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Satiren

Er ist wieder da und ist doch kaum wirklich oder?

Unglaubliches geschieht . Adolf Hitler erwacht 2011 in einem Grundstück in Berlin-Mitte. Unter Ausländern – Türken vor allem- denkt er sich: „Offenbar verkehrten hier jüngst viele Türken. Mir musste in meiner Bewusstlosigkeit eine längere Zeitspanne entgangen sein, in der sich viele Türken nach Berlin begeben hatten.Das war bemerkenswert. Zuletzt war der Türke, ein im Grunde treuer Gehilfe des deutschen Volkes, trotz erheblicher Bemühungen stets neutral geblieben, zum Kriegseintritt an der Seite des Reiches war er nie zu bewegen gewesen. Es schien nun aber so, dass während meiner Abwesenheit wohl jemand, wahrscheinlich Dönitz, den Türken überzeugt haben musste, uns zu unterstützen. Und die eher friedliche Stimmung auf der Straße ließ darauf schließen, dass der türkische Einsatz offenbar sogar eine kriegsentscheidende Wende herbeigeführt hatte.“1 So kann man es tatsächlich sehen, wenn man lange geschlafen hat. Die ausliegenden Zeitungen kennt er nicht, der “Völkische Beobachter” scheint ausverkauft zu sein- er erfährt, dass das aktuelle Jahr das Jahr 2011 ist und nicht 1945, er fällt in Ohnmacht!

Als er wieder aufwacht, hält ihm ein Zeitgenosse, der ihn für einen Hitler-Imitator hält, ein Buch hin, die “Schmidt-Memoiren”, ein Erinnerungsbuch eines Friseurs an seine Dienste gegenüber Adolf Hitler: “Im Frühjahr 1940 hielt ein großer Mercedes vor meinem Frisiersalon in der Königstraße 127, und Hitler kam herein. ‚Nur ein bisschen versäubern‘, sagte er, ‚und nehmen Sie oben nicht zuviel weg.‘ Ich erklärte ihm, daß er wohl noch etwas warten müsse, denn Herr von Ribbentrop sei noch vor ihm dran. Hitler sagte, er habe es eilig und fragte Ribbentrop, ob er nicht als nächster dran kommen könne, aber Ribbentrop betonte, daß es im Außenministerium einen schlechten Eindruck machte, wenn man ihn überginge. Hitler rief darauf rasch irgendwo an, Ribbentrop wurde auf der Stelle zum Afrikakorps versetzt, und Hitler bekam seinen Haarschnitt.”2 Hitler hielt inne und wurde blass vor Wut: “Der Kerl verbreitet krasse Lügen, einen Friseur dieses Namens hatte ich nie!” Trotzdem entschloß er sich noch einmal weiter zu lesen, was noch für Hirngespinste über ihn verbreitet wurden. “So ging es mit den Rivalitäten die ganze Zeit weiter. Einmal ließ Göring Heydrich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen verhaften, um den Stuhl am Fenster zu bekommen. Göring war hemmungslos und wollte zum Haarschneiden öfters auf dem Schaukelpferdchen sitzen.”3 “Wenigstens lässt der Schmidt jetzt von mir ab”, dachte Hitler “und nimmt den Fettwanst Göring- diesen Morphinisten- aufs Korn, der mich gern beerbt hätte”. Hitler weiter: “Den Heß könnte er auch noch durch den Kakao ziehen!”- In den Schmidt-Memoiren geht es noch provaktiver weiter:”In Berchtesgaden wandte sich Hitler eines Tages an mich und fragte: ‚Wie würde ich mit Koteletten aussehen?‘ Speer lachte und Hitler war beleidigt. ‚Ich meine es todernst, Herr Speer‘, sagte er, ‚ich glaube, mir könnten Koteletten stehen.‘ Göring, dieser schleimende Hanswurst, stimmte sofort zu und sagte: ‚ Der Führer mit Koteletten -welch hervorragende Idee!‘ Speer widersprach noch immer. Er war wirklich der einzige, der integer genug war, es dem Führer gleich zu sagen, wenn dieser einen Haarschnitt nötig hatte. ‚zu auffallend‘, sagte Speer nun.’Koteletten sind etwas, was ich eher mit Churchill in Verbindung bringen würde.‘ Hitler wurde wütend. Ob denn Churchill Koteletten in Erwägung zöge, wollte er wissen, und wenn ja, wie viele und wann?”4 Hitler ist wütend, als er diese Dauerherabsetzung liest und schnaupt seinen Gegenüber an. “Geben Sie mir etwas zu lesen, wo andere Zeitgenossen durch den Kakao gezogen werden. Ich kann es nicht mehr ertragen.” Der Zeitgenosse erklärt ihm (Hitler) den Weg zum nächsten Buchladen und empfiehlt ihm das Buch von Roland Topor “Memoiren eines alten Arschlochs”. “Hier sind neben Ihnen überwiegend andere Arschlöcher für den Lachkrampf freigegeben!” Hitler bekommt einen cholerischen Anfall und schreit: “Freisler, wo ist Freisler, dieser Kerl muß gehängt werden”. Sein Gegenüber lächelt milde und erläutert ihm, dass Freisler bei einem Bombenangriff in Berlin schon längst ums Leben gekommen ist. “Wie schade” , entgegnet ihm Hitler. “Als Arschloch hätte mich früher niemand nennen können, ohne mit dem Leben davon zu kommen!” -Er erreicht den beschriebenen Buchladen und sucht nach einer Stelle, in der einer seiner Feinde karikiert wird. Er findet Stalin. “Ich hatte zu Anfang der zwanziger Jahre ein langes Kapitel über diesen Aufenthalt in der UdSSR geschrieben. … Trotzki stellte mir als einen Sonderzug zur Verfügung, mit dem ich durch die sozialistischen Republiken reisen konnte, und Stalin kommandierte seinen persönlichen Leibwächter zu mir ab, einen sehr pittoresken Georgier, der Youri hieß. Da meine Frau immer unerträglicher wurde, suchte ich Zuflucht bei Youri, der zahlreiche Anekdoten über Stalin kannte, dem er wie ein Hund ergeben war. Eine davon ist besonders bekannt, und ich bin noch imstande sie zu erzählen. Stalin war ganz versessen auf Astrachan- Bohnen, aber seine Frau weigerte sich, ihm welche zu kochen, da er nach dem Genuß dieses schwer verdaulichen Gerichts immer furzte. Eines Tages jedoch trifft Stalin auf dem Roten Platz Malenkow, und sie gehen zusammen ins Restaurant zum Mittagessen. Es gibt Astrachan-Bohnen. Stalin legt ein. Natürlich furzt er den ganzen Tag, und abends geht er ziemlich ängstlich nach Hause. An der Tür erwartet ihn seine Frau. ‚Liebling‘, sagte sie zu ihm, ‚ich habe eine Überraschung für dich.‘ Sie bindet ihm die Augen zu und führt ihn zu seinem Platz an den Tisch im Eschzimmer. Dann läuft sie in die Küche. Stalin lässt die Winde wehen, knöpft seine Hose auf und versucht die schlechte Luft um ihn herum zu vertreiben. Als er hört, daß seine Frau zurückkommt, knöpft er schnell die Hose wieder zu. Sie nimmt ihm die Binde von den Augen und sagt dazu: ‚ Schau mal, Liebling, ich habe alle deine Freunde vom Obersten Sowjet zu deinem Geburtstag eingeladen!’” 5 Hitler dachte erleichtert: “Endlich bekommt ein anderer Staatenlenker einmal sein Fett weg. Der Topor hat ja wirklich Phantasie. Stalin als Dauerfurzer – darauf muss man erst kommen.” Beim Querlesen in den “Schmidt-Memoiren” stieß er jedoch auf eine Himmler-Passage, bei deren Lektüre er sich vor Lachen den Bauch halten musste. “Himmler, angeblich der Leiter der Spionageabteilung, wurde sofort herbeizitiert… Himmler kam völlig aufgelöst angerast. (Nach Berchtesgaden – Anmerkung von mir). Er war mitten in einer Steptanzstunde gewesen, als das Telefon klingelte und er nach Berchtesgaden beordert wurde. Er fürchtete, es handle sich um die fehlgeleitete Ladung einiger Tausend spitzer Karnevalhütchen, die Rommel für seine Winteroffensive zugesagt worden war. (Himmler war es nicht gewohnt, nach Berchtesgaden zum Abendessen eingeladen zu werden, denn er konnte schlecht sehen, und Hitler ertrug es nicht, ansehen zu müssen, wie Himmler die Gabel an sein Gesicht führte und sich dann das Essen irgendwo an die Backe klebte.)”6 „Fürwahr welch ein Tolpatsch der Heini“ dachte Hitler und schlug sich auf den Oberschenkel wie damals nach der Eroberung Frankreichs.

Da es nach Tolpatsch Heini nur abwärts gehen konnte, erbat sich Hitler von seinem Gegenüber eine verbissene Liebesgeschichte, die im Kontrast zu seiner langweiligen mit Eva Braun zu lesen sei. Dieser empfahl ihm Feridon Zaimoglu „Liebesbrand“. Dort heißt es in einer Liebesbeziehung des Protagonisten zu seiner Geliebten Tyra: „ Sie biß mich fest in die Schulter, in den Hals, sie biß mich in Brust und Oberlippe, die wieder zu bluten anfing, ich schmeckte das Blut, sie wollte Kampf und Krieg im Bett, ich bog ihre Arme zurück und drehte sie auf den Bauch, sie bäumte sich dagegen auf, ich drückte sie mit aller Macht in die Matratze und biß ihr in den Nacken, ich griff immer wieder hart in ihren Rücken, als wollte ich Fleischstücke herausreißen, ich bedeckte ihren nackten Körper mit meinem nackten Körper, und dann lag ich schwer auf ihr und fing an, sie zu küssen, sie stöhnte auf, sie rief mich bei meinem Namen, ich küßte sie auf den Nasenflügel, auf den Mundwinkel, ich küßte ihre Haare und ihre Achselhöhlen und roch ihren Körpergeruch, ich leckte den Schweiß in ihren Achselhöhlen, ich sog ihre Lippen in meinen Mund und ließ meine Zunge über ihre Zähne wandern, ich biß ihr in die Wange, und als sie sich stöhnend wand, küßte und biß ich ihre volle Brust, sie drehte sich auf den Rücken und drückte mich an sich, du verdammter Kerl, sagte sie…“7 Hitler dazwischen: „Das hat mir Eva nie gesagt … überhaupt, das ist mir zu wild, mein Biss hat sich ausschließlich in der Politik verwirklicht! Da ist mir der Allen noch spannender.“ „Was schreibt er denn noch über mich“, fragt er den Zeitgenossen, seinen Gesprächspartner. Dieser empfiehlt ihm den Schluss der „Schmidt-Memoiren“. Dort heißt es: „Kurz vor Ende kam ich zu Hitler in den Bunker.Die alliierten Armeen umzingelten Berlin, und Hitler fühlte, daß, wenn die Russen als erste kämen, er einen Radikalschnitt nötig haben würde, wenn es aber die Amerikaner wären, es bei einem leichten Versäubern bleiben könne. Alle stritten sich. Da wollte Bormann mittendrin rasiert werden, und ich versprach ihm, einige Vorschläge dazu auszuarbeiten. Hitler wurde immer mürrischer und einsamer. Er sprach davon, daß er das Haar von Ohr zu Ohr scheiteln wolle, und behauptete dann, die Entwicklung des Elektrorasierers werde den Krieg für Deutschland entscheiden. ‚ Wir werden in der Lage sein, uns in wenigen Sekunden zu rasieren, was, Schmidt?‘ murmelte er. Er erwähnte andere wilde Pläne und sagte, daß er sich eines Tages die Haare nicht schneiden und ondulieren lassen werde. Von absoluter Größe besessen wie üblich, schwor er, er werde schließlich noch eine gewaltige Pompadourfrisur tragen, ‚die die Welt erzittern lassen wird und eine ganze Ehrengarde zum Frisieren erfordert.‘ Endlich schüttelten wir uns die Hand, und ich schnitt ihm ein letztes Mal die Haare. Er gab mir einen Pfennig Trinkgeld. ‚Ich wollte, es wäre mehr‘, sagte er, ‚ aber seit die Alliierten Europa überrannt haben, bin ich etwas knapp bei Kasse.’“8 Hitler bekam einen hysterischen Lachanfall, stampfte mit dem Fuß auf und meinte entschlossen: „Der Allen muss sterben, er macht mich zur Sau und zum Bettler. Wer von meinen Generälen kann ihn umbringen?“ Der Zeitgenosse antwortete:“Vor kurzem ist herausgekommen, dass Walther Wenck nicht bei einem Autounfall 1982 ums Leben gekommen ist, sondern ebenso wie Eichmann in Argentinien untergetaucht ist und dort einen Enkel hat, der sich als überzeugten Nationalsozialisten in einschlägigen Kreisen geoutet hat.“ Hitler: „Der Wenck hat im Oderbruch vor den Russen versagt, vielleicht kann sein Enkel ihn rehabilitieren, indem er Allen liquidiert. Beschaffen Sie mir eine Adresse.“ Der Zeitgenosse entgegnete. „Ich bin in diesen Kreisen nicht so bewandert, vielleicht kann der örtliche AfD-Vorsitzende Ihnen weiterhelfen.“ Hitler fand im Telefonbuch dessen Telefonnummer und setzte sich mit ihm in Verbindung. Die Adresse des Wenck-Enkel konnte er von dort erfahren. Der Wenck-Enkel hieß Siegfried, „ein wirklich vielversprechender Name“, so der Führer. Das Mordkommando zur Liquidierung Allens wurde zusammengestellt, unter anderem fand sich auch ein Enkel Rudels als Ausführender ein. Da das Kommando von González Catán aus agierte, wo Adolph Eichmann gearbeitet hatte, war es von Mossad-Agenten, die hier noch weitere Nazigrößen vermuteten, entdeckt, und in Kooperation und auf Weisung der CIA in die USA entführt worden. Dort wurde ein Prozess gegen das Kommando vorbereitet. Siegfried Wenck bemerkte trocken zu Rudi Rudel, wie der Rudel-Enkel hieß: „Das Spiel ist aus!“- Er war fürwahr ein Sartre-Kenner.

Adolf-Hitler Frisur

A.H. links oben Frisur

1 Timur Vermes, Er ist wieder da, Köln 2012, S. 19

2 Woody Allen, Allen für alle, Hamburg Zürich, 1992, S.99 – Die Schmidt-Memoiren

3 Ebd.

4 Ebd., S. 100 f.

5 Roland Topor, Memoiren eines alten Arschlochs, Zürich 1977, S. 90 ff.

6 Woody Allen, a.a.O., S. 101

7 Feridun Zaimoglu, Liebesbrand, Frankfurt am Main 2009, S. 105

8 Woody Allen, a.a.O., S. 104 f.

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E.L. Doctorow, Homer & Langley – Doctorow trifft Shakespeare

„Ich hatte das Speisezimmer nie recht gemocht, vielleicht weil es fensterlos war und an der kälteren Nordseite des Hauses lag. Langley ging es offenbar ähnlich, denn er wählte das Speisezimmer, um das Auto aufzustellen, ein Ford Model T.

Ich lag mit Grippe im Bett und hatte keine Ahnung, was er da trieb. Von unten hörte ich merkwürdige Geräusche – Rattern, Rufen, metallisches Klirren, Poltern und ein, zwei Mal ein ohrenbetäubendes Krachen, das die Wände erzittern ließ. Er hatte das Auto zerlegt , ins Haus gebracht, die Teile wurden mit einer Seilwinde vom Hof heraufgezogen, durch die Küche geschleppt und nun im Speisezimmer zusammengebaut wie in einer Autowerkstatt, und so verwandelte sich das Speisezimmer am Endde in eine Autowerkstatt inklusive Motorölgestank.“ 1

Zu der Zeit, Ende der Dreißiger- Anfang der Vierzigerjahre, waren Autos stromlinienförmig. Das war die Bezeichnung für das Ultramodernste im Autodesign. Ein stromlinienförmiges Auto war in die Länge gezogen und hatte nirgendwo einen rechten Winkel. Ich hatte mir zum Prinzip gemacht, mit den Händen über die am Straßenrand geparkten Autos zu streichen. Die Autos, die auf der Straße summende Geräusche von sich gaben, hatten eine lange, niedrige Motorhaube und schnittig geschwungene Kotflügel, Radkappen und einen eingebauten buckelförmigen Kofferraum. Darum fragte ich Langley, als ich so weit genesen war, um wieder hinunterzugehen, Wenn du schon ein Auto ins Haus bringen musstest, warum dann kein neues Modell, wie es jetzt Mode ist?

Während ich diesen Scherz machte, saß ich in dem Model T und unterstrich meine Worte mit Ausrufezeichen durch zweimaliges schnelles Drücken auf den Gummiball der Hupe. Das Tuten schien im ganzen Zimmer widerzuhallen und clownische Echos bis ins oberste Stockwerk auzusenden.”2

Langley bestritt hier einen ungewöhnliche Art des Sammelns. Schon vorher erwies er sich als Zeitungsausschnittsammler. “Langleys Projekt bestand im Auszählen und Ablegen von Zeitungsartikeln nach Kategorien: Invasionen, Kriege, Massenmorde, Auto-, Eisenbahn und Flugzeugunglücke, Liebesskandale, Kirchenskandale, Raubüberfälle, Morde, Lynchmorde, Vergewaltigungen, politische Verbrechen mit einer Unterabteilung für Wahlfälschungen, Verfehlungen der Polizei, Morde in der Unterwelt, Investitionsbetrügereien, Streiks, Brände in Wohnhäusern, Zivilprozesse, Strafprozesse und so weiter. Für Naturkatatrophen wie Epidemien, Erdbeben und Hurrikane gab es eine eigene Kategorie. Alle habe ich nicht mehr im Kopf. Wie er erläuterte, würde er am Ende- wann, sagte er nicht – genügend statistische Belege haben, um sein Material auf solche Ereignisse einzugrenzen, die durch ihre Häufigkeit das Wesen des menschlichen Verhaltens ausmachten. Dann würde er weitere statistische Vergleiche anstellen, bis er das Layout festlegen konnte und wusste, welcher Artikel aufs Titelblatt gehörte, welcher auf Seite zwei und so weiter … Er rannte los und kaufte alle Morgenzeitungen und nachmittags die Abendzeitungen, und dann gab es noch die Wirtschaftsblätter, die Sexhefte, die Kuriositätenzeitungen, die Tingeltangelblättchen und so weiter. Letztendlich wollte er das gesamte Leben Amerikas in einer Ausgabe festhalten – er nannte n sie Collyer’s immerwährend aktuelle zeitlose Zeitung, die einizige Zeitung, die man je brauchen würde.”3

Als ehemaliger Pressearchivar kann man diese Leidenschaft des Zeitungsausschnittsammelns oder auch des Sammelns ganzer Zeitungen durchaus sympathisch finden. Leider werden nicht einzelne Seiten oder Exemplare von Langleys Zeitungen in Fotokopie angeführt. Dies würde einen Dokumentarismus des Buches fördern.

1E.L. Doctorow, Homer & Langley, Frankfurt am Main 2013, S. 84. Es wird anhand der Ausbildung von Langley nicht klar, woher er die Ausbildung besitzt, ein Auto zu zerlegen und wieder zusammenzubauen.

2Ebd.., S. 86 f.

3Ebd. S. 54 f.

Ordner zwei

Ordner mit Zeitungsausschnitten

Homers Verhältnis zu Frauen schildert Doctorow folgendermaßen – in diesem Fall zu seinem Hausmädchen

Julia: „Ihre Sinnlichkeit war nüchtern und sachlich. Ich hatte schon gehört,dass die Europäerinnen nicht so viel Aufhebens um die körperliche Liebe machen wie unsere Frauen, sie zieren sich nicht lange und nehmen dieses Begehren hin wie jedes andere Verlangen, ebenso natürlich wie Hunger und Durst. So hatte Julia vielleicht einen unmoralischen Charkakter, aber sie hatte auch Ambitiomen, denn kaum hatte sie mein Bett erobert, begann sie Siobhan herumzukommandieren, als wollte sie für die Stellung der Herrin des Hauses üben.Das wusste ich natürlich, ich bin ja nur auf den Augen blind. Aber ich bewunderte ihren Einwanderer-Elan.“1 Homer dachte an Shakespeares „Romeo und Julia“

Homer: „Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt.

Julia erscheint oben an einem Fenster

Doch still, was schimmert durch das Fenster dort?

Es ist der Ost, und Julia die Sonne! –

Geh‘ auf, du holde Sonn‘! Ertöte Lunen,

Die neidisch ist und schon vor Grame bleich,

Daß du viel schöner bist, obwohl ihr dienend.

Oh, da sie neidisch ist, so dien‘ ihr nicht!

Nur Tore gehen in ihrer blassen , kranken

Vestalentracht einher: wirf du sie ab!

Sie ist es, meine Göttin! Meine Liebe!

Oh wüßte sie, daß sie es ist!-

Sie spricht, doch sagt sie nichts: was schadet das?

Ihr Auge red’t, ich will ihm Antwort geben.-

Ich bin zu kühn, es redet nicht zu mir.

Ein Paar der schönsten Stern‘ am ganzen Himmel

Wird ausgesandt, und bittet Juliens Augen,

In ihren Kreisen unterdes zu funkeln.

Doch wären ihre Augen dort, die Sterne

In ihrem Antlitz? Würde nicht der Glanz

Von ihren Wangen jene so beschämen,

Wie Sonnenlicht die Lampe? Würd‘ ihr Aug‘

Aus luft’gen Höh’n sich nicht so hell ergießen,

Daß Vögel sängen, froh den Tag zu grüßen?

Oh, wie sie auf die Hand die Wange lehnt!

Wär‘ ich der Handschuh doch auf dieser Hand,

Und küßte diese Wange!

Julia: Weh mir!

Homer: Horch!

Sie spricht! Oh sprich noch einmal, holder Engel!

Denn über meinem Haupt erscheinest du

Der Nacht so glorreich, wie ein Flügelbote

Des Himmels dem erstaunten, über sich

Gekehrten Aug‘ der Menschensöhne, die

Sich rücklings werfen, um ihm nachzuschaun,

Wenn er dahin fährt auf den trägen Wolken

Und auf der Luft gewölbtem Busen schwebt.

Julia: O Homer! Warum denn Homer?

Verleugne deinen Vater, deinen Namen!

Willst du das nichts, schwör‘ dich zu meinem Liebsten,

Und ich bin länger keine Capulet!2

Homer sprach zu Julia leicht entsetzt: „Julia, du siehst dich wohl fälschlich in einer bekannten Liebestragödie, wir sind im prosaischen New York im 20. Jahrhundert!“ Im Gegensatz zu ihrem klassischen Vorbild war sie gebaut: „Sie hatte winzige Öhrchen und pralle Lippen. Wenn wir Kopf an Kopf lagen, reichten ihre Zehen kaum an meine Fußknöchel. Aber sie war üppig proportioniert, das Fleisch an Schultern und Armen gab dem leisesten Daumendruck nach. Sie hatte eine hohe Taille und hohe Brüste, einen festen Rücken und kräftige Schenkel und Waden.Ihre Füße waren nicht elegant, sondern ziemlich breit und fühlten sich, im Gegensatz zu dem ansonsten weichen Körper, etwas rau an. Wenn sie das glatte Haar löste , fiel es ihr bis auf die Schultern-sie hockte sich gern auf allen vieren über mich, wenn ich auf dem Rücken lag, und ließ sich das Haar ins Gesicht fallen, sodass es mir über Brust und Bauch strich, schob das Haar mit einer Kopfbewegung hierhin und dorthin. Dabei murmelte sie Sätze, die auf Englisch begannen und dann ins Ungarische abglitten.“3

1E.L. Doctorow, Homer & Langley, Frankfurt am Main 2013, S. 31

2William Shakespeare, Romeo und Julia, In: Sämtliche Werke, Neu-Isenburg 2006, S. 935 – leicht abgewandelte Version

3Doctorow, a.a.O., S. 32

Eine weiteres Verhältnis ergibt sich aus der Bekanntschaft mit einer Hippie-Gruppe.“Dann aber fand auf der großen Wiese im Central Park eine Kundgebung gegen den Krieg statt, und wir dachten, das sollten wir uns anschauen.“1

Gemeint ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Vietnam-Krieg. „ Less than a month later, on April 15 (1967) another anti-war rally took place as a part of the ‚Spring mobilization to End the War in Vietnam’”2 Once again the number of demonstrators grew drastically to an estimated 100–400 thousand attendees. This peace rally, which assembled and started off in Central Park and then marched to the United Nations, was said to be the largest of its kind at its time.”3 Hier könnten Homer und Langley die Hippie-Gruppe kennengelernt haben. “ Zwei der Mädchen -sie nanten sich Dawn und Sundown- schwirrten ständig um Connor herum, so gebannt waren sie von den obszönen Abenteuern seiner Figuren.”4 Homer berichtet weiter:”Wo sie herkamen, wer ihre Angehörigen waren, habe ich nie erfahren, nur Lissy erzählte mir, sie sei in San Francisco aufgewachsen.”5

Homer erinnerte sich in diesem Zusammenhang an diverse Rocksongs, die allesamt San Francisco zum Thema hatten: “San Francisco” von Scott McKenzie. Dort hieß es:

If you’re going to San Francisco,
be sure to wear some flowers in your hair.
If you come to San Francisco,
Summertime will be a love-in there.

Auch Eric Burdon hatte San Francisco besungen in „San Franciscan nights“. Das Lied galt ebenso als Beschreibung des Hippytums wie als Protest gegen den Vietnam-Krieg.

San Franciscan Nights Text des Liedes

This following program is dedicated to the city and people of San Francisco
Who may not know it but they are beautifull
And so is their city this is a very personal song
So if the viewer cannot understand it

Particularly those of you who are European residents
Save up all your brand and fly trans love airways to San Francisco U.S.A.
Then maybe you’ll understand the song, it will be worth it
If not for the sake of this song but for the sake of your own peace of mind

Strobe lights beam creates dreams
Walls move minds do too
On a warm San Franciscan night
Old child young child feel alright
On a warm San Franciscan night

 


Angels sing leather wings
Jeans of blue Harley Davisons too
On a warm San Franciscan night
Old angels young angels feel alright
On a warm San Franciscan night

I wasn’t born there perhaps I’ll die there
There’s no place left to go, San Francisco

Das Feindbild Polizist kommt in der folgenden Strophe zum Vorschein. „Bullen“ müssen hasserfüllt sein.

Cop’s face is filled with hate
Heavens above he’s on a street called love
When will they ever learn
Old cop young cop feel alright
On a warm San Franciscan night

Angedeutet wird hier, dass der amerikanische Traum die Gleichberechtigung auch von Indianern beinhaltet.

The children are cool, they don’t raise fools
It’s an American dream includes Indians too
6

 

Homer weiter: „Diese Kinder waren mit ihrer Lebensweise radikalere Gesellschaftskritiker als die Kriegsgegner und Bürgerrechtler, denen die Zeitungen so viel Beachtung schenkten.Sie hatten gar nicht die Absicht, irgendwas zu verbessern. Sie lehnten einfach die Kultur ab.“7

Langley erinnerte an seine schlimmen Erinnerungen aus dem Ersten Weltkrieg: „ Fast wäre Langley vors Kriegsgericht gekommen, weil er angeblich einen Offizier bedroht hatte. Er hatte gesagt, Warum bringe ich Männer um, die ich gar nicht kenne? Wenn man einen Menschen umbringen will, muss man ihn doch kennen. Wegen dieser geistreichen Bemerkung wurde er Nacht für Nacht auf Patrouille geschickt, musste über eine zerfurchte, zerschossene Ebene voller Schlamm und Stacheldraht kriechen und sich an den Boden drücken, wenn die Leuchtpatronen den Himmel erhellten. … An dem Tag, als Langley allein auf den Woodlawn Cemetry ging, um die Gräber unserer Eltern zu besuchen, legte ich sein Springfield-Gewehr auf den Kaminsims im Salon, und dort ist es geblieben, wohl das erste Stück in der Sammlungvon Artefakten aus unserem amerikanischen Leben.“8

Das Ende des Zweiten Weltkrieges erleben die beiden zusammen: „ Als der Krieg mit dem Sieg über Japan endete, herrschte in New York das übliche drückend schwüle Augustwetter. Nicht dass das irgendwen störte. Es gab einen Autokorso auf der Fifth Avenue, die Fahrer hupten und riefen zum Fenster heraus. … Als Langley und ich die Straße zum Park überquerten, tanzten dort Fremde miteinander, Eisverkäufer warfen Eistüten in die Menge. Ballonverkäufer ließen ihre Bestände davonfliegen. … Natürlich war ich erleichtert wie alle anderen, dass der Krieg vorüber war. Doch inmitten dieses Frohsinns überfiel mich eine furchtbare Traurigkeit. Wie wurden die belohnt, die gestorben waren? Mit Gedenktagen? Im Innern hörte ich einen Zapfentreich.

Wir hatten so einen Scherz, Langley und ich: Jemand liegt im Sterben und fragt, ob es ein Leben nach dem Tode gibt. Ja lautet die Antwort, nur nicht deins.“9 Der Musikkritiker Christopher Rain, den Homer aufgrund seiner musikalischen Interessen kannte, erinnerte die beiden in diesem Zusammenhang an den Text des songs „Home of the brave“ der Gruppe Earth Opera, in dem Zweifel an der Existenz eines Lebens nach dem Tod auftauchen, das Grab erscheine als der letzte Ort des Soldaten:

Home of the Brave    Earth opera

It took us so long to get home

And I`ve been down so long

People all around me

They can’t understand

How I lost my hand

But the war was grand

A lovely parade

Here is where I long to be

My home the grave, my land is free

And I know it`s paid for

Yes very well paid for

And I know it paid for

Yes very well paid for

It took us so long to get home

And you bring me so far down

People gather round me

Try to understand

About my hand

But the war was grand

A loveley parade

1E.L. Doctorow, Homer & Langley, Frankfurt am Main 2013, S. 149

3Ebd.

4Doctorow, a.a.O. S 153

5Ebd., S. 154

7Doctorow, S. 155

8Doctorow, S. 29

9Doctorow, S. 107 f.

 

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Alphonse Allais – Der umsichtige Verbrecher in: Alphonse Allais, Na los, lesen Sie Allais- Satiren der Jahrhundertwende, München 1989kursiv: eigene Gedanken

Mögliche andere Titel der Satire auch: ‘Der tolldreiste Gangster’ oder ‘Das Verbrechen mit Chuzpe ’Mit einem Werkzeug (amerikanisches Fabrikat), – die Frage stellt sich hier: Warum amerikanisches Fabrikat- sind Gangster häufig mit amerikanischem Werkzeug ausgestattet? – das einem Büchsenöffner ziemlich ähnlich sieht, machte der Verbrecher in das Wellblech vor der Auslage zwei vom gleichen Punkt ausgehende Schnitte, einen senkrechten und einen waagrechten. Mit kräftiger Hand zog er den dadurch entstandenen Metalltriangel zu sich heran und drehte ihn so leicht, wie er es mit einer Folie aus Stanniolpapier gemacht hätte. (Es war ein stämmiger Verbrecher.) Er gelangte in die kleine rechteckige Diele, die sich außen vor der Ladentür befindet. Und nun das Glas: unter Zuhilfenahme eines Saugnapfes aus Kautschuk (amerikanisches Fabrikat) – warum ist die Herkunft des Fabrikates schon wieder wichtig? – zerschnitt er es mit einem südafrikanischem Diamanten. Der Verbrecher konnte nun den Laden ungehindert betreten. Gelassen und planmäßig verstaute er dann in einem eigens dafür mitgebrachten Sack all die kostbaren Steine und Schmuckstücke, die zwei Vorzüge hatten: sie beanspruchten wenig Platz und waren sehr teuer. Er war mit seiner Arbeit schon fast fertig, als vom Ladeninneren her der Eigentümer, Monsieur Josse, auftauchte, in der einen Hand eine Kerze, in der anderen einen Revolver. Möglicherweise hat der Eigentümer also schon Erfahrung mit Einbrechern, wenn er eine Revolver mit sich führt. Der Verbrecher, sehr höflich, grüßte und sagte leutselig: “Ich wollte nicht so nah an Ihnen vorbeigehen, ohne Ihnen einen schönen Tag zu wünschen.” Und während der Goldschmied ihm arglos die Hand drückte, stieß ihm der Übeltäter einen mörderischen Stahl (amerikanisches Fabrikat) – schon wieder aus Amerika – in die Brust. Der eigens mitgenbrachte Sack wurde rasch gefüllt. Der Verbrecher schickte sich an, wieder auf die Straße zu hinauszugehen, als ihm etwas einfiel. Er setzte sich dann an den Ladentisch und schrieb auf ein großes Blatt Papier – warum hier nicht ein amerikanisches Fabrikat? – einige Wörter in Blockschrift. Mit angefeuchtetem Teigkügelchen klebte er dieses Schild an das Schaufenster des Ladens, und die vorbeigehenden Frühaufsteher konnten bei Tagesanbruch lesen: Wegen Todesfalls geschlossen. Ist sie ein zufälliger Geistesblitz oder steckt langfristige Strategie hinter dieser Nachricht?

 Bild

Könnte er so ausgesehen haben, der Verbrecher mit den vielen Fabrikaten aus Amerika?

 

Der Formal-Korinthenkacker

Herr Dünnschnitt aus Schmalenbach ist sehr von der normativen Kraft des Formalen überzeugt. Im kleinen Kreis dichtet er dazu mit den eindringlichen Zeilen: Auszug

“Stimmt beim Werk nicht die Form
Drückt der Darm ganz enorm”

Er wies auf Platon hin, wonach die Form der Geist in seiner reinen Natur sei und die Nichtform nur die Materie. Um einen hohen Anspruch an Form zu erlangen, erscheint ihm ein Werk nur in Schweinsleder gebunden und mit Goldrand versehen als adäquate Präsentation. Eine Person, die dies wusste, Herr Stingelmann aus Mespelbrunn, schenkte ihm zu seinem 62. Geburtstag das Werk “Simon Höchheimer – der Aufklärer aus Unterfranken” in der geweihten Form der Goldrand-Schweinsleder- Konfiguration – in der Hoffnung, dies sei das Non Plus Ultra. Doch weit gefehlt. Bei einer eingehenden, detaillierten und ausufernden Analyse dieses Werkes wurden folgende schwer wiegende Mängel festgestellt. Auf der Seite fünf (noch im Bereich der Einleitung) wurde ein 1,2 Zentimeter großer Kaffeefleck gefunden, der mikroskopisch untersucht wurde – Analysekosten: 1.500 Euro- und oh Schreck: Der Kaffee stammt aus nicht fair gehandeltem Kaffee – eine Todsünde für den Dritte- Welt -Freund! Welch ein Fauxpas! Wie kann man nur!

Millimeterlineal

Dies ist das Millimeter-Lineal, das das geschenkte Werk analysiern sollte (Preis 5.000 Euro). An insgesamt 48 Stellen des Textes wurden millimeterrelevante Textschwankungen festgestellt. Welch eine Renomée-Verlust für den Autor. Dann gab es noch den Goldrand-Verifikator. Ein Gerät, daß die adäquate Anbringung des Goldrandes untersucht. Verrutschte Goldränder an 23 Stellen – niederschmetternd! Und schließlich noch das Schweinsleder. Es darf auf keinen Fall von einer Wassertrüdinger Landpommeranzensau stammen, sondern von einem edlen Zuchtschwein der Poebene, das für Parma-Schinken vorgesehen ist. Und wo stammt das verwendete Schwein her? -Recherchekosten durch Privatdetektiv: 6.000 Euro- Aus Oberammergau in Bayern – Privatstall von Host Seehofer! “Dies ist die Dreieinigkeit des Scheiterns” -so Herr Dünnschnitt, “Das Werk wird an Herrn Stingelmann zurückgesandt! Huuh, ich habe gesprochen!” Nach einer Weile ergänzte er: “Inhaltlich mag das Werk ja genial sein, aber im Verriß fühle ich mich schlichtweg wohl!”

 

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© Der Spiegel

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Veröffentlicht 24. November 2010 von schauerchristian in Satire

Meerhofsee und Itchycoo park -Der Wiedehopf – Humpty Dumpty-Bleierne Schere – Wenn der Moorhund bellt – Dünstende Leiber – Präriehund II – Wind (Vanitas Wurmiensis) – Der Eisbär und der Präriehund – Unterpfand und Dosenpfand – Mißlungener Scherz – Abgründe des Vogelschreis – Die Natur – Schwer verständlich

Meerhofsee und Itchycoo park

Over bridge of sighs,

To rest my eyes in shades of green

Under dreaming spires

To itchycoo park, that’s where I’ve been

I feel inclined to blow my mind,

Get hung up, feed the ducks with a bun

They all come out to groove about

Be nice and have fun in the sun

I’ll tell you what I’ll do – What will you do?

I’d like to go there now with you

You can miss out school – Won’t that be cool

Why go to learn the words of fools?

What will we do there? – We’ll get high

What will we touch there? – We’ll touch the sky

But why the tears there? I’ll tell you why

It’s all too beautiful, It’s all too beautiful

Die Augen in grünen Schatten ausruhen und den Himmel berühren, wie das die „Small Faces“ 1967 in Itchycoo park taten, kann man auch am Meerhofsee in Alzenau. Eine Ente, die man mit einem Brötchen füttern kann, ist allerdings heute und auch sonst selten anzutreffen.

Meerhofsee

Meerhofsee mit

grünen Schatten

Der Meerhofsee

Der Meerhofsee ist 685 Meter lang und 275 Meter breit, die Wasserfläche beträgt etwa 12 ha. Seit 1959 gab es Kiesabbbau am Meerhofsee. 1968 ging der See an die Stadt Alzenau über, nachdem der Abbau eingestellt wurde. 1972 kam der Name zustande durch den Meerhof, der am Ufer liegt. In diesem Jahr wurde das Freibad eröffnet. 1974 wurde der ehemalige Baggersee zum Meerhofsee umgestaltet. 1981 gab es einen Dammbruch, Flußwasser der Kahl floß in den See. Die Erhöhung des Wasserspiegels war nur vorübergehend. An Fischen findet man im See Aale, Karpfen, Hechte, Karauschen, Rotaugen, Schleien und sogar Forellen.1 Eine Landzunge teilt den See in zwei Hälften. 2009 entstand eine neue Station der Wasserwacht.

Von 1903 bis 1932 gab es in der Umgebung von Kahl Braunkohleabbbau. Auf Alzenauer Gemarkung liegt das Wilmundsheimer Braunkohlefeld. Es ist bei Niedrigwasser im östlichen Teil des Sees zu sehen. In den 60er Jahren stand eine Braunkohleförderung auch für Alzenau im Blickfeld. 1961 unternahm der Stadtrat eine Informationsfahrt nach Nordrheim-Westfalen , um Informationen über Kohleabbau zu gewinnen. Die Gewerkschaft Gustav Dettingen am Main verhinderte allerdings in Übereinstimmung mit der Rheinischen Braunkohlenwerke AG einen Kohleabbau. Die Bayreuther Bergbaubehörde war in diesem Fall nicht zuständig.2 1962 wurde ein Angelsportverein gegründet, der den Meerhofsee als sein Revier hat.

Aktuell bietet der Meerhofsee Bibern einen Aufenthaltsort. Ende 2012 wurden bei Kälberau die ersten Spuren eines Bibers entdeckt. Eine Nachtaufnahme zeigte im Januar 2013 den Biber in Kälberau in Aktion. Mittlerweile sind drei Biber am Meerhofsee nachzuweisen. Angenagte und umgestürzte Bäume künden davon.

2 Vgl.Otto Hammerschmidt, Der Meeerhofsee: Geotop, Geschichte und Topographie, in: Unser Kahlgrund 2010, S. 108 ff., Vgl. Schreiben der Gewerkschaft Gustav Dettingen am Main an die Stadt Alzenau vom 29.12.1961 und Main-Echo vom 15.5.1961

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Der Wiedehopf
Dem Wiedehopf im Frühlingsschwang
Entfährt ein Wind im Flieder
Dem Weibchen wird ganz angst und bang
Es wackelt das Gefieder
 –
„Du Wiedehopf im Dickicht dort
Kannst Du Dich nicht beherrschen
Gleich flieg ich auf und bin dann fort
Es kichern dann die Kerschen“
Das Kichern
 –
Die Kirschen kichern leis und sanft
Der Wiedehopf entfleucht
Humor bis in die Fluren dampft
 Die Augen werden feucht
Der Bussard fährt zur Erde hin
Und hält sich fest den Bauch
Dem Uhu fehlt dafür der Sinn
Sein Kleinhirn steht im Rauch
Wiedehopf

Wiedehopf – Wind nicht sichtbar

Alice hinter den Spiegeln

Wer endlich einmal ein Ei sein möchte, dem sei das Buch empfohlen. Humpty Dumpty ist eine Figur aus einem englischen Kinderreim und spielt in dem Buch von Lewis Carroll eine wichtige Rolle. Als menschenähnliches Ei tritt er als stark surrele Person auf. Eine rundliche kleine Person wird auch gelegentlich als Humpty Dumpty bezeichnet. Wer also eben diese Körpereigenschaft hat, der sollte Carrolls Buch lesen. Wer seinem korpulenten kleinwüchsigen Gegenüber eines auswischen will, der zitiere aus Lewis Carroll:

„Humpty Dumpty auf der Mauer saß
Humpty Dumpty stürzt hinab ins Gras.
Kein Pferd des Königs, kein Feldmarschall
Brachte Humpty Dumpty wieder auf seinen
Platz nach dem Fall“
Originell in jedem Fall.

Humpty

Humpty Dumpty und Alice


Bleierne Schere

Des Daseins bleierne Schere

Befällt den Helden tonnenschwer

Rings um ihn herum nur Leere

Der Sinn er sieht ihn gar nicht mehr

Des Lebens hoffnungsfrohes Bäumen

Das stets das Positive findet

Wird abgelöst durch inhaltsloses Säumen

Wo Abgrund alle Träume bindet

Wo einst das Glück ist jetzt der Abschied

Wo Blütenpracht im Frühling strebte

Da bleibt nun ungesungen jedes Lied

Und keine Zehe jemals bebte

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Wenn der Moorhund bellt

Dem Helden ist der Saft entschwunden

Die Grippe hat ihn lahm gelegt

Das Spiel der Därme arg gewunden

Die Hoffnung nicht mehr sehr bewegt

Der Molch des Scheiterns wohnt ihm inne

Die Wühlmaus des Vergeblichen

Es ist kein Mumm mehr in der Birne

Der Endsieg gar des Schädlichen

Der Tod schon an die Pforte pocht

Das Leben gar nicht mehr gefällt

Erloschen ist der Daseinsdocht

Wenn draußen schrill der Moorhund bellt

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Dünstende Leiber

In dem Tiefenpaß des Khyber

Stinken dünstend viele Leiber

Karsai und die Taliban

Haben sich was angetan

Liebe ist nicht hier nicht dort

Schreckensqual muss man erleiden

Klopfen an der Hölle Pfort‘

Grausen Tod kann man nicht meiden

Deutschlands Kanzler und der Fischer

Waren auch schon manchmal frischer

Liebten einst das Leben gar

Bis der Tod den Sieg gebar

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Der Präriehund II

Der Präriehund zu später Stunde

Labt sich am kühlen Grunde

„‚Im Wald und auf der Heide‘

Erzeugt bei mir keine Freude

Die Prärie ist weit und öde

Der Eisbär reichlich blöde

Der Knallfrosch in seinem Fell

Tönt schräg und reichlich grell“

Der Eisbär trollt sich von dannen

„Der Präriehund ist reichlich befangen

Die Hitze in der kargen Prärie

Wirkt ätzend in jedem Knie“

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Wind (Vanitas Wurmiensis)

Der Wind pfeift durch die Auen

Die Haare steh’n zu Berge

Es krähen schräg die Pfauen

Und ächzen laut die Särge

Gevatter hört’s im Grabe

Dort hat er sich verschluckt

Um ihn tanzt keck der Rabe

Der Wurm verdattert guckt

Verstört regt sich die Made

Als pfeifet wild der Wind

„Ach Gott wie ist es schade

Dass wir vergänglich sind“

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Der Eisbär und der Präriehund

Der Eisbär durchzieht die Prärie

Er hat einen Knackfrosch am Knie

Wenn in der Prärie dann es knallt

Dann kommt der Eisbär alsbald

Der Präriehund furchtbar erschreckt

Der Eisbär hat ihn geweckt

Denn immer zu dieser Stunde

Träumt er vom kühlen Grunde

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Einigkeit und Recht und Freiheit
Unterpfand und Dosenpfand

Und des Glückes Unterpfand

Liegt ganz schlicht im Dosenpfand

Denn am rechten Rand der Dose

Sitzt der Freiheit schönste Rose

Einig sind in Dosen drinnen

Viele freiheitsrechte Spinnen

„Nur im Inneren von Dosen

Kann man seinesgleichen kosen“

Pfand in Dosen und im Freien

Kann die Einigkeit erfreuen

Denn die Freiheit ist im Recht

Wenn das Dosenpfand sie blecht

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C. Schauer Nach Facebook-Entgleisung – Grünen-Politiker will nicht

mehr in den Gemeinderat
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Der Grünen-Politiker Gerald Will hat sich in Richtung der Anwohnerin, die

sich gegen die Kerb stellt, folgendermaßen geäußert: »Die Anwohnerin

enteignen und zwangsdeportieren. Hier geht es um das

Gemeinwohl. Keine Rücksicht auf Einzelschicksale … .« Dass es sich

bei dieser Aussage um einen mißlungenen

Scherz handelt, dürfte jedem klar sein,

der weiß, dass Zwangsdeportation natürlich kein legales und

mögliches Mittel in einer Demokratie ist. Insofern

hat der Initiator möglicherweise zu tief

ins Glas geguckt und die Solidität des

Denkens über Bord geworfen.

Dass daraus gleich ein Mandatsverzicht

erfolgt, ist jedoch reichlich übertrieben.

geschrieben: 09.03.2014 13:13 Main-Echo-online
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Abgründe des Vogelschreis

Im Frühling tönt der Vogelschrei

Im Magen wird verdaut der Brei

Und ist der Brei dann viel zu sauer

Dann liegt der Durchfall auf der Lauer

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Die Natur

Es fließt der Rhein bei Bingen

Wer tat ihn dazu zwingen

Es war schlicht die Natur

Sie tat’s aus Freude pur

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Wenig Lust wo Sinn

Der Lehrer lehrt mit wenig Lust

Vor ihm liegt trüb des Herbstes Frust

Er langt sich heftig ans Furunkel*

und pfeift ein Lied von Art Garfunkel

The sounds of silence fällt ihm ein

Es wird ihm bang es macht ihm Pein

Dass alles Sein vergänglich ist

Ist Leben schlicht nicht einfach Mist

Hecht Ernst im dunklen Wasser döst

Wo ist der Karpfen der erlöst

Des Magens arges Grummen

Gibt es denn keinen Dummen

Wo ist die unbedarfte Schleie

Die nicht erkennt dass viele Haie

Sich tummeln auf des Flusses Grund

Die sind für Schleien nicht gesund

*Es ist ja wirklich reichlich dunkel

Veröffentlicht 2. November 2010 von schauerchristian in Schwer verständlich

Theodor Storm

Carsten Curator von Theodor Storm

Carsten Curator lebt in einer friesischen Hafenstadt Mitte des 19. Jahrhunderts. Er ist ein Kleinbürger und lebt in bescheidenen Verhältnissen. Durch seine Bildung kann er zum Vermögensverwalter aufsteigen. Eine Pflegeverhältnis mündet in eine Ehe mit der wesentlich jüngeren Juliane. Aus der Ehe entsteht der Sohn Heinrich, der die Leichtlebigkeit und Sorglosigkeit seiner Mutter als Charakterzug geerbt hat. Die Frau Juliane stirbt bei der Geburt. Die Rolle der Mutter übernimmt die Schwester des Curators Brigitte. Heinrich wächst zusammen mit der Ziehtochter Carstens, Anna, auf. Anna ist attraktiv und hat einen vorbildlichen Charakter.

Heinrich wird zu Solidität erzogen, entwickelt sich aber zum Glücksspieler und Spekulanten. Der Curator muss sein eigenes Vermögen einsetzen, um dem Sohn in misslicher Lage beizuspringen. Vor dem finanziellen Ruin rettet Heinrich die Heirat mit Anna. Sie hat Vermögen, das von ihrem Pflegevater bisher verwaltet wurde. Dieser hält einen Teil des Vermögens zurück. Sie soll dadurch eine Grundsicherung erhalten. Als Heinrich vor dem Bankrott steht, schlägt Casterns ihm und seiner Pflegetochter die Herausgabe der Sicherheitsreserve aus. Heinrich flieht während eines Novembersturms in den Tod.“Es ist zwar nie errnittelt worden, wer der Mensch gewesen, dessen Notschrei derzeit von den Fluten erstickt wurde; gewiss aber ist es, daß Heinrich weder in jener Nacht noch später wieder nach Hause gekommen oder überhaupt gesehen worden ist.“1

Carstens übersteht den Vorgang nicht unbeschadet. Sein Haus und Annas Ladengeschäft kommen unter den Hammer. Er muß mit seiner Schwiegertochter und dem Enkel in die arme Gegend der Kleinstadt ziehen. Sein Glück ist bescheiden geworden. „Für den Greis aber bildete es eine täglich wiederkehrende Lust, die Züge der Mutter in dem kleinen Antlitz seines Enkels aufzusuchen.’Dein Sohn Anna, Anna; ganz dein Sohn!“pflegte er nach längerer Betrachtung auszurufen. ‚Er hat ein glückliches Gesicht!‘ Dan lächelte Anna und sagte lächelnd: ‚Ja, Großvater; aber der Junge hat ganz Eure Augen.’“2

Tröstlich das Ende: „Heil dem, dessen Leben in seines Kindes Hand gesichert ist; aber auch dem noch, welchem von allem, was er einst besessen, nur eine barmherzige Hand geblieben ist, um seinem Armen Haupte die letzten Kissen aufzuschütteln.“3

Storm schrieb das Werk 1877. Heinrich hat als Hintergrund Storms mißratenen Sohn, der in Würzburg Medizin studierte und dem Alkohol verfallen war. In der Schlußszene, bevor Heinrich in den Tod geht, wirft Carsten Heinrich in der Novelle auch seine Betrunkenheit vor. Der autobiografische Hintergrund ist damit hergestellt. „Zwei stumpfe, gläserne Augen starrten auf ihn hin. Der Greis taumelte zurück. ‚Betrunken!‘ schrie er, ‚du bist betrunken!‘. Er wandte sich ab; mit der einen Hand die qualmende Kerze vor sich haltend, die andere abwehrend hinter sich gestreckt, wankte er nach der Tür des Seitenbaus. Als er hindurchschritt, fühlte er sich an seinem Rocke gezerrt; aber er machte sich los, und es wurde finster im Pesel, und von der anderen Seite drehte sich der Schlüssel in der Tür. Der Trunkene war plötzlich seiner Sinne mächtig geworden.“4 Der Vater lässt sich vom Sohne nicht erweichen. „Eine Weile noch stand er, (der Sohn – Anmerkung von mir) das Ohr gegen die Tür gedrückt; dann endlich ging er fort.“5 „ … er glaubte den Todesschrei der Tiere zu hören, welche die erbarmungslosen Naturgewalten wie im Taumel fortrissen.“6 An dieser Textpassage kann man den Hinweis auf seinen nahenden Tod erkennen. Sein Schaudern deutet darauf hin.7

Theodor_Storm_(1817-1888)

Theodor Storm

 

Aquis submersus

Die Novelle erschien 1876. Es handelt sich um eine Liebestragödie aus dem 17. Jahrhundert. Der Autor ist in seiner Jugendzeit mit dem Porträt eines Priesters konfrontiert, der einen toten Jungen mit Wasserlilie im Arm hat: Auf den Rahmen des Bildes sind mehrere Buchstaben gemalt C.P.A.S. – das bedeutet auf deutsch “durch Schuld des Vaters ertrunken” – der Ursprungstext lautet ”Culpa patris aquis sebmersus” .8 Zum Schluß der Novelle schreibt der Vater Johannes in den Schatten des Bildes seines totes Kindes “Culpa Patris Aquis Submersus” – hier übersetzt “Durch Vaters Schuld in der Flut versunken”. Es war das Kind des Johannes mit seiner Jugendliebe Katharina, unehelich gezeugt- im 17. Jahrundert wie auch im 19. Jahrhundert unschicklich.

Die Novelle spielt nach dem fürchterlichen Dreißigjährien Krieg in Norddeutschland. Noch immer ziehen marodierende Banden durch das Land. Erzähler der Geschichte ist der Maler Johannes- er kommt 1661 auf die Burg seines Freundes Gerhardus. Seine Liebe gilt der Tochter des Gerhardus, Katharina. Der Sohn der Lichtgestalt Gerhardus heißt nicht zufällig Wulf und betreibt die Verheiratung Katharinas mit seinem Saufkumpanen Kurt.9 Johannes und Katharina planen die Flucht der jungen Frau in ein Kloster. Später wollen sie sich heimlich iin Amsterdam treffen. Johannes muss sich in der Nacht vor den Bluthunden des Wulf in Sicherheit bringen. Er flieht in Katherinas Kammer, wo es zum Liebesakt zwischen den beiden kommt.”’Komm!‘ sagte sie.’sie werden dich zerreißen.‘ Da schwang ich mich in ihre Kammer. – Doch als ich drinnen war, ließ mich das Händlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster stund, und hatte ihr Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten ihres Haares lagen auf dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß hinab; der Mond, der draußen die Gartenhecken überstiegen hatte, schien voll herein und zeigete mir alles. Ich stund wie fest gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der Schönheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu ihr:’Katharina, liebe Katharina, träumet ihr denn?‘ Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht:‘ Ich glaub wohl fast, Johannes! – Das Leben ist hart; der Traum ist süß!’”10 In dieser Formulierung deutet sich schon an, dass die Liebesbeziehung nicht harmonisch endet. Vergeblich hält Johannes beim grimmigen Junker um Katharinas Hand an- Johannes wird angeschossen und schwer verletzt. Wieder genesen flieht Johannes nach Holland und kehrt nach Jahren als reicher Mann zurück. Bei seiner Rückkehr muss Johannes erleben, dass Katharina die Frau eines “finsteren Priesters” geworden ist. Dieser hatte sich dieser “gefallenen Frau” erbarmt. Bei einer Zusammenkunft mit seiner Gedliebten kommt es für das Kind zum Schlimmsten. Der Junge ertrinkt in einem Weiher, als er unbeaufsichtigt spielt.

Johannes verlässt den Ort nach Vollendung des Bildes.

Storm äußert sich in einer Tagebuchaufzeichnung über seine Novelle folgendermaßen:”Man würde durchaus fehlgehen, wenn man in ‚Aquis Submersus‘ in der freilich die bestehende Sitte außer acht lassenden Hingebung des Paares die Schuld der Dichtung suchen wollte … Die Schuld, wenn man diese Bezeichnung beibehalten will, liegt auf der anderen Seite , hier auf dem unerbittlichen Geschlechterhasse, dort auf dem Übermute eines Bruchteils der Gesellschaft, der ohne Verdienst auf die irgendwie von den Vorfahren eroberte Ausnahmestellung pochend, sich besseren Blutes dünkt und so das menschlich Schöne und Berechtigte mit der ererbten Gewalt zu Boden tritt. Nicht zu übersehen ist, daß es eben diese feindliche Gewalt ist, die das Paar einander fast blindlings in die Arme treibt.” 11 Hier tritt deutlich Storms Antifeudalismus zu Tage.

Theodor Storm – Hans und Heinz Kirch (1882) hat ähnlich wie bei Carsten Curator wieder den Vater-Sohn-Konflikt zum zentralen Thema. Die Novelle spielt in Heiligenhafen. Hans Kirch ist ein aufstrebender Kapitän, der sich zum Schiffseigentümer emporgearbeitet hat. Seine Werte sind die des Besitzbürgertums. Sein Eifer ist gelegentlich sogar asketisch. Er erwartet, dass sein Sohn sich diese Werte zu eigen macht und genauso wird wie sein Vater.12 Die Erziehung des Vaters ist illiberal hart.13 Heinz hat mit Wieb eine Freundin, die den Wünschen des Vaters nicht entspricht. Er trifft sich am Vortag seiner Abreise als Matrose zu einer Bootsfahrt am Hafen. “ Er hatte Wieb am Tage vorher wiedergesehen; doch nur zu ein paar flüchtigen Worten war Gelegenheit gewesen, nun wollte er noch Abschied von ihr nehmen, sie wie sonst noch einmal an den Warder fahren (Warder ist eine Halbinsel vor Heilgenhafen – Anmerkung von mir C.S.). Es war ein kühler Maiabend ; der Mond stand über dem Wasser , als er an den Hafen hinabkam; aber Wieb war noch nicht da. Freilich hatter sie ihm gesagt, daß sie abends bei einer alten Dame einige leichte Dienste zu versehen habe; desungeachtet, während er an dem einsamen Bollwerk auf und ab ging, konnte er seine Ungeduld kaum niederzwingen: er schalt sich selbst und wußte nicht, weshalb das Klopfen seines Blutes ihm fast den Atem raubte. Endlich sah er sie aus der höher gelegenen Straße herabkommen. Bei dem Mondlicht, das ihr voll entgegenfiel, erschien sie ihm so groß und schlank, daß er erst fast verzagte, ob sie es wirklich sei. Gleichwohl hatte sie den Oberkörper in ein großes Tuch vermummt; einer Kopfbedeckung bedurfte sie nicht, denn das blonde Haar lag voll wie ein Häubchen über ihren zarten Antlitz. ‚Guten Abend, Heinz!‘ sagte sie leise, als sie jetzt zu ihm trat; und schüchtern, fast wie ein Fremder, berührte er ihre Hand, die sie ihm entgegenstreckte. Schweigend führte er sie zu einem Boot, das neben einer großen Kuff (Schiffstyp der Nordseeküste im 18. und 19. Jahrhundert C.S.) im Wasser lag. ‚ Komm nur!‘ sagte er, als er hineingetreten war und der auf der Hafentreppe Zögernden die Arme entgegenstreckte: ‚ ich habe die Erlaubnis, wir werden diesmal nicht gescholten.’”14 ….

‚Wieb,‘, sagte er endlich, und es klang fast bittend, ‚kleine Wieb, das ist nun heut für lange Zeit des letztemal.

‚Ja Heinz.‘ und sie nickte und sah zu Boden; ‚ich weiß es wohl.‘ Es war als ob sie noch etwas anderes sagen wollte, aber sie sagte es nicht. Das schwere Tuch war ihr von der Schulter geglitten; als sie es wieder aufgerafft hatte und nun mit ihrer Hand über der Brust zusammenhielt, vermißte er den kleinen Ring an ihrem Finger, den er einst auf dem Jahrmarkte ihr hatte einhandeln helfen.’Dein Ring, Wieb!‘ rief er unwillkürlich.’Wo hast du deinen Ring gelassen?‘

Einen Augenblick noch saß sie unbeweglich; dann richtete sie sich auf und trat über die nächste Bank zu ihm hinüber. Sie mußte in dem schwankenden Boot die eine Hand auf seine Schulter legen, mit der anderen langte sie in den Schlitz ihres Kleides und zog eine Schnur hervor, woran der Ring befestigt war. Mit stockendem Atem nahm sie ihrem Freunde die Mütze von den braunen Locken und hing die Schnur ihm um den Hals .’Heinz, o bitte, Heinz!‘ Der volle blaue Strahl aus ihren Augen ruhte in den seinen; dann stürzten die Tränen auf sein Angesicht, und die beiden jungen Menschen filen sich um den Hals, und da hat der wilde Heinz die kleine Wieb fast totgeküßt.”15

Heinz kommt zu spät nach Hause, was dem Vater stark mißfällt. “Hasst Du die Bürgerglocke nicht gehört? Wo hast Du Dich herumgetrieben?” Der Vater ist außer sich.

Heinz kehrt nach einem Jahre nicht zurück. Er hat auf einem anderen Schiff angeheuert. Der Brief, den Heinz nach Hause schickt, ist nicht frankiert. Sein Vater verweigert die Annahme.16 Dreißig Schillinge sind ihm zuviel. Eine Zurückweisung ersten Ranges.

Lange bleibt Heinz verschollen. Nach etwa 15 Jahren taucht er in Hamburg wieder auf. In einer Matrosenunterkunft überredet ihn sein Vater, wieder zurückzukehren. “Einige Tage später war Frau Lina (ihr Bruder, C.S.) beschäftigt, in dem Oberbau die Kammer für den Bruder zu bereiten; aber auch heute war ihre Brust nicht freier. Der Brief, worin der Vater sein und des Sohnes Ankunft gemeldet hatte, enthielt kein Wort von einem frohen Wiedersehen zwischen beiden; wohl aber ergab der weitere Inhalt, daß der Wiedergefundene sich anfangs unter seinem angenommenen Namen vor dem Vater zu verbergen gesucht habe und diesem wohl nur widerstrebend in die Heimat folgen werde.”17

Er erzählt nichts von seinem Leben als Matrose, ist am Unternehmen des Vaters nicht interessiert. “Aber auch heimisch schien Heinz sich nicht zu fühlen. Hatte er kurze Zeit im Zimmer bei der Schwester seine Zigarre geraucht, so trieb es ihn wieder fort; hinab nach dem Hafen, wo er dem oder jenem Schifffer ein paar Worte zurief, oder nach dem großen Speicher, wo er teilnahmslos dem Abladen der Steinkohlen oder anderen Arbeiten zusah. Ein paarmal, da er unten im Kontor gesessen, hatte Hans Kirch das eine oder andere der Geschäftsbücher vor ihm aufgeschlagen, damit er von dem gegenwärtigen Stande des Hauses Einsicht nehme; ab er hatte sie jedesmal nach kurzem Hinundherblättern wie etwas Fremdes aus der Hand gelegt.”18

Zweifel an seiner Identität tauchen auf. “Plötzlich, Gott weiß woher, tauchte ein Gerücht auf und wanderte emsig von Tür zu Tür: der Heimgekehrte sei gar nicht Heinz Kirch, es sei Hasselfritz, ein Knabe aus dem Armenhause, der gleichzeitig mit Heinz zur See gegangen war und gleich diesem seitdem nichts von sich hatte hören lassen. Und jetzt, nachdem es eine kurze Weile darum herumgeschlichen , war es auch in das Kirchsche Haus gedrungen. Frau Lina griff sich mit beiden Händen an die Schläfen; sie hatte durch die Mutter wohl von jenem anderen gehört; wie Heinz hatte er braune Augen und braunes Haar gehabt und war wie dieser ein kluger wilder Bursch gewesen; sogar eine Ähnlichkeit hatte man derzeit zwischen ihnen finden wollen. Wenn alle Freude nun um nichts sein sollte, wenn es nun nicht der Bruder wäre!”19

Über seine ehemalige Geliebte Wieb erfährt Heinz, dass sie in einer Hafenschänke arbeitet. Er trifft sie dort und muss miterleben, wie ihr Ehemann säuft und sie schlecht behandelt. Für eine Wiederaufnahme der Beziehung ist es zu spät. Den Ring ihrer Liebe wirft Heinz zu Boden und verlässt den Raum.

Vater und Sohn kommen sich nicht näher. Hans zahlt seinem Sohn das Erbteil aus. Heinz entschließt sich, für immer wegzugegehen. “Heinz betrachtete das alles ; doch nicht lange stand er so; bald trat er an einen Tisch, auf welchem das Kuvert mit den so widerwillig abgezählten Kassenscheinen nach an derselben Stelle lag, wo es Hans Kirch am Abend vorher gelassen hatte.

Ein bitteres Lächeln umflog seinen Mund, während er den Inhalt hervorzog und dann, nachdem er einige der geringeren Scheine an sich genommen hatte, das übrige wieder an seine Stelle brachte. Mit einem Bleistift, den er auf dem Tische fand, notierte er die kleine Summe, welche er herausgenommen hatte, unter der größeren , die auf dem Kuvert verzeichnet stand; dann, als er ihn schon fortgelegt hatte, nahm er noch einmal den Stift und schrieb darunter:’Thanks for the alms and farewell for ever.‘ Er wußte selbst nicht, warum er das nicht auf deutsch geschrieben hatte.”20

Hans Kirch sieht seinen Sohn im Geiste als Toten. Im Herbststurm passiert ihm folgendes: “Alles um ihn herum war still, er hörte nichts; er wollte sich besinnen, ob es nicht vorher noch laut gestürmt habe; da überfiel es ihn, als sei er nicht allein in seiner Kammer; er stützte beide Hände auf die Bettkanten und riß weit die Augen auf. Und – da war es, dort in der Ecke stand sein Heinz; das Gesicht sah er nicht , denn der Kopf war gesenkt, und die Haare, die von Wasser trieften, hingen über die Stirn herab; aber er erkannte ihn dennoch – woran, das wußte er nicht und frug er sich auch nicht. Auch von den Kleidern und von den herabhängenden Armen troff das Wasser; es floß immer mehr herab und bildete einen breiten Strom nach seinem Bette zu. … ‚Er ist tot‘, sagte er, ‚weit von hier.’”21

Noch während der nächsten Jahre, meist an stillen Nachmittagen und wenn die Sonne sich zum Untergange neigte, konnte man Hans Kirch mit seiner steten Begleiterin auf dem Uferwege sehen; zur Zeit des Herbstäquinoktiums war er selbst beim Nordoststurm nicht daheim zu halten. Dann hat man ihn auf dem Friedhof seiner Vaterstadt zur Seite seiner stillen Frau begraben. Das von ihm begründete Geschäft liegt in den besten Händen ; man spricht schon von dem ‚reichen‘ Christian Martens, uns Hans Adams Tochtermanne wird der Stadtrat nicht entgehen; auch ein Erbe ist längst geboren und läuft schon mit dem Ranzen in die Rektorschule; – wo aber ist Heinz Kirch geblieben?”22

Theodor Storm Der Schimmelreiter

Paul Wirgler meint in seiner Einleitung23 zu diesem Spätwerk folgendes: “Die höchste Steigerung von Storms epischer Prosa und das letzte Werk, das er vollendet hat, ist ‚Der Schimmelreiter‘. Lange hatte er die Idee mit sich herumgetragen. Schon 1870 erinnerte er sich an die plattdeutschen Erzählungen der treuen Lena Wies, ‚ mochte es nun die Sage von dem gespenstischern Schimmelreiter sein, der bei Sturmfluten nachts auf den Deichen gesehen wird und, wenn ein Unglück bevorsteht, mit seiner Mähre sich in den Bruch hinabstürzt, oder mochte es ein eigenes Erlebnis oder eine aus dem Wochenblatt oder sonstwie aufgelesene Geschichte sein, alles erhielt in ihrem Munde ein eigentümliices Gepräge und stieg, wie aus geheimnisvoller Tiefe, leibhaftig vor den Hörern auf.‘ Nun, im Alter, ging er daran, sich des heimatlichen Stoffes, ihn neu und groß gestaltend, zu bemächtigen. Er arbeitete an seiner Dichtung schon im Januar 1886, vor seiner Krankheit; im Februar 1888 schloß er sie ab. Der Grund seines Zögerns war nicht nur seine körperliche Schwäche, auch eine innere Hemmung seiner Produktionskraft. ‚Vor der Deichnovelle habe ich einige Furcht und wollte erst diese leichtere Arbeit (den’Bötjer Basch‘) mal zwischenschieben,‘ berichtete er Anfang 1886 an Heyse. Dann, August 1886: ‚In Arbeit ferner:’Der Schimmelreiter‘, eine Deichgeschichte, ein böser Block, da es gilt, eine Deichgespenstsage auf die vier Beine einer Novelle zu stellen, ohne den Charakter des Unheimlichen zu verwischen. …”

Weiter im Oktober 1887: “’Mein vielgenannter ‚Schimmelreiter‘ ist bis Seite 92 der Reinschrift gediehen, und Sonntag will ich nach Heide, um mich mit meinemj deichsachverständigen Freunde Bauinspektor Eckermann ein Nötiges weiter zu besprechen. Aus einem Jungen ist Hauke Haien nun auf dieser 92. Seite zum Deichgrafen geworden; Nun bedarf es der Kunst, um ihn aus einem Deichgrafen zu einem Nachtgespenst zu machen. Ich fürchte, das Thema hätte mir zehn Jahre früher kommen müssen.‘24

Laß, der Husumer Stadtchronist, schildert eine große Sturmflut, die den Porremkoogsdeich auseinanderriß und in die Hattstedter Marsch einbrach; und er weiß auch von einem Spukpferd, ’so ein hermaphrodit‘ war. Doppelt hat Storm, um die Grenze zwischen dem Greifbaren und dem Wahn der erregten Volksphantasie zu überspringen, den Hergang durch Einführung eines berichtenden Mediums vom Leser abgerückt.”25

Lassen wir Storm persönlich über das Ende Hauke Haiens zu Wort kommen: “’Mein Kind! O Elke, o getreue Elke!‘ schrie Hauke in den Sturm hinaus. Da sank aufs neue ein großes Stück des Deiches vor ihm in die Tiefe, und donnernd stürzte das Meer sich hintendrein; Noch einmal sah er drunten den Kopf des Pferdes, die Räder des Gefährtes aus dem wüsten Greuel emportauchen und dann quirlend darin untergehen. Die starren Augen des Reiters, der so einsam auf dem Deiche hielt, sahen weiter rechts:’Das Ende!‘ sprach er leise vor sich hin; dann ritt er an den Abgrund, wo unter ihm die Wasser, unheimlich rauschend, sein Heimatdorf zu überfluten begannen; noch immer sah er das Licht von seinem Hause schimmern; es war ihm wie entseelt. Er richtete sich hoch auf und stieß dem Stimmel die Sporen in die Weichen; das Tier bäumte sich, es hätte sich fast überschlagen, aber die Kraft des Mannes drückte es herunter. ‚Vorwärts!‘ rief er noch einmal, wie er es so oft zum festen Ritt gerufen hatte:’Herr Gott, nimm mich, verschon die anderen!‘

Noch ein Sporenstich; ein Schrei des Schimmels, der Sturm- und Wellenbrausen überschrie; dann unten aus dem herabstürzeden Strom ein dumpfer Schall, ein kurzer Kampf.”26

Handlung davor: Um 1750 stellte Hauke Haien, der Sohn des armen Tede Haiens, fest, dass die alten Deiche falsch angelegt sind und wahrscheinlich damit den Wellen nicht gewachsen sind. Er wird der Nachfolger des alten Deichgrafen Tede Volkerts und setzt seinen Plan durch, einen neuen, architektonisch anspruchsvollen Deich zu bauen. Er will sozusagen die Produktivkräfte entfalten.27 Dem Meer wird Neuland abgetrotzt. Haiens gemeinsames Kind mit seiner Frau Elke ist debil, seine Gesundheit ist zunehmend angegriffen. Sein Gegenspieler Ole Peters verleitet ihn dazu, seine Deichpläne zu ändern. Eine Sturmflut (siehe oben) zerstört den Deich und seine Familie.28 Möglicherweise sah Storm seinen eigenen Tod in dieser Novelle voraus. Es ist sein wohl bekanntestes Werk. Auch Frau und Kind sterben durch den Deichbruch in den Wassermassen.

Die Bekämpfung des Aberglaubens ist ein wichtiges Nebenthema der Novelle.Dieicharbeiter wollen einen Hund in der Deichbefestigung begraben, in der Hoffnung, dass dem Damm dadurch längerer Hakt verliehen wird. Hauke Haien kann dies letztlich verhindern. Der Dialog dazu:

Wer war es?” rief er (Hauke Haien).” wer hat die Kreatur hinabgeworfen?”

Einen Augenblick schwieg alles, denn aus dem hageren Gesicht des Deichgrafen sprühte der Zorn , und sie hatten abergläubische Furcht vor ihm. Da trat von einem Fuhrwerk ein stiernackiger Kerl vor ihn hin. “Ich tat es nicht, Deichgraf”, sagte er und biß von einer Rolle Kautabak ein Endchen ab, das er sic erst ruhig in den Mund schob; “aber der es tat, hat recht getan; soll Euer Deich sich halten, so muß was Lebiges hinein!”

-”Was Lebiges? Aus welchem Katechismus hast du das gelernt?”

Aus keinem Herr!” entgegnete der Kerl, und aus seiner Kehle stieß ein freches Lachen; “das haben unsere Großväter schon gemacht, die sich mit Euch im Christentum wohl messen dürfen! Ein Kind ist besser noch; wenn das nicht da ist, tut’s auch wohl ein Hund!”29

Zum Christentum hatte Storm kein besonders inniges Verhältnis: “Da das Christentum mir nicht eine persönliche, traditionelle Macht aus den Tagen der Kindheit gewesen ist, schätze ich es als eine bloß historische Erscheinung. Gegenstand innerer Lebensüberzeugung und Erfahrung ist es mir nicht geworden.”30 Diese Aussagen beinhalten eine gewisse Distanz.

Biografisches: Theodor Storm wurde 1817 als Sohn eines Advokaten in Husum geboren, seit 1837 studierte er Jura in Kiel und wurde 1847 Advokat in seiner Geburtsstadt. Nachdem Holstein seine Selbständigkeit an Dänemark verloren hatte, gab er die Advokatur auf. Seit 1853 war er drei Jahre lang Assessor am Kreisgericht Potsdam. Von dort pflegte er Verbindung mit literarischen Kreisen in Berlin. 1856 wurde er Kreisrichter in Heiligenstadt (Eichsfeld). 1864 kehrte er nach Husum zurück. 1865 starb seine Frau Constanze nach der Geburt des siebten Kindes. 1866 heiratete er seine Jugendfreundin Dorothea Jensen 1880 übersiedelte er nach Hademarschen. Dort starb er 1888.31

Wichtige Werke: Immensee (1851), Vila Tricolor (1874), Pole Poppenspäler (1875),Aquis submersus (1876/ 1877), Carsten Curator (1877/1978), Renate (1878), Eekenhof (1880), Hans und Heinz Kirch (1882/1883), Der Schimmelreiter (1888).

Seine norddeutsche Heimat liebte er intensiv: das Meer, den Marsch, die Geest. Oft durchzieht seine Novellen das Gefühl des Vergänglichen und Unwiderbringlichen. Ein Gedicht als Beispiel:

Über die Heide (1875)

Über die Heide hallet mein Schritt;

Dumpf aus der Erde wandert es mit.

Herbst ist gekommen, Frühling ist weit –

Gab es denn einmal selige Zeit?

Brauende Nebel geistern umher;

Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer

Wär‘ ich nur hier nicht gegangen im Mai!

Leben und Liebe – wie flog es vorbei!

Humor kannte Storm auch gelegentlich. Zum Beispiel in der Novelle “Die Söhne des Senators” (1880/1881). Es geht um den Erbstreit zweier Senatorensöhne um den väterlichen Garten. Die Handlung spielt wieder einmal in einer kleinen Hafenstadt in Norddeutschland. Der Jüngere Bruder Friedrich Jovers lässt eine Mauer im Streit mit seinem Bruder Christian Albrecht errichten. Sie wird zwischen den Stadthäusern hochgezogen. “Und schon am anderen Tage, während der Herr Onkel Bürgermeister und der Herr Vetter Kirchenpropst noch einmal ihr vergebliches Versöhnungswerk betrieben, wurde zwischen den Höfen der beiden Brüder rüstig fortgemauert, und der struppige Assyrer sang dabei alle Lieder, die er aus seinen Kreuz- und Querzügen aus der Fremde heimgebracht hatte. Im Hause des Senators wurden die Schreibstuben mit jeder neuen Steinlage immer mehr verdunkelt…”32 Friedrich Jovers schlägt letztlich seinem Bruder eine Versöhnung vor: “ … hiemit, so du gleichen Sinnes bist, ist unser Prozeß am Ende; du hast das Urteil unseres Magistrats für dich; meinen Einspruch habe ich zurückgezogen. Tu du nun ein übriges und bestimme als der Älteste, wie es sich mit dem Garten verhalten soll!”33 Eine Versöhnung kommt zustande – der Garten heißt in Zukunft schlicht “Jovers Garten”. Den Stoff hatte Storm von seinen Vorfahren übernommen. Die Söhne von Storms Ururgroßvater, der Bürgermeister in Husum war und Simon Woldsen (1696 bis 1765) hieß, waren wegen eines nachgelassenen Gartens in Streit geraten. Der Streit dauerte bis in an das Lebensende der beiden.34

Storm lebte bei Abfassung der Novelle schon in Hademarschen. Dort starb er am 4. Juli 1888.

Theodor Storm und die Politik

Bei seiner Geburt war Theodor Storm 1817 Däne. Die Herzogtüner Schleswig und Holstein gehörten seit 1773 zu Dänemark. Seine politische Haltung war antidänisch. 1848 arbeitete er für die dänenfeindliche Schleswig-Holsteinische Zeitung. Die dänische Regierung registrierte das mit Unwillen, eine Bestätigung als Rechtsanwalt durch den dänischen König kam 1852 nicht zustande. Er ging danach nach Potsdam in Preußen.35 In seiner neuen Stellung beim Kreisgericht in Potsdam lebte er in bescheidenen Verhältnissen. Den Preußen wie der Aristokratie war er abhold -er mochte sie nicht. 1856 wurde er Kreisrichter in Heilgenstadt – auch hier war er materiell nicht auf Rosen gebettet. 1864 nach dem preußisch-dänischen Krieg wurde Theodor Storm Landvogt in Husum. Im April 1864 besiegte Preußen das dänische Heer bei den Düppeler Schanzen. 1867 wurde das Amt des Landvogts abgeschafft, Storm wurde ein Jahr später preußischer Amtsrichter in Husum. 1874 wurde er zum Oberamtsrichter befördert, 1879 zum Amtsgerichtsrat. Jeder Preuße komme nach Husum mit der Mine eines kleinen persönlichen Eroberers und als müsste er höhere politische Einsicht bringen. Mit dieser Einschätzung dokumentierte er seine antipreußische Einstellung. Politisch wandelt er sich vom Radikaldemokraten zum Nationalliberalen. Der schleswig-holsteinische Befreiungskampf war verbunden mit einem deutschen Sendungsbewußtsein.

1Theodor Storm, Carsten Curator, in: Theodor Storm, Der Schimmelreiter, Klagenfurt o.J., S. 66

2Ebd., S. 67

3Ebd.

4Ebd. S. 62

5Ebd., S. 63

6Ebd.

8Aquis submersus, in: Manfred Kluge/ Rudolf Radler (Hrsg.) Hauptwerke der deutschen Literatur, München 1974, S. 406

10Theodor Storm, Aquis submersus, a.a.O., S. 105

11Hartmut Vincon, Storm, Reinbek bei Hamburg 1980 (6.Auflage), S. 134

13Vgl. Hans-Jürgen Geerdts (Hrsg.), Deutsche Literaturgeschichte in einem Band, Berlin 1971, S. 418

14Theodor Storm, Sämtliche Werke, Band 7, Berlin. O.J., S. 121 f.

15Ebd., S. 122

16Vgl. Hartmut Vincon, Storm, Reinbek bei Hamburg 1980 (6.Auflage), S. 146

17Theoder Storm, Band 7, a.a.O., S. 144

18Ebd., S. 147

19Ebd., S. 151 f.

20Ebd., S. 172

21Ebd., S. 179

22Ebd., S. 184

23Theodor Storm, Sämtliche Werke, Band 10, Berlin o.J., S.11 ff

24Ebd.

25Ebd., S. 12

26Theodor Storm, Der Schimmelreiter, Klagenfurt o.J., S. 256

27Hans-Jürgen Geerdts (Hrsg.), Deutsche Literaturgeschichte in einem Band, Berlin 1971, S. 418

28Vgl.Manfred Kluge, Der Schimmelreiter, in: Manfred Kluge und Rudolf Radler (Hrsg.), Hauptwerke der deutschen Literatur, München 1974, S. 408 f.

29Geerdts, a.a.O., S. 419

30Vgl. Thedor Storms Verhältnis zum Christentum http://pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=3411

31Vgl. Herbert und Elisabeth Frenzel, Daten Deutscher Dichtung – Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte, Bd. II – Vom Biedermeier bis zur Gegenwart, München 1966 (3. Auflage), S. 69

Willy Grabert, Arno Mulot, Helmut Nürnberger, Geschichte der deutschen Literatur, München 1990 (23. Auflage), S. 218

32Theodor Storm, Die Söhne des Senators, in: Theodor Storm, Band 7, a.a.O., S. 44

33Ebd. S. 53

Veröffentlicht 18. Juni 2010 von schauerchristian in Theodor Storm

Notre-Dame und ihr Glöckner

Notre-Dame

Notre-Dame

Vor nicht allzu langer Zeit,am 15./16. April 1919, wurde das Wahrzeichen von Paris, die Kathedrale Notre-Dame durch einen Brand schwer beschädigt. Der Brand konnte im Wesentlichen auf den hölzernen Dachstuhl begrenzt werden. Die Westfassade mit den Haupttürmen blieb erhalten. Ebenso die Wände des Mittelschiffs, große Teile des Deckengewölbes sowie die Seitenschiffe und Chorumgänge. Die künstlerisch wertvolle Ausstattung der Kirche wurde durch Löschwasser,Hitze und Rauch entweder verschmutzt oder beschädigt.

Das bekannteste literarische Werk, das in und um die Kathedrale herum spielt, ist der Roman „Der Glöckner von Notre Dame“ von Victor Hugo. Der Roman spielt in der Zeit Ludwigs XI. (1461 bis 1483). Dieser gilt als der „erste absolute Monarch Frankreichs“. Zunächst wird der 6. Januar 1482 beschrieben. An diesem Tag feierten die Pariser den Feiertag „Heilige Drei Könige“ und das Narrenfest. Auf dem Grève-Platz brandte an diesem Tag ein Freudenfeuer.

Das bekannteste literarische Werk, das in und um die Kathedrale herum spielt, ist der Roman „Der Glöckner von Notre Dame“ von Victor Hugo. Der Roman spielt in der Zeit Ludwigs XI. (1461 bis 1483). Dieser gilt als der „erste absolute Monarch Frankreichs“. Zunächst wird der 6. Januar 1482 beschrieben. An diesem Tag feierten die Pariser den Feiertag „Heilige Drei Könige“ und das Narrenfest. Auf dem Grève-Platz brandte an diesem Tag ein Freudenfeuer.

Hugo beschreibt die Kirche von ihrer Stilrichtung her: „Man kann Notre-Dame nicht als ein abgeschlossenes, vollendetes Denkmal der Gothik bezeichneen, denn dieser Dom ist keine romanische Kirche mehr und ist noch keine gotische. Er ist kein Typus und gehört weder der alten Familie düstrer, geheimnisvoller Kirchen an, auf denen die niedrigen , runden Gewölbe schwer zu lasten scheinen, noch jener anderen Familie hoher, luftiger, buntfenstriger Kirchen, die mit ihrer reichen Ornametik und ihren spitzen Formen kühn himmelan streben. Mit den einen hat sich die rein romanische, mit den anderen nicht die reine gotische Rasse gemein. Notre-Dame ist ein Bauwerk der Übergangszeit. …“1

1 Victor Hugo, Der Glöckner vom Notre-Dame, Frankfurt am Main und Leipzig 1997, S. 134 f.

Begonnen wurde der Bau 1163 unter Bischof Maurice de Sully. Es war die Zeit Ludwigs VII.. Der Chor wurde 1182 geweiht. Von 1225 bis 1250 wurden die Turmgeschosse errichtet. 1250 konnte man die Kirche benutzen. Im 13. und 14.Jahrhundert setzte sich endgültig die Gothik durch. Jean Ravy war Baumeister von 1318 bis 1344. 1789 begann die französische Revolution, die Inneneinrichtung der Kathedrale wurde 1793 von den Revolutionären zerstört. Die Kirche wurde zum Tempel des höchsten Wesens, der Vernunft, erklärt.

1804 fand die Krönung Kaiser Napoleons in Notre-Dame statt. In einer historischen Quelle heißt es dazu: „Am 2. Dezember 1804 fand die Salbung in der Notre-Dame-Kirche statt. Papst Piius VII. war ausdrücklich von Rom gekommen, um dem neuen Kaiser die Krone aufs Haupt zu setzen. Napoleon fuhr in einem mit acht Pferden bespannten Wagen , begleitet son seiner Garde, in die Kirche. An seiner Seite saß Josephine. Der Papst, die Kardinäle, die Erzbischöfe, die Bischöfe und Würdenträger des Staates erwarteten ihn in der Kathedrale, auf deren Stufen er ein paar Augenblicke stehen blieb, um eine Ansprache anzuhören und zu beantworten. Darauf trat er in die Kirche und stieg zu einem für ihn hergerichteten Thron empor, die Krone auf dem Haupte, das Szepter in der Hand.“1 Berichtet wird hier nicht, dass sich Napoleon selbst krönte.

1 Alexander Dumas, Napoleon Bonaparte, Berlin o.J., S. 90

Im Mittelpunkt des Romans „Der Glöckner von Notre-Dame“, den Victor Hugo (1802 bis 1885) 1831 veröffentlicht hat, steht das missgestaltete Findelkind Quasimodo. Es wurde vom Archidiakon, Jean Claude Frollo, im Alter von etwa vier Jahren auf den Treppen von Notre-Dame gefunden, aufgezogen und zum Glöckner der Kathedrale ausgebildet. Quasimodo hat einen Buckel, auf einem seiner Augen ist eine Warze. Durch den jahrelangen Glockenlärm ist er taub. Quasimodo liebt die Glocken von Notre-Dame, ebenso wie die Einwohner der Stadt das Glockengeläut.

Eine wichtige Figur des Romans ist der Philosoph und Dichter Pierre Gringoire. Er ist eine Art Antiheld . Sein Auftreten bringt Witz und Ironie in die Handlung. Der Priester Claude Frollo machte ihn zu einem gebildeten Lehrling. Er kann Latein und Griechisch. Esmeralda heiratet ihn aus Mitleid, um ihn vor den Bettlern zu schützen.

Weibliche Hauptperson ist Esmeralda, ein uneheliches Kind einer französishen Dirne, das eigentlich Agnès heißt. Zigeuner, die in die Stadt kamen, stahlen das Mädchen und tauschten es gegen den hässlichen Quasimodo aus. Esmeralda lebt bei den Zigeunern, nimmt ihre Gebräuche und Gewohnheiten an. Ihre Mutter ist davon überzeugt, dass sie getötet wurde. Einen Schuh ihrer Tochter behält sie und verehrt ihn wie eine Reliquie. Den anderen Schuh trägt Esmeralda in einem Perlensäckchen um den Hals. Kurz vor der Hinrichtung Esmeraldas finden sich Mutter und Tochter wieder.

Claude Frollo hat als Archidiakon einen zwiespältigen Charakter. Seinem jüngeren Bruder Jean ist er sehr zugewandt, was dieser ihm nicht dankt, sondern sein Geld verspielt und sein Studium nicht ernsthaft betreibt. Sowohl Jean ans auch Quasimodo kann er nicht nach seinen Vorstellungen beeinflussen – hierdurch wird sein Abgleiten in die schwarze Magie mit bewirkt. Leidenschaftlich entbrennt er für Esmeralda, was ihn in Widerspruch zu seinem kirchlichen Gelübde bringt.

Gringoire ist Zeuge, wie sich Quasimodo dazu hinreißen lässt, Esmeralda entführen zu wollen. Er wird von dem Hauptmann der königlichen Leibgarde „Phoebus“ gestellt. Quasimodo wird zur Schandpfahl-Züchtigung verurteilt. Esmeralda gibt ihm Wasser, um ihn vom Tode zu retten. Phoebus wird von Claude Frollo niedergestochen, der nicht hinnehmen will, daß sich Esmeralda in Phoebus verliebt hat. Phoebus überlebt, Claude Frollo verschwindet unbemerkt, die Zigeunerin wird des versuchten Mordes angeklagt. Auch der Hexerei wird sie verdächtigt. Unter der Inquisition gesteht sie und wird danach mit ihrer Ziege Djali zum Tode am Strang verurteilt. Claude Frollo will sie zur Flucht überreden, Esmeralda verzeiht ihm aber die versuchte Ermordung des Phoebus nicht. Sie will Claude Frollo nicht, sondern eher dem Tode entgegentreten. Quasimodo rettet sie am Tage der Hinrichtung. Vorübergehend bekommt sie Asyl in Notre-Dame. Sie ist hier geschützt von Claude Frollo. Quasimodo gewinnt ihre Zuneigung. Don Frollo ermuntert Gringoire mit seinen Zigeunern zu einer Befreiungsaktion. Quasimodo stellt sich den Eindringlingen aber in den Weg, weil er die Zigeunerin schützen will. Ihre Hinrichtung kann er nicht verhindern. Quasimodo rächt sich fürchterlich an Claude Frollo.

„Plötzlich stieß der Mann die Leiter heftig mit der Verse zurück, und Quasimodo, der schon seit ein paar Augenblicken nicht mehr atmete, sah zwei Klafter über dem Pflaster das unglückliche Kind am Stricke baumeln und den Mannn auf ihren Schultern hocken. Der Strick drehte sich mehrmals um sich selbst, und Quasimodo konnte die furchtbaren Zuckungen sehen, die den Leib der Zigeunerin durchliefen. Der Priester aber kniete mit gestrecktem Hals, die Augen quollen ihm aus dem Kopfe, und so betrachtete er die fürchterliche Gruppe des Mannes und des jungen Mädchens, der Spinne und der Fliege. Im schrecklichsten Augenblick brach der Priester in ein höllisches Gelächter aus, das nicht mehr menschlich war und sein Bleifarbenes Antlitz verzerrte. Quasimodo hörte es nicht, aber er sah es. Er prallte einen Schritt zurück; dann stürzte er sich pötzlich wütend auf den Erzdechanten, stieß ihn mit seinen beiden großen Händen gegen den Rücken und in den Abgrund hinunter, über den Dom Claude sich beugte.

Der Priester schrie:’Verflucht!‘ und fiel. Der Wasserspeier unter ihm hielt ihn im Fallen auf. Er klammerte sich mit verzweifeltem Griff daran fest, und im Augenblick, als er den Mund zu einem zweiten Schrei öffnete, sah er über den Rand der Rampe, gerade über seinem Kopfe, das furchtbare Rächerantlitz des Quasimodo erscheinen. Da schwieg er. Ihm zu Füßen gähnte der Abgrund, eine Tiefe von mehr als zweihundert Fuß, und unten das Pflaster. Kein Wort, keine Klage kam über die Lippen des Mannes, der in dieser fürchterlichen Lage schwebte. Er wand sich nur mit unerhörter Anstrengung an dem Wasserspeier und versuchte sich daran hochzuziehen. Aber seine Hände fanden keinen Halt am Granit, seine Füße rieften die geschwärzte Mauer, fanden aber keine Stütze daran. Wer einmal oben auf den Türmen von Notre-Dame gewesen ist, der weiß, daß sich gerade unter der Rampe eine Steinanschwellung befindet. An dem zurücktretenden Winkel dieser Anschwellung erschöpfte sich der unglückselige Priester. Er hatte es nicht mit einer senkrecht aufsteigenden Mauer zu tun, sondern mit einer Mauer, die vor ihm floh.

Quasimodo hätte ihm nur die Hand zu reichen brauchen, um ihn aus dem Abgrund zu ziehen, aber er sah ihn nicht einmal an. Er sah nach den Grève-Platz hinüber. Er sah den Galgen an. Er sah die Zigeunerin an. An der Stelle, wo noch einen Augenblick zuvor der Erzdechant kniete, stützte sich jetzt der taube Glöckner auf die Rampe, ließ den Blick nicht ab von den einzigen Ding, das es zur Stunde für ihn auf Erden gab, lehnte stumm und unbeweglich wie ein vom Blitz Getroffener, und ein langer Tränenbach floß still aus dem Auge, das nur einmal eine einizige Träne vergossen hatte. Der Erzdechant aber keuchte. Seine kahle Stirm rieselte von Schweiß, seine Nägel bluteten am Stein, seine Knie rieben sich an der Mauer wund. Der Erzdechant aber keuchte. Seine kahle Stirn rieselte von Schweiß, seine Nägel bluteten am Stein, seine Kniee rieben sich an der Mauer wund. Er hörte, wie seine Soutane, die sich am Wasserspeier gefangen hatte, bei jeder Bewegung krachte und schlitzte. Um das Unglück voll zu machen, lief der Wasserspeier in ein bleiernes Rohr aus, das sich unter der Last seine Körpers bog. Der Erzdechant fühlte, wie es langsam nachgab. Der Unglückselige sagte sich, daß der Sturz in die Tiefe ihm gewiß sei, sobald seine Hände erlahmten, seine Soutane zerriß und das bleierene Rohr sich vollends nach unten bog. Da packte ihn das Entsetzen bis in die Eingeweide. Manchmal sah er verstört auf einen schmalen Vorsprung nieder, der etwa zehn Fuß tiefer, durch Zufälligkeiten beim Bauen entstanden, aus der Mauer vorragte. Er flehte in der Tiefe seiner verzweifelten Seele den Himmel an, er möge ihm sein Leben auf diesem Raum von zwei Quadratfuß beschließen lassen, und sollte es noch hundert Jshre währen.Einnmal sah er auf den Platz, in den Abgrund hinunter; als er den Kopf wieder hob, waren seine Augen geschlossen, und seine Haare standen zu Berge.

Das Schweigen der beiden Männer hatte etwas Entsetzliches. Während der Erzdechant wenige Fuß von ihm entfernt einen so furchtbareb Todeskampf kämpfte, sah Quasimodo weinend nach den Grève-Platz hinüber. Als der Erzdechant sah, daß seine heftigen Bewegungen nur dazu dienten, den schwachen Halt, der ihm noch blieb, zu erschüttern, da versank er in Ratlosigkeit. Er klammerte sich an den Wasserspeier, er atmete kaum, er rührte sich nicht; er hielt nur den Leib krampfhaft zusammengezogen, wie man es im Traume tut, wenn man zu fallen glaubt. Seine starren Augen waren fieberhaft aufgerissen und hatten einen Blick des Staunens. Nach und nach verlor er den Halt; seine Finger fingen an, von dem Wasserspeier abzugleiten; er fühlte seine Arme schwächer und seinen Körper schwerer werden; das bleierne Rohr, das ihn hielt, bog sich mehr und mehr dem Abgrund zu. Er sah die gefühllosen Steinfiguren des Turmes eine nach der anderen an; auch sie hingen über dem Abgrund; aber sie fühlten keine Angst für sich und kein Mitleid für ihn.Alles um ihn herum war Stein: die gähnenden Ungeheuer vor seinen Augen, der Platz, das Pflaster tief unter ihm, der weinende Quasimodo über ihm.

Auf dem Domhof standen ein paar Gruppen wackerer Neugieriger und zerbrachen sich gelassen den Kopf, wer wohl der Narr sein könnte, der sich auf so seltsame Art belustige. Der Priester hörte sie sagen – denn klar und dünn schlugen ihre Stimmen an sein Ohr-:’Der wird sich noch den Hals brechen!‘ Quasimodo weinte. Endlich begriff der Erzdechant, der vor Wut und Entsetzen schäumte, daß alles vergeblich sei. Er raffte aber noch einmal zusammen, was ihm an Kräften blieb, um eine letzte Anstrengung zu machen. Er straffte sich an dem Wasserspeier, stieß sich mit den Knien von der Wand ab, krallte sich mit den Händen in einer Steinritze fest, und so gelang es ihm, etwa einen Fuß in die Höhe zu klettern. Aber die Erschütterung bog jäh das bleierne Rohr ab, auf das er sich stützte. Seine Soutane zerriß. Wie er jeden Halt weichen fühlte und sich nur noch mit den steifen versagenden Händen an irgend etwas festklammerte, da schloß der Unglückselige die Augen und ließ den Wasserspeier los. Er fiel. Quasimodo sah ihn fallen. Ein fall aus solcher Höhe pflegt selten vor sich zu gehen, ohne daß der Körper sich dreht. Der in den Abgrund stürzende Priester hatte zuerst den Kopf nach unten und die Arme ausgebreitet. Dann überschlug er sich mehrmals. Der Wind stieß ihn auf das Dach eines Hauses. Er war halbzerschmettert, aber er lebte noch. Quasimodo sah, wie er noch versuchte, sich an den Giebel festzukrallen. Aber die Fläche war zu abschüssig, und er hatte keine Kraft mehr. Er glitt rasch das Dach hinunter, wie ein Ziegel, der sich loslöst, und schlug auf das Pflaster. Da rührte er sich nicht mehr. Quasimodo sah wieder auf und zu der fernen Zigeunerin hinüber; er sah, wie ihr am Galgen hängender Körper unter dem weißen Gewande sich in seinen letzten Zuckungen wand. Da blickte er wieder auf den Erzdechanten hinunter, der als formlose Masse am Fuß des Turmes lag, schluchzte tief auf und sagte:’Ach, das ist alles, was ich geliebt habe!’“1

1 Victor Hugo, Der Glöckner vom Notre-Dame, Frankfurt am Main und Leipzig 1997, S. 546 ff.

Zwei Jahre später deutet sich ein posthumes Zueinanderfinden an. In der Gruft von Montfaucon werden zwei ineinander verschlungene Skelette gefunden- es sind Esmeralda und Quasimodo. „Der Montfaucon war, wie Sauval sagt, ‚der älteste und prächtigste Galgen im Königreich‘. Etwa hundert sechzig Klafter von den Stadtmauern entfernt, zwischen der Vorstadt des Temple und der Vorstadt Saint-Martin, stand auf dem Gipfel eines sanften, fast unmerklich ansteigenden Hügels, der aber hoch genug war, um auf einige Meilen in der Runde gesehen zu werden, ein Bauwerk von seltsamer Form, das einem keltischen Kromlech nicht unähnlich war, auch insofern nicht, als dort ebenfalls Menschenopfer gebracht wurden.“1 Erläuterung: Ein Klafter entspricht 6 Fuß also etwa 1,80 m. – Kromlech: Megalithbauwerk.

1 Ebd., S. 552 Würdigung der Verfilmungen siehe auch https://phantastikon.de/der-gloeckner-von-notre-dame

Der Schluß entspricht einem Satz Hugos zu Notre-Dame, der auch auf dieses Werk zutrifft:“ Der einzelne Mensch und der Künstler verschwinden vor diesen Riesenwerken, die keines Schöpfers Namen tragen; der menschliche Geist in seiner Gesamtheit prägt sich in ihnen aus. Die Zeit ist der Baumeister, das Volk ist der Maurer.“1 Im französischen Originaltitel ist der Glöckner nicht im Titel erwähnt. Er heißt „Notre-Dame de Paris“.

1 Ebd., S. 136

Die Bleiverschmutzung ist nach dem Brand von Notre-Dame im April 2019 rund um die Kirche deutlich gestiegen. In der Dachkonstruktion und der Turmabteilung wurde viel Blei verarbeitet. Der Bau einer Schutzglocke rund um die Kathedrale war in der Diskussion, wird aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht realisiert.

Literatur: Victor Hugo, Der Glöckner vom Notre-Dame, Frankfurt am Main und Leipzig 1997

Peter Richard Rohden / Heinz-Otto Sieburg, Politische Geschichte Frankreichs, Mannheim 1959

Alexander Dumas, Napoleon Bonaparte, Berlin o.J.

https://www.haz.de/Nachrichten/Promis/Paris-kaempft-nach-Brand-von-Notre-Dame-gegen-Bleiverschmutzung

https://de.wikipedia.org/wiki/Brand_von_Notre-Dame_in_Paris_2019

https://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale_Notre-Dame_de_Paris

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Glöckner_von_Notre-Dame

Claude Frollo stürzt ab

Veröffentlicht 11. August 2009 von schauerchristian in Gedichte, Notre-Dame und ihr Glöckner