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Satiren

Alphonse Allais – Der umsichtige Verbrecher in: Alphonse Allais, Na los, lesen Sie Allais- Satiren der Jahrhundertwende, München 1989kursiv: eigene Gedanken

Mögliche andere Titel der Satire auch: ‘Der tolldreiste Gangster’ oder ‘Das Verbrechen mit Chuzpe ’Mit einem Werkzeug (amerikanisches Fabrikat), – die Frage stellt sich hier: Warum amerikanisches Fabrikat- sind Gangster häufig mit amerikanischem Werkzeug ausgestattet? – das einem Büchsenöffner ziemlich ähnlich sieht, machte der Verbrecher in das Wellblech vor der Auslage zwei vom gleichen Punkt ausgehende Schnitte, einen senkrechten und einen waagrechten. Mit kräftiger Hand zog er den dadurch entstandenen Metalltriangel zu sich heran und drehte ihn so leicht, wie er es mit einer Folie aus Stanniolpapier gemacht hätte. (Es war ein stämmiger Verbrecher.) Er gelangte in die kleine rechteckige Diele, die sich außen vor der Ladentür befindet. Und nun das Glas: unter Zuhilfenahme eines Saugnapfes aus Kautschuk (amerikanisches Fabrikat) – warum ist die Herkunft des Fabrikates schon wieder wichtig? – zerschnitt er es mit einem südafrikanischem Diamanten. Der Verbrecher konnte nun den Laden ungehindert betreten. Gelassen und planmäßig verstaute er dann in einem eigens dafür mitgebrachten Sack all die kostbaren Steine und Schmuckstücke, die zwei Vorzüge hatten: sie beanspruchten wenig Platz und waren sehr teuer. Er war mit seiner Arbeit schon fast fertig, als vom Ladeninneren her der Eigentümer, Monsieur Josse, auftauchte, in der einen Hand eine Kerze, in der anderen einen Revolver. Möglicherweise hat der Eigentümer also schon Erfahrung mit Einbrechern, wenn er eine Revolver mit sich führt. Der Verbrecher, sehr höflich, grüßte und sagte leutselig: “Ich wollte nicht so nah an Ihnen vorbeigehen, ohne Ihnen einen schönen Tag zu wünschen.” Und während der Goldschmied ihm arglos die Hand drückte, stieß ihm der Übeltäter einen mörderischen Stahl (amerikanisches Fabrikat) – schon wieder aus Amerika – in die Brust. Der eigens mitgenbrachte Sack wurde rasch gefüllt. Der Verbrecher schickte sich an, wieder auf die Straße zu hinauszugehen, als ihm etwas einfiel. Er setzte sich dann an den Ladentisch und schrieb auf ein großes Blatt Papier – warum hier nicht ein amerikanisches Fabrikat? – einige Wörter in Blockschrift. Mit angefeuchtetem Teigkügelchen klebte er dieses Schild an das Schaufenster des Ladens, und die vorbeigehenden Frühaufsteher konnten bei Tagesanbruch lesen: Wegen Todesfalls geschlossen. Ist sie ein zufälliger Geistesblitz oder steckt langfristige Strategie hinter dieser Nachricht?

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Könnte er so ausgesehen haben, der Verbrecher mit den vielen Fabrikaten aus Amerika?

 

Der Formal-Korinthenkacker

Herr Dünnschnitt aus Schmalenbach ist sehr von der normativen Kraft des Formalen überzeugt. Im kleinen Kreis dichtet er dazu mit den eindringlichen Zeilen: Auszug

“Stimmt beim Werk nicht die Form
Drückt der Darm ganz enorm”

Er wies auf Platon hin, wonach die Form der Geist in seiner reinen Natur sei und die Nichtform nur die Materie. Um einen hohen Anspruch an Form zu erlangen, erscheint ihm ein Werk nur in Schweinsleder gebunden und mit Goldrand versehen als adäquate Präsentation. Eine Person, die dies wusste, Herr Stingelmann aus Mespelbrunn, schenkte ihm zu seinem 62. Geburtstag das Werk “Simon Höchheimer – der Aufklärer aus Unterfranken” in der geweihten Form der Goldrand-Schweinsleder- Konfiguration – in der Hoffnung, dies sei das Non Plus Ultra. Doch weit gefehlt. Bei einer eingehenden, detaillierten und ausufernden Analyse dieses Werkes wurden folgende schwer wiegende Mängel festgestellt. Auf der Seite fünf (noch im Bereich der Einleitung) wurde ein 1,2 Zentimeter großer Kaffeefleck gefunden, der mikroskopisch untersucht wurde – Analysekosten: 1.500 Euro- und oh Schreck: Der Kaffee stammt aus nicht fair gehandeltem Kaffee – eine Todsünde für den Dritte- Welt -Freund! Welch ein Fauxpas! Wie kann man nur!

Millimeterlineal

Dies ist das Millimeter-Lineal, das das geschenkte Werk analysiern sollte (Preis 5.000 Euro). An insgesamt 48 Stellen des Textes wurden millimeterrelevante Textschwankungen festgestellt. Welch eine Renomée-Verlust für den Autor. Dann gab es noch den Goldrand-Verifikator. Ein Gerät, daß die adäquate Anbringung des Goldrandes untersucht. Verrutschte Goldränder an 23 Stellen – niederschmetternd! Und schließlich noch das Schweinsleder. Es darf auf keinen Fall von einer Wassertrüdinger Landpommeranzensau stammen, sondern von einem edlen Zuchtschwein der Poebene, das für Parma-Schinken vorgesehen ist. Und wo stammt das verwendete Schwein her? -Recherchekosten durch Privatdetektiv: 6.000 Euro- Aus Oberammergau in Bayern – Privatstall von Host Seehofer! “Dies ist die Dreieinigkeit des Scheiterns” -so Herr Dünnschnitt, “Das Werk wird an Herrn Stingelmann zurückgesandt! Huuh, ich habe gesprochen!” Nach einer Weile ergänzte er: “Inhaltlich mag das Werk ja genial sein, aber im Verriß fühle ich mich schlichtweg wohl!”

 

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© Der Spiegel

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Veröffentlicht 24. November 2010 von schauerchristian in Satire