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Hermann Hesse – ein deutscher Romantiker/ Edzard Schaper „Die Freiheit des Gefangenen“

Der Steppenwolf und Klein und Wagner

Der Steppenwolf” ist die Geschichte einer psychischen Spaltung der Hauptfigur Harry Haller, einer inneren Projektion des Dichters. Haller leidet an der Schizophrenie seines Ichs. Einerseits hat er eine bürgerlich angepasste Seite, ist eine Art Spießer. Andererseits wirkt in ihm eine steppenwölfische Dimension. In dieser ist er einsam und zerrisssen und ein Kritiker seines Standes. Beide Seiten bekämpfen sich und schränken die künstlerische Entwicklung ein.Der Weg der Versöhnung beider Seiten ist der Humor, im Lachen über sich selbst und die Gesellschaft. Der Humor lässt eine künstlerischen Vollendung möglich erscheinen. In seinem Teil des magischen Theaters findet sich neben Orgien und Dialogen mit Mozart auch ein Kapitel “Auf zum fröhlichen Jagen! Hochjagd auf Automobile”.Hier heißt es unter anderem:

Auf den Straßen jagten Automobile, zum Teil gepanzerte, und machten Jagd auf auf die Fußgänger, überfuhren sie zu Brei, drückten sie an den Mauern der Häuser zuschanden. Ich begriff sofort: es war der Kampf zwischen Menschen und Maschinen, lange vorbereitet, lang erwartet, lang gefürchtet, nun endlich zum Ausbruch gekommen. Überall lagen Tote und Zerfetzte herum, überall auch zerschmissene,verbogene, halbverbrannte Automobile, über dem wüsten Durcheinander kreisten Flugzeuge, und auf sie wurde von vielen Dächern und Fenstern aus mit Büchsen und Maschinengewehren geschossen.” Die Fußgänger schlagen allerdings zurück. Haller und sein Jugendfreund Gustav leisten Revanche. “‘Auf den Chauffeur zielen!’ befahl Gustav schnell, eben rannte der schwere Wagen unter uns vorbei. Und schon zielte ich und drückte los, dem Lenker in die blaue Mütze. Der Mann sank zusammen, der Wagen sauste weiter, stieß gegen die Wand, prallte zurück, stieß schwer und wütend wie eine große dicke Hummel gegen die niedere Mauer, überschlug sich und krachte mit einem kurzen leisen Knall über die Mauer in die Tiefe hinunter: ‘Erledigt!’ lachte Gustav. ‘Den nächsten nehme ich.’ “

 

Soweit die abnorme Aggressivität gegen Automobilfahrer, die auch heute manchen umzutreiben scheint: “Der Mann, der in Nürnberg auf Autos geschossen haben soll, ist ein 49-jähriger Rechtsanwalt aus Nürnberg. Das hat die Polizei bei einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Der Mann hat die Taten gestanden.” BR- Nachrichten 20.11.2014. Es heißt dort weiter: “Warum der verheiratete 49-Jährige auf die Autos geschossen hat, wollte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen noch nicht bekannt gegeben. Der Mann sei zwar geständig, bestreitet aber, dass er in Tötungsabsicht geschossen hat. ”Vielleicht hat er den “Steppenwolf” gelesen, festgestellt, daß der Harry Haller auch etwa 50 ist und wurde dann Nachahmungstäter. Jüngere Täter wurden bei einem anderen Fall verhaftet. “Nach den Schüssen auf Autos und Busse im Ruhrgebiet haben über 50 Autobesitzer Schäden an ihren Fahrzeugen bei der Polizei gemeldet. Die Täter konnten unterdessen gefasst werden; sie haben gestanden.” Beide Täter waren zwanzig: “Zum Verhängnis wurde den Tätern ihr auffälliges Auto. Der BMW Z4 wurde am Sonntagabend von zwei Zeugen gesehen, die Ermittlungen führten zu einem 20-Jährigen Schüler aus Recklinghausen. In dessen Wohnung wurde dann auch eine umgebaute Softair-Pistole und dazugehörige Stahlmunition gefunden. Weitere Ermittlungen führten dann zum zweiten Täter: Einem ebenfalls 20jährigen Handwerker aus Recklinghausen.” Ruhr Nachrichten 25.3.2014. Ein Motiv konnten die beiden nicht benennen. Konnten es Gustav und Harry Haller?

 

Eine Beatgruppe namens “Steppenwolf” nannte sich nach dem Werk Hesses. Können die Empfehlungen in “Born to be wild” in Hesses Werk nachgewiesen werden? Yeah, darlin’ Gonna make it happen Take the world in a love embrace. Betrachten wir die Zusammenkunft Hallers mit Hermine im magischen Theater Nur für Verrückte”: “Wir beide standen und blickten einander an. Einen Augenblick lang wurde ich wach und nüchtern, fühlte ungeheure Müdigkeit mich von hinten überfallen, fühlte die durchgeschwitzten Kleider widerlich feucht und lau um mich hangen, sah meine Hände rot und dickgeädert aus zerdrückten und verzwickten Manschetten hervorkommen. Ab sofort war das wieder vorbei, ein Blick Herminens löschte es aus. Vor ihrem Blick, aus dem meine eigene Seele mich anzuschauen schien, sank alle Wirklichkeit zusammen, auch die Wirklichkeit meines sinnlichen Verlangens nach ihr. Verzaubert blickten wir einander an, blickte meine arme kleine Seele mich an. Du bist bereit?’ fragte Hermine, und ihr Lächeln verflog, wie der Schatten über ihre Brust verflogen war, Fern und hoch verklang jenes fremde Lachen in unbekannten Räumen.” 1 Die Gruppe “Steppenwolf” dichtet weiter: “Steck’ die Welt in eine Umarmung der Liebe, Schieß’ all’ Deine Waffen zugleich ab und explodiere ins All.”

 

Im Zeitalter der Upanishaden (750-500 v. Chr.) werden Brahman und Atman als Wesenseinheit begriffen, die das wahre Wesen der Welt repräsentieren. Atman ist das innerste Wesen der Persönlichkeit, das eigentliche Ich. Die Seele des Einzelnen ist mit dem Brahman – der Weltseele- eins. Hier könnte die Gruppe die Vision am Schluß von “Klein und Wagner” gelesen und in Worte gefasst haben: Diese Schizophrenie gipfelt schließlich in Kleins Selbstmord, der zur Symbiose der sich widersprechenden Elemente wird. Wie detaillert das Sterben Kleins geschildert ist, wie unermesslich tief dieser Rausch, dieser Taumel, dieser Sog geschildert ist, den der Sterbende als Weg zu Glück und Erlösung empfindet, das ist wahrlich groß.” 2

 

Wobei Klein nicht direkt explodiert, sondern ins All gleitet. Helden und Denker traten aus dem Weltstrom, Propheten, Verkünder. ‘Siehe, das ist Gott der Herr, und sein Weg führt zum Frieden’, rief einer, und viele folgten ihm. Ein andrer verkündete, daß Gottes Bahn zum Kampf und Kriege führe. Einer nannte ihn Licht, einer nannte ihn Nacht, einer Vater, einer Mutter. Einer pries ihn als Ruhe, einer als Bewegung, als Feuer, als Kühle, als Richter, als Tröster, als Schöpfer, als Vernichter, als Verzeiher, als Rächer. Gott selbst nannte sich nicht, Er wollte genannt, er wollte geliebt, er wollte gepriesen, verflucht, gehaßt, angebetet sein, denn die Musik der Weltchöre war sein Gotteshaus und war sein Leben – aber es galt ihm gleich, mit welchen Namen man ihn pries, ob man ihn liebte oder haßte, ob man bei ihm Ruhe und Schlaf, oder Tanz und Raserei suchte. Jeder konnte suchen. Jeder konnte finden. Jetzt vernahm Klein seine eigene Stimme. Er sang. Mit einer neuen, gewaltigen, hellen, hallenden Stimme sang er laut und hallend Gottes Lob, Gottes Preis. Er sang im rasenden Dahinschwimmen inmitten der Millionen Geschöpfe, ein Prophet und Verkünder. Laut schallte sein Lied, hoch stieg das Gewölbe der Töne auf, strahlend saß Gott im Innern. Ungeheuer brausten die Ströme hin.” 3

 

Hier steigert sich Hesse in einen Sprachrausch, der den Schluß zu einer metaphysischen Phantasie werden lässt. Visionen sind gelegentlich fiebrig – aber sucht nicht der Visionär das Fieber? In den vergangen Jahren tauchte eine Gruppe “Die Yogischen Flieger” in der Politik auf.4 Möglicherweise haben sie auch manches von Hesse gelesen. Persönlich komme ich schwimmend dem All auch nicht näher nach dem Genuß von mindestens drei Gläsern Bier! Man muß wohl eine erbliche Disposition dazu haben! In einem Brief schreibt Hesse 1919 über seine Beziehung zur asiatischen Kultur und Religion: „Ich bin seit vielen Jahren davon überzeugt, dass der europäische Geist im Niedergang steht und der Heimkehr zu seinen asiatischen Quellen bedarf. Ich habe jahrelang Buddha verehrt und indische Literatur schon seit meiner frühesten Jugend gelesen. Später kamen mir Lao Tse und die andern Chinesen näher. Zu diesen Gedanken und Studien war meine indische Reise bloß eine kleine Beigabe und Illustration.“ Was war dem Tod Kleins vorausgegangen? Der unbedeutende Beamte Klein hat sein Gewissen mit einem Verbrechen, das er im Traum beging, belastet. 5 Ein vierfacher Mord an Frau und Kindern stand im Raume. Der Zwangsvorstellung entging er durch Flucht in den Süden. Der Schullehrer Wagner spielt eine zentrale Rolle in seinem Traum. Er beging einen vierfachen Mord, dem Klein zustimmte. Das Theater mit der Aufschrift ‚Wagner’, war das nicht er selbst, war es nicht Aufforderung, in sich selbst einzutreten, in das fremde Land seines wahren Innern? Denn Wagner war er selber – Wagner war der Mörder und Gejagte in ihm, aber Wagner war auch der Komponist, der Künstler, das Genie, der Verführer, die Neigung zu Lebenslust, Sinnenlust, Luxus – Wagner war der Sammelname für alles Unterdrückte, Untergesunkene, zu kurz Gekommene in dem ehemaligen Beamten Friedrich Klein.” 6 Daß mit diesem Wagner auch Richard Wagner gemeint sein könnte, ist möglich. 7Das Erhabene und das Verworfene in einer Person. “Wie ist es möglich, daß der Schwärmer selbst, er, der Beamte Klein, den Musiker und auch den Mörder Wagner in sich trägt? Das ist die Frage für den Flüchtling, und ist die Frage des Dichters.” 8 Autobiographisch fließt in die Erzählung folgendes ein: Als Hesse im April 1919 in das Tessin zog und sich dort in Montagnola niederließ, hatte er gerade die Entscheidung getroffen, seine Frau und seine drei Söhne zu verlassen. 9 Seine erste Frau Mia verfiel im Oktober 1918 in eine schwere Gemütskrankheit. Ihre Depressionen wurden bis 1925 in drei verschiedenen Heilanstalten stationär behandelt. Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung kam zu dem Ergebnis, dass eine Trennung der Ehepartner Hesse unausweichlich sei. 10 Kehren wir zum “Steppenwolf” zurück. Sein Gebiß ist scharf. Seine Ironie liegt darin, dass er mit 50 das Tanzen lernt, obwohl er eigentlich eher mit Mozart auf einer Wellenlänge liegt. “Als Wappen – und Totemtier tritt er an die Spitze eines Bundes von heimlich Versunkenen, deren Herz und Geist die hohen Worte blank und rein erhalten wissen will.” 11

 

Dass er dabei zwischendurch reichlich durchgeknallt agiert, wird hier leider verschwiegen. In seinen eigenen Worten meint er dazu: ” In meinem Leben haben stets Perioden einer hochgespannten Sublimierung, einer auf Vergeistung zielenden Askese abgewechselt mit Zeiten der Hingabe an das naiv Sinnliche, ans Kindliche, Törichte, auch ans Verrückte und Gefährliche. Jeder Mensch hat hat dies in sich. Ein großer Teil, ja der allergrößte Teil dieser dunkleren, vielleicht tieferen Lebenshälfte ist in meinen früheren Dichtungen unbewußt verschwiegen oder beschönigt worden. Der Grund zu diesem Verschweigen lag, wie ich glaube, nicht in einer naiven Verdrängung des Sinnlichen, sondern in einem Gefühl der Minderwertigkeit auf diesem Gebiete. Ich verstand mich auf das Geistige im weitesten Sinne besser als auf das Sinnliche…” 12

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Bild: Hesse-Denkmal in Calw

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Fußnoten

1 Hermann Hesse, Der Steppenwolf, Frankfurt am Main 2013 (54. Auflage), S. 221. f.

2 http://www.shitesite.de/2004/11/03/durchgelesen-hermann-hesse-klein-undwagner/

3 Hermann Hesse, Klein und Wagner, Frankfurt am Main 2014 (21. Auflage), S. 95

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Naturgesetz_Partei

5 Vgl. Hugo Ball, Hermann Hesse.Sei Leben und sein Werk, Frankfurt am Main 1972, S. 173

6 Hermann Hesse, Klein und Wagner, ebd. S.70

7 Vgl. Hugo Ball ebd.

8 Ebd., S.174

9 http://de.wikipedia.org/wiki/Klein_und_Wagner

10 vgl. ebd.

11 Hugo Ball, ebd. S. 214

12 Nachwort Buch Krisis, in: Bernhard Zeller, Hermann Hesse, in Selbstzeugnissen und

Bilddokumenten, Reinbeck bei Hamburg 1973 (11. Auflage), S. 102

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Literatur:

Der Steppenwolf aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Hermann Hesse, Der Steppenwolf, Frankfurt 2013 (54. Auflage)

Hermann Hesse, Klein und Wagner, Frankfurt am Main 2014 (21. Auflage)

Hugo Ball, Hermann Hesse.Sei Leben und sein Werk, Frankfurt am Main 1972

http://de.wikipedia.org/wiki/Klein_und_Wagner

http://www.shitesite.de/2004/11/03/durchgelesen-hermann-hesse-klein-und-wagner/

Bernhard Zeller, Hermann Hesse, in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbeck bei

Hamburg 1973 (11. Auflage)

http://de.wikipedia.org/wiki/Steppenwolf_%28Band%29

http://de.wikipedia.org/wiki/Born_to_Be_Wild

http://www.songtexte.com/songtext/steppenwolf/born-to-be-wild-7bd47640.html

Geschrieben: Ende 2014, Anfang 2015

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Hermann Hesse Narziß und Goldmund (Erschienen 1930 – Die Aufzeichnungen entstanden ungefähr 1968  bis 1970)

 

In der Klosterschule schließen der asketische Mönch Narziß und der künstlerisch begabte Goldmund Freundschaft. Durch psychoanalytische Einwirkung gibt Narziß dem Freunde die Erinnerung an die vergessene Mutter zurück und öffnet ihm den Weg zu seiner wahren Natur. Goldmund geht durch unzählige Liebesabenteuer hindurch, in denen er das Urbild der Mutter, das Weib als Eva und Madonna, sucht. Jedoch um die Darstellung dieses Bildes ringt er, der verschmäht, aus der Bildhauerkunst einen Broterwerb zu machen, vergeblich. Erst im Tode nimmt ihn die Urmutter zu sich. Im Mittelpunkt des Romans steht der Gegensatz Geist – Natur, der in dem Freundespaar Narziß – Goldmund Gestalt annimmt. Narziß, der Mönch, lebt ausschließlich in einer geistigen Welt, ist ein Mensch, der fernab von jeder Sinnlichkeit sich in transzendenten Bindungen zu finden sucht. Er, der jede kleine Sünde durch selbst auferlegte Buße sühnen will, ist schon als Jüngling seinem Vorgesetzten an Geist weit überlegen. Dieses Verhältnis von Narziß zu seinem Vorgesetzten, dem Abt war schwierig – dem Abt war die Einfalt ja die Wahrheit.Darin scheint sich die eigentliche Tragik des Mönchtums zu enthüllen. Durch die absolute Gehorsamspflicht nämlich, die Narziß auferlegt wird, kann er seine geistigen Fähigkeiten nicht voll zur Geltung bríngen. Diese Unterwürfigkeit weiß er zwar auf sich zu nehmen, sie dient ihm zur Bekämpfung seines Stolzes. Er ist aber in dieser Rolle nur ein Schatten von dem, was er sein könnte. Narziß empfindet vom ersten Augenblick an für Goldmund tiefe Sympathie. Er erkennt frühzeitig, dass Goldmund der gerade Gegenpol zu ihm ist, dass aber genau dieser Gegenpol auch eine Ergänzung einschließt. Seine ausgesprochen gute Menschenkenntnis zeigt sich in dem psychoanalytischen Meisterstück, durch das er Goldmund die Erinnerung an seine Mutter zurückgibt.Dies ist der Eckpfeiler für Goldmunds späteres Leben.

 

Narziß ist ein Mensch, der es ablehnt, anderen Menschen seine Gefühle zu zeigen. Er weiß sich zu beherrschen, eine Eigenschaft, die er in oftmaligen Bußübungen erweitert hat. So enthält er sich auch grundsätzlich, den nur um ein paar Jahre jüngeren Goldmund in der Schule zu bevorzugen – er war schon frühzeitig Lehrer geworden. Vielmehr muss Goldmund in mühseligen Bestrebungen um einen anerkennenden Blick oder ein freundliches Nicken um seine Gunst buhlen. Diese Härte gegen sich selbst und seine Umwelt löst sich vollständig erst am Ende, als er die Stirn Goldmunds mit den Lippen berührt und ihm seine aufrichtige Freundschaft gesteht. Dies bedarf allerdings des nahen Todes seines Freundes. Hesse verkörpert wie gesagt in Narziß den Geist, der seinen Gegenpunkt in Goldmund hat. Goldmund wird durch die geschickte psychoanalytische Einwirkung seines Freundes zu seiner wahren Bestimmung, zur Kunst,zur Sinnlichkeit, zur „Mutter“ hingeführt. Er erkennt, nachdem er die erste Begegnung mit einem Mädchen hatte, dass er sich zum Mönchtum nicht eignet, dass er vielmehr durch die Welt wandern und seiner Sinnlichkeit frönen muss. Diese Freiheit des Vagabundendaseins mit vielen amorösen Abenteuern erscheint ihm meist als das richtigste, was er seiner Anlagen gemäß, tun kann. Gegen die Sesshaftigkeit der Spießbürger hegt er von Anfang an eine heftige Antipathie. Sein dauernder Trieb, Liebe zu finden und geliebt zu werden, läßt ihn oft nicht wählerisch sein mit der Art der Frau, die er zu seiner geschlechtlichen Befriedigung wählt. Fast alle diese Beziehungen sind aber lediglich nur kurze Episoden (meistens nur eine Nacht lang), während er die „wahre Liebe“ nur zwei Mal findet. Nämlich in Lydia und Agnes. Diese Sinnlichkeit ist eine der stärksten Charakterzüge Goldmunds, den nur noch der Hang zur Kunst, zum selbständigen Schaffen an Intensität übertrifft. In der Kunst sucht er den Sinn seines Lebens, die Gestalt – Werdung seiner Ideale, das dauerhafte Sein im Vergehen. Das tiefe Verlangen, ein großes Werk zu schaffen, ergreift ihn nur in gewissen Situationen, nämlich wenn er einer ihm bedeutsamen Persönlichkeit ein bleibendes Denkmal in zeitloser Gestalt setzen will (Narziß, Lydia).

 

„Hesses Roman ‘Narziß und Goldmund’ … setzt mit großer sprachlicher Schönheit ein und scheint in einer mittelalterlichen Zeitlosigkeit zu schweben …ohne dadurch seine schmerzliche Fühlung mit den Problemen der Gegenwart zu verleugnen.“ Dies meinte Thomas Mann. Immer wieder webt Hesse geschickt seine Meinungen in die Handlung ein. Diese Meinungen, so möchte ich meinen, sind äußerst gut durchdacht und aufgrund von langjährigen Erfahrungen erworben. Besonders zutreffend finde ich, ist,was Hesse (hier mit Goldmunds Worten) über die Kunst schreibt. „Vielleicht“ dachte er, „ist die Wurzel aller Kunst und vielleicht auch alles Geistes die Furcht vor dem Tode. Wir fürchten ihn, wir schauern vor der Vergänglichkeit, mit Trauer sehen wir immer wieder die Blumen welken und die Blätter fallen und spüren im eigenen Herzen die Gewissheit, dass auch wir vergänglich sind und bald verwelken. Wenn wir nun als Künstler Bilder schaffen oder als Denker Gesetze suchen und Gedanken formulieren, so tun wir es, um doch irgend etwas aus dem großen Totentanz zu retten, etwas hinzustellen, was längere Dauer hat als wir selbst.“ Hermann Hesse wurde in seiner Jugend eine sehr strenge Erziehung zuteil. Sein großes schriftstellerisches Talent drohte durch die pietistische Erziehung seiner Eltern (sein Vater war Pfarrer) nicht zur Entfaltung zu kommen. Aus diesem Grund ist es zu verstehen, daß Hesse, als er sich von seinem Elternhaus losriss (er sollte auch Pfarrer werden), eine ganz andere, eine freie Einstellung zur Kunst und zur Sittlichkeit fand.

 

„War der Mensch wirklich dazu geschaffen, den Aristoteles und Thomas von Aquin zu studieren, Griechisch zu können, seine Sinne abzutöten und der Welt zu entfliehen? War er nicht vielmehr von Gott geschaffen mit Sinnen und Trieben , mit blutigen Dunkelheiten, mit der Fähigkeit zur Sünde, zur Lust, zur Verzweiflung?“ Diese Aussagen im Monolog der Narziß scheinen mir ein Hauptproblem des Werkes von Hermann Hesse zu sein, seine Triebe zu befriedigen, sich zur Natur zu bekennen, wenn schon diese Triebe unabwendbar sind. Der Typ, den Goldmund teilweise einnimmt, dürfte nach Hesse nicht empfehlenswert sein zur Nachahmung. Aber es ist klar, dass Hesse ihn so darstellen muss, um den Gegensatz zu Narziß so deutlich wie möglich hervorzuheben. Als gelungen möchte ich den Schluss bezeichnen. Hesse gibt sich nicht zufrieden mit einem Goldmund, der in der Religion ein Stück Halt findet. Er lässt Goldmund im Tod die Erfüllung seines Lebens finden.Gern gibt er sich dem Gedanken an das Sterben hin: „Und nun sieh, wie wunderlich es mir mit ihr,( der Mutter), gegangen ist:statt dass meine Hände sie formen und gestalten, ist sie es, die mich formt und gestaltet. Sie hat ihre Hände um mein Herz und löst es los und macht mich leer, sie hat mich zum Sterben verführt, und mit mir stirbt auch mein Traum, die schöne Figur, das Bild der großen Eva-Mutter. Noch sehe ich es, und wenn ich Kraft in den Händen hätte, könnte ich es gestalten. Aber sie will das nicht, sie will nicht, dass ich ihr Geheimnis sichtbar mache. Lieber will sie, dass ich sterbe. Ich sterbe gern, sie macht es mir leicht.“

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Edzard Schaper Die Freiheit des Gefangenen

 

A Kurze Angaben zur Person Edzard Schapers (geboren 1908)1:

Von entscheidender Bedeutung für Schapers Werk erweist sich die Konversion des Schriftstellers zum Katholizismus. Die Romane Schapers sind durch die Darstellung überkonfessionell religiöser Themen gekennzeichnet: Die Bewährung des im Glauben gebundenen Gewissens, Erfahren von Schuld und Gnade, der Kampf der Kirche gegen atheistische Mächte.

B I. Inhaltsangabe:

Pierre de Molart, Leutnant in der Armee Bonapartes, verliebt sich in die junge Gräfin Hortense d’Anjou, die man als entschiedene Anhängerin der monarchistischen Opposition gegen Napoleon bezeichnen kann. Wegen dieser Beziehung wird er ohne Nennung von Gründen verhaftet und eingekerkert. Er nimmt Kontakt zum Gefängnispersonal auf und erhält durch diese Beziehungen die Chance zur Flucht. Nacheinander werden nämlich ein Gefolgsmann der Gräfin (der Priester) und die Gräfin selbst ins Gefängnis eingeschleußt; beide können ihn jedoch nicht zur Flucht bewegen. Die Liebe zur Gräfin und der Eid auf Bonapartes Armee treten sich unvereinbar gegenüber. Den Entschluß, nicht zu fliehen, bereut er postwendend. Ob die zweite und dritte Chance zur Flucht verwirklicht wird, bleibt in diesem Teil des Buches offen.2

 

II.Die wichtigsten Personen und die an ihnen dargelegten Probleme

1. Du Molart: er gehört zu jenen Menschen, die sich in einer soldatischen Gemeinschaft am wohlsten fühlen. Im Großen und Ganzen gefestigter Christ, Soldat und Patriot, kennt du Molart doch in gewissen Situationen den Zweifel, zumindest den an der militärischen Ordnung. Schaper beschreibt an Du Molart den Konflikt des religiös gebundenen Gewissens zwischen dem Fahneneid und dem Streben nah individuellem Glück. Außerdem zeigt er an ihm die Willkür und Uneinsehbarkeit des Schicksals. Diese führt aber nicht zur Auflehnung, sondern letztlich zum Glauben.

2. Hortense d’Anjou: sie ist eine Frau von eisernem Willen und radikaler politischer Überzeugung. Für ihre Ideen zeigt sie sich bereit, Menschen zu Opfern, denn vom Menschen denkt sie allgemein sehr geringschätzig. Durch sie erst wird du Molart in den entscheidenden Konflikt gestürzt.

III:Religiöse Thematik. und christliches Gedankengut in Schapers Roman

Neben einigen biblischen Vergleichen versucht Schaper die Stellung des Menschen klarzustellen. Er ist der Überzeugung, dass Gott als Maß dienen muss, damit der Mensch nicht zu einem Geschöpf der Verzweiflung wird. Bemerkenswert ist auch die Kritik am Papst, dessen Unfehlbarkeit durch den Priester grundlegend angezweifelt wird. Zu einer radikalen Absage gegenüber dem Papsttum reicht es jedoch nicht. Natürlich wirkt es nicht verwunderlich, dass die Sprache dem Inhalt angemessen ist. Neben archaischen Wendungen gebraucht der Dichter gerne etwas veraltete Fremdwörter.

 

C Schapers Zentralproblem, der Konflikt du Molarts, ist vielleicht heute nicht mehr ganz aktuell. Es hat sich gezeigt, dass Eide, wie die du Molarts, immer wieder dazu benutzt werden, Menschen durch falsche Treue gegen einander aufzuhetzen. Deshalb erscheint es heute nicht mehr verständlich, dass ein Mensch sein individuelles Glück wegen eines solchen Eides aufgeben kann. Als überzeugendste Stelle könnte man die Situation sehen, in der du Molart die Möglichkeit des Selbstmordes in Betracht zieht. Schaper deutet an, dass gerade diese Möglichkeit, die oftmalig als Inbegriff der menschlichen Freiheit angesehen wird, zur Qual der Qualen werden kann.

Geschrieben 1970 Nachbemerkung: Die Thematik galt damals als etwas verstaubt. Sie traf einen, der sich lange für kein anderes Werk entscheiden konnte und dann das nehmen musste, das noch übrig war.

Fußnoten

1 Gestorben 1984 – nachträglich hinzugefügt

2 „Die Macht der Ohnmächtigen„ heißt ein weiterer Roman. Er ist die Fortsetzung des Romans „Die Freiheit des Gefangenen“. Sie entstanden 1950/1951

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Veröffentlicht 12. März 2013 von schauerchristian in Betrachtungen zur deutschen Literatur

Dokumentartheater – Peter Weiss‘ Viet Nam Diskurs

Dokumentartheater – Peter Weiss’ Viet Nam Diskurs

Peter Weiss’ Viet Nam Diskurs

“Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des lang andauernden Befreiungskrieges in Viet Nam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika die Grundlagen der Revolution zu vernichten”. In der Vorgschichte führt Weiss durch das Altertum Vietnams, lenkt den Blick auf chinesische Fremdherrschaft, Kolonialisierung und japanische Okkupation. Mit der Ausrufung der “Demokratischen Republik Vietnam” im September 1945 geht Teil eins zu Ende. Er spielt auf einer Bühne, die auch geographisch Vietnam bedeutet: Hinten rechts ist China vorzustellen, links vorn liegt Laos, und der Süden ist an der Rampe. 15 Schauspieler – völlig entpersonalisiert, weil nummeriert -spielen die Geschichte Vietnams.

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Der zweite Part beginnt mit der Niederlage Frankreichs von Dien-Bien-Phu (1954). Schon der Krieg der Franzosen, meint Weiss, “wurde zu 78 Prozent von Amerika finanziert”; als Kennedy 1961 die US-Präsidentschaft übernahm, seien die USA bereits tief im “größten Geheimkrieg der Geschichte” engagiert gewesen. Der Geheimkrieg wird bei Weiss meist in amerikanischen Planungszentren und um einen sehr großen runden Tisch geführt. „Die Seitenpodeste sind zu einem großen Viereck in der Mitte des Vordergrunds zusammengestellt worden“, heißt es im Stück. Bekannte Politiker sammeln sich um diesen Tisch; wenn sie Historisches zitieren, steigen sie auf den Tisch, und wenn der amerikanische Außenminister Dulles nach London reist, geht er um ihn herum. (Vgl. Der Spiegel 24.07.1967) Weiss hat für den “Diskurs” weit über 100 Bücher gelesen; eine Bibliographie wird der Buch-Ausgabe beigefügt. Als Vietnam-Berater engagierte er zudem den Berliner Soziologie-Studenten Jürgen Horlemann. Der sogenannte Weiss – Gardist, Mitautor eines Vietnam-Buches, lebte beim Autor in Stockholm. Nach vollendetem “Diskurs” reiste Weiss — “Die Besitztümer der reichen Nationen sind verpestet von Aasgeruch” — mit Gattin Gunilla zur Erholung nach Kuba.

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Ende der 1960er Jahre war Horlemann wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schriftstellers Peter Weiss, dem er Material für dessen Theaterstück „Viet Nam Diskurs“ lieferte und Diskussionspartner war. Bis heute ist sein gemeinsam mit Peter Gäng verfasstes Buch „Vietnam. Genesis eines Konflikts“ (1966) im Suhrkamp Verlag in mehreren Auflagen erschienen..Peter Weiss (geb. 1916, gest. 1982), einer der führenden Repräsentanten des deutschsprachigen politischen Theaters, seit 1960 freier Schriftsteller in Stockholm, prangerte in seinem »Viet Nam-Diskurs«, der am 20. März 1968 an den Städtischen Bühnen der Stadt Frankfurt am Main in der Regie von Harry Buckwitz uraufgeführt wurde, den Krieg der USA gegen das Vietnam als Verbrechen an. Das Stück kam ohne individuelle Figuren aus, kollektive Helden (soziale, politische Gruppen) wurden einander gegenübergestellt. Grundlage des Stücks war der 1968 erschienene »Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des langandauernden Befreiungskrieges in Viet Nam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen die Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika, die Grundlagen der Revolution zu vernichten«.

Im Wintersemester 1972/1973 fand ein Proseminar an der Universität Würzburg unter der Leitung von Frau Dr. Flach statt, das sich mit dem Thema „Dokumentartheater“ befasste und in der dieses Stück über den Vietnamkrieg neben Hochhuts „Der Stellvertreter“, Enzensbergers „Das Verhör von Havanna“ und Heinar Kipphardts „Joel Brand“ behandelt wurde. Ein Referat von mir und der Koautorin H. E. Befasste sich mit dem Buch „Vietnam Genesis eines Konfliktes“ von Jürgen Horlemann und Peter Gäng, das dem Stück als Grundlage diente. Obwohl das Proseminar ein germanistisches war, ist das Referat historisch – kein Wunder, wenn es sich um Dokumentartheater handelt. Im Seminar prallte häufig eine DKP-Position auf eine CSU-nahe Position. Die Kampfhähne schenkten sich nichts. Beispiel: Ra. (CSU-nahe): „Jetzt hast Du gesagt, ich sei ein Faschist“ St. (DKP): „Das habe ich nicht gesagt!“

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Referat – Thema: Verarbeitung, Aufbereitung, Umwandlung, Gestaltung der Dokumente im Theaterstück „Vietnam Diskurs“

A) Geschichtlicher Überblick über die Entwicklung Vietnams nach Jürgen Horlemann, Peter Gäng: Vietnam Genesis eines Konflikts, Frankfurt 1968, ed. Suhrkamp

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I. Chinesische Fremdherrschaft und anschließender unabhängiger, jedoch von China  weiterhin beeinflußter Nationalstaat (S. 9 -11)

Das im unteren Jangtse – Tal gelegene Reich der Viet Völker wurde 333 v. Chr. Von den Chinesen erobert. Die Vietnamesen wichen nach dem Süden aus, wo sie in den Provinzen Kwangsi, Kwangtung, Tonking und Annam neue Fürstentümer gründeten (Boach Viet). Die nördlichen Stämme wurden schließlich doch völlig sinisiert, wohingegen die im Süden lebenden Stämme der Ngeou den ersten, 196 v. Chr. von China anerkannten Vietstaat bildeten. Dieser wurde schon bald (111 v. Chr.) von der chinesischen Han – Dynastie annektiert.Während der über 1000 jährigen chinesischen Fremdherrschaft (erst 939 n. Chr. Wurde Vietnam formell unabhängig), der sich die Vietnamesen durch Erhebungen und weitere Expansion nach dem Süden zu entziehen versuchten, übernahmen sie die soziale Struktur Chinas und seine hoch entwickelte Kultur. Der chinesische Einfluß blieb auch nach der nationalen Unabhängigkeit im 10. Jahrhundert vorherrschend, die Volkssprache bestand zur Hälfte aus chinesischen Wörtern, das Vokabular der Gebildeten sogar zu 80 %. Im 15. Jahrhundert bildeten sich die heutigen Grenzen heraus und Vietnam entwickelte sich zum mächtigsten Land Ostasiens.

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II. Die koloniale Eroberung durch Frankreich

Als 1860 England und Frankreich im sog. Opiumkrieg China zwingen wollten, sich dem westlichen Einfluß zu öffnen, landeten ihre Schiffe auch an den Küsten Indochinas (Laos, Kambodja, Vietnam). Die Franzosen betrachteten die Besitznahme Indochinas als Voraussetzung für die Eroberung Chinas. Die Kolonie Indochina (Kambodja war in den Jahren 1884 – 86, Laos 1894 -96 erobert worden, China verzichtete 1884 formell auf Vietnam) entwickelte sich zur profitabelsten französischen Überseebesitzung. Durch die Anlage großer Kautschuk-Plantagen und die Vergrößerung der Reisanbaufläche in Cochinchina (südl. Teil von Vietnam) und durch die Ausbeutung der Bodenschätze in Tonking gewann die französische Wirtschaft billige Rohstoffe. Zugleich erreichte die Kolonie für den Kapital- und Konsumgüterexport große Bedeutung. Die französischen Investitionen berücksichtigten die Bedürfnisse Vietnams in keiner Weise, sondern waren nur auf möglichst hohe Profite abgestellt, die sofort aus dem Lande abgezogen wurden. Dieses System verhinderte die Entstehung eines vietnamesischen Binnenmarktes und einer eigenständigen Industrie und somit auch das Aufkommen eins vietnamesischen Bürgertums. Das ständige Defizit im vietnamesischen Staatshaushalt nötigte die Regierung zu immer höheren Steuerforderungen. Die Bauern waren bald gezwungen, ihr Land an finanzkräftige Grundherren zu verpfänden. So geriet die Masse der Bevölkerung in immer größere Abhängigkeit von den Großgrundbesitzern, die immer mehr Land beherrschten. Den 9,6 Millionen Proletariern standen 9000 Angehörige der Oberschicht gegenüber, die pro Kopf ca. 850 mal soviel verdienten wie eine arme Familie.

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III. Die Organisation des Widerstandes

a) Die bürgerliche Bewegung

Etwa bis zum Jahre 1920 waren die politischen Oppositionsgruppen in Vietnam von der bürgerlich-

demokratischen Reformbewegung in Asien, insbesondere der Kuomintang SunYat Sens (Chinesische „Nationale Volkspartei“, 1912 nach dem Sturz des Kaisertums von Sun Yat Sen mit nationalem und sozialem Programm gegründet) beeinflußt worden. Die bürgerliche Opposition hatte in Vietnam mit der „Rebellion der Gebildeten“, einem sich über 10 Jahre erstreckenden und 1896 niedergeschlagenen  Volksaufstand begonnen. Es entstanden danach noch einige Bewegungen, die aber  insgesamt an ihrem mangelnden politischen Einfluß scheiterten. Das zahlenmäßig  schwache Bürgertum erkannte nicht, daß es nur mit der Masse der geknechteten  Bauern den Kolonialherren wirksam entgegentreten konnte. Von der Oberschicht  konnte der bürgerliche Widerstand keine Unterstützung erwarten, da diese dieselben Interessen wie die Franzosen verfolgten.

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b) Die sozialistische Bewegung (S. 24 – 36)

Als Ho Chi Minh erkannt hatte, daß die von ihm 1919 bei der Versailler Friedenskonferenz im Sinne der Wilsonschen 14 Punkte geforderte nationale Selbstbestimmung und rechtliche Gleichstellung Vietnams mit den europäischen Völkern deren Interesse zuwiderlief, schloß er sich der 1920 gegründeten kommunistischen Partei Frankreichs an. Er zeigte damit die Richtung an, die der Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes nehmen sollte. Ausgehend von den Folgen der Weltwirtschaftskrise beschlossen die verschiedenen sozialistischen Parteiführer Vietnams (die sozialistische Bewegung war vor 1930 in drei verschiedene Parteien zerfallen) 1930 die Gründung der „Kommunistischen Partei Vietnams“. In dieser Zeit herrschten in Vietnam Hungersnöte und Seuchen sowie Massenarbeitslosigkeit.Die Bevölkerung wurde dadurch sozialistischen Vorstellungen zugänglich. Unter der Anleitung von kommunistischen Kadern begannen bewaffnete Aktionen gegen Großgrundbesitzer ; die Aktionen scheiterten jedoch allesamt an der militärischen Übermacht der Kolonialherren. Diese Niederlagen fügten der Kommunistischen Partei großen Schaden zu. Als Konsequenz daraus richtete sich ihr Ziel für die Zukunft auf langwierige Aufklärungs – und Propagandaarbeit. Sie baute eine Untergrundorganisation auf und bereits innerhalb eines Jahres kam es zu Masseneintritten in die roten Gewerkschaften und Bauernvereinigungen. Die nach Lenin ausgerichtete Kommunistische Partei ging 1933 ein Bündnis mit den Trotzkisten und den Unabhängigen Revolutionären Nationalisten ein und konzentrierte sich in diesem Stadium auf legale Arbeit (Teilnahme an den Gemeinderatswahlen). Dies Einheitsfront zerbrach 1937 an divergierenden Vorstellungen über den Hauptgegner des vietnamesischen Volkes: Japan, das seit 1923 einen Krieg mit China führte und ihn auf Vietnam auszuweiten drohte oder Frankreich. 1939 wurden die Trotzkisten, die das Bündnis der leninistischen Partei mit Frankreich gegen das faschistische Japan verurteilten und beide als Gegner bezeichneten, durch Verhaftungswellen ausgeschaltet. Während der japanischen Okkupation zog sich die Parteileitung in den Süden zurück und änderte ihre Taktik (jetzt gegen Japan und Frankreich).

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   Der bewaffnete Widerstand: Guerillakrieg (S. 37 – 73)

a) Der 1.Indochinakrieg 1940 – 1945

1940 wurde den Japanern von den Franzosen das Recht eingeräumt, ganz Indochina für ihre Truppen als Aufmarschgebiet zu benutzen. Daraufhin legte Ho Chi Minh 1941 die für den kommenden Partisanenkampf gültigen Richtlinien fest. Hiermit waren die Voraussetzungen für eine nationale Einheitsfront aller Schichten und Klassen geschaffen: Unter dem Namen Viet Minh wurde sie im Juni dieses Jahres ins Leben gerufen. Die Strategie der Viet Minh bestand darin: sie führte einen Guerillakrieg gegen Japan, sie bekämpfte die französische Kolonialmacht, sie unterstützte die Koumintang und die USA, und erhielt Hilfe von den USA und China. Im August 1945 war das Land von den Japanern befreit.

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b) Der 2.Indochinakrieg 1946 – 1954

Im September 1945 konstituierte sich die Demokratische Republik Vietnam als bürgerlich-demokratischer Staat. Frankreich zeigte sich jedoch nicht gewillt, seine ehemalige Kolonie aufzugeben. Schon bald ersetzte es die Viet Minh- Verwaltungskomitees durch „zuverlässige“ Vietnamesen und zerstörte die Republik als unabhängige politische Einheit. Daraus entstand der 2. Indochinakrieg. Obwohl militärische eindeutig im Nachteil, entwickelte die Viet Minh gemäß Mao Tse Tungs „Fragen der Strategie des Partisanenkrieges gegen die japanischen Eindringlinge“ und „Über den lang dauernden Krieg“ eine Taktik, der die französischen Streitkräfte auf die Dauer nicht gewachsen waren. 1948 machten die Franzosen den von den Viet Minh abgesetzten Kaiser Bao Dai zur Zentralfigur einer Gegenregierung zu der Regierung Ho Chi Minhs. Dieses Vorgehen unterstützten die USA, die außerdem die französischen Kriegsausgaben zu 2/3 finanzierten. Seit dem Fall der Festung Dien Bien Phu stand die militärische Niederlage der Franzosen fest.

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Vom kolonialen zum antikommunistischen Krieg (S. 68 – 73)

Der Sieg der Kommunisten unter Mao Tse Tung in China 1949, der einen Schock in der amerikanischen Öffentlichkeit auslöste, bewirkte einen Schwenk in der Außenpolitik der USA. Aus der anfänglich antikolonialistischen Haltung, aus der heraus man die Viet Minh unterstützt hatte, wurde unter dem Einfluß der Revolution in China eine Kommunismusfurcht, die zur Unterstützung Frankreichs und der Schattenregierung Bao Dais führte. Der Kolonialkrieg zwischen Frankreich und Vietnam erfuhr durch das immer stärker werdende Engagement der USA eine Inter-nationalisierung und zugleich eine Ideologisierung. Für die Außenpolitik der USA wurde Vietnam zum Paradebeispiel des Kampfes der „freiheitlichen“ westlichen Demokratien gegen den „imperialistischen“ östlichen Kommunismus. Der ehemals verurteilte Krieg Frankreichs wurde jetzt von amerikanischer Seite als gerechter Kampf gegen die kommunistische Aggression interpretiert, der die volle Unterstützung der USA verdiente. Der Antikommunismus wurde die herrschende Ideologie, unter deren Deckmantel man reine Machtpolitik als Verteidigung gegen kommunistische Aggressoren, die jetzt überall gesehen wurden, deklarierte (Kalter Krieg). Denn Amerika gewährte Frankreich ja nicht finanzielle Hilfe- wie man dem amerikanische Volk weiszumachen versuchte – weil man den Vietnamesen ihre Freiheit (die sie unter französischer Herrschaft tatsächlich nie besessen hatten), erhalten wollte, sondern weil die USA ihre Vormachtstellung in der Welt von Rußland und China bedroht sahen und Vietnam als militärischen Stützpunkt in Indochina benötigten. Aus diesem Krieg führten die USA auch den Koreakrieg – so die Autoren. Als sich die französische Niederlage bei Dien Bien Phu abzeichnete und die USA ihre Chancen auf erfolgreiche Beendigung des Kriegs schwinden sahen, erwogen die französische und amerikanische Regierung sogar den Einsatz von Atombomben, deren durchschlagend Wirkung man noch von Hiroschima und Nagasaki in Erinnerung hatte. Dieser Plan scheiterte jedoch am Einspruch Englands. Stattdessen entschloß man sich zu Verhandlungen in Genf.

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Die Genfer Indochinakonferenz (S. 73 – 77)

Vom 26.April bis zum 21. Juli 1954 fand die Genfer Indochinakonferenz statt. Die wichtigsten Bestimmungen dieser Konferenz sind: Die Truppen der DRV ziehen sich nördlich des 17. Breitengrades, die französischen Truppen südlich davon zurück. Ausländischen Truppen und Militärpersonal wird die Stationierung wie auch die Lieferung jeglicher Art von Waffen untersagt. In den Umgruppierungszonen der beiden Parteien werden keinerlei Militärstützpunkte fremder Staaten errichtet werden. Die militärische Demarkationslinie am 17. Breitengrad ist eine provisorische Linie und darf keinesfalls als eine politische oder territoriale Grenze interpretiert werden. Im Juli 1956 werden unter der Kontrolle einer internationalen Kommission Wahlen stattfinden. Die zuständigen Behörden der nördlichen und südlichen Zone Vietnams sowie diejenigen von Laos und Kambodja dürfen keine individuellen oder kollektiven Repressalien gegen Personen oder deren Familienangehörige dulden, die während des Krieges in irgendeiner Form mit einer der Parteien zusammengearbeitet haben. Die Vertreter der Viet Minh lehnten es zuerst ab, den militärischen Konflikt ohne gleichzeitige politische Lösung zu beenden. Sie forderten sofortige Wahlen. Da nach amerikanischen Schätzungen mindestens 80% der Bevölkerung für Ho Chi Minh waren, hätte dies den Sieg der Viet Minh und ein einiges Vietnam als Folge gehabt. Unter dem Druck Chinas und Rußlands jedoch, die den französischen Vorschlag von Wahlen in zwei Jahren befürworteten, gab die Abordnung der DRV nach und unterzeichnete auch den Passus des Vertrages, der die vorläufige Teilung des Landes vorsah. Die Regierung Bao Dais legte gegen den Vertrag Protest ein. Auch die USA verweigerten ihre Unterschrift, aber legten sich in einer Zusatzerklärung weitgehend auf dieselben Bedingungen fest.

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Die Entwicklung in den beiden Teilstaaten (S. 78 – 101)

Nordvietnam (159.000 qkm, 12 Mio. Einw.)

Die Wirtschaft Nordvietnams befand sich nach dem Indochinakrieg in einer chaotischen Lage. Das Verkehrsnetz, Fabríken und Plantagen waren verwüstet und das Land stand am Rand der Hungersnot. Zur gerechten Verteilung des Besitzes wurde eine Landreform durchgeführt, wobei es zu vielen Ungerechtigkeiten kam. Der Unmut entlud sich 1956 in lokalen Bauernaufständen, die von der Armee niedergeschlagen wurden. 1958 setzte in Nordvietnam unter der Führung Ho Chi Minhs die eigentliche Kollektivierung ein, die eine rationelle Bewirtschaftung des Landes möglich machen sollte. 1963 waren ca. 88% aller Bauernfamilien in Kooperativen verschiedener Stufen zusammengefasst. Die Landwirtschaft machte große Fortschritte. Die Anbaufläche wurde vergrößert, immer größere Flächen des Lande wurden bewässert; es gelang, ohne die 250.000 Tonnen Reis aus dem Süden zurechtzukommen, die vor 1954 benötigt wurden. Die Industrialisierung Nordvietnams vollzog sich in mehreren Etappen (Jahresplänen). Die Elektrizitätserzeugung wurde verbessert, die Kohleförderung wieder aufgenommen und eine eigene Stahlproduktion in Angriff genommen.Im allgemeinen jedoch krankte die Wirtschaft immer noch an mangelnder Energieerzeugung und einem unzureichenden Verkehrsnetz. Im ganzen machte das Land erhebliche Fortschritte auf wirtschaftlichem und sozialen Gebiet.

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Südvietnam (170.000 qkm, 10 Mio. Einwohner)

In Südvietnam, wo die Ausgangsbasis für den Wiederaufbau nur wenig besser war als im Norden (das Mekongdelta ist größtes Reisanbaugebiet) nahm der französische Einfluß nach 1954 allmählich ab (Algerienkrieg). An die Stelle Frankreichs traten die USA. Kaiser Bao Dai, der sein Land von der französischen Riviera aus regierte, ernannte Ngo Dinh Diem zum Premierminister. Diem stammte aus einer katholischen Familie. Seine Anhänger waren vor allem die Katholiken, seine Verwandtschaft die Großgrundbesitzer und ein Teil der Armee. Die Großgrundbesitzer, die sich von der Regierung eine Wiederherstellung ihrer Feudalrechte erhofften und diese auch erlangten, waren der sichtbarste Beweis dafür, daß sich in Südvietnam im Vergleich zur Kolonialzeit wenig änderte. Um sein Menschenpotential zu vergrößern, lockte Diem in einer Propagandakampagne ca. eine Million Katholiken aus dem Norden in seinen Herrschaftsbereich (Umsiedlungsprogramm). Innenpolitisch mußte er sich zunächst gegen etliche Sekten durchsetzen; danach ließ er in einer manipulierten Volksabstimmung die Monarchie abschaffen und die Republik einführen. 1956 schrieb seine Regierung Wahlen für eine konstituierende Versammlung aus. Auch dieses Wahlen wurden gefälscht. Schon im Herbst 1954 begannen die USA, die Ausbildung der südvietnamesischen Armee zu übernehmen. Die Nachrichtenbeschaffung und die Ausbildung von Agententruppen, die ab 1957/58 nach Nordvietnam eingeschleust wurden, gingen an die CIA über. Zudem kettete massive amerikanische Wirtschaftshilfe (counterpart fond financing) Südvietnam immer stärker an den Koloß im Westen. 1958 machte die amerikanische Wirtschaftshilfe 62% des gesamten Staatshaushaltes aus. Die von der Bevölkerung heftig geforderte Landreform scheiterte am Widerstand der Großgrundbesitzer, so daß die großen Kautschukplantagen unangetastet blieben. Die landwirtschaftliche Produktion blieb weitgehend hinter dem Vorkriegsstand zurück.

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Ursachen und Beginn des dritten Indochinakrieges (S. 102 – 127)

Ursachen

Die legalen Möglichkeiten oppositioneller Gruppen wurden in den ersten Jahren der südvietnamesischen Republik ausgeschaltet. Schon 1954 unterwarf die Regierung die Zeitungen einer strengen Zensur. Bis 1958 waren alle kritischen Zeitungen verboten. Der Präsident wurde von der Verfassung mit dem Recht ausgestattet, eine zeitweilige Aufhebung „der Rechte der freien Wahl des Wohnsitzes, der Rede- und Pressefreiheit, der Versammlung und des Zusammenschlusses“ zu verfügen. Zur Durchsetzung der zahlreichen Verordnungen und Gesetze standen Geheimpolizei und zahlreiche geheimpolizeiähnliche Organisationen zur Verfügung. Außerdem waren sämtliche wichtigen Regierungsposten des Landes von Mitgliedern der Familie Diems besetzt. Gegen die Viet Minh – Sympathisanten begann die Kampagne unter der Parole: Denunziert die Kommunisten! Zahlreiche Säuberungsaktionen wurden durchgeführt, Verdächtige brachte man in Konzentrationslager, sog. „ Umerziehungslager“, sofern man sie nicht gleich umbrachte. Die Bevölkerung begann, Demonstrationen zu organisieren, die mit Waffengewalt niedergeschlagen wurden. Diese Aktionen hatten aber nur die Verschärfung der Militärdiktatur zur Folge. Während Diem die Macht seiner Familie etablierte, ging das Jahr 1956 ohne die in Genf vereinbarten gesamtvietnamesischen Wahlen vorüber. Unterstützt von den USA weigerte sich Diem, diese abhalten zu lassen. Als Begründung führte er an, die Zustände in Nordvietnam lieferten keinerlei Garantie für die Durchführung demokratischer Wahlen, außerdem fühle er sich nicht an das Genfer Abkommen gebunden, da es seine Regierung nicht unterzeichnet habe. Die nordvietnamesische Regierung hatte sich zu Wahlen unter internationaler Kontrolle bereiterklärt.

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Beginn des organisierten Widerstandes

1959 änderten die Viet Minh ihre Strategie. Sie hatte bis Ende dieses Jahres Gewaltlosigkeit propagiert und gestattete in der Folgezeit nur dann Gewaltanwendung, wenn die Selbstverteidigung es erforderte. Die Aufgabe der Widerstandskämpfer war eine dreifache: Sie mußten sich bewaffnen,sie mußten der Bevölkerung klarmachen, daß nur eine Ende der Herrschaft Diems eine Verbesserung der Verhältnisse herbeiführen konnte, sie mußten die Hauptexponenten der Regierungsgewalt beseitigen.. Allmählich setzte sich bei bei einem Großteil des Volkes die Überzeugung durch, daß nur durch Gewalt etwas gegen die Saigoner Regierung zu erreichen war.. So konstituierte sich im Dezember 1960 die Nationale Befreiungsfront. Ihr außenpolitische Konzeption (Programm der zehn Punkte) erwies sich zunächst als neutralistisch: Südvietnam sollte nach Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit diplomatische Beziehungen zu allen Ländern gleich welcher politischen Verfassung aufnehmen; es sollte keinem militärischen Bündnis beitreten und von jedem beliebigen Land Wirtschafts- und andere Hilfe annehmen, sofern diese an keine Bedingungen geknüpft wird. Die Wiedervereinigung mit dem Norden, zuerst noch stark betont, wurde dann zweitrangig gegenüber der Notwendigkeit, die Diktatur Diems zu beenden. Die Nationale Befreiungsfront FNL (frz. Front Nationale de Libération), später meist als Vietcong bezeichnet, setzte sich nicht nur, wie die USA und auch die südvietnamesische Regierung immer wieder behaupteten, aus Kommunisten (Anhänger der Viet Minh) zusammen. Abgesehen von den alten Anhängern Ho Chi Minhs im Kampf gegen Frankreich gehörten ihr auch die Demokratische Partei, die Radikalsozialistische Partei, Vertreter anderer religiöser und politischer Gruppierungen (z. B. Buddhisten) und Vertreter der Bergstämme des westlichen Hochlandes an (Diem hatte diese Stämme, die nationale Minderheiten in Vietnam darstellten, durch völlige Mißachtung ihrer Rechte und große Säuberungsaktionen zu Feinden gemacht). Die DRV, die sich im chinesisch-sowjetischen Ideologiestreit auf die Seite Moskaus stellte unterstützte den sich organisierenden Widerstand im Süden zunächst nur mit propagandistischen Mitteln. Noch 1963 sprach sich Ho Chi Minh für einen Waffenstillstand zwischen FNL und der südvietnamesischen Regierung aus. Auch später, als Nordvietnam Soldaten und Waffen schickte, blieb sein Einfluß innerhalb der FNL begrenzt. Die FNL richtete ihre Strategie (Schema der drei Etappen) nach den Prinzipien des revolutionären Krieges aus, die von Mao Tse Tung entwickelt und in „Über den langdauernden Krieg“ niedergelegt worden waren.

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Der nationale Befreiungskampf (S. 128 -152)

Die eigentliche Verwicklung der USA in den Konflikt begann, als der Staley-Taylor Plan (der ursprünglich eine Liberalisierung und Dezentralisierung in Südvietnam forderte) in die Tat umgesetzt werden sollte. Dieser Plan hatte in Grundzügen folgenden Inhalt: Es galt, die Partisanen, die immer mehr Macht gewannen, von der Bevölkerung zu isolieren; dies sollte durch den Bau von strategischen Dörfern geschehen, in die ein Großteil der Bevölkerung umgesiedelt werden sollte. Die Gründe, die die Bevölkerung veranlassen konnten, mit der FNL zu sympathisieren, mußten beseitigt werden und die Partisanen mußten wirksam bekämpft werden. Dies sollte durch militärische Aufrüstung der Regierungstruppen geschehen, die auf Guerillataktik umgestellt werden sollten. Da es den südvietnamesischen Truppen an Einsatzbereitschaft und militärischer Erfahrung mangelte, mußten sich die Streitkräfte der Vereinigten Staaten mit Aktionen wie der Partisanen-bekämpfung befassen. Dörfer, die im Verdacht standen, Partisanen zu beherbergen, wurden mit Napalm bombardiert, Dschungelgebiete, die als Verstecke der Partisanen galten, wurden durch den Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln „entlaubt“. Die „Entlaubung“ beschränkte sich freilich nicht nur auf Dschungelgebiete, sondern traf auch landwirtschaftliche Nutzflächen, außerdem kamen Menschen und Vieh zu Schaden. Der Erfolg des Staley-Taylor Plans war gering. Das Programm der strategischen Dörfer scheiterte am Widerstand der Dorfbewohner.

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Der Sturz der Regierung Ngo Dinh Diems (S. 140 – 149)

Die sich häufenden Gewaltaktionen der Regierung Diems riefen immer heftigere Opposition in allen Kreisen der Bevölkerung hervor. 1963 potenzierte sich der Widerstand der schon lange benachteiligten Buddhisten. Durch Selbstverbrennungen machten sie die Weltöffentlichkeit auf die Willkürherrschaft der Saigoner Regierung aufmerksam. Diese Vorfälle machten Diem so unpopulär, daß sich die Regierung in Washington gezwungen sah, sich von ihrem ehemaligem Günstling zu distanzieren. Im November 1963 übernahmen die Militärs in einem von der Regierung Kennedy gebilligten Staatsstreich die Macht. Diem und sein Bruder, der das Amt des Geheimdienstchefs bekleidet hatte, wurden ohne Gerichtsverfahren hingerichtet. In der Folgezeit trat vorübergehend eine Liberalisierung ein, die jedoch von den sich befehdenden Generälen wieder rückgängig gemacht wurde. Die Regierungen wechselten ständig, bis schließlich ein Rat der Generale mit Nguyen Van Thieu als Staatspräsident und Nguyen Cal Ky als Premierminister die Macht übernahmen.

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Der amerikanisch – vietnamesische Krieg

Vietnam als Modellfall (S. 152 – 187)

Ein kommunistischer Sieg in Südvietnam, erklärte Robert McNamara 1965, „würde ferner das Prestige der Rotchinesen bei den blockfreien Staaten erheblich vermehren und die Position ihrer Anhänger überall stärken. In diesem Fall müßten wir uns darauf gefaßt machen, es mit der gleichen Form der Aggression auch in anderen Teilen der Welt aufzunehmen, und zwar überall dort. Wo eine Regierung schwach und das Sozialgefüge nicht gefestigt ist.“ Laut McNamara sind die USA also berechtigt, überall einzugreifen, wo soziale Unruhen entstehen und diese zu unterdrücken, da soziale Unruhen gleich kommunistische Aggression gesetzt werden. Hierbei spielt es keine Rolle mehr, ob die Aggression von außerhalb oder innerhalb des betreffenden Landes kommen. In Vietnam konnte man die Aggression Nordvietnams mit einem Neid auf das angeblich viel weiter entwickelte Südvietnam begründen.

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Eskalation des Krieges auf Nordvietnam, der totale Krieg (S. 174 ff.)

Bis Ende 1963 beschränkten sich unter der Kennedy – Regierung die direkten Aktionen gegen Nordvietnam auf sich häufende Sabotageunternehmen und die Entsendung von CIA-Agenten nach dem Norden. Diese Aktionen wurden unter Präsident Johnson forciert, um einen Angriff auf Nordvietnam vorzubereiten. Aus Anlaß der von den USA provozierten Zwischenfälle im Golf von Tonking, bei denen es zu einem Schußwechsel zwischen amerikanischen und nordvietnamesischen Schiffen kam, unternahmen die USA am 30. Juli 1964 einen großangelegten Vergeltungsangriff auf Nordvietnam. Der offiziellen Darstellung der USA- Regierung, sie habe nur auf eine kommunistische Offensive geantwortet, muß man entgegenhalten, daß schon vor dem 30. Juli amerikanische Kriegsschiffe nach Informationen aus Nord- und Südvietnam zwei Inseln im Golf von Tonking angegriffen hatten. Außerdem waren schon länger Pläne für einen Krieg gegen Nordvietnam ausgearbeitet worden (Rostow- Plan). Als weder China noch Rußland Anstalten machten, Nordvietnam zu unterstützen, begannen die USA im Februar 1965 mit dem Krieg gegen Nordvietnam. Die amerikanischen Streitkräfte wurden im Verlauf des Jahres auf 180.000 Soldaten verstärkt. Die „befreiten“ Gebiete der Nationalen Befreiungsfront erklärte man zu „freien Zonen“ für die amerikanischen und südvietnamesischen Streitkräfte. Nach vorgehenden Warnungen belegte die amerikanische Luftwaffe diese Zonen mit einem Bombenteppich. Während man sich früher damit begnügt hatte, im Dschungel angelegte Reisfelder der Partisanen kurz vor der Ernte zu zerstören, wurde jetzt ein umfassendes Erntezerstörungsprogramm ausgearbeitet. 1966 begann die amerikanische Luftwaffe , das mühselig angelegte Deich- und Bewässerungssystem des Deltas des Roten Flusses in Nordvietnam zu zerstören, was in diesem dicht besiedelten Gebiet zu Überschwemmungs- und Hungerkatastrophen führen mußte. Unter dem Vorwand, Laos (Ho Chi Minh Pfad) und Kambodja unterstützten Nordvietnam, dehnten die USA den Krieg auch auf diese Länder aus. Das amerikanische Militärpotential in Vietnam wurde ständig erhöht. Amerikanische Soldaten in Vietnam 1965 181.000

1966 400.000

1967 500.000

Die unaufhörlich steigenden Kriegsausgaben und die wachsenden Gefallenenziffern riefen den Widerstand der amerikanischen Öffentlichkeit hervor, die immer mehr die Zweifelhaftigkeit des amerikanischen Einsatzes in Vietnam erkannte.

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Martin Luther King gegen den Vietnamkrieg 1967 in Minnesota

© Minnesota Historical Society

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Wie sind diese historischen Fakten nun umgesetzt? Das Referat damals sagt dazu nichts aus, der Text zur Umsetzung wurde 2013 verfasst. Zur Umsetzung wurde damals mündlich referiert. Eine gewisse Entpersönlichung wird von Anfang an erreicht, indem die Schauspieler mit Nummern versehen sind. Der Autor Peter Weiss führt im Vorspann dazu aus:“ Das Stück benötigt 15 Schauspieler, die bezeichnet sind mit den Ziffern 1 bis 15, davon zwei weibliche mit den Ziffern 5 und 6. Zwei Helfer, A und B, tragen die jeweiligen Requisiten heran und wieder ab. Im Bedarfsfall können zwei weitere Helfer hinzugezogen werden.“1

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Ein Beispiel, wie die chinesische Eroberung inszeniert ist. Aus NO treten vor 1,2,3,4,5,6 als Volk der Viet in Van Lang und bilden eine geschlossene Gruppe

1 2 3 Wir Bauern Jäger und Fischer

vom Volk der Viet

leben im Süden des Flusses Jangtse

6          Unser König ist vermählt

mit der Tochter des Großen Seedrachens

4         Aus dem Meer geboren

wurden unserm König

hundert Söhne

1         Hundert Fürstentümer hat unser Land

Gruppe 9,10, 11, 12, 13 als Bauernsoldaten aus NW nähert sich drohend der Gruppe der Viet. 14, 15 als chinesische Krieger schließen sich den Bauernsoldaten an. 14 weist auf die Gruppe der Viet.

14       Das Land der Viet ist fruchtbar

ihre Flüsse sind reich an Fischen

Aggressive Bewegung der Gruppe der chinesischen Bauernsoldaten. Die Gruppe der Viet in Verteidigungsstellung.

2         Die Armeen der Wu

bedrohen unser Land

Gruppe der Bauernsoldaten in heftiger Bewegung in die Gruppe der Viet, die weit auseinanderweicht.

4 5 6   Die Armeen der Wu

besetzen unser Land

2        Sie nehmen uns die Ernte weg

1        Sie fordern uns die Fische ab

4        Sie plündern unsre Scheunen

3        Wir sollen Dienst tun in ihrer Armee

5         Unsre Fürsten sind dem Feind nicht gewachsen

4         Der Feind hat bessre Waffen

Die Viet sammeln sich zu einer dichtgeschlossenen Gruppe. In einem Halbkreis hinter ihnen in N formieren sich die Bauernsoldaten.

3          Eher verlassen wir unser Land

als daß wir uns unterwerfen

4          Hier liegen unsre Vorväter begraben

6          Die Geister der Ahnen werden uns begleiten

4 5       Mit unsern hundert Fürsten ziehen wir nach Süden

2 3      Wir werden ein Land finden mit einem großen Strom

1         Wir werden ein reiches und fruchtbares Land finden 2

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Zu den Abkürzungen meint Weiss in der Vorbemerkung: „ Die Bewegungen der Figuren vollziehen sich im Rahmen der angegebenen Himmelsrichtungen N, NO, O, SO, S, SW, W, NW.“ 3 Ein Beispiel für einen Chor-Einsatz – Weiss: „Wir führen Chöre ein, wenn einer umfassenderen Stellungnahme Gehör verliehen werden soll“ findet sich

nach der Flucht der Vietnamesen in den Süden:

Chor       Hier gründen die Völker der Viet

die auszogen aus dem Reich der Mitte

das Königreich Viet Lac 5

Der Chor hat also eine ähnliche Funktion wie in der Antike. In der antiken Tragödie hatte er hauptsächlich Kommentarfunktion, das heißt, er hat das Geschehen erklärt.

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Über Kaiser Le Loi, der 1427 die Unabhängigkeit gegenüber der Ming-Dynastie von China militärisch sichern konnte, steht folgendes geschrieben: 8 (Bauer Vietnams), 10 (Obere Vietnams)

8           Seht den Heerführer Le Loi

Er vertreibt die Fürsten und Landherrn

Jagt sie ins Meer

10         Bringt die Reichtümer der Fürsten

dem Heerführer Le Loi

daß er sie zu euerm Besten verwalte

Alle zu einer geschlossenen Truppe.In der Mitte vorne Le Loi und sein Oberer (1-8 Bauern Vietnams)

1 2 4      In seiner Gerechtigkeit

verteilt der Kaiser Le Loi das Land

Jeder Bauer erhält ein Stück Land

5 7        Der Kaiser Le Loi verteilt das Land

an seine Generäle und Getreuen

3          Er ernennt sie zu Prinzen und Fürsten

4          Er verteilt das Land

an seine Brüder und Vettern

(9 und 10 Obere Vietnams)

9         Ein jeder erhält so viel Land

wie es seinem Rang und Verdienst entspricht

10       Der Kaiser befiehlt

daß jedem Bauern

ein kleines Stück Feld

gegeben werde

1 2 4    Le Loi ist ein strenger

und gerechter Kaiser

Er hat viele neue

Gesetze erlassen 6

Nicht zuletzt etablierte Le Loi die Le – Dynastie.

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Lassen wir den Chor bei der Kolonisierung Vietnams durch die Franzosen im 19. Jahrhundert zu Wort kommen. 1859 wurde Saigon erobert. 1862 bis 1867 besetzten Truppen Napoleons III. Cochinchina.

Instrumentaleinsatz. Chor des Volkes.

Chor   Tiefer als die Schlucht

ist unser Haß

Größer als die Berge

ist  unser Zorn

Aus der tiefen Schlucht

über die Berge

dringt unser Ruf

nach Befreiung 7

Nicht verschweigen möchte der Autor in der Behandlung dieses Stadiums in der Chronologie am Schluß des Stückes, dass in dieser Zeit von 1858 bis 1860 England und Frankreich den Opiumkrieg gegen China führten. Auch an der vietnamesischen Küste landeten damals französische Kriegsschiffe.

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Weiter geht es 1883 und 1884, als das französische Protektorat über Tonking und Annam errichtet wird. Den französischen Kolonisatoren wird hier in den Mund gelegt:

11     Die Bergwerksgesellschaft von Tonking

hat in diesem Jahr über fünfhunderttausend

Tonnen Steinkohle exportiert

12     Die Portland Zementgesellschaft bei Hai Phong

verzeichnet eine Gewinnsteigerung

von siebzig Prozent

13     In Cai Bau und Dong Trieu

haben wir Gruben erschlossen

zur Förderung von Zink Blei und Mangan

14     Die Kolonialwarenhändler im Mutterland

erhielten in dieser Saison aus Indochina

zum Verkauf

eine Million Tonnen Reis

15     Frankreich hat das alleinige

Handelsrecht mit Indochina

Frankreich bestimmt

die Einkaufspreise  8

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Keine Streiks wollen die vietnamesischen Verbündeten der Franzosen

9 10   Es ist streng darauf zu achten

daß auf den Plantagen und in den Fabriken

keine Gruppenbildung unter den Arbeitern entsteht

Jede Tendenz zu einer politischen Betätigung

sowie andre Zeichen von Aufsässigkeit

und moralischem Verfall

sind energisch zu bekämpfen 9

Im nächsten Stadium fordert dann Ho Chi Minh bei der Versailler Friedenskonferenz 1919 die Autonomie für Vietnam.

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Im zweiten Teil wird in Washington am 3. April 1954 in Washington in einer Geheimen Konferenz im Außenministerium die geostrategische Bedeutung Südostasiens deutlich gemacht.

Leuchtbild

Thruston Morton

Referent des Außenministers

für Kongreßangelegenheiten

14    Die Länder Südostasiens

haben eine Bevölkerung von Hundert

Fünfundsechzig Millionen

Hier werden fünfundachtzig Prozent

der Weltproduktion an Kautschuk gewonnen

und zweiundachtzig Prozent des Zinns

In  Indochina gibt es

hochwertigen Anthrazit

Kupfer und Eisenerz sowie

noch unerschlossene Lager von Mangan

Bauxit und Tungsten

Als einziges Land Asiens

produziert des einen Überschuß

an Reis

Wer immer darüber Kontrolle ausübt

hält die Versorgung Japans Indiens

Malayas Javas und der Philippinen

in der Hand

Aufgrund seiner Lage kann Indochina

die Verbindungen kontrollieren zwischen

dem Pazifischen und dem Indischen Ozean

Das neue Kraftzentrum

des Weltkommunismus

liegt in China 10

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Bei der Geheimsitzung des Nationalen Sicherheitsrates werden dann auch noch die hohen Funktionen von Ministern in der Wirtschaft genannt.

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George M Humphrey, Finanzminister in der Regierung Eisenhower

Vorsitzender des Aufsichtsrates der M A Hanna Company Kohle Eisenerz Stahl

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Charles E Wilson, Verteidigungsminister in der Regierung Eisenhower

Präsident der General Motors Corporation

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John Foster Dulles, Außenminister

Direktor der International Nickel

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Nelson A Rockefeller, Minister für Gesundheitswesen Erziehung und Wohlfahrt

Mitbesitzer der Standard Oil New Jersey, Eigentümer der Chase Manhattan Bank

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Roger Kyes, Staatssekretär im Verteidigungsministerium

Vizepräsident der General Motors Corporation

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Harold E Talbot, Minister für Luftwaffe

Direktor der Chrysler Corporation

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Das Stück ist heute noch von Bedeutung. Die USA haben in Vietnam keine Glaubwürdigkeit entwickelt. Sie haben sich mit rechten Diktatoren wie Diem verbündet, die Demokratie dann nicht akzeptiert, wenn sie bei ihrer Anwendung die Wahlen verloren hätten. Ein Schurke wird dann akzeptiert, wenn er eigenen Interessen dient, der Diktator ist eben „unser Schurke“. Ein hohes Maß an militärischer Gewalt wurde eingesetzt. Der Krieg forderte drei Millionen Tote, zwei Millionen Menschen wurden verstümmelt und weitere zwei Millionen Vietnamesen wurden von abgeworfenen Chemikalien verseucht. 58 000 US-Soldaten fielen. Die revolutionären Erwartungen des Autors wirken heute allerdings eher zu optimistisch. Wie der Chor aussagt: Es geht darum, die Grundlagen der Revolution zu zerschlagen. Danach werden die Erfolge der Demokratischen Republik Vietnams aufgeführt – u. anderem sehr viele Ärzte oder die Besiegung von Hunger, Krankheit und Armut.11

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„Heute fordern Kritiker wie Ludwig Marcuses- und Walter Hinck den Schriftsteller Weiss auf, doch mit einem Gewehr im Dschungel zu verschwinden. Der Amoklauf seiner Gegner wäre freilich ein schöneres Schauspiel für den Kapitalismus, als es ihm ein Theater bieten kann, das allzusehr Museum geworden ist, als daß es noch wesentliche Überbaufunktionen wahrnähme. Daher klagen auch die über seine Folgenlosigkeit, die schon längst darauf als Bauplatz reflektieren, um dort seis lukrativere, seis manipulativ funktionalere Unternehmen zu errichten.“12 Solche radikalen Forderungen wie die von Marcuse und Hinck ergeben sich sicherlich aus der linksradikalen Ausrichtung des Autors Weiss, der aus seiner Akzeptanz revolutionärer Gewalt nie einen Hehl macht. Die politische Theologie des Stückes ist der Kommunismus, der der Menschheit Befreiung vom Elend bringen wird. Sie kam in die öffentliche Wahrnehmung verstärkt Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, in der vor allem im akademischen Milieu eine radikale Kritik des Kapitalismus weit verbreitet war und die USA der Hauptfeind – mit der Entstehung der 68er Generation.

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Vietnam heute – kein Kommunismus mehr. Ein Autor führt im „Euro am Sonntag“ vom 1.2.2013 aus: „Vor 20 Jahren hat sich das Land für die Marktwirtschaft geöffnet. Ähnlich wie in China blieb die Führung aber sozialistisch. Das Modell funktioniert. In den Jahren 2000 bis 2010 wuchs das BIP mit Ausnahme des Krisenjahres 2009 immer um mindestens sieben Prozent. ‘Das Land geht denselben Weg wie China, es liegt allerdings noch 15 Jahre zurück’, ordnet Eugen von Keller, Chef der Hongkonger Investmentgesellschaft Xanadu, das Land am Mekong ein. Während China schon selbst entwickle, setzten Fabriken in Vietnam vorwiegend Teile zusammen. Die gestiegenen Lohnkosten beim ‘großen Bruder’ im Norden kommen der Wirtschaft Vietnams zugute. Ausländische Unternehmen in China verlagern einfache Fertigung zunehmend zum südlichen Nachbarn. Und immer mehr chinesische Firmen machen es genauso. Das sind vor allem Textil-, Elektro- und Maschinenbauunternehmen.“

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Auszug der Rezension von Günther Rühle in der FAZ vom 22.3.1968

„Dieses Stück trifft uns in einem, kritischen Augenblick; in dem der Krieg in Vietnam noch einmal eskaliert; in dem klar geworden ist, daß die Erwartungen von 1964, der Krieg sei schnell zu beenden, trogen und daß falsche Einschätzungen des Gegners und des Volkes zu falschen Maßnahmen führten; in dem McNamaras Abgesang über die Schwierigkeit, der Bevölkerung Süd-Vietnams ein eigenes Staatsgefühl als Halt für den Kampf zu geben, uns noch in den Ohren liegt; in einem Augenblick, in dem die Spaltung der Meinung über Rechtfertigung und Notwendigkeit dieses Krieges aus den USA zu uns herübergreift. Dieser Krieg beherrscht unsere Gedanken – nicht nur die der jungen Vietcong-Trabanten, die mit Eifer und Fahnen nach dem Ende der Aufführung die Bühne besetzten, als wollten sie das letzte Wort des Autors ‘Wir zeigten den Anfang, der Kampf geht weiter’ gleich realisieren. Man erlebte als letzten Akt zehn Minuten der Konfusion; Vordrängelei – Wichtigmacherei.“

1 Peter Weiss Vietnam Diskurs “Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des lang andauernden Befreiungskrieges in Viet Nam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika die Grundlagen der Revolution zu vernichten”, Frankfurt am Main 1968 (2. Auflage), S. 7

2 Ebd., S. 17 f.

3 Ebd., S. 6

4 Ebd., S. 5

5 Ebd., S. 19

6 Ebd., S. 43

7 Ebd., S. 67

8 Ebd., S. 72

9 Ebd., S. 74

10 Ebd., S.109 f.

11 Vgl. ebd., S.179 f.

12 Bernd Jürgen Warneken, Kritik am „Viet Nam Diskurs“ in: http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2009/4011/pdf/Warneken_Bernd_Juergen_ueber_Peter_Weiss.pdf, S.130

Veröffentlicht 13. Januar 2013 von schauerchristian in Dokumentartheater

Exilliteratur im Kampf gegen Nationalsozialismus

Bruno Frank, Die Tochter, Frankfurt Main/ Berlin 1990

In dem Roman wird unter anderem der deutsche Überfall auf Polen vom 1. September 1939 literarisch verarbeitet. Der Roman erschien zunächst 1942 in den USA, 1943 in deutscher Sprache. Er wird als bedeutender Roman der Exilliteratur eingeschätzt.

„Das Monstrum aus Stahl und Beton brach über die flache Grenze. Es zertrat das dünne Verteidigungsnetz, Stacheldrähte und Blockposten, so wie einfünftausend-pfündiges Flußpferd Schilf und Rohr am Ufer zerknickt. Und dahinter war nichts mehr. Die ‘Obersten’ hatten es kläglich verschmäht, das offenliegende Land in größerer Tiefe zu sichern: Vielleicht hätte ihr Paktfreund das übel vermerkt. Nun rollte sein Angriffsheer über die staubigen Straßen dieses verhängnisvoll trockenen Herbstes mit der Präzision eines Uhrwerks. Die ‘Obersten’ hatten vielleicht auch nicht deutlich gewußt, welch neuartiges Kriegsinstrument er sich unterm segnenden Auge westlicher Staatsweisheit da zusammengeschmiedet und -genietet hatte.  Mit Infanterie gab er sich längst nicht mehr ab. Das marschierte kein Mann mehr zu Fuß. Da gab es kein Pferd. Es gab nur die Maschine. Motorisierte Sturmregimenter, den schweren und den leichten Tank, schwere Panzerwagen und leichte, das motorisierte Feldgeschütz und die motorisierte Haubitze. Und zu Häupten der wanderenden Festung den Schwarm von Bombern und fliegenden Fechtern, der die Bläue verfinsterte. Polen war denn also das Opfer. Aber Polen stand nicht allein. Die Regierenden in England und Frankreich, gezwungen vom Volksgefühl, hatten den Buchstaben ihrer Verträge erfüllt und befanden sich gleichfalls im Krieg. Nun wartete alle Welt auf die Hilfsaktion dieser Starken. Nichts kam. Nichts konnte wahrscheinlich kommen. Denn die Staatsdenker in London und in Paris hatten kaum besser vorgesorgt als die ‘Obersten’. Die Welt war verblüfft.“ Das ist keine schmeichelhafte Analyse für die polnische Staatsführung.

„Sie war auch verblüfft über Polen“, fährt Frank fort. „Ein paar Monate wenigstens hätte es standhalten müssen! Aber nach zwölf Tagen bereits machten die amerikanischen Korrespondenten es klar, daß von seinem zerschmetterten Korps nur abgesprengte Reste noch kämpften, bloße Dessertbissen für das schon verdauende Raubtier. Wie war so etwas möglich! War denn nicht der polnische Staat als todesmutig berühmt? Das war er, mit Recht. Nur daß er – und die Korrespondenten machten es klar – eine altmodische Flinte in Händen hielt und daß bloß ein paar elende Kanonen da waren, um ihn zu decken.“ Später heißt es über das Vorgehen der Nationalsozialisten in Polen: „ Als sie kamen, kamen sie als Befreier, so wie ihre Flugzettel es verkündigt hatten. Und sie vermochten sich ihrem Befreiungswerk um so ungeteilter zu widmen, als ja die Streitmacht des Staates zusammengebrochen dahinten lag und hier im Süden (der Roman spielt in Galizien) kein organisierter Widerstand mehr zu befürchten war. Da trotz aller Ermunterung die Ukrainer es gänzlich versäumt hatten, die verrotteten polnischen Unterdrücker zu erschlagen, fiel diese Aufgabe naturgemäß ihnen selber zu. Sie vollzogen sie an Hand sorgfältig geführter Listen; ihre Emissäre im Stehkragen hatten da gewissenhafte Arbeit geleistet.“ Das ähnelt sehr dem Vorgehen des Nationalsozialismus in Warschau.“ Verhaftungen von Tausenden und aber Tausenden nach Namenslisten oder wegen ihrer vermuteten Zugehörigkeit zur Widerstandsbewegung, oder auch nur wegen des Verdachts der Zusammenarbeit mit solchen Organisationen. Schon die vermutlich negative Einstellung zu den Besatzern war ein ausreichender Verhaftungsgrund.2

Wie wirkt sich das Weltgeschehen auf die Protagonisten des Romans aus? Die Schutzstaffel dringt nach dem deutschen Sieg in das Städtchen am Dnjestr vor. Recha, die Mutter Elisabeths, und Heinrich werden vor der kleinen Villa bei einem deutschen Luftangriff auf die benachbarte Zuckerfabrik mit einer Maschinengewehr- Salve erschossen. Auch Notar Krasna muss sterben, nachdem er zwei Stunden nackt das Rathaus im Laufschritt umkreisen musste. Der Pfarrer Korzon wird vor dem Altar seiner Salvator-Kirche erschossen. Pjotr will Elisabeth vor dem NS-Hauptsturmführer Schaller schützen und erschlägt ihn. Dafür muss Pjotr mit dem Leben bezahlen. Diese Szene wird ausführlich geschildert. Der erschlagene Schaller ist der einzige Sohn jenes Rittmeister Ferdinand Schaller, der Pattay auf dem Gewissen hat. Der Rittmeister war nach der Bluttat zu den Russen übergelaufen. Der erschlagene Schaller – das ist das Ende des Romans, er beginnt jedoch mit Pattay und Recha. Im Jahre 1913 hat die Wiener Adlige Sofie Weikersthal die Nase voll von den vielen Affären ihres Neffen, des Grafen Franz von Pattay. Der eingeschaltete Kaiser beschließt, dass der Oberleutnant zur Strafe in ein Regiment nach Galizien versetzt wird. Die kleine Garnisonsstadt liegt an der östlichen Grenze Österreichs am Dnjestr. Als Bursche wird dem Offizier dort Pjotr Gargas zugeteilt, der am Ende des Romans eine tragende Rolle spielt. Er ist ein breitschultriger Bauer aus der Ukraine. Die Hälfte der Bewohner der Stadt sind Juden. Bereits im Mittelalter wurden ihre Vorfahren nach der Pest zu Sündenböcken erklärt. „Millionen in Deutschland erlagen der Seuche, deren Ursprung geheimnisvoll war. Und die Fremdlinge trugen die Schuld. Die einst den Heiland ans Kreuz genagelt, sie hatten auch die Brunnen vergiftet, all das gute, klare, gesunde Wasser im deutschen Land, aus dem nun das Volk sich den Tod trank.“3  Vertrieben wurden sie aus dem Rheinland.

Zum Zeitvertreib vergnügen sich die Ulanenoffiziere in dem drei Stunden entfernten Lemberg. Im Varieté singt dort die berühmte Recha Doktor. Pattay hält sich dem närrischen Treiben zunächst fern. Er fährt allerdings aus Protest doch noch mit den Offizieren nach Lemberg, als Rittmeister Ferdinand Schaller, der offensichtlich antisemitisch eingestellt ist, die junge talentierte Sängerin eine „dreckige Judengeiß“ nennt. Über die judenfeindliche Haltung der dort hin kommandierten Soldaten heißt es: „Für diese Söhne von Wiener Bankiers und Brünner Fabrikanten war der Tonfall des Jiddisch, der Anblick der Figuren im Kaftan ein täglich erneuerter Stich.Denn ihr Ehrgeiz war es, in Manier und Rede ganz der Herrenklasse zu gleichen, ja vielleicht in gnädigen Ausnahmefällen zu ihr aufzurücken. Und furchtbar war ihnen die Vorstellung, einer der Offiziere könnte in Gedanken die Brücke schlagen zwischen ihnen und dieses Händlern. Eisig und zitternd blickten sie über die blassen Verwandten hinweg, die mit ausfahrenden Gesten vom Mittelmeer das Deutsch Herrn Walthers von der Vogelweide sprachen.“4

Pattay wiederholt die Fahrt ins entfernte Varieté so lange, bis Recha seine Liebe erhört. Recha ist Nachfahrin des Großrabbiners Schalom Schachna. Sie war in Wieniawa, einem Vorort Lublins, als vierzehnjährige Halbwaise von Kosaken beinahe vergewaltigt worden. Möglicherweise wird hier an eine von Chmielnicki angeführten Bauern- und Kosakenaufstand gegen die Adelsrepublik Polen-Litauen angespielt. Ihm vielen 1648 über 100.000 Juden zum Opfer, stellvertretend für die Adelsschicht. Die Soldaten hatten im letzten Augenblick von ihr abgelassen. Der Vater und ein Bruder Rechas wurden gehenkt. Rechas Tante Chana hatte das Häuschen, diesen unschönen Schauplatz, verkauft und war mit der Nichte zu Verwandten nach Berlin geflohen. Die Operetten-Karriere der Recha Doktor hatte hier ihren Ausgangspunkt. Der habsburgische Offizier Pattay beendet Rechas Bühnenlaufbahn. Er will die Jüdin zur seiner Frau machen. Zwar ist er pleite, doch er borgt sich beim Fabrikanten Daniel Zweifuß im Städtchen 20 000 Kronen zum Kauf der kleinen Villa am Dnjestr nahe der Zuckerfabrik. Zusammen mit Tante Chana bewohnt das junge Paar das neue Wohnhaus. Die Beziehung ist bald vor Ort bekannt.

Am 28. Juni 1914 kommt es zur tätlichen Auseinandersetzung zwischen Pattay und dem Antisemiten Rittmeister Schaller. „Das breite Gefäß aus weißlackiertem Blech, das Pattey in der Hand trug, es stammte aus einem von Herrn Löws Fremdenzimmern. Pattay schwang es hoch durch die Luft und hieb es krachend nieder auf den Tisch, gerade vor Schaller. Flachen und Gläser stürzten und ergossen ihren Inhalt. ‘So, Herr Rittmeister, da hast du ein Glas, aus dem hat bestimmt noch kein Jude getrunken.’ Schallers Stuhl fiel hinter ihm um, Es sah aus, als wollte er sich mit den Fäusten auf Pattay stürzen. Dann besann er sich und suchte nach seinem Säbel. Aber der lehnte mit anderen zusammen in der Taxushecke. Ehe der Rittmeister dorthin gelangte, hatten die Offiziere Zeit, sich dazwischenzuwerfen. Um Gottes willen, meine Herren, die Leute!’“5 Die Kampfhähne werden getrennt. Der kommandierende Oberst beurlaubt Pattay. Der Oberleutnant verbringt mit der Geliebten Recha einen schönen Sommer in den Karpaten. „Das Haus war neu, eben erst fertig geworden; in dem Lärchenholz, aus dem es erbaut war, knackte und krachte es, als atmeten die Bretter noch lebendig im Wald, der rechts hinunter den Abhang bedeckte. Ein Bergwasser blitzte und rauschte dort durch die hohen, licht stehenden Stämme. Nach links hin zogen sich Wiesen und gezirkelte Äcker sanfter bis dicht vor die ersten Häuser des Orts. Es war jener selbe ländliche Kurort am Karpatenabhang, wo Recha mit Chana alljährlich zwei Sommermonate zugebracht hatte.“6 Als die Russen mobilmachen, gelingt Pattay in Paradeuniform angesichts des Befehls zum Einrücken die überstürzte Kriegstrauung vor einem Bürgermeister. Vom Notar Krasna lässt der frischgebackene Ehemann ein Testament aufsetzen, in dem die Ehefrau als Alleinerbin eingesetzt wird. Am 5. August 1914 beziehen die Ulanen Stellung gegen die Russen. Am 24. August fällt Pattay auf einem Erkundungsritt. Er war allein geritten und mit Schüssen im Rücken aufgefunden worden. Rittmeister Schaller habe sich nahe beim gefallenen Grafen aufgehalten und sei seitdem vermisst, wie Chana herausgefunden hatte.7

Der Vater ist gefallen und wird sein Kind nicht mehr kennenlernen können. Nach dem Krieg kommt die kleine Stadt, in der der Roman spielt, mit anderen Teilen Galiziens zu Polen, das 1918/1919 seine Unabhängigkeit wieder gewinnt. Der oben schon erwähnte Marschall Pilsudski tritt als Großvater anonymisiert auf. Zur Unabhängigkeit äußert er folgendes: „Ihr wollt aber nicht solche Worte der Ermahnung von mir hören, sondern etwas, was eure Herzen erhebt. Ihr wollt von mir hören, was ihr schon wißt: daß ein heroischer Kampf endlich durch den Sieg gekrönt worden ist, daß unser langer Traum Wirklichkeit gewonnen hat. Ja, alles das ist wahr.“ Von zu viel Nationalismus hält er nichts: „Ich habe erwähnt, daß ich ein Litauer bin.Aber in diesem Augenblick hat etwas mich daran ermahnt, daß ein Teil meines Blutes noch viel weiter herstammt. In alter Zeit ist ein Vorfahr von mir übers Meer gekommen, aus Schottland, als ein Verfolgter, weil er seinem schottischen König die Treue gehalten hatte.An den Mann denke ich gern. So steht das mit mir. Und trotz alledem hat euer Bürgermeister mich so nennen können – wie er mich genannt hat.“8 Er fixiert dabei Elisabeth, die Tochter Rechas, deren Kleid schottisch gemustert ist.Heinrich Gelbfisch, jüdischer Warenhausbesitzer, kümmert sich wohl um die Witwe Recha als auch ihre Tochter. Pjotr kommt aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück, er wird die neue Bezugsperson Elisabeths.

Das Buch Hiob wird über den Leviathan eingeführt, der Pjotr die Hand abgebissen habe.9 Der Gegensatz von den Juden zu den Christen taucht wieder auf, wenn ein Erbe Elisabeths von 10.000 Kronen von der Konversion zum Christentum abhängig gemacht wird. Polnische Schülerinnen begegnen dem jüdischen Mädchen mit Aggressivität, es fällt das Wort „Judenkomteß“, ein Stein trifft Elisabeth und bricht ihr den vierten Finger der linken Hand. Danach wird sie nach Lausanne gebracht. Nach vier Jahren Aufenthalt in der Schweiz beordert Pjotr sie wegen des nahenden Todes von Chana nach Polen zurück. Ihre Tante fordert Elisabeth auf, Polen zu verlassen, weil sie weitere Pogrome befürchtet wie in Wienawa. „Hinter ihren geschlossenen Lidern sah sie die Hütte und das traurige Höfchen von Wienawa, sah sich selber eingesperrt in der Kammer, wie sie rasend am Riegel rüttelte, und draußen den Greuel: die zwei schwarzen Gestalten, die da von den Bäumen schwankten, und die Kosaken, die sich gleichmütig hermachten über das vierzehnjährige Kind.“10 Sie offenbart Elisabeth zudem, dass Schaller ihren Vater umgebracht hat. „Dieser antisemitische Schweinehund hat es getan.“11 „Dein Vater hat sterben müssen, weil er in uns Juden Menschen gesehen hat.“ Elisabeth erreicht mit ihrer Volljährigkeit 1936 eine Teilhaberschaft am Kaufhaus Gelbfisch. Sie eröffnet in dem Kaufhaus einen Buchladen und veranstaltet Dichterlesungen. Gegenüber Heinrich weist sie auf die antijüdische Stimmung im Land hin: „Liest der Mann nicht die Zeitung! Bloß die Überschriften braucht er zu lesen: ‘Unsern Bauern alle Verkaufsstände!’ ‘Polnische Märkte judenrein’ Und es hat schon geholfen. Die Bauern verstehen zwar nicht von diesem Geschäft, das weiß jeder. Aber die Juden sind weg, und das ist die Hauptsache. Die hatten alle nichts weiter als das bißchen Kleinkram auf ihrem Karren. Jetzt sitzen sie da. Und da gibt der Mensch 900 Zloty her – bei diesem Riesengewinn!“ … „Trotzdem – 900 Zloty! Vor vier Wochen war Passah, nicht wahr? In der Zeitung, die er nicht liest, stand deutlich, daß zwei Drittel der Juden am Ort um Hilfe einkommen mußten. Zwei Drittel hatten nicht Geld genug für ihr ungesäuertes Brot und ein anständiges Kleid für den Tempel. 900 Zloty – wahrhaftig.“12 Fassen wir die Ereignisse des Romans, dessen Ende schon bekannt ist, bis dahin noch zusammen. George Herkimer, Europakorrespondent aus Columbus/ Ohio lernt Elisabeth kennen. In Ausflügen mit Pjotr fahren sie mit Herkimers Auto bis nach Podolien. 1937 drängt Herkimer Elisabeth zum Verlassen Galiziens, wenig später folgt die deutsche Besetzung Österreichs. In Amsterdam begegnen sich Elisabeth und Herkimer wieder – bei einem Verleger namens Auerbach. Herkimer erfährt von den Gründen für Elisabeths verkrümmten Finger. Beide entfalten Zuneigung füreinander. Nach der Eroberung der „Resttschechei“ – wie die Nationalsozialisten den Vorgang bezeichneten – im März 1939 folgt der schon geschilderte Überfall auf Polen. Herkimer kehrt zu Elisabeth an den Dnejstr zurück. Er erreicht, dass sie mit ihm das Land verlässt. In Bukarest soll geheiratet werden.13

Kehren wir zu den gut gewählten Worten Franks zurück, mit  denen er die nationalsozialistischen Eroberung Polens beschreibt. „Denn mit  der Eroberungsmaschine zugleich zog ein anderes Heer ein, dessen Aufgabe nicht Landgewinn war, sondern Schrecken, Marterung, Erniedrigung  und Vertilgung. Alles was Schutzstaffel hieß, Schwarze Garde, Verfügungsgarde, Schutzpolizei und wofür es einen gemeinsamen Namen gab, den  sie selber sehr schätzten: die Mordkommandos. Kompakte Motorregimenter, schwarz oder grün uniformiert, Stahlpeitsche und  Maschinenrevolver im Gürtel und an der Mütze das stolz gezeigte Emblem: Totenkopf und Totengebein. Sie waren des Häuptlings rarstes Produkt, seine Auslese aus deutscher Jugend. Gutgenährte, muskelkräftige Burschen, in den heimischen Torturkellern und Tötungsbaracken an Sozialisten und Juden geschult. Sorgfältig, wissenschaftlich entmenscht – zu hochwichtigem Zweck. Denn auch Folter und Mord an unterworfenen Völkern war nur Vorbereitung für diese Elite. Dem Häuptling graute vor seinem eigenen Volk.  Es war ein schnellgläubiges, unmündig schwankendes Volk. Er hatte es erst in den Wahnwitz geschwatzt, dann in Knechtschaft geschreckt und gestreckt. Aber das Gespenst der deutschen Vergangenheit  schlurfte durch seine Nächte. Er wußte, was einmal kam. Ein Volk, dessen  freie Unsterbliche im Geistersaal an der oberen Tafel sitzen, wird nicht vollkommen eins mit einem giftigen Gauner. Einmal riß es die Augen auf  vor dem Abgrund verworfenen Elends, vor den es geführt war – und wollte zurück. Das war dann die Stunde. Für sie benötigte er nicht Regimenter, sondern Brigaden, Armeekorps seiner motorisierten Hyänen. Von ihnen ummauert, zog er jetzt ein, im Feiglingstriumph,  die Nüstern gebläht vom Brand- und Leichengestank. Dann kniete er auf  dem Wawel in Krakau am Grab des Marschall-Befreiers. Hier ruhen Polens Helden, Dichter und Könige, die Besten von denen, die für seine Freiheit gelebt und geblutet haben. Er wußte genau, was er tat. Es war erwogene Schändung. Er sah sich ja selbst: einen bluttropfenden schmierigen Strolch im Heiligtum der Nation. Polens Gegenwart zu zertreten war nicht genug. Seine finstere Posse am Grab sollte alle Geschichte, allen leidvollen Stolz austilgen aus polnischen Herzen.“ 14

Franks Worte zur Verführbarkeit der Deutschen in der nationalsozialistischen Zeit können in jeder Schule in der Deutschstunde vorgelesen werden. Auch für  Lesungen von „verbrannten  Dichtern“ eignet sich der Schriftsteller, der 1933 nach dem Reichstagsbrand nach Österreich emigrierte. Weitere Stationen seiner Emigration waren die Schweiz, Frankreich und England. Von 1939 bis 1945 lebte er in den Vereinigten Staaten. Befreundet war er vor allem mit Lion Feuchtwanger und Klaus Mann.

 

 

Fußnoten

1 Am 26. Januar 1934 unterzeichneten Reichsaußenminister Konstantin von Neurath und der polnische Botschafter Jozef Lipski (1894-1958) in Berlin einen auf zehn Jahre befristeten Vertrag. Beide Staaten verpflichteten sich, Probleme wirtschaftlicher, politischer und kultureller Art friedlich zu lösen, wobei letztgenannte sich hauptsächlich auf das Minderheitenproblem bezogen. Der Nichtangriffspakt enthielt keinen Verzicht auf Gebietsansprüche von deutscher Seite. Sonstige Zitate:Bruno Frank, Die Tochter, Frankfurt/Main Berlin 1990, S. 320 f. Und S. 329 f.

2 Wladyslaw Bartoszewski, Aus der Geschichte lernen? Aufsätze und Reden zur Kriegs und Nachkriegsgeschichte Polens, München 1986. S. 48

3 Bruno Frank, Die Tochter, Frankfurt/Main Berlin 1990.S. 16

4 Ebd., S. 19

5 Ebd., S. 64 f.

6 Ebd., S. 70

7 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tochter_(Bruno_Frank)

8 Bruno Frank, a.a.O., S. 106

Grundlage der Vorstellung des Leviathans sind alte Mythen aus Babylon und Kanaa und im Buch Hiob

10 Bruno Frank, a.a.O., S.210

11 Ebd., S. 212

12 Ebd., S. 242 f.

13 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tochter_(Bruno_Frank)

14 Bruno Frank, a.a.O., S. 323 f.

Veröffentlicht 1. September 2011 von schauerchristian in Exilliteratur

Calw und Hermann Hesse

Besuch in Calw im Juni 2015

Nachruf von Hermann Hesse auf seinen Bruder Hans, der sich das Leben genommen hat (Gesammelte Werke 10, S. 211)

„Die Lateinschule, welche auch mir viele Konflikte gebracht hatte, wurde für Hans mit der Zeit zur Tragödie, auf andere Weise und aus anderen Gründen als für mich, und wenn ich später als junger Schriftsteller in der Erzählung ‚Unterm Rad‘ nicht ohne Erbitterung mit jener Art von Schulen abrechnete, so war das leidensschwere Schülertum meines Bruders dazu beinah ebensosehr, Ursache wie mein eigenes. Hans war durchaus gutwillig, folgsam und zum Anerkennen von Autorität bereit, aber er war kein guter Lerner, mehrere Lehrfächer fielen ihm sehr schwer, und da er weder das naive Phlegma besaß, die Plagereien und Strafen an sich ablaufen zu lassen, noch die Gerissenheit des Sich-Durchwindens, wurde er zu einem jener Schüler, von denen die Lehrer, namentlich die schlechten Lehre, gar nicht loskommen können, welche sie nie in Ruhe lassen können, sondern immer wieder plagen, höhnen und strafen müssen. Es sind mehrere recht schlechte Lehrer dagewesen, und einer von ihnen, ein richtiger kleiner Teufel, hat ihn bis zur Verzweiflung gequält. Dieser Mann hatte unter anderen bösen Gewohnheiten die, daß er sich beim Abfragen dicht und drohend vor dem Schüler aufstellte, ihm mit schrecklichem Richtergesicht anbrüllte und dann, wenn der verängstigte Schüler natürlich versagte und ins Stottern geriet, seine Frage viele Male wiederholte, in einem rhytmischen Singsang, und dazu im Takt mit seinem eisernen Hausschlüssel auf des Schülers Kopf losschlug. Ich weiß aus späteren Erzählungen meines Bruders, daß dieser böse kleine Tyrann mit seinem Hausschlüssel zwei Jahre lang den kleinen Hans nicht nur Tag für Tag, sondern oft auch bis in die Angstträume der Nacht hinein gepeinigt hat. Oft kam er in einem hoffnungslosen Krampf von Kopfweh und Todesangst aus der Schule nach Hause.“

Das Geschehen spielt in der Stadt Calw am Rande des nördlichen Schwarzwalds am Fluß Nagold. Die Stadt wurde urkundlich erstmals 1256 nachgewiesen. Die Grafen von Calw wurden erstmals 1075 erwähnt. Die einflussreiche Adelsfamilie des Hochmittelalters belebte im 11. Jahrhundert das Kloster Hirsau wieder. Das dortige Kloster war 830 gegründet worden. 1345 kam die Stadt in den Besitz der Grafen von Württemberg. 1620 zählte die Stadt etwa 2.500 Einwohner. Sie war wohlhabend und bevölkerungsreich.

1534 wurde die Reformation in Calw eingeführt. Johann Valentin Andreae (1586 bis 1654) war Spezialsuperintendent vor Ort. Hier sorgte er für eine Erneuerung von Schul- und Sozialwesen. Auch die Armenpflege war sein Herzensanliegen. Im 30-jährigen Krieg herrschte soziale Not in der Stadt. Er gründete den Färberstift – mit Geldanlagen wohlhabender Handwerker und Tuchhändler. Calw urde 1634 durch das kaiserliche Heer zerstört, die Kirche angezündet. Nur etwa 1.500 Einwohner kehrten nach dem Krieg in die Stadt zurück. 1650 wurde die “Calwer Zeughandlungscompagnie” gegründet. Sie veredelte und vertrieb Textilien (“Zeuge”). Ihre Teilhaber wurden nicht selten reich. Bedeutend für Calw war auch der Handel mit Salz, Wein und Holz.

1692 wurde Calw wieder zerstört. Es waren die Franzosen unter General Melac. Zerstört wurde auch das Koster Hirsau. 1696 wurde in der Peter- und Paulskirche wieder gepredigt. Beim Wiederaufbau wurde gespart – man benützte ausgeglühte Steine der gebrandschatzten Kirche und des zerstörten Klosters Hirsau. 1884 musste das Schiff abgebrochen werden. Für die Kirchenbesucher bestand Lebensgefahr. Vier Jahre später, 1888, konnte die Kirche wieder eingeweiht werden. Neugotisch war der Stil. Nach dem 2.Weltkrieg versuchte man sich mit einer reinen Gotik. Die Namen der 219 Kriegstoten und Vermissten wurden in die Säulen des Kirchenschiffs eingemeißelt – sind sie richtig in einer Kirche mit dem Gebetsschluß? “Laß die Sonne Deiner Gnade leuchten über dem verheerten Lande.” 1

Evangelische Stadtkirche Peter und Paul

Evangelische Stadtkirche
Peter und Paul

„Das Giebenrathsche Haus stand nahe bei der alten steinernen Brücke und bildete die Ecke zwischen zwei sehr verschiedenen Gassen.Die eine, zu welcher das Haus gerechnet wurde und gehörte, war die längste, breiteste und vornehmste der Stadt und hieß Gerbergasse. Die zweite führte jäh bergan, war kurz, schmal und elend und hieß „Zum Falken“, nach einem uralten, längst eingegangenen Wirtshaus, dessen Schild ein Falke gewesen war.“ 2

Hans Griebenrath soll von seinem Vater versohlt werden, kehrt aber tot nach Hause. „Zu derselbe Zeit trieb der so bedrohte Hans schon kühl und still und langsam im dunklen Flusse talabwärts. Ekel, Scham und Leid waren von ihm genommen, auf seinen dunkel dahintreibenden, schmächtigen Körper schaute die kalte, bläuliche Herbstnacht herab, mit seinen Händen und Haaren und erblaßten Lippen spielte das schwarze Wasser… Niemand wußte auch, wie er ins Wasser geraten sei.“ 3

Hesse-Denkmal in Calw

Hesse-Denkmal in Calw

„Das Wanderbüchlein so in Ordnung zu halten, war allerdings eine von Knulps Liebhabereien. Es stellte in seiner Tadellosigkeit eine anmutige Fiktion oder Dichtung dar, und seine amtlich beglaubigten Einträge bezeichneten lauter ruhmvolle Stationen eines ehrenwerten und arbeitsamen Lebens, in welchem nur die Wanderlust in Form sehr häufiger Ortswechsel auffiel. Das in diesem amtlichen Paß bescheinigte Leben hatte Knulp sich angedichtet und mit hundert Künsten der Scheinexistenz am oft bedrohten Faden weitergeführt, während er in Wirklichkeit zwar wenig Verbotenes tat, aber als arbeitsloser Landstreicher ein ungesetzliches und mißachtetes Dasein hatte. Freilich wäre es ihm kaum geglückt, seine hübsche Dichtung so ungestört fortzusetzen, wären ihm nicht alle Gendarmen wohlgesinnt gewesen. Sie ließen den heiteren , unterhaltsamen Menschen, dessen geistige Überlegenheit und gelegentlichen Ernst sie achteten, nach Möglichkeit in Ruhe. Er war beinahe ohne Vorstrafen, es war ihm kein Diebstahl und kein Bettel nachgewiesen, angesehene Freunde hatte er auch überall; so ließ man ihn passieren, wie etwa in einem Hauswesen eine hübsche Katze mitleben mag, die jeder nachsichtig zu dulden meint, während sie unbekümmert zwischen allen den fleißigen und bedrückten Menschen ein sorgenloses, elegantes, prachtvoll herrenmäßiges und arbeitsloses Dasein verlebt.“ 4 Aus dem Leben eines Taugenichts- im Eichendorffschen Sinne – wird hier also berichtet. Ein Müller schickt bei Eichendorff seinen Sohn, den er einen Taugenichts nennt, weil der ihn die ganze Arbeit allein machen lässt, hinaus in die Welt. Froh und unbeschwert nimmt der Sohn seine Geige und verlässt ziellos sein Dorf.

Knulp durchstreift im Alter die alte Heimat: „Der nachbarliche Fliederbaum war alt und moosig dürr geworden, und das Lattenhaus im anderen Garten war zerfallen, und man mochte an seine Stelle bauen, was man wollte, es wurde nie mehr so schön und beglückend und richtig, wie alles einmal gewesen war.“ 5 Bemerkung dazu Mitte der 70er Jahre: Nach rückwärts gerichtete Sentimentalität – „es gibt nur vergangene Paradiese“. Der einsame Sonderling outet sich auch im Alter: „Er war außerhalb gestanden, ein Bummler und Zaungast, beliebt in den guten jungen Jahren, und allein im Kranksein und Altern.“ 6 Auch Knulps Ende wird als eine Art Schlaf beschrieben: „Als Knulp die Augen nochmals auftat, schien die Sonne und blendete so sehr, daß er schnell die Lider senken mußte. Er spürte den Schnee schwer auf seinen Händen liegen und wollte ihn abschütteln, aber der Wille zum Schlaf war schon stärker als jeder andere Wille in ihm geworden.“ 7 Und das sehr lange vor dem Roman „Schlafes Bruder“.

Knulp -Skulptur in Calw

Knulp -Skulptur in Calw

Auch in anderen Werken ist das Unstete ein konstanter Faktor:„Siddharta wanderte im Walde, schon fern von der Stadt, und wußte nichts als das eine, daß er nicht mehr zurück konnte, daß dies Leben, wie er es nun viele Jahre lang geführt, vorüber und dahin und bis zum Ekel ausgekostet und ausgesogen war. Tot war der Singvogel, von dem er geträumt. Tot war der Vogel in seinem Herzen. Tief war er in Sansara verstrickt, Ekel und Tod hatte er von allen Seiten in sich eingesogen, wie ein Schwarm Wasser eingesaugt, bis er voll ist. Voll war er von Überdruß, voll von Elend, voll von Tod, nichts mehr gab es in der Welt, das ihn locken, das ihn freuen, das ihn trösten konnte.

Sehnlich wünschte er, nichts mehr von sich zu wissen, Ruhe zu haben, tot zu sein. Käme doch ein Blitz und erschlüge ihn! Käme doch ein Tiger und fräße ihn! Gäbe es doch einen Wein, ein Gift, das ihm Betäubung brächte, Vergessen und Schlaf, und kein Erwachen mehr! Gab es denn noch irgendeinen Schmutz, mit dem er sich nicht beschmutzt hatte, eine Sünde und Torheit, die er nicht begangen, eine Seelenöde, die er nicht auf sich geladen hatte?“ 8

Aus dem Gespräch zwischen zwischen Govinda und Siddharta am Ende des Werkes: „Govinda sagte: ‚Aber ist das, was du ‚Dinge‘ nennst, denn etwas Wirkliches, etwas Wesenhaftes? Ist das nicht nur Trug der Maja, nur Bild und Schein? Dein Stein, dein Baum, dein Fluß – sind sie denn Wirklichkeiten?‘

‚Auch dies‘, sprach Siddharta, ‚bekümmert mich nicht sehr. Mögen die Dinge Schein sein oder nicht, auch ich bin alsdann ja Schein, und so sind sie stets meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und verehrenswert macht; sie sind meinesgleichen. Darum kann ich sie lieben. Und dies ist nun die Lehre, über welche du lachen wirst: die Liebe, o Govinda, scheint mir vor allem die Hauptsache zu sein. Die Welt zu durchschauen, sie zu erklären, sie zu verachten, mag großer Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu können, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten zu können.’“ 9

Man kann daher der Redaktion von Kindlers Literaturlexikon zustimmen, die das Werk folgendermaßen zusammenfasst: „Hesses Roman, der sich mit exotischen Wendungen, Archaismen und und einer gleichsam kultisch-rituellen Leitmotivtechnik in die indische Geisteswelt einzufühlen versucht, ist das Zeugnis eines Glaubens, der ’nicht die Erkenntnis, sondern die Liebe obenan stellt’…“ 10

Kehren wir von einem Ausflug nach Indien zu den Glasfenstern der Evangelischen Stadtkirche Peter und Paul in Calw zurück. Die Buntglasfenster wurden von 1886 bis 1914 in München gefertigt. Im Zweiten Weltkrieg beschädigt, wurden sie von 1950 bis 1952 wieder hergestellt. Das markanteste Fenster zeigt die Kreuzigung Christi. 11

1 Faltblatt des Evangelischen Pfarramtes an der Stadtkirche, Hindenburgstraße 14, Calw

2 Hermann Hesse, Unterm Rad, Frankfurt am Main 2013 (52. Auflage), S. 118

3 Hermann Hesse, ebd. S 164

4 Hermann Hesse, Knulp, Frankfurt am Main 1974, S. 13 f.

5 Ebd., S.116

6 Ebd., S. 117

7 Ebd., S. 128

8 Hermann Hesse, Siddharta, Frankfurt am Main 1973, S. 80

9 Ebd,. S.132

10 Manfred Kluge / Rudolf Radler, Hauptwerke der deutschen Literatur, München 1974,

S. 489

11 Monika Soffner-Loibl, Evangelische Stadtkirche Peter und Paul Calw, Passau o.J., S. 11

Veröffentlicht 9. Juli 2011 von schauerchristian in Calw und Hermann Hesse