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Die Grauen Wölfe – Geschichte der Sinti – Geschichte Haitis – Aspekte der Geschichte Armeniens

Der Wolfsgruß aktuell

Bei den Pro-Erdogan-Kundgebungen aktuell fällt ein Handzeichen immer wieder auf. Es ist der sogenannte „Wolfsgruß“ der Grauen Wölfe. Sie sind die Anhänger der extrem nationalistischen MHP. Ihr Führer war lange Alparslan Türkes. Nach seinem Tod 1997 übernahm Devlet Bahceli als Nachfolger die Parteiführung. Nach 1960 bildeten die Grauen Wölfe über 20 Jahre lang paramilitärische Einheiten, die die Regierung im Kampf gegen die PKK und Linke unterstützten. Dabei geschahen Hunderte politische Morde.

Rabia Zeichen

Rabia Zeichen

Rabia Zeichen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat nach dem vereitelten Putsch 2016 bei einem Auftritt in Istanbul ein Handzeichen präsentiert, das bei ihm schon häufiger zu sehen war: ein eingeklappter Daumen, kombiniert mit den anderen Fingern gerade – das Zeichen für vier. Was will er damit ausdrücken? Seit August 2013 ist das Rabia-Zeichen das Symbol des Widerstands der ägyptischen Muslimbrüder gegen den Militärherrscher Abdel Fattah al-Sisi. Damals wurde ein Protestcamp der Islamisten in Kairo brachial geräumt, bei dem Einsatz kamen etwa 1.000 Menschen ums Leben. Erdogan zeigt mit diesem Zeichen seine Solidarität mit den islamistischen Muslimbrüdern.

Rabia Zeichen Erdogan (3)

Erdogan zeigt Rabia Zeichen

Leserbrief zu: „Sterben in Afrin, Schweigen in Sotschi“, in: Frankfurter Rundschau vom 30.1.2018, erschienen in FR vom 3.2.2018

Dass Erdogan kein Demokrat ist, hat er schon im April 1998 dokumentiert. Damals wurde er vom Staatssicherheitsgericht Diyarbakır wegen Missbrauchs der Grundrechte und -freiheiten gemäß Artikel 14 der türkischen Verfassung nach einem Artikel des damaligen türkischen Strafgesetzbuches – Aufstachelung zur Feindschaft auf Grund von Klasse, Rasse, Religion, Sekte oder regionalen Unterschieden- zu zehn Monaten Gefängnis und lebenslangem Politikverbot verurteilt. Anlass war eine Rede bei einer Konferenz in einer ostanatolischen Stadt, in der er aus einem religiösen Gedicht, das dem Soziologen Ziya Gökalp (Vertreter eines türkischen Kulturnationalismus) zugeschrieben wurde, zitiert hatte: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Hier kommt ein taktisches Verhältnis zur Demokratie zum Vorschein: man benutzt sie, um sie abzuschaffen.

Zu seiner extrem nationalistischen Ideologie gehört die Reinheit des Blutes. Nach der Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages im Juni 2016 erneuerte Erdogan auch seine Angriffe auf türkischstämmige Abgeordnete im Bundestag. „Manche sagen, das seien Türken“, sagte er. „Was denn für Türken bitte? Ihr Blut muss durch einen Labortest untersucht werden.“

Mit den Kurden wird kein Kompromiß mehr gesucht. Kritik am aktuellen Kurdenkrieg in Syrien wird von Erdogan als “Terrorpropaganda” eingestuft. Die Türkei hat er insgesamt in ein religiös faschistisches Regime umgewandelt, in dem die Kritiker im Gefängnis landen.

Dass Deutschland den Waffenhandel mit der Türkei nicht beendet, ist unglaubwürdig. So sind strategische Interessen wichtiger als Menschenrechte. Insgesamt ist die Intervention der Türkei der Gipfel der Tragödie, die aktuell keinen Frieden in Sicht bringt.

Christian Schauer

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Die Grauen Wölfe

Der türkische Kulturnationalismus

Hier muss der Soziologe Ziya Gökalp genannt werden. Die organische Gesellschaft funktioniert in einem Staat, der sich auf eine Nation stützt. Das Konzept des „kulturellen Türkismus“ ist verknüpft mit der Verwandtschaft bzw. der Einheit der Türkvölker. Erstrebt ist ein türkischer Nationalstaat, der alle türkischen Völker unter einem Dach vereinigen will. Ausschlaggebend ist die Herausbildung einer Kultur, die durch Sprache von Kindheit vermittelt wird. Vergleichbar ist die Situation der Türken mit der Situation der Deutschen bis 1871. Die Türken sollen wie die Deutschen die Situation durch eine gemeinsame Sprache und Kultur meistern. Im Jahre 1908 hat sich der Türkismus in der Türkei institutionalisiert. Die türkische Bewegung war bestrebt, ein „Großtürkisches Reich“ zu errichten. Länder, in denen Turkvölker lebten (Türkei, Balkan), sollten erobert werden. Deshalb beteiligte man sich an der Seite Deutschlands am Ersten Weltkrieg. Im Gegensatz zu anderen Turanisten, die auch Ungarn und Finnen dazu rechneten, umfasst der Turanismus Gökalps nur die „Oguz-Türken“- die Aserbaidschaner, Tataren, Yakuten, Kirgisen, Usbeken und die Kipcaken. Die jungtürkische Partei „Einheit und Fortschritt“ verlor innerhalb von sechs Jahren mehr Territorium als Abdülhamit II. in dreißig Jahren. Das nationale Selbstbewusstsein war dadurch verletzt. Im Ersten Weltkrieg sollten die im Westen verloren gegangenen Gebiete durch Landgewinne im Osten mit der Vereinigung aller Türken in Turan kompensiert werden. Während des Krieges begann die“Ausräumung“ und Türkisierung anderer Völker (siehe dazu schauerchristian.wordpress.com – Historischer Reader zu Armenien) Zwischen 1877 und 1922 wurden über zwei Millionen Armenier bei türkischen Pogromen getötet- viele durch Folgewirkungen wie Seuchen, Hunger und Flucht.

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Beziehungen zu Deutschland im Zweiten Weltkrieg

Die Nationalsozialisten betrachteten die Türkei, Iran und die arabischen Länder als wichtige Rohstofflieferanten. Nach der Machtergreifung begann der Krupp-Konzern im großen Umfang Eisenbahn-Linien in der Türkei aufzubauen. Vier Tage vor dem Angriff auf die Sowjetunion unterzeichnete die Türkei 1941 einen 10-jährigen Freundschafts- und Nichtangriffspakt mit NS- Deutschland. Im Oktober 1941 schlossen Deutschland und die Türkei einen Wirtschaftsvertrag, in dem die Türkei Rüstungsgüter im Wert von 100 Millionen Türkischen Lira im Ausgleich für die Lieferung von 90.000 Tonnen Chrom bekam. Die türkische Chromproduktion war für die deutsche Rüstungsindustrie nötig. In einem Geheimdokument der Nazis über den MHP-Führer Türkes heisst es: „Aus der Entwicklung der Kriegsführung ergibt sich die Notwendigkeit, Beziehungen in den den pantürkischen und deutschfreundlich gesinnten Gruppen in der Türkei auszubauen und zu pflegen. Gerade in der Türkei bieten im Hinblick auf angrenzende Rohstoffländer solche Verbindungen Möglichkeiten, die sich in ihrer ganzen Tragweite nur aus dem Lande selbst überblicken lassen. Die Türkei war für uns der wichtigste Lieferant für Chrom. Das Reich deckte 30% seines Bedarfes an Chrom, bis die türkische Regierung infolge der bekannten anglo-amerikanischen Note- bei gleichzeitiger Weiterlieferung an England, das 1943 allein 55000 Tonnen Chrom erhielt – die Lieferung an Deutschland einstellte. .. Bislang bestand aufgrund ihrer Haltung gute Verbindungen zu folgenden Personen:

1.  Alparslan Türkes – Absolvent einer Offiziersschule und Führer der pantürkischen Bewegung.

2. Tekin Aryburun – Absolvent einer Militärakademie in England und Attaché der Luftstreitkräfte im Deutschen Reich.

3. Sadi Kotschasch – mit politischen und militärischen Fähigkeiten

Diese Türken verdienen nach wie vor unsere ganze Aufmerksamkeit.“1

Türkes wurde 1917 in Nikosia auf Zypern geboren. Der Name ist eine Anspielung auf den Herrscher der Seldschuken Alp Arslan. Im Jahre 1936 schloss Alparslan Türkes die militärische Ausbildung an der Kadettenschule in Istanbul mit dem Rang eines Oberfähnrichs ab. 1940 heiratete er – fünf Kinder erwuchsen dieser Ehe. Während des zweiten Weltkriegs war er ein wichtiger Kontaktmann der Nazis zu extrem rechten Kräften in der Türkei. 1944 wurde er im sogenannten Rassismus-Turanismus-Verfahren wegen Vaterlandsverrats – ein Vorwurf, den er abstritt – zu mehr als neun Monaten Haft verurteilt. Er durfte in die Armee zurückkehren. Nach 1945 ging Türkes eine Zeit lang zur türkischen Militärmission in die USA nach Washington, um Kontakte zum Pentagon zu knüpfen.

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Verlautbarungen von Organisationen, die den Grauen Wölfen nahe stehen:

 „Auf daß die Rufe des Muezzin eines Tages in Berlin die Horizonte zerreißen und bis in den siebten Himmel aufsteigen. Der zweite Befreiungskrieg wird gegen eine Handvoll Kommunisten, Freimaurer, Zionisten, Volksfeinde und Ungläubige eröffnet. Dieser Krieg wird gemacht, um die Großtürkei wieder zu errichten. Das ist unser absolutes Ziel. 100.000 türkische und muslimische Arbeiter und Studenten sind in Europa dazu organisiert, diesen Kampf zu führen.“ Flugblatt des „Kultur- und Solidaritätsvereins“, Berlin 1970

„Wie glauben fest daran, daß der Jude, dieser Hund, der in der ganzen Welt Bosheit säht … in Finanzen und Wirtschaft eingreift, um die Weltmacht zu erringen, der den Völkern das Blut aussagt, daß dieser von dem nationalistischen türkischen Arbeiter erkannt werden muß. Diese verdammten Bazillen, die Juden waren es, die das osmanische Reich zerstörten… Die „Nationalistische Arbeitervereinigung“ hat die Flagge des Heiligen Kampfes gehißt. Wir werden unsere Feinde wie Ratten zertreten … Es lebe das Türkentum der ganzen Welt! Hoch die Nationalsozialisten!“ Erklärung der „Nationalistischen Arbeitervereinigung“, veröffentlicht in „Tercüman“, 12.2.1972. 1973 schloß sich die Vereinigung der MHP an.

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Der Mythos des Grauen Wolfes

Das mythische Element dieses Tieres ist mit der überlegenen türkischen Nation verbunden. Nach Zeki Velidi Togan ist der Graue Wolf das Totem – ein tierisch- Pflanzliches Wesen, das als zauberhafter Helfer verehrt wird – der Türken. Der Vorfahr der Uygurs ist ein männlicher Wolf, der die Gesellschaft in den großen Kriegen anführt. Die faschistische Bewegung in der Türkei revitalisierte seit Ende der 60er Jahre das Totem des Grauen Wolfes. Ein junger MHP- Anhänger meint unter dem Titel „Was ist der Graue Wolf“: „In den Teilen unserer nationalen Legende, die gemeinsames Eigentum der vielen aufeinander folgenden türkischen Generationen ist, ist der Graue Wolf ein Symbol, das den Türken den Weg zeigt, und die Türken Siege erringen lässt.“2 In der türkischen Legende – Uygur und Göktürk- führt der Graue Wolf die türkischen Stämme zu zahlreichen Siegen. Der MHP-Anhänger schreibt weiter : „Die Geschichte jeder Nation beginnt mit einer oder mehreren Mythologien. Die Mythen gab es bereits vor dem Schreiben … Wie auch in anderen Nationen, so wurde auch die türkische Mythologie nicht von einer einzigen Person geschrieben.Was der Löwe für die Engländer, der Bär für die Russen, der Leopard für die Perser, der Drache für die Japaner … ist, das bedeutet der Graue Wolf für die Türken.“ Das Prunktier wird näher erläutert: „Während der Khunperiode (220 vor Christus bis 220 nach Christus) erleben wir den Grauen Wolf noch umfassender. Er ist nicht nur ein göttlicher Vorfahre oder ein nationales Symbol auf der Fahne, sondern auch eine göttliche Kraft, ein Führer für die Armee, ein Hizir – jemand der Unsterblichkeit erlangt hat- der die Hilflosen rettet, ein Lehrersymbol, der Hakan (so hießen die Herrscher alter türkischer Stämme) und einer, der der Armee Vorsichts-, Fürsorge und Besonnenheitslehren beibringt. Der Graue Wolf kämpft mit Oguz Khan und dessen Armee … Er ist kein Wolf, sondern ein Retter und Held, wird jedoch als wahrgenommen. Er ist ein gelehrter und vernünftiger Hakan.“ Soweit Kaptan, das MHP-Mitglied. Weiter heißt es bei Kaptan:“ In den Teilen unserer nationalen Legende, die gemeinsames Eigentum der vielen aufeinander folgenden türkischen Generationen ist, ist der Graue Wolf ein Symbol, das den Türken den Weg zeigt, und die Türken Siege erringen lässt.“

Wolfsgruß

Wolfsgruß der „Grauen Wölfe“

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Die Ditib

In Deutschland wurde im Jahr 1985 die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ (DITIB) gegründet. DITIB gehört zum Amt für Religionsangelegenheiten, einer offiziellen Organisation des türkischen Staates. Sie untersteht der Kontrolle einer MHP -Organisation, der „Föderation der türkisch-demokratischen Idealistenvereine Europa“. Gründer der DITIB ist ein Oberst namens Altan Ates, der 1986 folgende Sebstdarstellung zum Besten gab: „Unser Thema ist die Psychologische Kriegsführung. Dies ist eine völlig neue Kriegsart. Sie ist ein sehr heimtückischer, sehr wissenschaftlicher und sehr umfassender Krieg. Für diesen Krieg müssen wir uns vorbereiten. Und zur Verwirklichung bedarf es eines sehr starken Nachrichtendienstes.“ Im Mai 1988 fand in Koblenz die Gründung des unter der MHP stehenden Verbandes der türkisch islamischen Kulturvereine statt. Musa Serdar Celebi wurde der erste Vorsitzende. Er führte aus: „Der Verband wahrt die Interessen der Republik Türkei und der türkischen Nation. Er arbeitet mit den Vertretungen der Republik Türkei und … anderen Institutionen zusammen.“3 Celebi war auch zeitweise Vorsitzender der Föderation der Idealisten-Vereine Europa mit Sitz in Frankfurt.

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Integrationswille

Die Selbsteinschätzungen der ADÜTDF(so nennt sich die Föderation auf türkisch) und die Bewertungen anderer gesellschaftlichen Gruppen bezüglich des Integrationswillens sind entgegengesetzt. Christiane Stuff analysierte in ihrem Beitrag „Islamischer Fundamentalismus in Deutschland“, dass „die Haltung gegenüber der deutschen Gesellschaft […] von Distanz geprägt“ sei, „vom Fernhalten von den ‚Ungläubigen‘“. Solches Verhalten finde seine Begründung in fundamentalistischer Auslegung von Korantexten wie der Sure 5, Vers 51: „Ihr Gläubigen! Nehmt nicht die Juden und Christen zu Freunden! Sie sind untereinander Freunde (aber nicht mit euch). Wenn einer von euch sich ihnen anschließt, gehört er zu ihnen (und nicht mehr zur Gemeinschaft der Gläubigen).“ Dies äußere sich als „Verweigerung jeder Form von Integration“. Die ADÜTDF äußere sich hierzu kommentierend so: „Als Türken wollen wir weitere Zugeständnisse an unsere Lebensart, Würde und Identität erreichen. Das verstehen wir unter Integration.“4

Zumindest fragwürdige Entscheidung der Ditib

„Die Gremien der DITIB müssen sich dann aber auch die Frage gefallen lassen, ob es für die Integration förderlich ist,  wenn die größte DITIB Moschee Berlins, die Sehitlik-Moschee, am 8.4.2007 den türkischen Rechtsextremen (Graue Wölfe) überlassen wird, damit diese in der Moschee ihre Gedenkfeier (Anma Gecesi) für ihren am 4.4.1997 verstorbenen Führer, den Oberwolf Türkes veranstalten können.“  Diese Frage stellt Jörg Lau zurecht im September 2007.

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Das Fazit zu den Grauen Wölfen von Emre Arslan, Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum, Wiesbaden 20095

„Der Vergleich zwischen den Ülkücüs in der Türkei und in Deutschland zeigt, dass beide Gruppen den Grundmythos der Türkei als Herrschernation teilen. Beide Gruppen normalisieren und verherrlichen die Ungleichheiten der Nationen in der Welt und wünschen sich eine Herrscherposition der Türken in der Weltpolitik. … Trotz des o.g. einheitlichen Weltbildes haben die heldenhaften Mythen aus der türkischen Geschichte eine noch größere Bedeutung für die türkischen Ultranationalisten in Deutschland.“6

Ideologie der Grauen Wölfe – Verhältnis zum Islam

Der türkische Ultranationalismus stand schon im 19. Jahrhundert zum Islam in einem schwierigen Verhältnis. Die islamistische Bewegung Milli Görüs stellt den wichtigsten Konkurrenten der Grauen Wölfe in der türkischen Politik dar. Je mehr es der MHP gelang, den Nationalismus mit dem Islam zu verbinden, desto mehr Spielraum gewann ihre Politik. 7 In Deutschland gab es die Abspaltungen ATIB und Nizam-i Alem, die den Islam betonten. Nizam-i Alem bedeutet Ordnung der Welt. Die Anhänger dieser Organisation träumen von einem Modernen Osmanischen Reich, das die ganze Welt beherrscht. Geschichtlich geschehen bedeutet der Islam für die türkischen Ultranationalisten die Herrschaft der Osmanen in Teilen Asiens, Afrikas und Europas (die Symbolik der drei Halbmonde rührt von diesen drei Kontinenten her). Letztere drei Halbmonde waren nicht nur auf dem DITIB-Video von 2008 in Aschaffenburg zu sehen, sondern sind es auch auf einem Video der DITIB Bad Salzuflen von 2008, der DITIB Moosburg 2009, DITIB Kassel 2009. Graue Wölfe und Milli Görüs können der rechtsradikalen Szene zugerechnet werden. Beide versuchen, moderne Gesellschaften von einem ideellen „goldenen“ Ursprung her zu erklären. Der Bezug auf diese Urtradition bildet den Mythos der Fundamentalisten. Ultranationalistische Elemente sind ein untrennbarer Bestandteil der Milli-Görüs-Ideologie. Beide Bewegungen handeln in einem gemeinsamen Ideologiebereich. Danach ist die Türkei eine überlegene Nation , das Osmanische Reich repräsentiert ein goldenes Zeitalter. Der Begriff „Ultranationalismus“ kann die Ideologie der „Grauen Wölfe“ am besten charakterisieren.

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1Hoffmann, Opperskalski, Solmaz, Graue Wölfe, Koranschulen, Idealistenvereine, Köln 1981, S.49

2Fikret Aslan, Kemal Bozay (Hrsg.), Graue Wölfe heulen wieder. Türkische Faschisten und ihre Vernetzung in Deutschland. Münster 2012 (3. Auflage), S.124

3Ebd.. S. 148

4Wikipedia ADÜTDF Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland

Christiane Stuff: Islamischer Fundamentalismus in Deutschland. In: Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung / Kilian Kindelberger (Hrsg.): Fundamentalismus. Politisierte Religionen. Potsdam 2004, S.75

5 Emre Arslan, Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum, Wiesbaden 2009

6 Ebd.,  S.238.

7 Vgl. ebd., S. 47

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Geschichte der Sinti und Roma

Die Sinti und Roma verließen im ersten Jahrtausend nach Christus ihre indische Heimat und zogen nach Westen. Sie durchquerten Afghanistan und erreichten Persien. Ein Teil zog nach Armenien bis nach Rußland, der andere Teil gelangte in die Türkei und nach Griechenland und über den Balkan nach Mitteleuropa. 1100 beschreibt ein georgischer Mönch die Ankunft von Sinti und Roma auf Athos. Anfang des 14. Jahrhunderts gab es Sinti und Romagruppen auf dem Balkan, 1399 erreichen sie Böhmen, 1407 werden sie urkundlich in Deutschland erwähnt. Sie gaben sich als Pilger aus, Geleitbriefe wurden ihnen ausgestellt.

Geleitbrief König Sigismunds

Geleitbrief König Sigismunds, ausgestellt am 23. April 1423 in der Zips (Slowakei): „Unser getreuer Ladislaus, Woiwode der Zigeuner, und die anderen, die von ihm abhängen, haben Uns untertänigst gebeten, ihnen unser besonderes Wohlwollen zu bezeugen. Es hat uns gefallen, ihr ehrerbietiges Anliegen zu erhören und ihnen den vorliegenden Brief nicht zu verweigern. Wenn mithin der besagte Ladislaus und sein Volk an irgendeinem Ort Unseres Reiches erscheinen, empfehlen wir Euch, ihnen Eure Treue gegen uns kundzutun. Ihr werdet ihnen Schutz jeder Art gewähren, auf dass sich der Woiwode Ladislaus und die Zigeuner, seine Untertanen, innerhalb Eurer Mauern aufhalten können, ohne Schwierigkeiten zu begegnen. Sollten sich über Leute unter ihnen befinden oder sich ein unliebsamer Vorfall welcher Art immer ereignen, dann wünschen und befehlen Wir ausdrücklich, dass allein der Woiwode Ladislaus mit Ausschluss von Euch allen das Recht zu strafen und freizusprechen auszuüben hat (…)” Der Schutz der Brief wurde bald wirkungslos, weil sich im Gefolge der Sinti und Roma Diebe und entflohene Gefangene aufhielten. 1471 wurden die Sinti und Roma aus Luzern ausgewiesen, 1474 aus Genf. 1482 verbat ihnen Albrecht von Brandenburg, in seinen Herrschaftsbereich einzuziehen. 1497 auf dem Reichstag von Lindau wurden sie zu „Verrätern an den Christenlanden“ erklärt und des Landes verwiesen- 1498 auf dem Reichstag von Freiburg wurden sie für vogelfrei erklärt. Papst Pius V. verwendete sie als Galeerensklaven im Kampf gegen die Türken in der Schlacht von Lepanto 1571. Ins 15. Jahrhundert fällt also der Beginn der Sinti und Roma-Verfolgungen. Alle entlassenen Söldner des Dreißigjährigen Krieges mußten stehlen, also auch die Sinti und Roma.Von 1497 bis 1774 gab es 146 Edikte gegen Sinti und Roma im Gebiet des damaligen deutschen Reiches. 1501 erließ die Stadt Luzern ein Edikt, nach dem „Zigeuner“ gehängt werden, falls sie sich noch einmal in die Stadt und der näheren Umgebung sehen ließen. Im 16. und 17. Jahrhundert gibt es zahlreiche Hinrichtungen und Verteibungen. Im Fürstentum Bayreuth wurden 1724 an einem Tag fünfzehn Zigeunerinnen gehenkt. 1728 erließ die Stadt Aachen ein Edikt. Darin hieß es: „Im Fall der Überrumpelung sind die Zigeuner, ob sie Widerstand geleistet haben oder nicht, unverzüglich hinzurichten.“ An Straßenkreuzungen standen Galgen. Auf einer Tafel stand: „Strafe für das Lumpenpack, die Gauner und die die Zigeuner!“ Bildliche Darstellungen des Auspeitschens und Hängens wurden hinzugefügt- die Zigeuner waren Analphabeten. Zu den berüchtigten Maßnahmen gehörten die Verordnungen der Kaiserin Maria Theresia von Österreich und Ungarn in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Für die Kaiserin bedeutete “Sesshaftmachung” nicht allein die Gewährung eines Niederlassungsrechts. Sie verbot den Roma in Ungarn, ihre Sprache zu sprechen, erlaubte nur wenige Eheschließungen unter Roma und befahl, Romakinder zwangsweise von ihren Eltern zu trennen, um sie ungarischen Eltern zur Adoption zu geben.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchte man in Deutschland vereinzelt, Sinti und Roma seßhaft zu machen. In Baden-Württemberg wurden zwischen 1835 und 1838 die Sinti und Romagruppen aufgelöst und in Einzelfamilien über das Königreich verteilt. In Dörfern sollten sie Unterkunft und Hausrat bekommen. Die Erwachsenen wurden zur Arbeit gezwungen. Der Versuch scheiterte, weil die Verwandten rasch wieder zusammenzogen. In Friedrichslohra sollte ein Sinti und Romadorf geschaffen werden. Es wurde nach einiger Zeit aufgegeben. In Saßmannshausen lebten 1911 40 seßhafte Sinti und Roma. Zur gleichen Zeit enstanden in Berlin, Hamburg und Frankfurt Sinti und Romasiedlungen am Rande der Großstädte.1907 entstand ein Gesetz, das die Ausgabe von Gewerbescheinen von einer festen Adresse abhängig machte.So zogen Sinti und Roma in die Städte. Die Männer trieben Handel, während die Frauen bettelten und wahrsagten.

Sinti und Roma im Nationalsozialismus

Sinti und Roma galten in der Rassenideologie des Nationalsozialismus ebenfalls als “minderwertig”. „Die Zigeuner“ als Opfer des Holocaust sind im öffentlichen Bewusstsein jedoch nicht so stark verankert. Sinti und Roma gelten daher oft als „die vergessenen Opfer“. Roma und Sinti hätten nach den NS-Rassentheorien als Indogermanen, also als „Arier“ gelten müssen. Als „asiatische Abkömmlinge“ waren sie in den Augen der Nazis „rassisch minderwertig“ und wurden wegen ihrer nomadischen Lebensweise als „asozial“ bezeichnet. Die SS begann bereits 1931 mit der Erfassung der Roma und Sinti. Ihre „Erforschung“ sollte mit der Gründung des Rassenhygiene-Instituts 1936 unter Leitung von Dr. Robert Ritter einen wissenschaftlichen Anstrich bekommen. „Fliegende Arbeitsgruppen“ des Instituts erstellten rund 24.000 „Gutachten“, in denen die Roma und Sinti vom „reinrassigen“ bis zum „Achtelzigeuner“ klassifiziert wurden. Diese Gutachten dienten als Grundlage für die späteren Deportationen.

1933 forderte das „Rasse- und Siedlungsamt“ der SS in Berlin, die „Zigeuner und Zigeunermischlinge „ zu sterilisieren. Weitere Pläne gab es 1937. Im Oktober 1939 folgte ein „Festsetzungserlaß“ – Sinti und Roma durften ohne polizeiliche Erlaubnis ihren Wohnsitz oder Aufenthaltsort in den umzäunten und bewachten „Zigeunerlagern“ nicht verlassen- bei Nichtbefolgung mußten sie in ein Konzentrationslager.1

Als Sklavenarbeiter wurden die Sinti und Roma Opfer des Vernichtungsprogramms in SS- Unternehmen. Zu diesen Unternehmen gehörte die Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DEST) aber auch Siemens, Daimler-Benz, AEG, Heinkel, Messerschmitt, BMW, VW, IG Fraben und Steyr-Daimler-Puch. Die Arbeitsbedingungen in den Rüstungsbetrieben waren ähnlich grausam wie in den Konzentrationslagern. Arbeitszeiten von 12 bis 15 Stunden waren mit schlechter Ernährung verbunden. Unterernährung und Krankheit waren die Folge. Am 17. April 1940 ordnete Himmler die erste Deportation ganzer Familien an. Die Deportationszüge mit 2.800 deutschen Sinti und Roma starten in Hamburg, Köln und Hohenasperg bei Stuttgart. Im August 1941 entscheidet Himmler in einem Erlaß, daß für weitere KZ-Deportationen das Reichskriminalpolizeiamt aufgrund eines Rassegutachtens entscheidet. Bis Ende 1944 werden rund 24.000 „Gutachten“ erstellt. Im Januar 1942 werden 5.000 Sinti und Roma aus dem Ghetto von Lodz im Vernichtungslager Kulmhof in Vergasungswagen ermordet. Im August 1942 berichtet die deutsche Militärverwaltung in Serbien, daß die Juden -und Zigeunerfrage mit Hilfe von Vergasungswagen gelöst sei. Am 16. Dezember 1942 traten eine Reihe von Erlassen in Kraft, denen ab März 1943 intensive Verfolgungen der letzten 10.000 Sinti und Roma im Reichsgebiet folgten.Die Transporte gingen in das „Zigeunerlager“ nach Auschwitz. Im Mai 1943 wird Josef Mengele Lagerarzt in Auschwitz. Er schickt mehrere hundert Sinti und Roma ins Gas. Die „Zwillingsforschung“ setzt er durch Tötung von Kindern fort. Am 2. August wird das „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau aufgelöst. Im Juli 1944 lebten noch 6.000 Sinti und Roma dort, 3.000 werden in andere Konzentrationslager verbracht, die anderen 3.000 in der Nacht auf den 3. August ermordert.  2

 

Das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges für die Sinti und Roma: Die Zahl der in Europa bis Kriegsende ermordeten Roma und Sinti wird auf eine halbe Million geschätzt.Von den deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden über 25.000 von 40.000 ermordet. SS-Einsatzgruppenleiter Otto Ohlendorf meinte im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß zur Vernichtung zehntausender „Zigeuner“ hinter der Ostfront: „Es bestand kein Unterschied zwischen den Zigeunern und Juden, für beide galt damals der gleiche Befehl.“ Bericht aus dem Konzentrationslager Ravensbrück. Die Sint-und Roma-Frauen. Am 29. Juni 1939 wurden im Zuge einer vom Reichskriminalpolizeiamt angeordneten Aktion 440 Sint- und Roma-Frauen aus Niederöstreich und dem Burgenland verbracht. Im Dezember dieses Jahres gab es fast 2.500 weibliche Häftlinge. Die Frauen mußten in den Jahren 1939 und 1940 zunächst in den dort eingerichteten SS-Betrieben arbeiten. Anfallende Lagerarbeiten waren: Planieren von Straßen, Bauarbeiten aller Art, Gräben ausheben, Entladen von Kähnen, die mit Steinen beladen waren. Seit dem Frühjahr 1942 wurden nach und nach die meisten Frauen der Sinti und Roma den Rüstungsbetrieben überstellt. Besonders markant war ein Arbeitseinsatz außerhalb des des Lages im Winter 1942/43, bei dem „etwa 60 Häftlinge, darunter auch 13-bis 14jährige Zigeunerkinder, auf der Halbinsel Darß (Ostsee) unter Leitung der Aufseherin Leopold mit dem Rohrschneiden beschäftigt (waren).“ 3 Kinder dieser Altersgruppe wurden auch in die Rüstungsbetriebe gesteckt. Ein zwölfstündiger Arbeitstag war nicht selten.Auch Frauen mußten kurz vor der Entbindung noch schwere Arbeit leisten. Schläge bei der Arbeit waren häufig. Manche Frauen mußten ins Krankenrevier gebracht werden. Wer nicht mehr in der Lage war zu arbeiten, mußte in die Gaskammer. Die SS-Aufseherin Erika Bergmann war berüchtigt dafür, Hunde auf Zigeuner zu hetzen. Aufseherinnen dieser Art waren keine Seltenheit. Sie erhofften durch ihr brutales Vorgehen größere Anerkennung des nationalsozialistischen Staates. Im Frühjahr 1942 wurde in Ravensbrück ein Transport von Frauen (darunter 180 Sinti und Roma) für die Flugzeugwerke Heinkel in Barth/ Pommern zusammengestellt.

Betrachten wir das Schicksal der Sint-Frau Rosa Wiegand aus Wiesbaden stellvertretend: „Es gab praktisch keine Arbeit, die ich nicht getan habe. Ich war in der Mattenflechterei, in der Nähstube, ich habe Häuser mit gebaut und Gräben ausgeschachtet. Ich mußte in diesen Gräben, in denen mir oft das Wasser bis zu den Hüften stand, im Sommer wie im Winter, Erde schaufeln. Ich habe im Wald gearbeitet, Loren gefahren und Kähne mit Steinen entladen. Wir mußten täglich zwölf Stunden arbeiten…. Einmal ist ein Häftling ausgebrochen, es war Winter, es war sehr kalt, und man hat un mitten in der Nacht aus den Betten geholt; wir mußten ohne unsere Holzpantinen, barfuß, und nur im Nachthemd auf der Lagerstraße ‘Strafestehen’; denn, so sagte man uns, wenn einer abhaut, gilt: ‘Einer für alle, alle für einen’. Während wir standen, sind unsere Füße auf dem eisigen Boden angefroren, wir durften uns ja nicht bewegen und nicht warm reiben, und dann haben sie uns auch mit Wasser naß abgspritzt.“4 Über die Behandlung eines „Zigeuners“ in Neuengamme. Der jüdische Häftling berichtet darüber: „Das Schrecklichste, was ich bis heute nicht vergessen kann, war die Ermordung eines wegen Fluchtversuches zurückgebrachten deutschen Zigeuners. Wir alle mußten zum Appell antreten und mußten zusehen, wie man mit solchen ‘Flüchtlingen’ umging. Man legte ihn mit Händen und Füßen gefesselt auf den Rücken.Ein SS-Mann stellte sich auf den Delinquenten. Einen Fuß auf den Bauch und einen Fuß auf den Hals des Gefangenen. In der Hand hatte der SS-Mann einen Stock, an welchem ein Nagel befestigt war. Er stach dabei dem Gefangenen ins Gesicht und bei vollem Bewußtsein die Augen aus. Nachher erhielt der Gefangene noch Schläge auf den Kopf. Zu guter Letzt wurde er rücklings an Ketten am Fenstergitter aufgehängt. So endigte sein Leben.“5

Die Situation der Roma nach dem Zweiten Weltkrieg unterschied sich von der der Juden durch mangelnden Lobbyismus. 1945 wurde unter dem Pseudonym „Landfahrerzentrale“ in München die altbekannte Zigeunerzentrale weitergeführt. Sie wurde erst 1970 offiziell aufgelöst. Während gegenüber den überlebenden Juden auf Grund des Drucks seitens des Staates Israel das Bedauern für die Nazi-Verbrechen ausgedrückt und seit 1948 praktiziert wurde, erfuhren die Sinti und Roma keine staatliche Anerkennung der gegen sie verübten Verbrechen- wer hätte sie auch durchsetzen können. Ihnen gegenüber setzten sich ungebrochen administrative Strukturen der Ausgrenzung und Diskriminierung durch, wie besonders die Arbeit der Polizei zeigt. Ein Beispiel für die Entschädigung eines Sintis, dessen Kind im KZ umkam, liegt vom Regierungspräsidenten in Aurich im Jahr 1955 vor. 150 DM Entschädigung für ein Kind, das durch den Nationalsozialismus getötet wurde. Den Geist der Nachkriegszeit verkörpert ein richterlicher Ausspruch von 1956: „Die nationalsozialistischen Führer haben zahllose Akte der Unmenschlichkeit begangen, die die Rechtsprinzipien mißachteten; aber diese Tatsachen berechtigen nach geltendem Recht niemanden, daraus Anspruch auf Entschädigung herzuleiten.“ 6 Einen internationalen Erfolg erreichten die Roma im März 1979. Sie wurden von der UNO als Nation anerkannt. Die Ziele der Romani-Union daß wir eine moralische wie auch materielle Unterstützung durch öffentliche Organe und Staaten wie die UNO erhalten daß wir Roma selbst eine Einheit bilden müssen … Wir müssen interne Rivalitäten ….abbauen. Nur so werden wir in der Öffentlichkeit respektiert. 7 Nehmen wir die aktuelle Situation in unserem Lande. Aktuelle Zustände in der Bundesrepublik: Etwa 120.000 Mitglieder beider Bevölkerungsgruppen leben in der Bundesrepublik. Etwa 10 Millionen in Europa. Sie nennen sich Rom, d.h. Mensch. Als Mensch gesehen und behandelt zu werden ist eigentlich nur eine Selbstverständlichkeit. 2006 wurde eine Befragung durchgeführt, an der 309 Sinti-und-Roma-Familien teilnahmen.Drei Viertel von ihnen fühlten sich schon häufiger diskriminiert, kam dabei heraus, vor allem bei Arbeits- und Wohnungssuche. Negativ dargestellt sahen  sich Sinti und Roma besonders in den Medien. 90 Prozent fanden, die Berichterstattung fördere Vorurteile. Auch das Zentrum für Antisemitismusforschung stellte durch Umfragen fest, dass mehr als 60 Prozent der Mehrheitsbevölkerung Sinti und Roma gegenüber negativ eingestellt sei – während Ablehnung gegenüber Juden 13 Prozent äußerten. Trotz der Frist vom Juli 2003 hat Deutschland bisher keine umfassende Antidiskriminierungsgesetzgebung geschaffen, die mit der EU-Gleichbehandlungsrichtlinie konform geht.

 

Situation der Sinti und Roma in Bad Hersfeld

Viele Sinti und Roma von Bad Hersfeld beklagen, daß ihnen der Zutritt zu fast allen Gaststätten verwehrt wird. Oft sogar mit einem Schild. Dort hängt ein Schild mit der Aufschrift „Für Landfahrer verboten“. Manchmal werden sie nicht bedient. Die Meinung, daß Zigeuner nicht arbeiten wollen, taucht in Gesprächen immer wieder auf. Der größte Fehler der Stadt sei es gewesen, feste Häuser zu bauen- das habe die Sinti hergelockt – so Herr Schäfer, Leiter des Kreissozialamtes. Ein städtischer Beamter berichtete, die Stadt habe einer Zigeunerfamilie, die sich bereiterklärte, aus Hersfeld wegzuziehen, die Umzugskosten in Höhe von 3000,- DM erstattet. Im Kistnergrund lebt eine Sinti-Frau mit sieben Kindern in zwei feuchten, kalten, schlecht beheizten Räumen. Verursacht durch diese katastrophalen Wohnverhältnisse gibt es reichlich Krankheiten – Bronchitis, Ischias und Rheuma. 8

 

Campingplätze

Ganz in der Nähe noch ein Phänomen, das auch anderswo in Deutschland zu verzeichnen war: ” – In Erbendorf bei Erlangen und in Großwelzheim bei Aschaffenburg und auf vielen anderen Campingplätzen stehen Schilder wie dieses: ‘Naherholungsgebiet- Landfahrer haben keinen Zutritt’ “ 9 Bisher konnte keine Person der Gemeinde Karlstein ein Dokument zu diesen Vorfällen ermitteln, auch gibt es daran bei der Gemeinde keine Erinnerung. Helmut Winter, Ehren-Vorsitzender des Geschichtsvereins Karlstein, konnte sich erinnern und nachweisen, daß eine Campingplatzsatzung mit der genannten Bestimmung 1980 geändert wurde.

 

Würzburger Prozeß

1978 ging in Würzburg ein skandalöser Prozeß gegen Roma zu Ende. Angeklagt waren Bürger, die gegen ein provokatives Treffen der HIAG „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Waffen-SS“ demonstriert haben. Sieben Personen wurden aufgegriffen, davon sechs Roma (zwei, die den Gräueln der Nazizeit entkommen waren) Josef Lehmann wurde mit sechs Jahren mit seiner Familie in ein KZ eingeliefert. Er blieb dort acht Jahre Radani Winterstein – seine Familie wurde zum Großteil im KZ ermordet. Im September 1976 trafen sich 300 ältere Herren in einem Würzburger Restaurant zu einem „Suchdienst- und Kameradentreffen.“ Sie waren Mitglieder der HIAG- Traditionspflege als Angehörige der ehemaligen SS-Grenadierdivisionen „Horst Wessel“ und „Charlemagne“. Josef Lehmann erfuhr von dieser Veranstaltung und sagte zu Hause: „Du Frau, jetzt geht’s wieder los.“ Die VVN und einzelne SPDler intervenierten bei Bürgermeister Dr. Zeitler, um ein Verbot zu erreichen. Rechtlich war das nach seiner Einschätzung nicht möglich. Nach der Veranstaltung kam es in einer Seitenstraße zu einer Schlägerei zwischen sechs SS-Leuten und einer Gruppe von 20 bis 30 Demonstranten. Aus der Demonstrantengruppe wurden Roma ergriffen und vor Gericht gestellt. Radani Winterstein und seine drei Söhne wurden als „Landfahrer“ angeklagt. Die Söhne wurden als notorische Schläger dargestellt. Angegriffen wurde auch die Verteidigerin der Roma, Frau Sobeck, die sich seit damals vierzehn Jahren für diese Bevölkerungsgruppe eingesetzt hat. Das Urteil wurde am 23.8.1977 gefällt. Radani Winterstein wurde zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, seine beiden Söhne Erwin und Manfred jeweils zu neun Monaten ohne Bewährung. Rainer bekam eine Geldbuße und Verwarnung. Nach der Revisionsverhandlung wurden die Strafen noch herauf gesetzt. 10

Literatur:

Luise Rinser, Wer wirft den Stein? Zigeuner sein in Deutschland. Eine Anklage, Frankfurt am Main/ Berlin 1987

Gert Schwab, Edgar Wüpper, Zigeuner- Porträt einer Randgruppe, Luzern und Frankfurt am Main 1981 (2.Auflage)

Romani Rose, Walter Weis, Sinti und Roma im „Dritten Reich“ – Das Programm der Vernichtung durch Arbeit, Göttingen 1991

Tilman Zülch (Hrsg.), In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt. Zur Situation der Roma (Zigeuner) in Deutschland und Europa, Reinbek bei Hamburg 1979

Fußnoten

1 Romani Rose, Walter Weis, Sinti und Roma im „Dritten Reich“ – Das Programm der Vernichtung durch Arbeit, Göttingen 1991, S. 18

2 Vgl. ebd. S.176

3 Vgl. ebd. S. 43

4 S. ebd. S.49 f.

5 ebd. S. 91

6 Luise Rinser, Wer wirft den ersten Stein? Zigeuner sein in Deutschland. Eine Anklage,Frankfurt/Main

Berlin 1985, S.106

7 Ebd., S. 99

8 Siehe: Tilman Zülch (Hrsg.), In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt, S. 219

9 Ebd., S. 2

10 Ebd., S. 172 ff. Da ich damals in Würzburg wohnte, kann ich mich an die Ereignisse noch unscharf erinnern -C.S.

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Haitis Geschichte (Schwerpunkt 17. bis 19. Jahrhundert)

Haiti als Kolonialstaat

1492 kamen die spanischen Seefahrer an die Norwestküste von Haiti und nannten die Insel wegen ihrer Ähnlichkeit mit Spanien Hispaniola. Zehn Jahre später kam der Gouverneur Ovando auf die Insel, die inzwischen Santo Domingo hieß. Ovando war genau so grausam wie die Kolonisatoren Cortez und Pizarro. Er ließ die Eingeborenen mit Hunden hetzen und lebendig rösten. Ihre Königin Anacoana ließ er bei einer friedlichen Zusammenkunft in Ketten legen und zusammen mit den Stammesangehörigen massakrieren. In dieser Zeit plädierte Las Casas vor Karl V. für die Einfuhr von Negersklaven aus Afrika. Sie waren für die Arbeit in den Gold- und Silberminen besser geeignet. 1503 kamen die ersten Negersklaven nach Santo Domingo, 1517 wurde ihre Einfuhr von Karl V. in größerem Maßstab zugelassen. Dreíßig Jahre hatten genügt, um das Land zu entvölkern. 1697 trat Spanien im Frieden von Ryswijk den Westteil von Hispaniola offiziell an Frankreich ab. Mitte des 17. Jahrhunderts war das Zuckerrohr von Java auf die Antillen eingeführt worden- hierdurch wurde eine Revolution ausgelöst. Es entstanden großflächige Pflanzungen und Manufakturen an Stelle kleiner Farmen. Kleinere Ländereien wurden von den Großgrundbesitzern aufgekauft. Es entstanden kapitalistische Unternehmen, Städte wurden gegründet, Straßen und Brücken gebaut. Fruchtbare Ebenen verwandelten sich in Zuckerrohr- und Baumwollfelder, an den Berghängen wurden Kaffeesträucher gepflanzt. Die Hälfte des Bodens wurde landwirtschaftlich genutzt. 1789 gab es in Santo Domingo 793 Zuckerrohrmanufakturen, 3.117 Kaffeepflanzungen, 3.150 Indigo- und 789 Baumwollplantagen, 182 Rumbrennereien und 50 Kakaopflanzungen. 30.000 Sklaven wurden pro Jahr auf die Insel eingeführt, 15.000 Matrosen waren mit dem Transport betraut. Ein Kenner beschrieb die wirtschaftliche Bedeutung der Insel für Frankreich: Der französische Anteil der Insel Santo Domingo sei von allen Besitzungen Frankreichs in der neuen Welt der wichtigste wegen der Reichtümer, den er dem Mutterland liefere. Santo Domingo war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die produktivste Kolonie, die Englands Vorherrschaft auf dem Weltmarkt bedrohte. Die britische Agitation zur Abschaffung des Sklavenhandels bedrohte die wirtschaftlichen Grundlagen der französischen Kolonien. Auf der Insel Santo Domingo gab es am Vorabend der Französischen Revolution drei Klassen: die herrschende Klasse der Weißen (40.000), die Zwischenklasse der Mulatten (30.000) und die besitzlose Klasse der schwarzen Sklaven (450.000). Mulatten der ersten Generation waren zumeist Kinder, die weiße Sklavenhalter mit schwarzen Sklavinnen gezeugt hatten. Sie wurden üblicherweise in die Freiheit entlassen und bildeten bald eine gesellschaftliche Schicht zwischen weißen Herren und schwarzen Sklaven.

Auszug aus dem Sklavengesetz von 1685 (Code noir)

  1. Wir verbieten den Sklaven, sich unter dem Vorwand von Hochzeiten oder anderen Vorgaben bei Tag oder bei Nacht an entlegenen Orten zusammenzurotten, bei Strafe körperlicher Züchtigung, welche wenigstens in Staupenschlägen und Brandmarkung bestehen soll und im Falle mehrfacher Wiederholung und anderer erschwerender Umstände bis zur Todesstrafe gesteigert werden kann, was wir dem Ermessen der Richter überlassen…

  1. Wir erlauben allen unseren die Inseln bewohnenden Untertanen, sich aller ohne Erlaubnisschein der Herren in den Händen von Sklaven befindlichen Waren zu bemächtigen..

XXVIII. Wir erklären hierdurch, daß die Sklaven nichts besitzen können, was nicht als Eigentum ihrer Herren angesehen werden soll, und daß alles, was sie durch ihren Fleiß oder die Freigiebigkeit anderer erlangt haben, ihrem Herrn als dessen Eigentum gehören soll …

XXXIII. Die Sklaven, welche ihren Herrn, seine Gattin oder Beischläferin oder seine Kinder ins Gesicht blutig geschlagen haben, sollen mit dem Tode bestraft werden.

XXXV.  Erwiesene, von oder Freigelassenen Sklaven verübte Diebstähle, wenn sie auch bloß in Pferden, Mauleseln,   Ochsen und Kühen bestehen, sollen peinlich und, je nach den Umständen, mit dem Tode bestraft werden.

XXXVI. Entwendungen von Schafen, Ziegen, Schweinen, Geflügel, Zuckerrohr, Erbsen, Manioc oder anderen Hülsenfrüchten, welche sich Sklaven haben zu Schulden kommen lassen, sollen nach Beschaffenheit des Diebstahls gerichtlich bestraft werden, und diese Strafen sollen erforderlichenfalls in Staupenschlag und Brandmarkung der Schultern bestehen können.

XXXVIII. Einem entflohenen Sklaven, welcher einen Monat abwesend geblieben ist, sollen die Ohren abgeschnitten und er soll auf einer Schulter gebrandmarkt werden; bei einer wiederholten Flucht sollen ihm die Kniekehlen zerschnitten und die andere Schulter gebrandmarkt werden; das dritte Mal wird er mit dem Tode bestraft.

  1. Es soll den Eigentümern der Sklaven erlaubt sein, sie in Ketten legen und mit Ruten oder Stricken hauen zu lassen, wenn sie glauben, daß diese die Züchtigung verdient haben …

XLIV Wir erklären, daß die Sklaven als Mobiliar betrachtet werden und als solches ins gemeinschaftliche Erbe gehören …

Gegenwehr der Sklaven

Der Selbstmord war eine weit verbreitete Art des Widerstandes. Man glaubte, nach dem Tode in die afrikanische Heimat zurückzukehren. Um Selbstmorden vorzubeugen, gingen die weißen Herren dazu über, die Toten öffentlich zu verstümmeln. Häufig fügten sich die Sklaven Verletzungen zu, um arbeitsuntauglich zu werden. Das verbreitetste Mittel des Widerstandes war die Flucht. Schon im 16. Jahrhundert ließen sich sogenannte „Marrons“ (flüchtige Sklaven) in den unzugänglichen Bergen nieder. Die Weißen wurden dieser Entflohenen niemals Herr. 1785 erkannte die französische Regierung die Unabhängigkeit der „Marrons“ an. Diese rekrutierten sich überwiegend aus afrikanischen Sklaven, während die in der Kolonie geborenen das Risiko der Flucht scheuten. Nach dem Ausbruch des Sklavenaufstandes 1791 wurde die Flucht zum Massenphänomen. Ein weiteres Mittel der Gegenwehr war das Gift, das von den pflanzenkundigen Schwarzen in seiner Wirkung beherrscht wurde. Immer wieder gab es rätselhafte Todesfälle an Vieh und Menschen. Besonders markant war der Fall des Voodoopriesters Mackandal. Er gab durch Vergiftungen von Weißen das Signal zum Sklavenaufstand gebe wollte, 1758 wurde er hin- gerichtet. Eine weitere Art des Widerstandes war die Abtreibung, die trotz Verbotes bei den Schwarzen weit verbreitet war. Die Todesfälle übertrafen die Geburten. Von einer Million eingeführten Sklaven lebte 1789 nur noch weniger als die Hälfte. Eine Art Sklavenaristokratie bildeten die Domestiken oder Haussklaven. Köche, Lakaien, Kutscher, Aufseher, Ammen oder Kammerzofen. Es handelte sich dabei um kreolische Schwarze, die als zivilisierter galten als afrikanische Neuankömmlinge. Sie hatten weitgehend angepaßte Moralvorstellungen und imitierten oft die Sitten der Weißen.

Die Auswirkungen der Französischen Revolution

Die Mulatten probten als erste den Aufstand im Namen der Menschenrechte, ohne allerdings für die Freiheit ihrer eigenen Sklaven einzutreten. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und die Anführer hingerichtet. Der Aufstand der Sklaven begann im August 1791 im Norden der Insel. Er überschwemmte bald die gesamte Kolonie und gilt als Beginn der Haitianischen Revolution. Im Verlauf dieser Revolution kam es zu Massakern an der weißen Bevölkerung, zur Abschaffung, Wiedereinführung und erneuten Abschaffung der Sklaverei, zur französischen Invasion der Insel, zur Vertreibung der französischen Truppen durch die schwarzen Generäle, zum Bürgerkrieg zwischen Schwarzen und Mulatten sowie zur Besetzung und späteren Räumung des spanischen Teiles der Insel. Haitis großer Freiheitsheld Toussaint Louverture einigte das Volk und proklamierte die Menschen- und Bürgerrechte.

Toussaint Louverture

Dieser wurde 1743 als Toussaint Bréda als Sklave auf der Pflanzung Bréda im Norden der Insel geboren. Er lernte lesen und schreiben und war Kutscher von Bayon Libertat, Verwalter der Pflanzung Bréda. Er beteiligte sich 1791 an der Vorbereitung des SKLAVENAUFSTANDES, schloß sich jedoch erst den Rebellen an, nach dem er die Familie seines Herrn in Sicherheit gebracht hatte. Als oberster Medziner der Armee trat er in den Dienst von Biassou, bei dem er Leutnant und Berater wurde. 1793 brachte er den Franzosen mehrere Niederlagen bei. Im Mai 1794 schloß er sich mit dem von ihm eroberten Gebieten der französischen Republik an. Sie hatte inzwischen die Aufhebung der Sklaverei verkündet. 1795 wurde er Brigadegeneral, nachdem er die Engländer erfolgreich aus ihren Stützpunken in der Kolonie vertrieben hatte, 1797 wurde er Oberbefehlshaber der Armee; in der Verfassung von 1801 wurde er Generalgouverneur auf Lebenszeit, nachdem er eine Mulattenrebellion im Süden blutig niedergeschlagen und den spanischen Ostteil der Insel annektiert hatte; nach der Landung Leclercs kapitulierte er nach dreimonatigem zähen Widerstand. Im Juni 1802 wurde er durch Verrat festgenommen und nach Frankreich deportiert, wo er auf Befehl Napoleons in Fort de Joux inhaftiert wurde und am 27. April 1803 starb.

Toussaint Louverture

Nachfolger Louvertures

Jean-Jaques Dessalines, der Nachfolger Louvertures, vertrieb in blutigen Gefechten die durch Krankheit geschwächten französischen Soldaten und Pflanzer. 1804 erklärt Haiti nach zwölfjährigem Freiheitskampf seine Unabhängigkeit von Frankreich. Hier lebten Sklaven, die sich  selbst befreit hatten. In Haiti ist deshalb der Ausdruck „Neger“ kein Schimpfwort, sondern bedeutet in der kreolischen Landessprache „Mensch“. Die Freiheit von Sklaverei wich einer neuen ungerechten Herrschaft. Einer der größten Despoten war Henri Christophe (1767 – 1820). Größenwahnsinnig ließ er sich 1811 zum König von Haiti krönen. Nach Vorbild von Schloss „Sanssouci“ ließ er in Milot ein Schloss errichten. Ganz feudal handelte es sich um einen dreistöckigen Monumentalbau mit Kronleuchtern, Wandtäfelungen Marmor, edlen Teppichen und feinen Bädern. Aus Furcht vor einer ausländischen Invasion ließ Christophe von über 200 000 Zwangsarbeitern auf dem 945 m hohen Berg La Fernere die mächtigste Festung außerhalb Europas bauen. 365 Kanonen und 15 000 Soldaten sollten Haiti schützen. Dazu kam es nie. „Sanssouci“ wurde durch ein Erdbeben zerstört, die Zitadelle „La Fernere“ blieb ohne Funktion. Die Beziehungen zu den Inselnachbarn waren indes nicht ungetrübt. Immer wieder versuchte König Henri die von Mulatten gehaltene Hafenstadt Santo Domingo einzunehmen,  was ihm aber nicht gelang. 1821 erklärte Nunez de Caceres die Unabhängigkeit des Ostteils von Hispaniola. Am 1. Dezember 1821 proklamierte er den „Unabhängigen Staat Spanisch-Haiti“ (Estado Independiente de Haití Español). Bereits ein Jahr später eroberte der haitianische Präsident Jean-Pierre Boyer die gesamte Insel. Bürgerkriege herrschten im Land. 1844 wurden die Haitianer vertrieben und die Dominikanische Republik ausgerufen. Die Insel war endgültig geteilt. Vierzehn Herrscher regierten in Haiti zwischen 1843 und 1902. Der Staat wurde zur Beute der herrschenden politischen Klasse. Bauern wurden von machthungrigen Potentaten rekrutiert, um gegeneinander zu kämpfen. Das Ziel war der Einzug in den Nationalpalast von Port-au-Prince. Dabei wurden bedenkenlos gewaltsame Methoden angewandt. Die Grundstrukturen erhielten sich über die Jahrhunderte.

US-Amerikanische Intervention

Von 1915 bis 1934 besetzten die Vereinigten Staaten Haiti, die Finanzverwaltung behielten sie sogar bis 1947. Grund für die Invasion 1915 war nach Angaben der Amerikaner die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung; kurz vorher war der Präsident Guillaume Sam ermordet worden. Als eigentlicher Hintergrund kann die Sicherung wirtschaftlicher und geostrategischer Interessen angesehen werden. Der Panamakanal wurde nämlich 1914 eröffnet. Nach der Ansicht mancher Historiker richtete sich die Intervention gegen die deutschen Interessen in Haiti. Deutsche Einwanderer hatten dominanten Einfluß in der Wirtschaft. Washington fürchtete Flottenstützpunkte des Deutschen Reiches in der Karibik. 1918 erklärte Haiti gezwungenermaßen Deutschland den Krieg, die Deutschen wurden daraufhin enteignet. Die Amerikaner bauten Straßen, Krankenhäuser und Telefonanlagen. Ein rassistischer Dünkel gegen Schwarze und Mulatten demütigte diese. Die Amerikaner verpflichteten Bauern zur Zwangsarbeit für den Straßenbau. Die Unterdrückung der „Caco“ -Rebellen forderte tausende Tote. Haiti ist gegenwärtig nach dem Erdbeben 2010 wieder bei 1915 angekommen, das heißt die USA bestimmen das Geschick der Insel.

Literatur:

Hans Christoph Buch, Die Scheidung von San Domingo. Wie die Negersklaven von Haiti Robespierre beim Wort nahmen, Berlin 1976 (Wagenbach Verlag)

www.uni-protokolle.de Geschichte Haitis

Wikipedia Geschichte Haitis

Unterwasserwelt Haiti. Voodoo, Zombies und Korallen

Ein Land ohne Chance. Die Geschichte Haitis, Tageszeitung vom 20.1.2010

Abgrundtiefe Unterschiede zwischen Herrschern und Beherrschten, FAZ vom 24.10.1994

Sklaverei, Diktatur, Armenhaus – eine Geschichte von Katastrophen, Berliner Morgenpost vom 19.1.2010

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Aspekte der Geschichte Armeniens

Erlasse von Talaat Pascha, dem türkischen Innenminister…Echtheit ist umstritten Fälschung wird unterstellt

Erlasse Talaats (türkischer Innenminister) betreffend Behandlung der deportierten Armenier Telegramme

1.) Nr. 502 An die Präfektur von Aleppo

Wir empfehlen Ihnen, sowohl Frauen als auch Kinder den Verordnungen zu unterwerfen, die Ihnen bereits für den männlichen Teil der bekannten Personen vorgeschrieben sind, und für die Aufgaben vertrauenswürdige Beamte zu bestimmen. 3. September 1915 Minister des Innern Talaat

2.)An die Präfektur von Aleppo

Das Recht der Armenier, auf dem Gebiet der Türkei zu leben und zu arbeiten, wird gänzlich abgeschafft. Die Regierung, die in dieser Beziehung jede Verantwortlichkeit übernimmt, hat befohlen, nicht einmal die Kinder in der Wiege zu lassen. In einigen Provinzen hat man die Ausführung dieses Befehls gesehen. Aus uns unbekannten Gründen macht man dort Ausnahmen mit Personen, die, anstatt an den Ort ihrer Verbannung geschickt zu werden, in Aleppo belassen werden, und stellt dadurch die Regierung vor neue Schwierigkeiten. Lassen Sie, ohne Gründe anzugeben, Frauen oder Kinder, wer sie auch immer sein mögen, sogar diejenigen, die nicht gehen können, von dort abziehen, und geben Sie der Bevölkerung keine Veranlassung, sie zu verteidigen. Die Bevölkerung setzt aus Unwissenheit ihre materiellen Interessen über ihre patriotischen Gefühle und ist nicht imstande, die hohe Politik, die, die Regierung damit verfolgt, zu würdigen. Im Hinblick darauf, dass die anderswo im direkt verübten Unterdrückungsverhandlungen – Härte, Marschbeschleunigung, Scherereien unterwegs – dort direkt sicher gestellt werden können, halten Sie unablässig ohne Zeitverlust darauf. Das Kriegsministerium hat alle Heereskommandos benachrichtigt, dass die Etappenkommandanten sich in die Verschickung der Deportierten nicht einmischen sollen. Benachrichtigen Sie die Beamten, die diese Angelegenheit übernehmen, dass sie ohne Furcht vor Verantwortlichkeit darauf hinwirken müssen, den wirklichen Zweck zu erreichen. Ich bitte, mir jede Woche die Ergebnisse Ihrer Tätigkeit in chiffrierten Berichten mitzuteilen. 9. September 1915 Minister des Innern Talaat

3.) Es ist bereits mitgeteilt worden, dass die Regierung auf Befehl des Djemiet beschlossen hat, alle Armenier, die in der Türkei wohnen, gänzlich auszurotten. Diejenigen, die sich diesem Befehl und diesem Bestbloß widersetzen, verlieren ihre Staatsangehörigkeit. Ohne Rücksicht auf Frauen, Kinder und Kranke, so tragisch die Mittel der Ausrottung auch sein mögen, ist, ohne auf die Gefühle des Gewissens zu hören, ihrem Dasein ein Ende zu machen 15. September 1915 Minister des Innern Talaat
…………………………..

5.) Nr. 537 An die Präfektur von Aleppo

Wir erfahren, dass Leute aus dem Volke und Beamte sich mit armenischen Frauen verheiraten. Ich verbiete dies streng und empfehle dringend, dass die Frauen dieser Art nach ihrer Trennung in die Wüste verschickt werden. 29. September 1915 Minister des Innern Talaat

…………………..
7.) Nr. 603 An die Präfektur von Aleppo

Wir erfahren, dass die kleinen Kinder der bekannten Personen, die aus den Vilajets Sivas, Mamouret ul-Asis, Diarbekr und Erserum verschickt sind, als Waisen und weil ohne Unterstützung (infolge des Todes ihrer Eltern, von muselmanischen Familien adoptiert oder als Dienstboten angenommen wurden. Wir fordern Sie auf, alle solche Kinder zu recherchieren und sie an den Ort ihrer Verbannung zu schicken; außerdem die Bevölkerung darüber durch Ihnen geeignet erscheinende Mittel aufzuklären. 5. November 1915 Minister des Innern Talaat

……………………..
9.) Nr. 691 An die Präfektur von Aleppo

Rotten Sie mit geheimen Mitteln jeden Armenier der östlichen Provinzen aus, den Sie in Ihrem Gebiete finden sollten. 23. November 1915 Minister des Innern Talaat

10.) Chiffrierte Depesche des Ministers des Innern an die Präfektur von Aleppo Obgleich ein ganz besonderer Eifer für die Ausrottung der fraglichen Personen bewiesen werden sollte, erfahren wir, dass jene an verdächtige Orte, wie Syrien und Jerusalem, geschickt werden. Dergleichen Duldsamkeit ist ein unverzeihlicher Fehler. Der Ort der Verbannung derartiger Unruhestifter ist das Nichts. Ich empfehle Ihnen, danach zu handeln. 1. Dezember 1915 Minister des Innern Talaat
……………………

12.) Nr. 745 Chiffrierte Depesche des Ministers des Innern an die Präfektur von Aleppo Wir erfahren, dass einige Berichterstatter armenischer Zeitungen, die sich in Ihrem Gebiete aufhalten, sich Photographien und Papiere verschafft haben, die tragische Vorgänge darstellen, und diese dem amerikanischen Konsul Ihres Platzes anvertraut haben. Lassen Sie gefährliche Personen dieser Art verhaften und beseitigen. 11. Dezember 1915 Minister des Innern Talaat

Zu den Behauptungen, die Erlasse seien gefälscht, kann gesagt werden, dass trotz offenkundiger Unstimmigkeiten bei den Daten, eine Ähnlichkeit der Dokumente des Aram Andonian mit Dokumenten bei den späteren Kriegsverbrecherprozessen gegen die Jungtürken nachgewiesen wurde.

Aus einem Gespräch des amerikanischen Botschafters Henry Morgenthau sen. mit dem Innenminister Talaat in dem Werk „Ambassador Morgenthaus’s Story“ heißt es: „Er (Talaat) teilte mir mit, das Komitee ‘Einheit und Fortschritt’ habe die Angelegenheit in allen ihren Einzelheiten sorgfältig untersucht. Die Art und Weise, wie vorgegangen würde, entspräche dem, was sie offiziell beschlossen hätten. Er sagte, ich sollte nicht glauben, über die Deportationen sei in Eile entschieden worden. Diese wären in Wirklichkeit das Ergebnis langer und gründlicher Beratung.“ Enver Pascha, damals Kriegsminister, meinte dazu: „Wir haben dieses Land völlig unter Kontrolle. Ich habe nicht die Absicht, Verantwortung auf Untergebene abzuschieben. Ich beabsichtige, die Verantwortung für ausnahmslos alles zu übernehmen, was geschah. Das Kabinett hat die Deportationen angeordnet, und ich bin überzeugt, dass unsere Maßnahme wegen der feindlichen Einstellung der Armenier gegen das Osmanische Reich hierbei vollkommen gerechtfertigt ist. Wir sind in der Türkei wirklich die Herrscher und kein Untergebener würde bei einer Sache dieser Bedeutung wagen, ohne unsere Befehle zu handeln.“i

Ismail Djanbolat,der Chef der Sicherheitspolizei im Innenministerium erklärte Ende Juni 1915 dem deutschen Generalkonsul Mordtmann, man habe beschlossen. „ die Ausweisungsregeln noch weiter auszudehnen“. Botschafter Wangenheim meinte dazu am 7. Juli 1915: „ … die Art, wie die Umsiedlung durchgeführt wird“ zeige, „dass die türkische Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten.“ii Aus einem Augenzeugenbericht der schwedischen Missionsschwester Alma Johanson aus der Stadt Musch von Anfang November 1914: „Bereits im November (1914) wussten wir, dass es ein Massaker geben würde. Der Mutesharif von Musch, ein sehr enger Freund Enver Paschas, erklärte recht offen, dass sie die Armenier bei der ersten sich bietenden Gelegenheit massakrieren und die ganze Nation auslöschen würden. Bevor die Russen anrückten, wollten sie zuerst die Armenier abschlachten und dann gegen die Russen kämpfen.Ungefähr Anfang April in Gegenwart von Major Lange und mehreren anderen hohen Beamten einschließlich des amerikanischen und deutschen Konsuls, erklärte Ekran Bey ziemlich offen die Absicht der Regierung, die armenische Nation auszulöschen. Alle diese Einzelheiten zeigen so klar wie nur etwas, dass das Massaker genau geplant war.“iii H. Marcher, eine dänische Missionsschwester in deutschen Diensten, hat am 16. März 1915 einen Bericht des deutschen Vizekonsuls Schwarz nach dessen Unterredung mit dem Vali von Harput über die Zukunft der Armenier in der Türkei gehört: „…. Der Vali hatte ihm nachdrücklich dargelegt, die Armenier in der Türkei müssten und würden ausgelöscht werden. Er sagte, sie hätten an Wohlstand und Zahl dermaßen zugenommen, dass sie eine Bedrohung für die türkische Rasse darstellten. Auslöschung sei das einzige Gegenmittel…“iv „Das Telegramm bedeutet: Warum warten Sie?“ Aus der Aussage des armenischen Bischofs Balakian vor einem Berliner Gericht im Prozess gegen den Mörder Talaat Paschas über Talaats Rolle bei den Deportationen: „ … Ich habe aber keinen Grund, an der Authentizität einer Depesche zu zweifeln, die von einem aktiven Vize -Gouverneur gezeigt wurde. Das Telegramm lautete ungefähr in diesem Sinne: ‘Telegraphieret uns gleich direkt, wieviel von den Armeniern schon tot sind und wieviel noch am Leben. Innenminister Talaat.’ Ich habe zuerst nicht verstanden, was das bedeutet. Es war für mich unmöglich, zu denken, dass ein ganzes Volk durch Massakers sollte vernichtet werden; das ist in der Geschichte noch niemals vorgekommen. – Herr Kelekian fragte Asaf Bey: Was bedeutet das, ich verstehe es nicht.

  • Sie sind ja so klug, erwiderte Asaf Bey, Sie sind ein Chefredakteur…Das Telegramm bedeutet:Warum warten Sie? Machen Sie Massaker!

…. Asaf Bey sagte: Arbeiten Sie tüchtig, arbeiten Sie ruhig, dass Sie binnen zwei Wochen in Konstantinopel sind. Ich bin nur noch 15 Tage hier, dann verlasse ich mein Amt. Ich war schon 1909 in Osmanie, damals kamen in Adana große Massakers vor. Man beschuldigte mich, die Armenier misshandelt zu haben, und nur mit großen Schwierigkeiten bin ich gerettet worden. Ich will nicht wieder an armenischen Massakers teilnehmen, weil die Zeit kommen wird, nach dem Kriege, dass alle verantwortlichen höheren Personen ins Ausland fliehen müssen. Und dann wird man uns für diese Massaker verantwortlich machen und uns vielleicht hängen lassen. Ein Geschworener: Welche Unterschrift war unter der Depesche? Zeuge: Die Unterschrift des Telegramms war ‘Talaat’, das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen.“v

 

Zur Schuldfrage

Innenminister Talaat Pascha stellt in seinen posthumen Memoiren folgende Behauptungen auf: “Russland hatte, in der Absicht unsere östlichen Provinzen zu übernehmen, die armenischen Bewohner bewaffnet und ausgerüstet sowie starke armenische Banditenverbände in der Gegend organisiert. Als wir in den Weltkrieg eintraten, begannen an der Kaukasusfront im Rücken der türkischen Armee deren Zerstörungsaktivitäten. Brücken wurden gesprengt, türkische Städte und Dörfer in Brand gesteckt, unschuldige Muslime ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht getötet. Sie verbreiteten in allen östlichen Provinzen Tod und Schrecken und bedrohten die rückwärtigen Verbindungen der türkischen Armee. Alle diese armenischen Banditen fanden bei den örtlichen Armeniern Unterstützung… Jede armenische Kirche diente, das wurde später entdeckt, als Munitionslager. Auf diese illoyale Weise töteten sie (die Armenier) mehr als 300.000 Mohammedaner und zerstörten die Kommunikationsverbindungen zwischen der türkischen Armee und ihren Basen…”

Lepsius stellt in seinem Buchvi folgende Zusammenfassung der türkischen Thesen vor: „Stellen wir die nackten Tatsachen fest, die in den 5 Communiqués der türkischen Regierung mit Anführung von Personen und Ortsnamen als Beweise für eine revolutionäre Erhebung des armenischen Volkes aufgeführt werden. Es sind die Folgenden: Garo Pasdermadschian, der in Tiflis zu Haus ist, begibt sich Ende August 1914, also vor dem Krieg von Erzerum nachdem Kaukasus und schließt sich bei Ausbruch des Krieges, angeblich einem armenischen Freikorps an. Das übrige, was ihm zugeschrieben wird , geht die russische Kriegsführung an. Zwei Armenier, Toros Oglu und Agob, bringen in Cilicien Züge zur Entgleisung. Kommandanten englischer und französischer Schiffe setzen sich mit Armeniern der Küstenorte in Verbindung Armenier von Zeitun haben den Behörden Widerstand geleistet. Die Führer der türkischen Oppositionspartei zettelten ein Komplott an, in das vier Hintschaken verwickelt waren- (Das Komplott wurde vor dem Kriege aufgedeckt.) Armenier von Wan, Schattach, Hawasur, Kewach und Timar um die Südosteecke des Wansees herum „erheben sich mit der Waffe in der Hand.“ 500 Armenier von Schabin-Karahissar besetzen den Burgfelsen. Dies sind die Tatsachen der Communiqués. Für die Beschuldigung einer geplanten armenischen Revolution  reichen diese Beweise nicht aus… Durch unsere obige Darstellung haben wir festgestellt, daß weder das Patriarchat noch die Daschnakzutiun sich irgendwelcher vaterlands-feindlicher Akte schuldig gemacht haben, noch auch daran gedacht haben, solche vorzubereiten.“

 

Anwachsender Türkismus von 1908 bis 1913

Die bekannteste Zeitschrift „Türk Yurdu“ fasste die wichtigsten Intentionen des Türkismus zusammen: Betonung der rassischen Identität von Tataren und Türken, Verherrlichung des Patriotismus und Wiederherstelung der turanischen Gemeinschaft in den Grenzen des 13. Jahr- hunderts.vii Talaat, damals Innenminister, ernannte die Beamten nach dem Kriterium von pantürkischen Überzeugungen. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges sagten nationalistische Journalisten den Fall des Russischen Reiches und den Aufstieg eines Panturanischen Reiches auf seinen Ruinen voraus. „In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hat über der Türkei ein Wind des Wahnsinns geweht … Sowie sich die türkischen Nationalisten dem Kampf für den Pantürkismus angeschlossen hatten, lenkten sie ihren Blick nach Transkaukasien, das nun als potentieller türkischer Lebensraum galt.“viii Auf den Punkt bringt es der pantürkische Nationalist Dr. Nazim kurz nach den Massakern von Kilikien von 1909: „Das Osmanische Reich muß ausschließlich türkisch sein. Die Existenz fremder Elemente bietet einen Vorwand für europäische Interventionen. Dies Elemente müssen mit Waffengewalt türkisiert werden.“ix

 

Geschichte Armeniens

Im 9. Jahrhundert vor Christus gründeten Stämme der Hurriter, die im Hochland um den Vanseen lebten, das Reich von Biainili, auch bekannt unter der Bezeichnung Urartu. Dieses wurde dasmVorgängerland  zum dem, was später Armenien bezeichnet wurde. Leistungen wurden vor allem erbracht in der Landwirtschaft (künstliche Bewässerung), in der Eisengewinnung und im Festungsbau, unter dem König Sarduri II. (765 bis 733 v. Christus) hatte das Land seine größte Ausdehnung. 585 vor Christus fiel Urartu den Medern zu. Die Armenier wurden 519 vor Christus unter dieser griechischen Bezeichnung erstmals erwähnt.  Sprachlich dominiert bei den Armeniern das indoeuropäische Element, es gibt aber auch einen Teilwortschatz aus dem Urartäischen. Im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus erfreuten sich die Armenier gegenüber Persien einer weitgehenden Autonomie. Auch Alexander der Große konnte sich nicht niederwerfen.1 Im 2. Jahrhundert vor Christus gab es zwei armenische Reiche – Großarmenien östlich des Euphrat und Kleinarmenien westlich davon. 95 vor Christus vereinigt Tigran der Große, ein Schwiegersohnmvon Mithritates, beide Teile und erobert Mesopotamien, Syrien, Palästina, Kilikien und Kappadokien. Esmdauerte aber nicht lange, dann eroberte der römische Feldherr Lukullus 69 vor Christus die von den Armeniern besetzten Gebiete. Große Gebietsverluste erlitten die Armenier 114 nach Christus.2 301 wurde unter König Trdat III. das Christentum zur Staatsreligion erhoben (fast ein Jahrhundert später im Römischen Reich 391 nach Christus). Überbringer des Christentums war der arsakidische Fürst Gregor Illuminator. Dieser empfing in Cäsarea die Priesterweihe undmsetzte mit brachialer Gewalt das Christentum durch. Heiden wurden verjagt, eingesperrt, gefoltert oder verbrannt. Die Stadt Etschmiadzin am Fuße des Ararat wurde von ihm erbaut. Hier entstandie erste christliche Kirche.3 Zwischen 350 und 367setzten sich die Armenier den Persern zur Wehr, die das Christentum niederringen wollten. Das armenische Königtum in West-Armenien konnte sich bis 389 halten. In Ostarmenien blieb die Dynastie der Arschakiden bis 428 an der Macht. Der Geschlechteradel wollte lieber unter fremder Herrschaft leben. Unter König Wramschapuh (389 bis 414) wurde eine neue Buchstabenschrift entwickelt. 405 stellte der frühere Hofsekretär  Mesrop Maschtoz (362 bis 440) eine neue Buchstabenschrift vor. Die Armenier waren wegen ihres Glaubens näher an Byzanz, 451 nach Christus erhoben sie sich gegen Persien unter der Führung von Vardan Mamikonian. Sechzigtausend Armenier standen zweihundertfünfzigtausend Persern gegenüber, die Niederlage bei Avarair war für Armenien damit besiegelt. In den Bergen führten die Armenier einen Guerillakrieg unter Führung des Neffen Vardans und ertrotzten eine Art Autonomie. Im selben Jahr blieben die Armenier dem Konzil von Chalzedon fern und vierzig Jahre später der monophysitischen Lehre treu. Damit entwickelten sie eigene Riten und Traditionen.

 

Im 7. Jahrhundert drangen die Araber vor und töteten viele Armenier, plünderten Städte und führten viele Überlebende in die Sklaverei ab. Die adligen Armenier flohen in die Berge und konnten ihren Glauben behalten. Sie waren allerdings steuerpflichtig. Die Nakharars, so wurden die adeligen Armenier auch genannt, konnten jedoch nicht selten gegeneinander ausgespielt werden und durch Araber ersetzt werden.4 859 ernannte das von Abbasiden regierte Bagdad den Bagraditen-Fürsten Aschot zum Gouverneur von Armenien. Byzanz einigte sich mit Bagdad darauf, die armenische Autonomie wieder herzustellen. Seit 885 regierten die Bagratiden sechzig Jahre lang in Freiheit und Wohlstand. Die Hauptstadt Ani wurde zum Herzen Armeniens. Sie wies 40 Tore angeblich und tausendundeine Kirche vor. Im 10. Jahrhundert gab es sieben im Bruderkampf sich befindende armenische Königreiche. Die Unabhängigkeit der Bagratiden endete 1045. Es gelang den Griechen, Armenien zu besetzen. 1048 fielen die Seldschuken in das Königreich Vaspurakan im Norden des Van-Sees ein. Die Hauptstadt Ani wurde 1064 zerstört, das Land unterworfen. 1071 unterwarfen die Seldschuken auch Byzanz in der Schlacht bei Manazkert. Die Seldschuken dehnten nach der Niederlage des Bagratiden-Reiches ihre Herrschaft bis zum Kaukasus aus. Im 13. Jahrhundert fielen die Mongolen in Armenien ein. 1236 verwüsteten sie die Stadt Ani.

 

In Kilikien entstand zwischen 1080 und 1095 unter Fürst Rupen die Baronie Neu-Armenien. Das Gebiet wurde von Bergfestungen im Taurus aus bis zum Mittelmeer ausgedehnt. Im Norden bildeten die Euphrat-Täler Verbindungswege mit Alt-Armenien. Bei den Kreuzfahrern trafen die Armenier auf Sympathie und umgekehrt. Byzanz verbündete sich mit den Türken gegen die nicht-orthodoxen Christen. Nach dem Dritten Kreuzzug wurde Neu-Armenien 1199 unter Leo II. Königreich. 1375 unterlag Neu-Armenien dem Ansturm der Mamelucken, Kilikien wurde bis in das 16. Jahrhundert osmanischer Besitz. Viele Armenier wanderten im 14. Jahrhundert aus. Aus Kilikien ging man nach Zypern, Rhodos, Griechenland, Smyrna, Konstantinopel und Ägypten.

1Vgl.: Yves Ternon, Tabu  Armenien. Geschichte eines Völkermords, Frankfurt am Main/ Berlin1977, S. 14

2Martin Bitschnau (Hrsg.); Armenien: Tabu und Trauma Band 1, Die Fakten im Überblick, Wien 2010, S. 18

3Ternon, a.a.O., S. 16

4Vgl. Ternon, a.a.O., S.18

i Jörg Berlin, Adrian Klenner, Völkermord oder Umsiedlung. Das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich. Darstellung und Dokumente, Köln 2006, S. 55f.

iiRolf Hosfeld, Operation Nemesis. Die Türkei, Deutschland und der Völkermord an den Armeniern, Köln 2009

(zweite Auflage), S. 201

iiiBerlin, Klenner, a.a.O., S. 284

ivEbd., S. 285

vEbd., S. 285 ff.

viJohannes Lepsius, Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei, Potsdam 1916,  S. 215 f.

viiYves Ternon, Tabu Armenien. Geschichte eines Völkermords, Frankfurt am Main, S. 126 f.

viiiEbd., S. 129

ixEbd., S. 136

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Jean Ziegler- Wir lassen sie verhungern; FIAN – Wirtschaft global- Hunger egal? / Petra Ramsauer – So wird Hunger gemacht / Beate Klarsfelds Kiesinger-Dokumentation

Jean Ziegler, Wir lassen sie verhungern. Massenvernichtung in der Dritten Welt, München 2012 (Dritte Auflage) und FIAN, Wirtschaft global- Hunger egal? Für das Menschenrecht auf Nahrung, Hamburg o.J. (attac Basis Texte 16)

Niger als Beispiel

In Niger gibt es nur wenig Ackerland, nur vier Prozent des Bodens sind nutzbar. Es gibt 20 Millionen Stück Vieh. Die Bewohner werden von den Auslandsschulden erdrückt. Der IWF hat die Schließung des Nationalen Veterinäramtes angeordnet. Damit wurde der Markt für die multinationalen Konzerne der Tierpharmazie geöffnet. Der Staat hat keine Möglichkeit mehr, die Verfallsdaten von Impfstoffen und Medikamenten zu kontrollieren. Jetzt müssen die Viehzüchter in Niger die Medikamente zur Behandlung ihrer Tiere zu dem Preis kaufen, der von den multinationalen Konzernen festgesetzt ist.Viele Viehzüchter sind nicht in der Lage, diese Preise zu bezahlen, deshalb werden die Tiere krank und verenden. Bestenfalls werden die Tiere noch vor ihrem Tod zu Billigpreisen verkauft. Auch die Gesundheit der Menschen verschlechtert sich nach dem Verlust ihrer Herden. Die ehemals stolzen Eigentümer wandern mit ihren Familien in die Elendsviertel von Niamey, Kano oder die großen Küstenstädte. Der IWF hat zusätzlich die Auflösung der nationalen staatlichen Nahrungsreserven auferlegt. Sie beliefen sich auf 40.000 Tonnen Getreide. Die Vorratslager unterhielt der Staat für Notfälle,wenn es zu Dürren, Heuschreckenplagen oder Überschwemmungen kam. Für den IWF durfte der Staat kein Eigentümer des Getreidehandels sein, weil das Dogma des Freihandels gilt. Seit Mitte der achtziger Jahre, als es eine fünfjährige Dürre zu beklagen gab, hat sich die katastrophale Entwicklung beschleunigt. „Inzwischen wird Niger alle zwei Jahre von Hungersnöten heimgesucht.“1

Zum Thema Uran im Niger ist zu sagen, dass der französische Staatskonzern Areva das Abbaumomopol in den Minen des Departements Arlit besitzt. Die dafür zu zahlende Gebühr an den Staat von Niger ist sehr gering. Vergeblich versuchte ein chinesischer Konzern in Niger im Uranbergbau in Niger Fuß zu fassen. 2010 sicherte ein Militärputsch die französischen Interessen. Der neue Machthaber brach die Gespräche mit den Chinesen ab und bekräftigte die guten Bezíehungen zum Areva Konzern aus Frankreich. Ein Bewässerungssystem für Niger schien nach Weltbank Analysen sinnvoll. 440.000 Hektar Land seien ohne größere technische Schwierigkeiten zu bewässern. Auf dem so gewonnenen Boden könnten jährlich drei Ernten eingebracht werden. Die Selbstversorgung an Nahrungsmitteln sei somit möglich. Der Hunger schien besiegbar. Der Areva Konzern hatte keinerlei Interesse, einen Beitrag zur Finanzierung dieses Projektes zu leisten. So scheiterte es. „Und im Niger verhungern die Kinder weiter.“2

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Indien

Wechseln wir den Kontinent nach Indien und springen in den Staat Madhya Pradesh. Im Jahr 2000 also vor zwölf Jahren – wurden 11.000 Bauernfamilien von der bundesstaatlichen Regierung von ihrem Land gejagt – es wurden Staudämme gebaut und Bodenschätze erschlossen. Eine Kohlemine war der Grund der Enteignung von Tausenden von Familien in Hazaribagh. Der gigantische Narmada – Staudamm hat mehrere Tausend Familien ihrer Lebensgrundlage beraubt. In den ländlichen Gebieten von Madhya Pradesh fallen die zu Skeletten abgemagerten Kinder auf.

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Einen Sieg konnte man in Südafrika feiern.

Johannesburg

Die Stadt Johannesburg hatte ihre Trinkwasserversorgung an einen multinationalen Konzern verkauft. Darauf wurde der Wasserpreis massiv erhöht. Viele Bewohner der Armenviertel konnten die hohen Preise nicht bezahlen. Das fließende Wasser wurde vom Betreiber abgestellt. Viele mittellose Familien waren gezwungen, sich ihr Wasser aus Bewässerungsgräben, verschmutzten Bächen oder Tümpeln zu holen. Einige Bewohner zogen in Soweto vor das Oberste Gericht. Der Prozess wurde gewonnen . Die Stadt Johannesburg musste zulassen, das die öffentliche Trinkwasserversorgung zu bezahlbaren Preisen wieder eingeführt wurde.

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Kommen wir zu Haiti. Grundnahrungsmittel ist der Reis. Anfang der 80er Jahre konnte sich Haiti mit Reis selbst versorgen. Die Bauern waren durch einen Einfuhrzoll von 30 Prozent geschützt. Strukturanpassungsmassnahmen des IWF: Der Schutzzoll für Reis wurde von 30 auf 3 Prozent reduziert. Der von den USA hochsubventionierte nordamerikanische Reis eroberte den Markt von Haiti. Er ruinierte den nationalen Anbau und damit die Existenz von Hunderttausenden Reisbauern. „Zwischen 1985 und 2004 stiegen in Haiti die Reisimporte – vor allem aus Nordamerika, wo der Reisanbau, wie gesagt, stark subventioniert wurde – von 15.000 auf 350.000 Tonnen pro Jahr an. Gleichzeitig brach der lokale Reisanbau ein- von 124.000 auf 43.000 Tonnen pro Jahr.“3 „In normalen Zeiten verbrauchen die 9 Millionen Haitianer 320.000 Tonnen Reis pro Jahr.Als sich 2008 der Weltmarktpreis von Reis verdreifachte, konnte der Staat nicht genügend Lebensmittel einführen. Daraufhin ging der Hunger um in der Cité Soleil, der ‘Sonnenstadt’, dem größten Slum Lateinamerikas, der zu Füßen des Hügels von Port – Au 4– Prince am Ufer des Karibischen Meers liegt.“

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Wechseln wir nach Brasilien. Dort hat das Programm, Agrotreibstoffe zu produzieren, absolute Priorität. Hier wird in erster Linie der Rohrzucker verwendet, um Bioethanol herzustellen. Das Programm heißt Plan Pro-Alkohol. 2009 hat Brasilien 14 Milliarden Liter Bioethanol verbraucht und 4 Milliarden Liter exportiert. Ein vages Ziel besteht sogar darin, in Zukunft einmal 200 Milliarden Liter zu exportieren. Jetzt schon werden dazu Häfen ausgebaut. Die Ausbauflächen für Zuckerrohr sollen auf 26 Millionen Hektar ausgedehnt werden. Vom Pro-Alkohol Plan haben vor allem die Zuckerrohrbarone und transnationale Konzerne profitiert. Das Umland von Ribeiráo Preto im Bundesstaat Sao Paulo ist die größte Zuckerregion. Relativ große Zuckerrohrplantagen kommen dadurch zustande, dass die einst unabhängigen Bauern gezwungen werden, ihr Land den Großgrundbesitzern zu veräußern. „Zwischen 1985 und 1996 hat man in Brasilien nicht weniger als 5,4 Millionen von ihrem Land vertriebene Bauern und die Aufgabe von 941.111 kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betrieben gezählt.“5 Wie gesagt profitieren neben den einheimischen Großmagnaten transkontinentale Großkonzerne wie Louis Dreyfus, Bunge, Noble Group, Archer Daniels Midland und Fonds aus China. China kann bis 2013 zwanzig Ethanolfabriken in Brasilien errichten. Dieses „Land grabbing“ ist charakteristisch für eine Entwicklung, in der Einheimische stark unter die Räder kommen. Der Plan Pro-Alkohol wurde selbst vom damaligen Präsidenten Inácio Lula 2007 gerechtfertigt. Zuckerrohr sei keine Nahrungspflanze, im Gegensatz zu den Amerikanern werde weder Mais noch Weizen verbrannt. Das Argument hält Ziegler für nicht stichhaltig. Die Landwirtschaftsgrenze verlagere sich stetig. Das Zuckerrohr dringe in das Innere des kontinentalen Hochlandes vor. Nach einer Hochrechnung der Weltbank seien beim gegenwärtigen Ausmaß der Brandrodung im Jahr 2050 40 Prozent der Amazonaswälder verschwunden.6 Durch zunehmenden Zuckerrohranbau wird das Land gezwungen , Lebensmittel einzuführen. Die zunehmende globale Nachfrage bewirkt eine Preissteigerung der Lebensmittel. 2008 konnten Millionen Menschen wegen der hohen Lebensmittelpreise nicht genügend Nahrung kaufen. Auf den Zuckerrohrfeldern wird nur selten der gesetzliche Mindestlohn bezahlt. Die Hersteller von Agrotreibstoffen stellen in erster Linie Wanderarbeiter ein. Häufig sterben die Schnitter und ihre Kinder an Tuberkulose und Unterernährung. Die Zahl der Landarbeiter ohne Boden beträgt 4,8 Millionen. Wenn die Ernte im Süden beendet ist, müssen die Arbeiter 2.000 Kilometer nach Nordosten ziehen… sie wechseln alle sechs Monate ihren Aufenthaltsort.7 Die Ordnung wird von privaten Zuckermilizen eingehalten. Auch Kinder arbeiten auf den Plantagen. Nach Angaben der ILO sind 2,4 Millionen Kinder unter 17 Jahren in der brasilianischen Landwirtschaft tätig, davon 22.876 auf Zuckerrohrplantagen.8

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Zuckerrohr in Indien

Auch in Indien ist die Situation ähnlich auf einer Plantage im indischen Bundesstaat Gujarat. Die Zuckerrohrschnitter auf der Plantage bekommen von Würmern befallenes Essen, die Hütten bieten keinen Schutz vor Tieren. Wer protestiert, wird durch einen gefügigeren Arbeiter ersetzt. Ausverkauf von Boden an multinationale Konzerne Das angeblich marxistische Äthiopien ist hier ein beachtliches Negativbeispiel. Fast 1,6 Millionen Hektar Land hat es Investoren zum Anbau von Zuckerrohr und Ölpalmen überlassen. Bis 2009 haben auch ausländische Investoren neben über 8.000 einheimischen die Genehmigungen erhalten. Mächtigster Agarinvestor ist der saudische Multimilliardär Al- Ahmoudi. Er bekam viele Tausend Hektar in einigen fruchtbaren Regionen wie Sidamo und Gambella. Er will noch zusätzlich 500.000 Hektar erwerben, um Zuckerrohr anzupflanzen. Früher lebten auf seinen Ländereien Kleinbauernfamilien aus dem Volk der Nuer, die mit Waffengewalt vertrieben wurden. Al-Amoudi zahlt 90 Eurocent Pachtzins pro Hektar und pro Jahr. 2008 wurde dem koreanischen Konzern Daewoo vom Präsidenten Madagaskars, Ravalomanana, eine Million Hektar Ackerboden zugesagt. Der Konzern erhielt die Konzession ohne finanzielle Gegenleistung für 99 Jahre. Geplant war die Herstellung von Bioethanol. Verpflichtet wurde der Konzern, Straßen, Bewässerungskanäle und Lagerhäuser zu bauen. Den Präsidenten kostete dieser Vertrag Ende November 2008 sein Amt, der Nachfolger löste den Vertrag auf.

In Sierra Leone hat der transnationale Konzern Addax Bioenergy, der in Lausanne beheimatet ist, die Konzession für die Nutzung von 20.000 Hektar fruchtbaren Bodens erhalten. Auch dort soll Zuckerrohr für die Nutzung von Bioethanol angebaut werden, ein Ausbau auf 57.000 Hektar ist vorgesehen. Der Vertrag wurde mit der Regierung in Freetown geschlossen, die betroffenen Bauern wissen nichts von ihrem Schicksal. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone endete 2002, 80 Prozent der Bevölkerung lebt in extremer Armut. Versprochen sind 4.000 Arbeitsplätze von Addax, eine Studie widerlegt dieses Versprechen. Gegenwärtig beschäftigt das Unternehmen fünfzig Personen zur Beaufsichtigung der Zuckerrohrsprossen und des Manioks. Der Tageslohn beträgt umgerechnet 1,8 Euro. „Die Agrotreibstoffe verursachen soziale und klimatische Katastrophen. Sie bringen die dem Lebensmittelanbau dienenden Flächen zum Schrumpfen, sie vernichten die bäuerlichen Familienbetriebe und verstärken den Hunger in der Welt.“9

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Nahrungsmittelspekulation

Nach Schätzung der Weltbank sind seit Anfang 2011 zusätzlich mindestens 62 Millionen Menschen in das Heer der Unterernährten abgesunken. Heiner Flassbeck meint dazu: „ Die Auswirkungen der durch die Risikohypotheken (Subprime-Kredite) bewirkten Krise haben weit über die Vereinigten Staaten hinausgegriffen und zu einer allgemeinen Liquiditäts – und Kreditkontraktion geführt. Der Anstieg der Rohstoffpreise, teilweise bewirkt durch spekulative Fonds, die von Finanzinstrumenten auf Agrarrohstoffe umstiegen, erschwert die Ausarbeitung politischer Maßnahmen zur Vermeidung einer Rezession bei gleichzeitiger Kontrolle der Inflation.“10 Zwischen 2003 und 2008 haben die Spekulationen auf Rohstoffe durch Indexfonds um über 2.000 Prozent zugenommen.11 Tatsächlich führen nur zwei Prozent der Rohstoff-Futures tatsächlich zur Lieferung einer Ware. Die restlichen 98 Prozent werden vor dem Fälligkeitsdatum weiterverkauft. Als Lösung schlägt der ehemalige Finanzstaatssekretär, Heiner Flassbeck, der UNCTAD die weltweite Kontrolle über die Börsenkurse für Agrarrohstoffe zu übertragen. „Auf den Terminmärkten dürften fortan nur noch die Erzeuger, Händler oder Verwender von Agrarrohstoffen tätig werden. Wer mit einer Partie Weizen oder Reis, einer Anzahl Hektoliter Öl etc, handle, müsse gehalten sein, die vereinbarte Ware auch zu liefern. Außerdem empfehle es sich, die … zu hinterlegenden Sicherheiten für solche Geschäfte zu erhöhen.“12

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Aktivitäten, die das Verbot der Spekulation mit Grundnahrungsmittel zum Ziel haben: Die Linkspartei in Spanien brachte im Mai 2012 einen Gesetzentwurf ein, in dem das Verbot der Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel gefordert wird. Hintergrund: laut Unicef sind 2012 2,2 Millionen Kinder schwerst und dauerhaft unterernährt. Die Jungsozialisten der Schweiz beschlossen ebenfalls im Mai 2012 eine Volksinitiative mit dem Ziel, das Verbot der Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel in die Bundesverfassung aufzunehmen.

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Zwischeneinwurf: Die Lage der Ernährung in einem Land, das seit Jahrzehnten planwirtschaftlich funktioniert: Nordkorea. Sechs der vierundzwanzig Millionen Nordkoreaner sind stark unterernährt. Zwischen 1996 und 2005 sind zwei Millionen Menschen den verschiedenen Hungersnöten zum Opfer gefallen. Anfang 2011 gab es riesige Überschwemmungen, die die Reisfelder verwüsteten, die Maul- und Klauenseuche hat den Viehbestand reduziert. In Umerziehungslagern gibt es mehr als 200.000 Personen – unter ihnen auch von Chinesen abgeschobene Hungerflüchtlinge. Es wird von Betonwürfeln berichtet, in denen sich Häftlinge weder aufrichten noch hinlegen können – inhaftiert sind hier vor allem „Unruhestifter“. An Mangelernährung sterben in den Lagern 40 Prozent der Häftlinge. Auswirkungen des WTO-Agrarabkommens

Beispiel Jamaika: Dort wurden jährlich 150 Millionen Liter Milch verbraucht. 2002 wurden allerdings jährlich 12 Prozent in Jamaika selbst erzeugt. Für die Kleinbauern hatte das die Auswirkung, dass ihre Milchproduktion in fünf Jahren von 2,5 Millionen auf 300.000 Liter sank. Grund dafür waren die Milchsubventionen der EU, die Milchpulverimporte aus ihr stiegen von 1.200 Tonnen im Jahr 1992 auf 6.300 Tonnen im Jahr 2000.13 1992 hatte Jamaika seine Zölle auf Milchpulver reduziert und die Subventionen für heimische Milchbauern gestrichen. Dies hatte die Weltbank zur Voraussetzung für einen Kredit gemacht. Die Gesamtzahl der Exportsubventionen der EU für Exportsubventionen für Milchprodukte belief sich 1999 auf 1,5 Milliarden Euro. Viele einheimische Bauern in Jamaika zwingen diese Subventionen zum Aufgeben.

Weitere Beispiele für die Subventionspolitik der EU brachte der Entwicklungsexperte Uwe Kekeritz in einem Vortrag im November 2011.14 Von den Milchbauern im Norden Kameruns etwa, die zuerst über die Entwicklungshilfe eine kleine Molkerei bekamen, bevor sie durch Billigmilchimporte aus der EU verdrängt wurden. Von Hähnchenzüchtern in Ghana, die aufgeben mussten, nachdem tiefgefrorene Hähnchenschenkel und -flügel aus der EU den Markt überschwemmten und ihre Preise unterboten.

Die frühere Textilindustrie ganz Afrikas sei gezielt kaputt gemacht worden, ist er überzeugt, durch den Verkauf von Textilien, die hier bei Altkleidersammlungen eingesammelt werden. Es sei eine Frechheit, dass sich das Rote Kreuz, für fünf Cent pro Kilogramm, für die kommerzielle Sammlung über die Altkleidercontainer einspannen lasse, meinte der Referent.15

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Gegenwärtige Preisentwicklung nach Einschätzung der Weltbank: „Der Preisimdex für Lebensmittel, der sich zwischen Oktober 2010 und Januar 2011 um 15 Prozent erhöht hat, ist gegenüber dem Vorjahr um 29 Prozent gestiegen und liegt nur um 3 Prozent unter seinem Höchststand vom Jahr 2008. Der in den letzten drei Monaten beobachtete Anstieg kann großenteils auf die Preiserhöhungen für Zucker (20 Prozent), Fette und Öle (22 Prozent), Weizen (20 Prozent) und Mais (12 Prozent) zurückgeführt werden.“16 Nach Schätzungen der Weltbank sind seit Beginn des Jahres 2011 zusätzlich mindestens 62 Millionen Männer, Frauen und Kinder in das Heer der Unterernährten und vom Hunger Gefährdeten abgesunken.17  

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Wie handeln? „Wie berichtet, haben 146 der damals 193 der UNO angehörenden Staaten ihre Vertreter im September 2000 nach New York entsandt, um ein Verzeichnis der schlimmsten Tragödien anzulegen… Nach Berechnungen, die die Staats- und Regierungschefs vorlegten, müsse man, um die acht Tragödien zu besiegen – unter denen der Hunger den ersten Rang einnimmt -, fünfzehn Jahre lang eine jährliche Investition von 80 Milliarden Dollar vornehmen. Dazu würde es genügen, bei den 1210 vorhandenen Milliardären eine jährliche Vermögenssteuer von 2 Prozent zu erheben…“18 Es ergeben sich in dem Buch doch einige Vorschläge, die dem Hunger ernsthaft zu Leibe rücken.

1Jean Ziegler, Wir lassen sie verhungern. Massenvernichtung in der Dritten Welt, München 2012

(Dritte Auflage), S. 57

2Ebd., S.58

3Ebd., S. 162

4Ebd., S.163

5Ebd. S. 236 f.

6Vgl., S 238 f.

7Vgl., S. 240

8Vgl., S. 241

9Ebd., S. 253

10Ebd., S. 270

11 Indexfonds sind Investmentfonds , die einen bestimmten, repräsentativen Index möglichst exakt nachbilden. Um das zu erreichen, investieren die Fonds zum Beispiel in die dem Index zugrunde liegenden Wertpapiere im gleichen

Verhältnis wie der Index. (Quelle: Wikipedia)

12Ziegler, S. 272

13 Vgl. FIAN, Wirtschaft global- Hunger egal? Für das Menschenrecht auf Nahrung,

Hamburg o.J., S. 40 f.

14Main-Echo 21.11.2011

15Ebd.

16Ziegler, S. 268

17Ebd.

18Ebd., S 303

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Petra Ramsauer, So wird Hunger gemacht, Wer warum am Elend verdient, Wien 2009

Eine Milliarde Menschen sind aktuell von Hunger und Tod bedroht, und die Angst vor der Armut hat längst Schichten in den westlichen Industrieländern erreicht, die sich lange auf der sicheren Seite eines Wohlstandes wähnten, der sich schon immer auf dem Rücken der Ärmsten aufbaute. 1974 wurden 500 Millionen hungrige Menschen registriert, 1996 waren es 830 Millionen Hungernde.

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Ein Anstieg um einen Prozentpunkt der durchschnittlichen Lebensmittelpreise bedeutet, dass 16 Millionen diese Preise nicht mehr bezahlen können, so die Autorin. Wie die Weltbank meint, verursachten 2008 in Afrika die erhöhten Preise für Nahrungsmittel, dass 30 Millionen Menschen zusätzlich in starke Armut gestürzt wurden. Am stärksten traf es Somalia, wo bis Ende 2008 über drei Millionen Menschen Lebensmittelhilfe brauchten.Die hohe Summe von 2,8 Billionen Dollar wurde an den Finanzmärkten im Herbst 2008 vernichtet. Weltweit gaben Regierungen die Summe von 14 Billionen Dollar aus allein bis Herbst 2009 und das zur Rettung ihrer Finanzinstitute. „Alle hungrigen Menschen Afrikas hätten mit dieser Rettungssumme drei Jahre lang satt werden können“ meinte Stephen Muchiri, Vorsitzender der Vereinigung afrikanischer Bauern. Jeffrey Sachs, Direktor des Earth Institute“ der Columbia University formulierte folgendermaßen: „Die USA und Europa haben in den Herbstmonaten des Jahres 2008 Billionen von Dollar für die Unterstützung ihrer gescheiterten Banken aufgebracht. Sie haben es aber nicht geschafft, ein Tausendstel dieser Summe für die Ärmsten der Welt bereitzustellen, die angesichts der Ernährungskrise dringend Hilfe gebraucht hätten.“ 2007 gab es die Ernährungskrise mit sprunghaft gestiegenen Getreidepreisen und steigenden Kursen für Weizen, Mais und Soja.

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Biotreibstoffe sind ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ meint Jean Ziegler. Man kann davon ausgehen, dass sie für den Anstieg der Lebensmittelpreise mit verantwortlich sind. Ein renommiertes Institut geht davon aus, dass 30 Prozent des globalen Anstieges von Lebensmittel-preisen aus ihrem Vorhandensein resultiert. 2008 wurde ein Viertel der Maisernte der Vereinigten Staaten in Biosprit verwandelt. Bis 2016 soll der Anteil auf ein Drittel anwachsen. Eine weitere Dimension von Biotreibstoffen lässt sich in Borneo (Indonesien) nachweisen. Dort werden Urwälder planiert, um riesigen Palmölplantagen Platz zu machen. Zeitgleich verschwinden die Anbauflächen für Lebensmittel. Der Palmölverbrauch hat sich weltweit verdoppelt. Bislang wurden Margarine oder auch Lippenstifte daraus gewonnen, jetzt ist es Biosprit. 20 Millionen Hektar will die indonesische Regierung für Plantagen freigeben, das ist etwa das Fünffache der Fläche der Schweiz. Bemerkenswert ist, dass auf den 23 Millionen Hektar Land, auf denen in Brasilien Zuckerrohr für Bioethanol angebaut wird, Nahrungsmittel für eine vegetarische Ernährung von bis zu 450 Millionen Menschen angebaut werden könnten. Paul Krugmann meint zum Thema Biotreibstoff als Nobelpreisträger: „Jedes Stück Land, das dazu verwendet wird, Biotreibstoffe anzubauen, ist Land, das bei der Nahrungsmittelproduktion fehlt. Förderungen und Steueranreize für ihren Einsatz sind ein wesentlicher Faktor, der zur Nahrungsmittelkrise beiträgt. Oder man könnte es auch so sagen: Man lässt Menschen in Afrika hungern, damit amerikanische Politiker in den Bundesstaaten mit einem hohen Anteil von Farmern ihre Wähler hofieren können.“

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Nehmen wir das Beispiel Mauretanien, um das Problem der Unterernährung zu erläutern. Ein Großteil der Nahrungsmittel muss importiert werden. Zahlreiche Exportländer schränkten zum Schutz ihrer eigenen Konsumenten die Ausfuhren von Getreide und Mais deutlich ein. Daraufhin waren Importländer wie Mauretanien mit erheblichen Mehrkosten konfrontiert. Das Land lebt vom Verkauf von Fischereilizenzen.Ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes wird dadurch erwirtschaftet. Die Hochseeflotten der EU fangen einen Großteil der Fische im Meer vor diesem Land. Der Fang gelangt tiefgefroren in die Verbraucherländer. Die hochwertigen Fische verschwinden, die Sardinen bleiben. „Wir haben keine Chance gegen den Hunger der reichen Länder.“ Die verbleibenden Sardinen sind um die Hälfte teurer und für viele unerschwinglich. Was schlägt Petra Ramsauer als Lösungsmöglichkeit vor?

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„Zum globalisierten Handlungsgeflecht gehören auch die Geschäfte mit Rohstoffen, auch jenen, aus denen unsere Grundnahrungsmittel hergestellt werden. Spekulation und die damit verbundene Finanzakrobatik ist ein wesentlicher Faktor der Preissteigerung von Lebensmitteln geworden. Der US-amerikanische Nobelpreisträger James Tobin hat als Maßnahme gegen die Auswucherungen der

Finanzspekulation die Einführung einer minimalen Transaktionssteuer vorgeschlagen, Tobin Tax genannt. Würde lediglich ein geringer Prozentsatz von 0,5 Prozent aller Kapitalflüsse besteuert, brächte dies jährlich 290 Milliarden Euro… Ein Verbot des Börsenhandels mit Agrarprodukten ist unrealistisch. Allerdings muss bei Spekulationsgeschäften das Regelwerk von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie greifen.“ Letztere Vorstellungen sind allerdings zu vage, um eine Vorstellung zu gewinnen, was konkret zu tun ist.

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Zum Thema „Menschenrecht auf Ernährung“ meint die Autorin: „Um die Hungerkrise zu lösen, ist eine zweite ‘Grüne Revolution’, vor allem in Afrika, nötig, doch diese Revolution darf sich nicht auf die technische Umsetzung von Ertragssicherheit reduzieren: Von einem ‘New Deal’ der globalen Ernährungssicherheit spricht Weltbank-Generaldirektor Robert Zoellick. FAO – Generaldirektor Jacques Diouf hofft angesichts der Krise auf einen Impuls für eine neue Ordnung der weltweiten Agrarproduktion mit dem Schwerpunkt auf dem Menschenrecht auf Nahrung, das längst völkerrechtlich verankert ist. Anlässlich des 60. Jahrestages der Erklärung der Menschenrechte wurde durch die UN-Vollversammlung am 10.Dezember 2008 ein Zusatzprotokoll zu diesem Sozialpakt verabschiedet. Damit soll Opfern von Verletzungen sozialer Menschenrechte, wenn ihnen die Lebensgrundlage gewaltsam entzogen wurde und sie sich nicht ernähren können, die Möglichkeit eingeräumt werden, bei der UNO Beschwerde einzulegen. Mit der Einklagbarkeit ist ein erster Schritt getan. Nun geht es darum, die Durchsetzbarkeit dieses fundamentalen Menschenrechtes auch zu gewährleisten.“ Wie, fragt sich der interessierte Leser. Wäre es nicht sinnvoller, zu fordern: „Verbot der Agrarsubventionen der Industrieländer“?

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Weiter heißt es zum Thema „Kleinbauern stärken“

„Es geht um die Besinnung der Einzelstaaten darauf, was ihre Landwirtschaft zu allererst leisten soll: Versorgung der Bevölkerung. 30 Milliarden Dollar sollten deshalb, fordert die FAO, jährlich in die Landwirtschaft investiert werden. Und zwar in fünf Bereiche: Investitionen in die Produktivitätssteigerung in den abgelegenen Dörfern der weniger entwickelten Welt, in die Bewahrung natürlicher Ressourcen, in den Aufbau der Infrastruktur und der Märkte, in die Ausbildung der lokalen Bauern und auch in den Aufbau von Nothilfeprogrammen.“ Zum Thema „Zukünftige Landwirtschaft“ wird ausgeführt: „… Noch fehlen die endgültigen Beweise, dass es auch langfristig möglich ist, sei es ökonomisch oder ökologisch, mit Gentechnik das Hungerproblem zu lösen. Es stellt sich auch die Frage, ob die industrielle – sehr energieintensive – Form der Landwirtschaft angesichts der schwindenden Energieressourcen in der Lage sein wird, den zu erwartenden Nachfrageanstieg bewältigen zu können. Ermutigend sind allerdings die Resultate einer Untersuchung, die vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) durchgeführt wurde. 114 Projekte mit Biolandwirtschaft in 24 afrikanischen Staaten wurden dafür analysiert. Ertragssteigerungen von 128 Prozent konnten dort verbucht werden, indem Felder mit naturbelassenen Methoden bestellt wurden… Durch den Einsatz traditioneller Methoden schritt die Bodenerosion weniger stark voran, gleichzeitig verringerte sich das Sinken des Grundwasserspiegels.“

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Weiter heißt es zum Problemfeld „Klimaschutz gegen Armut“

„ … Die Produktion von Fleisch ist sehr energieintensiv und verursacht einen großen Anteil der Kohlendioxid- Emissionen in dem Bereich. Pflanzliche ökologische Erzeugnisse verursachen um ein Viertel weniger Treibhausgas – Emissionen als konventionell hergestellte Produkte.. Die neue Regelung (Nachfolgeprotokoll des Kyoto-Abkommens) muss Armutsbekämpfung und Klimaschutz verknüpfen…Eine Möglichkeit wäre es, den Erlös aus dem Handel mit Verschmutzungsrechten zum Teil direkt für die Finanzierung der Millenniumsziele zu verwenden. Derzeit bringt dieser Zertifikatshandel in der EU jährlich 60 Milliarden Euro an Erlösen. Würden die Verschmutzungsrechte global gehandelt, würde das bis zu 250 Milliarden Euro bringen.“ Für verändertes Verbraucherverhalten plädiert Petra Ramsauer zum Schluss ihres lesenswerten Buches:“Laut einer Untersuchung … landet jeder fünfte Laib Brot, der in Österreich produziert wird, am Müll. Eine Ursache für diese Verschwendung ist, dass jeder bis zum Geschäftsschluss eine große Auswahl von Produkten erwartet und am nächsten Tag kaum bereit ist, ‘altes’ Brot zu essen. Umso mehr zeigt sich, wie verrückt und dekadent unsere Welt geworden ist. Es ist so banal. Dies wieder und wieder festzustellen, doch die Folgen dieser Ungleichheit sind tödlich. Für 5 Millionen Kinder pro Jahr.“

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Beate Klarsfeld

Die Geschichte des PG 2633930 Kiesinger Dokumentation mit einem Vorwort von Heinrich Böll (Melzer Verlag) Darmstadt 1969

Biografisches

Der dritte Kanzler der Bundesrepublik, Kurt Georg Kiesinger, war bei seiner Wahl 1966 umstritten wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit. Geboren wurde er 1904 in Ebingen in Schwaben. Nach dem frühen Tod seiner Mutter entstammen sechs Stiefgeschwister der zweiten Ehe seines Vaters Christian Kiesinger.Kiesinger bestand die „Einjährigen“- Prüfung und trat in das katholische Lehrerseminar in Rottweil ein. Er war Mitglied der konservativen Korporationen „Sif -Sippia“ und „Laetitia“. Das Abitur holte er an einem Stuttgarter Gymnasiun nach. Damals entstand sein Plan, in den diplomatischen Dienst einzutreten. 1926 ging Kiesinger nach Berlin: Er studierte dort zunächst Neuphilologie, später Jura. Dort schloss er sich der katholischen Studentenvereinigung „Askania“ an sowie dem „Görres Ring“. Damals lernte er Konrad Adenauer kennen, der sowohl Oberbürgermeister von Köln als auch Präsident des Preußischen Staatsrates war. Er war wiederholt Gast im „Herrenklub“ des späteren Reichskanzlers Franz von Papen. Am 1. 3.1933 wurde Kiesinger – nur wenige Stunden nach dem Reichstagsbrand- Mitglied der NSDAP. Die Mitgliedsnummer ist oben schon genannt, zwei Monate später wurde sein späterer Kollege Hans Fritzsche, Angeklagter in Nürnberg, Parteimitglied. Über die Motive seines Eintrittes meinte Kiesinger: „Meine Freunde aus der katholischen Verbindung und ich meinten, man müsse doch irgendwie auf die Entwicklung Einfluß nehmen…“

 

Schwer verständlich äußerte er sich am 4.7.1968 vor dem Landgericht Frankfurt über seine NSDAP – Mitgliedschaft: „Nicht aus Überzeugung, und nicht aus Opportunismus. Ich habe mich dann in den ersten Jahren 33/34 gleich umgesehen. Dann habe ich Verbindung zum NSK*1 aufgenommen … Auch Veranstaltungen des nazistischen Juristenbundes habe ich mir angesehen, habe mich dann aber geweigert, dort einzutreten. Ab 1934 sah ich sehr klar, wohin der Weg lief…“

 

Auswärtiges Amt – Rundfunkpolitische Abteilung

Offiziell wurde Kiesinger in das Auswärtige Amt „dienstverpflichtet“. Dem widerspricht, dass er von entscheidender Stelle für würdig befunden wurde, in leitender Funktion im Auswärtigen Amt tätig zu sein. Dort war er Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter (WHA). Er begann seine Laufbahn nicht als Jurist, sondern als Nachrichten- und Rundfunkpolitiker in der Kulturpolitischen Abteilung (Kult R). 1941 entstand die Rundfunkpolitische Abteilung. Im Oktober und November 1940 erfolgte die Bildung des Kolonialreferates in der Kulturabteilung mit den Mitarbeitern: Dr. Markus Timmler, Referent Zschäck und WHA Kiesinger. 1943 wurde Kiesinger stellvertretender Abteilungsleiter. Übertragen wurden ihm die Referate:

Ru A – Referat Rundfunkeinsatz, Internationale Rundfunkbeziehungen und Rundfunkrecht, technische Angelegenheiten und

Ru B – Allgemeine Propaganda, Koordinierung der Länderreferate, Verbindung zum Propagandaministerium

Kiesinger bestimmte, was in den Referaten geschah und ließ sich regelmäßig Bericht erstatten. In fast fünfjähriger Tätigkeit gingen tausende Dokumente mit nationalsozialistischem Inhalt durch seine Hände. In der Interradio AG hatte er eine Schlüsselfunktion, er war Teilnehmer von Beratungen einflussreicher Propagandagrößen, z.B. am 16.12.1943 an einer von Fritzsche geleiteten Beratung im Propagandaministerium. Eine Woche später verlautet in einem Protokoll über eine abermalige Beratung folgendes: „Kiesinger schlägt vor, einen Sender der kleinen Staaten, einen sogenannten Neutralitätssender laufen zulassen, der als Endziel in ‘neutraler Form’ doch die Richtigkeit der deutschen Belange den Hörern einzufiltern versucht. Hierzu soll Ministervorlage gemacht werden.“

Beispiele der Tätigkeiten Kurt Georg Kiesingers

Nach der Kapitulation Frankreichs wurde eine Reise nach Frankreich geplant. Am 18. Juli 1940 hieß es dazu: „Die Reise steht unter Leitung von Herrn Kurt Georg Kiesinger, der zugleich auch für die politische Zensur …verantwortlich ist …“ Dieser verfasste dazu einen Bericht, in dem es hieß: „Die Reportagen verfolgen den Zweck

  1. den Hörern einen Eindruck zu geben von der unwiderstehlichen Kraft der deutschen Waffen im Kriege und
  2. von der Haltung und Leistung des Siegers während des Krieges und nach Beendigung derKampfhandlungen“

Unter der Regie von Kurt Georg Kiesinger stand am 18.9.1941 eine „Liste der Persönlichkeiten, die für Rundfunkaufrufe gegen den Bolschewismus dem Herrn RAM vorgeschlagen werden“.

  1. Länder, aus denen offizielle Persönlichkeiten sprechen können

    Italien: Minister für Volkskultur Pavolini

Rumänien: Stellvertretender Ministerpräsident Mihai Antonescu

Ungarn: Ministerpräsident aund Außenminister Bardossy

Slowakei: Ministerpräsident Tuka oder Innenminister Mach

Kroatien: Kriegsminister Feldmarschall Kavternik

Finnland: Generalfeldmarschall Mannerheim

  1. Länder, aus denen keine offiziellen Persönlichkeiten in Frage kommen

Spanien: Befehlshaber der Blauen Division General Munes Grande

Dänemark; Kommandeur der Freiwilligendivision Kryssning

Norwegen: Quisling oder Knut Hamsun

Schweden: Sven Hedin

Holland: Führer des NSB Mussert, oder Präsident der niederländischen Bank, Rost von Tonningen

Belgien: Für Flamen: Leiter der VNV Staff de Clerque

Für die Wallonen: Léon Degrelle

Frankreich: Alfonse de Chateau-Briand, Herausgeber der der Zeitschrift „Le Gerbe“ oder Marcel Déat, Leiter des Rassemblement Nationale Populaire oder Robert Brasillach, Herausgeber der Zeitschrift „Je suis Partout“

Zum Thema Griechenland hieß es in einer Sendung vom 19.4.1941: „Athener! Trinkt kein Wasser, die Engländer haben ein fast unglaubliches Vorhaben ausgeführt. Beamte des englischen Geheimdienstes haben den Marathon-See von der Nordostseite her mit Typhusbazillen infiziert, um den Deutschen einen englischen Empfang zu bereiten. Daß dabei nicht die Deutschen, sondern viele Tausende von Athenern zugrunde gingen, ist den Briten gleichgültig…“ Im Zusammenhang mit den antijüdischen Kampagnen des Auswärtigen Amtes charakterisierte der damalige Unterstaatssekretär Baron Steengracht von Moyland bei seiner Vernehmung vor dem Nürnberger Tribunal Kiesinger folgendermaßen: „Kiesinger war der Vertreter von Rühle, Chef der Rundfunkabteilung des AA. Er war eine gewissenhafte Arbeitskraft.“

Welches Verhältnis hatte Kiesinger zum Nationalsozialismus?

In einem Beitrag meint Martin Hirsch (SPD) in der Festausgabe zu Kiesingers 80. Geburtstag, dem Kiesinger als Rechtslehrer 1935/36 begegnete: “Es mag sein, daß Kiesinger damals im Gegensatz zu mir gehofft haben mag, das Naziregime könne doch erträglicher werden oder gar sich selbst kurieren können. Vielleicht war dies der große Irrtum seines Lebens, der ihn dann während des Krieges zu seiner Tätigkeit im Auswärtigen Amt veranlaßt hat. Sicher aber ist, ein Nazi war Kurt Georg Kiesinger ganz gewiß nicht.” Im Gegensatz dazu urteilt Beate Klarsfeld in ihrem Buch dazu: „Es ist geradezu ausgeschlossen, daß Kurt Georg Kiesinger monate- und jahrelang mit geistigen Scheuklappen seine Diensträume in der Saarlandstraße 60 betrat, Zimmer an Zimmer mit Leuten wie Dr. Ahrens und Prof. Mahr zusammenarbeitete, Dienstbesprechungen leitete und sich Berichte schreiben ließ, aber nicht gewußt haben will,was sich in den Nachbarzimmern tat. Nicht gewußt haben will, womit sich AA-Beamte und -Angestellte beschäftigten, die zum Teil viel länger in den Diensten der Rundfunkpolitischen Abteilung (einschließlich dem Vorgänger Kult-R) standen, die er aber allesamt im Tempo der Beförderungen überflügelte.“ (S. 56)

1 Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps – bedeutendes Mitglied: Franz Josef Strauß. Die Mitgliedschaft wuchs in den Jahren von 1934 bis 1940 von 10.000 auf weit über eine halbe Million an.

Christian Schauer, März 2012

Veröffentlicht 14. September 2015 von schauerchristian in Buchbesprechungen

Ägypten – Reader

Leserbrief zu: Todesurteile gegen Muslimbrüder bestätigt, in Main-Echo vom 23.6.2014 Das extreme Morden in Ägypten muss endlich aufhören. Todesurteile können in keiner Weise geeignet sein, einen Weg aus der Krise aufzuweisen. Zu viele Menschen sind schon gestorben als dass die neuen Machthaber nicht wenigstens einmal versuchen müssten, einen Weg der Aussöhnung zu begehen. Der prominente ägyptische Oppositionelle Alaa Abd al-Fattah wurde Anfang Juni zusammen mit 24 anderen Aktivisten zu jeweils 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Schnellgericht in der Polizeiakademie von Kairo habe den jungen Blogger und die Mitangeklagten wegen “Aufstachelung zur Gewalt” verurteilt, meinte sein Vater. Das Urteil dokumentiert, dass die Behörden unter dem neuen Präsidenten Abd Al-Fattah al-Sisi in Ägypten wieder diktatorische Verhältnisse schaffen wie zu Mubaraks Zeiten. Er kritisierte Ex-Präsident Mubarak, Muslimbruder Mursi oder General Al-Sisi: Der ägyptische Satiriker Bassem Youssef hat sich mit allen Mächtigen in Ägypten angelegt. Dem Druck weicht er nun aus: Jetzt zieht er sich aus Angst um seine Sicherheit aus dem Showgeschäft zurück.” Ich bin müde und fühle mich in meiner persönlichen Sicherheit bedroht”, meinte er zur Begründung. Auch das war Anfang Juni und zeigt, dass auch von dem neuen Machthaber Al-Sisi eine Demokratie mit garantierter Meinungs- und Kunstfreiheit nicht zu erwarten ist. Der Satiriker hatte sich zuvor über die “ach so spannende” Präsidentenwahl lustig gemacht. Damit hat er zwar recht, denn der Sieger stand schon vorher fest. Aber Ironie ertragen Diktatoren nicht. Mursi so wenig wie Al-Sisi.

C. Schauer, in: Main-Echo online vom 3.7.2014, Print-Ausgabe vom 7.7.2014

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Ägypten – Reader

Frühe Kämpfe zwischen Kopten und Muslimen

Nach der Eroberung Syriens durch die muslimischen Araber begannen diese 639 mit 9.000 Mann, Ägypten zu erobern. Nach ihrem Sieg bei Heliopolis über die Byzantiner wurde das ganze Land besetzt. Alexandria kapitulierte aber erst 642, nachdem den Kopten (ägyptischen Christen) unter dem Patriarchen von Alexandria die Religionsfreiheit zugesichert worden war. Die islamischen Herrscher waren nach ihrem Sieg im 7.Jahrhundert in Ägypten weniger an einem Religionswechsel als an den Abgaben der Kopten interessiert. Dies änderte sich mit Al Hakim bi Amrillah, dem sechsten Kalifen der Fatimiden-Dynastie. Im Jahr 1003 begann die Verfolgung der Kopten. Der Anlaß war eine baufällige koptische Kirche in Al Kahira. Die Bauarbeiten ärgerten die muslimischen Bewohner des Stadtviertels. Vom Kalifen bekamen die Muslime die Erlaubnis, die Kirche niederzureißen. Die Kopten wehrten sich, konnten sich aber nicht durchsetzen, es gab Tote und Verletzte. In den folgenden Jahren wurden Gesetze erlassen, die den Kopten das Leben erschwerten. Alle Kirchengüter wurden beschlagnahmt, Christen hatten schwarze Gürtel und schwarze Turbane zu tragen, sie durften nicht auf Pferden reiten, die Palmsonntag-Prozession wurde verboten. Der koptischen Beamtenschaft wurde von den Muslimen vorgeworfen, Muslime mit härteren Methoden zur Steuerzahlung zu zwingen als Kopten. Der Chef der Finanzverwaltung, ein Christ, wurde daraufhin auf Befehl des Kalifen hingerichtet. Eine frühe Talibanisierung fand unter diesem Kalifen statt. Das Leben der Menschen wurde auf das Jenseits abgerichtet. Der Gesang und das Musikspielen wurde verboten. Der Alkoholgenuß wurde streng bestraft. Schmuck war nicht erlaubt, der Hundebesitz verboten, Schachspiele mussten abgegeben werden und wurden im Kalifen-Palast verbrannt.

Napoleon in Ägypten

1798, als der spätere Kaiser der Franzosen noch der Revolutionsgeneral Bonaparte war, führte er ein Heer von 38000 Soldaten nach Ägypten. Sein Ziel war es, Englands Vormachtstellung im Nahen Osten zu brechen und Englands Handel mit seinen indischen Kolonien zu bedrohen. Denn die Engländer, die unangreifbar auf ihrer trotzigen Insel saßen, waren die ständigen Feinde der revolutionären Franzosen. Durch die Versenkung der französischen Flotte in der Schlacht von Abukir wurde der Seeweg blockiert und Napoleons Armee vom Nachschub abgeschnitten. Das Expeditionskorps zog daraufhin drei Jahre lang durch das Landesinnere und nach Syrien, bis es den Briten schließlich 1801 unterlag. Napoleon war bereits im August 1799 heimlich nach Frankreich zurückgekehrt. Bonaparte wußte damals über die Herkunft des Nilwassers: „Der Nil wird durch die Vereinigung des Blauen und des Weißen Flusses gebildet. Der erstere entspringt dem See Dembea. Unter dem 11. Breitengrad durchbricht er einen Bergkette und stürzt in Tälern dieser Berge über sechs Katarakte, deren Fallhöhe jeweils 10 bis 12 Meter beträgt. Unter dem 14. Breitengrad empfängt er den Fluß Dender, der Nubien von Abessinien trennt. Der Weiße Nil entspringt unter dem 8. Breitengrad, östlich vom Blauen Nil. Er durchbricht dieselbe Bergkette. Die Anzahl seiner Wasserfälle ist jedoch unbekannt. Die beiden Flüsse vereinigen sich unter dem 16. Breitengrad.“1

Die Moslembruderschaft

Die sunnitische Muslimbruderschaft ging 1928 aus einer kleinen Gruppe von Männern um den Grundschullehrer Hasan al-Banna (1906–1949) hervor, die sich als “Brüder im Dienste des Islam” verstanden. Ziel war die Verbreitung islamischer Moralvorstellungen und die Unterstützung wohltätiger Aktionen und sozialer Einrichtungen, aber auch die Befreiung des Landes von der fremden Okkupation sowie der Kampf gegen die britisch-westliche „Dekadenz“, die sich im Lande ihrer Meinung nach offenbarte. Die mitunter auch als “Mutterorganisation des politischen Islams” bezeichnete Muslimbruderschaft versucht, die Regierungen ihrer jeweiligen Heimatstaaten abzulösen und einen islamischen Gottesstaat auf der Grundlage der Scharia zu errichten. In den 1930er Jahren politisierte sich die Bruderschaft stärker und setzte sich für das Ziel der Rückkehr zum ursprünglichen Islam und der Errichtung einer islamischen Ordnung ein. Al-Banna wandte sich 1936 mit diesem Ziel in dem Traktat „Aufbruch zum Licht“ (nahwa an-nūr) an den ägyptischen König und andere arabische Staatsoberhäupter. Er trat auch für den bewaffneten, offensiven Dschihad gegen Nicht-Muslime und deren Helfer ein. 2 1938 initiierte die „Bruderschaft“ gewalttätige Proteste gegen Juden mit Parolen wie „Nieder mit den Juden“ und „Juden raus aus Ägypten“. 1938 erschien Al-Bannas Werk „Die Todesindustrie“, in welchem die Abwendung vom Leben radikalisiert und die Verherrlichung des Märtyrertums entfaltet wird: „Derjenigen Nation, welche die Industrie des Todes perfektioniert und die weiß, wie man edel stirbt, gibt Gott ein stolzes Leben auf dieser Welt und ewige Gunst in dem Leben, das noch kommt.“ Sie hatte 1941 schon ungefähr 60.000, 1948 ungefähr 500.000 Mitglieder und Hunderttausende Sympathisanten. Sie war streng hierarchisch organisiert. Ihr Anführer, Hassan el-Banna, bestand auf der unverzichtbaren Präsenz des Islam im politischen Leben. Die mächtige Organisation unternahm nichts gegen die Besatzungsmacht. Die Handlungsweise gegenüber der Nationalen Front war extrem. Eine Serie von Attentaten prägte ihr Tun. Die Mordanschläge auf Mustafa el-Nahas (am 6. Dezember 1945, am 25. April 1948 und im November 1948), die Ermordung von Amin Osman durch Hussein Taufik (am 5. Januar 1946), der Sprengstoffanschlag auf das Metro-Kino (am 6. Mai 1947), die Ermordung des Vizepräsidenten des Appelationsgerichtes von Kairo, Ahmed al-Chazindar (am 22. März 1948), die wiederholten Bombenanschläge auf jüdische Geschäfte und Wohnviertel (Cicurel und Oreco), das Warenhaus Ades im Juli 1948, Benzion, Gattegno, die Me’adi Company im August; doch vor allem im September die Anschläge auf das Harit el-Yahúd, das jüdische Viertel, (die 20 Tote und 61 Verletzte forderten), die Explosion in der Galal Street im November 1948 und die Lancierung eines mit Sprengstoff beladenen Jeeps, der am 5. November 1948 in Kairo entdeckt wurde.3 Am 4. Dezember 1948 wurde General Selim Zaki, Polizeichef von Kairo, in unmittelbarer Nähe der medizinischen Fakultät, in seinem gepanzerten Dienstfahrzeug ermordet. Das Ziel des Terrors war, die Regierung zu einer Aufhebung der politischen Freiheiten zu zwingen. Letzere sah sich ihrerseits gezwungen, die Muslimbrüderschaft zu zerschlagen. Die Behörden reagierten so ihrerseits mit verstärkter Verfolgung. Al-Banna wurde schließlich am 12. Februar 1949 in Kairo, wahrscheinlich im Auftrag des ägyptischen Königshauses, erschossen; der Attentäter wurde nicht gefasst.4

Der Brand Kairos am 26. Januar 1952

Am 25. Januar verschanzte sich die Provinzpolizei in Ismailia und führte ein 12-stündiges Gefecht gegen britische Panzer und Artillerie, die sie unter gezieltem Feuer hielten. Es folgte ein Massaker unter der Fellachenpolizei. Am folgenden Tag kam es zu einem Generalstreik. Studenten und Arbeiter zogen zum Zentrum von Kairo. Staaatsminister Fattah Hassan versprach einen Abbruch der Beziehungen zu Großbritannien und einen Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion. Kurz vor Mittag traten die Brandleger in Aktion. Sie trugen Listen bei sich, auf denen die Reihenfolge der anzuzündenden Häuser verzeichnet war. Wer waren dies Leute? Einerseits Militärs aus der alten Partei von Ahmed Hussein, die Grünhemden der Jungägypter. Dann die Fanatiker von „Schabab Mohammed“, die die „Rückkehr in die Wüste“ predigten. Nicht zuletzt Anhänger der Muslimbrüderschaft. Mittels einer Angstpsychose versuchten sie, eine antijüdische Stimmung zu erzeugen, die es bisher in Ägypten nicht gab. Die Organisation richtete ihre Zerstörungskampagne gegen die Bars und Unterhaltungszentren von Kairo und Alexandria. Sie schossen auf Liebespaare in dunklen Vorstadtstraßen und predigten religiösen Fanatismus. Um die Mittagszeit stand der Geschäftsbezirk, die moderne City im Herzen Kairos, in Flammen. Die Demonstranten starrten auf die Taten der Brandstifter, die sich mit Hunderten von jungen arbeitslosen Landstreichern aus dem Lumpenproletariat von Kairo verbündet hatten. Ahmed Hussein, Führer der Sozialistischen Partei, wurde angeklagt und später von Innenminister Nasser wieder freigelassen. Sieben Brandstifter wurden zu langjähriger Zwangsarbeit verurteilt und 1959 wieder freigesprochen.

Der Militärputsch von 1952

Die jungen Führungskräfte der Armee waren sämtlich von nationalistischen Ideen beeinflußt. Die meisten waren Wafdisten oder Mitglieder der Moslembruderschaft, eine Minderheit Marxisten. Einige waren Anhänger von Ahmed Hussein. Sie unterstützten General Aziz el-Masri. Er war Stabschef und wurde wegen seines Zusammenspiels mit der Achse 1942 von den Briten aus seiner Position entfernt. Am 23. Juli um drei Uhr morgens besetzte die führende Gruppe der Freien Offiziere das Generalhauptquartier der Armee in Abbassia. Das Oberkommando wurde verhaftet. Drei Tage später muße König Faruk abdanken und Ägypten für immer verlassen. „Die Hauptursache für die Revolution“, schrieb Nasser später in einem Buch „lag in der Notwendigkeit, unseren Lebensraum zu erweitern angesichts des Anwachsens der Bevölkerung, das sich im Laufe der letzten Jahre auf Millionen beläuft und den Produktionsmechanismus fast vollständig gelähmt hat, was für das Land die ernstesten Gefahren mit sich brachte …“

Das Landproblem

Der Gott Pharao war bis zum Ende des Alten Reiches mitsamt einer zentralistischen Bürokratie Herrscher über das Wassersystem – das Ausheben von Bewässerungskanälen und die Regulierung des Nilwasserstandes. Bewässerungs- und Drainagearbeiten beanspruchten einen großen Teil der Arbeitskraft. Es war nicht möglich, diese hydraulischen Aufgaben auf nur lokaler Ebene zu erledigen. Der Pharao war als Herr über Bewässerung und Arbeitsverteilung der alleinige Besitzer des ägyptischen Landes. Seine ausführenden Organe waren Minister, Gebietsverwalter und Priester. Unter Ramses II. im 13. Jahrhundert vor Christus bestand dann die dreifache Aufteilung des Landes unter dem König, den Priestern und den Kriegern. Privaten Landbesitz gab es während des Mittleren Reiches, danach wurde dieser wieder aufgehoben. Auch unter den Lagiden (Dynastie 322 bis 30 vor Christus) scheint der König im Besitz des überwiegenden Teils des ägyptischen Grund und Bodens gewesen zu sein. Auch die Eroberung Ägyptens durch die Araber brachte in der Struktur des Landbesitzes nicht viel Wandel. Die Institution der Wakf (im muslimischen Recht ein ständig der Nutznießung für religiöse oder wohltätige Zwecke zur Verfügung stehender Besitz) faßte Fuß in Ägypten bis 1954. Der Staat war alleiniger Besitzer des ägyptischen Bodens – Nutznießer waren jedoch nicht ausgeschlossen. Es gab drei Hauptformen: die erste bestand darin, daß das Land der Priesterschaft oder den religiösen Institutionen als Entschädigung für die gewährte Unterstützung zur Nutzung übergeben wurde. Später dann gab es die Landzuteilung an Militärführer, deren Unterstüzung sich das Königshaus sichern wollte.5 Zudem gab es noch die Form, in der reichen Bauern Grund und Boden gegen Übernahme von steuerlichen Verpflichtungen und Naturalienzahlungen übergeben wurde.

Ramses II.

Ramses II.

Nur zweimal, im Mittleren Reich und unter den Mameluken, gingern die nutznießenden Militärführer und die Geistlichkeit über die Beschränkungen hinaus und fingen an, ihr Land zu vererben oder es einer dritten Partei zu überlassen. Die zentrale Macht gewann nach kürzester Zeit wieder die Oberhand. Die Mehrheit der Bauern lernte bis ins 17. und 18. Jahrhundert nie einen eigenen Grundbesitz kennen. Friedrich Engels meinte zu Thema Privateigentum im Orient: „Woher kommt es, daß die Orientalen nicht zum Grundeigentum kommen, nicht einmal zum feudalen? Ich glaube, es liegt hauptsächlich am Klima, verbunden mit den Bodenverhältnissen, speziell mit den Wüstenstrichen… Die künstliche Bewässerung ist hier die erste Bedingung des Ackerbaus, und diese ist Sache entweder der Kommunen, Provinzen oder der Zentralregierung. Die Regierung im Orient hatte immer auch nur drei Departements: Finanzen (Plünderung des Inlands), Krieg (Plünderung des Inlands und des Auslands) und Travaux Publics, Sorge für die Reproduktion…“ Von der Zeit der Pharaonen bis heute bildete Ägypten eine einzige geschlossene nationale Einheit. Die Multazimin, die oberen Steuereinnehmer, mußten sich für ihren Posten jedes Jahr durch die Erlegung des Gesamtsteueraufkommens aus ihrem genau abgegrenzten Gebiet entlasten. Sie hatten daher diese Summe mit allen verfügbaren Mitteln aufzubringen und taten das, indem sie den Bauern große Belastungen auferlegten. Das System des Grundbesitzes vor Mohammed Ali entspricht einem „orientalischen Feudalismus“, dessen Grundlagen im Gegensatz zu denen des europäischen Feudalismus im Fehlen privaten Landeigentums und  dem Zentralismus der Staatsmacht auf dem Gebiet der Landwirtschaft bestanden. Es gibt auch Punkte der Ähnlichkeit mit dem europäischen Feudalismus: das Tributsystem und das einer natürlichen Ökonomie auf dem Lande. Bonapartes französische Expedition von 1798 bis 1801 und Mohammed Ali haben den orientalischen Feudalismus stark erschüttert. In dem Gesetz vom 16. September 1789 wurden Bodenpreise festgesetzt, den Bauern ein Erbrecht zuerkannt und die Registrierung des Grundbesitzes geregelt. Unter der Herrschaft Muhammad Alis wurde mit der Privatisierung des sich bis dahin nominell allein im Besitz des Staates befindlichen Landes begonnen und das alte System der Steuerpacht (Iltizam) zugunsten einer direkten Besteuerung von Grund und Boden, durchgesetzt durch bezahlte Angestellte des Staates, ersetzt. Zwei Millionen Feddan6 – das entsprach der bebauten Gesamtfläche- wurden wie folgt aufgeteilt. Es gab von der Katastrierung ausgenommenes Land und Landgüter- von Mohammed Ali Mitgliedern seiner Familie und seines Hofes, Militärführern und hohen Beamten übertragen, insgesamt 200.000 Feddan, die steuerfrei bleiben; 100.000 Feddan, die den früheren Multazimin als Entschädigung übereignet wurden; das Land für die Dorfscheichs, insgesamt 154.000 Feddan; steuerfreies Land, das ausländische Beamte erhielten, insgesamt 6.000 Feddan; Land, das an die Dörfer grenzte und den Beduinen überlassen wurde. 1952 besaßen 94,3 Prozent kleine Besitzer mit weniger als 5 Feddan 35,4 Prozent des Landes, 5,2 Prozent mittlere Besitzer mit 5 bis 50 Feddan 30,4 Prozent des Landes und 0,5 Großgrundbesitzer mit mehr als 50 Feddan 34,2 Prozent des Landes. Innerhalb der ersten Gruppe, die weniger als 5 Feddan besaßen, gab es zwei Untergruppen: die der Bauern, die weniger als 2 Feddan besaßen und nicht in der Lage waren, ihren Lebensunterhalt zu sichern und die Kleingrundbesitzer (2 bis 5 Feddan), die ihre Lebensbedürfnisse befriedigen konnten. Auf die erste Gruppe entfielen 2.308901 Bauern. 84 Prozent der Grundbesitzer verfügten über 21 Prozent des Landes. Andererseits verfügten 0,01 Prozent der Grundbesitzer über 10 Prozent des Landes. Die „Landaristokratie“ oder auch die Feudalisten zerfiel in zwei Gruppen.Die erste Gruppe setzte sich aus Magnaten zusammen, die ihren Besitz gewinnbringend an dritte Parteien , sogenannte Compradores verpachteten. Vor 1952 vollzog sich eine solche Verpachtung auf zwei Arten: entweder an eine Person, die ihrerseits Kleinparzellen von 1 bis 5 Feddan an bearbeitende Kleinbesitzer verpachtete.7 Das Interesse an Verpachtungen nahm nach dem Zweiten Weltkrieg stark zu und stieg von einem Anteil von 1,73 Prozent des Landes im Jahre 1939 auf 60,7 Prozent im Jahre 1949 und auf 75 Prozent 1952. Die Fellachen hatten auch unter einer Vielzahl von Steuern und Abgaben zu leiden sowie einem Anstieg des Pachtpreises parallel zum Anstieg des Baumwollpreises. Den Kern dieser Gruppe bildete der König Faruk mit der königlichen Familie mit einem Gesamtbesitz von 159.000 Feddan und einem jährlichen Ertrag von 750.000 ägyptischen Pfund. Die zweite Gruppe waren die reichen Landwirte, die Minderheit der Großgrundbesitzer, die ihr Land selber bebauten, entweder zur Produktion von Rohmaterialien für die Veredelungsindustrien, überwiegend Baumwolle, oder von Konsumgütern für den einheimischen wie den Weltmarkt. Beide Gruppen verstärkten ihren Einfluß in der Wafd-Partei, der sie eine konservative Prägung gaben, im besonderen unter der Einwirkung von Fuag Serag Eddin. Die mittleren Landbesitzer (5 bis 50) Feddan bebauten ihr Land mithilfe einer kleinen Anzahl von Landarbeitern. Eine Gruppe (20 bis 50 Feddan) waren gut situierte Besitzer, die zu Großgrundbesitzern aufsteigen wollte – sie lehnte sich an die Muslimbruderschaft an. Eine andere Gruppe (5 bis 20 Feddan) hatte es mit einer sich verschlechternden Lage zu tun. Sie fand ihren politischen Ausdruck in der Wafd-Partei. Unterhalb diese Klasse gab es das agrarische Kleinbürgertum, das sich aus Grundbesitzern zwischen 1 und 5 Feddan zusammensetzte. Das Leben dieser Menschen war vom Marktpreis für landwirtschaftiche Produkte abhängig, der auch an weiterverpachteten Parzellen hing. Der linke Flügel der Wafd-Partei hatte bei dieser Gruppe viele Anhänger, auch die Kommunisten. Auch die extrem Rechte unter Achmed Hussein fand hier Anhänger. Der größte Teil der ägyptischen Fellachen besaß überhaupt kein Land. Die Schätzungen schwanken zwischen 8 Millionen und 14 Millionen Personen.1947 überstieg ihre Zahl die von der Landwirtschaft benötigten Arbeitskräfte um 47 Prozent. Sie mußten mit 8 bis 15 Piastern am Tag auskommen. Nach dem Umzug in die Städte drangen Sätze wie „Das Land für die, die es bebauen!“ an die Öffentlichkeit. Die Fellachen drohten sich zu erheben.

Rolle der Banken

Die unter Ismail eingeführte Monokultur von Baumwolle regte die Schaffung eines ganzen Banken- und Hypothekensystems an, durch das sich aus der Arbeit der ägyptischen Bauern eine reiche jährliche Ernte erzielen ließ. Die Ägyptische Bodenkreditbank wurde 1880 mit französischem Kapital gegründet, 1905 folgte die von den Engländern die Land Bank of Egypt. In der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts übten diese Finanz- und Bankengruppen auf den ägyptischen Grundbesitz einen großen Druck aus. Der Wert des kultivierten Landes betrug 120 Millionen ägyptische Pfund, die Hypotheken beliefen sich auf 60 Millionen ägyptische Pfund. Ein beträchtlicher Anteil des ägyptischen Bodens war somit unter dem Einfluß der Kreditbanken.

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Politischer Staatsstreich von 1952

1948/49 engagierte sich Ägypten gemeinsam mit anderen arabischen Armeen im ersten Nahostkrieg gegen den neuen Staat Israel. Die dort erlittene Niederlage schwächte Faruks Autorität. 1952 zwang ihn die Organisation Freie Offiziere zur Abdankung, im folgenden Jahr erklärte ein Revolutionsrat Ägypten zur Republik. 1954 übernahm der Führer der Freien Offiziere, Oberst Gamal Abdel Nasser das Präsidentenamt und errichtete ein diktatorisches Regime. 1954 entging Staatspräsident Gamal Nasser (1918-1970) einem Attentat, für das die Regierung die Muslimbruderschaft verantwortlich machte.  Die Muslimbruderschaft wurde daraufhin verboten und zahlreiche Anhänger u.a. auch Sayyit Qutb verhaftet.

Die Bauernfrage

Zwischen 1949 und 1951 nahmen die Bauernaufstände auf den großen Besitzungen enorm zu. Bewaffnete Bauern griffen Wachen und Polizeikasernen an und erhoben Anspruch auf das von ihnen bearbeitete Land.8 Von den Ereignissen blieben auch die königlichen Ländereien nicht verschont.

Streik von Kafr el-Dawwar

In dem Ort, in dem die angloägyptischen Fabriken der Beyda Dyers Company lagen, beschloß die Gewerkschaft den Streik. Die Führer Mustafa Chamis und Mohammed Hassan el-Bakari sprachen am 13. August 1952 von einer neuen Ära. Am gleichen Tag wurde die Fabrik von der Armee eingeschlossen. Die beiden Arbeiterführer wurden von einem Militärtribunal zum Tode verurteilt und gehängt.

Die Agrarreform von 1952

Die oberste Grenze des Landbesitzes wurde auf 200 Feddan festgelegt. Praktisch jedoch besaß die Mehrheit der Besitzer 300 Feddan (mit Familienzuschlag) Für die Bearbeitung von Brach- und Ödland wurden Ausnahmen zugelassen Jeder von den Auswirkungen des Gesetzes betroffene Eigentümer erhielt Regierungsobligationen für das ihm enteignete Land Das enteignete Land sollte vom Staat innerhalb von fünf Jahren an die Bauern verteilt werden. Die oberste Grenze bei dem Verkauf an Bauern war auf  fünf Feddan festgelegt. Die Ableistung ihrer Schulden für das ihnen vom Staat zugeteilte Land sollten die Bauern über einen Zeitraum von 30 Jahren zu einem Zinssatz von drei Prozent pro Jahr vornehmen Für die Beziehungen von Besitzern und Pächtern galt: Der Pachtwert des Feddan sollte das Siebenfache der Grundsteuer betragen oder der Hälfte des Wertes der Ernte entsprechen. Ein Komitee sollte mit der jährlichen Festlegung der Löhne für die Landarbeiter in den verschiedenen Gebieten betraut werden Agrargenossenschaften sollten für die kleinen Grundbesitzer (bis zu fünf Feddan) eingerichtet werden. Aufgabe war die Beschaffung von Landwirtschaftskrediten sowie die Organisation von Futter- und Düngemitteln und Saatgut. Es war den Landarbeitern gestattet, eigene Vereinigungen zum Schutz ihrer Interessen zu bilden 9 1962 wurde mitgeteilt, daß damals 10 Prozent des kultivierten Landes an zwei Millionen Bauern verteilt wurden. Hierzu meinte ein Kritiker: „Die Agrarreform war eine politische Geste der Sympathie; sie fand den größten Beifall, doch man muß zugeben, daß ihr praktischer Effekt bedeutungslos war.“10

Die Entschädigung der Großgrundbesitzer war großzügig, die Mehrheit hatte den Preis ihres Bodens in 14 Jahren amortisiert. Die kleinen Grundbesitzer mußten nicht selten mehr Abgaben zahlen als sie Einkommen erzielten. Es entstand eine Landwirtschaft von Pächtern, zusätzlich stieg der Anteil von Lohnarbeitern auf dem Land. Bis 1958 existierte eine Föderation von Lohnarbeitergewerkschaften, doch ihr Einfluß war gering.

Agrargenossenschaften – Gegen Ende 1956 bestanden 272 Genossenschaften, gegründet nach dem Gesetz von 1952- ein Jahr später gab es 400 Genossenschaften, in denen 200.000 Bauern mit 500.000 Feddan organisiert waren. Die genossenschaftliche Zusammenarbeit war eine Zusammenarbeit auf Kreditbasis zur Kommerzialisierung.

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Nassers politische Ideologie

Zu Beginn seiner Herrschaft vertrat Nasser vor allem die Idee des ägyptischen Nationalismus. Auch vertrat er eine eher konziliantere Haltung gegenüber dem Staat Israel, den er als eine gelungene Befreiung von kolonialer Herrschaft betrachtete. Nach seiner Machtübernahme verschrieb er sich immer mehr dem Panarabismus. Eine Begründung für seinen Sinneswandel gab Nasser selbst 1953 gegenüber einem engen Freund : “Früher habe ich weder an die Araber noch an den Arabismus geglaubt. Jedesmal wenn du oder jemand anderer mit mir über die Araber geredet hatten, habe ich darüber gelacht. Aber dann habe ich das ganze Potential der arabischen Staaten erkannt! Dadurch habe ich meine Meinung geändert.” 1954 publizierte er das programmatische Buch Die Philosophie der Revolution, welches vom Chefredakteur der Zeitung Heikal geschrieben wurde. Darin wurde die Führung Ägyptens innerhalb der arabischen Welt, Afrikas und der islamischen Welt als Ziel propagiert. Nassers “Drei-Kreise-Theorie” begründete eine Führungsrolle Ägyptens sowohl in der arabischen als auch in der afrikanischen bzw. der islamischen Welt. Infolge seiner Wandlung zum arabischen Nationalisten vertrat Nasser auch eine aggressivere Haltung gegenüber Israel, dessen Existenzrecht er ablehnte. Dies unterstrich Nasser durch seine martialische Rhetorik. Nasser nutzte die Medien, um seine Ideologie in Afrika und vor allem der arabischen Welt zu verbreiten. Dazu benutzte er auch islamische Untertöne. Häufig wurden Falschmeldungen über diese Radiostationen verbreitet. Die Hinwendung zum Panarabismus half Nasser auch dabei, seinen politischen Gegnern – Nagib und der Muslimbruderschaft- ideologisch etwas entgegenzusetzen.

Gamal Abdel Nasser

Gamal Abdel Nasser

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In die Nasserzeit fielen die guten Beziehungen von Teilen des Militärs zum deutschenNationalsozialismus. Im Main-Echo vom 16.2.2009 sind sie von mir zusammengefasst.

Ägypten – beliebter Zufluchtsort für Nazis

Nicht verwunderlich ist das Faktum, dass der NS-Verbrecher Aribert Heim in Ägypten untergetaucht ist, war dieses Land doch neben Argentinien ein bevorzugter Exilort für Nationalsozialisten, denen in Deutschland ein Prozess drohte. Es fanden dort Unterschlupf: Johannes von Leers, Hauptschriftleiter der nationalsozialistischen Zeitung Wille und Weg.  Der Ex-Goebbels-Mitarbeiter wurde politischer Berater des Informationsbüros der ägyptischen Regierung. Von ihm ist die Aussage überliefert: “Wenn es überhaupt eine Hoffnung gibt, die Welt von jüdischer Tyrannei zu befreien, dann mit Hilfe der Moslems, die sich unerschütterlich Zionismus, Kolonialismus und Imperialismus widersetzen.” SS-Standartenführer Leopold Gleim organisierte in Ägypten die Geheimpolizei und war für die Juden Ägyptens zuständig. SS-Obersturmbannführer Bernhard Bender war unter der Leitung Gleims für die politische Abteilung der ägyptischen Geheimpolizei zuständig. SS-Sturmbannführer Joachim Däumling wurde zum Berater im ägyptischen Innenministerium. SS-Sturmführer Wilhelm Boekler arbeitete in der Abteilung Israel im ägyptischen Geheimdienst. SA-Gruppenführer Heinrich Stellmann wurde Berater der Gegenspionage. Louis Heiden vom Reichssicherheitshauptamt  übersetzte Hitlers “Mein Kampf” ins Arabische. Bevorzugt war dieses Buch bei ägyptischen Offizieren verbreitet. Der nationalsozialistische Journalist Franz Bünsche setzte seine Tätigkeit in Ägypten fort. Hans Appler war für den Islamischen Kongress tätig. Selbst wenn Zweifel am Tod Aribert Heims aufkommen, passt sein Aufenthaltsort doch in die Logik der Nachkriegszeit.

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Nicht ganz unsymptomatisch äußerte sich Präsident Nasser in der Nationalzeitung zum Thema Holocaust folgendermaßen: Präsident Gamal Abdel Nasser im Mai 1964 in der „Deutschen Nationalzeitung: „Die Lüge von den sechs Millionen ermordeten Juden wird von niemandem ernst genommen.“ Schon frühzeitig zeigte Nassers Entwicklung in diese Richtung: „In October 1933, the same year Hitler came to power, al-Husseini played a role in the creation of Young Egypt, also known as the Green Shirts, which was headed by Ahmed Hussein and which included among its members a young Gamel Abdel Nasser, a protégé of Al Husseini and later president of Egypt. The Green shirts adopted as their motto the Nazi-style slogan ‘One Folk, One Party, One Leader.’“ 11 Etwa 10 Jahre vorher hatte sich sein Nachfolger Sadat folgendermaßen geäußert. Sadat: „Mein lieber Hitler! Ich gratuliere Ihnen vom Grunde meines Herzens. Auch wenn es so aussieht, als seien Sie geschlagen, in Wirklichkeit sind Sie der Sieger. […] Deutschland wird wiedergeboren werden trotz der westlichen und östlichen Mächte. Es wird keinen Frieden geben, bis Deutschland wieder das wird, was es war.“ – Anwar as Sadat, späterer Präsident von Ägypten, 18. Sep. 1953 (in: „Al Musawar, 18.09.1953)

Schon Anfang 1942 zur Zeit des Vormarsches des deutschen Afrika-Corps riefen ägyptische Studenten der Al Azhar Universität „Vorwärts Rommel“. Zur „Verteidigung“ Ägyptens hatten die Engländer vorgesehen, die Nildämme zu öffnen und das Ackerland zu überfluten, um das Delta für Panzer unpassierbar zu machen.Diese Maßnahmen hätten Rommels Panzer möglicherweise zum Stehen gebracht. „Das ägyptische Kabinett übergab dem Gouverneur von Alexandria einen offiziellen Brief mit dem Befehl, sich zu Rommel zu begeben und ihm die Schlüssel der Stadt auszuliefern, falls er gegen Alexandria vorrücken sollte, damit es weder zu Kämpfen noch zu einer Überflutung käme.“12

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Verstaatlichung des Suezkanals

1956 verstaatlichte Nasser den Suezkanal, was zum Konflikt mit Großbritannien, Frankreich und Israel führte. Sadat erinnert sich daran folgendermaßen: „Ich saß im Bett und hörte der Radioübertragung zu … In der Mitte begann er jedoch über Ferdinand de Lesseps (den Erbauer des Suezkanals) zu sprechen. Nun begriff ich, was er beabsichtigte, und hörte tatsächlich wenige Minuten später, daß ich recht hatte: Nasser verkündete die Verstaatlichung des Suezkanals … Ägypten, ein kleines Land, war endlich imstande, laut und klar die größte Macht der Welt herauszufordern. Es war ein Wendepunkt in der Geschichte unserer Revolution und der gesamten Geschichte Ägyptens.“13 Der Entschluß zur Verstaatlichung des Suezkanals habe gewaltige Folgen gehabt, Nasser sei zu einem mythischen Helden geworden. „Der damalige Premierminister Anthony Eden erhielt die Nachricht von der Verstaatlichung des Suezkanals bei einem Abendessen, das er zu Ehren König Faisals vom Irak und des irakischen Ministerpräsidenten Nuri-el-Said gab.“14 Der Coup Nassers erboste die Engländer. Eden konnte die Haltung Nassers nicht begreifen. Zusammen mit Guy Mollet und David Ben Gurion beschlossen sie, die Waffen sprechen zu lassen. Am 29. Oktober 1956 griff Israel auf dem Sinai an, eine UNO – Vermittlungsversuch scheiterte. Nasser beobachtete von seinem Haus aus, wie englische und französische Luftstreitkräfte den nahe gelegenen Flughafen bombardierten. Die gesamte Luftwaffe der Ägypter wurde vernichtet. In der Folge knüpfte Ägypten engere Beziehungen zur UdSSR. 1958 hatten Ägypten und Syrien eine Vereinigte Arabische Republik ausgerufen, aber der Traum arabischer Einheit zerbrach, als Syrien nach einem Staatsstreich aus der Union ausstieg. Außerdem verwickelte sich der Präsident gegen den Rat seines Botschafters 1962 in eine teure Militäraktion gegen den Jemen. Nasser erwartete einen schnellen Sieg gegen die pro-Saudischen Kräfte. Aber nach drei Jahren war das Truppenkontingent von 5.000 auf 55.000 Soldaten angestiegen und Nassers Ansehen in der arabischen Welt hatte stark abgenommen. 1967 sperrte Ägypten den Golf von Aqaba für israelische Schiffe und erzwang den Abzug der Uno-Truppen, die seit 1957 die ägyptisch-israelische Waffenstillstandslinie abschirmten. Daraufhin kam es zum “Sechstagekrieg”, in dem Ägypten die Sinai-Halbinsel verlor.

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Nachfolger Nassers

Nach dem Tod Nassers 1970 wurde sein Stellvertreter Anwar As Sadat Staatspräsident. Im Jom-Kippur-Krieg 1973 griff Ägypten gemeinsam mit Syrien 1973 Israel an. Zwar konnte die ägyptische Armee einen Teilerfolg erringen, doch musste Sadat erkennen, dass der Konflikt nicht militärisch, sondern nur auf politischem Weg zu lösen war. Die ägyptische Geschichtsschreibung erwähnte die israelische Überquerung des Suezkanals 1973 in Richtung Westen nur am Rande. Die Dritte Ägyptische Armee wurde am Suekanal eingeschlossen.15

Beziehungen zu Israel

1977 entschloss Sadat sich zu einem spektakulären Schritt: Er reiste nach Jerusalem, und Ägypten erklärte sich als erstes arabisches Land bereit, Israel völkerrechtlich anzuerkennen. Nach langwierigen Verhandlungen unter Vermittlung der USA wurde 1979 der ägyptisch-israelische Friedensvertrag unterzeichnet,  der die vollständige Räumung des Sinai durch Israel vorsah. Die Annäherung an Israel und den Westen isolierte Ägypten in der arabischen Welt, die ägyptische Mitgliedschaft in der Arabischen Liga wurde bis 1989 suspendiert. 1981 fiel Sadat einem Attentat zum Opfer. Neuer Präsident wurde der bisherige Vizepräsident Hosni Mubarak. Er setzte die Politik der Zusammenarbeit mit dem Westen fort, konnte jedoch auch die Isolierung Ägyptens innerhalb des arabischen Lagers überwinden. Innenpolitisch trugen die großen sozialen Probleme zu einer Stärkung des militanten islamischen Fundamentalismus bei. 16

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1Gerhard Konzelmann, Der Nil- Heiliger Strom unter Sonnenbarke. Kreuz und Halbmond, München 1985, S.169

2Vgl. Wikipedia Artikel Muslimbruderschaft

3Vgl: Anouar Abdel-Malik, Ägypten: Militärgesellschaft. Das Armeeregime, die Linke und der soziale Wandel unter

Nasser, Frankfurt am Main 1971, S. 71 f.

4Vgl. Wikipedia Artikel Muslimbruderschaft

5Abdel-Malek, a.a.O., S. 97

6`Feddan` ist ein arabisches Flächenmaß, das vornehmlich in Ägypten und dem Sudan gebräuchlich ist.

1 `Feddan` = 24 `Kirat` = 300 `Kassabas` = 4201 mò (0,42 ha).

7Vgl Abdel-Malek, a.a.O, S. 103

8Abdel-Malek, a.a.O.. S. 114

9Abdel-Malek, a.a.O. S. 117 f.

10Abdel-Malek, ebd. S.118

11Chuck Morse, The Nazi connection to Islamic terrorism. Adolf Hitler and Haj Amin Al-Husseini,

Washington D.C. 2010, S. 45 f.

12Der Spiegel vom 25.10.1971 „Die deutschen Waffen töten uns“

13Anwar El Sadat, Unterwegs zur Gerechtigkeit. Die Geschichte meines Lebens, München 1981 (2. Auflage), S. 171 f.

14Ebd., S. 173

15Gerhard Konzelmann, Der Nil- Heiliger Strom unter Sonnenbarke. Kreuz und Halbmond, München 1985, S. 59

16Vgl. Spiegel Lexikon Ägypten

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Politische Probleme zur Zeit Mubaraks

Das Wirtschaftswachstum, das zuvor etwa 3 Prozent ausmachte und gerade mit dem Wachstum der Bevölkerung Schritt hielt, erreichte in den Jahren 2006 bis 2008 einen durchschnittlichen Wert von 7,1 Prozent. Die Regierung hatte mindestens 7 Prozent vorgegeben, um die Arbeitslosigkeit abzubauen und die Armut zu bekämpfen. Dank der Wachstumsraten, die relativ hoch sind, sank der Anteil der Ägypter, die unter der Armutsgrenze von 2 Dollar am Tag leben, knapp. Seit 2008 verlangsamte sich das Wachstum auf 5 Prozent. Die Zahl der völlig Armen stieg wieder an. 2011 betrug das Wirtschaftswachstum etwa 5,5 Prozent. Die Bevölkerung von etwa 82 Millionen ist sehr jung. Jedes Jahr strömen aus den Schulen und Universitäten 750 000 Absolventen auf den Arbeitsmarkt. Von ihnen finden die meisten keine Arbeit oder landen in der Schattenwirtschaft. Sie sind der Rebellion geneigt. Der Internationale Währungsfonds hat immer wieder einen Abbau der staatlichen Subventionen etwa für Lebensmittel gefordert, um das Haushaltsdefizit von 7 bis 8 Prozent am Bruttoinlandsprodukt zu senken. Dem widersetzte sich Mubarak aber in der richtigen Analyse der verheerenden Wirkung. Nicht gelungen ist es in dieser Zeit der Regierung Nazif, mit dem stärkeren Wachstum die Ungleichheit der Vermögen und Einkommen abzubauen. Im Gegenteil, die Schere öffnete sich weiter, und der opulente Lebensstil der Oberschicht wurde immer sichtbarer und von vielen einfachen Ägyptern als empörend empfunden.1 Im November 2012 verkündete der IWF neue geplante Sparmaßnahmen. Die Kürzung von Subventionen für Kraftstoff  oder Brot, auf die eine Vielzahl von armen Ägyptern angewiesen sind, wird wahrscheinlich von der Mehrheit der Bevölkerung nicht hingenommen werden. Zudem verlangte der IWF, dass Ägypten sein “großes Haushaltsdefizit” von elf Prozent des Bruttoinlandsproduktes im abgelaufenen Haushaltsjahr bis Ende des Jahres 2014 auf 8,5 Prozent reduziert.2

Mursi Präsident bis zum 3. Juli 2013

Präsident Ägyptens bis zum 3. Juli 2013 war Mohammed Mursi, der 1951 in Al-Adwah geboren wurde. Als Mitglied der Führungsriege der Muslimbruderschaft beteiligte sich Mursi in der Regierungszeit Mubaraks an regierungskritischen Demonstrationen und wurde dabei mehrfach verhaftet, zuletzt 2011. Nach dem Sturz Mubaraks gründeten die Muslimbrüder die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei und wählten Mursi am 30. April 2011 zum ersten Parteivorsitzenden dieser neuen Partei. Für seine Partei trat er bei der Präsidentschaftswahl 2012 an. Ursprünglich sollte Mursi Parteivorsitzender bleiben, doch die ursprünglich vorgesehene Kandidatur El-Schaters wurde von der Wahlkommission nicht zugelassen. Im ersten Wahlgang erhielt Mursi mit fast 25 % die meisten Stimmen und trat Mitte Juni in einer Stichwahl gegen den unabhängigen Kandidaten Ahmad Schafiq an, gegen den er mit 51,7 % der gültigen Stimmen gewann. Am 30. Juni 2012 trat Mursi sein Amt an.3 Dass es einen Hardliner Mohammed Mursi gibt, einen Mann voller Hass auf das “zionistische Gebilde”, wie Islamisten und arabische Nationalisten den jüdischen Staat nennen, das wurde westlichen Diplomaten und Politikern Mitte des Monats Januar 2013 bewusst. Ein Video aus dem Jahre 2010, veröffentlicht vom Mediendienst Memri, zeigt einen eifernden Islamisten, der sich in einem Interview mit einem arabischen Sender über die Israelis auslässt. “Blutsauger” seien die, “Kriegstreiber”, sagte Mursi ziemlich fanatisch, mit den “Nachkommen von Affen und Schweinen” (diese Formulierung findet sich auch im Hamas-Programm) könne man keinen Frieden schließen. Mursi gibt sich moderat als Präsident aller Ägypter. Die jetzige ideologische Richtung der Muslimbrüder wird von manchem Beobachter als eine Art CDU der 50er Jahre angesehen. Die Kunstfreiheit ist gegenwärtig jedoch in Gefahr. Ende März dieses Jahres drohte dem ägyptischen Komiker Bassem Youssef Gefängnis, weil er sich über Präsident Mursi und islamistische Prediger lustig gemacht hat. Seinen Termin beim Staatsanwalt machte der Satiriker zu einer Art Happening. Für Regierungskritiker ist die Lage in Ägypten gegenwärtig schwierig.

1FAZ vom 4.2.2011

2Vgl. World socialiste web site, 15.1.2013

3Vgl. Wikipedia Mohammed Mursi

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Kommentar zur neuesten Entwicklung im Main-Echo geschrieben am 20. Juli 2013

Man kann gespannt sein, ob die Militärs in Ägypten für eine demokratische Entwicklung sorgen können, für die sie in der Vergangenheit nicht standen. Mursi, der abgesetzte Präsident, war kein Demokrat, sondern instrumentalisierte die Demokratie für eine zunehmende Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft. Am 21. November 2012 hat Mursi ein Dekret erlassen, mit dem er seine Entscheidungen über das Recht stellte und sich selbst unangreifbar durch das Rechtssystem machen wollte. Damit hat er sich als eine Art Diktator etabliert. Er hat zudem 3400 Protestierer festnehmen lassen, die schlimmste Folter haben ertragen müssen, schlimmer als die Folter unter Mubarak, bei dem Folter an der Tagesordnung war. Nach glaubwürdigen Quellen wurden zwanzig Männer in Mursis Gefängnissen vergewaltigt.

Am 17. Juni 2013 macht Mursi sieben Muslimbrüder und ein Mitglied der ehemaligen Terrorgruppe Gamaa Islamija zu Provinzgouverneuren. Bei dem Gamaa Islamija Mitglied handelt es sich um Adel Asaad al-Khayyat. Er wurde zum Gouverneur von Luxor ernannt. 1997 wurde die Gamaa Islamija einer internationalen Öffentlichkeit bekannt, als sie einen Anschlag auf Touristen in Luxor durchführte. 58 Touristen kamen bei diesem Anschlag ums Leben. Der liberale Intellektuelle Hamed Abdel-Samad wurde kürzlich von einer Fatwa wegen islamkritischer Äußerungen in Ägypten heimgesucht. Zur Person, die einen Tötungsaufruf gegen ihn verbreitete, meinte er vor ein paar Tagen: „Es war eigentlich eine Vorführung, dass der Außenminister Westerwelle am 13. Juni von der ägyptischen Regierung verlangte, sich von den Mordaufrufen zu distanzieren, und zwei Tage später empfängt Mursi Assem Abdel Maged, der den Mordaufruf gemacht hat, und umarmt ihn öffentlich, vor laufender Kamera. Das ist eine Farce, und die deutsche Regierung darf sich so etwas nicht gefallen lassen.“ Juden sind in Mursis Welt pauschal „Nachfahren von Affen und Schweinen“ – so lautete die Formulierung in einem Video 2010 – ein Klischee, das ein Staatsoberhaupt disqualifiziert.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau

Veröffentlicht 20. Mai 2014 von schauerchristian in Reader Ägypten

Nazis in Argentinien, Die Zeit der Schuldlosen, Opfer der Pflicht

Nazis in Argentinien, Die Zeit der Schuldlosen, Opfer der Pflicht

Peter Z. Malkin, Ich jagte Eichmann. Der Bericht des israelischen Geheimagenten, der den Organisator der „Endlösung“ gefangennahm, Müchen 1990 (Piper Verlag)

Peter Malkin (1927 bis 2005) nimmt als israelischer Agent Eichmann im Mai 1960 in Buenos Aires gefangen. Immer wieder sucht er das Gespräch mit ihm.

„Nachdem wir erst einmal angefangen hatten, dauerte es nicht lange, bis wir zum Kern kamen.

‚Wie ist es dazu gekommen?‘ fragte ich.’Wie kam es, daß Sie das getan haben?‘

Eichmann schien nicht im mindesten überrascht zu sein. ‚Es war ein Auftrag‘, sagte er gleichmütig.’Ich mußte den Auftrag erfüllen.‘

‚Nur ein Auftrag?‘

Er zögerte, vielleicht irritierte ihn meine Reaktion. ‚Sie müssen mir glauben, es war nichts, was ich geplant hatte oder mir ausgesucht hätte.‘

‚Aber warum Sie? Sagen Sie mir genau, wie es dazu gekommen ist.‘

So erzählte er mir die Geschichte seines frühen Aufstiegs in der SS, schilderte, wie er am Anfang todlangweilige Aufgaben bekam und deshalb begeistert die Gelegenheit ergriff, für das neue ‚Jüdische Museum‘ zu arbeiten, das im Hauptquartier aufgebaut wurde.

Ich merkte bald, daß Eichmann gern redete, vor allem über sich, und daß er einen scharfen Verstand hatte. Obwohl sein Ton respektvoll, manchmal geradezu servil war, ein gehorsames Kind, das einen guten Eindruck machen will, war er auch gerissen. Er wußte genau, wie er sich mit gegenüber verhalten mußte. Ich war vermutlich der erste Mensch, vor dem er sich rechtfertigen wollte- ganz bestimmt der erste Jude-, und doch ging er dabei mit kalter Gelassenheit vor. Er war scheinbar aufrichtig, frisierte aber manches zu seinem Vorteil und wies jede Verantwortung von sich, auch wenn er die Fakten in allen Einzelheiten bestätigte.

Die Dinge, meinte er, seien außer Kontrolle geraten. Aber das sei am Anfang nicht beabsichtigt gewesen, weder von seinen unmittelbaren Vorgesetzten noch von ihm. Er habe vom Büro aus gearbeitet und sich immer für Mäßigung ausgesprochen. Aber er sei Soldat gewesen- darauf war er ungeheuer stolz-, und ein Soldat sei nie auf sich allein gestellt. Wenn diejenigen an der Spitze Entscheidungen trafen und Befehle gaben, mußte gehorcht werden. Das war Pflicht. Nur das erkannte er als seine Verantwortung an.

Während ich ihm zuhörte, spürte ich, daß es nicht so leicht war, wie ich dachte, stichhaltige Antworten zu geben. Ich hatte geglaubt, er werde defensiv sein, er werde zumindest Reue vortäuschen. Statt dessen redete er, als ob er in jenen Jahren Buchhalter in einem Lebensmittelgeschäft gewesen wäre. …

‚Sie müssen mir glauben‘, fügte er plötzlich hinzu.’Ich hatte nichts gegen Juden.‘

‚Warum sind Sie dann überhaupt zur SS gegangen? Deren Ideologie war schließlich kein Geheimnis.‘

‚Aber ich stand damit nicht allein. Alle wußten, daß sich in Deutschland etwas ändern mußte; es war nur die Frage, in welcher Form. Die Zeiten waren schrecklich. Ich hatte Arbeit, habe in Oberösterreich Benzin verkauft, und für mich war die Lage nicht so schlimm. Es war eine der schönsten Gegenden der Erde. Die herrlichen Bergwälder hoben jeden Tag meine Stimmung. Aber der Mensch lebt nicht für sich allein. Hitler war der einzige, der das Volk gegen die Kommunisten vereinigen konnte. Er brachte die Hoffnung auf Arbeit und Brot. Ich gebe es offen zu; ich war so mitgerissen wie alle anderen.’” (S. 243 ff.)

Adolf Eichmann

Adolf Eichmann

Eugène Ionesco, Opfer der Pflicht, Frankfurt am Main 1961 (Fischer Verlag)

Gegen Ende dieses Einakters bohrt ein Dichter namens Nikolaus Zwei einem Polizisten das Messer in die Brust, und eine dabeistehende Frau ruft „Hör doch auf“.

Choubert: Ich bin ein Opfer der Pflicht

Nikolaus : Ich auch

Madeleine : Wir alle sind Opfer der Pflicht! Zu Choubert: Kauen

(S. 74)

Die Entzauberung des Herrenmenschen – Fortsetzung Malkin „Ich jagte Eichmann“

„Ich führte ihn in die etwa sechs Meter entfernte Toilette,zog die Schlafanzughose herunter und half ihm, sich zu setzen. Ich ließ die Tür angelehnt und ging ein paar Schritte weg.

Eine Minute verstrich. Dann noch eine.

‚Darf ich anfangen?‘ rief Eichmann.

Ich fing Uzis Blick auf und mußte mich körperlich anstrengen, damit ich nicht herausplatzte.

‚Jawohl!‘ kommandierte ich. ‚Sie können anfangen.‘

Das Verdauungssystem des Mannes mußte in einer fürchterlichen Verfassung gewesen sein.Es folgten Geräusche, die der Phantasie Hohn sprachen. Und nach jedem Furz und jedem langwierigen Gurgeln, nach jedem Ächzer und jedem qualvollen Schnauben entschuldigte er sich. Die Entschuldigungen wurden immer lauter, genau wie die Geräusche, bis es klang, als wende er sich an ein ganzes Bataillon.

‚Entschuldigen Sie.‘

Als wir hörten, wie es eskalierte -Furz, ‚entschuldigen Sie‘; Furz, ‚Entschuldigen Sie‘; Furz, ‚Entschuldigen Sie‘-, konnte Uzi sich nicht mehr zurückhalten. Mein Freund hielt sich den Bauch und stolperte rückwärts ins Wohnzimmer, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Ich versuchte, diskret zu sein, wenn ich schon nicht höflich sein konnte, und biß mir im vergeblichen Versuch, einen Lachanfall zu unterdrücken, auf die Unterlippe.

Aber falls Eichmann etwas davon merkte, falls er überhaupt verstand, daß irgend jemand die Szene komisch finden konnte, ließ er es sich nicht anmerken. Es dauerte weitere zehn Minuten, bis er endlich erklärte, er sei fertig, und um Erlaubnis bat, sich abwischen zu dürfen.“ (S. 239 f.)

Raul Hilberg, Sonderzüge nach Auschwitz, Berlin 1987

Wer sich auch nach Argentinien absetzte, war der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Albert Ganzenmüller, seit 1942 für den Schienenverkehr zuständig. Er gehörte seit 1931 der NSDAP an, war SA-Brigadeführer und Träger des Goldenen Parteiabzeichens. Ganzenmüller floh aus der Internierung nach Argentinien und wurde beratender Ingenieur der argentinischen Staatsbahn. Im Frühsommer 1952 kehrte er in die Bundesrepublik zurück, seit Juli 1952 war er in Diensten der Hoesch AG.

Obwohl er Staatssekretär war, wusste er angeblich nichts davon, dass die Menschen in den Viehwaggons in den Tod fuhren. Ganzenmüller war bereits 1964 im Treblinka-Prozess in Düsseldorf schwer belastet worden.Im April 1973 musste sich Ganzenmüller wegen Beihilfe zum Mord an mehr als einer Million Juden vor dem Schwurgericht in Düsseldorf verantworten. Auf Veranlassung von Reichsführer der SS. Heinrich Himmler, soll er Eisenbahnzüge bereitgestellt haben, mit denen von Juli 1942 bis Herbst 1944 mehr als eine halbe Million Juden in die Vernichtungslager Treblinka, Belcec, Sobibor, Auschwitz und Lublin transportiert wurden.

Über die Vernehmung von Ganzenmüller berichtete die Stuttgarter Zeitung ausführlich am 26. April 1973.

Vorsitzender Richter Legde:“Herr Dr. Ganzenmüller, was war Ihnen als Staatssekretär über die Pläne und Absichten der Reichsregierung bekannt, die Angehörigen der jüdischen Rasse in Europa zu vernichten?“

Ganzenmüller: „Ich hatte nie davon gehört, daß man die Juden vernichten will. Erst nach dem Kriege erfuhr ich es.“

Richter: „Hatten Sie denn nicht die Führer-Rede im Reichstag 1939 gehört?“

Ganzenmüller: „Nein.“

Richter: „Haben Sie den Stürmer gelesen?“

Ganzenmüller: „Nein, ich war viel zu sehr mit Arbeit überhäuft.“

Richter:“Und die Goebbels-Rede 1943 im Berliner Sportpalast, wo Goebbels offiziell von der ‚Ausrottung der Juden‘ sprach?“

Ganzenmüller:“Auch da war ich nicht dabei.“

Richter: „Wann hatten Sie erstmals den Ruf ‚Deutschland erwache – Juda verrecke‘ gehört?“

Ganzenmüller: „Nie.“

Keiner von ihnen ist an der Hitler-Katastrophe unmittelbar ’schuldig’“ meinte Hermann Broch in seinem Roman „Die Schuldlosen“. Die Gestalten seien unpolitisch – sie wissen von nichts. „Trotzdem ist gerade das der Geistes- und Seelenzustand, aus dem – und so geschah es ja – das Nazitum seine eigentlichen Kräfte gewonnen hat. Politische Gleichgültigkeit nämlich ist ethischer Perversion recht nah verwandt.“

Richter: „Im Herbst 1941 waren Sie längere Zeit in der Ukraine, in Poltawa. Dort wurden am 23. November 1538 Juden erschossen. Anschließend hingen entsprechende Plakate in den Straßen Poltawas aus. Was hörten und sahen Sie davon?“

Ganzenmüller: „Nichts … ich war in jedem Fall so weit weg, daß ich nichts gehört und nichts gesehen hatte. Die Front war damals ja 30 bis 40 Kilometer entfernt. Den Kanonendonner konnte man nicht hören.“

Richter: „Sind Ihnen dort die gelben Sterne aufgefallen, die Kennzeichen der Juden also?“

Ganzenmüller: „Nein, gelbe Sterne habe ich nie gesehen.“

Richter: „Am 16. Juli 1942 wurden Sie von SS-Obergruppenführer Wolff aus dem persönlichen Stab Himmlers angerufen und gebeten, Züge für den Abtransport der Juden in die Vernichtungslager bereitzustellen. Wie reagierten Sie?“

Ganzenmüller: „Wenn da ein General der Waffen-SS anrief, so werde ich mutmaßlich gedacht haben, muß es sich wohl um militärische Dinge handeln. Ich werde das Telefonat also an die Abteilung ‚Landesverteidigung‘ weitergegeben haben. Eine exakte Erinnerung habe ich allerdings nicht mehr… Im übrigen war ein Zug täglich von so geringer Bedeutung, daß ich nicht hätte eingeschaltet werden brauchen. SS-Obergruppenführer Wolff hatte sich da offensichtlich vertan. Mit so minimalen Dingen war ich nicht beschäftigt …“

Richter: „Ihr Geheimschreiben vom 28.Juli 1942 … an Himmlers Stab, demzufolge ab 22.Juli täglich ein Zug mit 5000 Juden nach Treblinka rollte und zweimal wöchentlich ein weiterer Zug in das Vernichtungslager Belzec, trägt aber Ihre Unterschrift. Ist sie echt?“

Ganzenmüller:“Ja. Das ist meine Unterschrift … aber ich hatte dem Vorgang keine Beachtung geschenkt … ich war so überlastet mit Arbeit, daß die Grenzen meiner Aufnahmefähigkeit damals überschritten waren…“

Richter:“5000 Juden täglich bedeutete 35000 Juden pro Woche, im Monat rund 150000 also! Machten Sie sich keine Gedanken darüber, was die dort wohl sollten?“

Ganzenmüller: „Ich sagte schon, den Inhalt dieses Schreibens hatte ich innerlich und geistig nicht aufgenommen…“

Richter: „Sie wollen behaupten, daß Sie einen Geheimbrief an den Stab des Reichsführers SS, Himmler, an den zweithöchsten Mann also im Dritten Reich, zwar unterschrieben, aber inhaltlich nicht zur Kenntnis genommen haben?“

Ganzenmüller: „Ja, so ist es. Der Brief ist sicherlich von einer Unterabteilung, der Gruppe L, aufgesetzt und dann von mir lediglich noch routinemäßig unterschrieben worden.“

Richter: „Es war aber einer Ihrer Privatbogen. Wie konnte die Gruppe L wohl an Ihr Privatbriefpapier kommen?“

Ganzenmüller: „Sie werden es vielleicht aus meinem Sekretariat geholt haben…“

Richter:“Und wie konnte das Schreiben, wenn es tatsächlich wie Sie jetzt behaupten, von der Gruppe L aufgesetzt worden war, wie konnte es ohne Tagebuch-Nummer durch die Registratur gehen?“

Ganzenmüller: „Also, um derartige Einzelheiten habe ich mich nicht gekümmert … und es war außerdem ja wirklich nicht leicht, all diese Zusammenhänge zu durchschauen… ich meine, für mich als einfacher Staatsbürger …“

Ganzenmüller fiktiv: „Mein Name ist Hase – ich weiß von nichts. Dass es überhaupt Juden in Deutschland gab, war mir nicht bekannt. In Palästina habe ich sie eher verortet. War nicht Jesus von Nazareth einer von ihnen? Wurden sie nicht irgendwann aus Spanien vertrieben? Im Geschichtsunterricht habe ich öfters gefehlt – ich fuhr lieber mit der Eisenbahn!“

Aus: Das Kabinett des Dr.Caligari von Robert Wiene, Stummfilm von 1919

Eine Rahmenhandlung gibt die Erzählung eines Irren wieder, der durch den unter seltsamen Umständen zustande gekommenen Tod seines Freundes wahnsinnig geworden ist und nun Wahrheit und Phantasie – Ganzenmüller vorwegnehmend – nicht mehr unterscheiden kann. In dem Direktor des Irrenhauses (Adolf Hitler) meint er, Dr. Caligari, den Jahrmarktschausteller, zu erkennen, der den Somnambulen Dr. Ganzenmüller alias Cesare zwingt, hypnotisiert Morde zu begehen. Der Direktor versucht nicht, ihm zu helfen, obwohl er selbst wahnsinnig ist und den Grund des Wahnsinns von Ganzenmüller – hypnotisierte Gefolgschaft – erkannt hat.

Wer trieb sein Unwesen noch in Argentinien? Einer darf nicht fehlen, der noch im Januar 1945 das Ritterkreuz mit Eichenlaub von seinem Führer verliehen bekam.1 Es war Hans Ulrich Rudel (1916 bis 1982). Nach Kriegsende betätigte er sich als Fluchthelfer für seine NS-Freunde und Waffenhändler. Er unterstützte die rechtsextreme Deutsche Reichspartei (DRP), deren Spitzenkandidat er 1953 im Bundestagswahlkampf war. Vorher im Jahre 1948 emigrierte er über eine der Rattenlinien nach Argentinien: Er gelangte über die Schweiz nach Rom und beschaffte sich dort einen gefälschten Pass des Roten Kreuzes mit dem Decknamen „Emilio Meier“. Im Juni 1948 landete mit einem Flug aus Rom in Buenos Aires. In seinem gewünschten Exil gründete Rudel in Buenos Aires das „Kameradenwerk“, eine Hilfseinrichtung für NS-Kriegsverbrecher. Hier versammelten sich neben dem SS-Mann Ludwig Lienhardt weitere NS-Kriegsverbrecher wie Kurt Christmann (Gestapochef unter anderem in Koblenz) und der Österreicher Fridolin Guth. Rudel wirkte auch in Chile. Dort seien die Deutschen „dem alten Deutschtum treu geblieben“ und würden „die neue Richtung nicht mitmachen.“ 2

Nach der Absetzung Perons 1955 wurde Rudel als eine Schlüsselfigur der Wiedererstehung des Nationalsozialismus eingestuft, das Operationszentrum der „Braunen Internationale“ war Argentinien. Ende 1952 wird bekannt, dass Rudel mit Nazigrößen der Bundesrepublik Überfälle auf die Gefängnisse Landsberg, Werl und Wittich geplant habe, um die dort einsitzenden Kriegsverbrecher zu befreien.

1 Michael Frank, Die letzte Bastion – Nazis in Argentinien, Hamburg 1962, S. 138

2 Ebd., S.141

Veröffentlicht 24. September 2013 von schauerchristian in Nazis in Argentinien

Alzenau und Gunzenhausen in der NS-Zeit

 

Gunzenhausen,  Alzenau und Umgebung in der NS-Zeit

Schon im April 1920 sprach Julius Streicher, der spätere Gauleiter Frankens, auf einer Veranstaltung der Deutsch-Sozialistischen Partei in Gunzenhausen.1 Im Januar 1923 entstand die NSDAP-Ortsgruppe. Im Stadtrat von Gunzenhausen saßen schon 1924 Nationalsozialisten. Schon in den 20er Jahren gab es erste antijüdische Ausschreitungen. 1928 wurden Fenster der Synagoge eingeschlagen, im Dezember 1929 wurden 18 Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof umgestürzt und teilweise zertrümmert. Im Februar dieses Jahres wurde ein jüdischer Lehrer am städtischen Gymnasium durch eine seiner Schülerinnen – mit Unterstützung der nationalsozialistischen Zeitung “Der Stürmer” – beschuldigt, die christliche Religion verunglimpft zu haben. Die Sache kam vor Gericht, wo noch einigermaßen rechtsstaatlich geurteilt wurde. Der Lehrer wurde freigesprochen und dem Redakteur des “Stürmers” eine Geldstrafe auferlegt.

Ende der 20er Jahre existierten drei jüdische Bankhäuser in Gunzenhausen. Es gab eine jüdische Gastwirtschaft und ein Kaffeehaus. Zwei jüdische Ärzte praktizieren, ein Allgemeinarzt und ein Zahnarzt. Überwiegend waren Juden Handeltreibende, selten Handwerker. Der Rabbi kam aus Ansbach und betreute die Gemeinde mit. In dem Haus am Hafnermarkt 13 befand sich eine Mikwe (Ritualbad). 2 Seit 1928 war Hans Appler Führer der Ortsgruppe Gunzenhausen der NSDAP.

Hans Appler

Hans Appler

1930 wurde SS-Sturmführer Appler Kreisleiter, kurz vor der Machtergreifung sogar Mitglied des Reichstages. 3 Bis 1932 leitete er den NSDAP-Bezirk Gunzenhausen, dann anschließend bis November 1940 den dortigen Kreis.4 Appler wurde am 1. Oktober 1935 Erster Bürgermeister in Gunzenhausen und blieb in diesem Amt bis April 1945. Nach manchen Quellen setzte sich Appler 1946 nach Kairo ab. Dort sei er zum Islam konvertiert und habe unter dem Namen Salah Chaffar gelebt.

Wie die Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen mitteilt, handelt es sich um eine Verwechslung. “Durch Überprüfung der personenbezogenen Findhilfsmittel ist festzustellen, dass Johann Appler, geb. 1892, in den von der Zentralen Stelle übernommenen Unterlagen mehrfach bekannt geworden ist. Die in dem Wikipedia-Artikel zitierten Informationen über seineangebliche Auswanderung nach Ägypten stammen aus einer hier vorliegenden Veröffentlichung des Simon-Wiesenthal-Zentrums v. Juni 1967 (B 162/5656, Bl. 59ff.),in der ein ‚Hans Appler‘ entsprechend erwähnt wird (Bl. 67). Da dieser jedoch als Mitarbeiter des Reichspropagandaministeriums bezeichnet wird, scheint hier eine Verwechslung vorzuliegen.

Johann Appler war nach 1945 zunächst in Ludwigsburg interniert. Entsprechend dürfte im Staatsarchiv Ludwigsburg eine Spruchkammerakte vorliegen. 1946 bis 1950 war Appler Beschuldigter mehrerer Verfahren der Staatsanwaltschaft Ansbach, deren Akten teilweise im Staatsarchiv Nürnberg verwahrt werden.” Ägypten war neben Argentinien ein Hauptzufluchtsort für Nationalsozialisten nach dem Zweiten Weltkrieg. 5

Gunzenhausen war dem Nationalsozialismus überdurchschnittlich gewogen, was sich in sehr guten Reichstagswahlergebnissen dokumentierte. 1928 erreichte die Partei hier über sechzehn Prozent, 1930 waren es über fünfunddreißig Prozent. 6 Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 konnte die NSDAP 66,5 Prozent der Stimmen gewinnen (Reichsdurchschnitt 37,3 Prozent). 7 Noch etwas besser schnitt die NSDAP bei der letzten einigermaßen “freien” Reichstagswahl am 5. März 1933 ab – sie erhielt 67,1 Prozent der abgegebenen Stimmen (Reichsdurchschnitt 43,9 Prozent).

Am 25. März 1934 ereignete sich in Gunzenhausen ein antijüdisches Pogrom, das “Pogrom von Gunzenhausen”. Das Wetter war deutlich freundlicher als die Ereignisse, die dort stattfanden. Obersturmführer Kurt Bär führte den SA-Sturm 30/13. An diesem Tag traf man sich abends im “Hotel zur Post”. 8 Ein erster Höhepunkt des Konfliktes zwischen SA und war die gewaltsame Entfernung des nicht-jüdischen Landwirts und Dorfbürgermeisters Leonhard Baumgärtner durch die SA aus der Wirtschaft Strauss, die als “Judenwirtschaft” galt. Es ging hervorgehoben um die Jagd auf ein ehemaliges Mitglied des Reichsbanners 9, den jüdischen Kaufmann Jakob Rosenfelder. Der Tag endete damit, dass eine aufgeputschte Menge von bis zu 1.500 Teilnehmern durch Gunzenhausen zog. Angestachelt von antisemitischen Hetzreden des SA-Mannes Kurt Bär drang sie gewaltsam plündernd in jüdische Wohnungen ein und trieb die Bewohner unter Schlägen ins Gefängnis. 10 Zwei Juden kamen an diesem denkwürdigen Tag ums Leben, der 65-jährige Privatier Max Rosenau und der 30-jährige Kaufmann Jakob Rosenfelder.

Aus der Vernehmung des Zeugen Erich Klein, der in einem Spruchkammerverfahren folgendes äußerte: „ … Hierauf begab ich mich in die Wirtschaft Strauß, kam aber nicht ins Lokal. Zu dieser Zeit war bereits eine ziemliche Menschenmenge vor der Wirtschaft. Ich sah den jungen Strauß außen … auf dem Pflaster regungslos liegen. Hierauf erschien Kurt Bär unter der Haustüre …und hielt eine kleine Ansprache … ich kann mich nur noch an Bruchteile davon erinnern: ‚Die Juden haben Christus ans Kreuz geschlagen, diese haben den Krieg verursacht und haben zwei Millionen Deutsche auf dem Gewissen, die Juden wollten auch das deutsche Volk ans Kreuz nageln.’ Er sprach auch davon, dass er von dem Juden Julius Strauß angespuckt wurde, und dass sich ein SA-Mann das nicht gefallen lassen kann, weil sie die Garanten des Staates sind.” … 11 Die NS- Tendenz, den Juden die Schuld am Ersten Weltkrieg zuzuschieben, wurde schon vor Ende des Krieges von rechtsradikalen Kräften in die Wege geleitet. 12

Der Mord an Simon Strauß

Beim Heimatfest am 15. Juli 1934 trafen sich auch SA-Männer, darunter Kurt Bär. KurtBär ließ seinem Antisemitismus freien Lauf. Nach Angaben der Oberstaatsanwaltschaft Ansbach äußerte er: Diese Lumpen gehören alle erschossen.” Zwischen 21 und 22 Uhr erfuhr die Gendarmerie Gunzenhausen, dass Kurt Bär Vater und Sohn Strauß niedergeschossen hatte. Simon Strauß lag in der Gaststube, sein Sohn Julius im Neben-zimmer. Im Krankenhaus erlag Simon Strauß noch am gleichen Tag seinen Verletzungen. Der SA-Mann Kurt Bär bestand darauf, die Tat ohne fremde Hilfe vollbracht zu haben. Seine Wut richtete sich gegen Simon und Julius Strauß, weil das Gericht ihm nicht geglaubt habe, dass der Jude Strauß ihn angespuckt habe. Den beiden Juden habe man geglaubt. Sowohl die SA als auch die NSDAP verurteilten die Vorfälle. Das Landgericht Ansbach verurteilte den Angeklagten Bär zu einer lebenslänglichen plus zehnjährigen Zuchthausstrafe wegen versuchten Totschlags. 1935 wurde eine Revision des Urteils abgelehnt. Kurt Bär wurde nach seiner Begnadigung am 16. November 1938 vorzeitig entlassen. 13

Antisemitismus in Alzenau

Schon im August 1933 wurden die Juden Siegfried Rothschild und Arthur Hecht aus Hörstein schwer misshandelt. Dem Metzger Moritz Löwenthal wurde der Kiefer gebrochen. Bei den Tätern handelte es sich um SS-Leute aus Aschaffenburg, die von SS-Leuten aus Hörstein Informationen über den Ort Hörstein erhielten. Ein 37 jähriger SS-Mann aus Aschaffenburg erhielt für die Tat zwei Monate auf Bewährung. “Der Stürmer” wertete die Tat im September als Züchtigung von “geständigen Mädchenschändern und Schwarzschlächtern” – Geständnisse gab es de facto nicht.

Wahrscheinlich 1935 wurde in Alzenau ein Flugblatt verteilt, dass weniger zu allgemeinen Verschwörungstheorien sich verstieg wie Kurt Bär in Gunzenhausen (siehe oben) als vielmehr Menschen jüdischen Glaubens persönlich angriff: “Wie lange noch liefert der grosse Judenfreund Metzgermeister Pflaum Fleisch in das Bezirkskrankenhaus? Bei einer Listensammlung (Mutter und Kind) gab er nichts. Seine Viehhäute liefert er nach wie vor an den Juden Lippmann. Wie lange noch kaufen hiesige Beamte besonders aus der Kunkelsrainstr. noch in auswärtigen Judengeschäften ein? Ist die Judenbäckerei Schafheimer ein besonderer Günstling? Dieser schleicht noch Nachts um 23 Uhr mit seiner für die ‘Goims’ zubereiteten Knatschware in den Häusern umher. Wie lange erlaubt sich die Judenbagasche noch die Frechheit, unsere schöne Hauckwaldanlage zu besudeln und die Bänke am Wasserloser Waldeck zu belagern? Wie lange glaubt die Judensippe noch am Schabbes in 6er Reihen durch unsere Strassenwatscheln zu dürfen? Warum wird des Emigranten Hotel des Schacher- und Watscheljuden Benzion Wechsler (Löffler) nicht ausgehoben und gesprengt? Wie lange werden hier noch jüdische Flüchtlinge beherbergt? Bemerkt man nicht das ständige Kommen und Gehen der Plattfuss-Indianer in diesem Haus? Z- Zt. mit ca. 15 Hebräern belegt!!!” 14

Benzion Wechsler

Benzion Wechsler

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Lehrer Benzion Wechsler (1874 bis 1943) war als Vorstandsmitglied von Vereinen im lokalen Geschehen verwurzelt. Er hielt im August 1929 für die Israelitische Kultusgemeinde eine Ansprache bei der Feier zur Übergabe und Weihe des Ehrenmals für die Gefallenen des Weltkrieges. Wechsler meinte damals: “Unsere Nachkommen, Enkel und Urenkel, sollen beim Anblick dieses Denkmals daran erinnert werden, daß im Weltkriege tapfere Soldaten Gefahren vom Deutschen Volke nahmen.” Er betonte als national denkender Jude, dieses Ehrenmal vermittle ein Gefühl von Eintracht und Zusammengehörigkeit und beendete seine Ansprache mit den Worten: “Einer für Alle, Alle für Einen, so soll auch jetzt nach dem Kriege das Volk in Eintracht verkehren, jeden Rassen- und Klassenhaß von sich weisen, die Überzeugung und Religion anderer achten, wie dies unser Nationaldichter Schiller so herrlich in Wilhelm Tell ausspricht: ‘Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr.’ ” Zum Ausschluß von Juden aus Sportvereinen gibt das Protokoll des Turn- und Sportvereins Alzenau vom 13. Mai 1933 Aufschluß. Dort heißt es unter anderem: „In unserem Verein befinden sich noch Lehrer Wechsler, Moritz und Salomon Hamburger. Es wurde diesen Mitgliedern nahegelegt, ihren Austritt zu erklären, was auch geschehen ist.” Benzion Wechsler wurde 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Der Wille zur Ausgrenzung ist in diesem Flugblatt deutlich zu spüren.Juden, die ansonsten eine riesige Hakennase haben, fehlt hier der aufrechte Gang . Sie watscheln (“Watscheljude Benzion Wechsler”, “durch unsere Strassen watscheln”). Allein durch ihre Anwesenheit besudeln sie die Hauckwaldanlage – sind also Unreine. Eng mit dem Begriff des “unreinen Juden” verbunden ist die Bezeichnung “Judensau”. Die Bezeichnung „Judensau“ umfasste ein im Hochmittelalter entstandenes häufiges Bildmotiv der antijüdisch christlichen Kunst. Es sollte Juden nicht nur verhöhnen, sondern auch demütigen, da das Schwein im Judentum als unrein gilt und mit einem religiösen Nahrungsverbot belegt ist.

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Bild: Wittenberger Judensau von 1596

Spalt VfHK 19.08.2017 17-48-33

Judensau von Spalt Innenhof Stiftsgasse 10

Bild: Hans-Peter Lautner

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Die NS-Sympathien in Alzenau und Umgebung

Die Reichstagswahl vom 05.03.1933 im Bezirk Alzenau ging folgendermaßen aus

Parteien Stimmen Prozent

NSDAP 4348 25,2

SPD 3452 20,0

KPD 1231 7,2

Bayerische Volkspartei 8049 46,7

Kampffront Schwarz

weiß rot 64

DVP 40

Christlich-sozialer

Volksdienst 22

Deutsche Bauernpartei 9

DDP (Deutsche

Staatspartei) 18

Der Stimmenanteil für die NSDAP war also deutlich geringer als in Gunzenhausen. Zusammenfassend lässt sich für den Bezirk Alzenau für die Reichstagswahlen 1928 bis 1933 feststellen: 15 Der Wählerstamm der Bayerischen Volkspartei blieb in dieser Zeit relativ konstant. Im Mai 1928 lag des Ergebnis bei 50,7 %, im März 1933 bei 46,7 %. Die NSDAP erhielt bei der letzten noch halbwegs freien Wahl knapp 25 % der Stimmen 1928 lag sie noch bei 1 %. Der Anteil der SPD sank von 33,1 % 1928 auf 20 % 1933. Damit ging der Anteil dieser Partei deutlich zurück. Die KPD erreichte ihr bestes Ergebnis im November 1932 mit 11,2 %, im März 1933 fiel sie auf 7,2 % zurück – 1928 lag der Anteil bei 4,8 %.

Die Reichspogromnacht in Alzenau

Lesen wir die Zeugenaussage von Meta Bachrach- Tochter von Ferdinand Hamburger– im Spruchkammerverfahren vom 6.11.1946 “An die Spruchkammer Alzenau”: “Hier ist es so wie ich es erlebt habe- Als Zeuge und victim mache ich folgende Angaben. Am 10. November als mein Vater in die Synagoge kam die gleich neben unserem Hausewar, war dieselbe demoliert und das Almemor sowie auch der Aron (?) Hakodesch angehackt mit einem Beil etc. Ich sah es selbst. Dieses geschah in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Während des Tages zogen Horden von Nazis vor unser Haus und der Synagoge auf. Wie man sagt hat P. und E. W. Spitzel beherbergt. Besonders E. W. die zwischen uns und meinem Onkel J. in der Judengasse (?) wohnte. Bei ihr besonders müssen Sie geehrter Herr Rothschild auf den Grund gehen, denn lügen war schon immer ihr Meister Stück. Joan or J. R. Sohn des früheren Ortsdieners Reinhard (?) R. stand Schmiere während Horden von Nazis in die Synagoge eindrangen und bei Ferdinand Hamburger der in der Wohnung oben in(?) der Synagoge wohnte. In der Synagoge wurde alles kurz und klein geschlagen auch bei Ferdinand Hamburger wobei sie sogar die Betten aufschlissen und den Herd zum Fenster hinaus wurfen. Die Sefer Thoras verrissen sie auf der Strasse und in dem Wege zwischen Pflaum und uns war ein richtiges Papiermeer von zerrissenen Thoras und Gebetbüchern. Besonders hervor taten sich in dieser Aktion die folgenden Personen. Die beiden Gebrüder F., die Gebrüder G., L. G. von der damaligen Hitler Jugend und dessen Vater, Kimmel der damalige Ortsgruppenleiter, K. E. und dessen Sohn W., Dr. B. Lehrer B., bei dem ich mehrere Jahre in die Schule ging und der schon von Anfang an gegen die jüdischen Kinder discriminiert hat.J. oder H. H. (genannt K.) wohnhaft im Hause von Sattler B. (?), SS-.Mann G. (wohnhaft auf der Oberschur). Ganz besonders tat sich hervor der lange K. der auf der Elze wohnt ein junger Mann der heute ungefähr 38 (?) alt ist. Der Vorname ist mir unbekannt aber es wird ihnen jeder sagen können wer er ist. Derselbe hat bei uns öfters die Fensterscheiben eingeschmissen vor dem 10. Nov. 1938. Gezeichnet Meta Bachrach.” 16

Synagogen-Denkmal Alzenau

Synagogen-Denkmal Alzenau

Anmerkungen: Mit dem Begriff “Sefer Thora” sind Thorarollen gemeint, “Almemor” ist ein erhöhter Platz in der Synagoge für die Verlesung der Thora. Aron Hakodesch ist die hebräische Bezeichnung für den Thoraschrein (oder auch „heiligen Schrein“). Es ist der Schrein, in dem die Thorarollen in der Synagoge aufbewahrt werden.

In Hörstein randalierten in der Reichspogromnacht SA – Leute vor mehreren jüdischen Häusern. Das Haus von Hermann Rothschild wurde heimgesucht. Gesucht wurde nach Schuldscheinen. Nicht einwandfrei zu klären war, ob die Synagoge in dieser Nacht beschädigt wurde. Der Anwohner Julius Hamburger wurde so stark geschlagen, dass seine Frau danach flehte, ihn gehen zu lassen. 17 Ein SA – Führer erteilte Ausweisungsbefehle gegenüber einigen Juden, was dazu führte, dass sich einige Familien reisefertig machten.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 setzte sich der wirtschaftliche Boykott in Alzenau nur allmählich durch. Noch im September 1935 waren 20 der 29 Tabakwarenfabriken in jüdischem Besitz und hatten etwa 2.100 Beschäftigte. Bis Sommer 1937 befand sich auch der Viehhandel als traditionelle Domäne der Juden noch überwiegend in jüdischen Händen.18 Durch den verschärften Antisemitismus entschlossen sich bis 1939 44 jüdische Einwohner zur Auswanderung. 21 flohen in die Vereinigten Staaten, 11 nach Palästina. Einigen gelang bis 1941 noch die Auswanderung, 24 die Flucht in andere deutsche Städte. Die letzten 11 jüdischen Einwohner Alzenaus wurden 1942 nach Izbica in Polen oder in das KZ Theresienstadt deportiert.

Reichspogromnacht in Gunzenhausen und Shoa

Die Synagoge von Gunzenhausen blieb in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 verschont. Sie war wahrscheinlich bereits Eigentum der Stadt. Die Wohnungen der Gunzenhäuser Juden wurden gestürmt und geplündert. Zahlreiche Einrichtungen wurden zerstört und nicht wenige Personen misshandelt. Fünfzehn wurden im Amtsgerichtsgefängnis inhaftiert, acht Männer wurden am 12. November nach Dachau verschleppt, die übrigen Frauen und Kinder wurden in der jüdischen Volksschule inhaftiert. Ende des Jahres lebten nur noch drei Juden in der Stadt. Auch sie verließen am 25. Januar 1939 die Stadt endgültig. Der Holocaust forderte nach aktuellem Stand 92 namentlich bekannte Opfer aus Gunzenhausen. Nehmen wir als Beispiel Ilse Bacherach, geb. Theilheimer. Sie wurde am 03.10.1903 Gunzenhausen geboren und am 04.10.1944 im KZ Auschwitz für tot erklärt. Schriftliche Zeugnisse von ihr liegen mir nicht vor, dafür von Frauen, die Auschwitz überlebten. “Ich erinnere mich noch an HerrnMengele, wie er breitbeinig dagestanden ist und den Daumen immer nach rechts oder nach links bewegt hat. Ich hatte keine Ahnung was die Daumenbewegungen bedeuteten- und dass der Herr dort Herr über Leben und Tod gewesen ist. Dann bin ich mit vielen anderen Frauen in die Duschen gekommen. Ich hatte keine Ahnung dass das auch eine Gaskammer hätte sein können. Aber nach einer Stunde in Auschwitz wusste ich das. Nach einer Stunde in Auschwitz habe ich genau gewusst, wo ich bin: in der Hölle.” 19 …. “Dann erinnere ich mich noch an das stundenlange Appellstehen, bei dem ich nur ein Gefühl hatte: Jetzt möchtest du sofort tot unfallen. Und zu allem spielte laute Musik.” 20 Eine andere Zeitzeugin erinnert sich: “Wir marschierten, bis wir zu einem großen Tor mit der Inschrift ‘Arbeit macht frei’. Als wir durch das Tor kamen, wurden wir von SS-Frauen und SS-Männern mit den folgenden Worten begrüßt: ‘ So, ihr Saujuden jetzt werden wir euch mal zeigen, was arbeiten heißt.’ Sie trieben uns in eine große Halle, die sogenannte Sauna. Wir mussten unsere Kleider ausziehen. Die Koffer mussten wir auf der Rampe stehen lassen. Die SS-Männer blieben dabei, als wir uns auszogen,  und amüsierten sich anscheinend köstlich, während wir vor Scham anfingen zu heulen. Im nackten Zustand wurden uns die Haare geschoren. Wir wurden dabei so entstellt, dass man den einen oder anderen gar nicht wiedererkannte.” 21

Kehren wir zur überproportionalen Zustimmung des Nationalsozialismus in Gunzenhausen zurück und nehmen als Beispiel die Haltung der Hensoltshöhe -ein sogenanntes Gemeinschafts-Diakonissen- Mutterhaus. Auf der offiziellen Homepage wird zugegeben “1933 Öffnung gegenüber den Nationalsozialisten in der Hoffnung auf erweiterte missionarische Möglichkeiten” 22 Rektor Ernst Keupp entwickelte sich zu einem begeisterten Anhänger des NS-Regimes. Die unregelmäßig erscheinende Schrift “Von der Hensoltshöhe” bot im März 1934 eine deutsch-christliche Botschaft. Die Wohltat einer “Errettung vor dem bolschewistischen Chaos” durch die Nationalsozialisten solle nicht vergessen werden. 23 Der “Retter” Adolf Hitler sei von Gott gesandt. Die Hensoltshöhe sei “tief innerlich verbunden” mit dem Nationalsozialismus.Der Hensoltshöher Rektor war gleichzeitig bis 1938 NS-“Blockleiter”. In dieser Funktion schulte er die ihm unterstellten Schwestern oder war bei Schulungen von NS-Funktionären anwesend. Die Schwestern der Hensoltshöhe waren geschlossen in der NS-Frauenschaft. Nach dem Spruchkammerverfahren musste er eine hohe Geldstrafe zahlen.

Vergangenheitsarbeit in Alzenau und Gunzenhausen

In Alzenau liegt eine Rohfassung einer Gesamtgeschichte der Juden im Ort vor.Unter dem Titel “Jüdisches Leben in Alzenau, Hörstein und Wasserlos. Von den Anfängen bis zur Vernichtung” haben die Historikerinnen Esther Graf und Monika Preuß aus Heidelberg eine umfassende Arbeit geschrieben, die leider noch nicht veröffentlicht ist. Ansonsten erscheinen regelmäßig Arbeiten zur Aufarbeitung des NS-Regimes in den Heimatjahrbüchern. Edgar Meyer – schon verblichen – hat ein lesenswertes Buch “Alt Alzenau – neu entdeckt – Der Nationalsozialismus in Alzenau sein Ende und die Zeit danach” geschrieben, das im Reinhold Keim Verlag erschienen ist. 24 Zur Person des Alzenauer Alt-Bürgermeisters Michael Antoni gibt es Spruchkammerakten, die leider nicht öffentlich zugänglich sind.

In Gunzenhausen sind die meisten Beiträge zur Vergangenheitsbewältigung in Alt-Gunzenhausen Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung- Hrsg.: Verein für Heimatkunde Gunzenhausen – erschienen. Hervorzuheben ist die Serie „Der Nationalsozialismus in Gunzenhausen“ Aufsehen erregte das Buch „Heimat – eine Suche“ von Thomas Medicus, das in der überregionalen Presse überwiegend positiv besprochen wurde. Eine lesenswerte Broschüre über das beschriebene Pogrom wird von Heike Tagsold herausgegeben: „Was brauchen wir einen Befehl, wenn es gegen die Juden geht?“ Das Pogrom von Gunzenhausen1934 – Hefte zur Regionalgeschichte. Wer das tiefbraune Mittelfranken in dieser Zeit genauer erforschen will, der lese das Buch von Peter Zinke „An allem ist Alljuda schuld“ – Antisemitismus während der Weimarer Republik in Franken. 35 Erwähnungen im Ortsregister findet die Stadt Gunzenhausen in einem Werk über die braunen Wallfahrten auf dem nahe gelegenen Hesselberg. 25 Über den letzten Frankentag 1939 schrieb in einem Lagebericht der damalige Regierungspräsident Dippold von Ober- und Mittelfranken: „Am 24./25. Juni versammelte sich das nationalsozialistische Franken, dessen Städte und Dörfer festlich geschmückt waren, einer alten und heiligen Tradition gemäß zu einer würdigen und großartigen Feierstunde auf dem Hesselberg. Eine unübersehbare Anzahl von Volksgenossen aus Stadt und Land war dem Rufe, auf den heiligen Berg der Franken zu kommen, gefolgt, um auf die Erfolge des vergangenen Jahres zurückzuschauen und Ausblick zu halten auf die vielleicht schwere Arbeit der kommenden Monate …“ 26 Ein vollständiges Bild kann hier natürlich von beiden Städten nicht gezeichnet werden. Es sollen einige Meilensteine aufgezeigt werden.

Anmerkungen

1 Die Deutsch-Sozialistische Partei (DSP) war eine Partei radikal antisemitischer Kräfte der völkischen Bewegung. Sie wurde bei einem Parteitag (23.-25. April 1920) in Hannover auf Reichsebene gegründet, im Mai 1919 war eine Gründung in München vorausgegangen. Im Sommer 1920 zählte die Nürnberger DSP bereits 350 Mitglieder und besaß damit neben München eine der stärksten Ortsgruppen im Deutschen Reich.Hier war Julius Streicher tätig.

2 Vgl. http://jl-gunzenhausen.de/de/einleitung.html

3 Vgl. Daniel Loy, Unter “Eichenkranz” und “Hackenkreuz” Das Kriegerdenkmal am Hindenburgplatz, in: Alt-Gunzenhausen Heft 56/2001, S.114

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Appler

5 Einige Fakten zu Nationalsozialisten in Ägypten sind in folgendem Leserbrief zusammengefasst: In die Nasserzeit fielen die guten Beziehungen von Teilen des Militärs zum deutschen Nationalsozialismus. Im Main-Echo vom 16.2.2009 sind sie von mir zusammengefasst. Ägypten – beliebter Zufluchtsort für Nazis Nicht verwunderlich ist das Faktum, dass der NS-Verbrecher Aribert Heim in Ägypten untergetaucht ist,war dieses Land doch neben Argentinien ein bevorzugter Exilort für Nationalsozialisten,denen in Deutschland ein Prozess drohte. Es fanden dort Unterschlupf: Johannes von Leers, Hauptschriftleiter der nationalsozialistischen Zeitung Wille und Weg.

Der Ex-Goebbels-Mitarbeiter wurde politischer Berater des Informationsbüros der ägyptischen Regierung. Von ihm ist die Aussage überliefert:“Wenn es überhaupt eine Hoffnung gibt, die Welt von jüdischer Tyrannei zu befreien, dann mit Hilfe der Moslems, die sich unerschütterlich Zionismus, Kolonialismus und Imperialismus widersetzen.” SS-Standartenführer Leopold Gleim organisierte in Ägypten die Geheimpolizei und war für die Juden Ägyptens zuständig. SS-Obersturmbannführer Bernhard Bender war unter der Leitung Gleims für die politische Abteilung der ägyptischen Geheimpolizei zuständig. SS- Sturmbannführer Joachim Däumling wurde zum Berater im ägyptischen Innenministerium. SS-Sturmführer Wilhelm Boekler arbeitete in der Abteilung Israel im ägyptischen Geheimdienst. SA-Gruppenführer Heinrich Stellmann wurde Berater der Gegenspionage. Louis Heiden vom Reichssicherheitshauptamt übersetzte Hitlers “Mein Kampf” ins Arabische. Bevorzugt war dieses Buch bei ägyptischen Offizieren verbreitet. Der nationalsozialistische Journalist Franz Bünsche setzte seine Tätigkeit in Ägypten fort. Hans Appler war für den Islamischen Kongress tätig. Selbst wenn Zweifel am Tod Aribert Heims aufkommen, passt sein Aufenthaltsort doch in die Logik der Nachkriegszeit.

Siehe auch http://www.juif.org/go-blogs-10606.php

6 Vgl. Thomas Medicus, Heimat Eine Suche, Berlin 2014, S. 74

7 Heike Tagsold (Hg.), “Was brauchen wir einen Befehl wenn es gegen die Juden geht?” Das Pogrom von Gunzenhausen 1934, Nürnberg 2006, S. 9

8 Vgl.Thomas Medicus. a.a.O., S.45

9 Am 22. Februar 1924 wurde von Mitgliedern der SPD, der Deutschen Zentrumspartei, der Deutschen Demokratischen Partei sowie Gewerkschaftern in Magdeburg das Reichsbanner gegründet. Es überwog der Anteil der Sozialdemokraten in der Mitgliedschaft. Schätzungen gehen von bis zu 90 Prozent aus. Der Kampf für die Republik richtete sich sowohl gegen den “Stahlhelm” oder die SA als auch gegen den “Roten Frontkämpferbund”.

10 Vgl. http://www.nurinst.org/nurinst_org/proj_gunzen.htm

11 Vgl. http://jl-gunzenhausen.de/de/rosenfelder.html

12 “Die Alldeutschen und andere völkische und antisemitische Gruppen mussten nicht den Waffenstillstand, die Abdankung des Kaisers und die Ausrufung der Republik im November 1918 abwarten, um den Juden die Schuld an der Niederlage zu geben, hatten sie doch bereits 1917 den Krieg in einen Kampf ums Dasein zwischen Deutschtum und Judentum umgedeutet. Noch im September 1918 gründeten sie zur Koordination der antisemitischen Aktivitäten einen “Ausschuss für die Bekämpfung des Judentums”, der die Bereitschaft signalisierte, Antisemitismus bedenkenlos als politische Waffe bis hin zum Mord einzusetzen. Mit der “Dolchstoßlegende” besaß man ein wirksames Propagandainstrument, um die Wende des Krieges aus der Verantwortung des Militärs auf andere Gruppen wie Juden und Sozialdemokraten abzuschieben.” In: Der Erste Weltkrieg von Werner Bergmann

http://www.antisemitismus.net/geschichte/weltkrieg.htm

13 Vgl. Heike Tagsold, a.a.O., S. 50 ff.

14 Peter Körner, Skizzen zur Geschichte der Juden in Alzenau, Wasserlos und Hörstein, Alzenau o.J., S.16 f.

15 Vgl. Helmut Winter, Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im ehemaligen Bezirksamt Alzenau, Heimatjahrbuch Unser Kahlgrund 1983, S. 137 f.

16 Das Schreibmaschinen-Skript ist undeutlich. Es wurden Abkürzungen verwendet

17 Vgl. Walter Scharwies, Toleranz und Zusammenleben, aber auch unverständlicherHaß -Jüdische Kultusgemeinde in Alzenau/Wasserlos und Hörstein, in: Alzenauer Stadtbuch 2001, S.286

18 Vgl. http://www.alemannia-judaica.de/alzenau_synagoge.htm

19 Trude Simonsohn, Noch ein Glück- Erinnerungen, Göttingen 2014, S. 85

20 Ebd., S. 86

21 Esther Bejarano, Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts, Hamburg 2013, S. 64

22 Siehe: http://www.hensoltshoehe.de/index.php?id=587

23 Vgl. Daniel Schönwald, Die Geschichte der Deutschen Christen in Gunzenhausen unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses der “Hensoltshöhe” zum Nationalsozialismus, In: Alt- Gunzenhausen. Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung Heft 56/2001, S. 204

24 Edgar Meyer, Alt Alzenau – neu entdeckt. Der Nationalsozialismus in Alzenau, sein Ende und die Zeit danach, Alzenau 1995

25 Thomas Greif, Frankens braune Wallfahrt. Der Hesselberg im Dritten Reich, Ansbach 2007

26 Ebd. S. 219


Dokumente zur Geschichte der Juden und NS-Geschichte in Alzenau

Ein Artikel in der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung“ vom 7. Oktober 1926 befasst sich mit Benzion Wechsler: „Alzenau. Eine Reihe verdienter jüdischer Lehrer konnten im vergangenen Jahre auf eine 25-, beziehungsweise 50jährige Tätigkeit in ihren Gemeinden zurückblicken. Ihnen reiht sich am 1. Oktober Herr Benzion Wechsler an, der 25 Jahre als Religionslehrer, Kantor und Lehrer seine Gemeinde betreut hat. Der Sohn eines bedeutenden Talmudgelehrten, der an den Talmud-Toraschulen in Schwabach und Höchberg segensreich wirkte, widmete er sich der Tradition seiner Familie folgend dem Lehrerberuf. Nach dem Seminaraustritt (Würzburg 1890), amtierte er in mehreren Kleingemeinden und folgte 1901 einer Berufung in die noch immer stattliche Gemeinde Alzenau. Als Sekretär der Kultusverwaltung und als Kassier und Schriftführer des Frauenvereins nahm er hervorragenden Anteil am Gemeindeleben. Seiner werbenden Tätigkeit gelang es die Synagoge gründlich zu renovieren und der Gemeinde ein würdiges Gotteshaus zu erhalten. Über den engen Kreis hinaus wirkte er im Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden, im Lehrerverein und der Aguda stets fördernd, wenn es auch seiner Natur nicht entsprach, sich in den Vordergrund zu drängen.

Das Vertrauen seiner christlichen Mitbürger übertrug ihm in den Kriegsjahren das Versorgungswesen, viele Jahre stand er ein eifriger Schüler Jahns an der Spitze des Turnvereins, leitete er als Dirigent den örtlichen Gesangverein. So wird der Ehrentag des tüchtigen Schulmanns, des pflichtbewussten Beamten und allgemein geachteten Bürgers ein Ehrentag auch für die Kultusgemeinde und das Städtchen werden. S.D.“


Der Kahltalbote vom 2. Mai 1933

Die erste nationale Maifeier in Alzenau

Der Tag der nationalen Arbeit, der 1. Mai, wurde auch in Alzenau in recht eindrucksvoller Weise gefeiert. Die festlich mit frischem Grün geschmückten Häuser und der Fahnenwald in den Farben des neuen Reiches, den bayerischen Farben, waren das äußere Kennzeichen eines der deutschen Arbeit und dem deutschen Arbeiter gewidmeten Feiertages. Alzenau hat mit dieser glänzenden Feier wie so viele andere deutsche Städte und Dörfer seinen größten Tag erlebt. …

Um 2 Uhr nachm. fand der festliche Umzug durch die überaus reichlich geschmückten Straßen des Marktfleckens statt. Er war ein Glanzstück seiner Art und bot ein überaus fesselndes Bild. Ganz Alzenau war ein wogendes Fahnenmeer und ein einziger grüner Maienwald. Fast jede Wohnung zeigte die Flaggen der nationalen Erhebung.Wir haben schon öfters große Festzüge in Alzenaus Mauern gesehen, aber die Demonstration des arbeitenden Alzenau in der Form einer begeisterten Bekundung der Volksgemeinschaft wie sie der gestrige nationale Feiertag der Arbeit brachte –  das ist jetzt beispiellos. Noch nie hat Alzenau einen solchen Aufmarsch erlebt. Es war etwas Erhabenes eine solche gehobene Stimmung, der seelische Kontakt der Massen, der Geist der Kameradschaftlichkeit und das freie, natürliche Gemeinschaftsgefühl im Dienste des Vaterlandes feststellen zu können. Der Festzug stellte sich in der Wasserloserstraße bei Gärtnereibesitzer Stumpf auf. Mit wehenden Fahnen, mit ihren Zeichen und Emblemen rückten die Verbände und Vereine, die Belegschaften der Betriebe und der Behörden an, ihren bestimmten Platz im Zuge einnehmend. Unter den schneidigen Klängen der SA-Kapelle und klingendem Spiel des Turn -und Sportvereins setzte sich der imposante Zug in Bewegung. Da marschierten die Vereine mit ihren Fahnen, die Handwerker im Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes, Herr Arthur Wohlschlögel mit Embleme des Schlossergewerbes, die Metzger, Schornsteinfeger, Installateure und die Belegschaft der Cellulosefabrik im Arbeitsgewande mit Fabrikationsgegenständen und Werkzeugen, die Beamten, die Sportvereine, Feuerwehr und Sanitäts-Kolonne in Uniform, die Vereinigte Kriegskameradschaft, SA und SS. Leute in schmucker Uniform, die Jugendverbände in ihren kleidsamen Uniformen, darunter der kath. Gesellenverein, die vielen Zellen der NSBO. Der Himmel war mit den marschierenden Bataillonen; es war nicht zu warm und nicht zu frisch und ein gutes Lüftchen bei strahlendem Sonnenschein fehlte auch nicht. Ein Maitag, wie ihn die große Aktion nicht besser wünschen konnte. Unter diesem leuchtenden Frühlingshimmel war das Bild des festlichen Marktfleckens von geradezu überwältigender Wirkung. Überall wurde der Festzug mit lebhaften Heilrufen begrüßt und reichlich wurden aus den Fenstern den Teilnehmern Blumen zugeworfen. Der Zug kam nach dem Durchmarsch der verschiedenen Straßen an der Anlage im Mühlweg zum Stehen. Hier versammelten sich die Teilnehmer um den Platz der Anlage. Nach einem schneidigen Musikstücke der SA-Kapelle ergriff Herr Rechtsanwalt Dr. Bauer das Wort, um in einer groß angelegten gut durchdachten Fest-und Gedächtnisrede über den Sinn und Zweck des Tages der nationalen Arbeit, auch all derer zu gedenken, die für die Errichtung des dritten Reiches kämpften und dafür ihr Leben lassen mußten. Es waren echte deutsche Worte, die der Redner sprach, die wohl noch manchen der Bewegung abseits Stehenden aufrüttelten, an dem gemeinschaftlichen Wiederaufbau des Deutschen Reiches mitzuarbeiten. Die Feierstunde erreichte mit der Umbenennung der Kahlgasse mit Mühlweg in Horst-Wessel-Straße und die vor Jahren vom Verschönerungsverein und der Gemeinde geschaffene schöne Anlage in Horst-Wesselplatz und dem Absingen des Horst-Wessel-Liedes mit Musikbegleitung einen ehrenvollen Abschluß. Langanhaltender Beifall folgte dem Festredner, der so vielen aus dem Herzen gesprochen. Nicht unerwähnt wollen wir lassen, daß die Schwerkriegsbeschädigten im geschmückten Auto im Festzuge gefahren wurden. Den Beschluß der Feier bildete ein Deutscher Maitanz bei Gastwirt Ludorf. Abends 8 Uhr fand die Uebertragung der Riesenkundgebung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin mittels Lautsprecher mit einer Rede des Reichskanzlers Adolf Hitler bei Gastwirt Ludorf statt. Anschließend war Fortsetzung des Maitanzes.

Der Kahltalbote vom 2. Mai 1933

Deutscher Abend

Der von der NS-Frauenschaft Alzenau am Samstag veranstaltete Deutsche Abend im Sittinger’schen Saale hatte sich eines guten Besuches zu erfreuen. Die Kreisleiterin, Frl. Ella Winkler, hielt in schönen Worten die Begrüßungsrede. Auch Herr Bezirkskommissar Knaup hielt eine kernige Ansprache und wies auf die Bedeutung des des Abends hin. Die Vorsprüche von Frl. Marianne Edeler, Frl. Gretl Groß und Frl. Rita Ott gefielen gut. Auch gut gefiel der Chor, und die Aufführung des „Horst-Wessel“- Stückes unter der Regie des Herrn Heinz Edeler war eine Glanzleistung des Abends. „Der selige Florian“, aufgeführt von der Spielschar Kahl, setzte die Lachmuskel in Bewegung. Auch sei die Kapelle Franzl mit ihren schneidigen Musikstücken nicht zu vergessen. Ein reicher Glückshafen legte manchen noch einen schönen Gewinn in den Schoß. Alles in allem, der Abend kann als wohlgelungen bezeichnet werden.

Protokoll des Turn- und Sportvereins Alzenau vom 13. Mai 1933 im Wortlaut:

„Sodann gab der 1. Vorsitzende die neuen Richtlinien der Deutschen Turnerschaft bekannt. Nach diesen Richtlinien können nur national denkende Turner Mitglied der deutschen Turnerschaft sein.Soweit Mitglieder noch nicht national eingestellt sind, wurden sie aufgefordert, sich umzustellen und im nationalen Geist am Aufbau der deutschen Turnerschaft mitzuarbeiten. Ferner ist es nicht mehr möglich, daß jüdische Mitglieder in der deutschen Turnerschaft weiter verbleiben können. In unserem Verein befinden sich noch Lehrer Wechsler, Moritz und Salomon Hamburger. Es wurde diesen Mitgliedern nahegelegt, ihren Austritt zu erklären, was auch geschehen ist.Somit sind die vorgenannten nicht mehr Mitglieder des Turn- und Sportvereins Alzenau.“


Verzeichnis der in Alzenau ortsansässigen Juden – Stand 29. Juli 1935

Name, Vorname, Geburtstag, Geburtsort, Beruf

1 Bravmann, Siegfried, 14.3.1919, Edelfingen, Bäckerlehrling

2 Feldmann, Ludwig, 15.6.1901, Buttenhausen, Kaufmann

3 Feldmann, Berta, 9.6.1905, Alzenau, Ehefrau v. Ludwig 2

4 Feldmann, Lore, Jette, 4.5.1932, Alzenau, Kind von Ludwig 2

5 Feist, Hermann Friedrich, 9.5.1889, Büdesheim, Kaufmann

6 Feist, Lina, 2.4.1898, Alzenau, Ehefrau v. Hermann 5

7 Feist, Karl Leo, 12.9.1931, Alzenau, Kind von Hermann 5

8 Freudenthal, Karolina, 31.8.1867, Alzenau, Viehhändler-Witwe

9 Freudenthal, Heinrich, 23.5.1903, Alzenau, Viehhändler

10 Hamburger, Bernhard, 2.8.1874, Alzenau, Viehhändler

11 Hamburger, Sara, 4.4.1881, Großkrotzenburg, Ehefrau von Bernhard 10

12 Hamburger, Flora, 30.11.1914, Alzenau, Tochter von Bernhard 10

13 Hamburger, Karl, 29.9.1919, Alzenau, Sohn von Bernhard 10

14 Hamburger, Ferdinand, 28.1.1874, Alzenau, Viehhändler

15 Hamburger, Lina, 13.3 1879, Wiesenfeld, Ehefrau von Ferdinand 14

16 Hamburger, Siegfried, 10.3.1906, Alzenau, Sohn von Ferdinand 14

17 Hamburger, Gustav, 12.3.1870, Alzenau, Viehhändler

18 Hamburger, Berta, 16.4.1875, Alzenau, Ehefrau von Gustav 17

19 Hamburger, Siegfried, 12.6.1907, Alzenau, Sohn von Gustav 17

20 Hamburger, Herz, 7.7.1841, Alzenau, Viehhändler

21 Hamburger, Hugo, 5.5.1895, Alzenau, Manufakturwaren-Händler

22 Hamburger, Diana, 23.3.1900, Nidda, Ehefrau von Hugo 21

23 Hamburger, Berta, 19.3.1900, Alzenau, Schwester von Hugo 21

24 Hamburger, Isaak, 11.10.1866, Alzenau, Viehhändler

25 Hamburger, Fanny, 24.2.1869, Sterbfritz, Ehefrau von Isaak 24

26 Hamburger, Jakob, 29.4.1900, Alzenau, Landwirtschaftlicher Produktions Händler

27 Hamburger, Irmgard, 17.4.1901, Alzenau, Ehefrau von Jakob 26

28 Hamburger, Kurt Josef, 8.12.1928, Alzenau, Kind von Jakob 26

29 Hamburger, Evi, 26.8.1932, Alzenau, Kind von Jakob 26

30 Hamburger, Isidor, 5.3.1865, Alzenau, Viehhändler

31 Hamburger, Issi, 24.12.1887, Alzenau, Tabakwaren Händler

32 Hamburger, Rosa, 6.2.1896, N. Moschel, Ehefrau von Issi 31

33 Hamburger, Rudolf Simon, 10.11.1924, Alzenau, Kind von Issi 31

34 Hamburger, Josef, 9.4.1901, Alzenau, Viehhändler

35 Hamburger, Regina, 5.10.1908, Hopsten, Ehefrau von Josef 34

36 Hamburger, Josef, 1.7.1873, Alzenau, Manufakturwaren Händler

37 Hamburger, Binchen, 12.7.1876, Höbst , Ehefrau von Josef 36

38 Hamburger, Daniel, 5.7.1909, Alzenau, Kaufmann Sohn von Josef 36

39 Hamburger, Martha, 12.10.1911, Alzenau, Tochter von Josef 36

40 Hamburger, Hugo, 9.11.1913, Alzenau, Kaufmann, Sohn von Josef 36

41 Hamburger, Julius, 23.8.1877, Alzenau, Manufakturwaren Händler

42 Hamburger, Elsa, 10.3.1885 O. Lauringen, Ehefrau von Julius 41

43 Hamburger, Daniel, 24.11.1911, Alzenau, Sohn von Josef 36

44 Hamburger, Adolf, 15.8.1910, Alzenau, Kaufmann, Sohn von Josef 36

45 Hamburger, Meta, 22.11.1920, Alzenau, Tochter von Julius 41

46 Hamburger, Sara, 4.3.1858, Fechenheim, Viehhändler-Witwe

47 Hamburger, Karolina, 19.3.1869, Alzenau, Ohne Beruf

48 Hamburger, Moritz, 8.10.1899, Alzenau, Manufakturwaren Händler

49 Hamburger, Rosa, 8.5.1902, Külsheim, Ehefrau von Moritz 48

50 Hamburger, Johanna, 21.3.1869, Dinkelsbühl, Manufakturwaren Händler-Witwe

51 Herzberger, Leopold, 19.2.1910, Karlsruhe, Bäcker

52 Herzberger, Meta, 23.12.1912, Alzenau, Ehefrau von Leopold 51

53 Nussbaum, Isaak, 10.12.1865, Vollmerz, Landwirtschaftlicher Produktions Händler

54 Nussbaum, Jonna, 24.9.1872, Mehringen, Ehefrau von Isaak 53

55 Oppenheimer, Simon, 13.8.1896, Elmshausen, Manufakturwaren-Händler

56 Oppenheimer, Selma, 25.5.1903, Alzenau, Ehefrau von Simon 55

57 Oppenheimer, Ilsa , 10.2.1930, Alzenau, Kind von Simon 55

58 Oppenheimer, Alfred, 12.6.1935, Alzenau, Kind von Simon 55

59 Oestrich, Bernhard, 12.11.1881, Alzenau, Vieh-und Schuhhändler

60 Oestrich, Babette, 22.2.1985, Biblis, Ehefrau von Bernhard 59

61 Oestrich, Josef , 8.10.1868, Alzenau, Viehhändler

62 Oestrich, Amalie, 6.8.1873, Alzenau, Ehefrau von Josef 61

63 Oestrich, Julius, 22.10.1906, Alzenau,Viehhändler Sohn von Josef 61

64 Rothschild, Klara, 16.4.1877, O. Mockstadt, Manufakturwaren-Händler-Witwe

65 Rothschild, Daniel, 16.2.1881, Hörstein, Manufakturwaren- Händler

66 Spies, Hermann,12.8.1885, Biblis, ohne Beruf

67 Schafheimer, Fanny, 13.5.1881, Alzenau, Bäckerwitwe

68 Schönmann, Leopold, 26.3.1902, Offenbach, Kaufmann

69 Schönmann, Silva, 2.9.1902, Alzenau, Ehefrau von Leopold 68

70 Schönmann, Herbert David, 15.1.1930, Alzenau, Sohn von Leopold 68

71 Steinhäuser, Moritz, 19.5.1887, O. Lauringen, Kaufmann

72 Stern, Elsa, 27.4.1923, Hochheim, Pflegekind bei Wechsler

73 Strauss, Julius, 12.10.1892, Sommerau, Manufakturwaren-Händler

74 Strauss, Rika , 16.6.1895, Alzenau, Ehefrau von Julius 73

75 Strauss, Adolf, 12.3.1921, Alzenau, Sohn von Julius 73

76 Strauss, Hermann, 24.4.1925, Alzenau, Sohn von Julius 73

77 Wechsler, Benzion, 10.3.1874, Schwabach, Judenlehrer

78 Wechsler, Sophie, 29.7.1879 Berlichingen, Ehefrau von Benzion 77

79 Weissmann, Max, 28.7.1903, Schöllkrippen, Metzger

80 Weissmann, Selma, 9.1.1906, Wörishofen, Ehefrau von Max 79

81 Weissmann, Siegmund, 15.7.1931, Schöllkrippen, Sohn von Max 79

82 Weissmann, Eugenie, 24.7.1864, Braunsfeld, Metzgerwitwe

Quellen: Stadt Alzenau (Hrsg.), Skizzen zur Geschichte der Juden in Alzenau, Wasserlos und Hörstein, Alzenau o.J.

Maschinenschriftliche Kopie eines Mitglieds des Alzenauer Geschichtsvereins

Manufakturwaren-Definition (Universal- Lexikon): Meterwaren, Textilwaren, die nach der Maßangabe des Käufers geschnitten und verkauft wurden

Juden

Jüdische Gedenkstätte vor dem Alzenauer Rathaus

Rede anlässlich des 55.Jahrestages der Reichspogromnacht am 9.November 1993 in Alzenau

Meine Damen und Herren!

Ich möchte am Anfang meiner Ausführungen aus einem antisemitischen Flugblatt, das wohl 1935 verfasst wurde, zitieren: “Wie lange noch liefert der grosse Judenfreund Metzgermeister Pflaum Fleisch in das Bezirkskrankenhaus? Bei einer Listensammlung (Mutter und Kind) gab er nichts. Seine Viehhäute liefert er nach wie vor an den Juden Lippmann. Wie lange noch kaufen hiesige Beamte besonders aus der Kunkelsrainstr. noch in auswärtigen Judengeschäften ein? Ist die Judenbäckerei Schafheimer ein besonderer Günstling? Dieser schleicht noch Nachts um 23 Uhr mit seiner für die ‘Goims’ zubereiteten Knatschware in den Häusern umher. Wie lange erlaubt sich die Judenbagasche noch die Frechheit, unsere schöne Hauckwald-anlage zu besudeln und die Bänke am Wasserloser Waldeck zu belagern?Wie lange glaubt die Judensippe noch am Schabbes in 6er Reihen durch unsere Strassenwatscheln zu dürfen? Warum wird des Emigranten Hotel des Schacher- und Watscheljuden Benzion Wechsler (Löffler) nicht ausgehoben und gesprengt? Wie lange werden hier noch jüdische Flüchtlinge beherbergt? Bemerkt man nicht das ständige Kommen und Gehen der Plattfuss-Indianer in diesem Haus? Z- Zt. mit ca. 15 Hebräern belegt!!!”

Sehr aktuell an diesen Zeilen wirkt die rhetorische Frage nach der Beherbergung von Flüchtlingen; wie damals sind sie auch heute vielen ein Dorn im Auge. Noch war der Höhepunkt der antisemitischen Ausschreitungen nicht erreicht, doch schon Jahre vorher mehrten sich die Zeichen, dass Nationalisten Schlimmes mit den Juden vorhatten. So war es im August 1933 in Hörstein zu schweren Mißhandlungen von drei ortsansässigen Juden durch SS-Leute gekommen. Den Tätern wurde damals vom Bezirksamt bestätigt, ihre Opfer „in geradezu viehischer Weise mißhandelt zu haben.“ Die SS-Täter kamen zwar aus Aschaffenburg, sie wurden jedoch von Gesinnungsgenossen aus Hörstein instruiert. Zwei Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung erhielt einer der Täter. Später zählte er zu den Mördern eines Juden in der Aschaffenburger „Reichskristallnacht“.

Zu Synagogenschändungen kam es in Hörstein im April und Mai 1936, als Fenster eingeschlagen wurden.Weitere Vorgänge belegen, daß in dieser Zeit antisemitische Handlungen deutlich aggressiver wurden. Nach der Schändung des Hörsteiner Friedhofes Anfang des Jahres wurde dem Alzenauer Viehhändler Hamburger im Dezember 1936 die Verglasung der Haustüre zertrümmert. Am Abend des 1. Mai 1938 zogen 100 Personen vor das Geschäft des Juden Hugo Hamburger, der ein Nachthemd verkauft hatte, und schrien: „Raus muß der Jud, der Strinker, der Schänder des nationalen Feiertags.“ Im Oktober dieses Jahres kam es zu neuen Sachbeschädigungen von Privathäusern und Schändungen von Synagogen in Alzenau, Hörstein und Schöllkrippen. Auf Hörsteins Straßen hörte man kurz vorher die Drohung „Schneidet den Juden die Hälse ab.“

Wie verhielt sich nun die Bevölkerung diesen Handlungen gegenüber? Ein Polizist teilte dazu dem Bezirksamt mit: „All diese Vorfälle werden von einem großen Teil der Bevölkerung von Alzenau als unangebracht bezeichnet, und zwar nicht der Juden wegen, sondern weil eben dadurch Volkswerte vernichtet und dabei auch Ruhestörungen begangen wurden.“

Nach Zeugenaussage einer ortsansässigen Jüdin spielte sich in der „Reichskristallnacht“ in Alzenau folgendes ab: SA-Männer drangen in die Synagoge ein und „schlugen alles kurz und klein.“ Ferner wurden Kultgegenstände zerstört, Thorarollen und Gebetbücher zerrissen sowie in der Wohnung eines Juden die Betten aufgeschlitzt und der Herd zum Fenster hinausgeworfen. – Die Synagoge in Schöllkrippen wurde am Morgen des 10. November von Aschaffenburger SA-Leuten in die Luft gesprengt. In Hörstein wurden viele Juden, die nicht fliehen konnten, von Rechtsradikalen zusammengeschlagen.. Den Plan, die Synagoge anzuzünden, ließ man wieder fallen, weil die Gefahr zu groß war, daß das Feuer auf umliegende Wohnhäuser übergreifen könnte. Festgenommen wurden sowohl Alzenauer als auch Schöllkrippener Juden, von ersteren wurde Benno Strauß in das KZ Dachau verbracht. Mit der „Reichskristallnacht“ verbunden war eine Welle von Arisierungen, auch „Entjudungen“ genannt, in Schöllkrippen waren es 21, in Hörstein 56. Juden mußten ihren Besitz weit unter Wert verkaufen. Die danach folgende Katastrophe soll hier nicht Gegenstand der Betrachtung sein.

Manche werden sich jetzt denken, was das alles soll. Müssen die alten Geschichten immer wieder aufgerührt werden? Kann das Vergangene nicht ruhen?

Ich finde, man darf das Vergangene nicht auf sich ruhen lassen. Ein bedeutender Dichter hat einmal gesagt: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“ Judenfeindschaft ist und war eine Variante des Fremdenhasses. Dieser ist heute virulenter denn je. Einige Zahlen sollen dokumentieren, daß für rechtsradikale Gewalt, die aus diesem Fremdenhaß hervorgeht, in den letzten Jahren ein enormer Anstieg zu verzeichnen war. Von 1990 auf 1991 stieg die Zahl rechtsradikal motivierter Gewalttaten auf 1.500. Im vergangenen Jahr wurden 2.285 dieser Gewalttaten gezählt, 17 Tote mußten beklagt werden, wobei die wirkliche Zahl wahrscheinlich höher liegt. Die übergroße Mehrheit der Tatverdächtigen war jünger als dreißig Jahre- Einzeltäter ohne Rückhalt in der Gesellschaft der Bundesrepublik, so werden jetzt einige meinen feststellen zu müssen. Dem widerspricht, daß viele Deutsche enorme Schwierigkeiten haben, sich vorzustellen, mit Menschen, die nicht hier geboren sind, aber schon lange hier leben und arbeiten, zusammenzuleben. „Deutschland den Deutschen“ – diese Parole scheint nach wie vor viele schlichte Gemüter zu überzeugen. So kommt INFAS kurz nach den Ereignissen von Rostock zu dem Ergebnis, daß 51 Prozent der Befragten dieser Aussage zustimmen. Auch Umfrageergebnisse zu ähnlichen Themen dokumentieren, daß rechtsextreme Gewalttäter nicht isoliert in der Gesellschaft sind. 37 Prozent der Deutschen sind demnach der Meinung, daß „die Deutschen sich im eigenen Land gegen die Ausländer wehren müssen.“ 26 Prozent stimmen der Parole „Ausländer raus“ zu. Nach dem Brandanschlag von Mölln gingen die Zahlen nach unten, doch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Deutschen sympathisiert offensichtlich mit völkischem Denken. Ebenso bedrücken wirken die Fakten eine IBM-Jugendstudie 1992. Danach kann fast ein Drittel der Heranwachsenden als „konsequent ausländerfeindlich oder zumindest anfällig für fremdenfeindliche Gedanken“ eingestuft werden.

Wieviel harscher Kritik aus dem In- und Ausland bedurfte es, um gegen die rechtsradikalen Ausschreitungen und Auswüchse eine mittlerweile etwas härtere Gangart des Staates durchzusetzen? Wer erinnert sich nicht an die Ereignisse von Rostock, als es durch unterbliebene Hilfe der Sicherheitskräfte nur zufällig vermieden wurde, daß Dutzende Vietnamesen den Flammentod erlitten?

In den Berichten über die Ereignisse aus den 30er Jahren vermißt man die Personen, die sich schützend vor die Juden stellten, was sicherlich in der damaligen Diktatur risikoreicher war, als es heute ist. Gegenwärtig sind es mehr geworden, die sich mit Fremden solidarisieren – Zeichen sind die vielen Demonstrationen, Lichterketten und Mahnwachen. Sie bilden ein Gegengewicht gegen die vielen Gleichgültigen, die in etwa so denken, wie Teile der hiesigen Bevölkerung damals. Daß rechtsradikale Einstellungen, die wie die Umfragen beweisen, latent oder manifest vorhanden sind, nicht überhand nehmen, hängt auch davon ab, ob es gelingt, wirksame Konzepte gegen Arbeitslosigkeit und soziale Perspektivlosigkeit zu entwickeln. Schon einmal scheiterte eine Demokratie daran, daß zu der völkischen Grundeinstellung weiter Schichten eine schwere Wirtschaftskrise hinzukam, die für viele Elend bedeutete.

Lernfähige Demokraten müssen aus dem Erstarken rechtsradikaler Kräfte zudem die Konsequenz ziehen, das Wissen um die Vorgänge der Judenverfolgungen und später des Holocaust wachzuhalten. Es kann gar nicht oft genug festgestellt werden, wie zwangsläufig bestimmte antihumane Gesinnungen gegenüber Fremden zu Gewalt, Pogromen und Schlimmerem führten. Noch immer liegt beispielsweise keine zusammenfassende ortsgeschichtliche Darstellung der Juden in Alzenau und Umgebung vor, obwohl sie schon vor 5 Jahren in Auftrag gegeben wurde. Rechtsradikalem Denken und Handeln muß entschieden entgegengetreten werden. Verständnis wird von rechtsradikalen Tätern als Schwäche ausgelegt und führt zu noch mehr Gewaltakten. Rücksichtnahme auf rechtspopulistische Stammtischstimmungen wirkt sich verheerend auf die demokratische Kultur dieses Landes aus. In diesem Sinne Sinne mein Aufruf an alle Demokraten: Die Offensiven gegen rechtsradikales Denken und Handeln dürfen nicht erlahmen. Einmal Faschismus – das lehrt die Geschichte – reicht völlig.

Christian Schauer für den Ortsverband von Bündnis 90/ Die Grünen Alzenau


Die Reichspogromnacht im Raum Aschaffenburg und reichsweit

Gedenken an die Reichspogromnacht 2017. Vortrag am 9. November 2017 in Kahl am Main

Unmittelbar nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933 kam es am 11. März 1933 zum „Warenhaussturm“ in Braunschweig. Es handelte sich um eine Gewaltaktion gegen jüdische Warenhäuser- initiiert von der NS-Führung des Freistaates Braunschweig.

Am 1. April kam es zum reichsweiten Judenboykott. Es handelte sich um einen Boykott jüdischer Geschäfte, Warenhäuser, Banken, Arztpraxen, Rechtsanwalts- und Notarkanzleien, den das NS-Regime seit März 1933 plante und am Samstag, dem 1. April 1933 in die Tat umsetzte. Schon im 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 war die Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben geplant. Am 1. April 1933, einem Samstag, begannen die Aktionen um 10 Uhr – an einigen Orten schon am Abend vorher. Überall in deutschen Städten standen uniformierte, teils auch bewaffnete SA-, HJ- und „Stahlhelm“-Posten vor jüdischen Geschäften, Arztpraxen und Anwaltskanzleien und hinderten etwaige Kunden den ganzen Tag lang daran, diese zu betreten. Auf Schildern und Plakaten wurde gefordert: Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei(m) Juden! – Die Juden sind unser Unglück! – Meidet jüdische Ärzte! – Geht nicht zu jüdischen Rechtsanwälten!

Weiter ging es am 7. April 1933. Durch das Berufsbeamtengesetz und das Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft verloren im Jahre 1933 etwa 37.000 Juden ihre berufliche Existenz in Deutschland.

Mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 – auch als Nürnberger Rassengesetze bezeichnet – wurde die antisemitische Ideologie juristisch festgelegt. Sie wurden anlässlich des 7. Reichsparteitags der NSDAP am 15. September 1935 einstimmig vom Reichstag angenommen, der eigens zu diesem Zweck telegrafisch nach Nürnberg einberufen worden war. Die institutionalisierte Rassentrennung sah folgendermaßen aus. Das am 15. September 1935 erlassene Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre verbot eine Eheschließung von Juden und Nichtjuden sowie den außerehelichen Geschlechtsverkehr.

Mit dem Reichsbürgergesetz wurde eine besondere Art des Bürgers kreiert, der „Reichsbürger“. Die vollen politischen Rechte sollte nach diesem Gesetz allein der „Reichsbürger“ haben (§ 2 Abs. 3 Reichsbürgergesetz – RBG). Dieser müsse Staatsangehöriger „deutschen oder artverwandten Blutes“ sein und durch sein Verhalten beweisen, dass er „gewillt und geeignet ist, in Treue dem Deutschen Volk und Reich zu dienen.“ Das Reichsbürgergesetz hatte zur Folge, dass kein Jude mehr ein öffentliches Amt innehaben konnte. Kommentator der Rassen-Gesetze war Hans Globke (1898 bis 1973). Er wirkte federführend an der Vorbereitung der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz (14.11.1935) mit. Auch wurde die Einführung des Stempels „J“ in Pässe von Juden von Globke mit konzipiert. Formuliert wurden von ihm das Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen (5.1.1938) sowie die Ausführungsverordnungen dazu. Von 1953 bis 1963 leitete er das Bundeskanzleramt.

Die Gruppe der „jüdischen Mischlinge“ wurde unterteilt in „jüdische Mischlinge ersten Grades“ mit zwei jüdischen Großeltern und „jüdische Mischlinge zweiten Grades“ mit einem jüdischen Großelternteil. „Mischlinge ersten Grades“ galten nicht als „Mischlinge“, sondern als „Voll-Juden“.

Dabei kam es zu verwickelten Situationen, wenn sogenannte Mischlinge mit Deutschen verheiratet waren. So führte der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, am 13.9.1939 aus: „SS-Obersturmführer Mayr/Miesbach ist mit Frau Sigrid, geb. Magnusssen verheiratet. Sigrid Magnussen ist nach ihrer Abstammung zu einem Viertel jüdischen Blutes.

SS-Obersturmführer Mayr hat sich verpflichtet, keine weiteren Kinder mit seiner Frau zu erzeugen und weiß, daß die 3 vorhandenen Kinder niemals die Genehmigung zur Verheiratung mit einem SS-Angehörigen bekommen werden.

Ich habe genehmigt, daß Obersturmführer Mayr in der SS verbleibt.

Dieses Schriftstück ist mit den Anlagen verschlossen und versiegelt beim Personalakt des SS-Obersturmführers Mayr aufzubewahren.“

Am 17. August 1935 ordnete die Geheime Staatspolizei (Gestapo) die Einrichtung einer reichsweiten „Judenkartei“ an, um die deutschen Juden regional und lokal zu erfassen und damit zu überwachen.

Zu Anfang des Jahres 1938 waren der jüdische Einzelhandel und die freien Berufe schon weitgehend ausgeschaltet. Dagegen waren Großfirmen, Privatbanken und das jüdische Handwerk verhältnismäßig verschont geblieben.

Von Januar bis Oktober 1938 gab es im Deutschen Reich 769 „Arisierungen“. Darunter waren 340 Fabrikbetriebe und 370 Großhandelsfirmen.1

Juden mussten seit dem 23. Juli 1938 „Kennkarten“ bei sich tragen, seit dem 17. August gemäß der Namensänderungsverordnung die Zweitnamen „Israel“ (Männer) oder „Sara“ (Frauen) annehmen und seit dem 5. Oktober ihre Sonderausweise mit einem roten J (Judenstempel) abstempeln lassen.

Ebenfalls im Juli 1938 wurde den etwa 3.000 noch im „Altreich“ (Deutsches Reich ohne Österreich) praktizierenden jüdischen Ärzten die Ausübung ihres Berufes verboten. Im September dieses Jahres folgte das Berufsverbot für jüdische Rechtsanwälte.

Am 9. Oktober 1938 erließ Polen eine Verordnung, nach der die Pässe aller länger als fünf Jahre im Ausland lebenden Polen ohne Sondervisum eines zuständigen Konsulats am 30. Oktober ablaufen sollten. Das betraf vor allem bis zu 18.000 von geschätzten 70.000 polnischen, meist verarmten Juden, die vielfach illegal im Großdeutschen Reich lebten. Die deutsche Regierung stellte Polen daraufhin am 26. Oktober ein Ultimatum, die Rückkehrmöglichkeit dieser Staatenlosen zu garantieren, andernfalls werde man sie sofort ausweisen. Nach der erwarteten Ablehnung befahl die Gestapo allen Städten und Gemeinden einen Tag später, die Betroffenen sofort festzunehmen. In der Nacht zum 29. Oktober wurden sie aus ihren Wohnungen geholt, in Zügen und Lastwagen zur deutsch-polnischen Grenze abtransportiert und hinüber getrieben. Ein Teil kam in den nächsten Tagen bei jüdischen Gemeinden in Polen unter, etwa 7.000 Personen mussten aber in ein Flüchtlingslager marschieren, wo sie bis August 1939 interniert wurden. Im Januar 1939 durften sie vorübergehend in ihre deutschen Heimatorte zurückkehren, um ihre Geschäfte zu verkaufen und ihre Haushalte aufzulösen. Der Sachverhalt ging als „Polenaktion“ in die Geschichte ein.

Der Vorwand für das Pogrom war das Attentat des polnischen Juden Herschel Grynspan auf den deutschen Legationsrat Ernst vom Rath in Paris am 7.November 1938. Zwei Tage später starb vom Rath. Sein Motiv war die Empörung über die geschilderte „Polenaktion“. Betroffen waren seine Eltern und Geschwister.

An diesem 9. November nahm Hitler nach dem Gedenkmarsch für den Hitlerputsch 1923 an einem Essen bei einem Kameradschaftsabend der Parteiführung mit im Alten Rathaus in München teil. Dort erfuhr er vom Tod des Diplomaten vom Rath. Goebbels machte die „jüdische Weltverschwörung“ für das Attentat verantwortlich. Er ließ nach Abschluss der Gedenkfeier nachts Telegramme von seinem Ministerium aus an untergeordnete Behörden, Gauleiter und Gestapostellen im Reich aussenden. In einem an die SA-Stelle Nordsee hieß es:Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können … Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden … Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen…“

Festgenommen werden sollten laut Fernschreiben von Heinrich Müller, dem Chef des Geheimen Staatspolizeiamtes, 20.000 bis 30.000 Juden, in erster Linie wohlhabende.

Zahlen zur Reichspogromnacht: 2

Bezugszahl: ca. 550.000 standen unter Hitlers Herrschaft (1933 lebten 499.682 im Deutschen Reich

Ermordet/ Todesfälle: Mindestens 91 Juden (nach „Die Zeit“ vom 3.11.1978); weitere Hunderte von Toten nach Einlieferung in Konzentrationslager)

Schwerverletzte und Selbstmorde: 36 nach Vollzugsmeldung von Heydrich an Göring vom 11.11.1939, bzw. unbekannt, darunter 2 polnische Staatsangehörige

Vergewaltigungen: Mehrere Fälle /vom nationalsozialistischen Parteigericht als Verbrechen gewertet und den staatlichen Gerichten überstellt, da Verstoß gegen Hitlers Nürnberger Rassen-Gesetze von 1935

Synagogen niedergebrannt und/oder zerstört: Mindestens 267

Geschäfte zerstört und/oder geplündert: 7.500

Jüdische Friedhöfe verwüstet: Fast alle

Wohnhäuser in Brand gesteckt/ zerstört: Mindestens 177

Fensterscheiben eingeworfen: Zehntausende

Glasschäden: 6.000.000 Mark (=halbe Jahresproduktion der belgischen Glasindustrie)

Sachschäden: Mehrere hundert Millionen Reichsmark

Verhaftungen: rund 30.000 Juden, 7 „Arier“, 3 Ausländer – davon verschleppt 9.815 ins KZ Buchenwald, 10.911 ins KZ Dachau, 5.000 – 10.000 ins KZ Sachsenhausen

Sühne“-Forderungen an Juden („Kontribution“): 1 Milliarde Reichsmark – Beschlagnahme der Versicherungsansprüche von Juden zugunsten des Reichs und Übernahme der Kosten zur Wiederherstellung von Betrieben und Wohnungen

Nicht bei jedem stieß dieser Vandalismus auf Zustimmung. So meinte Göring am 12. November 1938: „Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und hättet nicht solche Werte vernichtet.“3

Neuere Schätzungen gehen davon aus, dass in der Pogromnacht ungefähr 400 Menschen ermordet wurden. Während der Tage nach dem Pogrom kamen weitere 400 Menschen ums Leben.4 Nach jahrelanger Forschungsarbeit fand das Synagogue Memorial … heraus, dass im Novemberpogrom in Deutschland 1.406 Synagogen und Betstuben niedergebrannt oder vollständig zerstört wurden. 5

Die Lagerhaft kostete Hunderte Menschenleben. In Buchenwald fanden nach Angaben der Lagerverwaltung 207 Juden den Tod, in Dachau starben 185 , die Opferzahl von Sachsenhausen ist unbekannt. Tausende der Überlebenden wurden schwer körperlich verletzt – so mussten im Jüdischen Krankenhaus Berlin später 600 erfrorene Gliedmaßen amputiert werden 6

Die meisten Inhaftierten wurden bis August 1939 wieder entlassen. Vorher mussten sie sich schriftlich zur Auswanderung bereit erklären. Vom Pogrom bis zum Kriegsbeginn verließen etwa 115.000 bis 120.000 Juden das Reich, fast so viele wie seit der „Machtergreifung bis zum 9. November 1938.7

Wo fanden die Ausgewanderten Aufnahme? „Die britische Regierung gewährte den Verfolgten nach der Kristallnacht großzügige Aufnahme. Von den rund 100.000 Juden, die zwischen November 1938 und dem Kriegsausbruch im September 1939 Deutschland verließen, erhielten 40.000 Asyl in Großbritannien, das außerdem nach etwa 20.000 Flüchtlinge aus Österreich und 10.000 aus der Tschechoslowakei aufnahm. Kein anderes Land kam damals den verfolgten und vertriebenen Juden in gleicher Weise zu Hilfe.“8

Ein-und Ausreisevisa bezog man häufig nur noch auf dem Schwarzmarkt. Zudem bedurfte es Kredite ausländischer Verwandter oder Beamtenbestechung.

Am 12. November 1938 wurde eine Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben beschlossen. Alle reichsdeutschen Juden sollten enteignet und aus dem Kulturleben entfernt werden. Das Deutsche Reich sollte „judenfrei“ gemacht werden. Göring schlug damals vor, den Juden eine „Judenvermögensabgabe“ von einer Milliarde Reichsmark als „Sühneleistung“ abzufordern. Grund: „eine feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk“. Zweck des Vorschlags, der allgemeine Zustimmung fand: „Sehr kritische Lage der Reichsfinanzen. Abhilfe zunächst durch die der Judenschaft auferlegte Milliarde und durch die Reichsgewinne bei der Arisierung jüdischer Unternehmen.“ (Göring in einem Vermerk an den Reichsversicherungsrat vom 18. November 1938).

Die „harte Sühne“ sollten für die Juden folgendermaßen aussehen: Verbot von Einzelläden, Gewerbe-und Handwerksbetrieben, Versandgeschäften, Bestellkontoren, Märkten, Messen, Ausstellungen, Werbung und Bestellannahmen.

Zudem wurde es verboten, Mitglied einer Berufsgenossenschaft zu sein.

Am 21. November 1938 kam die erste Durchführungsverordnung zum Einzug der „Sühneleistung“. Die Kontribution wurde aufgrund der Vermögensanmeldung vom 26. April 1938 von jedem Juden einzeln erhoben in Form einer zwanzigprozentigen Abgabe von der Vermögenssumme. Sie war in vier Teilbeträgen bis zum 15. August 1939 zu zahlen. Im Oktober 1939 wurde die Abgabe auf 25 % des angemeldeten Vermögens erhöht. Begründung: der Betrag von einer Milliarde Reichsmark sei nicht erreicht worden. Letztlich brachte die Kontribution 1,127 Milliarden Reichsmark ein.9

Eine weitere Schikane: Am 14. November ordnete der damalige Reichserziehungsminister, Bernhard Rust, an, dass jüdische Schüler sofort aus deutschen Schulen entlassen werden müssten. Vorher, am 12. November 1938, wurde gegenüber den Juden ein Verbot der Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen ausgesprochen.

Waren die Ausschreitungen spontan? Der Gauleiter von Franken, Julius Streicher, gab in einem Memorandum vom 14. März 1939 die Antwort: „Die antisemitische Aktion vom November 1938 ist nicht spontan aus dem Volke gekommen … Ein Teil des Parteiapparates war mit der Durchführung der antisemitischen Aktion beauftragt worden.“

Reichspogromnacht regional

Die Reichspogromnacht in Alzenau

Etwas lapidar kann zusammengefasst werden, dass auch in Alzenau sie Synagoge schwer beschädigt wurde. Mit einem Beil wurde gegen die jüdischen Kulturdenkmäler vorgegangen.Zerrissen wurden Thora und Gebetsbücher. Im 1.Stock wurde die Hausmeisterwohnung demoliert – die Betten wurden aufgeschlitzt und der Küchenherd zum Fenster hinausgeworfen.

Lesen wir die Zeugenaussage von Meta Bachrach- Tochter von Ferdinand Hamburger–im Spruchkammerverfahren vom 6.11.1946 “An die Spruchkammer Alzenau”:

“Hier ist es so wie ich es erlebt habe-Als Zeuge und victim mache ich folgende Angaben.

Am 10. November als mein Vater in die Synagoge kam die gleich neben unserem Hause war, war dieselbe demoliert und das Almemor sowie auch der Aron Hakodesch angehackt mit einem Beil etc. Ich sah es selbst. Dieses geschah in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Während des Tages zogen Horden von Nazis vor unser Haus und der Synagoge auf. …In der Synagoge wurde alles kurz und klein geschlagen auch bei Ferdinand Hamburger wobei sie sogar die Betten aufschlissen und den Herd zum Fenster hinaus wurfen. …

Die Sefer Thora verrissen sie auf der Strasse und in dem Wege zwischen Pflaum und uns war ein richtiges Papiermeer von zerrissenen Thoras und Gebetbüchern.“

Einer Person wurde nachgewiesen, schon vor dem 10. November 1938 im Haus Bachrach öfters die Fensterscheiben eingeworfen zu haben.

Mit dem Begriff “Sefer Thora” sind Thorarollen gemeint, “Almemor” ist ein erhöhter Platz in der Synagoge für die Verlesung der Thora. Aron Hakodesch ist die hebräische Bezeichnung für den Thoraschrein (oder auch „heiligen Schrein“). Es ist der Schrein, in dem die Thorarollen in der Synagoge aufbewahrt werden.

Im Monatsbericht des Leiters des Bezirksamts vom 30.12.1938 heißt es zu den Folgen der Reichspogromnacht: „Die Stimmung der Bevölkerung kann im allgemeinen als gut bezeichnet werden, doch nehmen weite Kreise an dem eigennützigen Gebahren mancher führender Persönlichkeiten Anstoß, die die Arisierung des jüdischen Besitzes dazu benützen, um sich in ganz unzulässiger Weise zu bereichern. So hat ein Ortsgruppenleiter einen auf mindestens 2000 RM gewerteten Personenkraftwagen dem jüdischen Vorbesitz um 600 RM ‚abgekauft‘, ein anderer hat -natürlich ohne jede Befugnis- die Hauseinrichtung abwandernder jüdischer Familien ‚beschlagnahmt‘ und sich und seiner Verwandtschaft zugewiesen usw. Daß unter solchen Verhältnissen das Ansehen von Partei und Staat leiden muß, bedarf keiner weiteren Begründung. Es wäre sehr zu wünschen, daß solche Nutznießer der Judenaktion wenigstens zu einer kräftigen Abgabe an das Reich herangezogen würden.“

Reichspogromnacht in Hörstein

In der Nacht vom 9. auf den 10.November randalierten Hörsteiner SA-Leute vor mehreren jüdischen Anwesen. Manchmal drangen sie auch ein.Betroffen war das Haus von Hermann Rothschild, der angsterfüllt flüchtete. Die Eindringliche suchten „Schuldsteine“. Zudem beschädigten sie die Einrichtung und misshandelten sie die Bewohner. Als Julius Hamburger überdimensional geschlagen wurde, rief seine Frau:“Laßt ihn gehen, ihr schlagt ihn tot!“ Die Schreie wurden von Zeugen vernommen, die sich aber nicht dafür interessierten. Von Misshandlungen war auch Leopold Rothschild betroffen. Ein SA-Führer erteilte jüdischen Anwohnern Ausweisungsbefehle. Ob die Synagoge beschädigt wurde, konnte nicht zweifelsfrei festgestellt werden.

Sonstige jüdische Gemeinden im Kreis Aschaffenburg

Goldbach

Die Synagoge wurde 1818 erbaut und 1938 innen zerstört, 1942 wurden die Goldbacher Juden in die Vernichtungslager transportiert

Großostheim

Hier wurde die Synagoge 1751 erbaut. 1938 wurden die Synagoge und die Mikwe beschädigt. Die Kultusgemeinde erlosch 1942.

Kleinostheim

Hier bestand von 1692 (?) bis 1875 eine Kultusgemeinde

Schöllkrippen

Die Synagoge entstand 1826, die Kultusgemeinde existierte bis 1938. In diesem Jahr wurde die Synagoge geschändet und angezündet. Am Morgen des 10. November wurde die Synagoge von Aschaffenburger SA-Leuten in die Luft gesprengt. Jüdische Häuser und Geschäfte wurden verwüstet. 1934 wurden in den Straßen, in denen hauptsächlich Juden wohnten, SA- Kampflieder gesungen („Wenn’s Judenblut ans Messer spritzt“). Die Bevölkerung wurde zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen. Wenige Monate nach der Zerstörung der Synagoge in Schöllkrippen meldete der damalige Bürgermeister Valentin Kraus, dass der Ort als einer der ersten in Unterfranken „judenfrei“ sei.10 Eine jüdische Gemeinde gab es damit nicht mehr. Achtzehn jüdische Bürger wurden deportiert und in Konzentrationslagern ermordet, einer kehrte aus dem KZ Theresienstadt in seinen Heimatort zurück. Bemerkenswert an Schöllkrippen ist, dass die Aneignung der jüdischen Anwesen schon vor der Reichspogromnacht geplant war. Bei der Gedenksteineinweihung vom 9.11.1988 führte der damalige Bürgermeister Karl-Peter Seitz nach der Lektüre des Gemeinderatsprotokolls vom 6.10.1938 aus: „ … Der damalige Bürgermeister hat aufgrund der Beratung im Gremium am gleichen Tag verfügt: … Die Synagoge wird von der Gemeinde erworben und zum Spritzenhaus umgebaut. Haus Neumann ist geeignet für HJ-Heim, Haus Gustav Maier zur Straßenverlegung, Haus Isaak Strauß zum Rathaus und Haus Louis Strauss wird zum Kindergarten eingerichtet – Hier muss man bedenken, dass die Betroffenen seinerzeit noch in Schöllkrippen wohnten und ihre Häuser, ihr Vermögen noch nicht aufgeben mussten. Diese Erkenntnis, die ich aus dem Protokollbuch des Marktes entnommen habe, hat mich unwahrscheinlich betroffen und nachdenklich gemacht.“11

In Zusammenhang mit dem Judenpogrom befanden sich 1938 folgende Juden im Gerichtsgefängnis in Alzenau: Hugo Hamburger, Dina Hamburger und Simon Oppenheimer (Anfang Mai „zum eigenen Schutze“). Nach der Reichspogromnacht: Salomon Maier, Wilhelm Neumann (Schöllkrippen), Gustav Maier (Viehhändler Schöllkrippen), Leo Maier (Viehhändler Schöllkrippen), Benno Strauß (Viehhändler Schöllkrippen), Heinrich Freudenthal (Händler Alzenau), Josef Hamburger (Viehhändler Alzenau), Ludwig Feldmann (Händler Alzenau), Moritz Steinhauser (Handelsvertreter Alzenau) und Julius Hamburger. Die Haftdauer betrug überwiegend etwa eine Woche, einmal etwa zwei und einmal etwa drei Wochen. Die Verhaftungen erfolgten nahezu alle auf Weisung der Gestapo Würzburg und Aschaffenburg.

Aschaffenburg

In Aschaffenburg zündeten in der Nacht vom 9. auf den 10.November 1938 SA-Trupps gegen ein Uhr morgens die Synagoge an und hinderten die Feuerwehr daran, den Brand zu löschen. Sie brannte bis auf die Grundmauern nieder, die Abrisskosten wurden der jüdischen Gemeinde in Rechnung gestellt. SA-Männer demolierten zahlreiche Geschäfte, das Restaurant „Kulp“ in der Weißenburger Straße wurde restlos zerstört. Der Getreidehändler Alfons Vogel wurde niedergeschossen. Er starb an seinen Verletzungen. 20 jüdische Männer wurden in „Schutzhaft“ genommen, sieben von ihnen nach Dachau deportiert.12

Allgemeine Einschätzung der Reichspogromnacht

Mit der Reichspogromnacht wurde ein neuer Abschnitt der Judenverfolgung erreicht. Es war der Übergang von der systematischen Diskriminierung zum Vandalismus – dem gewollten Pogrom. Dass diese Entwicklung nicht der Endpunkt war, wissen wir alle. Der renommierte Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz ordnet die Ereignisse wie folgt ein: „Der Pogrom … markierte die Wende. Mit keinem andern Ereignis hat das NS-Regime so zynisch demonstriert, daß es auch auf den Schein rechtsstaatlicher Tradition nun keinen Wert mehr legte. Antisemitismus und Judenfeindschaft, wie sie als Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie schon immer propagiert worden waren, schlugen jetzt um in die primitiven Formen physischer Gewalt und Verfolgung. Die ‚Reichskristallnacht‘ bildete den Scheitelpunkt des Wegs zur ‚Endlösung‘ zum millionenfachen Mord an Juden aus ganz Europa.“13 Eine andere Einordnung sieht einen gezielten umfassender Angriff des Regimes auf die noch vorhandenen moralisch-ethischen Grundlagen und Reste eines rechtsstaatlichen Bewusstseins der Deutschen.

Heutige Entwicklung

Aktuell feiert eine Partei den Einzug in den Bundestag als drittstärkste Kraft, die einen klaren Trennungsstrich zu dieser Zeit nicht ziehen will. „Wir Deutschen sind das einzige Volk, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“, sagte der AfD-Vorsitzende von Thüringen, Björn Höcke, im Januar 2017 in Dresden. AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland hat vor kurzem einen Schlussstrich unter die Nazi-Vergangenheit und eine Neubewertung der Taten deutscher Soldaten im zweiten Weltkrieg gefordert. In einer Rede vor Anhängern sagte Gauland am 2. September bei einem „Kyffhäuser-Treffen“ der AfD in Thüringen, kein anderes Volk habe „so deutlich mit einer falschen Vergangenheit aufgeräumt wie das deutsche“. Mit Blick auf die NS-Zeit von 1933 bis 1945 fügte Gauland hinzu: „Man muss uns diese zwölf Jahre nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr. Deshalb haben wir auch das Recht, uns nicht nur unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen.“ Weiter führte er aus: Wenn Franzosen und Briten stolz auf ihren Kaiser oder den Kriegspremier Winston Churchill seien, „haben wir das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“.

Die hier zu Tage tretende Geschichtsvergessenheit ist nicht hinzunehmen. Die zwölf Jahre der NS-Herrschaft müssen ein abschreckendes Beispiel für Inhumanität bleiben. Nicht nur in Deutschland, auch in anderen Teilen der Welt nimmt der völkische Nationalismus zu, zum Beispiel in Ungarn und Polen. Auch der amerikanische Präsident, Donald Trump, hat mit Völkerverständigung nichts am Hut. Deswegen gilt es, Kurs zu halten und den nationalistischen Trend entschieden zu bekämpfen.

Christian Schauer

Gedenken Reichspogromnacht 2017 Kahl

Reichspogromnacht Gedenken in Kahl am 9.11.2017 Foto privat

Literatur:

Walter H. Pehle (Hrsg.): Der Judenpogrom 1938. Von der „Reichskristallnacht“ zum Völkermord, Frankfurt am Main 1988

Heinz Lauber, Judenpogrom „Reichskristallnacht“ November 1938 in Großdeutschland, Gerlingen 1981

Micha Brumlik/ Petra Kunik (Hrsg.), Reichspogromnacht . Vergangenheitsbewältigung aus jüdischer Sicht, Frankfurt am Main 1988

Stadt Alzenau (Hrsg.), Skizzen zur Geschichte der Juden in Alzenau, Wasserlos und Hörstein, Alzenau o.J. (Text: Peter Körner)

Helmut Winter, Die Reichskristallnacht im Bezirk Alzenau, in: Unser Kahlgrund Heimatjahrbuch 1989, S. 198 -203

„Es waren unsere Mitbürger…“ Gedenkstein an die Schöllkrippener Synagoge übergeben, in „Der Heimatbote“ vom 10.11.1988

Juden im Raum Aschaffenburg: Denken an eine Minderheit nicht verdrängen, in Main-Echo vom 12.2.1993

„Am 9.November ging unser Vertrauen in Flammen auf“, in Main-Echo vom 12.11.1996

Manuskript anonym, Juden in Alzenau und Umgebung, Alzenau 1986

https://de.wikipedia.org/wiki/Novemberpogrome_1938#Die_Nacht_vom_9._auf_den_10._November_1938

https://de.wikipedia.org/wiki/Herschel_Grynszpan

https://de.wikipedia.org/wiki/Polenaktion

https://de.wikipedia.org/wiki/Judenkartei

https://de.wikipedia.org/wiki/Arierparagraph

http://www.faz.net/aktuell/politik/bundestagswahl/afd-alexander-gauland-relativiert-verbrechen-der-wehrmacht-15199412.html

http://www.kurtgumpel.de/lebenslauf-kurt-gumpels/massnahmen-gegen-juden.html

1Vgl. Walter H. Pehle (Hrsg.): Der Judenpogrom 1938. Von der „Reichskristallnacht“ zum Völkermord, Frankfurt am Main 1988, S. 106

2Heinz Lauber, Judenpogrom „Reichskristallnacht“ November 1938 in Großdeutschland, Gerlingen 1981, S. 123 f.

3Micha Brumlik/ Petra Kunik (Hrsg.), Reichspogromnacht . Vergangenheitsbewältigung aus jüdischer Sicht, Frankfurt am Main 1988, S.23

5Ebd.

7Pehle, a.a.O. S. 116 u. S.139

8Lauber, a.a.O., S. 198

9Vgl. Pehle, a.a.O. S.115

10Arbeitskreis Jüdisches Leben in Schöllkrippen (Hrsg.), Stolpersteine zum Gedenken an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Schöllkrippen, Schöllkrippen o.J., S. 3

11Ebd., S.24

12 Juden im Raum Aschaffenburg: Denken an eine Minderheit nicht verdrängen, in Main-Echo vom 12.2.1993

13 Wolfgang Benz: Der Holocaust 6. Auflage, München 2005, S.26


Bericht über die Stolperstein-Verlegung vom 15.2.2018 in Goldbach

Wahrscheinlich gab es schon im 14.Jahrhundert Juden in Goldbach. Eine jüdische Gemeinde wurde im 18. Jahrhundert gegründet. Die Synagoge in der Sachsenhausenstraße wurde 1818 erbaut. Es war ein kleines Haus, das Erdgeschoss war den Männern vorbehalten, der erste Stock den Frauen. Hier wurde auch den Kindern Religionsunterricht erteilt. Hinter der Synagoge gab es eine Mikwe. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts gehörten zur jüdischen Gemeinde auch in Hösbach lebende Juden.1900 lebten 68 Juden in Goldbach (3,4 % der Bevölkerung). Der Bezirksfriedhof von Schweinheim bei Aschaffenburg (heute Ortsteil) war Begräbnisstätte auch für die Goldbacher Juden.1 Ein Meilenstein der Diskriminierung der Goldbacher Juden war ein Beschluss des Goldbacher Gemeinderates vom Oktober 1935, der jedweden Zuzug von Juden in die Gemeinde sowie den Erwerb von Grundstücken verbot. Vorher im März wurden an einigen Goldbacher jüdischen Häusern die Fensterscheiben eingeworfen. Bei den jüdischen Gemeindemitgliedern, die Anfang der 1930er Jahre in der Gemeinde lebten, überwogen die Kaufleute und die Viehhändler. 1933 lebten 38 Juden in Goldbach, 15 in Hösbach. In der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 wurde die Fenster der jüdischen Wohnhäuser eingeworfen. In der darauf folgenden Nacht wurde die Synagoge ausgeräumt. Es blieben nur einzelne Mauerreste stehen. Auch die Mikwe wurde zerstört. Sieben Juden kamen in Schutzhaft, fünf landeten im Konzentrationslager Dachau.

Von den Schulen tat sich bei der Verlegung die Klasse 8 a der Mittelschule Goldbach hervor. Sechs Schüler berichteten über die Familie Brandstädter aus Goldbach, die bis zum 23. April 1942 in der Aschaffenburger Straße 69 gewohnt hatte. Die Schüler informierten auf der letzten Station der Stolperstein – Verlegung mit Informationstafeln und durch mündlichen Vortrag.

Ursprünglich stammte die Familie aus Galizien in der heutigen Ukraine. Wahrscheinlich wanderte sie im 19. Jahrhundert aus der Ukraine aus. In Goldbach bestand sie aus fünf Personen. Jakob Brandstädter (geboren 1897) heiratete 1920 Mina Rothschild (geboren 1895). Er übernahm das Kolonialwarengeschäft von seinem Schwiegervater Josef Rothschild. Ihr Bruder Felix starb im Ersten Weltkrieg. Drei Kinder hatte die Familie: die Söhne Heinz (geboren 1921) und Josef (geboren 1923) und die Tochter Lore (geboren 1929). Lore war beliebt, ging in den katholischen Kindergarten und in die Volksschule Goldbach. Lore war befreundet mit Johanna Sittinger, Renate Oppenheimer und Ilse Regenstein.

Goldbach Demnig neu (2)

Stolperstein Verlegung in Goldbach

Die Stolpersteinverlegung begann um 12 Uhr am jüdischen Gedenkstein am Parkplatz Sachsenhausen 5, wo der Goldbacher Bürgermeister Krimm eine Rede hielt. Dann zogen die Teilnehmer weiter zur Aschaffenburger Straße 51, wo der Kölner Gunter Demnig vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Regenstein drei Stolpersteine verlegte.Für Ilse Regenstein wurde an diesem Ort zusammen mit ihrer Familie ein Stolperstein verlegt. In einer Gedenkrede erinnerte Ottmar Heeg, damals Klassensprecher und zwölf Jahre alt, an seine damalige Klassenkameradin. Gegenwärtig wird ein Dönerimbiss an der Stelle ihres damaligen Hauses betrieben, früher war hier der Stall. Über dem Stall lagen die Wohnräume. Heeg schilderte sie in seinem Vortrag als zurückhaltendes und ruhiges Mädchen. Die Juden lebten nach seiner Aussage in unmittelbarer Nähe des Sandsteinkreuzes, dem Mittelpunkt des Ortes. Nach seiner Einschätzung waren sie gut situiert, hatten zweistöckige Häuser. Das kleinste Haus war das von Moritz Regenstein, dem ärmsten Juden von Goldbach. Seine Frau hieß Rosa und war geborene Oppenheimer. In seinem Haus wurden auch Stallhasen gehalten. Nach Schlachtungen von Stallhasen in Goldbach sammelte Regenstein alle getrockneten Felle und entsorgte sie. Ebenso entsorgte er die Überreste von geschlachteten Hühnern. – Am 9.September 1942 wurde die Familie Regenstein nach Theresienstadt deportiert. 1944 fand die Familie in Auschwitz den Tod.2

Goldbach Stolperstein neu

Stolperstein Moritz Regenstein

An der Aschaffenburger Straße 48 war die vorletzte Station. Hier lebte die Familie Oppenheimer, für die Gemeinderatsmitglied Wolfgang Mauler, auf dessen Anregung hin die Stolpersteine in Goldbach verlegt werden, die Patenschaft übernahm.

Kehren wir zu den Brandstädters zurück. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurden auch bei ihnen Fensterscheiben eingeworfen, Treppensteine weggerissen und Fensterläden beschädigt. Jakob Brandstädter kam in Schutzhaft nach Dachau. Wahrscheinlich kehrte er im Januar 1939 nach Goldbach zurück. Im März 1939 wurde das Geschäftshaus für 16.800 Reichsmark an einen Deutschen verkauft, es blieb ein kleines Wohnhaus. Mina Brandtstädter zog nach der Reichspogromnacht nach Aschaffenburg, vermutlich wegen der größeren Anonymität, kehrte jedoch bald wieder nach Goldbach zurück. Auch die Söhne Heinz und Josef zogen im Mai 1940 weg nach München und kehrten später wieder nach Goldbach zurück. Zwangsweise arbeiteten sie 1942 in der Fassholzfabrik Goldbach. Dort sollten sie bleiben! Da aber die Gesamtzahl der erstrebten Evakuierungen nicht erreicht wurde – geplant waren 1.000 Juden pro Evakuierung – sollten sie daran glauben. Am 23. April 1942 mussten die Familie mit der Deutschen Reichsbahn nach Würzburg fahren – insgesamt 16 Jüdinnen und Juden aus Goldbach waren davon betroffen. Für Lore war das besonders bitter, da sie an diesem Tag ihren 13. Geburtstag hatte. Zwei Tage später verließen 955 Juden aus Franken Würzburg. Zielort war das Durchgangslager Krasnizyn bei Lublin.

Wie in dem größeren Durchgangslager Izbica begannen auch in Krasnizyn im März 1942 die Transporte aus dem Westen. Sie kamen aber zunächst nicht aus dem „Altreich“, sondern vielmehr aus dem Reichsprotektorat Böhmen und Mähren. Es folgten im April 200 Juden aus Izbica. Am 28. April 1942 traf ein Transport mit etwa 1.000 Juden aus Mainfranken (der besagte aus Würzburg, Bamberg und Nürnberg) in Krasnystaw ein.3 Krasnizyn hatte keinen eigenen Bahnhof, es war ein Dorf mit 1.000 Einwohnern. Zunächst lebten dort polnische Juden, jetzt kamen deutsche hinzu. Die sanitären Verhältnisse waren so schrecklich, dass Krankheiten und Seuchen unausweichlich waren. Die polnischen Juden wurden in das nahe Vernichtungslager Belzec vertrieben.
Die Durchgangslager waren keine Vernichtungslager, sondern vor allen Zwangsarbeitslager. Das Durchgangslager von Krasnizyn wurde im Juni 1942 aufgelöst. 200 Juden wurden von Deutschen auf dem Friedhof erschossen. Überlebende wurden nach Izbica gestrieben und dann weiter in das Vernichtungslager Sobibor. Wahrscheinlich wurden sie am 6. Juli 1942 getötet. Wie die Familie Brandstädter starb, weiß man nicht.4 Nur eine Person kehrte nach dem Krieg nach Goldbach zurück.5

Goldbach Denkmal

Juden Denkmal in Goldbach

2Main-Echo vom 13.2.2018

4Fakten zu den Brandstädters überwiegend entnommen: Manuskript der Klasse 8 a der Mittelschule Goldbach, Familie Brandstädter, o.O., o.J.

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Dokumente zur Geschichte der Juden in Gunzenhausen

The New York Times 29. (?) März 1934

Deaths Of Two Jews Laid to Nazi Raiders

One Dies of Four Knife Wounds in Bavarian Village, Other Ends life by Hanging

Berlin. March 28 (AP). – A violent anti-Semitic demonstration at Gunzenhausen in Bavaria was reported today to have resulted in the deaths of two Jews, one committing suicide by hanging and the other dying from four knife wounds.

Eleven Jews were arrested during the demonstrations reported to have been staged by Nazi storm troopers Sunday after a Jew expectorated on a troopers’s uniform. All those arrested were released later.

The two victims were Jacob Rosenfelder, who hanged himself after the demonstration, and Max Rosenau, who was found dead in his room.

The demonstration was said to have been carried out by the local storm troopers against the protests of local police and authorities.

The newspaper Fraenkische Tageszeitung printed an editorial Saturday, the day before the demonstration, which said:

Tell me from whom you are buying and I will tell you what you are.“

It was reported today that villages of Upper Franconia, Bavaria, were stopping merchant carts at the entrances of the towns, determining wheter the merchants were Jewish before permitting them to pass.

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Geschichte des Hauses Hafnermarkt 13 – einst jüdisches Ritualbad

Gunzenhausen

Gedenktafel am Haus Hafnermarkt 13

Veröffentlicht 1. März 2013 von schauerchristian in Alzenau und Gunzenhausen in der NS-Zeit

Carl Diem Debatte in Alzenau

Diem Resümee für Alzenau

Mitte August 2017 wurde bekannt, dass der Antrag auf Umbenennung der Carl-Diem-Straße erneut abgelehnt wurde.

Die Alzenauer Grünen erinnerten in ihrem Antrag vom März 2017 an Reinhard Appel (1927- 2011). Der ehemalige Chefredakteur des ZDF war Augenzeuge des Diem – Auftrittes. Am 18. März 1945 hatte Diem bei einer Rede auf dem Berliner Reichssportfeld Hitlerjungen und Volkssturm auf- gefordert, bis zum Tod weiterzukämpfen. Dabei verglich er das letzte Aufgebot an Vaterlandsverteidigern mit den Spartanern und zitierte ein Lied mit der Eingangszeile:“Schön ist der Tod…“  Reinhard Appels Vorwurf: Diem habe seine Autorität genutzt, »um Jugendliche wie ihn damals in den Kugelhagel zu schicken.« Die Atmosphäre im Kuppelsaal sei vergleichbar gewesen mit der im Sportpalast bei der Goebbels-Rede zum ‚totalen Krieg‘. Für die Fraktionssprecherin von Bündnis 90/ Die Grünen Claudia Neumann war klar: »Carl Diem kann in der heutigen Zeit nicht mehr als Vorbild gesehen werden.“

Der Antrag der Grünen wurde nicht zur Abstimmung gestellt. Das verhinderte ein Geschäftsordnungsantrag, den Bürgermeister Alexander Legler (CSU) begründete. Argumentiert wurde, dass eine Entscheidung des Stadtrates aus 2003 (für die Beibehaltung des Namens) nicht umgestoßen werden dürfe, da sich seither kein neuer Sachverhalt ergeben habe. Ein neuer Sachverhalt wäre nach Auffassung Leglers, wenn es neue historische Erkenntnisse gäbe.
Der Alzenauer Stadtrat ließ 2003 die Aussage protokollieren, dass die Einschätzung zur Person von Carl Diem »nicht eindeutig« sei. Daran habe sich nichts geändert. 2003 hatte die Deutsch-Ausländische Gesellschaft Alzenau zum zweiten Mal beantragt, die Straße umzubenennen. Beim ersten Mal 1995/1996 war es der Ortsverband der Grünen.

Michael Müller vom Main-Echo würdigte in seinem Kommentar die vorbildliche Erinnerungskultur Alzenaus und sah es als vorbildlich an, dass Hetzern kein Raum gelassen wurde. Er fuhr fort:“Doch Carl Diem war zweifellos einer dieser Hetzer, einer dieser Hass- und Zwietrachtsäer. Wie muss man ticken, wenn man in einem verlorenen Krieg Mitte März 1945 Jugendliche zu einem ‚finalen Opfergang‘ aufruft? Zu dem Diem selbst offenbar nicht bereit war. Er machte noch schön seine Nachkriegskarriere, während viele seiner jungen Zuhörer nicht mehr am Leben waren.
Diesen Mann sollte man nicht ehren – nicht einmal »nur« mit einer nach ihm benannten Straße. Das Ganze passt nicht zusammen, es passt nicht zu Alzenau.
Es mag ja verständlich sein, wenn Anlieger keine Umbenennung wollen. Dazu sei gesagt: In der Nachbarkommune Freigericht sind zigfach Straßen umbenannt worden, um Mehrfachnennungen in den Ortsteilen zu vermeiden. Dieser Vorgang ging viel geräuschloser und unspektakulärer vonstatten, als die Kritiker (die ihren Straßennamen behalten wollten) zuvor gedacht hätten. Es war letztlich kein Problem. Natürlich wäre es möglich gewesen, einen »neuen Sachverhalt« gelten zu lassen – der neue Wohnkomplex an der Carl-Diem-Straße ist ein solcher. Ich halte es in diesem Punkt mit den Alzenauer Grünen: Eine historische Chance ist vertan.“

Dass es so kommen würde, deutete sich bereits Anfang Juli 2017 an. Bürgermeister Alexander Legler (CSU) überraschte mit der Ankündigung, das Thema in der Augustsitzung des Stadtrates behandeln zu wollen – allerdings gänzlich anders, als es die Grünen erwartet hätten: Legler will beantragen, dass der grüne Antrag nicht behandelt wird. Der Grund: Alzenaus Stadtrat habe bereits über die Abschaffung des Namens entschieden – und die Abschaffung abgelehnt. Dieser Beschluss sei gültig und habe Bestand.

Christian Schauer wies in einem Leserbrief kurz darauf auf die Entwicklung in anderen Kommunen hin. „Der Tatsache, den Antrag auf Umbenennung der Carl-Diem-Straße nicht behandeln zu wollen, widerspricht die Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland seit 2003. In diesem Jahr war ein derartiger Antrag in Alzenau zuletzt gestellt worden.
Seither sind viele Städte dazu übergegangen, Carl-Diem-Straßen, -wege und -hallen umzubennen. Diems Wirken wurde von Kommunalpolitikern kritischer gesehen. Städte wie Aachen (2007), Köln (2007/2008), Neuss (2009), Grevenbroich (2010) und Münster (2010) haben bereits Carl-Diem-Straßen und -Wege umbenannt und somit ein deutliches Zeichen der Distanz zu diesem braunen Sportfunktionär gesetzt. Die einst am Carl-Diem-Weg gelegene Deutsche Sporthochschule in Köln scheiterte 2008 vor Gericht mit dem Versuch, die Umbenennung der Straße in „Am Sportpark Müngersdorf“ zu verhindern. In seiner Geburtsstadt Würzburg wurde eine historische Entscheidung gefällt. Eine Sporthalle ist seit 2004 nicht mehr nach Carl Diem benannt.

Eine überzeugende Argumentation führte ein Kommunalpolitiker in Pulheim (Nordrhein-Westfalen) an, wo es 2009 auch zu einer Umbenennung kam: ‚Ich bin schockiert, das wir die Frage des ‚ob‘ hier überhaupt noch diskutieren müssen. Gegen das Leid, das dieser Mensch verursacht hat, die Änderungskosten für einen Briefkopf zu setzen, ist zynisch‘.

Eine der letzten Umbenennungen fand 2014 in Alsdorf statt. In den Aachener Nachrichten hieß es dazu abschließend: ‚Damit ist auch in Alsdorf vollzogen, was in anderen Städten bereits geschah. Dieser Prozess war zuletzt von allen Parteien unterstützt worden.‘

Alzenau stellt sich bisher als ziemlich einzigartig dar, was die Einschätzung von Carl Diem betrifft. Das muss nicht so bleiben.“

Mitte März wies er auf die NS-Verstrickung Carl Diems hin:Diems extremer Nationalismus und Militarismus zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben: Schon 1931 führte er in der Heeressportschule Wünsdorf folgendes aus: „Vom Standpunkt der Wehrgesinnung gilt es noch ein letztes zu beachten: Sporteinigkeit. Der nächste Krieg wird nicht mit den Kriegsfreiwilligen gewonnen, sowenig wie es im Weltkrieg möglich war, er ruht vielmehr auf dem Wehrwillen der Wehrflauen.“ Nach der Machergreifung 1933 war Sport für ihn „eine weihevolle Tätigkeit“ und „ein Dienst am Vaterland“.

Im Festspiel-Entwurf für das Deutsche Turn- und Sportfest 1938 in Breslau äußerte er seinen romantischen Militarismus: „Allen Spiels heil’ger Sinn, Vaterlandes Hochgewinn – Vaterlandes höchst‘ Gebot in der Not, Opfertod!“

Eine führerzentrierte Skidemonstration entwarf Diem 1940. Höhepunkt sollte eine „Gefechtsfeldübung der Wehrmacht“ und eine Hitleransprache sein. Sein Wunsch, Sportregimenter für die Blitzkriegskonzeption aufzustellen, scheiterte am Widerstand der SA. In einem Memorandum von 1941 begründete er die Beibehaltung weltumspannender olympischer Spiele wir folgt: „ Ich meine aber, daß man den Herrenstandpunkt der überlegenen Rasse nur dann auf Dauer durchhält, wenn auch eine körperliche Gesundheit und Kraft dahinter steht, und darum sehe ich in den Spielen für Europa genau das, was Coubertin in ihnen für Frankreich gesehen hat: die immer wiederkehrende Prüfung im härtesten Feuer und der stachelnde Anreiz, es den besten aller Völker gleichzutun. Wir wollen Weltspiele, weil wir der Welt zeigen wollen, was wir können!“

In einer Rede auf dem Reichsssportfeld vom 18. März 1945 zitierte er den Satz des griechischen Dichters Tyrtaios (7. Jahrhundert vor Christus): „Schön ist der Tod, wenn der edle Krieger für das Vaterland fällt.“

Dass Diem seine Rolle in der NS-Zeit in der Nachkriegszeit öffentlich bereut hat, ist nicht bekannt.

Angefangen hatte die Debatte Mitte März 2017. In einer Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses wurde beschlossen, das Bauleitplanverfahren für das ehemalige Gärtnerei Huth Gelände unter der neuen Bezeichnung »An der Carl-Diem-Straße« fortzuführen. Stadtrat Otto Grünewald (CSU) ist Anlieger dieser Straße. Er störte sich nicht an dem Bauprojekt in der Nachbarschaft. Doch nahm er das laufende Genehmigungsverfahren zum Anlass, auf ein »dauerhaftes Ärgernis« hinzuweisen. Seine Familie und andere wollten nicht länger in einer Carl-Diem-Straße wohnen.

Ende Juni 1996 war der Antrag mit folgender Begründung abgelehnt worden (Main-Echo vom 27.6.1996):“Keine neue Diskussion gab es zum Antrag der Grünen auf Umbenennung der Carl-Diem-Straße im Stadtteil Michelbach. Der Sportfunktionär war bereits bundesweit in die Kritik geraten, weil er während der NS-Zeit mit etlichen Äußerungen aufgefallen war. Der Stadtrat folgte mehrheitlich der Empfehlung des Kulturausschusses und ließ es bei der bisherigen Bezeichnung der Straße in Michelbach. Dabei beriefen Kulturausschuss und Stadtratsplenum sich auf ein Gutachten von Professor Teichler, das das Lebenswerk von Carl Diem ’nicht auf die Zeit des NS-Regimes reduziert‘ sehen wollte.“

Aller guten Dinge sind drei“ – sollte man meinen. Für Alzenau gilt das nicht. Hier gehen die Uhren anders. Die meisten haben wohl kein Interesse an der Thematik, den anderen fehlt die Distanz zur Vergangenheit. Die große Mehrheit der von der Stadt Befragten wollte die Beibehaltung des Namens (34 gegen 5). Diese Mehrheit ist bodenlos. Keiner dieser Menschen hat sich die Mühe gemacht, auf die Einlassungen der Umbenennungs – Befürworter Gegenargumente anzuführen.

Alzenau, 5.12.2017 Christian Schauer

https://schauerchristian.wordpress.com/category/leserbriefe-aktuell-szydlo-dreht-durch-und-fluch-des-coltan/leserbriefe-regional/

Diem 1996

Debatte über Carl-Diem-Straße 1996 © Main-Echo

Diem 1996 zwei

Debatte über Carl-Diem-Straße 1996 © Main-Echo

 

Veröffentlicht 7. Dezember 2012 von schauerchristian in Carl Diem Debatte in Alzenau

Alois Brunner

Georg Hafner, Esther Schapira, Die Akte Alois Brunner. Warum einer der größten Naziverbrecher noch immer auf freiem Fuß ist. Reinbeck bei Hamburg 2002, Burchard Brentjes, Geheimoperation Nahost, Berlin 2001

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Alois Brunner wurde 1912 in Rohrbrunn (Burgenland) geboren. 1938 wurde er Stellvertreter Adolf Eichmanns.In dieser Eigenschaft organisierte er die Deportationen in Paris, in Saloniki, Nizza oder Berlin. Im November 1938 wurde Brunner der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien zugeteilt. Mit dem Antritt dieser neuen Stelle fand die Unstetigkeit in Brunners Leben ein Ende. Zuerst als Mitarbeiter Eichmanns, dann ab 1941 als Leiter der Zentralstelle, organisierte Brunner fortan die Deportation der Wiener Juden in Ghettos und Vernichtungslager im Osten. Am 9. Oktober 1942 meldete er, dass Wien nunmehr „judenfrei“ sei, was bedeutete, dass 180.000 Wiener zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen oder aber bereits in den sicheren Tod geschickt worden waren. Ein erschütterndes Beispiel liegt im Kabarettisten Fritz Grünbaum, der verhaftet wurde und ins KZ Dachau eingeliefert wurde. Am 14. Januar 1941 stirbt Fritz Grünbaum im Alter von 61 Jahren.

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1945 stand er als Nummer 13 auf der Liste der angeklagten Kriegsverbrecher. Im Nürnberger Prozeß sollte er sich verantworten. 120.000 Menschenleben gingen auf sein Konto. Bis 1954 lebte er unbehelligt in Essen. Als „Alois Schmaldienst“ war er dort sogar polizeilich gemeldet. Laut dem Autoren Christopher Simpson war Alois Brunner jahrelang Angestellter des BND1. Bei der Bereitstellung von Fachleuten für den ägyptischen Geheimdienst wurde Hjalmar Schachts Schwiegersohn, Otto Skorzeny, von der Organisation Gehlen angeheuert. 1953 und 1954 mobilisierte er etwa hundert alte Kameraden, darunter auch Alois Brunner. „In Kairo trat Brunner bei Empfängen deutscher Konzernvertreter unter seinem Klarnamen auf.“ Zu denFachleuten in Kairo gehörte auch Franz Buensch, der in Eichmanns Abteilung tätig war. Als Resident der Organisation Gehlen in Kairo teilte er sein Büro mit Brunner. Anfang des Jahres 1954 hält sich Alois Brunner in Ägypten auf. Von Kairo wird er nach Damaskus in Syrien weiter geschleust. Der ehemalige Großmufti von Jerusalem Husseini, der für seine Sympathien für den Nationalsozialismus bekannt ist, hilft ihm dabei. Der Kriegsverbrecher wohnt mit dem ehemaligen Lagerkommandanten von Treblinka und Sobibor, Franz Stangl, in einer Wohnung in Damaskus. Stangl wurde 1970 wegen gemeinschaftlichen Mordes an mindestens 400.000 Juden zu lebenslanger Haft verurteilt. Brunner nennt sich in Syrien Georg Fischer. Er steigt zum Berater der syrischen Regierung auf und betreibt in Syrien einen lukrativen Handel mit Sauerkraut und Schwarzbrot. Brunner macht von Syrien aus Geschäfte mit Adolf Eichmann, der in Argentinien lebt. In Damaskus wohnte Brunner in der Nähe des „Kathar Office“ – einer Im- und Exportfirma- die in der Rue Georges Haddad 22 sich befand. Brunner hieß dort „Mister Fischer“. Mitbetreiber war Adolf Eichmann – in Syrien strandeten aber auch viele andere alte Nazis. Hier war das „Kathar office“ die einschlägige Anlaufstelle. Zum Startkapitel des „Kathar Office“ gehörten Restgelder aus dem Reichssicherheitshauptamtes IV B 4 und Teile des „geheimen Reichsvermögens“3

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Kontaktperson in Damaskus für Interessenten war Franz Rademacher, der auch ein enger Mitarbeiter gewesen war. Er war Judenreferent im Außenministerium. Der Titel seines Buches lautete „Wünsche und Ideen des Auswärtigen Amtes zu der vorgesehenen Gesamtlösung der Judenfrage in Europa“. Seit 1952 lebte er mit einem Decknamen in Damaskus. Brunner bewegte sich in Damaskus ohne Angst vor Entdeckung . Er gründete die Firma „Orient Trading Company“ (Otraco), die überwiegend mit Waffenhandel befasst war. In der Geschäftsleitung sitzen Otto Ernst Remer und Ernst Wilhelm Springer.  Remer war im Dritten Reich Kommandeur des Wach-bataiilons „Großdeutschland“. Den Putschversuch gegen Hitler schlug er an maßgeblicher Stelle nieder. Nach dem Krieg machte er eine Karriere in der „Sozialistischen Reichspartei“, die er im Oktober 1949 mit anderen Nazis gründete. Gefordert wurden „Treue zum Reich“ und „Schutz der Ehre des deutschen Soldaten“.4 Nach dem Parteiverbot 1952 wurde die „Sozialistische Reichspartei“ aufgelöst. Remer, ihr populärer Führer, floh mit Springer zunächst in die Schweiz, dann nach Kairo und schließlich zu seinem Freund Alois Brunner nach Damaskus. Offiziell behauptete er, dass Brunner hingerichtet worden sei. Brunner lebt und wurde zusätzlich Geschäftsführer der „Thameco“, einem pharmazeutischen Unternehmen. Auch Wilhelm Beisner verkehrte im syrischen Innenministerium – er war für das Reichssicherheitshauptamt in Serbien und im Nahen Osten. 1985 wurde Brunner Vertreter für die Dortmunder Aktienbrauerei DAB.5

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Am 10. Oktober 1985 gab Brunner der Zeitschrift „Bunte“ ein Interview. Der Journalist, der ihn interviewte, berichtete einige Jahre später, dass Brunner immer noch stolz darauf sei, geholfen zu haben‚ dieses „Dreckszeug“ (die Juden) wegzuschaffen. Damit meinte er die vielen Juden, die er hatte deportieren lassen. Er sei mit seinem Leben zufrieden und würde, bestünde die Möglichkeit, alles noch einmal so machen. Nur eines ärgere ihn: dass noch immer Juden in Europa lebten.6  Also eindeutig keine Reue. 1960 kam eine gewisse Turbulenz in das Leben des Alois Brunner. Bisher freute sich die deutsche Gemeinde in Damaskus über das  deutsche Bier und das aus Europa importierte Sauerkraut. Auch schwarzes Brot buk  er angeblich selbst. In diesem Jahr fiel auf Brunner der Verdacht, Gelder aus dem  Drogenhandel zu waschen. Der syrische Geheimdienst inhaftiert ihn. Als er sich als  Judenverfolger in der NS-Zeit outet, drückt ihm der Geheimdienstoffizier Lahan die Hand  und sagt: „Herzlich willkommen in Syrien, die Feinde unserer Feinde sind unsere  Freunde.“7  Manche syrischen Geheimdienstler sprachen damals sogar österreichisch  gefärbtes Deutsch.

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Nach der Gefangenname Eichmanns durch die Israelis kommt Brunner sogar gegenüber Lahan auf die Idee, Eichmann aus Israel zu kidnappen. Andererseits  versuchen auch die Israelis, Brunner in Damaskus aufzuspüren. Der Mossad hatte dazu Elle Cohn ausersehen. Dessen Funkfrequenz wird vom syrischen Geheimdienst geknackt, er wird im Mai 1965 in Damaskus öffentlich hingerichtet.8 Wie weit waren die Pläne der Entführung Eichmanns konkret? Dem syrischen Geheimdienst waren sie zu riskant. Auch Brunners Alternative, die Entführung Goldmanns, wurde nicht realisiert.

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Nach Christopher Simpson, Professor an der „American University“ in Washington, wurde Brunner 1947 von der „Organisation Gehlen“ angeheuert: „Für das Jahr 1946 bin ich mir nicht ganz sicher, aber spätestens 1947 hatte er einen neuen Job. Er wurde der Geheimdienst-Experte für Gehlen für die Region des Nahen Ostens. Es gibt nicht den geringsten Zweifel, dass die Amerikaner Gehlen dafür bezahlt haben, den ägyptischen Geheimdienst aufzubauen, und dass im Zuge dieser Operation die ‘Organisation Gehlen’ Brunner angeheuert und beschützt und ihm entsprechende Arbeit gegeben hat.“9 Brunner floh über das „Gasthaus Woess“ in Lembach, wie amerikanische Quellen dokumentieren. Die Akten von Alois Brunner waren dem BND offensichtlich peinlich.

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Die Brunner-Akten wurden zwischen 1994 und 1997 vernichtet. Offenbar auf Anweisung des Kanzleramtes. Damals leitete Friedrich Bohl (CDU) das Kanzleramt.10  Für die Ergreifung Brunners wurde 2007 eine Belohnung von 250.000 Euro ausgesetzt, dass er noch lebt ist unwahrscheinlich.11 So stellt sich die Frage, ob jemals eine Bestätigung des Todes Brunners auftaucht.

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Was geht in einem Menschen vor, der noch im Juli 1944 Paris durchstreift auf der Suche nach versteckten jüdischen Kindern und dort 250 Mädchen und Jungen für den letzten Zug in den Osten findet?12  Hat sich der Haß völlig verselbständigt?

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1993 lebte Brunner in einem Gästehaus Hafis El Assads, des damaligen syrischen Präsidenten in den Bergen bei Damaskus.13 Offensichtlich verspürte der damalige syrische Machthaber eine ideologische Nähe zu Brunner. In Syrien fiel der Nationalsozialismus auf fruchtbaren Boden. 1932 wurde die säkulare und totalitäre Syrische Soziale Nationalistische Partei gegründet. Sie lehnte sich an die NSDAP an (Hakenkreuzfahne, Gruß mit erhobener Hand). Der Ideologe der Baath-Partei Aflaq sah Hitler-Deutschland als eines seiner Vorbilder. Die Baath-Partei herrscht heute noch in Syrien.

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Bild: Alois Brunner, Foto: Polizei

Alois Brunner soll nach Recherchen des französischen Magazins „XXI“ 2001 unter jämmerlichen Bedingungen in Damaskus gestorben sein – dies wurde Anfang 2017 bekannt. Wie das Magazin berichtet, habe er die letzten Jahre seines Lebens in einer Kellerzelle des Geheimdienstes in der syrischen Hauptstadt verbracht.

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Fußnoten

1 Burchard Brentjes, Geheimoperation Nahost, Berlin 2001, S. 255

2 Ebd., S. 256

3 Georg M. Hafner, Esther Schapira, Die Akte Alois Brunner. Warum einer der größten Naziverbrecher noch immer auf freiem Fuß ist, Reinbeck bei Hamburg 2002, S. 272

4 Ebd., S. 274

5 Ebd., S. 275

6 Wikipedia Alois Brunner

7 Hafner, Schapira, a.a.O., S, 277

8 Ebd., S. 279

9 Ebd., S. 284

10 Vgl. Neues Deutschland 23.7.2011

11 Vgl. taz vom 14.1.2010

12 Vgl. Welt vom 20.8.2011

13 Vgl. Wikipedia Alois Brunner

Veröffentlicht 12. August 2012 von schauerchristian in Die Last der NS-Vergangenheit - Syrien