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Calw und Hermann Hesse

Besuch in Calw im Juni 2015

Nachruf von Hermann Hesse auf seinen Bruder Hans, der sich das Leben genommen hat (Gesammelte Werke 10, S. 211)

„Die Lateinschule, welche auch mir viele Konflikte gebracht hatte, wurde für Hans mit der Zeit zur Tragödie, auf andere Weise und aus anderen Gründen als für mich, und wenn ich später als junger Schriftsteller in der Erzählung ‚Unterm Rad‘ nicht ohne Erbitterung mit jener Art von Schulen abrechnete, so war das leidensschwere Schülertum meines Bruders dazu beinah ebensosehr, Ursache wie mein eigenes. Hans war durchaus gutwillig, folgsam und zum Anerkennen von Autorität bereit, aber er war kein guter Lerner, mehrere Lehrfächer fielen ihm sehr schwer, und da er weder das naive Phlegma besaß, die Plagereien und Strafen an sich ablaufen zu lassen, noch die Gerissenheit des Sich-Durchwindens, wurde er zu einem jener Schüler, von denen die Lehrer, namentlich die schlechten Lehre, gar nicht loskommen können, welche sie nie in Ruhe lassen können, sondern immer wieder plagen, höhnen und strafen müssen. Es sind mehrere recht schlechte Lehrer dagewesen, und einer von ihnen, ein richtiger kleiner Teufel, hat ihn bis zur Verzweiflung gequält. Dieser Mann hatte unter anderen bösen Gewohnheiten die, daß er sich beim Abfragen dicht und drohend vor dem Schüler aufstellte, ihm mit schrecklichem Richtergesicht anbrüllte und dann, wenn der verängstigte Schüler natürlich versagte und ins Stottern geriet, seine Frage viele Male wiederholte, in einem rhytmischen Singsang, und dazu im Takt mit seinem eisernen Hausschlüssel auf des Schülers Kopf losschlug. Ich weiß aus späteren Erzählungen meines Bruders, daß dieser böse kleine Tyrann mit seinem Hausschlüssel zwei Jahre lang den kleinen Hans nicht nur Tag für Tag, sondern oft auch bis in die Angstträume der Nacht hinein gepeinigt hat. Oft kam er in einem hoffnungslosen Krampf von Kopfweh und Todesangst aus der Schule nach Hause.“

Das Geschehen spielt in der Stadt Calw am Rande des nördlichen Schwarzwalds am Fluß Nagold. Die Stadt wurde urkundlich erstmals 1256 nachgewiesen. Die Grafen von Calw wurden erstmals 1075 erwähnt. Die einflussreiche Adelsfamilie des Hochmittelalters belebte im 11. Jahrhundert das Kloster Hirsau wieder. Das dortige Kloster war 830 gegründet worden. 1345 kam die Stadt in den Besitz der Grafen von Württemberg. 1620 zählte die Stadt etwa 2.500 Einwohner. Sie war wohlhabend und bevölkerungsreich.

1534 wurde die Reformation in Calw eingeführt. Johann Valentin Andreae (1586 bis 1654) war Spezialsuperintendent vor Ort. Hier sorgte er für eine Erneuerung von Schul- und Sozialwesen. Auch die Armenpflege war sein Herzensanliegen. Im 30-jährigen Krieg herrschte soziale Not in der Stadt. Er gründete den Färberstift – mit Geldanlagen wohlhabender Handwerker und Tuchhändler. Calw urde 1634 durch das kaiserliche Heer zerstört, die Kirche angezündet. Nur etwa 1.500 Einwohner kehrten nach dem Krieg in die Stadt zurück. 1650 wurde die “Calwer Zeughandlungscompagnie” gegründet. Sie veredelte und vertrieb Textilien (“Zeuge”). Ihre Teilhaber wurden nicht selten reich. Bedeutend für Calw war auch der Handel mit Salz, Wein und Holz.

1692 wurde Calw wieder zerstört. Es waren die Franzosen unter General Melac. Zerstört wurde auch das Koster Hirsau. 1696 wurde in der Peter- und Paulskirche wieder gepredigt. Beim Wiederaufbau wurde gespart – man benützte ausgeglühte Steine der gebrandschatzten Kirche und des zerstörten Klosters Hirsau. 1884 musste das Schiff abgebrochen werden. Für die Kirchenbesucher bestand Lebensgefahr. Vier Jahre später, 1888, konnte die Kirche wieder eingeweiht werden. Neugotisch war der Stil. Nach dem 2.Weltkrieg versuchte man sich mit einer reinen Gotik. Die Namen der 219 Kriegstoten und Vermissten wurden in die Säulen des Kirchenschiffs eingemeißelt – sind sie richtig in einer Kirche mit dem Gebetsschluß? “Laß die Sonne Deiner Gnade leuchten über dem verheerten Lande.” 1

Evangelische Stadtkirche Peter und Paul

Evangelische Stadtkirche
Peter und Paul

„Das Giebenrathsche Haus stand nahe bei der alten steinernen Brücke und bildete die Ecke zwischen zwei sehr verschiedenen Gassen.Die eine, zu welcher das Haus gerechnet wurde und gehörte, war die längste, breiteste und vornehmste der Stadt und hieß Gerbergasse. Die zweite führte jäh bergan, war kurz, schmal und elend und hieß „Zum Falken“, nach einem uralten, längst eingegangenen Wirtshaus, dessen Schild ein Falke gewesen war.“ 2

Hans Griebenrath soll von seinem Vater versohlt werden, kehrt aber tot nach Hause. „Zu derselbe Zeit trieb der so bedrohte Hans schon kühl und still und langsam im dunklen Flusse talabwärts. Ekel, Scham und Leid waren von ihm genommen, auf seinen dunkel dahintreibenden, schmächtigen Körper schaute die kalte, bläuliche Herbstnacht herab, mit seinen Händen und Haaren und erblaßten Lippen spielte das schwarze Wasser… Niemand wußte auch, wie er ins Wasser geraten sei.“ 3

Hesse-Denkmal in Calw

Hesse-Denkmal in Calw

„Das Wanderbüchlein so in Ordnung zu halten, war allerdings eine von Knulps Liebhabereien. Es stellte in seiner Tadellosigkeit eine anmutige Fiktion oder Dichtung dar, und seine amtlich beglaubigten Einträge bezeichneten lauter ruhmvolle Stationen eines ehrenwerten und arbeitsamen Lebens, in welchem nur die Wanderlust in Form sehr häufiger Ortswechsel auffiel. Das in diesem amtlichen Paß bescheinigte Leben hatte Knulp sich angedichtet und mit hundert Künsten der Scheinexistenz am oft bedrohten Faden weitergeführt, während er in Wirklichkeit zwar wenig Verbotenes tat, aber als arbeitsloser Landstreicher ein ungesetzliches und mißachtetes Dasein hatte. Freilich wäre es ihm kaum geglückt, seine hübsche Dichtung so ungestört fortzusetzen, wären ihm nicht alle Gendarmen wohlgesinnt gewesen. Sie ließen den heiteren , unterhaltsamen Menschen, dessen geistige Überlegenheit und gelegentlichen Ernst sie achteten, nach Möglichkeit in Ruhe. Er war beinahe ohne Vorstrafen, es war ihm kein Diebstahl und kein Bettel nachgewiesen, angesehene Freunde hatte er auch überall; so ließ man ihn passieren, wie etwa in einem Hauswesen eine hübsche Katze mitleben mag, die jeder nachsichtig zu dulden meint, während sie unbekümmert zwischen allen den fleißigen und bedrückten Menschen ein sorgenloses, elegantes, prachtvoll herrenmäßiges und arbeitsloses Dasein verlebt.“ 4 Aus dem Leben eines Taugenichts- im Eichendorffschen Sinne – wird hier also berichtet. Ein Müller schickt bei Eichendorff seinen Sohn, den er einen Taugenichts nennt, weil der ihn die ganze Arbeit allein machen lässt, hinaus in die Welt. Froh und unbeschwert nimmt der Sohn seine Geige und verlässt ziellos sein Dorf.

Knulp durchstreift im Alter die alte Heimat: „Der nachbarliche Fliederbaum war alt und moosig dürr geworden, und das Lattenhaus im anderen Garten war zerfallen, und man mochte an seine Stelle bauen, was man wollte, es wurde nie mehr so schön und beglückend und richtig, wie alles einmal gewesen war.“ 5 Bemerkung dazu Mitte der 70er Jahre: Nach rückwärts gerichtete Sentimentalität – „es gibt nur vergangene Paradiese“. Der einsame Sonderling outet sich auch im Alter: „Er war außerhalb gestanden, ein Bummler und Zaungast, beliebt in den guten jungen Jahren, und allein im Kranksein und Altern.“ 6 Auch Knulps Ende wird als eine Art Schlaf beschrieben: „Als Knulp die Augen nochmals auftat, schien die Sonne und blendete so sehr, daß er schnell die Lider senken mußte. Er spürte den Schnee schwer auf seinen Händen liegen und wollte ihn abschütteln, aber der Wille zum Schlaf war schon stärker als jeder andere Wille in ihm geworden.“ 7 Und das sehr lange vor dem Roman „Schlafes Bruder“.

Knulp -Skulptur in Calw

Knulp -Skulptur in Calw

Auch in anderen Werken ist das Unstete ein konstanter Faktor:„Siddharta wanderte im Walde, schon fern von der Stadt, und wußte nichts als das eine, daß er nicht mehr zurück konnte, daß dies Leben, wie er es nun viele Jahre lang geführt, vorüber und dahin und bis zum Ekel ausgekostet und ausgesogen war. Tot war der Singvogel, von dem er geträumt. Tot war der Vogel in seinem Herzen. Tief war er in Sansara verstrickt, Ekel und Tod hatte er von allen Seiten in sich eingesogen, wie ein Schwarm Wasser eingesaugt, bis er voll ist. Voll war er von Überdruß, voll von Elend, voll von Tod, nichts mehr gab es in der Welt, das ihn locken, das ihn freuen, das ihn trösten konnte.

Sehnlich wünschte er, nichts mehr von sich zu wissen, Ruhe zu haben, tot zu sein. Käme doch ein Blitz und erschlüge ihn! Käme doch ein Tiger und fräße ihn! Gäbe es doch einen Wein, ein Gift, das ihm Betäubung brächte, Vergessen und Schlaf, und kein Erwachen mehr! Gab es denn noch irgendeinen Schmutz, mit dem er sich nicht beschmutzt hatte, eine Sünde und Torheit, die er nicht begangen, eine Seelenöde, die er nicht auf sich geladen hatte?“ 8

Aus dem Gespräch zwischen zwischen Govinda und Siddharta am Ende des Werkes: „Govinda sagte: ‚Aber ist das, was du ‚Dinge‘ nennst, denn etwas Wirkliches, etwas Wesenhaftes? Ist das nicht nur Trug der Maja, nur Bild und Schein? Dein Stein, dein Baum, dein Fluß – sind sie denn Wirklichkeiten?‘

‚Auch dies‘, sprach Siddharta, ‚bekümmert mich nicht sehr. Mögen die Dinge Schein sein oder nicht, auch ich bin alsdann ja Schein, und so sind sie stets meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und verehrenswert macht; sie sind meinesgleichen. Darum kann ich sie lieben. Und dies ist nun die Lehre, über welche du lachen wirst: die Liebe, o Govinda, scheint mir vor allem die Hauptsache zu sein. Die Welt zu durchschauen, sie zu erklären, sie zu verachten, mag großer Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu können, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten zu können.’“ 9

Man kann daher der Redaktion von Kindlers Literaturlexikon zustimmen, die das Werk folgendermaßen zusammenfasst: „Hesses Roman, der sich mit exotischen Wendungen, Archaismen und und einer gleichsam kultisch-rituellen Leitmotivtechnik in die indische Geisteswelt einzufühlen versucht, ist das Zeugnis eines Glaubens, der ’nicht die Erkenntnis, sondern die Liebe obenan stellt’…“ 10

Kehren wir von einem Ausflug nach Indien zu den Glasfenstern der Evangelischen Stadtkirche Peter und Paul in Calw zurück. Die Buntglasfenster wurden von 1886 bis 1914 in München gefertigt. Im Zweiten Weltkrieg beschädigt, wurden sie von 1950 bis 1952 wieder hergestellt. Das markanteste Fenster zeigt die Kreuzigung Christi. 11

1 Faltblatt des Evangelischen Pfarramtes an der Stadtkirche, Hindenburgstraße 14, Calw

2 Hermann Hesse, Unterm Rad, Frankfurt am Main 2013 (52. Auflage), S. 118

3 Hermann Hesse, ebd. S 164

4 Hermann Hesse, Knulp, Frankfurt am Main 1974, S. 13 f.

5 Ebd., S.116

6 Ebd., S. 117

7 Ebd., S. 128

8 Hermann Hesse, Siddharta, Frankfurt am Main 1973, S. 80

9 Ebd,. S.132

10 Manfred Kluge / Rudolf Radler, Hauptwerke der deutschen Literatur, München 1974,

S. 489

11 Monika Soffner-Loibl, Evangelische Stadtkirche Peter und Paul Calw, Passau o.J., S. 11

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Veröffentlicht 9. Juli 2011 von schauerchristian in Calw und Hermann Hesse