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Die Grauen Wölfe – Geschichte der Sinti – Geschichte Haitis – Aspekte der Geschichte Armeniens

 

Die Grauen Wölfe

Der türkische Kulturnationalismus

Hier muss der Soziologe Ziya Gökalp genannt werden. Die organische Gesellschaft funktioniert in einem Staat, der sich auf eine Nation stützt. Das Konzept des „kulturellen Türkismus“ ist verknüpft mit der Verwandtschaft bzw. der Einheit der Türkvölker. Erstrebt ist ein türkischer Nationalstaat, der alle türkischen Völker unter einem Dach vereinigen will. Ausschlaggebend ist die Herausbildung einer Kultur, die durch Sprache von Kindheit vermittelt wird. Vergleichbar ist die Situation der Türken mit der Situation der Deutschen bis 1871. Die Türken sollen wie die Deutschen die Situation durch eine gemeinsame Sprache und Kultur meistern. Im Jahre 1908 hat sich der Türkismus in der Türkei institutionalisiert. Die türkische Bewegung war bestrebt, ein „Großtürkisches Reich“ zu errichten. Länder, in denen Turkvölker lebten (Türkei, Balkan), sollten erobert werden. Deshalb beteiligte man sich an der Seite Deutschlands am Ersten Weltkrieg. Im Gegensatz zu anderen Turanisten, die auch Ungarn und Finnen dazu rechneten, umfasst der Turanismus Gökalps nur die „Oguz-Türken“- die Aserbaidschaner, Tataren, Yakuten, Kirgisen, Usbeken und die Kipcaken. Die jungtürkische Partei „Einheit und Fortschritt“ verlor innerhalb von sechs Jahren mehr Territorium als Abdülhamit II. in dreißig Jahren. Das nationale Selbstbewusstsein war dadurch verletzt. Im Ersten Weltkrieg sollten die im Westen verloren gegangenen Gebiete durch Landgewinne im Osten mit der Vereinigung aller Türken in Turan kompensiert werden. Während des Krieges begann die“Ausräumung“ und Türkisierung anderer Völker (siehe dazu schauerchristian.wordpress.com – Historischer Reader zu Armenien) Zwischen 1877 und 1922 wurden über zwei Millionen Armenier bei türkischen Pogromen getötet- viele durch Folgewirkungen wie Seuchen, Hunger und Flucht.

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Beziehungen zu Deutschland im Zweiten Weltkrieg

Die Nationalsozialisten betrachteten die Türkei, Iran und die arabischen Länder als wichtige Rohstofflieferanten. Nach der Machtergreifung begann der Krupp-Konzern im großen Umfang Eisenbahn-Linien in der Türkei aufzubauen. Vier Tage vor dem Angriff auf die Sowjetunion unterzeichnete die Türkei 1941 einen 10-jährigen Freundschafts- und Nichtangriffspakt mit NS- Deutschland. Im Oktober 1941 schlossen Deutschland und die Türkei einen Wirtschaftsvertrag, in dem die Türkei Rüstungsgüter im Wert von 100 Millionen Türkischen Lira im Ausgleich für die Lieferung von 90.000 Tonnen Chrom bekam. Die türkische Chromproduktion war für die deutsche Rüstungsindustrie nötig. In einem Geheimdokument der Nazis über den MHP-Führer Türkes heisst es: „Aus der Entwicklung der Kriegsführung ergibt sich die Notwendigkeit, Beziehungen in den den pantürkischen und deutschfreundlich gesinnten Gruppen in der Türkei auszubauen und zu pflegen. Gerade in der Türkei bieten im Hinblick auf angrenzende Rohstoffländer solche Verbindungen Möglichkeiten, die sich in ihrer ganzen Tragweite nur aus dem Lande selbst überblicken lassen. Die Türkei war für uns der wichtigste Lieferant für Chrom. Das Reich deckte 30% seines Bedarfes an Chrom, bis die türkische Regierung infolge der bekannten anglo-amerikanischen Note- bei gleichzeitiger Weiterlieferung an England, das 1943 allein 55000 Tonnen Chrom erhielt – die Lieferung an Deutschland einstellte. .. Bislang bestand aufgrund ihrer Haltung gute Verbindungen zu folgenden Personen:

1.  Alparslan Türkes – Absolvent einer Offiziersschule und Führer der pantürkischen Bewegung.

2. Tekin Aryburun – Absolvent einer Militärakademie in England und Attaché der Luftstreitkräfte im Deutschen Reich.

3. Sadi Kotschasch – mit politischen und militärischen Fähigkeiten

Diese Türken verdienen nach wie vor unsere ganze Aufmerksamkeit.“1

Türkes wurde 1917 in Nikosia auf Zypern geboren. Der Name ist eine Anspielung auf den Herrscher der Seldschuken Alp Arslan. Im Jahre 1936 schloss Alparslan Türkes die militärische Ausbildung an der Kadettenschule in Istanbul mit dem Rang eines Oberfähnrichs ab. 1940 heiratete er – fünf Kinder erwuchsen dieser Ehe. Während des zweiten Weltkriegs war er ein wichtiger Kontaktmann der Nazis zu extrem rechten Kräften in der Türkei. 1944 wurde er im sogenannten Rassismus-Turanismus-Verfahren wegen Vaterlandsverrats – ein Vorwurf, den er abstritt – zu mehr als neun Monaten Haft verurteilt. Er durfte in die Armee zurückkehren. Nach 1945 ging Türkes eine Zeit lang zur türkischen Militärmission in die USA nach Washington, um Kontakte zum Pentagon zu knüpfen.

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Verlautbarungen von Organisationen, die den Grauen Wölfen nahe stehen:

 „Auf daß die Rufe des Muezzin eines Tages in Berlin die Horizonte zerreißen und bis in den siebten Himmel aufsteigen. Der zweite Befreiungskrieg wird gegen eine Handvoll Kommunisten, Freimaurer, Zionisten, Volksfeinde und Ungläubige eröffnet. Dieser Krieg wird gemacht, um die Großtürkei wieder zu errichten. Das ist unser absolutes Ziel. 100.000 türkische und muslimische Arbeiter und Studenten sind in Europa dazu organisiert, diesen Kampf zu führen.“ Flugblatt des „Kultur- und Solidaritätsvereins“, Berlin 1970

„Wie glauben fest daran, daß der Jude, dieser Hund, der in der ganzen Welt Bosheit säht … in Finanzen und Wirtschaft eingreift, um die Weltmacht zu erringen, der den Völkern das Blut aussagt, daß dieser von dem nationalistischen türkischen Arbeiter erkannt werden muß. Diese verdammten Bazillen, die Juden waren es, die das osmanische Reich zerstörten… Die „Nationalistische Arbeitervereinigung“ hat die Flagge des Heiligen Kampfes gehißt. Wir werden unsere Feinde wie Ratten zertreten … Es lebe das Türkentum der ganzen Welt! Hoch die Nationalsozialisten!“ Erklärung der „Nationalistischen Arbeitervereinigung“, veröffentlicht in „Tercüman“, 12.2.1972. 1973 schloß sich die Vereinigung der MHP an.

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Der Mythos des Grauen Wolfes

Das mythische Element dieses Tieres ist mit der überlegenen türkischen Nation verbunden. Nach Zeki Velidi Togan ist der Graue Wolf das Totem – ein tierisch- Pflanzliches Wesen, das als zauberhafter Helfer verehrt wird – der Türken. Der Vorfahr der Uygurs ist ein männlicher Wolf, der die Gesellschaft in den großen Kriegen anführt. Die faschistische Bewegung in der Türkei revitalisierte seit Ende der 60er Jahre das Totem des Grauen Wolfes. Ein junger MHP- Anhänger meint unter dem Titel „Was ist der Graue Wolf“: „In den Teilen unserer nationalen Legende, die gemeinsames Eigentum der vielen aufeinander folgenden türkischen Generationen ist, ist der Graue Wolf ein Symbol, das den Türken den Weg zeigt, und die Türken Siege erringen lässt.“2 In der türkischen Legende – Uygur und Göktürk- führt der Graue Wolf die türkischen Stämme zu zahlreichen Siegen. Der MHP-Anhänger schreibt weiter : „Die Geschichte jeder Nation beginnt mit einer oder mehreren Mythologien. Die Mythen gab es bereits vor dem Schreiben … Wie auch in anderen Nationen, so wurde auch die türkische Mythologie nicht von einer einzigen Person geschrieben.Was der Löwe für die Engländer, der Bär für die Russen, der Leopard für die Perser, der Drache für die Japaner … ist, das bedeutet der Graue Wolf für die Türken.“ Das Prunktier wird näher erläutert: „Während der Khunperiode (220 vor Christus bis 220 nach Christus) erleben wir den Grauen Wolf noch umfassender. Er ist nicht nur ein göttlicher Vorfahre oder ein nationales Symbol auf der Fahne, sondern auch eine göttliche Kraft, ein Führer für die Armee, ein Hizir – jemand der Unsterblichkeit erlangt hat- der die Hilflosen rettet, ein Lehrersymbol, der Hakan (so hießen die Herrscher alter türkischer Stämme) und einer, der der Armee Vorsichts-, Fürsorge und Besonnenheitslehren beibringt. Der Graue Wolf kämpft mit Oguz Khan und dessen Armee … Er ist kein Wolf, sondern ein Retter und Held, wird jedoch als wahrgenommen. Er ist ein gelehrter und vernünftiger Hakan.“ Soweit Kaptan, das MHP-Mitglied. Weiter heißt es bei Kaptan:“ In den Teilen unserer nationalen Legende, die gemeinsames Eigentum der vielen aufeinander folgenden türkischen Generationen ist, ist der Graue Wolf ein Symbol, das den Türken den Weg zeigt, und die Türken Siege erringen lässt.“

Wolfsgruß

Wolfsgruß der „Grauen Wölfe“

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Die Ditib

In Deutschland wurde im Jahr 1985 die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ (DITIB) gegründet. DITIB gehört zum Amt für Religionsangelegenheiten, einer offiziellen Organisation des türkischen Staates. Sie untersteht der Kontrolle einer MHP -Organisation, der „Föderation der türkisch-demokratischen Idealistenvereine Europa“. Gründer der DITIB ist ein Oberst namens Altan Ates, der 1986 folgende Sebstdarstellung zum Besten gab: „Unser Thema ist die Psychologische Kriegsführung. Dies ist eine völlig neue Kriegsart. Sie ist ein sehr heimtückischer, sehr wissenschaftlicher und sehr umfassender Krieg. Für diesen Krieg müssen wir uns vorbereiten. Und zur Verwirklichung bedarf es eines sehr starken Nachrichtendienstes.“ Im Mai 1988 fand in Koblenz die Gründung des unter der MHP stehenden Verbandes der türkisch islamischen Kulturvereine statt. Musa Serdar Celebi wurde der erste Vorsitzende. Er führte aus: „Der Verband wahrt die Interessen der Republik Türkei und der türkischen Nation. Er arbeitet mit den Vertretungen der Republik Türkei und … anderen Institutionen zusammen.“3 Celebi war auch zeitweise Vorsitzender der Föderation der Idealisten-Vereine Europa mit Sitz in Frankfurt.

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Integrationswille

Die Selbsteinschätzungen der ADÜTDF(so nennt sich die Föderation auf türkisch) und die Bewertungen anderer gesellschaftlichen Gruppen bezüglich des Integrationswillens sind entgegengesetzt. Christiane Stuff analysierte in ihrem Beitrag „Islamischer Fundamentalismus in Deutschland“, dass „die Haltung gegenüber der deutschen Gesellschaft […] von Distanz geprägt“ sei, „vom Fernhalten von den ‚Ungläubigen‘“. Solches Verhalten finde seine Begründung in fundamentalistischer Auslegung von Korantexten wie der Sure 5, Vers 51: „Ihr Gläubigen! Nehmt nicht die Juden und Christen zu Freunden! Sie sind untereinander Freunde (aber nicht mit euch). Wenn einer von euch sich ihnen anschließt, gehört er zu ihnen (und nicht mehr zur Gemeinschaft der Gläubigen).“ Dies äußere sich als „Verweigerung jeder Form von Integration“. Die ADÜTDF äußere sich hierzu kommentierend so: „Als Türken wollen wir weitere Zugeständnisse an unsere Lebensart, Würde und Identität erreichen. Das verstehen wir unter Integration.“4

Zumindest fragwürdige Entscheidung der Ditib

„Die Gremien der DITIB müssen sich dann aber auch die Frage gefallen lassen, ob es für die Integration förderlich ist,  wenn die größte DITIB Moschee Berlins, die Sehitlik-Moschee, am 8.4.2007 den türkischen Rechtsextremen (Graue Wölfe) überlassen wird, damit diese in der Moschee ihre Gedenkfeier (Anma Gecesi) für ihren am 4.4.1997 verstorbenen Führer, den Oberwolf Türkes veranstalten können.“  Diese Frage stellt Jörg Lau zurecht im September 2007.

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Das Fazit zu den Grauen Wölfen von Emre Arslan, Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum, Wiesbaden 20095

„Der Vergleich zwischen den Ülkücüs in der Türkei und in Deutschland zeigt, dass beide Gruppen den Grundmythos der Türkei als Herrschernation teilen. Beide Gruppen normalisieren und verherrlichen die Ungleichheiten der Nationen in der Welt und wünschen sich eine Herrscherposition der Türken in der Weltpolitik. … Trotz des o.g. einheitlichen Weltbildes haben die heldenhaften Mythen aus der türkischen Geschichte eine noch größere Bedeutung für die türkischen Ultranationalisten in Deutschland.“6

Ideologie der Grauen Wölfe – Verhältnis zum Islam

Der türkische Ultranationalismus stand schon im 19. Jahrhundert zum Islam in einem schwierigen Verhältnis. Die islamistische Bewegung Milli Görüs stellt den wichtigsten Konkurrenten der Grauen Wölfe in der türkischen Politik dar. Je mehr es der MHP gelang, den Nationalismus mit dem Islam zu verbinden, desto mehr Spielraum gewann ihre Politik. 7 In Deutschland gab es die Abspaltungen ATIB und Nizam-i Alem, die den Islam betonten. Nizam-i Alem bedeutet Ordnung der Welt. Die Anhänger dieser Organisation träumen von einem Modernen Osmanischen Reich, das die ganze Welt beherrscht. Geschichtlich geschehen bedeutet der Islam für die türkischen Ultranationalisten die Herrschaft der Osmanen in Teilen Asiens, Afrikas und Europas (die Symbolik der drei Halbmonde rührt von diesen drei Kontinenten her). Letztere drei Halbmonde waren nicht nur auf dem DITIB-Video von 2008 in Aschaffenburg zu sehen, sondern sind es auch auf einem Video der DITIB Bad Salzuflen von 2008, der DITIB Moosburg 2009, DITIB Kassel 2009. Graue Wölfe und Milli Görüs können der rechtsradikalen Szene zugerechnet werden. Beide versuchen, moderne Gesellschaften von einem ideellen „goldenen“ Ursprung her zu erklären. Der Bezug auf diese Urtradition bildet den Mythos der Fundamentalisten. Ultranationalistische Elemente sind ein untrennbarer Bestandteil der Milli-Görüs-Ideologie. Beide Bewegungen handeln in einem gemeinsamen Ideologiebereich. Danach ist die Türkei eine überlegene Nation , das Osmanische Reich repräsentiert ein goldenes Zeitalter. Der Begriff „Ultranationalismus“ kann die Ideologie der „Grauen Wölfe“ am besten charakterisieren.

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1Hoffmann, Opperskalski, Solmaz, Graue Wölfe, Koranschulen, Idealistenvereine, Köln 1981, S.49

2Fikret Aslan, Kemal Bozay (Hrsg.), Graue Wölfe heulen wieder. Türkische Faschisten und ihre Vernetzung in Deutschland. Münster 2012 (3. Auflage), S.124

3Ebd.. S. 148

4Wikipedia ADÜTDF Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland

Christiane Stuff: Islamischer Fundamentalismus in Deutschland. In: Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung / Kilian Kindelberger (Hrsg.): Fundamentalismus. Politisierte Religionen. Potsdam 2004, S.75

5 Emre Arslan, Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum, Wiesbaden 2009

6 Ebd.,  S.238.

7 Vgl. ebd., S. 47

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Geschichte der Sinti und Roma

Die Sinti und Roma verließen im ersten Jahrtausend nach Christus ihre indische Heimat und zogen nach Westen. Sie durchquerten Afghanistan und erreichten Persien. Ein Teil zog nach Armenien bis nach Rußland, der andere Teil gelangte in die Türkei und nach Griechenland und über den Balkan nach Mitteleuropa. 1100 beschreibt ein georgischer Mönch die Ankunft von Sinti und Roma auf Athos. Anfang des 14. Jahrhunderts gab es Sinti und Romagruppen auf dem Balkan, 1399 erreichen sie Böhmen, 1407 werden sie urkundlich in Deutschland erwähnt. Sie gaben sich als Pilger aus, Geleitbriefe wurden ihnen ausgestellt.

Geleitbrief König Sigismunds

Geleitbrief König Sigismunds, ausgestellt am 23. April 1423 in der Zips (Slowakei): „Unser getreuer Ladislaus, Woiwode der Zigeuner, und die anderen, die von ihm abhängen, haben Uns untertänigst gebeten, ihnen unser besonderes Wohlwollen zu bezeugen. Es hat uns gefallen, ihr ehrerbietiges Anliegen zu erhören und ihnen den vorliegenden Brief nicht zu verweigern. Wenn mithin der besagte Ladislaus und sein Volk an irgendeinem Ort Unseres Reiches erscheinen, empfehlen wir Euch, ihnen Eure Treue gegen uns kundzutun. Ihr werdet ihnen Schutz jeder Art gewähren, auf dass sich der Woiwode Ladislaus und die Zigeuner, seine Untertanen, innerhalb Eurer Mauern aufhalten können, ohne Schwierigkeiten zu begegnen. Sollten sich über Leute unter ihnen befinden oder sich ein unliebsamer Vorfall welcher Art immer ereignen, dann wünschen und befehlen Wir ausdrücklich, dass allein der Woiwode Ladislaus mit Ausschluss von Euch allen das Recht zu strafen und freizusprechen auszuüben hat (…)” Der Schutz der Brief wurde bald wirkungslos, weil sich im Gefolge der Sinti und Roma Diebe und entflohene Gefangene aufhielten. 1471 wurden die Sinti und Roma aus Luzern ausgewiesen, 1474 aus Genf. 1482 verbat ihnen Albrecht von Brandenburg, in seinen Herrschaftsbereich einzuziehen. 1497 auf dem Reichstag von Lindau wurden sie zu „Verrätern an den Christenlanden“ erklärt und des Landes verwiesen- 1498 auf dem Reichstag von Freiburg wurden sie für vogelfrei erklärt. Papst Pius V. verwendete sie als Galeerensklaven im Kampf gegen die Türken in der Schlacht von Lepanto 1571. Ins 15. Jahrhundert fällt also der Beginn der Sinti und Roma-Verfolgungen. Alle entlassenen Söldner des Dreißigjährigen Krieges mußten stehlen, also auch die Sinti und Roma.Von 1497 bis 1774 gab es 146 Edikte gegen Sinti und Roma im Gebiet des damaligen deutschen Reiches. 1501 erließ die Stadt Luzern ein Edikt, nach dem „Zigeuner“ gehängt werden, falls sie sich noch einmal in die Stadt und der näheren Umgebung sehen ließen. Im 16. und 17. Jahrhundert gibt es zahlreiche Hinrichtungen und Verteibungen. Im Fürstentum Bayreuth wurden 1724 an einem Tag fünfzehn Zigeunerinnen gehenkt. 1728 erließ die Stadt Aachen ein Edikt. Darin hieß es: „Im Fall der Überrumpelung sind die Zigeuner, ob sie Widerstand geleistet haben oder nicht, unverzüglich hinzurichten.“ An Straßenkreuzungen standen Galgen. Auf einer Tafel stand: „Strafe für das Lumpenpack, die Gauner und die die Zigeuner!“ Bildliche Darstellungen des Auspeitschens und Hängens wurden hinzugefügt- die Zigeuner waren Analphabeten. Zu den berüchtigten Maßnahmen gehörten die Verordnungen der Kaiserin Maria Theresia von Österreich und Ungarn in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Für die Kaiserin bedeutete “Sesshaftmachung” nicht allein die Gewährung eines Niederlassungsrechts. Sie verbot den Roma in Ungarn, ihre Sprache zu sprechen, erlaubte nur wenige Eheschließungen unter Roma und befahl, Romakinder zwangsweise von ihren Eltern zu trennen, um sie ungarischen Eltern zur Adoption zu geben.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchte man in Deutschland vereinzelt, Sinti und Roma seßhaft zu machen. In Baden-Württemberg wurden zwischen 1835 und 1838 die Sinti und Romagruppen aufgelöst und in Einzelfamilien über das Königreich verteilt. In Dörfern sollten sie Unterkunft und Hausrat bekommen. Die Erwachsenen wurden zur Arbeit gezwungen. Der Versuch scheiterte, weil die Verwandten rasch wieder zusammenzogen. In Friedrichslohra sollte ein Sinti und Romadorf geschaffen werden. Es wurde nach einiger Zeit aufgegeben. In Saßmannshausen lebten 1911 40 seßhafte Sinti und Roma. Zur gleichen Zeit enstanden in Berlin, Hamburg und Frankfurt Sinti und Romasiedlungen am Rande der Großstädte.1907 entstand ein Gesetz, das die Ausgabe von Gewerbescheinen von einer festen Adresse abhängig machte.So zogen Sinti und Roma in die Städte. Die Männer trieben Handel, während die Frauen bettelten und wahrsagten.

Sinti und Roma im Nationalsozialismus

Sinti und Roma galten in der Rassenideologie des Nationalsozialismus ebenfalls als “minderwertig”. „Die Zigeuner“ als Opfer des Holocaust sind im öffentlichen Bewusstsein jedoch nicht so stark verankert. Sinti und Roma gelten daher oft als „die vergessenen Opfer“. Roma und Sinti hätten nach den NS-Rassentheorien als Indogermanen, also als „Arier“ gelten müssen. Als „asiatische Abkömmlinge“ waren sie in den Augen der Nazis „rassisch minderwertig“ und wurden wegen ihrer nomadischen Lebensweise als „asozial“ bezeichnet. Die SS begann bereits 1931 mit der Erfassung der Roma und Sinti. Ihre „Erforschung“ sollte mit der Gründung des Rassenhygiene-Instituts 1936 unter Leitung von Dr. Robert Ritter einen wissenschaftlichen Anstrich bekommen. „Fliegende Arbeitsgruppen“ des Instituts erstellten rund 24.000 „Gutachten“, in denen die Roma und Sinti vom „reinrassigen“ bis zum „Achtelzigeuner“ klassifiziert wurden. Diese Gutachten dienten als Grundlage für die späteren Deportationen.

1933 forderte das „Rasse- und Siedlungsamt“ der SS in Berlin, die „Zigeuner und Zigeunermischlinge „ zu sterilisieren. Weitere Pläne gab es 1937. Im Oktober 1939 folgte ein „Festsetzungserlaß“ – Sinti und Roma durften ohne polizeiliche Erlaubnis ihren Wohnsitz oder Aufenthaltsort in den umzäunten und bewachten „Zigeunerlagern“ nicht verlassen- bei Nichtbefolgung mußten sie in ein Konzentrationslager.1

Als Sklavenarbeiter wurden die Sinti und Roma Opfer des Vernichtungsprogramms in SS- Unternehmen. Zu diesen Unternehmen gehörte die Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DEST) aber auch Siemens, Daimler-Benz, AEG, Heinkel, Messerschmitt, BMW, VW, IG Fraben und Steyr-Daimler-Puch. Die Arbeitsbedingungen in den Rüstungsbetrieben waren ähnlich grausam wie in den Konzentrationslagern. Arbeitszeiten von 12 bis 15 Stunden waren mit schlechter Ernährung verbunden. Unterernährung und Krankheit waren die Folge. Am 17. April 1940 ordnete Himmler die erste Deportation ganzer Familien an. Die Deportationszüge mit 2.800 deutschen Sinti und Roma starten in Hamburg, Köln und Hohenasperg bei Stuttgart. Im August 1941 entscheidet Himmler in einem Erlaß, daß für weitere KZ-Deportationen das Reichskriminalpolizeiamt aufgrund eines Rassegutachtens entscheidet. Bis Ende 1944 werden rund 24.000 „Gutachten“ erstellt. Im Januar 1942 werden 5.000 Sinti und Roma aus dem Ghetto von Lodz im Vernichtungslager Kulmhof in Vergasungswagen ermordet. Im August 1942 berichtet die deutsche Militärverwaltung in Serbien, daß die Juden -und Zigeunerfrage mit Hilfe von Vergasungswagen gelöst sei. Am 16. Dezember 1942 traten eine Reihe von Erlassen in Kraft, denen ab März 1943 intensive Verfolgungen der letzten 10.000 Sinti und Roma im Reichsgebiet folgten.Die Transporte gingen in das „Zigeunerlager“ nach Auschwitz. Im Mai 1943 wird Josef Mengele Lagerarzt in Auschwitz. Er schickt mehrere hundert Sinti und Roma ins Gas. Die „Zwillingsforschung“ setzt er durch Tötung von Kindern fort. Am 2. August wird das „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau aufgelöst. Im Juli 1944 lebten noch 6.000 Sinti und Roma dort, 3.000 werden in andere Konzentrationslager verbracht, die anderen 3.000 in der Nacht auf den 3. August ermordert.  2

 

Das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges für die Sinti und Roma: Die Zahl der in Europa bis Kriegsende ermordeten Roma und Sinti wird auf eine halbe Million geschätzt.Von den deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden über 25.000 von 40.000 ermordet. SS-Einsatzgruppenleiter Otto Ohlendorf meinte im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß zur Vernichtung zehntausender „Zigeuner“ hinter der Ostfront: „Es bestand kein Unterschied zwischen den Zigeunern und Juden, für beide galt damals der gleiche Befehl.“ Bericht aus dem Konzentrationslager Ravensbrück. Die Sint-und Roma-Frauen. Am 29. Juni 1939 wurden im Zuge einer vom Reichskriminalpolizeiamt angeordneten Aktion 440 Sint- und Roma-Frauen aus Niederöstreich und dem Burgenland verbracht. Im Dezember dieses Jahres gab es fast 2.500 weibliche Häftlinge. Die Frauen mußten in den Jahren 1939 und 1940 zunächst in den dort eingerichteten SS-Betrieben arbeiten. Anfallende Lagerarbeiten waren: Planieren von Straßen, Bauarbeiten aller Art, Gräben ausheben, Entladen von Kähnen, die mit Steinen beladen waren. Seit dem Frühjahr 1942 wurden nach und nach die meisten Frauen der Sinti und Roma den Rüstungsbetrieben überstellt. Besonders markant war ein Arbeitseinsatz außerhalb des des Lages im Winter 1942/43, bei dem „etwa 60 Häftlinge, darunter auch 13-bis 14jährige Zigeunerkinder, auf der Halbinsel Darß (Ostsee) unter Leitung der Aufseherin Leopold mit dem Rohrschneiden beschäftigt (waren).“ 3 Kinder dieser Altersgruppe wurden auch in die Rüstungsbetriebe gesteckt. Ein zwölfstündiger Arbeitstag war nicht selten.Auch Frauen mußten kurz vor der Entbindung noch schwere Arbeit leisten. Schläge bei der Arbeit waren häufig. Manche Frauen mußten ins Krankenrevier gebracht werden. Wer nicht mehr in der Lage war zu arbeiten, mußte in die Gaskammer. Die SS-Aufseherin Erika Bergmann war berüchtigt dafür, Hunde auf Zigeuner zu hetzen. Aufseherinnen dieser Art waren keine Seltenheit. Sie erhofften durch ihr brutales Vorgehen größere Anerkennung des nationalsozialistischen Staates. Im Frühjahr 1942 wurde in Ravensbrück ein Transport von Frauen (darunter 180 Sinti und Roma) für die Flugzeugwerke Heinkel in Barth/ Pommern zusammengestellt.

Betrachten wir das Schicksal der Sint-Frau Rosa Wiegand aus Wiesbaden stellvertretend: „Es gab praktisch keine Arbeit, die ich nicht getan habe. Ich war in der Mattenflechterei, in der Nähstube, ich habe Häuser mit gebaut und Gräben ausgeschachtet. Ich mußte in diesen Gräben, in denen mir oft das Wasser bis zu den Hüften stand, im Sommer wie im Winter, Erde schaufeln. Ich habe im Wald gearbeitet, Loren gefahren und Kähne mit Steinen entladen. Wir mußten täglich zwölf Stunden arbeiten…. Einmal ist ein Häftling ausgebrochen, es war Winter, es war sehr kalt, und man hat un mitten in der Nacht aus den Betten geholt; wir mußten ohne unsere Holzpantinen, barfuß, und nur im Nachthemd auf der Lagerstraße ‘Strafestehen’; denn, so sagte man uns, wenn einer abhaut, gilt: ‘Einer für alle, alle für einen’. Während wir standen, sind unsere Füße auf dem eisigen Boden angefroren, wir durften uns ja nicht bewegen und nicht warm reiben, und dann haben sie uns auch mit Wasser naß abgspritzt.“4 Über die Behandlung eines „Zigeuners“ in Neuengamme. Der jüdische Häftling berichtet darüber: „Das Schrecklichste, was ich bis heute nicht vergessen kann, war die Ermordung eines wegen Fluchtversuches zurückgebrachten deutschen Zigeuners. Wir alle mußten zum Appell antreten und mußten zusehen, wie man mit solchen ‘Flüchtlingen’ umging. Man legte ihn mit Händen und Füßen gefesselt auf den Rücken.Ein SS-Mann stellte sich auf den Delinquenten. Einen Fuß auf den Bauch und einen Fuß auf den Hals des Gefangenen. In der Hand hatte der SS-Mann einen Stock, an welchem ein Nagel befestigt war. Er stach dabei dem Gefangenen ins Gesicht und bei vollem Bewußtsein die Augen aus. Nachher erhielt der Gefangene noch Schläge auf den Kopf. Zu guter Letzt wurde er rücklings an Ketten am Fenstergitter aufgehängt. So endigte sein Leben.“5

Die Situation der Roma nach dem Zweiten Weltkrieg unterschied sich von der der Juden durch mangelnden Lobbyismus. 1945 wurde unter dem Pseudonym „Landfahrerzentrale“ in München die altbekannte Zigeunerzentrale weitergeführt. Sie wurde erst 1970 offiziell aufgelöst. Während gegenüber den überlebenden Juden auf Grund des Drucks seitens des Staates Israel das Bedauern für die Nazi-Verbrechen ausgedrückt und seit 1948 praktiziert wurde, erfuhren die Sinti und Roma keine staatliche Anerkennung der gegen sie verübten Verbrechen- wer hätte sie auch durchsetzen können. Ihnen gegenüber setzten sich ungebrochen administrative Strukturen der Ausgrenzung und Diskriminierung durch, wie besonders die Arbeit der Polizei zeigt. Ein Beispiel für die Entschädigung eines Sintis, dessen Kind im KZ umkam, liegt vom Regierungspräsidenten in Aurich im Jahr 1955 vor. 150 DM Entschädigung für ein Kind, das durch den Nationalsozialismus getötet wurde. Den Geist der Nachkriegszeit verkörpert ein richterlicher Ausspruch von 1956: „Die nationalsozialistischen Führer haben zahllose Akte der Unmenschlichkeit begangen, die die Rechtsprinzipien mißachteten; aber diese Tatsachen berechtigen nach geltendem Recht niemanden, daraus Anspruch auf Entschädigung herzuleiten.“ 6 Einen internationalen Erfolg erreichten die Roma im März 1979. Sie wurden von der UNO als Nation anerkannt. Die Ziele der Romani-Union daß wir eine moralische wie auch materielle Unterstützung durch öffentliche Organe und Staaten wie die UNO erhalten daß wir Roma selbst eine Einheit bilden müssen … Wir müssen interne Rivalitäten ….abbauen. Nur so werden wir in der Öffentlichkeit respektiert. 7 Nehmen wir die aktuelle Situation in unserem Lande. Aktuelle Zustände in der Bundesrepublik: Etwa 120.000 Mitglieder beider Bevölkerungsgruppen leben in der Bundesrepublik. Etwa 10 Millionen in Europa. Sie nennen sich Rom, d.h. Mensch. Als Mensch gesehen und behandelt zu werden ist eigentlich nur eine Selbstverständlichkeit. 2006 wurde eine Befragung durchgeführt, an der 309 Sinti-und-Roma-Familien teilnahmen.Drei Viertel von ihnen fühlten sich schon häufiger diskriminiert, kam dabei heraus, vor allem bei Arbeits- und Wohnungssuche. Negativ dargestellt sahen  sich Sinti und Roma besonders in den Medien. 90 Prozent fanden, die Berichterstattung fördere Vorurteile. Auch das Zentrum für Antisemitismusforschung stellte durch Umfragen fest, dass mehr als 60 Prozent der Mehrheitsbevölkerung Sinti und Roma gegenüber negativ eingestellt sei – während Ablehnung gegenüber Juden 13 Prozent äußerten. Trotz der Frist vom Juli 2003 hat Deutschland bisher keine umfassende Antidiskriminierungsgesetzgebung geschaffen, die mit der EU-Gleichbehandlungsrichtlinie konform geht.

 

Situation der Sinti und Roma in Bad Hersfeld

Viele Sinti und Roma von Bad Hersfeld beklagen, daß ihnen der Zutritt zu fast allen Gaststätten verwehrt wird. Oft sogar mit einem Schild. Dort hängt ein Schild mit der Aufschrift „Für Landfahrer verboten“. Manchmal werden sie nicht bedient. Die Meinung, daß Zigeuner nicht arbeiten wollen, taucht in Gesprächen immer wieder auf. Der größte Fehler der Stadt sei es gewesen, feste Häuser zu bauen- das habe die Sinti hergelockt – so Herr Schäfer, Leiter des Kreissozialamtes. Ein städtischer Beamter berichtete, die Stadt habe einer Zigeunerfamilie, die sich bereiterklärte, aus Hersfeld wegzuziehen, die Umzugskosten in Höhe von 3000,- DM erstattet. Im Kistnergrund lebt eine Sinti-Frau mit sieben Kindern in zwei feuchten, kalten, schlecht beheizten Räumen. Verursacht durch diese katastrophalen Wohnverhältnisse gibt es reichlich Krankheiten – Bronchitis, Ischias und Rheuma. 8

 

Campingplätze

Ganz in der Nähe noch ein Phänomen, das auch anderswo in Deutschland zu verzeichnen war: ” – In Erbendorf bei Erlangen und in Großwelzheim bei Aschaffenburg und auf vielen anderen Campingplätzen stehen Schilder wie dieses: ‘Naherholungsgebiet- Landfahrer haben keinen Zutritt’ “ 9 Bisher konnte keine Person der Gemeinde Karlstein ein Dokument zu diesen Vorfällen ermitteln, auch gibt es daran bei der Gemeinde keine Erinnerung. Helmut Winter, Ehren-Vorsitzender des Geschichtsvereins Karlstein, konnte sich erinnern und nachweisen, daß eine Campingplatzsatzung mit der genannten Bestimmung 1980 geändert wurde.

 

Würzburger Prozeß

1978 ging in Würzburg ein skandalöser Prozeß gegen Roma zu Ende. Angeklagt waren Bürger, die gegen ein provokatives Treffen der HIAG „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Waffen-SS“ demonstriert haben. Sieben Personen wurden aufgegriffen, davon sechs Roma (zwei, die den Gräueln der Nazizeit entkommen waren) Josef Lehmann wurde mit sechs Jahren mit seiner Familie in ein KZ eingeliefert. Er blieb dort acht Jahre Radani Winterstein – seine Familie wurde zum Großteil im KZ ermordet. Im September 1976 trafen sich 300 ältere Herren in einem Würzburger Restaurant zu einem „Suchdienst- und Kameradentreffen.“ Sie waren Mitglieder der HIAG- Traditionspflege als Angehörige der ehemaligen SS-Grenadierdivisionen „Horst Wessel“ und „Charlemagne“. Josef Lehmann erfuhr von dieser Veranstaltung und sagte zu Hause: „Du Frau, jetzt geht’s wieder los.“ Die VVN und einzelne SPDler intervenierten bei Bürgermeister Dr. Zeitler, um ein Verbot zu erreichen. Rechtlich war das nach seiner Einschätzung nicht möglich. Nach der Veranstaltung kam es in einer Seitenstraße zu einer Schlägerei zwischen sechs SS-Leuten und einer Gruppe von 20 bis 30 Demonstranten. Aus der Demonstrantengruppe wurden Roma ergriffen und vor Gericht gestellt. Radani Winterstein und seine drei Söhne wurden als „Landfahrer“ angeklagt. Die Söhne wurden als notorische Schläger dargestellt. Angegriffen wurde auch die Verteidigerin der Roma, Frau Sobeck, die sich seit damals vierzehn Jahren für diese Bevölkerungsgruppe eingesetzt hat. Das Urteil wurde am 23.8.1977 gefällt. Radani Winterstein wurde zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, seine beiden Söhne Erwin und Manfred jeweils zu neun Monaten ohne Bewährung. Rainer bekam eine Geldbuße und Verwarnung. Nach der Revisionsverhandlung wurden die Strafen noch herauf gesetzt. 10

Literatur:

Luise Rinser, Wer wirft den Stein? Zigeuner sein in Deutschland. Eine Anklage, Frankfurt am Main/ Berlin 1987

Gert Schwab, Edgar Wüpper, Zigeuner- Porträt einer Randgruppe, Luzern und Frankfurt am Main 1981 (2.Auflage)

Romani Rose, Walter Weis, Sinti und Roma im „Dritten Reich“ – Das Programm der Vernichtung durch Arbeit, Göttingen 1991

Tilman Zülch (Hrsg.), In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt. Zur Situation der Roma (Zigeuner) in Deutschland und Europa, Reinbek bei Hamburg 1979

Fußnoten

1 Romani Rose, Walter Weis, Sinti und Roma im „Dritten Reich“ – Das Programm der Vernichtung durch Arbeit, Göttingen 1991, S. 18

2 Vgl. ebd. S.176

3 Vgl. ebd. S. 43

4 S. ebd. S.49 f.

5 ebd. S. 91

6 Luise Rinser, Wer wirft den ersten Stein? Zigeuner sein in Deutschland. Eine Anklage,Frankfurt/Main

Berlin 1985, S.106

7 Ebd., S. 99

8 Siehe: Tilman Zülch (Hrsg.), In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt, S. 219

9 Ebd., S. 2

10 Ebd., S. 172 ff. Da ich damals in Würzburg wohnte, kann ich mich an die Ereignisse noch unscharf erinnern -C.S.

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Haitis Geschichte (Schwerpunkt 17. bis 19. Jahrhundert)

Haiti als Kolonialstaat

1492 kamen die spanischen Seefahrer an die Norwestküste von Haiti und nannten die Insel wegen ihrer Ähnlichkeit mit Spanien Hispaniola. Zehn Jahre später kam der Gouverneur Ovando auf die Insel, die inzwischen Santo Domingo hieß. Ovando war genau so grausam wie die Kolonisatoren Cortez und Pizarro. Er ließ die Eingeborenen mit Hunden hetzen und lebendig rösten. Ihre Königin Anacoana ließ er bei einer friedlichen Zusammenkunft in Ketten legen und zusammen mit den Stammesangehörigen massakrieren. In dieser Zeit plädierte Las Casas vor Karl V. für die Einfuhr von Negersklaven aus Afrika. Sie waren für die Arbeit in den Gold- und Silberminen besser geeignet. 1503 kamen die ersten Negersklaven nach Santo Domingo, 1517 wurde ihre Einfuhr von Karl V. in größerem Maßstab zugelassen. Dreíßig Jahre hatten genügt, um das Land zu entvölkern. 1697 trat Spanien im Frieden von Ryswijk den Westteil von Hispaniola offiziell an Frankreich ab. Mitte des 17. Jahrhunderts war das Zuckerrohr von Java auf die Antillen eingeführt worden- hierdurch wurde eine Revolution ausgelöst. Es entstanden großflächige Pflanzungen und Manufakturen an Stelle kleiner Farmen. Kleinere Ländereien wurden von den Großgrundbesitzern aufgekauft. Es entstanden kapitalistische Unternehmen, Städte wurden gegründet, Straßen und Brücken gebaut. Fruchtbare Ebenen verwandelten sich in Zuckerrohr- und Baumwollfelder, an den Berghängen wurden Kaffeesträucher gepflanzt. Die Hälfte des Bodens wurde landwirtschaftlich genutzt. 1789 gab es in Santo Domingo 793 Zuckerrohrmanufakturen, 3.117 Kaffeepflanzungen, 3.150 Indigo- und 789 Baumwollplantagen, 182 Rumbrennereien und 50 Kakaopflanzungen. 30.000 Sklaven wurden pro Jahr auf die Insel eingeführt, 15.000 Matrosen waren mit dem Transport betraut. Ein Kenner beschrieb die wirtschaftliche Bedeutung der Insel für Frankreich: Der französische Anteil der Insel Santo Domingo sei von allen Besitzungen Frankreichs in der neuen Welt der wichtigste wegen der Reichtümer, den er dem Mutterland liefere. Santo Domingo war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die produktivste Kolonie, die Englands Vorherrschaft auf dem Weltmarkt bedrohte. Die britische Agitation zur Abschaffung des Sklavenhandels bedrohte die wirtschaftlichen Grundlagen der französischen Kolonien. Auf der Insel Santo Domingo gab es am Vorabend der Französischen Revolution drei Klassen: die herrschende Klasse der Weißen (40.000), die Zwischenklasse der Mulatten (30.000) und die besitzlose Klasse der schwarzen Sklaven (450.000). Mulatten der ersten Generation waren zumeist Kinder, die weiße Sklavenhalter mit schwarzen Sklavinnen gezeugt hatten. Sie wurden üblicherweise in die Freiheit entlassen und bildeten bald eine gesellschaftliche Schicht zwischen weißen Herren und schwarzen Sklaven.

Auszug aus dem Sklavengesetz von 1685 (Code noir)

  1. Wir verbieten den Sklaven, sich unter dem Vorwand von Hochzeiten oder anderen Vorgaben bei Tag oder bei Nacht an entlegenen Orten zusammenzurotten, bei Strafe körperlicher Züchtigung, welche wenigstens in Staupenschlägen und Brandmarkung bestehen soll und im Falle mehrfacher Wiederholung und anderer erschwerender Umstände bis zur Todesstrafe gesteigert werden kann, was wir dem Ermessen der Richter überlassen…

  1. Wir erlauben allen unseren die Inseln bewohnenden Untertanen, sich aller ohne Erlaubnisschein der Herren in den Händen von Sklaven befindlichen Waren zu bemächtigen..

XXVIII. Wir erklären hierdurch, daß die Sklaven nichts besitzen können, was nicht als Eigentum ihrer Herren angesehen werden soll, und daß alles, was sie durch ihren Fleiß oder die Freigiebigkeit anderer erlangt haben, ihrem Herrn als dessen Eigentum gehören soll …

XXXIII. Die Sklaven, welche ihren Herrn, seine Gattin oder Beischläferin oder seine Kinder ins Gesicht blutig geschlagen haben, sollen mit dem Tode bestraft werden.

XXXV.  Erwiesene, von oder Freigelassenen Sklaven verübte Diebstähle, wenn sie auch bloß in Pferden, Mauleseln,   Ochsen und Kühen bestehen, sollen peinlich und, je nach den Umständen, mit dem Tode bestraft werden.

XXXVI. Entwendungen von Schafen, Ziegen, Schweinen, Geflügel, Zuckerrohr, Erbsen, Manioc oder anderen Hülsenfrüchten, welche sich Sklaven haben zu Schulden kommen lassen, sollen nach Beschaffenheit des Diebstahls gerichtlich bestraft werden, und diese Strafen sollen erforderlichenfalls in Staupenschlag und Brandmarkung der Schultern bestehen können.

XXXVIII. Einem entflohenen Sklaven, welcher einen Monat abwesend geblieben ist, sollen die Ohren abgeschnitten und er soll auf einer Schulter gebrandmarkt werden; bei einer wiederholten Flucht sollen ihm die Kniekehlen zerschnitten und die andere Schulter gebrandmarkt werden; das dritte Mal wird er mit dem Tode bestraft.

  1. Es soll den Eigentümern der Sklaven erlaubt sein, sie in Ketten legen und mit Ruten oder Stricken hauen zu lassen, wenn sie glauben, daß diese die Züchtigung verdient haben …

XLIV Wir erklären, daß die Sklaven als Mobiliar betrachtet werden und als solches ins gemeinschaftliche Erbe gehören …

Gegenwehr der Sklaven

Der Selbstmord war eine weit verbreitete Art des Widerstandes. Man glaubte, nach dem Tode in die afrikanische Heimat zurückzukehren. Um Selbstmorden vorzubeugen, gingen die weißen Herren dazu über, die Toten öffentlich zu verstümmeln. Häufig fügten sich die Sklaven Verletzungen zu, um arbeitsuntauglich zu werden. Das verbreitetste Mittel des Widerstandes war die Flucht. Schon im 16. Jahrhundert ließen sich sogenannte „Marrons“ (flüchtige Sklaven) in den unzugänglichen Bergen nieder. Die Weißen wurden dieser Entflohenen niemals Herr. 1785 erkannte die französische Regierung die Unabhängigkeit der „Marrons“ an. Diese rekrutierten sich überwiegend aus afrikanischen Sklaven, während die in der Kolonie geborenen das Risiko der Flucht scheuten. Nach dem Ausbruch des Sklavenaufstandes 1791 wurde die Flucht zum Massenphänomen. Ein weiteres Mittel der Gegenwehr war das Gift, das von den pflanzenkundigen Schwarzen in seiner Wirkung beherrscht wurde. Immer wieder gab es rätselhafte Todesfälle an Vieh und Menschen. Besonders markant war der Fall des Voodoopriesters Mackandal. Er gab durch Vergiftungen von Weißen das Signal zum Sklavenaufstand gebe wollte, 1758 wurde er hin- gerichtet. Eine weitere Art des Widerstandes war die Abtreibung, die trotz Verbotes bei den Schwarzen weit verbreitet war. Die Todesfälle übertrafen die Geburten. Von einer Million eingeführten Sklaven lebte 1789 nur noch weniger als die Hälfte. Eine Art Sklavenaristokratie bildeten die Domestiken oder Haussklaven. Köche, Lakaien, Kutscher, Aufseher, Ammen oder Kammerzofen. Es handelte sich dabei um kreolische Schwarze, die als zivilisierter galten als afrikanische Neuankömmlinge. Sie hatten weitgehend angepaßte Moralvorstellungen und imitierten oft die Sitten der Weißen.

Die Auswirkungen der Französischen Revolution

Die Mulatten probten als erste den Aufstand im Namen der Menschenrechte, ohne allerdings für die Freiheit ihrer eigenen Sklaven einzutreten. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und die Anführer hingerichtet. Der Aufstand der Sklaven begann im August 1791 im Norden der Insel. Er überschwemmte bald die gesamte Kolonie und gilt als Beginn der Haitianischen Revolution. Im Verlauf dieser Revolution kam es zu Massakern an der weißen Bevölkerung, zur Abschaffung, Wiedereinführung und erneuten Abschaffung der Sklaverei, zur französischen Invasion der Insel, zur Vertreibung der französischen Truppen durch die schwarzen Generäle, zum Bürgerkrieg zwischen Schwarzen und Mulatten sowie zur Besetzung und späteren Räumung des spanischen Teiles der Insel. Haitis großer Freiheitsheld Toussaint Louverture einigte das Volk und proklamierte die Menschen- und Bürgerrechte.

Toussaint Louverture

Dieser wurde 1743 als Toussaint Bréda als Sklave auf der Pflanzung Bréda im Norden der Insel geboren. Er lernte lesen und schreiben und war Kutscher von Bayon Libertat, Verwalter der Pflanzung Bréda. Er beteiligte sich 1791 an der Vorbereitung des SKLAVENAUFSTANDES, schloß sich jedoch erst den Rebellen an, nach dem er die Familie seines Herrn in Sicherheit gebracht hatte. Als oberster Medziner der Armee trat er in den Dienst von Biassou, bei dem er Leutnant und Berater wurde. 1793 brachte er den Franzosen mehrere Niederlagen bei. Im Mai 1794 schloß er sich mit dem von ihm eroberten Gebieten der französischen Republik an. Sie hatte inzwischen die Aufhebung der Sklaverei verkündet. 1795 wurde er Brigadegeneral, nachdem er die Engländer erfolgreich aus ihren Stützpunken in der Kolonie vertrieben hatte, 1797 wurde er Oberbefehlshaber der Armee; in der Verfassung von 1801 wurde er Generalgouverneur auf Lebenszeit, nachdem er eine Mulattenrebellion im Süden blutig niedergeschlagen und den spanischen Ostteil der Insel annektiert hatte; nach der Landung Leclercs kapitulierte er nach dreimonatigem zähen Widerstand. Im Juni 1802 wurde er durch Verrat festgenommen und nach Frankreich deportiert, wo er auf Befehl Napoleons in Fort de Joux inhaftiert wurde und am 27. April 1803 starb.

Toussaint Louverture

Nachfolger Louvertures

Jean-Jaques Dessalines, der Nachfolger Louvertures, vertrieb in blutigen Gefechten die durch Krankheit geschwächten französischen Soldaten und Pflanzer. 1804 erklärt Haiti nach zwölfjährigem Freiheitskampf seine Unabhängigkeit von Frankreich. Hier lebten Sklaven, die sich  selbst befreit hatten. In Haiti ist deshalb der Ausdruck „Neger“ kein Schimpfwort, sondern bedeutet in der kreolischen Landessprache „Mensch“. Die Freiheit von Sklaverei wich einer neuen ungerechten Herrschaft. Einer der größten Despoten war Henri Christophe (1767 – 1820). Größenwahnsinnig ließ er sich 1811 zum König von Haiti krönen. Nach Vorbild von Schloss „Sanssouci“ ließ er in Milot ein Schloss errichten. Ganz feudal handelte es sich um einen dreistöckigen Monumentalbau mit Kronleuchtern, Wandtäfelungen Marmor, edlen Teppichen und feinen Bädern. Aus Furcht vor einer ausländischen Invasion ließ Christophe von über 200 000 Zwangsarbeitern auf dem 945 m hohen Berg La Fernere die mächtigste Festung außerhalb Europas bauen. 365 Kanonen und 15 000 Soldaten sollten Haiti schützen. Dazu kam es nie. „Sanssouci“ wurde durch ein Erdbeben zerstört, die Zitadelle „La Fernere“ blieb ohne Funktion. Die Beziehungen zu den Inselnachbarn waren indes nicht ungetrübt. Immer wieder versuchte König Henri die von Mulatten gehaltene Hafenstadt Santo Domingo einzunehmen,  was ihm aber nicht gelang. 1821 erklärte Nunez de Caceres die Unabhängigkeit des Ostteils von Hispaniola. Am 1. Dezember 1821 proklamierte er den „Unabhängigen Staat Spanisch-Haiti“ (Estado Independiente de Haití Español). Bereits ein Jahr später eroberte der haitianische Präsident Jean-Pierre Boyer die gesamte Insel. Bürgerkriege herrschten im Land. 1844 wurden die Haitianer vertrieben und die Dominikanische Republik ausgerufen. Die Insel war endgültig geteilt. Vierzehn Herrscher regierten in Haiti zwischen 1843 und 1902. Der Staat wurde zur Beute der herrschenden politischen Klasse. Bauern wurden von machthungrigen Potentaten rekrutiert, um gegeneinander zu kämpfen. Das Ziel war der Einzug in den Nationalpalast von Port-au-Prince. Dabei wurden bedenkenlos gewaltsame Methoden angewandt. Die Grundstrukturen erhielten sich über die Jahrhunderte.

US-Amerikanische Intervention

Von 1915 bis 1934 besetzten die Vereinigten Staaten Haiti, die Finanzverwaltung behielten sie sogar bis 1947. Grund für die Invasion 1915 war nach Angaben der Amerikaner die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung; kurz vorher war der Präsident Guillaume Sam ermordet worden. Als eigentlicher Hintergrund kann die Sicherung wirtschaftlicher und geostrategischer Interessen angesehen werden. Der Panamakanal wurde nämlich 1914 eröffnet. Nach der Ansicht mancher Historiker richtete sich die Intervention gegen die deutschen Interessen in Haiti. Deutsche Einwanderer hatten dominanten Einfluß in der Wirtschaft. Washington fürchtete Flottenstützpunkte des Deutschen Reiches in der Karibik. 1918 erklärte Haiti gezwungenermaßen Deutschland den Krieg, die Deutschen wurden daraufhin enteignet. Die Amerikaner bauten Straßen, Krankenhäuser und Telefonanlagen. Ein rassistischer Dünkel gegen Schwarze und Mulatten demütigte diese. Die Amerikaner verpflichteten Bauern zur Zwangsarbeit für den Straßenbau. Die Unterdrückung der „Caco“ -Rebellen forderte tausende Tote. Haiti ist gegenwärtig nach dem Erdbeben 2010 wieder bei 1915 angekommen, das heißt die USA bestimmen das Geschick der Insel.

Literatur:

Hans Christoph Buch, Die Scheidung von San Domingo. Wie die Negersklaven von Haiti Robespierre beim Wort nahmen, Berlin 1976 (Wagenbach Verlag)

www.uni-protokolle.de Geschichte Haitis

Wikipedia Geschichte Haitis

Unterwasserwelt Haiti. Voodoo, Zombies und Korallen

Ein Land ohne Chance. Die Geschichte Haitis, Tageszeitung vom 20.1.2010

Abgrundtiefe Unterschiede zwischen Herrschern und Beherrschten, FAZ vom 24.10.1994

Sklaverei, Diktatur, Armenhaus – eine Geschichte von Katastrophen, Berliner Morgenpost vom 19.1.2010

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Aspekte der Geschichte Armeniens

Erlasse von Talaat Pascha, dem türkischen Innenminister…Echtheit ist umstritten Fälschung wird unterstellt

Erlasse Talaats (türkischer Innenminister) betreffend Behandlung der deportierten Armenier Telegramme

1.) Nr. 502 An die Präfektur von Aleppo

Wir empfehlen Ihnen, sowohl Frauen als auch Kinder den Verordnungen zu unterwerfen, die Ihnen bereits für den männlichen Teil der bekannten Personen vorgeschrieben sind, und für die Aufgaben vertrauenswürdige Beamte zu bestimmen. 3. September 1915 Minister des Innern Talaat

2.)An die Präfektur von Aleppo

Das Recht der Armenier, auf dem Gebiet der Türkei zu leben und zu arbeiten, wird gänzlich abgeschafft. Die Regierung, die in dieser Beziehung jede Verantwortlichkeit übernimmt, hat befohlen, nicht einmal die Kinder in der Wiege zu lassen. In einigen Provinzen hat man die Ausführung dieses Befehls gesehen. Aus uns unbekannten Gründen macht man dort Ausnahmen mit Personen, die, anstatt an den Ort ihrer Verbannung geschickt zu werden, in Aleppo belassen werden, und stellt dadurch die Regierung vor neue Schwierigkeiten. Lassen Sie, ohne Gründe anzugeben, Frauen oder Kinder, wer sie auch immer sein mögen, sogar diejenigen, die nicht gehen können, von dort abziehen, und geben Sie der Bevölkerung keine Veranlassung, sie zu verteidigen. Die Bevölkerung setzt aus Unwissenheit ihre materiellen Interessen über ihre patriotischen Gefühle und ist nicht imstande, die hohe Politik, die, die Regierung damit verfolgt, zu würdigen. Im Hinblick darauf, dass die anderswo im direkt verübten Unterdrückungsverhandlungen – Härte, Marschbeschleunigung, Scherereien unterwegs – dort direkt sicher gestellt werden können, halten Sie unablässig ohne Zeitverlust darauf. Das Kriegsministerium hat alle Heereskommandos benachrichtigt, dass die Etappenkommandanten sich in die Verschickung der Deportierten nicht einmischen sollen. Benachrichtigen Sie die Beamten, die diese Angelegenheit übernehmen, dass sie ohne Furcht vor Verantwortlichkeit darauf hinwirken müssen, den wirklichen Zweck zu erreichen. Ich bitte, mir jede Woche die Ergebnisse Ihrer Tätigkeit in chiffrierten Berichten mitzuteilen. 9. September 1915 Minister des Innern Talaat

3.) Es ist bereits mitgeteilt worden, dass die Regierung auf Befehl des Djemiet beschlossen hat, alle Armenier, die in der Türkei wohnen, gänzlich auszurotten. Diejenigen, die sich diesem Befehl und diesem Bestbloß widersetzen, verlieren ihre Staatsangehörigkeit. Ohne Rücksicht auf Frauen, Kinder und Kranke, so tragisch die Mittel der Ausrottung auch sein mögen, ist, ohne auf die Gefühle des Gewissens zu hören, ihrem Dasein ein Ende zu machen 15. September 1915 Minister des Innern Talaat
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5.) Nr. 537 An die Präfektur von Aleppo

Wir erfahren, dass Leute aus dem Volke und Beamte sich mit armenischen Frauen verheiraten. Ich verbiete dies streng und empfehle dringend, dass die Frauen dieser Art nach ihrer Trennung in die Wüste verschickt werden. 29. September 1915 Minister des Innern Talaat

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7.) Nr. 603 An die Präfektur von Aleppo

Wir erfahren, dass die kleinen Kinder der bekannten Personen, die aus den Vilajets Sivas, Mamouret ul-Asis, Diarbekr und Erserum verschickt sind, als Waisen und weil ohne Unterstützung (infolge des Todes ihrer Eltern, von muselmanischen Familien adoptiert oder als Dienstboten angenommen wurden. Wir fordern Sie auf, alle solche Kinder zu recherchieren und sie an den Ort ihrer Verbannung zu schicken; außerdem die Bevölkerung darüber durch Ihnen geeignet erscheinende Mittel aufzuklären. 5. November 1915 Minister des Innern Talaat

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9.) Nr. 691 An die Präfektur von Aleppo

Rotten Sie mit geheimen Mitteln jeden Armenier der östlichen Provinzen aus, den Sie in Ihrem Gebiete finden sollten. 23. November 1915 Minister des Innern Talaat

10.) Chiffrierte Depesche des Ministers des Innern an die Präfektur von Aleppo Obgleich ein ganz besonderer Eifer für die Ausrottung der fraglichen Personen bewiesen werden sollte, erfahren wir, dass jene an verdächtige Orte, wie Syrien und Jerusalem, geschickt werden. Dergleichen Duldsamkeit ist ein unverzeihlicher Fehler. Der Ort der Verbannung derartiger Unruhestifter ist das Nichts. Ich empfehle Ihnen, danach zu handeln. 1. Dezember 1915 Minister des Innern Talaat
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12.) Nr. 745 Chiffrierte Depesche des Ministers des Innern an die Präfektur von Aleppo Wir erfahren, dass einige Berichterstatter armenischer Zeitungen, die sich in Ihrem Gebiete aufhalten, sich Photographien und Papiere verschafft haben, die tragische Vorgänge darstellen, und diese dem amerikanischen Konsul Ihres Platzes anvertraut haben. Lassen Sie gefährliche Personen dieser Art verhaften und beseitigen. 11. Dezember 1915 Minister des Innern Talaat

Zu den Behauptungen, die Erlasse seien gefälscht, kann gesagt werden, dass trotz offenkundiger Unstimmigkeiten bei den Daten, eine Ähnlichkeit der Dokumente des Aram Andonian mit Dokumenten bei den späteren Kriegsverbrecherprozessen gegen die Jungtürken nachgewiesen wurde.

Aus einem Gespräch des amerikanischen Botschafters Henry Morgenthau sen. mit dem Innenminister Talaat in dem Werk „Ambassador Morgenthaus’s Story“ heißt es: „Er (Talaat) teilte mir mit, das Komitee ‘Einheit und Fortschritt’ habe die Angelegenheit in allen ihren Einzelheiten sorgfältig untersucht. Die Art und Weise, wie vorgegangen würde, entspräche dem, was sie offiziell beschlossen hätten. Er sagte, ich sollte nicht glauben, über die Deportationen sei in Eile entschieden worden. Diese wären in Wirklichkeit das Ergebnis langer und gründlicher Beratung.“ Enver Pascha, damals Kriegsminister, meinte dazu: „Wir haben dieses Land völlig unter Kontrolle. Ich habe nicht die Absicht, Verantwortung auf Untergebene abzuschieben. Ich beabsichtige, die Verantwortung für ausnahmslos alles zu übernehmen, was geschah. Das Kabinett hat die Deportationen angeordnet, und ich bin überzeugt, dass unsere Maßnahme wegen der feindlichen Einstellung der Armenier gegen das Osmanische Reich hierbei vollkommen gerechtfertigt ist. Wir sind in der Türkei wirklich die Herrscher und kein Untergebener würde bei einer Sache dieser Bedeutung wagen, ohne unsere Befehle zu handeln.“i

Ismail Djanbolat,der Chef der Sicherheitspolizei im Innenministerium erklärte Ende Juni 1915 dem deutschen Generalkonsul Mordtmann, man habe beschlossen. „ die Ausweisungsregeln noch weiter auszudehnen“. Botschafter Wangenheim meinte dazu am 7. Juli 1915: „ … die Art, wie die Umsiedlung durchgeführt wird“ zeige, „dass die türkische Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten.“ii Aus einem Augenzeugenbericht der schwedischen Missionsschwester Alma Johanson aus der Stadt Musch von Anfang November 1914: „Bereits im November (1914) wussten wir, dass es ein Massaker geben würde. Der Mutesharif von Musch, ein sehr enger Freund Enver Paschas, erklärte recht offen, dass sie die Armenier bei der ersten sich bietenden Gelegenheit massakrieren und die ganze Nation auslöschen würden. Bevor die Russen anrückten, wollten sie zuerst die Armenier abschlachten und dann gegen die Russen kämpfen.Ungefähr Anfang April in Gegenwart von Major Lange und mehreren anderen hohen Beamten einschließlich des amerikanischen und deutschen Konsuls, erklärte Ekran Bey ziemlich offen die Absicht der Regierung, die armenische Nation auszulöschen. Alle diese Einzelheiten zeigen so klar wie nur etwas, dass das Massaker genau geplant war.“iii H. Marcher, eine dänische Missionsschwester in deutschen Diensten, hat am 16. März 1915 einen Bericht des deutschen Vizekonsuls Schwarz nach dessen Unterredung mit dem Vali von Harput über die Zukunft der Armenier in der Türkei gehört: „…. Der Vali hatte ihm nachdrücklich dargelegt, die Armenier in der Türkei müssten und würden ausgelöscht werden. Er sagte, sie hätten an Wohlstand und Zahl dermaßen zugenommen, dass sie eine Bedrohung für die türkische Rasse darstellten. Auslöschung sei das einzige Gegenmittel…“iv „Das Telegramm bedeutet: Warum warten Sie?“ Aus der Aussage des armenischen Bischofs Balakian vor einem Berliner Gericht im Prozess gegen den Mörder Talaat Paschas über Talaats Rolle bei den Deportationen: „ … Ich habe aber keinen Grund, an der Authentizität einer Depesche zu zweifeln, die von einem aktiven Vize -Gouverneur gezeigt wurde. Das Telegramm lautete ungefähr in diesem Sinne: ‘Telegraphieret uns gleich direkt, wieviel von den Armeniern schon tot sind und wieviel noch am Leben. Innenminister Talaat.’ Ich habe zuerst nicht verstanden, was das bedeutet. Es war für mich unmöglich, zu denken, dass ein ganzes Volk durch Massakers sollte vernichtet werden; das ist in der Geschichte noch niemals vorgekommen. – Herr Kelekian fragte Asaf Bey: Was bedeutet das, ich verstehe es nicht.

  • Sie sind ja so klug, erwiderte Asaf Bey, Sie sind ein Chefredakteur…Das Telegramm bedeutet:Warum warten Sie? Machen Sie Massaker!

…. Asaf Bey sagte: Arbeiten Sie tüchtig, arbeiten Sie ruhig, dass Sie binnen zwei Wochen in Konstantinopel sind. Ich bin nur noch 15 Tage hier, dann verlasse ich mein Amt. Ich war schon 1909 in Osmanie, damals kamen in Adana große Massakers vor. Man beschuldigte mich, die Armenier misshandelt zu haben, und nur mit großen Schwierigkeiten bin ich gerettet worden. Ich will nicht wieder an armenischen Massakers teilnehmen, weil die Zeit kommen wird, nach dem Kriege, dass alle verantwortlichen höheren Personen ins Ausland fliehen müssen. Und dann wird man uns für diese Massaker verantwortlich machen und uns vielleicht hängen lassen. Ein Geschworener: Welche Unterschrift war unter der Depesche? Zeuge: Die Unterschrift des Telegramms war ‘Talaat’, das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen.“v

 

Zur Schuldfrage

Innenminister Talaat Pascha stellt in seinen posthumen Memoiren folgende Behauptungen auf: “Russland hatte, in der Absicht unsere östlichen Provinzen zu übernehmen, die armenischen Bewohner bewaffnet und ausgerüstet sowie starke armenische Banditenverbände in der Gegend organisiert. Als wir in den Weltkrieg eintraten, begannen an der Kaukasusfront im Rücken der türkischen Armee deren Zerstörungsaktivitäten. Brücken wurden gesprengt, türkische Städte und Dörfer in Brand gesteckt, unschuldige Muslime ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht getötet. Sie verbreiteten in allen östlichen Provinzen Tod und Schrecken und bedrohten die rückwärtigen Verbindungen der türkischen Armee. Alle diese armenischen Banditen fanden bei den örtlichen Armeniern Unterstützung… Jede armenische Kirche diente, das wurde später entdeckt, als Munitionslager. Auf diese illoyale Weise töteten sie (die Armenier) mehr als 300.000 Mohammedaner und zerstörten die Kommunikationsverbindungen zwischen der türkischen Armee und ihren Basen…”

Lepsius stellt in seinem Buchvi folgende Zusammenfassung der türkischen Thesen vor: „Stellen wir die nackten Tatsachen fest, die in den 5 Communiqués der türkischen Regierung mit Anführung von Personen und Ortsnamen als Beweise für eine revolutionäre Erhebung des armenischen Volkes aufgeführt werden. Es sind die Folgenden: Garo Pasdermadschian, der in Tiflis zu Haus ist, begibt sich Ende August 1914, also vor dem Krieg von Erzerum nachdem Kaukasus und schließt sich bei Ausbruch des Krieges, angeblich einem armenischen Freikorps an. Das übrige, was ihm zugeschrieben wird , geht die russische Kriegsführung an. Zwei Armenier, Toros Oglu und Agob, bringen in Cilicien Züge zur Entgleisung. Kommandanten englischer und französischer Schiffe setzen sich mit Armeniern der Küstenorte in Verbindung Armenier von Zeitun haben den Behörden Widerstand geleistet. Die Führer der türkischen Oppositionspartei zettelten ein Komplott an, in das vier Hintschaken verwickelt waren- (Das Komplott wurde vor dem Kriege aufgedeckt.) Armenier von Wan, Schattach, Hawasur, Kewach und Timar um die Südosteecke des Wansees herum „erheben sich mit der Waffe in der Hand.“ 500 Armenier von Schabin-Karahissar besetzen den Burgfelsen. Dies sind die Tatsachen der Communiqués. Für die Beschuldigung einer geplanten armenischen Revolution  reichen diese Beweise nicht aus… Durch unsere obige Darstellung haben wir festgestellt, daß weder das Patriarchat noch die Daschnakzutiun sich irgendwelcher vaterlands-feindlicher Akte schuldig gemacht haben, noch auch daran gedacht haben, solche vorzubereiten.“

 

Anwachsender Türkismus von 1908 bis 1913

Die bekannteste Zeitschrift „Türk Yurdu“ fasste die wichtigsten Intentionen des Türkismus zusammen: Betonung der rassischen Identität von Tataren und Türken, Verherrlichung des Patriotismus und Wiederherstelung der turanischen Gemeinschaft in den Grenzen des 13. Jahr- hunderts.vii Talaat, damals Innenminister, ernannte die Beamten nach dem Kriterium von pantürkischen Überzeugungen. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges sagten nationalistische Journalisten den Fall des Russischen Reiches und den Aufstieg eines Panturanischen Reiches auf seinen Ruinen voraus. „In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hat über der Türkei ein Wind des Wahnsinns geweht … Sowie sich die türkischen Nationalisten dem Kampf für den Pantürkismus angeschlossen hatten, lenkten sie ihren Blick nach Transkaukasien, das nun als potentieller türkischer Lebensraum galt.“viii Auf den Punkt bringt es der pantürkische Nationalist Dr. Nazim kurz nach den Massakern von Kilikien von 1909: „Das Osmanische Reich muß ausschließlich türkisch sein. Die Existenz fremder Elemente bietet einen Vorwand für europäische Interventionen. Dies Elemente müssen mit Waffengewalt türkisiert werden.“ix

 

Geschichte Armeniens

Im 9. Jahrhundert vor Christus gründeten Stämme der Hurriter, die im Hochland um den Vanseen lebten, das Reich von Biainili, auch bekannt unter der Bezeichnung Urartu. Dieses wurde dasmVorgängerland  zum dem, was später Armenien bezeichnet wurde. Leistungen wurden vor allem erbracht in der Landwirtschaft (künstliche Bewässerung), in der Eisengewinnung und im Festungsbau, unter dem König Sarduri II. (765 bis 733 v. Christus) hatte das Land seine größte Ausdehnung. 585 vor Christus fiel Urartu den Medern zu. Die Armenier wurden 519 vor Christus unter dieser griechischen Bezeichnung erstmals erwähnt.  Sprachlich dominiert bei den Armeniern das indoeuropäische Element, es gibt aber auch einen Teilwortschatz aus dem Urartäischen. Im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus erfreuten sich die Armenier gegenüber Persien einer weitgehenden Autonomie. Auch Alexander der Große konnte sich nicht niederwerfen.1 Im 2. Jahrhundert vor Christus gab es zwei armenische Reiche – Großarmenien östlich des Euphrat und Kleinarmenien westlich davon. 95 vor Christus vereinigt Tigran der Große, ein Schwiegersohnmvon Mithritates, beide Teile und erobert Mesopotamien, Syrien, Palästina, Kilikien und Kappadokien. Esmdauerte aber nicht lange, dann eroberte der römische Feldherr Lukullus 69 vor Christus die von den Armeniern besetzten Gebiete. Große Gebietsverluste erlitten die Armenier 114 nach Christus.2 301 wurde unter König Trdat III. das Christentum zur Staatsreligion erhoben (fast ein Jahrhundert später im Römischen Reich 391 nach Christus). Überbringer des Christentums war der arsakidische Fürst Gregor Illuminator. Dieser empfing in Cäsarea die Priesterweihe undmsetzte mit brachialer Gewalt das Christentum durch. Heiden wurden verjagt, eingesperrt, gefoltert oder verbrannt. Die Stadt Etschmiadzin am Fuße des Ararat wurde von ihm erbaut. Hier entstandie erste christliche Kirche.3 Zwischen 350 und 367setzten sich die Armenier den Persern zur Wehr, die das Christentum niederringen wollten. Das armenische Königtum in West-Armenien konnte sich bis 389 halten. In Ostarmenien blieb die Dynastie der Arschakiden bis 428 an der Macht. Der Geschlechteradel wollte lieber unter fremder Herrschaft leben. Unter König Wramschapuh (389 bis 414) wurde eine neue Buchstabenschrift entwickelt. 405 stellte der frühere Hofsekretär  Mesrop Maschtoz (362 bis 440) eine neue Buchstabenschrift vor. Die Armenier waren wegen ihres Glaubens näher an Byzanz, 451 nach Christus erhoben sie sich gegen Persien unter der Führung von Vardan Mamikonian. Sechzigtausend Armenier standen zweihundertfünfzigtausend Persern gegenüber, die Niederlage bei Avarair war für Armenien damit besiegelt. In den Bergen führten die Armenier einen Guerillakrieg unter Führung des Neffen Vardans und ertrotzten eine Art Autonomie. Im selben Jahr blieben die Armenier dem Konzil von Chalzedon fern und vierzig Jahre später der monophysitischen Lehre treu. Damit entwickelten sie eigene Riten und Traditionen.

 

Im 7. Jahrhundert drangen die Araber vor und töteten viele Armenier, plünderten Städte und führten viele Überlebende in die Sklaverei ab. Die adligen Armenier flohen in die Berge und konnten ihren Glauben behalten. Sie waren allerdings steuerpflichtig. Die Nakharars, so wurden die adeligen Armenier auch genannt, konnten jedoch nicht selten gegeneinander ausgespielt werden und durch Araber ersetzt werden.4 859 ernannte das von Abbasiden regierte Bagdad den Bagraditen-Fürsten Aschot zum Gouverneur von Armenien. Byzanz einigte sich mit Bagdad darauf, die armenische Autonomie wieder herzustellen. Seit 885 regierten die Bagratiden sechzig Jahre lang in Freiheit und Wohlstand. Die Hauptstadt Ani wurde zum Herzen Armeniens. Sie wies 40 Tore angeblich und tausendundeine Kirche vor. Im 10. Jahrhundert gab es sieben im Bruderkampf sich befindende armenische Königreiche. Die Unabhängigkeit der Bagratiden endete 1045. Es gelang den Griechen, Armenien zu besetzen. 1048 fielen die Seldschuken in das Königreich Vaspurakan im Norden des Van-Sees ein. Die Hauptstadt Ani wurde 1064 zerstört, das Land unterworfen. 1071 unterwarfen die Seldschuken auch Byzanz in der Schlacht bei Manazkert. Die Seldschuken dehnten nach der Niederlage des Bagratiden-Reiches ihre Herrschaft bis zum Kaukasus aus. Im 13. Jahrhundert fielen die Mongolen in Armenien ein. 1236 verwüsteten sie die Stadt Ani.

 

In Kilikien entstand zwischen 1080 und 1095 unter Fürst Rupen die Baronie Neu-Armenien. Das Gebiet wurde von Bergfestungen im Taurus aus bis zum Mittelmeer ausgedehnt. Im Norden bildeten die Euphrat-Täler Verbindungswege mit Alt-Armenien. Bei den Kreuzfahrern trafen die Armenier auf Sympathie und umgekehrt. Byzanz verbündete sich mit den Türken gegen die nicht-orthodoxen Christen. Nach dem Dritten Kreuzzug wurde Neu-Armenien 1199 unter Leo II. Königreich. 1375 unterlag Neu-Armenien dem Ansturm der Mamelucken, Kilikien wurde bis in das 16. Jahrhundert osmanischer Besitz. Viele Armenier wanderten im 14. Jahrhundert aus. Aus Kilikien ging man nach Zypern, Rhodos, Griechenland, Smyrna, Konstantinopel und Ägypten.

1Vgl.: Yves Ternon, Tabu  Armenien. Geschichte eines Völkermords, Frankfurt am Main/ Berlin1977, S. 14

2Martin Bitschnau (Hrsg.); Armenien: Tabu und Trauma Band 1, Die Fakten im Überblick, Wien 2010, S. 18

3Ternon, a.a.O., S. 16

4Vgl. Ternon, a.a.O., S.18

i Jörg Berlin, Adrian Klenner, Völkermord oder Umsiedlung. Das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich. Darstellung und Dokumente, Köln 2006, S. 55f.

iiRolf Hosfeld, Operation Nemesis. Die Türkei, Deutschland und der Völkermord an den Armeniern, Köln 2009

(zweite Auflage), S. 201

iiiBerlin, Klenner, a.a.O., S. 284

ivEbd., S. 285

vEbd., S. 285 ff.

viJohannes Lepsius, Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei, Potsdam 1916,  S. 215 f.

viiYves Ternon, Tabu Armenien. Geschichte eines Völkermords, Frankfurt am Main, S. 126 f.

viiiEbd., S. 129

ixEbd., S. 136

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Jean Ziegler- Wir lassen sie verhungern; FIAN – Wirtschaft global- Hunger egal? / Petra Ramsauer – So wird Hunger gemacht / Beate Klarsfelds Kiesinger-Dokumentation

Jean Ziegler, Wir lassen sie verhungern. Massenvernichtung in der Dritten Welt, München 2012 (Dritte Auflage) und FIAN, Wirtschaft global- Hunger egal? Für das Menschenrecht auf Nahrung, Hamburg o.J. (attac Basis Texte 16)

Niger als Beispiel

In Niger gibt es nur wenig Ackerland, nur vier Prozent des Bodens sind nutzbar. Es gibt 20 Millionen Stück Vieh. Die Bewohner werden von den Auslandsschulden erdrückt. Der IWF hat die Schließung des Nationalen Veterinäramtes angeordnet. Damit wurde der Markt für die multinationalen Konzerne der Tierpharmazie geöffnet. Der Staat hat keine Möglichkeit mehr, die Verfallsdaten von Impfstoffen und Medikamenten zu kontrollieren. Jetzt müssen die Viehzüchter in Niger die Medikamente zur Behandlung ihrer Tiere zu dem Preis kaufen, der von den multinationalen Konzernen festgesetzt ist.Viele Viehzüchter sind nicht in der Lage, diese Preise zu bezahlen, deshalb werden die Tiere krank und verenden. Bestenfalls werden die Tiere noch vor ihrem Tod zu Billigpreisen verkauft. Auch die Gesundheit der Menschen verschlechtert sich nach dem Verlust ihrer Herden. Die ehemals stolzen Eigentümer wandern mit ihren Familien in die Elendsviertel von Niamey, Kano oder die großen Küstenstädte. Der IWF hat zusätzlich die Auflösung der nationalen staatlichen Nahrungsreserven auferlegt. Sie beliefen sich auf 40.000 Tonnen Getreide. Die Vorratslager unterhielt der Staat für Notfälle,wenn es zu Dürren, Heuschreckenplagen oder Überschwemmungen kam. Für den IWF durfte der Staat kein Eigentümer des Getreidehandels sein, weil das Dogma des Freihandels gilt. Seit Mitte der achtziger Jahre, als es eine fünfjährige Dürre zu beklagen gab, hat sich die katastrophale Entwicklung beschleunigt. „Inzwischen wird Niger alle zwei Jahre von Hungersnöten heimgesucht.“1

Zum Thema Uran im Niger ist zu sagen, dass der französische Staatskonzern Areva das Abbaumomopol in den Minen des Departements Arlit besitzt. Die dafür zu zahlende Gebühr an den Staat von Niger ist sehr gering. Vergeblich versuchte ein chinesischer Konzern in Niger im Uranbergbau in Niger Fuß zu fassen. 2010 sicherte ein Militärputsch die französischen Interessen. Der neue Machthaber brach die Gespräche mit den Chinesen ab und bekräftigte die guten Bezíehungen zum Areva Konzern aus Frankreich. Ein Bewässerungssystem für Niger schien nach Weltbank Analysen sinnvoll. 440.000 Hektar Land seien ohne größere technische Schwierigkeiten zu bewässern. Auf dem so gewonnenen Boden könnten jährlich drei Ernten eingebracht werden. Die Selbstversorgung an Nahrungsmitteln sei somit möglich. Der Hunger schien besiegbar. Der Areva Konzern hatte keinerlei Interesse, einen Beitrag zur Finanzierung dieses Projektes zu leisten. So scheiterte es. „Und im Niger verhungern die Kinder weiter.“2

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Indien

Wechseln wir den Kontinent nach Indien und springen in den Staat Madhya Pradesh. Im Jahr 2000 also vor zwölf Jahren – wurden 11.000 Bauernfamilien von der bundesstaatlichen Regierung von ihrem Land gejagt – es wurden Staudämme gebaut und Bodenschätze erschlossen. Eine Kohlemine war der Grund der Enteignung von Tausenden von Familien in Hazaribagh. Der gigantische Narmada – Staudamm hat mehrere Tausend Familien ihrer Lebensgrundlage beraubt. In den ländlichen Gebieten von Madhya Pradesh fallen die zu Skeletten abgemagerten Kinder auf.

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Einen Sieg konnte man in Südafrika feiern.

Johannesburg

Die Stadt Johannesburg hatte ihre Trinkwasserversorgung an einen multinationalen Konzern verkauft. Darauf wurde der Wasserpreis massiv erhöht. Viele Bewohner der Armenviertel konnten die hohen Preise nicht bezahlen. Das fließende Wasser wurde vom Betreiber abgestellt. Viele mittellose Familien waren gezwungen, sich ihr Wasser aus Bewässerungsgräben, verschmutzten Bächen oder Tümpeln zu holen. Einige Bewohner zogen in Soweto vor das Oberste Gericht. Der Prozess wurde gewonnen . Die Stadt Johannesburg musste zulassen, das die öffentliche Trinkwasserversorgung zu bezahlbaren Preisen wieder eingeführt wurde.

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Kommen wir zu Haiti. Grundnahrungsmittel ist der Reis. Anfang der 80er Jahre konnte sich Haiti mit Reis selbst versorgen. Die Bauern waren durch einen Einfuhrzoll von 30 Prozent geschützt. Strukturanpassungsmassnahmen des IWF: Der Schutzzoll für Reis wurde von 30 auf 3 Prozent reduziert. Der von den USA hochsubventionierte nordamerikanische Reis eroberte den Markt von Haiti. Er ruinierte den nationalen Anbau und damit die Existenz von Hunderttausenden Reisbauern. „Zwischen 1985 und 2004 stiegen in Haiti die Reisimporte – vor allem aus Nordamerika, wo der Reisanbau, wie gesagt, stark subventioniert wurde – von 15.000 auf 350.000 Tonnen pro Jahr an. Gleichzeitig brach der lokale Reisanbau ein- von 124.000 auf 43.000 Tonnen pro Jahr.“3 „In normalen Zeiten verbrauchen die 9 Millionen Haitianer 320.000 Tonnen Reis pro Jahr.Als sich 2008 der Weltmarktpreis von Reis verdreifachte, konnte der Staat nicht genügend Lebensmittel einführen. Daraufhin ging der Hunger um in der Cité Soleil, der ‘Sonnenstadt’, dem größten Slum Lateinamerikas, der zu Füßen des Hügels von Port – Au 4– Prince am Ufer des Karibischen Meers liegt.“

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Wechseln wir nach Brasilien. Dort hat das Programm, Agrotreibstoffe zu produzieren, absolute Priorität. Hier wird in erster Linie der Rohrzucker verwendet, um Bioethanol herzustellen. Das Programm heißt Plan Pro-Alkohol. 2009 hat Brasilien 14 Milliarden Liter Bioethanol verbraucht und 4 Milliarden Liter exportiert. Ein vages Ziel besteht sogar darin, in Zukunft einmal 200 Milliarden Liter zu exportieren. Jetzt schon werden dazu Häfen ausgebaut. Die Ausbauflächen für Zuckerrohr sollen auf 26 Millionen Hektar ausgedehnt werden. Vom Pro-Alkohol Plan haben vor allem die Zuckerrohrbarone und transnationale Konzerne profitiert. Das Umland von Ribeiráo Preto im Bundesstaat Sao Paulo ist die größte Zuckerregion. Relativ große Zuckerrohrplantagen kommen dadurch zustande, dass die einst unabhängigen Bauern gezwungen werden, ihr Land den Großgrundbesitzern zu veräußern. „Zwischen 1985 und 1996 hat man in Brasilien nicht weniger als 5,4 Millionen von ihrem Land vertriebene Bauern und die Aufgabe von 941.111 kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betrieben gezählt.“5 Wie gesagt profitieren neben den einheimischen Großmagnaten transkontinentale Großkonzerne wie Louis Dreyfus, Bunge, Noble Group, Archer Daniels Midland und Fonds aus China. China kann bis 2013 zwanzig Ethanolfabriken in Brasilien errichten. Dieses „Land grabbing“ ist charakteristisch für eine Entwicklung, in der Einheimische stark unter die Räder kommen. Der Plan Pro-Alkohol wurde selbst vom damaligen Präsidenten Inácio Lula 2007 gerechtfertigt. Zuckerrohr sei keine Nahrungspflanze, im Gegensatz zu den Amerikanern werde weder Mais noch Weizen verbrannt. Das Argument hält Ziegler für nicht stichhaltig. Die Landwirtschaftsgrenze verlagere sich stetig. Das Zuckerrohr dringe in das Innere des kontinentalen Hochlandes vor. Nach einer Hochrechnung der Weltbank seien beim gegenwärtigen Ausmaß der Brandrodung im Jahr 2050 40 Prozent der Amazonaswälder verschwunden.6 Durch zunehmenden Zuckerrohranbau wird das Land gezwungen , Lebensmittel einzuführen. Die zunehmende globale Nachfrage bewirkt eine Preissteigerung der Lebensmittel. 2008 konnten Millionen Menschen wegen der hohen Lebensmittelpreise nicht genügend Nahrung kaufen. Auf den Zuckerrohrfeldern wird nur selten der gesetzliche Mindestlohn bezahlt. Die Hersteller von Agrotreibstoffen stellen in erster Linie Wanderarbeiter ein. Häufig sterben die Schnitter und ihre Kinder an Tuberkulose und Unterernährung. Die Zahl der Landarbeiter ohne Boden beträgt 4,8 Millionen. Wenn die Ernte im Süden beendet ist, müssen die Arbeiter 2.000 Kilometer nach Nordosten ziehen… sie wechseln alle sechs Monate ihren Aufenthaltsort.7 Die Ordnung wird von privaten Zuckermilizen eingehalten. Auch Kinder arbeiten auf den Plantagen. Nach Angaben der ILO sind 2,4 Millionen Kinder unter 17 Jahren in der brasilianischen Landwirtschaft tätig, davon 22.876 auf Zuckerrohrplantagen.8

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Zuckerrohr in Indien

Auch in Indien ist die Situation ähnlich auf einer Plantage im indischen Bundesstaat Gujarat. Die Zuckerrohrschnitter auf der Plantage bekommen von Würmern befallenes Essen, die Hütten bieten keinen Schutz vor Tieren. Wer protestiert, wird durch einen gefügigeren Arbeiter ersetzt. Ausverkauf von Boden an multinationale Konzerne Das angeblich marxistische Äthiopien ist hier ein beachtliches Negativbeispiel. Fast 1,6 Millionen Hektar Land hat es Investoren zum Anbau von Zuckerrohr und Ölpalmen überlassen. Bis 2009 haben auch ausländische Investoren neben über 8.000 einheimischen die Genehmigungen erhalten. Mächtigster Agarinvestor ist der saudische Multimilliardär Al- Ahmoudi. Er bekam viele Tausend Hektar in einigen fruchtbaren Regionen wie Sidamo und Gambella. Er will noch zusätzlich 500.000 Hektar erwerben, um Zuckerrohr anzupflanzen. Früher lebten auf seinen Ländereien Kleinbauernfamilien aus dem Volk der Nuer, die mit Waffengewalt vertrieben wurden. Al-Amoudi zahlt 90 Eurocent Pachtzins pro Hektar und pro Jahr. 2008 wurde dem koreanischen Konzern Daewoo vom Präsidenten Madagaskars, Ravalomanana, eine Million Hektar Ackerboden zugesagt. Der Konzern erhielt die Konzession ohne finanzielle Gegenleistung für 99 Jahre. Geplant war die Herstellung von Bioethanol. Verpflichtet wurde der Konzern, Straßen, Bewässerungskanäle und Lagerhäuser zu bauen. Den Präsidenten kostete dieser Vertrag Ende November 2008 sein Amt, der Nachfolger löste den Vertrag auf.

In Sierra Leone hat der transnationale Konzern Addax Bioenergy, der in Lausanne beheimatet ist, die Konzession für die Nutzung von 20.000 Hektar fruchtbaren Bodens erhalten. Auch dort soll Zuckerrohr für die Nutzung von Bioethanol angebaut werden, ein Ausbau auf 57.000 Hektar ist vorgesehen. Der Vertrag wurde mit der Regierung in Freetown geschlossen, die betroffenen Bauern wissen nichts von ihrem Schicksal. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone endete 2002, 80 Prozent der Bevölkerung lebt in extremer Armut. Versprochen sind 4.000 Arbeitsplätze von Addax, eine Studie widerlegt dieses Versprechen. Gegenwärtig beschäftigt das Unternehmen fünfzig Personen zur Beaufsichtigung der Zuckerrohrsprossen und des Manioks. Der Tageslohn beträgt umgerechnet 1,8 Euro. „Die Agrotreibstoffe verursachen soziale und klimatische Katastrophen. Sie bringen die dem Lebensmittelanbau dienenden Flächen zum Schrumpfen, sie vernichten die bäuerlichen Familienbetriebe und verstärken den Hunger in der Welt.“9

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Nahrungsmittelspekulation

Nach Schätzung der Weltbank sind seit Anfang 2011 zusätzlich mindestens 62 Millionen Menschen in das Heer der Unterernährten abgesunken. Heiner Flassbeck meint dazu: „ Die Auswirkungen der durch die Risikohypotheken (Subprime-Kredite) bewirkten Krise haben weit über die Vereinigten Staaten hinausgegriffen und zu einer allgemeinen Liquiditäts – und Kreditkontraktion geführt. Der Anstieg der Rohstoffpreise, teilweise bewirkt durch spekulative Fonds, die von Finanzinstrumenten auf Agrarrohstoffe umstiegen, erschwert die Ausarbeitung politischer Maßnahmen zur Vermeidung einer Rezession bei gleichzeitiger Kontrolle der Inflation.“10 Zwischen 2003 und 2008 haben die Spekulationen auf Rohstoffe durch Indexfonds um über 2.000 Prozent zugenommen.11 Tatsächlich führen nur zwei Prozent der Rohstoff-Futures tatsächlich zur Lieferung einer Ware. Die restlichen 98 Prozent werden vor dem Fälligkeitsdatum weiterverkauft. Als Lösung schlägt der ehemalige Finanzstaatssekretär, Heiner Flassbeck, der UNCTAD die weltweite Kontrolle über die Börsenkurse für Agrarrohstoffe zu übertragen. „Auf den Terminmärkten dürften fortan nur noch die Erzeuger, Händler oder Verwender von Agrarrohstoffen tätig werden. Wer mit einer Partie Weizen oder Reis, einer Anzahl Hektoliter Öl etc, handle, müsse gehalten sein, die vereinbarte Ware auch zu liefern. Außerdem empfehle es sich, die … zu hinterlegenden Sicherheiten für solche Geschäfte zu erhöhen.“12

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Aktivitäten, die das Verbot der Spekulation mit Grundnahrungsmittel zum Ziel haben: Die Linkspartei in Spanien brachte im Mai 2012 einen Gesetzentwurf ein, in dem das Verbot der Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel gefordert wird. Hintergrund: laut Unicef sind 2012 2,2 Millionen Kinder schwerst und dauerhaft unterernährt. Die Jungsozialisten der Schweiz beschlossen ebenfalls im Mai 2012 eine Volksinitiative mit dem Ziel, das Verbot der Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel in die Bundesverfassung aufzunehmen.

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Zwischeneinwurf: Die Lage der Ernährung in einem Land, das seit Jahrzehnten planwirtschaftlich funktioniert: Nordkorea. Sechs der vierundzwanzig Millionen Nordkoreaner sind stark unterernährt. Zwischen 1996 und 2005 sind zwei Millionen Menschen den verschiedenen Hungersnöten zum Opfer gefallen. Anfang 2011 gab es riesige Überschwemmungen, die die Reisfelder verwüsteten, die Maul- und Klauenseuche hat den Viehbestand reduziert. In Umerziehungslagern gibt es mehr als 200.000 Personen – unter ihnen auch von Chinesen abgeschobene Hungerflüchtlinge. Es wird von Betonwürfeln berichtet, in denen sich Häftlinge weder aufrichten noch hinlegen können – inhaftiert sind hier vor allem „Unruhestifter“. An Mangelernährung sterben in den Lagern 40 Prozent der Häftlinge. Auswirkungen des WTO-Agrarabkommens

Beispiel Jamaika: Dort wurden jährlich 150 Millionen Liter Milch verbraucht. 2002 wurden allerdings jährlich 12 Prozent in Jamaika selbst erzeugt. Für die Kleinbauern hatte das die Auswirkung, dass ihre Milchproduktion in fünf Jahren von 2,5 Millionen auf 300.000 Liter sank. Grund dafür waren die Milchsubventionen der EU, die Milchpulverimporte aus ihr stiegen von 1.200 Tonnen im Jahr 1992 auf 6.300 Tonnen im Jahr 2000.13 1992 hatte Jamaika seine Zölle auf Milchpulver reduziert und die Subventionen für heimische Milchbauern gestrichen. Dies hatte die Weltbank zur Voraussetzung für einen Kredit gemacht. Die Gesamtzahl der Exportsubventionen der EU für Exportsubventionen für Milchprodukte belief sich 1999 auf 1,5 Milliarden Euro. Viele einheimische Bauern in Jamaika zwingen diese Subventionen zum Aufgeben.

Weitere Beispiele für die Subventionspolitik der EU brachte der Entwicklungsexperte Uwe Kekeritz in einem Vortrag im November 2011.14 Von den Milchbauern im Norden Kameruns etwa, die zuerst über die Entwicklungshilfe eine kleine Molkerei bekamen, bevor sie durch Billigmilchimporte aus der EU verdrängt wurden. Von Hähnchenzüchtern in Ghana, die aufgeben mussten, nachdem tiefgefrorene Hähnchenschenkel und -flügel aus der EU den Markt überschwemmten und ihre Preise unterboten.

Die frühere Textilindustrie ganz Afrikas sei gezielt kaputt gemacht worden, ist er überzeugt, durch den Verkauf von Textilien, die hier bei Altkleidersammlungen eingesammelt werden. Es sei eine Frechheit, dass sich das Rote Kreuz, für fünf Cent pro Kilogramm, für die kommerzielle Sammlung über die Altkleidercontainer einspannen lasse, meinte der Referent.15

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Gegenwärtige Preisentwicklung nach Einschätzung der Weltbank: „Der Preisimdex für Lebensmittel, der sich zwischen Oktober 2010 und Januar 2011 um 15 Prozent erhöht hat, ist gegenüber dem Vorjahr um 29 Prozent gestiegen und liegt nur um 3 Prozent unter seinem Höchststand vom Jahr 2008. Der in den letzten drei Monaten beobachtete Anstieg kann großenteils auf die Preiserhöhungen für Zucker (20 Prozent), Fette und Öle (22 Prozent), Weizen (20 Prozent) und Mais (12 Prozent) zurückgeführt werden.“16 Nach Schätzungen der Weltbank sind seit Beginn des Jahres 2011 zusätzlich mindestens 62 Millionen Männer, Frauen und Kinder in das Heer der Unterernährten und vom Hunger Gefährdeten abgesunken.17  

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Wie handeln? „Wie berichtet, haben 146 der damals 193 der UNO angehörenden Staaten ihre Vertreter im September 2000 nach New York entsandt, um ein Verzeichnis der schlimmsten Tragödien anzulegen… Nach Berechnungen, die die Staats- und Regierungschefs vorlegten, müsse man, um die acht Tragödien zu besiegen – unter denen der Hunger den ersten Rang einnimmt -, fünfzehn Jahre lang eine jährliche Investition von 80 Milliarden Dollar vornehmen. Dazu würde es genügen, bei den 1210 vorhandenen Milliardären eine jährliche Vermögenssteuer von 2 Prozent zu erheben…“18 Es ergeben sich in dem Buch doch einige Vorschläge, die dem Hunger ernsthaft zu Leibe rücken.

1Jean Ziegler, Wir lassen sie verhungern. Massenvernichtung in der Dritten Welt, München 2012

(Dritte Auflage), S. 57

2Ebd., S.58

3Ebd., S. 162

4Ebd., S.163

5Ebd. S. 236 f.

6Vgl., S 238 f.

7Vgl., S. 240

8Vgl., S. 241

9Ebd., S. 253

10Ebd., S. 270

11 Indexfonds sind Investmentfonds , die einen bestimmten, repräsentativen Index möglichst exakt nachbilden. Um das zu erreichen, investieren die Fonds zum Beispiel in die dem Index zugrunde liegenden Wertpapiere im gleichen

Verhältnis wie der Index. (Quelle: Wikipedia)

12Ziegler, S. 272

13 Vgl. FIAN, Wirtschaft global- Hunger egal? Für das Menschenrecht auf Nahrung,

Hamburg o.J., S. 40 f.

14Main-Echo 21.11.2011

15Ebd.

16Ziegler, S. 268

17Ebd.

18Ebd., S 303

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Petra Ramsauer, So wird Hunger gemacht, Wer warum am Elend verdient, Wien 2009

Eine Milliarde Menschen sind aktuell von Hunger und Tod bedroht, und die Angst vor der Armut hat längst Schichten in den westlichen Industrieländern erreicht, die sich lange auf der sicheren Seite eines Wohlstandes wähnten, der sich schon immer auf dem Rücken der Ärmsten aufbaute. 1974 wurden 500 Millionen hungrige Menschen registriert, 1996 waren es 830 Millionen Hungernde.

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Ein Anstieg um einen Prozentpunkt der durchschnittlichen Lebensmittelpreise bedeutet, dass 16 Millionen diese Preise nicht mehr bezahlen können, so die Autorin. Wie die Weltbank meint, verursachten 2008 in Afrika die erhöhten Preise für Nahrungsmittel, dass 30 Millionen Menschen zusätzlich in starke Armut gestürzt wurden. Am stärksten traf es Somalia, wo bis Ende 2008 über drei Millionen Menschen Lebensmittelhilfe brauchten.Die hohe Summe von 2,8 Billionen Dollar wurde an den Finanzmärkten im Herbst 2008 vernichtet. Weltweit gaben Regierungen die Summe von 14 Billionen Dollar aus allein bis Herbst 2009 und das zur Rettung ihrer Finanzinstitute. „Alle hungrigen Menschen Afrikas hätten mit dieser Rettungssumme drei Jahre lang satt werden können“ meinte Stephen Muchiri, Vorsitzender der Vereinigung afrikanischer Bauern. Jeffrey Sachs, Direktor des Earth Institute“ der Columbia University formulierte folgendermaßen: „Die USA und Europa haben in den Herbstmonaten des Jahres 2008 Billionen von Dollar für die Unterstützung ihrer gescheiterten Banken aufgebracht. Sie haben es aber nicht geschafft, ein Tausendstel dieser Summe für die Ärmsten der Welt bereitzustellen, die angesichts der Ernährungskrise dringend Hilfe gebraucht hätten.“ 2007 gab es die Ernährungskrise mit sprunghaft gestiegenen Getreidepreisen und steigenden Kursen für Weizen, Mais und Soja.

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Biotreibstoffe sind ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ meint Jean Ziegler. Man kann davon ausgehen, dass sie für den Anstieg der Lebensmittelpreise mit verantwortlich sind. Ein renommiertes Institut geht davon aus, dass 30 Prozent des globalen Anstieges von Lebensmittel-preisen aus ihrem Vorhandensein resultiert. 2008 wurde ein Viertel der Maisernte der Vereinigten Staaten in Biosprit verwandelt. Bis 2016 soll der Anteil auf ein Drittel anwachsen. Eine weitere Dimension von Biotreibstoffen lässt sich in Borneo (Indonesien) nachweisen. Dort werden Urwälder planiert, um riesigen Palmölplantagen Platz zu machen. Zeitgleich verschwinden die Anbauflächen für Lebensmittel. Der Palmölverbrauch hat sich weltweit verdoppelt. Bislang wurden Margarine oder auch Lippenstifte daraus gewonnen, jetzt ist es Biosprit. 20 Millionen Hektar will die indonesische Regierung für Plantagen freigeben, das ist etwa das Fünffache der Fläche der Schweiz. Bemerkenswert ist, dass auf den 23 Millionen Hektar Land, auf denen in Brasilien Zuckerrohr für Bioethanol angebaut wird, Nahrungsmittel für eine vegetarische Ernährung von bis zu 450 Millionen Menschen angebaut werden könnten. Paul Krugmann meint zum Thema Biotreibstoff als Nobelpreisträger: „Jedes Stück Land, das dazu verwendet wird, Biotreibstoffe anzubauen, ist Land, das bei der Nahrungsmittelproduktion fehlt. Förderungen und Steueranreize für ihren Einsatz sind ein wesentlicher Faktor, der zur Nahrungsmittelkrise beiträgt. Oder man könnte es auch so sagen: Man lässt Menschen in Afrika hungern, damit amerikanische Politiker in den Bundesstaaten mit einem hohen Anteil von Farmern ihre Wähler hofieren können.“

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Nehmen wir das Beispiel Mauretanien, um das Problem der Unterernährung zu erläutern. Ein Großteil der Nahrungsmittel muss importiert werden. Zahlreiche Exportländer schränkten zum Schutz ihrer eigenen Konsumenten die Ausfuhren von Getreide und Mais deutlich ein. Daraufhin waren Importländer wie Mauretanien mit erheblichen Mehrkosten konfrontiert. Das Land lebt vom Verkauf von Fischereilizenzen.Ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes wird dadurch erwirtschaftet. Die Hochseeflotten der EU fangen einen Großteil der Fische im Meer vor diesem Land. Der Fang gelangt tiefgefroren in die Verbraucherländer. Die hochwertigen Fische verschwinden, die Sardinen bleiben. „Wir haben keine Chance gegen den Hunger der reichen Länder.“ Die verbleibenden Sardinen sind um die Hälfte teurer und für viele unerschwinglich. Was schlägt Petra Ramsauer als Lösungsmöglichkeit vor?

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„Zum globalisierten Handlungsgeflecht gehören auch die Geschäfte mit Rohstoffen, auch jenen, aus denen unsere Grundnahrungsmittel hergestellt werden. Spekulation und die damit verbundene Finanzakrobatik ist ein wesentlicher Faktor der Preissteigerung von Lebensmitteln geworden. Der US-amerikanische Nobelpreisträger James Tobin hat als Maßnahme gegen die Auswucherungen der

Finanzspekulation die Einführung einer minimalen Transaktionssteuer vorgeschlagen, Tobin Tax genannt. Würde lediglich ein geringer Prozentsatz von 0,5 Prozent aller Kapitalflüsse besteuert, brächte dies jährlich 290 Milliarden Euro… Ein Verbot des Börsenhandels mit Agrarprodukten ist unrealistisch. Allerdings muss bei Spekulationsgeschäften das Regelwerk von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie greifen.“ Letztere Vorstellungen sind allerdings zu vage, um eine Vorstellung zu gewinnen, was konkret zu tun ist.

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Zum Thema „Menschenrecht auf Ernährung“ meint die Autorin: „Um die Hungerkrise zu lösen, ist eine zweite ‘Grüne Revolution’, vor allem in Afrika, nötig, doch diese Revolution darf sich nicht auf die technische Umsetzung von Ertragssicherheit reduzieren: Von einem ‘New Deal’ der globalen Ernährungssicherheit spricht Weltbank-Generaldirektor Robert Zoellick. FAO – Generaldirektor Jacques Diouf hofft angesichts der Krise auf einen Impuls für eine neue Ordnung der weltweiten Agrarproduktion mit dem Schwerpunkt auf dem Menschenrecht auf Nahrung, das längst völkerrechtlich verankert ist. Anlässlich des 60. Jahrestages der Erklärung der Menschenrechte wurde durch die UN-Vollversammlung am 10.Dezember 2008 ein Zusatzprotokoll zu diesem Sozialpakt verabschiedet. Damit soll Opfern von Verletzungen sozialer Menschenrechte, wenn ihnen die Lebensgrundlage gewaltsam entzogen wurde und sie sich nicht ernähren können, die Möglichkeit eingeräumt werden, bei der UNO Beschwerde einzulegen. Mit der Einklagbarkeit ist ein erster Schritt getan. Nun geht es darum, die Durchsetzbarkeit dieses fundamentalen Menschenrechtes auch zu gewährleisten.“ Wie, fragt sich der interessierte Leser. Wäre es nicht sinnvoller, zu fordern: „Verbot der Agrarsubventionen der Industrieländer“?

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Weiter heißt es zum Thema „Kleinbauern stärken“

„Es geht um die Besinnung der Einzelstaaten darauf, was ihre Landwirtschaft zu allererst leisten soll: Versorgung der Bevölkerung. 30 Milliarden Dollar sollten deshalb, fordert die FAO, jährlich in die Landwirtschaft investiert werden. Und zwar in fünf Bereiche: Investitionen in die Produktivitätssteigerung in den abgelegenen Dörfern der weniger entwickelten Welt, in die Bewahrung natürlicher Ressourcen, in den Aufbau der Infrastruktur und der Märkte, in die Ausbildung der lokalen Bauern und auch in den Aufbau von Nothilfeprogrammen.“ Zum Thema „Zukünftige Landwirtschaft“ wird ausgeführt: „… Noch fehlen die endgültigen Beweise, dass es auch langfristig möglich ist, sei es ökonomisch oder ökologisch, mit Gentechnik das Hungerproblem zu lösen. Es stellt sich auch die Frage, ob die industrielle – sehr energieintensive – Form der Landwirtschaft angesichts der schwindenden Energieressourcen in der Lage sein wird, den zu erwartenden Nachfrageanstieg bewältigen zu können. Ermutigend sind allerdings die Resultate einer Untersuchung, die vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) durchgeführt wurde. 114 Projekte mit Biolandwirtschaft in 24 afrikanischen Staaten wurden dafür analysiert. Ertragssteigerungen von 128 Prozent konnten dort verbucht werden, indem Felder mit naturbelassenen Methoden bestellt wurden… Durch den Einsatz traditioneller Methoden schritt die Bodenerosion weniger stark voran, gleichzeitig verringerte sich das Sinken des Grundwasserspiegels.“

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Weiter heißt es zum Problemfeld „Klimaschutz gegen Armut“

„ … Die Produktion von Fleisch ist sehr energieintensiv und verursacht einen großen Anteil der Kohlendioxid- Emissionen in dem Bereich. Pflanzliche ökologische Erzeugnisse verursachen um ein Viertel weniger Treibhausgas – Emissionen als konventionell hergestellte Produkte.. Die neue Regelung (Nachfolgeprotokoll des Kyoto-Abkommens) muss Armutsbekämpfung und Klimaschutz verknüpfen…Eine Möglichkeit wäre es, den Erlös aus dem Handel mit Verschmutzungsrechten zum Teil direkt für die Finanzierung der Millenniumsziele zu verwenden. Derzeit bringt dieser Zertifikatshandel in der EU jährlich 60 Milliarden Euro an Erlösen. Würden die Verschmutzungsrechte global gehandelt, würde das bis zu 250 Milliarden Euro bringen.“ Für verändertes Verbraucherverhalten plädiert Petra Ramsauer zum Schluss ihres lesenswerten Buches:“Laut einer Untersuchung … landet jeder fünfte Laib Brot, der in Österreich produziert wird, am Müll. Eine Ursache für diese Verschwendung ist, dass jeder bis zum Geschäftsschluss eine große Auswahl von Produkten erwartet und am nächsten Tag kaum bereit ist, ‘altes’ Brot zu essen. Umso mehr zeigt sich, wie verrückt und dekadent unsere Welt geworden ist. Es ist so banal. Dies wieder und wieder festzustellen, doch die Folgen dieser Ungleichheit sind tödlich. Für 5 Millionen Kinder pro Jahr.“

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Beate Klarsfeld

Die Geschichte des PG 2633930 Kiesinger Dokumentation mit einem Vorwort von Heinrich Böll (Melzer Verlag) Darmstadt 1969

Biografisches

Der dritte Kanzler der Bundesrepublik, Kurt Georg Kiesinger, war bei seiner Wahl 1966 umstritten wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit. Geboren wurde er 1904 in Ebingen in Schwaben. Nach dem frühen Tod seiner Mutter entstammen sechs Stiefgeschwister der zweiten Ehe seines Vaters Christian Kiesinger.Kiesinger bestand die „Einjährigen“- Prüfung und trat in das katholische Lehrerseminar in Rottweil ein. Er war Mitglied der konservativen Korporationen „Sif -Sippia“ und „Laetitia“. Das Abitur holte er an einem Stuttgarter Gymnasiun nach. Damals entstand sein Plan, in den diplomatischen Dienst einzutreten. 1926 ging Kiesinger nach Berlin: Er studierte dort zunächst Neuphilologie, später Jura. Dort schloss er sich der katholischen Studentenvereinigung „Askania“ an sowie dem „Görres Ring“. Damals lernte er Konrad Adenauer kennen, der sowohl Oberbürgermeister von Köln als auch Präsident des Preußischen Staatsrates war. Er war wiederholt Gast im „Herrenklub“ des späteren Reichskanzlers Franz von Papen. Am 1. 3.1933 wurde Kiesinger – nur wenige Stunden nach dem Reichstagsbrand- Mitglied der NSDAP. Die Mitgliedsnummer ist oben schon genannt, zwei Monate später wurde sein späterer Kollege Hans Fritzsche, Angeklagter in Nürnberg, Parteimitglied. Über die Motive seines Eintrittes meinte Kiesinger: „Meine Freunde aus der katholischen Verbindung und ich meinten, man müsse doch irgendwie auf die Entwicklung Einfluß nehmen…“

 

Schwer verständlich äußerte er sich am 4.7.1968 vor dem Landgericht Frankfurt über seine NSDAP – Mitgliedschaft: „Nicht aus Überzeugung, und nicht aus Opportunismus. Ich habe mich dann in den ersten Jahren 33/34 gleich umgesehen. Dann habe ich Verbindung zum NSK*1 aufgenommen … Auch Veranstaltungen des nazistischen Juristenbundes habe ich mir angesehen, habe mich dann aber geweigert, dort einzutreten. Ab 1934 sah ich sehr klar, wohin der Weg lief…“

 

Auswärtiges Amt – Rundfunkpolitische Abteilung

Offiziell wurde Kiesinger in das Auswärtige Amt „dienstverpflichtet“. Dem widerspricht, dass er von entscheidender Stelle für würdig befunden wurde, in leitender Funktion im Auswärtigen Amt tätig zu sein. Dort war er Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter (WHA). Er begann seine Laufbahn nicht als Jurist, sondern als Nachrichten- und Rundfunkpolitiker in der Kulturpolitischen Abteilung (Kult R). 1941 entstand die Rundfunkpolitische Abteilung. Im Oktober und November 1940 erfolgte die Bildung des Kolonialreferates in der Kulturabteilung mit den Mitarbeitern: Dr. Markus Timmler, Referent Zschäck und WHA Kiesinger. 1943 wurde Kiesinger stellvertretender Abteilungsleiter. Übertragen wurden ihm die Referate:

Ru A – Referat Rundfunkeinsatz, Internationale Rundfunkbeziehungen und Rundfunkrecht, technische Angelegenheiten und

Ru B – Allgemeine Propaganda, Koordinierung der Länderreferate, Verbindung zum Propagandaministerium

Kiesinger bestimmte, was in den Referaten geschah und ließ sich regelmäßig Bericht erstatten. In fast fünfjähriger Tätigkeit gingen tausende Dokumente mit nationalsozialistischem Inhalt durch seine Hände. In der Interradio AG hatte er eine Schlüsselfunktion, er war Teilnehmer von Beratungen einflussreicher Propagandagrößen, z.B. am 16.12.1943 an einer von Fritzsche geleiteten Beratung im Propagandaministerium. Eine Woche später verlautet in einem Protokoll über eine abermalige Beratung folgendes: „Kiesinger schlägt vor, einen Sender der kleinen Staaten, einen sogenannten Neutralitätssender laufen zulassen, der als Endziel in ‘neutraler Form’ doch die Richtigkeit der deutschen Belange den Hörern einzufiltern versucht. Hierzu soll Ministervorlage gemacht werden.“

Beispiele der Tätigkeiten Kurt Georg Kiesingers

Nach der Kapitulation Frankreichs wurde eine Reise nach Frankreich geplant. Am 18. Juli 1940 hieß es dazu: „Die Reise steht unter Leitung von Herrn Kurt Georg Kiesinger, der zugleich auch für die politische Zensur …verantwortlich ist …“ Dieser verfasste dazu einen Bericht, in dem es hieß: „Die Reportagen verfolgen den Zweck

  1. den Hörern einen Eindruck zu geben von der unwiderstehlichen Kraft der deutschen Waffen im Kriege und
  2. von der Haltung und Leistung des Siegers während des Krieges und nach Beendigung derKampfhandlungen“

Unter der Regie von Kurt Georg Kiesinger stand am 18.9.1941 eine „Liste der Persönlichkeiten, die für Rundfunkaufrufe gegen den Bolschewismus dem Herrn RAM vorgeschlagen werden“.

  1. Länder, aus denen offizielle Persönlichkeiten sprechen können

    Italien: Minister für Volkskultur Pavolini

Rumänien: Stellvertretender Ministerpräsident Mihai Antonescu

Ungarn: Ministerpräsident aund Außenminister Bardossy

Slowakei: Ministerpräsident Tuka oder Innenminister Mach

Kroatien: Kriegsminister Feldmarschall Kavternik

Finnland: Generalfeldmarschall Mannerheim

  1. Länder, aus denen keine offiziellen Persönlichkeiten in Frage kommen

Spanien: Befehlshaber der Blauen Division General Munes Grande

Dänemark; Kommandeur der Freiwilligendivision Kryssning

Norwegen: Quisling oder Knut Hamsun

Schweden: Sven Hedin

Holland: Führer des NSB Mussert, oder Präsident der niederländischen Bank, Rost von Tonningen

Belgien: Für Flamen: Leiter der VNV Staff de Clerque

Für die Wallonen: Léon Degrelle

Frankreich: Alfonse de Chateau-Briand, Herausgeber der der Zeitschrift „Le Gerbe“ oder Marcel Déat, Leiter des Rassemblement Nationale Populaire oder Robert Brasillach, Herausgeber der Zeitschrift „Je suis Partout“

Zum Thema Griechenland hieß es in einer Sendung vom 19.4.1941: „Athener! Trinkt kein Wasser, die Engländer haben ein fast unglaubliches Vorhaben ausgeführt. Beamte des englischen Geheimdienstes haben den Marathon-See von der Nordostseite her mit Typhusbazillen infiziert, um den Deutschen einen englischen Empfang zu bereiten. Daß dabei nicht die Deutschen, sondern viele Tausende von Athenern zugrunde gingen, ist den Briten gleichgültig…“ Im Zusammenhang mit den antijüdischen Kampagnen des Auswärtigen Amtes charakterisierte der damalige Unterstaatssekretär Baron Steengracht von Moyland bei seiner Vernehmung vor dem Nürnberger Tribunal Kiesinger folgendermaßen: „Kiesinger war der Vertreter von Rühle, Chef der Rundfunkabteilung des AA. Er war eine gewissenhafte Arbeitskraft.“

Welches Verhältnis hatte Kiesinger zum Nationalsozialismus?

In einem Beitrag meint Martin Hirsch (SPD) in der Festausgabe zu Kiesingers 80. Geburtstag, dem Kiesinger als Rechtslehrer 1935/36 begegnete: “Es mag sein, daß Kiesinger damals im Gegensatz zu mir gehofft haben mag, das Naziregime könne doch erträglicher werden oder gar sich selbst kurieren können. Vielleicht war dies der große Irrtum seines Lebens, der ihn dann während des Krieges zu seiner Tätigkeit im Auswärtigen Amt veranlaßt hat. Sicher aber ist, ein Nazi war Kurt Georg Kiesinger ganz gewiß nicht.” Im Gegensatz dazu urteilt Beate Klarsfeld in ihrem Buch dazu: „Es ist geradezu ausgeschlossen, daß Kurt Georg Kiesinger monate- und jahrelang mit geistigen Scheuklappen seine Diensträume in der Saarlandstraße 60 betrat, Zimmer an Zimmer mit Leuten wie Dr. Ahrens und Prof. Mahr zusammenarbeitete, Dienstbesprechungen leitete und sich Berichte schreiben ließ, aber nicht gewußt haben will,was sich in den Nachbarzimmern tat. Nicht gewußt haben will, womit sich AA-Beamte und -Angestellte beschäftigten, die zum Teil viel länger in den Diensten der Rundfunkpolitischen Abteilung (einschließlich dem Vorgänger Kult-R) standen, die er aber allesamt im Tempo der Beförderungen überflügelte.“ (S. 56)

1 Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps – bedeutendes Mitglied: Franz Josef Strauß. Die Mitgliedschaft wuchs in den Jahren von 1934 bis 1940 von 10.000 auf weit über eine halbe Million an.

Christian Schauer, März 2012

Veröffentlicht 14. September 2015 von schauerchristian in Buchbesprechungen

Islamisch christliche Zusammenstöße

Bevor die Zusammenstöße beschrieben werden, soll hier kurz die Ausbreitung des Islam nach dem Tod Mohammeds berichtet werden.

Bereits 629 war ein arabisch-islamisches Heer in Palästina eingefallen, jedoch von oströmischen und christlich-arabischen Verbänden geschlagen worden. Im Herbst 633 rückte nun wieder eine starke Armee nach Palästina und Syrien vor. Sie konnte kleinere oströmische Verbände schlagen, kam aber insgesamt nur schwer voran. Tatsächlich leisteten die oströmischen Truppen zum Teil erbitterten Widerstand. So forderte der Kalif Abu Bakr beim Kommandeur der Truppen im Südirak, Al – Walid, dringend Verstärkung an:„Beeilt euch! Beeilt euch! Denn bei Gott, die Eroberung eines Dorfes in Syrien kommt mich teurer zu stehen als eine ganze Provinz im Irak.“

Mit Hilfe der angeforderten Verstärkung wurde der oströmische Widerstand nun gebrochen. Kaiser Herakleios, der nicht mit einem Angriff von solcher Wucht aus der Wüste gerechnet hatte, sandte entschlossen stärkere Truppen nach Syrien, die jedoch Mitte 634 südwestlich von Jerusalem geschlagen wurden.
Die Araber eroberten Damaskus 635, dessen Bevölkerung jedoch geschont wurde. Die Stadt  hatte sich ergeben. Der Kapitulationsvertrag der Stadt sollte Modellcharakter erhalten, wonach die Bevölkerung die Kopfsteuer zu entrichten hatte, aber ansonsten weitgehend ungestört blieb.

Am 20. August 636 fand die Schlacht am Jarmuk im heutigen Jordanien statt. Die oströmischen Truppen waren zwar in der Überzahl, jedoch auch erschöpft vom Marsch und taktisch unterlegen. Die Überlegenheit der arabischen schnellen leichten Reiterei, die Streitigkeiten im kaiserlichen Oberkommando und topografische Nachteile bewirkten, dass die Oströmer vernichtend geschlagen wurden, womit das bislang christlich bestimmte Schicksal Syriens und Palästinas besiegelt war. Herakleios, der nur Jahre vorher mit Mühe die Perser abgewehrt hatte, sah sein Lebenswerk zusammenbrechen und verließ Antiochia, bevor auch diese Stadt an die Araber fiel.

638 kapitulierte das isolierte Jerusalem zu günstigen Bedingungen, das Heilige Grab fiel in die Hände der Araber. Cäsarea in Palästina fiel 640 in arabische Hände – es war die letzte byzantinische Bastion Den Arabern stand nun keine Feldarmee mehr im Weg, so dass sie nach Ägypten vorstießen, wo sie im Juli 640 die Oströmer in der Nähe der heutigen ägyptischen Hauptstadt Kairo schlugen. Alexandria fiel endgültig im Jahre 642 in ihre Hände. Nachdem der organisierte militärische Widerstand der kaiserlichen Truppen gebrochen war, arrangierte sich der größte Teil der Zivilbevölkerung in Syrien und Ägypten mit den Arabern – dies umso eher, als die dortigen Christen zumeist  Monophysiten  waren und sich im Dauerstreit mit den orthodoxen Kaisern befunden hatten.
Im Norden überrannten die Araber Armenien  bis in die Mitte des 7.Jahrhunderts, während in Kleinasien die Gebirgskette des Taurus ein schnelles Vordringen verhinderte. Die Oströmer wichen einer erneuten Feldschlacht aus, so dass Kleinasien letztlich gehalten werden konnte.

In Nordafrika kämpften sich die Araber bis nach Marokko vor. Das oströmische Karthago vermochte sich jedoch bis 697/698 zu halten, denn auch die Berber  bekämpften die Araber, wie sie zuvor die Römer bekämpft hatten. Doch für Byzanz blieb entscheidend, dass das Imperium mit den vorderorientalischen Besitzungen zwei Drittel seines Territoriums und gut die Hälfte der Bevölkerung verloren hatte.
Byzanz brauchte Jahrhunderte, um sich von diesem Schock zu erholen und wieder in die Offensive zu gehen. Doch blieb der Verlust nordafrikanischer Territorien wie auch von großen Teilen Syriens und Palästinas endgültig; er besiegelte das Ende der spätantiken Phase des Reiches, das in der Folge administrativ, militärisch und strukturell einen massiven Wandel durchlief.
Sehr viele Flüchtlinge strömten in die byzantinischen Gebiete und stärkten somit langfristig gesehen das Kaiserreich, das nun gänzlich seinen lateinisch-römischen Charakter verlor und sich zum griechisch-byzantinischen Reich des Mittelalters wandelte.

Islamisch christliche Zusammenstöße des Mittelalters und der frühen Neuzeit

711 kommt es zum ersten Aufeinandertreffen des militärisch expandierenden Islam mit einem christlichen Staat. Ein islamischer Historiker schreibt zur Vorgeschichte: „Der Feldherr Tarik Ibn Zejjad kämpfte im Gebiet von Tanger. Da traf er in der Stadt Ceuta auf einen Mann, dessen Name war Julian. Er war dem Goten Roderich, dem Herrn von El Andalus, untertan. Julian hatte eine seiner Töchter an den Hof des Roderich geschickt. Roderich aber hatte das Mädchen schwanger gemacht. Aus Zorn über diese Schandtat hatte Julian geschworen, er werde die Araber nach El Andalus holen.“ Tarik stimmte mit dem Kalifen überein, dass das Hilfegesuch ausgenutzt werden sollte, um in El Andalus Fuß zu fassen. Julian war ein Lehensmann des verdrängten Königs Witiza, den Roderich verdrängt hatte. Die gotische Oberschicht war also zerstritten, was den eroberungswilligen Muslimen zugute kam. Tarik sprach vor der Invasion folgende Worte:“ Der Prophet Mohammed, Allah gebe ihm Frieden, ist mir erschienen. Er war umgeben von vielen Helden aus Mekka und Medina. Alle waren bewaffnet mit Schwertern, Lanzen und Bogen. Mohammed hat mir zugerufen: Schreite Vorwärts, Tarik! Führe aus, was du dir vorgenommen hast. Dann sah ich, wie der Prophet am Himmel entlang zog, weit über das Wasser hin bis nach Al Andalus.“

Der Sieg der Muslime bei Xeres de la Frontera 711 beendete das Gotenreich, König Roderich verschwand in der Versenkung. Hartnäckigen Widerstand leisteten die Festungen Cordoba und Granada. Neben Plünderungen gab es den Raub einheimischer Frauen, nach arabischen Angaben mussten dreißigtausend Frauen sich auf den Weg zu den Sklavenmärkten der arabischen Welt machen. Innerhalb von vier Jahren war El Andalus erobert, ein eigener Statthalter regierte weitgehend selbständig. Weiter nach Norden zu ziehen war die Devise der Araber. Einen ersten Misserfolg gab es 721, die Eroberung von Toulouse misslang, der König von Aquitanien kam dazwischen, als die Festung schon sturmreif war. Die weiteren Vorstöße erfolgten von Narbonne aus 725, das Land an den Ufern der Rhone sollte erkundet werden, Arles und Avignon bildeten weitere Stützpunkte. Auf viel Gegenwehr stießen die Muslime nicht, geplündert wurden die Klöster Chalon-sur- Saone, Macons undLuxeuil. Das fränkische Reich war durch Adelsfehden geschwächt, lange gab es keine starke Zentralgewalt. Die Eroberung der Stadt Bordeaux in Aquitanien war ein weiterer Sieg der Muslime, König Eudo hatte einen wichtigen Stützpunkt verloren. Aus Frustration verbündete er sich sogar mit seinem langjährigen Feind Karl Martell, dem karolingischen Hausmeier, der die Macht in Franken gewonnen hatte. Karl Martell war entschlossen, gegen die Muslime unter ihrem Feldherren Abdel Rahman Ibn Abdallah zu Felde zu ziehen. Dazu wurde der Heerbann, die allgemeine Mobilmachung, ausgerufen.

Auch Klöster und Kirchen sollten einen Beitrag leisten. Manche Prediger riefen zum Glaubenskampf, das Kreuz müsse gegen den Halbmond siegen, aus allen Gegenden Frankens strömten Krieger herbei nach Westen, den Reitertrupps der Muslime entgegen, die sich zunächst in Sicherheit wiegten. Sie wollten die christlichen Wallfahrtsorte Tours und Poitiers überfallen, in denen prächtige Schätze lagerten. Die Plünderung von Poitiers gelang, die anschließende Schlacht von 732 (bei Tours und Poitiers) endete mit einer Niederlage der Muslime, bei der der Feldherr Abdel Rahmann ums Leben kam., das Reiterheer wurde nicht vernichtet, das Frankenreich erwies sich als stärker. Die islamische Expansion war gestoppt. Karl Martell wird seither als Retter des Abendlandes gefeiert, für Muslime war es die „Schlacht der Millionen Tränen“. Ob der Vormarsch der Araber nach Mitteleuropa nach einer Niederlage der Franken nicht mehr aufzuhalten gewesen wäre, ist fraglich. Man geht davon aus, dass die Araber bei einem Sieg nicht in der Lage gewesen wären, eine Vorherrschaft langfristig zu sichern, weil es einfach zu wenige waren. Tausende Soldaten sind alleine nicht in der Lage, ein Land zu verwalten. Aktueller Bezug: nach dem Feldherrn Tarik ist in Frankfurt eine Moschee in der Mönchhofstraße benannt.

Die Eroberung Konstantinopels 1453 traf das oströmische Reich tödlich, kein anderer christlicher Staat war zur Hilfe bereit. Sultan Mehmet II. galt zunächst als Schwächling und wurde doch wegen seiner Entschlusskraft bekannt. Schon Anfang 1451 baute er eine riesige Festung am Bosporus auf dem Territorium des Kaiserreichs. Die Truppen Konstantinopels waren nicht in der Lage, den Bau dieser Festung zu verhindern, im August 1452 war das Bauwerk fertiggestellt. In Zukunft mussten Schiffskapitäne ihre Ladungen hier inspizieren lassen. Bei Zuwiderhandlungen drohten drastische Strafen. Eine venezianische Galeere wurde versenkt, die Besatzung enthauptet, der Kapitän gepfählt. Unter hunderttausend Mann bereiteten sich auf die Belagerung Konstantinopels vor. Die Belagerungsartillerie des Sultans war gefürchtet, allen hervorragend kämpfenden Soldaten wurde das Paradies versprochen. Die Eroberung dieser wichtigen Stadt sei Allah und dem Propheten angenehm. „Die Einnahme von Konstantinopel ist der höchste Triumph des Islam.“ 1453 wurde die Lage für Konstantinopel ernst, die Abschließung war vollkommen. Kriegsführung im Namen des Islam bedeutete damals, den Herrscher dazu aufzufordern, zu kapitulieren, mit der Zusicherung, Güter und Menschenleben würden verschont. Der Befehl wurde zurückgewiesen, danach begann die Beschießung der Wälle, Ende Mai 1453 begann der Sturm, Zehntausende Christen zogen sich in die Hagia Sophia zurück und beteten. Vergeblich hoffte man, die Kirche würde verschont. Jung und alt wurden weggeführt und waren für Sklavenmärkte bestimmt, Ältere wurden erschlagen.1 Konstaninopel wurde gründlich geplündert, selbst religiöse Gegenstände wurden nicht verschont. Sultan Mehmed II. zunächst frustriert vom Grad der Zerstörung, starb 1481. Seine Hauptstadt war zu dieser Zeit ansehnlich, die Kirchen waren in Moscheen verwandelt worden.

Aktueller Bezug: nicht wenige Moscheen sind nach diesem Mehmed II., dem Eroberer, benannt. Der Name „Fatih“ („Der Eroberer“) deutet darauf hin. Protobeispiel ist die Bremer Moschee. Andere Moscheen tragen den Namen „Ayasofya“ und repräsentieren die Umwidmung der christliche Hagia Sophia in eine Moschee. Ayasofya-Moscheen gibt es unter anderem in Nürnberg, Oberhausen, Karlsruhe und Neuss. 2 Ganz in der Nähe in Aschaffenburg heißt eine Moschee „Ayasofya Cami“.

1529 kam es zum ersten Zusammenstoß zwischen einigen christlichen Staaten und dem osmanischen Reich vor Wien. Suleiman der Prächtige sah sich als Stellvertreter des Propheten an: „Ich, dessen Macht aufrechterhalten wird durch die Gnade des Allmächtigen, durch die Segnungen des größten seiner Propheten, durch den Schutz der vier ersten Begünstigten desselben, ich, Schatten Gottes über beide Welten“ so schrieb er an den König von Frankreich. Sein Schwiegersohn Mustapha äußerte 1528: „Weißt Du nicht, dass unser Herr der nächste ist nach Allah, dass wie nur eine Sonne am Himmel, so auch er der einzige Herr auf Erden ist?“

Anfang Mai 1529 setzte sich ein osmanisches Heer in Marsch zum Heiligen Kriege. „Und von da an wälzte sich nun ohne weiteren Widerstand das barbarische Heer nach den deutschen Grenzen, nach einem Lande, sagen die osmanischen Geschichtsschreiber, in das noch nie die Hufe moslemischer Rosse eingeschlagen. Da traf die orientalische Weltmacht …. mit den Kernlanden des okzidentalischen Lebens, in denen die unterbrochenen Kontinuitäten des Fortschritts des allgemeinen Geistes ihren Sitz genommen und in vollen Trieben war, zusammen.“3

Bei der Belagerung mussten Vorstädte geopfert werden. Ausfälle endete zunächst nicht glücklich, den Gefallenen wurden die Köpfe abgeschlagen, auf Stangen gespießt und als Trophäen in das Zelt des Sultans gebracht. Gefangene wurden vom Sultan mit der Mission betraut, für eine Kapitulation zu werben, nach der die Stadt von den Muslimen verschont werde. Das wechselseitige Stollentreiben entwickelte sich zur Kriegsstrategie, Sprengkammern zur Zerstörung von Mauern wurden angelegt.

In Flugblättern wurde auf christlicher Seite die Angst folgendermaßen ausgedrückt

Ach der Herre Gott im höchsten Thron,

Schau dir diesen großen Jammer an.

So der türkisch wütend Tyrann

Im Wienerwalde hat getan.

Elend vermordet er Jungfrauen und Frauen.

Die Kinder mitten entzwey gehauen

Zertreten und entzwey gerissen

An spitzig Pfahl tet er sie spiessen.

O unser Hirte Jesu Christ

Der du gnedig und barmherzig bist

Dein Zoren von dem Volk abwendt

Erett es aus der Türken Hend

Trotz ungemütlicher Lage war Kaiser Karl V. nicht bereit, für die Rettung der Stadt Soldaten aufzutreiben. Seine Widersacher waren der König von Frankreich, der Papst und die Republik Venedig. König Ferdinand appellierte am 28.August 1529 an die gesamte Christenheit, der Stadt Wien zu helfen – vergeblich, dem türkischen Sultan blieb dies nicht verborgen.

Viermal gab Suleiman den Angriffsbefehl, dreimal hätten es ritterliche Werte nur erlaubt,. Wahrscheinlich war es der hereinbrechende Winter (Oktober), der Suleiman aufgeben ließ. In einem Kriegstagebuch hieß es: „Vom Morgengebet bis zum Abend schneite es in einem fort. Einige der Soldaten fanden wegen einer Überschwemmung ihr Gepäck nicht wieder.“ Unter hohen Opfern der Bevölkerung war die Stadt gerettet worden.4

Die weiblichen Gefangenen klagten

Ach weh uns armen Frawen weh

Nun werden wir frolich nymer meh

Seyd wir von den Thürkische mannen

Ins Elend wern geführt von dannen

Aus unserem Christenvaterland

Von Ehr und Gut in Laster und Schand

Von Eltern, Männern, Kindern, Freunden,

Hin zu den unchristlichen Fremden

Nun haben wir auf Erd kein Trost

Dass wir vom Thürcken würden erlöst

1532 führte Suleiman dann Krieg in der Steiermark. Ferdinand erklärte sich bereit, jährlich 30 000 Gulden zu zahlen, wer zahlte galt als abhängig.

Eine der merkwürdigsten Auseinandersetzungen zwischen Türken und Christen fand 1565 um Malta statt, das die Türken vom 18. Mai bis zum 8. September 1565 belagerten. Wie durch ein Wunder konnte das zahlenmäßig weit unterlegene Heer des Johanniterordens, der in Malta beheimatet war, den türkischen Ansturm zurückschlagen. Ein spanisches Entsatzheer war zu Hilfe gekommen. Der Großmeister (Führer) des Johanniterordens, Jean Parisot de la Valette, konnte die Insel dem Orden für mehr als zwei Jahrhunderte retten. Die nach ihm benannte Stadt La Valletta wurde kurz darauf gegründet. Der Erfahrungssatz „Der Türke kehrt immer zurück“ traf diesmal nicht zu. Das Arsenal von Konstantinopel wurde wahrscheinlich von Spionen des Ordens in die Luft gesprengt, Werft und Flotte des Sultans Suleiman weitgehend zerstört. 1566 starb schließlich der Sultan während eines Feldzuges in Ungarn. (Fußnote 4a)

Die zweite Belagerung Wiens durch die Türken endete erfolgloser als die erste. Zwei Monate lang belagerte ein türkisches Heer mit einem riesigen Troß die Stadt Wien.Am 12. September 1683 besiegten polnische, sächsische und habsburgische Truppen unter Erzherzog Karl von Lothringen und dem polnischen König Johann III. Sobieski die Osmanen in einer langen und blutigen Schlacht. Die Beute der Sieger war enorm, als „Türkenbeute“ ist sie in Völkerkundemuseen zu sehen. Nutznießer des Sieges war in erster Linie Habsburg. Für die Osmanen war die Niederlage verheerend, der Großwesir Mustafa Kara wurde umgebracht. Das osmanische Reich hatte nicht mehr die Kraft, derartige Niederlagen wegzustecken. Es brauchte die Beute, um sich selbst bezahlen zu können. (Fußnote 4b)

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Großwesir Kara Mustafa

Aktueller Bezug dazu in der FR vom 6.6.2005

Kara Mustafa · Der in Wien aufbewahrte Kopf des türkischen Großwesirs, erfolgloser Feldherr bei der Belagerung Wiens 1683, soll endlich eine letzte Ruhestätte finden. Noch liefen Versuche, die mangels Totenschein unbestätigte Echtheit des Schädels zu prüfen, berichtete die österreichische Nachrichtenagentur APA. Der osmanische Großwesir Kara Mustafa Pascha (1635/36- 1683) hatte 1683 den Feldzug gegen Österreich und die Zweite Türkenbelagerung Wiens geleitet. Wegen Misserfolgs ließ ihn der Sultan später köpfen. Im Zug der habsburgischen Eroberung Belgrads kam der Schädel nach Wien. Die Türkei bezweifelt die Echtheit des Schädels und zeigte bisher kein Interesse, ihn zurückzuerhalten. dpa

 

Endgültig geschlagen wurden die Türken in der Schlacht von Peterwardein vom 5.August 1716. Der türkische Großwesir erlitt ein melancholisches Schicksal. Als er seine Reiterei auf dem Rückzug, die Janitscharen wanken und sein Heer fliehend sah, stürzte er sich in das Kampfgetümmel. Eine österreichische Kugel traf ihn tödlich. Eugen gewann die Schlacht nach fünf Stunden, die Türken mussten 6000 Tote hinnehmen. Das türkische Lager fiel mit reicher Beute in die Hände der Kaiserlichen: Geschirre und Sättel der Pferde, persische Teppiche und Stoffe, Pferde und Kamele. Der siegreiche Feldherr behielt das Zelt des Großwesirs, luxuriös und mit Räumen aus Gold und Seide; 500 Mann waren erforderlich, um es aufzuschlagen. „Innerhalb der gesamten Christenheit herrschte freudige Erregung über die Niederlage der Ungläubigen bei Peterwardein. In Wien waren die Straßen voll von Menschen und in Rom wurden auf Anordnung des Papstes alle Glocken geläutet und die Straßen der Stadt beleuchtet. An Eugen sandte der Papst einen Ehrendegen und Hut in Anerkennung der überragenden militärischen Verdienste des Prinzen um die Christenheit und die katholische Kirche.“5

Legen wir die Ereignisse von 1571 nach, die einen weiteren Höhepunkt türkisch-habsburgischer Auseinandersetzungen bildeten. 1568 wird Don Juan D’Austria, ein unehelicher Sohn Karls V., zum Oberbefehlshaber der spanischen Mittelmeerflotte ernannt. Seine Worte bei seiner Ernennung sprechen von hohem Selbstbewusststein: „Diese Flotte, an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe, ist die schönste der Welt und gleichzeitig die mächtigste, die dem Halbmond bisher entgegengetreten ist. Auf uns ruhen die Augen der gesamten Christenheit. So bin ich denn entschlossen, sofort die türkische Flotte zu suchen und zu besiegen.“6 Der Feldherr weiter: im Jahre 1565 habe das Selbstvertrauen der osmanischen Feldherren schweren Schaden erlitten, ihr Glaube an Allahs Beistand sei erschüttert worden. D’Austria weiter: „Nicht nur die Küsten sind Bedroht durch die Galeeren der Barbaren, auch die heilige Stadt Rom liegt ungeschützt, den Moslems zur Beute preisgegeben. Das Grab des Petrus zuschänden, das ist die Absicht der Ungläubigen. Ist Rom aber gefallen, dann ist die Sache Christi verloren in Europa.“ Wieder einmal wird die Entscheidungsschlacht zwischen Kreuz und Koran geschlagen. Die Schlacht fand am 7. Oktober 1571 bei Lepanto statt. Der türkische Befehlshaber, Ali Pascha, wurde erschlagen. Die Heilige Liga siegte, doch war ihr Sieg nicht vollständig. Der Gouverneur von Algerien, Uluch Ali, konnte einen Teil der Schiffe an Sultan Selim II. zurückbringen. Schon ein Jahr später war die türkische Flotte reorganisiert. Zypern wurde 1573 von Venedig aufgegeben, obwohl die Heilige Liga für dieses Gebiet gekämpft hatte. Die Vertreibung der Portugiesen aus dem Indischen Ozean, die Uluch Ali bezweckte, gelang unter Sultan Murad III. nicht, der Christen mehr im eigenen Land bekämpfte. Kirchen wurden unter seiner Herrschaft in Moscheen umgewandelt. Nach der Schlacht von Lepanto wurden weder Italien noch Spanien mehr von türkischen Geschwadern bedroht. Die islamische Energie zur See war erloschen. Das Ereignis war so bedeutend, dass es sogar auf dem Deckengemälde der „Kirche zu Unserer Lieben Frau“ in Günzburg bildlich dargestellt ist. Maria greift in den Entscheidungskampf zwischen der christlich-abendländischen und der türkischen Flotte ein.7

 

1 Gerhard Konzelmann, Die islamische Herausforderung, München 1988,  S. 158

2 Udo Ulfkotte, Der Krieg in unseren Städten. Wie radikale Islamisten Deutschland unterwandern, Frankfurt am Main 2004, s. 104 ff.

3 Leopold von Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation Band 2, Hamburg o. J., S.107

4 Gerhard Konzelmann, Die islamische Herausforderung, München 1988, S. 172

4a Vgl. Ingeborg Tetzlaff, Malta und Gozo, Köln 1988 (DuMont Kunst-Reiseführer), S. 67 ff.

4b Michael Neumann-Adrian, Christoph K. Neumann, Die Türkei. Ein Land und seine 9000 Jahre alte Geschichte, München 1990, S. 257

5 Nicholas Henderson, Prinz Eugen. Der edle Ritter, München 1978 (Heyne Biographien), S. 310

6 Konzelmann, a.a.O., S. 199

7 Kirche zu Unserer Lieben Frau in Günzburg, Führer, S. 14

1860: Das Massaker an Christen in Damaskus

Wahrscheinlich starben über 3.000 Personen in den Christenvierteln von Damaskus im Juli 1860. 32.000 Christen lebten damals in dieser Stadt. Der türkische Gouverneur hatte wenig dagegen getan. 1260, sechshundert Jahre vorher, war es zu einem Pogrom an Christen gekommen. 1258 hatten die Mongolen Bagdad erobert. Arabische Christen aus Damaskus hatten sich hilfesuchend an die Mongolen gewandt, um Unterstützung gegen die Mamluken zu erhalten. Der Sultan Baibar konnte die Mongolen vertreiben und wütete darauf gegen die Christen von Damaskus. In der syrischen Hauptstadt entzündeten sich die Feindseligkeiten im Streit zwischen arabischen und christlichen Kaufleuten. Hintergrund bildete die Tatsache, dass von den Franzosen betriebene Schulen mit westlichen Lehrplänen auch für die muslimische Oberschicht Anklang fanden, was den geistlichen Rechtsgelehrten mißfiel.

Zu Massakern kam es auch im Libanon. Frankreich nutzte sie, um im Libanon und Syrien als Schutzmacht der Christen aufzutreten. 8 Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wuchs der christliche Einfluss im Nahen Osten trotz dieser Massaker.

8 Vgl. Gerhard Schwarzer, Syrien verstehen- Geschichte Gesellschaft und Religion, Stuttgart 2015, S. 265 ff.

Nazis in Argentinien, Die Zeit der Schuldlosen, Opfer der Pflicht

Nazis in Argentinien, Die Zeit der Schuldlosen, Opfer der Pflicht

Peter Z. Malkin, Ich jagte Eichmann. Der Bericht des israelischen Geheimagenten, der den Organisator der „Endlösung“ gefangennahm, Müchen 1990 (Piper Verlag)

Peter Malkin (1927 bis 2005) nimmt als israelischer Agent Eichmann im Mai 1960 in Buenos Aires gefangen. Immer wieder sucht er das Gespräch mit ihm.

„Nachdem wir erst einmal angefangen hatten, dauerte es nicht lange, bis wir zum Kern kamen.

‚Wie ist es dazu gekommen?‘ fragte ich.’Wie kam es, daß Sie das getan haben?‘

Eichmann schien nicht im mindesten überrascht zu sein. ‚Es war ein Auftrag‘, sagte er gleichmütig.’Ich mußte den Auftrag erfüllen.‘

‚Nur ein Auftrag?‘

Er zögerte, vielleicht irritierte ihn meine Reaktion. ‚Sie müssen mir glauben, es war nichts, was ich geplant hatte oder mir ausgesucht hätte.‘

‚Aber warum Sie? Sagen Sie mir genau, wie es dazu gekommen ist.‘

So erzählte er mir die Geschichte seines frühen Aufstiegs in der SS, schilderte, wie er am Anfang todlangweilige Aufgaben bekam und deshalb begeistert die Gelegenheit ergriff, für das neue ‚Jüdische Museum‘ zu arbeiten, das im Hauptquartier aufgebaut wurde.

Ich merkte bald, daß Eichmann gern redete, vor allem über sich, und daß er einen scharfen Verstand hatte. Obwohl sein Ton respektvoll, manchmal geradezu servil war, ein gehorsames Kind, das einen guten Eindruck machen will, war er auch gerissen. Er wußte genau, wie er sich mit gegenüber verhalten mußte. Ich war vermutlich der erste Mensch, vor dem er sich rechtfertigen wollte- ganz bestimmt der erste Jude-, und doch ging er dabei mit kalter Gelassenheit vor. Er war scheinbar aufrichtig, frisierte aber manches zu seinem Vorteil und wies jede Verantwortung von sich, auch wenn er die Fakten in allen Einzelheiten bestätigte.

Die Dinge, meinte er, seien außer Kontrolle geraten. Aber das sei am Anfang nicht beabsichtigt gewesen, weder von seinen unmittelbaren Vorgesetzten noch von ihm. Er habe vom Büro aus gearbeitet und sich immer für Mäßigung ausgesprochen. Aber er sei Soldat gewesen- darauf war er ungeheuer stolz-, und ein Soldat sei nie auf sich allein gestellt. Wenn diejenigen an der Spitze Entscheidungen trafen und Befehle gaben, mußte gehorcht werden. Das war Pflicht. Nur das erkannte er als seine Verantwortung an.

Während ich ihm zuhörte, spürte ich, daß es nicht so leicht war, wie ich dachte, stichhaltige Antworten zu geben. Ich hatte geglaubt, er werde defensiv sein, er werde zumindest Reue vortäuschen. Statt dessen redete er, als ob er in jenen Jahren Buchhalter in einem Lebensmittelgeschäft gewesen wäre. …

‚Sie müssen mir glauben‘, fügte er plötzlich hinzu.’Ich hatte nichts gegen Juden.‘

‚Warum sind Sie dann überhaupt zur SS gegangen? Deren Ideologie war schließlich kein Geheimnis.‘

‚Aber ich stand damit nicht allein. Alle wußten, daß sich in Deutschland etwas ändern mußte; es war nur die Frage, in welcher Form. Die Zeiten waren schrecklich. Ich hatte Arbeit, habe in Oberösterreich Benzin verkauft, und für mich war die Lage nicht so schlimm. Es war eine der schönsten Gegenden der Erde. Die herrlichen Bergwälder hoben jeden Tag meine Stimmung. Aber der Mensch lebt nicht für sich allein. Hitler war der einzige, der das Volk gegen die Kommunisten vereinigen konnte. Er brachte die Hoffnung auf Arbeit und Brot. Ich gebe es offen zu; ich war so mitgerissen wie alle anderen.’” (S. 243 ff.)

Adolf Eichmann

Adolf Eichmann

Eugène Ionesco, Opfer der Pflicht, Frankfurt am Main 1961 (Fischer Verlag)

Gegen Ende dieses Einakters bohrt ein Dichter namens Nikolaus Zwei einem Polizisten das Messer in die Brust, und eine dabeistehende Frau ruft „Hör doch auf“.

Choubert: Ich bin ein Opfer der Pflicht

Nikolaus : Ich auch

Madeleine : Wir alle sind Opfer der Pflicht! Zu Choubert: Kauen

(S. 74)

Die Entzauberung des Herrenmenschen – Fortsetzung Malkin „Ich jagte Eichmann“

„Ich führte ihn in die etwa sechs Meter entfernte Toilette,zog die Schlafanzughose herunter und half ihm, sich zu setzen. Ich ließ die Tür angelehnt und ging ein paar Schritte weg.

Eine Minute verstrich. Dann noch eine.

‚Darf ich anfangen?‘ rief Eichmann.

Ich fing Uzis Blick auf und mußte mich körperlich anstrengen, damit ich nicht herausplatzte.

‚Jawohl!‘ kommandierte ich. ‚Sie können anfangen.‘

Das Verdauungssystem des Mannes mußte in einer fürchterlichen Verfassung gewesen sein.Es folgten Geräusche, die der Phantasie Hohn sprachen. Und nach jedem Furz und jedem langwierigen Gurgeln, nach jedem Ächzer und jedem qualvollen Schnauben entschuldigte er sich. Die Entschuldigungen wurden immer lauter, genau wie die Geräusche, bis es klang, als wende er sich an ein ganzes Bataillon.

‚Entschuldigen Sie.‘

Als wir hörten, wie es eskalierte -Furz, ‚entschuldigen Sie‘; Furz, ‚Entschuldigen Sie‘; Furz, ‚Entschuldigen Sie‘-, konnte Uzi sich nicht mehr zurückhalten. Mein Freund hielt sich den Bauch und stolperte rückwärts ins Wohnzimmer, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Ich versuchte, diskret zu sein, wenn ich schon nicht höflich sein konnte, und biß mir im vergeblichen Versuch, einen Lachanfall zu unterdrücken, auf die Unterlippe.

Aber falls Eichmann etwas davon merkte, falls er überhaupt verstand, daß irgend jemand die Szene komisch finden konnte, ließ er es sich nicht anmerken. Es dauerte weitere zehn Minuten, bis er endlich erklärte, er sei fertig, und um Erlaubnis bat, sich abwischen zu dürfen.“ (S. 239 f.)

Raul Hilberg, Sonderzüge nach Auschwitz, Berlin 1987

Wer sich auch nach Argentinien absetzte, war der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Albert Ganzenmüller, seit 1942 für den Schienenverkehr zuständig. Er gehörte seit 1931 der NSDAP an, war SA-Brigadeführer und Träger des Goldenen Parteiabzeichens. Ganzenmüller floh aus der Internierung nach Argentinien und wurde beratender Ingenieur der argentinischen Staatsbahn. Im Frühsommer 1952 kehrte er in die Bundesrepublik zurück, seit Juli 1952 war er in Diensten der Hoesch AG.

Obwohl er Staatssekretär war, wusste er angeblich nichts davon, dass die Menschen in den Viehwaggons in den Tod fuhren. Ganzenmüller war bereits 1964 im Treblinka-Prozess in Düsseldorf schwer belastet worden.Im April 1973 musste sich Ganzenmüller wegen Beihilfe zum Mord an mehr als einer Million Juden vor dem Schwurgericht in Düsseldorf verantworten. Auf Veranlassung von Reichsführer der SS. Heinrich Himmler, soll er Eisenbahnzüge bereitgestellt haben, mit denen von Juli 1942 bis Herbst 1944 mehr als eine halbe Million Juden in die Vernichtungslager Treblinka, Belcec, Sobibor, Auschwitz und Lublin transportiert wurden.

Über die Vernehmung von Ganzenmüller berichtete die Stuttgarter Zeitung ausführlich am 26. April 1973.

Vorsitzender Richter Legde:“Herr Dr. Ganzenmüller, was war Ihnen als Staatssekretär über die Pläne und Absichten der Reichsregierung bekannt, die Angehörigen der jüdischen Rasse in Europa zu vernichten?“

Ganzenmüller: „Ich hatte nie davon gehört, daß man die Juden vernichten will. Erst nach dem Kriege erfuhr ich es.“

Richter: „Hatten Sie denn nicht die Führer-Rede im Reichstag 1939 gehört?“

Ganzenmüller: „Nein.“

Richter: „Haben Sie den Stürmer gelesen?“

Ganzenmüller: „Nein, ich war viel zu sehr mit Arbeit überhäuft.“

Richter:“Und die Goebbels-Rede 1943 im Berliner Sportpalast, wo Goebbels offiziell von der ‚Ausrottung der Juden‘ sprach?“

Ganzenmüller:“Auch da war ich nicht dabei.“

Richter: „Wann hatten Sie erstmals den Ruf ‚Deutschland erwache – Juda verrecke‘ gehört?“

Ganzenmüller: „Nie.“

Keiner von ihnen ist an der Hitler-Katastrophe unmittelbar ’schuldig’“ meinte Hermann Broch in seinem Roman „Die Schuldlosen“. Die Gestalten seien unpolitisch – sie wissen von nichts. „Trotzdem ist gerade das der Geistes- und Seelenzustand, aus dem – und so geschah es ja – das Nazitum seine eigentlichen Kräfte gewonnen hat. Politische Gleichgültigkeit nämlich ist ethischer Perversion recht nah verwandt.“

Richter: „Im Herbst 1941 waren Sie längere Zeit in der Ukraine, in Poltawa. Dort wurden am 23. November 1538 Juden erschossen. Anschließend hingen entsprechende Plakate in den Straßen Poltawas aus. Was hörten und sahen Sie davon?“

Ganzenmüller: „Nichts … ich war in jedem Fall so weit weg, daß ich nichts gehört und nichts gesehen hatte. Die Front war damals ja 30 bis 40 Kilometer entfernt. Den Kanonendonner konnte man nicht hören.“

Richter: „Sind Ihnen dort die gelben Sterne aufgefallen, die Kennzeichen der Juden also?“

Ganzenmüller: „Nein, gelbe Sterne habe ich nie gesehen.“

Richter: „Am 16. Juli 1942 wurden Sie von SS-Obergruppenführer Wolff aus dem persönlichen Stab Himmlers angerufen und gebeten, Züge für den Abtransport der Juden in die Vernichtungslager bereitzustellen. Wie reagierten Sie?“

Ganzenmüller: „Wenn da ein General der Waffen-SS anrief, so werde ich mutmaßlich gedacht haben, muß es sich wohl um militärische Dinge handeln. Ich werde das Telefonat also an die Abteilung ‚Landesverteidigung‘ weitergegeben haben. Eine exakte Erinnerung habe ich allerdings nicht mehr… Im übrigen war ein Zug täglich von so geringer Bedeutung, daß ich nicht hätte eingeschaltet werden brauchen. SS-Obergruppenführer Wolff hatte sich da offensichtlich vertan. Mit so minimalen Dingen war ich nicht beschäftigt …“

Richter: „Ihr Geheimschreiben vom 28.Juli 1942 … an Himmlers Stab, demzufolge ab 22.Juli täglich ein Zug mit 5000 Juden nach Treblinka rollte und zweimal wöchentlich ein weiterer Zug in das Vernichtungslager Belzec, trägt aber Ihre Unterschrift. Ist sie echt?“

Ganzenmüller:“Ja. Das ist meine Unterschrift … aber ich hatte dem Vorgang keine Beachtung geschenkt … ich war so überlastet mit Arbeit, daß die Grenzen meiner Aufnahmefähigkeit damals überschritten waren…“

Richter:“5000 Juden täglich bedeutete 35000 Juden pro Woche, im Monat rund 150000 also! Machten Sie sich keine Gedanken darüber, was die dort wohl sollten?“

Ganzenmüller: „Ich sagte schon, den Inhalt dieses Schreibens hatte ich innerlich und geistig nicht aufgenommen…“

Richter: „Sie wollen behaupten, daß Sie einen Geheimbrief an den Stab des Reichsführers SS, Himmler, an den zweithöchsten Mann also im Dritten Reich, zwar unterschrieben, aber inhaltlich nicht zur Kenntnis genommen haben?“

Ganzenmüller: „Ja, so ist es. Der Brief ist sicherlich von einer Unterabteilung, der Gruppe L, aufgesetzt und dann von mir lediglich noch routinemäßig unterschrieben worden.“

Richter: „Es war aber einer Ihrer Privatbogen. Wie konnte die Gruppe L wohl an Ihr Privatbriefpapier kommen?“

Ganzenmüller: „Sie werden es vielleicht aus meinem Sekretariat geholt haben…“

Richter:“Und wie konnte das Schreiben, wenn es tatsächlich wie Sie jetzt behaupten, von der Gruppe L aufgesetzt worden war, wie konnte es ohne Tagebuch-Nummer durch die Registratur gehen?“

Ganzenmüller: „Also, um derartige Einzelheiten habe ich mich nicht gekümmert … und es war außerdem ja wirklich nicht leicht, all diese Zusammenhänge zu durchschauen… ich meine, für mich als einfacher Staatsbürger …“

Ganzenmüller fiktiv: „Mein Name ist Hase – ich weiß von nichts. Dass es überhaupt Juden in Deutschland gab, war mir nicht bekannt. In Palästina habe ich sie eher verortet. War nicht Jesus von Nazareth einer von ihnen? Wurden sie nicht irgendwann aus Spanien vertrieben? Im Geschichtsunterricht habe ich öfters gefehlt – ich fuhr lieber mit der Eisenbahn!“

Aus: Das Kabinett des Dr.Caligari von Robert Wiene, Stummfilm von 1919

Eine Rahmenhandlung gibt die Erzählung eines Irren wieder, der durch den unter seltsamen Umständen zustande gekommenen Tod seines Freundes wahnsinnig geworden ist und nun Wahrheit und Phantasie – Ganzenmüller vorwegnehmend – nicht mehr unterscheiden kann. In dem Direktor des Irrenhauses (Adolf Hitler) meint er, Dr. Caligari, den Jahrmarktschausteller, zu erkennen, der den Somnambulen Dr. Ganzenmüller alias Cesare zwingt, hypnotisiert Morde zu begehen. Der Direktor versucht nicht, ihm zu helfen, obwohl er selbst wahnsinnig ist und den Grund des Wahnsinns von Ganzenmüller – hypnotisierte Gefolgschaft – erkannt hat.

Wer trieb sein Unwesen noch in Argentinien? Einer darf nicht fehlen, der noch im Januar 1945 das Ritterkreuz mit Eichenlaub von seinem Führer verliehen bekam.1 Es war Hans Ulrich Rudel (1916 bis 1982). Nach Kriegsende betätigte er sich als Fluchthelfer für seine NS-Freunde und Waffenhändler. Er unterstützte die rechtsextreme Deutsche Reichspartei (DRP), deren Spitzenkandidat er 1953 im Bundestagswahlkampf war. Vorher im Jahre 1948 emigrierte er über eine der Rattenlinien nach Argentinien: Er gelangte über die Schweiz nach Rom und beschaffte sich dort einen gefälschten Pass des Roten Kreuzes mit dem Decknamen „Emilio Meier“. Im Juni 1948 landete mit einem Flug aus Rom in Buenos Aires. In seinem gewünschten Exil gründete Rudel in Buenos Aires das „Kameradenwerk“, eine Hilfseinrichtung für NS-Kriegsverbrecher. Hier versammelten sich neben dem SS-Mann Ludwig Lienhardt weitere NS-Kriegsverbrecher wie Kurt Christmann (Gestapochef unter anderem in Koblenz) und der Österreicher Fridolin Guth. Rudel wirkte auch in Chile. Dort seien die Deutschen „dem alten Deutschtum treu geblieben“ und würden „die neue Richtung nicht mitmachen.“ 2

Nach der Absetzung Perons 1955 wurde Rudel als eine Schlüsselfigur der Wiedererstehung des Nationalsozialismus eingestuft, das Operationszentrum der „Braunen Internationale“ war Argentinien. Ende 1952 wird bekannt, dass Rudel mit Nazigrößen der Bundesrepublik Überfälle auf die Gefängnisse Landsberg, Werl und Wittich geplant habe, um die dort einsitzenden Kriegsverbrecher zu befreien.

1 Michael Frank, Die letzte Bastion – Nazis in Argentinien, Hamburg 1962, S. 138

2 Ebd., S.141

Veröffentlicht 24. September 2013 von schauerchristian in Nazis in Argentinien

Alois Brunner

Georg Hafner, Esther Schapira, Die Akte Alois Brunner. Warum einer der größten Naziverbrecher noch immer auf freiem Fuß ist. Reinbeck bei Hamburg 2002, Burchard Brentjes, Geheimoperation Nahost, Berlin 2001

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Alois Brunner wurde 1912 in Rohrbrunn (Burgenland) geboren. 1938 wurde er Stellvertreter Adolf Eichmanns.In dieser Eigenschaft organisierte er die Deportationen in Paris, in Saloniki, Nizza oder Berlin. Im November 1938 wurde Brunner der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien zugeteilt. Mit dem Antritt dieser neuen Stelle fand die Unstetigkeit in Brunners Leben ein Ende. Zuerst als Mitarbeiter Eichmanns, dann ab 1941 als Leiter der Zentralstelle, organisierte Brunner fortan die Deportation der Wiener Juden in Ghettos und Vernichtungslager im Osten. Am 9. Oktober 1942 meldete er, dass Wien nunmehr „judenfrei“ sei, was bedeutete, dass 180.000 Wiener zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen oder aber bereits in den sicheren Tod geschickt worden waren. Ein erschütterndes Beispiel liegt im Kabarettisten Fritz Grünbaum, der verhaftet wurde und ins KZ Dachau eingeliefert wurde. Am 14. Januar 1941 stirbt Fritz Grünbaum im Alter von 61 Jahren.

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1945 stand er als Nummer 13 auf der Liste der angeklagten Kriegsverbrecher. Im Nürnberger Prozeß sollte er sich verantworten. 120.000 Menschenleben gingen auf sein Konto. Bis 1954 lebte er unbehelligt in Essen. Als „Alois Schmaldienst“ war er dort sogar polizeilich gemeldet. Laut dem Autoren Christopher Simpson war Alois Brunner jahrelang Angestellter des BND1. Bei der Bereitstellung von Fachleuten für den ägyptischen Geheimdienst wurde Hjalmar Schachts Schwiegersohn, Otto Skorzeny, von der Organisation Gehlen angeheuert. 1953 und 1954 mobilisierte er etwa hundert alte Kameraden, darunter auch Alois Brunner. „In Kairo trat Brunner bei Empfängen deutscher Konzernvertreter unter seinem Klarnamen auf.“ Zu denFachleuten in Kairo gehörte auch Franz Buensch, der in Eichmanns Abteilung tätig war. Als Resident der Organisation Gehlen in Kairo teilte er sein Büro mit Brunner. Anfang des Jahres 1954 hält sich Alois Brunner in Ägypten auf. Von Kairo wird er nach Damaskus in Syrien weiter geschleust. Der ehemalige Großmufti von Jerusalem Husseini, der für seine Sympathien für den Nationalsozialismus bekannt ist, hilft ihm dabei. Der Kriegsverbrecher wohnt mit dem ehemaligen Lagerkommandanten von Treblinka und Sobibor, Franz Stangl, in einer Wohnung in Damaskus. Stangl wurde 1970 wegen gemeinschaftlichen Mordes an mindestens 400.000 Juden zu lebenslanger Haft verurteilt. Brunner nennt sich in Syrien Georg Fischer. Er steigt zum Berater der syrischen Regierung auf und betreibt in Syrien einen lukrativen Handel mit Sauerkraut und Schwarzbrot. Brunner macht von Syrien aus Geschäfte mit Adolf Eichmann, der in Argentinien lebt. In Damaskus wohnte Brunner in der Nähe des „Kathar Office“ – einer Im- und Exportfirma- die in der Rue Georges Haddad 22 sich befand. Brunner hieß dort „Mister Fischer“. Mitbetreiber war Adolf Eichmann – in Syrien strandeten aber auch viele andere alte Nazis. Hier war das „Kathar office“ die einschlägige Anlaufstelle. Zum Startkapitel des „Kathar Office“ gehörten Restgelder aus dem Reichssicherheitshauptamtes IV B 4 und Teile des „geheimen Reichsvermögens“3

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Kontaktperson in Damaskus für Interessenten war Franz Rademacher, der auch ein enger Mitarbeiter gewesen war. Er war Judenreferent im Außenministerium. Der Titel seines Buches lautete „Wünsche und Ideen des Auswärtigen Amtes zu der vorgesehenen Gesamtlösung der Judenfrage in Europa“. Seit 1952 lebte er mit einem Decknamen in Damaskus. Brunner bewegte sich in Damaskus ohne Angst vor Entdeckung . Er gründete die Firma „Orient Trading Company“ (Otraco), die überwiegend mit Waffenhandel befasst war. In der Geschäftsleitung sitzen Otto Ernst Remer und Ernst Wilhelm Springer.  Remer war im Dritten Reich Kommandeur des Wach-bataiilons „Großdeutschland“. Den Putschversuch gegen Hitler schlug er an maßgeblicher Stelle nieder. Nach dem Krieg machte er eine Karriere in der „Sozialistischen Reichspartei“, die er im Oktober 1949 mit anderen Nazis gründete. Gefordert wurden „Treue zum Reich“ und „Schutz der Ehre des deutschen Soldaten“.4 Nach dem Parteiverbot 1952 wurde die „Sozialistische Reichspartei“ aufgelöst. Remer, ihr populärer Führer, floh mit Springer zunächst in die Schweiz, dann nach Kairo und schließlich zu seinem Freund Alois Brunner nach Damaskus. Offiziell behauptete er, dass Brunner hingerichtet worden sei. Brunner lebt und wurde zusätzlich Geschäftsführer der „Thameco“, einem pharmazeutischen Unternehmen. Auch Wilhelm Beisner verkehrte im syrischen Innenministerium – er war für das Reichssicherheitshauptamt in Serbien und im Nahen Osten. 1985 wurde Brunner Vertreter für die Dortmunder Aktienbrauerei DAB.5

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Am 10. Oktober 1985 gab Brunner der Zeitschrift „Bunte“ ein Interview. Der Journalist, der ihn interviewte, berichtete einige Jahre später, dass Brunner immer noch stolz darauf sei, geholfen zu haben‚ dieses „Dreckszeug“ (die Juden) wegzuschaffen. Damit meinte er die vielen Juden, die er hatte deportieren lassen. Er sei mit seinem Leben zufrieden und würde, bestünde die Möglichkeit, alles noch einmal so machen. Nur eines ärgere ihn: dass noch immer Juden in Europa lebten.6  Also eindeutig keine Reue. 1960 kam eine gewisse Turbulenz in das Leben des Alois Brunner. Bisher freute sich die deutsche Gemeinde in Damaskus über das  deutsche Bier und das aus Europa importierte Sauerkraut. Auch schwarzes Brot buk  er angeblich selbst. In diesem Jahr fiel auf Brunner der Verdacht, Gelder aus dem  Drogenhandel zu waschen. Der syrische Geheimdienst inhaftiert ihn. Als er sich als  Judenverfolger in der NS-Zeit outet, drückt ihm der Geheimdienstoffizier Lahan die Hand  und sagt: „Herzlich willkommen in Syrien, die Feinde unserer Feinde sind unsere  Freunde.“7  Manche syrischen Geheimdienstler sprachen damals sogar österreichisch  gefärbtes Deutsch.

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Nach der Gefangenname Eichmanns durch die Israelis kommt Brunner sogar gegenüber Lahan auf die Idee, Eichmann aus Israel zu kidnappen. Andererseits  versuchen auch die Israelis, Brunner in Damaskus aufzuspüren. Der Mossad hatte dazu Elle Cohn ausersehen. Dessen Funkfrequenz wird vom syrischen Geheimdienst geknackt, er wird im Mai 1965 in Damaskus öffentlich hingerichtet.8 Wie weit waren die Pläne der Entführung Eichmanns konkret? Dem syrischen Geheimdienst waren sie zu riskant. Auch Brunners Alternative, die Entführung Goldmanns, wurde nicht realisiert.

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Nach Christopher Simpson, Professor an der „American University“ in Washington, wurde Brunner 1947 von der „Organisation Gehlen“ angeheuert: „Für das Jahr 1946 bin ich mir nicht ganz sicher, aber spätestens 1947 hatte er einen neuen Job. Er wurde der Geheimdienst-Experte für Gehlen für die Region des Nahen Ostens. Es gibt nicht den geringsten Zweifel, dass die Amerikaner Gehlen dafür bezahlt haben, den ägyptischen Geheimdienst aufzubauen, und dass im Zuge dieser Operation die ‘Organisation Gehlen’ Brunner angeheuert und beschützt und ihm entsprechende Arbeit gegeben hat.“9 Brunner floh über das „Gasthaus Woess“ in Lembach, wie amerikanische Quellen dokumentieren. Die Akten von Alois Brunner waren dem BND offensichtlich peinlich.

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Die Brunner-Akten wurden zwischen 1994 und 1997 vernichtet. Offenbar auf Anweisung des Kanzleramtes. Damals leitete Friedrich Bohl (CDU) das Kanzleramt.10  Für die Ergreifung Brunners wurde 2007 eine Belohnung von 250.000 Euro ausgesetzt, dass er noch lebt ist unwahrscheinlich.11 So stellt sich die Frage, ob jemals eine Bestätigung des Todes Brunners auftaucht.

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Was geht in einem Menschen vor, der noch im Juli 1944 Paris durchstreift auf der Suche nach versteckten jüdischen Kindern und dort 250 Mädchen und Jungen für den letzten Zug in den Osten findet?12  Hat sich der Haß völlig verselbständigt?

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1993 lebte Brunner in einem Gästehaus Hafis El Assads, des damaligen syrischen Präsidenten in den Bergen bei Damaskus.13 Offensichtlich verspürte der damalige syrische Machthaber eine ideologische Nähe zu Brunner. In Syrien fiel der Nationalsozialismus auf fruchtbaren Boden. 1932 wurde die säkulare und totalitäre Syrische Soziale Nationalistische Partei gegründet. Sie lehnte sich an die NSDAP an (Hakenkreuzfahne, Gruß mit erhobener Hand). Der Ideologe der Baath-Partei Aflaq sah Hitler-Deutschland als eines seiner Vorbilder. Die Baath-Partei herrscht heute noch in Syrien.

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Bild: Alois Brunner, Foto: Polizei

Alois Brunner soll nach Recherchen des französischen Magazins „XXI“ 2001 unter jämmerlichen Bedingungen in Damaskus gestorben sein – dies wurde Anfang 2017 bekannt. Wie das Magazin berichtet, habe er die letzten Jahre seines Lebens in einer Kellerzelle des Geheimdienstes in der syrischen Hauptstadt verbracht.

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Fußnoten

1 Burchard Brentjes, Geheimoperation Nahost, Berlin 2001, S. 255

2 Ebd., S. 256

3 Georg M. Hafner, Esther Schapira, Die Akte Alois Brunner. Warum einer der größten Naziverbrecher noch immer auf freiem Fuß ist, Reinbeck bei Hamburg 2002, S. 272

4 Ebd., S. 274

5 Ebd., S. 275

6 Wikipedia Alois Brunner

7 Hafner, Schapira, a.a.O., S, 277

8 Ebd., S. 279

9 Ebd., S. 284

10 Vgl. Neues Deutschland 23.7.2011

11 Vgl. taz vom 14.1.2010

12 Vgl. Welt vom 20.8.2011

13 Vgl. Wikipedia Alois Brunner

Veröffentlicht 12. August 2012 von schauerchristian in Die Last der NS-Vergangenheit - Syrien

Nahost – Konflikt

Mohammed und die Juden

In der ersten Zeit seiner Offenbarungen war Mohammeds Verhältnis zu den Juden durch Toleranz geprägt. In der Zeit nach 610, als seine ersten Berührungen mit dem Übernatürlichen auftraten, versuchte er Andersgläubige durch Freundlichkeit vom Islam zu überzeugen. Juden und auch Christen galten als gläubige Anhänger theistischer Vorstellungen

„Es gibt keinen Zwang im Glauben. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden gegenüber dem unrichtigen. Wer nun an die Götzen nicht glaubt, an Allah aber glaubt, der hat gewiss den sichersten Halt ergriffen, bei dem es kein Zerreißen gibt. Und Allah ist Allhörend, Allwissend.“ Sure 2:256

Jüdische Gelehrte werden als Zeugen für die Richtigkeit von Mohammeds Monotheismus angeführt.

Nach der Flucht nach Medina war das Verhältnis zu den Juden zunächst noch relativ wohlwollend. Hausbesuche bei Juden waren keine Seltenheit. Die Widersprüche zwischen der Bibel und den Offenbarungen des Koran ergaben für die Juden, dass sie die älteren Texte der Juden verteidigten. Wo Mohammed Abweichungen predigte, glaubten ihm die Juden nicht. Die Aufforderung der Juden, Zeichen und Wunder zu vollbringen, konnte Mohammed nicht erfüllen, weil er nur Prophet war. Der entscheidende Vorwurf Mohammeds lautete, Juden (und auch Christen) hätten ihre Schriften gefälscht, ihre Inhalte abgeändert. Er, Mohammed, sei der Verkünder der einzig wahren monotheistischen Religion.

Verfluchung der Juden

„Verflucht wurden die Ungläubigen von den Kindern Israels durch die Zunge Davids und Jesus‘, des Sohnes der Maria. Dies, weil sie ungehorsam waren und (gegen die Gebote) verstießen“ Sure 5:78

Allah verwandelt die Juden in Affen und Schweine

„Und als sie trotzig bei dem verharrten, was ihnen verboten worden war, da sprachen Wir zu ihnen:’Werdet denn verächtliche Affen’“ Sure 7:165

„Sprich: ‚Soll ich euch über die belehren, deren Lohn bei Allah noch schlimmer ist als das? Es sind jene, die Allah verflucht hat und denen Er zürnt und aus denen Er Affen, Schweine und Götzendiener gemacht hat. Diese befinden sich in einer noch schlimmeren Lage und sind noch weiter vom rechten Weg abgeirrt.’“ Sure 5:60

Aktueller Bezug: Auf offiziellen Veranstaltungen der Fatah rief 2012 der offizielle Mufti der „palästinensischen Autonomiebehörde“ sogar zur Tötung aller Juden auf. Moderator bei der Fatah-Zeremonie: „Unser Krieg gegen die Nachfahren der Affen und Schweine ist ein Krieg der Religion und des Glaubens.“

Die Juden stecken hinter den Kriegen

„ … Und Wir haben unter ihnen Hass und Zwietracht bis zum Tage der Auferstehung gesät. Sooft sie ein Feuer für den Krieg anzündeten, löschte Allah es aus, und sie trachteten nur nach Unheil auf Erden; und Allah liebt nicht die Unheilstifter“ Sure 5:64

Bezug auf diese Sure nimmt die Hamas-Charta von 1987: In der Charta werden die Protokolle der Weisen von Zion als ein authentisches Dokument präsentiert. Die Juden werden als das Weltübel schlechthin gesehen und nicht nur für die Französische Revolution und den Ersten Weltkrieg, sondern auch für den Zweiten Weltkrieg, die Ausbeutung der Dritten Welt durch den Imperialismus und den Drogenschmuggel verantwortlich gemacht.

Verteufelung der Juden

Sicherlich findest du, dass unter allen Menschen die Juden und die Götzendiener die erbittertsten Gegner der Gläubigen sind.“ … Sure 5: 82

Die versuchte Vergiftung Mohammeds

Eine jüdische Frau versuchte, Mohammed mit einem Lamm zu vergiften. Bei einem Besuch Mohammeds bei den Juden – das kam gelegentlich vor- bereitete eine jüdische Frau namens Zaineb das Essen zu.Es sollte Lamm geben, da Mohammeds Freunde auch dabei waren, wurde ein ganzes Lamm vergiftet. Das von Mohammed bevorzugte Schulterstück wurde mit einer Extradosis Gift versehen. Beim Genuss des Fleisches spürte er jedoch einen faden Beigeschmack und spuckte das Fleisch wieder aus. Ein Freund Mohammeds starb an der Vergiftung. Mohammeds Zorn ging soweit, dass er danach trachtete, Zaineb umzubringen.1 Nach anderen Quellen ließ er sie in Ruhe. Angeblich litt er sein ganzes Leben an den Nachwirkungen des Giftes.

Kriege Mohammeds gegen jüdische Stämme

In Medina gab es drei große jüdische Stämme, davon hieß einer Banu Nadir. In der ersten Zeit in Medina knüpfte Mohammed freundschaftliche Kontakte zu diesem Stamm, was durch gelegentliche Besuche zum Ausdruck kam. Ein Mordanschlag dieses Stammes gegen den Propheten wurde diesem durch eine Offenbarung Allahs bekannt. Daraufhin wurde dieser Stamm von Mohammeds Truppen angegriffen. Mohammed ließ die Dattelpalmenhaine abbrennen, die den Banu Nadir als Lebensgrundlage dienten. Nach der Kapitulation der Banu Nadir ließ Mohammed sie mit Hab und Gut ohne Waffen ziehen. Auch ihr Geld durften sie nicht mitnehmen. Der Stamm zog nach Norden, ohne seinem Glauben abgeschworen zu haben. Das Geschehen spielte sich 625 nach Christus ab.

Vorher hatte sich Mohammed mit dem jüdischen Stamm der Banu Qainuqa auseinandergesetzt. Er war der erste jüdische Stamm, mit dem der Prophet des Islam Krieg führte. Sie waren keine Bauern, sondern Händler.Ausgangspunkt war die Schlacht von Badr im Jahre 624. Auf dem Markt dieses Stammes wurde eine arabische Frau von einer Gruppe von Juden beleidigt. Ein anwesender Muslim tötete einen der Juden und wurde dann selbst umgebracht. Die Banu Qainuga wurden daraufhin 15 Tage belagert und schließlich vertrieben. Ihr Hab und Gut mussten sie zurücklassen. Der Stamm wanderte in Richtung Persischer Golf aus. Nach der Vertreibung der Quinuga wurde die Sprache des Korans den Juden gegenüber härter. Mohammed warf den Juden vor, sie hätten die Thora verfälscht. Die Gebetsrichtung der Muslime wurde nach Mekka verlegt. Jerusalem hatte ausgedient.

Schlimmer erging es den Quraiza 627. Dieser jüdische Stamm wollte Mohammed mit Hilfe Mekkas stürzen – angeblich oder wirklich? Die Mekkaner konnten Mohammed in Medina nicht überwinden und kehrten zurück.Mohammed erklärte danach, ihm sei der Engel Gabriel erschienen und habe ihm folgendes verkündet: „… Die Engel Allahs legen ihre Schwerter niemals nieder. Sie stehen jederzeit bereit, dich zu unterstützen. Allah gebietet dir, dich gegen die Kinder von Quraiza aufzumachen und ich werde vor dir herziehen und ich werde ihre Wohnstätte erschüttern.“2 Das Gebiet der Banu Quraiza wurde 25 Tage belagert, bevor der jüdische Stamm kapitulierte. Er wollte unter den gleichen Bedingungen wie die Banu Nadir abziehen. Mohammed fragte einem zum Islam Konvertierten um Rat. Dieser riet ihm, die Männer zu töten, das Geld die Frauen und Kinder als Kriegsbeute aufzuteilen. Mohammed stimmte zu. Danach wurden zwischen 800 und 900 jüdische Männer enthauptet. Frauen und Kinder wurden in die Sklaverei verkauft. Vom Geld behielt Mohammed 20 Prozent, den Rest erhielten seine Soldaten. Das Verfahren Mohammeds gegen diesen Stamm wird kontrovers beurteilt.3

Banu_Qurayza

Massaker an den Banu Quraiza

Schließlich wurden die Juden aus Chaibar 628 vertrieben. Chaibar ist ein Oasengebiet 150 km nördlich von Medina. Mohammeds Heerführer Ali entschied den Kampf für sich. Die Kriegsbeute war immens. Den jüdischen Bewohnern der Oase, in der die Juden lebten, erlaubte er, auf ihre Güter zurückzukehren, unter der Bedingung, dass sie fortan die Hälfte ihrer Felderträge nach Medina abführen müssen.4

Ein Zusammenleben mit den Juden konnte sich Mohammed nach den militärischen Konflikten nicht mehr vorstellen. Die Vertreibung aus Arabien war sein Ziel: „Er ist es, der diejenigen vom Volke der Schrift, die ungläubig waren, aus ihren Heimstätten zur ersten Versammlung austrieb. Ihr glaubtet nicht, dass sie hinausziehen würden, und sie dachten, dass ihre Burgen sie gegen Allah schützen würden. Doch Allah kam von (dort) über sie, woher sie es nicht erwarteten, und warf Schrecken in ihre Herzen, so dass sie ihre Häuser mit ihren eigenen Händen und den Händen der Gläubigen zerstörten. So zieht eine Lehre daraus, o die ihr Einsicht habt.“ Sure 59:2

In Sure 8 werden Juden schlimmer als Tiere eingestuft: „Wahrlich, schlimmer als das Vieh sind bei Allah jene, die ungläubig sind und nicht glauben werden;“ Sure 8:555

In einer Hadith (Überlieferung von Äußerungen des Propheten) prophezeite Mohammed: „Das Jüngste Gericht wird nicht kommen, bis die Muslime die Juden bekämpfen und umbringen; bis der Jude sich hinter den Steinen und Bäumen versteckt, und der Stein und der Baum werden sagen: O, du Muslim, o, Du Diener Allahs, dies ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt, komm und bring ihn um!“6 Von orthodox muslimischer Seite wird die eindeutige Bedeutung dieser Hadith bestritten. In der Hamas-Charta heißt es dazu: „Das Jüngste Gericht wird nicht kommen, solange Muslime nicht die Juden bekämpfen und sie töten. Dann aber werden sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken, und die Steine und Bäume werden rufen: ‚Oh Moslem, ein Jude versteckt sich hinter mir, komm‘ und töte ihn.“ (Artikel 7) „7

Zu den Juden heißt es in einer orthodox muslimischen Schrift: „Juden (Al Jahud) Die mit dem Christentum (und Madschus)8 die eigentlichen Ahlu-I-Kitab (Leute der Schrift- Einfügung von mir) bildende Glaubensgemeinschaft, die an einem Gott festhält und zu der zahlreiche Propheten gesandt wurden. Hauptprophet der Juden ist Moses, dem die Thora gegeben wurde. Den Propheten Mohammed und den Koran haben die Juden abgelehnt, doch lebten sie in islamischen Ländern, verglichen mit ihrer Lage in Europa, in Frieden und Sicherheit“9 Stimmt das?

Werfen wir einen Blick auf die den Kampf mit dem jüdischen Stamm Banu Quraiza, wie ihn die erste ausführliche Mohammed.Biographie schildert: „Zu Zeit des Mittagsgebetes kam, wie mir Zuhri berichtete, Gabriel zum Propheten. Der Engel trug einen Turban aus Brokat, und auch der Sattel des Maultiers, auf dem er ritt, war mit Seidenbrokat bedeckt. Er fragte den Propheten: ‚Hast du die Waffen bereits niedergelegt?‘ ‚Ja‘, antwortete Mohammed, und Gabriel fuhr fort: ‚ Die Engel haben dies noch nicht getan, und ich komme gerade von der Verfolgung der Feinde zurück. Gott – Er ist erhaben und mächtig- befiehlt dir, o Mohammed, gegen die Banu Quraiza zu ziehen. Ich begebe mich jetzt zu ihnen und werde sie erbeben lassen.‘ Sogleich ordnete der Prophet an, unter den Muslimen auszurufen: ‚Alle diejenigen, die hören und gehorchen, sollen ihr Nachmittagsgebet nicht verrichten, bevor sie sich nicht bei den Banu Quraiza eingefunden haben.‘ Er schickte Ali mit der Fahne voraus, und die Muslime folgten ihm eilends nach. Als sich Ali den befestigten Häusern der Quraiza näherte, vernahm er häßliche Worte über den Propheten. Er kehrte um und sprach zum Propheten, als er ihn unterwegs traf:’Gesandter Gottes! Du solltest dich diesen schändlichen Menschen nicht nähern.‘ ‚Weshalb? Du hast wohl Schmähungen gegen mich gehört?‘ ‚So ist es.‘ ‚Wenn sie mich sähen, würden sie nicht so über mich reden.‘ Und als er ihren Häusern näher kam, rief er: ‚O ihr Brüder der Affen! Hat Gott euch jemals erniedrigt und seine Rache über euch gesandt?‘ ‚Du bist nicht so töricht, uns dies anzutun, O Abu I-Qasim!‘ antworteten ihm die Quraiza. Der Prophet belagerte sie fünfundzwanzig Tage, bis sie erschöpft waren und Gott ihre Herzen mit Angst erfüllte.“10

Man kann hier schon feststellen, dass die Negativbezeichnung „Affen“ für die Juden gebräuchlich ist und Mohammed eigentlich gar keine Absicht hat, Krieg zu führen, dies aber auf göttliche Weisung hin dann doch tut.

Von einem Verrat der Juden an Mohammed geht ein muslimischer Historiker aus:“Im Jahre 627 begannen die Mekkaner im sogenannten ‚Grabenkrieg‘ (al-Khandaq) die Stadt Medina zu belagern, um die Muslime ein für allemal zu vernichten. Die Belagerung konnte erfolgreich durch das Ausheben eines Grabens von den Muslimen vereitelt werden …. Mitten in der Atmosphäre des Krieges wandte sich Huyay, ein Führer des jüdischen Klans der Banu Nadir – die auch schon zuvor den Vertrag von Medina einseitig gegen den Propheten durch einen Verrat widerriefen – an den Führer der Banu Quraiza Kaab ibn Asad. Huyay gelang es letztendlich, Kaab davon zu überzeugen, gemeinsam mit den Polytheisten aus Mekka gegen die Muslime vorzugehen. Schon zuvor missfiel die nur in wenigen Jahren rasante Ausbreitung des Islam diversen Juden in ihrer alten Heimatstadt.“11 Nach dieser Einschätzung hätten die Juden eine Vereinbarung mit Mohammed gebrochen, als sie die angreifenden Mekkaner gegen Mohammed unterstützten. Im Vertrag von Medina heißt es dazu:“44.Und die Bündnispartner sollen einander gegen alle beistehen, die Yathrib überfallen.“12 In ihm regelte Mohammed 622 das Verhältnis der Stämme in Medina (hier Yathrib) unter Einschluss der Juden.

Nicht berücksichtigt wird dabei, dass die Mekkaner (Quraisch) nach Medina zogen, um Mohammed zu zwingen, die Belagerung der Handelswege aufzugeben. Andere Quellen als islamische gibt es zu den Vorgängen der Grabenschlacht und des Kampfes mit den Banu Quraiza nicht.

Im Vertrag von Medina heißt es zum Verhältnis zu den Juden in §37:“Die Juden haben für ihre Ausgaben aufzukommen, die Muslime für die ihren. Die Vertragspartner müssen einander beistehen, im Falle dass einer der im Dokument erwähnten Völker angegriffen wird. Sie müssen beieinander gegenseitigen Rat und Rücksprache suchen und Loyalität ist ein Schutz gegen Verrat. Ein Mann ist nicht verantwortlich für seines Verbündeten Untaten. Dem Unrecht geschah muss geholfen werden.“13 Ob dieser Vertrag allerdings eine Billigung der Juden einschloss, darüber wird nicht berichtet. Er war eher ein Diktat als ein Vertrag:“Im Gegensatz zu heute geäußerten Meinungen gibt es keinerlei Belege dafür, dass diese Abmachung jemals im Sinne einer Gleichberechtigung Andersgläubiger oder Ungläubiger im islamischen Gemeinwesen aufgegriffen oder gar weiterentwickelt worden wäre.“14

Die Stellung der Juden entsprach wie die der Christen einem Schutzbefohlenen – Dhimmi. Er war und ist damit nicht gleichberechtigt. So ist es nach islamischem Gesetz dem Dhimmi verboten, den Koran, Mohammed oder den Islam zu kritisieren, einen Muslim in Bezug auf seine Religion zu in Verwirrung zu stürzen oder die Feinde der islamischen Welt zu unterstützen. Er darf keine Position einnehmen, in der er über Muslimen stehen könnte, besonders in der Regierung, im Richteramt (für das der Islam die wichtigste Voraussetzung ist), im Militär oder als Polizist. Hierbei gibt es allerdings Ausnahmen.15 Nach dem bis heute wirkenden Rechtsgelehrten al-Mawardi (gestorben 1058 in Bagdad) gehörten diese und die schon von Omar festgelegten Verhaltensweisen zwingend zu den zu erfüllenden Pflichten der Dhimmis.

Die Richtlinien für den Umgang mit anderen monotheistischen Religionen wurden schon vom zweiten Kalifen, Omar, angewendet. Für die Juden war von Bedeutung, dass ihre Religionsausübung nicht außerhalb der Synagoge zu hören sein sollte. Missionieren sollten sie für ihre Religion nicht. Einen Militärdienst sollten sie nicht leisten und keine Waffen tragen. Für Juden war gelbe Kleidung vorgeschrieben. Genauer wurde das später festgelegt, als der Abbasiden-Kalif Harun Al-Raschid etwa 807 verfügte, dass Juden gelbe Gürtel zu tragen hätten.

Die Juden hatten bei Mohammed aufgrund ihrer Ablehnung seines Glaubens keinen guten Stand. Aber auch andere Ungläubige hatten nicht mit Toleranz zu rechnen. Nach seiner siegreichen Rückkehr nach Mekka 630 nach Christus ging es einigen Ungläubigen an den Kragen: „Zu denen, die der Prophet zu töten befahl, gehörte auch Abdallah ibn Chatal, ein Mann von den Banu Tain ibn Ghalib. Auch dieser war Muslim gewesen, und der Prophet hatte ihn eines Tages zusammen mit einem Helfer ausgesandt, um die Armensteuer einzuziehen. Bei sich hatte er auch einen freigelassenen muslimischen Sklaven. Als sie einmal lagerten, befahl er diesem, einen Ziegenbock zu schlachten und ein Mahl zu richten. Er selbst legte sich schlafen. Als er aufwachte und der Freigelassene nichts vorbereitet hatte, ging er auf ihn los und tötete ihn. Danach fiel er wieder vom Islam ab und bekannte sich zur Vielgötterei. Er besaß auch zwei Singsklavinnen, Fartana und ihre Freundin, die über den Propheten Spottlieder sangen. Mohammed ordnete deshalb an, diese beiden zusammen mit Ibn Chatal zu töten.“16 Nichtglauben und Ironie konnte er nicht ertragen.

Literatur

Die ungefähre Bedeutung des Al – Qur’an an Al-Karim in deutscher Sprache – Aus dem Arabischen von Abu-r-Rida‘ Muhammed Ibn Ahmad ibn Rassoul, Köln 2000

Bastian Borstell in: Der Freitag vom 29.07.2013 | Fatah: Getötete Israelis immer „Zionisten“

Mark A. Gabriel, Israel in Gefahr – Der nächste Schachzug des Islam gegen die Juden, Gräfeling 2013

Hamed Abdel-Samad, Mohammed – Eine Abrechnung, München 2017

https://de.wikipedia.org/wiki/Banu_Quraiza

https://de.wikipedia.org/wiki/Chaibar

https://muslimwelt.wordpress.com/2007/12/30/%e2%80%9edie-stunde-wird-nicht-kommen-bis-die-muslime-die-juden-bekampfen%e2%80%a6%e2%80%9c/

Okusam (Verlag, Hrsg.), Ilmihal. Der gelebte Islam, Frankfurt am Main o.J.

Ibn Ishaq, Das Leben des Propheten, Stuttgart und Wien 1986

 

http://antikezukunft.de/2014/12/19/massakrierte-muhammad-900-juden-an-einem-tag/

http://www.eslam.de/manuskripte/vertraege/verfassung_von_medina.htm

http://www.islamheute.ch/medina.htm

http://www.ezw-berlin.de/html/15_7043.php

https://www.orientdienst.de/muslime/minikurs/schutzbefohlene/

1Das meint Mark A. Gabriel, Israel in Gefahr – Der nächste Schachzug des Islam gegen die Juden, Gräfeling 2013, S. 54

2Mark A. Gabriel, a.a.O., S. 68 f.

3https://de.wikipedia.org/wiki/Banu_Quraiza; Ibn Ishaq spricht in „Das Leben des Propheten“ zunächst von 600 bis 700 Enthaupteten und hält es dann für möglich, daß es mehr waren

4https://de.wikipedia.org/wiki/Chaibar sowie Ibn Ishaq, Das Leben des Propheten, Stuttgart und Wien 1986, S. 203. Der Jude Marhab wird hier von Ibn Maslama im Zweikampf erschlagen

5Vgl. Hamed Abdel-Samad, Mohammed – Eine Abrechnung, München 2017, S. 191

8Gemeint sind die Zoroastrier

9Okusam (Verlag, Hrsg.), Ilmihal. Der gelebte Islam, Frankfurt am Main o.J., S. 432

10 Ibn Ishaq, Das Leben des Propheten, Stuttgart und Wien 1986, S. 173 f.

16Ibn Ishaq, a.a.O., S. 218

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Main-Echo 08.06.2013

Zu streitbar für eine politische Zukunft Mahmud Ahmadinedschad: Irans ultrakonservativer Präsident hört nach zwei Amtszeiten auf – Neuwahlen am Freitag …. Herbst 2005: Auf einer Konferenz zu Israel sagt Ahmadinedschad, »das Besatzungsregime Jerusalems muss von den Seiten der Geschichte verschwinden«. Falsch übersetzt als »Israel muss von der Landkarte radiert werden« sorgt das Zitat für Empörung. Im Dezember bezeichnete er den Holocaust als Mythos. Damit geht er über die übliche Kritik an Israel hinaus. ….

Leserbrief: Antisemitismus im Iran

Über das Verhältnis von Muslimen und Juden im Iran schreibt Arye Sharuz Shalicar im Kapitel: “Die Kindheit meines Vaters in Babol im Iran”. Shalicar erlebte als jüdischer Junge auf einer Berliner Schule Ausgrenzung durch jugendliche Muslime. Babol liegt in Nord-Iran am Kaspischen Meer und hat etwa 200.000 Einwohner. “Im Gegensatz zur Berliner Mauer wurde die Mauer Babols nicht von irgendwelchen Machthabern gebaut… sondern vom Volk selbst. Offensichtlich wollten sich 95 Prozent der Bewohner von fünf Prozent der Stadt abgrenzen … Das lag daran, dass diese fünf Prozent nicht an den Propheten glaubten und nicht den Koran als heiliges Buch ansahen, sondern das Alte Testament, die Thora. Sie hatten andere Sitten und Gebräuche und feierten nicht dieselben Feste. Zudem sollten diese fünf Prozent Wucherer, Gauner und egoistische Menschen sein, so hatte es die Mehrheit gelernt.” Der Vater erzählt weiter: “Oftmals versammelten sich muslimische Jugendliche am Nachmittag. Doch anstatt zum Fußballspielen zu gehen oder ans Meer zu fahren, stellten sie sich in Reihe vor der Mahle-Mauer auf und warfen Steine auf unser Ghetto. Die Juden Babols lebten in ständiger Angst vor Gewaltausbrüchen seitens der Muslime. Wann und in welchem Ausmaß es dazu kam, war oft abhängig vom Befinden der Menschen, von dem momentanen wirtschaftlichen Situation. Wenn zum Beispiel die Arbeitslosigkeit zunahm oder die Ernte nicht abgab, was man sich erhofft hatte, suchte man Schuldige. Die fand man dann in den Juden und bestrafte sie dafür, indem man sie öffentlich anspuckte oder ihnen Schimpfwörter zurief.”

Hier wird nicht nur die Segregation der Juden im Iran beschrieben, sondern auch die Verachtung, die man ihnen entgegenbringt. Ähnliches beschreibt der Historiker J.J. Benjamin im 19. Jahrhundert über die Behandlung von Juden in Iran bis zurück ins 16. Jahrhundert: : “Sie sind gezwungen in den Außenbezirke der Stadt zu leben…; denn sie werden als unreine Kreaturen angesehen… Unter dem Vorwand, dass die Juden unrein sind, werden sie mit größter Brutalität behandelt und sollten sie eine Strasse betreten, die von Muslimen bewohnt ist, werden sie von einem Mob mit Steinen und Dreck beschmissen. Aus dem selben Grund ist es ihnen untersagt, bei Schnee und Regen das Haus zu verlassen. Denn der Regen könnte ihre Unreinheit auf den Boden übertragen und somit die Füße der Muselmanen verunreinigen… Wenn ein Jude auf der Strasse als solcher erkannt wird, wird er mit den schlimmsten Schimpfwörtern und Flüchen bedacht.” Klar wird, dass die geschilderten Tatsachen direkt in eine Holocaust – Karikaturen – Ausstellung führen können.

Schauer, geschrieben: 21.03.2015 11:40, auszugsweise in Main-Echo online, in der Print-Ausgabe des Main-Echo erschienen am 1.4.2015 “Segregation und Verachtung gegen Juden im Iran”; Bezugsartikel: “Ausstellung mit Karikaturen zum Holocaust?”, in: Main-Echo vom 27.2.2015

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nordbayern.de 6.11.2012

Gaza – Im palästinensischen Gazastreifen ist ein Krokodil nach jahrelanger Flucht durch die Kanalisation eingefangen worden…..Viele Menschen verdächtigten sogar die Israelis, ihnen das gefährliche Tier auf den Hals gehetzt zu haben.

Schauer, Christian schrieb am 12.11.2012

Dass das Krokodil von Israel eingeschleust wurde, reiht sich ein in sonstige abenteuerliche Unterstellungen. Beispiele: Der syrische Verteidigungsminister, Mustafa Tlas, veröffentlichte 1986 ein Buch mit dem Titel “The Matzah of Zion” (Matze: ungesäuertes Passah-Brot der Juden), in welchem er ernsthaft behauptet, dass Juden dass Blut eines christlichen Mönchs verwenden, um Matze zu backen … Während des muslimischen Fastenmonats Ramadan strahlte der Hisbollah- Sender al-Manar eine antisemitische Serie aus, die an die “Protokolle der Weisen von Zion” angelehnt ist und behauptet, die Juden hätten einen geheimen Plan zur Weltbeherrschung. In einer Episode wird ein jüdischer Ritualmord an einem christlichen Kind dargestellt, der dazu diene, “aus seinem Blut Matzen für Pessach zu backen”. Eine «dokumentarische» Spielfassung der «Protokolle der Weisen von Zion» lief 2002 zu Ramadan im ägyptischen Fernsehen und weiteren arabischen Sendern unter dem Titel «Reiter ohne Pferd». In dieser Geschichte der «jüdischen Weltverschwörung», die um 1900 spielt, geht es um einen Kampf zwischen einer bärtigen Versammlung jüdischer Honoratioren, die finstere Pläne zur Beherrschung der Welt entwirft, und jungen Studenten der Kairoer Universität. Diese sorgen unter der Führung eines Palästinensers dafür, dass eine wichtige Enthüllungsschrift, eben die «Protokolle der Weisen von Zion», ins Arabische übersetzt, den Massen endlich die Augen öffnet.

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Ausschreitungen gegen Flüchtlinge aus Afrika in Israel – Berichte vom 25.5.2012 – Einschätzung Israel ist für Flüchtlinge aus afrikanischen Krisengebieten ein wichtiges Ziel- und Transitland – etwa für Menschen, die aus Eritrea oder dem Sudan fliehen. Viele versuchen von dort aus weiter nach Europa zu fliehen. Andere Fluchtrouten konnte die Europäische Union erfolgreich blockieren. In Israel droht den Schutzsuchenden die Abschiebung in das Herkunftsland. Publik wurden in letzter Zeit regelmäßig Vorfälle von Misshandlungen von meist eritreischen und sudanesischen Schutzsuchenden durch Menschenhändler auf ihrem Fluchtweg nach Israel. Seit knapp zwei Jahren reißen die Berichte von Entführungen, Erpressungen, Folter und Todesfällen von Flüchtlingen im Sinai nicht ab. Schaffen es die Flüchtlinge über die Grenze nach Israel, droht ihnen dort die Inhaftierung. Im Januar 2012 verabschiedete die israelische Regierung ein Gesetz, das die Inhaftierung von „irregulären Einwanderern“ von bis zu drei Jahren erlaubt. Das Land verfügt erst seit 2008 über ein eigenes Asylverfahren, zuvor war allein UNHCR für die Prüfung von Asylbewerbern zuständig. Eine israelische Behörde nahm ihre Arbeit erst 2009 auf. Es gibt Berichte von eklatanten Missständen im israelischen Asylverfahren. Seit Bestehen des israelischen Asylverfahrens wurde gerade einmal ein einziger Flüchtling als schutzbedürftig anerkannt. Ein Minusrekord, bei dem man an die Verantwortlichen appellieren muss, humanitäre Mindeststandards zu garantieren.

Als Kommentar erschienen zum taz-Artikel Rassismus in Israel (25.5.2012) Rausschmiss statt Arbeitserlaubnis -Rechte Regierungspolitiker in Israel hetzen gegen illegale Einwanderer aus Eritrea und dem Sudan. Zuvor hatten junge Israelis Einwanderer angegriffen.- von Susanne Knaul 02.06.2012 13:19 Uhr , Leserbrief in taz-Druckausgabe 6.6.2012

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Leserbrief zur Grass-Debatte, erschienen im Main-Echo vom 11.4.2012 „Will der Iran Frieden?“ Der Präsident des Iran von 1989 bis 1997 Rafsandjani äußerte während einer Rede anlässlich des Al – Quds -Tages in Teheran am 13.Dezember 2001 zum Zielort einer iranischen Bombe:“Die Anwendung einer einzigen Atombombe würde Israel völlig zerstören, während sie der islamischen Welt nur begrenzte Schäden zufügen würde. Die Unterstützung des Westens für Israel ist geeignet, den Dritten Weltkrieg hervorzubringen, der ausgetragen wird zwischen den Gläubigen, die den Märtyrertod suchen, und jenen, die der Inbegriff der Arroganz sind.” Atomwaffen im Besitz des Iran würden im Hinblick auf Israel „nicht nur zur Abschreckung dienen.“ Äußern sich so Menschen, die einen Frieden wollen?

Christian Schauer

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Leserkommentare(taz) 08.09.2011 von Schauer, Christian: Leserbrief zu: „Fünf Fragen an Deutschland“, in: Tageszeitung vom 1.9.2011

Herr Vidal führt ein Buch an, wonach die überwiegende Mehrheit der Palästinenser am Kampf der Alliierten gegen Nazideutschland teilgenommen hat, während die Kollaboration des Muftis von Jerusalem und seiner SS-Legion, die ausschließlich aus Muslimen vom Balkan bestand, ein marginales Phänomen darstellte. Er unterschätzt die Sympathien der Palästinenser für den Nationalsozialismus enorm. Der deutsche Konsul in Jaffa, Timotheus Wurst, meinte im März 1936 zu den muslimischen Palästinensern, sie seien „aufs tiefste beeindruckt durch faschistische, vor allem nationalsozialistische Lehren und Anschauungen. Der Nationalsozialismus mit seinen judenfeindlichen Ansichten hat bei den Arabern Palästinas, die sich in einem verzweifelten und fast aussichtslosen Abwehrkampf gegen den Zionismus befinden, verwandte Saiten anklingen lassen. Faschismus und Nationalsozialismus sind auch bei den Arabern vielfach zu Maßstäben geworden, an denen alle übrigen politischen Systeme und Lehren gemessen werden, und Adolf Hitler ist zweifelsohne in den Augen vieler Araber der bedeutendste Mann des 20. Jahrhunderts schlechthin. So groß ist die Volkstümlichkeit unseres Führers, dass es wohl kaum einen Arabergibt, und sei es der einfachste Fellache, der den Namen Hitler nicht kennt.“ Besonders aktive Nationalsozialisten waren die Pfadfinder und die Istiqlal -Partei, deren Führer sich intensiv mit der Lektüre von „Mein Kampf“ befasst hat. Nach Schätzungen gut unterrichteter Kreise unterstützten in der damaligen Zeit etwa 60 Prozent der Nichtjuden Palästinas die Nationalsozialisten.

Christian Schauer

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Leserbrief zu „Streit um Grabstätten“, in: Der Heimatbote vom 2.3.2010 Der Brief erschien im „Heimatboten” vom 6.3.2010

Religiöser Fundamentalismus in Israel wird unter anderem von der Gush Emunim vertreten. 1974 wurde die Gush Emunim gegründet, die jeden Kompromiß mit den Arabern ablehnt. Durch die Anlage illegaler Siedlungen in den besetzten Gebieten sollten vollendete Tatsachen geschaffen werden. Führer waren Anhänger von Rav Zvi Yehuda Kook. Nach dem Sieg des Likud 1977 hatte die Gush Emunim wichtige Sympathisanten in staatlichen Stellen. Man schuf ein eigenes Schulsystem mit einer umfassenden Lebensethik, deren Regeln sich religiös definierten. Sie erhöhten die Zahl der Märsche in den besetzten Gebieten. Aktiv war die Bewegung an der Kolonisierung „Judäa- Samarias“ beteiligt. Ein wichtiger Erfolg war die Gründung der Siedlung Elon Moreh in der Nähe von Nablus, die 1976 endgültig legalisiert wurde. Siedlungsversuche gab es nach dem Sechstagekrieg in Hebron. Radikale Juden besetzten unter Führung von Rabbi Mosche Levinger ein Hotel.1970 entstand in der Nähe von Hebron eine jüdische Stadt namens Kyriat Arba, deren Bewohner die Gush Emunim unterstützten. Nach dem Sieg von Menachem Begin 1977 begann eine verstärkte Siedlungstätigkeit. In Elon Moreh erklärte der Likud-Sturkopf: „Es werden noch viele weitere Elon Morehs folgen.“ Seit 1980 waren die Gush Emunim terroristisch. Führer des radikalen Flügels war Moschee Levinger, der den Terror begrüßte, Yoeil Bin-Nun kritisierte den wahllosen politischen Mord. Die Zerschlagung des Untergrund-Netzwerkes der Gush Emunim förderten ein erstaunliches Komplott ans Tageslicht. Die jüdischen Terroristen planten, die Moscheen am Jerusalemer Tempelplatz in die Luft zu sprengen. Die Sprengung könnte mehrere hundert Millionen Muslime zum Jihad veranlassen. Es käme zum Kampf zwischen Gog und Magog nach Logik der Gush Emunim. Der Sieg Israels könnte das Kommen des Messias vorbereiten. Das Ganze klingt doch reichlich wahnsinnig. Zu den Befürwortern gehört Dan Be’eri, der sich an den ersten Siedlungsversuchen in Elon Moreh 1976 beteiligte. Der Plan zur Moscheen-Sprengung erschien ihm als Resultat der Lektüre von heiligen Schriften. 1984 werden die Tempelplatzverschwörer identifiziert und festgenommen.

Die Gush Emunim wirkte 1990 in einer religiös konservativen Koalition weiter. Nach der Sichtweise der Extremisten haben die Nicht ­-Juden kein Recht auf Israel, das dem auserwählten Volk verheißene Land. Ziel ist hier die Vertreibung der Palästinenser. Diese Bewegung und andere Siedler sind komplementär zu Hamas – jeglicher Kompromiß wird ausgeschlossen. Der Likud, der jetzt regiert, gewährt diesen Bewegungen viel zu viel Raum.Immer weiter die Palästinensergebiete im Westjordanland zu besiedeln, das kann nicht gut gehen.

Christian Schauer

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Main-Echo 24.2.2010 (Auszug) »Imam hat eine empfindliche Grenze überschritten« Religion: Generalsekretär der Frankfurter Gemeinde kann Inhalt der anti-israelischen Predigt nicht vertreten Frankfurt Der frühere Imam der Frankfurter Fatima-Zehra-Moschee hat nach Überzeugung der Mehrheit der Gemeinde mit seiner anti-israelischen Predigt eine »empfindliche Grenze« überschritten. Dies sagte der Generalsekretär der Hazrat-Fatima-Zehra-Gemeinde, Ünal Kaymakci, gestern in Frankfurt.

Leserbrief schauer

Imam hat eine empfindliche Grenze überschritten Die vom Frankfurter Imam in seiner Predigt im September 2009 vorgetragenen Äußerungen zum Palästinakonflikt sind keine Einzelmeinung in der muslimischen Welt. Die darin geäußerten Schwarz-Weiß-Raster lassen sich wie folgt zusammenfassen: Muslime sind immer unterdrückt und restlos unschuldig, der Westen (Imperialismus) ist restlos negativ. Die Gründung Israels wird in einen Topf mit der aktuellen Politik der USA geworfen (Irak, Afghanistan), die durchaus kritikwürdig ist. Die zweitausend Jahre lange Verfolgung der Juden wird nicht zum Thema gemacht, das heißt die Frage nicht aufgeworfen, wohin die Juden nach ihrer Vernichtung im Zweiten Weltkrieg und dem hohen Ausmaß an Kollaboration hätten gehen sollen. Auch sollte angeführt werden, dass der Holocaust auch in Palästina stattgefunden hätte, wenn es nach dem Willen der mit dem Dritten Reich verbündeten Führung der Palästinenser (Mufti Amin Al Husseini) gegangen wäre.* Wie überhaupt die Zustimmung für das Dritte Reich im arabischen Raum sehr groß war. Die eigene gewaltsame Ausbreitung des Islam im 7. Jahrhundert wird auch nicht thematisiert und schon gar nicht kritisiert. Einen Grund, auch nur einen Quadratkilometer israelischen Staat anzuerkennen, gibt es nicht, da der Holocaust entweder geleugnet, relativiert oder verharmlost wird. Im ganzen muslimischen Raum sollte es keinen nicht-muslimischen Staat geben. Der Quds Tag ist der Tag des gewaltsamen Sieges des Islam („Tod Israel“- Rufe im Iran). Besonders plastisch forderte der gegenwärtige iranische Präsident Ahmadinedschad am 26. Oktober 2005 in Teheran: „Das Regime, das Jerusalem besetzt hält, muss aus den Annalen der Geschichte getilgt werden.“ Ist es wirklich so, dass die Gewalt immer nur von einer Seite ausging?

Christian Schauer, geschrieben: 11.04.2010, ME online

* Großmufti Amin al Husseini war Agent der faschistischen Achse. Hier ein Auszug aus einer Rede vor den Imamen der bosnischen SS-Division vom 4.10.1944 Verhältnis zu den Juden: In der Bekämpfung des Judentums nähern sich der Islam und der N.S. einander sehr. Fast ein drittel des Koran beschäftigt sich mit den Juden. Er hat alle Moslime aufgefordert sich vor den Juden in acht zu nehmen, und sie wo man sie treffen mag zu bekämpfen. Die Juden haben in Kheibar versucht, den von Gott gesandten Mohamed zu vergiften und verschiedene Attentate gegen ihn unternommen oder unternehmen lassen, die alle misslungen sind. Alle Versuche Mohameds sie zur Vernunft zu bringen waren erfolglos, sodass er sich endlich gezwungen sah, die Juden zu beseitigen und sie aus Arabien hinauszujagen.

Amin al-Husseini

Amin al-Husseini

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Leserbrief zu „Kampf geht weiter – Hamas feiert ihren 22. Gründungstag“, in: Der Heimatbote vom 15.12.2009 – Der Brief erschien im „Heimatboten“ vom 19. 12.2009

Die Islamistische Widerstandsbewegung Hamas wurde 1987 als palästinensischer Zweigder Muslimbruderschaft gegründet. 1988 veröffentlichte sie ihre bis heute unverändert gültige „Charta“. Sie kennzeichnet darin ihren Djihad als antijüdischen Kampf der Islamisten schlechthin. In der Charta heißt es dazu: „Dieser Djihad verbindet sich mit dem Impuls des Märtyrers Izz a-din al-Quassam und seinen Brüdern in der Muslimbruderschaft, die den Heiligen Krieg von 1936 führten; er ist darüberhinaus (…) mit dem Djihad der Muslimbrüder während des Kriegs von 1948 verbunden, wie auch mit den Djihad-Operationen der Muslimbrüder von 1968 und danach. (…) Der Prophet – Andacht und Frieden Allahs sei mit ihm, – erklärte: Die Zeit wird nicht anbrechen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten; bevor sich nicht die Juden hinter Felsen und Bäumen verstecken, welche ausrufen: Oh Muslim! Da ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt; komm und töte ihn! (…)“

In der Charta werden die Protokolle der Weisen von Zion als ein authentisches Dokument präsentiert. Die Juden werden als das Weltübel schlechthin gesehen und nicht nur für die Französische Revolution und den Ersten Weltkrieg, sondern auch für den Zweiten Weltkrieg, die Ausbeutung der Dritten Welt durch den Imperialismus und den Drogenschmuggel verantwortlich gemacht. Die Hamas definiert sich als „universelle“ Bewegung und als „Speerspitze und Avantgarde“ im Kampf gegen den „Weltzionismus“. Aziz ar-Rantisi, einer der Gründer und zwischenzeitlich der Führer der Hamas, bezeichnete den Holocaust als die größte aller Lügen, als Propaganda, welche die Zionisten über die Medien verbreiteten. Er führte zudem aus, dass die Ermordung vieler Juden durch die Nationalsozialisten von den Zionisten unterstützt worden sei, um die Juden zum Auswandern nach Palästina zu zwingen. Die Holocaust-Leugnung ist in manchen arabischen Ländern eine gängige Haltung. Hier einige Beispiele: Präsident Gamal Abdel Nasser im Mai 1964 in der „Deutschen Nationalzeitung”: „ Die Lüge von den sechs Millionen ermordeten Juden wird von niemandem ernst genommen.“ Der amtierende Palästinenserpräsident Mahmut Abbas ist ebenfalls Holocaust – Relativierer. Er schrieb 1983 eine Doktorarbeit über “Die geheimen Beziehungen zwischen Nazis und der Führung der Zionistischen Bewegung”, in der er behauptete: Nicht sechs Millionen, sondern maximal 890.000 Juden seien in den nationalsozialistischen Lagern ermordet worden. Sie seien Opfer eines zionistisch-nazistischen Komplotts gewesen. Die Zionisten hätten den Holocaust gewollt, um ihn als Druckmittel zur Schaffung des Staates Israel zu verwenden. Al Ahram“ am 2. Februar 1998: Es waren „niemals … mehr als 70.000 Juden in Auschwitz“. Palästinensische Zeitschrift ‚al Hayat Al Jadidah“ am 2. Juli 1998: „Die Wahrheit aber ist, dass die Verfolgung der Juden ein Mythos ist, den die Juden Holocaust genannt haben, um ihn auszubeuten und so Sympathiezu gewinnen.“ Al Akbar“ am 14. Juli 1998: “Israel hat seinen Staat auf eine Fülle von Mythen und Lügen aufgebaut. Deshalb waren die zionistischen Organisationen so angsterfüllt, als Roger Garaudy über die Lüge schrieb, dass die Juden im Zweiten Weltkrieg in Gaskammern vernichtet worden seien.“

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau

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Leserbrief zu: „Im Belfast des Nahen Ostens“, in: Main-Echo vom 14.7.2009; erschienen am 31. Juli 2009 im Main-Echo unter dem Titel: „Theaterstück weist Weg zur Versöhnung“

Die jüdische Gemeinde in Hebron rangiert ganz oben bei dem, was gemeinhin unter dem Phänomen “radikal-fanatische Siedler“ verzeichnet wird. Ungefähr Tausend leben im Zentrum der zweitgrößten Stadt im Westjordanland. Hebron ist für das Judentum eine heilige Stätte. Erwähnt sei das Patriarchengrab, die Machpela, wo Abraham begraben liegt. Dass der auch Stammvater der anderen beiden großen monotheistischen Religionen ist, spricht für potentiell Verbindendes. Dieses Verbindende wird jedoch häufig nicht erreicht. Extremes Beispiel ist der Extremist Baruch Goldstein, der 1994 29 muslimische Palästinenser erschoß. Er wird von den Siedlern als „Märtyrer“ verehrt. Diese Siedlerbewegung ist der eine Teil der Unversöhnlichkeit in dieser Stadt.

Der palästinensische Extremismus auf der anderen Seite kam in einem großen Massaker 1929 zum Ausbruch. Am 23. August kam es zu einem heftigen arabisch- jüdischen Zusammenstoß in Jerusalem, hinter dem die Agitation des Großmufti von Jerusalem, Hadj Amin el-Husseini stand. Die Unruhen griffen auf andere Städte über. Am schlimmsten waren die arabischen Massaker in Hebron und Safed. Allein dem Massaker von Hebron fielen 67 Juden zum Opfer. Die Massaker standen unter dem Zeichen von martialischen Schlachtrufen wie „Palästina ist unser Land, und die Juden sind unsere Hunde“ oder „Das Gesetz Muhammads wird mit dem Schwert durchgesetzt“ sowie „Wir sind wohlbewaffnet und werden euch mit dem Schwert töten“. Auch in Jerusalem, Jaffa und Safed fanden an diesem Tag Massaker statt .In Safed wurden 20 Juden getötet. Vielleicht bietet das Theaterstück Hebron von Tamir Greenberg einen zumindest fiktiven Ausweg. Das Stück beginnt mit der Ermordung eines jüdischen und eines arabischen Kindes. Die Mütter weigern sich, die Leichen Ihrer Kinder sofort beerdigen zu lassen, und rebellieren somit gegen die Regeln der jeweiligen Religion. Ein Zirkel von Rache und Zerstörung folgt, wobei die Angehörigen der beiden betroffenen Familien nicht nur in ihrem Hass, sondern auch in ihrem hilflosen Schmerz porträtiert werden. In Ayala, der jungen Tochter der jüdischen Familie, in Mahdi, dem behinderten Sohn der palästinensischen Familie und einem Waisenjungen personifiziert sich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Gemeinsam verlassen sie die zerstörte Stadt. „Wenn Olivenbäume um Gnade flehen“, titelte ein Rezensent über die nahezu unmögliche, aber in diesem Ausnahmestück realisierte Verbindung von ungeschminktem Realismus und nachdenklicher Phantasie. Als “Hebron” in Israel aufgeführt wurde, kam es jeden Abend zu Demonstrationen der Anhänger der Rechten. Tamir Greenberg –der ungeliebte Autor- wurde bedroht. Im Parlament sowie in den Medien kamen Diskussionen auf. Zwei Politiker von rechts und von links veröffentlichten gemeinsam einen Aufruf, dass jeder Israeli und jeder Palästinenser sich dieses Stück anschauen solle. Es ist bis heute das einzige hebräische Theaterstück, das ins Arabische übersetzt und in Palästina als Buch herausgebracht wurde.

Christian Schauer

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Wie könnte ein Frieden aussehen?

Bei der Frage, ob dieser Krieg Israels gegen die Hamas, der zum Jahreswechsel schon über 300 Menschen das Leben gekostet hat, darunter wie immer vielen Unschuldigen, nötig ist, sollte jeder zunächst die Charta der Hamas (ihr Programm) studieren, um sich dann selbst diese Frage zu beantworten.

In der Charta heißt es unter anderem:

Artikel 7: Weil Muslime, die die Sache der Hamas verfolgen und für ihren Sieg kämpfen (…), überall auf der Erde verbreitet sind, ist die Islamistische Widerstandsbewegung eine universelle Bewegung. (…) Hamas ist eines der Glieder in der Kette des Dschihad (“Heiliger Krieg”), die sich der zionistischen Invasion entgegenstellt. Dieser Dschihad verbindet sich mit dem Impuls des Märtyrers Izz a-din al-Quassam und seiner Brüder in der Muslimbruderschaft, die den Heiligen Krieg von 1936 führten; er ist darüber hinaus (…) mit dem Dschihad der Muslimbrüder während des Kriegs von 1948 verbunden, wie auch mit den Dschihad-Operationen der Muslimbrüder von 1968 und danach. (…) Der Prophet – Andacht und Frieden Allahs sei mit ihm – erklärte: Die Zeit wird nicht anbrechen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten; bevor sich nicht die Juden hinter Felsen und Bäumen verstecken, welche ausrufen: Oh Muslim! Da ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt; komm und töte ihn! (…)

Artikel 13: Ansätze zum Frieden, die sogenannten friedlichen Lösungen und die internationalen Konferenzen zur Lösung der Palästinafrage stehen sämtlichst im Widerspruch zu den Auffassungen der Islamischen Widerstandsbewegung. Denn auf irgendeinen Teil Palästinas zu verzichten bedeutet, auf einen Teil der Religion zu verzichten; der Nationalismus der Islamischen Widerstandsbewegung ist Bestandteil ihres Glaubens. (…) Für die Palästina-Frage gibt es keine andere Lösung als den Dschihad. Die Initiativen, Vorschläge und Internationalen Konferenzen sind reine Zeitverschwendung und eine Praxis der Sinnlosigkeit. Das palästinensische Volk aber ist zu edel, um seine Zukunft, seine Rechte und sein Schicksal einem sinnlosen Spiel zu unterwerfen.

Artikel 32: Der Weltzionismus und die imperialistischen Kräfte haben mit klugen Schritten und bewusster Planung versucht, die arabischen Länder aus der Kampfarena gegen den Zionismus wegzustoßen, um letztendlich das palästinensische Volk zu isolieren. Ägypten wurde bereits hauptsächlich mit Hilfe des betrügerischen Camp- David-Abkommens aus dem Konflikt geworfen und es hat versucht, auch andere Länder in ähnliche Abkommen zu ziehen, um sie aus dieser Kampfarena auszuschließen.Hamas ruft die arabischen und islamischen Völker dazu auf, ernsthaft und unermüdlich zu handeln, um dieses schreckliche Komplott zu durchkreuzen und den Massen die Gefahr vor Augen zu halten, die mit dem Austritt aus der Kampfarena gegen den Zionismus verbunden ist. Heute ist es Palästina – und morgen könnten es andere Länder sein.

Wie könnte ein Frieden zwischen Israel und der Hamas aussehen? Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, Alzenau (Inwiefern die Charta von 1988 heute noch tatsächlich Bedeutung für die Hamas-Positionen hat, ist umstritten. Ungeachtet dessen ist sie weiterhin gültig. Anmerkung der Redaktion)

Main.-Echo 6.1.2009

Empfohlener Link

http://www.boell.de/worldwide/middleeast/middle-east-5929.html

http://www.main-echo.de/ueberregional/politik/art4206,646395

Veröffentlicht 6. Mai 2012 von schauerchristian in Nahost - Konflikt

Alzenau und Gunzenhausen in der NS-Zeit

Gunzenhausen und Alzenau in der NS-Zeit

Schon im April 1920 sprach Julius Streicher, der spätere Gauleiter Frankens, aufeiner Veranstaltung der Deutsch-Sozialistischen Partei in Gunzenhausen.1 Im Januar 1923 entstand die NSDAP-Ortsgruppe. Im Stadtrat von Gunzenhausen saßen schon 1924 Nationalsozialisten. Schon in den 20er Jahren gab es erste antijüdische Ausschreitungen. 1928 wurden Fenster der Synagoge eingeschlagen, im Dezember 1929 wurden 18 Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof umgestürzt und teilweise zertrümmert. Im Februar dieses Jahres wurde ein jüdischer Lehrer am städtischen Gymnasium durch eine seiner Schülerinnen – mit Unterstützung der nationalsozialistischen Zeitung “Der Stürmer” – beschuldigt, die christliche Religion verunglimpft zu haben. Die Sache kam vor Gericht, wo noch einigermaßen rechtsstaatlich geurteilt wurde. Der Lehrer wurde freigesprochen und dem Redakteur des “Stürmers” eine Geldstrafe auferlegt.

Ende der 20er Jahre existierten drei jüdische Bankhäuser in Gunzenhausen. Es gab eine jüdische Gastwirtschaft und ein Kaffeehaus. Zwei jüdische Ärzte praktizieren, ein Allgemeinarzt und ein Zahnarzt. Überwiegend waren Juden Handeltreibende, selten Handwerker. Der Rabbi kam aus Ansbach und betreute die Gemeinde mit. In dem Haus am Hafnermarkt 13 befand sich eine Mikwe (Ritualbad). 2 Seit 1928 war Hans Appler Führer der Ortsgruppe Gunzenhausen der NSDAP.

Hans Appler

Hans Appler

1930 wurde SS-Sturmführer Appler Kreisleiter, kurz vor der Machtergreifung sogar Mitglied des Reichstages. 3 Bis 1932 leitete er den NSDAP-Bezirk Gunzenhausen, dann anschließend bis November 1940 den dortigen Kreis.4 Appler wurde am 1. Oktober 1935 Erster Bürgermeister in Gunzenhausen und blieb in diesem Amt bis April 1945. Nach manchen Quellen setzte sich Appler 1946 nach Kairo ab. Dort sei er zum Islam konvertiert und habe unter dem Namen Salah Chaffar gelebt.

Wie die Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen mitteilt, handelt es sich um eine Verwechslung. “Durch Überprüfung der personenbezogenen Findhilfsmittel ist festzustellen, dass Johann Appler, geb. 1892, in den von der Zentralen Stelle übernommenen Unterlagen mehrfach bekannt geworden ist. Die in dem Wikipedia-Artikel zitierten Informationen über seineangebliche Auswanderung nach Ägypten stammen aus einer hier vorliegenden Veröffentlichung des Simon-Wiesenthal-Zentrums v. Juni 1967 (B 162/5656, Bl. 59ff.),in der ein „Hans Appler“ entsprechend erwähnt wird (Bl. 67). Da dieser jedoch als Mitarbeiter des Reichspropagandaministeriums bezeichnet wird, scheint hier eine Verwechslung vorzuliegen.

Johann Appler war nach 1945 zunächst in Ludwigsburg interniert. Entsprechend dürfte im Staatsarchiv Ludwigsburg eine Spruchkammerakte vorliegen. 1946 bis 1950 war Appler Beschuldigter mehrerer Verfahren der Staatsanwaltschaft Ansbach, deren Akten teilweise im Staatsarchiv Nürnberg verwahrt werden.” Ägypten war neben Argentinien ein Hauptzufluchtsort für Nationalsozialisten nach dem Zweiten Weltkrieg. 5

Gunzenhausen war dem Nationalsozialismus überdurchschnittlich gewogen, was sich in sehr guten Reichstagswahlergebnissen dokumentierte. 1928 erreichte die Partei hier über sechzehn Prozent, 1930 waren es über fünfunddreißig Prozent. 6 Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 konnte die NSDAP 66,5 Prozent der Stimmen gewinnen (Reichsdurchschnitt 37,3 Prozent). 7 Noch etwas besser schnitt die NSDAP bei der letzten einigermaßen “freien” Reichstagswahl am 5. März 1933 ab – sie erhielt 67,1 Prozent der abgegebenen Stimmen (Reichsdurchschnitt 43,9 Prozent).

Am 25. März 1934 ereignete sich in Gunzenhausen ein antijüdisches Pogrom, das “Pogrom von Gunzenhausen”. Das Wetter war deutlich freundlicher als die Ereignisse, die dort stattfanden. Obersturmführer Kurt Bär führte den SA-Sturm 30/13. An diesem Tag traf man sich abends im “Hotel zur Post”. 8 Ein erster Höhepunkt des Konfliktes zwischen SA und war die gewaltsame Entfernung des nicht-jüdischen Landwirts und Dorfbürgermeisters Leonhard Baumgärtner durch die SA aus der Wirtschaft Strauss, die als “Judenwirtschaft” galt. Es ging hervorgehoben um die Jagd auf ein ehemaliges Mitglied des Reichsbanners 9, den jüdischen Kaufmann Jakob Rosenfelder. Der Tag endete damit, dass eine aufgeputschte Menge von bis zu 1.500 Teilnehmern durch Gunzenhausen zog. Angestachelt von antisemitischen Hetzreden des SA-Mannes Kurt Bär drang sie gewaltsam plündernd in jüdische Wohnungen ein und trieb die Bewohner unter Schlägen ins Gefängnis. 10 Zwei Juden kamen an diesem denkwürdigen Tag ums Leben, der 65-jährige Privatier Max Rosenau und der 30-jährige Kaufmann Jakob Rosenfelder.

Aus der Vernehmung des Zeugen Erich Klein, der in einem Spruchkammerverfahren folgendes äußerte: „ … Hierauf begab ich mich in die Wirtschaft Strauß, kam aber nicht ins Lokal. Zu dieser Zeit war bereits eine ziemliche Menschenmenge vor der Wirtschaft. Ich sah den jungen Strauß außen … auf dem Pflaster regungslos liegen. Hierauf erschien Kurt Bär unter der Haustüre …und hielt eine kleine Ansprache … ich kann mich nur noch an Bruchteile davon erinnern: ‚Die Juden haben Christus ans Kreuz geschlagen, diese haben den Krieg verursacht und haben zwei Millionen Deutsche auf dem Gewissen, die Juden wollten auch das deutsche Volk ans Kreuz nageln.’ Er sprach auch davon, dass er von dem Juden Julius Strauß angespuckt wurde, und dass sich ein SA-Mann das nicht gefallen lassen kann, weil sie die Garanten des Staates sind.” … 11 Die NS- Tendenz, den Juden die Schuld am Ersten Weltkrieg zuzuschieben, wurde schon vor Ende des Krieges von rechtsradikalen Kräften in die Wege geleitet. 12

Der Mord an Simon Strauß

Beim Heimatfest am 15. Juli 1934 trafen sich auch SA-Männer, darunter Kurt Bär. KurtBär ließ seinem Antisemitismus freien Lauf. Nach Angaben der Oberstaatsanwaltschaft Ansbach äußerte er: Diese Lumpen gehören alle erschossen.” Zwischen 21 und 22 Uhr erfuhr die Gendarmerie Gunzenhausen, dass Kurt Bär Vater und Sohn Strauß niedergeschossen hatte. Simon Strauß lag in der Gaststube, sein Sohn Julius im Neben-zimmer. Im Krankenhaus erlag Simon Strauß noch am gleichen Tag seinen Verletzungen. Der SA-Mann Kurt Bär bestand darauf, die Tat ohne fremde Hilfe vollbracht zu haben. Seine Wut richtete sich gegen Simon und Julius Strauß, weil das Gericht ihm nicht geglaubt habe, dass der Jude Strauß ihn angespuckt habe. Den beiden Juden habe man geglaubt. Sowohl die SA als auch die NSDAP verurteilten die Vorfälle. Das Landgericht Ansbach verurteilte den Angeklagten Bär zu einer lebenslänglichen plus zehnjährigen Zuchthausstrafe wegen versuchten Totschlags. 1935 wurde eine Revision des Urteils abgelehnt. Kurt Bär wurde nach seiner Begnadigung am 16. November 1938 vorzeitig entlassen. 13

Antisemitismus in Alzenau

Schon im August 1933 wurden die Juden Siegfried Rothschild und Arthur Hecht aus Hörstein schwer misshandelt. Dem Metzger Moritz Löwenthal wurde der Kiefer gebrochen. Bei den Tätern handelte es sich um SS-Leute aus Aschaffenburg, die von SS-Leuten aus Hörstein Informationen über den Ort Hörstein erhielten. Ein 37 jähriger SS-Mann aus Aschaffenburg erhielt für die Tat zwei Monate auf Bewährung. “Der Stürmer” wertete die Tat im September als Züchtigung von “geständigen Mädchenschändern und Schwarzschlächtern” – Geständnisse gab es de facto nicht.

Wahrscheinlich 1935 wurde in Alzenau ein Flugblatt verteilt, dass weniger zu allgemeinen Verschwörungstheorien sich verstieg wie Kurt Bär in Gunzenhausen (siehe oben) als vielmehr Menschen jüdischen Glaubens persönlich angriff: “Wie lange noch liefert der grosse Judenfreund Metzgermeister Pflaum Fleisch in das Bezirkskrankenhaus? Bei einer Listensammlung (Mutter und Kind) gab er nichts. Seine Viehhäute liefert er nach wie vor an den Juden Lippmann. Wie lange noch kaufen hiesige Beamte besonders aus der Kunkelsrainstr. noch in auswärtigen Judengeschäften ein? Ist die Judenbäckerei Schafheimer ein besonderer Günstling? Dieser schleicht noch Nachts um 23 Uhr mit seiner für die ‘Goims’ zubereiteten Knatschware in den Häusern umher. Wie lange erlaubt sich die Judenbagasche noch die Frechheit, unsere schöne Hauckwald-anlage zu besudeln und die Bänke am Wasserloser Waldeck zu belagern?Wie lange glaubt die Judensippe noch am Schabbes in 6er Reihen durch unsere Strassenwatscheln zu dürfen? Warum wird des Emigranten Hotel des Schacher- und Watscheljuden Benzion Wechsler (Löffler) nicht aushehoben und gesprengt? Wie lange werden hier noch jüdische Flüchtlinge beherbergt? Bemerkt man nicht das ständige Kommen und Gehen der Plattfuss-Indianer in diesem Haus? Z- Zt. mit ca. 15 Hebräern belegt!!!” 14

Benzion Wechsler

Benzion Wechsler

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Lehrer Benzion Wechsler (1874 bis 1943) war als Vorstandsmitglied von Vereinen im lokalen Geschehen verwurzelt. Er hielt im August 1929 für die Israelitische Kultusgemeinde eine Ansprache bei der Feier zur Übergabe und Weihe des Ehrenmals für die Gefallenen des Weltkrieges. Wechsler meinte damals: “Unsere Nachkommen, Enkel und Urenkel, sollen beim Anblick dieses Denkmals daran erinnert werden, daß im Weltkriege tapfere Soldaten Gefahren vom Deutschen Volke nahmen.” Er betonte als national denkender Jude, dieses Ehrenmal vermittle ein Gefühl von Eintracht und Zusammengehörigkeit und beendete seine Ansprache mit den Worten: “Einer für Alle, Alle für Einen, so soll auch jetzt nach dem Kriege das Volk in Eintracht verkehren, jeden Rassen- und Klassenhaß von sich weisen, die Überzeugung und Religion anderer achten, wie dies unser Nationaldichter Schiller so herrlich in Wilhelm Tell ausspricht: ‘Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr.’ ” Zum Ausschluß von Juden aus Sportvereinen gibt das Protokoll des Turn- und Sportvereins Alzenau vom 13. Mai 1933 Aufschluß. Dort heißt es unter anderem: „In unserem Verein befinden sich noch Lehrer Wechsler, Moritz und Salomon Hamburger. Es wurde diesen Mitgliedern nahegelegt, ihren Austritt zu erklären, was auch geschehen ist.” Benzion Wechsler wurde 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Der Wille zur Ausgrenzung ist in diesem Flugblatt deutlich zu spüren.Juden, die ansonsten eine riesige Hakennase haben, fehlt hier der aufrechte Gang . Sie watscheln (“Watscheljude Benzion Wechsler”, “durch unsere Strassen watscheln”). Allein durch ihre Anwesenheit besudeln sie die Hauckwaldanlage – sind also Unreine. Eng mit dem Begriff des “unreinen Juden” verbunden ist die Bezeichnung “Judensau”. Die Bezeichnung „Judensau“ umfasste ein im Hochmittelalter entstandenes häufiges Bildmotiv der antijüdisch christlichen Kunst. Es sollte Juden nicht nur verhöhnen, sondern auch demütigen, da das Schwein im Judentum als unrein gilt und mit einem religiösen Nahrungsverbot belegt ist.

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Bild: Wittenberger Judensau von 1596

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Die NS-Sympathien in Alzenau und Umgebung

Die Reichstagswahl vom 05.03.1933 im Bezirk Alzenau ging folgendermaßen aus

Parteien Stimmen Prozent

NSDAP 4348 25,2

SPD 3452 20,0

KPD 1231 7,2

Bayerische Volkspartei 8049 46,7

Kampffront Schwarz

weiß rot 64

DVP 40

Christlich-sozialer

Volksdienst 22

Deutsche Bauernpartei 9

DDP (Deutsche

Staatspartei) 18

Der Stimmenanteil für die NSDAP war also deutlich geringer als in Gunzenhausen. Zusammenfassend lässt sich für den Bezirk Alzenau für die Reichstagswahlen 1928 bis 1933 feststellen: 15 Der Wählerstamm der Bayerischen Volkspartei blieb in dieser Zeit relativ konstant. Im Mai 1928 lag des Ergebnis bei 50,7 %, im März 1933 bei 46,7 %. Die NSDAP erhielt bei der letzten noch halbwegs freien Wahl knapp 25 % der Stimmen 1928 lag sie noch bei 1 %. Der Anteil der SPD sank von 33,1 % 1928 auf 20 % 1933. Damit ging der Anteil dieser Partei deutlich zurück. Die KPD erreichte ihr bestes Ergebnis im November 1932 mit 11,2 %, im März 1933 fiel sie auf 7,2 % zurück – 1928 lag der Anteil bei 4,8 %.

Die Reichspogromnacht in Alzenau

Lesen wir die Zeugenaussage von Meta Bachrach- Tochter von Ferdinand Hamburger– im Spruchkammerverfahren vom 6.11.1946 “An die Spruchkammer Alzenau”: “Hier ist es so wie ich es erlebt habe- Als Zeuge und victim mache ich folgende Angaben. Am 10. November als mein Vater in die Synagoge kam die gleich neben unserem Hausewar, war dieselbe demoliert und das Almemor sowie auch der Aron (?) Hakodesch angehackt mit einem Beil etc. Ich sah es selbst. Dieses geschah in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Während des Tages zogen Horden von Nazis vor unser Haus und der Synagoge auf. Wie man sagt hat P. und E. W. Spitzel beherbergt. Besonders E. W. die zwischen uns und meinem Onkel J. in der Judengasse (?) wohnte. Bei ihr besonders müssen Sie geehrter Herr Rothschild auf den Grund gehen, denn lügen war schon immer ihr Meister Stück. Joan or J. R. Sohn des früheren Ortsdieners Reinhard (?) R. stand Schmiere während Horden von Nazis in die Synagoge eindrangen und bei Ferdinand Hamburger der in der Wohnung oben in(?) der Synagoge wohnte. In der Synagoge wurde alles kurz und klein geschlagen auch bei Ferdinand Hamburger wobei sie sogar die Betten aufschlissen und den Herd zum Fenster hinaus wurfen. Die Sefer Thoras verrissen sie auf der Strasse und in dem Wege zwischen Pflaum und uns war ein richtiges Papiermeer von zerrissenen Thoras und Gebetbüchern. Besonders hervor taten sich in dieser Aktion die folgenden Personen. Die beiden Gebrüder F., die Gebrüder G., L. G. von der damaligen Hitler Jugend und dessen Vater, Kimmel der damalige Ortsgruppenleiter, K. E. und dessen Sohn W., Dr. B. Lehrer B., bei dem ich mehrere Jahre in die Schule ging und der schon von Anfang an gegen die jüdischen Kinder discriminiert hat.J. oder H. H. (genannt K.) wohnhaft im Hause von Sattler B. (?), SS-.Mann G. (wohnhaft auf der Oberschur). Ganz besonders tat sich hervor der lange K. der auf der Elze wohnt ein junger Mann der heute ungefähr 38 (?) alt ist. Der Vorname ist mir unbekannt aber es wird ihnen jeder sagen können wer er ist. Derselbe hat bei uns öfters die Fensterscheiben eingeschmissen vor dem 10. Nov. 1938. Gezeichnet Meta Bachrach.” 16

Anmerkungen: Mit dem Begriff “Sefer Thoras” sind Thorarollen gemeint, “Almemor” ist ein erhöhter Platz in der Synagoge für die Verlesung der Thora. Aron Hakodech ist die hebräische Bezeichnung für den Thoraschrein (oder auch „heiligen Schrein“). Es ist der Schrein, in dem die Thorarollen in der Synagoge aufbewahrt werden.

In Hörstein randalierten in der Reichspogromnacht SA – Leute vor mehreren jüdischen Häusern. Das Haus von Hermann Rothschild wurde heimgesucht. Gesucht wurde nach Schuldscheinen. Nicht einwandfrei zu klären war, ob die Synagoge in dieser Nacht beschädigt wurde. Der Anwohner Julius Hamburger wurde so stark geschlagen, dass seine Frau danach flehte, ihn gehen zu lassen. 17 Ein SA – Führer erteilte Ausweisungsbefehle gegenüber einigen Juden, was dazu führte, dass sich einige Familien reisefertig machten.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 setzte sich der wirtschaftliche Boykott in Alzenau nur allmählich durch. Noch im September 1935 waren 20 der 29 Tabakwarenfabriken in jüdischem Besitz und hatten etwa 2.100 Beschäftigte. Bis Sommer 1937 befand sich auch der Viehhandel als traditionelle Domäne der Juden noch überwiegend in jüdischen Händen.18 Durch den verschärften Antisemitismus entschlossen sich bis 1939 44 jüdische Einwohner zur Auswanderung. 21 flohen in die Vereinigten Staaten, 11 nach Palästina. Einigen gelang bis 1941 noch die Auswanderung, 24 die Flucht in andere deutsche Städte. Die letzten 11 jüdischen Einwohner Alzenaus wurden 1942 nach Izbica in Polen oder in das KZ Theresienstadt deportiert.

Reichspogromnacht in Gunzenhausen und Shoa

Die Synagoge von Gunzenhausen blieb in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 verschont. Sie war wahrscheinlich bereits Eigentum der Stadt. Die Wohnungen der Gunzenhäuser Juden wurden gestürmt und geplündert. Zahlreiche Einrichtungen wurden zerstört und nicht wenige Personen misshandelt. Fünfzehn wurden im Amtsgerichtsgefängnis inhaftiert, acht Männer wurden am 12. November nach Dachau verschleppt, die übrigen Frauen und Kinder wurden in der jüdischen Volksschule inhaftiert. Ende des Jahres lebten nur noch drei Juden in der Stadt. Auch sie verließen am 25. Januar 1939 die Stadt endgültig. Der Holocaust forderte nach aktuellem Stand 92 namentlich bekannte Opfer aus Gunzenhausen. Nehmen wir als Beispiel Ilse Bacherach, geb. Theilheimer. Sie wurde am 03.10.1903 Gunzenhausen geboren und am 04.10.1944 im KZ Auschwitz für tot erklärt. Schriftliche Zeugnisse von ihr liegen mir nicht vor, dafür von Frauen, die Auschwitz überlebten. “Ich erinnere mich noch an HerrnMengele, wie er breitbeinig dagestanden ist und den Daumen immer nach rechts oder nach links bewegt hat. Ich hatte keine Ahnung was die Daumenbewegungen bedeuteten- und dass der Herr dort Herr über Leben und Tod gewesen ist. Dann bin ich mit vielen anderen Frauen in die Duschen gekommen. Ich hatte keine Ahnung dass das auch eine Gaskammer hätte sein können. Aber nach einer Stunde in Auschwitz wusste ich das. Nach einer Stunde in Auschwitz habe ich genau gewusst, wo ich bin: in der Hölle.” 19 …. “Dann erinnere ich mich noch an das stundenlange Appellstehen, bei dem ich nur ein Gefühl hatte: Jetzt möchtest du sofort tot unfallen. Und zu allem spielte laute Musik.” 20 Eine andere Zeitzeugin erinnert sich: “Wir marschierten, bis wir zu einem großen Tor mit der Inschrift ‘Arbeit macht frei’. Als wir durch das Tor kamen, wurden wir von SS-Frauen und SS-Männern mit den folgenden Worten begrüßt: ‘ So, ihr Saujuden jetzt werden wir euch mal zeigen, was arbeiten heißt.’ Sie trieben uns in eine große Halle, die sogenannte Sauna. Wir mussten unsere Kleider ausziehen. Die Koffer mussten wir auf der Rampe stehen lassen. Die SS-Männer blieben dabei, als wir uns auszogen,  und amüsierten sich anscheinend köstlich, während wir vor Scham anfingen zu heulen. Im nackten Zustand wurden uns die Haare geschoren. Wir wurden dabei so entstellt, dass man den einen oder anderen gar nicht wiedererkannte.” 21

Kehren wir zur überproportionalen Zustimmung des Nationalsozialismus in Gunzenhausen zurück und nehmen als Beispiel die Haltung der Hensoltshöhe -ein sogenanntes Gemeinschafts-Diakonissen- Mutterhaus. Auf der offiziellen Homepage wird zugegeben “1933 Öffnung gegenüber den Nationalsozialisten in der Hoffnung auf erweiterte missionarische Möglichkeiten” 22 Rektor Ernst Keupp entwickelte sich zu einem begeisterten Anhänger des NS-Regimes. Die unregelmäßig erscheinende Schrift “Von der Hensoltshöhe” bot im März 1934 eine deutsch-christliche Botschaft. Die Wohltat einer “Errettung vor dem bolschewistischen Chaos” durch die Nationalsozialisten solle nicht vergessen werden. 23 Der “Retter” Adolf Hitler sei von Gott gesandt. Die Hensoltshöhe sei “tief innerlich verbunden” mit dem Nationalsozialismus.Der Hensoltshöher Rektor war gleichzeitig bis 1938 NS-“Blockleiter”. In dieser Funktion schulte er die ihm unterstellten Schwestern oder war bei Schulungen von NS-Funktionären anwesend. Die Schwestern der Hensoltshöhe waren geschlossen in der NS-Frauenschaft. Nach dem Spruchkammerverfahren musste er eine hohe Geldstrafe zahlen.

Vergangenheitsarbeit in Alzenau und Gunzenhausen

In Alzenau liegt eine Rohfassung einer Gesamtgeschichte der Juden im Ort vor.Unter dem Titel “Jüdisches Leben in Alzenau, Hörstein und Wasserlos. Von den Anfängen bis zur Vernichtung” haben die Historikerinnen Esther Graf und Monika Preuß aus Heidelberg eine umfassende Arbeit geschrieben, die leider noch nicht veröffentlicht ist. Ansonsten erscheinen regelmäßig Arbeiten zur Aufarbeitung des NS-Regimes in den Heimatjahrbüchern. Edgar Meyer – schon verblichen – hat einlesenswertes Buch “Alt Alzenau – neu entdeckt – Der Nationalsozialismus in Alzenau sein Ende und die Zeit danach” geschrieben, das im Reinhold Keim Verlag erschienen ist. 24 Zur Person des Alzenauer Alt-Bürgermeisters Michael Antoni gibt es Spruchkammerakten, die leider nicht öffentlich zugänglich sind.

In Gunzenhausen sind die meisten Beiträge zur Vergangenheitsbewältigung in Alt-Gunzenhausen Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung- Hrsg.: Verein für Heimatkunde Gunzenhausen – erschienen. Hervorzuheben ist die Serie „Der Nationalsozialismus in Gunzenhausen“ Aufsehen erregte das Buch „Heimat – eine Suche“ von Thomas Medicus, das in der überregionalen Presse überwiegend positiv besprochen wurde. Eine lesenswerte Broschüre über das beschriebene Pogrom wird von Heike Tagsold herausgegeben: „Was brauchen wir einen Befehl, wenn es gegen die Juden geht?“ Das Pogrom von Gunzenhausen1934 – Hefte zur Regionalgeschichte. Wer das tiefbraune Mittelfranken in dieser Zeit genauer erforschen will, der lese das Buch von Peter Zinke „An allem ist Alljuda schuld“ – Antisemitismus während der Weimarer Republik in Franken. 35 Erwähnungen im Ortsregister findet die Stadt Gunzenhausen in einem Werk über die braunen Wallfahrten auf dem nahe gelegenen Hesselberg. 25 Über den letzten Frankentag 1939 schrieb in einem Lagebericht der damalige Regierungspräsident Dippold von Ober- und Mittelfranken: „Am 24./25. Juni versammelte sich das nationalsozialistische Franken, dessen Städte und Dörfer festlich geschmückt waren, einer alten und heiligen Tradition gemäß zu einer würdigen und großartigen Feierstunde auf dem Hesselberg. Eine unübersehbare Anzahl von Volksgenossen aus Stadt und Land war dem Rufe, auf den heiligen Berg der Franken zu kommen, gefolgt, um auf die Erfolge des vergangenen Jahres zurückzuschauen und Ausblick zu halten auf die vielleicht schwere Arbeit der kommenden Monate …“ 26 Ein vollständiges Bild kann hier natürlich von beiden Städten nicht gezeichnet werden. Es sollen einige Meilensteine aufgezeigt werden.

Anmerkungen

1 Die Deutsch-Sozialistische Partei (DSP) war eine Partei radikal antisemitischer Kräfte der völkischen Bewegung. Sie wurde bei einem Parteitag (23.-25. April 1920) in Hannover auf Reichsebene gegründet, im Mai 1919 war eine Gründung in München vorausgegangen. Im Sommer 1920 zählte die Nürnberger DSP bereits 350 Mitglieder und besaß damit neben München eine der stärksten Ortsgruppen im Deutschen Reich.Hier war Julius Streicher tätig.

2 Vgl. http://jl-gunzenhausen.de/de/einleitung.html

3 Vgl. Daniel Loy, Unter “Eichenkranz” und “Hackenkreuz” Das Kriegerdenkmal am Hindenburgplatz, in: Alt-Gunzenhausen Heft 56/2001, S.114

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Appler

5 Einige Fakten zu Nationalsozialisten in Ägypten sind in folgendem Leserbrief zusammengefasst: In die Nasserzeit fielen die guten Beziehungen von Teilen des Militärs zum deutschen Nationalsozialismus. Im Main-Echo vom 16.2.2009 sind sie von mir zusammengefasst. Ägypten – beliebter Zufluchtsort für Nazis Nicht verwunderlich ist das Faktum, dass der NS-Verbrecher Aribert Heim in Ägypten untergetaucht ist,war dieses Land doch neben Argentinien ein bevorzugter Exilort für Nationalsozialisten,denen in Deutschland ein Prozess drohte. Es fanden dort Unterschlupf: Johannes von Leers, Hauptschriftleiter der nationalsozialistischen Zeitung Wille und Weg.

Der Ex-Goebbels-Mitarbeiter wurde politischer Berater des Informationsbüros der ägyptischen Regierung. Von ihm ist die Aussage überliefert:“Wenn es überhaupt eine Hoffnung gibt, die Welt von jüdischer Tyrannei zu befreien, dann mit Hilfe der Moslems, die sich unerschütterlich Zionismus, Kolonialismus und Imperialismus widersetzen.” SS-Standartenführer Leopold Gleim organisierte in Ägypten die Geheimpolizei und war für die Juden Ägyptens zuständig. SS-Obersturmbannführer Bernhard Bender war unter der Leitung Gleims für die politische Abteilung der ägyptischen Geheimpolizei zuständig. SS- Sturmbannführer Joachim Däumling wurde zum Berater im ägyptischen Innenministerium. SS-Sturmführer Wilhelm Boekler arbeitete in der Abteilung Israel im ägyptischen Geheimdienst. SA-Gruppenführer Heinrich Stellmann wurde Berater der Gegenspionage. Louis Heiden vom Reichssicherheitshauptamt übersetzte Hitlers “Mein Kampf” ins Arabische. Bevorzugt war dieses Buch bei ägyptischen Offizieren verbreitet. Der nationalsozialistische Journalist Franz Bünsche setzte seine Tätigkeit in Ägypten fort. Hans Appler war für den Islamischen Kongress tätig. Selbst wenn Zweifel am Tod Aribert Heims aufkommen, passt sein Aufenthaltsort doch in die Logik der Nachkriegszeit.

Siehe auch http://www.juif.org/go-blogs-10606.php

6 Vgl. Thomas Medicus, Heimat Eine Suche, Berlin 2014, S. 74

7 Heike Tagsold (Hg.), “Was brauchen wir einen Befehl wenn es gegen die Juden geht?” Das Pogrom von Gunzenhausen 1934, Nürnberg 2006, S. 9

8 Vgl.Thomas Medicus. a.a.O., S.45

9 Am 22. Februar 1924 wurde von Mitgliedern der SPD, der Deutschen Zentrumspartei, der Deutschen Demokratischen Partei sowie Gewerkschaftern in Magdeburg das Reichsbanner gegründet. Es überwog der Anteil der Sozialdemokraten in der Mitgliedschaft. Schätzungen gehen von bis zu 90 Prozent aus. Der Kampf für die Republik richtete sich sowohl gegen den “Stahlhelm” oder die SA als auch gegen den “Roten Frontkämpferbund”.

10 Vgl. http://www.nurinst.org/nurinst_org/proj_gunzen.htm

11 Vgl. http://jl-gunzenhausen.de/de/rosenfelder.html

12 “Die Alldeutschen und andere völkische und antisemitische Gruppen mussten nicht den Waffenstillstand, die Abdankung des Kaisers und die Ausrufung der Republik im November 1918 abwarten, um den Juden die Schuld an der Niederlage zu geben, hatten sie doch bereits 1917 den Krieg in einen Kampf ums Dasein zwischen Deutschtum und Judentum umgedeutet. Noch im September 1918 gründeten sie zur Koordination der antisemitischen Aktivitäten einen “Ausschuss für die Bekämpfung des Judentums”, der die Bereitschaft signalisierte, Antisemitismus bedenkenlos als politische Waffe bis hin zum Mord einzusetzen. Mit der “Dolchstoßlegende” besaß man ein wirksames Propagandainstrument, um die Wende des Krieges aus der Verantwortung des Militärs auf andere Gruppen wie Juden und Sozialdemokraten abzuschieben.” In: Der Erste Weltkrieg von Werner Bergmann

http://www.antisemitismus.net/geschichte/weltkrieg.htm

13 Vgl. Heike Tagsold, a.a.O., S. 50 ff.

14 Peter Körner, Skizzen zur Geschichte der Juden in Alzenau, Wasserlos und Hörstein, Alzenau o.J., S.16 f.

15 Vgl. Helmut Winter, Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im ehemaligen Bezirksamt Alzenau, Heimatjahrbuch Unser Kahlgrund 1983, S. 137 f.

16 Das Schreibmaschinen-Skript ist undeutlich. Es wurden Abkürzungen verwendet

17 Vgl. Walter Scharwies, Toleranz und Zusammenleben, aber auch unverständlicherHaß -Jüdische Kultusgemeinde in Alzenau/Wasserlos und Hörstein, in: Alzenauer Stadtbuch 2001, S.286

18 Vgl. http://www.alemannia-judaica.de/alzenau_synagoge.htm

19 Trude Simonsohn, Noch ein Glück- Erinnerungen, Göttingen 2014, S. 85

20 Ebd., S. 86

21 Esther Bejarano, Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts, Hamburg 2013, S. 64

22 Siehe: http://www.hensoltshoehe.de/index.php?id=587

23 Vgl. Daniel Schönwald, Die Geschichte der Deutschen Christen in Gunzenhausen unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses der “Hensoltshöhe” zum Nationalsozialismus, In: Alt- Gunzenhausen. Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung Heft 56/2001, S. 204

24 Edgar Meyer, Alt Alzenau – neu entdeckt. Der Nationalsozialismus in Alzenau, sein Ende und die Zeit danach, Alzenau 1995

25 Thomas Greif, Frankens braune Wallfahrt. Der Hesselberg im Dritten Reich, Ansbach 2007

26 Ebd. S. 219

 

Veröffentlicht 1. März 2012 von schauerchristian in Alzenau und Gunzenhausen in der NS-Zeit