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Reiseberichte Fichtelgebirge- Horumersiel, Schillig – Meckenburgische Seenplatte -Wetzlar und Brügge

Teufelshöhle, Fichtelgebirge, Egerland und Oberpfalz Ende August 2003

Teufelshöhle am 23.8.2003:

Als Kind hatte man schon die Gelegenheit, die Teufelshöhle bei Pottenstein zu besuchen. In Erinnerung geblieben sind Stalagmiten und Stalagtiten, die auch damals schon Aufsehen erregten und ein Bärenskelett, das geradezu legendär wirkte. Heute gibt es das Bärenskelett immer noch und eine Sommer-Rodelbahn sorgt für zusätzliche Aktivierungschancen für Kinder. Abgesehen davon stellt sich die Frage nach der Funktion der Höhlen in prähistorischer Zeit. Dabei meint man feststellen zu müssen, daß

– Höhlen ein Schutz für Menschen waren

– Höhlen Tore zur Unterwelt waren

– Höhlen wissenschaftlich seit dem 18. Jahrhundert auf Interesse stießen, im 19. Jahrhundert kulminierte das Interesse. Die Teufelshöhle wurde 1922 bis 1923 von Hans Brand, einem Studienrat aus Bayreuth, erschlossen „Scharen von Arbeitern zogen im Spätherbst 1922 in die Höhle ein… bald wurden die ersten Tropfsteingruppen gefunden, die an Pracht und Schönheit alle Erwartungen übertrafen“. Die ersten Besucher folgten schon ein Jahr später. Bis 1931 erfolgte eine rege Erschließungstätigkeit. Die Forschungsgruppe „Höhle und Karst“ hat in dieser Höhle schon lange ein Forschungslabor eingerichtet.

Innenstruktur der Höhle:

Der Eingang ist gigantisch als „Tor zur Unterwelt“. Man fragt sich, warum das Teufelshöhlentor nicht längst zum Höhlentor des Jahrhunderts gewählt wurde. Gibt es keine Höhlenshow, die so etwas einrichten könnte nach dem Tor des Jahrzehnts der Sportschau – fünf Höhleingänge werden gewählt, der Zuschauer darf sein Lieblingstor wählen – der Teufel darf gewinnen, ohne daß die Kirche protestiert, eine Konfiguration, die so im katholischen Bayern nicht mehr möglich ist. Und zwar völlig losgelöst von der Tatsache, wie hoch die bayerische CSU die anstehenden Wahlen gewinnt. Ein Advocatus diaboli als Matchwinner – welch ein Ding. Führt hier nicht ein Weg in den Kuppelsaal, wo die Vermählung mit dem Teufel stattfindet – ein bizarre Welt, die die Natur schuf und die von einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent begleitet ist bei einer Temperatur von nur 9 Grad Celsius – hier herrscht ewige Kälte wie an der Antarktis – es fehlen nur die Eisbären, die sind eben seit 30.000 Jahren ausgestorben. Sie waren um die drei Meter lang und 400 kg schwer und hießen Höhlenbären, wobei nicht klar ist, wie sie von Menschen bezeichnet wurden.

Wunsiedel am 24.8.2003:

Wunsiedel liegt an der Rösla, einem Bach und im trockenen Sommer 2003 einem Rinnsal. Die Landschaft des Fichtelgebirges ist eine von Naturdenkmälern durchfurchte. Um Wunsiedel findet sich die Luisenburg, ein Steinverhau mit angeschlossener Naturbühne. Die Felsenwildnis war um 1820 begehbar geworden. 1890 kam die endgültige Wende mit einer vaterländischen Tendenz der Aufführungen. Besonders in der Nazizeit wurden die Aufführungen der Luisenburg besonders gewürdigt – hohe Besucherzahlen sprachen dafür. Die Spiele wurden 1951 wieder nach einer zehnjährigen Pause aufgenommen. Beliebt sind die Spiele auch gegenwärtig noch, was sich in Zuschauerzahlen von weit über 100.000 jährlich niederschlägt. Historisch ist der Ort mit den „sechs Ämtern“ verknüpft. Die Bezeichnung wurde von den Burggrafen von Nürnberg um 1300 zugeschrieben. Rudolf I. zeigte sich den Nürnberger Burggrafen kenntlich, die ihm Reichsgut gesichert hatten. Sie bekamen das Burglehen von Eger und das „castrum wunsitel“ 1285. Die Burg von Wunsiedel entstand um 1100 (möglicherweise aber schon eher). „Sedil“ bedeutet Sitz und „Wunne“ Waldwiese. Der Ort wird 1163 das erste Mal urkundlich erwähnt, der Besitzer hieß Adelbertus von Wunsidil. 1321 kauften die Nürnberger Burggrafen die Wunsiedler Burg und legten fünf Jahre später eine Stadt an, die älteste Stadt des Fichtelgebirges war geboren. Wichtig war von Anfang an der Bergbau. Im Wunsiedler Tal gab es 13 Eisenhammer- und Pochwerke. So war das Eisen der wichtigste Rohstoff dieses Ortes. Bis weit in das 15.Jahrhundert handelten viele Bürger mit diesem Metall. Um 1450 ebbte der Bergbau ab. Zwischen 1451 und 1466  wurde ein Spital errichtet, das erst 1940 wieder verschwand. Zunächst war es ein „Laienbruderhaus“, das für zwölf verarmte Brüder gebaut wurde. Ein bedeutender Bewohner des Ortes war Carl Ludwig Sand, der 1819 als nationaler Burschenschaftler den konservativen Schriftsteller August von Kotzebue tötete und ein Jahr später hingerichtet wurde. Ein Anhänger der Burschenschaftsbewegung, die sich der deutschen Einheit wegen gegen die Monarchien und den Adel stellte, lebte damals gefährlich. Karl Follen galt als einer der radikalen Burschenschaftsführer und als geistiger Hintermann des Attentates. Nach dem Mord setzte eine beispiellose Repressionswelle gegen liberale Strömungen ein, die in den Karlsbader Beschlüssen von 1819 gipfelte. Metternich führte sein reaktionäres Régime ein, das mit der Bekämpfung der bürgerlichen Revolution verbunden war und ist. Die Person von Sand war dabei nebensächlich. Wie wurde Sand beurteilt? Sein Lehrer Saalfrank meinte zu ihm: „ernst, gesetzt, empfänglich für das Gute, voll Vertrauen und still“. Überwiegend sei eine melancholische Tendenz bei Sand gewesen, er sei ein Schwärmer im positiven Sinne gewesen.

Franzensbad, 25.8.2003:

Der Ort in Tschechien, ein reiner Badeort, bietet das Bild einer klassizistischen Unwirklichkeit, die ihresgleichen sucht. Nirgends leben Menschen, die in Fabriken arbeiten, als Bauern ackern oder als Dokumentare schwitzen. Nur Badegäste, finanziell über den Dingen schwebend unter ihresgleichen. Wenn nicht gleich Aristokraten die Szene beherrschen. So Kaiser Franz I. und Maria Louisa. Ersterer weilte hier 1812. Er begleitete seine Tochter Maria Louisa nach Paris. Sie kosteten das Mineralwasser. Johann Strauß war 1884 hier und dirigierte den Walser „Auf der schönen blauen Donau“. Goethe fuhr 1806 durch die Stadt, 1807 ruhte sein weises Haupt auf Franzensbader Kissen, ein Jahr später verliebte er sich in die dreiundzwanzigjährige Silvia von Ziegesar – ein Faktum, das literaturhistorisch viel Aufsehen erregt hat. Der Ort ist unwirklich schön, hier könnte der Fin de siècle-Schrifsteller Baudelaire (Person nicht identisch mit dem französischen Dichter) unter Morphiumeinfluß den rituellen Mord des Alters vollzogen haben oder ein endgültiger Beschluß gefaßt worden sein, die aristokratische Gesellschaft wiedereinzuführen. Im Ortskern findet sich das Haus zu den drei Lilien von 1794. Die realistische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach meinte zu Franzensbad: „Auf zarte Frauen macht ein solches Bad die Wirkung einer Oper der Zukunft, oder eines kleinen Champagner-Rausches, was ungefähr dasselbe sein soll. Sie werden heiter, selig, verklärt, sentimental, schwärmen von verborgenen Veilchen und leuchtenden Sternen, vom letzten Ball und der ersten Liebe, fühlen sich in Arkadien geboren, gehen nicht mehr, sondern hüpfen spazieren …“

Fichtelsee, 26.8.2003:

Der Fichtelsee zählt zu den landschaftlich schönsten Seen Bayerns. Gänzlich umschlossen von Bäumen, bietet er das Bild einer reinen Idylle. Tretbootfahrer können sich in einem überschaubaren Terrain verwirklichen, die Anspannung hält sich in Grenzen und die Zahl der Badenden macht einen Zusammenstoß nicht sehr wahrscheinlich. So liegt dieses Kleinod der deutschen Seenlandschaft weiter in relativer Abgeschiedenheit und zieht Massen offensichtlich nicht so stark an wie der Königsee.

Eger, 27.8.2003:

Wir, Heinrich, durch Gottes Gnaden König, wollen, dass allen bekannt werde, wie wir einem unserer Diener, genannt Otnant, einen Teil des Waldes … bis zu jenem Wege, der von Eger herabkommt …. zum Eigentume gegeben und übertragen habe.“ Heinrich IV. stellte diese Urkunde 1061 aus. Sie ist der älteste Beleg für die Ostkolonisation in diesem geographisch günstigen Gebiet, in dem Siedlungsspuren der Jungsteinzeit Und der Bronzezeit gefunden wurden. Vielleicht ist sogar das römische Menosgada identisch mit dem heutigen Eger. Nach den Kelten und Markomannen ist die slawische Bevölkerung vom 9. bis in das 11. Jahrhundert belegt. Um 1100 kolonisierte Markgraf Diepold von Vohburg das nördliche Grenzgebiet und bildete ein Verwaltungszentrum Eger. Im 12. Jahrhundert folgte ein Netz von befestigten Burgen in dieser Region. 1125 ist eine steinerne Burg in Eger in der slawischen Wallanlage überliefert, zehn Jahre später erfolgt die Bezeichnung Regio Egere. 1146 ging der Ort an die Staufer, 1167 machte Friedrich Barbarossa Eger zu einem wichtigen Verwaltungszentrum in Böhmen. Während der 100jährigen Regierung der Staufer entstehen 300 Dörfer. Die Burg Eger wurde in dieser staufischen Zeit erbaut und erinnert stark an die von Gelnhausen. 1183 datiert der erste historische Vermerk, die Kapelle wurde 1213 das erste Mal erwähnt.

ärteste, vielleicht auch herzloseste Herrscher unseres Mittelalters gewesen ist,

so hat doch auch er wie alle echten Kaiser, sich von Gottes Gnaden berufen,

Gott verpflichtet gefühlt.“

Aus: Hohenstaufenschlösser in Deutschland und Italien (Die Blauen Bücher),

Text: Leo Bruhns, Königstein im Taunus 1964

1266 folgte mit dem Przemysliden Ottokar II. ein böhmischer Herrscher, der

das Egerland seinem Herrschaftsgebiet einverleibte. In diesem Jahr bestätigte

er der Stadt ihre Freiheiten und setzt Burggrafen an die Spitze seines eigenen

Verwaltungsapparates. Auch ließ sich der Orden der Kreuzherrren mit

dem Roten Stern hier nieder.

Friedrich Schiller beschreibt den Tod Wallensteins in Eger am 25.2.1634 folgendermaßen:

Das Stadthaus beinhaltet heute das Museum von Eger; hier starb Wallenstein. Unter den vielen historischen Requisiten findet sich das ausgestopfte Pferd des Feldherren. Seit 1735 das jetzige Museum der Stadt. Das deutsch-tschechische Verhältnis war besonders im 20. Jahrhundert eine Katastrophe. Zwei Leserbriefe sollen eine Anregung zur Weiterbeschäftigung geben.

Leserbrief zu „Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts“, in: Main-Echo vom 22.1.1998 (Leserbrief), gedruckt am 10.2.1998:

Herr Jäckl schreibt in seiner Stellungnahme „An der Bildung des ´Protektorats Böhmen Mähren` haben die Sudetendeutschen keinen Anteil und können deshalb nicht mit den Verbrechen bestraft werden, wie dies nach den ´Beneschdekreten´ geschehen ist.“

Leider entspricht dies nicht den historischen Fakten. Bei den Parlamentswahlen von 1935 gewann die Sudetendeutsche Partei mit ihrem Vorsitzenden Konrad Henlein etwa zwei Drittel der deutschen Bevölkerung für ihre Politik, die sich zunächst für volle kulturelle Autonomie und eine Umwandlung der Tschechoslowakei in einen Bundesstaat nach Schweizer Vorbild einsetzt hatte, aber im Laufe der Zeit immer stärker in den Sog der NSDAP geriet. Schließlich erhielt sie monatlich 15.000 Reichsmark von der Auslandsorganisation der NSDAP. Die Sudetendeutsche Partei spielte eine Schlüsselrolle beim Sturz

des tschechoslowakischen Staates. Ihre sämtlichen Unterorganisationen wurden Schritt für Schritt nationalsozialistisch infiltriert. Henleins Partei trat 1937 offen pronazistisch und antisemitisch auf. Ein Geheimtreffen mit Hitler am 28.März 1938 erbrachte eine maximalistische Strategie gegenüber der tschechoslowakischen Seite: stets mehr fordern als sie geben konnte. Die nationalsozialistische Radikali-

sierung breiter Schichten dokumentiert zudem die Aufschrift auf einem Fabrikschlot im Sudetengebiet: „Auch du wirst wieder rauchen, wenn dich wird Hitler brauchen!“

Betrachtet man die überwiegende Mehrheit der Sudetendeutschen historisch, so sind sie demnach nicht die Unschuldslämmer, als die sie sich selbst gerne sehen. Das Verschwinden eines Staates von der Landkarte, es wurde hingenommen im Sinne großdeutscher Ideologie. Die deutsche Besatzungspolitik

trug dazu bei, daß sich in den Vertreibungen ein grenzenloser Haß auf die Deutschen entlud, für den sich der tschechische Präsident Havel vor Jahren entschuldigte. Ein Heimatrecht zu fordern, das über das normale Niederlassungsrecht im Rahmen der Europäischen Union hinausgeht, erzeugt neue Ängste vor

deutschem Großmachtdenken. Ebenso unsinnig ist es, zu fordern, die „Beneschdekrete“ aufzuheben, das kann man genauso wenig wie die Henlein-Politik aufheben. Nur wer sich mit den Ergebnissen des Zweiten Weltkrieges abfindet, hat die Chance zur Völkerverständigung.

 Christian Schauer

Leserbrief zu „Sudetendeutsche ´friedliche Mahner für Selbstbestimmungsrecht der Völker`“, in Main-Echo vom 4.3.1998, abgedruckt im Main-Echo vom 13.3.1998:

Zu den Tötungen von Sudetendeutschen 1919 und der Behandlung der Sudetendeutschen insgesamt im neu gegründeten tschechoslowakischen läßt sich sagen, daß Schwächen der Prager Politik nicht zu leugnen sind. Trotz des Bekenntnisses Prager Politiker zu westlichen Werten, konnte eine Kantonlösung nach Schweizer Vorbild verbunden mit einem gleichberechtigten Zusammenleben der Völker auch aufgrund der Inflexibilität der tschechoslowakischen Seite nicht in die Wege geleitet werden. Richtig ist allerdings auch, daß sich die Sudetendeutschen frühzeitig vom Virus des Nationalsozialismus infizieren ließen, was eine willenlose Unterwerfung unter die völkische Politik des Dritten Reiches nach sich zog.

Bei den historischen Rückblenden sudetendeutscher Funktionäre wird die deutsche Besatzung der Tschechoslowakei überhaupt nicht erwähnt. So muß angeführt werden, daß Reichsprotektor Heydrich von Anfang an „eine Endlösung“ plante, um das annektierte Land „endgültig deutsch“ zu machen. Die schlimmste Hinrichtungswelle erlebte das Reichsprotektorat nach dem Attentat auf Heydrich Ende Mai 1942. 1.017 Menschen fielen dem deutschen Terror in den ersten Wochen zum Opfer.

Die Ereignisse von Lidice bildeten einen weiteren Höhepunkt deutscher Rachsucht. 45.000 Prager Juden erlebten Theresienstadt als Durchgangsstation in die Vernichtungslager. Daß es bei der Eindeutschung nicht bleiben sollte, verkündete ein Redner der Deutschen Arbeitsfront am 8.August 1941: „Die `Wenzels` (gemeint die Tschechen) seien in diesem Land nur Gäste. Wenn sie nicht bereit seien, im Laufe dieses Krieges ihre Gesinnung zu ändern, könnten sie später in einem Land jenseits des Ural darüber nachdenken.“

Wer über Vertreibung spricht, sollte immer zuerst anführen, daß sie speziell gegenüber den slawischen Völkern von Deutschen zuerst in Reinkultur und besonderer Barbarei in die Wege geleitet wurde. Im Generalplan Ost wird eine Politik der „Evakuierung“, also der Vernichtung des osteuropäischen Judentums dargelegt, die mit einer Vernichtung und Vertreibung vieler Millionen polnischer und sowjetischer Männer, Frauen und Kinder und dem Mord an Kriegsgefangenen verbunden ist. Daß es bei der Absicht nicht blieb, ist bekannt. Zum Wesen des totalen Krieges gehört es, daß das Land, das ihn ausruft, letztlich bei einer Niederlage das erleidet, was es anderen vorher zugefügt hat.        Christian Schauer                

Gleißingerfels, 28.8.2003:

Da die Welt bei Adam und Eva beginnt, wollen wir hier mit dem Nibelungenlied beginnen. Siegfried, der hinterrücks ermordete Recke des Nibelungenliedes, hatte ein legendäres Schwert, das der Sage nach aus oberpfälzischem Erz geschmiedet wurde. Andere Quellen berichten, dass schon unter Ludwig dem Deutschen im Fichtelgebirge Gold gewonnen wurde. Erwiesen ist die Tatsache, dass der Bergbau im Fichtelgebirge zu den ältesten in Deutschland gehört. Dafür spricht unter anderem, dass schon um 1000 Bergleute aus dem Fichtelgebirge in den Harz zum Erzbergbau gerufen worden sein sollen. Wallonen sind im 12. Jahrhundert im Fichtelgebirge nachgewiesen. Sie hämmerten schon damals an den Steinen herum. Im Mittelalter wurde Bergbau betrieben zum Abbau von Gold, Zinn, Eisen, Manganerzen, Kupfer- und Kobalterzen. Noch heute wird Bergbau getrieben nach Graniten, Ergusssteinen, kristallinem Kalk, Gneis, Phyllit und Schiefer sowie Mineralien. Dominierend im späten Mittelalter war der Eisenerzbergbau in der Oberpfalz. Um 1400 erzeugte die Oberpfalz die doppelte Menge Eisen wie Frankreich und England zusammen (etwa 400 Tonnen Erz täglich). Von enormer Bedeutung war die in Bayern schon im 14. Jahrhundert verbreitete Kenntnis, Schwarzbleche durch Verzinnen in Weißbleche zu verwandeln. Man konnte die Oberpfalz und das Fichtelgebirge mit dem heutigen Ruhrgebiet vergleichen. Bayerische Städte wie Regensburg, Nürnberg, Amberg und Sulzbach verdankten ihre Weltgeltung dem Eisen.

Waldsassen und die Kappel, 29.8.2003:

Wer sich ein imposantes Bauwerk nicht entgehen lassen will, der besuche Waldsassen und die weithin sichtbare Stiftskirche, eine ehemalige Zisterzienser-Abteikirche. Wie schon erwähnt entwickelte sich im frühen 12. Jahrhundert im Norden des Herzogtums Bayern die „regio egere“, die vom Egerer Becken bis zum Fichtelgebirge reichte. Es herrschte hier Markgraf Diepold III. von Vohburg-Cham (1099 – 1146), Vater der ersten Frau Friedrich Barbarossas. Nach der Gründung des Klosters Reichenbach 1118 holte er 1133 die Zisterzienser ins Land, die von ihren Wirtschaftshöfen die Rodung vorantrieben. Nach dem Erlöschen der Diepoldinger wurde das Waldsassener Stiftsland reichsunmittelbar, sein Wirkungskreis reichte bis nach Böhmen. Im 16. Jahrhundert wurde Waldsassen landständisches Kloster, nach dem Übertritt des Herrscherhauses zum Protestantismus wurde es aufgehoben. 1613 entstand eine Textilmanufaktur. Nach dem Dreißigjährigen Krieg eroberten die Wittelsbacher die Oberpfalz. Die Gesellschaft Jesu vollzog die Rekatholisierung des Gebietes. Ab 1661 wurden wieder Zisterzienser angesiedelt, 1690 konnte eine blühende Abtei registriert werden. In diesem Zusammenhang wurde die Pfarrei Münchenreuth Übernommen und damit die Wallfahrt zur Kappel (1689). Die Blüte des 18. Jahrhunderts wurde durch die Säkularisation 1803 beendet. 1969 stieg die einstige Klosterkirche zur päpstlichen Basilica minor auf.

Wichtigste Baumeister waren die Gebrüder Georg und Christoph Dientzenhofer und Abraham Leuthner (1640 – 1710), die durch überragende Fähigkeiten auffielen. Die Kirche ist mit 23 Meter Breite und 82,7 Meter Länge außerordentlich groß und Kommt damit fast an den Regensburger Dom heran. Die Fassade ist nach dem Vorbild des Salzburger Doms konzipiert. Schöpfer der Stuckdekoration im Innern ist Giovanni Battista Carlone (1641 – 1718/21) aus Oberitalien. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war er nicht der einzige Wanderkünstler aus dieser Region, der nördlich der Alpen wirkte.

Die Fresken der Kirche stammen von dem Prager Maler Johann Jakob Steinfels (1651 – 1730). Die Fresken im Chorgewölbe behandeln die Gründungslegende des Klosters. Unter anderem entlässt Kuno I., Bischof von Regensburg, den Benediktinermönch Gerwig mit einem Empfehlungsschreiben in die Einsamkeit. Im vierten Bild wird Gerwig eingekleidet, von Bernhard von Clairvaux erhält er das weiße Gewand der Zisterzienser. Von großer künstlerischer Qualität ist auch das Chorgestühl des Bildhauers Martin Hirsch von 1696. Zu sehen sind Putten und Akanthusranken sowie Maria, Christus und die zwölf Apostelfiguren. Der französische Maler Claude Monot arbeitete 1696/1697 in Waldsassen. Das große Altarbild zeigt die Kreuzigung Christi in dramatischen Helldunkel und bei Lichtanfall (etwa 20 Minuten) in mystischen Rot. Spektakulär an der Altarwand ein Kugeltabernakel.

Von eher schauerlicher Wirkung (hier macht der Besucher seinem Namen alle Ehre) sind die „heiligen Leibe“ des St. Maximin und des Gratian, Märtyrer des Christentums, deren Gebeine mit Edelsteinen und Gewändern gekrönt sind. – Man ist geneigt, sich anhand derartiger Darstellungen die Frage zu stellen, ob man Leichenteile, zu welchem Zweck auch immer, ausstellen darf. Nicht zuletzt durch die Ausstellung „Körperwelten“, die zur Zeit in Frankfurt zu sehen ist, bekommt die Problematik einen aktuellen Bezug.

Wenden wir uns den gegenwärtigen Problemen des Fichtelgebirges zu, so kann man für den Kreis Wunsiedel, so kann man feststellen, aß es mehr Einpendler als Auspendler gibt. Nur noch 0,5 % der Beschäftigten sind in der Land- und Forst- Wirtschaft beschäftigt, 54,8 % im produzierenden Gewerbe und 44,7 % im Dienstleistungsbereich. Es werden im Kreis pro Einwohner im Durchschnitt 546 Euro gemeindliche Steuern eingenommen, das entspricht in Deutschland einem mittleren Wert.

Das Fichtelgebirge ist bekannt für seine Porzellanherstellung, etwa 80 % des Deutschen Porzellans werden hier hergestellt. Wer es genauer wissen will, der kann sich im Porzellanmuseum in Hohenberg an der Eger näher informieren. Internetadresse: www.dt-Porzellanmuseum.de. Er sollte sich allerdings dort keinesfalls wie ein Elefant im Porzellanladen aufführen, sonst bekommt er die rote Karte und wird für die nächsten Museen gesperrt.

Wer schon immer gegen neue Autobahnen war und ist, der wende sich an die Münchberger Naturfreunde www.naturfreunde.muenchberg.de.Sie sprechen sich vehement gegen eine Autobahn durch das Fichtelgebirge aus. Dagegen gab es in den letzten Jahren mehrere Demonstrationen. Unter anderem fürchten die Naturfreunde um die Zigeunermühle.

Von Christian Schauer ab September 2003 geschrieben!


Horumersiel, Schillig und Umgebung vom 7.6. bis 15.6.2003

Hooksiel, Horumersiel und Schillig sind drei malerische Örtchen (keine stille, sondern gut frequentierte) in Ostfriesland und damit an der Nordseeküste. Die Landschaft ist hier genauso flach wie der am häufigsten in der Nordsee anzutreffende Fisch, die Scholle. Mit zunehmendem Alter wendet dieses Tier seine eine Seite immer mehr dem Meeresgrund zu. Das dann unnütze Auge wandert allmählich auf die entgegengesetzte Seite. Das Tier kann sich perfekt dem Meeresgrund anpassen und ist bei Ebbe kaum auf dem Grund zu erkennen. Zubereitet wird die Scholle bevorzugt mit Salzkartoffeln und Salat, wobei der Rotbarsch ihr auf den Speisekarten Konkurrenz macht. Seehunde werden auf diesen nicht angeboten, obwohl sie auch zu den Küstenbewohnern gehören. Viele Wirtsleute fürchten offensichtlich, daß das nicht auszuschließende Bellen zu viele Kunden und Gäste verschreckt. Was würde eigentlich passieren, wenn der Knurrhahn serviert würde, der bei Demonstrationsfischen vor Hooksiel aus dem Wasser gezogen wird, um die Artenvielfalt der Nordsee zu beweisen?

So siedeln Seehunde in erster Linie auf Seehundbänken, im Winter ziehen sie sich in nördliche Gefilde der Nordsee zurück, an die Küsten Schottlands, Norwegens und Dänemarks – hier ist spätestens der Bezug zur Deutsch-Ausländischen Gesellschaft Alzenau hergestellt, erweist es sich doch auch im Tierreich, daß eine rein nationale Betrachtung einfach nicht ausreicht. Auch ein Seehund muß multikulturelle Einflüsse aufnehmen, um in unterschiedlichen Ländern zu bestehen. Meint er zunächst an der Nordseeküste mit Deutsch auszukommen, so lernt er spätestens in Schottland oder Norwegen, daß ihn niemand mehr versteht und er vielsprachig werden muß!!! 

Fast einen Kilometer kann man die Nordsee bei Ebbe durchwaten, ohne im Wasser zu sein. Der Boden ist mit Muscheln, Krabben, kleinen Fischen und Würmern übersät. Manchmal sinkt man überraschend so tief ein, daß man sich schon als Moorleiche sieht – beruhigend dabei ist nur, daß ein Ausweis einem Ausgräber in 2.000 Jahren klar dokumentiert, wer hier das Zeitliche gesegnet hat. 50 Jahre ist der Bursche wohl alt geworden, wie eine DNA-Analyse zweifelsfrei beweist, wäre er doch besser zu Hause in Alzenau geblieben.

Der Ort Horumersiel besteht seit 1542. Sturmfluten suchten ihn nicht selten heim. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts fanden sie in zehnjährigen Abständen statt. Am 15. Februar 1962 drohte der Außendeich von Schillig zu brechen. Nach diesen Schrecken wurde der „Generalplan Küstenschutz Niedersachsen“ in das Leben gerufen, die Seedeiche wurden verstärkt, neue Siele und Schleusen gebaut. Der Badebetrieb in Horumersiel-Schillig begann 1860, 1900 wurde der Seebadeverein gegründet. In den zwanziger und dreißiger Jahren gab es „Heitere Nachmittage“, die zur Attraktivität der beiden Orte beitrugen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem der Badebetrieb völlig darniederlag, wurde 1949 wieder mit diesem begonnen. Seit 1953 gibt es ein kulturelles Programm für Gäste. In den siebziger Jahren wurde der Campingplatz von Schillig zum größten der Nordseeküste Deutschlands.

In Wilhelmshaven ist die Christus- und Garnisonkirche ein Ort der Besinnlichkeit und der Trauer – diese ist so stark, daß ein junger Mann sage und schreibe eine ganze Stunde lang weint. Die Gründungsurkunde dieser Kirche von 1869 ist das älteste Dokument, in dem der Name „Wilhelmshaven“ auftaucht. Sie ist vom preußischen König Wilhelm I. und dem Kriegsminister General von Roon unterzeichnet. Im genannten Jahr war Wilhelm I. nach Wilhelmshaven gereist, um den neuen Hafen einzuweihen. Der damals siebzigjährige König vollzog die Hammerschläge auf den Grundstein. 1872 sollte der Bau vollendet werden. Die Kirche erhielt den Namen „Elisabethkirche“ nach der Gemahlin König Friedrich Wilhelms IV. Die drei Glocken wurden aus Kanonen des Krieges von 1870/71 gegossen. Jahrzehntelang diente die Kirche der Marine, so daß sich der Name „Marinegarnisonkirche“ durchsetzte. Nach und nach füllte sich der Innenraum mit Gedenktafeln, die Wilhelm II. von 1889 anbringen ließ.

Diese Gedenktafeln repräsentieren den deutschnationalen Wilhelminismus in Reinkultur. So wird jeder untergegangene Deutsche mit seinem Schiff namentlich aufgeführt. Das Kanonenboot Iltis wird gewürdigt, das bei der Expedition nach China 1900 unterging. Von 85 Mann Besatzung starben 71. Die Organisation ist mit der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in Verbindung zu bringen. Damals entstand der Slogan „Germans to the front“; Kaiser Wilhelm II. hatte die „Hunnenrede“ gehalten, in der er die deutschen Truppen aufforderte, so grausam aufzutreten wie die Hunnen. Auch an den Herero- und Namaufstand erinnert eine Gedenktafel.

Von 1904 bis 1905 war die Marine an den Kämpfen mit etwa 750 Mann beteiligt. Bis 1906 wurden auf Handelsschiffen 18.000 Soldaten befördert. Auch das Schiff „Großer Kurfürst“ ging unter – von 269 Besatzungsmitgliedern sind 205 namentlich auf der Gedenktafel genannt. In der Kirche ist auch das Marine – Ehrenmal zu besichtigen – es wurde 1957 eingeweiht. Marinedekan Ronneberger führte bei seiner Einweihung unter anderem aus: „Ressentiments müssen aufhören und der Geist der Verständigung und der Versöhnung müssen Platz greifen, und dem will die Gedenkstätte in besonderem Maße dienen.“

Geht man aus dieser Kirche raus, so folgt der Unernst auf dem Fuß – nebenan liegt nämlich das Störtebeker-Museum, das vor allem bei Jugendlichen Interesse an diesem bekanntesten Seeräuber Ostfrieslands wecken soll. Als augenverbundener Seeräuber taucht hier Bundeskanzler Gerhard Schröder auf, was aber nicht bedeutet, daß nicht auch ernsthafte Informationen über das ostfriesische Seeräuberwesen um 1400 dargeboten werden.  

Wie man sich einen klassischen Seeräuberüberfall 1398 vorzustellen hat?

In Norwegen griffen die Seeräuber einen Danziger Kapitän auf, der Wismarsches Bier führte. Das Fahrzeug war ihnen gelegen als Kaperschiff. Sie nahmen mit ihm ihren Kurs Südsüdwest, wo ihnen der Kanal ergiebige Jagdgründe verhieß. Gegen fünfzehn Schiffe, fünf größere und zehn kleinere, die aus Spanien und Frankreich u.a. Wein und Reis, Öl und Honig brachten, fielen ihnen hier zur Beute. Dazu brachte noch ein aus England heimkehrender Flandernfahrer Schätze an Gold und wertvollen Stoffen in ihre Hände. … Um ihrem unverfrorenen Treiben die Krone aufzusetzen, boten sie nach vollbrachter Fahrt dem Danziger sein Schiff, das ihnen solche Dienste geleistet hatte, zum Rückkauf an.“ 

Der bekannteste unter diesen Seeräubern war zweifellos Klaus Störtebeker; danach sind zu nennen Gödeke Michael und Hainrich von Hall. Seinen Namen hat ersterer bekommen, weil er einen großen Becher Bier in einem Zuge leeren konnte. Ihre Herkunft ist unklar, viele fielen Scharfrichtern in Hamburg oder Emden zum Opfer. Die Seeräuber hatten im 14. Jahrhundert zunächst wichtige Häuptlinge in Ostfriesland zu Verbündeten, so Edo Wiemken, der Herr der Sibetsburg an dem Flüsschen Heete wurde. Manchen Häuptlingen waren sie willkommen, weil sie Beute, darunter Gold, mitbrachten. Im Volk waren die Seeräuber wohl gelitten, sie galten als „Likedeeler“, die den Reichen etwas wegnahmen, um es den Armen zu geben. Feindbild waren dabei die Hansestädte. Sowohl Edo Wiemken als auch seine Verwandten öffneten den Seeräubern Häfen. Schon 1398 sahen sich diese Häuptlinge einer Koalition von Bremen und des Grafen von Oldenburg gegenüber. Edo Wiemken gab darauf hin seine Unterstützung der Seeräuber auf. Unterschlupf fanden sie in Greetsiel und Marienhafe, wo ihnen Häuptling  Widzel tom Brok 1396 einen sichern Schlupfwinkel bot.

Wer waren denn nun die Gegner der Seeräuber? In erster Linie die Städte der Hanse, die ihre Schiffe durch Kaperung der Seeräuber verloren. Für manche Kaufleute bedeutete das den Ruin. Der Kampf gegen die Seeräuber kostete allerdings enorm viel Geld. Bis 1398 brachte die Hansestadt Bremen mehr als 10.000 rheinische Gulden auf. Ähnliche Summen mußte Hamburg aufbringen. Das Jahr 1400 führte zu entscheidenden Niederlagen der Seeräuber. Am 5. Mai siegten die Hamburger auf der Weserems, 80 Seeräuber wurden getötet. Einen Tag später erreichten die Hamburger und Lübecker in Verhandlungen mit Probst Abdena von Emden, daß diese Stadt den Seeräubern keine Unterstützung mehr gewährte. Wenig später wurden in Emden 25 Viktualienbrüder (anderer Ausdruck für Seeräuber) hingerichtet. Der entscheidende Vertrag zwischen den Hansestädten und den ostfriesischen Häuptlingen kam am 25. Mai 1400 zustande. Letztere verpflichteten sich, den Viktualienbrüdern keine Unterstützung mehr zu gewähren und die Interessen der Kaufleute zu wahren. 1402 wurden dann Störtebeker und Gödeke Michael gefangen genommen. Störtebeker wurde auf dem Grasbrook in Hamburg hingerichtet – er teilte das Schicksal mit 70 Leidensgenossen – der Henker watete in Blut. Doch erst 1432 wurden die Seeräuber endgültig vom Hamburger Bürgermeister Simon von Utrecht besiegt. Danach mußten sich die Sibetsburg und Emden ergeben. Der Hamburger Amtmann Detlev Bremer einte in wenigen Jahren diese Gebiete Ostfrieslands. 1464 entstand die Reichsgrafschaft Ostfriesland. Das Geschlecht der Cirksenas repräsentierte eine weltliche Macht, die Ostfriesland vereinte. Die Hamburger sicherten ihren Einfluß in der Gegend durch den Bau der Festung in Leerort und die Burg Stickhausen 1435, die ihren Einfluß bis weit in das Landesinnere ausdehnte.- Obwohl der Seeräuber Störtebeker aus dem hohen Norden stammt, war er bedeutend genug, um in einem mittelfränkischen Dorf vor etwa 40 Jahren zum Hauptinhalt eines Buchpräsents in der Volksschule zu werden. 

Sehenswert in Wilhelmshaven ist auch das Wattenmeerhaus, das seinen Besuchern den Nationapark Wattenmeer näher bringen will. Besonders sehenswert ist die Multimedia-Ausstellung „Sturmerlebnisraum“. Hören Sie den Sturm brausen, fühlen Sie Wind auf der Haut, sehen Sie Gischt und Wellen! Informiert wird auch über Umweltverschmutzung im Watt, in einem Biotop kann man das Leben des Wattes im Kleinen sehen. Auch ausgestopfte Vögel sind zu bewundern, unter anderem der Rotschenkel, der ein graubraunes, hell und dunkel gesprenkeltes Gefieder hat. Das Tier ist durch ein wehmütiges Flöten gekennzeichnet, das zum Stimmungsbild an en Küsten beiträgt. In eben diesem Haus bietet ein eigenes Stockwerk auch Informationen zum geplanten Bau eines neuen Hafens in Wilhelmshaven. Dieser Hafen wird von manchen als zukunftsweisend eingestuft. Er wird Jade-Weser-Port heißen und gemeinsam von Niedersachsen und Bremen realisiert. Es handelt sich dabei um einen Containerhafen, der mit neuester Technik ausgestattet ist. Hier kann der Bogen zu den vielen Möwen gespannt werden, die die Schiffe schon weit vor dem Ufer empfangen, am markantesten ist dabei die Sturmmöwe, die mittlerweilen auch an der Nordsee heimisch geworden ist.

Besucht man den kleinen Ort Hohenkirchen, so fällt die für diesen Ort große Granitkirche auf, die am Anfang des 13. Jahrhunderts entstand. Am auffälligsten ist der Altar von Ludwig Münstermann, der 1620 entstand. Gelegentlich wird auch die Joachim-Kayser-Orgel ausprobiert, die neben dem romanischen Sandsteintaufbecken erwähnenswert ist. Besonders imposant ist die Kirche von außen, aber der Geruch von frischem Mist beeinträchtigt das Gefühl für Erhabenheit doch sehr. Erinnert wird man in diesem Zusammenhang an das Buch „Reisebuch für den Menschenfeind“ von Friedrich-Karl Praetorius, der den Scheinwelten der Glitzerprospekte der Reisewerber die realen Mißlichkeiten gegenüberstellt, so etwa im Frankenwald: „Der Kloß ist das als Beilage getarnte Hauptgericht der Franken. Schon das Wort bleibt einem im Hals stecken“. Parallell ist hier zu führen die Luft von Hohenkirchen – man hält auch in der Erinnerung den Atem an. Praetorius fährt fort: “ Das, womit andere Völker werfen, wird hier gegessen. Von Maurerhand geformt, groß und mit Soße, unförmig wie Meteorit, schmeckt er (dem Franken) und schlägt genauso ein. Nach mindestens fünf Klößen wird der Franke ruhig, und Friede erfüllt das Haus. Der Kloß selbst kann nichts dafür, daß er dem Franken so ähnlich sieht, aber wenn einem der Franke mitunter wie ein fleischgewordener Kloß erscheint, muß man die Ursache dafür wohl im Kloße suchen. Schon die ganz kleinen Franken rollen einem kloßartig entgegen. Sie werden hier mancherorts mit verdünntem Bier gestillt …“

Bei den  Ostfriesen spielt der Kloß eine derartig große Rolle nicht, dafür sind hier die Ostfriesenwitze ein bekanntes Exportprodukt. Einige Beispiele:

Die Brille

Steht ein Urlauber auf der Ledabrücke, als ein Einheimischer vorbeikommt.

Können Sie mir helfen, mir ist meine Brille in die Ems gefallen?“

Das hier ist aber die Leda!“

Da können Sie mal sehen, wie es ohne Brille ist!“

Rost

Ward Ihr an der Nordsee? Ihr seid aber braun geworden!“

Unsinn! Braun? Rost ist das vom ständigen Regen!“

Im Hotel

In einem Hotel an der Küste beschwert sich der Urlauber: „Ich läute nun schon

seit einer Stunde und Sie als Zimmerkellner lassen sich überhaupt nicht blicken!“

Tut mir leid! Ich habe nichts gehört!“

Merken Sie sich! Wenn Sie in Zukunft das Läuten nicht hören, sagen Sie mir sofort Bescheid!“

Rumkugeln

Eine junge Dame kommt in ein Süßwarengeschäft: „Ich möchte Rumkugeln!“

Dagegen haben wir nichts, kugeln Sie nur rum!“

Kein Französisch

Hinnerk will sich einen neuen Wagen kaufen.

Nimm doch einen Peugeot, die sind günstig!“ rät sein Freund Jan.

Das geht doch nicht“ meint Hinnerk, „wie soll ich mich mit dem unterhalten?

Ich kann doch kein Französisch!“

Zurück zum Ernst des Lebens, wir sind mittlerweilen in Jever, einem Ort, der durch sein international bekanntes Bier von sich reden macht, aber nicht nur dadurch, sondern auch durch sein Schloß, dessen Zwiebelturm von weit her zu erkennen ist. Eine Burg war den Fehden mit den ostfriesischen Häuptlingen zum Opfer gefallen und das schon im 14. Jahrhundert. Ein Jahrhundert später, 1428, wurden die Grundlagen des heutigen Bauwerks gelegt, es handelte sich um eine Wasserburg mit Wehranlagen.. Mit der Regierungszeit Maria von Jevers (1530 bis 1575) wurde die Burg  zu einer Vierflügelanlage und damit Jever zu einer Residenzstadt. Nach dem Tod dieser renommierten Herrscherin fiel die Burg an die Grafen von Oldenburg. Im gleichen Jahr ließ Graf Johann VII. von Oldenburg sein Wappen über dem Schloßeingang anbringen. 1667 übernahm das Anhalt-Zerbster Fürstenhaus die kleine Herrschaft. Im 18. Jahrhundert wurde das Schloß umgebaut. 1793 fiel die Herrschaft Jever an die russische Zarin Katharina II. aus dem Hause Anhalt-Zerbst. Nach der Französischen Revolution fiel Jever dem Herzogtum Oldenburg zu, nach dem Zweiten Weltkrieg fiel der Ort zunächst an den Freistaat Oldenburg und dann 1946 an das neugegründete Bundesland Niedersachsen.

Einige Worte zu Maria von Jever (1500 bis 1575): sie war die Tochter des ostfriesischen Häuptlings Edo Wiemken. Eine Heirat mit einem ostfriesischen Grafensohn kam vertragswidrig nicht zustande. Danach gelang es ihr mit Unterstützung des Kaisers, in Ostfriesland Gebietsansprüche mit diplomatischen und gelegentlich militärischen Mitteln durchzusetzen. Die Residenzstadt Jever befestigte sie, verlieh 1536 die Stadtrechte und wandelte die Burg zum Schloß um. Eindeichungsmaßnahmen dienten der Vermehrung ihrer Einkünfte. Auf wirtschaftlichem Gebiet wurde die Münzprägung intensiviert; zudem förderte sie die Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten. Das friesische Recht wurde durch das römische abgelöst. Im Konkreten bedeutete das härtere Bestrafungen. Größere Straftaten konnten nicht durch Geldbußen gesühnt werden. 1530 führte Maria ein Landrecht ein, das auf Kapitalverbrechen verschiedene Arten von Hinrichtungen vorsah – Tod durch Verbrennung, Schwert oder Räderung. Die Gerichtshoheit übte der Landesherr aus. Das Richtschwert von 1582 ist das auffallendste Symbol dieser harten Justiz, der Richtplatz war der Alte Markt.

Die Verwaltung der Stadt wurde bis 1536 von zwei Bürgermeistern geleitet, dann von dreien und neun Oberluden (Ältesten). 1614 wurde dann ein Bürgermeisterposten abgeschafft, seit 1665 gab es einen Bürgermeister und um 1700 nur noch vier Ratsherren.

Wirtschaftlich entwickelte sich Jever als Handelsort nachweislich seit dem 11. Jahrhundert. 1546 wurde Hooksiel der Vorhafen. Die Stadt entwickelte sich im 16. Und 17. Jahrhundert zum Absatz- und Umsatzort für die jeverländische Landwirtschaft. Bedeutend war das Gildeamt für Goldschmiede seit 1551. Neben zahlreichen Mühlen bestanden im 18.Jahrhundert eine Fayencefabrik und eine Tabakfabrik. Schon 1581 ist das Hopfenpflücken bezeugt, seit 1934 wird das Jever Pilsener gebraut. Ein Brauereimuseum gibt Einblick in die Biergeschichte Jevers. Dieses Angebot wird so rege in Anspruch genommen, daß es im Sommer möglich ist, wegen zu großem Andrang auf den nächsten Tag vertröstet zu werden. Vielleicht liegt es ja auch daran, daß jeder Besucher zwei Gläser Bier bekommt.

Christian Schauer, im Juli 2003

Literatur:

Jever kennenlernen, Stadtführer mit Brauereimuseumsführer von Ingo  Hashagen, Jever 1998

Antje Sander-Berke, Peter Schmerenbeck, Das Schloßmuseum Jever, Oldenburg 1997

Nationalparkzentrum Wilhelmshaven, Das Wattenmeerhaus

Evangelisch-lutherische Gemeinde Wilhelmshaven (Hrsg.), Die Christus- und Garnisonkirche

in Wilhelmshaven; Wilhelmshaven 1994

Kosmos Naturführer, Vögel an Strand und Küste

Ernst Müller, De Utrooper`s kleines Buch von Seeräubern in der Nordsee, Rhauderfehn o. J.

Karl-Heinz Bonk, De Utrooper`s kleines Buch von der Geschichte Ostfrieslands, Rhauderfehn o. J.

Ernst Müller (Hrsg.), De Utrooper`s kleines Buch mit ostfriesischen Witzen, Rhauderfehn o. J.

Hooksiel, Horumersiel und Schillig. Meine Urlaubsorte, Rhauderfehn o.J.

Hrsg.: Katholische und evangelische Kirchengemeinden des Wangerlands , Kirchen im Wangerland, Tettens 2003






Mecklenburgische Seenplatte 30.8. bis 6.9.2002


Röbel. Zwei Hallenbacksteinkirchen prägen das Bild dieses Ortes. Die Marienkirche war die erste christliche Kirche Röbels. An ihrer Stelle stand wahrscheinlich ein heidnischer Tempel. Um 800 waren slawische Siedler in Röbel seßhaft geworden. Um 1280 baute die Neustadt, die um 1200 entstanden war, die Kirche Sankt Nikolai. Bis zur Reformation gab es zwei katholische Kirchen in Röbel – die Marienkirche gehörte zum Bistum Schwerin, die Nikolaikirche zum Bistum Havelberg. Seinen Sitz in Röbel hatte auch der Sandprobst (Geschäftsträger) des Klosters Dobbertin. Die Neustadt war von einer Stadtmauer umgeben, die Altstadt war natürlich geschützt. Die Stadtmauer wurde wahrscheinlich im 13. Jahrhundert erbaut und hat eine Länge von 1.600 Metern. Teile von ihr sind noch zu sehen, bei der Sturmflut von 1914 stürzte ein Teil ein. Die Stadttore sind leider nicht erhalten. Für die Verteidigung der Stadt war die gesamte Bürgerschaft zuständig. Im dafür zuständigen Bürgerausschuß waren Vertreter aller Viertel zusammengefaßt. Die Verteidigung erstreckte sich nicht nur auf Mauern und Tore, sondern auch auf Geteidebauflächen. Waffendienst hatten auch die Zünfte zu leisten. Auf dem Mönchteich existierte eine landesherrliche Burg. Hier wurde Unislav von Havelberg 1227 als Burgherr urkundlich erwähnt. Später übten die Fürsten von Werle die Burgherrschaft aus. Ende des 13. Jahrhunderts bewohnte die Fürstinwitwe Sophie Schloß Röbel. Das Schloß ist nicht mehr erhalten. Raubritter aus Brandenburg zerstörten es, danach wurde eine Bockwindmühle errichtet. Ihr folgte im 19. Jahrhundert eine Holländerwindmühle. Ab 1930 bis zur Wende wurde sie als Jugendherberge genutzt. Der Windmühlenberg ist aus dem Stadtbild Röbels nicht weg zu denken.

Die Landwirtschaft nahm großen Raum in der Ackerbürgerschaft ein. Die dafür nötigen Scheunen durften Ende des 17. Jahrhunderts nur außerhalb der Stadt gebaut werden (wegen der Gefahr von Feuersbrünsten). Das Scheunenviertel ist heute noch resteweise erhalten. In Röbel lebten Anfang des 19.Jahrhunderts 74 Ackerbürger. Leider brannte der Speicher in der Bräsigstraße 1996 bis auf die Grundmauern nieder.  

Eine relativ kurze Geschichte erlebten de Juden in Röbel etwa von 1700 an. Damals wurde ihnen eine kleines Stück Land zur Pacht als Friedhof überlassen. 1847 hatte die jüdische Gemeinde 12 Mitglieder, 1872 21. Mit dem Eisernen Kreuz wurde der Jude Robert Beyer im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet. Seit 1895 wurden Beschädigungen des jüdischen Friedhofs bezeugt. Die eigentliche Judenverfolgung begann 1932. 1937 wurden jüdische Geschäfte auch in Röbel enteignet, die Synagoge wurde zwangsweise verkauft. In den sechziger Jahren wurde das Friedhofsgelände eingeebnet. Vorher wurden noch 1943 die letzten jüdischen Bürger nach Theresienstadt abtransportiert. Heute erinnert noch eine Gebetsnische an die Geschichte der Juden.

Da Geschichte nicht nur aus Haupt – und Staatsaktion besteht, hier ein Original aus Röbel, das im „Arbeiter und Bauernstaat“ durch flotte Assoziationen für Furore sorgte. Karl Lehmann hatte bei einem Unfall auf dem Bahnhof einen Arm vollständig und den anderen halb verloren. Ab 1921 wurde er „städtischer Ausrufer“. Diese Funktion nahm er auch nach der Machtergreifung der Kommunisten 1945 ein. Seine Mehrdeutigkeit gewann er dadurch, daß er Meldungen, die nicht zusammen gehörten, kombinierte: „Die Parteiversammlung fällt heute abend aus, die Schweine werden morgen früh am Bahnhof verladen.“ Diese Meldung führte zu einer Rüge wegen „Verunglimpfung der Partei“. Unbeirrt fuhr Lehmann in seiner letzten Bekanntmachung für die Partei fort: „Die Parteiversammlung fällt heute abend aus, ab morgen sind die Hunde an die Leine zu legen“. An der nächsten Straßenecke folgte dann der Nachsatz: „Is nämlich Tollwut“. Möglicherweise brauchte der eine oder andere Parteigenosse der SED eine derartige Abwechslung, um die Eintönigkeit seiner Existenz zu bändigen.

Wer nach Ankershagen kommt, wird sicherlich zunächst das Schliemann-Museum besuchen, das dem Wirken des bekannten Archäologen gewidmet ist. Der Schatz des Priamos ist in einer Kopie zu sehen, das Original ist in Rußland als Beutekunst geblieben. Die nebenan stehende Kirche wurde 1266 erstmals urkundlich erwähnt. Der ältetste Teil der Kirche ist der Chor mit einem spätromanischen Kuppelgewölbe. Im 15. Jahrhundert wurden in die Langhausmitte Pfeiler eingebaut, die zu einer Teilung des Langhauses führten. Auch in dieser Kirche befindet sich eine Lütkesmüllerorgel wie in der Marienkirche in Röbel. Bemerkenswert sind die Fresken an der Decke des ältesten Teils der Kirche, der Teufel im Triumphbogen und die Weihekreuze an den Wänden. Im Gasthof nahe der Kirche hängen Nachbildungen von Fischen an den Wänden.

Einen Katzensprung von Ankershagen liegt die Stadt Penzlin (3.000 Einwohner) am nordöstlichen Rande des Müritz-Nationalparkes. Aus einer slawischen Siedlung (9. Jahrhundert) entwickelte sich um 1170 eine Burgstadt und 1200 eine Kaufmannsiedlung. Um 1240 vereinigten sich die Burgstadt als Altstadt und die Kaufmannsiedlung als Neustadt. 1292 erhielt Penzlin das Mauerprivileg – heute bestehen noch rund 500 Meter dieser Mauer. Bis 1436 waren die Penzliner dem Fürsten von Werle untertan. Im 15. Jahrhundert begann die Herrschaft der Maltzahns. Sie dauerte etwa 500 Jahre. Feuersbrünste suchten die Stadt im 16., 17. und 18. Jahrhundert heim. Im 30 jährigen Krieg wüteten die Truppen des kaiserlichen Generals Tilly in Penzlin. 1697 und 1708 fanden zwei große Hexenprozesse statt. Hiervon zeugt der gut erhaltene Hexenkeller in der Burg, der in Europa seinesgleichen sucht. Die Hochzeit der Hexenverfolgungen in Mecklenburg waren die Jahre 1663 bis 1675. Hier befahl Herzog Gustav Adolf von Güstrow die Ausrottung aller Hexen. Eine Akte existiert ausschließlich aus der Zeit von 1696 bis 1709. Viele Folterinstrumente der frühen Neuzeit sind ein Zeugnis des Schreckens. Ein Schaudern durchfährt den wißbegierigen Zuschauer. Die Burgküche bietet als Attraktion einen 12 Meter hohen Rauchfangmantel. Als Stadt der Literatur lebt Penzlin von der Tatsache, daß der Schriftsteller Johann Hinrich Voß seine Kindheit in Penzlin verlebte. Anerkennung erwarb sich Ferdinand von Maltzahn, als er 1816 in Penzlin als erster in Mecklenburg die Aufhebung der Leibeigenschaft verkündete.

Der Ort Ludorf hat eine achteckige Kirche aufzuweisen. Der Bau wurde 1346 geweiht. Der Kreuzzugsritter Wipert Morin könnte die Kirche auch 1150 nach dem Vorbild der Grabeskirche erbaut haben – Beweise gibt es dafür nicht. Das Gutshaus Ludorf wurde 1698 errichtet. Die Ritterfamilie Adam Levin von Knut war die Besitzerin. Das Heimatmuseum bietet einen knappen Überblick über das kleine Dorf. Im Zentrum halten sich Schwärme von Singvögeln hörbar zwitschernd auf Bäumen auf. Überdurchschnittlich lang dauert es im Restaurant des Gutshofes, bis das Essen serviert wird. Endlich nach einer Stunde wird die Forelle serviert. Was nun, wenn die Vögel den Hitchcock-Krimi gleichen Namens gesehen haben, auf den hungrigen Esser hernieder stoßen, ihm die Forelle entreißen und mit dieser keck das Weite zu suchen? Nicht auszudenken, welches Ausmaß an Frustrationstoleranz eine abermalige Bestellung nach sich ziehen würde. Aber: ruhig Blut- die Vögel von Ludorf wirken filmisch nicht allzu gebildet. Sie fliegen als Schwarm davon, um nach einer Zeit zurückzukehren. Glückliche Forelle, die im Magen verdaut wird und nicht in einem impertinenten Vogelschnabel dahinschwebt! Also: Vögel bleibt bei euren Leisten, Touristen eßt frohgemut!

Das Residenzschloß Mirow wird zur Zeit restauriert und ist damit leider nicht zu besuchen. Der Johanniterorden als Grundherr wird in Mirow 1227 erwähnt. Der Herr von Rostock hatte ein Jahr zuvor diesem Orden 60 Hufen im Lande Tume geschenkt. Ende des 15. Jahrhunderts hatten die Johanniter ihr Gebiet um Mirow erweitert. Im Westfälischen Frieden kam die Komturei an das Haus Mecklenburg-Schwerin. Später ging das Gebiet an Mecklenburg-Strelitz. Adolf Friedrich II. – Herzog von Mecklenburg-Strelitz – ließ 1704 hier Tabak anbauen. In dieser Zeit entstanden auch eine Färberei, eine Ziegelei, ein Brauhaus und eine Salpeterfabrik. Nach dem Tod des Herzogs erhielt seine Witwe 1709 Mirow als Witwensitz. 1918 nahm sich der letzte Herzog von Mecklenburg-Strelitz, Adolf Friedrich VI., das Leben. Sein Grabmal errichtete man auf der dem Schloß vorgelagerten Friedensinsel. Das Mirower Schloß diente nach dem Ersten Weltkrieg als Offiziersheim für die Wehrmacht, als Lazarett und als Filmkulisse der DEFA-Studios. Große Bekanntheit erreichte auch Sophie Charlotte, Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, die den englischen König Georg II. ehelichte. In den USA diente die Königinals Namenspatron im Bundesstaat Arizona, als englische Auswanderer „Charlottetown“gründeten.

 

Wittstock in der Prignitz ist eine Stadt slawischen Ursprungs, die 1150 wahrscheinlich zum ersten Mal erwähnt wurde. Im Jahe 1271 residierte ein Havelberger Bischof in Wittstock. Ihr Ziel war es über Jahrhunderte hinweg die Erweiterung ihres Territoriums nach Osten. 1548 schied der letzte Havelberger Bischof aus dem Leben. Überregionale Bedeutung erreichte Wittstock im Dreißigjährigen Krieg, als 1636 hier eine bedeutende Schlacht stattfand, in der zahlenmäßig unterlegene Schweden die Truppen des Kaisers und Sachsens besiegten – Schweden war damit in diesem Krieg der Beherrscher des Nordens. Durch die Beschreibung in Grimmelshausen „Simplicius Simplicissimus“ wurde die Schlacht weltberühmt. Dort heißt es unter anderem: „Die Erde, deren Gewohnheit ist, die Toten zu bedecken, war damals an selbigem Ort selbst mit Toten überstreut,, welche auf unterschiedliche Manier gezeichnet waren, Köpf lagen dorten, welche ihre natürlichen Herren verloren hatten, und hingegen Leiber, die ihrer Köpfe mangelten; etliche hatten grausam – und jämmerlicher Weis das Ingeweid heraus, und andern war der Kopf zerschmettert und das Hirn zerspritzt… Summa Summarum, da war nichts als ein elender jämmerlicher Anblick.“ Etwa 11.000 Tote soll es gegeben haben. 1638 brach in Wittstock auch die Pest aus. Etwa 1.600 Einwohner starben an der Seuche, dreiviertel der Bevölkerung. Manche Straßen erinnern an diese wichtigen Ereignisse – Banérplatz, Hatzfeldtraße (kaiserlicher General) oder Schwedenstraße. Ein weiteres Desaster war der Stadtbrand von 1716. Wer sich den Vorgängen des Dreißigjährigen Krieges näher widmen will, dem sei empfohlen, das „Museum des Dreißigjährigen Krieges“ zu besuchen, das in der spätmittelaterlichen Bischofsburg zu besuchen ist. Hier werden dem Interessierten auf mehreren Stockwerken viele Einblicke in das 17. Jahrhundert gewährt. Unter anderem kann der Pestfloh unter dem Mikroskop betrachtet werden.

Nicht weit von Wittstock entfernt liegt die Gedenkstätte des Todesmarsches von Häftlingen aus den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück im Belower Wald. Zusätzlich zur Gedenkstätte wurde ein kleines Museum errichtet. Am 23. April 1945 erreichten die Kolonnen des Todesmarsches den Belower Wald. In einem Faltblatt des Museums heißt es dazu: „Rasch spannte die SS Stacheldraht um den Lagerplatz. Bald ist hier mehr als die Hälfte der Evakuierten der Sachsenhausener konzentriert. Auch Frauen aus dem KZ Ravensbrück treibt die SS in das Lager im Belower Wald. Die Häftlinge versuchen, sich durch Laubhütten, Erdhöhlen und Schutzwände vor der Frühjahrskälte zu schützen. Gelegentlich dürfen Feuer angezündet werden. Nur einmal gibt die SS eine geringe Menge Lebensmittel aus… Viele Häftlinge versuchen, mit Gräsern, Kräutern und Rinde ihren Hunger zu stillen. In den wenigen Tagen der Existenz des Lagers im Belower Wald sterben zwischen 700 und 800 Menschen.“ Der Todesmarsch-Überlebende Johannes Dötsch berichtet dazu, nachdem das Internationale Rote Kreuz kurzfristig Verpflegung gebracht hatte: „Dann hob sich der Lebensmut der Menschen rasch wieder. Für viele kam die Hilfe aber zu spät. Morgens kam mancher aus seiner selbst gebauten Hütte nicht mehr hervor und mußte irgendwo im Wald verscharrt werden.“ Gerüchteweise war im KZ Sachsenhausen verbreitet worden, die Häftlinge würden in Schleswig-Holstein auf Schiffe verladen und nach Skandinavien gebracht. Kurz nach dem Besuch dieses Museums wurde es durch einen Brandanschlag am 5. September 2002 mit rechtsradikalem Hintergrund teilweise zerstört. Zudem wurde die Gedenksäule mit SS-Runen, einem Hakenkreuz und antisemitischen Parolen beschmiert.

Auffällig in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, daß im nahegelegenen Wittstock sehr viele NPD-Wahlplakate zum Bundestagswahlkampf zu sehen waren, während in anderen Orten dieser Gegend nur Wahlplakate der im Bundestag vertretenen Parteien registriert wurden.

Güstrows Geschichte ist schon im 8. Jahrhundert nachzuweisen. Die deutsche Einwanderung in das spärlich von Slawen besiedelte Gebiet setzte verstärkt um 1200 ein. 1160 hatte Heinrich der Löwe den wendischen Fürsten Niklot bei der Burg Werle (20 km von Güstrow entfernt) besiegt, um danach dessen Sohn Pribislav die Herrschaft zu übertragen. Diese Tat erwies sich als weitsichtig, beendete sie doch die Feindschaft zwischen Deutschen und Slawen.

Die Siedlung erhielt 1228 das Stadtrecht, zwei Jahre vorher stiftete der wendische Fürst Heinrich Borwin II. den Güstrower Dom. 1556 nahmen die Herzöge von Mecklenburg in Güstrow ihre Residenz, die Güstrower Linie erlischt 1695. Im 19. Jahrhundert erlebt in Güstrow die Zucker- und Holzindustrie einen Aufschwung . Im Zweiten Weltkrieg blieb die Stadt von Zerstörungen weitgehend verschont und genoß in der DDR-Zeit besondere Förderung . Im Güstrower Schloß residierte von 1628 bis 1631 kein Geringerer als Albrecht von Wallenstein. Bekanntestes Kunstwerk im Dom von Güstrow ist die Figur „Die Schwebende“ von Ernst Barlach, der 1910 von Berlin nach Güstrow übersiedelte. 1926 erhielt der Bildhauer und Dichter den Auftrag, ein Ehrenmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Güstrower zu schaffen. Kritik hatten vorher die Gefallenen-Denkmäler Barlachs erregt, die zu wenig Kriegsbegeisterung ausstrahlten. 1937 wird „Die Schwebende“ aus dem Güstrower Dom entfernt und für Rüstungszwecke eingeschmolzen. In diesem Jahr werden die Kunstwerke Barlachs von der NS-Kulturbürokratie als entartet eingestuft, in verschiedenen Städten werden seine Mahnmale entfernt. Im Jahr 1953 bekam der Güstrower Dom wieder eine Abformung der Figur zum Geschenk.

Wredenhagen sticht hervor durch seine Burg, in der die Fürsten von Werle-Waren residierten. Der ehemalige Burghof dient heute als Schule. In der Burg Wredenhagen werden im Sommer Falknervorführungen dargeboten. Diese dienen der Aufklärung über Lebensraum der einheimischen Greifvögel. Die Flugvorführungen im Burggelände sind meistens sehr gut besucht; sie bieten sachkundige Informationen über Milane, Falken, Bussarde, Eulen und Adler. Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 250 Kilometer in der Stunde zeugen von den Wundern der Natur dieser Vögel, die haarscharf an den Köpfen der Besucher vorbeifliegen.

Federow ist das Eingangstor zum Müritznationalpark, der am 1. Oktober 1990 mit einer Fläche von 322 Quadratkilometern östlich der Müritz als solcher ausgewiesen wurde. Flächenmäßig ist er der größte Nationalpark auf deutschem Boden. Der Müritznationalpark bietet einen typischen Ausschnitt aus der Landschaft der Seenplatte mit über hundert Seen, vielen Söllen, Mooren und Brüchen. Das Gebiet besteht zu 72% aus Wald, zu 13% aus Gewässern, zu 8% aus Mooren, zu 5% aus Wiesen und Weiden und nur zu etwa 2% aus Äckern. Es leben hier 800 Menschen in verstreuten Siedlungen, zu denen wenige Straßen und Wege führen. Zum Park gehört ein 12 km langer Wasserstreifen am Ostufer der Müritz. Durch die Schiffbarmachung der Elde vor etwa 200 Jahren entstand durch das Absinken des Wasserspiegels der Müritz wertvoller Naturraum durch das Entstehen von Röhrichten, Mooren und Bruchwäldern. Der Nationalpark weist 240 Vogelarten und 700 verschiedene Farn- und Blütenpflanzen auf. Über 800 Schmetterlings- und Libellenarten bieten eine reiche Artenvielfalt. Berühmt macht den Nationalpark sein Bestand an Seeadlern, Fischadlern und Kranichen. Der im Müritznationalpark anzutreffende Graue Kranich ist bis zu 1,30 m hoch, seine Flügelspanne von 2,20 m gleicht der des Adlers. Bemerkenswert ist seine rote Kopfplatte. Man kann die Vögel vom Frühling bis zum Herbst beobachten. Spektakulär ist das Sammeln der heimischen Tiere und die Rast der nordischen Vögel im Herbst. Der Müritznationalpark bietet einen der bedeutendsten Sammel- und Rastplätze Mitteleuropas. Der Graue Kranich brütet vorwiegend in Deutschland, Skandinavien, dem Baltikum, Polen, der Ukraine, Weißrußland und Russland. Er frißt Larven, Würmer, Schnecken, Insekten, Frösche, Reptilien und Körner aber auch Bohnen, Eicheln, Mais, Kartoffeln und Getreide. Die in dauerhaften Beziehungen lebenden Vögel kehren ab Mitte Februar aus den Winterquartieren in Spanien und Frankreich zurück. Sie brüten meistens in Sumpfwäldern. Sie legen zwei Eier ab Mitte März bis Anfang April. Nach etwa einem Monat schlüpfen die Jungen. Als Nestflüchter müssen sie schon nach ein bis zwei Tagen den Kampf um das Dasein aufnehmen. Wer sich mit Vögeln nicht begnügen will, kann im Nationalpark auch die Hirschbrunst miterleben.

Historisch erlebte das Gebiet im 20. Jahrhundert eine wechselvolle Geschichte. 1934 ließ der Leipziger Unternehmer Kurt Herrmann – ein Freund Görings- eine Verbindung zum „Herrmannsgraben“ in seinem Jagdgebiet anlegen. Im Specker Horst stand das Jagdhaus des früheren DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph mit Schwimmbad und Gewächshäusern. Gelegentlich wurde in den umliegenden Dörfern der Strom abgeschaltet, damit die Gewächshäuser bei Energieknappheit beheizt werden konnten. 1969 wurde das damalige Naturschutzgebiet Müritz dem Ministerpräsidenten zur persönlichen Nutzung als Jagdgebiet übergeben. Es entstanden Gebäude im DDR-Geschmack, die die Jagdhütte des Kurt Herrmann ersetzten. Nach der Wende organisierte das Neue Forum eine „Prozession“ der Bevölkerung zum vorher für die Bevölkerung verbotenem Jagdsitz „Birkenheide“. Viel Bemerkenswertes wurde nicht gefunden – neben einem ausgestopftem Wildschwein, einige Videos aus dem Westen, eine Salbe aus der DDR und Fotos von einem Besuch in Thailand. – Die Jagdleidenschaft der beiden erwähnten Persönlichkeiten bewahrte große Flächen vor jeglicher naturfremder Nutzung. Die letzte DDR-Regierung erklärte das Gebiet zusammen mit dem ehemaligen russischen Truppenübungsplatzam1.Oktober1990 zum Nationalpark.

Auf dem Rückweg kann das Schloß Rheinsberg einen Abstecher lohnen, obwohl es nicht mehr in Mecklenburg liegt, sondern schon in Brandenburg – wie übrigens auch Wittstock. Im 13. Jahrhundert befand sich an der Stelle des heutigen Schlosses eine Wasserburg. Im nächsten Jahrhundert wurde der Ort das erste Mal urkundlich erwähnt. Das Renaissanceschloß in Rheinsberg kaufte Friedrich Wilhelm I. (der Soldatenkönig) für seinen Sohn Friedrich II. . In Rheinsberg entwickelte der Baumeister Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff das friderizianische Rokoko. Friedrich entschloß sich Potsdam zur Sommerresidenz auszubauen. Im Juni 1744 vermachte er das Anwesen seinem Bruder Prinz Heinrich. Dieser Prinz Heinrich war als Diplomat anerkannt. Während des siebenjährigen Krieges beging er nach Einschätzung seines Bruders keinen Fehler. Von Kriegschronisten wird der Sieg Prinz Heinrichs in der Schlacht von Freiberg 1762 als besonders rühmlich angesehen. Ein Hofchronist beschreibt dies so: „Dieser Tag vollendete seinen Ruhm. Der Feind verlor 4.410 Mann, 80 Offiziere, 28 Geschütze und 9 Fahnen; die Preußen 1.300 Mann. Freiberg wurde von den Feinden nicht verteidigt, der Prinz besetzte am Abend nach der Schlacht die Stadt, ohne Widerstand zu finden.“ Danach wurden die kleinen deutschen Fürsten durch Brandschatzungen gezwungen, sich von Österreich loszusagen – dies allerdings war die erklärte Politik König Friedrichs II. .

Wenn man die vielen Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten Revue passieren läßt, wundert es nicht, daß Mecklenburg-Vorpommern im Tourismus eine florierende Branche aufweist. Entgegen dem Bundestrend wächst er weiter. 2001 entfiel jeder dritte Übernachtung in den neuen Bundesländern auf den Nordosten. Im ersten Halbjahr 2002 erzielte das Land mit fast neun Millionen Übernachtungen im Vergleich zum Vorjahr die höchsten Zuwachsraten in Deutschland.

Literatur:
Christiane Petri, Mecklenburgische Seenplatte, Köln 2002 (Dumont Reisetaschenbuch)

Beiträge zur Geschichte der Stadt Röbel/ Müritz
Bund für Natur und Heimat Elde e.V. (Hrsg.)
Heft 1 Sagen, Sitten, Gebräuche und Geschichten aus Röbel,
Heft 3 Was Steine erzählen, Röbel o.J.

W. Böke, Heinrich-Schliemann-Museum Ankershagen, Malchow 2001
Pro Penzlin – Eine Stadt stellt sich vor – Informationsbroschüre anläßlich der Eröffnungsausstellung
„Pro Penzlin“ im Museum Alte Burg Penzlin nach der Sanierung 1991 – 1997
Heide Thal, Residenzschloß Mirow, Mirow 1992

Kulturbund der DDR, Kreisleitung Wittstock (Hrsg.), Wittstock – Ein Wegweiser durch Stadt und Kreis
Heft 1 und Heft 2
Olaf Gründel, Auf den Spuren der Schweden – Der 30 jährige Krieg in der Uckermark, Prenzlau 2000
Museum des Dreißigjährigen Krieges 1618 bis 1648 Museumsführer
Grimmelshausen, Der abenteuerliche Simplicissimus, Frankfurt am Main 1962

Kurt Redmer, Vergeßt dieses Verbrechen nicht! – Der Todesmarsch KZ Sachsenhausen- Schwerin 1945,
Rostock 2000

Christoph Helwig, Der Dom zu Güstrow (DKV-Kunstführer Nr. 413/ 9) Güstrow o.J.
Gerd Baier, Pfarrkirche Güstrow, Regensburg 1999

Müritz Nationalpark – Fischadler und Kraniche bei Federow
Golduhr im Wildschweinbauch, in: FAZ Reiseblatt vom 13.9.2001

Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin Brandenburg (Hrsg.), Schloß Rheinsberg,
Potsdam 2001
Friedrich Förster, Prinz Heinrich von Preussen , Neuruppin 2002

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Besuch in der pittoresken Stadt Wetzlar am 22. 8.2002

Man schreibt das Jahr 1486. Auf dem Reichstag zu Frankfurt am Main wird der 26-jährige habsburgische Erzherzog Maximilian zum König gewählt. Wie in diesen Zeiten üblich wird er im selben Jahr zum König gewählt und zwar in Aachen. Als Ziel stellt er sich vor, in Rom zum Kaiser gekrönt zu werden. Und über diesen Maximilian war in der Stadt Wetzlar vom 2. August bis zum 31. Oktober 2002 eine Ausstellung im Reichskammergericht zu sehen, die historisch Interessierte sogar bis in den Kahlgrund anzog.

Die Stadt hat aber nicht nur das Reichskammergericht zu bieten, sondern Goethe, wie er leibte und lebte (!). 1772 traf das deutsche Dichtergenie in Wetzlar ein.. Die Lahn floß damals schon genau so idyllisch durch die Stadt wie heute. Seit 1689/90 war die Stadt Sitz des Reichskammergerichtes. Goethe mußte eben in diesem Gericht ein Praktikum ableisten. Seine innere Spannung kam in dieser Zeit zum Vorschein – war er doch in Charlotte Buff verknallt und sie nicht in ihn. Was blieb ihm anderes übrig, als den „Werther“ (1774) zu schreiben, in dem hoffnungslos Liebende sich zeitlos wiedererkennen können. Schon kurz nach Veröffentlichung dieses Romans strömten ähnlich Frustrierte zu den Schauplätzen des „jugendlichen Leids“. 

Nicht unabhängig von Goethes Romanstoff ist das Leben Karl Wilhelm Jerusalems zu sehen, der im Literaturmuseum „Jerusalemhaus“ gewürdigt wird. Dieser Mann setzte seinem Leben Ende Oktober 1772 ein Ende, als er die Geliebte Charlotte Buff nicht für sich gewinnen konnte. Pikant: er erschoß sich mit der Pistole des Verlobten eben dieser Frau. Ist das nicht furchtbar? Hätte Schiller nicht möglicherweise einige Jahre später das Drama „Der Räuber von der Lahn“ daraus gemacht, wenn er von den Ereignissen erfahren hätte? 

Ein anderer bedeutender Kopf, der für die Stadt Wetzlar von unschätzbarer Bedeutung ist, ist eben jener Kaiser Maximilian I., der sich 1495 mit den Ständen von Worms auf die Errichtung des Reichskammergerichtes einigte. Maxi- so nennen wir ihn einmal respektlos – war ein Heiratskünstler. Er erheiratete Burgund, scheiterte an der Bretagne und brachte dann den Klops für Habsburg: durch die Heirat seines Sohnes Philipps des Schönen  mit der wahnsinnigen Johanna fällt diesem Geschlecht Spanien und Südamerika zu. Damit bildete sich ein Reich, in dem die Sonne nicht mehr unterging. 

Es ging auch damals schon um Geld. Maximilian heiratete zum Beispiel in dritter Ehe Bianca Maria Sforza, die Nichte des Herzogs Ludovico II Moro von Mailand. Es ging ihm um die Mitgift von 300.000 Gulden, mit der Frau hatte er ansonsten nicht viel am Hut. So ein Maxe! 

Maximilian kämpfte nicht nur gegen Frankreich, sondern auch gegen Mailand, Ungarn und die Türken. Siegreich war er kaum, lediglich im Landshuter Erbfolgekrieg von 1504 konnte er für Tirol einige Gebiete hinzugewinnen. 

1508 kaufte ihm Venedig durch Zahlung des Soldes seine Armee ab, Maximilian mußte die Belagerung von Padua abbrechen und fliehen, um nicht in Gefangenschaft zu geraten. Die Blamage faßte er in die folgenden Worte: „Da fernerhin die Truppen nicht sonderlich geneigt waren, zu kämpfen, hatten wir uns entschlossen, die Belagerung aufzugeben.“ Die Aussage sucht seinesgleichen und hätte vom ehemaligen irakischen Informationsminister Sahhaf auch nicht treffender gemacht werden können. 

Maxi ließ sich von Dürer porträtieren, der ältere Cranach illustrierte sein Gebetsbuch und er selbst schilderte seine Brautfahrt zu Maria von Burgund in dem allegorischen Gedicht „Weißkunig“, einem Werk, das mit vielen Holzschnitten von Hans Burgkmair ausgestattet ist. 

Die Schulden des Kaisers führten dazu, daß sich 1518 in der Gegend von Innsbruck viele Wirte weigerten, ihn zu bewirten. 1519 starb er dann und wurde in Wiener Neustadt begraben. 

Auch wenn keine Ausstellung in Wetzlar zu sehen ist, lohnt es sich, der Stadt Wetzlar einen Besuch abzustatten, man kann durch die Altstadt schlendern, den Dom besuchen, die Hospitalkirche, den Fischmarkt und das in der Nähe gelegene Schloß Braunfels. Da man aber im Gegensatz zu Kaiser Karl V. auf kein Reich zurückgreifen kann, in dem die Sonne nie untergeht, empfiehlt es sich vor Einbruch der Dunkelheit zurückzukehren, um den Bahnhof sicher zu finden. 

Christian Schauer

Quellen:

Informationsprospekte der Stadt Wetzlar:  Jerusalemhaus – Der Dom – Hospitalkirche –

Die Museen – Historischer Rundweg in der Altstadt – Auf Goethes Spuren in Wetzlar.

Zu beziehen über: Tourist-Information, Domplatz 8, 35573 Wetzlar

Damals 8/2002 Maximilian I. – Der letzte Ritter

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Brügge an Himmelfahrt 2002

Brügge erlebt seinen folkloristischen Höhepunkt jedes Jahr an Himmelfahrt mit der Heiligblutprozession. Regelmäßig werden mehr als 2.000 aktive Teilnehmer bei diesem touristischen Spektakel aufgeboten. Dargestellt werden Szenen aus dem Alten und Neuen Testament sowie der Geschichte der Stadt. Eine Unzahl von Touristen sorgt dafür, daß man Schwierigkeiten bekommt, den Prozessionsumzug überhaupt vollständigzubestaunen.

Die Stadt rechnet mit mehr als drei Millionen Besuchern in diesem Jahr. Ihnen stehen sechstausend Brügger Familien gegenüber. Da die Altstadt sich auf relativ engem Raum erstreckt, hat man den Eindruck, daß noch mehr Touristen nicht möglich sind.

Daß diese die in überdurchschnittlicher Anzahl vorhandenen Sehenswürdigkeiten auch ordentlich bezahlen, wird durch ein ebenso überdurchschnittlich hohes Preisniveau garantiert. Wer für ein durchschnittliches Pizza zwölf Euro bezahlt, weiß, daß er im Schnitt das Doppelte als am Bayerischen Untermain hinlegen muß. Er erinnert sich an das Brügge des 14. Jahrhunderts, als für die Hansestadt ein goldenes Zeitalter hereinbrach. Der Stapelmarkt für Wolle bot 17 Nationen Vertretungsmöglichkeiten. Kaufleute und Bankiers fühlten sich damals wie heute angezogen. In diesem Jahrhundert faßten auch die Burgunder in Brügge Fuß. Philipp der Kühne pflegte eine äußerst üppige Hofhaltung. Auf die Dauer nutzte ihm das nichts, 1482 kommt Flandern an Habsburg. Kaiser Maximilian hat die Rechnung ohne die Städte gemacht, die sich durch seine Kriege geschädigt fühlen und ihn gefangennehmen – auf Dauer können sie sich nicht durchsetzen.

Berühmt ist Flandern für seine überragenden Maler im 15. Jahrhundert: Rogier van Weyden (1400 bis 1464), Hans Memling, 1433 in Seligenstadt geboren, kam er 1465 nach Brügge und wurde der bekannteste Maler der Stadt, in der er reich wurde und 1494 starb. Eines seiner bekanntesten Bilder ist das „Jüngste Gericht“. Jan van Eyck siedelte 1432 nach Brügge über – eine Ausstellung über sein Werk zieht gegenwärtig ungewöhnlich viele Touristen an. Überdurchschnittlich erwies sich van Eyck als Porträtmaler; er porträtierte unter anderem seine Frau Margareta und den Kanonikus Joris van der Paele. Sein Schüler könnte Petrus Christus gewesen sein, er schuf das Bildnis Isabellas von Portugal.

Die Heiligblutbasilika besteht aus zwei übereinander errichteten Kapellen. Die Sankt Basilius-Kapelle wurde schon 1150 erbaut. In der Oberen Kapelle, die etwa 300 Jahre jünger ist, wird die Reliquie vom heiligen Blut aufbewahrt, die in der oben genannten Prozession feierlich durch die Stadt getragen wird.

Michelangelo hat es sich nicht nehmen lassen, den Einfluß Italiens bis in den Norden zu tragen. Sein Bildnis aus weißem Marmor „Maria mit dem Kinde“ ist in der Liebfrauenkirche zu bewundern. Offenbar konnte er es nicht verwinden, daß ein in Deutschland geborener Maler den südlichsten Einfluß in dieser Stadt haben sollte.

Empfehlenswert ist es auf jeden Fall, mit dem Motorboot über die Grachten zu fahren – hier werden Erinnerungen an Amsterdam wach. Man sollte bei dieser Gelegenheit nicht vergessen, sich warm anzuziehen. Wie die Statistik ausweist, bleibt der Gast im Durchschnitt eineinhalb Tage. Möglicherweise ist er nach der Bootsfahrt auf den Grachten so durchgefroren, daß er spätestens am Tag darauf das Weite sucht. Immerhin lassen sich jährlich mehr als 850.000 Besucher mit dem Boot herumfahren.

Der jetzige Bürgermeister Patrick Moenaert amtiert seit sieben Jahren und hat es geschafft, Brügge zum „Weltkulturerbe“ zu machen und zur Kulturhauptstadt Europas. Mit dem Bau eines neuen Konzertgebäudes ist ihm architektonischer Koloß gelungen, der den romantischen Dreiklang von Liebfrauenkirche, Kathedrale und Belfried beeinträchtigt, was vielen Touristen mißfällt.

Durch den Roman „Bruges-laMorte“ wurde Brügge Ende des letzten Jahrhunderts literarisch berühmt. Der belgische Schriftsteller Georges Rodenbach schrieb ein Meisterwerk der Décadence-Literatur. Durch dieses Werk kam Brügge erneut in den Ruf einer Kunststadt. Im Mittelpunkt der Handlung steht der wohlhabende Hugues Viane, der nach dem Tod seiner Frau nach Brügge heimkehrt. Vom Haarzopf seiner verblichenen Frau kann er sich in seiner neuen Heimat nicht trennen. Seine neue Geliebte wird für ihre Dreistheit mit dem Tode bestraft – er erdrosselt sie mit dem Haarzopf ihrer Vorgängerin. Leider gibt es für diese Handlung noch keine dokumentarischen Theatervorführungen.

Brügge war im 19. Jahrhundert insgesamt eine arme Stadt; seine Einwohnerzahl stagnierte über Jahrhunderte bei etwa 40.000. Heute erweist sich das fehlende Geld für Stadterneuerungen als tourismusfördernd. Das mittelalterliche Stadtbild blieb erhalten.

Pferde haben in Brügge nicht nur bei der Heiligblutprozession ihre Auftritte, man kann sich mit ihnen auch vergleichbar wie in Wien durch die Stadt fahren lassen. Während sie bei der Prozession ihre Äpfel auf den Asphalt fallen lassen dürfen, werden sie als Kutschpferde durch spezielle Behältnisse daran gehindert, dies zu tun. Der interessierte Betrachter ist dann durch vorbeifahrenden Kutschen mit intensiven Duftmarken konfrontiert. Zur Streitfrage kann es werden, ob der Kutschentourist diese Duftmarken weniger intensiv riecht als der Passant auf der Straße – wahrscheinlich müssen hier windklimatologische Berechnungen angestellt werden, um dies zu klären. Für Tourismusforscher bieten sich hier noch Themen für stadtpolitische Abhandlungen, z.B.: „Der Einfluß des Geruchs der Pferdeäpfel auf das Wohlbefinden der Touristen“

Literatur:

Brügge – Eine Übersicht geschichtlicher Ereignisse (Internetangebot der Stadt Brügge)

Detlev Arens, Flandern: Das flämische Belgien: Die einzigartige Städtelandschaft um
Brügge, Gent und Antwerpen, Köln 1997

Ganz Brügge, Barcelona o. J., (Bildband aus der „Reihe ganz Europa“)

Flandern – Antwerpen. Brügge. Gent , Ostfildern 1999 (Marco Polo Führer)

Brügge sehen heißt Staunen, in: FAZ vom 14.3.2002


Bansin, Heringsdorf, Ahlbeck, Kolberg, Peenemünde und Koserow: Ende August, Anfang September 2009 – Ligurien 2006- Bayerischer Wald 2004 -Quedlinburg 2003

Bansin, Heringsdorf, Ahlbeck, Kolberg, Peenemünde und Koserow: Ende August, Anfang September 2009

Bansin ist durch den Schriftsteller Hans Werner Richter in erster Linie bekannt. Der Gründer der Gruppe 47 wurde dort geboren. Sein „Roman einer Jugend“ heißt „Spuren im Sand“. Hier heißt es:“Als ich geboren wurde,  machte der Kaiser noch seine Nordlandfahrten, trugen die Männer des Dorfes, in dem ich den ersten Schrei ausstieß, den Es-ist-erreicht-Schnurrbart, gab es noch die klingenden Taler und das goldene Zwanzigmarkstück.“

Bansin wurde 1256 das erste Mal erwähnt. Das Seebad Bansin entstand erst viel später. 1896 gründeten die Bansiner eine Badegenossenschaft. 1901 kam die Anerkennung als Seebad. 1923 gab es eine Freibadeerlaubnis, man durfte sich fortan im Badeanzug am Strand tummeln.

Bansin wurde das „Adelsbad“ genannt. Eine Bahnverbindung entstand 1911. Die Künstler suchten Entspannung am idyllischen Schloonsee. An den Fischerkaten nahe der Seenbrücke duftet es – wie nicht anders zu erwarten – nach Fisch. Eine hölzerne Konzertmuschel wurde 1930 gebaut.

Im historischen Feuerwehr-Gerätehaus befindet sich heute das Hans-Werner-Richter-Haus. Zudem gibt es in Bansin den kleinsten Zoo der Welt und das Gedenkatelier Rolf Werner. Sein „poetischer Realismus“ sucht seinesgleichen.

Auch in Heringsdorf findet sich eine pittoreske Seebrücke. Sie mißt 508 Meter und gilt als die längste Europas. Hier weht ein kühler Wind auch bei warmer Witterung. In dem pyramidenförmigen Pavillon gibt es zwei Restaurants. Auf der Brücke befinden sich 25 Geschäfte und ein Muschelmuseum. Auf dem Vorplatz der Seebrücke steht ein Kugelbrunnen. Der Ort ist gekennzeichnet durch prächtige Villen, die Villa Staudt von 1873. Ihr Eigentümer war der Konsul Staudt, sein Gast häufig Kaiser Wilhelm II. Die Villa Oppenheim wurde 1880 im palladinischen Stil erbaut. Von 1909 bis 1912 verbrachte dort der Maler Lyonel Feininger sein Ferien. Die Vila Diana ließ der Bankier Gerson von Bleichröder 1890 als Sommersitz errichten. 1933 wurde die Familie enteignet und Göring beanspruchte das Haus. In der DDR wurde es zum FDGB-Ferienheim.

Das Weiße Schloß ist das Haus des Heringsdorf -Gründers Bülow. 1866 gastierte hier die preußische Kronprinzessin Viktoria. Kurt Tucholsky quartierte sich hier 1920 und 1921 ein. Die Kirche wurde 1848 im neugotischen Stil errichtet. Der Kirchenbau von 1848 war ein relativ kleiner Saalbau. Bereits 1905 wurde der baufällige Turm ausgebessert. Die Kirche steht inmitten eines kleinen Buchenwaldes auf einem Hügel. Der rote Ziegelbau mit seinem schlanken Turm erscheint als imposante Bekrönung der Anhöhe. Der Außenbau zeigt Stilelemente des Historismus.

Kirche von Heringsdorf

Der Aufenthaltsort ist Ahlbeck, ein kleiner malerischer Fischerort. Um 1700 wurde an der Beek, einem kleinen Fluß, eine Wassermühle erbaut. In der Beek gab es viele Aale. Auf dem nördlichen Flußufer – seit 1720 preußischer Staatsbesitz- entstand ebenfalls eine kleine Siedlung. Friedrich II. siedelte dort Kolonisten an. Das Dorf hieß Königlich Ahlbeck. Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die Touristen nach Ahlbeck. Bedeutender war allerdings das Seebad Heringsdorf. 1874 entstand das erste Hotel. Theodor Fontane erwog, dort sich ein Ferienhäuschen zu erwerben. Mittelpunkt Ahlbecks ist die Seebrücke, auf der Loriots „Pappa ante Portas“ spielte. An der Strandpromenade lässt es sich bummeln. Auf dem Vorplatz zur Seebrücke steht eine prächtige Jugendtstilstanduhr.

Sie wurde 1911 gestiftet. Die Backsteinkirche von 1895 ist sehenswert. In Ahlbek ißt man Fisch- Bismarckhering zum Beispiel.

Wer Usedom besucht, macht gern auch einmal einen Abstecher nach Polen, ins ehemals deutsche Kolberg, das nach dem Zweiten Weltkrieg nach Polen kam.

Geschichte Kolbergs Kolberg ist eine Stadt des Salzes.

Ab dem Jahre 1255 setzte sich für den Ort der Name Colberg durch, bevor er 1891 in Kolberg umbenannt wurde. Seit dem Jahre 1945 ist der offizielle Name der Stadt Kolobrzeg. Eine verbreitete Deutung des Namens ist auf deutsch: Ort am Ufer.  Eine erste Phase wirtschaftlicher Prosperität erlebte Kolberg mit dem Eintritt in die Hanse. Unter dem Schutz der großen Handelsorganisation der Ostsee konnte Kolberg Fischfang betreiben und besaß auf der Insel Schonen eine eigene Handelsniederlassung, eine sogenannte Vitte.

Als ab 1600 der Seehandel mit der Bedeutung der Hanse zurückging und die Erträge aus dem Salzgeschäft ebenfalls mangelhaft waren, begann für die Kolberger eine lange Zeit von Kriegen, Belagerungen und Verwüstungen. Häufig traten diese in so dichter Folge auf, dass die Einwohner kaum Zeit fanden, sich von den Folgen des letzten Krieges zu erholen, als der neue bereits nahte.

Einen erneuten Aufschwung machte Kolberg ab Anfang des 19. Jahrhunderts durch. Die Stadt entwickelte sich zum See-, Sol- und Moorbad und zog im Laufe der Jahre mehr und mehr Touristen in die Stadt.

Der zweite Weltkrieg mit seinen Verwerfungen brachte der Stadt eine neunzigprozentige Zerstörung sowie eine neue Bevölkerung. Kolberg ist auch heute durch starke Militärpräsenz charakterisiert. Bei Regen wirkt die Stadt so trist wie eine Träne, die wegen der vielen Toten nie versiegt. Der Hafen ist pittoresk, aber grau. Es empfiehlt sich, einen Apfelstrudel zu essen. Nicht jedes Restaurant nimmt allerdings schon Euro als Zahlungsmittel. Ein bedeutender Durchhaltefilm des Dritten Reiches war der Film „Kolberg“. Anschließend ist es ratsam, seinen Bus wieder zu finden.

Nur wenige Monate vor der sich abzuzeichnenden Niederlage des Deutschen Reichs im Zweiten Weltkrieg sollte der Film „Kolberg“ die deutsche Bevölkerung in den Kinos zum Weiterkämpfen aufrufen. Der von Propagandaminister Joseph Goebbels im Sommer 1943 in Auftrag gegebene „größte Film aller Zeiten“ erzählt unter der Regie von Veit Harlan (auch „Jud Süß“) die Geschichte der Verteidigung der pommerschen Stadt Kolberg unter Leitung des preußischen Generalfeldmarschalls Graf Neidhardt von Gneisenau (1760-1831) gegen die Truppen Napoleon Bonapartes. Nachdem die preußische Armee bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 geschlagen worden war, bot in Preußen nur noch die Festung Kolberg bis Juli 1807 entschlossenen Widerstand gegen die feindlichen Okkupanten. „Lieber unter Trümmern begraben, als kapitulieren!“ – so die gleichnishaften Worte des Bürgermeisters von Kolberg, Joachim Nettelbeck (1738-1824). Er wurde von Heinrich George gespielt. Der Film konnte den Kriegsverlauf allerdings auch nicht mehr ändern.

Peenemünde

Die V 2, als Vergeltungswaffe eine sogenannte Wunderwaffe des Dritten Reiches, wurde in Peenemünde gebaut. Walter Dornberger beschreibt in einem sehr affirmativem Buch die Entwicklung dieser Waffe während des Dritten Reiches. Im Jahr 1943 wurde Dornberger zum Generalmajor ernannt und Kommandeur der Heeresversuchsanstalt Peenemünde. Dornberger war von 1943 bis 1945 auch zuständig für das Training und die Logistik der V 2 -Einheiten. Am 29. Oktober 1944 wurde Dornberger nach dem Einsatz der V2 an der Westfront mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.

Dornberger schrieb ein ausführliches Buch über seine Zeit in Peenemünde „Die Geschichte der C- Waffen“, das ohne jegliche Distanz die damalige Zeit betrachtet. Das Buch liest sich wie ein spannender Roman, wie auf der Rückseite steht, und bietet doch nichts als Grauen. Unter der Überschrift „Flammende Nacht“, wird des vernichtenden Luftangriffs der Engländer vom August 1943 gedacht. „Mein armes, armes Peenemünde!“ meint der Autor angesichts des Ausmasses der Zerstörungen. „Es sollen 600 viermotorige englische Bomber beteiligt gewesen sein. Nach Londoner Radiomeldungen sind 1,5 Millionen Kilogramm Sprengbomben und eine ungeheure Menge Brandbomben abgeworfen worden. Aus erbeuteten Karten und Skizzen geht der Angriffsplan klar hervor. Die Bomber haben sich über Rügen gesammelt. Nach dem Ablenkungsmanöver der ersten Welle, die die Jagdabwehr wegziehen sollte, sind sie längs einer geraden Linie, von der Nord- über die Südspitze Rügens fliegend, genau über den Anlagen in Peenemünde erschienen… Am härtesten war die Siedlung betroffen worden … Flak und Nachtjäger haben 47 Bomber abgeschossen. Die gefangenen Besatzungen dieser britischen Bomber sollen sollen ihr Erstaunen über die verhältnismäßig geringe Abwehr geäußert haben.“

In Dornbergers Buch findet sich eine starke und unkritische Technikbegeisterung mit keinerlei Distanz zur damaligen Entwicklung von Waffen, die eingesetzt wurden, als der Krieg schon verloren war.

Die Nazis stilisierten die V2 zur deutschen Hoffnung auf den „Endsieg“; sie sollte den Widerstandswillen der britischen Bevölkerung brechen. Der erste erfolgreiche Start gelang im Herbst 1942, die V2 wurde bis kurz vor Kriegsende eingesetzt. An der Serienherstellung mussten Häftlinge des Konzentrationslagers Dora-Mittelbau mitarbeiten, eines der grausamsten Lager des Dritten Reiches.

Rund 20.000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene starben beim Bau der Versuchsanlagen in Peenemünde, der unterirdischen Raketenfabrik in Thüringen und bei der Waffenproduktion. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Tausende V2-Raketen auf Städte in England, Frankreich, Belgien und Holland abgefeuert. Laut Bundeszentrale für politische Bildung kamen dabei etwa 12.000 Menschen ums Leben, vor allem in London und Antwerpen. Weder für die Zwangsarbeiter noch für die Opfer der V2-Angriffe findet Dornberger ein einziges Wort des Mitleides.

Das Historisch Technische Informationszentrum befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Kraftwerks, einem der wenigen sichtbaren Zeitzeugen der Peenemünder Versuchsanstalt. Die im Schalthausbau befindliche historische Ausstellung dokumentiert die Waffenentwicklung und -erprobung der Peenemünder Heeresversuchsanstalt und der Luftwaffenerprobungsstelle des Dritten Reiches sowie die Raketenentwicklung in der Nachkriegszeit. Im Freigelände werden neben orginalgetreuen Modellen der V1 und V2, Flugzeug-, Schiffstechnik- und -bewaffnung aus den Beständen der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR ausgestellt.

Außerhalb des Geländes befindet sich eine Kapelle, die im Jahr 1993 restauriert wurde – pünktlich zur 50 jährigen Wiederkehr der ersten Bombardierung Peenemündes.

In der Nähe befindet sich der Gedenkstein des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf, der an die Landung seines Heeres während des Dreißigjährigen Krieges erinnert.

Gustav adolf

Gustav Adolf Gedenkstein

Der Gedenkstein wurde 1930 errichtet. Seine Inschrift lautet: „Verzage nicht, Du Häuflein klein“.

Eine Mahn- und Gedenkstätte im Kiefernwald am Ortseingang in Karlshagen erinnert als Symbol der Besinnung an die Opfer des Krieges.

Koserow

Koserows Seebrücke ragt 261 Meter in die Ostsee. Wahrzeichen des Ortes sind die Salzhütten in der Nähe der Seebrücke. Sie wurden 1820 auf Anordnung des preußischen Staates errichtet. Ihr Zweck war, die Heringe für das Binnenland mit subventioniertem Salz haltbar zu machen. Zudem sollte den Fischern zu einem bescheidenen Einkommen verholfen werden. Einige Salzhütten aus Lehmfachwerk blieben erhalten und stehen unter Denkmalschutz. Koserow liegt nahe am Streckelsberg (56 Meter), der höchsten Erhebung an der Küste. Vor dem Ort liegt das Vineta-Riff.

Die Koserower Kirche zählt zu den ältesten Usedoms. 1230 wurde sie von den Mönchen aus Pudalga geweiht. 1843 wurde ein Roman veröffentlicht, der vom Pfarrer dieser Kirche, Johann Wilhelm Meinhold, veröffentlicht wurde. Titel: „Maria Schweidler, die Bernsteinhexe.“ Meinhold hatte die Pfarreistelle in Koserow nur sechs Jahre inne, weitere 17 Jahre verbrachte er als Pfarrer in Krummin. Er wurde wegen Aufmüpfigkeit gegen die Obrigkeit vorzeitig pensioniert und starb 1851 in Berlin-Charlottenburg. Maria Schweidler fand in Zeiten großer Not Bernstein, dessen Verkauf das Überleben der Pfarrersfamilie sichern konnte. Die Tatsache, dass es im Pfarrhaus wieder etwas zu essen gab, brachte das Mädchen in den Ruf, eine Hexe zu sein. Das Mädchen wurde zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt und in letzter Minute gerettet.

Bei dem Vineta -Kreuz in der Kirche handelt es sich um eine schwedische Arbeit aus dem 15. Jahrhundert. Das Vineta-Riff galt lange Zeit als Überrest der versunkenen Sagenstadt. Die massiven Felsbrocken des Riffs wurden im 19. Jahrhundert ausgebaggert.

Koserow

Koserower Kirche


Reisebericht: Ligurien 15.08.2006 bis 25.8.2006

Ich kam, sah und siegte, nicht 47 vor Christus, sondern Mitte August flog die Lufthansa nach Nizza, von dort ging es weiter nach Perinaldo über Ventimiglia und Bordighera. Das Meer wieder einmal zu sehen, war schon der eine Sieg, den Duft der Pinien zu riechen, der zweite – beide Siege gelangen ohne die Anwendung unmittelbarer militärischer Gewalt, es waren sozusagen gewaltlose Siege.

Nicht so gewaltfrei ging es bei früheren germanischen Landnahmen in Italien zu.

So kamen zum Beispiel 568 mit den Langobarden, einem westgermanischen Stamm, regelrechte Eroberer, ganz Oberitalien unterwarfen sie sich. Kerngebiete ihres Reiches waren Venetien, die Poebene (für die Einheimischen damals offensichtlich eine regelrecht stinkende Gegend) und die Toskana. Ihr erster König Alboin verlor sein Leben durch Mord 572, zwei Jahre später wurde sein Nachfolger Kleph ebenfalls ermordet. Mord in der Geschichte – eine endlose Serie. Eroberer kommen eben nicht in friedlicher Absicht. So fielen den Gräueln der ersten Eroberungsphase der Langobarden die grundbesitzende einheimische Schicht zum Opfer. Im 7. Jahrhundert schreitet die Romanisierung der langobardischen Herrenschicht fort – damit ist im August 2006 überhaupt nichts zu vergleichen. Die Langobarden treten vom Arianismus zum Katholizismus über.

Die bayerische Prinzessin Theudelinde, die König Authari heiratete, förderte diesen Prozeß – die Bayern waren eben damals schon für ihren ausgreifenden Katholizismus bekannt. Die ebenfalls langobardischen Herzogtümer Spoleto und Benevent blieben bis auf die Zeit von König Liutprand (712 bis 744) vom Langobarden- reich weitgehend unabhängig. Die Könige stützen sich sowohl auf die persönliche Gefolgschaft als auch auf die Arimannen, das sind gegen Kriegsdienst und Zins auf Fiskalland angesiedelte Freie. Sie unterstanden Schultheißen und bildeten autonome Landgemeinden. Nicht Rotbart sondern König Rothari veranlaßte 643 die erste Aufzeichnung des langobardischen Rechtes (Edictus Rothari), er eroberte zudem die ligurische Küste mit Genua, sein Nachfolger Aripert I., eine Neffe Theudelindes, wurde dann endgültig Katholik, nachdem sein Vorgänger Rothari noch Arianer war. Byzanz konnte 663 das Langobardenreich nicht niederringen. Auch das Langobardenreich ging den Weg vieler Reiche, 733 bis 774 wurde es von Karl dem Großen erobert. Der letzte langobardische König Desiderius ging in Gefangenschaft, fortan wurden die Langobarden dem Frankenreich unterstellt (Karl als rex Francorum et Langobardorum) Oberitalien ist nun fränkisch, in Mittelitalien findet man den Kirchenstaat, Unteritalien kommt unter die Herrschaft der Byzantiner, später der Normannen.

Das waren allerdings noch nicht die ersten Germanen in Italien, schon im 5. Jahrhundert gründete Theoderich das Ostgotenreich, das war 493. Der Gotenkönig war ein „wahrer Kaiser“, er übte die Blutsgerichtsbarkeit und das Gnadenbrot über alle Bewohner Italiens aus; obwohl Arianer, besaß er die Hoheit über die katholische Kirche. 626 stirbt er in Ravenna, wo heute sein Grabmal zu bewundern ist – in der Heldensage ist er Dietrich von Bern. Bekannt ist das „Edictum Theoderici“, das nicht in das Vorrecht der kaiserlichen Gesetzgebung eingreift, aber territorial alle erfaßt. Das ostgotische Föderatenheer ersetzt eine römische Hofarmee. Italiker dienen damit nur in regionalen Milizeinheiten, sie leisten nur in Ausnahmefällen Kriegsdienst im Felde. Nichts zu lachen hatte Theoderichs Tochter, Amalaswintha, die 534 als Königin der Ostgoten regierte. Ihr Vetter Theodahad, den sie zum Mitregenten erhoben hat, hatte nicht Besseres zu tun als sie ein Jahr später zu ermorden – dieser Unhold! Diese Untat  bietet Kaiser Justinian I. Gelegenheit, von Byzanz aus, den Ostgoten den Krieg zu erklären, Totila konnte 541 noch einmal ganz Italien außer Ravenna zurückerobern. 552/ 553 kann Narses die Ostgoten im Dienst von Byzanz besiegen. Nicht allzu lang hat also das Ostgotenreich Bestand gehabt. Vielleicht hat Theodahad die Lunte zum Untergang gelegt.

Noch vorher versuchte sich König Theudebert I. auch in Italien. Ausgangspunkt seiner Machtentfaltung war neben seinem Kerngebiet um Reims seine Herrschaft über Thüringer und Alemannen, 537 ehelichte er eine langobardische Fürstentochter. Von Rätien aus griff er in Italien ein. Mit dem Ostgotenkönig Vitigis wollte er ein Bündnis gegen Byzanz schließen und beanspruchte dafür die Hälfte Italiens. 539 rückte Theudebert mit einem großen Heer über die Westalpenpässe nach Italien vor, besiegte sowohl die Ostgoten als auch die Byzantiner und verwüstete die Emilia zwischen Po und Appenin verwüstete.

Mit dem byzantinischen Feldherren Belisar schloss er erst dann einen Waffenstillstand, als Seuchen in seinem Heer ausbrachen. Ligurien und das südliche Vorfeld der Alpen blieben in seiner Hand. 545 eroberte er große Teile Venetiens und Aquilea. Er ließ sich auf Goldmünzen portraitieren und verlieh sich den Titel Augustus und plante wohl einen Angriff auf Byzanz.

Gelegentlich wurde er sogar „der Große“ genannt.

Lassen wir nun die kriegerischen Eroberungen, erobern wir Perinaldo friedlich, das 572 Meter über dem Meeresspiegel liegt und etwa 900 Einwohner hat, wobei die zahlreichen Touristen allerdings nicht mitgezählt sind. Die Auffahrt in diesen malerischen Ort ist extrem kurven- reich und gelegentlich mit einem vorsichtshalber getätigten Hupen verbunden. Unterhalb dieses Ortes werden die Abhänge für Weinberge, Olivenkulturen und Blumenzucht genutzt. Berühmte Astronomen lebten in diesem Ort, Gian Domenico Cassini (1625 bis 1712) und zwei Angehörige der Familie Maraldi. Die Pfarrkirche S. Nicolò di Bari wurde 1357 gegründet, die Barockfassade stammt von 1770. Dem Astronomen ist ein kleines Museum gewidmet.

Unterhalb des Ortes liegt die Wallfahrtskirche Visitazione, sie ist nächstens malerisch beleuchtet. Der Kirchturm von S. Nicolò schlägt nicht nur monoton, sondern sogar gelegentlich mit einem Glockenspiel. Neben ihm zu wohnen, kann bedeuten, regulär mit diesen Geräuschen konfrontiert zu werden. Bewohnt man hier ein Haus, kann man das Meer sehen, das einem in 30 Kilometer Entfernung (geschätzt) entgegen leuchtet (verschwommen), ebenso die Autobahnbrücke mit ihren riesigen Pfeilern, die Nizza mit Genua verbindet. In das Dorfinnere kann man nur als Fußgänger vordringen, weil die Gassen zu eng sind. Es gibt kaum eine Straße, die breit genug ist, um bei Gegenverkehr nicht zurückstoßen zu müssen, was abenteuerlich ist. Die Parkplatzsituation ist nervig, weil es schwer ist, einen freien Platz zu bekommen, nicht nur in Perinaldo, sondern auch am Strand. Nicht selten muss man eine halbe Stunde einen Parkplatz suchen, ein Bus fährt allerdings schon gar nicht, die Situation der öffentlichen Verkehrsmittel ist dürftig, was vor allem in Städten wie San Remo bald zum Verkehrsinfarkt führen dürfte, braucht man doch mindestens zwei Stunden, um durch die Stadt zu kommen. Auffällig sind die vielen Roller, die eine rechts und links überholen, gelegentlich mit achtzig auf der Busspur rechts überholen. Trotz aller nicht weg zu leugnenden Anarchie hat man nicht den Eindruck, als ob die Unfallgefahr erhöht ist, irgendwie fahren viele nach dem Motto. „Nicht die Ordnung lieben, aber das Chaos meistern!“

Ligurien1

Perinaldo

Kommen wir zur Müllabfuhr. Eine getrennte Sammlung gibt es in Perinaldo nicht. Der zentrale Müllcontainer befindet sich in einem Holzverschlag auf der Hauptstraße. Hier  kann man den Müll manuell hinbringen. Im Gegensatz zu Mallorca fehlt aber die wilde Mülldeponie, die dort häufig zu finden ist, hier fast völlig. Ein Fortschritt nach dem Motto: wenig ist besser als gar nichts.

Das Preisniveau ist hoch, die italienische Riviera nicht umsonst ein Hauptattraktionspunkt der Touristen, bescheidener Komfort am Strand zum Baden kostet gleich sechs Euro pro Person. Aber umsonst ist eben der Tod und der ist auch teuer.

Lohnend ist in jedem Fall ein Abstecher in Dolceacqua, dem wirtschaftlichen Zentrums des Nerviatals. Imposant ist die 33 Meter lange Eselsrückenbrücke aus dem 15. Jahrhundert. Der Wein dieses Städtchens ist ebenso berühmt wie sein Olivenöl. Dolceacqua wurde von Savoyen 1652 zur Markgrafschaft erhoben. 1815 kam es zum Königreich Sardinien. 1177 wurde die erstmals die Burg „Castrum de Dulzana“ erwähnt.

Besuchen wir die reizvollen Gärten von Hanbury, die sich auf ungefähr 18 Hektar Fläche erstrecken. Hanbury sammelte ein großes Vermögen durch den Handel mit Tee, Gewürzen und Seide. Er erwarb ein Landgut mit dem Namen „Palazzo“, das Gebäude stammte aus dem 11. Jahrhundert. 1960 erwarb der Staat das Gebiet, nachdem Dorothy Hanbury, die Schwiegertochter des Gründers, zwischen 1925 und 1939 Veränderungen des Areals durchgesetzt hatte. Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein Eingangstor errichtet. Im Schlussstein des Bogens erscheint ein chinesisches Ideogramm, das „Glück“ bedeutet. Ein kleiner Bach durchfließt den Garten, der „Rio Sorba“. Zu sehen sind verschiedene Arten des Genus Aloe. Auch Agaven – Fettpflanzen aus den warmen Regionen der Nord- und Zentralamerikas- sind zu bewundern. Nach der Blütezeit stirbt das Röschen der meisten Agaven, sie können starke, schwache oder auch keine Dornen haben. Eine Zypressenallee, die den Garten von Osten bis Westen durchquert, bildet den zentralen Teil des ursprünglichen Zugangs zum „Palazzo“. Am Ende einer Treppe steht das Maurische Mausoleum, ein 1886 errichteter Tempel, in dem die Asche von Thomas Hanbury und seiner Frau Katherine Pease ruht.

Ruhen wir nicht, ehe wir das Archäologische Museum „Girolamo Rossi“ in Ventimiglia besucht haben. Girolamo Rossi lebte von 1831 bis 1914 und war ein leidenschaftlicher Ausgräber. Die Festung wurde von den Savoyern im 19. Jahrhundert erbaut. Im 16. Jahrhundert stand hier ein Kloster, das der Festung den Namen gab. Zur Zeit besteht das Museum aus vier Sälen. Im ersten Saal findet man die Funde aus Glas, die aus der Nekropolis Albintimilium stammen. Im zweiten Saal befinden sich Vitrinen mit Tonfiguren und Ölllampen. Von grosser Bedeutung sind die architektonischen Figuren aus Ton. Der dritte Saal enthält das Lapidarium mit mehr als 50 römischen Inschriften aus dem I. bis IV. Jahrhundert nach Christus. Die Funde betreffen die führenden Klassen, Senat und Ritterstand, z.B. die Basis des Aemilius Bassus, einer berühmten Persönlichkeit oder das Epigraph eines unbekannten Senators. Auch findet man Aesculapius gewidmete Votivbilder. – Der vierte Saal enthält Hanburykollektionen – Statuen, Köpfe, Portraits, Reliefs und Sarkophage aus römischer Zeit, z.B. einen weiblichen Götterkopf oder ein Männerportrait aus de flavischen Zeit.

Werfen wir noch einen Blick auf die ligurisch-römische Stadt Albintimilium am Fuß des Steilen Hügels im Osten der Stadt Ventimiglia. Die Reste sind links und rechts des Corso Genova vor der Brücke über die Bahnlinie zu sehen. Flächenmäßig 600 x 400 m groß, war das größte Bauwerk das Theater von Ende 2./ Anfang 3. Jh., das etwa 5000 Zuschauer fasste. Dahinter lag die Porta Praetoria, von der noch zwei Rundtürme stehen. Daneben dehnte sich die große Nekropole aus, in der zahlreiche wertvolle Funde entdeckt wurden. Thermen und Villen mit sehenswerten Mosaikfußböden lagen vor dem Theater, ein Aquädukt versorgte die Anlagen mit Wasser. Die Kathedrale S. Maria Assunta geht auf eine karolingische Kirche des 9./10. Jahrhunderts zurück. Im 11. Jahrhundert entstanden eine größere dreischiffige Basilika im lombardischen Stil, der Glockenturm wurde 1150 errichtet, sein oberer Teilbarock umgestaltet. Im Innern findet man die provenzalische Zisterzienser- Architektur.

Auf eine vorchristliche Vorgeschichte verweist eine römische Inschrift. Hauptachse der Stadt ist die Via Garibaldi. Im nordwestlichen Teil der Altstadt steht die Kirche S. Michele, um 1100 als Hauskapelle der Grafen von Ventimiglia errichtet.

Fahren wir ein Stück nach Osten, so gelangen wir in den bekanntesten Badeort der ganzen Riviera, San Remo. In römischer Zeit befestigte man das Dorf gegen die Sarazenen und nannte es „Castrum Sancti Romuli“, im Dialekt hieß es „Sanrömu“, woraus San Remo wurde. 1860 wurde das erste Hotel gebaut, 1904 bis 1906 folgte das Casino. 1887 hielt sich hier der Kronprinz Friedrich Wilhelm (später Friedrich III.) auf. 1920 wurde in der Konferenz von San Remo eine Revision des Versailler Vertrages abgelehnt. Die Altstadt („Pigna“) ist eine typisch mittelalterliche Stadt an der Riviera. Im 13. Jahrhundert wurde die romanisch – gothische Kathedrale San Siro erbaut. Nebenan steht das Baptisterium, das  ursprünglich romanisch war und später zu einem barocken Zentralbau umgewandelt wurde. Das Stadtmuseum bietet einen hervorragenden Überblick über die Stadtgeschichte, der allerdings nur in italienischer Sprache gewährt wird. Die russisch-orthodoxe Kirche S. Basilio erinnert an den Aufenthalt der Zarin Maria Alexandrowna 1874/1875. Auch die Überreste der montenegrinischen Königsfamilie wurden hier bis 1989 aufbewahrt. Wer mit dem Auto durch San Remo fährt, braucht dazu vor allem nachmittags sehr lange, da die Straßen verstopft sind. Besser man fährt also mit dem Zug von Bordighera hin. Man muss hier allerdings viele Tunnels durchfahren und am Hauptbahnhof von San Remo lange in dis Innenstadt laufen. viele Moped- und Rollerfahrer beweisen eine hohe Virtuosität, um sich zwischen den vielen Autos voranzuschlängeln.

Werfen wir zum Schluss einen virtuosen Blick auf die mittelalterliche Stadt Taggia und erblicken – zur Erbauung der Augen – ie Reste der Burg aus dem 12. Jahrhundert, weiter zu empfehlen die Basilika Giacomo e Filippo aus dem 17. Jahrhundert. Hier steht die Marmorstatue „Madonna vom heiligen Herzen“. Am südlichen Ortsrand liegt die Kirche San Domenico, für viele Jahrhunderte das geistliche Zentrum der westlichen Riviera. Die Dominikaner erbauten den spätgotischen Bau von 1469 bis 1479. Der Innenraum ist geprägt durch den schwarzweißen Dekor. Ein pittoresker Kreuzgang entstand im 15. Jahrhundert.

Das Museum enthält Werke von Parmigiano – dem Entdecker des Parmesankäses (!). Besucher, die einen Euro spenden, bekommen eine Willkommensportion Spaghetti mit extra viel Parmesankäse (!)[1]

Nicht mithalten kann allerdings die Parmesanspaghetti-Portion mit der Strandpizzeria in Arma di Taggia, wo ein luzider Sandstrand zum Baden einlädt. Hier kann man dösen oder ins Meer schwimmen. Es grüßen echt italienische Möwen, die das Erlernen der italienischen Sprache erleichtern. Dialog:

Möwe: „Buon giorno, Signor Schauer!“

Signor: „Buon giorno, cari amici, siamo fratelli!“

[1] Es handelt sich dabei um Gerüchte, die einer Bestätigung durch das Fremdenverkehrsamt bedürfen


Der Bayerische Wald, Tschechien, die Grenzregion, 04.09.2004 bis 10.09.2004

Waldmünchen, 04.09.2004: 

Was gründen von den Hunnen versprengte Mönche 910? – Angeblich Waldmünchen, was nicht exakt zu beweisen ist.

Wahrscheinlicher ist da schon die Zahl 1283. Vom 15. Jahrhundert an lautet der Ort definitiv Waldmünchen. 1526 erfolgt die Erhebung zur Stadt. Das Pflegerschloß  ist wohl um 1000 entstanden, die Stadtmauern werden 1364 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Der Ort konnte frühzeitig schon im 15. Jahrhundert die niedere Gerichtsbarkeit ausüben, die auch im 18. Jahrhundert ausgeübt wurde.  

Das kurpfälzische Amt hatte Waldmünchen seit 1510. Ein Landgericht wurde dort 1803 eröffnet. Seit 1280 hat Waldmünchen einen Rat, der einen Richter wählt, dem später ein Bürgermeister folgt, 1563 gab es sogar einen „Rat der Zwölfe“ von vier Bürgermeistern und acht Räten. 1818 erhielt die Stadt von Maximilian I. von Bayern als mittelbare Stadt einen gewählten Bürgermeister. 

Das Herrschaftsgebiet des Nordgaus konnte stolz darauf sein, den Ort Waldmünchen seit 788 zu seinem Territorium zählen zu können, seit 1072 gehörte Waldmünchen zur Markgrafschaft  Cham. Als Berthold IV. das Zeitliche segnete, fiel die Markgrafschaft Cham an die bayerischen Herzöge, deren Vasallen wiederum die Schwarzenburger waren. 1283 mußte sich die Herrschaft Schwarzenburg den niederbayerischen Herzögen beugen. 

Heinrich von Guttenstein kam 1506 in den Besitz von Waldmünchen. Dieser war ein berüchtigter Raubritter. Er überfiel auf der alten Handelsstraße nach Böhmen Kaufleute. Lösegeld wollte er aus ihnen pressen. 1510 verkaufte der berüchtigte Guttensteiner seine Herrschaft an den Kurfürsten  Ludwig von der Pfalz.  

Furth im Wald, 05.09.2004:

Wer keinen Hausdrachen hat und trotzdem scharf auf Drachen ist, der fahre nach Furth im Wald. Nicht im Odenwald, wo Siegfried den Drachen erlegte, sondern hier an der Ostgrenze Bayerns zu Tschechien findet seit mehr als 500 Jahren der „Drachenstich“ statt. Der Ursprung dieses ältesten deutschen Volksschauspiels liegt in der Legende von Sankt Georg. Das Spiel handelt in der düsteren Zeit des Mittelalters. Ein  Drachenmuseum bietet dem Interessierten fundierte Einblicke in die Geschichte dieses Fabelwesens. 

Die Geschichte der Stadt hat ihren ersten Höhepunkt 1086, als Kaiser Heinrich IV. die Siedlung „Vurte“ den Grafen zu Bogen schenkte. Die Siedlung lag an einer Furt. Hier verband eine alte Heer- und Handelsstraße Bayern und Böhmen. Möglicherweise reiste schon der Regensburger Bischof Wolfgang nach Prag  über Furth. Der Ort war eine dokumentierte Zollstation. Um 1300 wurden in der Further Mautstelle Salz, Getreide, Feigen, Kupfer, Zinn, Blei, verschiedene Getränke, Leinwand, Leder, Wolle und Obst verzollt. Vieh aus Galizien durfte das Privileg genießen, von Nürnberger Kaufleute über Furth in den Westen getrieben zu werden.

1332 verliehen die bayerischen Herzöge dem Ort die Stadtrechte. Furth im Wald wurde im 19. Jahrhundert aus seiner ländlichen Abgeschiedenheit gerissen. 1861 wurde die Eisenbahnlinie Nürnberg-Prag gebaut. Die Stadt wuchs durch die Ansiedlung von Industrien, ein Grenzbahnhof entstand als Verbindung zu Böhmen. Nach dem Wegfall des „Eisernen Vorhangs“ 1990 explodierte der grenzüberschreitende Verkehr. 

Schon einmal war der Ort schier unüberwindlichen Schwierigkeiten gegenübergestanden. In den Nachkriegsjahren war der Ort 1945/1946 für mehr als 750.000 Vertriebene die erste Station nach der Vertreibung.  

Großer Arbersee, 06.09.2004:

Der Nordgau ist ein historischer Begriff, der Naturpark Bayerischer Wald kann als Naturlandschaft eingestuft werden. Seit 1952 tobte ein Kampf um diesen Naturpark, der 1967 im Sinne des Naturschutzes entschieden wurde. Der Bayerische Wald war schließlich die ideale Gegend für ein weiteres besonders geschütztes Gebiet, nachdem schon 26 Naturschutzgebiete mit einer Fläche von 1240 Hektar  existierten. Brennpunkt der Touristik war einst und jetzt der „Große Arbersee“, der malerisch von Wäldern umgeben nahe der tschechischen Grenze liegt. Der Himmel ist strahlend blau (oh weh), die Luft etwas kühl, seltene Flechten sind um den See zu finden, ein fußgängerfreundlicher Rundweg läßt den Spaziergang zur rechten Freude werden. Die Gastronomie am See lädt zum Verweilen ein, ein Briefkasten bewirkt, daß man auch hier alten Bekannten phantasievolle Ansichtskarten schicken kann.

Ein kleiner Abstecher- und schon ist man am Arber und fährt mit der Seilbahn hinauf – ein röhrender Hirsch ist nicht zu sehen, dafür aber bietet sich folgender unsäglicher Kalauer an 

Was ißt man auf dem Arber? – Rhabarber!

Was ißt man auf dem Nanga Parbat? – Blattspinat! 

Was ißt man in Alzenau? – Kabeljau (vom Fisch-Düwel auf dem Marktplatz)! 

Was ißt der Linke im Kahlgrund? – Saure Gurken – aus Frust  über Hartz IV und den Montagsdemoschwund!!!!!!!!!! 

07.09.2004 Susice und Burg Rabi:

(Exkurs: Was isst man auf Burg Rabi? – Kohl-Rabi!)

Der Böhmerwald wurde lange auch von sehr vielen Deutschen bewohnt, deswegen gibt es für fast jede Ortschaft einen deutschen Namen, so heißt Susice auch Schüttenhofen und wurde im 9. Jahrhundert als Goldwäscherdorf gegründet. Die Luxemburger unter den böhmischen Kaisern gewährten eine Reihe von Privilegien, nach den Hussitenkriegen versank die Stadt in Bedeutungslosigkeit. Im Böhmerwaldmuseum können vor allem Zündholzschachteln bewundert werden. Im 19. Jahrhundert gegründet, wurde die Firma Fürth die größte ihrer Art im Habsburger Reich. Sie exportierte ihre farbenfrohen Zündholzschachteln in alle Kontinente. 1903 kam es zur Gründung der Gesellschaft SOLO nach der Fusionierung mit anderen kleinen Fabriken. Farbenfrohe Streichholzschachteln machen das Museum auch für Kinder interessant, vor allem wenn sie käuflich erworben werden können. 

Die Burg Rabi entstand im 13. Jahrhundert. Ihre große Ausdehnung wirkt attraktiv. Ihre herausragenden Herren  waren die  Svihovsky von Riesenberg. So meint auch der offizielle Führer gleich  am Anfang: „Die majestätische Burgruine Rabi ist eine der beeindruckendsten und gleichzeitig gröten Burgen, eine von Weitem sichtbare Dominante der  nördlich von Susice gelegenen Gegend … Die älteste Bauphase des Burgkerns zeigt romanischen Charakter und beweist somit, dass die Burg lange vor ihrer schriftlichen Erwähnung aus dem Jahr 1380 gegründet wurde.“ Im besagten 13. Jahrhundert kam die Burg mit dem angrenzenden Gebiet an die  Wittelsbacher, danach kam sie unter Ottokar II., dem Premysliden, wieder in das Königreich Böhmen. Die Herren von Velhartice bauten die Burg im 14. Jahrhundert großzügig um. Danach war dann die Familie Svihovsky Ryzemberk der Eigentümer, die die Burg Ende des 14. Jahrhunderts großzügig erweiterte. 1420/1421 wurde die Burg durch Hussiten erobert.

Jan Zizkas Augenlicht ist tragisch mit der Burg verquickt. 1420 konnte er die Burg zum ersten mal erobern, sieben Mönche ließ  er auf dem Scheiterhaufen verbrennen. 1421 verlor der Hussitenführer sein zweites Auge vor dieser Burg. 1490 war wieder ein großer Umbau fällig. Da die besagte adelige Familie der Svihovsky hohe Ansprüche hatte, mußten  ältere Gebäudetrakte umgebaut werden. Die Burg war mit dem Städtchen durch drei Tore verbunden. 

Die spätgotische Festung konnte nicht vollendet werden. In den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts hatten sich die Svihovskys  übernommen, weil ihnen die Baukosten über die Köpfe wuchsen. 1547 mußten die Svihovskys die Burg verkaufen, Nachfolger wurden die Chanovs z Dlouhe Vsi. Im 17. Jahrhundert kulminierte der bauliche Verfall der Burg, im Dreißigjährigen Krieg wurde sie ausgeplündert. Dies war der Verfall, der damit endete, dass  die Baumaterialien der Burg für die Häuser der Stadt verwendet wurden. Die Romantik bewirkte ein abermaliges Interesse für dieses imposante Bauwerk. 

Skurril ist die Geschichte des Affen des Grafen Puta Svihovskys, der 1494 in die Wälder entwischte. Die abergläubischen Bauern meinten Satan persönlich zu erkennen, als der Affe sich in den Bäumen fortbewegte und veranstalteten eine Teufelsjagd. Der Adelige verhängte, arrogant wie er war, eine Affensteuer, die bis zum Ende des 17. Jahrhunderts galt. – Wer alte Burgen schätzt und zudem sicher sein will, daß kein  übergroßer Andrang  herrscht, der möge sich die Burg merken! 

08.09.2004 Klattau (tschechisch: Klatovy):

Der Böhmerwaldcourier, der die Tour anbietet, macht dazu folgende Angaben: Gegründet wurde die Stadt 1260. Die Eisenbahnstrecke Bayerisch Eisenstein – Klatovy wurde in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts ausgebaut. Länge: 49 km, Höhe der Bahndämme: bis 38 m, Höhenunterschied: 450 m. 

Abfahrt in Bayerisch Eisenstein um 10.55 Uhr. Bahnhof Bayerisch Eisenstein und Zelezna Ruda/ Markt Eisenstein – Grenze: 724 M ü. M., eröffnet 1878, in Böhmen 1953 den Betrieb eingestellt, wieder eröffnet am 02.06.1991, Gemeinde Alzbetin- Elisental, früher auch Glashütte. 

Zelezna Ruda mesto – Markt Eisenstein Stadt: ca. 1000 Einwohner, Wintersport- und Erholungszentrum. Im 16. Jahrhundert Abbau und Verarbeitung von Eisenerz, Barocke Kirche Jungfrau Maria Hilf von Stern aus dem Jahr 1732, schönes Zwiebeldach und Sterngrundriss. 

Spicak – Spitzberg: Der höchstgelegene Bahnhof der Strecke (838 m), Berg Spicak – Spitzberg (1202 m), links davon Jezerni hora – Seewand (1343 m). Die Mulde Certovo jezero – des Teufelsees (1030 m), Fläche: 10,7 ha, Tiefe 37 m. Der Spitzbergtunnel, erbaut 1873 – 1877, Länge: 1748 m, überschreitet die europäische Wasserscheide zwischen dem Schwarzen Meer und der Nordsee. 

Hojsova Straz- Brcalnik – Frischwinkel: Links die Mulde Cerne jezero – des Schwarzen Sees (1008 m), Fläche: 18 ha, Tiefe: 40 m, dahinter die Seewand. Im Hintergrund rechts der Berg Velky Ostry – Großer Osser (1283 m) 

Hamry – Hojsova Straz – Hamern – Eisenstraß: Früher Sitz der Freibauern, die die Landesgrenze bewachten. Im 16. Jahrhundert Eisenerzabbau. Gegenüber dem Bahnhof Velky Ostrry – der Große Osser. 

Zelena Lhota – Grün: Einzige st. Wolfgangskirche in Böhmen (1786). Der Stausee seit 1969, 150 ha groß, dient als Trinkwasserspeicher, tiefste Stelle 34 m. 

Desenice – Deschenitz: Früher Schloss, später Brauerei und Gut.

Nyrsko – Neuern: Ca. 5000 Einwohner, gotische St. Thomaskirche. Einzige Brillenfabrik in CR. 

Petrovice: Lamazucht.

Janovice nad Uhlavou: Auf dem Hügel die gotische Burgruine Klenova. Große Kaserne, wo auch die Bundeswehr übt. 

Bezdekov: Neugotisches Schloss. 

Klatovy – Klattau: Ankunft 12.05 Uhr. Bahnhof seit 1956, etwa in der Mitte zwischen Bayerisch Eisenstein und Pilzen.  

Verlassen wir den Böhmerwaldcourier und betreten die Barockapotheke „Zum Weissen Einhorn“. Zu ihr meint der offizielle  Führer:

Die Geschichte des Apothekerwesens in Klatovy reicht bis in die Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück, als der erste Apotheker Bernard Feuerbach hier sein Gewerbe begann. Nach seinem Tode übernahm die Familie Schispogens die Apotheke und als einer der Gehilfen sich selbständig machte, hatte Klatovy zwei Apotheken. Später wurde eine der Apotheken „Zum Weissen Einhorn“ und die zweite „Zum schwarzen Adler“ genant. Im Jahre 1765 kaufte Prochazka, der Besitzer der Apotheke „Zum Weissen Einhorn“ auch die zweite Apotheke. Ab 1771 besass die Familie Firbas die Apotheke. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens im Jahre 1773 kaufte Jan Michal Firbas die ganze Einrichtung der jesuitischen Apotheke und übertrug sie in das Haus Nr. 149, wo sie sich bis heute an der ursprünglichen Stelle befindet. Zu beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Apotheke wieder zerteilt. Im Jahr 1966 wurde die Apotheke in ein Museum umgewandelt. Die heutige Exposition vermittelt dem Besucher ein Bild des Apothekermilieus des 18. Jahrhunderts. 

Die Apotheke wurde von der UNESCO zum Weltkulturdenkmal erklärt. Die Stadt hat auch sonst einiges zu bieten. Neben der Marienkirche aus dem 13. Jahrhundert erhebt sich der Weiße Turm aus dem 16. Jahrhundert. Der für die Stadt charakteristische 81 Meter hohe Schwarze Turm ist ebenfalls ein Renaissancebau und entstand zur gleichen Zeit wie das Rathaus. Kunsthistorisch am bedeutendsten ist die im 17. Jahrhundert von Domenico Orsi und Carlo Lurago errichtete Jesuitenkirche St. Ignatius. Möglicherweise stammt das Portal von Kilian Ignaz Dientzenhofer. In den Katakomben ruhen 200 mumifizierte tote Jesuiten, die man mit guten Nerven ausgestattet besichtigen kann. Fast wäre die Kirche verfallen. Als es 1981 schon zum Dach herein regnete, entwarf der Pfarrer ein Gerüst, um eine Renovierung zu ermöglichen. 

09.09.2004 Zwiesel:

Man befindet sich im Hinteren Bayerischen Wald. Gold spielt eine sagenhafte Rolle in der Geschichte der Stadt. Im 10. Jahrhundert sollen sich zwei Goldwäscher zwischen dem Kleinen und Großen Regen niedergelassen haben. Wahrscheinlich wurde das Zwieseler Becken erst im 11. oder 12. Jahrhundert besiedelt. Der heilige Gunther ließ sich als Einsiedler  um 1010 im heutigen Rinchnach im Bayerischen Wald nieder. 1029 stellte Kaiser Konrad II. für dieses Rinchnach eine Schenkungsurkunde aus, die auch den Zwieseler Raum umfasste. 

Urkundlich zum ersten Mal erwähnt ist der Ort 1254 als „unbebautes Dorf“. Dabei könnte eine kriegerische Auseinandersetzung der Anlass zu dieser Bezeichnung gewesen sein. Ein Jahr später wird Zwiesel wieder in den Quellen genannt, eine Kapelle wird ihm zugerechnet. Die Lastwagenmaut ist in Deutschland immer noch nicht eingeführt, damals im zwölften Jahrhundert war es viel einfacher, eine Maut einzuführen. Das Kloster Niederaltaich konnte seit 1295 in Zwiesel eine Maut von den Transporten  erheben. Dies Funktion als Mautstätte bewirkte den Aufstieg zum Markt. Zwiesel wird 1312 zum ersten Mal als Forum bezeichnet. Die Ritter von Degenberg, die sich seit 1308 als Herrscher im Bayerischen Wald aufbauten,  erwarben 1320 die Maut in Zwiesel. 1534 konnte dieses Geschlecht das Kloster Niederaltaich aus Zwiesel verdrängen und seinen Herrschaftsbereich um Zwiesel erweitern. 1602 starb allerdings das letzte Familienmitglied. Der bayerische Herzog vereinigte die Herrschaft 1609 mit seinem Pflegegericht Weißenstein in Personalunion. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Zwiesel zum Zentrum der Glasindustrie. Daneben entwickelte sich der Fremdenverkehr zu einer weiteren Säule der lokalen Wirtschaft. 1904 wurde Zwiesel schließlich zur Stadt erhoben.


Stiftskirche in Quedlinburg gefährdet, in: Main-Echo vom 23.12.2003

Leserbrief zu: „Vom Hauch de Geschichte umweht“, in: Main-Echo vom 20.12.2003

Tatsächlich weht nicht nur ein Hauch, sondern ein Sturm der Geschichte im Harz, in den die Studienfahrt der VHS Kahl führte. Muß man nicht tatsächlich zudem den dicken Wintermantel der Historie bemühen, um den Schneesturm auf dem Brocken zu bewältigen?

Zwei der besuchten Städte, Goslar und Quedlinburg, können tatsächlich als Kleinodien des deutschen Mittelalters angesehen werden, wobei für Goslar nicht so sehr Heinrich I. von überragender Bedeutung war, der 922 die Marktsiedlung gründete, sondern Kaiser Heinrich III. (1039 – 1056), unter dem 1050 der Pfalzbau sowie der Dom fertiggestellt wurden. Er und seine Gemahlin Agnes waren diesem Ort besonders verbunden, so daß 1050 in der Pfalz der spätere Kaiser Heinrich IV. geboren wurde, der in seiner Regierungszeit unter anderem den Gang nach Canossa antreten mußte. Eine Rarität ist bezüglich der körperlichen Überreste Heinrich III. festzustellen: die Knochen liegen in Speyer, das Herz wurde wunschgemäß in Goslar beigesetzt.

Für die andere Stadt, Quedlinburg, kann man nur auf die gefährdete Lage des Schlossberges hinweisen, auf dem sich die romanische Stiftskirche Sankt Servatius befindet. Der Berg droht sich zu öffnen, schon wölben sich die Außenmauern, der Sandstein des Schlossberges ist kein sicherer Untergrund. Er müßte durch Stahlseile und Anker, ergänzt durch stützende Mauern, dauerhaft gesichert werden. Hierfür sind zwölf Millionen Euro nötig. Das Land Sachsen-Anhalt kann diesen Betrag ebenso wenig aufbringen wie die Stadt Quedlinburg, die 25% Arbeitslose hat. Unterstützenswert ist in diesem Zusammenhang eine Spendenaktion der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Konto-Nummer 55 555 00 bei der Dresdner Bank, Bankleitzahl 37080040. Durch die Arbeit der Stiftung konnten 600 der 1.200  Fachwerkhäuser dieser mittelalterlichen Stadt renoviert werden.

Wer den Harz besucht, dem kann nur geraten werden, Quedlinburg zentral anzusteuern, durch ihr überragendes Stadtbild wurde die Stadt 1994 zum Weltkulturerbe erklärt. 929 brachte Heinrich I. (der Vogler) den Ort in das Zentrum der deutschen Geschichte, als er seiner Frau Mathilde unter anderem Quedlinburg zur Witwen-Nutznießung schenkte. Den Sandsteinfelsen, auf dem die heutige Stiftskirche liegt, ließ er zu einer starken Burg ausbauen. Ein erheblicher Teil der Urkunden Heinrich I. wurden in Quedlinburg ausgestellt. Über ein Jahrhundert von Heinrich I. bis Mitte des 11. Jahrhunderts war der Ort „Hauptstadt des Reiches“.

Vier aufeinanderfolgende Kirchen wurden auf dem Schloßberg errichtet, die mächtige ottonische Basilika wurde 1070 durch eine Feuersbrunst zerstört. Der vierte Bau wurde 1129 geweiht und ist mit einigen Umbauten bis heute erhalten geblieben. Die makaberste Nutzung erfuhr die Kirche 1936 in der NS-Zeit am Todestag Heinrichs I., als sie vom Reichsführer SS, Heinrich Himmler, zu einer „Weihestätte“ des Nationalsozialismus erklärt wurde. Die Nationalsozialisten vereinnahmten Heinrich I. als ihren Ahnherren. Die Kirchenschlüssel mußten 1938 der SS übergeben werden. Die Kirche wurde 1936 bis 1939 renoviert, unter anderem wurden Kanzel und Gestühl entfernt, am 3. Juli 1945 fand zum ersten mal wieder ein Gottesdienst in ihr statt, nachdem Türme und Dachkonstruktion durch amerikanischen Artilleriebeschuß beschädigt worden waren.

Wer sich das Mittelalter und die frühe Neuzeit vorstellen will, der darf Quedlinburg nicht links liegen lassen. Mit den vielen engen Gassen, mit Fachwerkhäusern und romanischen sowie gotischen Kirchen kann man sich relativ gut in vergangene Zeiten zurückversetzen.

Christian Schauer

P.S. Der Text geht auf Eindrücke einer Harzreise zurück, die ich im August 1998 mit meiner Familie unternahm. In einem Dankesschreiben der Stiftung Denkmalschutz schrieb Frau Bettina Vaupel von der Redaktion Monumente am 15.Januar 2004:

„Daß Sie in ihrem interessanten Text so vehement Werbung für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz machen und sich vor allem so für unsere Spendenaktion in Sachen Quedlinburger Schlossberg eingesetzt haben, freut uns natürlich außerordentlich!“

Die Haube und der Homburg

Meier Helmbrecht – Die Haube als superbia-Symbol – Procol Harums Homburg im Vergleich – Kannte Keith Reid Werner den Gärtner?

In der Eingangsszene wird ausführlich die Haube geschildert, die sich der junge Helmbrecht von einer aus dem Kloster entflohenen Nonne hat anfertigen lassen und in die er seine künstlich gelockten Haare fasst. Einen Homburg gab es damals noch nicht. Der Hut Homburg ist ein hoher Herrenhut aus Filz mit hochgebogener, eingefasster Krempe. Er wurde als „Homburg“ zu einem weltweiten Verkaufsschlager.Der Homburg wurde ursprünglich in der deutschen Stadt Bad Homburg (Hessen) durch die 1806 gegründete Hutfabrik Ph. Möckel hergestellt.

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Homburg

Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Homburg_(Hut)

Auf der Haube sind außer aufgestickten Vögeln und Tanzszenen Motive aus der heroischen Literatur abgebildet. Im Originaltext heißt es dazu:

Genauso wie den Vater nannte man den Sohn:

beide hießen sie Helmbrecht.

In einem knappen, einfachen Bericht

werde ich euch sagen,

was auf der Haube

für wunderliche Dinge abgebildet waren.

Was ich sage, ist wahrheitsgetreu;

denn ich sage es nicht nur so auf Vermutung hin.

Hinten vom Nackenhaar

über den Scheitel bis zum Haarschopf

mitten auf dem Kopf

war der Saum mit vögeln übersät,

genauso, als wären sie dorthin geflogen

direkt aus dem Spessart.

Auf den Kopf eines Bauern

ist niemals ein bessere Kopfbedeckung gekommen,

als man sie auf Helmbrechts Kopf sehen konnte.

Dem Bauerntölpel

war ungefähr am rechten Ohr

auf die Haube genäht

(wollt Ihr nun hören, was darauf war?):

wie Troja belagert worden ist,

als der vermessene Paris

dem König von Griechenland seine Gemahlin geraubt hatte,

die ihm so lieb war wie sein eigenes Leben;

und wie man Troja erobert hat

und Aeneas von dort geflüchtet ist,

und zwar zu Schiff auf dem Wasserweg;

und wie die Türme herabgestürzt sind

und unzählige Steinmauern.

Ach, daß jemals ein Bauer

solch eine Haube tragen mußte,

von der soviel zu berichten ist! 1

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Meier Helmbrecht mit Haube

Man sieht hier den “Bauernsohn Helmbrecht, der sich mit einem zutiefst höfischen Symbol schmückt, dadurch seinen Aufstiegswillen kundtut und die von Gott gegebene Ständeordnung verletzt.” 2

Entstanden ist die Dichtung wahrscheinlich im Zeitraum zwischen 1250 und 1285 im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet an Salzach und Inn. Die Bauern, die den verstümmelten Meier ergreifen, zerreißen, bevor sie ihn töten, seine Locken und die Haube und treten letztere in den Staub. Während sie sich an ihm mit Schlägen rächten, riefen sie:

Nun gib acht auf deine Haube, Helmbrecht!”

Was an ihr zuvor der Scherge

ganz gelassen hatte,

das wurde nun vollständig zerstört.

Es war ein grausiger Vorgang,

nicht einmal ein pfenniggroßes Stück

von ihr blieb ganz.

Die Papageien und Lerchen,

Sperber und Turteltauben,

die auf die Haube genäht waren,

sie wurden auf dem Weg zerstreut.

Hier lag eine Locke, dort ein Fetzen

von Haube und Haar.

Wenn ich jemals die Wahrheit gesagt habe,

dann glaubt mir

die Geschichte von der Haube,

in wie kleine Stücke man sie zerriß.

Niemals habt Ihr einen Kopf gesehen,

der so kahl war. 3

Die Haube ist ein Leitmotiv und Symbol für Helmbrechts Übermut und „superbia“ (Anmaßung) sowie für die Strafe dafür. Procols Homburg wird nicht zerrissen, sondern aus Demut abgenommen. Über Helmbrechts Gedanken wird nichts berichtet,über die Gedanken des Hutabnehmers auch nicht.

In „Homburg“ von Procol Harum ist die Kopfbedeckung, der Homburg, die letzte Station einer Enttäuschung.Im Gegensatz zur Haube in „Helmbrecht“ ist der Homburg nur schwarz und weist keine Bilder auf.4

Your Trouser Cuffs Are Dirty

And Your Shoes Are Laced Up Wrong

You’d Better Take Off Your Homburg

‚cos Your Overcoat Is Too Long

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Vorausgegangen war eine Eine-Nacht – Bekanntschaft (one night stand – ein erotisches Abenteuer), die schnell ins Nichts zerfällt , von der nur aschengefüllte Aschenbecher bleiben und ein Bett, das durch Lippenstiftspuren gekennzeichnet ist. Der Protagonist empfindet zudem nicht die geringste Lust, die Zeit zu erzählen, denn sie steht still, die Wegweiser deuten ins Nichts. The town clock in the market square Stands waiting for the hour When its hands they both turn backwards And on meeting will devour Both themselves and also any fool Who dares to tell the time And the sun and moon will shatter And the signposts cease to sign

Dem Verlust des Homburgs war eine gescheiterte Beziehung vorausgegangen. Doch was bereitete Helmbrechts Ende vor?

Helmbrecht, der Sohn eines Meiers (eines meist reichen Bauern, der für den Grundherrn Verwaltungsarbeiten ausübt), will nicht länger in seinem Stand verbleiben und harte Landarbeit verrichten, sondern – mit Unterstützung seiner Schwester und der Mutter – Ritter werden. Entgegen den Warnungen des Vaters, der den Sohn auf ein schlechtes Ende seiner Bemühungen hinweist, „lässt der Sohn sich schließlich sein Erbe in Form einer ritterlichen Ausrüstung auszahlen und zieht zu einem Burgherrn, der gerade Fehde führt und ihn in seine berittene Truppe aufnimmt.“5

Deren Art, Krieg zu führen, besteht in Morden, Rauben und Brennen. In Mord und Totschlag also. Helmbrecht führt ein Leben in Überschwang und Fülle, vor allem auf Kosten der Landbevölkerung.Vergleichbar ist im Song „Homburg“ damit nichts.

Helmbrecht verheiratet seine Schwester mit einem seiner Bekannten (Lemberslint). Noch während der Hochzeit werden sie von den Schergen eines Richters überwältigt. Die „Raubritter“ werden erhängt. Helmbrecht ereilt die Höchststrafe: er wird geblendet und verstümmelt.

Nach einem Jahr in der Fremde sucht er bei seinem Vater Unterschlupf, der von dem Geächteten nichts mehr wissen will. Von Bauern, die er einst beraubt und geschunden hatte, wird er zu guter letzt aufgehängt.

Der Autor Werner der Gärtner ist in einer Urkunde nicht nachzuweisen. Auch sein Name, den er im Epilog nennt, ist in seiner Deutung umstritten: Die Leser der Geschichte sollen für den Dichter Fürbitte leisten, „Wernher dem Gartenaere“. Er kommt wahrscheinlich aus Bayern oder Österreich.

Die fahrende Lebensweise des Dichters könnte auch für einen Wandermönch, eventuell für einen Franziskaner, sprechen. Indizien dafür sind nicht nur die Bibelkenntnisse des Autors, sondern auch seine Affinität zu franziskanischem Gedankengut.

Die Erzählung vermittelt als zentrale Lehre: wer sich gegen seinen eigenen Stand auflehnt und den Gehorsam gegenüber den Eltern aufkündigt, wird letztendlich scheitern! Schuster bleib bei deinen Leisten!

“Die Hauptschuld, die auf Gotelint lastet, liegt darin, daß sie ihrem Bruder in die Superbia folgt, indem sie sich genau wie ihr Bruder von ihrem Vater lossagt und ihn nicht mehr als leiblichen Vater anerkennt.” 6 Welche Schuld in “Homburg” auf der Geschäftsfreundin lastet, wird überhaupt nicht behandelt.

Der Song „Homburg“ vermittelt die Einschätzung, dass eine unschickliche Beziehung in einer totalen Enttäuschung enden wird. Der Protagonist ist nicht leiblich, sondern psychisch tot. Das Chaos seiner Kleidung symbolisiert dies.

„Die schmutzigen Hosenumschläge, die falsch geschnürten Schuhe, der zu lange Mantel lassen auf persönliches Versagen, auf den Zusammenbruch der eigenen Welt und vielleicht auch auf gesellschaftlichen Abstieg schließen – der Angesprochene soll von einem Homburg, einem Statussymbol der Oberschicht, Abschied nehmen.“ 7

Hat der Lyriker von Procol Harum, Keith Reid, den „Meier Helmbrecht“ gekannt? Vermutlich nicht, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Stichwort „Homburg, Teil zwei“.

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1 Wernher der Gartenaere, Helmbrecht (mittelhochdeutscher Text und Übertragung), Frankfurt am Main 1974 (2. Auflage), S. 7 ff

2 Patrick Müller,. Symbole und Leitmotive im „Helmbrecht“ Wernhers des Gartenaere, o.O. 2001, Haubenschilderung

3 Wernher der Gartenaere, Helmbrecht, a.a.O., S. 99 ff.

4 https://www.youtube.com/watch?v=oty-xMa-res&list=RDoty-xMa-res#t=23 Dieses Youtoube-Video zeigt den Homburg völlig schwarz

5 Artikel von Theodor Nolte http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45153

6 Olaf Koch, Der Helmbrecht als Familientragödie, o.O. 2001 http://www.grin.com/de/e-book/105059/der-helmbrecht-als-familientragoedie

7 Peter Urban, Rollende Worte – die Poesie des Rock. Von der Straßenballade zum Pop-Song. Frankfurt am Main 1979, S. 273

Empfohlener link
http://www.procolharum.com/w/w9903.htm

Veröffentlicht 26. April 2013 von schauerchristian in Die Haube und der Homburg

Hermann Hesse – ein deutscher Romantiker/ Edzard Schaper „Die Freiheit des Gefangenen“

Der Steppenwolf und Klein und Wagner

Der Steppenwolf” ist die Geschichte einer psychischen Spaltung der Hauptfigur Harry Haller, einer inneren Projektion des Dichters. Haller leidet an der Schizophrenie seines Ichs. Einerseits hat er eine bürgerlich angepasste Seite, ist eine Art Spießer. Andererseits wirkt in ihm eine steppenwölfische Dimension. In dieser ist er einsam und zerrisssen und ein Kritiker seines Standes. Beide Seiten bekämpfen sich und schränken die künstlerische Entwicklung ein.Der Weg der Versöhnung beider Seiten ist der Humor, im Lachen über sich selbst und die Gesellschaft. Der Humor lässt eine künstlerischen Vollendung möglich erscheinen. In seinem Teil des magischen Theaters findet sich neben Orgien und Dialogen mit Mozart auch ein Kapitel “Auf zum fröhlichen Jagen! Hochjagd auf Automobile”.Hier heißt es unter anderem:

Auf den Straßen jagten Automobile, zum Teil gepanzerte, und machten Jagd auf auf die Fußgänger, überfuhren sie zu Brei, drückten sie an den Mauern der Häuser zuschanden. Ich begriff sofort: es war der Kampf zwischen Menschen und Maschinen, lange vorbereitet, lang erwartet, lang gefürchtet, nun endlich zum Ausbruch gekommen. Überall lagen Tote und Zerfetzte herum, überall auch zerschmissene,verbogene, halbverbrannte Automobile, über dem wüsten Durcheinander kreisten Flugzeuge, und auf sie wurde von vielen Dächern und Fenstern aus mit Büchsen und Maschinengewehren geschossen.” Die Fußgänger schlagen allerdings zurück. Haller und sein Jugendfreund Gustav leisten Revanche. “‘Auf den Chauffeur zielen!’ befahl Gustav schnell, eben rannte der schwere Wagen unter uns vorbei. Und schon zielte ich und drückte los, dem Lenker in die blaue Mütze. Der Mann sank zusammen, der Wagen sauste weiter, stieß gegen die Wand, prallte zurück, stieß schwer und wütend wie eine große dicke Hummel gegen die niedere Mauer, überschlug sich und krachte mit einem kurzen leisen Knall über die Mauer in die Tiefe hinunter: ‘Erledigt!’ lachte Gustav. ‘Den nächsten nehme ich.’ “

 

Soweit die abnorme Aggressivität gegen Automobilfahrer, die auch heute manchen umzutreiben scheint: “Der Mann, der in Nürnberg auf Autos geschossen haben soll, ist ein 49-jähriger Rechtsanwalt aus Nürnberg. Das hat die Polizei bei einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Der Mann hat die Taten gestanden.” BR- Nachrichten 20.11.2014. Es heißt dort weiter: “Warum der verheiratete 49-Jährige auf die Autos geschossen hat, wollte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen noch nicht bekannt gegeben. Der Mann sei zwar geständig, bestreitet aber, dass er in Tötungsabsicht geschossen hat. ”Vielleicht hat er den “Steppenwolf” gelesen, festgestellt, daß der Harry Haller auch etwa 50 ist und wurde dann Nachahmungstäter. Jüngere Täter wurden bei einem anderen Fall verhaftet. “Nach den Schüssen auf Autos und Busse im Ruhrgebiet haben über 50 Autobesitzer Schäden an ihren Fahrzeugen bei der Polizei gemeldet. Die Täter konnten unterdessen gefasst werden; sie haben gestanden.” Beide Täter waren zwanzig: “Zum Verhängnis wurde den Tätern ihr auffälliges Auto. Der BMW Z4 wurde am Sonntagabend von zwei Zeugen gesehen, die Ermittlungen führten zu einem 20-Jährigen Schüler aus Recklinghausen. In dessen Wohnung wurde dann auch eine umgebaute Softair-Pistole und dazugehörige Stahlmunition gefunden. Weitere Ermittlungen führten dann zum zweiten Täter: Einem ebenfalls 20jährigen Handwerker aus Recklinghausen.” Ruhr Nachrichten 25.3.2014. Ein Motiv konnten die beiden nicht benennen. Konnten es Gustav und Harry Haller?

 

Eine Beatgruppe namens “Steppenwolf” nannte sich nach dem Werk Hesses. Können die Empfehlungen in “Born to be wild” in Hesses Werk nachgewiesen werden? Yeah, darlin’ Gonna make it happen Take the world in a love embrace. Betrachten wir die Zusammenkunft Hallers mit Hermine im magischen Theater Nur für Verrückte”: “Wir beide standen und blickten einander an. Einen Augenblick lang wurde ich wach und nüchtern, fühlte ungeheure Müdigkeit mich von hinten überfallen, fühlte die durchgeschwitzten Kleider widerlich feucht und lau um mich hangen, sah meine Hände rot und dickgeädert aus zerdrückten und verzwickten Manschetten hervorkommen. Ab sofort war das wieder vorbei, ein Blick Herminens löschte es aus. Vor ihrem Blick, aus dem meine eigene Seele mich anzuschauen schien, sank alle Wirklichkeit zusammen, auch die Wirklichkeit meines sinnlichen Verlangens nach ihr. Verzaubert blickten wir einander an, blickte meine arme kleine Seele mich an. Du bist bereit?’ fragte Hermine, und ihr Lächeln verflog, wie der Schatten über ihre Brust verflogen war, Fern und hoch verklang jenes fremde Lachen in unbekannten Räumen.” 1 Die Gruppe “Steppenwolf” dichtet weiter: “Steck’ die Welt in eine Umarmung der Liebe, Schieß’ all’ Deine Waffen zugleich ab und explodiere ins All.”

 

Im Zeitalter der Upanishaden (750-500 v. Chr.) werden Brahman und Atman als Wesenseinheit begriffen, die das wahre Wesen der Welt repräsentieren. Atman ist das innerste Wesen der Persönlichkeit, das eigentliche Ich. Die Seele des Einzelnen ist mit dem Brahman – der Weltseele- eins. Hier könnte die Gruppe die Vision am Schluß von “Klein und Wagner” gelesen und in Worte gefasst haben: Diese Schizophrenie gipfelt schließlich in Kleins Selbstmord, der zur Symbiose der sich widersprechenden Elemente wird. Wie detaillert das Sterben Kleins geschildert ist, wie unermesslich tief dieser Rausch, dieser Taumel, dieser Sog geschildert ist, den der Sterbende als Weg zu Glück und Erlösung empfindet, das ist wahrlich groß.” 2

 

Wobei Klein nicht direkt explodiert, sondern ins All gleitet. Helden und Denker traten aus dem Weltstrom, Propheten, Verkünder. ‘Siehe, das ist Gott der Herr, und sein Weg führt zum Frieden’, rief einer, und viele folgten ihm. Ein andrer verkündete, daß Gottes Bahn zum Kampf und Kriege führe. Einer nannte ihn Licht, einer nannte ihn Nacht, einer Vater, einer Mutter. Einer pries ihn als Ruhe, einer als Bewegung, als Feuer, als Kühle, als Richter, als Tröster, als Schöpfer, als Vernichter, als Verzeiher, als Rächer. Gott selbst nannte sich nicht, Er wollte genannt, er wollte geliebt, er wollte gepriesen, verflucht, gehaßt, angebetet sein, denn die Musik der Weltchöre war sein Gotteshaus und war sein Leben – aber es galt ihm gleich, mit welchen Namen man ihn pries, ob man ihn liebte oder haßte, ob man bei ihm Ruhe und Schlaf, oder Tanz und Raserei suchte. Jeder konnte suchen. Jeder konnte finden. Jetzt vernahm Klein seine eigene Stimme. Er sang. Mit einer neuen, gewaltigen, hellen, hallenden Stimme sang er laut und hallend Gottes Lob, Gottes Preis. Er sang im rasenden Dahinschwimmen inmitten der Millionen Geschöpfe, ein Prophet und Verkünder. Laut schallte sein Lied, hoch stieg das Gewölbe der Töne auf, strahlend saß Gott im Innern. Ungeheuer brausten die Ströme hin.” 3

 

Hier steigert sich Hesse in einen Sprachrausch, der den Schluß zu einer metaphysischen Phantasie werden lässt. Visionen sind gelegentlich fiebrig – aber sucht nicht der Visionär das Fieber? In den vergangen Jahren tauchte eine Gruppe “Die Yogischen Flieger” in der Politik auf.4 Möglicherweise haben sie auch manches von Hesse gelesen. Persönlich komme ich schwimmend dem All auch nicht näher nach dem Genuß von mindestens drei Gläsern Bier! Man muß wohl eine erbliche Disposition dazu haben! In einem Brief schreibt Hesse 1919 über seine Beziehung zur asiatischen Kultur und Religion: „Ich bin seit vielen Jahren davon überzeugt, dass der europäische Geist im Niedergang steht und der Heimkehr zu seinen asiatischen Quellen bedarf. Ich habe jahrelang Buddha verehrt und indische Literatur schon seit meiner frühesten Jugend gelesen. Später kamen mir Lao Tse und die andern Chinesen näher. Zu diesen Gedanken und Studien war meine indische Reise bloß eine kleine Beigabe und Illustration.“ Was war dem Tod Kleins vorausgegangen? Der unbedeutende Beamte Klein hat sein Gewissen mit einem Verbrechen, das er im Traum beging, belastet. 5 Ein vierfacher Mord an Frau und Kindern stand im Raume. Der Zwangsvorstellung entging er durch Flucht in den Süden. Der Schullehrer Wagner spielt eine zentrale Rolle in seinem Traum. Er beging einen vierfachen Mord, dem Klein zustimmte. Das Theater mit der Aufschrift ‚Wagner’, war das nicht er selbst, war es nicht Aufforderung, in sich selbst einzutreten, in das fremde Land seines wahren Innern? Denn Wagner war er selber – Wagner war der Mörder und Gejagte in ihm, aber Wagner war auch der Komponist, der Künstler, das Genie, der Verführer, die Neigung zu Lebenslust, Sinnenlust, Luxus – Wagner war der Sammelname für alles Unterdrückte, Untergesunkene, zu kurz Gekommene in dem ehemaligen Beamten Friedrich Klein.” 6 Daß mit diesem Wagner auch Richard Wagner gemeint sein könnte, ist möglich. 7Das Erhabene und das Verworfene in einer Person. “Wie ist es möglich, daß der Schwärmer selbst, er, der Beamte Klein, den Musiker und auch den Mörder Wagner in sich trägt? Das ist die Frage für den Flüchtling, und ist die Frage des Dichters.” 8 Autobiographisch fließt in die Erzählung folgendes ein: Als Hesse im April 1919 in das Tessin zog und sich dort in Montagnola niederließ, hatte er gerade die Entscheidung getroffen, seine Frau und seine drei Söhne zu verlassen. 9 Seine erste Frau Mia verfiel im Oktober 1918 in eine schwere Gemütskrankheit. Ihre Depressionen wurden bis 1925 in drei verschiedenen Heilanstalten stationär behandelt. Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung kam zu dem Ergebnis, dass eine Trennung der Ehepartner Hesse unausweichlich sei. 10 Kehren wir zum “Steppenwolf” zurück. Sein Gebiß ist scharf. Seine Ironie liegt darin, dass er mit 50 das Tanzen lernt, obwohl er eigentlich eher mit Mozart auf einer Wellenlänge liegt. “Als Wappen – und Totemtier tritt er an die Spitze eines Bundes von heimlich Versunkenen, deren Herz und Geist die hohen Worte blank und rein erhalten wissen will.” 11

 

Dass er dabei zwischendurch reichlich durchgeknallt agiert, wird hier leider verschwiegen. In seinen eigenen Worten meint er dazu: ” In meinem Leben haben stets Perioden einer hochgespannten Sublimierung, einer auf Vergeistung zielenden Askese abgewechselt mit Zeiten der Hingabe an das naiv Sinnliche, ans Kindliche, Törichte, auch ans Verrückte und Gefährliche. Jeder Mensch hat hat dies in sich. Ein großer Teil, ja der allergrößte Teil dieser dunkleren, vielleicht tieferen Lebenshälfte ist in meinen früheren Dichtungen unbewußt verschwiegen oder beschönigt worden. Der Grund zu diesem Verschweigen lag, wie ich glaube, nicht in einer naiven Verdrängung des Sinnlichen, sondern in einem Gefühl der Minderwertigkeit auf diesem Gebiete. Ich verstand mich auf das Geistige im weitesten Sinne besser als auf das Sinnliche…” 12

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Bild: Hesse-Denkmal in Calw

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Fußnoten

1 Hermann Hesse, Der Steppenwolf, Frankfurt am Main 2013 (54. Auflage), S. 221. f.

2 http://www.shitesite.de/2004/11/03/durchgelesen-hermann-hesse-klein-undwagner/

3 Hermann Hesse, Klein und Wagner, Frankfurt am Main 2014 (21. Auflage), S. 95

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Naturgesetz_Partei

5 Vgl. Hugo Ball, Hermann Hesse.Sei Leben und sein Werk, Frankfurt am Main 1972, S. 173

6 Hermann Hesse, Klein und Wagner, ebd. S.70

7 Vgl. Hugo Ball ebd.

8 Ebd., S.174

9 http://de.wikipedia.org/wiki/Klein_und_Wagner

10 vgl. ebd.

11 Hugo Ball, ebd. S. 214

12 Nachwort Buch Krisis, in: Bernhard Zeller, Hermann Hesse, in Selbstzeugnissen und

Bilddokumenten, Reinbeck bei Hamburg 1973 (11. Auflage), S. 102

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Literatur:

Der Steppenwolf aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Hermann Hesse, Der Steppenwolf, Frankfurt 2013 (54. Auflage)

Hermann Hesse, Klein und Wagner, Frankfurt am Main 2014 (21. Auflage)

Hugo Ball, Hermann Hesse.Sei Leben und sein Werk, Frankfurt am Main 1972

http://de.wikipedia.org/wiki/Klein_und_Wagner

http://www.shitesite.de/2004/11/03/durchgelesen-hermann-hesse-klein-und-wagner/

Bernhard Zeller, Hermann Hesse, in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbeck bei

Hamburg 1973 (11. Auflage)

http://de.wikipedia.org/wiki/Steppenwolf_%28Band%29

http://de.wikipedia.org/wiki/Born_to_Be_Wild

http://www.songtexte.com/songtext/steppenwolf/born-to-be-wild-7bd47640.html

Geschrieben: Ende 2014, Anfang 2015

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Hermann Hesse Narziß und Goldmund (Erschienen 1930 – Die Aufzeichnungen entstanden ungefähr 1968  bis 1970)

 

In der Klosterschule schließen der asketische Mönch Narziß und der künstlerisch begabte Goldmund Freundschaft. Durch psychoanalytische Einwirkung gibt Narziß dem Freunde die Erinnerung an die vergessene Mutter zurück und öffnet ihm den Weg zu seiner wahren Natur. Goldmund geht durch unzählige Liebesabenteuer hindurch, in denen er das Urbild der Mutter, das Weib als Eva und Madonna, sucht. Jedoch um die Darstellung dieses Bildes ringt er, der verschmäht, aus der Bildhauerkunst einen Broterwerb zu machen, vergeblich. Erst im Tode nimmt ihn die Urmutter zu sich. Im Mittelpunkt des Romans steht der Gegensatz Geist – Natur, der in dem Freundespaar Narziß – Goldmund Gestalt annimmt. Narziß, der Mönch, lebt ausschließlich in einer geistigen Welt, ist ein Mensch, der fernab von jeder Sinnlichkeit sich in transzendenten Bindungen zu finden sucht. Er, der jede kleine Sünde durch selbst auferlegte Buße sühnen will, ist schon als Jüngling seinem Vorgesetzten an Geist weit überlegen. Dieses Verhältnis von Narziß zu seinem Vorgesetzten, dem Abt war schwierig – dem Abt war die Einfalt ja die Wahrheit.Darin scheint sich die eigentliche Tragik des Mönchtums zu enthüllen. Durch die absolute Gehorsamspflicht nämlich, die Narziß auferlegt wird, kann er seine geistigen Fähigkeiten nicht voll zur Geltung bríngen. Diese Unterwürfigkeit weiß er zwar auf sich zu nehmen, sie dient ihm zur Bekämpfung seines Stolzes. Er ist aber in dieser Rolle nur ein Schatten von dem, was er sein könnte. Narziß empfindet vom ersten Augenblick an für Goldmund tiefe Sympathie. Er erkennt frühzeitig, dass Goldmund der gerade Gegenpol zu ihm ist, dass aber genau dieser Gegenpol auch eine Ergänzung einschließt. Seine ausgesprochen gute Menschenkenntnis zeigt sich in dem psychoanalytischen Meisterstück, durch das er Goldmund die Erinnerung an seine Mutter zurückgibt.Dies ist der Eckpfeiler für Goldmunds späteres Leben.

 

Narziß ist ein Mensch, der es ablehnt, anderen Menschen seine Gefühle zu zeigen. Er weiß sich zu beherrschen, eine Eigenschaft, die er in oftmaligen Bußübungen erweitert hat. So enthält er sich auch grundsätzlich, den nur um ein paar Jahre jüngeren Goldmund in der Schule zu bevorzugen – er war schon frühzeitig Lehrer geworden. Vielmehr muss Goldmund in mühseligen Bestrebungen um einen anerkennenden Blick oder ein freundliches Nicken um seine Gunst buhlen. Diese Härte gegen sich selbst und seine Umwelt löst sich vollständig erst am Ende, als er die Stirn Goldmunds mit den Lippen berührt und ihm seine aufrichtige Freundschaft gesteht. Dies bedarf allerdings des nahen Todes seines Freundes. Hesse verkörpert wie gesagt in Narziß den Geist, der seinen Gegenpunkt in Goldmund hat. Goldmund wird durch die geschickte psychoanalytische Einwirkung seines Freundes zu seiner wahren Bestimmung, zur Kunst,zur Sinnlichkeit, zur „Mutter“ hingeführt. Er erkennt, nachdem er die erste Begegnung mit einem Mädchen hatte, dass er sich zum Mönchtum nicht eignet, dass er vielmehr durch die Welt wandern und seiner Sinnlichkeit frönen muss. Diese Freiheit des Vagabundendaseins mit vielen amorösen Abenteuern erscheint ihm meist als das richtigste, was er seiner Anlagen gemäß, tun kann. Gegen die Sesshaftigkeit der Spießbürger hegt er von Anfang an eine heftige Antipathie. Sein dauernder Trieb, Liebe zu finden und geliebt zu werden, läßt ihn oft nicht wählerisch sein mit der Art der Frau, die er zu seiner geschlechtlichen Befriedigung wählt. Fast alle diese Beziehungen sind aber lediglich nur kurze Episoden (meistens nur eine Nacht lang), während er die „wahre Liebe“ nur zwei Mal findet. Nämlich in Lydia und Agnes. Diese Sinnlichkeit ist eine der stärksten Charakterzüge Goldmunds, den nur noch der Hang zur Kunst, zum selbständigen Schaffen an Intensität übertrifft. In der Kunst sucht er den Sinn seines Lebens, die Gestalt – Werdung seiner Ideale, das dauerhafte Sein im Vergehen. Das tiefe Verlangen, ein großes Werk zu schaffen, ergreift ihn nur in gewissen Situationen, nämlich wenn er einer ihm bedeutsamen Persönlichkeit ein bleibendes Denkmal in zeitloser Gestalt setzen will (Narziß, Lydia).

 

„Hesses Roman ‘Narziß und Goldmund’ … setzt mit großer sprachlicher Schönheit ein und scheint in einer mittelalterlichen Zeitlosigkeit zu schweben …ohne dadurch seine schmerzliche Fühlung mit den Problemen der Gegenwart zu verleugnen.“ Dies meinte Thomas Mann. Immer wieder webt Hesse geschickt seine Meinungen in die Handlung ein. Diese Meinungen, so möchte ich meinen, sind äußerst gut durchdacht und aufgrund von langjährigen Erfahrungen erworben. Besonders zutreffend finde ich, ist,was Hesse (hier mit Goldmunds Worten) über die Kunst schreibt. „Vielleicht“ dachte er, „ist die Wurzel aller Kunst und vielleicht auch alles Geistes die Furcht vor dem Tode. Wir fürchten ihn, wir schauern vor der Vergänglichkeit, mit Trauer sehen wir immer wieder die Blumen welken und die Blätter fallen und spüren im eigenen Herzen die Gewissheit, dass auch wir vergänglich sind und bald verwelken. Wenn wir nun als Künstler Bilder schaffen oder als Denker Gesetze suchen und Gedanken formulieren, so tun wir es, um doch irgend etwas aus dem großen Totentanz zu retten, etwas hinzustellen, was längere Dauer hat als wir selbst.“ Hermann Hesse wurde in seiner Jugend eine sehr strenge Erziehung zuteil. Sein großes schriftstellerisches Talent drohte durch die pietistische Erziehung seiner Eltern (sein Vater war Pfarrer) nicht zur Entfaltung zu kommen. Aus diesem Grund ist es zu verstehen, daß Hesse, als er sich von seinem Elternhaus losriss (er sollte auch Pfarrer werden), eine ganz andere, eine freie Einstellung zur Kunst und zur Sittlichkeit fand.

 

„War der Mensch wirklich dazu geschaffen, den Aristoteles und Thomas von Aquin zu studieren, Griechisch zu können, seine Sinne abzutöten und der Welt zu entfliehen? War er nicht vielmehr von Gott geschaffen mit Sinnen und Trieben , mit blutigen Dunkelheiten, mit der Fähigkeit zur Sünde, zur Lust, zur Verzweiflung?“ Diese Aussagen im Monolog der Narziß scheinen mir ein Hauptproblem des Werkes von Hermann Hesse zu sein, seine Triebe zu befriedigen, sich zur Natur zu bekennen, wenn schon diese Triebe unabwendbar sind. Der Typ, den Goldmund teilweise einnimmt, dürfte nach Hesse nicht empfehlenswert sein zur Nachahmung. Aber es ist klar, dass Hesse ihn so darstellen muss, um den Gegensatz zu Narziß so deutlich wie möglich hervorzuheben. Als gelungen möchte ich den Schluss bezeichnen. Hesse gibt sich nicht zufrieden mit einem Goldmund, der in der Religion ein Stück Halt findet. Er lässt Goldmund im Tod die Erfüllung seines Lebens finden.Gern gibt er sich dem Gedanken an das Sterben hin: „Und nun sieh, wie wunderlich es mir mit ihr,( der Mutter), gegangen ist:statt dass meine Hände sie formen und gestalten, ist sie es, die mich formt und gestaltet. Sie hat ihre Hände um mein Herz und löst es los und macht mich leer, sie hat mich zum Sterben verführt, und mit mir stirbt auch mein Traum, die schöne Figur, das Bild der großen Eva-Mutter. Noch sehe ich es, und wenn ich Kraft in den Händen hätte, könnte ich es gestalten. Aber sie will das nicht, sie will nicht, dass ich ihr Geheimnis sichtbar mache. Lieber will sie, dass ich sterbe. Ich sterbe gern, sie macht es mir leicht.“

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Edzard Schaper Die Freiheit des Gefangenen

 

A Kurze Angaben zur Person Edzard Schapers (geboren 1908)1:

Von entscheidender Bedeutung für Schapers Werk erweist sich die Konversion des Schriftstellers zum Katholizismus. Die Romane Schapers sind durch die Darstellung überkonfessionell religiöser Themen gekennzeichnet: Die Bewährung des im Glauben gebundenen Gewissens, Erfahren von Schuld und Gnade, der Kampf der Kirche gegen atheistische Mächte.

B I. Inhaltsangabe:

Pierre de Molart, Leutnant in der Armee Bonapartes, verliebt sich in die junge Gräfin Hortense d’Anjou, die man als entschiedene Anhängerin der monarchistischen Opposition gegen Napoleon bezeichnen kann. Wegen dieser Beziehung wird er ohne Nennung von Gründen verhaftet und eingekerkert. Er nimmt Kontakt zum Gefängnispersonal auf und erhält durch diese Beziehungen die Chance zur Flucht. Nacheinander werden nämlich ein Gefolgsmann der Gräfin (der Priester) und die Gräfin selbst ins Gefängnis eingeschleußt; beide können ihn jedoch nicht zur Flucht bewegen. Die Liebe zur Gräfin und der Eid auf Bonapartes Armee treten sich unvereinbar gegenüber. Den Entschluß, nicht zu fliehen, bereut er postwendend. Ob die zweite und dritte Chance zur Flucht verwirklicht wird, bleibt in diesem Teil des Buches offen.2

 

II.Die wichtigsten Personen und die an ihnen dargelegten Probleme

1. Du Molart: er gehört zu jenen Menschen, die sich in einer soldatischen Gemeinschaft am wohlsten fühlen. Im Großen und Ganzen gefestigter Christ, Soldat und Patriot, kennt du Molart doch in gewissen Situationen den Zweifel, zumindest den an der militärischen Ordnung. Schaper beschreibt an Du Molart den Konflikt des religiös gebundenen Gewissens zwischen dem Fahneneid und dem Streben nah individuellem Glück. Außerdem zeigt er an ihm die Willkür und Uneinsehbarkeit des Schicksals. Diese führt aber nicht zur Auflehnung, sondern letztlich zum Glauben.

2. Hortense d’Anjou: sie ist eine Frau von eisernem Willen und radikaler politischer Überzeugung. Für ihre Ideen zeigt sie sich bereit, Menschen zu Opfern, denn vom Menschen denkt sie allgemein sehr geringschätzig. Durch sie erst wird du Molart in den entscheidenden Konflikt gestürzt.

III:Religiöse Thematik. und christliches Gedankengut in Schapers Roman

Neben einigen biblischen Vergleichen versucht Schaper die Stellung des Menschen klarzustellen. Er ist der Überzeugung, dass Gott als Maß dienen muss, damit der Mensch nicht zu einem Geschöpf der Verzweiflung wird. Bemerkenswert ist auch die Kritik am Papst, dessen Unfehlbarkeit durch den Priester grundlegend angezweifelt wird. Zu einer radikalen Absage gegenüber dem Papsttum reicht es jedoch nicht. Natürlich wirkt es nicht verwunderlich, dass die Sprache dem Inhalt angemessen ist. Neben archaischen Wendungen gebraucht der Dichter gerne etwas veraltete Fremdwörter.

 

C Schapers Zentralproblem, der Konflikt du Molarts, ist vielleicht heute nicht mehr ganz aktuell. Es hat sich gezeigt, dass Eide, wie die du Molarts, immer wieder dazu benutzt werden, Menschen durch falsche Treue gegen einander aufzuhetzen. Deshalb erscheint es heute nicht mehr verständlich, dass ein Mensch sein individuelles Glück wegen eines solchen Eides aufgeben kann. Als überzeugendste Stelle könnte man die Situation sehen, in der du Molart die Möglichkeit des Selbstmordes in Betracht zieht. Schaper deutet an, dass gerade diese Möglichkeit, die oftmalig als Inbegriff der menschlichen Freiheit angesehen wird, zur Qual der Qualen werden kann.

Geschrieben 1970 Nachbemerkung: Die Thematik galt damals als etwas verstaubt. Sie traf einen, der sich lange für kein anderes Werk entscheiden konnte und dann das nehmen musste, das noch übrig war.

Fußnoten

1 Gestorben 1984 – nachträglich hinzugefügt

2 „Die Macht der Ohnmächtigen„ heißt ein weiterer Roman. Er ist die Fortsetzung des Romans „Die Freiheit des Gefangenen“. Sie entstanden 1950/1951

Veröffentlicht 12. März 2013 von schauerchristian in Betrachtungen zur deutschen Literatur

Alzenau und Gunzenhausen in der NS-Zeit

 

Gunzenhausen,  Alzenau und Umgebung in der NS-Zeit

Schon im April 1920 sprach Julius Streicher, der spätere Gauleiter Frankens, auf einer Veranstaltung der Deutsch-Sozialistischen Partei in Gunzenhausen.1 Im Januar 1923 entstand die NSDAP-Ortsgruppe. Im Stadtrat von Gunzenhausen saßen schon 1924 Nationalsozialisten. Schon in den 20er Jahren gab es erste antijüdische Ausschreitungen. 1928 wurden Fenster der Synagoge eingeschlagen, im Dezember 1929 wurden 18 Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof umgestürzt und teilweise zertrümmert. Im Februar dieses Jahres wurde ein jüdischer Lehrer am städtischen Gymnasium durch eine seiner Schülerinnen – mit Unterstützung der nationalsozialistischen Zeitung “Der Stürmer” – beschuldigt, die christliche Religion verunglimpft zu haben. Die Sache kam vor Gericht, wo noch einigermaßen rechtsstaatlich geurteilt wurde. Der Lehrer wurde freigesprochen und dem Redakteur des “Stürmers” eine Geldstrafe auferlegt.

Ende der 20er Jahre existierten drei jüdische Bankhäuser in Gunzenhausen. Es gab eine jüdische Gastwirtschaft und ein Kaffeehaus. Zwei jüdische Ärzte praktizieren, ein Allgemeinarzt und ein Zahnarzt. Überwiegend waren Juden Handeltreibende, selten Handwerker. Der Rabbi kam aus Ansbach und betreute die Gemeinde mit. In dem Haus am Hafnermarkt 13 befand sich eine Mikwe (Ritualbad). 2 Seit 1928 war Hans Appler Führer der Ortsgruppe Gunzenhausen der NSDAP.

Hans Appler

Hans Appler

1930 wurde SS-Sturmführer Appler Kreisleiter, kurz vor der Machtergreifung sogar Mitglied des Reichstages. 3 Bis 1932 leitete er den NSDAP-Bezirk Gunzenhausen, dann anschließend bis November 1940 den dortigen Kreis.4 Appler wurde am 1. Oktober 1935 Erster Bürgermeister in Gunzenhausen und blieb in diesem Amt bis April 1945. Nach manchen Quellen setzte sich Appler 1946 nach Kairo ab. Dort sei er zum Islam konvertiert und habe unter dem Namen Salah Chaffar gelebt.

Wie die Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen mitteilt, handelt es sich um eine Verwechslung. “Durch Überprüfung der personenbezogenen Findhilfsmittel ist festzustellen, dass Johann Appler, geb. 1892, in den von der Zentralen Stelle übernommenen Unterlagen mehrfach bekannt geworden ist. Die in dem Wikipedia-Artikel zitierten Informationen über seineangebliche Auswanderung nach Ägypten stammen aus einer hier vorliegenden Veröffentlichung des Simon-Wiesenthal-Zentrums v. Juni 1967 (B 162/5656, Bl. 59ff.),in der ein ‚Hans Appler‘ entsprechend erwähnt wird (Bl. 67). Da dieser jedoch als Mitarbeiter des Reichspropagandaministeriums bezeichnet wird, scheint hier eine Verwechslung vorzuliegen.

Johann Appler war nach 1945 zunächst in Ludwigsburg interniert. Entsprechend dürfte im Staatsarchiv Ludwigsburg eine Spruchkammerakte vorliegen. 1946 bis 1950 war Appler Beschuldigter mehrerer Verfahren der Staatsanwaltschaft Ansbach, deren Akten teilweise im Staatsarchiv Nürnberg verwahrt werden.” Ägypten war neben Argentinien ein Hauptzufluchtsort für Nationalsozialisten nach dem Zweiten Weltkrieg. 5

Gunzenhausen war dem Nationalsozialismus überdurchschnittlich gewogen, was sich in sehr guten Reichstagswahlergebnissen dokumentierte. 1928 erreichte die Partei hier über sechzehn Prozent, 1930 waren es über fünfunddreißig Prozent. 6 Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 konnte die NSDAP 66,5 Prozent der Stimmen gewinnen (Reichsdurchschnitt 37,3 Prozent). 7 Noch etwas besser schnitt die NSDAP bei der letzten einigermaßen “freien” Reichstagswahl am 5. März 1933 ab – sie erhielt 67,1 Prozent der abgegebenen Stimmen (Reichsdurchschnitt 43,9 Prozent).

Am 25. März 1934 ereignete sich in Gunzenhausen ein antijüdisches Pogrom, das “Pogrom von Gunzenhausen”. Das Wetter war deutlich freundlicher als die Ereignisse, die dort stattfanden. Obersturmführer Kurt Bär führte den SA-Sturm 30/13. An diesem Tag traf man sich abends im “Hotel zur Post”. 8 Ein erster Höhepunkt des Konfliktes zwischen SA und war die gewaltsame Entfernung des nicht-jüdischen Landwirts und Dorfbürgermeisters Leonhard Baumgärtner durch die SA aus der Wirtschaft Strauss, die als “Judenwirtschaft” galt. Es ging hervorgehoben um die Jagd auf ein ehemaliges Mitglied des Reichsbanners 9, den jüdischen Kaufmann Jakob Rosenfelder. Der Tag endete damit, dass eine aufgeputschte Menge von bis zu 1.500 Teilnehmern durch Gunzenhausen zog. Angestachelt von antisemitischen Hetzreden des SA-Mannes Kurt Bär drang sie gewaltsam plündernd in jüdische Wohnungen ein und trieb die Bewohner unter Schlägen ins Gefängnis. 10 Zwei Juden kamen an diesem denkwürdigen Tag ums Leben, der 65-jährige Privatier Max Rosenau und der 30-jährige Kaufmann Jakob Rosenfelder.

Aus der Vernehmung des Zeugen Erich Klein, der in einem Spruchkammerverfahren folgendes äußerte: „ … Hierauf begab ich mich in die Wirtschaft Strauß, kam aber nicht ins Lokal. Zu dieser Zeit war bereits eine ziemliche Menschenmenge vor der Wirtschaft. Ich sah den jungen Strauß außen … auf dem Pflaster regungslos liegen. Hierauf erschien Kurt Bär unter der Haustüre …und hielt eine kleine Ansprache … ich kann mich nur noch an Bruchteile davon erinnern: ‚Die Juden haben Christus ans Kreuz geschlagen, diese haben den Krieg verursacht und haben zwei Millionen Deutsche auf dem Gewissen, die Juden wollten auch das deutsche Volk ans Kreuz nageln.’ Er sprach auch davon, dass er von dem Juden Julius Strauß angespuckt wurde, und dass sich ein SA-Mann das nicht gefallen lassen kann, weil sie die Garanten des Staates sind.” … 11 Die NS- Tendenz, den Juden die Schuld am Ersten Weltkrieg zuzuschieben, wurde schon vor Ende des Krieges von rechtsradikalen Kräften in die Wege geleitet. 12

Der Mord an Simon Strauß

Beim Heimatfest am 15. Juli 1934 trafen sich auch SA-Männer, darunter Kurt Bär. KurtBär ließ seinem Antisemitismus freien Lauf. Nach Angaben der Oberstaatsanwaltschaft Ansbach äußerte er: Diese Lumpen gehören alle erschossen.” Zwischen 21 und 22 Uhr erfuhr die Gendarmerie Gunzenhausen, dass Kurt Bär Vater und Sohn Strauß niedergeschossen hatte. Simon Strauß lag in der Gaststube, sein Sohn Julius im Neben-zimmer. Im Krankenhaus erlag Simon Strauß noch am gleichen Tag seinen Verletzungen. Der SA-Mann Kurt Bär bestand darauf, die Tat ohne fremde Hilfe vollbracht zu haben. Seine Wut richtete sich gegen Simon und Julius Strauß, weil das Gericht ihm nicht geglaubt habe, dass der Jude Strauß ihn angespuckt habe. Den beiden Juden habe man geglaubt. Sowohl die SA als auch die NSDAP verurteilten die Vorfälle. Das Landgericht Ansbach verurteilte den Angeklagten Bär zu einer lebenslänglichen plus zehnjährigen Zuchthausstrafe wegen versuchten Totschlags. 1935 wurde eine Revision des Urteils abgelehnt. Kurt Bär wurde nach seiner Begnadigung am 16. November 1938 vorzeitig entlassen. 13

Antisemitismus in Alzenau

Schon im August 1933 wurden die Juden Siegfried Rothschild und Arthur Hecht aus Hörstein schwer misshandelt. Dem Metzger Moritz Löwenthal wurde der Kiefer gebrochen. Bei den Tätern handelte es sich um SS-Leute aus Aschaffenburg, die von SS-Leuten aus Hörstein Informationen über den Ort Hörstein erhielten. Ein 37 jähriger SS-Mann aus Aschaffenburg erhielt für die Tat zwei Monate auf Bewährung. “Der Stürmer” wertete die Tat im September als Züchtigung von “geständigen Mädchenschändern und Schwarzschlächtern” – Geständnisse gab es de facto nicht.

Wahrscheinlich 1935 wurde in Alzenau ein Flugblatt verteilt, dass weniger zu allgemeinen Verschwörungstheorien sich verstieg wie Kurt Bär in Gunzenhausen (siehe oben) als vielmehr Menschen jüdischen Glaubens persönlich angriff: “Wie lange noch liefert der grosse Judenfreund Metzgermeister Pflaum Fleisch in das Bezirkskrankenhaus? Bei einer Listensammlung (Mutter und Kind) gab er nichts. Seine Viehhäute liefert er nach wie vor an den Juden Lippmann. Wie lange noch kaufen hiesige Beamte besonders aus der Kunkelsrainstr. noch in auswärtigen Judengeschäften ein? Ist die Judenbäckerei Schafheimer ein besonderer Günstling? Dieser schleicht noch Nachts um 23 Uhr mit seiner für die ‘Goims’ zubereiteten Knatschware in den Häusern umher. Wie lange erlaubt sich die Judenbagasche noch die Frechheit, unsere schöne Hauckwaldanlage zu besudeln und die Bänke am Wasserloser Waldeck zu belagern? Wie lange glaubt die Judensippe noch am Schabbes in 6er Reihen durch unsere Strassenwatscheln zu dürfen? Warum wird des Emigranten Hotel des Schacher- und Watscheljuden Benzion Wechsler (Löffler) nicht ausgehoben und gesprengt? Wie lange werden hier noch jüdische Flüchtlinge beherbergt? Bemerkt man nicht das ständige Kommen und Gehen der Plattfuss-Indianer in diesem Haus? Z- Zt. mit ca. 15 Hebräern belegt!!!” 14

Benzion Wechsler

Benzion Wechsler

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Lehrer Benzion Wechsler (1874 bis 1943) war als Vorstandsmitglied von Vereinen im lokalen Geschehen verwurzelt. Er hielt im August 1929 für die Israelitische Kultusgemeinde eine Ansprache bei der Feier zur Übergabe und Weihe des Ehrenmals für die Gefallenen des Weltkrieges. Wechsler meinte damals: “Unsere Nachkommen, Enkel und Urenkel, sollen beim Anblick dieses Denkmals daran erinnert werden, daß im Weltkriege tapfere Soldaten Gefahren vom Deutschen Volke nahmen.” Er betonte als national denkender Jude, dieses Ehrenmal vermittle ein Gefühl von Eintracht und Zusammengehörigkeit und beendete seine Ansprache mit den Worten: “Einer für Alle, Alle für Einen, so soll auch jetzt nach dem Kriege das Volk in Eintracht verkehren, jeden Rassen- und Klassenhaß von sich weisen, die Überzeugung und Religion anderer achten, wie dies unser Nationaldichter Schiller so herrlich in Wilhelm Tell ausspricht: ‘Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr.’ ” Zum Ausschluß von Juden aus Sportvereinen gibt das Protokoll des Turn- und Sportvereins Alzenau vom 13. Mai 1933 Aufschluß. Dort heißt es unter anderem: „In unserem Verein befinden sich noch Lehrer Wechsler, Moritz und Salomon Hamburger. Es wurde diesen Mitgliedern nahegelegt, ihren Austritt zu erklären, was auch geschehen ist.” Benzion Wechsler wurde 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Der Wille zur Ausgrenzung ist in diesem Flugblatt deutlich zu spüren.Juden, die ansonsten eine riesige Hakennase haben, fehlt hier der aufrechte Gang . Sie watscheln (“Watscheljude Benzion Wechsler”, “durch unsere Strassen watscheln”). Allein durch ihre Anwesenheit besudeln sie die Hauckwaldanlage – sind also Unreine. Eng mit dem Begriff des “unreinen Juden” verbunden ist die Bezeichnung “Judensau”. Die Bezeichnung „Judensau“ umfasste ein im Hochmittelalter entstandenes häufiges Bildmotiv der antijüdisch christlichen Kunst. Es sollte Juden nicht nur verhöhnen, sondern auch demütigen, da das Schwein im Judentum als unrein gilt und mit einem religiösen Nahrungsverbot belegt ist.

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Bild: Wittenberger Judensau von 1596

Spalt VfHK 19.08.2017 17-48-33

Judensau von Spalt Innenhof Stiftsgasse 10

Bild: Hans-Peter Lautner

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Die NS-Sympathien in Alzenau und Umgebung

Die Reichstagswahl vom 05.03.1933 im Bezirk Alzenau ging folgendermaßen aus

Parteien Stimmen Prozent

NSDAP 4348 25,2

SPD 3452 20,0

KPD 1231 7,2

Bayerische Volkspartei 8049 46,7

Kampffront Schwarz

weiß rot 64

DVP 40

Christlich-sozialer

Volksdienst 22

Deutsche Bauernpartei 9

DDP (Deutsche

Staatspartei) 18

Der Stimmenanteil für die NSDAP war also deutlich geringer als in Gunzenhausen. Zusammenfassend lässt sich für den Bezirk Alzenau für die Reichstagswahlen 1928 bis 1933 feststellen: 15 Der Wählerstamm der Bayerischen Volkspartei blieb in dieser Zeit relativ konstant. Im Mai 1928 lag des Ergebnis bei 50,7 %, im März 1933 bei 46,7 %. Die NSDAP erhielt bei der letzten noch halbwegs freien Wahl knapp 25 % der Stimmen 1928 lag sie noch bei 1 %. Der Anteil der SPD sank von 33,1 % 1928 auf 20 % 1933. Damit ging der Anteil dieser Partei deutlich zurück. Die KPD erreichte ihr bestes Ergebnis im November 1932 mit 11,2 %, im März 1933 fiel sie auf 7,2 % zurück – 1928 lag der Anteil bei 4,8 %.

Die Reichspogromnacht in Alzenau

Lesen wir die Zeugenaussage von Meta Bachrach- Tochter von Ferdinand Hamburger– im Spruchkammerverfahren vom 6.11.1946 “An die Spruchkammer Alzenau”: “Hier ist es so wie ich es erlebt habe- Als Zeuge und victim mache ich folgende Angaben. Am 10. November als mein Vater in die Synagoge kam die gleich neben unserem Hausewar, war dieselbe demoliert und das Almemor sowie auch der Aron (?) Hakodesch angehackt mit einem Beil etc. Ich sah es selbst. Dieses geschah in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Während des Tages zogen Horden von Nazis vor unser Haus und der Synagoge auf. Wie man sagt hat P. und E. W. Spitzel beherbergt. Besonders E. W. die zwischen uns und meinem Onkel J. in der Judengasse (?) wohnte. Bei ihr besonders müssen Sie geehrter Herr Rothschild auf den Grund gehen, denn lügen war schon immer ihr Meister Stück. Joan or J. R. Sohn des früheren Ortsdieners Reinhard (?) R. stand Schmiere während Horden von Nazis in die Synagoge eindrangen und bei Ferdinand Hamburger der in der Wohnung oben in(?) der Synagoge wohnte. In der Synagoge wurde alles kurz und klein geschlagen auch bei Ferdinand Hamburger wobei sie sogar die Betten aufschlissen und den Herd zum Fenster hinaus wurfen. Die Sefer Thoras verrissen sie auf der Strasse und in dem Wege zwischen Pflaum und uns war ein richtiges Papiermeer von zerrissenen Thoras und Gebetbüchern. Besonders hervor taten sich in dieser Aktion die folgenden Personen. Die beiden Gebrüder F., die Gebrüder G., L. G. von der damaligen Hitler Jugend und dessen Vater, Kimmel der damalige Ortsgruppenleiter, K. E. und dessen Sohn W., Dr. B. Lehrer B., bei dem ich mehrere Jahre in die Schule ging und der schon von Anfang an gegen die jüdischen Kinder discriminiert hat.J. oder H. H. (genannt K.) wohnhaft im Hause von Sattler B. (?), SS-.Mann G. (wohnhaft auf der Oberschur). Ganz besonders tat sich hervor der lange K. der auf der Elze wohnt ein junger Mann der heute ungefähr 38 (?) alt ist. Der Vorname ist mir unbekannt aber es wird ihnen jeder sagen können wer er ist. Derselbe hat bei uns öfters die Fensterscheiben eingeschmissen vor dem 10. Nov. 1938. Gezeichnet Meta Bachrach.” 16

Synagogen-Denkmal Alzenau

Synagogen-Denkmal Alzenau

Anmerkungen: Mit dem Begriff “Sefer Thora” sind Thorarollen gemeint, “Almemor” ist ein erhöhter Platz in der Synagoge für die Verlesung der Thora. Aron Hakodesch ist die hebräische Bezeichnung für den Thoraschrein (oder auch „heiligen Schrein“). Es ist der Schrein, in dem die Thorarollen in der Synagoge aufbewahrt werden.

In Hörstein randalierten in der Reichspogromnacht SA – Leute vor mehreren jüdischen Häusern. Das Haus von Hermann Rothschild wurde heimgesucht. Gesucht wurde nach Schuldscheinen. Nicht einwandfrei zu klären war, ob die Synagoge in dieser Nacht beschädigt wurde. Der Anwohner Julius Hamburger wurde so stark geschlagen, dass seine Frau danach flehte, ihn gehen zu lassen. 17 Ein SA – Führer erteilte Ausweisungsbefehle gegenüber einigen Juden, was dazu führte, dass sich einige Familien reisefertig machten.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 setzte sich der wirtschaftliche Boykott in Alzenau nur allmählich durch. Noch im September 1935 waren 20 der 29 Tabakwarenfabriken in jüdischem Besitz und hatten etwa 2.100 Beschäftigte. Bis Sommer 1937 befand sich auch der Viehhandel als traditionelle Domäne der Juden noch überwiegend in jüdischen Händen.18 Durch den verschärften Antisemitismus entschlossen sich bis 1939 44 jüdische Einwohner zur Auswanderung. 21 flohen in die Vereinigten Staaten, 11 nach Palästina. Einigen gelang bis 1941 noch die Auswanderung, 24 die Flucht in andere deutsche Städte. Die letzten 11 jüdischen Einwohner Alzenaus wurden 1942 nach Izbica in Polen oder in das KZ Theresienstadt deportiert.

Reichspogromnacht in Gunzenhausen und Shoa

Die Synagoge von Gunzenhausen blieb in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 verschont. Sie war wahrscheinlich bereits Eigentum der Stadt. Die Wohnungen der Gunzenhäuser Juden wurden gestürmt und geplündert. Zahlreiche Einrichtungen wurden zerstört und nicht wenige Personen misshandelt. Fünfzehn wurden im Amtsgerichtsgefängnis inhaftiert, acht Männer wurden am 12. November nach Dachau verschleppt, die übrigen Frauen und Kinder wurden in der jüdischen Volksschule inhaftiert. Ende des Jahres lebten nur noch drei Juden in der Stadt. Auch sie verließen am 25. Januar 1939 die Stadt endgültig. Der Holocaust forderte nach aktuellem Stand 92 namentlich bekannte Opfer aus Gunzenhausen. Nehmen wir als Beispiel Ilse Bacherach, geb. Theilheimer. Sie wurde am 03.10.1903 Gunzenhausen geboren und am 04.10.1944 im KZ Auschwitz für tot erklärt. Schriftliche Zeugnisse von ihr liegen mir nicht vor, dafür von Frauen, die Auschwitz überlebten. “Ich erinnere mich noch an HerrnMengele, wie er breitbeinig dagestanden ist und den Daumen immer nach rechts oder nach links bewegt hat. Ich hatte keine Ahnung was die Daumenbewegungen bedeuteten- und dass der Herr dort Herr über Leben und Tod gewesen ist. Dann bin ich mit vielen anderen Frauen in die Duschen gekommen. Ich hatte keine Ahnung dass das auch eine Gaskammer hätte sein können. Aber nach einer Stunde in Auschwitz wusste ich das. Nach einer Stunde in Auschwitz habe ich genau gewusst, wo ich bin: in der Hölle.” 19 …. “Dann erinnere ich mich noch an das stundenlange Appellstehen, bei dem ich nur ein Gefühl hatte: Jetzt möchtest du sofort tot unfallen. Und zu allem spielte laute Musik.” 20 Eine andere Zeitzeugin erinnert sich: “Wir marschierten, bis wir zu einem großen Tor mit der Inschrift ‘Arbeit macht frei’. Als wir durch das Tor kamen, wurden wir von SS-Frauen und SS-Männern mit den folgenden Worten begrüßt: ‘ So, ihr Saujuden jetzt werden wir euch mal zeigen, was arbeiten heißt.’ Sie trieben uns in eine große Halle, die sogenannte Sauna. Wir mussten unsere Kleider ausziehen. Die Koffer mussten wir auf der Rampe stehen lassen. Die SS-Männer blieben dabei, als wir uns auszogen,  und amüsierten sich anscheinend köstlich, während wir vor Scham anfingen zu heulen. Im nackten Zustand wurden uns die Haare geschoren. Wir wurden dabei so entstellt, dass man den einen oder anderen gar nicht wiedererkannte.” 21

Kehren wir zur überproportionalen Zustimmung des Nationalsozialismus in Gunzenhausen zurück und nehmen als Beispiel die Haltung der Hensoltshöhe -ein sogenanntes Gemeinschafts-Diakonissen- Mutterhaus. Auf der offiziellen Homepage wird zugegeben “1933 Öffnung gegenüber den Nationalsozialisten in der Hoffnung auf erweiterte missionarische Möglichkeiten” 22 Rektor Ernst Keupp entwickelte sich zu einem begeisterten Anhänger des NS-Regimes. Die unregelmäßig erscheinende Schrift “Von der Hensoltshöhe” bot im März 1934 eine deutsch-christliche Botschaft. Die Wohltat einer “Errettung vor dem bolschewistischen Chaos” durch die Nationalsozialisten solle nicht vergessen werden. 23 Der “Retter” Adolf Hitler sei von Gott gesandt. Die Hensoltshöhe sei “tief innerlich verbunden” mit dem Nationalsozialismus.Der Hensoltshöher Rektor war gleichzeitig bis 1938 NS-“Blockleiter”. In dieser Funktion schulte er die ihm unterstellten Schwestern oder war bei Schulungen von NS-Funktionären anwesend. Die Schwestern der Hensoltshöhe waren geschlossen in der NS-Frauenschaft. Nach dem Spruchkammerverfahren musste er eine hohe Geldstrafe zahlen.

Vergangenheitsarbeit in Alzenau und Gunzenhausen

In Alzenau liegt eine Rohfassung einer Gesamtgeschichte der Juden im Ort vor.Unter dem Titel “Jüdisches Leben in Alzenau, Hörstein und Wasserlos. Von den Anfängen bis zur Vernichtung” haben die Historikerinnen Esther Graf und Monika Preuß aus Heidelberg eine umfassende Arbeit geschrieben, die leider noch nicht veröffentlicht ist. Ansonsten erscheinen regelmäßig Arbeiten zur Aufarbeitung des NS-Regimes in den Heimatjahrbüchern. Edgar Meyer – schon verblichen – hat ein lesenswertes Buch “Alt Alzenau – neu entdeckt – Der Nationalsozialismus in Alzenau sein Ende und die Zeit danach” geschrieben, das im Reinhold Keim Verlag erschienen ist. 24 Zur Person des Alzenauer Alt-Bürgermeisters Michael Antoni gibt es Spruchkammerakten, die leider nicht öffentlich zugänglich sind.

In Gunzenhausen sind die meisten Beiträge zur Vergangenheitsbewältigung in Alt-Gunzenhausen Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung- Hrsg.: Verein für Heimatkunde Gunzenhausen – erschienen. Hervorzuheben ist die Serie „Der Nationalsozialismus in Gunzenhausen“ Aufsehen erregte das Buch „Heimat – eine Suche“ von Thomas Medicus, das in der überregionalen Presse überwiegend positiv besprochen wurde. Eine lesenswerte Broschüre über das beschriebene Pogrom wird von Heike Tagsold herausgegeben: „Was brauchen wir einen Befehl, wenn es gegen die Juden geht?“ Das Pogrom von Gunzenhausen1934 – Hefte zur Regionalgeschichte. Wer das tiefbraune Mittelfranken in dieser Zeit genauer erforschen will, der lese das Buch von Peter Zinke „An allem ist Alljuda schuld“ – Antisemitismus während der Weimarer Republik in Franken. 35 Erwähnungen im Ortsregister findet die Stadt Gunzenhausen in einem Werk über die braunen Wallfahrten auf dem nahe gelegenen Hesselberg. 25 Über den letzten Frankentag 1939 schrieb in einem Lagebericht der damalige Regierungspräsident Dippold von Ober- und Mittelfranken: „Am 24./25. Juni versammelte sich das nationalsozialistische Franken, dessen Städte und Dörfer festlich geschmückt waren, einer alten und heiligen Tradition gemäß zu einer würdigen und großartigen Feierstunde auf dem Hesselberg. Eine unübersehbare Anzahl von Volksgenossen aus Stadt und Land war dem Rufe, auf den heiligen Berg der Franken zu kommen, gefolgt, um auf die Erfolge des vergangenen Jahres zurückzuschauen und Ausblick zu halten auf die vielleicht schwere Arbeit der kommenden Monate …“ 26 Ein vollständiges Bild kann hier natürlich von beiden Städten nicht gezeichnet werden. Es sollen einige Meilensteine aufgezeigt werden.

Anmerkungen

1 Die Deutsch-Sozialistische Partei (DSP) war eine Partei radikal antisemitischer Kräfte der völkischen Bewegung. Sie wurde bei einem Parteitag (23.-25. April 1920) in Hannover auf Reichsebene gegründet, im Mai 1919 war eine Gründung in München vorausgegangen. Im Sommer 1920 zählte die Nürnberger DSP bereits 350 Mitglieder und besaß damit neben München eine der stärksten Ortsgruppen im Deutschen Reich.Hier war Julius Streicher tätig.

2 Vgl. http://jl-gunzenhausen.de/de/einleitung.html

3 Vgl. Daniel Loy, Unter “Eichenkranz” und “Hackenkreuz” Das Kriegerdenkmal am Hindenburgplatz, in: Alt-Gunzenhausen Heft 56/2001, S.114

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Appler

5 Einige Fakten zu Nationalsozialisten in Ägypten sind in folgendem Leserbrief zusammengefasst: In die Nasserzeit fielen die guten Beziehungen von Teilen des Militärs zum deutschen Nationalsozialismus. Im Main-Echo vom 16.2.2009 sind sie von mir zusammengefasst. Ägypten – beliebter Zufluchtsort für Nazis Nicht verwunderlich ist das Faktum, dass der NS-Verbrecher Aribert Heim in Ägypten untergetaucht ist,war dieses Land doch neben Argentinien ein bevorzugter Exilort für Nationalsozialisten,denen in Deutschland ein Prozess drohte. Es fanden dort Unterschlupf: Johannes von Leers, Hauptschriftleiter der nationalsozialistischen Zeitung Wille und Weg.

Der Ex-Goebbels-Mitarbeiter wurde politischer Berater des Informationsbüros der ägyptischen Regierung. Von ihm ist die Aussage überliefert:“Wenn es überhaupt eine Hoffnung gibt, die Welt von jüdischer Tyrannei zu befreien, dann mit Hilfe der Moslems, die sich unerschütterlich Zionismus, Kolonialismus und Imperialismus widersetzen.” SS-Standartenführer Leopold Gleim organisierte in Ägypten die Geheimpolizei und war für die Juden Ägyptens zuständig. SS-Obersturmbannführer Bernhard Bender war unter der Leitung Gleims für die politische Abteilung der ägyptischen Geheimpolizei zuständig. SS- Sturmbannführer Joachim Däumling wurde zum Berater im ägyptischen Innenministerium. SS-Sturmführer Wilhelm Boekler arbeitete in der Abteilung Israel im ägyptischen Geheimdienst. SA-Gruppenführer Heinrich Stellmann wurde Berater der Gegenspionage. Louis Heiden vom Reichssicherheitshauptamt übersetzte Hitlers “Mein Kampf” ins Arabische. Bevorzugt war dieses Buch bei ägyptischen Offizieren verbreitet. Der nationalsozialistische Journalist Franz Bünsche setzte seine Tätigkeit in Ägypten fort. Hans Appler war für den Islamischen Kongress tätig. Selbst wenn Zweifel am Tod Aribert Heims aufkommen, passt sein Aufenthaltsort doch in die Logik der Nachkriegszeit.

Siehe auch http://www.juif.org/go-blogs-10606.php

6 Vgl. Thomas Medicus, Heimat Eine Suche, Berlin 2014, S. 74

7 Heike Tagsold (Hg.), “Was brauchen wir einen Befehl wenn es gegen die Juden geht?” Das Pogrom von Gunzenhausen 1934, Nürnberg 2006, S. 9

8 Vgl.Thomas Medicus. a.a.O., S.45

9 Am 22. Februar 1924 wurde von Mitgliedern der SPD, der Deutschen Zentrumspartei, der Deutschen Demokratischen Partei sowie Gewerkschaftern in Magdeburg das Reichsbanner gegründet. Es überwog der Anteil der Sozialdemokraten in der Mitgliedschaft. Schätzungen gehen von bis zu 90 Prozent aus. Der Kampf für die Republik richtete sich sowohl gegen den “Stahlhelm” oder die SA als auch gegen den “Roten Frontkämpferbund”.

10 Vgl. http://www.nurinst.org/nurinst_org/proj_gunzen.htm

11 Vgl. http://jl-gunzenhausen.de/de/rosenfelder.html

12 “Die Alldeutschen und andere völkische und antisemitische Gruppen mussten nicht den Waffenstillstand, die Abdankung des Kaisers und die Ausrufung der Republik im November 1918 abwarten, um den Juden die Schuld an der Niederlage zu geben, hatten sie doch bereits 1917 den Krieg in einen Kampf ums Dasein zwischen Deutschtum und Judentum umgedeutet. Noch im September 1918 gründeten sie zur Koordination der antisemitischen Aktivitäten einen “Ausschuss für die Bekämpfung des Judentums”, der die Bereitschaft signalisierte, Antisemitismus bedenkenlos als politische Waffe bis hin zum Mord einzusetzen. Mit der “Dolchstoßlegende” besaß man ein wirksames Propagandainstrument, um die Wende des Krieges aus der Verantwortung des Militärs auf andere Gruppen wie Juden und Sozialdemokraten abzuschieben.” In: Der Erste Weltkrieg von Werner Bergmann

http://www.antisemitismus.net/geschichte/weltkrieg.htm

13 Vgl. Heike Tagsold, a.a.O., S. 50 ff.

14 Peter Körner, Skizzen zur Geschichte der Juden in Alzenau, Wasserlos und Hörstein, Alzenau o.J., S.16 f.

15 Vgl. Helmut Winter, Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im ehemaligen Bezirksamt Alzenau, Heimatjahrbuch Unser Kahlgrund 1983, S. 137 f.

16 Das Schreibmaschinen-Skript ist undeutlich. Es wurden Abkürzungen verwendet

17 Vgl. Walter Scharwies, Toleranz und Zusammenleben, aber auch unverständlicherHaß -Jüdische Kultusgemeinde in Alzenau/Wasserlos und Hörstein, in: Alzenauer Stadtbuch 2001, S.286

18 Vgl. http://www.alemannia-judaica.de/alzenau_synagoge.htm

19 Trude Simonsohn, Noch ein Glück- Erinnerungen, Göttingen 2014, S. 85

20 Ebd., S. 86

21 Esther Bejarano, Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts, Hamburg 2013, S. 64

22 Siehe: http://www.hensoltshoehe.de/index.php?id=587

23 Vgl. Daniel Schönwald, Die Geschichte der Deutschen Christen in Gunzenhausen unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses der “Hensoltshöhe” zum Nationalsozialismus, In: Alt- Gunzenhausen. Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung Heft 56/2001, S. 204

24 Edgar Meyer, Alt Alzenau – neu entdeckt. Der Nationalsozialismus in Alzenau, sein Ende und die Zeit danach, Alzenau 1995

25 Thomas Greif, Frankens braune Wallfahrt. Der Hesselberg im Dritten Reich, Ansbach 2007

26 Ebd. S. 219


Dokumente zur Geschichte der Juden und NS-Geschichte in Alzenau

Ein Artikel in der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung“ vom 7. Oktober 1926 befasst sich mit Benzion Wechsler: „Alzenau. Eine Reihe verdienter jüdischer Lehrer konnten im vergangenen Jahre auf eine 25-, beziehungsweise 50jährige Tätigkeit in ihren Gemeinden zurückblicken. Ihnen reiht sich am 1. Oktober Herr Benzion Wechsler an, der 25 Jahre als Religionslehrer, Kantor und Lehrer seine Gemeinde betreut hat. Der Sohn eines bedeutenden Talmudgelehrten, der an den Talmud-Toraschulen in Schwabach und Höchberg segensreich wirkte, widmete er sich der Tradition seiner Familie folgend dem Lehrerberuf. Nach dem Seminaraustritt (Würzburg 1890), amtierte er in mehreren Kleingemeinden und folgte 1901 einer Berufung in die noch immer stattliche Gemeinde Alzenau. Als Sekretär der Kultusverwaltung und als Kassier und Schriftführer des Frauenvereins nahm er hervorragenden Anteil am Gemeindeleben. Seiner werbenden Tätigkeit gelang es die Synagoge gründlich zu renovieren und der Gemeinde ein würdiges Gotteshaus zu erhalten. Über den engen Kreis hinaus wirkte er im Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden, im Lehrerverein und der Aguda stets fördernd, wenn es auch seiner Natur nicht entsprach, sich in den Vordergrund zu drängen.

Das Vertrauen seiner christlichen Mitbürger übertrug ihm in den Kriegsjahren das Versorgungswesen, viele Jahre stand er ein eifriger Schüler Jahns an der Spitze des Turnvereins, leitete er als Dirigent den örtlichen Gesangverein. So wird der Ehrentag des tüchtigen Schulmanns, des pflichtbewussten Beamten und allgemein geachteten Bürgers ein Ehrentag auch für die Kultusgemeinde und das Städtchen werden. S.D.“


Der Kahltalbote vom 2. Mai 1933

Die erste nationale Maifeier in Alzenau

Der Tag der nationalen Arbeit, der 1. Mai, wurde auch in Alzenau in recht eindrucksvoller Weise gefeiert. Die festlich mit frischem Grün geschmückten Häuser und der Fahnenwald in den Farben des neuen Reiches, den bayerischen Farben, waren das äußere Kennzeichen eines der deutschen Arbeit und dem deutschen Arbeiter gewidmeten Feiertages. Alzenau hat mit dieser glänzenden Feier wie so viele andere deutsche Städte und Dörfer seinen größten Tag erlebt. …

Um 2 Uhr nachm. fand der festliche Umzug durch die überaus reichlich geschmückten Straßen des Marktfleckens statt. Er war ein Glanzstück seiner Art und bot ein überaus fesselndes Bild. Ganz Alzenau war ein wogendes Fahnenmeer und ein einziger grüner Maienwald. Fast jede Wohnung zeigte die Flaggen der nationalen Erhebung.Wir haben schon öfters große Festzüge in Alzenaus Mauern gesehen, aber die Demonstration des arbeitenden Alzenau in der Form einer begeisterten Bekundung der Volksgemeinschaft wie sie der gestrige nationale Feiertag der Arbeit brachte –  das ist jetzt beispiellos. Noch nie hat Alzenau einen solchen Aufmarsch erlebt. Es war etwas Erhabenes eine solche gehobene Stimmung, der seelische Kontakt der Massen, der Geist der Kameradschaftlichkeit und das freie, natürliche Gemeinschaftsgefühl im Dienste des Vaterlandes feststellen zu können. Der Festzug stellte sich in der Wasserloserstraße bei Gärtnereibesitzer Stumpf auf. Mit wehenden Fahnen, mit ihren Zeichen und Emblemen rückten die Verbände und Vereine, die Belegschaften der Betriebe und der Behörden an, ihren bestimmten Platz im Zuge einnehmend. Unter den schneidigen Klängen der SA-Kapelle und klingendem Spiel des Turn -und Sportvereins setzte sich der imposante Zug in Bewegung. Da marschierten die Vereine mit ihren Fahnen, die Handwerker im Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes, Herr Arthur Wohlschlögel mit Embleme des Schlossergewerbes, die Metzger, Schornsteinfeger, Installateure und die Belegschaft der Cellulosefabrik im Arbeitsgewande mit Fabrikationsgegenständen und Werkzeugen, die Beamten, die Sportvereine, Feuerwehr und Sanitäts-Kolonne in Uniform, die Vereinigte Kriegskameradschaft, SA und SS. Leute in schmucker Uniform, die Jugendverbände in ihren kleidsamen Uniformen, darunter der kath. Gesellenverein, die vielen Zellen der NSBO. Der Himmel war mit den marschierenden Bataillonen; es war nicht zu warm und nicht zu frisch und ein gutes Lüftchen bei strahlendem Sonnenschein fehlte auch nicht. Ein Maitag, wie ihn die große Aktion nicht besser wünschen konnte. Unter diesem leuchtenden Frühlingshimmel war das Bild des festlichen Marktfleckens von geradezu überwältigender Wirkung. Überall wurde der Festzug mit lebhaften Heilrufen begrüßt und reichlich wurden aus den Fenstern den Teilnehmern Blumen zugeworfen. Der Zug kam nach dem Durchmarsch der verschiedenen Straßen an der Anlage im Mühlweg zum Stehen. Hier versammelten sich die Teilnehmer um den Platz der Anlage. Nach einem schneidigen Musikstücke der SA-Kapelle ergriff Herr Rechtsanwalt Dr. Bauer das Wort, um in einer groß angelegten gut durchdachten Fest-und Gedächtnisrede über den Sinn und Zweck des Tages der nationalen Arbeit, auch all derer zu gedenken, die für die Errichtung des dritten Reiches kämpften und dafür ihr Leben lassen mußten. Es waren echte deutsche Worte, die der Redner sprach, die wohl noch manchen der Bewegung abseits Stehenden aufrüttelten, an dem gemeinschaftlichen Wiederaufbau des Deutschen Reiches mitzuarbeiten. Die Feierstunde erreichte mit der Umbenennung der Kahlgasse mit Mühlweg in Horst-Wessel-Straße und die vor Jahren vom Verschönerungsverein und der Gemeinde geschaffene schöne Anlage in Horst-Wesselplatz und dem Absingen des Horst-Wessel-Liedes mit Musikbegleitung einen ehrenvollen Abschluß. Langanhaltender Beifall folgte dem Festredner, der so vielen aus dem Herzen gesprochen. Nicht unerwähnt wollen wir lassen, daß die Schwerkriegsbeschädigten im geschmückten Auto im Festzuge gefahren wurden. Den Beschluß der Feier bildete ein Deutscher Maitanz bei Gastwirt Ludorf. Abends 8 Uhr fand die Uebertragung der Riesenkundgebung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin mittels Lautsprecher mit einer Rede des Reichskanzlers Adolf Hitler bei Gastwirt Ludorf statt. Anschließend war Fortsetzung des Maitanzes.

Der Kahltalbote vom 2. Mai 1933

Deutscher Abend

Der von der NS-Frauenschaft Alzenau am Samstag veranstaltete Deutsche Abend im Sittinger’schen Saale hatte sich eines guten Besuches zu erfreuen. Die Kreisleiterin, Frl. Ella Winkler, hielt in schönen Worten die Begrüßungsrede. Auch Herr Bezirkskommissar Knaup hielt eine kernige Ansprache und wies auf die Bedeutung des des Abends hin. Die Vorsprüche von Frl. Marianne Edeler, Frl. Gretl Groß und Frl. Rita Ott gefielen gut. Auch gut gefiel der Chor, und die Aufführung des „Horst-Wessel“- Stückes unter der Regie des Herrn Heinz Edeler war eine Glanzleistung des Abends. „Der selige Florian“, aufgeführt von der Spielschar Kahl, setzte die Lachmuskel in Bewegung. Auch sei die Kapelle Franzl mit ihren schneidigen Musikstücken nicht zu vergessen. Ein reicher Glückshafen legte manchen noch einen schönen Gewinn in den Schoß. Alles in allem, der Abend kann als wohlgelungen bezeichnet werden.

Protokoll des Turn- und Sportvereins Alzenau vom 13. Mai 1933 im Wortlaut:

„Sodann gab der 1. Vorsitzende die neuen Richtlinien der Deutschen Turnerschaft bekannt. Nach diesen Richtlinien können nur national denkende Turner Mitglied der deutschen Turnerschaft sein.Soweit Mitglieder noch nicht national eingestellt sind, wurden sie aufgefordert, sich umzustellen und im nationalen Geist am Aufbau der deutschen Turnerschaft mitzuarbeiten. Ferner ist es nicht mehr möglich, daß jüdische Mitglieder in der deutschen Turnerschaft weiter verbleiben können. In unserem Verein befinden sich noch Lehrer Wechsler, Moritz und Salomon Hamburger. Es wurde diesen Mitgliedern nahegelegt, ihren Austritt zu erklären, was auch geschehen ist.Somit sind die vorgenannten nicht mehr Mitglieder des Turn- und Sportvereins Alzenau.“


Verzeichnis der in Alzenau ortsansässigen Juden – Stand 29. Juli 1935

Name, Vorname, Geburtstag, Geburtsort, Beruf

1 Bravmann, Siegfried, 14.3.1919, Edelfingen, Bäckerlehrling

2 Feldmann, Ludwig, 15.6.1901, Buttenhausen, Kaufmann

3 Feldmann, Berta, 9.6.1905, Alzenau, Ehefrau v. Ludwig 2

4 Feldmann, Lore, Jette, 4.5.1932, Alzenau, Kind von Ludwig 2

5 Feist, Hermann Friedrich, 9.5.1889, Büdesheim, Kaufmann

6 Feist, Lina, 2.4.1898, Alzenau, Ehefrau v. Hermann 5

7 Feist, Karl Leo, 12.9.1931, Alzenau, Kind von Hermann 5

8 Freudenthal, Karolina, 31.8.1867, Alzenau, Viehhändler-Witwe

9 Freudenthal, Heinrich, 23.5.1903, Alzenau, Viehhändler

10 Hamburger, Bernhard, 2.8.1874, Alzenau, Viehhändler

11 Hamburger, Sara, 4.4.1881, Großkrotzenburg, Ehefrau von Bernhard 10

12 Hamburger, Flora, 30.11.1914, Alzenau, Tochter von Bernhard 10

13 Hamburger, Karl, 29.9.1919, Alzenau, Sohn von Bernhard 10

14 Hamburger, Ferdinand, 28.1.1874, Alzenau, Viehhändler

15 Hamburger, Lina, 13.3 1879, Wiesenfeld, Ehefrau von Ferdinand 14

16 Hamburger, Siegfried, 10.3.1906, Alzenau, Sohn von Ferdinand 14

17 Hamburger, Gustav, 12.3.1870, Alzenau, Viehhändler

18 Hamburger, Berta, 16.4.1875, Alzenau, Ehefrau von Gustav 17

19 Hamburger, Siegfried, 12.6.1907, Alzenau, Sohn von Gustav 17

20 Hamburger, Herz, 7.7.1841, Alzenau, Viehhändler

21 Hamburger, Hugo, 5.5.1895, Alzenau, Manufakturwaren-Händler

22 Hamburger, Diana, 23.3.1900, Nidda, Ehefrau von Hugo 21

23 Hamburger, Berta, 19.3.1900, Alzenau, Schwester von Hugo 21

24 Hamburger, Isaak, 11.10.1866, Alzenau, Viehhändler

25 Hamburger, Fanny, 24.2.1869, Sterbfritz, Ehefrau von Isaak 24

26 Hamburger, Jakob, 29.4.1900, Alzenau, Landwirtschaftlicher Produktions Händler

27 Hamburger, Irmgard, 17.4.1901, Alzenau, Ehefrau von Jakob 26

28 Hamburger, Kurt Josef, 8.12.1928, Alzenau, Kind von Jakob 26

29 Hamburger, Evi, 26.8.1932, Alzenau, Kind von Jakob 26

30 Hamburger, Isidor, 5.3.1865, Alzenau, Viehhändler

31 Hamburger, Issi, 24.12.1887, Alzenau, Tabakwaren Händler

32 Hamburger, Rosa, 6.2.1896, N. Moschel, Ehefrau von Issi 31

33 Hamburger, Rudolf Simon, 10.11.1924, Alzenau, Kind von Issi 31

34 Hamburger, Josef, 9.4.1901, Alzenau, Viehhändler

35 Hamburger, Regina, 5.10.1908, Hopsten, Ehefrau von Josef 34

36 Hamburger, Josef, 1.7.1873, Alzenau, Manufakturwaren Händler

37 Hamburger, Binchen, 12.7.1876, Höbst , Ehefrau von Josef 36

38 Hamburger, Daniel, 5.7.1909, Alzenau, Kaufmann Sohn von Josef 36

39 Hamburger, Martha, 12.10.1911, Alzenau, Tochter von Josef 36

40 Hamburger, Hugo, 9.11.1913, Alzenau, Kaufmann, Sohn von Josef 36

41 Hamburger, Julius, 23.8.1877, Alzenau, Manufakturwaren Händler

42 Hamburger, Elsa, 10.3.1885 O. Lauringen, Ehefrau von Julius 41

43 Hamburger, Daniel, 24.11.1911, Alzenau, Sohn von Josef 36

44 Hamburger, Adolf, 15.8.1910, Alzenau, Kaufmann, Sohn von Josef 36

45 Hamburger, Meta, 22.11.1920, Alzenau, Tochter von Julius 41

46 Hamburger, Sara, 4.3.1858, Fechenheim, Viehhändler-Witwe

47 Hamburger, Karolina, 19.3.1869, Alzenau, Ohne Beruf

48 Hamburger, Moritz, 8.10.1899, Alzenau, Manufakturwaren Händler

49 Hamburger, Rosa, 8.5.1902, Külsheim, Ehefrau von Moritz 48

50 Hamburger, Johanna, 21.3.1869, Dinkelsbühl, Manufakturwaren Händler-Witwe

51 Herzberger, Leopold, 19.2.1910, Karlsruhe, Bäcker

52 Herzberger, Meta, 23.12.1912, Alzenau, Ehefrau von Leopold 51

53 Nussbaum, Isaak, 10.12.1865, Vollmerz, Landwirtschaftlicher Produktions Händler

54 Nussbaum, Jonna, 24.9.1872, Mehringen, Ehefrau von Isaak 53

55 Oppenheimer, Simon, 13.8.1896, Elmshausen, Manufakturwaren-Händler

56 Oppenheimer, Selma, 25.5.1903, Alzenau, Ehefrau von Simon 55

57 Oppenheimer, Ilsa , 10.2.1930, Alzenau, Kind von Simon 55

58 Oppenheimer, Alfred, 12.6.1935, Alzenau, Kind von Simon 55

59 Oestrich, Bernhard, 12.11.1881, Alzenau, Vieh-und Schuhhändler

60 Oestrich, Babette, 22.2.1985, Biblis, Ehefrau von Bernhard 59

61 Oestrich, Josef , 8.10.1868, Alzenau, Viehhändler

62 Oestrich, Amalie, 6.8.1873, Alzenau, Ehefrau von Josef 61

63 Oestrich, Julius, 22.10.1906, Alzenau,Viehhändler Sohn von Josef 61

64 Rothschild, Klara, 16.4.1877, O. Mockstadt, Manufakturwaren-Händler-Witwe

65 Rothschild, Daniel, 16.2.1881, Hörstein, Manufakturwaren- Händler

66 Spies, Hermann,12.8.1885, Biblis, ohne Beruf

67 Schafheimer, Fanny, 13.5.1881, Alzenau, Bäckerwitwe

68 Schönmann, Leopold, 26.3.1902, Offenbach, Kaufmann

69 Schönmann, Silva, 2.9.1902, Alzenau, Ehefrau von Leopold 68

70 Schönmann, Herbert David, 15.1.1930, Alzenau, Sohn von Leopold 68

71 Steinhäuser, Moritz, 19.5.1887, O. Lauringen, Kaufmann

72 Stern, Elsa, 27.4.1923, Hochheim, Pflegekind bei Wechsler

73 Strauss, Julius, 12.10.1892, Sommerau, Manufakturwaren-Händler

74 Strauss, Rika , 16.6.1895, Alzenau, Ehefrau von Julius 73

75 Strauss, Adolf, 12.3.1921, Alzenau, Sohn von Julius 73

76 Strauss, Hermann, 24.4.1925, Alzenau, Sohn von Julius 73

77 Wechsler, Benzion, 10.3.1874, Schwabach, Judenlehrer

78 Wechsler, Sophie, 29.7.1879 Berlichingen, Ehefrau von Benzion 77

79 Weissmann, Max, 28.7.1903, Schöllkrippen, Metzger

80 Weissmann, Selma, 9.1.1906, Wörishofen, Ehefrau von Max 79

81 Weissmann, Siegmund, 15.7.1931, Schöllkrippen, Sohn von Max 79

82 Weissmann, Eugenie, 24.7.1864, Braunsfeld, Metzgerwitwe

Quellen: Stadt Alzenau (Hrsg.), Skizzen zur Geschichte der Juden in Alzenau, Wasserlos und Hörstein, Alzenau o.J.

Maschinenschriftliche Kopie eines Mitglieds des Alzenauer Geschichtsvereins

Manufakturwaren-Definition (Universal- Lexikon): Meterwaren, Textilwaren, die nach der Maßangabe des Käufers geschnitten und verkauft wurden

Juden

Jüdische Gedenkstätte vor dem Alzenauer Rathaus

Rede anlässlich des 55.Jahrestages der Reichspogromnacht am 9.November 1993 in Alzenau

Meine Damen und Herren!

Ich möchte am Anfang meiner Ausführungen aus einem antisemitischen Flugblatt, das wohl 1935 verfasst wurde, zitieren: “Wie lange noch liefert der grosse Judenfreund Metzgermeister Pflaum Fleisch in das Bezirkskrankenhaus? Bei einer Listensammlung (Mutter und Kind) gab er nichts. Seine Viehhäute liefert er nach wie vor an den Juden Lippmann. Wie lange noch kaufen hiesige Beamte besonders aus der Kunkelsrainstr. noch in auswärtigen Judengeschäften ein? Ist die Judenbäckerei Schafheimer ein besonderer Günstling? Dieser schleicht noch Nachts um 23 Uhr mit seiner für die ‘Goims’ zubereiteten Knatschware in den Häusern umher. Wie lange erlaubt sich die Judenbagasche noch die Frechheit, unsere schöne Hauckwald-anlage zu besudeln und die Bänke am Wasserloser Waldeck zu belagern?Wie lange glaubt die Judensippe noch am Schabbes in 6er Reihen durch unsere Strassenwatscheln zu dürfen? Warum wird des Emigranten Hotel des Schacher- und Watscheljuden Benzion Wechsler (Löffler) nicht ausgehoben und gesprengt? Wie lange werden hier noch jüdische Flüchtlinge beherbergt? Bemerkt man nicht das ständige Kommen und Gehen der Plattfuss-Indianer in diesem Haus? Z- Zt. mit ca. 15 Hebräern belegt!!!”

Sehr aktuell an diesen Zeilen wirkt die rhetorische Frage nach der Beherbergung von Flüchtlingen; wie damals sind sie auch heute vielen ein Dorn im Auge. Noch war der Höhepunkt der antisemitischen Ausschreitungen nicht erreicht, doch schon Jahre vorher mehrten sich die Zeichen, dass Nationalisten Schlimmes mit den Juden vorhatten. So war es im August 1933 in Hörstein zu schweren Mißhandlungen von drei ortsansässigen Juden durch SS-Leute gekommen. Den Tätern wurde damals vom Bezirksamt bestätigt, ihre Opfer „in geradezu viehischer Weise mißhandelt zu haben.“ Die SS-Täter kamen zwar aus Aschaffenburg, sie wurden jedoch von Gesinnungsgenossen aus Hörstein instruiert. Zwei Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung erhielt einer der Täter. Später zählte er zu den Mördern eines Juden in der Aschaffenburger „Reichskristallnacht“.

Zu Synagogenschändungen kam es in Hörstein im April und Mai 1936, als Fenster eingeschlagen wurden.Weitere Vorgänge belegen, daß in dieser Zeit antisemitische Handlungen deutlich aggressiver wurden. Nach der Schändung des Hörsteiner Friedhofes Anfang des Jahres wurde dem Alzenauer Viehhändler Hamburger im Dezember 1936 die Verglasung der Haustüre zertrümmert. Am Abend des 1. Mai 1938 zogen 100 Personen vor das Geschäft des Juden Hugo Hamburger, der ein Nachthemd verkauft hatte, und schrien: „Raus muß der Jud, der Strinker, der Schänder des nationalen Feiertags.“ Im Oktober dieses Jahres kam es zu neuen Sachbeschädigungen von Privathäusern und Schändungen von Synagogen in Alzenau, Hörstein und Schöllkrippen. Auf Hörsteins Straßen hörte man kurz vorher die Drohung „Schneidet den Juden die Hälse ab.“

Wie verhielt sich nun die Bevölkerung diesen Handlungen gegenüber? Ein Polizist teilte dazu dem Bezirksamt mit: „All diese Vorfälle werden von einem großen Teil der Bevölkerung von Alzenau als unangebracht bezeichnet, und zwar nicht der Juden wegen, sondern weil eben dadurch Volkswerte vernichtet und dabei auch Ruhestörungen begangen wurden.“

Nach Zeugenaussage einer ortsansässigen Jüdin spielte sich in der „Reichskristallnacht“ in Alzenau folgendes ab: SA-Männer drangen in die Synagoge ein und „schlugen alles kurz und klein.“ Ferner wurden Kultgegenstände zerstört, Thorarollen und Gebetbücher zerrissen sowie in der Wohnung eines Juden die Betten aufgeschlitzt und der Herd zum Fenster hinausgeworfen. – Die Synagoge in Schöllkrippen wurde am Morgen des 10. November von Aschaffenburger SA-Leuten in die Luft gesprengt. In Hörstein wurden viele Juden, die nicht fliehen konnten, von Rechtsradikalen zusammengeschlagen.. Den Plan, die Synagoge anzuzünden, ließ man wieder fallen, weil die Gefahr zu groß war, daß das Feuer auf umliegende Wohnhäuser übergreifen könnte. Festgenommen wurden sowohl Alzenauer als auch Schöllkrippener Juden, von ersteren wurde Benno Strauß in das KZ Dachau verbracht. Mit der „Reichskristallnacht“ verbunden war eine Welle von Arisierungen, auch „Entjudungen“ genannt, in Schöllkrippen waren es 21, in Hörstein 56. Juden mußten ihren Besitz weit unter Wert verkaufen. Die danach folgende Katastrophe soll hier nicht Gegenstand der Betrachtung sein.

Manche werden sich jetzt denken, was das alles soll. Müssen die alten Geschichten immer wieder aufgerührt werden? Kann das Vergangene nicht ruhen?

Ich finde, man darf das Vergangene nicht auf sich ruhen lassen. Ein bedeutender Dichter hat einmal gesagt: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“ Judenfeindschaft ist und war eine Variante des Fremdenhasses. Dieser ist heute virulenter denn je. Einige Zahlen sollen dokumentieren, daß für rechtsradikale Gewalt, die aus diesem Fremdenhaß hervorgeht, in den letzten Jahren ein enormer Anstieg zu verzeichnen war. Von 1990 auf 1991 stieg die Zahl rechtsradikal motivierter Gewalttaten auf 1.500. Im vergangenen Jahr wurden 2.285 dieser Gewalttaten gezählt, 17 Tote mußten beklagt werden, wobei die wirkliche Zahl wahrscheinlich höher liegt. Die übergroße Mehrheit der Tatverdächtigen war jünger als dreißig Jahre- Einzeltäter ohne Rückhalt in der Gesellschaft der Bundesrepublik, so werden jetzt einige meinen feststellen zu müssen. Dem widerspricht, daß viele Deutsche enorme Schwierigkeiten haben, sich vorzustellen, mit Menschen, die nicht hier geboren sind, aber schon lange hier leben und arbeiten, zusammenzuleben. „Deutschland den Deutschen“ – diese Parole scheint nach wie vor viele schlichte Gemüter zu überzeugen. So kommt INFAS kurz nach den Ereignissen von Rostock zu dem Ergebnis, daß 51 Prozent der Befragten dieser Aussage zustimmen. Auch Umfrageergebnisse zu ähnlichen Themen dokumentieren, daß rechtsextreme Gewalttäter nicht isoliert in der Gesellschaft sind. 37 Prozent der Deutschen sind demnach der Meinung, daß „die Deutschen sich im eigenen Land gegen die Ausländer wehren müssen.“ 26 Prozent stimmen der Parole „Ausländer raus“ zu. Nach dem Brandanschlag von Mölln gingen die Zahlen nach unten, doch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Deutschen sympathisiert offensichtlich mit völkischem Denken. Ebenso bedrücken wirken die Fakten eine IBM-Jugendstudie 1992. Danach kann fast ein Drittel der Heranwachsenden als „konsequent ausländerfeindlich oder zumindest anfällig für fremdenfeindliche Gedanken“ eingestuft werden.

Wieviel harscher Kritik aus dem In- und Ausland bedurfte es, um gegen die rechtsradikalen Ausschreitungen und Auswüchse eine mittlerweile etwas härtere Gangart des Staates durchzusetzen? Wer erinnert sich nicht an die Ereignisse von Rostock, als es durch unterbliebene Hilfe der Sicherheitskräfte nur zufällig vermieden wurde, daß Dutzende Vietnamesen den Flammentod erlitten?

In den Berichten über die Ereignisse aus den 30er Jahren vermißt man die Personen, die sich schützend vor die Juden stellten, was sicherlich in der damaligen Diktatur risikoreicher war, als es heute ist. Gegenwärtig sind es mehr geworden, die sich mit Fremden solidarisieren – Zeichen sind die vielen Demonstrationen, Lichterketten und Mahnwachen. Sie bilden ein Gegengewicht gegen die vielen Gleichgültigen, die in etwa so denken, wie Teile der hiesigen Bevölkerung damals. Daß rechtsradikale Einstellungen, die wie die Umfragen beweisen, latent oder manifest vorhanden sind, nicht überhand nehmen, hängt auch davon ab, ob es gelingt, wirksame Konzepte gegen Arbeitslosigkeit und soziale Perspektivlosigkeit zu entwickeln. Schon einmal scheiterte eine Demokratie daran, daß zu der völkischen Grundeinstellung weiter Schichten eine schwere Wirtschaftskrise hinzukam, die für viele Elend bedeutete.

Lernfähige Demokraten müssen aus dem Erstarken rechtsradikaler Kräfte zudem die Konsequenz ziehen, das Wissen um die Vorgänge der Judenverfolgungen und später des Holocaust wachzuhalten. Es kann gar nicht oft genug festgestellt werden, wie zwangsläufig bestimmte antihumane Gesinnungen gegenüber Fremden zu Gewalt, Pogromen und Schlimmerem führten. Noch immer liegt beispielsweise keine zusammenfassende ortsgeschichtliche Darstellung der Juden in Alzenau und Umgebung vor, obwohl sie schon vor 5 Jahren in Auftrag gegeben wurde. Rechtsradikalem Denken und Handeln muß entschieden entgegengetreten werden. Verständnis wird von rechtsradikalen Tätern als Schwäche ausgelegt und führt zu noch mehr Gewaltakten. Rücksichtnahme auf rechtspopulistische Stammtischstimmungen wirkt sich verheerend auf die demokratische Kultur dieses Landes aus. In diesem Sinne Sinne mein Aufruf an alle Demokraten: Die Offensiven gegen rechtsradikales Denken und Handeln dürfen nicht erlahmen. Einmal Faschismus – das lehrt die Geschichte – reicht völlig.

Christian Schauer für den Ortsverband von Bündnis 90/ Die Grünen Alzenau


Die Reichspogromnacht im Raum Aschaffenburg und reichsweit

Gedenken an die Reichspogromnacht 2017. Vortrag am 9. November 2017 in Kahl am Main

Unmittelbar nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933 kam es am 11. März 1933 zum „Warenhaussturm“ in Braunschweig. Es handelte sich um eine Gewaltaktion gegen jüdische Warenhäuser- initiiert von der NS-Führung des Freistaates Braunschweig.

Am 1. April kam es zum reichsweiten Judenboykott. Es handelte sich um einen Boykott jüdischer Geschäfte, Warenhäuser, Banken, Arztpraxen, Rechtsanwalts- und Notarkanzleien, den das NS-Regime seit März 1933 plante und am Samstag, dem 1. April 1933 in die Tat umsetzte. Schon im 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 war die Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben geplant. Am 1. April 1933, einem Samstag, begannen die Aktionen um 10 Uhr – an einigen Orten schon am Abend vorher. Überall in deutschen Städten standen uniformierte, teils auch bewaffnete SA-, HJ- und „Stahlhelm“-Posten vor jüdischen Geschäften, Arztpraxen und Anwaltskanzleien und hinderten etwaige Kunden den ganzen Tag lang daran, diese zu betreten. Auf Schildern und Plakaten wurde gefordert: Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei(m) Juden! – Die Juden sind unser Unglück! – Meidet jüdische Ärzte! – Geht nicht zu jüdischen Rechtsanwälten!

Weiter ging es am 7. April 1933. Durch das Berufsbeamtengesetz und das Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft verloren im Jahre 1933 etwa 37.000 Juden ihre berufliche Existenz in Deutschland.

Mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 – auch als Nürnberger Rassengesetze bezeichnet – wurde die antisemitische Ideologie juristisch festgelegt. Sie wurden anlässlich des 7. Reichsparteitags der NSDAP am 15. September 1935 einstimmig vom Reichstag angenommen, der eigens zu diesem Zweck telegrafisch nach Nürnberg einberufen worden war. Die institutionalisierte Rassentrennung sah folgendermaßen aus. Das am 15. September 1935 erlassene Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre verbot eine Eheschließung von Juden und Nichtjuden sowie den außerehelichen Geschlechtsverkehr.

Mit dem Reichsbürgergesetz wurde eine besondere Art des Bürgers kreiert, der „Reichsbürger“. Die vollen politischen Rechte sollte nach diesem Gesetz allein der „Reichsbürger“ haben (§ 2 Abs. 3 Reichsbürgergesetz – RBG). Dieser müsse Staatsangehöriger „deutschen oder artverwandten Blutes“ sein und durch sein Verhalten beweisen, dass er „gewillt und geeignet ist, in Treue dem Deutschen Volk und Reich zu dienen.“ Das Reichsbürgergesetz hatte zur Folge, dass kein Jude mehr ein öffentliches Amt innehaben konnte. Kommentator der Rassen-Gesetze war Hans Globke (1898 bis 1973). Er wirkte federführend an der Vorbereitung der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz (14.11.1935) mit. Auch wurde die Einführung des Stempels „J“ in Pässe von Juden von Globke mit konzipiert. Formuliert wurden von ihm das Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen (5.1.1938) sowie die Ausführungsverordnungen dazu. Von 1953 bis 1963 leitete er das Bundeskanzleramt.

Die Gruppe der „jüdischen Mischlinge“ wurde unterteilt in „jüdische Mischlinge ersten Grades“ mit zwei jüdischen Großeltern und „jüdische Mischlinge zweiten Grades“ mit einem jüdischen Großelternteil. „Mischlinge ersten Grades“ galten nicht als „Mischlinge“, sondern als „Voll-Juden“.

Dabei kam es zu verwickelten Situationen, wenn sogenannte Mischlinge mit Deutschen verheiratet waren. So führte der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, am 13.9.1939 aus: „SS-Obersturmführer Mayr/Miesbach ist mit Frau Sigrid, geb. Magnusssen verheiratet. Sigrid Magnussen ist nach ihrer Abstammung zu einem Viertel jüdischen Blutes.

SS-Obersturmführer Mayr hat sich verpflichtet, keine weiteren Kinder mit seiner Frau zu erzeugen und weiß, daß die 3 vorhandenen Kinder niemals die Genehmigung zur Verheiratung mit einem SS-Angehörigen bekommen werden.

Ich habe genehmigt, daß Obersturmführer Mayr in der SS verbleibt.

Dieses Schriftstück ist mit den Anlagen verschlossen und versiegelt beim Personalakt des SS-Obersturmführers Mayr aufzubewahren.“

Am 17. August 1935 ordnete die Geheime Staatspolizei (Gestapo) die Einrichtung einer reichsweiten „Judenkartei“ an, um die deutschen Juden regional und lokal zu erfassen und damit zu überwachen.

Zu Anfang des Jahres 1938 waren der jüdische Einzelhandel und die freien Berufe schon weitgehend ausgeschaltet. Dagegen waren Großfirmen, Privatbanken und das jüdische Handwerk verhältnismäßig verschont geblieben.

Von Januar bis Oktober 1938 gab es im Deutschen Reich 769 „Arisierungen“. Darunter waren 340 Fabrikbetriebe und 370 Großhandelsfirmen.1

Juden mussten seit dem 23. Juli 1938 „Kennkarten“ bei sich tragen, seit dem 17. August gemäß der Namensänderungsverordnung die Zweitnamen „Israel“ (Männer) oder „Sara“ (Frauen) annehmen und seit dem 5. Oktober ihre Sonderausweise mit einem roten J (Judenstempel) abstempeln lassen.

Ebenfalls im Juli 1938 wurde den etwa 3.000 noch im „Altreich“ (Deutsches Reich ohne Österreich) praktizierenden jüdischen Ärzten die Ausübung ihres Berufes verboten. Im September dieses Jahres folgte das Berufsverbot für jüdische Rechtsanwälte.

Am 9. Oktober 1938 erließ Polen eine Verordnung, nach der die Pässe aller länger als fünf Jahre im Ausland lebenden Polen ohne Sondervisum eines zuständigen Konsulats am 30. Oktober ablaufen sollten. Das betraf vor allem bis zu 18.000 von geschätzten 70.000 polnischen, meist verarmten Juden, die vielfach illegal im Großdeutschen Reich lebten. Die deutsche Regierung stellte Polen daraufhin am 26. Oktober ein Ultimatum, die Rückkehrmöglichkeit dieser Staatenlosen zu garantieren, andernfalls werde man sie sofort ausweisen. Nach der erwarteten Ablehnung befahl die Gestapo allen Städten und Gemeinden einen Tag später, die Betroffenen sofort festzunehmen. In der Nacht zum 29. Oktober wurden sie aus ihren Wohnungen geholt, in Zügen und Lastwagen zur deutsch-polnischen Grenze abtransportiert und hinüber getrieben. Ein Teil kam in den nächsten Tagen bei jüdischen Gemeinden in Polen unter, etwa 7.000 Personen mussten aber in ein Flüchtlingslager marschieren, wo sie bis August 1939 interniert wurden. Im Januar 1939 durften sie vorübergehend in ihre deutschen Heimatorte zurückkehren, um ihre Geschäfte zu verkaufen und ihre Haushalte aufzulösen. Der Sachverhalt ging als „Polenaktion“ in die Geschichte ein.

Der Vorwand für das Pogrom war das Attentat des polnischen Juden Herschel Grynspan auf den deutschen Legationsrat Ernst vom Rath in Paris am 7.November 1938. Zwei Tage später starb vom Rath. Sein Motiv war die Empörung über die geschilderte „Polenaktion“. Betroffen waren seine Eltern und Geschwister.

An diesem 9. November nahm Hitler nach dem Gedenkmarsch für den Hitlerputsch 1923 an einem Essen bei einem Kameradschaftsabend der Parteiführung mit im Alten Rathaus in München teil. Dort erfuhr er vom Tod des Diplomaten vom Rath. Goebbels machte die „jüdische Weltverschwörung“ für das Attentat verantwortlich. Er ließ nach Abschluss der Gedenkfeier nachts Telegramme von seinem Ministerium aus an untergeordnete Behörden, Gauleiter und Gestapostellen im Reich aussenden. In einem an die SA-Stelle Nordsee hieß es:Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können … Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden … Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen…“

Festgenommen werden sollten laut Fernschreiben von Heinrich Müller, dem Chef des Geheimen Staatspolizeiamtes, 20.000 bis 30.000 Juden, in erster Linie wohlhabende.

Zahlen zur Reichspogromnacht: 2

Bezugszahl: ca. 550.000 standen unter Hitlers Herrschaft (1933 lebten 499.682 im Deutschen Reich

Ermordet/ Todesfälle: Mindestens 91 Juden (nach „Die Zeit“ vom 3.11.1978); weitere Hunderte von Toten nach Einlieferung in Konzentrationslager)

Schwerverletzte und Selbstmorde: 36 nach Vollzugsmeldung von Heydrich an Göring vom 11.11.1939, bzw. unbekannt, darunter 2 polnische Staatsangehörige

Vergewaltigungen: Mehrere Fälle /vom nationalsozialistischen Parteigericht als Verbrechen gewertet und den staatlichen Gerichten überstellt, da Verstoß gegen Hitlers Nürnberger Rassen-Gesetze von 1935

Synagogen niedergebrannt und/oder zerstört: Mindestens 267

Geschäfte zerstört und/oder geplündert: 7.500

Jüdische Friedhöfe verwüstet: Fast alle

Wohnhäuser in Brand gesteckt/ zerstört: Mindestens 177

Fensterscheiben eingeworfen: Zehntausende

Glasschäden: 6.000.000 Mark (=halbe Jahresproduktion der belgischen Glasindustrie)

Sachschäden: Mehrere hundert Millionen Reichsmark

Verhaftungen: rund 30.000 Juden, 7 „Arier“, 3 Ausländer – davon verschleppt 9.815 ins KZ Buchenwald, 10.911 ins KZ Dachau, 5.000 – 10.000 ins KZ Sachsenhausen

Sühne“-Forderungen an Juden („Kontribution“): 1 Milliarde Reichsmark – Beschlagnahme der Versicherungsansprüche von Juden zugunsten des Reichs und Übernahme der Kosten zur Wiederherstellung von Betrieben und Wohnungen

Nicht bei jedem stieß dieser Vandalismus auf Zustimmung. So meinte Göring am 12. November 1938: „Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und hättet nicht solche Werte vernichtet.“3

Neuere Schätzungen gehen davon aus, dass in der Pogromnacht ungefähr 400 Menschen ermordet wurden. Während der Tage nach dem Pogrom kamen weitere 400 Menschen ums Leben.4 Nach jahrelanger Forschungsarbeit fand das Synagogue Memorial … heraus, dass im Novemberpogrom in Deutschland 1.406 Synagogen und Betstuben niedergebrannt oder vollständig zerstört wurden. 5

Die Lagerhaft kostete Hunderte Menschenleben. In Buchenwald fanden nach Angaben der Lagerverwaltung 207 Juden den Tod, in Dachau starben 185 , die Opferzahl von Sachsenhausen ist unbekannt. Tausende der Überlebenden wurden schwer körperlich verletzt – so mussten im Jüdischen Krankenhaus Berlin später 600 erfrorene Gliedmaßen amputiert werden 6

Die meisten Inhaftierten wurden bis August 1939 wieder entlassen. Vorher mussten sie sich schriftlich zur Auswanderung bereit erklären. Vom Pogrom bis zum Kriegsbeginn verließen etwa 115.000 bis 120.000 Juden das Reich, fast so viele wie seit der „Machtergreifung bis zum 9. November 1938.7

Wo fanden die Ausgewanderten Aufnahme? „Die britische Regierung gewährte den Verfolgten nach der Kristallnacht großzügige Aufnahme. Von den rund 100.000 Juden, die zwischen November 1938 und dem Kriegsausbruch im September 1939 Deutschland verließen, erhielten 40.000 Asyl in Großbritannien, das außerdem nach etwa 20.000 Flüchtlinge aus Österreich und 10.000 aus der Tschechoslowakei aufnahm. Kein anderes Land kam damals den verfolgten und vertriebenen Juden in gleicher Weise zu Hilfe.“8

Ein-und Ausreisevisa bezog man häufig nur noch auf dem Schwarzmarkt. Zudem bedurfte es Kredite ausländischer Verwandter oder Beamtenbestechung.

Am 12. November 1938 wurde eine Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben beschlossen. Alle reichsdeutschen Juden sollten enteignet und aus dem Kulturleben entfernt werden. Das Deutsche Reich sollte „judenfrei“ gemacht werden. Göring schlug damals vor, den Juden eine „Judenvermögensabgabe“ von einer Milliarde Reichsmark als „Sühneleistung“ abzufordern. Grund: „eine feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk“. Zweck des Vorschlags, der allgemeine Zustimmung fand: „Sehr kritische Lage der Reichsfinanzen. Abhilfe zunächst durch die der Judenschaft auferlegte Milliarde und durch die Reichsgewinne bei der Arisierung jüdischer Unternehmen.“ (Göring in einem Vermerk an den Reichsversicherungsrat vom 18. November 1938).

Die „harte Sühne“ sollten für die Juden folgendermaßen aussehen: Verbot von Einzelläden, Gewerbe-und Handwerksbetrieben, Versandgeschäften, Bestellkontoren, Märkten, Messen, Ausstellungen, Werbung und Bestellannahmen.

Zudem wurde es verboten, Mitglied einer Berufsgenossenschaft zu sein.

Am 21. November 1938 kam die erste Durchführungsverordnung zum Einzug der „Sühneleistung“. Die Kontribution wurde aufgrund der Vermögensanmeldung vom 26. April 1938 von jedem Juden einzeln erhoben in Form einer zwanzigprozentigen Abgabe von der Vermögenssumme. Sie war in vier Teilbeträgen bis zum 15. August 1939 zu zahlen. Im Oktober 1939 wurde die Abgabe auf 25 % des angemeldeten Vermögens erhöht. Begründung: der Betrag von einer Milliarde Reichsmark sei nicht erreicht worden. Letztlich brachte die Kontribution 1,127 Milliarden Reichsmark ein.9

Eine weitere Schikane: Am 14. November ordnete der damalige Reichserziehungsminister, Bernhard Rust, an, dass jüdische Schüler sofort aus deutschen Schulen entlassen werden müssten. Vorher, am 12. November 1938, wurde gegenüber den Juden ein Verbot der Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen ausgesprochen.

Waren die Ausschreitungen spontan? Der Gauleiter von Franken, Julius Streicher, gab in einem Memorandum vom 14. März 1939 die Antwort: „Die antisemitische Aktion vom November 1938 ist nicht spontan aus dem Volke gekommen … Ein Teil des Parteiapparates war mit der Durchführung der antisemitischen Aktion beauftragt worden.“

Reichspogromnacht regional

Die Reichspogromnacht in Alzenau

Etwas lapidar kann zusammengefasst werden, dass auch in Alzenau sie Synagoge schwer beschädigt wurde. Mit einem Beil wurde gegen die jüdischen Kulturdenkmäler vorgegangen.Zerrissen wurden Thora und Gebetsbücher. Im 1.Stock wurde die Hausmeisterwohnung demoliert – die Betten wurden aufgeschlitzt und der Küchenherd zum Fenster hinausgeworfen.

Lesen wir die Zeugenaussage von Meta Bachrach- Tochter von Ferdinand Hamburger–im Spruchkammerverfahren vom 6.11.1946 “An die Spruchkammer Alzenau”:

“Hier ist es so wie ich es erlebt habe-Als Zeuge und victim mache ich folgende Angaben.

Am 10. November als mein Vater in die Synagoge kam die gleich neben unserem Hause war, war dieselbe demoliert und das Almemor sowie auch der Aron Hakodesch angehackt mit einem Beil etc. Ich sah es selbst. Dieses geschah in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Während des Tages zogen Horden von Nazis vor unser Haus und der Synagoge auf. …In der Synagoge wurde alles kurz und klein geschlagen auch bei Ferdinand Hamburger wobei sie sogar die Betten aufschlissen und den Herd zum Fenster hinaus wurfen. …

Die Sefer Thora verrissen sie auf der Strasse und in dem Wege zwischen Pflaum und uns war ein richtiges Papiermeer von zerrissenen Thoras und Gebetbüchern.“

Einer Person wurde nachgewiesen, schon vor dem 10. November 1938 im Haus Bachrach öfters die Fensterscheiben eingeworfen zu haben.

Mit dem Begriff “Sefer Thora” sind Thorarollen gemeint, “Almemor” ist ein erhöhter Platz in der Synagoge für die Verlesung der Thora. Aron Hakodesch ist die hebräische Bezeichnung für den Thoraschrein (oder auch „heiligen Schrein“). Es ist der Schrein, in dem die Thorarollen in der Synagoge aufbewahrt werden.

Im Monatsbericht des Leiters des Bezirksamts vom 30.12.1938 heißt es zu den Folgen der Reichspogromnacht: „Die Stimmung der Bevölkerung kann im allgemeinen als gut bezeichnet werden, doch nehmen weite Kreise an dem eigennützigen Gebahren mancher führender Persönlichkeiten Anstoß, die die Arisierung des jüdischen Besitzes dazu benützen, um sich in ganz unzulässiger Weise zu bereichern. So hat ein Ortsgruppenleiter einen auf mindestens 2000 RM gewerteten Personenkraftwagen dem jüdischen Vorbesitz um 600 RM ‚abgekauft‘, ein anderer hat -natürlich ohne jede Befugnis- die Hauseinrichtung abwandernder jüdischer Familien ‚beschlagnahmt‘ und sich und seiner Verwandtschaft zugewiesen usw. Daß unter solchen Verhältnissen das Ansehen von Partei und Staat leiden muß, bedarf keiner weiteren Begründung. Es wäre sehr zu wünschen, daß solche Nutznießer der Judenaktion wenigstens zu einer kräftigen Abgabe an das Reich herangezogen würden.“

Reichspogromnacht in Hörstein

In der Nacht vom 9. auf den 10.November randalierten Hörsteiner SA-Leute vor mehreren jüdischen Anwesen. Manchmal drangen sie auch ein.Betroffen war das Haus von Hermann Rothschild, der angsterfüllt flüchtete. Die Eindringliche suchten „Schuldsteine“. Zudem beschädigten sie die Einrichtung und misshandelten sie die Bewohner. Als Julius Hamburger überdimensional geschlagen wurde, rief seine Frau:“Laßt ihn gehen, ihr schlagt ihn tot!“ Die Schreie wurden von Zeugen vernommen, die sich aber nicht dafür interessierten. Von Misshandlungen war auch Leopold Rothschild betroffen. Ein SA-Führer erteilte jüdischen Anwohnern Ausweisungsbefehle. Ob die Synagoge beschädigt wurde, konnte nicht zweifelsfrei festgestellt werden.

Sonstige jüdische Gemeinden im Kreis Aschaffenburg

Goldbach

Die Synagoge wurde 1818 erbaut und 1938 innen zerstört, 1942 wurden die Goldbacher Juden in die Vernichtungslager transportiert

Großostheim

Hier wurde die Synagoge 1751 erbaut. 1938 wurden die Synagoge und die Mikwe beschädigt. Die Kultusgemeinde erlosch 1942.

Kleinostheim

Hier bestand von 1692 (?) bis 1875 eine Kultusgemeinde

Schöllkrippen

Die Synagoge entstand 1826, die Kultusgemeinde existierte bis 1938. In diesem Jahr wurde die Synagoge geschändet und angezündet. Am Morgen des 10. November wurde die Synagoge von Aschaffenburger SA-Leuten in die Luft gesprengt. Jüdische Häuser und Geschäfte wurden verwüstet. 1934 wurden in den Straßen, in denen hauptsächlich Juden wohnten, SA- Kampflieder gesungen („Wenn’s Judenblut ans Messer spritzt“). Die Bevölkerung wurde zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen. Wenige Monate nach der Zerstörung der Synagoge in Schöllkrippen meldete der damalige Bürgermeister Valentin Kraus, dass der Ort als einer der ersten in Unterfranken „judenfrei“ sei.10 Eine jüdische Gemeinde gab es damit nicht mehr. Achtzehn jüdische Bürger wurden deportiert und in Konzentrationslagern ermordet, einer kehrte aus dem KZ Theresienstadt in seinen Heimatort zurück. Bemerkenswert an Schöllkrippen ist, dass die Aneignung der jüdischen Anwesen schon vor der Reichspogromnacht geplant war. Bei der Gedenksteineinweihung vom 9.11.1988 führte der damalige Bürgermeister Karl-Peter Seitz nach der Lektüre des Gemeinderatsprotokolls vom 6.10.1938 aus: „ … Der damalige Bürgermeister hat aufgrund der Beratung im Gremium am gleichen Tag verfügt: … Die Synagoge wird von der Gemeinde erworben und zum Spritzenhaus umgebaut. Haus Neumann ist geeignet für HJ-Heim, Haus Gustav Maier zur Straßenverlegung, Haus Isaak Strauß zum Rathaus und Haus Louis Strauss wird zum Kindergarten eingerichtet – Hier muss man bedenken, dass die Betroffenen seinerzeit noch in Schöllkrippen wohnten und ihre Häuser, ihr Vermögen noch nicht aufgeben mussten. Diese Erkenntnis, die ich aus dem Protokollbuch des Marktes entnommen habe, hat mich unwahrscheinlich betroffen und nachdenklich gemacht.“11

In Zusammenhang mit dem Judenpogrom befanden sich 1938 folgende Juden im Gerichtsgefängnis in Alzenau: Hugo Hamburger, Dina Hamburger und Simon Oppenheimer (Anfang Mai „zum eigenen Schutze“). Nach der Reichspogromnacht: Salomon Maier, Wilhelm Neumann (Schöllkrippen), Gustav Maier (Viehhändler Schöllkrippen), Leo Maier (Viehhändler Schöllkrippen), Benno Strauß (Viehhändler Schöllkrippen), Heinrich Freudenthal (Händler Alzenau), Josef Hamburger (Viehhändler Alzenau), Ludwig Feldmann (Händler Alzenau), Moritz Steinhauser (Handelsvertreter Alzenau) und Julius Hamburger. Die Haftdauer betrug überwiegend etwa eine Woche, einmal etwa zwei und einmal etwa drei Wochen. Die Verhaftungen erfolgten nahezu alle auf Weisung der Gestapo Würzburg und Aschaffenburg.

Aschaffenburg

In Aschaffenburg zündeten in der Nacht vom 9. auf den 10.November 1938 SA-Trupps gegen ein Uhr morgens die Synagoge an und hinderten die Feuerwehr daran, den Brand zu löschen. Sie brannte bis auf die Grundmauern nieder, die Abrisskosten wurden der jüdischen Gemeinde in Rechnung gestellt. SA-Männer demolierten zahlreiche Geschäfte, das Restaurant „Kulp“ in der Weißenburger Straße wurde restlos zerstört. Der Getreidehändler Alfons Vogel wurde niedergeschossen. Er starb an seinen Verletzungen. 20 jüdische Männer wurden in „Schutzhaft“ genommen, sieben von ihnen nach Dachau deportiert.12

Allgemeine Einschätzung der Reichspogromnacht

Mit der Reichspogromnacht wurde ein neuer Abschnitt der Judenverfolgung erreicht. Es war der Übergang von der systematischen Diskriminierung zum Vandalismus – dem gewollten Pogrom. Dass diese Entwicklung nicht der Endpunkt war, wissen wir alle. Der renommierte Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz ordnet die Ereignisse wie folgt ein: „Der Pogrom … markierte die Wende. Mit keinem andern Ereignis hat das NS-Regime so zynisch demonstriert, daß es auch auf den Schein rechtsstaatlicher Tradition nun keinen Wert mehr legte. Antisemitismus und Judenfeindschaft, wie sie als Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie schon immer propagiert worden waren, schlugen jetzt um in die primitiven Formen physischer Gewalt und Verfolgung. Die ‚Reichskristallnacht‘ bildete den Scheitelpunkt des Wegs zur ‚Endlösung‘ zum millionenfachen Mord an Juden aus ganz Europa.“13 Eine andere Einordnung sieht einen gezielten umfassender Angriff des Regimes auf die noch vorhandenen moralisch-ethischen Grundlagen und Reste eines rechtsstaatlichen Bewusstseins der Deutschen.

Heutige Entwicklung

Aktuell feiert eine Partei den Einzug in den Bundestag als drittstärkste Kraft, die einen klaren Trennungsstrich zu dieser Zeit nicht ziehen will. „Wir Deutschen sind das einzige Volk, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“, sagte der AfD-Vorsitzende von Thüringen, Björn Höcke, im Januar 2017 in Dresden. AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland hat vor kurzem einen Schlussstrich unter die Nazi-Vergangenheit und eine Neubewertung der Taten deutscher Soldaten im zweiten Weltkrieg gefordert. In einer Rede vor Anhängern sagte Gauland am 2. September bei einem „Kyffhäuser-Treffen“ der AfD in Thüringen, kein anderes Volk habe „so deutlich mit einer falschen Vergangenheit aufgeräumt wie das deutsche“. Mit Blick auf die NS-Zeit von 1933 bis 1945 fügte Gauland hinzu: „Man muss uns diese zwölf Jahre nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr. Deshalb haben wir auch das Recht, uns nicht nur unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen.“ Weiter führte er aus: Wenn Franzosen und Briten stolz auf ihren Kaiser oder den Kriegspremier Winston Churchill seien, „haben wir das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“.

Die hier zu Tage tretende Geschichtsvergessenheit ist nicht hinzunehmen. Die zwölf Jahre der NS-Herrschaft müssen ein abschreckendes Beispiel für Inhumanität bleiben. Nicht nur in Deutschland, auch in anderen Teilen der Welt nimmt der völkische Nationalismus zu, zum Beispiel in Ungarn und Polen. Auch der amerikanische Präsident, Donald Trump, hat mit Völkerverständigung nichts am Hut. Deswegen gilt es, Kurs zu halten und den nationalistischen Trend entschieden zu bekämpfen.

Christian Schauer

Gedenken Reichspogromnacht 2017 Kahl

Reichspogromnacht Gedenken in Kahl am 9.11.2017 Foto privat

Literatur:

Walter H. Pehle (Hrsg.): Der Judenpogrom 1938. Von der „Reichskristallnacht“ zum Völkermord, Frankfurt am Main 1988

Heinz Lauber, Judenpogrom „Reichskristallnacht“ November 1938 in Großdeutschland, Gerlingen 1981

Micha Brumlik/ Petra Kunik (Hrsg.), Reichspogromnacht . Vergangenheitsbewältigung aus jüdischer Sicht, Frankfurt am Main 1988

Stadt Alzenau (Hrsg.), Skizzen zur Geschichte der Juden in Alzenau, Wasserlos und Hörstein, Alzenau o.J. (Text: Peter Körner)

Helmut Winter, Die Reichskristallnacht im Bezirk Alzenau, in: Unser Kahlgrund Heimatjahrbuch 1989, S. 198 -203

„Es waren unsere Mitbürger…“ Gedenkstein an die Schöllkrippener Synagoge übergeben, in „Der Heimatbote“ vom 10.11.1988

Juden im Raum Aschaffenburg: Denken an eine Minderheit nicht verdrängen, in Main-Echo vom 12.2.1993

„Am 9.November ging unser Vertrauen in Flammen auf“, in Main-Echo vom 12.11.1996

Manuskript anonym, Juden in Alzenau und Umgebung, Alzenau 1986

https://de.wikipedia.org/wiki/Novemberpogrome_1938#Die_Nacht_vom_9._auf_den_10._November_1938

https://de.wikipedia.org/wiki/Herschel_Grynszpan

https://de.wikipedia.org/wiki/Polenaktion

https://de.wikipedia.org/wiki/Judenkartei

https://de.wikipedia.org/wiki/Arierparagraph

http://www.faz.net/aktuell/politik/bundestagswahl/afd-alexander-gauland-relativiert-verbrechen-der-wehrmacht-15199412.html

http://www.kurtgumpel.de/lebenslauf-kurt-gumpels/massnahmen-gegen-juden.html

1Vgl. Walter H. Pehle (Hrsg.): Der Judenpogrom 1938. Von der „Reichskristallnacht“ zum Völkermord, Frankfurt am Main 1988, S. 106

2Heinz Lauber, Judenpogrom „Reichskristallnacht“ November 1938 in Großdeutschland, Gerlingen 1981, S. 123 f.

3Micha Brumlik/ Petra Kunik (Hrsg.), Reichspogromnacht . Vergangenheitsbewältigung aus jüdischer Sicht, Frankfurt am Main 1988, S.23

5Ebd.

7Pehle, a.a.O. S. 116 u. S.139

8Lauber, a.a.O., S. 198

9Vgl. Pehle, a.a.O. S.115

10Arbeitskreis Jüdisches Leben in Schöllkrippen (Hrsg.), Stolpersteine zum Gedenken an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Schöllkrippen, Schöllkrippen o.J., S. 3

11Ebd., S.24

12 Juden im Raum Aschaffenburg: Denken an eine Minderheit nicht verdrängen, in Main-Echo vom 12.2.1993

13 Wolfgang Benz: Der Holocaust 6. Auflage, München 2005, S.26


Bericht über die Stolperstein-Verlegung vom 15.2.2018 in Goldbach

Wahrscheinlich gab es schon im 14.Jahrhundert Juden in Goldbach. Eine jüdische Gemeinde wurde im 18. Jahrhundert gegründet. Die Synagoge in der Sachsenhausenstraße wurde 1818 erbaut. Es war ein kleines Haus, das Erdgeschoss war den Männern vorbehalten, der erste Stock den Frauen. Hier wurde auch den Kindern Religionsunterricht erteilt. Hinter der Synagoge gab es eine Mikwe. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts gehörten zur jüdischen Gemeinde auch in Hösbach lebende Juden.1900 lebten 68 Juden in Goldbach (3,4 % der Bevölkerung). Der Bezirksfriedhof von Schweinheim bei Aschaffenburg (heute Ortsteil) war Begräbnisstätte auch für die Goldbacher Juden.1 Ein Meilenstein der Diskriminierung der Goldbacher Juden war ein Beschluss des Goldbacher Gemeinderates vom Oktober 1935, der jedweden Zuzug von Juden in die Gemeinde sowie den Erwerb von Grundstücken verbot. Vorher im März wurden an einigen Goldbacher jüdischen Häusern die Fensterscheiben eingeworfen. Bei den jüdischen Gemeindemitgliedern, die Anfang der 1930er Jahre in der Gemeinde lebten, überwogen die Kaufleute und die Viehhändler. 1933 lebten 38 Juden in Goldbach, 15 in Hösbach. In der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 wurde die Fenster der jüdischen Wohnhäuser eingeworfen. In der darauf folgenden Nacht wurde die Synagoge ausgeräumt. Es blieben nur einzelne Mauerreste stehen. Auch die Mikwe wurde zerstört. Sieben Juden kamen in Schutzhaft, fünf landeten im Konzentrationslager Dachau.

Von den Schulen tat sich bei der Verlegung die Klasse 8 a der Mittelschule Goldbach hervor. Sechs Schüler berichteten über die Familie Brandstädter aus Goldbach, die bis zum 23. April 1942 in der Aschaffenburger Straße 69 gewohnt hatte. Die Schüler informierten auf der letzten Station der Stolperstein – Verlegung mit Informationstafeln und durch mündlichen Vortrag.

Ursprünglich stammte die Familie aus Galizien in der heutigen Ukraine. Wahrscheinlich wanderte sie im 19. Jahrhundert aus der Ukraine aus. In Goldbach bestand sie aus fünf Personen. Jakob Brandstädter (geboren 1897) heiratete 1920 Mina Rothschild (geboren 1895). Er übernahm das Kolonialwarengeschäft von seinem Schwiegervater Josef Rothschild. Ihr Bruder Felix starb im Ersten Weltkrieg. Drei Kinder hatte die Familie: die Söhne Heinz (geboren 1921) und Josef (geboren 1923) und die Tochter Lore (geboren 1929). Lore war beliebt, ging in den katholischen Kindergarten und in die Volksschule Goldbach. Lore war befreundet mit Johanna Sittinger, Renate Oppenheimer und Ilse Regenstein.

Goldbach Demnig neu (2)

Stolperstein Verlegung in Goldbach

Die Stolpersteinverlegung begann um 12 Uhr am jüdischen Gedenkstein am Parkplatz Sachsenhausen 5, wo der Goldbacher Bürgermeister Krimm eine Rede hielt. Dann zogen die Teilnehmer weiter zur Aschaffenburger Straße 51, wo der Kölner Gunter Demnig vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Regenstein drei Stolpersteine verlegte.Für Ilse Regenstein wurde an diesem Ort zusammen mit ihrer Familie ein Stolperstein verlegt. In einer Gedenkrede erinnerte Ottmar Heeg, damals Klassensprecher und zwölf Jahre alt, an seine damalige Klassenkameradin. Gegenwärtig wird ein Dönerimbiss an der Stelle ihres damaligen Hauses betrieben, früher war hier der Stall. Über dem Stall lagen die Wohnräume. Heeg schilderte sie in seinem Vortrag als zurückhaltendes und ruhiges Mädchen. Die Juden lebten nach seiner Aussage in unmittelbarer Nähe des Sandsteinkreuzes, dem Mittelpunkt des Ortes. Nach seiner Einschätzung waren sie gut situiert, hatten zweistöckige Häuser. Das kleinste Haus war das von Moritz Regenstein, dem ärmsten Juden von Goldbach. Seine Frau hieß Rosa und war geborene Oppenheimer. In seinem Haus wurden auch Stallhasen gehalten. Nach Schlachtungen von Stallhasen in Goldbach sammelte Regenstein alle getrockneten Felle und entsorgte sie. Ebenso entsorgte er die Überreste von geschlachteten Hühnern. – Am 9.September 1942 wurde die Familie Regenstein nach Theresienstadt deportiert. 1944 fand die Familie in Auschwitz den Tod.2

Goldbach Stolperstein neu

Stolperstein Moritz Regenstein

An der Aschaffenburger Straße 48 war die vorletzte Station. Hier lebte die Familie Oppenheimer, für die Gemeinderatsmitglied Wolfgang Mauler, auf dessen Anregung hin die Stolpersteine in Goldbach verlegt werden, die Patenschaft übernahm.

Kehren wir zu den Brandstädters zurück. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurden auch bei ihnen Fensterscheiben eingeworfen, Treppensteine weggerissen und Fensterläden beschädigt. Jakob Brandstädter kam in Schutzhaft nach Dachau. Wahrscheinlich kehrte er im Januar 1939 nach Goldbach zurück. Im März 1939 wurde das Geschäftshaus für 16.800 Reichsmark an einen Deutschen verkauft, es blieb ein kleines Wohnhaus. Mina Brandtstädter zog nach der Reichspogromnacht nach Aschaffenburg, vermutlich wegen der größeren Anonymität, kehrte jedoch bald wieder nach Goldbach zurück. Auch die Söhne Heinz und Josef zogen im Mai 1940 weg nach München und kehrten später wieder nach Goldbach zurück. Zwangsweise arbeiteten sie 1942 in der Fassholzfabrik Goldbach. Dort sollten sie bleiben! Da aber die Gesamtzahl der erstrebten Evakuierungen nicht erreicht wurde – geplant waren 1.000 Juden pro Evakuierung – sollten sie daran glauben. Am 23. April 1942 mussten die Familie mit der Deutschen Reichsbahn nach Würzburg fahren – insgesamt 16 Jüdinnen und Juden aus Goldbach waren davon betroffen. Für Lore war das besonders bitter, da sie an diesem Tag ihren 13. Geburtstag hatte. Zwei Tage später verließen 955 Juden aus Franken Würzburg. Zielort war das Durchgangslager Krasnizyn bei Lublin.

Wie in dem größeren Durchgangslager Izbica begannen auch in Krasnizyn im März 1942 die Transporte aus dem Westen. Sie kamen aber zunächst nicht aus dem „Altreich“, sondern vielmehr aus dem Reichsprotektorat Böhmen und Mähren. Es folgten im April 200 Juden aus Izbica. Am 28. April 1942 traf ein Transport mit etwa 1.000 Juden aus Mainfranken (der besagte aus Würzburg, Bamberg und Nürnberg) in Krasnystaw ein.3 Krasnizyn hatte keinen eigenen Bahnhof, es war ein Dorf mit 1.000 Einwohnern. Zunächst lebten dort polnische Juden, jetzt kamen deutsche hinzu. Die sanitären Verhältnisse waren so schrecklich, dass Krankheiten und Seuchen unausweichlich waren. Die polnischen Juden wurden in das nahe Vernichtungslager Belzec vertrieben.
Die Durchgangslager waren keine Vernichtungslager, sondern vor allen Zwangsarbeitslager. Das Durchgangslager von Krasnizyn wurde im Juni 1942 aufgelöst. 200 Juden wurden von Deutschen auf dem Friedhof erschossen. Überlebende wurden nach Izbica gestrieben und dann weiter in das Vernichtungslager Sobibor. Wahrscheinlich wurden sie am 6. Juli 1942 getötet. Wie die Familie Brandstädter starb, weiß man nicht.4 Nur eine Person kehrte nach dem Krieg nach Goldbach zurück.5

Goldbach Denkmal

Juden Denkmal in Goldbach

2Main-Echo vom 13.2.2018

4Fakten zu den Brandstädters überwiegend entnommen: Manuskript der Klasse 8 a der Mittelschule Goldbach, Familie Brandstädter, o.O., o.J.

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Dokumente zur Geschichte der Juden in Gunzenhausen

The New York Times 29. (?) März 1934

Deaths Of Two Jews Laid to Nazi Raiders

One Dies of Four Knife Wounds in Bavarian Village, Other Ends life by Hanging

Berlin. March 28 (AP). – A violent anti-Semitic demonstration at Gunzenhausen in Bavaria was reported today to have resulted in the deaths of two Jews, one committing suicide by hanging and the other dying from four knife wounds.

Eleven Jews were arrested during the demonstrations reported to have been staged by Nazi storm troopers Sunday after a Jew expectorated on a troopers’s uniform. All those arrested were released later.

The two victims were Jacob Rosenfelder, who hanged himself after the demonstration, and Max Rosenau, who was found dead in his room.

The demonstration was said to have been carried out by the local storm troopers against the protests of local police and authorities.

The newspaper Fraenkische Tageszeitung printed an editorial Saturday, the day before the demonstration, which said:

Tell me from whom you are buying and I will tell you what you are.“

It was reported today that villages of Upper Franconia, Bavaria, were stopping merchant carts at the entrances of the towns, determining wheter the merchants were Jewish before permitting them to pass.

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Geschichte des Hauses Hafnermarkt 13 – einst jüdisches Ritualbad

Gunzenhausen

Gedenktafel am Haus Hafnermarkt 13

Veröffentlicht 1. März 2013 von schauerchristian in Alzenau und Gunzenhausen in der NS-Zeit

Jüdischer Viehhandel in Mittelfranken, im Kahlgrund und Aschaffenburg

Die Familie Rothschild (Hörstein und Aschaffenburg) – am 16. März 2019 durch Stolpersteine in Aschaffenburg gewürdigt.

Auch in Alzenau war das Thema Stolpersteine schon einmal auf der Tagesordnung. Einen Antrag, in Alzenau Stolpersteine zu verlegen, stellte Ende 2008 die Deutsch-Ausländische Gesellschaft Alzenau. Im März 2010 beschloss der Stadtrat, mit einer Gedenktafel an zentraler Stelle an die früheren jüdischen Einwohner Alzenaus zu erinnern.

Jetzt wurden doch fünf ehemalige Hörsteiner, die nach dem Ersten Weltkrieg nach Aschaffenburg gezogen waren, dort mit Stolpersteinen geehrt.

In der Elisenstraße 16 in Aschaffenburg wohnte die Familie Rothschild. Samuel Rothschild, das Familienoberhaupt, stammte ursprünglich aus Hörstein und wurde 1875 geboren. Sein Vater war vermögend. Mit seiner Frau Rosa Rothschild hatte er noch zwei ältere Kinder, Joseph und Minna.

Wie sein Vater war auch Samuel Rothschild Viehhändler. 1919 zog er mit seiner Frau Lina (geb. Forchheimer), geboren 1878, von Hörstein nach Aschaffenburg in die Elisenstraße 16. Dort wohnte er bis 1942. Das Paar hatte vier Kinder.

1902 wurde der einzige Sohn Gustav geboren, der ebenfalls Viehhändler wurde. Bekannt sind Aufenthalte in Frankfurt und in der Heil- und Pflegeanstalt Sayn für Nerven- und Gemütskranke. Sein Krankheitsbild ist exakt nicht bekannt. Sonst wohnte er bei seiner Familie. 1931 geriet er wegen seiner Krankheit unter Vormundschaft. Im März 1941 wurde er in das Ghetto Izbica deportiert. Dort wurde er ermordet. Sein exaktes Sterbedatum ist unbekannt.

Die 1909 in Hörstein geborene Tochter Berta war Arbeiterin. Sie und ihre ebenfalls unverheiratete Schwester Meta, geboren 1904, die in einer Manufaktur arbeitete, lebten mit dem Bruder in der Elisenstraße 16. Sie wurde im April 1942 nach Würzburg gebracht. Auch sie landete im Ghetto Izbica, in dem sie 1942 umgebracht wurde.

Berta lebte 1939 kurzfristig in Frankfurt. Im April 1942 wurde Berta von Würzburg aus in das Zwischenlager Krasniczyn in Polen deportiert. In diesem Jahr wurde sie im Raum Lubmin ermordet.

Die 1906 geborene Tochter Selma heiratete mit 27 Jahren Willi Kanthal, wohnhaft in Goldbacher Straße 23. Beide wurden ebenfalls im April 1942 in das Zwischenlager Krasniczyn gebracht und ebenfalls im Raum Lubmin ermordet. Aus dieser Ehe ging 1934 die Tochter Berta Inge hervor.

Lina und Samuel lebten bis 1942 in der Elisenstraße 16. Im 1942 wurde das Paar nach Würzburg, dann nach Theresienstadt deportiert und dort 1944 ermordet.

Stolpersteine AB 1 (5)

Stolpersteine der Rothschilds vor der Elisenstraße 16 Aschaffenburg

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Jüdischer Viehhandel in Mittelfranken und im Kahlgrund

Markt Berolzheim liegt im südlichen Landkreis Gunzenhausen und hatte 1933 1.025 Einwohner-91,2 Prozent protestantisch, 6,3 Prozent jüdisch und 2,5 Prozent katholisch. 1938 waren von den ehemals 65 jüdischen Einwohnern noch 24 im Ort, zwei Drittel hatten ihn verlassen. Am Tag der Reichspogromnacht (9. November 1938) kam es ab 22.30 Uhr per Telefon die Anweisung zur Zerstörung von Synagogen und Geschäften. In Markt Berolzheim wurde prompt die Synagoge in Brand gesetzt und zwar von SA-Männern des Ortes. Zuvor war der Kronleuchter der Synagoge entfernt worden und in ein Gasthaus gebracht worden.1 Teppiche und Gebetsbücher wurden zusammen mit dem Gebäude ein Raub der Flammen. Zwei Frauen weilten noch im angrenzenden Wohnhaus – Sofie Schönwalter und ihre Mutter. Sie wurden von SA-Mann Wurmthaler daran gehindert, das Haus zu verlassen. Darauf hatte Frau Schönwalter Anfang 1949 noch in New York hingewiesen.

Die SA hatte noch einen schlimmeren Peiniger vor Ort: Johann Knoll. Er bezeichnete sich selbst als „Judenhasser“. Sein Hass war darauf zurückzuführen, dass er 1931 vom jüdischen Viehhändler Julius Kahn als Knecht entlassen worden war. Während des Novemberpogroms ließ er seinen Hass an dem jüdischen Viehhändler Adolf Bermann aus. Für diesen war er vorher als Viehtreiber tätig gewesen. Das Haus dieses Viehhändlers wurde in dieser Nacht von einem örtlichen SA-Trupp gestürmt, Knoll schlitzte den Geldsack Bermanns auf und verstreute das Geld im ganzen Raum. Es war ein symbolischer Akt, die persönliche Kränkung auszugleichen. Bermann wollte sich aus Angst vor weiteren Gewalttaten das Leben nehmen.

Jüdischer Viehhändler

Judenfeindliche Ortstafel in Oberasbach – etwa 1935 © Stadtarchiv Nürnberg E 39/I Nr. 2257/1

 

Ein Hilferuf der jüdischen Bevölkerung an die örtliche Polizeistation hatte keine Schutzwirkung. Von der Staatsmacht konnten sich die Juden nichts mehr erwarten. Am Tag danach gingen die Ausschreitungen weiter. Dem Viehhändlerehepaar Abraham und Martha Löwensteiner wurde der gesamte Vieh- und Futtermittelbestand entwendet. Ein anderes Viehhändlerehepaar, Emanuel und Berta Engel, verschanzte sich wahrscheinlich im Taubenschlag ihres Hauses. Der SA-Mann Karl Loy war der Auslöser. Nach anderen Aussagen sperrte er sich dort selbst ein. Ein siebzigjähriger Jude und seíne Frau stürzten sich aus dem Fenster des ersten Stockes. Das Ehepaar Stern wurde verletzt lange liegengelassen. Danach kam es in das jüdische Krankenhaus nach Fürth, dort wurde der Frau das Bein amputiert, der Mann starb innerhalb von zwei Wochen an seinen Verletzungen.

Am Abend des 10. November mussten die jüdischen Einwohner zum Bahnhof laufen – unter Beschimpfungen der nichtjüdischen Einwohner- sie kamen in das Amtsgerichtsgefängnis nach Gunzenhausen. Die Männer wurden in das KZ Dachau weiter geleitet, die Frauen mussten in Markt Berolzheim den Brandschutt der zerstörten Synagoge wegräumen und die verwüsteten Wohnungen reinigen.2 Die Versteigerung des jüdischen Gemeindeeigentums geschah unter der Leitung des SA-Manns Karl Loy. Das Geld floss in die Gemeindekasse. Ein Einwohner gab nach dem Krieg kund, wie er von der Versteigerung profitierte: „Bei der Versteigerung von Stoffen, die aus Judenbeständen stammten, habe ich mir eine Hose sowie das Futter zu zwei Pferdekummet für zusammen 10.50 RM ersteigert. Möbel habe ich erworben, ich hatte erst 8 Tage vorher meine Hochzeit.“3 Die Äcker und Wiesen des Viehhändlerehepaares Engel wurden an elf Familien des Ortes verteilt. Ein von der Familie Schönwalter ersteigertes Klavier (50 RM) stand lange nach dem Krieg noch in einer örtlichen Gastwirtschaft.

Burghaslach (Landkreis Neustadt an der Aisch)

Hier ist eine Liedstrophe überliefert, in der es zur Versteigerung jüdischen Eigentums heißt: „ In den letzten 14 Tagen war hier großer Ausverkauf, denn die Juden mussten wandern, boten ihre Schätze an.“4 In einer weiteren Liedstrophe heißt es: „Früh am Morgen, spät am Abend, kroch das ganze Publikum in den Judenhäusern rum, Stühle gab es ohne Beine, jedes Möbel hat ein Loch.“

Gunzenhausen

Hier war Julius Streicher nicht selten. Seine Wochenzeitung der Stürmer, gelegentlich als pornografisch-antisemitsch eingestuft5, wurde schon Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts auf den Viehmärkten Mittelfrankens kostenlos verteilt. Seit 1927 störten örtliche NSDAP – Mitglieder diese Viehmärkte und griffen jüdische Händler an. In Gunzenhausen war die Zeitung im Juni dieses Jahres verteilt worden. Dem Gunzenhäuser Stadtrat gefiel das nicht. Er wollte auswärtige Händler anlocken, die ihr Vieh auf dem Gunzenhäuser Markt anbieten sollten. Durch das Verteilen von Streichers Kampfblatt befürchtete der Stadtrat, dass die jüdischen Händler vergrault wurden. Künftig wurde die Marktordnung so verändert, dass ein Verteilen von Druckschriften auf Vieh- und Schweinemärkten verboten wurde.

Eine ähnliche Situation war in Ansbach anzutreffen. Hier forderte 1929 ein NSDAP-Stadtrat, Juden den Zugang zum Viehmarkt zu verwehren. Der Stadtrat wies den Antrag zurück. Mehr Erfolg hatten die Antisemiten bereits 1927 in Feuchtwangen. Hier nahm der Stadtrat schon keine Rücksicht mehr auf jüdische Feiertage bei der Festlegung der Viehmarkttage. Nach der Machtergreifung wurden seit dem Frühjahr 1933 in Gunzenhausen mehrmals die Fensterscheiben jüdischer Häuser eingeworfen. Auch wurden die Häuserwände mit Farbe beschmiert. In Altenmuhr (6 Kilometer entfernt) wurden antisemitische Sprüche auf Plakaten in jüdische Häuser gehängt. Eine Entfernung wurde nicht gestattet. Der Aprilboykott vom 1. 4.1933 spielte sich in Gunzenhausen folgendermaßen ab. An diesem Tag patrouillierten SA-Posten vor dem Viehhandels – und Gütergeschäft der Brüder Walz. Nach einem Bericht des Rechtsanwaltes der Brüder reagierten die Kunden folgendermaßen: „Mancher der anhänglichsten und alten Kunden leisteten Widerstand, ging doch herein, wurde photographiert und sein Bild öffentlich ausgestellt als ‚Judenknecht’“.6 Die zahlreich aufgestellten Ortstafeln „Zutritt für Juden verboten“ oder „Juden betreten den Ort auf eigene Gefahr“ bedeutete für Salomon Walz aus Gunzenhausen nichts Gutes – gehe man trotzdem in das Dorf hinein, komme es vor, dass man von Fanatikern hinausgejagt werde. Nicht sehr gut erging es der Viehhändlerfamilie Walz nach ihrer Emigration in die USA. Sie mussten sich anfänglich ein Zimmer mit Küchenbenutzung in New York teilen. Salomon Walz war damals Ausläufer (Diener, Austräger) und seine Frau Putzfrau.

Leutershausen

Einen überregional wahrgenommenen Hetzartikel brachte „Der Stürmer“ im Februar 1930 auf seine Titelseite. Autor war Karl Holz (stellvertretender Gauleiter von Nürnberg). In seinem Artikel beschuldigt er sämtliche Händler aus Leutershausen, die Bauern zu betrügen und christliche Frauen zu vergewaltigen. Der jüdische Viehhändler Sigmund Enslein soll die Kriegerwitwe Barbara Sander 1925 mehrmals vergewaltigt haben. Sie sei von ihm schwanger geworden. Illustriert wurde der Artikel mit einer fetten Spinne, die typisch jüdische physiognomische Züge trägt. In ihrem Netz saugt sie einen abgemagerten Bauern aus. Der Artikel ist einen Protobeispiel eines Antisemitismus, der mit sexuellen Stereotypen argumentiert. Noch kapitulierte der Staat nicht vor solchen Machwerken. Karl Holz wurde vom Landgericht Ansbach zu einer Geldstrafe von 600 Reichsmark oder 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Der Ruf der Angegriffenen war allerdings ruiniert.

Altenmuhr

Von besonderer Bedeutung für die Situation der jüdischen Bevölkerung war der Fall der ledigen Viehhändlerstochter Karola Thormann im Juli 1938. Sie sollte ihr Familienanwesen an einen nichtjüdischen Dorfbewohner veräußern. Ihr wurde ein Verkaufspreis aufoktroyiert, der achtzig Prozent unter dem ursprünglichen Kaufpreis von 3.000 Reichsmark lag, dem sie im Januar dieses Jahres an ihren Bruder gezahlt hatte. Der Besitzstand war damals nicht mehr in bestem Zustand. Wie ein authentischer Zeuge mitteilte, war es nach 1933 für die jüdischen Einwohner Altenmuhrs nur schwer möglich, für Instandhaltungsarbeiten nichtjüdische Handwerker zu bekommen.7

Beim Novemberpogrom vom 9./10.11.1938 wurden diese Verbliebenen von SA-Mitgliedern aus ihren Häusern geholt und in ein Gebäude neben dem Stadttor gebracht, in dem die jüdische Gemeinde damals ihren Leichenwagen aufbewahrte. Mehrere Stunden wurden sie hier festgehalten, danach nach Gunzenhausen gebracht.8

Insgesamt waren deutlich weniger als die Hälfte aller mittelfränkischen Viehhändler Juden. Jüdische Betriebe dominierten allerdings bestimmte Segmente des Marktes. So verfügten sie besonders in kleineren Landgemeinden und auch in Kleinstädten über eine beherrschende Marktposition. Ein mittelständisches Viehhandelsgeschäft setzte zwischen zwanzig und dreißig Stück Vieh pro Woche um. Von 1930 bis 1932 wurde damit ein jährlicher Reingewinn von 10.000 Reichsmark erzielt. Schlachtvieh wurde auf den großen städtischen Märkten in Nürnberg, München oder Frankfurt am Main abgesetzt. Die Händler verkauften Nutzvieh direkt an die Bauern weiter.

Welchen Lebensstandard konnten sich die jüdischen Viehhändler leisten? Von nichtjüdischen Zeitzeugen wurden die Wohnverhältnisse als gutbürgerlich eingestuft, die Einrichtungsgegenstände waren komfortabler als in einem Bauernhaus. Für den gehobenen Anspruch zeugten Gemälde oder der Besitz von Klavieren – vor allem zur Musikerziehung der Töchter. Polstermöbel, Ledersessel und Teppiche. Ein Bericht aus Altenmuhr über die Familie Mohr besagt: „Das Haus Mohr war vornehm eingerichtet, so erinnere ich mich an ein Eichenherrenzimmer (handgeschnitzt), gute Lederklubsessel und gute Teppiche.“9 In Markt Berolzheim gehörte zur Ausstattung laut Aussage von Viehhändlerfrau Rosa Bermann eine beträchtliche Vorratssammlung an Wein und Likör. Auch religiöse Gegenstände waren in manchen Viehhändlerwohnungen zu finden- Menorot (siebenarmige Leuchter), Chanukkaleuchter oder gar Thorarollen – eine Familie aus Markt Berolzheim besaß eine Thorarolle, die in der Synagoge aufbewahrt wurde.10 Scheunensynagogen waren in Mittelfranken nicht selten. In Schnaittach (heute Landkreis Nürnberger Land) befand sich die Synagoge direkt neben dem Kuhstall.

Mit der Modernisierung der Wohnungseinrichtung repräsentierte man seinen bürgerlich gehobenen Lebensstandard. Der schon genannte Viehhändler Hugo Walz aus Gunzenhausen heiratete 1922 Recha und modernisierte seine Wohnungseinrichtung: „Ein Jahr nach der Modernisierung des Hauses wurde auch eine Reihe von neuen Möbeln in damals modernem Stil gekauft… Die Speisezimmereinrichtung wurde 1922 gekauft und bestand aus Tisch, Büfett, Vertiko, Eckbank, mehreren Sesselstühlen, alles 1929 neu gekauft. In den beiden Schlafzimmern gab es je zwei Betten mit Matratzen und Nachttischen, je einen Wäscheschrank und je einen Toilettentisch mit Sitzgelegenheit. Eine Einrichtung wurde 1922, die andere 1929 gekauft. Alles waren moderne Stilmöbel. Auch die Küchenmöbel waren das modernste, was damals hergestellt wurde. Sie bestanden aus den üblichen Büffets, Küchenschränken u.s.w., 1929 gekauft. Die Einrichtung des Dienstmädchenzimmers mit Bett, Matratze, Wäscheschrank, zweiteiligem Schrank, Spiegel und Nachttisch war 1922 gekauft worden.“11

Wichtig für die Zukunftsfähigkeit eines Betriebes war ein Anschluss an das Bahnnetz. Mittelständische Familienbetriebe hoben sich vom Landjudentum ab, weil die Ehefrauen im Unternehmen nicht mitarbeiten mussten. Die Söhne machten von Anfang an eine umfassende praktische Ausbildung, auf die sich meist eine formale kaufmännische Ausbildung folgte.

Hier wird die Zeit geschildert, als das Verhältnis noch nicht aus dem Ruder lief:“Aus kulturhistorischer Sicht ist zudem bedeutsam, dass die jüdischen Viehhändler zumeist religiös waren und somit gleichsam Träger der alten Strukturen und der Moderne waren. Von der Autorin Stefanie Fischer erfährt man, dass das Beibehalten einer jüdisch-orthodoxen Lebensweise keineswegs in Widerspruch zur Herausbildung einer modernen, mittelständischen Unternehmerkultur stehen musste. Dies ist umso bemerkenswerter, als diese Gruppe trotz massiver antijüdischer Vorurteile als ehrbare Kaufleute das Vertrauen ihrer Kunden gewinnen konnte. Dieses Vertrauen hatte sich traditionell im Miteinanderhandeln aufgebaut und als Schubkraft beim Aufbau von ökonomischem Vertrauen erwiesen.“12

Exkurs: Über ökonomisches Vertrauen berichtet auch Henry Buxbaum (1900 bis 1979), Landarzt in Griesheim (Hessen), der 1938 in die USA ausgewandert ist. In seinen Memoiren heißt es unter anderem: „Die Beziehung zwischen den Bauern und dem jüdischen Händler seines Vertrauens entwickelte sich nicht selten zu einer Freundschaft, die auch in den folgenden Generationen Bestand hatte. In Hessen wurde aus den Geschäftsbeziehungen zu den großen Landeigentümern, den ‚Pächtern‘, wie sie hier genannt wurden, wirkliche Partnerschaften, auch wenn sie im streng juristischen Sinn nicht so genannt wurden. Das Vertrauen dieser großen Landbesitzer in ihre Händler kannte fast kein Grenzen. In ihren Augen konnte so ein Jude nichts Unrechtes tun. Er war ihr Berater, ihr Vertrauter in allen Fragen, vom Geld bis zum Heiraten. Ich meine, er war – auf einer niedrigeren sozialen Stufe-der direkte Nachkomme des ‚Hofjuden‘ vergangener Jahrhunderte, der der spanischen Krone und später den Fürstenhöfen Mittel- und Osteuropas ähnliche Dienste geleistet hatte. Diese Pächter waren die tatsächlichen Nachfolger der adeligen und geistlichen Herren, die vor der napoleonischen Zeit die größten Landeigentümer auf dem Dorf und in der Stadt gewesen sind. Der Besitz des durchschnittlichen Bauern wurde ‚Bauerei‘ genannt, der Besitz der großen Landeigner hieß ‚Hof‘. Die Höfe überragten alle anderen Bauerngüter an Größe und an Bedeutung für das Sozialleben des Dorfes.Die Pächter waren sozusagen eine heimliche Adelskaste. Sie waren groß, reich und unabhängig genug, um mit ihren jüdischen Partnern von gleich zu gleich zu verhandeln. Weil sie von einer Position der wirtschaftlichen Stärke und Überlegenheit ausgehen konnten, verfielen sie nicht leicht Haß und Neid den Juden gegenüber, dem so viele wirtschaftlich weniger gesicherte Bauern erlagen.Aus eben diesen Gründen widerstand diese Gruppe auch ziemlich lange den radikalen Parolen der Nazis und ihren antijüdischen Maßnahmen. Aber trotz der engen und vertrauensvollen Beziehungen zwischen den reichen Bauern und ihren ebenso reichen jüdischen Geschäftspartnern hat es niemals Heiraten zwischen den Angehörigen dieser Gruppen gegeben. Ich weiß jedenfalls von keiner solcher Ehe, und auch meine Mutter hat mir nie von einer berichtet.“13

Der soziale Gegensatz von begüterten Viehhändlern und armen Bauern, der in Mittelfranken später angedeutet ist, spielt hier in Hessen keine Rolle. „Die Rolle der jüdischen Viehhändler besaß für die ländliche Ökonomie eine wichtige Bedeutung, da sie auch weniger wohlhabenden Bauern Viehbesitz ermöglichten und diese mit Kleinkrediten versorgten. Land- und Viehjuden hatten eine Funktion, daran änderten die neuen Machtverhältnisse zunächst nichts: ‚Die Juden brauchen wir, weil ich noch heute mein Vieh ohne Juden nicht an den Mann bringen kann. Die christlichen Viehhändler wollen nämlich das Vieh stets unter dem Preis kaufen, was bei den Juden nicht der Fall ist.‘ So hieß es noch in einem Polizeibericht in Heidenheim im Jahre 1934. Aus dieser Aussage hört man nachgerade das verankerte Vertrauen heraus, das den jüdischen Viehhändlern immer noch entgegengebracht wurde.14   

Dass es seit 1933 abwärts ging und mit dem Jahr 1938 desaströs wurde, wurde oben geschildert.

Jüdischer Viehhandel allgemein

Wichtigste Verdienstquelle der Juden in der Frühen Neuzeit war der Viehhandel. Gehandelt wurden Rinder und Pferde. Geschäfte wurden auf Jahrmärkten und Wochenmärkten abgeschlossen und mit Handschlag besiegelt. Später musste der Vertrag schriftlich protokolliert werden. Die jüdischen Händler gewährten ihren Kunden bei der Bezahlung bestimmte Fristen. Zinsen wurden selten genommen. Gelegentlich wurden sogar Juden, die ein hohes Vertrauen genossen, zur Festlegung der Markttermine von Viehmärkten hinzugezogen.15

Im 19. Jahrhundert wurde der Viehhandel eine jüdische Domäne. Mehr als die Hälfte der Viehhändler waren Juden.16

Eine Schätzung für das Jahr 1917 geht davon aus, dass in dieser Zeit etwa 60 Prozent der Viehhandelsgeschäfte im Deutschen Reich von Juden betrieben wurden.17 Andere Experten vermuten den Anteil der Juden am Viehhandel im Deutschen Reich vor 1930 bei etwa 20 Prozent. 1936 waren es nach einer Quelle noch 14 Prozent.

Gekleidet waren die jüdischen Viehhändler nicht gerade bäuerlich. Üblich waren dunkle Anzugshosen und ein beiger Mantel. Auffälliges Kleidungsstück war häufig ein breitkrempiger Herrenhut. Ein weißes Hemd mit Krawatte kontrastierte mit dem nicht gerade erhabenen Geruch, der beim Viehhandel nicht selten anzutreffen war. Die Kleidung war also gut bürgerlich.18 Ein Stock gehörte zudem zur Grundausstattung. Überwiegend war seine Funktion wohl repräsentativ.Im schon erwähnten Burghaslach gab es Spottlied über den ortsansässigen Viehhändler, in dem es unter anderem hieß: „Wenn er sei Stöckle schwingt.“19 In dem Lied kommt auch der soziale Gegensatz zum Ausdruck: hier der Stock schwingende Gutsituierte, dort der arme Landmann.

Im Mittelalter gab es den Beruf des jüdischen Viehhändlers selten. Erwähnt ist dieser Beruf in Basel im Jahre 1383 16 Jahre vor der Vertreibung der Juden aus dieser Stadt. Wahrscheinlich war aber den Juden diese Art der Betätigung in dieser Zeit nicht ganz fremd. Im Geschäftsverkehr mit Adeligen wurde Vieh in Zahlung gegeben. Jüdische Metzger kauften Schlachtvieh für die Herstellung von koscherem Fleisch.20

Jüdischer Viehhandel im Kahlgrund

Einen nicht ganz so guten Ruf im Viehhandel wie in den geschilderten Gegenden Mittelfrankens hatten die Juden im Raum Schöllkrippen. Anfang 1859 wandte sich das Königlich Bayerische Landgericht Schöllkrippen an die Gemeindeverwaltung dieses Ortes mit der Frage, ob die Wiedereinführung von Viehmärkten sinnvoll sei.21 Unterstützung erhielt Schöllkrippen bei der Wiedereinführung von Viehmärkten von einigen Nachbargemeinden. Von zwei Nachbargemeinden waren antisemitische Untertöne zu hören. Huckelheim führte als Grund für die Wiedereinführung von Viehmärkten die „Notwendigkeit einer Konkurrenz zu den Handelsjuden der Umgebung an, bei denen ‚ nicht selten Prellereien und Betrüge vorkommen.’“22 Oberwestern sah den Viehhandel im Kahlgrund „bereits ausschließlich in den Händen solcher Handels- und Schacherjuden“, wie es wörtlich hieß.23 Tatsächlich war der Viehhandel im 19. Jahrhundert eine Domäne der Juden. 1935 stellte sich die Lage so dar, dass in Schöllkrippen und im benachbarten Alzenau von den erwerbstätigen männlichen Juden mehr als 45 Prozent im Viehhandel tätig waren. Antisemitismus konnte dadurch entstehen, dass durch die im Viehhandel übliche Geldleihe bei Geldknappheit und Zahlungsunfähigkeit zu Pfändungen führen konnte, was für die Gepfändeten unerfreulich war.24 Ab März 1859 konnten in Schöllkrippen dann wieder Viehmärkte einmal monatlich bis Oktober abgehalten werden. Ob sie schon 1859 tatsächlich stattfanden, ist nicht klar, nach 1900 gab es sie nicht mehr.25 Und auch heute gibt es sie nicht mehr.

Auch in Schöllkrippen kam es in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zu Ausschreitungen gegenüber den Juden. Ein jüdischer Viehhändler aus Schöllkrippen war Wilhelm Neumann. Die jüdischen Bürger flohen in der Nacht aus dem Ort und suchten in den darauf folgenden Tagen fast alle an anderen Orten eine Zuflucht. Nur eine Familie blieb weiter in Schöllkrippen – der Viehhändler Wilhelm Neumann (geb. 1885), seine Frau Martha (geb. 1895) und ihr Sohn Heinz (geb. 1926). Aus den Akten der Geheimen Staatspolizei ergibt sich das Bild, das ein NS-Parteimitglied von einem Juden hatte. Hintergrund der Vorgänge war die räuberische Erpressung des Wilhelm Neumann durch Kurt T. (Name geändert), einem in Schöllkrippen wohnhaften SA-Mann. ein Jahr nach der „Reichspogromnacht“. Werner F. war Mitglied der NSDAP (Name geändert):“Ich heiße Werner F. und habe als Zeuge folgende Aussagen zu machen:

Der Jude Neumann ist schon von jeher ein schlechter Bezahler gewesen und hat bei seinem Viehhandel so manchen armen Bauern um Geld und Vieh gebracht. Nachdem Kurt T. schon öfters von armen Bauern angegangen wurde, ihnen zu ihrem Gelde zu verhelfen, ist anzunehmen, dass Kurt T. in dem hier in Betracht kommenden Falle sich für einen Bauern verwendet hat.

Kurt T. ist Angehöriger des SA-Sturms und steht im Range eines SA-Truppführers. Seit dem 1.4.1933 ist er Mitglied der NSDAP. In der Kampfzeit sowie auch nach der Machtübernahme hat sich Kurt T. als ein äußerst zuverlässiger Kämpfer für die Bewegung bewährt.

Da er wegen seiner nationalsozialistischen Einstellung von den in Schöllkrippen wohnenden Juden wiederholt angepöbelt wurde, hegt er gegen alles Jüdische einen bitteren Hass. Es ist als sein Verdienst zu buchen, dass Schöllkrippen, welches etwa zehn jüdische Familien beherbergte, heute vollständig judenfrei ist.26

Exkurs – Politisch motivierter Antisemitismus auf dem Land

Die Gründung des „Bundes der Landwirte“ (BDL) erfolgte 1893. Sie erfolgte als Reaktion der Landwirte auf die Agrarkrise. 1900 hatte der BDL einen „Arierparagrafen“ eingeführt. Nur Christen durften Mitglied sein, damit war der Bund Teil des völkischen Antisemitismus im Kaiserreich! Reichsweit hatte der BDL vor dem Ersten Weltkrieg etwa 330.000 Mitglieder. In Hessen setzte sich die Bewegung von Otto Böckel für judenfreie Viehmärkte ein. Neben dem BDL bildete sie die völkisch antisemitische Bewegung auf dem Lande.27 Der Agrarantisemitismus setzte den Wucher mit jüdischem Vieh- und Güterhandel gleich. Die Ressentiments verarmter Kleinbauern gegenüber aufgestiegenen Landjuden kam darin zum Ausdruck.

Das Verzeichnis der ortsansässigen Juden in Alzenau vom 29. Juli 1935 erfasste elf Juden, die vom Viehhandel lebten:

Freudenthal, Heinrich, geb. 23.5.1903, Alzenau, Beruf Viehhändler

Hamburger, Bernhard, geb. 2.8.1874, Alzenau, Beruf Viehhändler

Hamburger, Ferdinand, geb. 28.1.1874, Alzenau, Beruf Viehhändler

Hamburger, Gustav, geb. 12.3.1870, Alzenau, Beruf Viehhändler

Hamburger, Herz, geb. 7.7.1841, Alzenau, Beruf Viehhändler

Hamburger, Isaak, geb. 11.10.1866, Alzenau, Beruf Viehhändler

Hamburger, Isidor, geb. 5.3.1865, Alzenau, Beruf Viehhändler

Hamburger, Josef, geb. 9.4.1901, Alzenau, Beruf Viehhändler

Oestrich, Bernhard, geb. 12.11.1881, Alzenau, Beruf Vieh-und Schuhhändler

Oestrich, Josef , geb. 8.10.1868, Alzenau, Beruf Viehhändler

Oestrich, Julius, geb. 22.10.1906, Alzenau, Beruf Viehhändler

Der Viehhandel in Alzenau war auch kurz danach noch präsent. Mitte 1937 gab das Bezirksamt bekannt, dass sich der Viehhandel vorwiegend in jüdischer Hand befinde.28 Eine Hausbeschädigung fand am 30.12.1936 insofern statt, als dass einem jüdischen Viehhändler in Alzenau ein Teil seiner halbgläsernen Haustüre zerschlagen wurde.

Ein weiterer Schwerpunkt wirtschaftlicher Betätigung der Juden im Raum Alzenau war die Tabakwarenherstellung. Im September 1935 waren im Bezirksamt Alzenau 20 von 29 Tabakfabriken in jüdischem Besitz.29 Insgesamt waren in diesen Fabriken 2.100 Personen beschäftigt.

Eine antisemitische Maßnahme erließ der Sonderkommissar für die Kreisregierung von Unterfranken Anfang April 1933 – das Verbot der jüdischen Sprache auf Vieh- und Schweinemärkten. Die Handelssprache war ausschließlich Deutsch, Grundlage dafür war die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“.30

1817 wurde in Alzenau ein jüdischer Viehhändler genannt. Bei der Erstellung der Matrikellisten wurden sieben jüdische Familienvorstände genannt, darunter Herz Hamburger (Viehhandel).

Um 1850 war in Alzenau kein Viehhändler anzutreffen, dafür aber einige in Hörstein– aus einem Bericht ergibt sich bezüglich Viehhandel folgendes:

Daniel Rothschild, als Viehhändler ansässig. Der Betrieb dieses Geschäftes bildet seinen Nahrungsstand (2 Söhne, der eine steht als Handelskommissär in auswärtigen Gesellschaften, der andere hat sich als Metzgergeselle in die Fremde begeben).

Kusul Rothschild, Viehhändler (verheiratet, keine Kinder).

Löw Rothschild jung Wittib, als Viehhändler und Krämer ansässig, dieselbe betreibt beide Geschäfte unter vollständiger Sicherung ihrer Subsistenz (alleinstehend mit Knecht und Magd).

Löw Rothschild alt, derselbe ist als Viehhändler ansässig, treibt ausgebreiteten Handel mit bestem Erfolge (3 Kinder, wovon sich der Sohn als gewanderter Schuhmachergesell beim Vater aufhält und wahrscheinlich die Schuhmacherarbeiten für die Familie besorgt).

Die Gesamtzahl der Juden betrug 156, es waren 26 Familien.31

Auch für das 20. Jahrhundert ist der Handel (insbesondere der Viehhandel) und die Brotbäckerei die überwiegende Existenzgrundlage der Juden in Hörstein.

Eine schwere antisemitische Ausschreitung in Hörstein traf den jüdischen Metzger Moritz Löwenthal (geboren 1876) am 28.8.1933. In einem Polizeibericht aus Dettingen zwei Tage später heißt es dazu: „Am 28.August 1933 abends gegen 9 Uhr wurden in Hörstein der verheiratete Metzger Moritz Löwenthal und der ledige 19 Jahre alte Student Siegfried Rothschild und der ledige Kaufmann Arthur Hecht von dort von 6 SS-Leuten aus Aschaffenburg schwer mißhandelt.

Nach den Feststellungen des Herrn Dr. Schlicht von Kahl ist Löwenthal der Unterkiefer zerschmettert, mehrere Zähne sind gelockert, das rechte Auge ist vollständig mit Blut unterlaufen, es sieht dies aus wie ein Blutfleck, ausserdem hat er am Rücken 10-12 blutunterlaufene Striemen. …

Nach den weiteren Feststellungen besteht dringender Verdacht daß der verh. Händler und SS-Mann V. Von Hörstein mit der Sache zusammenhängt, bezw. der Veranlasser des Überfalles ist.

Er hat schon am 23.8.33 in einer Friseurstube in Hörstein gesagt, daß an Kirchweih SS-Leute aus Aschaffenburg kommen und die Juden aus dem Saale werfen würden.“32

 

 

1Stefanie Fischer, Ökonomisches Vertrauen und antisemitische Gewalt- Jüdische Viehhändler in Mitttelfranken von 1919 – 1939, Göttingen 2014, S. 281

2Ebd., S. 285

3Ebd.

4Ebd.. S. 286

5Thomas Medicus (Hrsg.), Verhängnisvoller Wandel. Ansichten aus der Provinz 1933 – 1949: Die Fotosammlung Biella, Hamburg 2016, S. 19

6Stefanie Fischer, a.a.O., S. 215

7Ebd., S. 276 f.

9Stefanie Fischer, a.a.O., S. 55 (Zeugenaussage von Maria Andlinger 1966)

10Ebd. S. 57

11Ebd., S. 58

13Monika Richarz (Hrsg.), Jüdisches Leben in Deutschland – Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte 1918 – 1945, Stuttgart 1982, S.97 f.

16Arbeitskreis Jüdisches Leben in Schöllkrippen (Hrsg.), Stolpersteine zum Gedenken an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Schöllkrippen, o.O. o.J., S. 10

18Vgl. Stefanie Fischer, a.a.O., S. 102

19Ebd., S.103

20Uri Kaufmann, Zum Viehhandel der Juden in Deutschland und der Schweiz – bisherige Ergebnisse und offene Fragen, in: Uri Kaufmann und Carsten Kohlmann (Hrsg.), Jüdische Viehhändler zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb, Horb-Rexingen 2008, S. 17

21Vgl. Helmut Winter, 1859: Versuch eines Neubeginns der Jahr-und Viehmärkte in Schöllkrippen, in: Unser Kahlgrund 1999- Heimatjahrbuch, S. 164 ff.

22Ebd., S. 165

23Vgl. ebd.

24Vgl., ebd. S. 166

25Vgl. ebd., S. 167

26Wilhelm Neumann – Gestapo Protokolle , S. 3

27Vgl. Martin Ulmer, „Zuerst die Kuh, dann Hab und Gut. Erpreßt der Advokat und Jud.“ Agrarantisemitismus in Württemberg im 19. und 20. Jahrhundert, in: Uri R. Kaufmann und Carsten Kohlmann (Hrsg.), Jüdische Viehhändler zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb, Horb-Rexingen 2008, S. 135

29Vgl Helmut Winter, Die jüdischen Gemeinden im Bezirk Alzenau, in: Unser Kahlgrund 1984, S. 193

30Vgl. ebd., S 194

31Königliches Landgericht Alzenau „Die Verhältnisse der israelitischen Glaubensgenossen betreffend“ – Vier Fragen an die Gemeinden Alzenau, Hörstein, Schöllkrippen und Wasserlos, in: Walter Scharwies, Toleranz und Zusammenleben, aber auch unverständlicher Haß – Jüdische Kultusgemeinde in Alzenau/Wasserlos und Hörstein, Alzenauer Stadtbuch 2001, S. 263 ff.

32Helmut Winter, Die jüdischen Gemeinden…, a.a.O., S. 194 f.

Dokumentartheater – Peter Weiss‘ Viet Nam Diskurs

Dokumentartheater – Peter Weiss’ Viet Nam Diskurs

Peter Weiss’ Viet Nam Diskurs

“Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des lang andauernden Befreiungskrieges in Viet Nam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika die Grundlagen der Revolution zu vernichten”. In der Vorgschichte führt Weiss durch das Altertum Vietnams, lenkt den Blick auf chinesische Fremdherrschaft, Kolonialisierung und japanische Okkupation. Mit der Ausrufung der “Demokratischen Republik Vietnam” im September 1945 geht Teil eins zu Ende. Er spielt auf einer Bühne, die auch geographisch Vietnam bedeutet: Hinten rechts ist China vorzustellen, links vorn liegt Laos, und der Süden ist an der Rampe. 15 Schauspieler – völlig entpersonalisiert, weil nummeriert -spielen die Geschichte Vietnams.

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Der zweite Part beginnt mit der Niederlage Frankreichs von Dien-Bien-Phu (1954). Schon der Krieg der Franzosen, meint Weiss, “wurde zu 78 Prozent von Amerika finanziert”; als Kennedy 1961 die US-Präsidentschaft übernahm, seien die USA bereits tief im “größten Geheimkrieg der Geschichte” engagiert gewesen. Der Geheimkrieg wird bei Weiss meist in amerikanischen Planungszentren und um einen sehr großen runden Tisch geführt. „Die Seitenpodeste sind zu einem großen Viereck in der Mitte des Vordergrunds zusammengestellt worden“, heißt es im Stück. Bekannte Politiker sammeln sich um diesen Tisch; wenn sie Historisches zitieren, steigen sie auf den Tisch, und wenn der amerikanische Außenminister Dulles nach London reist, geht er um ihn herum. (Vgl. Der Spiegel 24.07.1967) Weiss hat für den “Diskurs” weit über 100 Bücher gelesen; eine Bibliographie wird der Buch-Ausgabe beigefügt. Als Vietnam-Berater engagierte er zudem den Berliner Soziologie-Studenten Jürgen Horlemann. Der sogenannte Weiss – Gardist, Mitautor eines Vietnam-Buches, lebte beim Autor in Stockholm. Nach vollendetem “Diskurs” reiste Weiss — “Die Besitztümer der reichen Nationen sind verpestet von Aasgeruch” — mit Gattin Gunilla zur Erholung nach Kuba.

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Ende der 1960er Jahre war Horlemann wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schriftstellers Peter Weiss, dem er Material für dessen Theaterstück „Viet Nam Diskurs“ lieferte und Diskussionspartner war. Bis heute ist sein gemeinsam mit Peter Gäng verfasstes Buch „Vietnam. Genesis eines Konflikts“ (1966) im Suhrkamp Verlag in mehreren Auflagen erschienen..Peter Weiss (geb. 1916, gest. 1982), einer der führenden Repräsentanten des deutschsprachigen politischen Theaters, seit 1960 freier Schriftsteller in Stockholm, prangerte in seinem »Viet Nam-Diskurs«, der am 20. März 1968 an den Städtischen Bühnen der Stadt Frankfurt am Main in der Regie von Harry Buckwitz uraufgeführt wurde, den Krieg der USA gegen das Vietnam als Verbrechen an. Das Stück kam ohne individuelle Figuren aus, kollektive Helden (soziale, politische Gruppen) wurden einander gegenübergestellt. Grundlage des Stücks war der 1968 erschienene »Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des langandauernden Befreiungskrieges in Viet Nam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen die Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika, die Grundlagen der Revolution zu vernichten«.

Im Wintersemester 1972/1973 fand ein Proseminar an der Universität Würzburg unter der Leitung von Frau Dr. Flach statt, das sich mit dem Thema „Dokumentartheater“ befasste und in der dieses Stück über den Vietnamkrieg neben Hochhuts „Der Stellvertreter“, Enzensbergers „Das Verhör von Havanna“ und Heinar Kipphardts „Joel Brand“ behandelt wurde. Ein Referat von mir und der Koautorin H. E. Befasste sich mit dem Buch „Vietnam Genesis eines Konfliktes“ von Jürgen Horlemann und Peter Gäng, das dem Stück als Grundlage diente. Obwohl das Proseminar ein germanistisches war, ist das Referat historisch – kein Wunder, wenn es sich um Dokumentartheater handelt. Im Seminar prallte häufig eine DKP-Position auf eine CSU-nahe Position. Die Kampfhähne schenkten sich nichts. Beispiel: Ra. (CSU-nahe): „Jetzt hast Du gesagt, ich sei ein Faschist“ St. (DKP): „Das habe ich nicht gesagt!“

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Referat – Thema: Verarbeitung, Aufbereitung, Umwandlung, Gestaltung der Dokumente im Theaterstück „Vietnam Diskurs“

A) Geschichtlicher Überblick über die Entwicklung Vietnams nach Jürgen Horlemann, Peter Gäng: Vietnam Genesis eines Konflikts, Frankfurt 1968, ed. Suhrkamp

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I. Chinesische Fremdherrschaft und anschließender unabhängiger, jedoch von China  weiterhin beeinflußter Nationalstaat (S. 9 -11)

Das im unteren Jangtse – Tal gelegene Reich der Viet Völker wurde 333 v. Chr. Von den Chinesen erobert. Die Vietnamesen wichen nach dem Süden aus, wo sie in den Provinzen Kwangsi, Kwangtung, Tonking und Annam neue Fürstentümer gründeten (Boach Viet). Die nördlichen Stämme wurden schließlich doch völlig sinisiert, wohingegen die im Süden lebenden Stämme der Ngeou den ersten, 196 v. Chr. von China anerkannten Vietstaat bildeten. Dieser wurde schon bald (111 v. Chr.) von der chinesischen Han – Dynastie annektiert.Während der über 1000 jährigen chinesischen Fremdherrschaft (erst 939 n. Chr. Wurde Vietnam formell unabhängig), der sich die Vietnamesen durch Erhebungen und weitere Expansion nach dem Süden zu entziehen versuchten, übernahmen sie die soziale Struktur Chinas und seine hoch entwickelte Kultur. Der chinesische Einfluß blieb auch nach der nationalen Unabhängigkeit im 10. Jahrhundert vorherrschend, die Volkssprache bestand zur Hälfte aus chinesischen Wörtern, das Vokabular der Gebildeten sogar zu 80 %. Im 15. Jahrhundert bildeten sich die heutigen Grenzen heraus und Vietnam entwickelte sich zum mächtigsten Land Ostasiens.

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II. Die koloniale Eroberung durch Frankreich

Als 1860 England und Frankreich im sog. Opiumkrieg China zwingen wollten, sich dem westlichen Einfluß zu öffnen, landeten ihre Schiffe auch an den Küsten Indochinas (Laos, Kambodja, Vietnam). Die Franzosen betrachteten die Besitznahme Indochinas als Voraussetzung für die Eroberung Chinas. Die Kolonie Indochina (Kambodja war in den Jahren 1884 – 86, Laos 1894 -96 erobert worden, China verzichtete 1884 formell auf Vietnam) entwickelte sich zur profitabelsten französischen Überseebesitzung. Durch die Anlage großer Kautschuk-Plantagen und die Vergrößerung der Reisanbaufläche in Cochinchina (südl. Teil von Vietnam) und durch die Ausbeutung der Bodenschätze in Tonking gewann die französische Wirtschaft billige Rohstoffe. Zugleich erreichte die Kolonie für den Kapital- und Konsumgüterexport große Bedeutung. Die französischen Investitionen berücksichtigten die Bedürfnisse Vietnams in keiner Weise, sondern waren nur auf möglichst hohe Profite abgestellt, die sofort aus dem Lande abgezogen wurden. Dieses System verhinderte die Entstehung eines vietnamesischen Binnenmarktes und einer eigenständigen Industrie und somit auch das Aufkommen eins vietnamesischen Bürgertums. Das ständige Defizit im vietnamesischen Staatshaushalt nötigte die Regierung zu immer höheren Steuerforderungen. Die Bauern waren bald gezwungen, ihr Land an finanzkräftige Grundherren zu verpfänden. So geriet die Masse der Bevölkerung in immer größere Abhängigkeit von den Großgrundbesitzern, die immer mehr Land beherrschten. Den 9,6 Millionen Proletariern standen 9000 Angehörige der Oberschicht gegenüber, die pro Kopf ca. 850 mal soviel verdienten wie eine arme Familie.

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III. Die Organisation des Widerstandes

a) Die bürgerliche Bewegung

Etwa bis zum Jahre 1920 waren die politischen Oppositionsgruppen in Vietnam von der bürgerlich-

demokratischen Reformbewegung in Asien, insbesondere der Kuomintang SunYat Sens (Chinesische „Nationale Volkspartei“, 1912 nach dem Sturz des Kaisertums von Sun Yat Sen mit nationalem und sozialem Programm gegründet) beeinflußt worden. Die bürgerliche Opposition hatte in Vietnam mit der „Rebellion der Gebildeten“, einem sich über 10 Jahre erstreckenden und 1896 niedergeschlagenen  Volksaufstand begonnen. Es entstanden danach noch einige Bewegungen, die aber  insgesamt an ihrem mangelnden politischen Einfluß scheiterten. Das zahlenmäßig  schwache Bürgertum erkannte nicht, daß es nur mit der Masse der geknechteten  Bauern den Kolonialherren wirksam entgegentreten konnte. Von der Oberschicht  konnte der bürgerliche Widerstand keine Unterstützung erwarten, da diese dieselben Interessen wie die Franzosen verfolgten.

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b) Die sozialistische Bewegung (S. 24 – 36)

Als Ho Chi Minh erkannt hatte, daß die von ihm 1919 bei der Versailler Friedenskonferenz im Sinne der Wilsonschen 14 Punkte geforderte nationale Selbstbestimmung und rechtliche Gleichstellung Vietnams mit den europäischen Völkern deren Interesse zuwiderlief, schloß er sich der 1920 gegründeten kommunistischen Partei Frankreichs an. Er zeigte damit die Richtung an, die der Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes nehmen sollte. Ausgehend von den Folgen der Weltwirtschaftskrise beschlossen die verschiedenen sozialistischen Parteiführer Vietnams (die sozialistische Bewegung war vor 1930 in drei verschiedene Parteien zerfallen) 1930 die Gründung der „Kommunistischen Partei Vietnams“. In dieser Zeit herrschten in Vietnam Hungersnöte und Seuchen sowie Massenarbeitslosigkeit.Die Bevölkerung wurde dadurch sozialistischen Vorstellungen zugänglich. Unter der Anleitung von kommunistischen Kadern begannen bewaffnete Aktionen gegen Großgrundbesitzer ; die Aktionen scheiterten jedoch allesamt an der militärischen Übermacht der Kolonialherren. Diese Niederlagen fügten der Kommunistischen Partei großen Schaden zu. Als Konsequenz daraus richtete sich ihr Ziel für die Zukunft auf langwierige Aufklärungs – und Propagandaarbeit. Sie baute eine Untergrundorganisation auf und bereits innerhalb eines Jahres kam es zu Masseneintritten in die roten Gewerkschaften und Bauernvereinigungen. Die nach Lenin ausgerichtete Kommunistische Partei ging 1933 ein Bündnis mit den Trotzkisten und den Unabhängigen Revolutionären Nationalisten ein und konzentrierte sich in diesem Stadium auf legale Arbeit (Teilnahme an den Gemeinderatswahlen). Dies Einheitsfront zerbrach 1937 an divergierenden Vorstellungen über den Hauptgegner des vietnamesischen Volkes: Japan, das seit 1923 einen Krieg mit China führte und ihn auf Vietnam auszuweiten drohte oder Frankreich. 1939 wurden die Trotzkisten, die das Bündnis der leninistischen Partei mit Frankreich gegen das faschistische Japan verurteilten und beide als Gegner bezeichneten, durch Verhaftungswellen ausgeschaltet. Während der japanischen Okkupation zog sich die Parteileitung in den Süden zurück und änderte ihre Taktik (jetzt gegen Japan und Frankreich).

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   Der bewaffnete Widerstand: Guerillakrieg (S. 37 – 73)

a) Der 1.Indochinakrieg 1940 – 1945

1940 wurde den Japanern von den Franzosen das Recht eingeräumt, ganz Indochina für ihre Truppen als Aufmarschgebiet zu benutzen. Daraufhin legte Ho Chi Minh 1941 die für den kommenden Partisanenkampf gültigen Richtlinien fest. Hiermit waren die Voraussetzungen für eine nationale Einheitsfront aller Schichten und Klassen geschaffen: Unter dem Namen Viet Minh wurde sie im Juni dieses Jahres ins Leben gerufen. Die Strategie der Viet Minh bestand darin: sie führte einen Guerillakrieg gegen Japan, sie bekämpfte die französische Kolonialmacht, sie unterstützte die Koumintang und die USA, und erhielt Hilfe von den USA und China. Im August 1945 war das Land von den Japanern befreit.

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b) Der 2.Indochinakrieg 1946 – 1954

Im September 1945 konstituierte sich die Demokratische Republik Vietnam als bürgerlich-demokratischer Staat. Frankreich zeigte sich jedoch nicht gewillt, seine ehemalige Kolonie aufzugeben. Schon bald ersetzte es die Viet Minh- Verwaltungskomitees durch „zuverlässige“ Vietnamesen und zerstörte die Republik als unabhängige politische Einheit. Daraus entstand der 2. Indochinakrieg. Obwohl militärische eindeutig im Nachteil, entwickelte die Viet Minh gemäß Mao Tse Tungs „Fragen der Strategie des Partisanenkrieges gegen die japanischen Eindringlinge“ und „Über den lang dauernden Krieg“ eine Taktik, der die französischen Streitkräfte auf die Dauer nicht gewachsen waren. 1948 machten die Franzosen den von den Viet Minh abgesetzten Kaiser Bao Dai zur Zentralfigur einer Gegenregierung zu der Regierung Ho Chi Minhs. Dieses Vorgehen unterstützten die USA, die außerdem die französischen Kriegsausgaben zu 2/3 finanzierten. Seit dem Fall der Festung Dien Bien Phu stand die militärische Niederlage der Franzosen fest.

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Vom kolonialen zum antikommunistischen Krieg (S. 68 – 73)

Der Sieg der Kommunisten unter Mao Tse Tung in China 1949, der einen Schock in der amerikanischen Öffentlichkeit auslöste, bewirkte einen Schwenk in der Außenpolitik der USA. Aus der anfänglich antikolonialistischen Haltung, aus der heraus man die Viet Minh unterstützt hatte, wurde unter dem Einfluß der Revolution in China eine Kommunismusfurcht, die zur Unterstützung Frankreichs und der Schattenregierung Bao Dais führte. Der Kolonialkrieg zwischen Frankreich und Vietnam erfuhr durch das immer stärker werdende Engagement der USA eine Inter-nationalisierung und zugleich eine Ideologisierung. Für die Außenpolitik der USA wurde Vietnam zum Paradebeispiel des Kampfes der „freiheitlichen“ westlichen Demokratien gegen den „imperialistischen“ östlichen Kommunismus. Der ehemals verurteilte Krieg Frankreichs wurde jetzt von amerikanischer Seite als gerechter Kampf gegen die kommunistische Aggression interpretiert, der die volle Unterstützung der USA verdiente. Der Antikommunismus wurde die herrschende Ideologie, unter deren Deckmantel man reine Machtpolitik als Verteidigung gegen kommunistische Aggressoren, die jetzt überall gesehen wurden, deklarierte (Kalter Krieg). Denn Amerika gewährte Frankreich ja nicht finanzielle Hilfe- wie man dem amerikanische Volk weiszumachen versuchte – weil man den Vietnamesen ihre Freiheit (die sie unter französischer Herrschaft tatsächlich nie besessen hatten), erhalten wollte, sondern weil die USA ihre Vormachtstellung in der Welt von Rußland und China bedroht sahen und Vietnam als militärischen Stützpunkt in Indochina benötigten. Aus diesem Krieg führten die USA auch den Koreakrieg – so die Autoren. Als sich die französische Niederlage bei Dien Bien Phu abzeichnete und die USA ihre Chancen auf erfolgreiche Beendigung des Kriegs schwinden sahen, erwogen die französische und amerikanische Regierung sogar den Einsatz von Atombomben, deren durchschlagend Wirkung man noch von Hiroschima und Nagasaki in Erinnerung hatte. Dieser Plan scheiterte jedoch am Einspruch Englands. Stattdessen entschloß man sich zu Verhandlungen in Genf.

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Die Genfer Indochinakonferenz (S. 73 – 77)

Vom 26.April bis zum 21. Juli 1954 fand die Genfer Indochinakonferenz statt. Die wichtigsten Bestimmungen dieser Konferenz sind: Die Truppen der DRV ziehen sich nördlich des 17. Breitengrades, die französischen Truppen südlich davon zurück. Ausländischen Truppen und Militärpersonal wird die Stationierung wie auch die Lieferung jeglicher Art von Waffen untersagt. In den Umgruppierungszonen der beiden Parteien werden keinerlei Militärstützpunkte fremder Staaten errichtet werden. Die militärische Demarkationslinie am 17. Breitengrad ist eine provisorische Linie und darf keinesfalls als eine politische oder territoriale Grenze interpretiert werden. Im Juli 1956 werden unter der Kontrolle einer internationalen Kommission Wahlen stattfinden. Die zuständigen Behörden der nördlichen und südlichen Zone Vietnams sowie diejenigen von Laos und Kambodja dürfen keine individuellen oder kollektiven Repressalien gegen Personen oder deren Familienangehörige dulden, die während des Krieges in irgendeiner Form mit einer der Parteien zusammengearbeitet haben. Die Vertreter der Viet Minh lehnten es zuerst ab, den militärischen Konflikt ohne gleichzeitige politische Lösung zu beenden. Sie forderten sofortige Wahlen. Da nach amerikanischen Schätzungen mindestens 80% der Bevölkerung für Ho Chi Minh waren, hätte dies den Sieg der Viet Minh und ein einiges Vietnam als Folge gehabt. Unter dem Druck Chinas und Rußlands jedoch, die den französischen Vorschlag von Wahlen in zwei Jahren befürworteten, gab die Abordnung der DRV nach und unterzeichnete auch den Passus des Vertrages, der die vorläufige Teilung des Landes vorsah. Die Regierung Bao Dais legte gegen den Vertrag Protest ein. Auch die USA verweigerten ihre Unterschrift, aber legten sich in einer Zusatzerklärung weitgehend auf dieselben Bedingungen fest.

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Die Entwicklung in den beiden Teilstaaten (S. 78 – 101)

Nordvietnam (159.000 qkm, 12 Mio. Einw.)

Die Wirtschaft Nordvietnams befand sich nach dem Indochinakrieg in einer chaotischen Lage. Das Verkehrsnetz, Fabríken und Plantagen waren verwüstet und das Land stand am Rand der Hungersnot. Zur gerechten Verteilung des Besitzes wurde eine Landreform durchgeführt, wobei es zu vielen Ungerechtigkeiten kam. Der Unmut entlud sich 1956 in lokalen Bauernaufständen, die von der Armee niedergeschlagen wurden. 1958 setzte in Nordvietnam unter der Führung Ho Chi Minhs die eigentliche Kollektivierung ein, die eine rationelle Bewirtschaftung des Landes möglich machen sollte. 1963 waren ca. 88% aller Bauernfamilien in Kooperativen verschiedener Stufen zusammengefasst. Die Landwirtschaft machte große Fortschritte. Die Anbaufläche wurde vergrößert, immer größere Flächen des Lande wurden bewässert; es gelang, ohne die 250.000 Tonnen Reis aus dem Süden zurechtzukommen, die vor 1954 benötigt wurden. Die Industrialisierung Nordvietnams vollzog sich in mehreren Etappen (Jahresplänen). Die Elektrizitätserzeugung wurde verbessert, die Kohleförderung wieder aufgenommen und eine eigene Stahlproduktion in Angriff genommen.Im allgemeinen jedoch krankte die Wirtschaft immer noch an mangelnder Energieerzeugung und einem unzureichenden Verkehrsnetz. Im ganzen machte das Land erhebliche Fortschritte auf wirtschaftlichem und sozialen Gebiet.

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Südvietnam (170.000 qkm, 10 Mio. Einwohner)

In Südvietnam, wo die Ausgangsbasis für den Wiederaufbau nur wenig besser war als im Norden (das Mekongdelta ist größtes Reisanbaugebiet) nahm der französische Einfluß nach 1954 allmählich ab (Algerienkrieg). An die Stelle Frankreichs traten die USA. Kaiser Bao Dai, der sein Land von der französischen Riviera aus regierte, ernannte Ngo Dinh Diem zum Premierminister. Diem stammte aus einer katholischen Familie. Seine Anhänger waren vor allem die Katholiken, seine Verwandtschaft die Großgrundbesitzer und ein Teil der Armee. Die Großgrundbesitzer, die sich von der Regierung eine Wiederherstellung ihrer Feudalrechte erhofften und diese auch erlangten, waren der sichtbarste Beweis dafür, daß sich in Südvietnam im Vergleich zur Kolonialzeit wenig änderte. Um sein Menschenpotential zu vergrößern, lockte Diem in einer Propagandakampagne ca. eine Million Katholiken aus dem Norden in seinen Herrschaftsbereich (Umsiedlungsprogramm). Innenpolitisch mußte er sich zunächst gegen etliche Sekten durchsetzen; danach ließ er in einer manipulierten Volksabstimmung die Monarchie abschaffen und die Republik einführen. 1956 schrieb seine Regierung Wahlen für eine konstituierende Versammlung aus. Auch dieses Wahlen wurden gefälscht. Schon im Herbst 1954 begannen die USA, die Ausbildung der südvietnamesischen Armee zu übernehmen. Die Nachrichtenbeschaffung und die Ausbildung von Agententruppen, die ab 1957/58 nach Nordvietnam eingeschleust wurden, gingen an die CIA über. Zudem kettete massive amerikanische Wirtschaftshilfe (counterpart fond financing) Südvietnam immer stärker an den Koloß im Westen. 1958 machte die amerikanische Wirtschaftshilfe 62% des gesamten Staatshaushaltes aus. Die von der Bevölkerung heftig geforderte Landreform scheiterte am Widerstand der Großgrundbesitzer, so daß die großen Kautschukplantagen unangetastet blieben. Die landwirtschaftliche Produktion blieb weitgehend hinter dem Vorkriegsstand zurück.

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Ursachen und Beginn des dritten Indochinakrieges (S. 102 – 127)

Ursachen

Die legalen Möglichkeiten oppositioneller Gruppen wurden in den ersten Jahren der südvietnamesischen Republik ausgeschaltet. Schon 1954 unterwarf die Regierung die Zeitungen einer strengen Zensur. Bis 1958 waren alle kritischen Zeitungen verboten. Der Präsident wurde von der Verfassung mit dem Recht ausgestattet, eine zeitweilige Aufhebung „der Rechte der freien Wahl des Wohnsitzes, der Rede- und Pressefreiheit, der Versammlung und des Zusammenschlusses“ zu verfügen. Zur Durchsetzung der zahlreichen Verordnungen und Gesetze standen Geheimpolizei und zahlreiche geheimpolizeiähnliche Organisationen zur Verfügung. Außerdem waren sämtliche wichtigen Regierungsposten des Landes von Mitgliedern der Familie Diems besetzt. Gegen die Viet Minh – Sympathisanten begann die Kampagne unter der Parole: Denunziert die Kommunisten! Zahlreiche Säuberungsaktionen wurden durchgeführt, Verdächtige brachte man in Konzentrationslager, sog. „ Umerziehungslager“, sofern man sie nicht gleich umbrachte. Die Bevölkerung begann, Demonstrationen zu organisieren, die mit Waffengewalt niedergeschlagen wurden. Diese Aktionen hatten aber nur die Verschärfung der Militärdiktatur zur Folge. Während Diem die Macht seiner Familie etablierte, ging das Jahr 1956 ohne die in Genf vereinbarten gesamtvietnamesischen Wahlen vorüber. Unterstützt von den USA weigerte sich Diem, diese abhalten zu lassen. Als Begründung führte er an, die Zustände in Nordvietnam lieferten keinerlei Garantie für die Durchführung demokratischer Wahlen, außerdem fühle er sich nicht an das Genfer Abkommen gebunden, da es seine Regierung nicht unterzeichnet habe. Die nordvietnamesische Regierung hatte sich zu Wahlen unter internationaler Kontrolle bereiterklärt.

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Beginn des organisierten Widerstandes

1959 änderten die Viet Minh ihre Strategie. Sie hatte bis Ende dieses Jahres Gewaltlosigkeit propagiert und gestattete in der Folgezeit nur dann Gewaltanwendung, wenn die Selbstverteidigung es erforderte. Die Aufgabe der Widerstandskämpfer war eine dreifache: Sie mußten sich bewaffnen,sie mußten der Bevölkerung klarmachen, daß nur eine Ende der Herrschaft Diems eine Verbesserung der Verhältnisse herbeiführen konnte, sie mußten die Hauptexponenten der Regierungsgewalt beseitigen.. Allmählich setzte sich bei bei einem Großteil des Volkes die Überzeugung durch, daß nur durch Gewalt etwas gegen die Saigoner Regierung zu erreichen war.. So konstituierte sich im Dezember 1960 die Nationale Befreiungsfront. Ihr außenpolitische Konzeption (Programm der zehn Punkte) erwies sich zunächst als neutralistisch: Südvietnam sollte nach Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit diplomatische Beziehungen zu allen Ländern gleich welcher politischen Verfassung aufnehmen; es sollte keinem militärischen Bündnis beitreten und von jedem beliebigen Land Wirtschafts- und andere Hilfe annehmen, sofern diese an keine Bedingungen geknüpft wird. Die Wiedervereinigung mit dem Norden, zuerst noch stark betont, wurde dann zweitrangig gegenüber der Notwendigkeit, die Diktatur Diems zu beenden. Die Nationale Befreiungsfront FNL (frz. Front Nationale de Libération), später meist als Vietcong bezeichnet, setzte sich nicht nur, wie die USA und auch die südvietnamesische Regierung immer wieder behaupteten, aus Kommunisten (Anhänger der Viet Minh) zusammen. Abgesehen von den alten Anhängern Ho Chi Minhs im Kampf gegen Frankreich gehörten ihr auch die Demokratische Partei, die Radikalsozialistische Partei, Vertreter anderer religiöser und politischer Gruppierungen (z. B. Buddhisten) und Vertreter der Bergstämme des westlichen Hochlandes an (Diem hatte diese Stämme, die nationale Minderheiten in Vietnam darstellten, durch völlige Mißachtung ihrer Rechte und große Säuberungsaktionen zu Feinden gemacht). Die DRV, die sich im chinesisch-sowjetischen Ideologiestreit auf die Seite Moskaus stellte unterstützte den sich organisierenden Widerstand im Süden zunächst nur mit propagandistischen Mitteln. Noch 1963 sprach sich Ho Chi Minh für einen Waffenstillstand zwischen FNL und der südvietnamesischen Regierung aus. Auch später, als Nordvietnam Soldaten und Waffen schickte, blieb sein Einfluß innerhalb der FNL begrenzt. Die FNL richtete ihre Strategie (Schema der drei Etappen) nach den Prinzipien des revolutionären Krieges aus, die von Mao Tse Tung entwickelt und in „Über den langdauernden Krieg“ niedergelegt worden waren.

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Der nationale Befreiungskampf (S. 128 -152)

Die eigentliche Verwicklung der USA in den Konflikt begann, als der Staley-Taylor Plan (der ursprünglich eine Liberalisierung und Dezentralisierung in Südvietnam forderte) in die Tat umgesetzt werden sollte. Dieser Plan hatte in Grundzügen folgenden Inhalt: Es galt, die Partisanen, die immer mehr Macht gewannen, von der Bevölkerung zu isolieren; dies sollte durch den Bau von strategischen Dörfern geschehen, in die ein Großteil der Bevölkerung umgesiedelt werden sollte. Die Gründe, die die Bevölkerung veranlassen konnten, mit der FNL zu sympathisieren, mußten beseitigt werden und die Partisanen mußten wirksam bekämpft werden. Dies sollte durch militärische Aufrüstung der Regierungstruppen geschehen, die auf Guerillataktik umgestellt werden sollten. Da es den südvietnamesischen Truppen an Einsatzbereitschaft und militärischer Erfahrung mangelte, mußten sich die Streitkräfte der Vereinigten Staaten mit Aktionen wie der Partisanen-bekämpfung befassen. Dörfer, die im Verdacht standen, Partisanen zu beherbergen, wurden mit Napalm bombardiert, Dschungelgebiete, die als Verstecke der Partisanen galten, wurden durch den Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln „entlaubt“. Die „Entlaubung“ beschränkte sich freilich nicht nur auf Dschungelgebiete, sondern traf auch landwirtschaftliche Nutzflächen, außerdem kamen Menschen und Vieh zu Schaden. Der Erfolg des Staley-Taylor Plans war gering. Das Programm der strategischen Dörfer scheiterte am Widerstand der Dorfbewohner.

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Der Sturz der Regierung Ngo Dinh Diems (S. 140 – 149)

Die sich häufenden Gewaltaktionen der Regierung Diems riefen immer heftigere Opposition in allen Kreisen der Bevölkerung hervor. 1963 potenzierte sich der Widerstand der schon lange benachteiligten Buddhisten. Durch Selbstverbrennungen machten sie die Weltöffentlichkeit auf die Willkürherrschaft der Saigoner Regierung aufmerksam. Diese Vorfälle machten Diem so unpopulär, daß sich die Regierung in Washington gezwungen sah, sich von ihrem ehemaligem Günstling zu distanzieren. Im November 1963 übernahmen die Militärs in einem von der Regierung Kennedy gebilligten Staatsstreich die Macht. Diem und sein Bruder, der das Amt des Geheimdienstchefs bekleidet hatte, wurden ohne Gerichtsverfahren hingerichtet. In der Folgezeit trat vorübergehend eine Liberalisierung ein, die jedoch von den sich befehdenden Generälen wieder rückgängig gemacht wurde. Die Regierungen wechselten ständig, bis schließlich ein Rat der Generale mit Nguyen Van Thieu als Staatspräsident und Nguyen Cal Ky als Premierminister die Macht übernahmen.

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Der amerikanisch – vietnamesische Krieg

Vietnam als Modellfall (S. 152 – 187)

Ein kommunistischer Sieg in Südvietnam, erklärte Robert McNamara 1965, „würde ferner das Prestige der Rotchinesen bei den blockfreien Staaten erheblich vermehren und die Position ihrer Anhänger überall stärken. In diesem Fall müßten wir uns darauf gefaßt machen, es mit der gleichen Form der Aggression auch in anderen Teilen der Welt aufzunehmen, und zwar überall dort. Wo eine Regierung schwach und das Sozialgefüge nicht gefestigt ist.“ Laut McNamara sind die USA also berechtigt, überall einzugreifen, wo soziale Unruhen entstehen und diese zu unterdrücken, da soziale Unruhen gleich kommunistische Aggression gesetzt werden. Hierbei spielt es keine Rolle mehr, ob die Aggression von außerhalb oder innerhalb des betreffenden Landes kommen. In Vietnam konnte man die Aggression Nordvietnams mit einem Neid auf das angeblich viel weiter entwickelte Südvietnam begründen.

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Eskalation des Krieges auf Nordvietnam, der totale Krieg (S. 174 ff.)

Bis Ende 1963 beschränkten sich unter der Kennedy – Regierung die direkten Aktionen gegen Nordvietnam auf sich häufende Sabotageunternehmen und die Entsendung von CIA-Agenten nach dem Norden. Diese Aktionen wurden unter Präsident Johnson forciert, um einen Angriff auf Nordvietnam vorzubereiten. Aus Anlaß der von den USA provozierten Zwischenfälle im Golf von Tonking, bei denen es zu einem Schußwechsel zwischen amerikanischen und nordvietnamesischen Schiffen kam, unternahmen die USA am 30. Juli 1964 einen großangelegten Vergeltungsangriff auf Nordvietnam. Der offiziellen Darstellung der USA- Regierung, sie habe nur auf eine kommunistische Offensive geantwortet, muß man entgegenhalten, daß schon vor dem 30. Juli amerikanische Kriegsschiffe nach Informationen aus Nord- und Südvietnam zwei Inseln im Golf von Tonking angegriffen hatten. Außerdem waren schon länger Pläne für einen Krieg gegen Nordvietnam ausgearbeitet worden (Rostow- Plan). Als weder China noch Rußland Anstalten machten, Nordvietnam zu unterstützen, begannen die USA im Februar 1965 mit dem Krieg gegen Nordvietnam. Die amerikanischen Streitkräfte wurden im Verlauf des Jahres auf 180.000 Soldaten verstärkt. Die „befreiten“ Gebiete der Nationalen Befreiungsfront erklärte man zu „freien Zonen“ für die amerikanischen und südvietnamesischen Streitkräfte. Nach vorgehenden Warnungen belegte die amerikanische Luftwaffe diese Zonen mit einem Bombenteppich. Während man sich früher damit begnügt hatte, im Dschungel angelegte Reisfelder der Partisanen kurz vor der Ernte zu zerstören, wurde jetzt ein umfassendes Erntezerstörungsprogramm ausgearbeitet. 1966 begann die amerikanische Luftwaffe , das mühselig angelegte Deich- und Bewässerungssystem des Deltas des Roten Flusses in Nordvietnam zu zerstören, was in diesem dicht besiedelten Gebiet zu Überschwemmungs- und Hungerkatastrophen führen mußte. Unter dem Vorwand, Laos (Ho Chi Minh Pfad) und Kambodja unterstützten Nordvietnam, dehnten die USA den Krieg auch auf diese Länder aus. Das amerikanische Militärpotential in Vietnam wurde ständig erhöht. Amerikanische Soldaten in Vietnam 1965 181.000

1966 400.000

1967 500.000

Die unaufhörlich steigenden Kriegsausgaben und die wachsenden Gefallenenziffern riefen den Widerstand der amerikanischen Öffentlichkeit hervor, die immer mehr die Zweifelhaftigkeit des amerikanischen Einsatzes in Vietnam erkannte.

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Martin Luther King gegen den Vietnamkrieg 1967 in Minnesota

© Minnesota Historical Society

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Wie sind diese historischen Fakten nun umgesetzt? Das Referat damals sagt dazu nichts aus, der Text zur Umsetzung wurde 2013 verfasst. Zur Umsetzung wurde damals mündlich referiert. Eine gewisse Entpersönlichung wird von Anfang an erreicht, indem die Schauspieler mit Nummern versehen sind. Der Autor Peter Weiss führt im Vorspann dazu aus:“ Das Stück benötigt 15 Schauspieler, die bezeichnet sind mit den Ziffern 1 bis 15, davon zwei weibliche mit den Ziffern 5 und 6. Zwei Helfer, A und B, tragen die jeweiligen Requisiten heran und wieder ab. Im Bedarfsfall können zwei weitere Helfer hinzugezogen werden.“1

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Ein Beispiel, wie die chinesische Eroberung inszeniert ist. Aus NO treten vor 1,2,3,4,5,6 als Volk der Viet in Van Lang und bilden eine geschlossene Gruppe

1 2 3 Wir Bauern Jäger und Fischer

vom Volk der Viet

leben im Süden des Flusses Jangtse

6          Unser König ist vermählt

mit der Tochter des Großen Seedrachens

4         Aus dem Meer geboren

wurden unserm König

hundert Söhne

1         Hundert Fürstentümer hat unser Land

Gruppe 9,10, 11, 12, 13 als Bauernsoldaten aus NW nähert sich drohend der Gruppe der Viet. 14, 15 als chinesische Krieger schließen sich den Bauernsoldaten an. 14 weist auf die Gruppe der Viet.

14       Das Land der Viet ist fruchtbar

ihre Flüsse sind reich an Fischen

Aggressive Bewegung der Gruppe der chinesischen Bauernsoldaten. Die Gruppe der Viet in Verteidigungsstellung.

2         Die Armeen der Wu

bedrohen unser Land

Gruppe der Bauernsoldaten in heftiger Bewegung in die Gruppe der Viet, die weit auseinanderweicht.

4 5 6   Die Armeen der Wu

besetzen unser Land

2        Sie nehmen uns die Ernte weg

1        Sie fordern uns die Fische ab

4        Sie plündern unsre Scheunen

3        Wir sollen Dienst tun in ihrer Armee

5         Unsre Fürsten sind dem Feind nicht gewachsen

4         Der Feind hat bessre Waffen

Die Viet sammeln sich zu einer dichtgeschlossenen Gruppe. In einem Halbkreis hinter ihnen in N formieren sich die Bauernsoldaten.

3          Eher verlassen wir unser Land

als daß wir uns unterwerfen

4          Hier liegen unsre Vorväter begraben

6          Die Geister der Ahnen werden uns begleiten

4 5       Mit unsern hundert Fürsten ziehen wir nach Süden

2 3      Wir werden ein Land finden mit einem großen Strom

1         Wir werden ein reiches und fruchtbares Land finden 2

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Zu den Abkürzungen meint Weiss in der Vorbemerkung: „ Die Bewegungen der Figuren vollziehen sich im Rahmen der angegebenen Himmelsrichtungen N, NO, O, SO, S, SW, W, NW.“ 3 Ein Beispiel für einen Chor-Einsatz – Weiss: „Wir führen Chöre ein, wenn einer umfassenderen Stellungnahme Gehör verliehen werden soll“ findet sich

nach der Flucht der Vietnamesen in den Süden:

Chor       Hier gründen die Völker der Viet

die auszogen aus dem Reich der Mitte

das Königreich Viet Lac 5

Der Chor hat also eine ähnliche Funktion wie in der Antike. In der antiken Tragödie hatte er hauptsächlich Kommentarfunktion, das heißt, er hat das Geschehen erklärt.

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Über Kaiser Le Loi, der 1427 die Unabhängigkeit gegenüber der Ming-Dynastie von China militärisch sichern konnte, steht folgendes geschrieben: 8 (Bauer Vietnams), 10 (Obere Vietnams)

8           Seht den Heerführer Le Loi

Er vertreibt die Fürsten und Landherrn

Jagt sie ins Meer

10         Bringt die Reichtümer der Fürsten

dem Heerführer Le Loi

daß er sie zu euerm Besten verwalte

Alle zu einer geschlossenen Truppe.In der Mitte vorne Le Loi und sein Oberer (1-8 Bauern Vietnams)

1 2 4      In seiner Gerechtigkeit

verteilt der Kaiser Le Loi das Land

Jeder Bauer erhält ein Stück Land

5 7        Der Kaiser Le Loi verteilt das Land

an seine Generäle und Getreuen

3          Er ernennt sie zu Prinzen und Fürsten

4          Er verteilt das Land

an seine Brüder und Vettern

(9 und 10 Obere Vietnams)

9         Ein jeder erhält so viel Land

wie es seinem Rang und Verdienst entspricht

10       Der Kaiser befiehlt

daß jedem Bauern

ein kleines Stück Feld

gegeben werde

1 2 4    Le Loi ist ein strenger

und gerechter Kaiser

Er hat viele neue

Gesetze erlassen 6

Nicht zuletzt etablierte Le Loi die Le – Dynastie.

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Lassen wir den Chor bei der Kolonisierung Vietnams durch die Franzosen im 19. Jahrhundert zu Wort kommen. 1859 wurde Saigon erobert. 1862 bis 1867 besetzten Truppen Napoleons III. Cochinchina.

Instrumentaleinsatz. Chor des Volkes.

Chor   Tiefer als die Schlucht

ist unser Haß

Größer als die Berge

ist  unser Zorn

Aus der tiefen Schlucht

über die Berge

dringt unser Ruf

nach Befreiung 7

Nicht verschweigen möchte der Autor in der Behandlung dieses Stadiums in der Chronologie am Schluß des Stückes, dass in dieser Zeit von 1858 bis 1860 England und Frankreich den Opiumkrieg gegen China führten. Auch an der vietnamesischen Küste landeten damals französische Kriegsschiffe.

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Weiter geht es 1883 und 1884, als das französische Protektorat über Tonking und Annam errichtet wird. Den französischen Kolonisatoren wird hier in den Mund gelegt:

11     Die Bergwerksgesellschaft von Tonking

hat in diesem Jahr über fünfhunderttausend

Tonnen Steinkohle exportiert

12     Die Portland Zementgesellschaft bei Hai Phong

verzeichnet eine Gewinnsteigerung

von siebzig Prozent

13     In Cai Bau und Dong Trieu

haben wir Gruben erschlossen

zur Förderung von Zink Blei und Mangan

14     Die Kolonialwarenhändler im Mutterland

erhielten in dieser Saison aus Indochina

zum Verkauf

eine Million Tonnen Reis

15     Frankreich hat das alleinige

Handelsrecht mit Indochina

Frankreich bestimmt

die Einkaufspreise  8

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Keine Streiks wollen die vietnamesischen Verbündeten der Franzosen

9 10   Es ist streng darauf zu achten

daß auf den Plantagen und in den Fabriken

keine Gruppenbildung unter den Arbeitern entsteht

Jede Tendenz zu einer politischen Betätigung

sowie andre Zeichen von Aufsässigkeit

und moralischem Verfall

sind energisch zu bekämpfen 9

Im nächsten Stadium fordert dann Ho Chi Minh bei der Versailler Friedenskonferenz 1919 die Autonomie für Vietnam.

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Im zweiten Teil wird in Washington am 3. April 1954 in Washington in einer Geheimen Konferenz im Außenministerium die geostrategische Bedeutung Südostasiens deutlich gemacht.

Leuchtbild

Thruston Morton

Referent des Außenministers

für Kongreßangelegenheiten

14    Die Länder Südostasiens

haben eine Bevölkerung von Hundert

Fünfundsechzig Millionen

Hier werden fünfundachtzig Prozent

der Weltproduktion an Kautschuk gewonnen

und zweiundachtzig Prozent des Zinns

In  Indochina gibt es

hochwertigen Anthrazit

Kupfer und Eisenerz sowie

noch unerschlossene Lager von Mangan

Bauxit und Tungsten

Als einziges Land Asiens

produziert des einen Überschuß

an Reis

Wer immer darüber Kontrolle ausübt

hält die Versorgung Japans Indiens

Malayas Javas und der Philippinen

in der Hand

Aufgrund seiner Lage kann Indochina

die Verbindungen kontrollieren zwischen

dem Pazifischen und dem Indischen Ozean

Das neue Kraftzentrum

des Weltkommunismus

liegt in China 10

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Bei der Geheimsitzung des Nationalen Sicherheitsrates werden dann auch noch die hohen Funktionen von Ministern in der Wirtschaft genannt.

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George M Humphrey, Finanzminister in der Regierung Eisenhower

Vorsitzender des Aufsichtsrates der M A Hanna Company Kohle Eisenerz Stahl

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Charles E Wilson, Verteidigungsminister in der Regierung Eisenhower

Präsident der General Motors Corporation

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John Foster Dulles, Außenminister

Direktor der International Nickel

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Nelson A Rockefeller, Minister für Gesundheitswesen Erziehung und Wohlfahrt

Mitbesitzer der Standard Oil New Jersey, Eigentümer der Chase Manhattan Bank

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Roger Kyes, Staatssekretär im Verteidigungsministerium

Vizepräsident der General Motors Corporation

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Harold E Talbot, Minister für Luftwaffe

Direktor der Chrysler Corporation

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Das Stück ist heute noch von Bedeutung. Die USA haben in Vietnam keine Glaubwürdigkeit entwickelt. Sie haben sich mit rechten Diktatoren wie Diem verbündet, die Demokratie dann nicht akzeptiert, wenn sie bei ihrer Anwendung die Wahlen verloren hätten. Ein Schurke wird dann akzeptiert, wenn er eigenen Interessen dient, der Diktator ist eben „unser Schurke“. Ein hohes Maß an militärischer Gewalt wurde eingesetzt. Der Krieg forderte drei Millionen Tote, zwei Millionen Menschen wurden verstümmelt und weitere zwei Millionen Vietnamesen wurden von abgeworfenen Chemikalien verseucht. 58 000 US-Soldaten fielen. Die revolutionären Erwartungen des Autors wirken heute allerdings eher zu optimistisch. Wie der Chor aussagt: Es geht darum, die Grundlagen der Revolution zu zerschlagen. Danach werden die Erfolge der Demokratischen Republik Vietnams aufgeführt – u. anderem sehr viele Ärzte oder die Besiegung von Hunger, Krankheit und Armut.11

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„Heute fordern Kritiker wie Ludwig Marcuses- und Walter Hinck den Schriftsteller Weiss auf, doch mit einem Gewehr im Dschungel zu verschwinden. Der Amoklauf seiner Gegner wäre freilich ein schöneres Schauspiel für den Kapitalismus, als es ihm ein Theater bieten kann, das allzusehr Museum geworden ist, als daß es noch wesentliche Überbaufunktionen wahrnähme. Daher klagen auch die über seine Folgenlosigkeit, die schon längst darauf als Bauplatz reflektieren, um dort seis lukrativere, seis manipulativ funktionalere Unternehmen zu errichten.“12 Solche radikalen Forderungen wie die von Marcuse und Hinck ergeben sich sicherlich aus der linksradikalen Ausrichtung des Autors Weiss, der aus seiner Akzeptanz revolutionärer Gewalt nie einen Hehl macht. Die politische Theologie des Stückes ist der Kommunismus, der der Menschheit Befreiung vom Elend bringen wird. Sie kam in die öffentliche Wahrnehmung verstärkt Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, in der vor allem im akademischen Milieu eine radikale Kritik des Kapitalismus weit verbreitet war und die USA der Hauptfeind – mit der Entstehung der 68er Generation.

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Vietnam heute – kein Kommunismus mehr. Ein Autor führt im „Euro am Sonntag“ vom 1.2.2013 aus: „Vor 20 Jahren hat sich das Land für die Marktwirtschaft geöffnet. Ähnlich wie in China blieb die Führung aber sozialistisch. Das Modell funktioniert. In den Jahren 2000 bis 2010 wuchs das BIP mit Ausnahme des Krisenjahres 2009 immer um mindestens sieben Prozent. ‘Das Land geht denselben Weg wie China, es liegt allerdings noch 15 Jahre zurück’, ordnet Eugen von Keller, Chef der Hongkonger Investmentgesellschaft Xanadu, das Land am Mekong ein. Während China schon selbst entwickle, setzten Fabriken in Vietnam vorwiegend Teile zusammen. Die gestiegenen Lohnkosten beim ‘großen Bruder’ im Norden kommen der Wirtschaft Vietnams zugute. Ausländische Unternehmen in China verlagern einfache Fertigung zunehmend zum südlichen Nachbarn. Und immer mehr chinesische Firmen machen es genauso. Das sind vor allem Textil-, Elektro- und Maschinenbauunternehmen.“

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Auszug der Rezension von Günther Rühle in der FAZ vom 22.3.1968

„Dieses Stück trifft uns in einem, kritischen Augenblick; in dem der Krieg in Vietnam noch einmal eskaliert; in dem klar geworden ist, daß die Erwartungen von 1964, der Krieg sei schnell zu beenden, trogen und daß falsche Einschätzungen des Gegners und des Volkes zu falschen Maßnahmen führten; in dem McNamaras Abgesang über die Schwierigkeit, der Bevölkerung Süd-Vietnams ein eigenes Staatsgefühl als Halt für den Kampf zu geben, uns noch in den Ohren liegt; in einem Augenblick, in dem die Spaltung der Meinung über Rechtfertigung und Notwendigkeit dieses Krieges aus den USA zu uns herübergreift. Dieser Krieg beherrscht unsere Gedanken – nicht nur die der jungen Vietcong-Trabanten, die mit Eifer und Fahnen nach dem Ende der Aufführung die Bühne besetzten, als wollten sie das letzte Wort des Autors ‘Wir zeigten den Anfang, der Kampf geht weiter’ gleich realisieren. Man erlebte als letzten Akt zehn Minuten der Konfusion; Vordrängelei – Wichtigmacherei.“

1 Peter Weiss Vietnam Diskurs “Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des lang andauernden Befreiungskrieges in Viet Nam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika die Grundlagen der Revolution zu vernichten”, Frankfurt am Main 1968 (2. Auflage), S. 7

2 Ebd., S. 17 f.

3 Ebd., S. 6

4 Ebd., S. 5

5 Ebd., S. 19

6 Ebd., S. 43

7 Ebd., S. 67

8 Ebd., S. 72

9 Ebd., S. 74

10 Ebd., S.109 f.

11 Vgl. ebd., S.179 f.

12 Bernd Jürgen Warneken, Kritik am „Viet Nam Diskurs“ in: http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2009/4011/pdf/Warneken_Bernd_Juergen_ueber_Peter_Weiss.pdf, S.130

Veröffentlicht 13. Januar 2013 von schauerchristian in Dokumentartheater