in „niedere“ und „höhere“ Rassen vor. Die „Arier“ werden der höheren Rasse zugeordnet. 10

Arier und Europa

Im 2. Jahrtausend wanderten verschiedene arische Stämme in Richtung des indischen Subkontinents. Dort vermischten sie sich mit den Sesshaften genetisch und kulturell . „Es mag vielleicht zu einer Begegnung der Arier an der eurasischen Grenze, möglicherweise im Ural, mit den Ur-Europäern gekommen sein und möglicherweise wanderten einzelne arische Stämme in Richtung Nordeuropa während der Erwärmungsphase der Erde, aber eine Völkerwanderung im eigentlichen Sinne von oder in Richtung Europa ist durch nichts bewiesen und damit reine Spekulation. Darüber hinaus gibt es keinen einzigen archäologischen Beweis dafür, dass arische Stämme aus Zentralasien, vom schwarzen Meer, aus Deutschland und Skandinavien oder aus Sibirien jemals in die iranische Hochebene eingewandert sind. Einer der ersten bekannten arischen Völker, die Sumerer lebten in Mesopotamien, auch ihre Herkunft konnte nie genau geklärt werden, sicher ist, dass sie keine Semiten waren und ihre Sprache altiranisch war.“ 11

Fakt ist, dass es in Mitteleuropa niemals eine „nordische Rasse“ als Einheit gegeben hat. Die bronzezeitlichen Menschen in Mitteleuropa waren nicht nur blond und blauäugig. Heute geht man davon aus, dass die Germanen in der Zeit Caesars keine reine und eigentümliche „Rasse“ waren, sondern physiognomisch sehr unterschiedlich aussahen.

Arier im Werk LTI von Victor Klemperer

Klemperers Werk ist ein Standardwerk über die Sprache des „Dritten Reiches“. LTI steht für „Lingua tertii imperii“, die „Sprache des Dritten Reiches.“ 1940 wurde er aus seinem erst 1934 bezogenen Haus bei Dresden vertrieben. Er lebte er mit seiner Frau in verschiedenen sogenannten „Judenhäusern“ in Dresden. Aufgrund des Reichsbürgergesetzes wurde er als Jude schon 1935 aus seiner Professur für Romanistik an der Dresdner „Technischen Universität“ entlassen.

Nach der Einführung des Judensterns am 19. September 1941 notiert Klemperer folgendes: „Jetzt erst war die Gettoisierung eine vollkommene; vorher tauchte das Wort Getto nur auf, wo auf Briefstempeln etwa ‚Getto Litzmannstadt‘ zu lesen stand, es war dem eroberten Ausland vorbehalten. In Deutschland gab es einzelne Judenhäuser, in die man Juden zusammendrängte und dir man bisweilen mit der Außenanschrift ‚Judenhaus‘ versah. Aber diese Häuser lagen inmitten arischer Wohnviertel, und auch selber waren sie nicht ausschließlich von Juden bewohnt; weswegen man denn an anderen gelegentlich die Mitteilung lesen konnte: ‚Dieses Haus ist judenrein.‘ Der Satz blieb dick und schwarz an manchen Mauern haften, bis sie selber im Bombenkrieg zuschanden gingen., während die Schilder ‚rein arisches Geschäft‘ und die feindseligen Schaufensterbemalungen ‚Judengeschäft!‘ genauso wie das Verbum ‚arisieren‘ und die beschwörenden Worte an der Ladentür: ‚Völlig arisiertes Unternehmen!‘ sehr bald verschwanden, weil es keine Judengeschäfte mehr gab und gar nichts mehr zu arisieren.“ 12

Verwunderlich ist, dass Klemperer das Wort „Arier“ nicht in Anführungszeichen schreibt, schon 1935 tauchte das Wort als amtlicher Begriff nicht mehr auf.

Im Zusammenhang mit den Berliner Olympischen Spielen von 1936 heißt es bei Klemperer: „ … die ‚blonde He‘, die Jüdin Helene Meyer, darf ihr Florett für den Sieg des deutschen Fechtsports einsetzen, und der Hochsprung eines amerikanischen Negers wird gefeiert, als wäre ein Arier und nordischer Mensch gesprungen.“ 13

Zusammenfassung

Rassische Gemeinsamkeiten für alle Indoeuropäer sind unbewiesen. Bei einigen Gruppen können blonde und hellhäutige Typen dominiert haben. „Die gleichsetzende Verengung von Indoeuropäern mit ‚Ariern‘ ist reine Willkür, erst recht von ‚Ariern‘ mit Germanen, zu denen eventuell noch Kelten im Westen und Slawen im Osten hinzugefügt wurden.“ 14 Was hat es mit dem „arischen Mythos“ auf sich bzw. der Überlegenheit der Arier? Wissenschaftlich sind sie nicht begründbar. Indoeuropäer kamen „in schon bestehende Zivilisationszentren, zerstörten zunächst altorientalische Hochkulturen und bauten sie gemäß einem universalen Mechanismus wieder neu auf, modifiziert durch eigene Hinzufügungen und Veränderungen. Sonst unterwarfen Indoeuropäer meistens als kriegerische Eroberer ebenfalls noch barbarische Bevölkerungen, mit denen sie sich in unterschiedlicher Intensität anschließend verbanden. In Spannung zwischen erobernden Aristokratien mit ihrer Forderung nach ‚Blutreinheit‘ des Adels und Unterworfenen entstanden durch Vermischung neue Völker, die jeden ‚Rassen‘-Begriff ad absurdum führen.“ 15

1 Vgl. http://www.suedasien.info/analysen/469

Ein Beispiel für verstiegenes Ariertum – den arischen Mythos – liefert der Orientalist, Schriftsteller und Archäologe Ernest Renan in der Huldigung des heiligen „Berges Imaus“ (wahrscheinlich im Himalaja): „Laßt uns diese heiligen Gipfel grüßen, wo die großen Rassen, welche die Zukunft in sich trugen, zum erstenmal die Unendlichkeit betrachteten und jene beiden Faktoren einführten, die das Angesicht der Erde veränderten: Moral und Vernunft. Wenn die arische Rasse, nach Tausenden Jahren der Mühsal, zur Herrin der Erde geworden sein wird, die sie bewohnt, dann wird es ihre erste Pflicht sein, dieses geheimnisvolle Gebiet zu erforschen … Kein Ort der Welt hat je eine Rolle gespielt, die vergleichbar wäre mit jener des namenlosen Berges oder Tales, wo der Mensch sich zuerst erkannte. Seien wir stolz auf die Patriarchen der Vorzeit, die am Fuße des Imaus den Grundstein legten zu dem, was wir sind und sein werden.“ in: Léon Poliakov, Der arische Mythos, Hamburg 1993, S. 236

2 Vgl. Matthias Küntzel, Die Deutschen und der Iran – Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft, Berlin 2009, S. 51

3 Ebd.

4 Klaus-Michael Mallmann/ Martin Cüppers, Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina, Darmstadt 2011, S. 42

5 Ebd., S 42 f.

6 Küntzel, a.a.O., S. 26

7 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Arier

8 Adolf Hitler, Mein Kampf, München 1940, S. 317

9 Hans Wagner, Taschenwörterbuch des Nationalsozialismus, Leipzig 1934, S. 123

10 Vgl. Anica Petrovic-Wriedt, Zur Bedeutungs- und Gebrauchsgeschichte des Begriffs „Arier/arisch“ und zur Stellung des Begriffspaares „Arier/ arisch“ in der LTI: Victor Klemperer, Kindle Edition S. 3

12 Victor Klemperer, LTI Notizbuch eines Philologen, Leipzig 1975, S. 199 f.

13 Ebd., S. 274

14 Imanuel Geis, Geschichte des Rassismus, Frankfurt am Main 1988, S.40

15 Ebd., S. 41

Buchempfehlung: Ein Sachbuch, das sich mit dem Ariermythos in letzter Zeit auseinandergesetzt hat. Mo Asumang, Mo und die Arier. Allein unter Rassisten und Neonazis, Frankfurt am Main 2016.

Besonders wichtig waren die Nachforschungen von Frau Asumang im Bundesfilmarchiv in Berlin zu Nachweisen von Arierbezügen bekannter Nazis in Filmaufnahmen. Nur in drei Filmen fand der Begriff „Arier“ Verwendung. Eine Schlägerei gab es in der Hitler-Straße in Köthen zwischen persischen Studenten und SA-Leuten. Die persische Gesandtschaft beschwerte sich beim Auswärtigen Amt im April 1934 darüber. Ali Mohamet Haschemi, in Teheran geboren, wurde des öfteren von Otto Schotte aus Halberstadt angerempelt. Schotte hielt den Perser für einen Juden. Dieser wurde von dem SA-Mann erheblich verletzt (Schwellungen und Hautblutungen), wie der behandelnde Arzt am 24.4.1933 feststellte. Ein weiteres denkwürdiges Ereignis fand 1937 statt. In diesem Jahr reiste Baldur von Schirach, Führer der Hitlerjugend, nach Teheran und wurde von dem damaligen Herrscher, Reza Schah, empfangen. Nach Informationen des ehemaligen Archäologen Dietrich Huff habe sich Schirach im Iran Arier zeigen lassen. Die in Reih und Glied aufgestellten Soldaten hatten alle dunkle Haare und Augen. Schirach konnte das nicht mit seinem Rasse-Ideal des Ariers in Verbindung bringen. 1 Noch einmal brachte der Reichsmarschall Hermann Göring in seiner Erntedankrede 1942 den Begriff „Arier“ ein: „ Dieser Krieg ist nicht der Zweite Weltkrieg, dieser Krieg ist der große Rassenkrieg, ob hier der Germane und Arier steht oder ob der Jude die Welt beherrscht.“ 2

Dass der Begriff nicht häufiger Verwendung fand, ist für Frau Asumang ein Beleg dafür, dass die Nazis wussten, das sie keine Arier sind.

1 Vgl. Mo Asumang, Mo und die Arier. Allein unter Rassisten und Neonazis, Frankfurt am Main 2016, S.. 154

2 Ebd., S.155

Beschäftigung mit Ariertum in Alzenau

Beschäftigung mit Ariertum in Alzenau

Veröffentlicht 27. November 2011 von schauerchristian in Der arische Mythos