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Satiren

E.L. Doctorow, Homer & Langley – Doctorow trifft Shakespeare

„Ich hatte das Speisezimmer nie recht gemocht, vielleicht weil es fensterlos war und an der kälteren Nordseite des Hauses lag. Langley ging es offenbar ähnlich, denn er wählte das Speisezimmer, um das Auto aufzustellen, ein Ford Model T.

Ich lag mit Grippe im Bett und hatte keine Ahnung, was er da trieb. Von unten hörte ich merkwürdige Geräusche – Rattern, Rufen, metallisches Klirren, Poltern und ein, zwei Mal ein ohrenbetäubendes Krachen, das die Wände erzittern ließ. Er hatte das Auto zerlegt , ins Haus gebracht, die Teile wurden mit einer Seilwinde vom Hof heraufgezogen, durch die Küche geschleppt und nun im Speisezimmer zusammengebaut wie in einer Autowerkstatt, und so verwandelte sich das Speisezimmer am Endde in eine Autowerkstatt inklusive Motorölgestank.“ 1

Zu der Zeit, Ende der Dreißiger- Anfang der Vierzigerjahre, waren Autos stromlinienförmig. Das war die Bezeichnung für das Ultramodernste im Autodesign. Ein stromlinienförmiges Auto war in die Länge gezogen und hatte nirgendwo einen rechten Winkel. Ich hatte mir zum Prinzip gemacht, mit den Händen über die am Straßenrand geparkten Autos zu streichen. Die Autos, die auf der Straße summende Geräusche von sich gaben, hatten eine lange, niedrige Motorhaube und schnittig geschwungene Kotflügel, Radkappen und einen eingebauten buckelförmigen Kofferraum. Darum fragte ich Langley, als ich so weit genesen war, um wieder hinunterzugehen, Wenn du schon ein Auto ins Haus bringen musstest, warum dann kein neues Modell, wie es jetzt Mode ist?

Während ich diesen Scherz machte, saß ich in dem Model T und unterstrich meine Worte mit Ausrufezeichen durch zweimaliges schnelles Drücken auf den Gummiball der Hupe. Das Tuten schien im ganzen Zimmer widerzuhallen und clownische Echos bis ins oberste Stockwerk auzusenden.”2

Langley bestritt hier einen ungewöhnliche Art des Sammelns. Schon vorher erwies er sich als Zeitungsausschnittsammler. “Langleys Projekt bestand im Auszählen und Ablegen von Zeitungsartikeln nach Kategorien: Invasionen, Kriege, Massenmorde, Auto-, Eisenbahn und Flugzeugunglücke, Liebesskandale, Kirchenskandale, Raubüberfälle, Morde, Lynchmorde, Vergewaltigungen, politische Verbrechen mit einer Unterabteilung für Wahlfälschungen, Verfehlungen der Polizei, Morde in der Unterwelt, Investitionsbetrügereien, Streiks, Brände in Wohnhäusern, Zivilprozesse, Strafprozesse und so weiter. Für Naturkatatrophen wie Epidemien, Erdbeben und Hurrikane gab es eine eigene Kategorie. Alle habe ich nicht mehr im Kopf. Wie er erläuterte, würde er am Ende- wann, sagte er nicht – genügend statistische Belege haben, um sein Material auf solche Ereignisse einzugrenzen, die durch ihre Häufigkeit das Wesen des menschlichen Verhaltens ausmachten. Dann würde er weitere statistische Vergleiche anstellen, bis er das Layout festlegen konnte und wusste, welcher Artikel aufs Titelblatt gehörte, welcher auf Seite zwei und so weiter … Er rannte los und kaufte alle Morgenzeitungen und nachmittags die Abendzeitungen, und dann gab es noch die Wirtschaftsblätter, die Sexhefte, die Kuriositätenzeitungen, die Tingeltangelblättchen und so weiter. Letztendlich wollte er das gesamte Leben Amerikas in einer Ausgabe festhalten – er nannte n sie Collyer’s immerwährend aktuelle zeitlose Zeitung, die einizige Zeitung, die man je brauchen würde.”3

Als ehemaliger Pressearchivar kann man diese Leidenschaft des Zeitungsausschnittsammelns oder auch des Sammelns ganzer Zeitungen durchaus sympathisch finden. Leider werden nicht einzelne Seiten oder Exemplare von Langleys Zeitungen in Fotokopie angeführt. Dies würde einen Dokumentarismus des Buches fördern.

1E.L. Doctorow, Homer & Langley, Frankfurt am Main 2013, S. 84. Es wird anhand der Ausbildung von Langley nicht klar, woher er die Ausbildung besitzt, ein Auto zu zerlegen und wieder zusammenzubauen.

2Ebd.., S. 86 f.

3Ebd. S. 54 f.

Ordner zwei

Ordner mit Zeitungsausschnitten

Homers Verhältnis zu Frauen schildert Doctorow folgendermaßen – in diesem Fall zu seinem Hausmädchen

Julia: „Ihre Sinnlichkeit war nüchtern und sachlich. Ich hatte schon gehört,dass die Europäerinnen nicht so viel Aufhebens um die körperliche Liebe machen wie unsere Frauen, sie zieren sich nicht lange und nehmen dieses Begehren hin wie jedes andere Verlangen, ebenso natürlich wie Hunger und Durst. So hatte Julia vielleicht einen unmoralischen Charkakter, aber sie hatte auch Ambitiomen, denn kaum hatte sie mein Bett erobert, begann sie Siobhan herumzukommandieren, als wollte sie für die Stellung der Herrin des Hauses üben.Das wusste ich natürlich, ich bin ja nur auf den Augen blind. Aber ich bewunderte ihren Einwanderer-Elan.“1 Homer dachte an Shakespeares „Romeo und Julia“

Homer: „Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt.

Julia erscheint oben an einem Fenster

Doch still, was schimmert durch das Fenster dort?

Es ist der Ost, und Julia die Sonne! –

Geh‘ auf, du holde Sonn‘! Ertöte Lunen,

Die neidisch ist und schon vor Grame bleich,

Daß du viel schöner bist, obwohl ihr dienend.

Oh, da sie neidisch ist, so dien‘ ihr nicht!

Nur Tore gehen in ihrer blassen , kranken

Vestalentracht einher: wirf du sie ab!

Sie ist es, meine Göttin! Meine Liebe!

Oh wüßte sie, daß sie es ist!-

Sie spricht, doch sagt sie nichts: was schadet das?

Ihr Auge red’t, ich will ihm Antwort geben.-

Ich bin zu kühn, es redet nicht zu mir.

Ein Paar der schönsten Stern‘ am ganzen Himmel

Wird ausgesandt, und bittet Juliens Augen,

In ihren Kreisen unterdes zu funkeln.

Doch wären ihre Augen dort, die Sterne

In ihrem Antlitz? Würde nicht der Glanz

Von ihren Wangen jene so beschämen,

Wie Sonnenlicht die Lampe? Würd‘ ihr Aug‘

Aus luft’gen Höh’n sich nicht so hell ergießen,

Daß Vögel sängen, froh den Tag zu grüßen?

Oh, wie sie auf die Hand die Wange lehnt!

Wär‘ ich der Handschuh doch auf dieser Hand,

Und küßte diese Wange!

Julia: Weh mir!

Homer: Horch!

Sie spricht! Oh sprich noch einmal, holder Engel!

Denn über meinem Haupt erscheinest du

Der Nacht so glorreich, wie ein Flügelbote

Des Himmels dem erstaunten, über sich

Gekehrten Aug‘ der Menschensöhne, die

Sich rücklings werfen, um ihm nachzuschaun,

Wenn er dahin fährt auf den trägen Wolken

Und auf der Luft gewölbtem Busen schwebt.

Julia: O Homer! Warum denn Homer?

Verleugne deinen Vater, deinen Namen!

Willst du das nichts, schwör‘ dich zu meinem Liebsten,

Und ich bin länger keine Capulet!2

Homer sprach zu Julia leicht entsetzt: „Julia, du siehst dich wohl fälschlich in einer bekannten Liebestragödie, wir sind im prosaischen New York im 20. Jahrhundert!“ Im Gegensatz zu ihrem klassischen Vorbild war sie gebaut: „Sie hatte winzige Öhrchen und pralle Lippen. Wenn wir Kopf an Kopf lagen, reichten ihre Zehen kaum an meine Fußknöchel. Aber sie war üppig proportioniert, das Fleisch an Schultern und Armen gab dem leisesten Daumendruck nach. Sie hatte eine hohe Taille und hohe Brüste, einen festen Rücken und kräftige Schenkel und Waden.Ihre Füße waren nicht elegant, sondern ziemlich breit und fühlten sich, im Gegensatz zu dem ansonsten weichen Körper, etwas rau an. Wenn sie das glatte Haar löste , fiel es ihr bis auf die Schultern-sie hockte sich gern auf allen vieren über mich, wenn ich auf dem Rücken lag, und ließ sich das Haar ins Gesicht fallen, sodass es mir über Brust und Bauch strich, schob das Haar mit einer Kopfbewegung hierhin und dorthin. Dabei murmelte sie Sätze, die auf Englisch begannen und dann ins Ungarische abglitten.“3

1E.L. Doctorow, Homer & Langley, Frankfurt am Main 2013, S. 31

2William Shakespeare, Romeo und Julia, In: Sämtliche Werke, Neu-Isenburg 2006, S. 935 – leicht abgewandelte Version

3Doctorow, a.a.O., S. 32

Eine weiteres Verhältnis ergibt sich aus der Bekanntschaft mit einer Hippie-Gruppe.“Dann aber fand auf der großen Wiese im Central Park eine Kundgebung gegen den Krieg statt, und wir dachten, das sollten wir uns anschauen.“1

Gemeint ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Vietnam-Krieg. „ Less than a month later, on April 15 (1967) another anti-war rally took place as a part of the ‚Spring mobilization to End the War in Vietnam’”2 Once again the number of demonstrators grew drastically to an estimated 100–400 thousand attendees. This peace rally, which assembled and started off in Central Park and then marched to the United Nations, was said to be the largest of its kind at its time.”3 Hier könnten Homer und Langley die Hippie-Gruppe kennengelernt haben. “ Zwei der Mädchen -sie nanten sich Dawn und Sundown- schwirrten ständig um Connor herum, so gebannt waren sie von den obszönen Abenteuern seiner Figuren.”4 Homer berichtet weiter:”Wo sie herkamen, wer ihre Angehörigen waren, habe ich nie erfahren, nur Lissy erzählte mir, sie sei in San Francisco aufgewachsen.”5

Homer erinnerte sich in diesem Zusammenhang an diverse Rocksongs, die allesamt San Francisco zum Thema hatten: “San Francisco” von Scott McKenzie. Dort hieß es:

If you’re going to San Francisco,
be sure to wear some flowers in your hair.
If you come to San Francisco,
Summertime will be a love-in there.

Auch Eric Burdon hatte San Francisco besungen in „San Franciscan nights“. Das Lied galt ebenso als Beschreibung des Hippytums wie als Protest gegen den Vietnam-Krieg.

San Franciscan Nights Text des Liedes

This following program is dedicated to the city and people of San Francisco
Who may not know it but they are beautifull
And so is their city this is a very personal song
So if the viewer cannot understand it

Particularly those of you who are European residents
Save up all your brand and fly trans love airways to San Francisco U.S.A.
Then maybe you’ll understand the song, it will be worth it
If not for the sake of this song but for the sake of your own peace of mind

Strobe lights beam creates dreams
Walls move minds do too
On a warm San Franciscan night
Old child young child feel alright
On a warm San Franciscan night

 


Angels sing leather wings
Jeans of blue Harley Davisons too
On a warm San Franciscan night
Old angels young angels feel alright
On a warm San Franciscan night

I wasn’t born there perhaps I’ll die there
There’s no place left to go, San Francisco

Das Feindbild Polizist kommt in der folgenden Strophe zum Vorschein. „Bullen“ müssen hasserfüllt sein.

Cop’s face is filled with hate
Heavens above he’s on a street called love
When will they ever learn
Old cop young cop feel alright
On a warm San Franciscan night

Angedeutet wird hier, dass der amerikanische Traum die Gleichberechtigung auch von Indianern beinhaltet.

The children are cool, they don’t raise fools
It’s an American dream includes Indians too
6

 

Homer weiter: „Diese Kinder waren mit ihrer Lebensweise radikalere Gesellschaftskritiker als die Kriegsgegner und Bürgerrechtler, denen die Zeitungen so viel Beachtung schenkten.Sie hatten gar nicht die Absicht, irgendwas zu verbessern. Sie lehnten einfach die Kultur ab.“7

Langley erinnerte an seine schlimmen Erinnerungen aus dem Ersten Weltkrieg: „ Fast wäre Langley vors Kriegsgericht gekommen, weil er angeblich einen Offizier bedroht hatte. Er hatte gesagt, Warum bringe ich Männer um, die ich gar nicht kenne? Wenn man einen Menschen umbringen will, muss man ihn doch kennen. Wegen dieser geistreichen Bemerkung wurde er Nacht für Nacht auf Patrouille geschickt, musste über eine zerfurchte, zerschossene Ebene voller Schlamm und Stacheldraht kriechen und sich an den Boden drücken, wenn die Leuchtpatronen den Himmel erhellten. … An dem Tag, als Langley allein auf den Woodlawn Cemetry ging, um die Gräber unserer Eltern zu besuchen, legte ich sein Springfield-Gewehr auf den Kaminsims im Salon, und dort ist es geblieben, wohl das erste Stück in der Sammlungvon Artefakten aus unserem amerikanischen Leben.“8

Das Ende des Zweiten Weltkrieges erleben die beiden zusammen: „ Als der Krieg mit dem Sieg über Japan endete, herrschte in New York das übliche drückend schwüle Augustwetter. Nicht dass das irgendwen störte. Es gab einen Autokorso auf der Fifth Avenue, die Fahrer hupten und riefen zum Fenster heraus. … Als Langley und ich die Straße zum Park überquerten, tanzten dort Fremde miteinander, Eisverkäufer warfen Eistüten in die Menge. Ballonverkäufer ließen ihre Bestände davonfliegen. … Natürlich war ich erleichtert wie alle anderen, dass der Krieg vorüber war. Doch inmitten dieses Frohsinns überfiel mich eine furchtbare Traurigkeit. Wie wurden die belohnt, die gestorben waren? Mit Gedenktagen? Im Innern hörte ich einen Zapfentreich.

Wir hatten so einen Scherz, Langley und ich: Jemand liegt im Sterben und fragt, ob es ein Leben nach dem Tode gibt. Ja lautet die Antwort, nur nicht deins.“9 Der Musikkritiker Christopher Rain, den Homer aufgrund seiner musikalischen Interessen kannte, erinnerte die beiden in diesem Zusammenhang an den Text des songs „Home of the brave“ der Gruppe Earth Opera, in dem Zweifel an der Existenz eines Lebens nach dem Tod auftauchen, das Grab erscheine als der letzte Ort des Soldaten:

Home of the Brave    Earth opera

It took us so long to get home

And I`ve been down so long

People all around me

They can’t understand

How I lost my hand

But the war was grand

A lovely parade

Here is where I long to be

My home the grave, my land is free

And I know it`s paid for

Yes very well paid for

And I know it paid for

Yes very well paid for

It took us so long to get home

And you bring me so far down

People gather round me

Try to understand

About my hand

But the war was grand

A loveley parade

1E.L. Doctorow, Homer & Langley, Frankfurt am Main 2013, S. 149

3Ebd.

4Doctorow, a.a.O. S 153

5Ebd., S. 154

7Doctorow, S. 155

8Doctorow, S. 29

9Doctorow, S. 107 f.

 

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Alphonse Allais – Der umsichtige Verbrecher in: Alphonse Allais, Na los, lesen Sie Allais- Satiren der Jahrhundertwende, München 1989kursiv: eigene Gedanken

Mögliche andere Titel der Satire auch: ‘Der tolldreiste Gangster’ oder ‘Das Verbrechen mit Chuzpe ’Mit einem Werkzeug (amerikanisches Fabrikat), – die Frage stellt sich hier: Warum amerikanisches Fabrikat- sind Gangster häufig mit amerikanischem Werkzeug ausgestattet? – das einem Büchsenöffner ziemlich ähnlich sieht, machte der Verbrecher in das Wellblech vor der Auslage zwei vom gleichen Punkt ausgehende Schnitte, einen senkrechten und einen waagrechten. Mit kräftiger Hand zog er den dadurch entstandenen Metalltriangel zu sich heran und drehte ihn so leicht, wie er es mit einer Folie aus Stanniolpapier gemacht hätte. (Es war ein stämmiger Verbrecher.) Er gelangte in die kleine rechteckige Diele, die sich außen vor der Ladentür befindet. Und nun das Glas: unter Zuhilfenahme eines Saugnapfes aus Kautschuk (amerikanisches Fabrikat) – warum ist die Herkunft des Fabrikates schon wieder wichtig? – zerschnitt er es mit einem südafrikanischem Diamanten. Der Verbrecher konnte nun den Laden ungehindert betreten. Gelassen und planmäßig verstaute er dann in einem eigens dafür mitgebrachten Sack all die kostbaren Steine und Schmuckstücke, die zwei Vorzüge hatten: sie beanspruchten wenig Platz und waren sehr teuer. Er war mit seiner Arbeit schon fast fertig, als vom Ladeninneren her der Eigentümer, Monsieur Josse, auftauchte, in der einen Hand eine Kerze, in der anderen einen Revolver. Möglicherweise hat der Eigentümer also schon Erfahrung mit Einbrechern, wenn er eine Revolver mit sich führt. Der Verbrecher, sehr höflich, grüßte und sagte leutselig: “Ich wollte nicht so nah an Ihnen vorbeigehen, ohne Ihnen einen schönen Tag zu wünschen.” Und während der Goldschmied ihm arglos die Hand drückte, stieß ihm der Übeltäter einen mörderischen Stahl (amerikanisches Fabrikat) – schon wieder aus Amerika – in die Brust. Der eigens mitgenbrachte Sack wurde rasch gefüllt. Der Verbrecher schickte sich an, wieder auf die Straße zu hinauszugehen, als ihm etwas einfiel. Er setzte sich dann an den Ladentisch und schrieb auf ein großes Blatt Papier – warum hier nicht ein amerikanisches Fabrikat? – einige Wörter in Blockschrift. Mit angefeuchtetem Teigkügelchen klebte er dieses Schild an das Schaufenster des Ladens, und die vorbeigehenden Frühaufsteher konnten bei Tagesanbruch lesen: Wegen Todesfalls geschlossen. Ist sie ein zufälliger Geistesblitz oder steckt langfristige Strategie hinter dieser Nachricht?

 Bild

Könnte er so ausgesehen haben, der Verbrecher mit den vielen Fabrikaten aus Amerika?

 

Der Formal-Korinthenkacker

Herr Dünnschnitt aus Schmalenbach ist sehr von der normativen Kraft des Formalen überzeugt. Im kleinen Kreis dichtet er dazu mit den eindringlichen Zeilen: Auszug

“Stimmt beim Werk nicht die Form
Drückt der Darm ganz enorm”

Er wies auf Platon hin, wonach die Form der Geist in seiner reinen Natur sei und die Nichtform nur die Materie. Um einen hohen Anspruch an Form zu erlangen, erscheint ihm ein Werk nur in Schweinsleder gebunden und mit Goldrand versehen als adäquate Präsentation. Eine Person, die dies wusste, Herr Stingelmann aus Mespelbrunn, schenkte ihm zu seinem 62. Geburtstag das Werk “Simon Höchheimer – der Aufklärer aus Unterfranken” in der geweihten Form der Goldrand-Schweinsleder- Konfiguration – in der Hoffnung, dies sei das Non Plus Ultra. Doch weit gefehlt. Bei einer eingehenden, detaillierten und ausufernden Analyse dieses Werkes wurden folgende schwer wiegende Mängel festgestellt. Auf der Seite fünf (noch im Bereich der Einleitung) wurde ein 1,2 Zentimeter großer Kaffeefleck gefunden, der mikroskopisch untersucht wurde – Analysekosten: 1.500 Euro- und oh Schreck: Der Kaffee stammt aus nicht fair gehandeltem Kaffee – eine Todsünde für den Dritte- Welt -Freund! Welch ein Fauxpas! Wie kann man nur!

Millimeterlineal

Dies ist das Millimeter-Lineal, das das geschenkte Werk analysiern sollte (Preis 5.000 Euro). An insgesamt 48 Stellen des Textes wurden millimeterrelevante Textschwankungen festgestellt. Welch eine Renomée-Verlust für den Autor. Dann gab es noch den Goldrand-Verifikator. Ein Gerät, daß die adäquate Anbringung des Goldrandes untersucht. Verrutschte Goldränder an 23 Stellen – niederschmetternd! Und schließlich noch das Schweinsleder. Es darf auf keinen Fall von einer Wassertrüdinger Landpommeranzensau stammen, sondern von einem edlen Zuchtschwein der Poebene, das für Parma-Schinken vorgesehen ist. Und wo stammt das verwendete Schwein her? -Recherchekosten durch Privatdetektiv: 6.000 Euro- Aus Oberammergau in Bayern – Privatstall von Host Seehofer! “Dies ist die Dreieinigkeit des Scheiterns” -so Herr Dünnschnitt, “Das Werk wird an Herrn Stingelmann zurückgesandt! Huuh, ich habe gesprochen!” Nach einer Weile ergänzte er: “Inhaltlich mag das Werk ja genial sein, aber im Verriß fühle ich mich schlichtweg wohl!”

 

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© Der Spiegel

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Veröffentlicht 24. November 2010 von schauerchristian in Satire