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Exilliteratur im Kampf gegen Nationalsozialismus

Bruno Frank, Die Tochter, Frankfurt Main/ Berlin 1990

In dem Roman wird unter anderem der deutsche Überfall auf Polen vom 1. September 1939 literarisch verarbeitet. Der Roman erschien zunächst 1942 in den USA, 1943 in deutscher Sprache. Er wird als bedeutender Roman der Exilliteratur eingeschätzt.

„Das Monstrum aus Stahl und Beton brach über die flache Grenze. Es zertrat das dünne Verteidigungsnetz, Stacheldrähte und Blockposten, so wie einfünftausend-pfündiges Flußpferd Schilf und Rohr am Ufer zerknickt. Und dahinter war nichts mehr. Die ‘Obersten’ hatten es kläglich verschmäht, das offenliegende Land in größerer Tiefe zu sichern: Vielleicht hätte ihr Paktfreund das übel vermerkt. Nun rollte sein Angriffsheer über die staubigen Straßen dieses verhängnisvoll trockenen Herbstes mit der Präzision eines Uhrwerks. Die ‘Obersten’ hatten vielleicht auch nicht deutlich gewußt, welch neuartiges Kriegsinstrument er sich unterm segnenden Auge westlicher Staatsweisheit da zusammengeschmiedet und -genietet hatte.  Mit Infanterie gab er sich längst nicht mehr ab. Das marschierte kein Mann mehr zu Fuß. Da gab es kein Pferd. Es gab nur die Maschine. Motorisierte Sturmregimenter, den schweren und den leichten Tank, schwere Panzerwagen und leichte, das motorisierte Feldgeschütz und die motorisierte Haubitze. Und zu Häupten der wanderenden Festung den Schwarm von Bombern und fliegenden Fechtern, der die Bläue verfinsterte. Polen war denn also das Opfer. Aber Polen stand nicht allein. Die Regierenden in England und Frankreich, gezwungen vom Volksgefühl, hatten den Buchstaben ihrer Verträge erfüllt und befanden sich gleichfalls im Krieg. Nun wartete alle Welt auf die Hilfsaktion dieser Starken. Nichts kam. Nichts konnte wahrscheinlich kommen. Denn die Staatsdenker in London und in Paris hatten kaum besser vorgesorgt als die ‘Obersten’. Die Welt war verblüfft.“ Das ist keine schmeichelhafte Analyse für die polnische Staatsführung.

„Sie war auch verblüfft über Polen“, fährt Frank fort. „Ein paar Monate wenigstens hätte es standhalten müssen! Aber nach zwölf Tagen bereits machten die amerikanischen Korrespondenten es klar, daß von seinem zerschmetterten Korps nur abgesprengte Reste noch kämpften, bloße Dessertbissen für das schon verdauende Raubtier. Wie war so etwas möglich! War denn nicht der polnische Staat als todesmutig berühmt? Das war er, mit Recht. Nur daß er – und die Korrespondenten machten es klar – eine altmodische Flinte in Händen hielt und daß bloß ein paar elende Kanonen da waren, um ihn zu decken.“ Später heißt es über das Vorgehen der Nationalsozialisten in Polen: „ Als sie kamen, kamen sie als Befreier, so wie ihre Flugzettel es verkündigt hatten. Und sie vermochten sich ihrem Befreiungswerk um so ungeteilter zu widmen, als ja die Streitmacht des Staates zusammengebrochen dahinten lag und hier im Süden (der Roman spielt in Galizien) kein organisierter Widerstand mehr zu befürchten war. Da trotz aller Ermunterung die Ukrainer es gänzlich versäumt hatten, die verrotteten polnischen Unterdrücker zu erschlagen, fiel diese Aufgabe naturgemäß ihnen selber zu. Sie vollzogen sie an Hand sorgfältig geführter Listen; ihre Emissäre im Stehkragen hatten da gewissenhafte Arbeit geleistet.“ Das ähnelt sehr dem Vorgehen des Nationalsozialismus in Warschau.“ Verhaftungen von Tausenden und aber Tausenden nach Namenslisten oder wegen ihrer vermuteten Zugehörigkeit zur Widerstandsbewegung, oder auch nur wegen des Verdachts der Zusammenarbeit mit solchen Organisationen. Schon die vermutlich negative Einstellung zu den Besatzern war ein ausreichender Verhaftungsgrund.2

Wie wirkt sich das Weltgeschehen auf die Protagonisten des Romans aus? Die Schutzstaffel dringt nach dem deutschen Sieg in das Städtchen am Dnjestr vor. Recha, die Mutter Elisabeths, und Heinrich werden vor der kleinen Villa bei einem deutschen Luftangriff auf die benachbarte Zuckerfabrik mit einer Maschinengewehr- Salve erschossen. Auch Notar Krasna muss sterben, nachdem er zwei Stunden nackt das Rathaus im Laufschritt umkreisen musste. Der Pfarrer Korzon wird vor dem Altar seiner Salvator-Kirche erschossen. Pjotr will Elisabeth vor dem NS-Hauptsturmführer Schaller schützen und erschlägt ihn. Dafür muss Pjotr mit dem Leben bezahlen. Diese Szene wird ausführlich geschildert. Der erschlagene Schaller ist der einzige Sohn jenes Rittmeister Ferdinand Schaller, der Pattay auf dem Gewissen hat. Der Rittmeister war nach der Bluttat zu den Russen übergelaufen. Der erschlagene Schaller – das ist das Ende des Romans, er beginnt jedoch mit Pattay und Recha. Im Jahre 1913 hat die Wiener Adlige Sofie Weikersthal die Nase voll von den vielen Affären ihres Neffen, des Grafen Franz von Pattay. Der eingeschaltete Kaiser beschließt, dass der Oberleutnant zur Strafe in ein Regiment nach Galizien versetzt wird. Die kleine Garnisonsstadt liegt an der östlichen Grenze Österreichs am Dnjestr. Als Bursche wird dem Offizier dort Pjotr Gargas zugeteilt, der am Ende des Romans eine tragende Rolle spielt. Er ist ein breitschultriger Bauer aus der Ukraine. Die Hälfte der Bewohner der Stadt sind Juden. Bereits im Mittelalter wurden ihre Vorfahren nach der Pest zu Sündenböcken erklärt. „Millionen in Deutschland erlagen der Seuche, deren Ursprung geheimnisvoll war. Und die Fremdlinge trugen die Schuld. Die einst den Heiland ans Kreuz genagelt, sie hatten auch die Brunnen vergiftet, all das gute, klare, gesunde Wasser im deutschen Land, aus dem nun das Volk sich den Tod trank.“3  Vertrieben wurden sie aus dem Rheinland.

Zum Zeitvertreib vergnügen sich die Ulanenoffiziere in dem drei Stunden entfernten Lemberg. Im Varieté singt dort die berühmte Recha Doktor. Pattay hält sich dem närrischen Treiben zunächst fern. Er fährt allerdings aus Protest doch noch mit den Offizieren nach Lemberg, als Rittmeister Ferdinand Schaller, der offensichtlich antisemitisch eingestellt ist, die junge talentierte Sängerin eine „dreckige Judengeiß“ nennt. Über die judenfeindliche Haltung der dort hin kommandierten Soldaten heißt es: „Für diese Söhne von Wiener Bankiers und Brünner Fabrikanten war der Tonfall des Jiddisch, der Anblick der Figuren im Kaftan ein täglich erneuerter Stich.Denn ihr Ehrgeiz war es, in Manier und Rede ganz der Herrenklasse zu gleichen, ja vielleicht in gnädigen Ausnahmefällen zu ihr aufzurücken. Und furchtbar war ihnen die Vorstellung, einer der Offiziere könnte in Gedanken die Brücke schlagen zwischen ihnen und dieses Händlern. Eisig und zitternd blickten sie über die blassen Verwandten hinweg, die mit ausfahrenden Gesten vom Mittelmeer das Deutsch Herrn Walthers von der Vogelweide sprachen.“4

Pattay wiederholt die Fahrt ins entfernte Varieté so lange, bis Recha seine Liebe erhört. Recha ist Nachfahrin des Großrabbiners Schalom Schachna. Sie war in Wieniawa, einem Vorort Lublins, als vierzehnjährige Halbwaise von Kosaken beinahe vergewaltigt worden. Möglicherweise wird hier an eine von Chmielnicki angeführten Bauern- und Kosakenaufstand gegen die Adelsrepublik Polen-Litauen angespielt. Ihm vielen 1648 über 100.000 Juden zum Opfer, stellvertretend für die Adelsschicht. Die Soldaten hatten im letzten Augenblick von ihr abgelassen. Der Vater und ein Bruder Rechas wurden gehenkt. Rechas Tante Chana hatte das Häuschen, diesen unschönen Schauplatz, verkauft und war mit der Nichte zu Verwandten nach Berlin geflohen. Die Operetten-Karriere der Recha Doktor hatte hier ihren Ausgangspunkt. Der habsburgische Offizier Pattay beendet Rechas Bühnenlaufbahn. Er will die Jüdin zur seiner Frau machen. Zwar ist er pleite, doch er borgt sich beim Fabrikanten Daniel Zweifuß im Städtchen 20 000 Kronen zum Kauf der kleinen Villa am Dnjestr nahe der Zuckerfabrik. Zusammen mit Tante Chana bewohnt das junge Paar das neue Wohnhaus. Die Beziehung ist bald vor Ort bekannt.

Am 28. Juni 1914 kommt es zur tätlichen Auseinandersetzung zwischen Pattay und dem Antisemiten Rittmeister Schaller. „Das breite Gefäß aus weißlackiertem Blech, das Pattey in der Hand trug, es stammte aus einem von Herrn Löws Fremdenzimmern. Pattay schwang es hoch durch die Luft und hieb es krachend nieder auf den Tisch, gerade vor Schaller. Flachen und Gläser stürzten und ergossen ihren Inhalt. ‘So, Herr Rittmeister, da hast du ein Glas, aus dem hat bestimmt noch kein Jude getrunken.’ Schallers Stuhl fiel hinter ihm um, Es sah aus, als wollte er sich mit den Fäusten auf Pattay stürzen. Dann besann er sich und suchte nach seinem Säbel. Aber der lehnte mit anderen zusammen in der Taxushecke. Ehe der Rittmeister dorthin gelangte, hatten die Offiziere Zeit, sich dazwischenzuwerfen. Um Gottes willen, meine Herren, die Leute!’“5 Die Kampfhähne werden getrennt. Der kommandierende Oberst beurlaubt Pattay. Der Oberleutnant verbringt mit der Geliebten Recha einen schönen Sommer in den Karpaten. „Das Haus war neu, eben erst fertig geworden; in dem Lärchenholz, aus dem es erbaut war, knackte und krachte es, als atmeten die Bretter noch lebendig im Wald, der rechts hinunter den Abhang bedeckte. Ein Bergwasser blitzte und rauschte dort durch die hohen, licht stehenden Stämme. Nach links hin zogen sich Wiesen und gezirkelte Äcker sanfter bis dicht vor die ersten Häuser des Orts. Es war jener selbe ländliche Kurort am Karpatenabhang, wo Recha mit Chana alljährlich zwei Sommermonate zugebracht hatte.“6 Als die Russen mobilmachen, gelingt Pattay in Paradeuniform angesichts des Befehls zum Einrücken die überstürzte Kriegstrauung vor einem Bürgermeister. Vom Notar Krasna lässt der frischgebackene Ehemann ein Testament aufsetzen, in dem die Ehefrau als Alleinerbin eingesetzt wird. Am 5. August 1914 beziehen die Ulanen Stellung gegen die Russen. Am 24. August fällt Pattay auf einem Erkundungsritt. Er war allein geritten und mit Schüssen im Rücken aufgefunden worden. Rittmeister Schaller habe sich nahe beim gefallenen Grafen aufgehalten und sei seitdem vermisst, wie Chana herausgefunden hatte.7

Der Vater ist gefallen und wird sein Kind nicht mehr kennenlernen können. Nach dem Krieg kommt die kleine Stadt, in der der Roman spielt, mit anderen Teilen Galiziens zu Polen, das 1918/1919 seine Unabhängigkeit wieder gewinnt. Der oben schon erwähnte Marschall Pilsudski tritt als Großvater anonymisiert auf. Zur Unabhängigkeit äußert er folgendes: „Ihr wollt aber nicht solche Worte der Ermahnung von mir hören, sondern etwas, was eure Herzen erhebt. Ihr wollt von mir hören, was ihr schon wißt: daß ein heroischer Kampf endlich durch den Sieg gekrönt worden ist, daß unser langer Traum Wirklichkeit gewonnen hat. Ja, alles das ist wahr.“ Von zu viel Nationalismus hält er nichts: „Ich habe erwähnt, daß ich ein Litauer bin.Aber in diesem Augenblick hat etwas mich daran ermahnt, daß ein Teil meines Blutes noch viel weiter herstammt. In alter Zeit ist ein Vorfahr von mir übers Meer gekommen, aus Schottland, als ein Verfolgter, weil er seinem schottischen König die Treue gehalten hatte.An den Mann denke ich gern. So steht das mit mir. Und trotz alledem hat euer Bürgermeister mich so nennen können – wie er mich genannt hat.“8 Er fixiert dabei Elisabeth, die Tochter Rechas, deren Kleid schottisch gemustert ist.Heinrich Gelbfisch, jüdischer Warenhausbesitzer, kümmert sich wohl um die Witwe Recha als auch ihre Tochter. Pjotr kommt aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück, er wird die neue Bezugsperson Elisabeths.

Das Buch Hiob wird über den Leviathan eingeführt, der Pjotr die Hand abgebissen habe.9 Der Gegensatz von den Juden zu den Christen taucht wieder auf, wenn ein Erbe Elisabeths von 10.000 Kronen von der Konversion zum Christentum abhängig gemacht wird. Polnische Schülerinnen begegnen dem jüdischen Mädchen mit Aggressivität, es fällt das Wort „Judenkomteß“, ein Stein trifft Elisabeth und bricht ihr den vierten Finger der linken Hand. Danach wird sie nach Lausanne gebracht. Nach vier Jahren Aufenthalt in der Schweiz beordert Pjotr sie wegen des nahenden Todes von Chana nach Polen zurück. Ihre Tante fordert Elisabeth auf, Polen zu verlassen, weil sie weitere Pogrome befürchtet wie in Wienawa. „Hinter ihren geschlossenen Lidern sah sie die Hütte und das traurige Höfchen von Wienawa, sah sich selber eingesperrt in der Kammer, wie sie rasend am Riegel rüttelte, und draußen den Greuel: die zwei schwarzen Gestalten, die da von den Bäumen schwankten, und die Kosaken, die sich gleichmütig hermachten über das vierzehnjährige Kind.“10 Sie offenbart Elisabeth zudem, dass Schaller ihren Vater umgebracht hat. „Dieser antisemitische Schweinehund hat es getan.“11 „Dein Vater hat sterben müssen, weil er in uns Juden Menschen gesehen hat.“ Elisabeth erreicht mit ihrer Volljährigkeit 1936 eine Teilhaberschaft am Kaufhaus Gelbfisch. Sie eröffnet in dem Kaufhaus einen Buchladen und veranstaltet Dichterlesungen. Gegenüber Heinrich weist sie auf die antijüdische Stimmung im Land hin: „Liest der Mann nicht die Zeitung! Bloß die Überschriften braucht er zu lesen: ‘Unsern Bauern alle Verkaufsstände!’ ‘Polnische Märkte judenrein’ Und es hat schon geholfen. Die Bauern verstehen zwar nicht von diesem Geschäft, das weiß jeder. Aber die Juden sind weg, und das ist die Hauptsache. Die hatten alle nichts weiter als das bißchen Kleinkram auf ihrem Karren. Jetzt sitzen sie da. Und da gibt der Mensch 900 Zloty her – bei diesem Riesengewinn!“ … „Trotzdem – 900 Zloty! Vor vier Wochen war Passah, nicht wahr? In der Zeitung, die er nicht liest, stand deutlich, daß zwei Drittel der Juden am Ort um Hilfe einkommen mußten. Zwei Drittel hatten nicht Geld genug für ihr ungesäuertes Brot und ein anständiges Kleid für den Tempel. 900 Zloty – wahrhaftig.“12 Fassen wir die Ereignisse des Romans, dessen Ende schon bekannt ist, bis dahin noch zusammen. George Herkimer, Europakorrespondent aus Columbus/ Ohio lernt Elisabeth kennen. In Ausflügen mit Pjotr fahren sie mit Herkimers Auto bis nach Podolien. 1937 drängt Herkimer Elisabeth zum Verlassen Galiziens, wenig später folgt die deutsche Besetzung Österreichs. In Amsterdam begegnen sich Elisabeth und Herkimer wieder – bei einem Verleger namens Auerbach. Herkimer erfährt von den Gründen für Elisabeths verkrümmten Finger. Beide entfalten Zuneigung füreinander. Nach der Eroberung der „Resttschechei“ – wie die Nationalsozialisten den Vorgang bezeichneten – im März 1939 folgt der schon geschilderte Überfall auf Polen. Herkimer kehrt zu Elisabeth an den Dnejstr zurück. Er erreicht, dass sie mit ihm das Land verlässt. In Bukarest soll geheiratet werden.13

Kehren wir zu den gut gewählten Worten Franks zurück, mit  denen er die nationalsozialistischen Eroberung Polens beschreibt. „Denn mit  der Eroberungsmaschine zugleich zog ein anderes Heer ein, dessen Aufgabe nicht Landgewinn war, sondern Schrecken, Marterung, Erniedrigung  und Vertilgung. Alles was Schutzstaffel hieß, Schwarze Garde, Verfügungsgarde, Schutzpolizei und wofür es einen gemeinsamen Namen gab, den  sie selber sehr schätzten: die Mordkommandos. Kompakte Motorregimenter, schwarz oder grün uniformiert, Stahlpeitsche und  Maschinenrevolver im Gürtel und an der Mütze das stolz gezeigte Emblem: Totenkopf und Totengebein. Sie waren des Häuptlings rarstes Produkt, seine Auslese aus deutscher Jugend. Gutgenährte, muskelkräftige Burschen, in den heimischen Torturkellern und Tötungsbaracken an Sozialisten und Juden geschult. Sorgfältig, wissenschaftlich entmenscht – zu hochwichtigem Zweck. Denn auch Folter und Mord an unterworfenen Völkern war nur Vorbereitung für diese Elite. Dem Häuptling graute vor seinem eigenen Volk.  Es war ein schnellgläubiges, unmündig schwankendes Volk. Er hatte es erst in den Wahnwitz geschwatzt, dann in Knechtschaft geschreckt und gestreckt. Aber das Gespenst der deutschen Vergangenheit  schlurfte durch seine Nächte. Er wußte, was einmal kam. Ein Volk, dessen  freie Unsterbliche im Geistersaal an der oberen Tafel sitzen, wird nicht vollkommen eins mit einem giftigen Gauner. Einmal riß es die Augen auf  vor dem Abgrund verworfenen Elends, vor den es geführt war – und wollte zurück. Das war dann die Stunde. Für sie benötigte er nicht Regimenter, sondern Brigaden, Armeekorps seiner motorisierten Hyänen. Von ihnen ummauert, zog er jetzt ein, im Feiglingstriumph,  die Nüstern gebläht vom Brand- und Leichengestank. Dann kniete er auf  dem Wawel in Krakau am Grab des Marschall-Befreiers. Hier ruhen Polens Helden, Dichter und Könige, die Besten von denen, die für seine Freiheit gelebt und geblutet haben. Er wußte genau, was er tat. Es war erwogene Schändung. Er sah sich ja selbst: einen bluttropfenden schmierigen Strolch im Heiligtum der Nation. Polens Gegenwart zu zertreten war nicht genug. Seine finstere Posse am Grab sollte alle Geschichte, allen leidvollen Stolz austilgen aus polnischen Herzen.“ 14

Franks Worte zur Verführbarkeit der Deutschen in der nationalsozialistischen Zeit können in jeder Schule in der Deutschstunde vorgelesen werden. Auch für  Lesungen von „verbrannten  Dichtern“ eignet sich der Schriftsteller, der 1933 nach dem Reichstagsbrand nach Österreich emigrierte. Weitere Stationen seiner Emigration waren die Schweiz, Frankreich und England. Von 1939 bis 1945 lebte er in den Vereinigten Staaten. Befreundet war er vor allem mit Lion Feuchtwanger und Klaus Mann.

 

 

Fußnoten

1 Am 26. Januar 1934 unterzeichneten Reichsaußenminister Konstantin von Neurath und der polnische Botschafter Jozef Lipski (1894-1958) in Berlin einen auf zehn Jahre befristeten Vertrag. Beide Staaten verpflichteten sich, Probleme wirtschaftlicher, politischer und kultureller Art friedlich zu lösen, wobei letztgenannte sich hauptsächlich auf das Minderheitenproblem bezogen. Der Nichtangriffspakt enthielt keinen Verzicht auf Gebietsansprüche von deutscher Seite. Sonstige Zitate:Bruno Frank, Die Tochter, Frankfurt/Main Berlin 1990, S. 320 f. Und S. 329 f.

2 Wladyslaw Bartoszewski, Aus der Geschichte lernen? Aufsätze und Reden zur Kriegs und Nachkriegsgeschichte Polens, München 1986. S. 48

3 Bruno Frank, Die Tochter, Frankfurt/Main Berlin 1990.S. 16

4 Ebd., S. 19

5 Ebd., S. 64 f.

6 Ebd., S. 70

7 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tochter_(Bruno_Frank)

8 Bruno Frank, a.a.O., S. 106

Grundlage der Vorstellung des Leviathans sind alte Mythen aus Babylon und Kanaa und im Buch Hiob

10 Bruno Frank, a.a.O., S.210

11 Ebd., S. 212

12 Ebd., S. 242 f.

13 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tochter_(Bruno_Frank)

14 Bruno Frank, a.a.O., S. 323 f.

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Veröffentlicht 1. September 2011 von schauerchristian in Exilliteratur