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Theodor Storm

Carsten Curator von Theodor Storm

Carsten Curator lebt in einer friesischen Hafenstadt Mitte des 19. Jahrhunderts. Er ist ein Kleinbürger und lebt in bescheidenen Verhältnissen. Durch seine Bildung kann er zum Vermögensverwalter aufsteigen. Eine Pflegeverhältnis mündet in eine Ehe mit der wesentlich jüngeren Juliane. Aus der Ehe entsteht der Sohn Heinrich, der die Leichtlebigkeit und Sorglosigkeit seiner Mutter als Charakterzug geerbt hat. Die Frau Juliane stirbt bei der Geburt. Die Rolle der Mutter übernimmt die Schwester des Curators Brigitte. Heinrich wächst zusammen mit der Ziehtochter Carstens, Anna, auf. Anna ist attraktiv und hat einen vorbildlichen Charakter.

Heinrich wird zu Solidität erzogen, entwickelt sich aber zum Glücksspieler und Spekulanten. Der Curator muss sein eigenes Vermögen einsetzen, um dem Sohn in misslicher Lage beizuspringen. Vor dem finanziellen Ruin rettet Heinrich die Heirat mit Anna. Sie hat Vermögen, das von ihrem Pflegevater bisher verwaltet wurde. Dieser hält einen Teil des Vermögens zurück. Sie soll dadurch eine Grundsicherung erhalten. Als Heinrich vor dem Bankrott steht, schlägt Casterns ihm und seiner Pflegetochter die Herausgabe der Sicherheitsreserve aus. Heinrich flieht während eines Novembersturms in den Tod.“Es ist zwar nie errnittelt worden, wer der Mensch gewesen, dessen Notschrei derzeit von den Fluten erstickt wurde; gewiss aber ist es, daß Heinrich weder in jener Nacht noch später wieder nach Hause gekommen oder überhaupt gesehen worden ist.“1

Carstens übersteht den Vorgang nicht unbeschadet. Sein Haus und Annas Ladengeschäft kommen unter den Hammer. Er muß mit seiner Schwiegertochter und dem Enkel in die arme Gegend der Kleinstadt ziehen. Sein Glück ist bescheiden geworden. „Für den Greis aber bildete es eine täglich wiederkehrende Lust, die Züge der Mutter in dem kleinen Antlitz seines Enkels aufzusuchen.’Dein Sohn Anna, Anna; ganz dein Sohn!“pflegte er nach längerer Betrachtung auszurufen. ‚Er hat ein glückliches Gesicht!‘ Dan lächelte Anna und sagte lächelnd: ‚Ja, Großvater; aber der Junge hat ganz Eure Augen.’“2

Tröstlich das Ende: „Heil dem, dessen Leben in seines Kindes Hand gesichert ist; aber auch dem noch, welchem von allem, was er einst besessen, nur eine barmherzige Hand geblieben ist, um seinem Armen Haupte die letzten Kissen aufzuschütteln.“3

Storm schrieb das Werk 1877. Heinrich hat als Hintergrund Storms mißratenen Sohn, der in Würzburg Medizin studierte und dem Alkohol verfallen war. In der Schlußszene, bevor Heinrich in den Tod geht, wirft Carsten Heinrich in der Novelle auch seine Betrunkenheit vor. Der autobiografische Hintergrund ist damit hergestellt. „Zwei stumpfe, gläserne Augen starrten auf ihn hin. Der Greis taumelte zurück. ‚Betrunken!‘ schrie er, ‚du bist betrunken!‘. Er wandte sich ab; mit der einen Hand die qualmende Kerze vor sich haltend, die andere abwehrend hinter sich gestreckt, wankte er nach der Tür des Seitenbaus. Als er hindurchschritt, fühlte er sich an seinem Rocke gezerrt; aber er machte sich los, und es wurde finster im Pesel, und von der anderen Seite drehte sich der Schlüssel in der Tür. Der Trunkene war plötzlich seiner Sinne mächtig geworden.“4 Der Vater lässt sich vom Sohne nicht erweichen. „Eine Weile noch stand er, (der Sohn – Anmerkung von mir) das Ohr gegen die Tür gedrückt; dann endlich ging er fort.“5 „ … er glaubte den Todesschrei der Tiere zu hören, welche die erbarmungslosen Naturgewalten wie im Taumel fortrissen.“6 An dieser Textpassage kann man den Hinweis auf seinen nahenden Tod erkennen. Sein Schaudern deutet darauf hin.7

Theodor_Storm_(1817-1888)

Theodor Storm

 

Aquis submersus

Die Novelle erschien 1876. Es handelt sich um eine Liebestragödie aus dem 17. Jahrhundert. Der Autor ist in seiner Jugendzeit mit dem Porträt eines Priesters konfrontiert, der einen toten Jungen mit Wasserlilie im Arm hat: Auf den Rahmen des Bildes sind mehrere Buchstaben gemalt C.P.A.S. – das bedeutet auf deutsch “durch Schuld des Vaters ertrunken” – der Ursprungstext lautet ”Culpa patris aquis sebmersus” .8 Zum Schluß der Novelle schreibt der Vater Johannes in den Schatten des Bildes seines totes Kindes “Culpa Patris Aquis Submersus” – hier übersetzt “Durch Vaters Schuld in der Flut versunken”. Es war das Kind des Johannes mit seiner Jugendliebe Katharina, unehelich gezeugt- im 17. Jahrundert wie auch im 19. Jahrhundert unschicklich.

Die Novelle spielt nach dem fürchterlichen Dreißigjährien Krieg in Norddeutschland. Noch immer ziehen marodierende Banden durch das Land. Erzähler der Geschichte ist der Maler Johannes- er kommt 1661 auf die Burg seines Freundes Gerhardus. Seine Liebe gilt der Tochter des Gerhardus, Katharina. Der Sohn der Lichtgestalt Gerhardus heißt nicht zufällig Wulf und betreibt die Verheiratung Katharinas mit seinem Saufkumpanen Kurt.9 Johannes und Katharina planen die Flucht der jungen Frau in ein Kloster. Später wollen sie sich heimlich iin Amsterdam treffen. Johannes muss sich in der Nacht vor den Bluthunden des Wulf in Sicherheit bringen. Er flieht in Katherinas Kammer, wo es zum Liebesakt zwischen den beiden kommt.”’Komm!‘ sagte sie.’sie werden dich zerreißen.‘ Da schwang ich mich in ihre Kammer. – Doch als ich drinnen war, ließ mich das Händlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster stund, und hatte ihr Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten ihres Haares lagen auf dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß hinab; der Mond, der draußen die Gartenhecken überstiegen hatte, schien voll herein und zeigete mir alles. Ich stund wie fest gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der Schönheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu ihr:’Katharina, liebe Katharina, träumet ihr denn?‘ Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht:‘ Ich glaub wohl fast, Johannes! – Das Leben ist hart; der Traum ist süß!’”10 In dieser Formulierung deutet sich schon an, dass die Liebesbeziehung nicht harmonisch endet. Vergeblich hält Johannes beim grimmigen Junker um Katharinas Hand an- Johannes wird angeschossen und schwer verletzt. Wieder genesen flieht Johannes nach Holland und kehrt nach Jahren als reicher Mann zurück. Bei seiner Rückkehr muss Johannes erleben, dass Katharina die Frau eines “finsteren Priesters” geworden ist. Dieser hatte sich dieser “gefallenen Frau” erbarmt. Bei einer Zusammenkunft mit seiner Gedliebten kommt es für das Kind zum Schlimmsten. Der Junge ertrinkt in einem Weiher, als er unbeaufsichtigt spielt.

Johannes verlässt den Ort nach Vollendung des Bildes.

Storm äußert sich in einer Tagebuchaufzeichnung über seine Novelle folgendermaßen:”Man würde durchaus fehlgehen, wenn man in ‚Aquis Submersus‘ in der freilich die bestehende Sitte außer acht lassenden Hingebung des Paares die Schuld der Dichtung suchen wollte … Die Schuld, wenn man diese Bezeichnung beibehalten will, liegt auf der anderen Seite , hier auf dem unerbittlichen Geschlechterhasse, dort auf dem Übermute eines Bruchteils der Gesellschaft, der ohne Verdienst auf die irgendwie von den Vorfahren eroberte Ausnahmestellung pochend, sich besseren Blutes dünkt und so das menschlich Schöne und Berechtigte mit der ererbten Gewalt zu Boden tritt. Nicht zu übersehen ist, daß es eben diese feindliche Gewalt ist, die das Paar einander fast blindlings in die Arme treibt.” 11 Hier tritt deutlich Storms Antifeudalismus zu Tage.

Theodor Storm – Hans und Heinz Kirch (1882) hat ähnlich wie bei Carsten Curator wieder den Vater-Sohn-Konflikt zum zentralen Thema. Die Novelle spielt in Heiligenhafen. Hans Kirch ist ein aufstrebender Kapitän, der sich zum Schiffseigentümer emporgearbeitet hat. Seine Werte sind die des Besitzbürgertums. Sein Eifer ist gelegentlich sogar asketisch. Er erwartet, dass sein Sohn sich diese Werte zu eigen macht und genauso wird wie sein Vater.12 Die Erziehung des Vaters ist illiberal hart.13 Heinz hat mit Wieb eine Freundin, die den Wünschen des Vaters nicht entspricht. Er trifft sich am Vortag seiner Abreise als Matrose zu einer Bootsfahrt am Hafen. “ Er hatte Wieb am Tage vorher wiedergesehen; doch nur zu ein paar flüchtigen Worten war Gelegenheit gewesen, nun wollte er noch Abschied von ihr nehmen, sie wie sonst noch einmal an den Warder fahren (Warder ist eine Halbinsel vor Heilgenhafen – Anmerkung von mir C.S.). Es war ein kühler Maiabend ; der Mond stand über dem Wasser , als er an den Hafen hinabkam; aber Wieb war noch nicht da. Freilich hatter sie ihm gesagt, daß sie abends bei einer alten Dame einige leichte Dienste zu versehen habe; desungeachtet, während er an dem einsamen Bollwerk auf und ab ging, konnte er seine Ungeduld kaum niederzwingen: er schalt sich selbst und wußte nicht, weshalb das Klopfen seines Blutes ihm fast den Atem raubte. Endlich sah er sie aus der höher gelegenen Straße herabkommen. Bei dem Mondlicht, das ihr voll entgegenfiel, erschien sie ihm so groß und schlank, daß er erst fast verzagte, ob sie es wirklich sei. Gleichwohl hatte sie den Oberkörper in ein großes Tuch vermummt; einer Kopfbedeckung bedurfte sie nicht, denn das blonde Haar lag voll wie ein Häubchen über ihren zarten Antlitz. ‚Guten Abend, Heinz!‘ sagte sie leise, als sie jetzt zu ihm trat; und schüchtern, fast wie ein Fremder, berührte er ihre Hand, die sie ihm entgegenstreckte. Schweigend führte er sie zu einem Boot, das neben einer großen Kuff (Schiffstyp der Nordseeküste im 18. und 19. Jahrhundert C.S.) im Wasser lag. ‚ Komm nur!‘ sagte er, als er hineingetreten war und der auf der Hafentreppe Zögernden die Arme entgegenstreckte: ‚ ich habe die Erlaubnis, wir werden diesmal nicht gescholten.’”14 ….

‚Wieb,‘, sagte er endlich, und es klang fast bittend, ‚kleine Wieb, das ist nun heut für lange Zeit des letztemal.

‚Ja Heinz.‘ und sie nickte und sah zu Boden; ‚ich weiß es wohl.‘ Es war als ob sie noch etwas anderes sagen wollte, aber sie sagte es nicht. Das schwere Tuch war ihr von der Schulter geglitten; als sie es wieder aufgerafft hatte und nun mit ihrer Hand über der Brust zusammenhielt, vermißte er den kleinen Ring an ihrem Finger, den er einst auf dem Jahrmarkte ihr hatte einhandeln helfen.’Dein Ring, Wieb!‘ rief er unwillkürlich.’Wo hast du deinen Ring gelassen?‘

Einen Augenblick noch saß sie unbeweglich; dann richtete sie sich auf und trat über die nächste Bank zu ihm hinüber. Sie mußte in dem schwankenden Boot die eine Hand auf seine Schulter legen, mit der anderen langte sie in den Schlitz ihres Kleides und zog eine Schnur hervor, woran der Ring befestigt war. Mit stockendem Atem nahm sie ihrem Freunde die Mütze von den braunen Locken und hing die Schnur ihm um den Hals .’Heinz, o bitte, Heinz!‘ Der volle blaue Strahl aus ihren Augen ruhte in den seinen; dann stürzten die Tränen auf sein Angesicht, und die beiden jungen Menschen filen sich um den Hals, und da hat der wilde Heinz die kleine Wieb fast totgeküßt.”15

Heinz kommt zu spät nach Hause, was dem Vater stark mißfällt. “Hasst Du die Bürgerglocke nicht gehört? Wo hast Du Dich herumgetrieben?” Der Vater ist außer sich.

Heinz kehrt nach einem Jahre nicht zurück. Er hat auf einem anderen Schiff angeheuert. Der Brief, den Heinz nach Hause schickt, ist nicht frankiert. Sein Vater verweigert die Annahme.16 Dreißig Schillinge sind ihm zuviel. Eine Zurückweisung ersten Ranges.

Lange bleibt Heinz verschollen. Nach etwa 15 Jahren taucht er in Hamburg wieder auf. In einer Matrosenunterkunft überredet ihn sein Vater, wieder zurückzukehren. “Einige Tage später war Frau Lina (ihr Bruder, C.S.) beschäftigt, in dem Oberbau die Kammer für den Bruder zu bereiten; aber auch heute war ihre Brust nicht freier. Der Brief, worin der Vater sein und des Sohnes Ankunft gemeldet hatte, enthielt kein Wort von einem frohen Wiedersehen zwischen beiden; wohl aber ergab der weitere Inhalt, daß der Wiedergefundene sich anfangs unter seinem angenommenen Namen vor dem Vater zu verbergen gesucht habe und diesem wohl nur widerstrebend in die Heimat folgen werde.”17

Er erzählt nichts von seinem Leben als Matrose, ist am Unternehmen des Vaters nicht interessiert. “Aber auch heimisch schien Heinz sich nicht zu fühlen. Hatte er kurze Zeit im Zimmer bei der Schwester seine Zigarre geraucht, so trieb es ihn wieder fort; hinab nach dem Hafen, wo er dem oder jenem Schifffer ein paar Worte zurief, oder nach dem großen Speicher, wo er teilnahmslos dem Abladen der Steinkohlen oder anderen Arbeiten zusah. Ein paarmal, da er unten im Kontor gesessen, hatte Hans Kirch das eine oder andere der Geschäftsbücher vor ihm aufgeschlagen, damit er von dem gegenwärtigen Stande des Hauses Einsicht nehme; ab er hatte sie jedesmal nach kurzem Hinundherblättern wie etwas Fremdes aus der Hand gelegt.”18

Zweifel an seiner Identität tauchen auf. “Plötzlich, Gott weiß woher, tauchte ein Gerücht auf und wanderte emsig von Tür zu Tür: der Heimgekehrte sei gar nicht Heinz Kirch, es sei Hasselfritz, ein Knabe aus dem Armenhause, der gleichzeitig mit Heinz zur See gegangen war und gleich diesem seitdem nichts von sich hatte hören lassen. Und jetzt, nachdem es eine kurze Weile darum herumgeschlichen , war es auch in das Kirchsche Haus gedrungen. Frau Lina griff sich mit beiden Händen an die Schläfen; sie hatte durch die Mutter wohl von jenem anderen gehört; wie Heinz hatte er braune Augen und braunes Haar gehabt und war wie dieser ein kluger wilder Bursch gewesen; sogar eine Ähnlichkeit hatte man derzeit zwischen ihnen finden wollen. Wenn alle Freude nun um nichts sein sollte, wenn es nun nicht der Bruder wäre!”19

Über seine ehemalige Geliebte Wieb erfährt Heinz, dass sie in einer Hafenschänke arbeitet. Er trifft sie dort und muss miterleben, wie ihr Ehemann säuft und sie schlecht behandelt. Für eine Wiederaufnahme der Beziehung ist es zu spät. Den Ring ihrer Liebe wirft Heinz zu Boden und verlässt den Raum.

Vater und Sohn kommen sich nicht näher. Hans zahlt seinem Sohn das Erbteil aus. Heinz entschließt sich, für immer wegzugegehen. “Heinz betrachtete das alles ; doch nicht lange stand er so; bald trat er an einen Tisch, auf welchem das Kuvert mit den so widerwillig abgezählten Kassenscheinen nach an derselben Stelle lag, wo es Hans Kirch am Abend vorher gelassen hatte.

Ein bitteres Lächeln umflog seinen Mund, während er den Inhalt hervorzog und dann, nachdem er einige der geringeren Scheine an sich genommen hatte, das übrige wieder an seine Stelle brachte. Mit einem Bleistift, den er auf dem Tische fand, notierte er die kleine Summe, welche er herausgenommen hatte, unter der größeren , die auf dem Kuvert verzeichnet stand; dann, als er ihn schon fortgelegt hatte, nahm er noch einmal den Stift und schrieb darunter:’Thanks for the alms and farewell for ever.‘ Er wußte selbst nicht, warum er das nicht auf deutsch geschrieben hatte.”20

Hans Kirch sieht seinen Sohn im Geiste als Toten. Im Herbststurm passiert ihm folgendes: “Alles um ihn herum war still, er hörte nichts; er wollte sich besinnen, ob es nicht vorher noch laut gestürmt habe; da überfiel es ihn, als sei er nicht allein in seiner Kammer; er stützte beide Hände auf die Bettkanten und riß weit die Augen auf. Und – da war es, dort in der Ecke stand sein Heinz; das Gesicht sah er nicht , denn der Kopf war gesenkt, und die Haare, die von Wasser trieften, hingen über die Stirn herab; aber er erkannte ihn dennoch – woran, das wußte er nicht und frug er sich auch nicht. Auch von den Kleidern und von den herabhängenden Armen troff das Wasser; es floß immer mehr herab und bildete einen breiten Strom nach seinem Bette zu. … ‚Er ist tot‘, sagte er, ‚weit von hier.’”21

Noch während der nächsten Jahre, meist an stillen Nachmittagen und wenn die Sonne sich zum Untergange neigte, konnte man Hans Kirch mit seiner steten Begleiterin auf dem Uferwege sehen; zur Zeit des Herbstäquinoktiums war er selbst beim Nordoststurm nicht daheim zu halten. Dann hat man ihn auf dem Friedhof seiner Vaterstadt zur Seite seiner stillen Frau begraben. Das von ihm begründete Geschäft liegt in den besten Händen ; man spricht schon von dem ‚reichen‘ Christian Martens, uns Hans Adams Tochtermanne wird der Stadtrat nicht entgehen; auch ein Erbe ist längst geboren und läuft schon mit dem Ranzen in die Rektorschule; – wo aber ist Heinz Kirch geblieben?”22

Theodor Storm Der Schimmelreiter

Paul Wirgler meint in seiner Einleitung23 zu diesem Spätwerk folgendes: “Die höchste Steigerung von Storms epischer Prosa und das letzte Werk, das er vollendet hat, ist ‚Der Schimmelreiter‘. Lange hatte er die Idee mit sich herumgetragen. Schon 1870 erinnerte er sich an die plattdeutschen Erzählungen der treuen Lena Wies, ‚ mochte es nun die Sage von dem gespenstischern Schimmelreiter sein, der bei Sturmfluten nachts auf den Deichen gesehen wird und, wenn ein Unglück bevorsteht, mit seiner Mähre sich in den Bruch hinabstürzt, oder mochte es ein eigenes Erlebnis oder eine aus dem Wochenblatt oder sonstwie aufgelesene Geschichte sein, alles erhielt in ihrem Munde ein eigentümliices Gepräge und stieg, wie aus geheimnisvoller Tiefe, leibhaftig vor den Hörern auf.‘ Nun, im Alter, ging er daran, sich des heimatlichen Stoffes, ihn neu und groß gestaltend, zu bemächtigen. Er arbeitete an seiner Dichtung schon im Januar 1886, vor seiner Krankheit; im Februar 1888 schloß er sie ab. Der Grund seines Zögerns war nicht nur seine körperliche Schwäche, auch eine innere Hemmung seiner Produktionskraft. ‚Vor der Deichnovelle habe ich einige Furcht und wollte erst diese leichtere Arbeit (den’Bötjer Basch‘) mal zwischenschieben,‘ berichtete er Anfang 1886 an Heyse. Dann, August 1886: ‚In Arbeit ferner:’Der Schimmelreiter‘, eine Deichgeschichte, ein böser Block, da es gilt, eine Deichgespenstsage auf die vier Beine einer Novelle zu stellen, ohne den Charakter des Unheimlichen zu verwischen. …”

Weiter im Oktober 1887: “’Mein vielgenannter ‚Schimmelreiter‘ ist bis Seite 92 der Reinschrift gediehen, und Sonntag will ich nach Heide, um mich mit meinemj deichsachverständigen Freunde Bauinspektor Eckermann ein Nötiges weiter zu besprechen. Aus einem Jungen ist Hauke Haien nun auf dieser 92. Seite zum Deichgrafen geworden; Nun bedarf es der Kunst, um ihn aus einem Deichgrafen zu einem Nachtgespenst zu machen. Ich fürchte, das Thema hätte mir zehn Jahre früher kommen müssen.‘24

Laß, der Husumer Stadtchronist, schildert eine große Sturmflut, die den Porremkoogsdeich auseinanderriß und in die Hattstedter Marsch einbrach; und er weiß auch von einem Spukpferd, ’so ein hermaphrodit‘ war. Doppelt hat Storm, um die Grenze zwischen dem Greifbaren und dem Wahn der erregten Volksphantasie zu überspringen, den Hergang durch Einführung eines berichtenden Mediums vom Leser abgerückt.”25

Lassen wir Storm persönlich über das Ende Hauke Haiens zu Wort kommen: “’Mein Kind! O Elke, o getreue Elke!‘ schrie Hauke in den Sturm hinaus. Da sank aufs neue ein großes Stück des Deiches vor ihm in die Tiefe, und donnernd stürzte das Meer sich hintendrein; Noch einmal sah er drunten den Kopf des Pferdes, die Räder des Gefährtes aus dem wüsten Greuel emportauchen und dann quirlend darin untergehen. Die starren Augen des Reiters, der so einsam auf dem Deiche hielt, sahen weiter rechts:’Das Ende!‘ sprach er leise vor sich hin; dann ritt er an den Abgrund, wo unter ihm die Wasser, unheimlich rauschend, sein Heimatdorf zu überfluten begannen; noch immer sah er das Licht von seinem Hause schimmern; es war ihm wie entseelt. Er richtete sich hoch auf und stieß dem Stimmel die Sporen in die Weichen; das Tier bäumte sich, es hätte sich fast überschlagen, aber die Kraft des Mannes drückte es herunter. ‚Vorwärts!‘ rief er noch einmal, wie er es so oft zum festen Ritt gerufen hatte:’Herr Gott, nimm mich, verschon die anderen!‘

Noch ein Sporenstich; ein Schrei des Schimmels, der Sturm- und Wellenbrausen überschrie; dann unten aus dem herabstürzeden Strom ein dumpfer Schall, ein kurzer Kampf.”26

Handlung davor: Um 1750 stellte Hauke Haien, der Sohn des armen Tede Haiens, fest, dass die alten Deiche falsch angelegt sind und wahrscheinlich damit den Wellen nicht gewachsen sind. Er wird der Nachfolger des alten Deichgrafen Tede Volkerts und setzt seinen Plan durch, einen neuen, architektonisch anspruchsvollen Deich zu bauen. Er will sozusagen die Produktivkräfte entfalten.27 Dem Meer wird Neuland abgetrotzt. Haiens gemeinsames Kind mit seiner Frau Elke ist debil, seine Gesundheit ist zunehmend angegriffen. Sein Gegenspieler Ole Peters verleitet ihn dazu, seine Deichpläne zu ändern. Eine Sturmflut (siehe oben) zerstört den Deich und seine Familie.28 Möglicherweise sah Storm seinen eigenen Tod in dieser Novelle voraus. Es ist sein wohl bekanntestes Werk. Auch Frau und Kind sterben durch den Deichbruch in den Wassermassen.

Die Bekämpfung des Aberglaubens ist ein wichtiges Nebenthema der Novelle.Dieicharbeiter wollen einen Hund in der Deichbefestigung begraben, in der Hoffnung, dass dem Damm dadurch längerer Hakt verliehen wird. Hauke Haien kann dies letztlich verhindern. Der Dialog dazu:

Wer war es?” rief er (Hauke Haien).” wer hat die Kreatur hinabgeworfen?”

Einen Augenblick schwieg alles, denn aus dem hageren Gesicht des Deichgrafen sprühte der Zorn , und sie hatten abergläubische Furcht vor ihm. Da trat von einem Fuhrwerk ein stiernackiger Kerl vor ihn hin. “Ich tat es nicht, Deichgraf”, sagte er und biß von einer Rolle Kautabak ein Endchen ab, das er sic erst ruhig in den Mund schob; “aber der es tat, hat recht getan; soll Euer Deich sich halten, so muß was Lebiges hinein!”

-”Was Lebiges? Aus welchem Katechismus hast du das gelernt?”

Aus keinem Herr!” entgegnete der Kerl, und aus seiner Kehle stieß ein freches Lachen; “das haben unsere Großväter schon gemacht, die sich mit Euch im Christentum wohl messen dürfen! Ein Kind ist besser noch; wenn das nicht da ist, tut’s auch wohl ein Hund!”29

Zum Christentum hatte Storm kein besonders inniges Verhältnis: “Da das Christentum mir nicht eine persönliche, traditionelle Macht aus den Tagen der Kindheit gewesen ist, schätze ich es als eine bloß historische Erscheinung. Gegenstand innerer Lebensüberzeugung und Erfahrung ist es mir nicht geworden.”30 Diese Aussagen beinhalten eine gewisse Distanz.

Biografisches: Theodor Storm wurde 1817 als Sohn eines Advokaten in Husum geboren, seit 1837 studierte er Jura in Kiel und wurde 1847 Advokat in seiner Geburtsstadt. Nachdem Holstein seine Selbständigkeit an Dänemark verloren hatte, gab er die Advokatur auf. Seit 1853 war er drei Jahre lang Assessor am Kreisgericht Potsdam. Von dort pflegte er Verbindung mit literarischen Kreisen in Berlin. 1856 wurde er Kreisrichter in Heiligenstadt (Eichsfeld). 1864 kehrte er nach Husum zurück. 1865 starb seine Frau Constanze nach der Geburt des siebten Kindes. 1866 heiratete er seine Jugendfreundin Dorothea Jensen 1880 übersiedelte er nach Hademarschen. Dort starb er 1888.31

Wichtige Werke: Immensee (1851), Vila Tricolor (1874), Pole Poppenspäler (1875),Aquis submersus (1876/ 1877), Carsten Curator (1877/1978), Renate (1878), Eekenhof (1880), Hans und Heinz Kirch (1882/1883), Der Schimmelreiter (1888).

Seine norddeutsche Heimat liebte er intensiv: das Meer, den Marsch, die Geest. Oft durchzieht seine Novellen das Gefühl des Vergänglichen und Unwiderbringlichen. Ein Gedicht als Beispiel:

Über die Heide (1875)

Über die Heide hallet mein Schritt;

Dumpf aus der Erde wandert es mit.

Herbst ist gekommen, Frühling ist weit –

Gab es denn einmal selige Zeit?

Brauende Nebel geistern umher;

Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer

Wär‘ ich nur hier nicht gegangen im Mai!

Leben und Liebe – wie flog es vorbei!

Humor kannte Storm auch gelegentlich. Zum Beispiel in der Novelle “Die Söhne des Senators” (1880/1881). Es geht um den Erbstreit zweier Senatorensöhne um den väterlichen Garten. Die Handlung spielt wieder einmal in einer kleinen Hafenstadt in Norddeutschland. Der Jüngere Bruder Friedrich Jovers lässt eine Mauer im Streit mit seinem Bruder Christian Albrecht errichten. Sie wird zwischen den Stadthäusern hochgezogen. “Und schon am anderen Tage, während der Herr Onkel Bürgermeister und der Herr Vetter Kirchenpropst noch einmal ihr vergebliches Versöhnungswerk betrieben, wurde zwischen den Höfen der beiden Brüder rüstig fortgemauert, und der struppige Assyrer sang dabei alle Lieder, die er aus seinen Kreuz- und Querzügen aus der Fremde heimgebracht hatte. Im Hause des Senators wurden die Schreibstuben mit jeder neuen Steinlage immer mehr verdunkelt…”32 Friedrich Jovers schlägt letztlich seinem Bruder eine Versöhnung vor: “ … hiemit, so du gleichen Sinnes bist, ist unser Prozeß am Ende; du hast das Urteil unseres Magistrats für dich; meinen Einspruch habe ich zurückgezogen. Tu du nun ein übriges und bestimme als der Älteste, wie es sich mit dem Garten verhalten soll!”33 Eine Versöhnung kommt zustande – der Garten heißt in Zukunft schlicht “Jovers Garten”. Den Stoff hatte Storm von seinen Vorfahren übernommen. Die Söhne von Storms Ururgroßvater, der Bürgermeister in Husum war und Simon Woldsen (1696 bis 1765) hieß, waren wegen eines nachgelassenen Gartens in Streit geraten. Der Streit dauerte bis in an das Lebensende der beiden.34

Storm lebte bei Abfassung der Novelle schon in Hademarschen. Dort starb er am 4. Juli 1888.

Theodor Storm und die Politik

Bei seiner Geburt war Theodor Storm 1817 Däne. Die Herzogtüner Schleswig und Holstein gehörten seit 1773 zu Dänemark. Seine politische Haltung war antidänisch. 1848 arbeitete er für die dänenfeindliche Schleswig-Holsteinische Zeitung. Die dänische Regierung registrierte das mit Unwillen, eine Bestätigung als Rechtsanwalt durch den dänischen König kam 1852 nicht zustande. Er ging danach nach Potsdam in Preußen.35 In seiner neuen Stellung beim Kreisgericht in Potsdam lebte er in bescheidenen Verhältnissen. Den Preußen wie der Aristokratie war er abhold -er mochte sie nicht. 1856 wurde er Kreisrichter in Heilgenstadt – auch hier war er materiell nicht auf Rosen gebettet. 1864 nach dem preußisch-dänischen Krieg wurde Theodor Storm Landvogt in Husum. Im April 1864 besiegte Preußen das dänische Heer bei den Düppeler Schanzen. 1867 wurde das Amt des Landvogts abgeschafft, Storm wurde ein Jahr später preußischer Amtsrichter in Husum. 1874 wurde er zum Oberamtsrichter befördert, 1879 zum Amtsgerichtsrat. Jeder Preuße komme nach Husum mit der Mine eines kleinen persönlichen Eroberers und als müsste er höhere politische Einsicht bringen. Mit dieser Einschätzung dokumentierte er seine antipreußische Einstellung. Politisch wandelt er sich vom Radikaldemokraten zum Nationalliberalen. Der schleswig-holsteinische Befreiungskampf war verbunden mit einem deutschen Sendungsbewußtsein.

1Theodor Storm, Carsten Curator, in: Theodor Storm, Der Schimmelreiter, Klagenfurt o.J., S. 66

2Ebd., S. 67

3Ebd.

4Ebd. S. 62

5Ebd., S. 63

6Ebd.

8Aquis submersus, in: Manfred Kluge/ Rudolf Radler (Hrsg.) Hauptwerke der deutschen Literatur, München 1974, S. 406

10Theodor Storm, Aquis submersus, a.a.O., S. 105

11Hartmut Vincon, Storm, Reinbek bei Hamburg 1980 (6.Auflage), S. 134

13Vgl. Hans-Jürgen Geerdts (Hrsg.), Deutsche Literaturgeschichte in einem Band, Berlin 1971, S. 418

14Theodor Storm, Sämtliche Werke, Band 7, Berlin. O.J., S. 121 f.

15Ebd., S. 122

16Vgl. Hartmut Vincon, Storm, Reinbek bei Hamburg 1980 (6.Auflage), S. 146

17Theoder Storm, Band 7, a.a.O., S. 144

18Ebd., S. 147

19Ebd., S. 151 f.

20Ebd., S. 172

21Ebd., S. 179

22Ebd., S. 184

23Theodor Storm, Sämtliche Werke, Band 10, Berlin o.J., S.11 ff

24Ebd.

25Ebd., S. 12

26Theodor Storm, Der Schimmelreiter, Klagenfurt o.J., S. 256

27Hans-Jürgen Geerdts (Hrsg.), Deutsche Literaturgeschichte in einem Band, Berlin 1971, S. 418

28Vgl.Manfred Kluge, Der Schimmelreiter, in: Manfred Kluge und Rudolf Radler (Hrsg.), Hauptwerke der deutschen Literatur, München 1974, S. 408 f.

29Geerdts, a.a.O., S. 419

30Vgl. Thedor Storms Verhältnis zum Christentum http://pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=3411

31Vgl. Herbert und Elisabeth Frenzel, Daten Deutscher Dichtung – Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte, Bd. II – Vom Biedermeier bis zur Gegenwart, München 1966 (3. Auflage), S. 69

Willy Grabert, Arno Mulot, Helmut Nürnberger, Geschichte der deutschen Literatur, München 1990 (23. Auflage), S. 218

32Theodor Storm, Die Söhne des Senators, in: Theodor Storm, Band 7, a.a.O., S. 44

33Ebd. S. 53

Veröffentlicht 18. Juni 2010 von schauerchristian in Theodor Storm

Notre-Dame und ihr Glöckner

Notre-Dame

 

Notre-Dame

Vor nicht allzu langer Zeit,am 15./16. April 1919, wurde das Wahrzeichen von Paris, die Kathedrale Notre-Dame, durch einen Brand schwer beschädigt. Der Brand konnte im Wesentlichen auf den hölzernen Dachstuhl begrenzt werden. Die Westfassade mit den Haupttürmen blieb erhalten. Ebenso die Wände des Mittelschiffs, große Teile des Deckengewölbes sowie die Seitenschiffe und Chorumgänge. Die künstlerisch wertvolle Ausstattung der Kirche wurde durch Löschwasser,Hitze und Rauch entweder verschmutzt oder beschädigt.

Das bekannteste literarische Werk, das in und um die Kathedrale herum spielt, ist der Roman „Der Glöckner von Notre Dame“ von Victor Hugo. Der Roman spielt in der Zeit Ludwigs XI. (1461 bis 1483). Dieser gilt als der „erste absolute Monarch Frankreichs“. Zunächst wird der 6. Januar 1482 beschrieben. An diesem Tag feierten die Pariser den Feiertag „Heilige Drei Könige“ und das Narrenfest. Auf dem Grève-Platz brandte an diesem Tag ein Freudenfeuer.

Hugo beschreibt die Kirche von ihrer Stilrichtung her: „Man kann Notre-Dame nicht als ein abgeschlossenes, vollendetes Denkmal der Gothik bezeichneen, denn dieser Dom ist keine romanische Kirche mehr und ist noch keine gotische. Er ist kein Typus und gehört weder der alten Familie düstrer, geheimnisvoller Kirchen an, auf denen die niedrigen , runden Gewölbe schwer zu lasten scheinen, noch jener anderen Familie hoher, luftiger, buntfenstriger Kirchen, die mit ihrer reichen Ornametik und ihren spitzen Formen kühn himmelan streben. Mit den einen hat sich die rein romanische, mit den anderen nicht die reine gotische Rasse gemein.

Notre-Dame ist ein Bauwerk der Übergangszeit. …“1

Begonnen wurde der Bau 1163 unter Bischof Maurice de Sully. Es war die Zeit Ludwigs VII.. Der Chor wurde 1182 geweiht. Von 1225 bis 1250 wurden die Turmgeschosse errichtet. 1250 konnte man die Kirche benutzen. Im 13. und 14.Jahrhundert setzte sich endgültig die Gothik durch. Jean Ravy war Baumeister von 1318 bis 1344.

1789 begann die französische Revolution, die Inneneinrichtung der Kathedrale wurde 1793 von den Revolutionären zerstört. Die Kirche wurde zum Tempel des höchsten Wesens, der Vernunft, erklärt.

1804 fand die Krönung Kaiser Napoleons in Notre-Dame statt. In einer historischen Quelle heißt es dazu: „Am 2. Dezember 1804 fand die Salbung in der Notre-Dame-Kirche statt. Papst Piius VII. war ausdrücklich von Rom gekommen, um dem neuen Kaiser die Krone aufs Haupt zu setzen. Napoleon fuhr in einem mit acht Pferden bespannten Wagen , begleitet son seiner Garde, in die Kirche. An seiner Seite saß Josephine. Der Papst, die Kardinäle, die Erzbischöfe, die Bischöfe und Würdenträger des Staates erwarteten ihn in der Kathedrale, auf deren Stufen er ein paar Augenblicke stehen blieb, um eine Ansprache anzuhören und zu beantworten. Darauf trat er in die Kirche und stieg zu einem für ihn hergerichteten Thron empor, die Krone auf dem Haupte, das Szepter in der Hand.“2 Berichtet wird hier nicht, dass sich Napoleon selbst krönte.

Im Mittelpunkt des Romans „Der Glöckner von Notre-Dame“, den Victor Hugo (1802 bis 1885) 1831 veröffentlicht hat, steht das missgestaltete Findelkind Quasimodo. Es wurde vom Archidiakon, Jean Claude Frollo, im Alter von etwa vier Jahren auf den Treppen von Notre-Dame gefunden, aufgezogen und zum Glöckner der Kathedrale ausgebildet. Quasimodo hat einen Buckel, auf einem seiner Augen ist eine Warze. Durch den jahrelangen Glockenlärm ist er taub. Quasimodo liebt die Glocken von Notre-Dame, ebenso wie die Einwohner der Stadt das Glockengeläut.

Eine wichtige Figur des Romans ist der Philosoph und Dichter Pierre Gringoire. Er ist eine Art Antiheld . Sein Auftreten bringt Witz und Ironie in die Handlung. Der Priester Claude Frollo machte ihn zu einem gebildeten Lehrling. Er kann Latein und Griechisch. Esmeralda heiratet ihn aus Mitleid, um ihn vor den Bettlern zu schützen.

Weibliche Hauptperson ist Esmeralda, ein uneheliches Kind einer französishen Dirne, das eigentlich Agnès heißt. Zigeuner, die in die Stadt kamen, stahlen das Mädchen und tauschten es gegen den hässlichen Quasimodo aus. Esmeralda lebt bei den Zigeunern, nimmt ihre Gebräuche und Gewohnheiten an. Ihre Mutter ist davon überzeugt, dass sie getötet wurde. Einen Schuh ihrer Tochter behält sie und verehrt ihn wie eine Reliquie. Den anderen Schuh trägt Esmeralda in einem Perlensäckchen um den Hals. Kurz vor der Hinrichtung Esmeraldas finden sich Mutter und Tochter wieder.

Claude Frollo hat als Archidiakon einen zwiespältigen Charakter. Seinem jüngeren Bruder Jean ist er sehr zugewandt, was dieser ihm nicht dankt, sondern sein Geld verspielt und sein Studium nicht ernsthaft betreibt. Sowohl Jean ans auch Quasimodo kann er nicht nach seinen Vorstellungen beeinflussen – hierdurch wird sein Abgleiten in die schwarze Magie mit bewirkt. Leidenschaftlich entbrennt er für Esmeralda, was ihn in Widerspruch zu seinem kirchlichen Gelübde bringt.

Gringoire ist Zeuge, wie sich Quasimodo daszu hinreißen lässt, Esmeralda entführen zu wollen. Er wird von dem Hauptmann der königlichen Leibgarde „Phoebus“ gestellt. Quasimodo wird zur Schandpfahl-Züchtigung verurteilt. Esmeralda gibt ihm Wasser, um ihn vom Tode zu retten.

Phoebus wird von Claude Frollo niedergestochen, der nicht hinnehmen will, daß sich Esmeralda in Phoebus verliebt hat. Phoebus überlebt, Claude Frollo verschwindet unbemerkt, die Zigeunerin wird des versuchten Mordes angeklagt. Auch der Hexerei wird sie verdächtigt. Unter der Inquisition gesteht sie und wird danach mit ihrer Ziege Djali zum Tode am Strang verurteilt. Claude Frollo will sie zur Flucht überreden, Esmeralda verzeiht ihm aber die versuchte Ermordung des Phoebus nicht. Sie will Claude Frollo nicht, sondern eher dem Tode entgegentreten. Quasimodo rettet sie am Tage der Hinrichtung. Vorübergehend bekommt sie Asyl in Notre-Dame. Sie ist hier geschützt von Claude Frollo. Quasimodo gewinnt ihre Zuneigung. Don Frollo ermuntert Gringoire mit seinen Zigeunern zu einer Befreiungsaktion. Quasimodo stellt sich den Eindringlingen aber in den Weg, weil er die Zigeunerin schützen will. Ihre Hinrichtung kann er nicht verhindern. Quasimodo rächt sich fürchterlich an Claude Frollo.

„Plötzlich stieß der Mann die Leiter heftig mit der Verse zurück, und Quasimodo, der schon seit ein paar Augenblicken nicht mehr atmete, sah zwei Klafter über dem Pflaster das unglückliche Kind am Stricke baumeln und den Mann auf ihren Schultern hocken. Der Strick drehte sich mehrmals um sich selbst, und Quasimodo konnte die furchtbaren Zuckungen sehen, die den Leib der Zigeunerin durchliefen. Der Priester aber kniete mit gestrecktem Hals, die Augen quollen ihm aus dem Kopfe, und so betrachtete er die fürchterliche Gruppe des Mannes und des jungen Mädchens, der Spinne und der Fliege.

Im schrecklichsten Augenblick brach der Priester in ein höllisches Gelächter aus, das nicht mehr menschlich war und sein Bleifarbenes Antlitz verzerrte. Quasimodo hörte es nicht, aber er sah es. Er prallte einen Schritt zurück; dann stürzte er sich pötzlich wütend auf den Erzdechanten, stieß ihn mit seinen beiden großen Händen gegen den Rücken und in den Abgrund hinunter, über den Dom Claude sich beugte.

Der Priester schrie:’Verflucht!‘ und fiel.

Der Wasserspeier unter ihm hielt ihn im Fallen auf. Er klammerte sich mit verzweifeltem Griff daran fest, und im Augenblick, als er den Mund zu einem zweiten Schrei öffnete, sah er über den Rand der Rampe, gerade über seinem Kopfe, das furchtbare Rächerantlitz des Quasimodo erscheinen. Da schwieg er.

Ihm zu Füßen gähnte der Abgrund, eine Tiefe von mehr als zweihundert Fuß, und unten das Pflaster. Kein Wort, keine Klage kam über die Lippen des Mannes, der in dieser fürchterlichen Lage schwebte. Er wand sich nur mit unerhörter Anstrengung an dem Wasserspeier und versuchte sich daran hochzuziehen. Aber seine Hände fanden keinen Halt am Granit, seine Füße rieften die geschwärzte Mauer, fanden aber keine Stütze daran. Wer einmal oben auf den Türmen von Notre-Dame gewesen ist, der weiß, daß sich gerade unter der Rampe eine Steinanschwellung befindet. An dem zurücktretenden Winkel dieser Anschwellung erschöpfte sich der unglückselige Priester. Er hatte es nicht mit einer senkrecht aufsteigenden Mauer zu tun, sondern mit einer Mauer, die vor ihm floh.

Quasimodo hätte ihm nur die Hand zu reichen brauchen, um ihn aus dem Abgrund zu ziehen, aber er sah ihn nicht einmal an. Er sah nach den Grève-Platz hinüber. Er sah den Galgen an. Er sah die Zigeunerin an. An der Stelle, wo noch einen Augenblick zuvor der Erzdechant kniete, stützte sich jetzt der taube Glöckner auf die Rampe, ließ den Blick nicht ab von den einzigen Ding, das es zur Stunde für ihn auf Erden gab, lehnte stumm und unbeweglich wie ein vom Blitz Getroffener, und ein langer Tränenbach floß still aus dem Auge, das nur einmal eine einizige Träne vergossen hatte.

Der Erzdechant aber keuchte. Seine kahle Stirn rieselte von Schweiß, seine Nägel bluteten am Stein, seine Kniee rieben sich an der Mauer wund. Er hörte, wie seine Soutane, die sich am Wasserspeier gefangen hatte, bei jeder Bewegung krachte und schlitzte. Um das Unglück voll zu machen, lief der Wasserspeier in ein bleiernes Rohr aus, das sich unter der Last seine Körpers bog. Der Erzdechant fühlte, wie es langsam nachgab. Der Unglückselige sagte sich, daß der Sturz in die Tiefe ihm gewiß sei, sobald seine Hände erlahmten, seine Soutane zerriß und das bleierene Rohr sich vollends nach unten bog. Da packte ihn das Entsetzen bis in die Eingeweide. Manchmal sah er verstört auf einen schmalen Vorsprung nieder, der etwa zehn Fuß tiefer, durch Zufälligkeiten beim Bauen entstanden, aus der Mauer vorragte. Er flehte in der Tiefe seiner verzweifelten Seele den Himmel an, er möge ihm sein Leben auf diesem Raum von zwei Quadratfuß beschließen lassen, und sollte es noch hundert Jahre währen.Einnmal sah er auf den Platz, in den Abgrund hinunter; als er den Kopf wieder hob, waren seine Augen geschlossen, und seine Haare standen zu Berge.

Das Schweigen der beiden Männer hatte etwas Entsetzliches. Während der Erzdechant wenige Fuß von ihm entfernt einen so furchtbareb Todeskampf kämpfte, sah Quasimodo weinend nach den Grève-Platz hinüber.

Als der Erzdechant sah, daß seine heftigen Bewegungen nur dazu dienten, den schwachen Halt, der ihm noch blieb, zu erschüttern, da versank er in Ratlosigkeit. Er klammerte sich an den Wasserspeier, er atmete kaum, er rührte sich nicht; er hielt nur den Leib krampfhaft zusammengezogen, wie man es im Traume tut, wenn man zu fallen glaubt. Seine starren Augen waren fieberhaft aufgerissen und hatten einen Blick des Staunens. Nach und nach verlor er den Halt; seine Finger fingen an, von dem Wasserspeier abzugleiten; er fühlte seine Arme schwächer und seinen Körper schwerer werden; das bleierne Rohr, das ihn hielt, bog sich mehr und mehr dem Abgrund zu. Er sah die gefühllosen Steinfiguren des Turmes eine nach der anderen an; auch sie hingen über dem Abgrund; aber sie fühlten keine Angst für sich und kein Mitleid für ihn.Alles um ihn herum war Stein: die gähnenden Ungeheuer vor seinen Augen, der Platz, das Pflaster tief unter ihm, der weinende Quasimodo über ihm.

Auf dem Domhof standen ein paar Gruppen wackerer Neugieriger und zerbrachen sich gelassen den Kopf, wer wohl der Narr sein könnte, der sich auf so seltsame Art belustige. Der Priester hörte sie sagen – denn klar und dünn schlugen ihre Stimmen an sein Ohr-:’Der wird sich noch den Hals brechen!‘

Quasimodo weinte.

Endlich begriff der Erzdechant, der vor Wut und Entsetzen schäumte, daß alles vergeblich sei. Er raffte aber noch einmal zusammen, was ihm an Kräften blieb, um eine letzte Anstrengung zu machen. Er straffte sich an dem Wasserspeier, stieß sich mit den Knien von der Wand ab, krallte sich mit den Händen in einer Steinritze fest, und so gelang es ihm, etwa einen Fuß in die Höhe zu klettern. Aber die Erschütterung bog jäh das bleierne Rohr ab, auf das er sich stützte. Seine Soutane zerriß. Wie er jeden Halt weichen fühlte und sich nur noch mit den steifen versagenden Händen an irgend etwas festklammerte, da schloß der Unglückselige die Augen und ließ den Wasserspeier los. Er fiel.

Quasimodo sah ihn fallen.

Ein Fall aus solcher Höhe pflegt selten vor sich zu gehen, ohne daß der Körper sich dreht. Der in den Abgrund stürzende Priester hatte zuerst den Kopf nach unten und die Arme ausgebreitet. Dann überschlug er sich mehrmals. Der Wind stieß ihn auf das Dach eines Hauses. Er war halbzerschmettert, aber er lebte noch. Quasimodo sah, wie er noch versuchte, sich an den Giebel festzukrallen. Aber die Fläche war zu abschüssig, und er hatte keine Kraft mehr. Er glitt rasch das Dach hinunter, wie ein Ziegel, der sich loslöst, und schlug auf das Pflaster. Da rührte er sich nicht mehr.

Quasimodo sah wieder auf und zu der fernen Zigeunerin hinüber; er sah, wie ihr am Galgen hängender Körper unter dem weißen Gewande sich in seinen letzten Zuckungen wand. Da blickte er wieder auf den Erzdechanten hinunter, der als formlose Masse am Fuß des Turmes lag, schluchzte tief auf und sagte:’Ach, das ist alles, was ich geliebt habe!’“3

Zwei Jahre später deutet sich ein posthumes Zueinanderfinden an. In der Gruft von Montfaucon werden zwei ineinander verschlungene Skelette gefunden- es sind Esmeralda und Quasimodo. „Der Montfaucon war, wie Sauval sagt, ‚der älteste und prächtigste Galgen im Königreich‘. Etwa hundert sechzig Klafter von den Stadtmauern entfernt, zwischen der Vorstadt des Temple und der Vorstadt Saint-Martin, stand auf dem Gipfel eines sanften, fast unmerklich ansteigenden Hügels, der aber hoch genug war, um auf einige Meilen in der Runde gesehen zu werden, ein Bauwerk von seltsamer Form, das einem keltischen Kromlech nicht unähnlich war, auch insofern nicht, als dort ebenfalls Menschenopfer gebracht wurden.“4 Erläuterung: Ein Klafter entspricht 6 Fuß also etwa 1,80 m. – Kromlech: Megalithbauwerk.

Der Schluß entspricht einem Satz Hugos zu Notre-Dame, der auch auf dieses Werk zutrifft:“ Der einzelne Mensch und der Künstler verschwinden vor diesen Riesenwerken, die keines Schöpfers Namen tragen; der menschliche Geist in seiner Gesamtheit prägt sich in ihnen aus. Die Zeit ist der Baumeister, das Volk ist der Maurer.“5

Im französischen Originaltitel ist der Glöckner nicht im Titel erwähnt. Er heißt „Notre-Dame de Paris“.

Die Bleiverschmutzung ist nach dem Brand von Notre-Dame im April 2019 rund um die Kirche deutlich gestiegen. In der Dachkonstruktion und der Turmabteilung wurde viel Blei verarbeitet. Der Bau einer Schutzglocke rund um die Kathedrale war in der Diskussion, wird aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht realisiert.

Literatur:

Victor Hugo, Der Glöckner vom Notre-Dame, Frankfurt am Main und Leipzig 1997

Peter Richard Rohden / Heinz-Otto Sieburg, Politische Geschichte Frankreichs, Mannheim 1959

Alexander Dumas, Napoleon Bonaparte, Berlin o.J.

https://www.haz.de/Nachrichten/Promis/Paris-kaempft-nach-Brand-von-Notre-Dame-gegen-Bleiverschmutzung

https://de.wikipedia.org/wiki/Brand_von_Notre-Dame_in_Paris_2019

https://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale_Notre-Dame_de_Paris

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Glöckner_von_Notre-Dame

1Victor Hugo, Der Glöckner vom Notre-Dame, Frankfurt am Main und Leipzig 1997, S. 134 f.

2Alexander Dumas, Napoleon Bonaparte, Berlin o.J., S. 90

3Victor Hugo, Der Glöckner vom Notre-Dame, Frankfurt am Main und Leipzig 1997, S. 546 ff.

4Ebd., S. 552 Würdigung der Verfilmungen siehe auch https://phantastikon.de/der-gloeckner-von-notre-dame/

5Ebd., S. 136

Claude Frollo stürzt ab

Veröffentlicht 11. August 2009 von schauerchristian in Gedichte, Notre-Dame und ihr Glöckner