Archiv für die Kategorie ‘Gedichte

Gedichte

Illustration:Rosenstrauch (6)

Inge Franz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Biographie der Jungfrau Anna Rosenstrauß aus Wasserlos

Jungfrau Rosenstrauß wurde 1919 in Wasserlos in Unterfranken als Sohn des Klempners Emil Rosenstrauß und seiner Frau Kunigunde in der Frankfurter Straße (heute umbenannt) geboren.

In ihrer Jugend wurde sie sehr rundlich und ziemlich groß, was den kompensatorischen Wunsch in ihr erweckte, einen schlanken Jüngling als Lebenspartner zu gewinnen. In dem Gedicht wird dieser Jüngling der Einfachkeit halber als Laus bezeichnet, was nicht wörtlich zu nehmen ist.

Ihre schulischen Leistungen waren nicht ruhmreich, ihre Schönheit nicht wirklich vollendet, was der Attaktivität dem männlichen Geschlecht gegenüber nicht richtig zuträglich war. Gar mancher Jüngling stufte sie hinter vorgehaltener Hand als „pummeliges Kalb“ ein. Als ihr das von einer Freundin zugetragen wurde, wurde sie depressiv. Ganze Abende weinte sie bitterlich in ihrer Kammer.

Verschiedene Versuche, schlanke und kleine Jünglinge für sich einzunehmen, schlugen fehl. Sie sehnte sich nach einem anderen Ort, um den ständigen Demütigungen zu entkommen. Da sie sich im Spiegel nicht unbedingt als Rose empfand, beschloß sie in eine Stadt auszuwandern, in der eine andere Blume bevorzugt wurde. Sie entdeckte die Tulpenstadt Amsterdam.

Den letzten Ausschlagpunkt gab das Judenpogrom vom November 1938. Sie dachte zu den Vorgängen: „Menschen mit anderer Physiognomie und anderem Glauben sind hier gefährdet. Ich muß weg.“

Daß sie in Amsterdam ankam, ist nicht bezeugt. Möglicherweise wanderte sie auch in eine andere Stadt aus. Seitdem gilt sie als verschollen. Ihre Geschichte wurde von der lokalen Heimatforschung noch nicht entdeckt.


Die Regengüsse

aus „Die Flaschenpost“ – Ein Gedichtbuch (1936 erschienen)

von Anton Schnack

kursiv: Ergänzungen von mir

.

Es strich kein Wind, verschlafen war der Fluß,

Die Landschaft war von den Gewittern warm,

Es tanzte Mückenschwarm,

Ich lag im Grase, nackt an Fuß und Arm:

Es regte sich ganz leicht der Darm

Da kam der laue Regenguß

Es kollerte ins Hügelgras die welke Nuß,

Oh weh schon wieder ein Verdruß

Ich klopfte sie aus ihrem Schalenstein,

Die Vogelschar schrie im Oktoberhain,

Oh quiekte besser doch ein Schwein

In breiter Kufe schwankte bergabwärts der Wein:

Da fiel mit schrägem Streif der Regenguß.

Und machte naß mir Arm und Fuß

Im Bauernwalde rollte dumpf der Schuß,

Er war so laut gar kein Genuß

Dann wuchs die Stille wieder atemlos ins Land,

Ich war ein Parzival, verbrannt

Die Muse küsste lechzend mir die Hand

Ich war voll Staub und windgewehtem Sand:

Er flog daher vom Nordsee-Meeresstrand

Es labte mich der blaue Regenguß.

Die süße Julinacht versank im Mädchenkuß,

Wir lagen beide schmachtend an dem Fluß

Es roch das Haar nach Klee und Blumenheu,

Die Liebe heftig und nicht neu

Die Elfe kuschelte sich scheu

Und liebte mich verschämt und kindertreu:

Uns störte nicht der Regenguß

O Trauerstunde, schwarz vor Herzverdruß!

Mich traf ein arger Hexenschuß

Ich war verquält, ich war allein,

Ich war wie Stein,

So darf das Leben niemals sein!

Ich hatte weder Weib noch den geliebten Wein:

Ich träumt‘ von ihm von Würzburgs Stein

Da kam ans Fenster zärtlich Regenguß

Wie schön der Schlafgenuß:

Im Geiste bade ich im lauen Fluß!

Novemberschwermut hängt ums Haus,

Es raschelt durch die Stille keine Maus,

Es hält zurück sich auch die Laus,

Das Feuer ging im Kachelofen aus,

Es war so schön es war kein Graus

Vom Dache rauscht der Regenguß

Das Lied ist aus es ist nun Schluß

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Die Loreley

Es sprach die Frau aus Rüdesheim

„Mein Gott wie bin ich alleine

Heut‘ abend kommt mein Rüde heim

Dann les‘ ich meinen Heine“

Es lebte einst in Bacherach

Am wunderschönen Rheine

Ein Rabbi namens „Ach und Krach“

Ich schwör‘ es Bein bei Beine

Und weiter dort am Felsen

Da schwebte ganz unbekleidet

Zwischen Forellen und Welsen

Die Jungfrau von Schiffern beneidet

Sie sang mit wahrem Gefühle

Das Liede vom großen Entsagen

Den Schiffern wurde ganz schwüle

Ein Klarer musste zum Magen

Als hörte das der Rüde

Da fing er an zu winseln

Die Frau sie wurde müde

Und fing gleich an zu blinzeln

So schliefen sie alle beide

Die Frau nun und der Hund

Die Jungfrau mit ihrem Geschmeide

War beiden nun zu bunt

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Knäcksest

Erst kommt der Knacks danach der Knäckser

Erst wars ’ne fünf danach ein Sechser

Erst kommt die Migräne zur Tür herein gekrochen

Dann hat die Hyäne Den Braten gerochen

Erst kommt das Weh Danach das Ach

Danach erhängt das Reh Sich auf dem Dach

Erst erschießt sich der Hund auf der Markt-Toilette

Dann ersticht der Jung

Die frittierte Krokette

Erst wird der Igel tödlich verletzt

Danach der Maulwurf vom Auto zerquetscht

Dann bricht der Sinn jäh entzwei

Der Autor geflohen – au wei

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Die Sülzen

Im Sülzbach schwimmen Sülzen

Sie schwimmen im Sülzbach nur

Sie schwimmen nicht in Uelzen

Im Sülzbach drinnen – stur!

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Hirsch Knut

Das Rebhuhn namens Adelheid

War ziemlich dick und nicht gescheit

Als sah es vor sich Eve das Reh

Da flüchtet stiebend es im Schnee

Es flieht zum Hirschen Knut

„Hirsch Knut bei Dir ist’s gut

Du hast ein riesiges Geweih

Du bist das Gelbe schlicht vom Ei!“

Hirsch Knut entgegnet flapsig

„Du bist ja reichlich tapsig!

Ein wirres Rebhuhn Heide Du

Ich halte fest Dich hier im Nu!“

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Gefühlestiefe

Die Süße sagt ihm ganz adrett

“Du bist bemüht – es ist ganz nett!

Doch leider in Gefühlestiefe

Weiß ich nicht wirklich, ob ich triefe

Du duftest sehr nach Camembert

Das ist zu streng – nichts fürs Bett

Du bist ein Tango-Macho ach

Ich leg’ mich hin – an einen Bach!

Und lasse da Gefühle fließen

Der Bach ist kalt

Gleich muß ich nießen

Bin eine prustende Gestalt!”

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Laue Luft des Südens

Die laue Luft des Südens

streichelt sanft die Nüstern

Ein Zustand des Ermüdens

leicht berauscht nicht nüchtern

Umstreichelt holde Wangen

die säuselnd leicht erröten

Dann aber ganz befangen

Befreien sich von Nöten!

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Arm dran (Erdbeben)

Wer jetzt lebt in Haiti

Der ist arm dran

Keine blühenden Graffiti

Nur schaler Lebertran

Verwandte ins Grab gesunken

Der Nachbar amputiert

Das Glück hat abgewunken

Ein totes Auge stiert

In die Leere der Nacht

Wo melancholische Geier

Halten die Wacht

Vor dem kastrierten Freier

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Der Herbst

Der Herbst kommt angekrochen

Ein angeschwemmter Rochen

Wie eine Droh- Muräne

Die ich vergessen wähne

Des Lebens Altersgrau

Ersetzt die wilde Sau

Die jugendlich behände

Den Tod weit hinten wähnte

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Hatschie

Es sprach die Frau aus Wächtersbach

“Der Frühling macht mich wirklich schwach!”

Drauf meint die Frau aus Bruchköbel

“In der Nase juchzt mein Pöbel!

Die Pollen machen mich rasend

Der Wettergott hat doch strafend

Die Hitze in Wallung gebracht

Jetzt platze ich – gute Nacht!”

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Dachschaden

Es kleckern die Worte

Am rauschenden Bach

Sie bilden die Pforte

Zum Schaden am Dach

Die Birne wird blechern

Es gluckert der Sinn

Und weiter zu bechern

Das ist tatsächlich drin

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Frühlingstag

Verweile ach Du bist so schön

Du Prachtkind eines Schafs der Rhön

Mephisto hat sich ganz verzogen

Hold lacht der Main am Lengfeld –Bogen

Azurne Wolken amseln sacht

Die Dohlen halten droben Wacht

Der Adler fliegt in großer Höhe

Darunter tanzen surrend Flöhe

Das Fohlen äpfelt sanft im Wald

Die Stare machen Radler kalt

Sie haben Hitchcock ferngesehen

Und lassen ihren Zorn jetzt gehen

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Fletschender Wolf

Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos

Tragen den fletschenden Wolf im Herzen

Sie setzen den tödlichen Stoß

Der Türke verendet in Schmerzen

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Der Taubenvergifter

Wer vergiftet gerne Tauben

Lässt sich ehrlich beurlauben

Als Vogel-Freund

Er lieber streunt

Durch die Parks

Liest dazu Marx

„Aus den Gewehrläufen

Kommt die Gewalt

Gehen wir Fische ersäufen!

Dazu Rehe abgeknallt!“

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Sibyllinisch – Das Leben nach dem Tode  

Wenn man glaubt, dass es eines gibt, gibt es eines

Wenn man nicht daran glaubt, gibt es keines

Es sei denn, Gott widerlegt den Unglauben

Kann er sich das wirklich erlauben?

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Der List Kretschmann

Der grüne Bohnen verschenkt

Der sich vor Lachen verrenkt

Wenn Ökolüfte entweichen

Vor rauschenden deutschen Eichen

Und dann milde spricht

“So war mir Gott helfe

Der Bohnenduft riecht

Wie zehn donnernde Elche!”

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Weinglas zerbrochen

In den Tiefen der Arenen

Schießt der Stajner flink ins Tor

Durch das Pfeifen der Sirenen

Hält der Carlos zu sein Ohr

In den Wäldern der Savannen

Jagd das Gnu den Marabu

Kann es ihn denn fangen?

Eine Antwort findest Du

In der Kälte der Antarktis

Wo der Eisbär einsam brüllt

In dem Daseinsschrei des Iltis

Wo das Tierchen unverhüllt

Trägt sein kurzes Sein zu Grabe

Schreckerfüllt verhallt sein Schrei

Und in Würzburg beim Gelage

Bricht ein Weinglas just entzwei

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Wie ein Blümchen

Helmuts Pfälzer Magen

kann der Afro nicht vertragen

Vor ihm dampft das Lomé-Huhn

Sagt zur Freundin:” Honeymoon

In dem kalten deutschen Land

Bin ich reichlich abgebrannt

Nur gelegentlich ein Hühnchen

Macht mich happy wie ein Blümchen!”

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Der Kinnhaken*

Matt hechelt der Pfeffer

Die Wirtschaft nicht besser

Kein Geld in der Truhe

Nur Löcher im Schuhe

Das Furunkel am Hintern

Keine Creme kann es lindern

Der Knollen auf der Nase

An der Sohle die Blase

Hühnerauge am Zehen

Das kann so nicht gehen

Trüb die Wallstreet

Garstig das Lied

Zerstoben der Sinn!

Der Haken am Kinn *

Freie Übersetzung eines Songtextes von Keith Reid

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Pfälzer Saumagen (Teil drei)

Wang Lun liebt die Pekingente

Bis an sein Konfuzius Ende

Helmuts Magen aus der Pfalz

Hängt mir völlig raus zum Hals

Kann der Magen eines Schweins

Grund sein eines schönen Seins?

Kann nicht einzig eine Ente

Kulinarisch sprechen Bände?“

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Herbstlied

Es kichern schon die Maden

Der Sommer fährt dahin

Es trauern die Tomaten

Im Staub unterm Kamin

Es stöhnt der Goldfisch Bruno

„Wie ist das Wasser kalt

Ach wäre es doch Juno

Dann wär’ ich wen’ger alt“

Es fluchet leis’ der Hase

Im Winkel unterm Dach

„Das Wetter hat ‚ne Nase

Und Gott ist nicht vom Fach“

Es jammert ach der Igel

„Den Herbst den mag ich nicht

Dort drunten unterm Hügel

Liegt sterbend meine Nicht’“

Das höret Nilpferd Berta

Als es im Fluß versinkt

„Denk ich an dieses Wetter

Dann fühl’ ich mich  gelinkt“

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Tiefer Frost

Der tiefe Frost durchzieht das Land

Das einst im Sommer wie gebannt

Von vielen Sonnentagen träumte

Obwohl der Sommer das versäumte

Nun friert das Ding fast in der Hose

Der Zapfen bricht vom Dach und lose

Schlägt er auf Carlos‘ plattes Hirn

Es autscht gar sehr es beult die Birn‘

Und im Gemünden friert der Fluss

Man kann ihn queren – aus einem Guss

Verhüllt die Eisesdecke schon sein Bett

Der Hans darauf rutscht einfach weg

Die Nase platt das Jochbein schmerzt

„Schnaps her ein Glas und das beherzt

Es glänzt im Winter nur der Schein

Man bleibt zuhaus‘ – hier kannst Du sein!“

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Blütenträume

Trink noch einen vor dem Hades

Lass das Fass rein rollen

Auf dass eines Tages

Blüh ’n die Blütenpollen

Kühner Duft durchfährt den Äther

Blütenträume wie im Mai

Ziegen heißen Hans und Peter

Juchzen will der Hoffnungshai

Keiler Horst hat einen sitzen

Dackel Schröder bellt entzückt

Geisteskräfte ständig blitzen

Und der Carlos spielt verrückt

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Helmut aus Langen

Es sagt die Frau aus Wächtersbach

„Um acht legt mich mein Alter flach“

Drauf spricht die Frau aus Bruchköbel

„Um acht frisst meiner Knödel“

Dann meint die Frau aus Frankfurt

„Mein Alter der heißt Kurt

Er ist schon gänzlich impotent

Ab acht er auf dem Sofa pennt“

Und gar die Frau aus Langen

Die sagt ganz unbefangen

„Mein Alter heißt Helmut

Um acht Uhr kocht sein Blut

Um neun Uhr wird er wild

Das passt bei ihm ins Bild

Und dann zum Schluss um zehne

Da lässt er mich allene“

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Ernst der Schakal

Der Dackel wankt durch die Savanne

Er hat einen Schwips in der Pfanne

Es begegnet ihm Ernst der Schakal

Da wird er vor Schreck schlicht aschfahl

Du Ernst willst mich erschrecken

Deine Zähne ganz fürchterlich blecken

Du bewirkst ein sausendes Muffen

Ich denke ich werde verpuffen“

Der Schakal packt ihn am Kragen

Du solltest jetzt endlich verzagen

Ich verspeis’ Dich mit Haut und Haar

Du wirst sein ein Nichts ganz und gar“

Doch Löwe Paul hat es gerochen

Er schnappt den Schakal unbestochen

Der Dackel kann letztlich entfliehen

Er darf  jetzt aus Dank niederknien

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Veröffentlicht 30. Juni 2011 von schauerchristian in Gedichte

Meerhofsee und Itchycoo park -Der Wiedehopf – Humpty Dumpty-Bleierne Schere – Wenn der Moorhund bellt – Dünstende Leiber – Präriehund II – Wind (Vanitas Wurmiensis) – Der Eisbär und der Präriehund – Unterpfand und Dosenpfand – Mißlungener Scherz – Abgründe des Vogelschreis – Die Natur – Schwer verständlich

Meerhofsee und Itchycoo park

Over bridge of sighs,

To rest my eyes in shades of green

Under dreaming spires

To itchycoo park, that’s where I’ve been

I feel inclined to blow my mind,

Get hung up, feed the ducks with a bun

They all come out to groove about

Be nice and have fun in the sun

I’ll tell you what I’ll do – What will you do?

I’d like to go there now with you

You can miss out school – Won’t that be cool

Why go to learn the words of fools?

What will we do there? – We’ll get high

What will we touch there? – We’ll touch the sky

But why the tears there? I’ll tell you why

It’s all too beautiful, It’s all too beautiful

Die Augen in grünen Schatten ausruhen und den Himmel berühren, wie das die „Small Faces“ 1967 in Itchycoo park taten, kann man auch am Meerhofsee in Alzenau. Eine Ente, die man mit einem Brötchen füttern kann, ist allerdings heute und auch sonst selten anzutreffen.

Meerhofsee

Meerhofsee mit

grünen Schatten

Der Meerhofsee

Der Meerhofsee ist 685 Meter lang und 275 Meter breit, die Wasserfläche beträgt etwa 12 ha. Seit 1959 gab es Kiesabbbau am Meerhofsee. 1968 ging der See an die Stadt Alzenau über, nachdem der Abbau eingestellt wurde. 1972 kam der Name zustande durch den Meerhof, der am Ufer liegt. In diesem Jahr wurde das Freibad eröffnet. 1974 wurde der ehemalige Baggersee zum Meerhofsee umgestaltet. 1981 gab es einen Dammbruch, Flußwasser der Kahl floß in den See. Die Erhöhung des Wasserspiegels war nur vorübergehend. An Fischen findet man im See Aale, Karpfen, Hechte, Karauschen, Rotaugen, Schleien und sogar Forellen.1 Eine Landzunge teilt den See in zwei Hälften. 2009 entstand eine neue Station der Wasserwacht.

Von 1903 bis 1932 gab es in der Umgebung von Kahl Braunkohleabbbau. Auf Alzenauer Gemarkung liegt das Wilmundsheimer Braunkohlefeld. Es ist bei Niedrigwasser im östlichen Teil des Sees zu sehen. In den 60er Jahren stand eine Braunkohleförderung auch für Alzenau im Blickfeld. 1961 unternahm der Stadtrat eine Informationsfahrt nach Nordrheim-Westfalen , um Informationen über Kohleabbau zu gewinnen. Die Gewerkschaft Gustav Dettingen am Main verhinderte allerdings in Übereinstimmung mit der Rheinischen Braunkohlenwerke AG einen Kohleabbau. Die Bayreuther Bergbaubehörde war in diesem Fall nicht zuständig.2 1962 wurde ein Angelsportverein gegründet, der den Meerhofsee als sein Revier hat.

Aktuell bietet der Meerhofsee Bibern einen Aufenthaltsort. Ende 2012 wurden bei Kälberau die ersten Spuren eines Bibers entdeckt. Eine Nachtaufnahme zeigte im Januar 2013 den Biber in Kälberau in Aktion. Mittlerweile sind drei Biber am Meerhofsee nachzuweisen. Angenagte und umgestürzte Bäume künden davon.

2 Vgl.Otto Hammerschmidt, Der Meeerhofsee: Geotop, Geschichte und Topographie, in: Unser Kahlgrund 2010, S. 108 ff., Vgl. Schreiben der Gewerkschaft Gustav Dettingen am Main an die Stadt Alzenau vom 29.12.1961 und Main-Echo vom 15.5.1961

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Der Wiedehopf
Dem Wiedehopf im Frühlingsschwang
Entfährt ein Wind im Flieder
Dem Weibchen wird ganz angst und bang
Es wackelt das Gefieder
 –
„Du Wiedehopf im Dickicht dort
Kannst Du Dich nicht beherrschen
Gleich flieg ich auf und bin dann fort
Es kichern dann die Kerschen“
Das Kichern
 –
Die Kirschen kichern leis und sanft
Der Wiedehopf entfleucht
Humor bis in die Fluren dampft
 Die Augen werden feucht
Der Bussard fährt zur Erde hin
Und hält sich fest den Bauch
Dem Uhu fehlt dafür der Sinn
Sein Kleinhirn steht im Rauch
Wiedehopf

Wiedehopf – Wind nicht sichtbar

Alice hinter den Spiegeln

Wer endlich einmal ein Ei sein möchte, dem sei das Buch empfohlen. Humpty Dumpty ist eine Figur aus einem englischen Kinderreim und spielt in dem Buch von Lewis Carroll eine wichtige Rolle. Als menschenähnliches Ei tritt er als stark surrele Person auf. Eine rundliche kleine Person wird auch gelegentlich als Humpty Dumpty bezeichnet. Wer also eben diese Körpereigenschaft hat, der sollte Carrolls Buch lesen. Wer seinem korpulenten kleinwüchsigen Gegenüber eines auswischen will, der zitiere aus Lewis Carroll:

„Humpty Dumpty auf der Mauer saß
Humpty Dumpty stürzt hinab ins Gras.
Kein Pferd des Königs, kein Feldmarschall
Brachte Humpty Dumpty wieder auf seinen
Platz nach dem Fall“
Originell in jedem Fall.

Humpty

Humpty Dumpty und Alice


Bleierne Schere

Des Daseins bleierne Schere

Befällt den Helden tonnenschwer

Rings um ihn herum nur Leere

Der Sinn er sieht ihn gar nicht mehr

Des Lebens hoffnungsfrohes Bäumen

Das stets das Positive findet

Wird abgelöst durch inhaltsloses Säumen

Wo Abgrund alle Träume bindet

Wo einst das Glück ist jetzt der Abschied

Wo Blütenpracht im Frühling strebte

Da bleibt nun ungesungen jedes Lied

Und keine Zehe jemals bebte

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Wenn der Moorhund bellt

Dem Helden ist der Saft entschwunden

Die Grippe hat ihn lahm gelegt

Das Spiel der Därme arg gewunden

Die Hoffnung nicht mehr sehr bewegt

Der Molch des Scheiterns wohnt ihm inne

Die Wühlmaus des Vergeblichen

Es ist kein Mumm mehr in der Birne

Der Endsieg gar des Schädlichen

Der Tod schon an die Pforte pocht

Das Leben gar nicht mehr gefällt

Erloschen ist der Daseinsdocht

Wenn draußen schrill der Moorhund bellt

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Dünstende Leiber

In dem Tiefenpaß des Khyber

Stinken dünstend viele Leiber

Karsai und die Taliban

Haben sich was angetan

Liebe ist nicht hier nicht dort

Schreckensqual muss man erleiden

Klopfen an der Hölle Pfort‘

Grausen Tod kann man nicht meiden

Deutschlands Kanzler und der Fischer

Waren auch schon manchmal frischer

Liebten einst das Leben gar

Bis der Tod den Sieg gebar

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Der Präriehund II

Der Präriehund zu später Stunde

Labt sich am kühlen Grunde

„‚Im Wald und auf der Heide‘

Erzeugt bei mir keine Freude

Die Prärie ist weit und öde

Der Eisbär reichlich blöde

Der Knallfrosch in seinem Fell

Tönt schräg und reichlich grell“

Der Eisbär trollt sich von dannen

„Der Präriehund ist reichlich befangen

Die Hitze in der kargen Prärie

Wirkt ätzend in jedem Knie“

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Wind (Vanitas Wurmiensis)

Der Wind pfeift durch die Auen

Die Haare steh’n zu Berge

Es krähen schräg die Pfauen

Und ächzen laut die Särge

Gevatter hört’s im Grabe

Dort hat er sich verschluckt

Um ihn tanzt keck der Rabe

Der Wurm verdattert guckt

Verstört regt sich die Made

Als pfeifet wild der Wind

„Ach Gott wie ist es schade

Dass wir vergänglich sind“

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Der Eisbär und der Präriehund

Der Eisbär durchzieht die Prärie

Er hat einen Knackfrosch am Knie

Wenn in der Prärie dann es knallt

Dann kommt der Eisbär alsbald

Der Präriehund furchtbar erschreckt

Der Eisbär hat ihn geweckt

Denn immer zu dieser Stunde

Träumt er vom kühlen Grunde

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Einigkeit und Recht und Freiheit
Unterpfand und Dosenpfand

Und des Glückes Unterpfand

Liegt ganz schlicht im Dosenpfand

Denn am rechten Rand der Dose

Sitzt der Freiheit schönste Rose

Einig sind in Dosen drinnen

Viele freiheitsrechte Spinnen

„Nur im Inneren von Dosen

Kann man seinesgleichen kosen“

Pfand in Dosen und im Freien

Kann die Einigkeit erfreuen

Denn die Freiheit ist im Recht

Wenn das Dosenpfand sie blecht

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C. Schauer Nach Facebook-Entgleisung – Grünen-Politiker will nicht

mehr in den Gemeinderat
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Der Grünen-Politiker Gerald Will hat sich in Richtung der Anwohnerin, die

sich gegen die Kerb stellt, folgendermaßen geäußert: »Die Anwohnerin

enteignen und zwangsdeportieren. Hier geht es um das

Gemeinwohl. Keine Rücksicht auf Einzelschicksale … .« Dass es sich

bei dieser Aussage um einen mißlungenen

Scherz handelt, dürfte jedem klar sein,

der weiß, dass Zwangsdeportation natürlich kein legales und

mögliches Mittel in einer Demokratie ist. Insofern

hat der Initiator möglicherweise zu tief

ins Glas geguckt und die Solidität des

Denkens über Bord geworfen.

Dass daraus gleich ein Mandatsverzicht

erfolgt, ist jedoch reichlich übertrieben.

geschrieben: 09.03.2014 13:13 Main-Echo-online
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Abgründe des Vogelschreis

Im Frühling tönt der Vogelschrei

Im Magen wird verdaut der Brei

Und ist der Brei dann viel zu sauer

Dann liegt der Durchfall auf der Lauer

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Die Natur

Es fließt der Rhein bei Bingen

Wer tat ihn dazu zwingen

Es war schlicht die Natur

Sie tat’s aus Freude pur

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Wenig Lust wo Sinn

Der Lehrer lehrt mit wenig Lust

Vor ihm liegt trüb des Herbstes Frust

Er langt sich heftig ans Furunkel*

und pfeift ein Lied von Art Garfunkel

The sounds of silence fällt ihm ein

Es wird ihm bang es macht ihm Pein

Dass alles Sein vergänglich ist

Ist Leben schlicht nicht einfach Mist

Hecht Ernst im dunklen Wasser döst

Wo ist der Karpfen der erlöst

Des Magens arges Grummen

Gibt es denn keinen Dummen

Wo ist die unbedarfte Schleie

Die nicht erkennt dass viele Haie

Sich tummeln auf des Flusses Grund

Die sind für Schleien nicht gesund

*Es ist ja wirklich reichlich dunkel

Veröffentlicht 2. November 2010 von schauerchristian in Schwer verständlich

Notre-Dame und ihr Glöckner

Notre-Dame

Notre-Dame

Vor nicht allzu langer Zeit,am 15./16. April 1919, wurde das Wahrzeichen von Paris, die Kathedrale Notre-Dame durch einen Brand schwer beschädigt. Der Brand konnte im Wesentlichen auf den hölzernen Dachstuhl begrenzt werden. Die Westfassade mit den Haupttürmen blieb erhalten. Ebenso die Wände des Mittelschiffs, große Teile des Deckengewölbes sowie die Seitenschiffe und Chorumgänge. Die künstlerisch wertvolle Ausstattung der Kirche wurde durch Löschwasser,Hitze und Rauch entweder verschmutzt oder beschädigt.

Das bekannteste literarische Werk, das in und um die Kathedrale herum spielt, ist der Roman „Der Glöckner von Notre Dame“ von Victor Hugo. Der Roman spielt in der Zeit Ludwigs XI. (1461 bis 1483). Dieser gilt als der „erste absolute Monarch Frankreichs“. Zunächst wird der 6. Januar 1482 beschrieben. An diesem Tag feierten die Pariser den Feiertag „Heilige Drei Könige“ und das Narrenfest. Auf dem Grève-Platz brandte an diesem Tag ein Freudenfeuer.

Das bekannteste literarische Werk, das in und um die Kathedrale herum spielt, ist der Roman „Der Glöckner von Notre Dame“ von Victor Hugo. Der Roman spielt in der Zeit Ludwigs XI. (1461 bis 1483). Dieser gilt als der „erste absolute Monarch Frankreichs“. Zunächst wird der 6. Januar 1482 beschrieben. An diesem Tag feierten die Pariser den Feiertag „Heilige Drei Könige“ und das Narrenfest. Auf dem Grève-Platz brandte an diesem Tag ein Freudenfeuer.

Hugo beschreibt die Kirche von ihrer Stilrichtung her: „Man kann Notre-Dame nicht als ein abgeschlossenes, vollendetes Denkmal der Gothik bezeichneen, denn dieser Dom ist keine romanische Kirche mehr und ist noch keine gotische. Er ist kein Typus und gehört weder der alten Familie düstrer, geheimnisvoller Kirchen an, auf denen die niedrigen , runden Gewölbe schwer zu lasten scheinen, noch jener anderen Familie hoher, luftiger, buntfenstriger Kirchen, die mit ihrer reichen Ornametik und ihren spitzen Formen kühn himmelan streben. Mit den einen hat sich die rein romanische, mit den anderen nicht die reine gotische Rasse gemein. Notre-Dame ist ein Bauwerk der Übergangszeit. …“1

1 Victor Hugo, Der Glöckner vom Notre-Dame, Frankfurt am Main und Leipzig 1997, S. 134 f.

Begonnen wurde der Bau 1163 unter Bischof Maurice de Sully. Es war die Zeit Ludwigs VII.. Der Chor wurde 1182 geweiht. Von 1225 bis 1250 wurden die Turmgeschosse errichtet. 1250 konnte man die Kirche benutzen. Im 13. und 14.Jahrhundert setzte sich endgültig die Gothik durch. Jean Ravy war Baumeister von 1318 bis 1344. 1789 begann die französische Revolution, die Inneneinrichtung der Kathedrale wurde 1793 von den Revolutionären zerstört. Die Kirche wurde zum Tempel des höchsten Wesens, der Vernunft, erklärt.

1804 fand die Krönung Kaiser Napoleons in Notre-Dame statt. In einer historischen Quelle heißt es dazu: „Am 2. Dezember 1804 fand die Salbung in der Notre-Dame-Kirche statt. Papst Piius VII. war ausdrücklich von Rom gekommen, um dem neuen Kaiser die Krone aufs Haupt zu setzen. Napoleon fuhr in einem mit acht Pferden bespannten Wagen , begleitet son seiner Garde, in die Kirche. An seiner Seite saß Josephine. Der Papst, die Kardinäle, die Erzbischöfe, die Bischöfe und Würdenträger des Staates erwarteten ihn in der Kathedrale, auf deren Stufen er ein paar Augenblicke stehen blieb, um eine Ansprache anzuhören und zu beantworten. Darauf trat er in die Kirche und stieg zu einem für ihn hergerichteten Thron empor, die Krone auf dem Haupte, das Szepter in der Hand.“1 Berichtet wird hier nicht, dass sich Napoleon selbst krönte.

1 Alexander Dumas, Napoleon Bonaparte, Berlin o.J., S. 90

Im Mittelpunkt des Romans „Der Glöckner von Notre-Dame“, den Victor Hugo (1802 bis 1885) 1831 veröffentlicht hat, steht das missgestaltete Findelkind Quasimodo. Es wurde vom Archidiakon, Jean Claude Frollo, im Alter von etwa vier Jahren auf den Treppen von Notre-Dame gefunden, aufgezogen und zum Glöckner der Kathedrale ausgebildet. Quasimodo hat einen Buckel, auf einem seiner Augen ist eine Warze. Durch den jahrelangen Glockenlärm ist er taub. Quasimodo liebt die Glocken von Notre-Dame, ebenso wie die Einwohner der Stadt das Glockengeläut.

Eine wichtige Figur des Romans ist der Philosoph und Dichter Pierre Gringoire. Er ist eine Art Antiheld . Sein Auftreten bringt Witz und Ironie in die Handlung. Der Priester Claude Frollo machte ihn zu einem gebildeten Lehrling. Er kann Latein und Griechisch. Esmeralda heiratet ihn aus Mitleid, um ihn vor den Bettlern zu schützen.

Weibliche Hauptperson ist Esmeralda, ein uneheliches Kind einer französishen Dirne, das eigentlich Agnès heißt. Zigeuner, die in die Stadt kamen, stahlen das Mädchen und tauschten es gegen den hässlichen Quasimodo aus. Esmeralda lebt bei den Zigeunern, nimmt ihre Gebräuche und Gewohnheiten an. Ihre Mutter ist davon überzeugt, dass sie getötet wurde. Einen Schuh ihrer Tochter behält sie und verehrt ihn wie eine Reliquie. Den anderen Schuh trägt Esmeralda in einem Perlensäckchen um den Hals. Kurz vor der Hinrichtung Esmeraldas finden sich Mutter und Tochter wieder.

Claude Frollo hat als Archidiakon einen zwiespältigen Charakter. Seinem jüngeren Bruder Jean ist er sehr zugewandt, was dieser ihm nicht dankt, sondern sein Geld verspielt und sein Studium nicht ernsthaft betreibt. Sowohl Jean ans auch Quasimodo kann er nicht nach seinen Vorstellungen beeinflussen – hierdurch wird sein Abgleiten in die schwarze Magie mit bewirkt. Leidenschaftlich entbrennt er für Esmeralda, was ihn in Widerspruch zu seinem kirchlichen Gelübde bringt.

Gringoire ist Zeuge, wie sich Quasimodo dazu hinreißen lässt, Esmeralda entführen zu wollen. Er wird von dem Hauptmann der königlichen Leibgarde „Phoebus“ gestellt. Quasimodo wird zur Schandpfahl-Züchtigung verurteilt. Esmeralda gibt ihm Wasser, um ihn vom Tode zu retten. Phoebus wird von Claude Frollo niedergestochen, der nicht hinnehmen will, daß sich Esmeralda in Phoebus verliebt hat. Phoebus überlebt, Claude Frollo verschwindet unbemerkt, die Zigeunerin wird des versuchten Mordes angeklagt. Auch der Hexerei wird sie verdächtigt. Unter der Inquisition gesteht sie und wird danach mit ihrer Ziege Djali zum Tode am Strang verurteilt. Claude Frollo will sie zur Flucht überreden, Esmeralda verzeiht ihm aber die versuchte Ermordung des Phoebus nicht. Sie will Claude Frollo nicht, sondern eher dem Tode entgegentreten. Quasimodo rettet sie am Tage der Hinrichtung. Vorübergehend bekommt sie Asyl in Notre-Dame. Sie ist hier geschützt von Claude Frollo. Quasimodo gewinnt ihre Zuneigung. Don Frollo ermuntert Gringoire mit seinen Zigeunern zu einer Befreiungsaktion. Quasimodo stellt sich den Eindringlingen aber in den Weg, weil er die Zigeunerin schützen will. Ihre Hinrichtung kann er nicht verhindern. Quasimodo rächt sich fürchterlich an Claude Frollo.

„Plötzlich stieß der Mann die Leiter heftig mit der Verse zurück, und Quasimodo, der schon seit ein paar Augenblicken nicht mehr atmete, sah zwei Klafter über dem Pflaster das unglückliche Kind am Stricke baumeln und den Mannn auf ihren Schultern hocken. Der Strick drehte sich mehrmals um sich selbst, und Quasimodo konnte die furchtbaren Zuckungen sehen, die den Leib der Zigeunerin durchliefen. Der Priester aber kniete mit gestrecktem Hals, die Augen quollen ihm aus dem Kopfe, und so betrachtete er die fürchterliche Gruppe des Mannes und des jungen Mädchens, der Spinne und der Fliege. Im schrecklichsten Augenblick brach der Priester in ein höllisches Gelächter aus, das nicht mehr menschlich war und sein Bleifarbenes Antlitz verzerrte. Quasimodo hörte es nicht, aber er sah es. Er prallte einen Schritt zurück; dann stürzte er sich pötzlich wütend auf den Erzdechanten, stieß ihn mit seinen beiden großen Händen gegen den Rücken und in den Abgrund hinunter, über den Dom Claude sich beugte.

Der Priester schrie:’Verflucht!‘ und fiel. Der Wasserspeier unter ihm hielt ihn im Fallen auf. Er klammerte sich mit verzweifeltem Griff daran fest, und im Augenblick, als er den Mund zu einem zweiten Schrei öffnete, sah er über den Rand der Rampe, gerade über seinem Kopfe, das furchtbare Rächerantlitz des Quasimodo erscheinen. Da schwieg er. Ihm zu Füßen gähnte der Abgrund, eine Tiefe von mehr als zweihundert Fuß, und unten das Pflaster. Kein Wort, keine Klage kam über die Lippen des Mannes, der in dieser fürchterlichen Lage schwebte. Er wand sich nur mit unerhörter Anstrengung an dem Wasserspeier und versuchte sich daran hochzuziehen. Aber seine Hände fanden keinen Halt am Granit, seine Füße rieften die geschwärzte Mauer, fanden aber keine Stütze daran. Wer einmal oben auf den Türmen von Notre-Dame gewesen ist, der weiß, daß sich gerade unter der Rampe eine Steinanschwellung befindet. An dem zurücktretenden Winkel dieser Anschwellung erschöpfte sich der unglückselige Priester. Er hatte es nicht mit einer senkrecht aufsteigenden Mauer zu tun, sondern mit einer Mauer, die vor ihm floh.

Quasimodo hätte ihm nur die Hand zu reichen brauchen, um ihn aus dem Abgrund zu ziehen, aber er sah ihn nicht einmal an. Er sah nach den Grève-Platz hinüber. Er sah den Galgen an. Er sah die Zigeunerin an. An der Stelle, wo noch einen Augenblick zuvor der Erzdechant kniete, stützte sich jetzt der taube Glöckner auf die Rampe, ließ den Blick nicht ab von den einzigen Ding, das es zur Stunde für ihn auf Erden gab, lehnte stumm und unbeweglich wie ein vom Blitz Getroffener, und ein langer Tränenbach floß still aus dem Auge, das nur einmal eine einizige Träne vergossen hatte. Der Erzdechant aber keuchte. Seine kahle Stirm rieselte von Schweiß, seine Nägel bluteten am Stein, seine Knie rieben sich an der Mauer wund. Der Erzdechant aber keuchte. Seine kahle Stirn rieselte von Schweiß, seine Nägel bluteten am Stein, seine Kniee rieben sich an der Mauer wund. Er hörte, wie seine Soutane, die sich am Wasserspeier gefangen hatte, bei jeder Bewegung krachte und schlitzte. Um das Unglück voll zu machen, lief der Wasserspeier in ein bleiernes Rohr aus, das sich unter der Last seine Körpers bog. Der Erzdechant fühlte, wie es langsam nachgab. Der Unglückselige sagte sich, daß der Sturz in die Tiefe ihm gewiß sei, sobald seine Hände erlahmten, seine Soutane zerriß und das bleierene Rohr sich vollends nach unten bog. Da packte ihn das Entsetzen bis in die Eingeweide. Manchmal sah er verstört auf einen schmalen Vorsprung nieder, der etwa zehn Fuß tiefer, durch Zufälligkeiten beim Bauen entstanden, aus der Mauer vorragte. Er flehte in der Tiefe seiner verzweifelten Seele den Himmel an, er möge ihm sein Leben auf diesem Raum von zwei Quadratfuß beschließen lassen, und sollte es noch hundert Jshre währen.Einnmal sah er auf den Platz, in den Abgrund hinunter; als er den Kopf wieder hob, waren seine Augen geschlossen, und seine Haare standen zu Berge.

Das Schweigen der beiden Männer hatte etwas Entsetzliches. Während der Erzdechant wenige Fuß von ihm entfernt einen so furchtbareb Todeskampf kämpfte, sah Quasimodo weinend nach den Grève-Platz hinüber. Als der Erzdechant sah, daß seine heftigen Bewegungen nur dazu dienten, den schwachen Halt, der ihm noch blieb, zu erschüttern, da versank er in Ratlosigkeit. Er klammerte sich an den Wasserspeier, er atmete kaum, er rührte sich nicht; er hielt nur den Leib krampfhaft zusammengezogen, wie man es im Traume tut, wenn man zu fallen glaubt. Seine starren Augen waren fieberhaft aufgerissen und hatten einen Blick des Staunens. Nach und nach verlor er den Halt; seine Finger fingen an, von dem Wasserspeier abzugleiten; er fühlte seine Arme schwächer und seinen Körper schwerer werden; das bleierne Rohr, das ihn hielt, bog sich mehr und mehr dem Abgrund zu. Er sah die gefühllosen Steinfiguren des Turmes eine nach der anderen an; auch sie hingen über dem Abgrund; aber sie fühlten keine Angst für sich und kein Mitleid für ihn.Alles um ihn herum war Stein: die gähnenden Ungeheuer vor seinen Augen, der Platz, das Pflaster tief unter ihm, der weinende Quasimodo über ihm.

Auf dem Domhof standen ein paar Gruppen wackerer Neugieriger und zerbrachen sich gelassen den Kopf, wer wohl der Narr sein könnte, der sich auf so seltsame Art belustige. Der Priester hörte sie sagen – denn klar und dünn schlugen ihre Stimmen an sein Ohr-:’Der wird sich noch den Hals brechen!‘ Quasimodo weinte. Endlich begriff der Erzdechant, der vor Wut und Entsetzen schäumte, daß alles vergeblich sei. Er raffte aber noch einmal zusammen, was ihm an Kräften blieb, um eine letzte Anstrengung zu machen. Er straffte sich an dem Wasserspeier, stieß sich mit den Knien von der Wand ab, krallte sich mit den Händen in einer Steinritze fest, und so gelang es ihm, etwa einen Fuß in die Höhe zu klettern. Aber die Erschütterung bog jäh das bleierne Rohr ab, auf das er sich stützte. Seine Soutane zerriß. Wie er jeden Halt weichen fühlte und sich nur noch mit den steifen versagenden Händen an irgend etwas festklammerte, da schloß der Unglückselige die Augen und ließ den Wasserspeier los. Er fiel. Quasimodo sah ihn fallen. Ein fall aus solcher Höhe pflegt selten vor sich zu gehen, ohne daß der Körper sich dreht. Der in den Abgrund stürzende Priester hatte zuerst den Kopf nach unten und die Arme ausgebreitet. Dann überschlug er sich mehrmals. Der Wind stieß ihn auf das Dach eines Hauses. Er war halbzerschmettert, aber er lebte noch. Quasimodo sah, wie er noch versuchte, sich an den Giebel festzukrallen. Aber die Fläche war zu abschüssig, und er hatte keine Kraft mehr. Er glitt rasch das Dach hinunter, wie ein Ziegel, der sich loslöst, und schlug auf das Pflaster. Da rührte er sich nicht mehr. Quasimodo sah wieder auf und zu der fernen Zigeunerin hinüber; er sah, wie ihr am Galgen hängender Körper unter dem weißen Gewande sich in seinen letzten Zuckungen wand. Da blickte er wieder auf den Erzdechanten hinunter, der als formlose Masse am Fuß des Turmes lag, schluchzte tief auf und sagte:’Ach, das ist alles, was ich geliebt habe!’“1

1 Victor Hugo, Der Glöckner vom Notre-Dame, Frankfurt am Main und Leipzig 1997, S. 546 ff.

Zwei Jahre später deutet sich ein posthumes Zueinanderfinden an. In der Gruft von Montfaucon werden zwei ineinander verschlungene Skelette gefunden- es sind Esmeralda und Quasimodo. „Der Montfaucon war, wie Sauval sagt, ‚der älteste und prächtigste Galgen im Königreich‘. Etwa hundert sechzig Klafter von den Stadtmauern entfernt, zwischen der Vorstadt des Temple und der Vorstadt Saint-Martin, stand auf dem Gipfel eines sanften, fast unmerklich ansteigenden Hügels, der aber hoch genug war, um auf einige Meilen in der Runde gesehen zu werden, ein Bauwerk von seltsamer Form, das einem keltischen Kromlech nicht unähnlich war, auch insofern nicht, als dort ebenfalls Menschenopfer gebracht wurden.“1 Erläuterung: Ein Klafter entspricht 6 Fuß also etwa 1,80 m. – Kromlech: Megalithbauwerk.

1 Ebd., S. 552 Würdigung der Verfilmungen siehe auch https://phantastikon.de/der-gloeckner-von-notre-dame

Der Schluß entspricht einem Satz Hugos zu Notre-Dame, der auch auf dieses Werk zutrifft:“ Der einzelne Mensch und der Künstler verschwinden vor diesen Riesenwerken, die keines Schöpfers Namen tragen; der menschliche Geist in seiner Gesamtheit prägt sich in ihnen aus. Die Zeit ist der Baumeister, das Volk ist der Maurer.“1 Im französischen Originaltitel ist der Glöckner nicht im Titel erwähnt. Er heißt „Notre-Dame de Paris“.

1 Ebd., S. 136

Die Bleiverschmutzung ist nach dem Brand von Notre-Dame im April 2019 rund um die Kirche deutlich gestiegen. In der Dachkonstruktion und der Turmabteilung wurde viel Blei verarbeitet. Der Bau einer Schutzglocke rund um die Kathedrale war in der Diskussion, wird aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht realisiert.

Literatur: Victor Hugo, Der Glöckner vom Notre-Dame, Frankfurt am Main und Leipzig 1997

Peter Richard Rohden / Heinz-Otto Sieburg, Politische Geschichte Frankreichs, Mannheim 1959

Alexander Dumas, Napoleon Bonaparte, Berlin o.J.

https://www.haz.de/Nachrichten/Promis/Paris-kaempft-nach-Brand-von-Notre-Dame-gegen-Bleiverschmutzung

https://de.wikipedia.org/wiki/Brand_von_Notre-Dame_in_Paris_2019

https://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale_Notre-Dame_de_Paris

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Glöckner_von_Notre-Dame

Claude Frollo stürzt ab

Veröffentlicht 11. August 2009 von schauerchristian in Gedichte, Notre-Dame und ihr Glöckner