Archiv für die Kategorie ‘Betrachtungen zur Musik

Betrachtungen zu Procol Harum

The well’s on fire von Procol Harum und andere Aspekte der Texte der Gruppe

An old english dream

Auffallend ist, dass öfter als früher soziale Themen angesprochen werden. Der englische Imperialismus als Dauerfriedhof, die schroffen sozialen Gegensätze – einige essen von ihrem Reichtum, dem Gold, andere durchsieben den Müll und schlafen im Kalten. Die Anschläge vom 11. September 2001 (zusammenstürzendes Gebäude) bieten keine geöffneten Türen. Die Versprechen des Landes sind nicht erfüllt und hohl. Die Umwelt verseucht, von Autos verstopft.

 Wall street blues

Die Träume sind den Bach hinunter gerutscht, die Straßen schienen mit Gold gepflastert. Ein süßer Geschmack wurde schnell bitter. Der Markt liegt danieder, die Ersparnisse sind verloren gegangen – ein Kartenhaus ist zusammen gebrochen, die Zukunft sieht düster aus. Der Blues der Wall street wird – symbolisch gesprochen – barfuß erlebt.

 This world is rich (for Stephen Maboe)

Die Globalisierung ist ungerecht. Das Elend zu groß, das Wasser vergiftet. Eine helfende Hand wird gebraucht. Gibt es wirklich ein gelobtes Land, in dem die Slums überwunden werden? Für den Afrikaner ist die reiche Welt nicht die seine

 The emperor’s new clothes

Bei dem Lied könnte es sich um ein Porträt von Tony Blair handeln. Die heiß fiebrige Augenbraue wird ergänzt durch die hell leuchtenden Augen. Und bei der Nationalhymne liegt die Hand am Herzen. Die protzigen alten Lumpen sind des Kaisers neue Kleider, der Besitz ist gestohlen, selbst der zugebilligte Knochen wird zurückgefordert.

 Fellow travellers

Aus der Reise von Schatten zu Schatten, wo alle Mitreisende sind, wird gefolgert, dass man etwas braucht , woran man glaubt. Zudem wird ein süßes Licht erfleht. Die Wortwahl beweist wieder einmal, dass es sich bei Keith Reid um einen Theologen handelt.

(Text von Händels Lascia Ch’io Pianga, das dem Song zugrunde liegt, in englischer Sprache):

Let me weep over my cruel fate
And sigh for my lost freedom
(wird zwei Mal gesungen)

And sigh
And sigh for my lost freedom

Let me weep over my cruel fate
And sigh for my lost freedom

May the pain shatter the chains
Of my torments just out of mercy
Of my torments just out of mercy

Let me weep over my cruel fate
And sigh for my lost freedom

Lascia Ch’io Pianga stammt aus der italienischen Oper Rinaldo. Obwohl die Oper zu Händels Lebzeiten ein großer Erfolg war, geriet sie nach seinem Tod in Vergessenheit. Erst in den 1970ern wurde Rinaldo wiederentdeckt. Lascia Ch’io Pianga selber wurde in den 90ern für eine Harrods Werbung benutzt und ist deshalb vielen Briten bekannt.

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ So fragt der Evangelist Matthäus im Kapitel „Vom Richtgeist“. Diese Bibelstelle könnte der Lyriker Keith Reid vor Augen gehabt haben, als er den Text zum Song „The question“ gedichtet hat. Hier geht es nämlich darum, nicht mit dem Finger auf jemanden im moralischen Sinne zu zeigen, ohne sich sicher zu sein, dass man saubere Hände hat. Insofern ist der Text für Theologen geeignet, die diesen Bibeltext in moderner Version Zeitgenossen nahe bringen wollen. „Warst Du immer Herr Tadellos? Hast Du immer Deine Hände sauber gehalten?“ Dass man einen Hund mit Gnade behandeln kann ist eine theologische Vorstellung, die sich rationaler Vermittlung entzieht, deshalb nehmen wir den Song „Every dog will have his day“ als Spass -Event und heulen mit Gary ebenso schräg mit. Schon in „Your own choice“ auf „Home“ wird ein alter Hund beschrieben, der ein wirklich guter ist.

Machen wir einen Exkurs zum Auftauchen von anderen Tieren in Procol Harum – Texten. In „Conquistador“ wartet der Hengst auf Begleitung. Eine Geier sitzt auf dem Silberschild und deutet hier schon an, dass der Conquistador stirbt und nichts erobert. Sein Kampf hat keinen sonstigen Sinn, es gibt kein weiteres Labyrinth zu entwirren. Der Geier begegnet dem Hörer wieder im zehnten Album „Something magic“ im Titelsong. Beschrieben wird die dunkle Stunde der Seele, wenn die Albträume ihren Tribut fordern. Zudem kommen die Dämonen der Nacht, die wie Geier in ihre Beute beißen. Die dunkle Stunde der Seele – sie wird in nicht wenigen Texten auch mit anderen Worten beschrieben. Auf der Platte „Home“ werden in „Barnyard story“ Hühnchen beschrieben, die mit Sünde fett heranwachsen, was immer das bedeuten mag. Das Schwein taucht in „Piggy pig pig“ auf „Home“ auf, ohne zu erläutern, was es eigentlich will. Vielleicht gibt der ursprüngliche Titel „Wash yourself“ einen Hinweis darauf, dass man kein Schwein sein soll?

Der Wurm kommt ganz markant in „The worm and the tree“ in „Something magic“zu einem Mammut – Einsatz. Erst vergiftet er den Baum so lange, bis dieser umstürzt. Dann wird der Baum von einem Jäger verbrannt, der Wurm bricht auseinander und verbrennt. Es kann ein neuer Baum entstehen aus den Wurzeln des alten. Maulwürfe und Aaskrähen bilden in

The unquiet zone“ auf „Procol’s ninth“ den Auftakt in einem insgesamt kriegerischen Geschehen. „Sie jagen uns wie Aaskrähen, sie suchen uns aus wie Furcht erfüllte Maulwürfe“. Danach wird ein schrecklicher Krieg geschildert, eine furchtbare Verschwendung von Därmen und geronnenem Blut sowie von menschlichem Leben, ein sinnloser, bitterer, blutiger Streit.

Bringen wir ein neues Tier in das Spiel: die Ratte. In „Broken barricades“ heißt es im song „Poor Mohammed“ dazu: Lassen wir die Ratten auf ihn los. Auch sonst hat Mohammed nichts zu lachen. Der Esel kommt in „Memorial drive“ zum Zug: er arbeitete wie ein mexikanischer Esel. Der Affe darf nicht fehlen. In „The devil came from Kansas“ reitet ein Affe auf dem Rücken des Sängers. Ein komischer Aspekt wird auf der Bühne dadurch erzielt, dass sich dieser dabei schüttelt nach dem Motto: „Affe, weiche von mir!“

Kehren wir zurück zum Album „The well’ s on fire“. Der song „VIP room“ könnte durch die Aussage von Albert Camus „Tod für alle, doch jedem sein Eigner“ charakterisiert werden. Dass man wenigstens als eine sehr bedeutende Persönlichkeit sterben möchte, wenn der Tod schon nicht aufzuhalten ist, zeugt von einem Streben nach Höherem. Wenn ein schwarzer Vogel vom Himmel herab stößt wie in „The blink of an eye“, dann deutet sich Unheil an, welcher Natur es ist, steht nicht fest. Es gibt keinen festen Vorleger unter den Füssen, die Träume von vielen sind verraucht, die zurück Bleibenden können ihr Dasein nicht bewältigen.

 In „A robe of silk“ handelt es sich um das einzige Liebeslied auf der Disc, ein Zeichen, dass die unschönen Zustände die Überhand gewonnen haben – das passt insgesamt zu Keith Reid.„Shadow boxed“ gibt mehr Rätsel auf als dass es welche löst. Procol Harum wie einst im Mai ist zu hören auf „Weisselklenzenacht“. Das Instrumental schließt an Repent Walpurgis an und wurde in Aschaffenburg im Colos Saal 2003 mit Ovationen bedacht.

Am besten ein Glas guten Rotwein dazu trinken!

Procol

© Procol Harum

 

 

link http://www.procolharum.com/

 

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Veröffentlicht 22. September 2012 von schauerchristian in Betrachtungen zur Musik