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Der Kampf mit dem Tier / Anton Schnack – Heimatdichter und Expressionist / Sophie Benning – Das Leben ist ein Kitschroman / Marie Louise Allison – Also bin ich froh

 

Der Kampf mit den Tier

Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel

Pi Patel war mit seinem Zoo gekentert und überlebte mit einigen Tieren, darunter einem Tiger, der Richard Parker hieß „`Ist das nicht zum Lachen, Richard Parker? Wir sind mitten in der Hölle, und trotzdem fürchten wir uns vor der Unsterblichkeit. Sieh doch nur, wie nahe du schon bist! PRRRIIII! PRRRIIII! PRRRIIII! Hurra, hurraaa! Du schafftst es, Richard Parker, du schaffst es! Fang! UFF!‘ “

Ich warf den Rettungsring mit aller Macht. Direkt vor seiner Nase landete er im Wasser. Mit letzten Kräften reckte er sich und hielt sich daran fest.

‚Halt gut fest, ich ziehe dich an Bord. Du ziehst mit den Augen, ich mit den Händen. Gleich sitzen wir beide im Boot. Moment mal – wir sitzen beide im selben Boot? Bin ich denn noch bei Trost?‘

Erst da begriff ich, was ich gerade tat. Ich riss an der Leine.

‚ Lass den Rettungsring los, Richard Parker! Loslassen, sage ich! Ich will dich nicht hier oben haben, hörst du? Schwimm anderswohin. Lass mich in Ruhe. Weg mit dir. Meinetwegen kannst du ertrinken! Los ertrinke!‘

Mit kräftigen Stößen kam er näher. Ich schnappte mir ein Ruder. Ich stach damit nach ihm, wollte ihn wegstoßen. Ich stach daneben, und das Ruder fiel ins Wasser.

Ich nahm ein zweites. Ich steckte es in eine Dolle und zog, so fest ich konnte. Doch statt das Rettungsboot von ihm fortzubringen, drehte ich es nur ein wenig, und das eine Ende war Richard Parker näher denn je.

Ich würde ihm einen Schlag auf den Kopf versetzen! Ich hob das Ruder in die Höhe:

Er war zu schnell. Schon war er am Bootsrand und hievte sich an Bord.

‚Herr im Himmel!‘

Ravi hatte Recht gehabt. Die nächste Ziege war ich. Ich hatte einen nassen, schlotternden, halb ertrunkenen, keuchenden und hustenden ausgewachsenen dreijährigen bengalischen Tiger in meinem Rettungsboot. Richard Parker rappelte sich auf der Plane auf, unsicher auf den Pranken, seine Augen schossen Blitze, als sie in die meinen blickten, die Ohren hatte er angelegt, alle Krallen ausgestreckt. Sein Kopf hatte die Umrisse und die Farbe des Rettungsringes, nur mit Zähnen.

Ich drehte mich um, kletterte über das Zebra und sprang von Bord.“1

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Tiger träumt von Richard Parker

Pi Patel war ein belesener junger Mann und erinnerte sich im Umgang mit wilden Tieren an Anton Schnacks Roman „Der finstere Franz“. Er schildert das Leben des Piraten Francois L’Ollonais, der in den 60er Jahren des 17. Jahrhundert die Karibik unsicher machte. Er galt als extrem grausam. Mit 19 Jahren musste er auf der Insel Espanola ein großes Abenteuer bestehen. „L’Olonois, tief im feuchten Innern an einem Urwaldstrom rastend, vollbrachte etwas, das ihn berühmt unter der Buschläufergilde machte. Ein Trupp lagerte nach erfolgreicher Stierjagd am Fluß, der klares Wasser hatte, aber auch viele Krokodile. L’Olonois und der Jäger Herdue schleiften ihr Zelt an das Ufer, um es zu waschen; denn es war von Ochsenblut bespritzt, von Sumpferde vedrsdchmiert und vom grünen Holzrauch ganz geschwärzt und gebräunt. Während sie darum herumwuschen, schoß ein Kaiman aus dem dicken Pflanzenbrei auf sie zu, erwischte mit dem furchtbaren Gebiß die Zelthaut und tauchte damit freßgierig auf den klaren, hellen Sandgrund des Flusses hinunter. Aber L’Olonois hatte sich an einem Zipfel des Zeltstoffes festgehalten, um ihn aus den Zähnen des Tieres herauszureißen. Doch die Kraft des Tieres wurde größer. Das unterspülte Ufer gab nach. L’Olonois stürzte, immer noch den Zipfel der Telthaut festhaltend, in das Wasser. Zum Glück hatte er ein spitzes, mächtiges Jagdmesser im Gurt: denn das alte bissige Krokodil ließ das Zelt aus den Zähnen fahren und schwamm auf den Mann zu, um ihn zu schnappen und unter Wasser zu zerren.

Die Jäger, die auf das Geschrei des Kameraden Herdue zusammengelaufen waren, sahen im durchsichtigen Wasser den entsetzlichen Kampf zwischen Mensch und Tier. Ratlosigkeit und Schrecken machten sie unschlüssig . Einige schleiften große Stangen herbei, um nach dem Krokodil zu stechen, andere warfen unter Geschrei und Pfiffen faustdicke Steine nach dem Reptil. Der Jäger Wisnil hob schon seine Büchse in die Achsel, aber Tier und Mann gerieten unter Wasser und bildeten ein Knäuel, der sich um und um drehte.

Ein Blutfleck dunkelte bereits im Wasser. War er von ‚l’Olonois? Hatte ihn der schreckliche Rachen erwischt?

Das Wasser war voll Blasen, die mit zischendem Geräusch an der Oberfläche zerplatzten, Ein Strudel hatte sich um die beiden gebildet, aus dem unerwartet l’Olonois mit verzerrtem und grausamem Gesicht herausschoß. Das Messer blitzte in der rechten Faust, und hinter dem ans Ufer Schwimmenden breitete sich ein ekelhafter Blutkreis aus. L’Olonois hatte dem Tier den Bauch aufgeschlitzt, das nicht mehr an die Oberfläche kam, sondern mit ersterbenden Bewegungen auf dem Flußgrund dahintrieb.

L’Olonois stieg mit einem ungeheuren Freudenschrei aus dem Wasser. Die Jäger gaben ihm mit gewaltigen Schreien Antwort. Er war berühmt.“2

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François l’ Olonnais

Pi Patel bedauerte, dass er kein Krokodil vor sich hatte, sondern eine Tiger. Zudem war kein Jagdmesser vorhanden, da Pi Patel ja kein Jäger war, sondern Sohn des Zoodirektors. Sonst hätte er als Nachahmungstöter leichtes Spiel gehabt.

Er erinnerte sich als Literaturkenner auch an den Kampf mit dem Grizzly, den Old Shatterhand zusammen mit Winnetou so grandios in Old Surehand – Band 2“ nach Karl May ausgefochten hatten. Als der große mächtige Grizzly aufgespürt wurde, vollzieht sich das Geschehen folgendermaßen (Ich ist Old Shatterhand): „ Mir war gar nicht bange. Eine unbekannte Gefahr kann einen beunruhigen; sobald man sie aber kennt und nahe vor sich sieht, ist die Unruhe vorüber. Ich zog mein Messer auch mit der linken Hand und huschte an die Felsenkante zurück. Als ich um diese blickte, lag der Bär noch genau so wie vorher. Wahrscheinlich hatte er in der Nacht reichlich gefressen und schlief nun umso besser. Ich wußte, daß dies vor seinem Tod der letzte Schlaf sein werde, nahm einen Stein, trat um die Ecke und warf nach ihm.“ Pi Patel merkte auf – ja ein Stein müsste jetzt her und dachte „Ein Königreich für einen Stein“– so ähnlich dachte Richard III. schon. Auch David war gegenüber Goliath in der Bibel mit einem Stein erfolgreich. „ Dann läuft David zu Goliath hin. Er holt einen Stein aus seiner Tasche, legt ihn in die Schleuder und schießt ihn mit voller Kraft. Der Stein trifft Goliath am Kopf und der Riese fällt tot um. Als die Philister sehen, dass ihr bester Soldat tot ist, drehen sie sich alle um und laufen weg. Die Israeliten jagen ihnen nach und gewinnen den Kampf.“3 Ob Karl May allerdings bei seiner Dichtung Goliath als eine Art Grizzly ein Vorbild war, ist nicht verbürgt. Karl May fährt in seiner Geschichte fort: „Er wurde getroffen und hob den Kopf. Die kleinen giftigen Augen erfaßten mich, und er stand, ohne sich einmal zu drehen und zu strecken, mit einer Schnelligkeit auf, in der ihn gewiß kein Tiger oder Panther übertroffen hätte.“ Wenn Karl May da an Richard Parker gedacht hätte, dachte Pi Patel, hätte er womöglich zurückhaltender formuliert. „Ich huschte um die Ecke zurück und schritt, den Blick auf sie gerichtet, rückwärts dem Busch zu, hinter dem der Apatsche steckte. Jetzt erschien der Bär, und nun galt es freilich das Leben. Wenn ich strauchelte und stürzte, war ich sicher verloren. Das Kunststück bestand darin, den Bären an Winnetou vorüber zu locken und ihn dann zum Stehen zu bringen, um dem Apatschen einen sicheren Stoß zu bieten. Mit jener schwerfällig erscheinenden Leichtigkeit, die außer dem Bären noch dem Elefanten eigen ist, folgte er mir, langsam und überlegend, wie es schien, in Wahrheit aber sehr schnell und entschlossen. Er sah niemand als mich und kam immer näher. Das wollte ich. Als ich den Busch erreichte, war er nur noch acht Schritte entfernt. Ich sprang schneller zurück; jetzt war er am Busch. Noch einen Schritt weiter, und wenn ich ihn nun nicht zum Stehen brachte, war es mit mir aus! Den riesigen Tatzen dieses Ungeheuers konnte kein Geschöpf der Erde widerstehen. An Stärke übertraf er sicher weit den Löwen.

Also entweder – oder! Ich sprang zwei Schritte vor und hob den Arm. Schon war Winnetou hinter dem Busch hervorgetreten und stand mit gezücktem Messer hinter dem Bären. Dieser hielt bei meiner scheinbaren Angriffsbewegung inne und richtete sich auf, kopfshöher als ich. In diesem Augenblick stieß der Appatsche zu, nicht hastig, schnell, sondern mit rascher Bedächtigkeit, die geboten war, wenn er richtig treffen wollte, nämlich zwischen die bekannten Rippen in das Herz. Die Klinge war bis an das Heft hineingefahren; er ließ sie nicht stecken, sondern zog sie schnell wieder heraus, um nicht ohne Waffe zu sein.

Das Ungetüm wankte, als ob er stürzen wolle, drehte sich aber ganz unerwartet im Nu um und streckte die Pranken nach Winnetou aus, der kaum Zeit fand, zurückzuspringen. Jetzt war sein Leben in Gefahr, nicht mehr das meinige. Ich stand sofort hinter dem Bären, holte aus und stach zu, sprang aber augenblicklich, das Messer stecken lassend, wieder zurück. Jetzt gab es kein Biegen und Wanken; der alte ‚Ephrain‘ stand unbeweglich still; nicht einmal der Kopf veränderte seine Stellung. Das dauerte zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Sekunden; dann brach er, wie von einem unsichtbaren Eisenhammer getroffen, genau auf derselben Stelle zusammen und rührte sich nicht mehr.“4

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Der Kampf mit dem Grizzly in „Old Surehand“ Montage C. Schauer

Die Geschichte von der Tötung des Grizzly mit dem Messer hatte für Pi Patel insofern keine reale Bedeutung, da er der einzige Überlebende war und ein Winnetou nicht in Sicht war. Der französische Schiffbrüchige, der dafür kurzfristig in Frage zu kommen schien, gestand, dass er schon einmal einen Mann und eine Frau umgebracht habe. Eine solche Tat könne keinen edlen Mitkämpfer entstehen lassen – so Pis Einschätzung Als der Schiffbrüchige in Pis Boot hinüberklettert, greift er den geschwächten Pi hinterrücks an, wird aber sofort von dem lauernden Tiger gepackt und gefressen.

Pi hatte auch Stanisic „Vor dem Fest“ gelesen und erwog, das verletzte Zebra als eine Art Ziege als Sprungbrett einzusetzen, um Richard Parker zu erwürgen. In seiner Erinnerung führte er sich das Geschehen noch einmal vor Augen: „Durden wollte für seine Hühner ein Gehege errichten. Ditzsche bot an, ihm zu helfen, und warnte ihn vor dem Fuchs. Dann müsse das eben sicherwerden, sagte Durden. Ditzsche erklärte ihm Hühnerhaltung, erklärte ihm den Fuchs. Durden zeichnete einen Plan. Ditzsche verbesserte den Olan und besorgte die Materialien. Gemeinsam bauten sie das Gehege auf. Zwei Tage später wurden die Hühner geliefert. In der folgenden Nacht wurden drei gerissen … Die Hühner waren im Stall getötet worden. Der Zaun war heil, der Boden wies keine Löcher auf. Dann bemerkte Ditzsche die Ziege. Sie graste beim Zaun… Ditzsche untersuchte das Tier. Auf dessen Rücken entdeckte er rötliche Haare. Er zeigte sie Durden. Was der Scheiß solle, fragte der. Ditzsche roch an seinen Fingern. ‚Fuchs. Die Ziege steht zu nah am Zaun. Der Fuchs hat sie als Sprungbrett genommen.‘ Durden wiederholte gedankenverloren das Wort ‚Sprungbrett‘ einige Male. Ruhig, etwas zu ruhig, fragte er dann, warum Ditzsche mit seinem angeblichen Sachverstand diese Eventualität nicht bedacht habe.“5

Da Pi ein Fuchs war, verwarf er den Plan wieder. Das verletzte Zebra als potentielles Sprungbrett tat ihm nur noch leid. Zudem war seine Sprungkraft bei der Havarie doch arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Er hinkte häufig. Unterirdisch ausgedrückt, konnte er als lahme Ente eingestuft werden.

Pi wird zum Pazifisten, der Tiger hat ihn vor dem anderen Schiffbrüchigen gerettet. Möglicherweise hat die häufige Seekrankheit Richard Parker die Aggressivität geraubt. Schließlich stranden die beiden an einer Algen-Insel, auf der vor allem Erdmännchen wimmeln.6 Richard Parker frisst sich an diesen Tieren satt, Pi ernährt sich von den süßen Algen. Das vermeintliche Paradies verschwindet, als Pi merkt, dass die Algen bei Nacht zu gefährlichen fleischfressenden Pflanzen werden. Er zieht mit dem Rettungsboot weiter, sie haben sich aneinander gewöhnt, den Tiger nimmt er mit. Nach 227 Tagen auf See landen die beiden an der mexikanischen Küste. Richard Parker verschwindet im Dschungel. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Pi als Held im Wachsfiguren-Kabinett von Madame Tussaud und Richard Parker als ausgestopfter Tiger-Grizzly im Zoologischen Museum Hamburg. Apropos Museen: im Südtiroler Archäologie-Museum in Bozen ist neben Ötzi die Mumie von Hörnerhannes gelandet. Egger hatte ihn als Gletschermumie gefunden. „ Die Grimassen der Leichen im russischen Eis waren das Schrecklichste, was er in seinem Leben gesehen hatte. Im Gegensatz dazu wirkte der Hörnerhannes auf merkwürdige Weise glücklich. Er hatte in seinem letzten Stündlein dem Himmel entgegengelacht, dachte Egger, und dem Teufel sein Bein als Pfand in den Rachen geworfen. Diese Vorstellung gefiel ihm, sie hatte etwas Tröstliches.“7

Li Patel hatte diesen Roman vor seiner Historisierung als Wachsfigur diesen Roman gelesen und das Résumé gezogen, dass diese Geschichte wesentlich wahrscheinlicher sei als seine eigene. Unter dem Stichwort „Das Tier, dein Freund und Helfer“ fiel ihm noch die Geschichte „Die Spinnen von Utrecht“ ein, in denen der Protagonist, der Holländer Quatremère- d’Isjonval mit Hilfe von klugen Spinnen der Gefangenschaft entkam.8 „Winterspinnen würden Ende November die Häuser und Scheunen zum Überwintern aufsuchen, um auch während des Winters Netze anzulegen. Vor einem Kälteeinbruch würden sie regelmäßig ein neues Gewebe verfertigen; vor eintretendem Tauwetter wären sie fast fieberhaft tätig, sie würden nicht nur zwei, sondern auch drei und vier Gewebe übereinander spinnen; allerdings seien Winterspinnen äußerst selten, und er habe in einer Kolonie von viertausend Spinnen nur fünf Winterspinnen feststellen können.“9 Der in Opposition zum holländischen König Wilhelm V. in das Gefängnis geworfene Protagonist setzt auf den Sieg der Franzosen, die eine Invasion nach Holland gestartet haben. „Ein bestochener Gefängniswärter vermittelte an den französischen Befehlshaber einen Brief; d’Isjonval beschwor in dem Schreiben den französischen Höchstkommandierenden, die Verhandlungen mit Wilhelm V. hinauszuschieben; denn infolge seiner naturwissenschaftlichen Studien könne er voraussagen, daß spätestens in einer Woche wieder stärkerer Frost zu erwarten sei, der dem General das Vorrücken mit dem ganzen Heer gestatten würde. Der französische General ging auf den merkwürdigen Vorschlag des ihm bekannten Holländers Quatremère- d’Isjonval ein. Die Spinnen hatten richtig prophezeit – nach einigen Tagen klirrte eine neue Kältewelle über Holland, das ganze Überschwemmungsgebiet, sogar die Kanäle, froren bis auf den Grund zu, und den Franzosen war es möglich, auch die schwere Artillerie über das Eis zu bringen und vor den Wällen von Utrecht aufzufahren. Wilhelm V. kapitulierte, und Ende Januar marschierte das französische Heer mit klingendem Spiel in Utrecht ein – für d’Isjonval schlug die Stunde der Befreiung.“10

Pi Patel bedauerte, dass es derartige Wetter prognostizierende Spinnen auf seinem Schiff nicht gegeben habe, sonst hätte er womöglich den Untergang seines Schiffes vermeiden können. Aber dagegen hätte sich Yann Martel gewehrt, weil seine Geschichte vorzeitig zu Ende gegangen wäre.

1Yann Martel, Schiffbruch mit Tiger, Frankfurt am Main 2013, S. 125 f.

2Anton Schnack, Der finstere Franz, Leipzig 1937, S. 14 ff.

3Die ganze Geschichte siehe 1. Samuel 17: 1-54

4Karl May, Old Surehand – Zweiter Band, Wien-Heidelberg o.J., S. 246 f.

5 Sascha Stanisic, Vor dem Fest, München 2014, S. 195/196

7Robert Seethaler, Ein ganzes Leben, Berlin 2014, S. 136 f.

8Anton Schnack, Begegnungen am Abend, Mühlacker o.J., S. 65 ff.

9Ebd., S. 69

10Ebd., S. 70 f.

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Anton Schnack – Heimatdichter und Expressionist

Anton Schnack Die bunte Hauspostille – Phantastische Geographie

Brunnen (Die bunte Hauspostille)

„Da waren Brunnen, die seit Jahrhunderten mitten auf dem lärmenden Marktplatz oder in verschollenen und kühlen Baumwinkeln plätscherten; Brunnen, die den Tod sahen, wie er unter Gebet und schwermütiger Trauermusik vorübergetragen wurde; Brunnen an deren Röhren der Frühling saß, weiße Schmetterlinge im zarten Wind vorübertrieb und Vögel an den Tag lockte, die gelbe und zierliche Schnäbel in das quirlende und strudelnde Wasser tauchten.

Andere Brunnen sprangen unter sommerlichen Himmeln und über ihnen stand das segnende Bildnis der Maria, der Mutter der Mütter, oder es brüstete sich der fletschende Drache auf, dem der starke Ritter St. Georg den eisernen Speer in den klaffenden Rachen stieß.“ (S.143)

Am Brunnen vor dem Tore” dieses Volkslied befasst sich genauso mit dem Thema wie “Wenn alle Brünnlein fließen”

Schnack weiter: “Immer liebte ich den alten Brunnen im Hof, der in meinen Schlaf sang oder in die Unruhe meiner Nächte, wenn ich hinter dem Fenster lag und verworrene und unheimliche Gedanken mein Herz bestürmten.” (S.143)

Brunnen

Alzenauer Brunnen

 

 

Was könnte man an diesem Alzenauer Brunnen alles denken? Wieviele Liebespaare haben hier ein frühlingshaftes Rendevouz erlebt? Wieviele cent liegen als Glücksbringer im Wasser? Wieviele Flüche haben frustrierte Stadträte ihm zugerufen?

 

Der Maien

Flieder

Fliederbaum im Mai

 



„Die Schicksale werden immer gefesselter und einförmiger. Tausendjährig erscheine ich mir,der schon lange von den Wäldern Abschied genommen hat. Tief unten im Dunkel der Erinnerung sitzt ein Trieb, ein Bild, ein schattenhaftes Leben. Das Bild von der Wanderung durch Kontinente, über Flüsse, durch die Irrwelt der Steppen und die Halbnacht der Wälder.

Im Mai hatte ich die Städte Halberstadt, Würzburg und Venedig besucht.

Es gab den Mai des Knaben, der die verstaubte Botanisierbüchse aus dem Halbdunkel des Speichers herauskramte und das durchlöcherte Schmetterlingsnetz suchte; denn die Zitronenfalter und Pfauenaugen flogen über den Wiesenweg. Es gab jenen Mai, der mich zu den Landkrämern trieb, die Zigaretten feil hatten zu 3,5 und 7 Pfennigen das Stück, und bei denen ich mir eine Zigarrenschachtel erbettelte. „(S. 123/124)

Phantastisch ist die Geographie auch schon in diesem Werk, wenn Anton Schnack das Ende des Königs von Madagaskar, Moritz von Benyovsky, beschreibt. Historisches: Nach mehreren Aufenthalten in Amerika nahm Benyovski 1783 dann eine zweite Expedition nach Madagaskar in Angriff, diesmal im Auftrag Österreichs. Nach der Ankunft 1785 kam es zu Gefechten mit französischen Truppen, die die Regierung von der Insel Mauritius aus hinsandte. Er wurde am 23. Mai 1786 schwer verwundet starb und kurz darauf. Bei Anton Schnack heißt es: „ Leise fiel er um. Sein Mund murmelte ein paar Worte, sie waren zornig und trugen keine Spur von Furcht. Die Belagerer stiegen blutend, zerschunden, argwöhnisch und mit bitteren Gesichtern über die Pallisaden. Aber es blieb totenstill.

Das war das Ende des ungarischen Grafen Moritz von Benyovsky, der sich zum König von Madagaskar gemacht hatte. Seine Abenteuer begannen schon mit fünfzehn Jahren.“ (S. 203)

Weiter werden in dem Werk noch folgende Personen (unter anderem) behandelt: Dschingis Khan, die Königin von Palmyra, der Prinz von Trinidad oder Seeräuber wie Johan Morgan, Daviot, Eisenarm oder Kapitän Ansel sowie vier chinesische Marschälle. Was haben sie mit den deutschen Brunnen und dem Mai zu tun? Nichts, es handelt sich bei Schnacks Werk um ein Kaleidoskop phantastischer Einfälle.

Die eigentliche Geographie der Phantasie

Schon den Dichter Washington Irving faszinierte die Alhambra in seinen „Erzählungen der Alhambra“. Eine der beeindruckendsten Geschichten ist „Die Sage von den drei schönen Prinzessinnen“. „In alten Zeiten regierte in Granada ein maurischer König namens Mohammed, den seine Untertanen el Hayzari, den Linkshänder nannten.“ Aus der Ehe mit einer christlichen Gefangenen gehen drei Mädchen (Drillinge) hervor, die Zaida, Zoraida und Zorahaida hießen. 1

Anton Schnack hängt die Geschichte unabhängig von Washington Irving an dem spanischen Wind Solano auf. „Ursprünglich war er der heiße Atem des Sol, eines goldenen Gottes der Urzeit, der seine Wohnung im Hause der Sonne hatte und von den heidnischen Völkern der Garamanten, Nasomonen und Masoesyler angebetet wurde. Nach dem Sturz der Götter schlug er sein Bett im Sand der grausamen Wüste Sahara auf, neben den Trümmern und Steinen der alten, prunkvollen Städte Sufetula, Timgad, Thurbisico Numidorum und Bulla Regia.“ 2

Es handelt sich um einen Wind des extremen Kalibers. „Er bewirkt, daß der Fluß Guadalquivir seine Wasser verliert, daß die großen Sümpfe, Las Marismas genannt, Gift und Fieber brauen, daß die Menschen sich wochenlang in die Kühle der Mauern und Höfe zurückziehen oder an den Rand der Brunnen, um sich von Zeit zu Zeit mit einer handvoll Wasser aus den versickernden Schächten zu laben. Unter seiner Herrschaft wird das Maiskorn hart und fast steinig; er schwitzt das fette Öl aus der Olivenhaut; er kocht den Saft der dunklen Trauben zu einem einzigen Tropfen zusammen, der die Süße und Farbe des Honigs hat; er reißt die gelbe Schale der Zitronen auf und trocknet sie aus, und die bitteren Pomeranzen in den andalusischen Gärten umflammt er mit solcher

Glut, daß ihr Mark wie Zunder zermürbt und von den naschhaften Knaben verschmäht und verachtet wird.“ 3

Und jetzt kommt es: Dieser extreme Wind trifft auf die Drillinge!

„Er hat die Liebesromanze der maurischen Prinzessinnen Zayda, Zorayda und Zorahyda belauscht und in die Ohren und Öhrchen aller an der Liebe Leidenden und an der Liebe sich Freuenden in ganz Andalusien geblasen. Er allein konnte die drei schönen Mädchen unbehindert besuchen, denen von ihrem Vater, Mahomed dem Linkischen, das einsame Schloß Salobrenna am Ufer des Meeres zum Aufenthalt angewiesen wurde, damit kein männliches Auge mit irrer und frecher Inbrunst und Begehrlichkeit ihre herrliche Jugend erspähe; der Wind hat die Schwestern nackt gesehen; denn bedrückt und gepeinigt von seiner Glut, warfen sie die Schleier und Gewänder ab, wenn er durch Fenster und Balkontüren in die inneren Gemächer wehte.“ 4

Hier kommt der Mädchenschnack wieder einmal zum Vorschein. Hätte sein Bruder Friedrich Schnack mitgewirkt, so hätte sich in diesem Moment sicherlich ein Schmetterling auf die Schulter von Zayda gesetzt, um die erotische Spannung zu erhöhen. Friedrich befasste sich nämlich nicht selten mit Schmetterlingen.

Wenden wir uns wieder Washington Irving zu. Mohammed der Linkshänder sagte sich: „Die von den Astrologen angedeutete gefährliche Zeit ist also gekommen; meine Töchter sind im heiratsfähigen Alter. Vorsicht ist geboten! …“ So sprach Mohammed, und liess einen Turm auf der Alhambra zum Aufenthaltsort der Infantinnen ausbauen. Dann ritt er an der Spitze seiner tapferen Leibwache bis Salobrena, um die drei Schönheiten mit Kadiga und Hofstaat in höchst eigener Person auf die Königspfalz in Granada zu bringen. 5

In der Nähe der Alhambra waren drei kastilische Edelleute mit Sträflingsarbeiten beschäftigt. „Um die Mittagsstunde des nächsten Tages rasteten die Gefangenen ebenfalls am Fuße des Turmes. Der maurische Wächter, vom heißen Atem des Windes erschlafft und von verbotenem Weingenuß betäubt, schlief in einer umschatteten Mauernische. Wiederum beugten sich die arabischen Mädchen über die Brüstung des Balkons und ließen diesmal drei weiße Schleier flattern, um die unbekannten kastilischen Ritter zu erregen… In diesem Augenblick entflielen den Händen der Prinzessinnen drei Früchte. Geschickt wurden sie von den Rittern aufgefangen: den reifen Pfirsich hatte Zayda geworfen, die gelbe Aprikose Zorayda und Zorahyda eine Nectarine, allgemeine und gebräuchliche Sinnbilder der maurischen Mädchen für Liebesbereitschaft. Die edlen Jünglinge aus den Burgen des Nordens führten die Früchte zum Kusse an die Lippen und hoben verstohlen die Hände zum Gruße.“ 6

Pfirsich, Aprikosen

Pfirsich, Nektarine und Aprikose in Strauch

Was passierte dann: Zayda und Zorayda waren von den Rittern entführt und nach Cordoba gebracht worden, sie heirateten die Ritter, Zorahyda gelang die Flucht nicht. Sie wurde von Mohammed im Innern der Alhambra gefangen gehalten. „Manchmal gelang es dem Solano, bis dorthin seine Schwingen auszubreiten.Aber er sah Zorahyda niemals. Doch hörte er hinter vergitterten Fenstern manchmal den Gesang einer trauervollen Mädchenstimme: in dem Gesang war von einem jungen Ritter im grünen Wams die Rede.“ 7

Wie endet die Geschichte bei Washington Irving? Auch hier lebt Zorahyda einsam in der Alhambra: „Dann und wann sah man sie auf den Zinnen des Turmes; sie schaute traurig zu den Bergen hinüber, hinter denen Cordóba lag. Klagend sang sie zur Laute und beweinte den Verlust ihrer Schwestern und des geliebten Mannes. Sie starb jung und soll in einem Gewölbe unter dem Turm begraben sein. Viele Sagen erzählen uns von ihrem frühen Tod.“ 8             

Wiedergeburt macht es möglich. Zorahyda ist am Biwasee in Japan auferstanden unter dem Namen Graswürzelein, die ihren Ritter mit dem Namen Oizo bekommt, der letztendlich zu ihr spricht: „Dann komme ich wieder und baue in Katata mein Haus. Und du sollst nicht mehr den Ofen deines Vaters schüren. Du sollst neben mir sitzen bei meinem eigenen Feuer. Und ich will dich malen, immer wieder malen, in dem Kleid des Vorfrühlings, am Strand, im Haus, im Mond, im Wasser, am Feuer. Und alle sollen sagen: Das ist das glücklichste Mädchen von Katata. Sie ist auf allen Bildern im Vorfrühling gemalt, zur warmen Abendstunde, in der man den Flug der Wildgänse erwartet und verliebt sagt, auch wenn niemand redet: ‚Still! Sie kommen!‘ „ -“ Da wickelte ‚Graswürzelein“ ihre Hände aus den Ärmeln und umschlang Oizo.“

Was hat Schnack noch zu bieten?

 

Er umfährt auf dem Schiff ‚Fantasia‘ die Kaps der Erde, fährt an den Küsten entlang und zu den Inseln und ruft uns zu: ‚Glaubt nicht den Angaben nüchterner und halbblinder Landvermesser! Glaubt vielmehr euren eigenen Trugbildern und Einbildungen, hängt euch an die Geschichten der Abenteurer fest!‘ So macht er’s selber, und so entsteht eine aus Mythos, Legende, Anschauung, Beobachtung und Traum gemischte Beschreibung der geographischen Erscheinungen, die ihresgleichen nicht hat. Möchte sie in die Hände vieler Lehrer und Eltern gelangen!“ 10

1 Washington Irving , Erzählungen der Alhambra, Barcelona o.J. , S. 198

2 Anton Schnack, Phantastische Geographie, Hamburg 1949, S. 44

3 Ebd., S. 45

4 Ebd.

5 Washington Irving, a.a.O., S. 200 f.

6 Anton Schnack, a.a.O. , 46 f.

7 Ebd., S.47

8 Washington Irving, a.a.O., S. 225

Max Dauthendey, Die acht Gesichter am Biwasee, Frankfurt/M; Berlin 1987, S. 99 f.

10 Vilma Sturm – Fülle der Bilder – Anton Schnack: „Phantastische Geographie“.

 F.A.Z. Literaturblatt (Feuilleton), 19.11.1949

Literatur

Anton Schnack , Die bunte Hauspostille, Leipzig 1938

Anton Schnack, Phantastische Geographie, Hamburg 1949

Washington Irving , Erzählungen der Alhambra, Barcelona o.J.

Max Dauthendey, Die acht Gesichter am Biwasee, Frankfurt/M; Berlin 1987

https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Benjowski

Vilma Sturm – Fülle der Bilder – Anton Schnack: „Phantastische Geographie“.

F.A.Z. Literaturblatt (Feuilleton), 19.11.1949

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Anton Schnack, Liebe im Kriege

Leutnant Christian Außem liebt das Mädchen Klara. „Sein Vater war Buchhalter in einer Kartonagenfabrik. Er hatte den Ehrgeiz, im Sohne den Aufstieg zur Gesellschaft und zum öffentlichen Ansehen zu erleben.“ 1 Wo die Geschichte spielt? Eine Ortsangabe gibt es nicht. Christian ist nicht nur ein Musterschüler, der sich besonders in Mathematik hervortut, sondern liebt auch Klara d’Alleux von Anfang an. Ihr Vater ist Justizrat und bewegt sich in einer anderen gesellschaftlichen Sphäre. Sie erzählt im später, dass sie zunächst von seiner Liebe nichts bemerkt habe. Klara findet bei Christian die emotionale Nähe, die sie bei ihren Eltern vermisst. Diese strahlen Kühle und „verkrustete Gleichgültigkeit“ aus.

Christian wird beim Militär ein „kleiner Leutnant“ -wie ihn Klaras Familie einstuft. Aufgrund der Tatsache, dass er aus „geringer Familie“ stamme, habe er vom Stand her keine Bedeutung für Klaras Familie.

Der Krieg bricht aus, warum, das war für Anton Schnack nie ein Thema. Politischer Ursachenforscher ist er nie gewesen. Wahrscheinlich handelt es sich hier um den Ersten Weltkrieg. Christian muss mit seinem Infanterieregiment ins Feld ziehen. „Die Zuneigung Klaras, die sich bisher noch nicht ganz entschieden hatte und immer ein wenig durch Kühle gedämpft wurde, wuchs nach dem Abschied zu leidenschaftlicher Liebe auf, die nur auf die Stunde wartete, um das angespannte, täglich sich verstärkende Verlangen nach Christian zu zeigen.“ 2

Klaras Sehnsucht nach Christian wird intensiver: “ Sie wunderte sich nicht, daß sie, bisher unantastbar und scheu, plötzlich alle Hemmungen verloren hatte, und daß sie vor dem Spiegel stehend, an den unsichtbaren Christian Aufforderungen richtete, die sie früher mit unerbittlicher Strenge von sich gehalten hätte.” 3

Ein erster Staatsanwalt- von der Mutter für Klara als gute Partie vorgesehen- beklagte sich über die Kühle und Förmlichkeit Klaras.

Die Mutter ist prüde. Öffentliche Zuneigung von ihrem Mann verabscheut sie.

Klara und Christian treffen sich während eines Fronturlaubes wieder.”Trotz der ersten Freude waren Christian und Klara ein wenig belastet voeinander; denn weder er noch sie sprachen das aus, was sie voneinander wollten und wonach sie sich gesehnt hatten.” 4

Klara verlässt ohne das Wissen der Eltern, denen sie eine Krankheit vorspielt, das Elternhaus, um sich mit ihrem Liebhaber zu treffen – in Christians Wohnung.“Die Nacht ihrer Liebe begann und stürzte Klara und Christian in einen Rausch von Küssen und Umarmungen, in ein Stillesein, wo sich ihre Seelen ganz nahe waren. Klara hatte vergessen, daß sie noch kurz vorher in Aufregung und Angst gelebt hatte, eine gnadenvolle Verklärung wuchs aus ihren Herzen über ihr ganzes Sein und Gefühl: ihre Liebesgröße beglückte Christian unsäglich. Sie waren beide ein einziger glühender Block und schienen herausgerissen aus dem Treiben und der Not der Welt zu sein.“ 5

Aber der Krieg holt sie sein. Die Idylle ist zu schön, um wahr zu sein: „Um zwei Uhr nachts fing es ungeheuer, jagend, grell und mit unvermittelter Gewalt und Heftigkeit zu schießen an. Hoch oben, irgendwo in den Nachträumen zwischen Erde und Wolken, wuchsen platzende, flachknallende Geräusche heran, die im Klange immer betäubender wurden.“ 6 Sie sind inmitten eines Fliegerangriffes. Christian wird wütend und will selbst Flieger werden, um den Feind zur Rechenschaft zu ziehen,

In den Morgenstunden verlässt Klara den Geliebten, um nach Hause zurückzukehren. Je näher sie ihrem Elternhaus kommt, um so mehr Menschen sind auf der Straße. Sie erfährt

schließlich, dass ihr Elternhaus zerstört ist. Sie erfährt, dass die Eltern leben, die Tochter allerdings vermisst wird. Hier kann sie nicht umhin, zu offenbaren, dass sie die Tochter ist, die vermeintlich unter Schutt begraben ist.

Mit dem Entschluss, ihre Liebesnacht den Eltern zu offenbaren, offenbarten sich in ihrem inneren Auge Visionen von beiden: „ … das Antlitz ihrer Mutter, das Knochen und verwelkende, gelbe Haut war, wuchs zusehends in der Höhe und Breite und wurde zu einem drohenden Holzgesicht, das mit unerbittlichen Augenhöhlen auf sie niedersah und sie bis in den letzten Seelenwinkel durchforschte. Das hohe und ausgearbeitete Gesicht ihres Vaters wurde dünn und fahl, die grausame Maske eines Inquisitors, der sie mit peinlichen und kalten Augen durchbohrte.“ 7

Es deutet sich bei diesen Vorstellungen nichts Gutes an. „Sie empfand, daß ihrer Liebesnacht etwas Heiliges anhafte, weil sie ihre Rettung war.“ 8

Eine erotische Erfüllung als etwas Heiliges – hier entwickelt Anton Schnack deutlich unkonventionelle Vorstellungen von Heiligkeit, die nicht in die kirchliche Definition passen.

Bei der Zusammenkunft mit den Eltern sind beide förmlich und reserviert. Der Vater hat eine idealistische Vorstellung vom Krieg, die Mutter fährt sie an: „ ‚ Du bist ja im Mantel‘, sprang Klara die Stimme der Mutter an. ‚Du hast ja den Hut auf? Wie kommt das? Wie ist das möglich, da doch alles von dir in die Tiefe gerissen ist?‘ Klara erschrack bis ins Herz von diesen eiskalten Fragen und dachte sich. Das wollen Eltern sein, die zuerst sehen, was ich anhabe, aber nicht fühlen und sehen, daß ich ihrer Güte bedarf.“ 9

Klara bekennt, dass sie nicht zu Hause war, sondern ihren Geliebten Christian getroffen hat: „’Seht Ihr nicht den kleinen Engel neben mir stehen, den kleinen Engel der Liebe, den wunderbaren Engel des Herzens, seht Ihr ihn?‘ aber die verwunderten Eltern, sich umschauend, sahen nichts, nur ihre Tochter stand vor ihnen, ihre Tochter Klara, die gestern noch, vorgestern noch, etwas Kindliches an sich hatte, etwas Stilles, Bescheidenes, Zurückhaltendes, und nun einen unerforschlichen Abgrund vor ihnen auftat.“ 10

Die Reaktion der Eltern ist bigott und schäbig. Ihr Vater schreit sie an: „‘ Verkommene. Dein Begrabensein, an das wir glaubten, an den deine Mutter, ich und die ganze Stadt glaubten, hat sich sonderbar gewandelt. Eine saubere Geschichte, eine Liebesgeschichte also. Während wir zittern, beben und bangen und dich unter Stein und Schutt verschüttet glauben, kommst du aus einem Bett. Die Stadt, die eine Welle von Entsetzen war, wird nun ein Kessel von Gelächter. Du bist gerichtet, und wir sind gerichtet.’“ 11

Ihre Mutter sieht keinen Engel, sondern einen „Teufel der Unordnung und Sinnlichkeit“. Sie ist also verstoßen und deswegen entsetzt und abgestoßen. „Klara hatte Vater und Mutter mit steigendem Entsetzen angehört. Mit der kühlen schärfe der Wissenden sah sie hinein in die armseligen, verkrusteten und leeren Herzen.“ 12

Die Einschätzung der Eltern ist von der vermuteten öffentlichen Meinung bestimmt. Eine anderes Kriterium entwickeln sie nicht. Sie verlässt grußlos das Zimmer, sucht Christian vergeblich und begibt sich zum Bahndamm. „Mit donnerndem Geheul raste der Zug auf sie zu. Klara kniete sich nieder, als wäre sie in einem Heiligtum um zu beten.“ 13

In ihrem Selbstmord erlebt Klara noch einmal visionär eine Liebkosung ihres Geliebten Christian.

Hätte es keine andere Lösung gegeben? Vermutlich wäre eine Legalisierung ihrer unehelichen Beziehung an der öffentlichen bigotten Meinung gescheitert (die Erzählung wurde 1935 veröffentlicht). Fünfunddreißig Jahre später hätte sie kaum noch Probleme mit ihrer unkonventionellen Liebesgeschichte gehabt – zumindest in weiten Teilen der Bundesrepublik.

Die Erzählung ist so spannend geschrieben, dass man sie jedem zur Lektüre empfehlen kann.

Werfen wir kurz noch einen Blick auf literarische Werke, die auch mit einem Selbstmord auf den Gleisen enden. Ein herausragendes Beispiel wird in „Anna Karenina“von Leo Tolstoi beschrieben. In dem Glauben, Wronskij (ihr Liebhaber, nicht ihr Ehemann) verweigere ihr seine Gegenwart, stürzt sich Anna – erschrocken über ihr eigenes Verhalten – vor einen Zug, ähnlich wie sie es bei einem Unfall sah.

Halten wir noch fest, wie Leo Tolstoi das Ende Anna Kareninas beschreibt: „Und genau in dem Augenblick, wo der Raum zwischen den Rädern ihr gegenüber war, warf sie die rote Reisetasche von sich, drückte den Kopf zwischen die Schultern, ließ sich unter den Wagen auf die Hände fallen und kniete mit einer leichten Bewegung, als ob sie vor hätte, sogleich wieder aufzustehen, nieder. Aber im gleichen Augenblick erschrak sie über das, was sie tat. ‚Wo bin ich? Was tue ich? Weshalb?‘ Sie wollte sich erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Gewaltiges, Unerbittliches stieß gegen ihren Kopf und schleppte sie am Rücken mit fort. ‚Herrgott, vergib mir alles!‘ murmelte sie, da sie fühlte, daß ein Widerstand unmöglich sei. Das Männchen wirtschaftete mit dem Eisenwerk herum und redete dabei etwas vor sich hin.Und die Kerze, bei der sie von soviel Sorgen, Betrug, Kummer und Schlechtigkeit erfüllte Buch des Lebens gelesen hatte, leuchtete in hellerem Schein auf als je, erhellte ihr alles, was bisher für sie in Finsternis verborgen gewesen war, knisterte, wurde dunkel und erlosch für immer.“ 14

Christian Schauer August 2015 bis Januar 2016

Fußnoten

1 Anton Schnack, Liebe im Kriege, in : Die Verstoßenen, Leipzig 1935, S. 47

2 Ebd., S. 51

3 Ebd., S. 52

4 Ebd., S. 58

5 Ebd., S. 64

6 Ebd.

7 Ebd., S. 79

8 Ebd.

9 Ebd., S. 88

10 Ebd., S. 90

11 Ebd., S. 92

12 Ebd., S. 93

13 Ebd., S. 95

14 Leo Tolstoi, Anna Karenina, Köln 2010 (Anaconda Verlag), S. 931

Verstoßene

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Anton Schnack, Flirt mit dem Alltag (Zeichnungen von Max Schwimmer), Frankfurt am Main 1956

Schon in den 50er Jahren kam mancher auf allerlei skurrile Ideen, zum Beispiel Anton Schnack in dem oben genannten Buch mit den vielen Zeichnungen von Max Schwimmer. Was macht man im Winter, im Januar, wenn es auch für die Pflanzen und Gemüsearten noch zu kalt ist? Man versenkt in die Mistbeete Gurkenkerne, zieht ihnen aber vorher Wollhöschen an  (S.8), damit die Armen nicht frieren. Zudem werden ihnen Hustonbonbons mitgegeben (S 9).

2013 könnte man dann noch hinzufügen, man gibt ihnen eine Wärmflasche dazu, damit sie sich wirklich nicht erkälten (eigene Idee). Im Februar sucht man dann das Unmögliche und will damit den Kalender korrigieren.

“Auf Suche gehen nach den beiden fehlenden Tagen, nach dem 29. und 30. Februar ….  Wenn beide Tage gefunden, auf einem städtischen Fundbüro abgeben; sich dort wundern, daß es die Abteilung ‘Verlorene Tage’ noch nicht gibt, obwohl das menschliche Leben doch überreich an ‘verlorenen Tagen’ ist. “(S. 11).

Man kann daraus nur folgern, dass der Ort Kahl am Main, nachdem eine Straße nach Anton-Schnack benannt ist und kürzlich ein Denkmal eingeweiht wurde, Schnack noch weiter ehren sollte, in dem die Gemeinde eine Abteilung “Verlorene Tage” einrichtet, in der ehrliche Finder eben solche abgeben könnten. Doch welche Partei erklärt sich zu  einem  solch kühnen Schritt bereit? Wer riskiert einen Zornesausbruch des Bürgermeisters, der schon bei der K-Trasse nicht so ganz sicher war, ob noch alle bei Trost sind. Und der wiederholt von rechtsradikalen Schmierereien genervt ist. Auch das, was Schnack danach folgend zum Thema “Verlorene Tage” schreibt, kann nicht unbedingt als aufbauend für eine neue Abteilung betrachtet werden:

“Mit Bitterkeit bedenken, wieviel unwiederbringliche Tage im Kriege und hinter Stacheldraht verloren gingen.”

Hier empfiehlt sich eine Ergänzung des Kahler Kriegerdenkmals im Schnackschen Sinne: “Denkt an die Bitterkeit der unwiederbringlichen Tage des Krieges” würde neben der Liste der Gefallenen stehen. Mancher Bundeswehrsoldat würde möglicherweise ins Grübeln kommen, ob denn nicht seine Tätigkeit letztendlich doch eher bitter ist. Die Sensibilität gegenüber Tieren kommt bei Schnack auch schon 1956 zum Vorschein:

” Die allgemeine Jagdruhe, die Wildschonung, begrüßen, die den Februar heilígt. Sich freuen, daß Hasen, Rehe, Hirsche, Fasanen nun wieder unbedroht von Schrot und Kugel durch die Felder hoppeln, springen und fliegen dürfen. Doch Schnepfen, Wildtauben und Wildkaninchen bedauern, nicht den Frieden der allgemeinen Schonzeit genießen zu dürfen.” (S. 11)

Die Konsequenz kann nur lauten: auf einen Veggie-Day in den Kahler Kantinen und Restaurants pro Woche drängen, damit auch die Schnepfen für immer aufatmen können. Sich nicht um das Feldgeschrei der ewigen Fleichfresser kümmern! Im März kommt ein Vorschlag, bei dem man sich mit dem einheimischen Lebensmittelhandel anlegt:

“Neue Spargelbeete anlegen. Zweckmäßig, Stangenspargel aus Konservenbüchsen nehmen und in die Beete stecken. Dadurch Rekord denkbar frühester Spargelernte aufstellen, alle Heimgärtner verblüffen und Sensationsmeldung: ‘Erster Spargel im März gestochen’ im Lokalblatt erzielen.” (S. 18)

Nicht ganz einfach der nächste Vorschlag: “Das Tier des Monats März, den ‘Widder’, einfangen und zähmen. Ihm sehr festes Geschirr und Zügel anlegen; den Widder recht störrisch und eigensinnig.”  Das Problem: lässt sich ein Widder einfangen? Scheitert man nicht vor lauter Anstoßen?

Der keusche Märzwald folgt, in dem ein  rotes Eichhörnchen aus dem Winterschlaf erwacht. “Zur Begrüßung einige Haselnüsse in das anmutige Pfötchen drücken.” (S. 19)

Einwurf: Eichhörnchen sind zu scheu, um  sich ein Pfötchen drücken zu lassen. Kann Anton Schnack nicht einfach eines ungeliebten Nachbarns Pfote drücken, um ihn zum anbrechenden Frühling zu gratulieren? Anonymität muß gewahrt bleiben – Kahl ist klein. 1

Nicht weniger humorvoll geht es in einem weiteren Buch Schnacks aus den 50er Jahren zu. Anton Schnack (Zeichnungen von Trix), Brevier der Zärtlichkeit, Frankfurt am Main 1957. Darin heißt es zu passenden Maßen für Frauen, die “Miß Deutschland” werden wollen

Körpergröße von 1,68 m.

Gern hängt Erich am Gestänge

Dieser achtungsvollen Länge!

Gürtelmitte (Taille) von 63 cm.

Zu umfassen Gürtelmitten,

Sind beliebte Männersitten.

(Und auch, Gott sei dank, gelitten!)

Hüftweite von 94 cm.

Jeder Hüftenzentimeter

Hat Verehrer und Anbeter.

Büstenumfang von 91 cm.

Ziel von Jünglings Tatendrang

Ist ein hoher Busenhang.

Haarfarbe in Kastanienbraun.

Auch Mahagoni und Bernsteinblond

Liegen in vorderster Liebhaberfront.

Muskeln, über 500.

Vielgeküßt aus diesem Bund:

Schließmuskel am Mädchenmund!

Knöchlein und Knochen, etwas über 200.

Recht artig ist für Flitterwochen

Das Abzählspiel der “Liebesknochen”.

Herz, um die 300 Gramm

In Wirklichkeit doch gar nicht groß,

An Wirkung aber beispiellos

Poren, in die Millionen

Verliebter Mensch küßt jeder Pore

An Lisa oder Eleonore;

Ist ihm dies Tun auch angenehm,

Es ist und bleibt doch recht extrem!

Es folgen Betrachtungen über verschiedene Arten von Handküssen, die eher in den 50er Jahren den Galan ausmachten. Manche Arten von Zärtlichkeit, die beschrieben sind, müssen als zeitlos eingestuft werden. Geradezu dezent ist das erotische Geschehen, wenn man an das konvulsivische Gedicht “Sexus” in “Der Abenteurer” von 1919 denkt. Damals hieß es:

“Oh Knie, oh Gnade: wer lag schreiend so vor Dir wie ich; gestellt, gereckt,

entblößt

In voller Nacht, in Gärten, mailich; der junge Mond im Ast;

Dich, weißes Fleisch, Dich Süßigkeit, beäderte, Mit Armen warm umfaßt;

Haar rann hinab, im Nacken, Achseln, wirre Wildnis, fließend aufgelöst! –

So Aufgewölbtes (fabelhaft): oh,ich schrie Worte aus von dem, von allem,

von dem Purpurtrunk,

Von knisternder Verseidigung, von Land, dem leiblichlichen, von Brunnen, Fluß,

Von Sternen weiß zu Häupten, von Überflutungen, von eingebißnem Kuß,

Dem Schein der Schenkel, rosnem Knöchel, von menschgewordnem Wasser,

Schale, Scham und Trunk   ….”

Wer weiß, vielleicht wäre Anton Schnack in den wilden 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder so bacchantisch geworden, hätte ihm nicht seine Ehefrau zugeflüstert: “Anton, Du bist schon siebzig, Dein Herz!!!” 2

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Anton Schnack, Die Angel des Robinson, München 1946 (Desch Verlag) Darin: Der Fliederbusch des Käthchens von Heilbronn

“Er, der uralt ist, geneigt von der Last vieler Jahre, vieler stürmischer Winter, herrlicher Frühlinge, glühender und von Gewittern befegter Sommer, der das Geheimnis einer unvergeßlichen Liebe überschattete, wächst an der Lende eines Bergstraßenhügels, der so sommerlich ist, daß Wein und Edelkastanien auf ihm gedeihen. Im Schatten einer zerstörten Mauer hat der Busch seine Wurzeln in den Boden eines Ruinenhofs gsenkt, um hier, müde und fast schon legendenhaft, zu sterben. Er wird sterben. Er wird sterben und doch ewig lebendig bleiben; denn die Liebe hat diesen Busch begnadet und zum Heiligtum gemacht. Über dem Dorfe Schriesheim wächst er am morschen und von Efeu überzogenen Gemäuer der Strahlenburg. Das Dorf, das an den Buchhügel stößt, ist voll kühler Enge. Die Burg ist zerfallen, über einer einzigen Giebelwand steigt ein hoher und schlanker Turm auf. Der Stamm des Fliederbusches ist knorrig und dick, die Rinde vernarbt, zerrissen, geschwärzt. Seine Jahrhunderte hält eine Stütze, die eine verwaschene Tafel trägt. Ich lese: ‘Unter diesem Fliederbusch ruhte das Käthchen von Heilbronn.’ ” Die Reiseliteraur sah bald nach der Uraufführung von Heinrich von Kleists Ritterschauspiel ‘Käthchen von Heilbronn’ im Jahr 1810 in der Strahlenburg die Burg des Wetter vom Strahl und bald fand sich auch unter einem Holunderstrauch die bemooste Steinbank, worauf das Käthchen einst träumte.” Siehe dazu http://www.schriesheim.de/index.php?id=517 Aus dem Holunderbusch wird also bei Anton Schnack ein Fliederbusch, den der Autor schon in “Begegnungen am Abend”  eine Geschichte widmete (siehe unten).

Dem Bauernkrieger Acher Concz ist eines der wenigen politischen Kapitel in dem Buch gewidmet. “Acker Concz wurde er genannt, und er lief mit vielen anderen aus der Taubergegend zu den Bauernhaufen, die vor der prächtigen und mauerumgürtelten Stadt Rothenburg ein Lager aufgeschlagen hatten. Concz trug die Sturmhaube wie fast allesamt, und die vierschrötige Brust hatte er mit einem rindsledernen Koller gegen Schläge und Hiebe geschützt. Er war Bauer und Spielmann zugleich und hatte schon im Dorf Tauberzell und im Markt Königshofen zu Fest und Kirchweih die Trommel gerührt.” Beide sind auf einem Holzschnitt von 1525 zu sehen, der von Hans Sebald Beham gefertigt wurde. In einem seltenen Fall ist die Landschaft bei Anton Schnack keine Idylle, sondern ein Schlachtfeld. Über den Tod von Klos Wuczer heißt es:

“Der ist nicht an der schrecklichen Mauer der Würzburger Festung gefallen. Er gehörte zu denen, die nach der mörderischen Schlacht bei Königshofen in den sumpfigen Tauberwiesen bei Lauda enthauptet wurden. Sein Blut wurde von der Tauber aufgenommen und in langer Reise zum Meere gebracht, zur großen Wasserwiege, wo Blut, Tränen, Regentropfen, Schweiß und Taugeglitzer sich zu einem ewig dauernden und gewaltigen Gesang, Brüllen und Weinen zugleich, vereinigen.”

Möglicherweise hat Anton Schnack bei dieser Rede an Winston Churchill gedacht. Die „Blut, Schweiß und Tränen“-Rede (auch kurz „Blut, Schweiß und Tränen“; engl. „Blood, sweat and tears“) bzw. „Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“-Rede (engl. „Blood, toil, tears, and sweat“) ist eine kurze Ansprache, die der britische Politiker Sir Winston Churchill am 13. Mai 1940 während des Zweiten Weltkrieges vor dem britischen Unterhaus hielt. 3

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Anton Schnack, Begegnungen am Abend, Stuttgart 1940 Darin: Küsse unterm Fliederbusch

“Da er wieder blüht, süßer und betörender scheint es mir als je, verführerisch und voll Wohlgeruch wie in jener Nacht, da der Mond schön und wie eine Kugel aus Bernstein mitten im meergrünen Himmel schwamm, fällt mir manches ein; es sind keine guten Erinnerungen, sie haben alle die Dunkelheit der Trauer und die Verklungenheit der Jugendtorheit.” ” Ohne Nachbarschaft lag das Haus meiner Mutter, und es stand frei und leuchtend in der Sonne. An den zwei anderen Hausseiten verwilderte üppig breitästiges Fliedergebüsch und dickes Jasmingesträuch. Es war eine seltsame Luft um das Haus, wenn die Bäume, der Garten und die großen Gesträuche blühten. Dann war es nicht gut, in diesem Haus zu wohnen; denn der honnigvolle, schwere Blütenatem kam wie eine unwiderstehliche Berauschung durch die Fenster, er kam durch die Türen, er wehte durch alle Zimmer mit einer aufreizenden Heftigkeit, und ich weiß, daß meine Mutter, die damals schon über vierzig war, heimlich weinte. Schwermut und unerklärliche Sehnsucht brannte der unwiderstehliche feurige Duft ins Blut.”

Die Angebetete heißt Graziella. “Nie hätte ich es dir gesagt, wenn du es nicht selbst gewesen wärest, die mit einer plötzlichen und unwiderstehlichen Kraft an mein Herz griff, die mir das bebende und heiße Wort selbst ins Blut warf.”  Der Flieder treibt zu Emotion und Offenbarung. “Niemals, hättest du das tun sollen, leichtsinnige Graziella, niemals, am wenigsten zu jener inbrünstigen Zeit der Fliederblüte, die wie ein glühendes Dickicht in den Gärten flammte und die Luft zu einem berauschenden Wein machte.”  Die Emotion nimmt noch zu: “Wir standen lange da unter der offenen Türe; es begann zu dämmern und wir standen da, es begann die Nacht einzufallen, und wir standen immer noch da, immer näher kamen wir uns, wie von einer unwiderstehlichen Zaubermacht zueinander hingezogen.” Doch es ist zu schön, um wahr zu sein. Der strenge Vater tritt dazwischen: “Aus der Dunkelheit schlug eine schattenhafte Hand mit einem Stock; der peitschende Schlag traf deine lustdurchbebte nackte Schulter, Graziella, schmergekrümmt sankst Du hin.. Ich sah deinen Vater und deinen dir aufgezwungenen und ungeliebten Bräutigam auf uns zuschreiten und dich aus meinen Armen reißen.” Zwangsheirat – heute ein viel beachtetes Thema- der Autor kannte es damals schon. “Weinend und widerstrebend sah ich dich, von der Hand des Vaters gehalten, die Treppe hinauf ins Haus gehen. Mit einem harten Schlage fiel die Türe zu. – Ich aber blieb auf der Bank unter dem Fliederbusche in einer dumpfen Trauer und wünschte, es möge die Nacht kein Ende nehmen und der Morgen nicht anbrechen.”

Soweit die Angst vor dem Tag und der ernüchternden Helligkeit. Die eher romantische Geschichte endet im grauen Alltag, in dem der Traum zerstoben ist. Man trachtet danach, in einem anderen Buch mit Fliederthema – z.B. Nora Roberts Fliedernächte- einen positiven Ausgang einer Liebesbeziehung unter einem Fliederbusch zu suchen.

Gandhi steht vom Gastmal auf, in: Begegnungen am Abend

“Gandhi, der vom Schicksal ausersehene Vorsitende des indischen Nationalkongresses und einflußreiche Führer eines Millionenvolkes, war noch nicht lange in England, als er von Lord A. auf Grund von Empfehlungen eine Einladung zum Diner erhielt.” Auch hier tritt schon die Problematik des Vegetarismus auf, Gandhi erinnert sich an drei Bitten seiner Mutter: “erstens keinen Wein zu trinken; denn der Wein verleite zum Rausch, verdunkle die Vernunft und trübe die geistige Klarheit – ferner keine Frau zu berühren; denn das Weib des Westens würde ihn vom göttichen Bewußtsein und der edlen Kraft der Reinheit weglocken und verderben, und drittens kein Fleisch zu essen; Fleischgenuß sei eine Sünde gegen das Leben und eine Glaubensverletzung und würde ihn von seinen Ahnen entfernen, die niemals Stoffe des Tieres aufgenommen und in sich verwandelt hätten.” Gandhi möchte vom Diener eine Auskunft erhalten, ob die angebotenen Speisen Fleisch enthalten. Lord A. mischt sich ein, weil er das Gespräch als ungebührlich empfindet. Er fragt Gandhi: ” Was haben Sie mit dem Diener oder was wünschen Sie? Sehen Sie denn nicht, daß Ihre Unterhaltung mit dem Bedienten die Abwicklung des Mahles und die Gespräche der Gäste stört!” Gandhi entgegnet: “Sir, ich möchte wissen, da es mir verboten ist, Fleisch zu essen, ob in diesen Pasteten…Fleisch enthalten ist?” Bei der Tischrunde stößt diese Haltung auf Unverständnis. “Gandhi war diesem englischen Hochmut- das fühlte er mit seiner wachen und überempfindlichen Stelle – ein komischer Kauz und eine gesellschaftliche Null geworden.” Der Lord kanzelt Gandhi  folgendermaßen ab: “Herr Gandhi … ich bin mit der ganzen Tafelrunde eines Sinnes; die Willkür und die Nichtverleugnung Ihrer Sonderwünsche sind eines Gentlemans unwürdig!” Das Erhabene spricht Schnack in dieser Erzählung Gandhi zu: “Er stand von der Tafel auf und verließ den Speisesaal, bis ins Innerste klar und gefaßt… Das höhnische Lächeln auf den Gesichtern der Lords und Lakaien fror zusammen, das spöttische Flüstern verstummte vor der undurchdringlichen Miene des Inders. Mit Gandhi ging ein unsichtbares, aber doch fühlbares Etwas, das nicht zu verletzen oder zu demütigen war.  Etwas Millionenhaftes, Dumpfes und Gewaltiges folgte ihm – das ganze unsichtbare indische Volk verließ mit ihm die Tafel englischer Gastfreundschaft.”

Gandhi ist der moralische Sieger gegenüber der Kolonialmacht. Erhabenheit ist übrigens nach Friedrich Schiller der Triumph des Sittlichen über das Sinnliche.

Anton Schnack, Der Bootsmaat Nikifor Begitschew, in: 24 neue deutsche Erzähler – Frühwerke der neuen Sachlichkeit, München 1973

“Er war ein untersetzter Bursche, von Kälte gerötet und von dem vielen Alleinsein schweigend gemacht, Er hatte ein kühles graues Auge und den Instinkt eines Tieres. Sein Gesicht war hoch und ungemein kühn. Er liebte Robbenfleisch, das Nordlicht, das Gleiten der Hundeschlitten und das Erzählen über den russischen General Koltschak.”  So beginnt Schnack seine Erzählung, die zur “Neuen Sachlichkeit” gerechnet wird. “Ende Mai des Jahes 1920 erreichte ihn beim Fallenreinigen die Nachricht der Sowjetunion, daß Amundsens ‘Maud’- Matrosen Peter Tessem und Paul Knudsen seit einem Jahre vermißt wären. Er möge nach ihnen suchen. Die Norweger hätten viel Geld gestiftet.” So hat Begitschew die Absicht, die beiden zu finden. In einer ersten Expedition findet er Knochen, ein Schulterblatt, Schädelstücke und Fingerglieder, aber keine Spur der Verschollenen. Bei einer zweiten Expedition findet er eine Leiche mit einer Taschenuhr, die Tessems Monogramm trägt. “Er begrub den Leichnam unter Steinen und deckte ein Flaggentuch mit dem Sowjetstern darüber.” Weiter heißt es: “Über dem Toten lag ein unerforschtes Geheimnis. Himmel und Schnee und das ewige Brausen des Meeres hatten über dieses Geheimnis ihre Schwermut gelegt.” Unheil deutet sich an. Nach seiner Rückkehr bricht er zu einer dritten Expedition auf. 1926 sollen Eis- und Silberfüchse gejagt werden.

 

“In seiner Begleitung war der Jäger Natalschenko, der einen Kopf größer war und weißblonde Haare hatte. … Diese Natalschenko war der Liebshaber von Begitschews Frau geworden.” 1927 brechen sie auf und finden Bärenspuren. Als die Spuren sich teilen kommt es zum Streit, der von Natalschenko gesucht wird. Begitschew wird von seinem Begleiter zu Boden geworfen – sein Knöchel ist ausgekugelt. “… er konnte nicht vom Boden auf und bat Natalschenko um Hilfe. Aber dieser schlug dem Gefallenen mit dem Ende seiner harten Stiefel auf den Schädel, bis er bewußtlos umsank. Er zog ihm den Mantel aus, riß ihm die Stiefel von den Füßen und ließ ihn liegen. Der Abend brach mit bitterer Kälte herein. Begitschew lag die Nacht durch. Begitschew lag am nächsten Tage noch auf der Erde und lebte. Sein Blut, das aus der gesprungenen Schädeldecke sickerte, fror an ihm fest. Die zweite Nacht kam, Begitschew lag immer noch und sein Herz schlug. Am dritten Tage, in der großen Morgendämmerung, starb er. Aus der Ferne stieg das Meerrauschen.Ein Eisbär kletterte über eine Felskippe und brummte furchtbar. Der Mörder warf Steine über den Toten, brach sein Zelt ab und traf nach drei Tagen die Gefährten. Ihnen sagte er, Nikifor sei am Skorbut gestorben …”

 

Als Motiv muss von Eifersucht ausgegangen werden, Natalschenko war früher Liebhaber von Begitschews Frau. Der Held der Erzählung ist der russische Polarforscher Nikifor Begitschew (1874–1927). Der Tod von Begitschew wird ohne Pathos und sachlich geschildert. Deshalb wird die Erzählung zur “Neuen Sachlichkeit” gerechnet. Ein Expressionist hätte möglicherweise noch eine fiebrige Vision in den Tod Begitschews gelegt, in der sein Sohn sein Wirken fortführt. “Neue Sachlichkeit bezeichnet eine Richtung der Literatur der Weimarer Republik, die sich nüchtern und realistisch vom Pathos des Expressionismus abgrenzt.” 4

Anton Schnack und die Politik

Eine Auseinandersetzung mit der Politik findet in seinen Werken äußerst selten statt.  Sein Name findet sich in einem Dokument, dem “Gelöbnis treuester Gefolgschaft” war ein Treuegelöbnis von 88 deutschen Schriftstellern und Dichtern für Adolf Hitler, das am 26. Oktober 1933 in der Vossischen Zeitung abgedruckt und von der Preußischen Akademie der Künste  in Berlin propagiert wurde. Es wurde gleichzeitig auch in anderen Zeitungen, wie der Frankfurter Zeitung, veröffentlicht. Eine Nähe zum Nationalsozialismus kann aus seinen Werken nicht herausgelesen werden. Er war kein erwünschter, aber ein geduldeter Schriftsteller. Einige Schriftsteller unterzeichneten nach einem Literaturkritiker nur, um ihre Verleger zu schützen. Möglicherweise wollte er von den Nazis in Ruhe gelassen werden. Auch meint der betreffende Literaturkritiker (Joseph Wulfl), daß Unterschriften auch ohne Wissen der Betroffenen zustande gekommen seien. Schnack meint dazu, er hätte keine Gelegenheit gehabt, dazu Stellung zu nehmen. Schon 1929 wurde er von der NSDAP- Ortsgruppe Aschaffenburg als “Schmutz- und Schunddichter” bezeichnet. Drohungen bewirkten, dass er eine Zeitlang nach Südfrankreich emigrierte. In einer Stellungnahme zu dem Vorgang  weist Schnack darauf hin, dass er eine liberale Reaktion zu diesen Vorgängen vergeblich versucht hat, in die Wege zu leiten. Nach einer mißliebigen Kritik 1942 wurden ihm keine Buchmanuskripte mehr genehmigt. Anfang 1944 musste er noch einmal in den Krieg, nach Kriegsende geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wurde aber bald wieder entlassen. Er ging nach Kahl und wohnte dort in der Spessartstraße 8. Als er unpolitischer Mensch neigte Anton Schnack offensichtlich dazu, in dieser Zeit nicht anzuecken, was sich darin niederschlug, dass es bis 1942 im “grossen und ganzen unbehelligt” blieb- nach eigener Einschätzung.

Kritiker werfen ihm noch vor, dass mehr als 50 Texte im “NS-Kampfblatt” Krakauer Zeitung, dem Blatt des Generalgouvernemnts erschienen sind. 7 Der mir vorliegende Text “Phantasien um Virginia” in der Lemberger Zeitung (Regionalausgabe der Krakauer Zeitung vom 12.4.1942)) ist allerdings unpolitischer Natur. Ein Widerstandskämpfer war er demnach allerdings auch nicht.

Seine Erlebnisse als Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg fanden Niederschlag in der Gedichtsammlung “Tier rang gewaltig mit Tier”, die 1920 im Rowohlt Verlag erschien. 1915 wurde er als Armierungssoldat in einem Feldartillerieregiment eingesetzt , das an die Westfront (Somme/Verdun) stationiert war. In diesen Gedichten beschreibt er Angst vor dem Tod, aber auch die Suche nach Gott. Beispiel: Nacht des 21. Februar

Schlaflos – Nacht, Riesin, hochgewölbt, verfinstert, schwarz, mit grüner Lichtschnur, seiden,

streifig, weich;

Manchmal ein Wolkenzug, zerrissen, abenteuerlich gebaut; manchmal ein Wind, ein
unbekannter, der

voll aus einem Winkel kam,

Scharf, kalt, mit toller Kraft … Wen griff in dieser tiefen, bitterlichen Nacht nicht Heimweh und,

ach, das Wunder einer großen Scham? –

Ich stieg heraus an Fenster, grün, voll Schmutz, Spinnweben, Staub; und fand die Nacht den andern

Winternächten gleich.

Und fand sie weiß, voll Rausch und Röte, voll Blitz, weither, aufzuckend, hell; und fand sie voll

Erschütterung, gewaltger Not,

Voll Lärm der Pferde, Rauschen, Brüllen, voll einer Stunde Trommelfeuer (sehr wunderbar zu hören),

dumpfrolend, dunkel, traurig, mächtig.

Ich, tief erschüttert, wortlos, betend, gerüttelt von der Qual, die fern hochwuchs in Schutt und Schnee,

ich sah die Sterne an, ganz seltne, sie waren gelb und prächtig,

Ich sah ins Firmament, es war gewölbt, gewaltig, aufgespannt, ich sah in seine Tiefe, geöffnet,

grundlos, ganz verspritzt mit fabelhaftem Rot.

Ich sah mich sein: tierhaft besorgt, voll Angst, daß er mich würfe, der Tod, mit einem Stein ins

Antlitz, das einst roch Nächte, süßlich, südlich, heiß,

Das einst gebräunt war, schön und dunkel; ich sah mich sein: veraltet, übermüdet, fröstelnd, ein

abendlicher  Mensch, bereit zum Weinen,

Bereit zu gehen mit durchbohrtem Herz in samtne Stille, unbekanntes Land, bereit mich zu verlieren,

achtlos, traurig matt,

Zu altem Zeug, Gerümpel, Tand, zermürbt, verstaubt, vernagt, in eine Ecke, lichtlos, dämmrig, wo

junge Ratten wispern scharf und leis

Wo Rauch war dick und trüb, verflattert, aufgeballt, gewöhnlich, grau, vermufft; wo riesenhafte

Käfer grün glühten unter moosbezogenen Steinen;

Ich sah mich sein: ein Ding, verloren dem Gesetz der Unerbittlichkeit, dem Ruf des Todes, bös

geworfen an die Fenster; ich sah mich überdrüssig, steif und aller Abenteuer satt.

 

So kann man hier getrost feststellen, dass das Kriegserlebnis bis auf den Grund aufwühlt, extrem Ängste hervorruft und die Einsamkeit des Menschen verdeutlicht. Was ich in den Gedichten Anton Schnacks zum Ersten Weltkriegs vermisse, ist die Frage, ob es nicht auch anders geht,  ob es schicksalhaft vorgegeben ist, aus nationalistischen Gründen jahrelang sich das Leben auszublasen. Und psychisch für immer von diesem Schrecken traumatisiert zu sein. Dieser Frage ist Kurt Tucholsky in seinem Gedicht “Der Graben” von 1926 nachgegangen.

Mutter, wozu hast du deinen Sohn aufgezogen?
Hast dich zwanzig’ Jahr mit ihm gequält?
Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,
und du hast ihm leise was erzählt?
Bis sie ihn dir weggenommen haben.
Für den Graben, Mutter, für den Graben.

Junge, kannst du noch an Vater denken?
Vater nahm dich oft auf seinen Arm.
Und er wollt dir einen Groschen schenken,
und er spielte mit dir Räuber und Gendarm.
Bis sie ihn dir weggenommen haben.
Für den Graben, Junge, für den Graben.

Drüben die französischen Genossen
lagen dicht bei Englands Arbeitsmann.
Alle haben sie ihr Blut vergossen,
und zerschossen ruht heut Mann bei Mann.
Alte Leute, Männer, mancher Knabe
in dem einen großen Massengrabe.

Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!
Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!
In die Gräben schickten euch die Junker,
Staatswahn und der Fabrikantenneid.
Ihr wart gut genug zum Fraß für Raben,
für das Grab, Kameraden, für den Graben!

Werft die Fahnen fort!
Die Militärkapellen spielen auf zu euerm Todestanz.
Seid ihr hin: ein Kranz von Immortellen –
das ist dann der Dank des Vaterlands.

Denkt an Todesröcheln und Gestöhne.
Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,
schuften schwer, wie ihr, ums bißchen Leben.
Wollt ihr denen nicht die Hände geben?
Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
übern Graben, Leute, übern Graben –

Leider ist in Schnacks Werk keine politische Einschätzung des Ersten Weltkrieges zu finden. Das Politische blieb im weitgehend fremd. Das meint auch der Rezensent Rolf-Bernhard Essig in der Süddeutschen Zeitung vom 27.04.2004 –  das Politische sei nach dem Ersten Weltkrieg bei Schnack nicht mehr präsent gewesen. Um so mehr die Wunderwelt der Natur und der alltäglichen Dinge, die in den seltensten Fällen bieder daher komme. In einem Werk zum Expressionismus meint ein Rezensent zur Lyrik Anton Schnacks: “A. Schnack beispielsweise zielt in ‘Tier rang gewaltig mit Tier’ die ‘gewaltge Not’ der Frontnächte mit (34), eine Not, die ‘zu groß ward’ und zu Gebeten, ‘ungewollt, verworrsen, stockend, müde’, führte (‘Im Graben’, ebd., 39); es ist die Rede von der ‘Not der Erde’ im Kriege (49) und – im Gedicht ‘Flucht’- von einem ‘Notgeschrei’, in dem eine Stirn lautlos untergeht (71).” 8

 

Lebensdaten

Am 21. Juli wird 1892 Johann Anton Schnack als drittes Kind des GendarmeriestationsKommandanten und späteren Gerichtsvollziehers Hermann Schnack (1853-1913) und dessen Frau Elisabeth (Elise) geb. Faik (1855-1943) im unterfränkischenRieneck an der Sinn geboren. Seine Geschwister sind Eugenie (1886-1978) und Friedrich (1888-1977), der später ebenfalls Schriftsteller wird. 9

Im Gegensatz zu Anton wird Friedrich in den meisten Literaturgeschichten heute noch erwähnt. Zwei von Anton Schnacks Gedichten sind allerdings in der Anthologie Gedichte des Expressionismus ,Hrsg. Dietrich Bode, Stuttgart 2001, nachzulesen. Dort läuft er unter der Rubrik “Süddeutscher Ton”.

Um 1895 zieht die Familie nach Dettelbach um, wohin der Vater dienstlich versetztwird. 1899 besucht Anton die Volksschule in Dettelbach. Um1900 zieht Familie nach Kronach um, 1903 nach Hammelburg. 1905 besucht er des Progymnasiums in Hammelburg. Im Juli 1911 schließt er das Progymnasium ab.

1912 arbeitet er in Emmerich, an der holländischen Grenze bals Redaktionsvolontär beim Boten vom Niederrhein. In Halberstadt/Harz arbeitet er 1913 als Hilfsredakteur bei der Halberstädter Allgemeinen Zeitung. In diesem Jahr beginnt er ein Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität München.

1914 arbeitet er in Bozen arbeitet er bis zum Kriegsausbruch als Hilfsredakteur beim Bozner Tagblatt. Er kehrt nach Deutschland zurück und  begibt sich nach Haßfurt, wo seine Mutter bei ihrer verheirateten Tochter Eugenie wohnt.

1915 zieht die Mutter ins elterliche Anwesen nach Alzenau in Unterfranken
um; Anton Schnack begleitet sie. Er arbeitet im Kahltal-Boten mit. Im November wird er zum Kriegsdienst einberufen. Er dient als Armierungs-
soldat in  einem Feldartillerieregiment, das an die Westfront (Somme/Verdun) geschickt wird. Vorher im August erscheint sein erstes expressionistisches Gedicht.

1916 beendete eine Verletzung beim Entladen von Munition Ende Februar
seinen Kriegsdienst.

1917 wird er beim Kommunalverband Alzenau als Mühlen- und Lebensmittelkontrolleur dienstverpflichtet

Ab Oktober 1918 (bis 1920) arbeitet Schnack in Darmstadt als Feuilleton-redakteur undTheaterkritiker der Darmstädter Zeitung. Er publiziert Gedichte in expressionistischen Zeitschriften.

Im Mai 1919 erscheint Schnacks Gedichtband Strophen der Gier. Im Herbst veröffentlicht er die Gedichtbände Der Abenteurer und Die tausend Gelächter.

Im Frühjahr 1920 erscheint der Gedichtband Tier rang gewaltig mit Tier. 1000 Exemplare gab es in einer nummerierten Auflage. Ab Oktober wurde er Feuilletonredakteur und Theaterkritiker der Neuen Badischen Landes-Zeitung in Mannheim. Seine Tätigkeit dort endete
1925.

Im Frühjahr 1921 erhielt er den Preis der Deutschen Schillerstiftung.

Am 24. Oktober 1924 heiratet er Maria Glöckler 1924 (1901-1978).

1925 begibt er sich auf Auslandsreisen: Er hält sich in Malcesine am Gardasee auf. Dort wohnt sein Freund Ossip Kalenter.

Im Mai 1926 reist er aus Italien ab; er besucht Zoppot und Bohnsack bei Danzig.

1927 hält er sich mehrere Monate in Dalmatien auf, in Ragusa (Dubrovnik). Schnack arbeitet ab September wieder als Feuilletonredakteur und Theaterkritiker bei der Neuen Badischen Landes-Zeitung. (bis 1929)

1929 hält er sich in Südfrankreich (Marseille und Le Lavandou) auf.

1930 wohnt Schnack  mit seiner Frau als freier Schriftsteller in Herrsching am Ammersee.

1931 zieht er nach Prien am Chiemsee um.

1933 wohnt er in Berchtesgaden (bis 1937). Er wird in einer Stellungnahme
von Hitler-Unterstützern geführt. Gelöbnis treuester Gefolgschaft war ein Treuegelöbnis von 88 deutschen Schriftstellern  und Dichtern für Adolf Hitler, das am 26. Oktober 1933 in der Vossischen Zeitung abgedruckt  und von der Preußischen Akademie der Künste in Berlin propagiert wurde. Es wurde gleichzeitig auch in anderen Zeitungen, wie der Frankfurter Zeitung,  veröffentlicht, um eine möglichst weite Verbreitung zu erreichen. Nummer 69 und 70  auf der Liste waren Anton Schnack (1892–1973) und Friedrich Schnack (1888–1977).A. Schnack berichtet  später, er habe keine Gelegenheit gehabt, “dazu Stellung zu nehmen”.

1934 erscheint das Prosabändchen Kalender-Kantate. Er weilt auf der Ostseeinsel Oie, wo Schnacks Roman Zugvögel der Liebe entsteht.

1935 erscheinen die Bände Die fünfzehn Abenteurer. Lebensläufe und Schicksale und die Prosasammlung Kleines Lesebuch. Er erhält den Lyrikerpreis der Zeitschrift Die Dame.

1936 folgen der Gedichtband Die Flaschenpost, der Band Die Verstoßenen- Zwei Erzählungen sowie der Roman Zugvögel der Liebe.

Von 1937 bis 1943 wohnt er  in Frankfurt am Main. Der Roman Der finstere Franz und die Prosasammlung Der gute Nachmittagerscheinen.

1938 erscheint die Prosasammlung Die bunte Hauspostille.

1940 folgt die Prosasammlung Begegnungen am Abend.

1941 erscheint der Prosaband Jugendlegende.

1942 setzt er sich mit dem Schriftsteller Erich Ebermayer (1900 bis 1970) über den Roman Unter anderem Himmel auseinander. Ebermayer hatte zum
Dritten Reich ein etwas schillerndes Verhältnis. Ab 1. September wird er Redakteur bei der Societäts-Druckerei in Frankfurt am Main

1943 Am 1. August stirbt Schnacks Mutter in Burghausen (Oberbayern) Ende des Jahres beendet er seine Tätigkeit bei der Societäts-Druckerei.

1944 Im Februar wird er zum Kriegsdienst als ‚Landesschütze‘ einberufen.

1945 gerät Schnack in amerikanische Kriegsgefangenschaft; nach seiner Entlassung  geht Schnack nach Kahl am Main, wo er mit seiner Frau bis zu seinem Tod im Anwesen der Schwiegereltern, Spessartstraße 8, wohnen wird.

1946 erscheinen die Prosasammlung Die Angel des Robinson sowie die Bände Arabesken um das ABC und Mädchenmedaillons erscheinen.

1947 folgt der Gedichtband Der Annoncenleser.

1948 liegt der Gedichtband Mittagswein vor. Darin

Herbstliche Nacht

Wind, Regen, Nebel. Alles liegt in Trauer.

Wer sinnt die Tiefe dieses Dunkels aus?

Breit ist die Nacht. Verloren steht das Haus.

Du horchst am Fenster, Grübelnder auf Lauer.

Wer sinnt, geht irre. Wer träumt, versteinert.

Musik von Geigen macht die Nacht nicht mild.

Ich habe dich, durchseligt und verfeinert,

Ich habe dich, Geliebte, Traumstück, Bild…

Wind rauscht im Garten. Dunkel bricht das Holz.

Die Uhren rollen plötzlich ihren Schlag.

Das Licht war Gnade, bis es niederschmolz.

Die Nacht ist lange. Weit der bleiche Tag.

Ans Fenster fällt der schwere Regenbruch.

Ein wunderbarer Schlaf kommt plötzlich her.

Der Garten brütet Moder und Geruch.

Dann wird es stille. Keiner atmet mehr 10

1949 Der Prosaband Phantastische Geographie, mit zehn Zeichnungen von Alfred Kubin, erscheint.

1951 Der Band Das Fränkische Jahr erscheint.

1953 Der Band „Jene Dame, welche…“ Gedichte zu kleinen Anzeigen erscheint.

1954 Der Band Buchstabenspiel sowie Die Reise aus Sehnsucht. Zwei Erzählungen erscheinen. Auszug aus Buchstaben Spiel: “Der französische Dichter Rimbaud sagt von A, daß es schwarz sei. A ist nicht schwarz. Der erste Buchstabe kann nicht schwarz sein – er ist weiß und tadellos” 11 Da nicht jeder Mensch bei Buchstaben Assoziationen hat, dürfte es manchem schwer fallen, die Schnackschen zu verstehen.

1956 erscheint Flirt mit dem Alltag (Auszüge des Textes oben)

1957 erscheint das Brevier der Zärtlichkeit (Textauszüge oben) Schnack erhält die Ehrennadel der Stadt Alzenau.

1959 erhät Schnack die Ehrengabe der Hermann-Hesse-Stiftung der Deutschen Kultusministerkonferenz.

1961 erscheint das Werk Schöne Mädchennamen.

1964 wird ihm die Bürgermedaille der Stadt Hammelburg verliehen. Zudem erscheint der Band Weinfahrt durch Franken.

1965 kommt die bibliophile Neuveröffentlichung des Prosastücks Geräusche, Klänge, Laute, die ich liebe, heraus

1968 erhält Schnack den Bayerischen Poetentaler.

1973 stirbt er nach einem Schwächeanfall, der eine längere Aufnahme in die Hanauer Klinik erfordert, am 26. September an den Folgen einer Herzschwäche in Kahl; er wird auf dem dortigen Friedhof begraben.

Im Jahre 1973 wurde er für den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland vorgeschlagen.

2003 Eine Stele für den Heimatdichter Anton Schnack wird eingeweiht

2013 Ein alter Springbrunnen, ein Pavillon – in Nachbarschaft zu einem verwitterten  Pool (dem wahrscheinlich ersten in Kahl) – in diesem Umfeld im Schnackpark wurde am 14.Juni ein Gedenkstein für den Schriftsteller Anton Schnack enthüllt. 12

 

Anton Schnack Gedenkstein

Foto: Bernhard Schmitt

Foto: Bernhard Schmitt

Fußnoten

Kahl hat gegenwärtig etwa 7.400 Einwohner, in den 50er Jahren waren es weniger. 1958 waren es 6.000

2 Die Aussage ist nicht verbürgt, sondern eine Art dichterische Freiheit des Autors C.S.

3 http://de.wikipedia.org/wiki/Blut-Schwei%C3%9F-und-Tr%C3%A4nen-Rede

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_%28Literatur%29

5 Vgl. “Kleine Glückseligkeiten, Bruchstücke aus einer paradiesischen Welt”, Zu Leben und Werken Anton Schnacks. Nachwort von Hartmut Vollmer, in: Anton Schnack, Werke in zwei Bänden, Band 1 – Lyrik, Berlin 2003, S. 458

6 Vgl. ebd.

7 Vgl .Ernst Klee, Kulturlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2009, S. 483 und Main-Post vom 12.10.2011 (Björn Kohlhepp)

8 Wolfgang Rothe, Der Expressionismus: theologische, soziologische und anthropologische Aspekte einer Literatur, Frankfurt am Main 1977, S.89

9 Vgl. Hartmut Vollmer S 474 ff.

10 Die Zeit, 1.12.1949

11 Anton Schnack, Buchstaben Spiel, Stuttgart 1956, S.7

12  Main-Echo 22.5.2013

Literatur

Anton Schnack, Flirt mit dem Alltag (Zeichnungen von Max Schwimmer), Frankfurt am Main 1956

Anton Schnack (Zeichnungen von Trix), Brevier der Zärtlichkeit,
Frankfurt am Main 1957

Anton Schnack, Die Angel des Robinson, München 1946 (Desch Verlag)

Anton Schnack, Begegnungen am Abend, Stuttgart 1940

Anton Schnack, Der Bootsmaat Nikifor Begitschew, in: 24 neue deutsche
Erzähler – Frühwerke der neuen Sachlichkeit, München 1973

Anton Schnack, Tier rang gewaltig mit Tier, Berlin 1920 (Rowohlt Verlag)

http://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Schnack

Anton Schnack, Werke in zwei Bänden, Elfenbein Verlag, Berlin 2003

Anton Schnack, Buchstaben Spiel, Stuttgart 1956 (Reclam Verlag)

Süddeutsche Zeitung, 27.04.2004, Rezension von Rolf-Bernhard Essig

http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_%28Literatur%29

http://de.wikipedia.org/wiki/Gel%C3%B6bnis_treuester_Gefolgschaft

Main-Echo 22.5.2013 Gedenkveranstaltung:  Die Kahler Artur Glöckler
GmbH erinnert am 14. Juni an Schriftsteller Anton Schnack

Main-Echo 18.06.2013  Eine Ehrensache -Gedenkveranstaltung: Die Kahler erinnern sich an »ihren« Schriftsteller Anton Schnack

Main-Post 12.10.2011 Björn Kohlhepp
Walter Bloem und die Brüder Schnack: Rienecks Dichter und die NazisBraune Vergangenheit: Welche Rolle spielten Walter Bloem und die Brüder Schnack in der Nazizeit?

Wolfgang Rothe, Der Expressionismus: theologische, soziologische und anthropologische Aspekte einer Literatur, Frankfurt am Main 1977

http://www.zeit.de/1949/48/herbstliche-nacht

FAZ (Rhein-Main-Zeitung) vom 12.09.2003 – Stele für Heimatdichter Anton Schnack

Ernst Klee, Kulturlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2009

Gedichte des Expressionismus ,Hrsg. Dietrich Bode, Stuttgart 2001

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Sophie Benning, Das Leben ist ein Kitschroman, Bindach 2011

Charlotte ist verliebt in den Tierarzt Carsten, der sie aber mit einer anderen betrügt. “Das ist alles ein missverständnis, Charli”*, stotterte Carsten. “I-ich kann dir das alles erklären und ….”
“Was kannst du erklären?” Seine Freundin stemmte beide Hände in die Seite und sah ihn wütend an.
“Das ist ganz einfach: Wenn Sie nicht da sind, hat dieser nette Tierarzt eine andere Freundin.” Mechthild legte mir eine Hand auf den Rücken.”Dann macht er sich an unserer Scharlodde ran.
Bis Sie wieder hier auftauchen. Dann serviert er sie mit dämlichen Ausreden ab, aber wie wir gerade sehen, kann das ganz schön ins Auge gehen.” “Viellaicht sollte er sainen Namen ändern…” Olga deutete mit dem Zeigefinger auf Carsten. “Denn är ihst kain toller Hächt, sondern
sondern aine miese Rahte. “Carsten?!” Die Stimme der Blondine wurde schrill. “Stimmt das?
Hast du was mit dieser Frau?” “Na ja…” Carsten wand sich.”Haben ist víelleicht etwas übertrieben.
Wir sind mal zum Essen gegangen und…” Vorlauf der Heldin Charlotte: Kein Sex. Und das schon seit unvorstellbaren zehn Monaten. So lange hat sich Charlotte auf  ihr Examen vorbereitet.
Und jetzt steht sie vor einer langweiligen Karriere in der Kanzlei von Dr. Krause.Hierauf hat sie wenig Lust. Der Umzug in die von den Eltern vorgesehene Eigentumswohnung steht zudem bevor.

Carsten entpuppt sich vorher schon als betont unseriöser Liebhaber bei unvorhergesehenen Situationen. Bei einem Lokalbesuch mit seiner Charlotte kommen plötzlich zwei hübsche Frauen durch die Tür. Er entblödet sich nicht, unter dem Tisch zu verschwinden.

“Ein Krampf”, stöhnte er und versuchte das Bein zu strecken. “Oh verdammt, tut das weh!”
“Vielleicht solltest du lieber versuchen aufzustehen, Bei mir hilft das immer. ” Carsten schüttelte den Kopf.”Lass mal. Ist sicher gleich vorüber.” Also tauchte ich wieder auf. Gerade rechtzeitig, um dem verduzten Kellner zu versichern, dass das Essen wunderbar gewesen sei und mein Begleiter noch lebe… Soweit Sophie Benning.

Und die Moral von der Geschichte: Männer, die beim Auftreten von Frauen in Restaurants unter dem Tisch verschwinden, um einen Krampf zu therapieren, handeln unglaubwürdig. Sie haben etwas zu verbergen. Einen Krampf behebt man, indem man mit dem besagten Bein auftritt und sich erhebt. Dann löst sich der Krampf schnell wieder.

Frau Benning weist den Weg, wie man heuchelnde Männer entlarven kann. Das Buch ist insofern wegweisend für Frauen und Männer. Charlotte will alles aufschreiben und an eine Frauenzeitschrift
versenden. Besser als eine Stellung bei Dr. Krause.

* Abkürzung für Charlotte

 

Marie Louise Allison – Also bin ich froh

Die Ich-Erzählerin Jennifer M. Wilson – das “M” steht für Mercy und bedeutet möglicherweise Gnade – arbeitet als Sprecherinbeim Rundfunk und in der Werbung. Sie erinnert sich, dass ihre Eltern – ihre Mutter war die zweite Frau ihres Vaters – ständig vor ihren Augen übereinander herfielen in sexueller Absicht. Macht man das? Warum konnten sie sich nicht beherrschen? Das hatte  ihr Angst eingejagt, solange sie noch klein war. Sie begriff nicht, was die beiden da machten. Während Jennifer noch zur Schule ging, kamen ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall um. 1993 taucht in Glasgow der französische Dichter Cyrano de Bergerac auf , der im 17. Jahrhundert (1655) schon gestorben ist. Die Frage bei einen Toten, genannt hier Savinien, der wieder lebend auftaucht, ist, ob der abstruse Grad einer Handlung nicht zu groß ist, um sich darauf einzulassen. Vorher war die Beziehung mit Steven gescheitert. Kann man so ein Buch ernst nehmen? Muss man es zur Seite legen? Der Leser ist unschlüssig. Kann man vom Abstrusen leben? Der Tod des Protagonisten: „Ich sah, wie er sich auf den Hacken wiegte, taumelte und dann sacht nach vorn fiel. Wie Wasser, das sich teilt, nahmen die Steine ihn auf, und nichts war mehr. … Seine Kleider, noch warm, erfüllt von seinem lebendigen Geruch.“ Zum Schluss noch etwas Tröstliches: „Jetzt kann ich Arthur aus meinem Schlafzimmerfenster sehen. Er hüpft neben seinem Fahrrad , dann in den Sattel und ist weg. Jetzt ist also niemand mehr hier. Ich werde es vermissen und ich werde Savinien vermissen, und ich werde froh sein.“ Das ist wirklich erhellend.

 

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Veröffentlicht 24. März 2014 von schauerchristian in Betrachtungen zur Literatur

Die Haube und der Homburg

Meier Helmbrecht – Die Haube als superbia-Symbol – Procol Harums Homburg im Vergleich – Kannte Keith Reid Werner den Gärtner?

In der Eingangsszene wird ausführlich die Haube geschildert, die sich der junge Helmbrecht von einer aus dem Kloster entflohenen Nonne hat anfertigen lassen und in die er seine künstlich gelockten Haare fasst. Einen Homburg gab es damals noch nicht. Der Hut Homburg ist ein hoher Herrenhut aus Filz mit hochgebogener, eingefasster Krempe. Er wurde als „Homburg“ zu einem weltweiten Verkaufsschlager.Der Homburg wurde ursprünglich in der deutschen Stadt Bad Homburg (Hessen) durch die 1806 gegründete Hutfabrik Ph. Möckel hergestellt.

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Homburg

Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Homburg_(Hut)

Auf der Haube sind außer aufgestickten Vögeln und Tanzszenen Motive aus der heroischen Literatur abgebildet. Im Originaltext heißt es dazu:

Genauso wie den Vater nannte man den Sohn:

beide hießen sie Helmbrecht.

In einem knappen, einfachen Bericht

werde ich euch sagen,

was auf der Haube

für wunderliche Dinge abgebildet waren.

Was ich sage, ist wahrheitsgetreu;

denn ich sage es nicht nur so auf Vermutung hin.

Hinten vom Nackenhaar

über den Scheitel bis zum Haarschopf

mitten auf dem Kopf

war der Saum mit vögeln übersät,

genauso, als wären sie dorthin geflogen

direkt aus dem Spessart.

Auf den Kopf eines Bauern

ist niemals ein bessere Kopfbedeckung gekommen,

als man sie auf Helmbrechts Kopf sehen konnte.

Dem Bauerntölpel

war ungefähr am rechten Ohr

auf die Haube genäht

(wollt Ihr nun hören, was darauf war?):

wie Troja belagert worden ist,

als der vermessene Paris

dem König von Griechenland seine Gemahlin geraubt hatte,

die ihm so lieb war wie sein eigenes Leben;

und wie man Troja erobert hat

und Aeneas von dort geflüchtet ist,

und zwar zu Schiff auf dem Wasserweg;

und wie die Türme herabgestürzt sind

und unzählige Steinmauern.

Ach, daß jemals ein Bauer

solch eine Haube tragen mußte,

von der soviel zu berichten ist! 1

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Meier Helmbrecht mit Haube

Man sieht hier den “Bauernsohn Helmbrecht, der sich mit einem zutiefst höfischen Symbol schmückt, dadurch seinen Aufstiegswillen kundtut und die von Gott gegebene Ständeordnung verletzt.” 2

Entstanden ist die Dichtung wahrscheinlich im Zeitraum zwischen 1250 und 1285 im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet an Salzach und Inn. Die Bauern, die den verstümmelten Meier ergreifen, zerreißen, bevor sie ihn töten, seine Locken und die Haube und treten letztere in den Staub. Während sie sich an ihm mit Schlägen rächten, riefen sie:

Nun gib acht auf deine Haube, Helmbrecht!”

Was an ihr zuvor der Scherge

ganz gelassen hatte,

das wurde nun vollständig zerstört.

Es war ein grausiger Vorgang,

nicht einmal ein pfenniggroßes Stück

von ihr blieb ganz.

Die Papageien und Lerchen,

Sperber und Turteltauben,

die auf die Haube genäht waren,

sie wurden auf dem Weg zerstreut.

Hier lag eine Locke, dort ein Fetzen

von Haube und Haar.

Wenn ich jemals die Wahrheit gesagt habe,

dann glaubt mir

die Geschichte von der Haube,

in wie kleine Stücke man sie zerriß.

Niemals habt Ihr einen Kopf gesehen,

der so kahl war. 3

Die Haube ist ein Leitmotiv und Symbol für Helmbrechts Übermut und „superbia“ (Anmaßung) sowie für die Strafe dafür. Procols Homburg wird nicht zerrissen, sondern aus Demut abgenommen. Über Helmbrechts Gedanken wird nichts berichtet,über die Gedanken des Hutabnehmers auch nicht.

In „Homburg“ von Procol Harum ist die Kopfbedeckung, der Homburg, die letzte Station einer Enttäuschung.Im Gegensatz zur Haube in „Helmbrecht“ ist der Homburg nur schwarz und weist keine Bilder auf.4

Your Trouser Cuffs Are Dirty

And Your Shoes Are Laced Up Wrong

You’d Better Take Off Your Homburg

‚cos Your Overcoat Is Too Long

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Vorausgegangen war eine Eine-Nacht – Bekanntschaft (one night stand – ein erotisches Abenteuer), die schnell ins Nichts zerfällt , von der nur aschengefüllte Aschenbecher bleiben und ein Bett, das durch Lippenstiftspuren gekennzeichnet ist. Der Protagonist empfindet zudem nicht die geringste Lust, die Zeit zu erzählen, denn sie steht still, die Wegweiser deuten ins Nichts. The town clock in the market square Stands waiting for the hour When its hands they both turn backwards And on meeting will devour Both themselves and also any fool Who dares to tell the time And the sun and moon will shatter And the signposts cease to sign

Dem Verlust des Homburgs war eine gescheiterte Beziehung vorausgegangen. Doch was bereitete Helmbrechts Ende vor?

Helmbrecht, der Sohn eines Meiers (eines meist reichen Bauern, der für den Grundherrn Verwaltungsarbeiten ausübt), will nicht länger in seinem Stand verbleiben und harte Landarbeit verrichten, sondern – mit Unterstützung seiner Schwester und der Mutter – Ritter werden. Entgegen den Warnungen des Vaters, der den Sohn auf ein schlechtes Ende seiner Bemühungen hinweist, „lässt der Sohn sich schließlich sein Erbe in Form einer ritterlichen Ausrüstung auszahlen und zieht zu einem Burgherrn, der gerade Fehde führt und ihn in seine berittene Truppe aufnimmt.“5

Deren Art, Krieg zu führen, besteht in Morden, Rauben und Brennen. In Mord und Totschlag also. Helmbrecht führt ein Leben in Überschwang und Fülle, vor allem auf Kosten der Landbevölkerung.Vergleichbar ist im Song „Homburg“ damit nichts.

Helmbrecht verheiratet seine Schwester mit einem seiner Bekannten (Lemberslint). Noch während der Hochzeit werden sie von den Schergen eines Richters überwältigt. Die „Raubritter“ werden erhängt. Helmbrecht ereilt die Höchststrafe: er wird geblendet und verstümmelt.

Nach einem Jahr in der Fremde sucht er bei seinem Vater Unterschlupf, der von dem Geächteten nichts mehr wissen will. Von Bauern, die er einst beraubt und geschunden hatte, wird er zu guter letzt aufgehängt.

Der Autor Werner der Gärtner ist in einer Urkunde nicht nachzuweisen. Auch sein Name, den er im Epilog nennt, ist in seiner Deutung umstritten: Die Leser der Geschichte sollen für den Dichter Fürbitte leisten, „Wernher dem Gartenaere“. Er kommt wahrscheinlich aus Bayern oder Österreich.

Die fahrende Lebensweise des Dichters könnte auch für einen Wandermönch, eventuell für einen Franziskaner, sprechen. Indizien dafür sind nicht nur die Bibelkenntnisse des Autors, sondern auch seine Affinität zu franziskanischem Gedankengut.

Die Erzählung vermittelt als zentrale Lehre: wer sich gegen seinen eigenen Stand auflehnt und den Gehorsam gegenüber den Eltern aufkündigt, wird letztendlich scheitern! Schuster bleib bei deinen Leisten!

“Die Hauptschuld, die auf Gotelint lastet, liegt darin, daß sie ihrem Bruder in die Superbia folgt, indem sie sich genau wie ihr Bruder von ihrem Vater lossagt und ihn nicht mehr als leiblichen Vater anerkennt.” 6 Welche Schuld in “Homburg” auf der Geschäftsfreundin lastet, wird überhaupt nicht behandelt.

Der Song „Homburg“ vermittelt die Einschätzung, dass eine unschickliche Beziehung in einer totalen Enttäuschung enden wird. Der Protagonist ist nicht leiblich, sondern psychisch tot. Das Chaos seiner Kleidung symbolisiert dies.

„Die schmutzigen Hosenumschläge, die falsch geschnürten Schuhe, der zu lange Mantel lassen auf persönliches Versagen, auf den Zusammenbruch der eigenen Welt und vielleicht auch auf gesellschaftlichen Abstieg schließen – der Angesprochene soll von einem Homburg, einem Statussymbol der Oberschicht, Abschied nehmen.“ 7

Hat der Lyriker von Procol Harum, Keith Reid, den „Meier Helmbrecht“ gekannt? Vermutlich nicht, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Stichwort „Homburg, Teil zwei“.

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1 Wernher der Gartenaere, Helmbrecht (mittelhochdeutscher Text und Übertragung), Frankfurt am Main 1974 (2. Auflage), S. 7 ff.

2 Patrick Müller,. Symbole und Leitmotive im „Helmbrecht“ Wernhers des Gartenaere, o.O. 2001, Haubenschilderung

3 Wernher der Gartenaere, Helmbrecht, a.a.O., S. 99 ff.

4 https://www.youtube.com/watch?v=oty-xMa-res&list=RDoty-xMa-res#t=23 Dieses Youtoube-Video zeigt den Homburg völlig schwarz

5 Artikel von Theodor Nolte http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45153

6 Olaf Koch, Der Helmbrecht als Familientragödie, o.O. 2001 http://www.grin.com/de/e-book/105059/der-helmbrecht-als-familientragoedie

7 Peter Urban, Rollende Worte – die Poesie des Rock. Von der Straßenballade zum Pop-Song. Frankfurt am Main 1979, S. 273

Empfohlener link
http://www.procolharum.com/w/w9903.htm

Veröffentlicht 26. April 2013 von schauerchristian in Die Haube und der Homburg

Hermann Hesse – ein deutscher Romantiker/ Edzard Schaper „Die Freiheit des Gefangenen“

Der Steppenwolf und Klein und Wagner

Der Steppenwolf” ist die Geschichte einer psychischen Spaltung der Hauptfigur Harry Haller, einer inneren Projektion des Dichters. Haller leidet an der Schizophrenie seines Ichs. Einerseits hat er eine bürgerlich angepasste Seite, ist eine Art Spießer. Andererseits wirkt in ihm eine steppenwölfische Dimension. In dieser ist er einsam und zerrisssen und ein Kritiker seines Standes. Beide Seiten bekämpfen sich und schränken die künstlerische Entwicklung ein.Der Weg der Versöhnung beider Seiten ist der Humor, im Lachen über sich selbst und die Gesellschaft. Der Humor lässt eine künstlerischen Vollendung möglich erscheinen. In seinem Teil des magischen Theaters findet sich neben Orgien und Dialogen mit Mozart auch ein Kapitel “Auf zum fröhlichen Jagen! Hochjagd auf Automobile”.Hier heißt es unter anderem:

Auf den Straßen jagten Automobile, zum Teil gepanzerte, und machten Jagd auf auf die Fußgänger, überfuhren sie zu Brei, drückten sie an den Mauern der Häuser zuschanden. Ich begriff sofort: es war der Kampf zwischen Menschen und Maschinen, lange vorbereitet, lang erwartet, lang gefürchtet, nun endlich zum Ausbruch gekommen. Überall lagen Tote und Zerfetzte herum, überall auch zerschmissene,verbogene, halbverbrannte Automobile, über dem wüsten Durcheinander kreisten Flugzeuge, und auf sie wurde von vielen Dächern und Fenstern aus mit Büchsen und Maschinengewehren geschossen.” Die Fußgänger schlagen allerdings zurück. Haller und sein Jugendfreund Gustav leisten Revanche. “‘Auf den Chauffeur zielen!’ befahl Gustav schnell, eben rannte der schwere Wagen unter uns vorbei. Und schon zielte ich und drückte los, dem Lenker in die blaue Mütze. Der Mann sank zusammen, der Wagen sauste weiter, stieß gegen die Wand, prallte zurück, stieß schwer und wütend wie eine große dicke Hummel gegen die niedere Mauer, überschlug sich und krachte mit einem kurzen leisen Knall über die Mauer in die Tiefe hinunter: ‘Erledigt!’ lachte Gustav. ‘Den nächsten nehme ich.’ “

 

Soweit die abnorme Aggressivität gegen Automobilfahrer, die auch heute manchen umzutreiben scheint: “Der Mann, der in Nürnberg auf Autos geschossen haben soll, ist ein 49-jähriger Rechtsanwalt aus Nürnberg. Das hat die Polizei bei einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Der Mann hat die Taten gestanden.” BR- Nachrichten 20.11.2014. Es heißt dort weiter: “Warum der verheiratete 49-Jährige auf die Autos geschossen hat, wollte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen noch nicht bekannt gegeben. Der Mann sei zwar geständig, bestreitet aber, dass er in Tötungsabsicht geschossen hat. ”Vielleicht hat er den “Steppenwolf” gelesen, festgestellt, daß der Harry Haller auch etwa 50 ist und wurde dann Nachahmungstäter. Jüngere Täter wurden bei einem anderen Fall verhaftet. “Nach den Schüssen auf Autos und Busse im Ruhrgebiet haben über 50 Autobesitzer Schäden an ihren Fahrzeugen bei der Polizei gemeldet. Die Täter konnten unterdessen gefasst werden; sie haben gestanden.” Beide Täter waren zwanzig: “Zum Verhängnis wurde den Tätern ihr auffälliges Auto. Der BMW Z4 wurde am Sonntagabend von zwei Zeugen gesehen, die Ermittlungen führten zu einem 20-Jährigen Schüler aus Recklinghausen. In dessen Wohnung wurde dann auch eine umgebaute Softair-Pistole und dazugehörige Stahlmunition gefunden. Weitere Ermittlungen führten dann zum zweiten Täter: Einem ebenfalls 20jährigen Handwerker aus Recklinghausen.” Ruhr Nachrichten 25.3.2014. Ein Motiv konnten die beiden nicht benennen. Konnten es Gustav und Harry Haller?

 

Eine Beatgruppe namens “Steppenwolf” nannte sich nach dem Werk Hesses. Können die Empfehlungen in “Born to be wild” in Hesses Werk nachgewiesen werden? Yeah, darlin’ Gonna make it happen Take the world in a love embrace. Betrachten wir die Zusammenkunft Hallers mit Hermine im magischen Theater Nur für Verrückte”: “Wir beide standen und blickten einander an. Einen Augenblick lang wurde ich wach und nüchtern, fühlte ungeheure Müdigkeit mich von hinten überfallen, fühlte die durchgeschwitzten Kleider widerlich feucht und lau um mich hangen, sah meine Hände rot und dickgeädert aus zerdrückten und verzwickten Manschetten hervorkommen. Ab sofort war das wieder vorbei, ein Blick Herminens löschte es aus. Vor ihrem Blick, aus dem meine eigene Seele mich anzuschauen schien, sank alle Wirklichkeit zusammen, auch die Wirklichkeit meines sinnlichen Verlangens nach ihr. Verzaubert blickten wir einander an, blickte meine arme kleine Seele mich an. Du bist bereit?’ fragte Hermine, und ihr Lächeln verflog, wie der Schatten über ihre Brust verflogen war, Fern und hoch verklang jenes fremde Lachen in unbekannten Räumen.” 1 Die Gruppe “Steppenwolf” dichtet weiter: “Steck’ die Welt in eine Umarmung der Liebe, Schieß’ all’ Deine Waffen zugleich ab und explodiere ins All.”

 

Im Zeitalter der Upanishaden (750-500 v. Chr.) werden Brahman und Atman als Wesenseinheit begriffen, die das wahre Wesen der Welt repräsentieren. Atman ist das innerste Wesen der Persönlichkeit, das eigentliche Ich. Die Seele des Einzelnen ist mit dem Brahman – der Weltseele- eins. Hier könnte die Gruppe die Vision am Schluß von “Klein und Wagner” gelesen und in Worte gefasst haben: Diese Schizophrenie gipfelt schließlich in Kleins Selbstmord, der zur Symbiose der sich widersprechenden Elemente wird. Wie detaillert das Sterben Kleins geschildert ist, wie unermesslich tief dieser Rausch, dieser Taumel, dieser Sog geschildert ist, den der Sterbende als Weg zu Glück und Erlösung empfindet, das ist wahrlich groß.” 2

 

Wobei Klein nicht direkt explodiert, sondern ins All gleitet. Helden und Denker traten aus dem Weltstrom, Propheten, Verkünder. ‘Siehe, das ist Gott der Herr, und sein Weg führt zum Frieden’, rief einer, und viele folgten ihm. Ein andrer verkündete, daß Gottes Bahn zum Kampf und Kriege führe. Einer nannte ihn Licht, einer nannte ihn Nacht, einer Vater, einer Mutter. Einer pries ihn als Ruhe, einer als Bewegung, als Feuer, als Kühle, als Richter, als Tröster, als Schöpfer, als Vernichter, als Verzeiher, als Rächer. Gott selbst nannte sich nicht, Er wollte genannt, er wollte geliebt, er wollte gepriesen, verflucht, gehaßt, angebetet sein, denn die Musik der Weltchöre war sein Gotteshaus und war sein Leben – aber es galt ihm gleich, mit welchen Namen man ihn pries, ob man ihn liebte oder haßte, ob man bei ihm Ruhe und Schlaf, oder Tanz und Raserei suchte. Jeder konnte suchen. Jeder konnte finden. Jetzt vernahm Klein seine eigene Stimme. Er sang. Mit einer neuen, gewaltigen, hellen, hallenden Stimme sang er laut und hallend Gottes Lob, Gottes Preis. Er sang im rasenden Dahinschwimmen inmitten der Millionen Geschöpfe, ein Prophet und Verkünder. Laut schallte sein Lied, hoch stieg das Gewölbe der Töne auf, strahlend saß Gott im Innern. Ungeheuer brausten die Ströme hin.” 3

 

Hier steigert sich Hesse in einen Sprachrausch, der den Schluß zu einer metaphysischen Phantasie werden lässt. Visionen sind gelegentlich fiebrig – aber sucht nicht der Visionär das Fieber? In den vergangen Jahren tauchte eine Gruppe “Die Yogischen Flieger” in der Politik auf.4 Möglicherweise haben sie auch manches von Hesse gelesen. Persönlich komme ich schwimmend dem All auch nicht näher nach dem Genuß von mindestens drei Gläsern Bier! Man muß wohl eine erbliche Disposition dazu haben! In einem Brief schreibt Hesse 1919 über seine Beziehung zur asiatischen Kultur und Religion: „Ich bin seit vielen Jahren davon überzeugt, dass der europäische Geist im Niedergang steht und der Heimkehr zu seinen asiatischen Quellen bedarf. Ich habe jahrelang Buddha verehrt und indische Literatur schon seit meiner frühesten Jugend gelesen. Später kamen mir Lao Tse und die andern Chinesen näher. Zu diesen Gedanken und Studien war meine indische Reise bloß eine kleine Beigabe und Illustration.“ Was war dem Tod Kleins vorausgegangen? Der unbedeutende Beamte Klein hat sein Gewissen mit einem Verbrechen, das er im Traum beging, belastet. 5 Ein vierfacher Mord an Frau und Kindern stand im Raume. Der Zwangsvorstellung entging er durch Flucht in den Süden. Der Schullehrer Wagner spielt eine zentrale Rolle in seinem Traum. Er beging einen vierfachen Mord, dem Klein zustimmte. Das Theater mit der Aufschrift ‚Wagner’, war das nicht er selbst, war es nicht Aufforderung, in sich selbst einzutreten, in das fremde Land seines wahren Innern? Denn Wagner war er selber – Wagner war der Mörder und Gejagte in ihm, aber Wagner war auch der Komponist, der Künstler, das Genie, der Verführer, die Neigung zu Lebenslust, Sinnenlust, Luxus – Wagner war der Sammelname für alles Unterdrückte, Untergesunkene, zu kurz Gekommene in dem ehemaligen Beamten Friedrich Klein.” 6 Daß mit diesem Wagner auch Richard Wagner gemeint sein könnte, ist möglich. 7Das Erhabene und das Verworfene in einer Person. “Wie ist es möglich, daß der Schwärmer selbst, er, der Beamte Klein, den Musiker und auch den Mörder Wagner in sich trägt? Das ist die Frage für den Flüchtling, und ist die Frage des Dichters.” 8 Autobiographisch fließt in die Erzählung folgendes ein: Als Hesse im April 1919 in das Tessin zog und sich dort in Montagnola niederließ, hatte er gerade die Entscheidung getroffen, seine Frau und seine drei Söhne zu verlassen. 9 Seine erste Frau Mia verfiel im Oktober 1918 in eine schwere Gemütskrankheit. Ihre Depressionen wurden bis 1925 in drei verschiedenen Heilanstalten stationär behandelt. Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung kam zu dem Ergebnis, dass eine Trennung der Ehepartner Hesse unausweichlich sei. 10 Kehren wir zum “Steppenwolf” zurück. Sein Gebiß ist scharf. Seine Ironie liegt darin, dass er mit 50 das Tanzen lernt, obwohl er eigentlich eher mit Mozart auf einer Wellenlänge liegt. “Als Wappen – und Totemtier tritt er an die Spitze eines Bundes von heimlich Versunkenen, deren Herz und Geist die hohen Worte blank und rein erhalten wissen will.” 11

 

Dass er dabei zwischendurch reichlich durchgeknallt agiert, wird hier leider verschwiegen. In seinen eigenen Worten meint er dazu: ” In meinem Leben haben stets Perioden einer hochgespannten Sublimierung, einer auf Vergeistung zielenden Askese abgewechselt mit Zeiten der Hingabe an das naiv Sinnliche, ans Kindliche, Törichte, auch ans Verrückte und Gefährliche. Jeder Mensch hat hat dies in sich. Ein großer Teil, ja der allergrößte Teil dieser dunkleren, vielleicht tieferen Lebenshälfte ist in meinen früheren Dichtungen unbewußt verschwiegen oder beschönigt worden. Der Grund zu diesem Verschweigen lag, wie ich glaube, nicht in einer naiven Verdrängung des Sinnlichen, sondern in einem Gefühl der Minderwertigkeit auf diesem Gebiete. Ich verstand mich auf das Geistige im weitesten Sinne besser als auf das Sinnliche…” 12

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Bild: Hesse-Denkmal in Calw

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Fußnoten

1 Hermann Hesse, Der Steppenwolf, Frankfurt am Main 2013 (54. Auflage), S. 221. f.

2 http://www.shitesite.de/2004/11/03/durchgelesen-hermann-hesse-klein-undwagner/

3 Hermann Hesse, Klein und Wagner, Frankfurt am Main 2014 (21. Auflage), S. 95

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Naturgesetz_Partei

5 Vgl. Hugo Ball, Hermann Hesse.Sei Leben und sein Werk, Frankfurt am Main 1972, S. 173

6 Hermann Hesse, Klein und Wagner, ebd. S.70

7 Vgl. Hugo Ball ebd.

8 Ebd., S.174

9 http://de.wikipedia.org/wiki/Klein_und_Wagner

10 vgl. ebd.

11 Hugo Ball, ebd. S. 214

12 Nachwort Buch Krisis, in: Bernhard Zeller, Hermann Hesse, in Selbstzeugnissen und

Bilddokumenten, Reinbeck bei Hamburg 1973 (11. Auflage), S. 102

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Literatur:

Der Steppenwolf aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Hermann Hesse, Der Steppenwolf, Frankfurt 2013 (54. Auflage)

Hermann Hesse, Klein und Wagner, Frankfurt am Main 2014 (21. Auflage)

Hugo Ball, Hermann Hesse.Sei Leben und sein Werk, Frankfurt am Main 1972

http://de.wikipedia.org/wiki/Klein_und_Wagner

http://www.shitesite.de/2004/11/03/durchgelesen-hermann-hesse-klein-und-wagner/

Bernhard Zeller, Hermann Hesse, in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbeck bei

Hamburg 1973 (11. Auflage)

http://de.wikipedia.org/wiki/Steppenwolf_%28Band%29

http://de.wikipedia.org/wiki/Born_to_Be_Wild

http://www.songtexte.com/songtext/steppenwolf/born-to-be-wild-7bd47640.html

Geschrieben: Ende 2014, Anfang 2015

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Hermann Hesse Narziß und Goldmund (Erschienen 1930 – Die Aufzeichnungen entstanden ungefähr 1968  bis 1970)

 

In der Klosterschule schließen der asketische Mönch Narziß und der künstlerisch begabte Goldmund Freundschaft. Durch psychoanalytische Einwirkung gibt Narziß dem Freunde die Erinnerung an die vergessene Mutter zurück und öffnet ihm den Weg zu seiner wahren Natur. Goldmund geht durch unzählige Liebesabenteuer hindurch, in denen er das Urbild der Mutter, das Weib als Eva und Madonna, sucht. Jedoch um die Darstellung dieses Bildes ringt er, der verschmäht, aus der Bildhauerkunst einen Broterwerb zu machen, vergeblich. Erst im Tode nimmt ihn die Urmutter zu sich. Im Mittelpunkt des Romans steht der Gegensatz Geist – Natur, der in dem Freundespaar Narziß – Goldmund Gestalt annimmt. Narziß, der Mönch, lebt ausschließlich in einer geistigen Welt, ist ein Mensch, der fernab von jeder Sinnlichkeit sich in transzendenten Bindungen zu finden sucht. Er, der jede kleine Sünde durch selbst auferlegte Buße sühnen will, ist schon als Jüngling seinem Vorgesetzten an Geist weit überlegen. Dieses Verhältnis von Narziß zu seinem Vorgesetzten, dem Abt war schwierig – dem Abt war die Einfalt ja die Wahrheit.Darin scheint sich die eigentliche Tragik des Mönchtums zu enthüllen. Durch die absolute Gehorsamspflicht nämlich, die Narziß auferlegt wird, kann er seine geistigen Fähigkeiten nicht voll zur Geltung bríngen. Diese Unterwürfigkeit weiß er zwar auf sich zu nehmen, sie dient ihm zur Bekämpfung seines Stolzes. Er ist aber in dieser Rolle nur ein Schatten von dem, was er sein könnte. Narziß empfindet vom ersten Augenblick an für Goldmund tiefe Sympathie. Er erkennt frühzeitig, dass Goldmund der gerade Gegenpol zu ihm ist, dass aber genau dieser Gegenpol auch eine Ergänzung einschließt. Seine ausgesprochen gute Menschenkenntnis zeigt sich in dem psychoanalytischen Meisterstück, durch das er Goldmund die Erinnerung an seine Mutter zurückgibt.Dies ist der Eckpfeiler für Goldmunds späteres Leben.

 

Narziß ist ein Mensch, der es ablehnt, anderen Menschen seine Gefühle zu zeigen. Er weiß sich zu beherrschen, eine Eigenschaft, die er in oftmaligen Bußübungen erweitert hat. So enthält er sich auch grundsätzlich, den nur um ein paar Jahre jüngeren Goldmund in der Schule zu bevorzugen – er war schon frühzeitig Lehrer geworden. Vielmehr muss Goldmund in mühseligen Bestrebungen um einen anerkennenden Blick oder ein freundliches Nicken um seine Gunst buhlen. Diese Härte gegen sich selbst und seine Umwelt löst sich vollständig erst am Ende, als er die Stirn Goldmunds mit den Lippen berührt und ihm seine aufrichtige Freundschaft gesteht. Dies bedarf allerdings des nahen Todes seines Freundes. Hesse verkörpert wie gesagt in Narziß den Geist, der seinen Gegenpunkt in Goldmund hat. Goldmund wird durch die geschickte psychoanalytische Einwirkung seines Freundes zu seiner wahren Bestimmung, zur Kunst,zur Sinnlichkeit, zur „Mutter“ hingeführt. Er erkennt, nachdem er die erste Begegnung mit einem Mädchen hatte, dass er sich zum Mönchtum nicht eignet, dass er vielmehr durch die Welt wandern und seiner Sinnlichkeit frönen muss. Diese Freiheit des Vagabundendaseins mit vielen amorösen Abenteuern erscheint ihm meist als das richtigste, was er seiner Anlagen gemäß, tun kann. Gegen die Sesshaftigkeit der Spießbürger hegt er von Anfang an eine heftige Antipathie. Sein dauernder Trieb, Liebe zu finden und geliebt zu werden, läßt ihn oft nicht wählerisch sein mit der Art der Frau, die er zu seiner geschlechtlichen Befriedigung wählt. Fast alle diese Beziehungen sind aber lediglich nur kurze Episoden (meistens nur eine Nacht lang), während er die „wahre Liebe“ nur zwei Mal findet. Nämlich in Lydia und Agnes. Diese Sinnlichkeit ist eine der stärksten Charakterzüge Goldmunds, den nur noch der Hang zur Kunst, zum selbständigen Schaffen an Intensität übertrifft. In der Kunst sucht er den Sinn seines Lebens, die Gestalt – Werdung seiner Ideale, das dauerhafte Sein im Vergehen. Das tiefe Verlangen, ein großes Werk zu schaffen, ergreift ihn nur in gewissen Situationen, nämlich wenn er einer ihm bedeutsamen Persönlichkeit ein bleibendes Denkmal in zeitloser Gestalt setzen will (Narziß, Lydia).

 

„Hesses Roman ‘Narziß und Goldmund’ … setzt mit großer sprachlicher Schönheit ein und scheint in einer mittelalterlichen Zeitlosigkeit zu schweben …ohne dadurch seine schmerzliche Fühlung mit den Problemen der Gegenwart zu verleugnen.“ Dies meinte Thomas Mann. Immer wieder webt Hesse geschickt seine Meinungen in die Handlung ein. Diese Meinungen, so möchte ich meinen, sind äußerst gut durchdacht und aufgrund von langjährigen Erfahrungen erworben. Besonders zutreffend finde ich, ist,was Hesse (hier mit Goldmunds Worten) über die Kunst schreibt. „Vielleicht“ dachte er, „ist die Wurzel aller Kunst und vielleicht auch alles Geistes die Furcht vor dem Tode. Wir fürchten ihn, wir schauern vor der Vergänglichkeit, mit Trauer sehen wir immer wieder die Blumen welken und die Blätter fallen und spüren im eigenen Herzen die Gewissheit, dass auch wir vergänglich sind und bald verwelken. Wenn wir nun als Künstler Bilder schaffen oder als Denker Gesetze suchen und Gedanken formulieren, so tun wir es, um doch irgend etwas aus dem großen Totentanz zu retten, etwas hinzustellen, was längere Dauer hat als wir selbst.“ Hermann Hesse wurde in seiner Jugend eine sehr strenge Erziehung zuteil. Sein großes schriftstellerisches Talent drohte durch die pietistische Erziehung seiner Eltern (sein Vater war Pfarrer) nicht zur Entfaltung zu kommen. Aus diesem Grund ist es zu verstehen, daß Hesse, als er sich von seinem Elternhaus losriss (er sollte auch Pfarrer werden), eine ganz andere, eine freie Einstellung zur Kunst und zur Sittlichkeit fand.

 

„War der Mensch wirklich dazu geschaffen, den Aristoteles und Thomas von Aquin zu studieren, Griechisch zu können, seine Sinne abzutöten und der Welt zu entfliehen? War er nicht vielmehr von Gott geschaffen mit Sinnen und Trieben , mit blutigen Dunkelheiten, mit der Fähigkeit zur Sünde, zur Lust, zur Verzweiflung?“ Diese Aussagen im Monolog der Narziß scheinen mir ein Hauptproblem des Werkes von Hermann Hesse zu sein, seine Triebe zu befriedigen, sich zur Natur zu bekennen, wenn schon diese Triebe unabwendbar sind. Der Typ, den Goldmund teilweise einnimmt, dürfte nach Hesse nicht empfehlenswert sein zur Nachahmung. Aber es ist klar, dass Hesse ihn so darstellen muss, um den Gegensatz zu Narziß so deutlich wie möglich hervorzuheben. Als gelungen möchte ich den Schluss bezeichnen. Hesse gibt sich nicht zufrieden mit einem Goldmund, der in der Religion ein Stück Halt findet. Er lässt Goldmund im Tod die Erfüllung seines Lebens finden.Gern gibt er sich dem Gedanken an das Sterben hin: „Und nun sieh, wie wunderlich es mir mit ihr,( der Mutter), gegangen ist:statt dass meine Hände sie formen und gestalten, ist sie es, die mich formt und gestaltet. Sie hat ihre Hände um mein Herz und löst es los und macht mich leer, sie hat mich zum Sterben verführt, und mit mir stirbt auch mein Traum, die schöne Figur, das Bild der großen Eva-Mutter. Noch sehe ich es, und wenn ich Kraft in den Händen hätte, könnte ich es gestalten. Aber sie will das nicht, sie will nicht, dass ich ihr Geheimnis sichtbar mache. Lieber will sie, dass ich sterbe. Ich sterbe gern, sie macht es mir leicht.“

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Edzard Schaper Die Freiheit des Gefangenen

 

A Kurze Angaben zur Person Edzard Schapers (geboren 1908)1:

Von entscheidender Bedeutung für Schapers Werk erweist sich die Konversion des Schriftstellers zum Katholizismus. Die Romane Schapers sind durch die Darstellung überkonfessionell religiöser Themen gekennzeichnet: Die Bewährung des im Glauben gebundenen Gewissens, Erfahren von Schuld und Gnade, der Kampf der Kirche gegen atheistische Mächte.

B I. Inhaltsangabe:

Pierre de Molart, Leutnant in der Armee Bonapartes, verliebt sich in die junge Gräfin Hortense d’Anjou, die man als entschiedene Anhängerin der monarchistischen Opposition gegen Napoleon bezeichnen kann. Wegen dieser Beziehung wird er ohne Nennung von Gründen verhaftet und eingekerkert. Er nimmt Kontakt zum Gefängnispersonal auf und erhält durch diese Beziehungen die Chance zur Flucht. Nacheinander werden nämlich ein Gefolgsmann der Gräfin (der Priester) und die Gräfin selbst ins Gefängnis eingeschleußt; beide können ihn jedoch nicht zur Flucht bewegen. Die Liebe zur Gräfin und der Eid auf Bonapartes Armee treten sich unvereinbar gegenüber. Den Entschluß, nicht zu fliehen, bereut er postwendend. Ob die zweite und dritte Chance zur Flucht verwirklicht wird, bleibt in diesem Teil des Buches offen.2

 

II.Die wichtigsten Personen und die an ihnen dargelegten Probleme

1. Du Molart: er gehört zu jenen Menschen, die sich in einer soldatischen Gemeinschaft am wohlsten fühlen. Im Großen und Ganzen gefestigter Christ, Soldat und Patriot, kennt du Molart doch in gewissen Situationen den Zweifel, zumindest den an der militärischen Ordnung. Schaper beschreibt an Du Molart den Konflikt des religiös gebundenen Gewissens zwischen dem Fahneneid und dem Streben nah individuellem Glück. Außerdem zeigt er an ihm die Willkür und Uneinsehbarkeit des Schicksals. Diese führt aber nicht zur Auflehnung, sondern letztlich zum Glauben.

2. Hortense d’Anjou: sie ist eine Frau von eisernem Willen und radikaler politischer Überzeugung. Für ihre Ideen zeigt sie sich bereit, Menschen zu Opfern, denn vom Menschen denkt sie allgemein sehr geringschätzig. Durch sie erst wird du Molart in den entscheidenden Konflikt gestürzt.

III:Religiöse Thematik. und christliches Gedankengut in Schapers Roman

Neben einigen biblischen Vergleichen versucht Schaper die Stellung des Menschen klarzustellen. Er ist der Überzeugung, dass Gott als Maß dienen muss, damit der Mensch nicht zu einem Geschöpf der Verzweiflung wird. Bemerkenswert ist auch die Kritik am Papst, dessen Unfehlbarkeit durch den Priester grundlegend angezweifelt wird. Zu einer radikalen Absage gegenüber dem Papsttum reicht es jedoch nicht. Natürlich wirkt es nicht verwunderlich, dass die Sprache dem Inhalt angemessen ist. Neben archaischen Wendungen gebraucht der Dichter gerne etwas veraltete Fremdwörter.

 

C Schapers Zentralproblem, der Konflikt du Molarts, ist vielleicht heute nicht mehr ganz aktuell. Es hat sich gezeigt, dass Eide, wie die du Molarts, immer wieder dazu benutzt werden, Menschen durch falsche Treue gegen einander aufzuhetzen. Deshalb erscheint es heute nicht mehr verständlich, dass ein Mensch sein individuelles Glück wegen eines solchen Eides aufgeben kann. Als überzeugendste Stelle könnte man die Situation sehen, in der du Molart die Möglichkeit des Selbstmordes in Betracht zieht. Schaper deutet an, dass gerade diese Möglichkeit, die oftmalig als Inbegriff der menschlichen Freiheit angesehen wird, zur Qual der Qualen werden kann.

Geschrieben 1970 Nachbemerkung: Die Thematik galt damals als etwas verstaubt. Sie traf einen, der sich lange für kein anderes Werk entscheiden konnte und dann das nehmen musste, das noch übrig war.

Fußnoten

1 Gestorben 1984 – nachträglich hinzugefügt

2 „Die Macht der Ohnmächtigen„ heißt ein weiterer Roman. Er ist die Fortsetzung des Romans „Die Freiheit des Gefangenen“. Sie entstanden 1950/1951

Veröffentlicht 12. März 2013 von schauerchristian in Betrachtungen zur deutschen Literatur

Dokumentartheater – Peter Weiss‘ Viet Nam Diskurs

Dokumentartheater – Peter Weiss’ Viet Nam Diskurs

Peter Weiss’ Viet Nam Diskurs

“Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des lang andauernden Befreiungskrieges in Viet Nam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika die Grundlagen der Revolution zu vernichten”. In der Vorgschichte führt Weiss durch das Altertum Vietnams, lenkt den Blick auf chinesische Fremdherrschaft, Kolonialisierung und japanische Okkupation. Mit der Ausrufung der “Demokratischen Republik Vietnam” im September 1945 geht Teil eins zu Ende. Er spielt auf einer Bühne, die auch geographisch Vietnam bedeutet: Hinten rechts ist China vorzustellen, links vorn liegt Laos, und der Süden ist an der Rampe. 15 Schauspieler – völlig entpersonalisiert, weil nummeriert -spielen die Geschichte Vietnams.

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Der zweite Part beginnt mit der Niederlage Frankreichs von Dien-Bien-Phu (1954). Schon der Krieg der Franzosen, meint Weiss, “wurde zu 78 Prozent von Amerika finanziert”; als Kennedy 1961 die US-Präsidentschaft übernahm, seien die USA bereits tief im “größten Geheimkrieg der Geschichte” engagiert gewesen. Der Geheimkrieg wird bei Weiss meist in amerikanischen Planungszentren und um einen sehr großen runden Tisch geführt. „Die Seitenpodeste sind zu einem großen Viereck in der Mitte des Vordergrunds zusammengestellt worden“, heißt es im Stück. Bekannte Politiker sammeln sich um diesen Tisch; wenn sie Historisches zitieren, steigen sie auf den Tisch, und wenn der amerikanische Außenminister Dulles nach London reist, geht er um ihn herum. (Vgl. Der Spiegel 24.07.1967) Weiss hat für den “Diskurs” weit über 100 Bücher gelesen; eine Bibliographie wird der Buch-Ausgabe beigefügt. Als Vietnam-Berater engagierte er zudem den Berliner Soziologie-Studenten Jürgen Horlemann. Der sogenannte Weiss – Gardist, Mitautor eines Vietnam-Buches, lebte beim Autor in Stockholm. Nach vollendetem “Diskurs” reiste Weiss — “Die Besitztümer der reichen Nationen sind verpestet von Aasgeruch” — mit Gattin Gunilla zur Erholung nach Kuba.

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Ende der 1960er Jahre war Horlemann wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schriftstellers Peter Weiss, dem er Material für dessen Theaterstück „Viet Nam Diskurs“ lieferte und Diskussionspartner war. Bis heute ist sein gemeinsam mit Peter Gäng verfasstes Buch „Vietnam. Genesis eines Konflikts“ (1966) im Suhrkamp Verlag in mehreren Auflagen erschienen..Peter Weiss (geb. 1916, gest. 1982), einer der führenden Repräsentanten des deutschsprachigen politischen Theaters, seit 1960 freier Schriftsteller in Stockholm, prangerte in seinem »Viet Nam-Diskurs«, der am 20. März 1968 an den Städtischen Bühnen der Stadt Frankfurt am Main in der Regie von Harry Buckwitz uraufgeführt wurde, den Krieg der USA gegen das Vietnam als Verbrechen an. Das Stück kam ohne individuelle Figuren aus, kollektive Helden (soziale, politische Gruppen) wurden einander gegenübergestellt. Grundlage des Stücks war der 1968 erschienene »Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des langandauernden Befreiungskrieges in Viet Nam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen die Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika, die Grundlagen der Revolution zu vernichten«.

Im Wintersemester 1972/1973 fand ein Proseminar an der Universität Würzburg unter der Leitung von Frau Dr. Flach statt, das sich mit dem Thema „Dokumentartheater“ befasste und in der dieses Stück über den Vietnamkrieg neben Hochhuts „Der Stellvertreter“, Enzensbergers „Das Verhör von Havanna“ und Heinar Kipphardts „Joel Brand“ behandelt wurde. Ein Referat von mir und der Koautorin H. E. Befasste sich mit dem Buch „Vietnam Genesis eines Konfliktes“ von Jürgen Horlemann und Peter Gäng, das dem Stück als Grundlage diente. Obwohl das Proseminar ein germanistisches war, ist das Referat historisch – kein Wunder, wenn es sich um Dokumentartheater handelt. Im Seminar prallte häufig eine DKP-Position auf eine CSU-nahe Position. Die Kampfhähne schenkten sich nichts. Beispiel: Ra. (CSU-nahe): „Jetzt hast Du gesagt, ich sei ein Faschist“ St. (DKP): „Das habe ich nicht gesagt!“

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Referat – Thema: Verarbeitung, Aufbereitung, Umwandlung, Gestaltung der Dokumente im Theaterstück „Vietnam Diskurs“

A) Geschichtlicher Überblick über die Entwicklung Vietnams nach Jürgen Horlemann, Peter Gäng: Vietnam Genesis eines Konflikts, Frankfurt 1968, ed. Suhrkamp

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I. Chinesische Fremdherrschaft und anschließender unabhängiger, jedoch von China  weiterhin beeinflußter Nationalstaat (S. 9 -11)

Das im unteren Jangtse – Tal gelegene Reich der Viet Völker wurde 333 v. Chr. Von den Chinesen erobert. Die Vietnamesen wichen nach dem Süden aus, wo sie in den Provinzen Kwangsi, Kwangtung, Tonking und Annam neue Fürstentümer gründeten (Boach Viet). Die nördlichen Stämme wurden schließlich doch völlig sinisiert, wohingegen die im Süden lebenden Stämme der Ngeou den ersten, 196 v. Chr. von China anerkannten Vietstaat bildeten. Dieser wurde schon bald (111 v. Chr.) von der chinesischen Han – Dynastie annektiert.Während der über 1000 jährigen chinesischen Fremdherrschaft (erst 939 n. Chr. Wurde Vietnam formell unabhängig), der sich die Vietnamesen durch Erhebungen und weitere Expansion nach dem Süden zu entziehen versuchten, übernahmen sie die soziale Struktur Chinas und seine hoch entwickelte Kultur. Der chinesische Einfluß blieb auch nach der nationalen Unabhängigkeit im 10. Jahrhundert vorherrschend, die Volkssprache bestand zur Hälfte aus chinesischen Wörtern, das Vokabular der Gebildeten sogar zu 80 %. Im 15. Jahrhundert bildeten sich die heutigen Grenzen heraus und Vietnam entwickelte sich zum mächtigsten Land Ostasiens.

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II. Die koloniale Eroberung durch Frankreich

Als 1860 England und Frankreich im sog. Opiumkrieg China zwingen wollten, sich dem westlichen Einfluß zu öffnen, landeten ihre Schiffe auch an den Küsten Indochinas (Laos, Kambodja, Vietnam). Die Franzosen betrachteten die Besitznahme Indochinas als Voraussetzung für die Eroberung Chinas. Die Kolonie Indochina (Kambodja war in den Jahren 1884 – 86, Laos 1894 -96 erobert worden, China verzichtete 1884 formell auf Vietnam) entwickelte sich zur profitabelsten französischen Überseebesitzung. Durch die Anlage großer Kautschuk-Plantagen und die Vergrößerung der Reisanbaufläche in Cochinchina (südl. Teil von Vietnam) und durch die Ausbeutung der Bodenschätze in Tonking gewann die französische Wirtschaft billige Rohstoffe. Zugleich erreichte die Kolonie für den Kapital- und Konsumgüterexport große Bedeutung. Die französischen Investitionen berücksichtigten die Bedürfnisse Vietnams in keiner Weise, sondern waren nur auf möglichst hohe Profite abgestellt, die sofort aus dem Lande abgezogen wurden. Dieses System verhinderte die Entstehung eines vietnamesischen Binnenmarktes und einer eigenständigen Industrie und somit auch das Aufkommen eins vietnamesischen Bürgertums. Das ständige Defizit im vietnamesischen Staatshaushalt nötigte die Regierung zu immer höheren Steuerforderungen. Die Bauern waren bald gezwungen, ihr Land an finanzkräftige Grundherren zu verpfänden. So geriet die Masse der Bevölkerung in immer größere Abhängigkeit von den Großgrundbesitzern, die immer mehr Land beherrschten. Den 9,6 Millionen Proletariern standen 9000 Angehörige der Oberschicht gegenüber, die pro Kopf ca. 850 mal soviel verdienten wie eine arme Familie.

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III. Die Organisation des Widerstandes

a) Die bürgerliche Bewegung

Etwa bis zum Jahre 1920 waren die politischen Oppositionsgruppen in Vietnam von der bürgerlich-

demokratischen Reformbewegung in Asien, insbesondere der Kuomintang SunYat Sens (Chinesische „Nationale Volkspartei“, 1912 nach dem Sturz des Kaisertums von Sun Yat Sen mit nationalem und sozialem Programm gegründet) beeinflußt worden. Die bürgerliche Opposition hatte in Vietnam mit der „Rebellion der Gebildeten“, einem sich über 10 Jahre erstreckenden und 1896 niedergeschlagenen  Volksaufstand begonnen. Es entstanden danach noch einige Bewegungen, die aber  insgesamt an ihrem mangelnden politischen Einfluß scheiterten. Das zahlenmäßig  schwache Bürgertum erkannte nicht, daß es nur mit der Masse der geknechteten  Bauern den Kolonialherren wirksam entgegentreten konnte. Von der Oberschicht  konnte der bürgerliche Widerstand keine Unterstützung erwarten, da diese dieselben Interessen wie die Franzosen verfolgten.

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b) Die sozialistische Bewegung (S. 24 – 36)

Als Ho Chi Minh erkannt hatte, daß die von ihm 1919 bei der Versailler Friedenskonferenz im Sinne der Wilsonschen 14 Punkte geforderte nationale Selbstbestimmung und rechtliche Gleichstellung Vietnams mit den europäischen Völkern deren Interesse zuwiderlief, schloß er sich der 1920 gegründeten kommunistischen Partei Frankreichs an. Er zeigte damit die Richtung an, die der Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes nehmen sollte. Ausgehend von den Folgen der Weltwirtschaftskrise beschlossen die verschiedenen sozialistischen Parteiführer Vietnams (die sozialistische Bewegung war vor 1930 in drei verschiedene Parteien zerfallen) 1930 die Gründung der „Kommunistischen Partei Vietnams“. In dieser Zeit herrschten in Vietnam Hungersnöte und Seuchen sowie Massenarbeitslosigkeit.Die Bevölkerung wurde dadurch sozialistischen Vorstellungen zugänglich. Unter der Anleitung von kommunistischen Kadern begannen bewaffnete Aktionen gegen Großgrundbesitzer ; die Aktionen scheiterten jedoch allesamt an der militärischen Übermacht der Kolonialherren. Diese Niederlagen fügten der Kommunistischen Partei großen Schaden zu. Als Konsequenz daraus richtete sich ihr Ziel für die Zukunft auf langwierige Aufklärungs – und Propagandaarbeit. Sie baute eine Untergrundorganisation auf und bereits innerhalb eines Jahres kam es zu Masseneintritten in die roten Gewerkschaften und Bauernvereinigungen. Die nach Lenin ausgerichtete Kommunistische Partei ging 1933 ein Bündnis mit den Trotzkisten und den Unabhängigen Revolutionären Nationalisten ein und konzentrierte sich in diesem Stadium auf legale Arbeit (Teilnahme an den Gemeinderatswahlen). Dies Einheitsfront zerbrach 1937 an divergierenden Vorstellungen über den Hauptgegner des vietnamesischen Volkes: Japan, das seit 1923 einen Krieg mit China führte und ihn auf Vietnam auszuweiten drohte oder Frankreich. 1939 wurden die Trotzkisten, die das Bündnis der leninistischen Partei mit Frankreich gegen das faschistische Japan verurteilten und beide als Gegner bezeichneten, durch Verhaftungswellen ausgeschaltet. Während der japanischen Okkupation zog sich die Parteileitung in den Süden zurück und änderte ihre Taktik (jetzt gegen Japan und Frankreich).

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   Der bewaffnete Widerstand: Guerillakrieg (S. 37 – 73)

a) Der 1.Indochinakrieg 1940 – 1945

1940 wurde den Japanern von den Franzosen das Recht eingeräumt, ganz Indochina für ihre Truppen als Aufmarschgebiet zu benutzen. Daraufhin legte Ho Chi Minh 1941 die für den kommenden Partisanenkampf gültigen Richtlinien fest. Hiermit waren die Voraussetzungen für eine nationale Einheitsfront aller Schichten und Klassen geschaffen: Unter dem Namen Viet Minh wurde sie im Juni dieses Jahres ins Leben gerufen. Die Strategie der Viet Minh bestand darin: sie führte einen Guerillakrieg gegen Japan, sie bekämpfte die französische Kolonialmacht, sie unterstützte die Koumintang und die USA, und erhielt Hilfe von den USA und China. Im August 1945 war das Land von den Japanern befreit.

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b) Der 2.Indochinakrieg 1946 – 1954

Im September 1945 konstituierte sich die Demokratische Republik Vietnam als bürgerlich-demokratischer Staat. Frankreich zeigte sich jedoch nicht gewillt, seine ehemalige Kolonie aufzugeben. Schon bald ersetzte es die Viet Minh- Verwaltungskomitees durch „zuverlässige“ Vietnamesen und zerstörte die Republik als unabhängige politische Einheit. Daraus entstand der 2. Indochinakrieg. Obwohl militärische eindeutig im Nachteil, entwickelte die Viet Minh gemäß Mao Tse Tungs „Fragen der Strategie des Partisanenkrieges gegen die japanischen Eindringlinge“ und „Über den lang dauernden Krieg“ eine Taktik, der die französischen Streitkräfte auf die Dauer nicht gewachsen waren. 1948 machten die Franzosen den von den Viet Minh abgesetzten Kaiser Bao Dai zur Zentralfigur einer Gegenregierung zu der Regierung Ho Chi Minhs. Dieses Vorgehen unterstützten die USA, die außerdem die französischen Kriegsausgaben zu 2/3 finanzierten. Seit dem Fall der Festung Dien Bien Phu stand die militärische Niederlage der Franzosen fest.

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Vom kolonialen zum antikommunistischen Krieg (S. 68 – 73)

Der Sieg der Kommunisten unter Mao Tse Tung in China 1949, der einen Schock in der amerikanischen Öffentlichkeit auslöste, bewirkte einen Schwenk in der Außenpolitik der USA. Aus der anfänglich antikolonialistischen Haltung, aus der heraus man die Viet Minh unterstützt hatte, wurde unter dem Einfluß der Revolution in China eine Kommunismusfurcht, die zur Unterstützung Frankreichs und der Schattenregierung Bao Dais führte. Der Kolonialkrieg zwischen Frankreich und Vietnam erfuhr durch das immer stärker werdende Engagement der USA eine Inter-nationalisierung und zugleich eine Ideologisierung. Für die Außenpolitik der USA wurde Vietnam zum Paradebeispiel des Kampfes der „freiheitlichen“ westlichen Demokratien gegen den „imperialistischen“ östlichen Kommunismus. Der ehemals verurteilte Krieg Frankreichs wurde jetzt von amerikanischer Seite als gerechter Kampf gegen die kommunistische Aggression interpretiert, der die volle Unterstützung der USA verdiente. Der Antikommunismus wurde die herrschende Ideologie, unter deren Deckmantel man reine Machtpolitik als Verteidigung gegen kommunistische Aggressoren, die jetzt überall gesehen wurden, deklarierte (Kalter Krieg). Denn Amerika gewährte Frankreich ja nicht finanzielle Hilfe- wie man dem amerikanische Volk weiszumachen versuchte – weil man den Vietnamesen ihre Freiheit (die sie unter französischer Herrschaft tatsächlich nie besessen hatten), erhalten wollte, sondern weil die USA ihre Vormachtstellung in der Welt von Rußland und China bedroht sahen und Vietnam als militärischen Stützpunkt in Indochina benötigten. Aus diesem Krieg führten die USA auch den Koreakrieg – so die Autoren. Als sich die französische Niederlage bei Dien Bien Phu abzeichnete und die USA ihre Chancen auf erfolgreiche Beendigung des Kriegs schwinden sahen, erwogen die französische und amerikanische Regierung sogar den Einsatz von Atombomben, deren durchschlagend Wirkung man noch von Hiroschima und Nagasaki in Erinnerung hatte. Dieser Plan scheiterte jedoch am Einspruch Englands. Stattdessen entschloß man sich zu Verhandlungen in Genf.

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Die Genfer Indochinakonferenz (S. 73 – 77)

Vom 26.April bis zum 21. Juli 1954 fand die Genfer Indochinakonferenz statt. Die wichtigsten Bestimmungen dieser Konferenz sind: Die Truppen der DRV ziehen sich nördlich des 17. Breitengrades, die französischen Truppen südlich davon zurück. Ausländischen Truppen und Militärpersonal wird die Stationierung wie auch die Lieferung jeglicher Art von Waffen untersagt. In den Umgruppierungszonen der beiden Parteien werden keinerlei Militärstützpunkte fremder Staaten errichtet werden. Die militärische Demarkationslinie am 17. Breitengrad ist eine provisorische Linie und darf keinesfalls als eine politische oder territoriale Grenze interpretiert werden. Im Juli 1956 werden unter der Kontrolle einer internationalen Kommission Wahlen stattfinden. Die zuständigen Behörden der nördlichen und südlichen Zone Vietnams sowie diejenigen von Laos und Kambodja dürfen keine individuellen oder kollektiven Repressalien gegen Personen oder deren Familienangehörige dulden, die während des Krieges in irgendeiner Form mit einer der Parteien zusammengearbeitet haben. Die Vertreter der Viet Minh lehnten es zuerst ab, den militärischen Konflikt ohne gleichzeitige politische Lösung zu beenden. Sie forderten sofortige Wahlen. Da nach amerikanischen Schätzungen mindestens 80% der Bevölkerung für Ho Chi Minh waren, hätte dies den Sieg der Viet Minh und ein einiges Vietnam als Folge gehabt. Unter dem Druck Chinas und Rußlands jedoch, die den französischen Vorschlag von Wahlen in zwei Jahren befürworteten, gab die Abordnung der DRV nach und unterzeichnete auch den Passus des Vertrages, der die vorläufige Teilung des Landes vorsah. Die Regierung Bao Dais legte gegen den Vertrag Protest ein. Auch die USA verweigerten ihre Unterschrift, aber legten sich in einer Zusatzerklärung weitgehend auf dieselben Bedingungen fest.

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Die Entwicklung in den beiden Teilstaaten (S. 78 – 101)

Nordvietnam (159.000 qkm, 12 Mio. Einw.)

Die Wirtschaft Nordvietnams befand sich nach dem Indochinakrieg in einer chaotischen Lage. Das Verkehrsnetz, Fabríken und Plantagen waren verwüstet und das Land stand am Rand der Hungersnot. Zur gerechten Verteilung des Besitzes wurde eine Landreform durchgeführt, wobei es zu vielen Ungerechtigkeiten kam. Der Unmut entlud sich 1956 in lokalen Bauernaufständen, die von der Armee niedergeschlagen wurden. 1958 setzte in Nordvietnam unter der Führung Ho Chi Minhs die eigentliche Kollektivierung ein, die eine rationelle Bewirtschaftung des Landes möglich machen sollte. 1963 waren ca. 88% aller Bauernfamilien in Kooperativen verschiedener Stufen zusammengefasst. Die Landwirtschaft machte große Fortschritte. Die Anbaufläche wurde vergrößert, immer größere Flächen des Lande wurden bewässert; es gelang, ohne die 250.000 Tonnen Reis aus dem Süden zurechtzukommen, die vor 1954 benötigt wurden. Die Industrialisierung Nordvietnams vollzog sich in mehreren Etappen (Jahresplänen). Die Elektrizitätserzeugung wurde verbessert, die Kohleförderung wieder aufgenommen und eine eigene Stahlproduktion in Angriff genommen.Im allgemeinen jedoch krankte die Wirtschaft immer noch an mangelnder Energieerzeugung und einem unzureichenden Verkehrsnetz. Im ganzen machte das Land erhebliche Fortschritte auf wirtschaftlichem und sozialen Gebiet.

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Südvietnam (170.000 qkm, 10 Mio. Einwohner)

In Südvietnam, wo die Ausgangsbasis für den Wiederaufbau nur wenig besser war als im Norden (das Mekongdelta ist größtes Reisanbaugebiet) nahm der französische Einfluß nach 1954 allmählich ab (Algerienkrieg). An die Stelle Frankreichs traten die USA. Kaiser Bao Dai, der sein Land von der französischen Riviera aus regierte, ernannte Ngo Dinh Diem zum Premierminister. Diem stammte aus einer katholischen Familie. Seine Anhänger waren vor allem die Katholiken, seine Verwandtschaft die Großgrundbesitzer und ein Teil der Armee. Die Großgrundbesitzer, die sich von der Regierung eine Wiederherstellung ihrer Feudalrechte erhofften und diese auch erlangten, waren der sichtbarste Beweis dafür, daß sich in Südvietnam im Vergleich zur Kolonialzeit wenig änderte. Um sein Menschenpotential zu vergrößern, lockte Diem in einer Propagandakampagne ca. eine Million Katholiken aus dem Norden in seinen Herrschaftsbereich (Umsiedlungsprogramm). Innenpolitisch mußte er sich zunächst gegen etliche Sekten durchsetzen; danach ließ er in einer manipulierten Volksabstimmung die Monarchie abschaffen und die Republik einführen. 1956 schrieb seine Regierung Wahlen für eine konstituierende Versammlung aus. Auch dieses Wahlen wurden gefälscht. Schon im Herbst 1954 begannen die USA, die Ausbildung der südvietnamesischen Armee zu übernehmen. Die Nachrichtenbeschaffung und die Ausbildung von Agententruppen, die ab 1957/58 nach Nordvietnam eingeschleust wurden, gingen an die CIA über. Zudem kettete massive amerikanische Wirtschaftshilfe (counterpart fond financing) Südvietnam immer stärker an den Koloß im Westen. 1958 machte die amerikanische Wirtschaftshilfe 62% des gesamten Staatshaushaltes aus. Die von der Bevölkerung heftig geforderte Landreform scheiterte am Widerstand der Großgrundbesitzer, so daß die großen Kautschukplantagen unangetastet blieben. Die landwirtschaftliche Produktion blieb weitgehend hinter dem Vorkriegsstand zurück.

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Ursachen und Beginn des dritten Indochinakrieges (S. 102 – 127)

Ursachen

Die legalen Möglichkeiten oppositioneller Gruppen wurden in den ersten Jahren der südvietnamesischen Republik ausgeschaltet. Schon 1954 unterwarf die Regierung die Zeitungen einer strengen Zensur. Bis 1958 waren alle kritischen Zeitungen verboten. Der Präsident wurde von der Verfassung mit dem Recht ausgestattet, eine zeitweilige Aufhebung „der Rechte der freien Wahl des Wohnsitzes, der Rede- und Pressefreiheit, der Versammlung und des Zusammenschlusses“ zu verfügen. Zur Durchsetzung der zahlreichen Verordnungen und Gesetze standen Geheimpolizei und zahlreiche geheimpolizeiähnliche Organisationen zur Verfügung. Außerdem waren sämtliche wichtigen Regierungsposten des Landes von Mitgliedern der Familie Diems besetzt. Gegen die Viet Minh – Sympathisanten begann die Kampagne unter der Parole: Denunziert die Kommunisten! Zahlreiche Säuberungsaktionen wurden durchgeführt, Verdächtige brachte man in Konzentrationslager, sog. „ Umerziehungslager“, sofern man sie nicht gleich umbrachte. Die Bevölkerung begann, Demonstrationen zu organisieren, die mit Waffengewalt niedergeschlagen wurden. Diese Aktionen hatten aber nur die Verschärfung der Militärdiktatur zur Folge. Während Diem die Macht seiner Familie etablierte, ging das Jahr 1956 ohne die in Genf vereinbarten gesamtvietnamesischen Wahlen vorüber. Unterstützt von den USA weigerte sich Diem, diese abhalten zu lassen. Als Begründung führte er an, die Zustände in Nordvietnam lieferten keinerlei Garantie für die Durchführung demokratischer Wahlen, außerdem fühle er sich nicht an das Genfer Abkommen gebunden, da es seine Regierung nicht unterzeichnet habe. Die nordvietnamesische Regierung hatte sich zu Wahlen unter internationaler Kontrolle bereiterklärt.

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Beginn des organisierten Widerstandes

1959 änderten die Viet Minh ihre Strategie. Sie hatte bis Ende dieses Jahres Gewaltlosigkeit propagiert und gestattete in der Folgezeit nur dann Gewaltanwendung, wenn die Selbstverteidigung es erforderte. Die Aufgabe der Widerstandskämpfer war eine dreifache: Sie mußten sich bewaffnen,sie mußten der Bevölkerung klarmachen, daß nur eine Ende der Herrschaft Diems eine Verbesserung der Verhältnisse herbeiführen konnte, sie mußten die Hauptexponenten der Regierungsgewalt beseitigen.. Allmählich setzte sich bei bei einem Großteil des Volkes die Überzeugung durch, daß nur durch Gewalt etwas gegen die Saigoner Regierung zu erreichen war.. So konstituierte sich im Dezember 1960 die Nationale Befreiungsfront. Ihr außenpolitische Konzeption (Programm der zehn Punkte) erwies sich zunächst als neutralistisch: Südvietnam sollte nach Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit diplomatische Beziehungen zu allen Ländern gleich welcher politischen Verfassung aufnehmen; es sollte keinem militärischen Bündnis beitreten und von jedem beliebigen Land Wirtschafts- und andere Hilfe annehmen, sofern diese an keine Bedingungen geknüpft wird. Die Wiedervereinigung mit dem Norden, zuerst noch stark betont, wurde dann zweitrangig gegenüber der Notwendigkeit, die Diktatur Diems zu beenden. Die Nationale Befreiungsfront FNL (frz. Front Nationale de Libération), später meist als Vietcong bezeichnet, setzte sich nicht nur, wie die USA und auch die südvietnamesische Regierung immer wieder behaupteten, aus Kommunisten (Anhänger der Viet Minh) zusammen. Abgesehen von den alten Anhängern Ho Chi Minhs im Kampf gegen Frankreich gehörten ihr auch die Demokratische Partei, die Radikalsozialistische Partei, Vertreter anderer religiöser und politischer Gruppierungen (z. B. Buddhisten) und Vertreter der Bergstämme des westlichen Hochlandes an (Diem hatte diese Stämme, die nationale Minderheiten in Vietnam darstellten, durch völlige Mißachtung ihrer Rechte und große Säuberungsaktionen zu Feinden gemacht). Die DRV, die sich im chinesisch-sowjetischen Ideologiestreit auf die Seite Moskaus stellte unterstützte den sich organisierenden Widerstand im Süden zunächst nur mit propagandistischen Mitteln. Noch 1963 sprach sich Ho Chi Minh für einen Waffenstillstand zwischen FNL und der südvietnamesischen Regierung aus. Auch später, als Nordvietnam Soldaten und Waffen schickte, blieb sein Einfluß innerhalb der FNL begrenzt. Die FNL richtete ihre Strategie (Schema der drei Etappen) nach den Prinzipien des revolutionären Krieges aus, die von Mao Tse Tung entwickelt und in „Über den langdauernden Krieg“ niedergelegt worden waren.

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Der nationale Befreiungskampf (S. 128 -152)

Die eigentliche Verwicklung der USA in den Konflikt begann, als der Staley-Taylor Plan (der ursprünglich eine Liberalisierung und Dezentralisierung in Südvietnam forderte) in die Tat umgesetzt werden sollte. Dieser Plan hatte in Grundzügen folgenden Inhalt: Es galt, die Partisanen, die immer mehr Macht gewannen, von der Bevölkerung zu isolieren; dies sollte durch den Bau von strategischen Dörfern geschehen, in die ein Großteil der Bevölkerung umgesiedelt werden sollte. Die Gründe, die die Bevölkerung veranlassen konnten, mit der FNL zu sympathisieren, mußten beseitigt werden und die Partisanen mußten wirksam bekämpft werden. Dies sollte durch militärische Aufrüstung der Regierungstruppen geschehen, die auf Guerillataktik umgestellt werden sollten. Da es den südvietnamesischen Truppen an Einsatzbereitschaft und militärischer Erfahrung mangelte, mußten sich die Streitkräfte der Vereinigten Staaten mit Aktionen wie der Partisanen-bekämpfung befassen. Dörfer, die im Verdacht standen, Partisanen zu beherbergen, wurden mit Napalm bombardiert, Dschungelgebiete, die als Verstecke der Partisanen galten, wurden durch den Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln „entlaubt“. Die „Entlaubung“ beschränkte sich freilich nicht nur auf Dschungelgebiete, sondern traf auch landwirtschaftliche Nutzflächen, außerdem kamen Menschen und Vieh zu Schaden. Der Erfolg des Staley-Taylor Plans war gering. Das Programm der strategischen Dörfer scheiterte am Widerstand der Dorfbewohner.

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Der Sturz der Regierung Ngo Dinh Diems (S. 140 – 149)

Die sich häufenden Gewaltaktionen der Regierung Diems riefen immer heftigere Opposition in allen Kreisen der Bevölkerung hervor. 1963 potenzierte sich der Widerstand der schon lange benachteiligten Buddhisten. Durch Selbstverbrennungen machten sie die Weltöffentlichkeit auf die Willkürherrschaft der Saigoner Regierung aufmerksam. Diese Vorfälle machten Diem so unpopulär, daß sich die Regierung in Washington gezwungen sah, sich von ihrem ehemaligem Günstling zu distanzieren. Im November 1963 übernahmen die Militärs in einem von der Regierung Kennedy gebilligten Staatsstreich die Macht. Diem und sein Bruder, der das Amt des Geheimdienstchefs bekleidet hatte, wurden ohne Gerichtsverfahren hingerichtet. In der Folgezeit trat vorübergehend eine Liberalisierung ein, die jedoch von den sich befehdenden Generälen wieder rückgängig gemacht wurde. Die Regierungen wechselten ständig, bis schließlich ein Rat der Generale mit Nguyen Van Thieu als Staatspräsident und Nguyen Cal Ky als Premierminister die Macht übernahmen.

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Der amerikanisch – vietnamesische Krieg

Vietnam als Modellfall (S. 152 – 187)

Ein kommunistischer Sieg in Südvietnam, erklärte Robert McNamara 1965, „würde ferner das Prestige der Rotchinesen bei den blockfreien Staaten erheblich vermehren und die Position ihrer Anhänger überall stärken. In diesem Fall müßten wir uns darauf gefaßt machen, es mit der gleichen Form der Aggression auch in anderen Teilen der Welt aufzunehmen, und zwar überall dort. Wo eine Regierung schwach und das Sozialgefüge nicht gefestigt ist.“ Laut McNamara sind die USA also berechtigt, überall einzugreifen, wo soziale Unruhen entstehen und diese zu unterdrücken, da soziale Unruhen gleich kommunistische Aggression gesetzt werden. Hierbei spielt es keine Rolle mehr, ob die Aggression von außerhalb oder innerhalb des betreffenden Landes kommen. In Vietnam konnte man die Aggression Nordvietnams mit einem Neid auf das angeblich viel weiter entwickelte Südvietnam begründen.

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Eskalation des Krieges auf Nordvietnam, der totale Krieg (S. 174 ff.)

Bis Ende 1963 beschränkten sich unter der Kennedy – Regierung die direkten Aktionen gegen Nordvietnam auf sich häufende Sabotageunternehmen und die Entsendung von CIA-Agenten nach dem Norden. Diese Aktionen wurden unter Präsident Johnson forciert, um einen Angriff auf Nordvietnam vorzubereiten. Aus Anlaß der von den USA provozierten Zwischenfälle im Golf von Tonking, bei denen es zu einem Schußwechsel zwischen amerikanischen und nordvietnamesischen Schiffen kam, unternahmen die USA am 30. Juli 1964 einen großangelegten Vergeltungsangriff auf Nordvietnam. Der offiziellen Darstellung der USA- Regierung, sie habe nur auf eine kommunistische Offensive geantwortet, muß man entgegenhalten, daß schon vor dem 30. Juli amerikanische Kriegsschiffe nach Informationen aus Nord- und Südvietnam zwei Inseln im Golf von Tonking angegriffen hatten. Außerdem waren schon länger Pläne für einen Krieg gegen Nordvietnam ausgearbeitet worden (Rostow- Plan). Als weder China noch Rußland Anstalten machten, Nordvietnam zu unterstützen, begannen die USA im Februar 1965 mit dem Krieg gegen Nordvietnam. Die amerikanischen Streitkräfte wurden im Verlauf des Jahres auf 180.000 Soldaten verstärkt. Die „befreiten“ Gebiete der Nationalen Befreiungsfront erklärte man zu „freien Zonen“ für die amerikanischen und südvietnamesischen Streitkräfte. Nach vorgehenden Warnungen belegte die amerikanische Luftwaffe diese Zonen mit einem Bombenteppich. Während man sich früher damit begnügt hatte, im Dschungel angelegte Reisfelder der Partisanen kurz vor der Ernte zu zerstören, wurde jetzt ein umfassendes Erntezerstörungsprogramm ausgearbeitet. 1966 begann die amerikanische Luftwaffe , das mühselig angelegte Deich- und Bewässerungssystem des Deltas des Roten Flusses in Nordvietnam zu zerstören, was in diesem dicht besiedelten Gebiet zu Überschwemmungs- und Hungerkatastrophen führen mußte. Unter dem Vorwand, Laos (Ho Chi Minh Pfad) und Kambodja unterstützten Nordvietnam, dehnten die USA den Krieg auch auf diese Länder aus. Das amerikanische Militärpotential in Vietnam wurde ständig erhöht. Amerikanische Soldaten in Vietnam 1965 181.000

1966 400.000

1967 500.000

Die unaufhörlich steigenden Kriegsausgaben und die wachsenden Gefallenenziffern riefen den Widerstand der amerikanischen Öffentlichkeit hervor, die immer mehr die Zweifelhaftigkeit des amerikanischen Einsatzes in Vietnam erkannte.

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Martin Luther King gegen den Vietnamkrieg 1967 in Minnesota

© Minnesota Historical Society

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Wie sind diese historischen Fakten nun umgesetzt? Das Referat damals sagt dazu nichts aus, der Text zur Umsetzung wurde 2013 verfasst. Zur Umsetzung wurde damals mündlich referiert. Eine gewisse Entpersönlichung wird von Anfang an erreicht, indem die Schauspieler mit Nummern versehen sind. Der Autor Peter Weiss führt im Vorspann dazu aus:“ Das Stück benötigt 15 Schauspieler, die bezeichnet sind mit den Ziffern 1 bis 15, davon zwei weibliche mit den Ziffern 5 und 6. Zwei Helfer, A und B, tragen die jeweiligen Requisiten heran und wieder ab. Im Bedarfsfall können zwei weitere Helfer hinzugezogen werden.“1

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Ein Beispiel, wie die chinesische Eroberung inszeniert ist. Aus NO treten vor 1,2,3,4,5,6 als Volk der Viet in Van Lang und bilden eine geschlossene Gruppe

1 2 3 Wir Bauern Jäger und Fischer

vom Volk der Viet

leben im Süden des Flusses Jangtse

6          Unser König ist vermählt

mit der Tochter des Großen Seedrachens

4         Aus dem Meer geboren

wurden unserm König

hundert Söhne

1         Hundert Fürstentümer hat unser Land

Gruppe 9,10, 11, 12, 13 als Bauernsoldaten aus NW nähert sich drohend der Gruppe der Viet. 14, 15 als chinesische Krieger schließen sich den Bauernsoldaten an. 14 weist auf die Gruppe der Viet.

14       Das Land der Viet ist fruchtbar

ihre Flüsse sind reich an Fischen

Aggressive Bewegung der Gruppe der chinesischen Bauernsoldaten. Die Gruppe der Viet in Verteidigungsstellung.

2         Die Armeen der Wu

bedrohen unser Land

Gruppe der Bauernsoldaten in heftiger Bewegung in die Gruppe der Viet, die weit auseinanderweicht.

4 5 6   Die Armeen der Wu

besetzen unser Land

2        Sie nehmen uns die Ernte weg

1        Sie fordern uns die Fische ab

4        Sie plündern unsre Scheunen

3        Wir sollen Dienst tun in ihrer Armee

5         Unsre Fürsten sind dem Feind nicht gewachsen

4         Der Feind hat bessre Waffen

Die Viet sammeln sich zu einer dichtgeschlossenen Gruppe. In einem Halbkreis hinter ihnen in N formieren sich die Bauernsoldaten.

3          Eher verlassen wir unser Land

als daß wir uns unterwerfen

4          Hier liegen unsre Vorväter begraben

6          Die Geister der Ahnen werden uns begleiten

4 5       Mit unsern hundert Fürsten ziehen wir nach Süden

2 3      Wir werden ein Land finden mit einem großen Strom

1         Wir werden ein reiches und fruchtbares Land finden 2

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Zu den Abkürzungen meint Weiss in der Vorbemerkung: „ Die Bewegungen der Figuren vollziehen sich im Rahmen der angegebenen Himmelsrichtungen N, NO, O, SO, S, SW, W, NW.“ 3 Ein Beispiel für einen Chor-Einsatz – Weiss: „Wir führen Chöre ein, wenn einer umfassenderen Stellungnahme Gehör verliehen werden soll“ findet sich

nach der Flucht der Vietnamesen in den Süden:

Chor       Hier gründen die Völker der Viet

die auszogen aus dem Reich der Mitte

das Königreich Viet Lac 5

Der Chor hat also eine ähnliche Funktion wie in der Antike. In der antiken Tragödie hatte er hauptsächlich Kommentarfunktion, das heißt, er hat das Geschehen erklärt.

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Über Kaiser Le Loi, der 1427 die Unabhängigkeit gegenüber der Ming-Dynastie von China militärisch sichern konnte, steht folgendes geschrieben: 8 (Bauer Vietnams), 10 (Obere Vietnams)

8           Seht den Heerführer Le Loi

Er vertreibt die Fürsten und Landherrn

Jagt sie ins Meer

10         Bringt die Reichtümer der Fürsten

dem Heerführer Le Loi

daß er sie zu euerm Besten verwalte

Alle zu einer geschlossenen Truppe.In der Mitte vorne Le Loi und sein Oberer (1-8 Bauern Vietnams)

1 2 4      In seiner Gerechtigkeit

verteilt der Kaiser Le Loi das Land

Jeder Bauer erhält ein Stück Land

5 7        Der Kaiser Le Loi verteilt das Land

an seine Generäle und Getreuen

3          Er ernennt sie zu Prinzen und Fürsten

4          Er verteilt das Land

an seine Brüder und Vettern

(9 und 10 Obere Vietnams)

9         Ein jeder erhält so viel Land

wie es seinem Rang und Verdienst entspricht

10       Der Kaiser befiehlt

daß jedem Bauern

ein kleines Stück Feld

gegeben werde

1 2 4    Le Loi ist ein strenger

und gerechter Kaiser

Er hat viele neue

Gesetze erlassen 6

Nicht zuletzt etablierte Le Loi die Le – Dynastie.

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Lassen wir den Chor bei der Kolonisierung Vietnams durch die Franzosen im 19. Jahrhundert zu Wort kommen. 1859 wurde Saigon erobert. 1862 bis 1867 besetzten Truppen Napoleons III. Cochinchina.

Instrumentaleinsatz. Chor des Volkes.

Chor   Tiefer als die Schlucht

ist unser Haß

Größer als die Berge

ist  unser Zorn

Aus der tiefen Schlucht

über die Berge

dringt unser Ruf

nach Befreiung 7

Nicht verschweigen möchte der Autor in der Behandlung dieses Stadiums in der Chronologie am Schluß des Stückes, dass in dieser Zeit von 1858 bis 1860 England und Frankreich den Opiumkrieg gegen China führten. Auch an der vietnamesischen Küste landeten damals französische Kriegsschiffe.

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Weiter geht es 1883 und 1884, als das französische Protektorat über Tonking und Annam errichtet wird. Den französischen Kolonisatoren wird hier in den Mund gelegt:

11     Die Bergwerksgesellschaft von Tonking

hat in diesem Jahr über fünfhunderttausend

Tonnen Steinkohle exportiert

12     Die Portland Zementgesellschaft bei Hai Phong

verzeichnet eine Gewinnsteigerung

von siebzig Prozent

13     In Cai Bau und Dong Trieu

haben wir Gruben erschlossen

zur Förderung von Zink Blei und Mangan

14     Die Kolonialwarenhändler im Mutterland

erhielten in dieser Saison aus Indochina

zum Verkauf

eine Million Tonnen Reis

15     Frankreich hat das alleinige

Handelsrecht mit Indochina

Frankreich bestimmt

die Einkaufspreise  8

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Keine Streiks wollen die vietnamesischen Verbündeten der Franzosen

9 10   Es ist streng darauf zu achten

daß auf den Plantagen und in den Fabriken

keine Gruppenbildung unter den Arbeitern entsteht

Jede Tendenz zu einer politischen Betätigung

sowie andre Zeichen von Aufsässigkeit

und moralischem Verfall

sind energisch zu bekämpfen 9

Im nächsten Stadium fordert dann Ho Chi Minh bei der Versailler Friedenskonferenz 1919 die Autonomie für Vietnam.

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Im zweiten Teil wird in Washington am 3. April 1954 in Washington in einer Geheimen Konferenz im Außenministerium die geostrategische Bedeutung Südostasiens deutlich gemacht.

Leuchtbild

Thruston Morton

Referent des Außenministers

für Kongreßangelegenheiten

14    Die Länder Südostasiens

haben eine Bevölkerung von Hundert

Fünfundsechzig Millionen

Hier werden fünfundachtzig Prozent

der Weltproduktion an Kautschuk gewonnen

und zweiundachtzig Prozent des Zinns

In  Indochina gibt es

hochwertigen Anthrazit

Kupfer und Eisenerz sowie

noch unerschlossene Lager von Mangan

Bauxit und Tungsten

Als einziges Land Asiens

produziert des einen Überschuß

an Reis

Wer immer darüber Kontrolle ausübt

hält die Versorgung Japans Indiens

Malayas Javas und der Philippinen

in der Hand

Aufgrund seiner Lage kann Indochina

die Verbindungen kontrollieren zwischen

dem Pazifischen und dem Indischen Ozean

Das neue Kraftzentrum

des Weltkommunismus

liegt in China 10

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Bei der Geheimsitzung des Nationalen Sicherheitsrates werden dann auch noch die hohen Funktionen von Ministern in der Wirtschaft genannt.

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George M Humphrey, Finanzminister in der Regierung Eisenhower

Vorsitzender des Aufsichtsrates der M A Hanna Company Kohle Eisenerz Stahl

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Charles E Wilson, Verteidigungsminister in der Regierung Eisenhower

Präsident der General Motors Corporation

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John Foster Dulles, Außenminister

Direktor der International Nickel

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Nelson A Rockefeller, Minister für Gesundheitswesen Erziehung und Wohlfahrt

Mitbesitzer der Standard Oil New Jersey, Eigentümer der Chase Manhattan Bank

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Roger Kyes, Staatssekretär im Verteidigungsministerium

Vizepräsident der General Motors Corporation

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Harold E Talbot, Minister für Luftwaffe

Direktor der Chrysler Corporation

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Das Stück ist heute noch von Bedeutung. Die USA haben in Vietnam keine Glaubwürdigkeit entwickelt. Sie haben sich mit rechten Diktatoren wie Diem verbündet, die Demokratie dann nicht akzeptiert, wenn sie bei ihrer Anwendung die Wahlen verloren hätten. Ein Schurke wird dann akzeptiert, wenn er eigenen Interessen dient, der Diktator ist eben „unser Schurke“. Ein hohes Maß an militärischer Gewalt wurde eingesetzt. Der Krieg forderte drei Millionen Tote, zwei Millionen Menschen wurden verstümmelt und weitere zwei Millionen Vietnamesen wurden von abgeworfenen Chemikalien verseucht. 58 000 US-Soldaten fielen. Die revolutionären Erwartungen des Autors wirken heute allerdings eher zu optimistisch. Wie der Chor aussagt: Es geht darum, die Grundlagen der Revolution zu zerschlagen. Danach werden die Erfolge der Demokratischen Republik Vietnams aufgeführt – u. anderem sehr viele Ärzte oder die Besiegung von Hunger, Krankheit und Armut.11

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„Heute fordern Kritiker wie Ludwig Marcuses- und Walter Hinck den Schriftsteller Weiss auf, doch mit einem Gewehr im Dschungel zu verschwinden. Der Amoklauf seiner Gegner wäre freilich ein schöneres Schauspiel für den Kapitalismus, als es ihm ein Theater bieten kann, das allzusehr Museum geworden ist, als daß es noch wesentliche Überbaufunktionen wahrnähme. Daher klagen auch die über seine Folgenlosigkeit, die schon längst darauf als Bauplatz reflektieren, um dort seis lukrativere, seis manipulativ funktionalere Unternehmen zu errichten.“12 Solche radikalen Forderungen wie die von Marcuse und Hinck ergeben sich sicherlich aus der linksradikalen Ausrichtung des Autors Weiss, der aus seiner Akzeptanz revolutionärer Gewalt nie einen Hehl macht. Die politische Theologie des Stückes ist der Kommunismus, der der Menschheit Befreiung vom Elend bringen wird. Sie kam in die öffentliche Wahrnehmung verstärkt Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, in der vor allem im akademischen Milieu eine radikale Kritik des Kapitalismus weit verbreitet war und die USA der Hauptfeind – mit der Entstehung der 68er Generation.

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Vietnam heute – kein Kommunismus mehr. Ein Autor führt im „Euro am Sonntag“ vom 1.2.2013 aus: „Vor 20 Jahren hat sich das Land für die Marktwirtschaft geöffnet. Ähnlich wie in China blieb die Führung aber sozialistisch. Das Modell funktioniert. In den Jahren 2000 bis 2010 wuchs das BIP mit Ausnahme des Krisenjahres 2009 immer um mindestens sieben Prozent. ‘Das Land geht denselben Weg wie China, es liegt allerdings noch 15 Jahre zurück’, ordnet Eugen von Keller, Chef der Hongkonger Investmentgesellschaft Xanadu, das Land am Mekong ein. Während China schon selbst entwickle, setzten Fabriken in Vietnam vorwiegend Teile zusammen. Die gestiegenen Lohnkosten beim ‘großen Bruder’ im Norden kommen der Wirtschaft Vietnams zugute. Ausländische Unternehmen in China verlagern einfache Fertigung zunehmend zum südlichen Nachbarn. Und immer mehr chinesische Firmen machen es genauso. Das sind vor allem Textil-, Elektro- und Maschinenbauunternehmen.“

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Auszug der Rezension von Günther Rühle in der FAZ vom 22.3.1968

„Dieses Stück trifft uns in einem, kritischen Augenblick; in dem der Krieg in Vietnam noch einmal eskaliert; in dem klar geworden ist, daß die Erwartungen von 1964, der Krieg sei schnell zu beenden, trogen und daß falsche Einschätzungen des Gegners und des Volkes zu falschen Maßnahmen führten; in dem McNamaras Abgesang über die Schwierigkeit, der Bevölkerung Süd-Vietnams ein eigenes Staatsgefühl als Halt für den Kampf zu geben, uns noch in den Ohren liegt; in einem Augenblick, in dem die Spaltung der Meinung über Rechtfertigung und Notwendigkeit dieses Krieges aus den USA zu uns herübergreift. Dieser Krieg beherrscht unsere Gedanken – nicht nur die der jungen Vietcong-Trabanten, die mit Eifer und Fahnen nach dem Ende der Aufführung die Bühne besetzten, als wollten sie das letzte Wort des Autors ‘Wir zeigten den Anfang, der Kampf geht weiter’ gleich realisieren. Man erlebte als letzten Akt zehn Minuten der Konfusion; Vordrängelei – Wichtigmacherei.“

1 Peter Weiss Vietnam Diskurs “Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des lang andauernden Befreiungskrieges in Viet Nam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika die Grundlagen der Revolution zu vernichten”, Frankfurt am Main 1968 (2. Auflage), S. 7

2 Ebd., S. 17 f.

3 Ebd., S. 6

4 Ebd., S. 5

5 Ebd., S. 19

6 Ebd., S. 43

7 Ebd., S. 67

8 Ebd., S. 72

9 Ebd., S. 74

10 Ebd., S.109 f.

11 Vgl. ebd., S.179 f.

12 Bernd Jürgen Warneken, Kritik am „Viet Nam Diskurs“ in: http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2009/4011/pdf/Warneken_Bernd_Juergen_ueber_Peter_Weiss.pdf, S.130

Veröffentlicht 13. Januar 2013 von schauerchristian in Dokumentartheater

Exilliteratur im Kampf gegen Nationalsozialismus

Bruno Frank, Die Tochter, Frankfurt Main/ Berlin 1990

In dem Roman wird unter anderem der deutsche Überfall auf Polen vom 1. September 1939 literarisch verarbeitet. Der Roman erschien zunächst 1942 in den USA, 1943 in deutscher Sprache. Er wird als bedeutender Roman der Exilliteratur eingeschätzt.

„Das Monstrum aus Stahl und Beton brach über die flache Grenze. Es zertrat das dünne Verteidigungsnetz, Stacheldrähte und Blockposten, so wie einfünftausend-pfündiges Flußpferd Schilf und Rohr am Ufer zerknickt. Und dahinter war nichts mehr. Die ‘Obersten’ hatten es kläglich verschmäht, das offenliegende Land in größerer Tiefe zu sichern: Vielleicht hätte ihr Paktfreund das übel vermerkt. Nun rollte sein Angriffsheer über die staubigen Straßen dieses verhängnisvoll trockenen Herbstes mit der Präzision eines Uhrwerks. Die ‘Obersten’ hatten vielleicht auch nicht deutlich gewußt, welch neuartiges Kriegsinstrument er sich unterm segnenden Auge westlicher Staatsweisheit da zusammengeschmiedet und -genietet hatte.  Mit Infanterie gab er sich längst nicht mehr ab. Das marschierte kein Mann mehr zu Fuß. Da gab es kein Pferd. Es gab nur die Maschine. Motorisierte Sturmregimenter, den schweren und den leichten Tank, schwere Panzerwagen und leichte, das motorisierte Feldgeschütz und die motorisierte Haubitze. Und zu Häupten der wanderenden Festung den Schwarm von Bombern und fliegenden Fechtern, der die Bläue verfinsterte. Polen war denn also das Opfer. Aber Polen stand nicht allein. Die Regierenden in England und Frankreich, gezwungen vom Volksgefühl, hatten den Buchstaben ihrer Verträge erfüllt und befanden sich gleichfalls im Krieg. Nun wartete alle Welt auf die Hilfsaktion dieser Starken. Nichts kam. Nichts konnte wahrscheinlich kommen. Denn die Staatsdenker in London und in Paris hatten kaum besser vorgesorgt als die ‘Obersten’. Die Welt war verblüfft.“ Das ist keine schmeichelhafte Analyse für die polnische Staatsführung.

„Sie war auch verblüfft über Polen“, fährt Frank fort. „Ein paar Monate wenigstens hätte es standhalten müssen! Aber nach zwölf Tagen bereits machten die amerikanischen Korrespondenten es klar, daß von seinem zerschmetterten Korps nur abgesprengte Reste noch kämpften, bloße Dessertbissen für das schon verdauende Raubtier. Wie war so etwas möglich! War denn nicht der polnische Staat als todesmutig berühmt? Das war er, mit Recht. Nur daß er – und die Korrespondenten machten es klar – eine altmodische Flinte in Händen hielt und daß bloß ein paar elende Kanonen da waren, um ihn zu decken.“ Später heißt es über das Vorgehen der Nationalsozialisten in Polen: „ Als sie kamen, kamen sie als Befreier, so wie ihre Flugzettel es verkündigt hatten. Und sie vermochten sich ihrem Befreiungswerk um so ungeteilter zu widmen, als ja die Streitmacht des Staates zusammengebrochen dahinten lag und hier im Süden (der Roman spielt in Galizien) kein organisierter Widerstand mehr zu befürchten war. Da trotz aller Ermunterung die Ukrainer es gänzlich versäumt hatten, die verrotteten polnischen Unterdrücker zu erschlagen, fiel diese Aufgabe naturgemäß ihnen selber zu. Sie vollzogen sie an Hand sorgfältig geführter Listen; ihre Emissäre im Stehkragen hatten da gewissenhafte Arbeit geleistet.“ Das ähnelt sehr dem Vorgehen des Nationalsozialismus in Warschau.“ Verhaftungen von Tausenden und aber Tausenden nach Namenslisten oder wegen ihrer vermuteten Zugehörigkeit zur Widerstandsbewegung, oder auch nur wegen des Verdachts der Zusammenarbeit mit solchen Organisationen. Schon die vermutlich negative Einstellung zu den Besatzern war ein ausreichender Verhaftungsgrund.2

Wie wirkt sich das Weltgeschehen auf die Protagonisten des Romans aus? Die Schutzstaffel dringt nach dem deutschen Sieg in das Städtchen am Dnjestr vor. Recha, die Mutter Elisabeths, und Heinrich werden vor der kleinen Villa bei einem deutschen Luftangriff auf die benachbarte Zuckerfabrik mit einer Maschinengewehr- Salve erschossen. Auch Notar Krasna muss sterben, nachdem er zwei Stunden nackt das Rathaus im Laufschritt umkreisen musste. Der Pfarrer Korzon wird vor dem Altar seiner Salvator-Kirche erschossen. Pjotr will Elisabeth vor dem NS-Hauptsturmführer Schaller schützen und erschlägt ihn. Dafür muss Pjotr mit dem Leben bezahlen. Diese Szene wird ausführlich geschildert. Der erschlagene Schaller ist der einzige Sohn jenes Rittmeister Ferdinand Schaller, der Pattay auf dem Gewissen hat. Der Rittmeister war nach der Bluttat zu den Russen übergelaufen. Der erschlagene Schaller – das ist das Ende des Romans, er beginnt jedoch mit Pattay und Recha. Im Jahre 1913 hat die Wiener Adlige Sofie Weikersthal die Nase voll von den vielen Affären ihres Neffen, des Grafen Franz von Pattay. Der eingeschaltete Kaiser beschließt, dass der Oberleutnant zur Strafe in ein Regiment nach Galizien versetzt wird. Die kleine Garnisonsstadt liegt an der östlichen Grenze Österreichs am Dnjestr. Als Bursche wird dem Offizier dort Pjotr Gargas zugeteilt, der am Ende des Romans eine tragende Rolle spielt. Er ist ein breitschultriger Bauer aus der Ukraine. Die Hälfte der Bewohner der Stadt sind Juden. Bereits im Mittelalter wurden ihre Vorfahren nach der Pest zu Sündenböcken erklärt. „Millionen in Deutschland erlagen der Seuche, deren Ursprung geheimnisvoll war. Und die Fremdlinge trugen die Schuld. Die einst den Heiland ans Kreuz genagelt, sie hatten auch die Brunnen vergiftet, all das gute, klare, gesunde Wasser im deutschen Land, aus dem nun das Volk sich den Tod trank.“3  Vertrieben wurden sie aus dem Rheinland.

Zum Zeitvertreib vergnügen sich die Ulanenoffiziere in dem drei Stunden entfernten Lemberg. Im Varieté singt dort die berühmte Recha Doktor. Pattay hält sich dem närrischen Treiben zunächst fern. Er fährt allerdings aus Protest doch noch mit den Offizieren nach Lemberg, als Rittmeister Ferdinand Schaller, der offensichtlich antisemitisch eingestellt ist, die junge talentierte Sängerin eine „dreckige Judengeiß“ nennt. Über die judenfeindliche Haltung der dort hin kommandierten Soldaten heißt es: „Für diese Söhne von Wiener Bankiers und Brünner Fabrikanten war der Tonfall des Jiddisch, der Anblick der Figuren im Kaftan ein täglich erneuerter Stich.Denn ihr Ehrgeiz war es, in Manier und Rede ganz der Herrenklasse zu gleichen, ja vielleicht in gnädigen Ausnahmefällen zu ihr aufzurücken. Und furchtbar war ihnen die Vorstellung, einer der Offiziere könnte in Gedanken die Brücke schlagen zwischen ihnen und dieses Händlern. Eisig und zitternd blickten sie über die blassen Verwandten hinweg, die mit ausfahrenden Gesten vom Mittelmeer das Deutsch Herrn Walthers von der Vogelweide sprachen.“4

Pattay wiederholt die Fahrt ins entfernte Varieté so lange, bis Recha seine Liebe erhört. Recha ist Nachfahrin des Großrabbiners Schalom Schachna. Sie war in Wieniawa, einem Vorort Lublins, als vierzehnjährige Halbwaise von Kosaken beinahe vergewaltigt worden. Möglicherweise wird hier an eine von Chmielnicki angeführten Bauern- und Kosakenaufstand gegen die Adelsrepublik Polen-Litauen angespielt. Ihm vielen 1648 über 100.000 Juden zum Opfer, stellvertretend für die Adelsschicht. Die Soldaten hatten im letzten Augenblick von ihr abgelassen. Der Vater und ein Bruder Rechas wurden gehenkt. Rechas Tante Chana hatte das Häuschen, diesen unschönen Schauplatz, verkauft und war mit der Nichte zu Verwandten nach Berlin geflohen. Die Operetten-Karriere der Recha Doktor hatte hier ihren Ausgangspunkt. Der habsburgische Offizier Pattay beendet Rechas Bühnenlaufbahn. Er will die Jüdin zur seiner Frau machen. Zwar ist er pleite, doch er borgt sich beim Fabrikanten Daniel Zweifuß im Städtchen 20 000 Kronen zum Kauf der kleinen Villa am Dnjestr nahe der Zuckerfabrik. Zusammen mit Tante Chana bewohnt das junge Paar das neue Wohnhaus. Die Beziehung ist bald vor Ort bekannt.

Am 28. Juni 1914 kommt es zur tätlichen Auseinandersetzung zwischen Pattay und dem Antisemiten Rittmeister Schaller. „Das breite Gefäß aus weißlackiertem Blech, das Pattey in der Hand trug, es stammte aus einem von Herrn Löws Fremdenzimmern. Pattay schwang es hoch durch die Luft und hieb es krachend nieder auf den Tisch, gerade vor Schaller. Flachen und Gläser stürzten und ergossen ihren Inhalt. ‘So, Herr Rittmeister, da hast du ein Glas, aus dem hat bestimmt noch kein Jude getrunken.’ Schallers Stuhl fiel hinter ihm um, Es sah aus, als wollte er sich mit den Fäusten auf Pattay stürzen. Dann besann er sich und suchte nach seinem Säbel. Aber der lehnte mit anderen zusammen in der Taxushecke. Ehe der Rittmeister dorthin gelangte, hatten die Offiziere Zeit, sich dazwischenzuwerfen. Um Gottes willen, meine Herren, die Leute!’“5 Die Kampfhähne werden getrennt. Der kommandierende Oberst beurlaubt Pattay. Der Oberleutnant verbringt mit der Geliebten Recha einen schönen Sommer in den Karpaten. „Das Haus war neu, eben erst fertig geworden; in dem Lärchenholz, aus dem es erbaut war, knackte und krachte es, als atmeten die Bretter noch lebendig im Wald, der rechts hinunter den Abhang bedeckte. Ein Bergwasser blitzte und rauschte dort durch die hohen, licht stehenden Stämme. Nach links hin zogen sich Wiesen und gezirkelte Äcker sanfter bis dicht vor die ersten Häuser des Orts. Es war jener selbe ländliche Kurort am Karpatenabhang, wo Recha mit Chana alljährlich zwei Sommermonate zugebracht hatte.“6 Als die Russen mobilmachen, gelingt Pattay in Paradeuniform angesichts des Befehls zum Einrücken die überstürzte Kriegstrauung vor einem Bürgermeister. Vom Notar Krasna lässt der frischgebackene Ehemann ein Testament aufsetzen, in dem die Ehefrau als Alleinerbin eingesetzt wird. Am 5. August 1914 beziehen die Ulanen Stellung gegen die Russen. Am 24. August fällt Pattay auf einem Erkundungsritt. Er war allein geritten und mit Schüssen im Rücken aufgefunden worden. Rittmeister Schaller habe sich nahe beim gefallenen Grafen aufgehalten und sei seitdem vermisst, wie Chana herausgefunden hatte.7

Der Vater ist gefallen und wird sein Kind nicht mehr kennenlernen können. Nach dem Krieg kommt die kleine Stadt, in der der Roman spielt, mit anderen Teilen Galiziens zu Polen, das 1918/1919 seine Unabhängigkeit wieder gewinnt. Der oben schon erwähnte Marschall Pilsudski tritt als Großvater anonymisiert auf. Zur Unabhängigkeit äußert er folgendes: „Ihr wollt aber nicht solche Worte der Ermahnung von mir hören, sondern etwas, was eure Herzen erhebt. Ihr wollt von mir hören, was ihr schon wißt: daß ein heroischer Kampf endlich durch den Sieg gekrönt worden ist, daß unser langer Traum Wirklichkeit gewonnen hat. Ja, alles das ist wahr.“ Von zu viel Nationalismus hält er nichts: „Ich habe erwähnt, daß ich ein Litauer bin.Aber in diesem Augenblick hat etwas mich daran ermahnt, daß ein Teil meines Blutes noch viel weiter herstammt. In alter Zeit ist ein Vorfahr von mir übers Meer gekommen, aus Schottland, als ein Verfolgter, weil er seinem schottischen König die Treue gehalten hatte.An den Mann denke ich gern. So steht das mit mir. Und trotz alledem hat euer Bürgermeister mich so nennen können – wie er mich genannt hat.“8 Er fixiert dabei Elisabeth, die Tochter Rechas, deren Kleid schottisch gemustert ist.Heinrich Gelbfisch, jüdischer Warenhausbesitzer, kümmert sich wohl um die Witwe Recha als auch ihre Tochter. Pjotr kommt aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück, er wird die neue Bezugsperson Elisabeths.

Das Buch Hiob wird über den Leviathan eingeführt, der Pjotr die Hand abgebissen habe.9 Der Gegensatz von den Juden zu den Christen taucht wieder auf, wenn ein Erbe Elisabeths von 10.000 Kronen von der Konversion zum Christentum abhängig gemacht wird. Polnische Schülerinnen begegnen dem jüdischen Mädchen mit Aggressivität, es fällt das Wort „Judenkomteß“, ein Stein trifft Elisabeth und bricht ihr den vierten Finger der linken Hand. Danach wird sie nach Lausanne gebracht. Nach vier Jahren Aufenthalt in der Schweiz beordert Pjotr sie wegen des nahenden Todes von Chana nach Polen zurück. Ihre Tante fordert Elisabeth auf, Polen zu verlassen, weil sie weitere Pogrome befürchtet wie in Wienawa. „Hinter ihren geschlossenen Lidern sah sie die Hütte und das traurige Höfchen von Wienawa, sah sich selber eingesperrt in der Kammer, wie sie rasend am Riegel rüttelte, und draußen den Greuel: die zwei schwarzen Gestalten, die da von den Bäumen schwankten, und die Kosaken, die sich gleichmütig hermachten über das vierzehnjährige Kind.“10 Sie offenbart Elisabeth zudem, dass Schaller ihren Vater umgebracht hat. „Dieser antisemitische Schweinehund hat es getan.“11 „Dein Vater hat sterben müssen, weil er in uns Juden Menschen gesehen hat.“ Elisabeth erreicht mit ihrer Volljährigkeit 1936 eine Teilhaberschaft am Kaufhaus Gelbfisch. Sie eröffnet in dem Kaufhaus einen Buchladen und veranstaltet Dichterlesungen. Gegenüber Heinrich weist sie auf die antijüdische Stimmung im Land hin: „Liest der Mann nicht die Zeitung! Bloß die Überschriften braucht er zu lesen: ‘Unsern Bauern alle Verkaufsstände!’ ‘Polnische Märkte judenrein’ Und es hat schon geholfen. Die Bauern verstehen zwar nicht von diesem Geschäft, das weiß jeder. Aber die Juden sind weg, und das ist die Hauptsache. Die hatten alle nichts weiter als das bißchen Kleinkram auf ihrem Karren. Jetzt sitzen sie da. Und da gibt der Mensch 900 Zloty her – bei diesem Riesengewinn!“ … „Trotzdem – 900 Zloty! Vor vier Wochen war Passah, nicht wahr? In der Zeitung, die er nicht liest, stand deutlich, daß zwei Drittel der Juden am Ort um Hilfe einkommen mußten. Zwei Drittel hatten nicht Geld genug für ihr ungesäuertes Brot und ein anständiges Kleid für den Tempel. 900 Zloty – wahrhaftig.“12 Fassen wir die Ereignisse des Romans, dessen Ende schon bekannt ist, bis dahin noch zusammen. George Herkimer, Europakorrespondent aus Columbus/ Ohio lernt Elisabeth kennen. In Ausflügen mit Pjotr fahren sie mit Herkimers Auto bis nach Podolien. 1937 drängt Herkimer Elisabeth zum Verlassen Galiziens, wenig später folgt die deutsche Besetzung Österreichs. In Amsterdam begegnen sich Elisabeth und Herkimer wieder – bei einem Verleger namens Auerbach. Herkimer erfährt von den Gründen für Elisabeths verkrümmten Finger. Beide entfalten Zuneigung füreinander. Nach der Eroberung der „Resttschechei“ – wie die Nationalsozialisten den Vorgang bezeichneten – im März 1939 folgt der schon geschilderte Überfall auf Polen. Herkimer kehrt zu Elisabeth an den Dnejstr zurück. Er erreicht, dass sie mit ihm das Land verlässt. In Bukarest soll geheiratet werden.13

Kehren wir zu den gut gewählten Worten Franks zurück, mit  denen er die nationalsozialistischen Eroberung Polens beschreibt. „Denn mit  der Eroberungsmaschine zugleich zog ein anderes Heer ein, dessen Aufgabe nicht Landgewinn war, sondern Schrecken, Marterung, Erniedrigung  und Vertilgung. Alles was Schutzstaffel hieß, Schwarze Garde, Verfügungsgarde, Schutzpolizei und wofür es einen gemeinsamen Namen gab, den  sie selber sehr schätzten: die Mordkommandos. Kompakte Motorregimenter, schwarz oder grün uniformiert, Stahlpeitsche und  Maschinenrevolver im Gürtel und an der Mütze das stolz gezeigte Emblem: Totenkopf und Totengebein. Sie waren des Häuptlings rarstes Produkt, seine Auslese aus deutscher Jugend. Gutgenährte, muskelkräftige Burschen, in den heimischen Torturkellern und Tötungsbaracken an Sozialisten und Juden geschult. Sorgfältig, wissenschaftlich entmenscht – zu hochwichtigem Zweck. Denn auch Folter und Mord an unterworfenen Völkern war nur Vorbereitung für diese Elite. Dem Häuptling graute vor seinem eigenen Volk.  Es war ein schnellgläubiges, unmündig schwankendes Volk. Er hatte es erst in den Wahnwitz geschwatzt, dann in Knechtschaft geschreckt und gestreckt. Aber das Gespenst der deutschen Vergangenheit  schlurfte durch seine Nächte. Er wußte, was einmal kam. Ein Volk, dessen  freie Unsterbliche im Geistersaal an der oberen Tafel sitzen, wird nicht vollkommen eins mit einem giftigen Gauner. Einmal riß es die Augen auf  vor dem Abgrund verworfenen Elends, vor den es geführt war – und wollte zurück. Das war dann die Stunde. Für sie benötigte er nicht Regimenter, sondern Brigaden, Armeekorps seiner motorisierten Hyänen. Von ihnen ummauert, zog er jetzt ein, im Feiglingstriumph,  die Nüstern gebläht vom Brand- und Leichengestank. Dann kniete er auf  dem Wawel in Krakau am Grab des Marschall-Befreiers. Hier ruhen Polens Helden, Dichter und Könige, die Besten von denen, die für seine Freiheit gelebt und geblutet haben. Er wußte genau, was er tat. Es war erwogene Schändung. Er sah sich ja selbst: einen bluttropfenden schmierigen Strolch im Heiligtum der Nation. Polens Gegenwart zu zertreten war nicht genug. Seine finstere Posse am Grab sollte alle Geschichte, allen leidvollen Stolz austilgen aus polnischen Herzen.“ 14

Franks Worte zur Verführbarkeit der Deutschen in der nationalsozialistischen Zeit können in jeder Schule in der Deutschstunde vorgelesen werden. Auch für  Lesungen von „verbrannten  Dichtern“ eignet sich der Schriftsteller, der 1933 nach dem Reichstagsbrand nach Österreich emigrierte. Weitere Stationen seiner Emigration waren die Schweiz, Frankreich und England. Von 1939 bis 1945 lebte er in den Vereinigten Staaten. Befreundet war er vor allem mit Lion Feuchtwanger und Klaus Mann.

 

 

Fußnoten

1 Am 26. Januar 1934 unterzeichneten Reichsaußenminister Konstantin von Neurath und der polnische Botschafter Jozef Lipski (1894-1958) in Berlin einen auf zehn Jahre befristeten Vertrag. Beide Staaten verpflichteten sich, Probleme wirtschaftlicher, politischer und kultureller Art friedlich zu lösen, wobei letztgenannte sich hauptsächlich auf das Minderheitenproblem bezogen. Der Nichtangriffspakt enthielt keinen Verzicht auf Gebietsansprüche von deutscher Seite. Sonstige Zitate:Bruno Frank, Die Tochter, Frankfurt/Main Berlin 1990, S. 320 f. Und S. 329 f.

2 Wladyslaw Bartoszewski, Aus der Geschichte lernen? Aufsätze und Reden zur Kriegs und Nachkriegsgeschichte Polens, München 1986. S. 48

3 Bruno Frank, Die Tochter, Frankfurt/Main Berlin 1990.S. 16

4 Ebd., S. 19

5 Ebd., S. 64 f.

6 Ebd., S. 70

7 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tochter_(Bruno_Frank)

8 Bruno Frank, a.a.O., S. 106

Grundlage der Vorstellung des Leviathans sind alte Mythen aus Babylon und Kanaa und im Buch Hiob

10 Bruno Frank, a.a.O., S.210

11 Ebd., S. 212

12 Ebd., S. 242 f.

13 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tochter_(Bruno_Frank)

14 Bruno Frank, a.a.O., S. 323 f.

Veröffentlicht 1. September 2011 von schauerchristian in Exilliteratur

Calw und Hermann Hesse

Besuch in Calw im Juni 2015

Nachruf von Hermann Hesse auf seinen Bruder Hans, der sich das Leben genommen hat (Gesammelte Werke 10, S. 211)

„Die Lateinschule, welche auch mir viele Konflikte gebracht hatte, wurde für Hans mit der Zeit zur Tragödie, auf andere Weise und aus anderen Gründen als für mich, und wenn ich später als junger Schriftsteller in der Erzählung ‚Unterm Rad‘ nicht ohne Erbitterung mit jener Art von Schulen abrechnete, so war das leidensschwere Schülertum meines Bruders dazu beinah ebensosehr, Ursache wie mein eigenes. Hans war durchaus gutwillig, folgsam und zum Anerkennen von Autorität bereit, aber er war kein guter Lerner, mehrere Lehrfächer fielen ihm sehr schwer, und da er weder das naive Phlegma besaß, die Plagereien und Strafen an sich ablaufen zu lassen, noch die Gerissenheit des Sich-Durchwindens, wurde er zu einem jener Schüler, von denen die Lehrer, namentlich die schlechten Lehre, gar nicht loskommen können, welche sie nie in Ruhe lassen können, sondern immer wieder plagen, höhnen und strafen müssen. Es sind mehrere recht schlechte Lehrer dagewesen, und einer von ihnen, ein richtiger kleiner Teufel, hat ihn bis zur Verzweiflung gequält. Dieser Mann hatte unter anderen bösen Gewohnheiten die, daß er sich beim Abfragen dicht und drohend vor dem Schüler aufstellte, ihm mit schrecklichem Richtergesicht anbrüllte und dann, wenn der verängstigte Schüler natürlich versagte und ins Stottern geriet, seine Frage viele Male wiederholte, in einem rhytmischen Singsang, und dazu im Takt mit seinem eisernen Hausschlüssel auf des Schülers Kopf losschlug. Ich weiß aus späteren Erzählungen meines Bruders, daß dieser böse kleine Tyrann mit seinem Hausschlüssel zwei Jahre lang den kleinen Hans nicht nur Tag für Tag, sondern oft auch bis in die Angstträume der Nacht hinein gepeinigt hat. Oft kam er in einem hoffnungslosen Krampf von Kopfweh und Todesangst aus der Schule nach Hause.“

Das Geschehen spielt in der Stadt Calw am Rande des nördlichen Schwarzwalds am Fluß Nagold. Die Stadt wurde urkundlich erstmals 1256 nachgewiesen. Die Grafen von Calw wurden erstmals 1075 erwähnt. Die einflussreiche Adelsfamilie des Hochmittelalters belebte im 11. Jahrhundert das Kloster Hirsau wieder. Das dortige Kloster war 830 gegründet worden. 1345 kam die Stadt in den Besitz der Grafen von Württemberg. 1620 zählte die Stadt etwa 2.500 Einwohner. Sie war wohlhabend und bevölkerungsreich.

1534 wurde die Reformation in Calw eingeführt. Johann Valentin Andreae (1586 bis 1654) war Spezialsuperintendent vor Ort. Hier sorgte er für eine Erneuerung von Schul- und Sozialwesen. Auch die Armenpflege war sein Herzensanliegen. Im 30-jährigen Krieg herrschte soziale Not in der Stadt. Er gründete den Färberstift – mit Geldanlagen wohlhabender Handwerker und Tuchhändler. Calw urde 1634 durch das kaiserliche Heer zerstört, die Kirche angezündet. Nur etwa 1.500 Einwohner kehrten nach dem Krieg in die Stadt zurück. 1650 wurde die “Calwer Zeughandlungscompagnie” gegründet. Sie veredelte und vertrieb Textilien (“Zeuge”). Ihre Teilhaber wurden nicht selten reich. Bedeutend für Calw war auch der Handel mit Salz, Wein und Holz.

1692 wurde Calw wieder zerstört. Es waren die Franzosen unter General Melac. Zerstört wurde auch das Koster Hirsau. 1696 wurde in der Peter- und Paulskirche wieder gepredigt. Beim Wiederaufbau wurde gespart – man benützte ausgeglühte Steine der gebrandschatzten Kirche und des zerstörten Klosters Hirsau. 1884 musste das Schiff abgebrochen werden. Für die Kirchenbesucher bestand Lebensgefahr. Vier Jahre später, 1888, konnte die Kirche wieder eingeweiht werden. Neugotisch war der Stil. Nach dem 2.Weltkrieg versuchte man sich mit einer reinen Gotik. Die Namen der 219 Kriegstoten und Vermissten wurden in die Säulen des Kirchenschiffs eingemeißelt – sind sie richtig in einer Kirche mit dem Gebetsschluß? “Laß die Sonne Deiner Gnade leuchten über dem verheerten Lande.” 1

Evangelische Stadtkirche Peter und Paul

Evangelische Stadtkirche
Peter und Paul

„Das Giebenrathsche Haus stand nahe bei der alten steinernen Brücke und bildete die Ecke zwischen zwei sehr verschiedenen Gassen.Die eine, zu welcher das Haus gerechnet wurde und gehörte, war die längste, breiteste und vornehmste der Stadt und hieß Gerbergasse. Die zweite führte jäh bergan, war kurz, schmal und elend und hieß „Zum Falken“, nach einem uralten, längst eingegangenen Wirtshaus, dessen Schild ein Falke gewesen war.“ 2

Hans Griebenrath soll von seinem Vater versohlt werden, kehrt aber tot nach Hause. „Zu derselbe Zeit trieb der so bedrohte Hans schon kühl und still und langsam im dunklen Flusse talabwärts. Ekel, Scham und Leid waren von ihm genommen, auf seinen dunkel dahintreibenden, schmächtigen Körper schaute die kalte, bläuliche Herbstnacht herab, mit seinen Händen und Haaren und erblaßten Lippen spielte das schwarze Wasser… Niemand wußte auch, wie er ins Wasser geraten sei.“ 3

Hesse-Denkmal in Calw

Hesse-Denkmal in Calw

„Das Wanderbüchlein so in Ordnung zu halten, war allerdings eine von Knulps Liebhabereien. Es stellte in seiner Tadellosigkeit eine anmutige Fiktion oder Dichtung dar, und seine amtlich beglaubigten Einträge bezeichneten lauter ruhmvolle Stationen eines ehrenwerten und arbeitsamen Lebens, in welchem nur die Wanderlust in Form sehr häufiger Ortswechsel auffiel. Das in diesem amtlichen Paß bescheinigte Leben hatte Knulp sich angedichtet und mit hundert Künsten der Scheinexistenz am oft bedrohten Faden weitergeführt, während er in Wirklichkeit zwar wenig Verbotenes tat, aber als arbeitsloser Landstreicher ein ungesetzliches und mißachtetes Dasein hatte. Freilich wäre es ihm kaum geglückt, seine hübsche Dichtung so ungestört fortzusetzen, wären ihm nicht alle Gendarmen wohlgesinnt gewesen. Sie ließen den heiteren , unterhaltsamen Menschen, dessen geistige Überlegenheit und gelegentlichen Ernst sie achteten, nach Möglichkeit in Ruhe. Er war beinahe ohne Vorstrafen, es war ihm kein Diebstahl und kein Bettel nachgewiesen, angesehene Freunde hatte er auch überall; so ließ man ihn passieren, wie etwa in einem Hauswesen eine hübsche Katze mitleben mag, die jeder nachsichtig zu dulden meint, während sie unbekümmert zwischen allen den fleißigen und bedrückten Menschen ein sorgenloses, elegantes, prachtvoll herrenmäßiges und arbeitsloses Dasein verlebt.“ 4 Aus dem Leben eines Taugenichts- im Eichendorffschen Sinne – wird hier also berichtet. Ein Müller schickt bei Eichendorff seinen Sohn, den er einen Taugenichts nennt, weil der ihn die ganze Arbeit allein machen lässt, hinaus in die Welt. Froh und unbeschwert nimmt der Sohn seine Geige und verlässt ziellos sein Dorf.

Knulp durchstreift im Alter die alte Heimat: „Der nachbarliche Fliederbaum war alt und moosig dürr geworden, und das Lattenhaus im anderen Garten war zerfallen, und man mochte an seine Stelle bauen, was man wollte, es wurde nie mehr so schön und beglückend und richtig, wie alles einmal gewesen war.“ 5 Bemerkung dazu Mitte der 70er Jahre: Nach rückwärts gerichtete Sentimentalität – „es gibt nur vergangene Paradiese“. Der einsame Sonderling outet sich auch im Alter: „Er war außerhalb gestanden, ein Bummler und Zaungast, beliebt in den guten jungen Jahren, und allein im Kranksein und Altern.“ 6 Auch Knulps Ende wird als eine Art Schlaf beschrieben: „Als Knulp die Augen nochmals auftat, schien die Sonne und blendete so sehr, daß er schnell die Lider senken mußte. Er spürte den Schnee schwer auf seinen Händen liegen und wollte ihn abschütteln, aber der Wille zum Schlaf war schon stärker als jeder andere Wille in ihm geworden.“ 7 Und das sehr lange vor dem Roman „Schlafes Bruder“.

Knulp -Skulptur in Calw

Knulp -Skulptur in Calw

Auch in anderen Werken ist das Unstete ein konstanter Faktor:„Siddharta wanderte im Walde, schon fern von der Stadt, und wußte nichts als das eine, daß er nicht mehr zurück konnte, daß dies Leben, wie er es nun viele Jahre lang geführt, vorüber und dahin und bis zum Ekel ausgekostet und ausgesogen war. Tot war der Singvogel, von dem er geträumt. Tot war der Vogel in seinem Herzen. Tief war er in Sansara verstrickt, Ekel und Tod hatte er von allen Seiten in sich eingesogen, wie ein Schwarm Wasser eingesaugt, bis er voll ist. Voll war er von Überdruß, voll von Elend, voll von Tod, nichts mehr gab es in der Welt, das ihn locken, das ihn freuen, das ihn trösten konnte.

Sehnlich wünschte er, nichts mehr von sich zu wissen, Ruhe zu haben, tot zu sein. Käme doch ein Blitz und erschlüge ihn! Käme doch ein Tiger und fräße ihn! Gäbe es doch einen Wein, ein Gift, das ihm Betäubung brächte, Vergessen und Schlaf, und kein Erwachen mehr! Gab es denn noch irgendeinen Schmutz, mit dem er sich nicht beschmutzt hatte, eine Sünde und Torheit, die er nicht begangen, eine Seelenöde, die er nicht auf sich geladen hatte?“ 8

Aus dem Gespräch zwischen zwischen Govinda und Siddharta am Ende des Werkes: „Govinda sagte: ‚Aber ist das, was du ‚Dinge‘ nennst, denn etwas Wirkliches, etwas Wesenhaftes? Ist das nicht nur Trug der Maja, nur Bild und Schein? Dein Stein, dein Baum, dein Fluß – sind sie denn Wirklichkeiten?‘

‚Auch dies‘, sprach Siddharta, ‚bekümmert mich nicht sehr. Mögen die Dinge Schein sein oder nicht, auch ich bin alsdann ja Schein, und so sind sie stets meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und verehrenswert macht; sie sind meinesgleichen. Darum kann ich sie lieben. Und dies ist nun die Lehre, über welche du lachen wirst: die Liebe, o Govinda, scheint mir vor allem die Hauptsache zu sein. Die Welt zu durchschauen, sie zu erklären, sie zu verachten, mag großer Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu können, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten zu können.’“ 9

Man kann daher der Redaktion von Kindlers Literaturlexikon zustimmen, die das Werk folgendermaßen zusammenfasst: „Hesses Roman, der sich mit exotischen Wendungen, Archaismen und und einer gleichsam kultisch-rituellen Leitmotivtechnik in die indische Geisteswelt einzufühlen versucht, ist das Zeugnis eines Glaubens, der ’nicht die Erkenntnis, sondern die Liebe obenan stellt’…“ 10

Kehren wir von einem Ausflug nach Indien zu den Glasfenstern der Evangelischen Stadtkirche Peter und Paul in Calw zurück. Die Buntglasfenster wurden von 1886 bis 1914 in München gefertigt. Im Zweiten Weltkrieg beschädigt, wurden sie von 1950 bis 1952 wieder hergestellt. Das markanteste Fenster zeigt die Kreuzigung Christi. 11

1 Faltblatt des Evangelischen Pfarramtes an der Stadtkirche, Hindenburgstraße 14, Calw

2 Hermann Hesse, Unterm Rad, Frankfurt am Main 2013 (52. Auflage), S. 118

3 Hermann Hesse, ebd. S 164

4 Hermann Hesse, Knulp, Frankfurt am Main 1974, S. 13 f.

5 Ebd., S.116

6 Ebd., S. 117

7 Ebd., S. 128

8 Hermann Hesse, Siddharta, Frankfurt am Main 1973, S. 80

9 Ebd,. S.132

10 Manfred Kluge / Rudolf Radler, Hauptwerke der deutschen Literatur, München 1974,

S. 489

11 Monika Soffner-Loibl, Evangelische Stadtkirche Peter und Paul Calw, Passau o.J., S. 11

Veröffentlicht 9. Juli 2011 von schauerchristian in Calw und Hermann Hesse

Satiren

Alphonse Allais – Der umsichtige Verbrecher in: Alphonse Allais, Na los, lesen Sie Allais- Satiren der Jahrhundertwende, München 1989kursiv: eigene Gedanken

Mögliche andere Titel der Satire auch: ‘Der tolldreiste Gangster’ oder ‘Das Verbrechen mit Chuzpe ’Mit einem Werkzeug (amerikanisches Fabrikat), – die Frage stellt sich hier: Warum amerikanisches Fabrikat- sind Gangster häufig mit amerikanischem Werkzeug ausgestattet? – das einem Büchsenöffner ziemlich ähnlich sieht, machte der Verbrecher in das Wellblech vor der Auslage zwei vom gleichen Punkt ausgehende Schnitte, einen senkrechten und einen waagrechten. Mit kräftiger Hand zog er den dadurch entstandenen Metalltriangel zu sich heran und drehte ihn so leicht, wie er es mit einer Folie aus Stanniolpapier gemacht hätte. (Es war ein stämmiger Verbrecher.) Er gelangte in die kleine rechteckige Diele, die sich außen vor der Ladentür befindet. Und nun das Glas: unter Zuhilfenahme eines Saugnapfes aus Kautschuk (amerikanisches Fabrikat) – warum ist die Herkunft des Fabrikates schon wieder wichtig? – zerschnitt er es mit einem südafrikanischem Diamanten. Der Verbrecher konnte nun den Laden ungehindert betreten. Gelassen und planmäßig verstaute er dann in einem eigens dafür mitgebrachten Sack all die kostbaren Steine und Schmuckstücke, die zwei Vorzüge hatten: sie beanspruchten wenig Platz und waren sehr teuer. Er war mit seiner Arbeit schon fast fertig, als vom Ladeninneren her der Eigentümer, Monsieur Josse, auftauchte, in der einen Hand eine Kerze, in der anderen einen Revolver. Möglicherweise hat der Eigentümer also schon Erfahrung mit Einbrechern, wenn er eine Revolver mit sich führt. Der Verbrecher, sehr höflich, grüßte und sagte leutselig: “Ich wollte nicht so nah an Ihnen vorbeigehen, ohne Ihnen einen schönen Tag zu wünschen.” Und während der Goldschmied ihm arglos die Hand drückte, stieß ihm der Übeltäter einen mörderischen Stahl (amerikanisches Fabrikat) – schon wieder aus Amerika – in die Brust. Der eigens mitgenbrachte Sack wurde rasch gefüllt. Der Verbrecher schickte sich an, wieder auf die Straße zu hinauszugehen, als ihm etwas einfiel. Er setzte sich dann an den Ladentisch und schrieb auf ein großes Blatt Papier – warum hier nicht ein amerikanisches Fabrikat? – einige Wörter in Blockschrift. Mit angefeuchtetem Teigkügelchen klebte er dieses Schild an das Schaufenster des Ladens, und die vorbeigehenden Frühaufsteher konnten bei Tagesanbruch lesen: Wegen Todesfalls geschlossen. Ist sie ein zufälliger Geistesblitz oder steckt langfristige Strategie hinter dieser Nachricht?

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Könnte er so ausgesehen haben, der Verbrecher mit den vielen Fabrikaten aus Amerika?

 

Der Formal-Korinthenkacker

Herr Dünnschnitt aus Schmalenbach ist sehr von der normativen Kraft des Formalen überzeugt. Im kleinen Kreis dichtet er dazu mit den eindringlichen Zeilen: Auszug

“Stimmt beim Werk nicht die Form
Drückt der Darm ganz enorm”

Er wies auf Platon hin, wonach die Form der Geist in seiner reinen Natur sei und die Nichtform nur die Materie. Um einen hohen Anspruch an Form zu erlangen, erscheint ihm ein Werk nur in Schweinsleder gebunden und mit Goldrand versehen als adäquate Präsentation. Eine Person, die dies wusste, Herr Stingelmann aus Mespelbrunn, schenkte ihm zu seinem 62. Geburtstag das Werk “Simon Höchheimer – der Aufklärer aus Unterfranken” in der geweihten Form der Goldrand-Schweinsleder- Konfiguration – in der Hoffnung, dies sei das Non Plus Ultra. Doch weit gefehlt. Bei einer eingehenden, detaillierten und ausufernden Analyse dieses Werkes wurden folgende schwer wiegende Mängel festgestellt. Auf der Seite fünf (noch im Bereich der Einleitung) wurde ein 1,2 Zentimeter großer Kaffeefleck gefunden, der mikroskopisch untersucht wurde – Analysekosten: 1.500 Euro- und oh Schreck: Der Kaffee stammt aus nicht fair gehandeltem Kaffee – eine Todsünde für den Dritte- Welt -Freund! Welch ein Fauxpas! Wie kann man nur!

Millimeterlineal

Dies ist das Millimeter-Lineal, das das geschenkte Werk analysiern sollte (Preis 5.000 Euro). An insgesamt 48 Stellen des Textes wurden millimeterrelevante Textschwankungen festgestellt. Welch eine Renomée-Verlust für den Autor. Dann gab es noch den Goldrand-Verifikator. Ein Gerät, daß die adäquate Anbringung des Goldrandes untersucht. Verrutschte Goldränder an 23 Stellen – niederschmetternd! Und schließlich noch das Schweinsleder. Es darf auf keinen Fall von einer Wassertrüdinger Landpommeranzensau stammen, sondern von einem edlen Zuchtschwein der Poebene, das für Parma-Schinken vorgesehen ist. Und wo stammt das verwendete Schwein her? -Recherchekosten durch Privatdetektiv: 6.000 Euro- Aus Oberammergau in Bayern – Privatstall von Host Seehofer! “Dies ist die Dreieinigkeit des Scheiterns” -so Herr Dünnschnitt, “Das Werk wird an Herrn Stingelmann zurückgesandt! Huuh, ich habe gesprochen!” Nach einer Weile ergänzte er: “Inhaltlich mag das Werk ja genial sein, aber im Verriß fühle ich mich schlichtweg wohl!”

 

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© Der Spiegel

Veröffentlicht 24. November 2010 von schauerchristian in Satire