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Die Grauen Wölfe – Geschichte der Sinti – Geschichte Haitis – Aspekte der Geschichte Armeniens

Völkermord Armenien

Armenier werden im April 1915 von osmanischen Soldaten in ein Gefangenenlager geführt

Armenien-Massaker 1894 bis 1896 – Vorbote für spätere Ereignisse – Haltung der Grauen Wölfe

Abdulhamits II. „Sultansbefehl“, aufgefangen vom österreichischen Militärattaché, Wladmir von Giesl, 48 Stunden lang Armenier in Konstantinopel töten zu dürfen:

„Auf das gegebene Signal darf für 48 Stunden jeder Armenier, ohne Unterschied des Alters und des Geschlechts, getötet werden. Wer einen Nichtarmenier oder einen Fremden verwundet, wird mit zehn Jahren Kerker, wer einen solchen ums Leben bringt, mit dem Tode durch den Strick bestraft.“

Monsignore Bonetti verfasste am 5.Oktober 1896 einen umfangreichen Bericht an den

Kardinalstaatssekretär Rampolla:

„Von Tage zu Tag bin ich immer mehr davon überzeugt, dass die Ereignisse von Istanbul von außergewöhnlicher Schwere waren und dass all das, was in den Zeitungen Europas darüber stand, bei weitem nicht übertrieben war, sondern nur annähernd der (schrecklichen) Wahrheit gerecht wurde. … Volle vier Tage lang (sic! d. Verf.) wurden die Armenier nicht nur von Polizisten und Soldaten verfolgt, sondern, was noch schlimmer war, der Wut eines wilden und blutrünstigen Pöbels ausgesetzt, der, gierig nach Blut und Beute, mit Gewehren und Revolvern und Prügeln bewaffnet durch die Straßen zog und alle Armenier massakrierte, auf die er stieß, in ihre Häuser eindrang, deren Bewohner tötete und ihren Besitz raubte. Jeden Tag bei Sonnenuntergang zogen lange Reihen von Karren der öffentlichen Straßenreinigung, mit den Leichen der Erschlagenen beladen, zu den beiden armenischen Friedhöfen; aber die größte Anzahl von Leichen wurde einfach in das Goldene Horn geworfen. Es ist daher nicht möglich, die Anzahl der Opfer genau zu bestimmen, aber nach der vorsichtigen Schätzung von Augenzeugen wird sie bei weit über 8000 liegen.“

Es ging so weiter 1896. Abdulhamit II. ließ in Egin in der Provinz Harput 2.000 Armenier massakrieren. Die Reaktion auf den Überfall auf die Ottomanische Bank wurde zum Wendepunkt. In Deutschland veröffentlichte Johannes Lepsius seinen Augenzeugenbericht. Der US-amerikanische Präsident Grover Cleveland verurteilte „die Wut der wahnsinnigen Bigotterie und des grausamen Fanatismus“ der Türken und bezeichnete die Armenier als „Märtyrer ihres christlichen Glaubens“. Am 5. November 1896 willigte Abdulhamit II. ein, eine Amnestie für gefangene Armenier zu erlassen und den Armeniern einen neuen Patriarchen zuzugestehen. Der gewalttätige Vorsteher der Provinz Diyarbakir, Aniz Pascha, wurde seines Amtes enthoben.

Zusammenfassung

Die Massaker an den Armeniern von 1894–1896 wurden durch die osmanische Regierung veranlasst. Die Massaker begannen in der Region Sason und wurden dann auf alle armenischen Siedlungsgebiete ausgeweitet. Die Zahl der Todesopfer lag zwischen 80.000 und über 300.000.

Kehren wir zu einigen besonders grausamen Beispielen des Völkermordes ab 1915 zurück. Eine 14-jährige Augenzeugin berichtete aus der Region Malatya:

Am Straßenrand hatten die Türken, als Verhöhnung der Kreuzigung und als Warnung an christliche Mädchen, die auf dem Weg nach Malatya waren, sechzehn Mädchen auf hölzerne Kreuze genagelt. Ich weiß nicht, wie lange ihre Körper dort hingen, doch die Geier hatten sich bereits um sie versammelt.

Jedes der Mädchen war lebendig an ohr Kreuz genagelt worden, mit großen, grausigen Nägeln durch ihre Füße und Hände. Nur ihr Haar, das im Wind wehte , bedeckte ihre (nackten) Körper. ‚Seht her‘, erklärten uns unsere Wächter mit großer Befriedigung, ’seht, was mit euch in Malatya geschieht, wenn ihr nicht gehorcht.” 1

Es ging, wie in Deutschland nach 1933, um die Ausschaltung einer ökonomisch starken Schicht, die Armenier. „Die Reichen von 1916“ wurde in der Türkei zu einem stehenden Begriff. Der Gouverneur von Aleppo vermeldete Anfang 1917: „Mein vilayet ist von christlichen Elementen gesäubert. Während noch vor zwei Jahren mehr als 80% der Kaufleute und Gewerbetreibenden aus Christen bestanden, entfallen derzeit 95% auf Mohammedaner und nur 5% auf Christen.“ Talaat gab unverblümt zu – gegenüber dem österreichischen Botschafter Markgraf Pallavicini – dass die Armenierpolitik dazu diene “unangenehme wirtschaftliche Konkurrenten auszuschalten.“

Zweck der Vertreibungen war nicht die Umsiedlung, sondern der Tod. „Von wenigen Levante-Städten ausgenommen ist ganz Anatolien islamisiert. Die christlichen Namen sind in den Registern ausgelöscht und durch muhammedanische ersetzt.“ 2

Von 18000 aus Charput und Siwas Ausgewiesenen kamen in Aleppo 350 Personen (Frauen und Kinder) an und von 1900 aus Erzurum Ausgewiesenen kamen 11 Personen-ein kranker Knabe, 4 Mädchen und 6 Frauen- in Aleppo an. Ein Transport Frauen und Mädchen musste den 65 Stunden langen Weg von Resal-Ain nach Aleppo längs der Bahn zu Fuß zurücklegen, obwohl in den Tagen die für Militärtransporte benützten Wagen leer zurückfuhren. Mohammedanische Reisende, die den Weg kamen, berichteten, dass die Wege unpassierbar seien wegen der vielen Leichen, die unbeerdigt zu beiden Seiten des Weges liegen und deren Verwesungsgeruch die Luft verpestete. (…) Wenn die ausgehungerten und zum Skelett abgemagerten Frauen und Kinder in Aleppo ankommen, fallen sie wie Tiere über das Essen her. Bei vielen arbeiten die inneren Organe nicht mehr, nach 1-2 Löffel Essens wird der Löffel beiseite gelegt. Die Regierung gibt an, daß sie den Ausgewiesenen Nahrung verabreiche; der obenerwähnte Transport aus Charput erhielt in drei Monaten ein einziges Mal Brot.

Abgesehen davon, daß die Regierung die Leute nicht versorgt, läßt sie ihnen alles abnehmen. In Raas-el-Ain kam ein Transport von 200 Mädchen und Frauen völlig nackt an. Schuhe, Hemd, kurz alles hatte man ihnen genommen und ließ sie vier Tage lang nackt unter der heißen Sonne gehen – verhöhnt und verspottet von den begleitenden Soldaten… Appellierten die Unglücklichen an das Menschlichkeitsgefühl der Beamten, so wurde ihnen die Antwort (gegeben): ‚Wir haben von der Regierung strikte Befehle, euch so zu behandeln.’“ 3

Wird der Völkermord von den Grauen Wölfen heuzutage bedauert? Einer ihrer Wortführer, Alparslan Türkeş, äußerte sich dazu mit einer Drohung gegenüber den Kurden: „Wenn ihr Kurden weiterhin eure primitive Sprache sprecht (…), werdet ihr von den Türken auf die gleiche Weise ausgerottet, wie man schon Georgier, die Armenier und die Griechen [auf türkischem Boden] bis auf die Wurzeln ausgerottet hat.“ Eine kritische Einstellung zum Völkermord 1915/1916 geht daraus nicht hervor.

1 Michael Hesemann,Völkermord an den Armeniern: Erstmals mit Dokumenten aus dem päpstlichen Geheimarchiv über das größte Verbrechen des Ersten Weltkriegs , Kindle edition

2 Ebd.

3 Ebd.

Werfen wir einen Blick auf den türkische Genozid Leugner Sahin Ali Sölemezoğlu. Seine These: Nur durch die Verschwörung der armenischen Revolutionäre sei es landesweit zu der Massentötung von Armeniern gekommen, behauptet Sölemezoğlu.

Wichtige Zeugnisse sprechen dagegen, so die deutschen protestantischen Christen. Sie schrieben in einer Eingabe an Reichskanzler Bethmann Hollweg vom 15.10.1915: „Nach den uns vorliegenden Informationen liegen für ein vaterlandsfeindliches Verhalten der maßgebenden armenischen politischen und kirchlichen Organisationen keine Beweisgründe vor.“1

Max Erwin Scheubner-Richter, deutscher Vize-Konsul in Erzerum, schrieb am 5.8. 2015 an den Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel (Hohenlohe-Langenburg): „Dass diese Ausrottung möglich, dass sich, wie das hier geschehen, Zehntausende von Armeniern ohne Gegenwehr von einer kleinen Anzahl Kurden und Freischärlern abschlachten lassen, ist wohl auch ein Beweis dafür , wie wenig kampffroh und revolutionär dieses Volk gesinnt ist. Die Armenier, besonders die Stadtbewohner, diese ‚Juden den Ostens‘, sind wohl gerissene Handelsleute und kurzsichtige Politiker, aber in ihrer Mehrzahl und soweit ich sie kennen gelernt, keine aktiven Revolutionäre. Wären sie es und hätten sie Waffen besessen, dann dürften sie sich auch, als in der Ueberzahl befindlich und da der Tod ihnen Fall sicher, der Aussiedelung gewaltsam widersetzt haben. Dies ist aber nur an wenigen Stellen – wohl den Sitzen der Revolutionskomitees – geschehen. Ueberall sonst verlief die Aussiedelung ohne jeden Zwischenfall und haben sie sich dann später mit Gottergebenheit abschlachten lassen. Die Furchtsamkeit der türkischen Armenier dürfte vielleicht nur noch durch die Angst der Türken vor ihnen übertroffen werden.2

Auch in anderen Beispielen ist keine Distanz der Grauen Wölfe zu diesen Themen zu finden. Im Jahre 2004 zog „Belge Films“, ein Filmverleiher in der Türkei , die Veröffentlichung des Völkermordfilms „Ararat“ von Atom Egoyans (kanadisch-armenischer Regisseur) aus dem Programm, nachdem die Grauen Wölfe Drohungen lanciert haben.

Zum Spektrum der „Grauen Wölfe“ gehört auch die von der rechtsradikalen MHP abgespaltene islamisch-nationalistisch orientierte „Große Einheitspartei“ (BBP).Aus dem Umfeld dieser Partei stammten die Mörder des im Jahr 2007 in Istanbul erschossenen armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink (1954 – 2007), dem „Beleidigung des Türkentums“ vorgeworfen wurde. Zudem gingen auf das Konto der BBP weitere Morde an Christen in der Türkei in den Jahren 2006 und 2007.

1 Wolfgang Gust (Hrsg.), Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916, Springe 2005, S. 59 und S. 356

2 Ebd., S. 226

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Der Wolfsgruß aktuell

Bei den Pro-Erdogan-Kundgebungen aktuell fällt ein Handzeichen immer wieder auf. Es ist der sogenannte „Wolfsgruß“ der Grauen Wölfe. Sie sind die Anhänger der extrem nationalistischen MHP. Ihr Führer war lange Alparslan Türkes. Nach seinem Tod 1997 übernahm Devlet Bahceli als Nachfolger die Parteiführung. Nach 1960 bildeten die Grauen Wölfe über 20 Jahre lang paramilitärische Einheiten, die die Regierung im Kampf gegen die PKK und Linke unterstützten. Dabei geschahen Hunderte politische Morde.

Rabia Zeichen

Rabia Zeichen

Rabia Zeichen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat nach dem vereitelten Putsch 2016 bei einem Auftritt in Istanbul ein Handzeichen präsentiert, das bei ihm schon häufiger zu sehen war: ein eingeklappter Daumen, kombiniert mit den anderen Fingern gerade – das Zeichen für vier. Was will er damit ausdrücken? Seit August 2013 ist das Rabia-Zeichen das Symbol des Widerstands der ägyptischen Muslimbrüder gegen den Militärherrscher Abdel Fattah al-Sisi. Damals wurde ein Protestcamp der Islamisten in Kairo brachial geräumt, bei dem Einsatz kamen etwa 1.000 Menschen ums Leben. Erdogan zeigt mit diesem Zeichen seine Solidarität mit den islamistischen Muslimbrüdern.

Rabia Zeichen Erdogan (3)

Erdogan zeigt Rabia Zeichen

Leserbrief zu: „Sterben in Afrin, Schweigen in Sotschi“, in: Frankfurter Rundschau vom 30.1.2018, erschienen in FR vom 3.2.2018

Dass Erdogan kein Demokrat ist, hat er schon im April 1998 dokumentiert. Damals wurde er vom Staatssicherheitsgericht Diyarbakır wegen Missbrauchs der Grundrechte und -freiheiten gemäß Artikel 14 der türkischen Verfassung nach einem Artikel des damaligen türkischen Strafgesetzbuches – Aufstachelung zur Feindschaft auf Grund von Klasse, Rasse, Religion, Sekte oder regionalen Unterschieden- zu zehn Monaten Gefängnis und lebenslangem Politikverbot verurteilt. Anlass war eine Rede bei einer Konferenz in einer ostanatolischen Stadt, in der er aus einem religiösen Gedicht, das dem Soziologen Ziya Gökalp (Vertreter eines türkischen Kulturnationalismus) zugeschrieben wurde, zitiert hatte: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Hier kommt ein taktisches Verhältnis zur Demokratie zum Vorschein: man benutzt sie, um sie abzuschaffen.

Zu seiner extrem nationalistischen Ideologie gehört die Reinheit des Blutes. Nach der Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages im Juni 2016 erneuerte Erdogan auch seine Angriffe auf türkischstämmige Abgeordnete im Bundestag. „Manche sagen, das seien Türken“, sagte er. „Was denn für Türken bitte? Ihr Blut muss durch einen Labortest untersucht werden.“

Mit den Kurden wird kein Kompromiß mehr gesucht. Kritik am aktuellen Kurdenkrieg in Syrien wird von Erdogan als “Terrorpropaganda” eingestuft. Die Türkei hat er insgesamt in ein religiös faschistisches Regime umgewandelt, in dem die Kritiker im Gefängnis landen.

Dass Deutschland den Waffenhandel mit der Türkei nicht beendet, ist unglaubwürdig. So sind strategische Interessen wichtiger als Menschenrechte. Insgesamt ist die Intervention der Türkei der Gipfel der Tragödie, die aktuell keinen Frieden in Sicht bringt.

Christian Schauer

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Die Grauen Wölfe

Der türkische Kulturnationalismus

Hier muss der Soziologe Ziya Gökalp genannt werden. Die organische Gesellschaft funktioniert in einem Staat, der sich auf eine Nation stützt. Das Konzept des „kulturellen Türkismus“ ist verknüpft mit der Verwandtschaft bzw. der Einheit der Türkvölker. Erstrebt ist ein türkischer Nationalstaat, der alle türkischen Völker unter einem Dach vereinigen will. Ausschlaggebend ist die Herausbildung einer Kultur, die durch Sprache von Kindheit vermittelt wird. Vergleichbar ist die Situation der Türken mit der Situation der Deutschen bis 1871. Die Türken sollen wie die Deutschen die Situation durch eine gemeinsame Sprache und Kultur meistern. Im Jahre 1908 hat sich der Türkismus in der Türkei institutionalisiert. Die türkische Bewegung war bestrebt, ein „Großtürkisches Reich“ zu errichten. Länder, in denen Turkvölker lebten (Türkei, Balkan), sollten erobert werden. Deshalb beteiligte man sich an der Seite Deutschlands am Ersten Weltkrieg. Im Gegensatz zu anderen Turanisten, die auch Ungarn und Finnen dazu rechneten, umfasst der Turanismus Gökalps nur die „Oguz-Türken“- die Aserbaidschaner, Tataren, Yakuten, Kirgisen, Usbeken und die Kipcaken. Die jungtürkische Partei „Einheit und Fortschritt“ verlor innerhalb von sechs Jahren mehr Territorium als Abdülhamit II. in dreißig Jahren. Das nationale Selbstbewusstsein war dadurch verletzt. Im Ersten Weltkrieg sollten die im Westen verloren gegangenen Gebiete durch Landgewinne im Osten mit der Vereinigung aller Türken in Turan kompensiert werden. Während des Krieges begann die“Ausräumung“ und Türkisierung anderer Völker (siehe dazu schauerchristian.wordpress.com – Historischer Reader zu Armenien) Zwischen 1877 und 1922 wurden über zwei Millionen Armenier bei türkischen Pogromen getötet- viele durch Folgewirkungen wie Seuchen, Hunger und Flucht.

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Beziehungen zu Deutschland im Zweiten Weltkrieg

Die Nationalsozialisten betrachteten die Türkei, Iran und die arabischen Länder als wichtige Rohstofflieferanten. Nach der Machtergreifung begann der Krupp-Konzern im großen Umfang Eisenbahn-Linien in der Türkei aufzubauen. Vier Tage vor dem Angriff auf die Sowjetunion unterzeichnete die Türkei 1941 einen 10-jährigen Freundschafts- und Nichtangriffspakt mit NS- Deutschland. Im Oktober 1941 schlossen Deutschland und die Türkei einen Wirtschaftsvertrag, in dem die Türkei Rüstungsgüter im Wert von 100 Millionen Türkischen Lira im Ausgleich für die Lieferung von 90.000 Tonnen Chrom bekam. Die türkische Chromproduktion war für die deutsche Rüstungsindustrie nötig. In einem Geheimdokument der Nazis über den MHP-Führer Türkes heisst es: „Aus der Entwicklung der Kriegsführung ergibt sich die Notwendigkeit, Beziehungen in den den pantürkischen und deutschfreundlich gesinnten Gruppen in der Türkei auszubauen und zu pflegen. Gerade in der Türkei bieten im Hinblick auf angrenzende Rohstoffländer solche Verbindungen Möglichkeiten, die sich in ihrer ganzen Tragweite nur aus dem Lande selbst überblicken lassen. Die Türkei war für uns der wichtigste Lieferant für Chrom. Das Reich deckte 30% seines Bedarfes an Chrom, bis die türkische Regierung infolge der bekannten anglo-amerikanischen Note- bei gleichzeitiger Weiterlieferung an England, das 1943 allein 55000 Tonnen Chrom erhielt – die Lieferung an Deutschland einstellte. .. Bislang bestand aufgrund ihrer Haltung gute Verbindungen zu folgenden Personen:

1.  Alparslan Türkes – Absolvent einer Offiziersschule und Führer der pantürkischen Bewegung.

2. Tekin Aryburun – Absolvent einer Militärakademie in England und Attaché der Luftstreitkräfte im Deutschen Reich.

3. Sadi Kotschasch – mit politischen und militärischen Fähigkeiten

Diese Türken verdienen nach wie vor unsere ganze Aufmerksamkeit.“1

Türkes wurde 1917 in Nikosia auf Zypern geboren. Der Name ist eine Anspielung auf den Herrscher der Seldschuken Alp Arslan. Im Jahre 1936 schloss Alparslan Türkes die militärische Ausbildung an der Kadettenschule in Istanbul mit dem Rang eines Oberfähnrichs ab. 1940 heiratete er – fünf Kinder erwuchsen dieser Ehe. Während des zweiten Weltkriegs war er ein wichtiger Kontaktmann der Nazis zu extrem rechten Kräften in der Türkei. 1944 wurde er im sogenannten Rassismus-Turanismus-Verfahren wegen Vaterlandsverrats – ein Vorwurf, den er abstritt – zu mehr als neun Monaten Haft verurteilt. Er durfte in die Armee zurückkehren. Nach 1945 ging Türkes eine Zeit lang zur türkischen Militärmission in die USA nach Washington, um Kontakte zum Pentagon zu knüpfen.

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Verlautbarungen von Organisationen, die den Grauen Wölfen nahe stehen:

 „Auf daß die Rufe des Muezzin eines Tages in Berlin die Horizonte zerreißen und bis in den siebten Himmel aufsteigen. Der zweite Befreiungskrieg wird gegen eine Handvoll Kommunisten, Freimaurer, Zionisten, Volksfeinde und Ungläubige eröffnet. Dieser Krieg wird gemacht, um die Großtürkei wieder zu errichten. Das ist unser absolutes Ziel. 100.000 türkische und muslimische Arbeiter und Studenten sind in Europa dazu organisiert, diesen Kampf zu führen.“ Flugblatt des „Kultur- und Solidaritätsvereins“, Berlin 1970

„Wie glauben fest daran, daß der Jude, dieser Hund, der in der ganzen Welt Bosheit säht … in Finanzen und Wirtschaft eingreift, um die Weltmacht zu erringen, der den Völkern das Blut aussagt, daß dieser von dem nationalistischen türkischen Arbeiter erkannt werden muß. Diese verdammten Bazillen, die Juden waren es, die das osmanische Reich zerstörten… Die „Nationalistische Arbeitervereinigung“ hat die Flagge des Heiligen Kampfes gehißt. Wir werden unsere Feinde wie Ratten zertreten … Es lebe das Türkentum der ganzen Welt! Hoch die Nationalsozialisten!“ Erklärung der „Nationalistischen Arbeitervereinigung“, veröffentlicht in „Tercüman“, 12.2.1972. 1973 schloß sich die Vereinigung der MHP an.

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Der Mythos des Grauen Wolfes

Das mythische Element dieses Tieres ist mit der überlegenen türkischen Nation verbunden. Nach Zeki Velidi Togan ist der Graue Wolf das Totem – ein tierisch- Pflanzliches Wesen, das als zauberhafter Helfer verehrt wird – der Türken. Der Vorfahr der Uygurs ist ein männlicher Wolf, der die Gesellschaft in den großen Kriegen anführt. Die faschistische Bewegung in der Türkei revitalisierte seit Ende der 60er Jahre das Totem des Grauen Wolfes. Ein junger MHP- Anhänger meint unter dem Titel „Was ist der Graue Wolf“: „In den Teilen unserer nationalen Legende, die gemeinsames Eigentum der vielen aufeinander folgenden türkischen Generationen ist, ist der Graue Wolf ein Symbol, das den Türken den Weg zeigt, und die Türken Siege erringen lässt.“2 In der türkischen Legende – Uygur und Göktürk- führt der Graue Wolf die türkischen Stämme zu zahlreichen Siegen. Der MHP-Anhänger schreibt weiter : „Die Geschichte jeder Nation beginnt mit einer oder mehreren Mythologien. Die Mythen gab es bereits vor dem Schreiben … Wie auch in anderen Nationen, so wurde auch die türkische Mythologie nicht von einer einzigen Person geschrieben.Was der Löwe für die Engländer, der Bär für die Russen, der Leopard für die Perser, der Drache für die Japaner … ist, das bedeutet der Graue Wolf für die Türken.“ Das Prunktier wird näher erläutert: „Während der Khunperiode (220 vor Christus bis 220 nach Christus) erleben wir den Grauen Wolf noch umfassender. Er ist nicht nur ein göttlicher Vorfahre oder ein nationales Symbol auf der Fahne, sondern auch eine göttliche Kraft, ein Führer für die Armee, ein Hizir – jemand der Unsterblichkeit erlangt hat- der die Hilflosen rettet, ein Lehrersymbol, der Hakan (so hießen die Herrscher alter türkischer Stämme) und einer, der der Armee Vorsichts-, Fürsorge und Besonnenheitslehren beibringt. Der Graue Wolf kämpft mit Oguz Khan und dessen Armee … Er ist kein Wolf, sondern ein Retter und Held, wird jedoch als wahrgenommen. Er ist ein gelehrter und vernünftiger Hakan.“ Soweit Kaptan, das MHP-Mitglied. Weiter heißt es bei Kaptan:“ In den Teilen unserer nationalen Legende, die gemeinsames Eigentum der vielen aufeinander folgenden türkischen Generationen ist, ist der Graue Wolf ein Symbol, das den Türken den Weg zeigt, und die Türken Siege erringen lässt.“

Wolfsgruß

Wolfsgruß der „Grauen Wölfe“

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Die Ditib

In Deutschland wurde im Jahr 1985 die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ (DITIB) gegründet. DITIB gehört zum Amt für Religionsangelegenheiten, einer offiziellen Organisation des türkischen Staates. Sie untersteht der Kontrolle einer MHP -Organisation, der „Föderation der türkisch-demokratischen Idealistenvereine Europa“. Gründer der DITIB ist ein Oberst namens Altan Ates, der 1986 folgende Sebstdarstellung zum Besten gab: „Unser Thema ist die Psychologische Kriegsführung. Dies ist eine völlig neue Kriegsart. Sie ist ein sehr heimtückischer, sehr wissenschaftlicher und sehr umfassender Krieg. Für diesen Krieg müssen wir uns vorbereiten. Und zur Verwirklichung bedarf es eines sehr starken Nachrichtendienstes.“ Im Mai 1988 fand in Koblenz die Gründung des unter der MHP stehenden Verbandes der türkisch islamischen Kulturvereine statt. Musa Serdar Celebi wurde der erste Vorsitzende. Er führte aus: „Der Verband wahrt die Interessen der Republik Türkei und der türkischen Nation. Er arbeitet mit den Vertretungen der Republik Türkei und … anderen Institutionen zusammen.“3 Celebi war auch zeitweise Vorsitzender der Föderation der Idealisten-Vereine Europa mit Sitz in Frankfurt.

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Integrationswille

Die Selbsteinschätzungen der ADÜTDF(so nennt sich die Föderation auf türkisch) und die Bewertungen anderer gesellschaftlichen Gruppen bezüglich des Integrationswillens sind entgegengesetzt. Christiane Stuff analysierte in ihrem Beitrag „Islamischer Fundamentalismus in Deutschland“, dass „die Haltung gegenüber der deutschen Gesellschaft […] von Distanz geprägt“ sei, „vom Fernhalten von den ‚Ungläubigen‘“. Solches Verhalten finde seine Begründung in fundamentalistischer Auslegung von Korantexten wie der Sure 5, Vers 51: „Ihr Gläubigen! Nehmt nicht die Juden und Christen zu Freunden! Sie sind untereinander Freunde (aber nicht mit euch). Wenn einer von euch sich ihnen anschließt, gehört er zu ihnen (und nicht mehr zur Gemeinschaft der Gläubigen).“ Dies äußere sich als „Verweigerung jeder Form von Integration“. Die ADÜTDF äußere sich hierzu kommentierend so: „Als Türken wollen wir weitere Zugeständnisse an unsere Lebensart, Würde und Identität erreichen. Das verstehen wir unter Integration.“4

Zumindest fragwürdige Entscheidung der Ditib

„Die Gremien der DITIB müssen sich dann aber auch die Frage gefallen lassen, ob es für die Integration förderlich ist,  wenn die größte DITIB Moschee Berlins, die Sehitlik-Moschee, am 8.4.2007 den türkischen Rechtsextremen (Graue Wölfe) überlassen wird, damit diese in der Moschee ihre Gedenkfeier (Anma Gecesi) für ihren am 4.4.1997 verstorbenen Führer, den Oberwolf Türkes veranstalten können.“  Diese Frage stellt Jörg Lau zurecht im September 2007.

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Das Fazit zu den Grauen Wölfen von Emre Arslan, Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum, Wiesbaden 20095

„Der Vergleich zwischen den Ülkücüs in der Türkei und in Deutschland zeigt, dass beide Gruppen den Grundmythos der Türkei als Herrschernation teilen. Beide Gruppen normalisieren und verherrlichen die Ungleichheiten der Nationen in der Welt und wünschen sich eine Herrscherposition der Türken in der Weltpolitik. … Trotz des o.g. einheitlichen Weltbildes haben die heldenhaften Mythen aus der türkischen Geschichte eine noch größere Bedeutung für die türkischen Ultranationalisten in Deutschland.“6

Ideologie der Grauen Wölfe – Verhältnis zum Islam

Der türkische Ultranationalismus stand schon im 19. Jahrhundert zum Islam in einem schwierigen Verhältnis. Die islamistische Bewegung Milli Görüs stellt den wichtigsten Konkurrenten der Grauen Wölfe in der türkischen Politik dar. Je mehr es der MHP gelang, den Nationalismus mit dem Islam zu verbinden, desto mehr Spielraum gewann ihre Politik. 7 In Deutschland gab es die Abspaltungen ATIB und Nizam-i Alem, die den Islam betonten. Nizam-i Alem bedeutet Ordnung der Welt. Die Anhänger dieser Organisation träumen von einem Modernen Osmanischen Reich, das die ganze Welt beherrscht. Geschichtlich geschehen bedeutet der Islam für die türkischen Ultranationalisten die Herrschaft der Osmanen in Teilen Asiens, Afrikas und Europas (die Symbolik der drei Halbmonde rührt von diesen drei Kontinenten her). Letztere drei Halbmonde waren nicht nur auf dem DITIB-Video von 2008 in Aschaffenburg zu sehen, sondern sind es auch auf einem Video der DITIB Bad Salzuflen von 2008, der DITIB Moosburg 2009, DITIB Kassel 2009. Graue Wölfe und Milli Görüs können der rechtsradikalen Szene zugerechnet werden. Beide versuchen, moderne Gesellschaften von einem ideellen „goldenen“ Ursprung her zu erklären. Der Bezug auf diese Urtradition bildet den Mythos der Fundamentalisten. Ultranationalistische Elemente sind ein untrennbarer Bestandteil der Milli-Görüs-Ideologie. Beide Bewegungen handeln in einem gemeinsamen Ideologiebereich. Danach ist die Türkei eine überlegene Nation , das Osmanische Reich repräsentiert ein goldenes Zeitalter. Der Begriff „Ultranationalismus“ kann die Ideologie der „Grauen Wölfe“ am besten charakterisieren.

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1Hoffmann, Opperskalski, Solmaz, Graue Wölfe, Koranschulen, Idealistenvereine, Köln 1981, S.49

2Fikret Aslan, Kemal Bozay (Hrsg.), Graue Wölfe heulen wieder. Türkische Faschisten und ihre Vernetzung in Deutschland. Münster 2012 (3. Auflage), S.124

3Ebd.. S. 148

4Wikipedia ADÜTDF Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland

Christiane Stuff: Islamischer Fundamentalismus in Deutschland. In: Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung / Kilian Kindelberger (Hrsg.): Fundamentalismus. Politisierte Religionen. Potsdam 2004, S.75

5 Emre Arslan, Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum, Wiesbaden 2009

6 Ebd.,  S.238.

7 Vgl. ebd., S. 47

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Geschichte der Sinti und Roma

Die Sinti und Roma verließen im ersten Jahrtausend nach Christus ihre indische Heimat und zogen nach Westen. Sie durchquerten Afghanistan und erreichten Persien. Ein Teil zog nach Armenien bis nach Rußland, der andere Teil gelangte in die Türkei und nach Griechenland und über den Balkan nach Mitteleuropa. 1100 beschreibt ein georgischer Mönch die Ankunft von Sinti und Roma auf Athos. Anfang des 14. Jahrhunderts gab es Sinti und Romagruppen auf dem Balkan, 1399 erreichen sie Böhmen, 1407 werden sie urkundlich in Deutschland erwähnt. Sie gaben sich als Pilger aus, Geleitbriefe wurden ihnen ausgestellt.

Geleitbrief König Sigismunds

Geleitbrief König Sigismunds, ausgestellt am 23. April 1423 in der Zips (Slowakei): „Unser getreuer Ladislaus, Woiwode der Zigeuner, und die anderen, die von ihm abhängen, haben Uns untertänigst gebeten, ihnen unser besonderes Wohlwollen zu bezeugen. Es hat uns gefallen, ihr ehrerbietiges Anliegen zu erhören und ihnen den vorliegenden Brief nicht zu verweigern. Wenn mithin der besagte Ladislaus und sein Volk an irgendeinem Ort Unseres Reiches erscheinen, empfehlen wir Euch, ihnen Eure Treue gegen uns kundzutun. Ihr werdet ihnen Schutz jeder Art gewähren, auf dass sich der Woiwode Ladislaus und die Zigeuner, seine Untertanen, innerhalb Eurer Mauern aufhalten können, ohne Schwierigkeiten zu begegnen. Sollten sich über Leute unter ihnen befinden oder sich ein unliebsamer Vorfall welcher Art immer ereignen, dann wünschen und befehlen Wir ausdrücklich, dass allein der Woiwode Ladislaus mit Ausschluss von Euch allen das Recht zu strafen und freizusprechen auszuüben hat (…)” Der Schutz der Brief wurde bald wirkungslos, weil sich im Gefolge der Sinti und Roma Diebe und entflohene Gefangene aufhielten. 1471 wurden die Sinti und Roma aus Luzern ausgewiesen, 1474 aus Genf. 1482 verbat ihnen Albrecht von Brandenburg, in seinen Herrschaftsbereich einzuziehen. 1497 auf dem Reichstag von Lindau wurden sie zu „Verrätern an den Christenlanden“ erklärt und des Landes verwiesen- 1498 auf dem Reichstag von Freiburg wurden sie für vogelfrei erklärt. Papst Pius V. verwendete sie als Galeerensklaven im Kampf gegen die Türken in der Schlacht von Lepanto 1571. Ins 15. Jahrhundert fällt also der Beginn der Sinti und Roma-Verfolgungen. Alle entlassenen Söldner des Dreißigjährigen Krieges mußten stehlen, also auch die Sinti und Roma.Von 1497 bis 1774 gab es 146 Edikte gegen Sinti und Roma im Gebiet des damaligen deutschen Reiches. 1501 erließ die Stadt Luzern ein Edikt, nach dem „Zigeuner“ gehängt werden, falls sie sich noch einmal in die Stadt und der näheren Umgebung sehen ließen. Im 16. und 17. Jahrhundert gibt es zahlreiche Hinrichtungen und Verteibungen. Im Fürstentum Bayreuth wurden 1724 an einem Tag fünfzehn Zigeunerinnen gehenkt. 1728 erließ die Stadt Aachen ein Edikt. Darin hieß es: „Im Fall der Überrumpelung sind die Zigeuner, ob sie Widerstand geleistet haben oder nicht, unverzüglich hinzurichten.“ An Straßenkreuzungen standen Galgen. Auf einer Tafel stand: „Strafe für das Lumpenpack, die Gauner und die die Zigeuner!“ Bildliche Darstellungen des Auspeitschens und Hängens wurden hinzugefügt- die Zigeuner waren Analphabeten. Zu den berüchtigten Maßnahmen gehörten die Verordnungen der Kaiserin Maria Theresia von Österreich und Ungarn in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Für die Kaiserin bedeutete “Sesshaftmachung” nicht allein die Gewährung eines Niederlassungsrechts. Sie verbot den Roma in Ungarn, ihre Sprache zu sprechen, erlaubte nur wenige Eheschließungen unter Roma und befahl, Romakinder zwangsweise von ihren Eltern zu trennen, um sie ungarischen Eltern zur Adoption zu geben.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchte man in Deutschland vereinzelt, Sinti und Roma seßhaft zu machen. In Baden-Württemberg wurden zwischen 1835 und 1838 die Sinti und Romagruppen aufgelöst und in Einzelfamilien über das Königreich verteilt. In Dörfern sollten sie Unterkunft und Hausrat bekommen. Die Erwachsenen wurden zur Arbeit gezwungen. Der Versuch scheiterte, weil die Verwandten rasch wieder zusammenzogen. In Friedrichslohra sollte ein Sinti und Romadorf geschaffen werden. Es wurde nach einiger Zeit aufgegeben. In Saßmannshausen lebten 1911 40 seßhafte Sinti und Roma. Zur gleichen Zeit enstanden in Berlin, Hamburg und Frankfurt Sinti und Romasiedlungen am Rande der Großstädte.1907 entstand ein Gesetz, das die Ausgabe von Gewerbescheinen von einer festen Adresse abhängig machte.So zogen Sinti und Roma in die Städte. Die Männer trieben Handel, während die Frauen bettelten und wahrsagten.

Sinti und Roma im Nationalsozialismus

Sinti und Roma galten in der Rassenideologie des Nationalsozialismus ebenfalls als “minderwertig”. „Die Zigeuner“ als Opfer des Holocaust sind im öffentlichen Bewusstsein jedoch nicht so stark verankert. Sinti und Roma gelten daher oft als „die vergessenen Opfer“. Roma und Sinti hätten nach den NS-Rassentheorien als Indogermanen, also als „Arier“ gelten müssen. Als „asiatische Abkömmlinge“ waren sie in den Augen der Nazis „rassisch minderwertig“ und wurden wegen ihrer nomadischen Lebensweise als „asozial“ bezeichnet. Die SS begann bereits 1931 mit der Erfassung der Roma und Sinti. Ihre „Erforschung“ sollte mit der Gründung des Rassenhygiene-Instituts 1936 unter Leitung von Dr. Robert Ritter einen wissenschaftlichen Anstrich bekommen. „Fliegende Arbeitsgruppen“ des Instituts erstellten rund 24.000 „Gutachten“, in denen die Roma und Sinti vom „reinrassigen“ bis zum „Achtelzigeuner“ klassifiziert wurden. Diese Gutachten dienten als Grundlage für die späteren Deportationen.

1933 forderte das „Rasse- und Siedlungsamt“ der SS in Berlin, die „Zigeuner und Zigeunermischlinge „ zu sterilisieren. Weitere Pläne gab es 1937. Im Oktober 1939 folgte ein „Festsetzungserlaß“ – Sinti und Roma durften ohne polizeiliche Erlaubnis ihren Wohnsitz oder Aufenthaltsort in den umzäunten und bewachten „Zigeunerlagern“ nicht verlassen- bei Nichtbefolgung mußten sie in ein Konzentrationslager.1

Als Sklavenarbeiter wurden die Sinti und Roma Opfer des Vernichtungsprogramms in SS- Unternehmen. Zu diesen Unternehmen gehörte die Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DEST) aber auch Siemens, Daimler-Benz, AEG, Heinkel, Messerschmitt, BMW, VW, IG Fraben und Steyr-Daimler-Puch. Die Arbeitsbedingungen in den Rüstungsbetrieben waren ähnlich grausam wie in den Konzentrationslagern. Arbeitszeiten von 12 bis 15 Stunden waren mit schlechter Ernährung verbunden. Unterernährung und Krankheit waren die Folge. Am 17. April 1940 ordnete Himmler die erste Deportation ganzer Familien an. Die Deportationszüge mit 2.800 deutschen Sinti und Roma starten in Hamburg, Köln und Hohenasperg bei Stuttgart. Im August 1941 entscheidet Himmler in einem Erlaß, daß für weitere KZ-Deportationen das Reichskriminalpolizeiamt aufgrund eines Rassegutachtens entscheidet. Bis Ende 1944 werden rund 24.000 „Gutachten“ erstellt. Im Januar 1942 werden 5.000 Sinti und Roma aus dem Ghetto von Lodz im Vernichtungslager Kulmhof in Vergasungswagen ermordet. Im August 1942 berichtet die deutsche Militärverwaltung in Serbien, daß die Juden -und Zigeunerfrage mit Hilfe von Vergasungswagen gelöst sei. Am 16. Dezember 1942 traten eine Reihe von Erlassen in Kraft, denen ab März 1943 intensive Verfolgungen der letzten 10.000 Sinti und Roma im Reichsgebiet folgten.Die Transporte gingen in das „Zigeunerlager“ nach Auschwitz. Im Mai 1943 wird Josef Mengele Lagerarzt in Auschwitz. Er schickt mehrere hundert Sinti und Roma ins Gas. Die „Zwillingsforschung“ setzt er durch Tötung von Kindern fort. Am 2. August wird das „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau aufgelöst. Im Juli 1944 lebten noch 6.000 Sinti und Roma dort, 3.000 werden in andere Konzentrationslager verbracht, die anderen 3.000 in der Nacht auf den 3. August ermordert.  2

Das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges für die Sinti und Roma: Die Zahl der in Europa bis Kriegsende ermordeten Roma und Sinti wird auf eine halbe Million geschätzt.Von den deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden über 25.000 von 40.000 ermordet. SS-Einsatzgruppenleiter Otto Ohlendorf meinte im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß zur Vernichtung zehntausender „Zigeuner“ hinter der Ostfront: „Es bestand kein Unterschied zwischen den Zigeunern und Juden, für beide galt damals der gleiche Befehl.“ Bericht aus dem Konzentrationslager Ravensbrück. Die Sint-und Roma-Frauen. Am 29. Juni 1939 wurden im Zuge einer vom Reichskriminalpolizeiamt angeordneten Aktion 440 Sint- und Roma-Frauen aus Niederöstreich und dem Burgenland verbracht. Im Dezember dieses Jahres gab es fast 2.500 weibliche Häftlinge. Die Frauen mußten in den Jahren 1939 und 1940 zunächst in den dort eingerichteten SS-Betrieben arbeiten. Anfallende Lagerarbeiten waren: Planieren von Straßen, Bauarbeiten aller Art, Gräben ausheben, Entladen von Kähnen, die mit Steinen beladen waren. Seit dem Frühjahr 1942 wurden nach und nach die meisten Frauen der Sinti und Roma den Rüstungsbetrieben überstellt. Besonders markant war ein Arbeitseinsatz außerhalb des des Lages im Winter 1942/43, bei dem „etwa 60 Häftlinge, darunter auch 13-bis 14jährige Zigeunerkinder, auf der Halbinsel Darß (Ostsee) unter Leitung der Aufseherin Leopold mit dem Rohrschneiden beschäftigt (waren).“ 3 Kinder dieser Altersgruppe wurden auch in die Rüstungsbetriebe gesteckt. Ein zwölfstündiger Arbeitstag war nicht selten.Auch Frauen mußten kurz vor der Entbindung noch schwere Arbeit leisten. Schläge bei der Arbeit waren häufig. Manche Frauen mußten ins Krankenrevier gebracht werden. Wer nicht mehr in der Lage war zu arbeiten, mußte in die Gaskammer. Die SS-Aufseherin Erika Bergmann war berüchtigt dafür, Hunde auf Zigeuner zu hetzen. Aufseherinnen dieser Art waren keine Seltenheit. Sie erhofften durch ihr brutales Vorgehen größere Anerkennung des nationalsozialistischen Staates. Im Frühjahr 1942 wurde in Ravensbrück ein Transport von Frauen (darunter 180 Sinti und Roma) für die Flugzeugwerke Heinkel in Barth/ Pommern zusammengestellt.

Betrachten wir das Schicksal der Sint-Frau Rosa Wiegand aus Wiesbaden stellvertretend: „Es gab praktisch keine Arbeit, die ich nicht getan habe. Ich war in der Mattenflechterei, in der Nähstube, ich habe Häuser mit gebaut und Gräben ausgeschachtet. Ich mußte in diesen Gräben, in denen mir oft das Wasser bis zu den Hüften stand, im Sommer wie im Winter, Erde schaufeln. Ich habe im Wald gearbeitet, Loren gefahren und Kähne mit Steinen entladen. Wir mußten täglich zwölf Stunden arbeiten…. Einmal ist ein Häftling ausgebrochen, es war Winter, es war sehr kalt, und man hat un mitten in der Nacht aus den Betten geholt; wir mußten ohne unsere Holzpantinen, barfuß, und nur im Nachthemd auf der Lagerstraße ‘Strafestehen’; denn, so sagte man uns, wenn einer abhaut, gilt: ‘Einer für alle, alle für einen’. Während wir standen, sind unsere Füße auf dem eisigen Boden angefroren, wir durften uns ja nicht bewegen und nicht warm reiben, und dann haben sie uns auch mit Wasser naß abgspritzt.“4 Über die Behandlung eines „Zigeuners“ in Neuengamme. Der jüdische Häftling berichtet darüber: „Das Schrecklichste, was ich bis heute nicht vergessen kann, war die Ermordung eines wegen Fluchtversuches zurückgebrachten deutschen Zigeuners. Wir alle mußten zum Appell antreten und mußten zusehen, wie man mit solchen ‘Flüchtlingen’ umging. Man legte ihn mit Händen und Füßen gefesselt auf den Rücken.Ein SS-Mann stellte sich auf den Delinquenten. Einen Fuß auf den Bauch und einen Fuß auf den Hals des Gefangenen. In der Hand hatte der SS-Mann einen Stock, an welchem ein Nagel befestigt war. Er stach dabei dem Gefangenen ins Gesicht und bei vollem Bewußtsein die Augen aus. Nachher erhielt der Gefangene noch Schläge auf den Kopf. Zu guter Letzt wurde er rücklings an Ketten am Fenstergitter aufgehängt. So endigte sein Leben.“5

Die Situation der Roma nach dem Zweiten Weltkrieg unterschied sich von der der Juden durch mangelnden Lobbyismus. 1945 wurde unter dem Pseudonym „Landfahrerzentrale“ in München die altbekannte Zigeunerzentrale weitergeführt. Sie wurde erst 1970 offiziell aufgelöst. Während gegenüber den überlebenden Juden auf Grund des Drucks seitens des Staates Israel das Bedauern für die Nazi-Verbrechen ausgedrückt und seit 1948 praktiziert wurde, erfuhren die Sinti und Roma keine staatliche Anerkennung der gegen sie verübten Verbrechen- wer hätte sie auch durchsetzen können. Ihnen gegenüber setzten sich ungebrochen administrative Strukturen der Ausgrenzung und Diskriminierung durch, wie besonders die Arbeit der Polizei zeigt. Ein Beispiel für die Entschädigung eines Sintis, dessen Kind im KZ umkam, liegt vom Regierungspräsidenten in Aurich im Jahr 1955 vor. 150 DM Entschädigung für ein Kind, das durch den Nationalsozialismus getötet wurde. Den Geist der Nachkriegszeit verkörpert ein richterlicher Ausspruch von 1956: „Die nationalsozialistischen Führer haben zahllose Akte der Unmenschlichkeit begangen, die die Rechtsprinzipien mißachteten; aber diese Tatsachen berechtigen nach geltendem Recht niemanden, daraus Anspruch auf Entschädigung herzuleiten.“ 6 Einen internationalen Erfolg erreichten die Roma im März 1979. Sie wurden von der UNO als Nation anerkannt. Die Ziele der Romani-Union daß wir eine moralische wie auch materielle Unterstützung durch öffentliche Organe und Staaten wie die UNO erhalten daß wir Roma selbst eine Einheit bilden müssen … Wir müssen interne Rivalitäten ….abbauen. Nur so werden wir in der Öffentlichkeit respektiert. 7 Nehmen wir die aktuelle Situation in unserem Lande. Aktuelle Zustände in der Bundesrepublik: Etwa 120.000 Mitglieder beider Bevölkerungsgruppen leben in der Bundesrepublik. Etwa 10 Millionen in Europa. Sie nennen sich Rom, d.h. Mensch. Als Mensch gesehen und behandelt zu werden ist eigentlich nur eine Selbstverständlichkeit. 2006 wurde eine Befragung durchgeführt, an der 309 Sinti-und-Roma-Familien teilnahmen.Drei Viertel von ihnen fühlten sich schon häufiger diskriminiert, kam dabei heraus, vor allem bei Arbeits- und Wohnungssuche. Negativ dargestellt sahen  sich Sinti und Roma besonders in den Medien. 90 Prozent fanden, die Berichterstattung fördere Vorurteile. Auch das Zentrum für Antisemitismusforschung stellte durch Umfragen fest, dass mehr als 60 Prozent der Mehrheitsbevölkerung Sinti und Roma gegenüber negativ eingestellt sei – während Ablehnung gegenüber Juden 13 Prozent äußerten. Trotz der Frist vom Juli 2003 hat Deutschland bisher keine umfassende Antidiskriminierungsgesetzgebung geschaffen, die mit der EU-Gleichbehandlungsrichtlinie konform geht.

Situation der Sinti und Roma in Bad Hersfeld

Viele Sinti und Roma von Bad Hersfeld beklagen, daß ihnen der Zutritt zu fast allen Gaststätten verwehrt wird. Oft sogar mit einem Schild. Dort hängt ein Schild mit der Aufschrift „Für Landfahrer verboten“. Manchmal werden sie nicht bedient. Die Meinung, daß Zigeuner nicht arbeiten wollen, taucht in Gesprächen immer wieder auf. Der größte Fehler der Stadt sei es gewesen, feste Häuser zu bauen- das habe die Sinti hergelockt – so Herr Schäfer, Leiter des Kreissozialamtes. Ein städtischer Beamter berichtete, die Stadt habe einer Zigeunerfamilie, die sich bereiterklärte, aus Hersfeld wegzuziehen, die Umzugskosten in Höhe von 3000,- DM erstattet. Im Kistnergrund lebt eine Sinti-Frau mit sieben Kindern in zwei feuchten, kalten, schlecht beheizten Räumen. Verursacht durch diese katastrophalen Wohnverhältnisse gibt es reichlich Krankheiten – Bronchitis, Ischias und Rheuma. 8

Campingplätze

Ganz in der Nähe noch ein Phänomen, das auch anderswo in Deutschland zu verzeichnen war: ” – In Erbendorf bei Erlangen und in Großwelzheim bei Aschaffenburg und auf vielen anderen Campingplätzen stehen Schilder wie dieses: ‘Naherholungsgebiet- Landfahrer haben keinen Zutritt’ “ 9 Bisher konnte keine Person der Gemeinde Karlstein ein Dokument zu diesen Vorfällen ermitteln, auch gibt es daran bei der Gemeinde keine Erinnerung. Helmut Winter, Ehren-Vorsitzender des Geschichtsvereins Karlstein, konnte sich erinnern und nachweisen, daß eine Campingplatzsatzung mit der genannten Bestimmung 1980 geändert wurde.

Würzburger Prozeß

1978 ging in Würzburg ein skandalöser Prozeß gegen Roma zu Ende. Angeklagt waren Bürger, die gegen ein provokatives Treffen der HIAG „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Waffen-SS“ demonstriert haben. Sieben Personen wurden aufgegriffen, davon sechs Roma (zwei, die den Gräueln der Nazizeit entkommen waren) Josef Lehmann wurde mit sechs Jahren mit seiner Familie in ein KZ eingeliefert. Er blieb dort acht Jahre Radani Winterstein – seine Familie wurde zum Großteil im KZ ermordet. Im September 1976 trafen sich 300 ältere Herren in einem Würzburger Restaurant zu einem „Suchdienst- und Kameradentreffen.“ Sie waren Mitglieder der HIAG- Traditionspflege als Angehörige der ehemaligen SS-Grenadierdivisionen „Horst Wessel“ und „Charlemagne“. Josef Lehmann erfuhr von dieser Veranstaltung und sagte zu Hause: „Du Frau, jetzt geht’s wieder los.“ Die VVN und einzelne SPDler intervenierten bei Bürgermeister Dr. Zeitler, um ein Verbot zu erreichen. Rechtlich war das nach seiner Einschätzung nicht möglich. Nach der Veranstaltung kam es in einer Seitenstraße zu einer Schlägerei zwischen sechs SS-Leuten und einer Gruppe von 20 bis 30 Demonstranten. Aus der Demonstrantengruppe wurden Roma ergriffen und vor Gericht gestellt. Radani Winterstein und seine drei Söhne wurden als „Landfahrer“ angeklagt. Die Söhne wurden als notorische Schläger dargestellt. Angegriffen wurde auch die Verteidigerin der Roma, Frau Sobeck, die sich seit damals vierzehn Jahren für diese Bevölkerungsgruppe eingesetzt hat. Das Urteil wurde am 23.8.1977 gefällt. Radani Winterstein wurde zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, seine beiden Söhne Erwin und Manfred jeweils zu neun Monaten ohne Bewährung. Rainer bekam eine Geldbuße und Verwarnung. Nach der Revisionsverhandlung wurden die Strafen noch herauf gesetzt. 10

Literatur:

Luise Rinser, Wer wirft den Stein? Zigeuner sein in Deutschland. Eine Anklage, Frankfurt am Main/ Berlin 1987

Gert Schwab, Edgar Wüpper, Zigeuner- Porträt einer Randgruppe, Luzern und Frankfurt am Main 1981 (2.Auflage)

Romani Rose, Walter Weis, Sinti und Roma im „Dritten Reich“ – Das Programm der Vernichtung durch Arbeit, Göttingen 1991

Tilman Zülch (Hrsg.), In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt. Zur Situation der Roma (Zigeuner) in Deutschland und Europa, Reinbek bei Hamburg 1979

Fußnoten

1 Romani Rose, Walter Weis, Sinti und Roma im „Dritten Reich“ – Das Programm der Vernichtung durch Arbeit, Göttingen 1991, S. 18

2 Vgl. ebd. S.176

3 Vgl. ebd. S. 43

4 S. ebd. S.49 f.

5 ebd. S. 91

6 Luise Rinser, Wer wirft den ersten Stein? Zigeuner sein in Deutschland. Eine Anklage,Frankfurt/Main

Berlin 1985, S.106

7 Ebd., S. 99

8 Siehe: Tilman Zülch (Hrsg.), In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt, S. 219

9 Ebd., S. 2

10 Ebd., S. 172 ff. Da ich damals in Würzburg wohnte, kann ich mich an die Ereignisse noch unscharf erinnern -C.S.

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Haitis Geschichte (Schwerpunkt 17. bis 19. Jahrhundert)

Haiti als Kolonialstaat

1492 kamen die spanischen Seefahrer an die Norwestküste von Haiti und nannten die Insel wegen ihrer Ähnlichkeit mit Spanien Hispaniola. Zehn Jahre später kam der Gouverneur Ovando auf die Insel, die inzwischen Santo Domingo hieß. Ovando war genau so grausam wie die Kolonisatoren Cortez und Pizarro. Er ließ die Eingeborenen mit Hunden hetzen und lebendig rösten. Ihre Königin Anacoana ließ er bei einer friedlichen Zusammenkunft in Ketten legen und zusammen mit den Stammesangehörigen massakrieren. In dieser Zeit plädierte Las Casas vor Karl V. für die Einfuhr von Negersklaven aus Afrika. Sie waren für die Arbeit in den Gold- und Silberminen besser geeignet. 1503 kamen die ersten Negersklaven nach Santo Domingo, 1517 wurde ihre Einfuhr von Karl V. in größerem Maßstab zugelassen. Dreíßig Jahre hatten genügt, um das Land zu entvölkern. 1697 trat Spanien im Frieden von Ryswijk den Westteil von Hispaniola offiziell an Frankreich ab. Mitte des 17. Jahrhunderts war das Zuckerrohr von Java auf die Antillen eingeführt worden- hierdurch wurde eine Revolution ausgelöst. Es entstanden großflächige Pflanzungen und Manufakturen an Stelle kleiner Farmen. Kleinere Ländereien wurden von den Großgrundbesitzern aufgekauft. Es entstanden kapitalistische Unternehmen, Städte wurden gegründet, Straßen und Brücken gebaut. Fruchtbare Ebenen verwandelten sich in Zuckerrohr- und Baumwollfelder, an den Berghängen wurden Kaffeesträucher gepflanzt. Die Hälfte des Bodens wurde landwirtschaftlich genutzt. 1789 gab es in Santo Domingo 793 Zuckerrohrmanufakturen, 3.117 Kaffeepflanzungen, 3.150 Indigo- und 789 Baumwollplantagen, 182 Rumbrennereien und 50 Kakaopflanzungen. 30.000 Sklaven wurden pro Jahr auf die Insel eingeführt, 15.000 Matrosen waren mit dem Transport betraut. Ein Kenner beschrieb die wirtschaftliche Bedeutung der Insel für Frankreich: Der französische Anteil der Insel Santo Domingo sei von allen Besitzungen Frankreichs in der neuen Welt der wichtigste wegen der Reichtümer, den er dem Mutterland liefere. Santo Domingo war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die produktivste Kolonie, die Englands Vorherrschaft auf dem Weltmarkt bedrohte. Die britische Agitation zur Abschaffung des Sklavenhandels bedrohte die wirtschaftlichen Grundlagen der französischen Kolonien. Auf der Insel Santo Domingo gab es am Vorabend der Französischen Revolution drei Klassen: die herrschende Klasse der Weißen (40.000), die Zwischenklasse der Mulatten (30.000) und die besitzlose Klasse der schwarzen Sklaven (450.000). Mulatten der ersten Generation waren zumeist Kinder, die weiße Sklavenhalter mit schwarzen Sklavinnen gezeugt hatten. Sie wurden üblicherweise in die Freiheit entlassen und bildeten bald eine gesellschaftliche Schicht zwischen weißen Herren und schwarzen Sklaven.

Auszug aus dem Sklavengesetz von 1685 (Code noir)

  1. Wir verbieten den Sklaven, sich unter dem Vorwand von Hochzeiten oder anderen Vorgaben bei Tag oder bei Nacht an entlegenen Orten zusammenzurotten, bei Strafe körperlicher Züchtigung, welche wenigstens in Staupenschlägen und Brandmarkung bestehen soll und im Falle mehrfacher Wiederholung und anderer erschwerender Umstände bis zur Todesstrafe gesteigert werden kann, was wir dem Ermessen der Richter überlassen…

  1. Wir erlauben allen unseren die Inseln bewohnenden Untertanen, sich aller ohne Erlaubnisschein der Herren in den Händen von Sklaven befindlichen Waren zu bemächtigen..

XXVIII. Wir erklären hierdurch, daß die Sklaven nichts besitzen können, was nicht als Eigentum ihrer Herren angesehen werden soll, und daß alles, was sie durch ihren Fleiß oder die Freigiebigkeit anderer erlangt haben, ihrem Herrn als dessen Eigentum gehören soll …

XXXIII. Die Sklaven, welche ihren Herrn, seine Gattin oder Beischläferin oder seine Kinder ins Gesicht blutig geschlagen haben, sollen mit dem Tode bestraft werden.

XXXV.  Erwiesene, von oder Freigelassenen Sklaven verübte Diebstähle, wenn sie auch bloß in Pferden, Mauleseln,   Ochsen und Kühen bestehen, sollen peinlich und, je nach den Umständen, mit dem Tode bestraft werden.

XXXVI. Entwendungen von Schafen, Ziegen, Schweinen, Geflügel, Zuckerrohr, Erbsen, Manioc oder anderen Hülsenfrüchten, welche sich Sklaven haben zu Schulden kommen lassen, sollen nach Beschaffenheit des Diebstahls gerichtlich bestraft werden, und diese Strafen sollen erforderlichenfalls in Staupenschlag und Brandmarkung der Schultern bestehen können.

XXXVIII. Einem entflohenen Sklaven, welcher einen Monat abwesend geblieben ist, sollen die Ohren abgeschnitten und er soll auf einer Schulter gebrandmarkt werden; bei einer wiederholten Flucht sollen ihm die Kniekehlen zerschnitten und die andere Schulter gebrandmarkt werden; das dritte Mal wird er mit dem Tode bestraft.

  1. Es soll den Eigentümern der Sklaven erlaubt sein, sie in Ketten legen und mit Ruten oder Stricken hauen zu lassen, wenn sie glauben, daß diese die Züchtigung verdient haben …

XLIV Wir erklären, daß die Sklaven als Mobiliar betrachtet werden und als solches ins gemeinschaftliche Erbe gehören …

Gegenwehr der Sklaven

Der Selbstmord war eine weit verbreitete Art des Widerstandes. Man glaubte, nach dem Tode in die afrikanische Heimat zurückzukehren. Um Selbstmorden vorzubeugen, gingen die weißen Herren dazu über, die Toten öffentlich zu verstümmeln. Häufig fügten sich die Sklaven Verletzungen zu, um arbeitsuntauglich zu werden. Das verbreitetste Mittel des Widerstandes war die Flucht. Schon im 16. Jahrhundert ließen sich sogenannte „Marrons“ (flüchtige Sklaven) in den unzugänglichen Bergen nieder. Die Weißen wurden dieser Entflohenen niemals Herr. 1785 erkannte die französische Regierung die Unabhängigkeit der „Marrons“ an. Diese rekrutierten sich überwiegend aus afrikanischen Sklaven, während die in der Kolonie geborenen das Risiko der Flucht scheuten. Nach dem Ausbruch des Sklavenaufstandes 1791 wurde die Flucht zum Massenphänomen. Ein weiteres Mittel der Gegenwehr war das Gift, das von den pflanzenkundigen Schwarzen in seiner Wirkung beherrscht wurde. Immer wieder gab es rätselhafte Todesfälle an Vieh und Menschen. Besonders markant war der Fall des Voodoopriesters Mackandal. Er gab durch Vergiftungen von Weißen das Signal zum Sklavenaufstand gebe wollte, 1758 wurde er hin- gerichtet. Eine weitere Art des Widerstandes war die Abtreibung, die trotz Verbotes bei den Schwarzen weit verbreitet war. Die Todesfälle übertrafen die Geburten. Von einer Million eingeführten Sklaven lebte 1789 nur noch weniger als die Hälfte. Eine Art Sklavenaristokratie bildeten die Domestiken oder Haussklaven. Köche, Lakaien, Kutscher, Aufseher, Ammen oder Kammerzofen. Es handelte sich dabei um kreolische Schwarze, die als zivilisierter galten als afrikanische Neuankömmlinge. Sie hatten weitgehend angepaßte Moralvorstellungen und imitierten oft die Sitten der Weißen.

Die Auswirkungen der Französischen Revolution

Die Mulatten probten als erste den Aufstand im Namen der Menschenrechte, ohne allerdings für die Freiheit ihrer eigenen Sklaven einzutreten. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und die Anführer hingerichtet. Der Aufstand der Sklaven begann im August 1791 im Norden der Insel. Er überschwemmte bald die gesamte Kolonie und gilt als Beginn der Haitianischen Revolution. Im Verlauf dieser Revolution kam es zu Massakern an der weißen Bevölkerung, zur Abschaffung, Wiedereinführung und erneuten Abschaffung der Sklaverei, zur französischen Invasion der Insel, zur Vertreibung der französischen Truppen durch die schwarzen Generäle, zum Bürgerkrieg zwischen Schwarzen und Mulatten sowie zur Besetzung und späteren Räumung des spanischen Teiles der Insel. Haitis großer Freiheitsheld Toussaint Louverture einigte das Volk und proklamierte die Menschen- und Bürgerrechte.

Toussaint Louverture

Dieser wurde 1743 als Toussaint Bréda als Sklave auf der Pflanzung Bréda im Norden der Insel geboren. Er lernte lesen und schreiben und war Kutscher von Bayon Libertat, Verwalter der Pflanzung Bréda. Er beteiligte sich 1791 an der Vorbereitung des SKLAVENAUFSTANDES, schloß sich jedoch erst den Rebellen an, nach dem er die Familie seines Herrn in Sicherheit gebracht hatte. Als oberster Medziner der Armee trat er in den Dienst von Biassou, bei dem er Leutnant und Berater wurde. 1793 brachte er den Franzosen mehrere Niederlagen bei. Im Mai 1794 schloß er sich mit dem von ihm eroberten Gebieten der französischen Republik an. Sie hatte inzwischen die Aufhebung der Sklaverei verkündet. 1795 wurde er Brigadegeneral, nachdem er die Engländer erfolgreich aus ihren Stützpunken in der Kolonie vertrieben hatte, 1797 wurde er Oberbefehlshaber der Armee; in der Verfassung von 1801 wurde er Generalgouverneur auf Lebenszeit, nachdem er eine Mulattenrebellion im Süden blutig niedergeschlagen und den spanischen Ostteil der Insel annektiert hatte; nach der Landung Leclercs kapitulierte er nach dreimonatigem zähen Widerstand. Im Juni 1802 wurde er durch Verrat festgenommen und nach Frankreich deportiert, wo er auf Befehl Napoleons in Fort de Joux inhaftiert wurde und am 27. April 1803 starb.

Toussaint Louverture

Nachfolger Louvertures

Jean-Jaques Dessalines, der Nachfolger Louvertures, vertrieb in blutigen Gefechten die durch Krankheit geschwächten französischen Soldaten und Pflanzer. 1804 erklärt Haiti nach zwölfjährigem Freiheitskampf seine Unabhängigkeit von Frankreich. Hier lebten Sklaven, die sich  selbst befreit hatten. In Haiti ist deshalb der Ausdruck „Neger“ kein Schimpfwort, sondern bedeutet in der kreolischen Landessprache „Mensch“. Die Freiheit von Sklaverei wich einer neuen ungerechten Herrschaft. Einer der größten Despoten war Henri Christophe (1767 – 1820). Größenwahnsinnig ließ er sich 1811 zum König von Haiti krönen. Nach Vorbild von Schloss „Sanssouci“ ließ er in Milot ein Schloss errichten. Ganz feudal handelte es sich um einen dreistöckigen Monumentalbau mit Kronleuchtern, Wandtäfelungen Marmor, edlen Teppichen und feinen Bädern. Aus Furcht vor einer ausländischen Invasion ließ Christophe von über 200 000 Zwangsarbeitern auf dem 945 m hohen Berg La Fernere die mächtigste Festung außerhalb Europas bauen. 365 Kanonen und 15 000 Soldaten sollten Haiti schützen. Dazu kam es nie. „Sanssouci“ wurde durch ein Erdbeben zerstört, die Zitadelle „La Fernere“ blieb ohne Funktion. Die Beziehungen zu den Inselnachbarn waren indes nicht ungetrübt. Immer wieder versuchte König Henri die von Mulatten gehaltene Hafenstadt Santo Domingo einzunehmen,  was ihm aber nicht gelang. 1821 erklärte Nunez de Caceres die Unabhängigkeit des Ostteils von Hispaniola. Am 1. Dezember 1821 proklamierte er den „Unabhängigen Staat Spanisch-Haiti“ (Estado Independiente de Haití Español). Bereits ein Jahr später eroberte der haitianische Präsident Jean-Pierre Boyer die gesamte Insel. Bürgerkriege herrschten im Land. 1844 wurden die Haitianer vertrieben und die Dominikanische Republik ausgerufen. Die Insel war endgültig geteilt. Vierzehn Herrscher regierten in Haiti zwischen 1843 und 1902. Der Staat wurde zur Beute der herrschenden politischen Klasse. Bauern wurden von machthungrigen Potentaten rekrutiert, um gegeneinander zu kämpfen. Das Ziel war der Einzug in den Nationalpalast von Port-au-Prince. Dabei wurden bedenkenlos gewaltsame Methoden angewandt. Die Grundstrukturen erhielten sich über die Jahrhunderte.

US-Amerikanische Intervention

Von 1915 bis 1934 besetzten die Vereinigten Staaten Haiti, die Finanzverwaltung behielten sie sogar bis 1947. Grund für die Invasion 1915 war nach Angaben der Amerikaner die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung; kurz vorher war der Präsident Guillaume Sam ermordet worden. Als eigentlicher Hintergrund kann die Sicherung wirtschaftlicher und geostrategischer Interessen angesehen werden. Der Panamakanal wurde nämlich 1914 eröffnet. Nach der Ansicht mancher Historiker richtete sich die Intervention gegen die deutschen Interessen in Haiti. Deutsche Einwanderer hatten dominanten Einfluß in der Wirtschaft. Washington fürchtete Flottenstützpunkte des Deutschen Reiches in der Karibik. 1918 erklärte Haiti gezwungenermaßen Deutschland den Krieg, die Deutschen wurden daraufhin enteignet. Die Amerikaner bauten Straßen, Krankenhäuser und Telefonanlagen. Ein rassistischer Dünkel gegen Schwarze und Mulatten demütigte diese. Die Amerikaner verpflichteten Bauern zur Zwangsarbeit für den Straßenbau. Die Unterdrückung der „Caco“ -Rebellen forderte tausende Tote. Haiti ist gegenwärtig nach dem Erdbeben 2010 wieder bei 1915 angekommen, das heißt die USA bestimmen das Geschick der Insel.

Literatur:

Hans Christoph Buch, Die Scheidung von San Domingo. Wie die Negersklaven von Haiti Robespierre beim Wort nahmen, Berlin 1976 (Wagenbach Verlag)

www.uni-protokolle.de Geschichte Haitis

Wikipedia Geschichte Haitis

Unterwasserwelt Haiti. Voodoo, Zombies und Korallen

Ein Land ohne Chance. Die Geschichte Haitis, Tageszeitung vom 20.1.2010

Abgrundtiefe Unterschiede zwischen Herrschern und Beherrschten, FAZ vom 24.10.1994

Sklaverei, Diktatur, Armenhaus – eine Geschichte von Katastrophen, Berliner Morgenpost vom 19.1.2010

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Aspekte der Geschichte Armeniens

Erlasse von Talaat Pascha, dem türkischen Innenminister…Echtheit ist umstritten Fälschung wird unterstellt

Erlasse Talaats (türkischer Innenminister) betreffend Behandlung der deportierten Armenier Telegramme

1.) Nr. 502 An die Präfektur von Aleppo

Wir empfehlen Ihnen, sowohl Frauen als auch Kinder den Verordnungen zu unterwerfen, die Ihnen bereits für den männlichen Teil der bekannten Personen vorgeschrieben sind, und für die Aufgaben vertrauenswürdige Beamte zu bestimmen. 3. September 1915 Minister des Innern Talaat

2.)An die Präfektur von Aleppo

Das Recht der Armenier, auf dem Gebiet der Türkei zu leben und zu arbeiten, wird gänzlich abgeschafft. Die Regierung, die in dieser Beziehung jede Verantwortlichkeit übernimmt, hat befohlen, nicht einmal die Kinder in der Wiege zu lassen. In einigen Provinzen hat man die Ausführung dieses Befehls gesehen. Aus uns unbekannten Gründen macht man dort Ausnahmen mit Personen, die, anstatt an den Ort ihrer Verbannung geschickt zu werden, in Aleppo belassen werden, und stellt dadurch die Regierung vor neue Schwierigkeiten. Lassen Sie, ohne Gründe anzugeben, Frauen oder Kinder, wer sie auch immer sein mögen, sogar diejenigen, die nicht gehen können, von dort abziehen, und geben Sie der Bevölkerung keine Veranlassung, sie zu verteidigen. Die Bevölkerung setzt aus Unwissenheit ihre materiellen Interessen über ihre patriotischen Gefühle und ist nicht imstande, die hohe Politik, die, die Regierung damit verfolgt, zu würdigen. Im Hinblick darauf, dass die anderswo im direkt verübten Unterdrückungsverhandlungen – Härte, Marschbeschleunigung, Scherereien unterwegs – dort direkt sicher gestellt werden können, halten Sie unablässig ohne Zeitverlust darauf. Das Kriegsministerium hat alle Heereskommandos benachrichtigt, dass die Etappenkommandanten sich in die Verschickung der Deportierten nicht einmischen sollen. Benachrichtigen Sie die Beamten, die diese Angelegenheit übernehmen, dass sie ohne Furcht vor Verantwortlichkeit darauf hinwirken müssen, den wirklichen Zweck zu erreichen. Ich bitte, mir jede Woche die Ergebnisse Ihrer Tätigkeit in chiffrierten Berichten mitzuteilen. 9. September 1915 Minister des Innern Talaat

3.) Es ist bereits mitgeteilt worden, dass die Regierung auf Befehl des Djemiet beschlossen hat, alle Armenier, die in der Türkei wohnen, gänzlich auszurotten. Diejenigen, die sich diesem Befehl und diesem Bestbloß widersetzen, verlieren ihre Staatsangehörigkeit. Ohne Rücksicht auf Frauen, Kinder und Kranke, so tragisch die Mittel der Ausrottung auch sein mögen, ist, ohne auf die Gefühle des Gewissens zu hören, ihrem Dasein ein Ende zu machen 15. September 1915 Minister des Innern Talaat
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5.) Nr. 537 An die Präfektur von Aleppo

Wir erfahren, dass Leute aus dem Volke und Beamte sich mit armenischen Frauen verheiraten. Ich verbiete dies streng und empfehle dringend, dass die Frauen dieser Art nach ihrer Trennung in die Wüste verschickt werden. 29. September 1915 Minister des Innern Talaat

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7.) Nr. 603 An die Präfektur von Aleppo

Wir erfahren, dass die kleinen Kinder der bekannten Personen, die aus den Vilajets Sivas, Mamouret ul-Asis, Diarbekr und Erserum verschickt sind, als Waisen und weil ohne Unterstützung (infolge des Todes ihrer Eltern, von muselmanischen Familien adoptiert oder als Dienstboten angenommen wurden. Wir fordern Sie auf, alle solche Kinder zu recherchieren und sie an den Ort ihrer Verbannung zu schicken; außerdem die Bevölkerung darüber durch Ihnen geeignet erscheinende Mittel aufzuklären. 5. November 1915 Minister des Innern Talaat

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9.) Nr. 691 An die Präfektur von Aleppo

Rotten Sie mit geheimen Mitteln jeden Armenier der östlichen Provinzen aus, den Sie in Ihrem Gebiete finden sollten. 23. November 1915 Minister des Innern Talaat

10.) Chiffrierte Depesche des Ministers des Innern an die Präfektur von Aleppo Obgleich ein ganz besonderer Eifer für die Ausrottung der fraglichen Personen bewiesen werden sollte, erfahren wir, dass jene an verdächtige Orte, wie Syrien und Jerusalem, geschickt werden. Dergleichen Duldsamkeit ist ein unverzeihlicher Fehler. Der Ort der Verbannung derartiger Unruhestifter ist das Nichts. Ich empfehle Ihnen, danach zu handeln. 1. Dezember 1915 Minister des Innern Talaat
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12.) Nr. 745 Chiffrierte Depesche des Ministers des Innern an die Präfektur von Aleppo Wir erfahren, dass einige Berichterstatter armenischer Zeitungen, die sich in Ihrem Gebiete aufhalten, sich Photographien und Papiere verschafft haben, die tragische Vorgänge darstellen, und diese dem amerikanischen Konsul Ihres Platzes anvertraut haben. Lassen Sie gefährliche Personen dieser Art verhaften und beseitigen. 11. Dezember 1915 Minister des Innern Talaat

Zu den Behauptungen, die Erlasse seien gefälscht, kann gesagt werden, dass trotz offenkundiger Unstimmigkeiten bei den Daten, eine Ähnlichkeit der Dokumente des Aram Andonian mit Dokumenten bei den späteren Kriegsverbrecherprozessen gegen die Jungtürken nachgewiesen wurde.

Aus einem Gespräch des amerikanischen Botschafters Henry Morgenthau sen. mit dem Innenminister Talaat in dem Werk „Ambassador Morgenthaus’s Story“ heißt es: „Er (Talaat) teilte mir mit, das Komitee ‘Einheit und Fortschritt’ habe die Angelegenheit in allen ihren Einzelheiten sorgfältig untersucht. Die Art und Weise, wie vorgegangen würde, entspräche dem, was sie offiziell beschlossen hätten. Er sagte, ich sollte nicht glauben, über die Deportationen sei in Eile entschieden worden. Diese wären in Wirklichkeit das Ergebnis langer und gründlicher Beratung.“ Enver Pascha, damals Kriegsminister, meinte dazu: „Wir haben dieses Land völlig unter Kontrolle. Ich habe nicht die Absicht, Verantwortung auf Untergebene abzuschieben. Ich beabsichtige, die Verantwortung für ausnahmslos alles zu übernehmen, was geschah. Das Kabinett hat die Deportationen angeordnet, und ich bin überzeugt, dass unsere Maßnahme wegen der feindlichen Einstellung der Armenier gegen das Osmanische Reich hierbei vollkommen gerechtfertigt ist. Wir sind in der Türkei wirklich die Herrscher und kein Untergebener würde bei einer Sache dieser Bedeutung wagen, ohne unsere Befehle zu handeln.“i

Ismail Djanbolat,der Chef der Sicherheitspolizei im Innenministerium erklärte Ende Juni 1915 dem deutschen Generalkonsul Mordtmann, man habe beschlossen. „ die Ausweisungsregeln noch weiter auszudehnen“. Botschafter Wangenheim meinte dazu am 7. Juli 1915: „ … die Art, wie die Umsiedlung durchgeführt wird“ zeige, „dass die türkische Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten.“ii Aus einem Augenzeugenbericht der schwedischen Missionsschwester Alma Johanson aus der Stadt Musch von Anfang November 1914: „Bereits im November (1914) wussten wir, dass es ein Massaker geben würde. Der Mutesharif von Musch, ein sehr enger Freund Enver Paschas, erklärte recht offen, dass sie die Armenier bei der ersten sich bietenden Gelegenheit massakrieren und die ganze Nation auslöschen würden. Bevor die Russen anrückten, wollten sie zuerst die Armenier abschlachten und dann gegen die Russen kämpfen.Ungefähr Anfang April in Gegenwart von Major Lange und mehreren anderen hohen Beamten einschließlich des amerikanischen und deutschen Konsuls, erklärte Ekran Bey ziemlich offen die Absicht der Regierung, die armenische Nation auszulöschen. Alle diese Einzelheiten zeigen so klar wie nur etwas, dass das Massaker genau geplant war.“iii H. Marcher, eine dänische Missionsschwester in deutschen Diensten, hat am 16. März 1915 einen Bericht des deutschen Vizekonsuls Schwarz nach dessen Unterredung mit dem Vali von Harput über die Zukunft der Armenier in der Türkei gehört: „…. Der Vali hatte ihm nachdrücklich dargelegt, die Armenier in der Türkei müssten und würden ausgelöscht werden. Er sagte, sie hätten an Wohlstand und Zahl dermaßen zugenommen, dass sie eine Bedrohung für die türkische Rasse darstellten. Auslöschung sei das einzige Gegenmittel…“iv „Das Telegramm bedeutet: Warum warten Sie?“ Aus der Aussage des armenischen Bischofs Balakian vor einem Berliner Gericht im Prozess gegen den Mörder Talaat Paschas über Talaats Rolle bei den Deportationen: „ … Ich habe aber keinen Grund, an der Authentizität einer Depesche zu zweifeln, die von einem aktiven Vize -Gouverneur gezeigt wurde. Das Telegramm lautete ungefähr in diesem Sinne: ‘Telegraphieret uns gleich direkt, wieviel von den Armeniern schon tot sind und wieviel noch am Leben. Innenminister Talaat.’ Ich habe zuerst nicht verstanden, was das bedeutet. Es war für mich unmöglich, zu denken, dass ein ganzes Volk durch Massakers sollte vernichtet werden; das ist in der Geschichte noch niemals vorgekommen. – Herr Kelekian fragte Asaf Bey: Was bedeutet das, ich verstehe es nicht.

  • Sie sind ja so klug, erwiderte Asaf Bey, Sie sind ein Chefredakteur…Das Telegramm bedeutet:Warum warten Sie? Machen Sie Massaker!

…. Asaf Bey sagte: Arbeiten Sie tüchtig, arbeiten Sie ruhig, dass Sie binnen zwei Wochen in Konstantinopel sind. Ich bin nur noch 15 Tage hier, dann verlasse ich mein Amt. Ich war schon 1909 in Osmanie, damals kamen in Adana große Massakers vor. Man beschuldigte mich, die Armenier misshandelt zu haben, und nur mit großen Schwierigkeiten bin ich gerettet worden. Ich will nicht wieder an armenischen Massakers teilnehmen, weil die Zeit kommen wird, nach dem Kriege, dass alle verantwortlichen höheren Personen ins Ausland fliehen müssen. Und dann wird man uns für diese Massaker verantwortlich machen und uns vielleicht hängen lassen. Ein Geschworener: Welche Unterschrift war unter der Depesche? Zeuge: Die Unterschrift des Telegramms war ‘Talaat’, das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen.“v

Zur Schuldfrage

Innenminister Talaat Pascha stellt in seinen posthumen Memoiren folgende Behauptungen auf: “Russland hatte, in der Absicht unsere östlichen Provinzen zu übernehmen, die armenischen Bewohner bewaffnet und ausgerüstet sowie starke armenische Banditenverbände in der Gegend organisiert. Als wir in den Weltkrieg eintraten, begannen an der Kaukasusfront im Rücken der türkischen Armee deren Zerstörungsaktivitäten. Brücken wurden gesprengt, türkische Städte und Dörfer in Brand gesteckt, unschuldige Muslime ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht getötet. Sie verbreiteten in allen östlichen Provinzen Tod und Schrecken und bedrohten die rückwärtigen Verbindungen der türkischen Armee. Alle diese armenischen Banditen fanden bei den örtlichen Armeniern Unterstützung… Jede armenische Kirche diente, das wurde später entdeckt, als Munitionslager. Auf diese illoyale Weise töteten sie (die Armenier) mehr als 300.000 Mohammedaner und zerstörten die Kommunikationsverbindungen zwischen der türkischen Armee und ihren Basen…”

Lepsius stellt in seinem Buchvi folgende Zusammenfassung der türkischen Thesen vor: „Stellen wir die nackten Tatsachen fest, die in den 5 Communiqués der türkischen Regierung mit Anführung von Personen und Ortsnamen als Beweise für eine revolutionäre Erhebung des armenischen Volkes aufgeführt werden. Es sind die Folgenden: Garo Pasdermadschian, der in Tiflis zu Haus ist, begibt sich Ende August 1914, also vor dem Krieg von Erzerum nachdem Kaukasus und schließt sich bei Ausbruch des Krieges, angeblich einem armenischen Freikorps an. Das übrige, was ihm zugeschrieben wird , geht die russische Kriegsführung an. Zwei Armenier, Toros Oglu und Agob, bringen in Cilicien Züge zur Entgleisung. Kommandanten englischer und französischer Schiffe setzen sich mit Armeniern der Küstenorte in Verbindung Armenier von Zeitun haben den Behörden Widerstand geleistet. Die Führer der türkischen Oppositionspartei zettelten ein Komplott an, in das vier Hintschaken verwickelt waren- (Das Komplott wurde vor dem Kriege aufgedeckt.) Armenier von Wan, Schattach, Hawasur, Kewach und Timar um die Südosteecke des Wansees herum „erheben sich mit der Waffe in der Hand.“ 500 Armenier von Schabin-Karahissar besetzen den Burgfelsen. Dies sind die Tatsachen der Communiqués. Für die Beschuldigung einer geplanten armenischen Revolution  reichen diese Beweise nicht aus… Durch unsere obige Darstellung haben wir festgestellt, daß weder das Patriarchat noch die Daschnakzutiun sich irgendwelcher vaterlands-feindlicher Akte schuldig gemacht haben, noch auch daran gedacht haben, solche vorzubereiten.“

Anwachsender Türkismus von 1908 bis 1913

Die bekannteste Zeitschrift „Türk Yurdu“ fasste die wichtigsten Intentionen des Türkismus zusammen: Betonung der rassischen Identität von Tataren und Türken, Verherrlichung des Patriotismus und Wiederherstelung der turanischen Gemeinschaft in den Grenzen des 13. Jahr- hunderts.vii Talaat, damals Innenminister, ernannte die Beamten nach dem Kriterium von pantürkischen Überzeugungen. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges sagten nationalistische Journalisten den Fall des Russischen Reiches und den Aufstieg eines Panturanischen Reiches auf seinen Ruinen voraus. „In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hat über der Türkei ein Wind des Wahnsinns geweht … Sowie sich die türkischen Nationalisten dem Kampf für den Pantürkismus angeschlossen hatten, lenkten sie ihren Blick nach Transkaukasien, das nun als potentieller türkischer Lebensraum galt.“viii Auf den Punkt bringt es der pantürkische Nationalist Dr. Nazim kurz nach den Massakern von Kilikien von 1909: „Das Osmanische Reich muß ausschließlich türkisch sein. Die Existenz fremder Elemente bietet einen Vorwand für europäische Interventionen. Dies Elemente müssen mit Waffengewalt türkisiert werden.“ix

Geschichte Armeniens

Im 9. Jahrhundert vor Christus gründeten Stämme der Hurriter, die im Hochland um den Vanseen lebten, das Reich von Biainili, auch bekannt unter der Bezeichnung Urartu. Dieses wurde dasmVorgängerland  zum dem, was später Armenien bezeichnet wurde. Leistungen wurden vor allem erbracht in der Landwirtschaft (künstliche Bewässerung), in der Eisengewinnung und im Festungsbau, unter dem König Sarduri II. (765 bis 733 v. Christus) hatte das Land seine größte Ausdehnung. 585 vor Christus fiel Urartu den Medern zu. Die Armenier wurden 519 vor Christus unter dieser griechischen Bezeichnung erstmals erwähnt.  Sprachlich dominiert bei den Armeniern das indoeuropäische Element, es gibt aber auch einen Teilwortschatz aus dem Urartäischen. Im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus erfreuten sich die Armenier gegenüber Persien einer weitgehenden Autonomie. Auch Alexander der Große konnte sich nicht niederwerfen.1 Im 2. Jahrhundert vor Christus gab es zwei armenische Reiche – Großarmenien östlich des Euphrat und Kleinarmenien westlich davon. 95 vor Christus vereinigt Tigran der Große, ein Schwiegersohnmvon Mithritates, beide Teile und erobert Mesopotamien, Syrien, Palästina, Kilikien und Kappadokien. Esmdauerte aber nicht lange, dann eroberte der römische Feldherr Lukullus 69 vor Christus die von den Armeniern besetzten Gebiete. Große Gebietsverluste erlitten die Armenier 114 nach Christus.2 301 wurde unter König Trdat III. das Christentum zur Staatsreligion erhoben (fast ein Jahrhundert später im Römischen Reich 391 nach Christus). Überbringer des Christentums war der arsakidische Fürst Gregor Illuminator. Dieser empfing in Cäsarea die Priesterweihe undmsetzte mit brachialer Gewalt das Christentum durch. Heiden wurden verjagt, eingesperrt, gefoltert oder verbrannt. Die Stadt Etschmiadzin am Fuße des Ararat wurde von ihm erbaut. Hier entstandie erste christliche Kirche.3 Zwischen 350 und 367setzten sich die Armenier den Persern zur Wehr, die das Christentum niederringen wollten. Das armenische Königtum in West-Armenien konnte sich bis 389 halten. In Ostarmenien blieb die Dynastie der Arschakiden bis 428 an der Macht. Der Geschlechteradel wollte lieber unter fremder Herrschaft leben. Unter König Wramschapuh (389 bis 414) wurde eine neue Buchstabenschrift entwickelt. 405 stellte der frühere Hofsekretär  Mesrop Maschtoz (362 bis 440) eine neue Buchstabenschrift vor. Die Armenier waren wegen ihres Glaubens näher an Byzanz, 451 nach Christus erhoben sie sich gegen Persien unter der Führung von Vardan Mamikonian. Sechzigtausend Armenier standen zweihundertfünfzigtausend Persern gegenüber, die Niederlage bei Avarair war für Armenien damit besiegelt. In den Bergen führten die Armenier einen Guerillakrieg unter Führung des Neffen Vardans und ertrotzten eine Art Autonomie. Im selben Jahr blieben die Armenier dem Konzil von Chalzedon fern und vierzig Jahre später der monophysitischen Lehre treu. Damit entwickelten sie eigene Riten und Traditionen.

Im 7. Jahrhundert drangen die Araber vor und töteten viele Armenier, plünderten Städte und führten viele Überlebende in die Sklaverei ab. Die adligen Armenier flohen in die Berge und konnten ihren Glauben behalten. Sie waren allerdings steuerpflichtig. Die Nakharars, so wurden die adeligen Armenier auch genannt, konnten jedoch nicht selten gegeneinander ausgespielt werden und durch Araber ersetzt werden.4 859 ernannte das von Abbasiden regierte Bagdad den Bagraditen-Fürsten Aschot zum Gouverneur von Armenien. Byzanz einigte sich mit Bagdad darauf, die armenische Autonomie wieder herzustellen. Seit 885 regierten die Bagratiden sechzig Jahre lang in Freiheit und Wohlstand. Die Hauptstadt Ani wurde zum Herzen Armeniens. Sie wies 40 Tore angeblich und tausendundeine Kirche vor. Im 10. Jahrhundert gab es sieben im Bruderkampf sich befindende armenische Königreiche. Die Unabhängigkeit der Bagratiden endete 1045. Es gelang den Griechen, Armenien zu besetzen. 1048 fielen die Seldschuken in das Königreich Vaspurakan im Norden des Van-Sees ein. Die Hauptstadt Ani wurde 1064 zerstört, das Land unterworfen. 1071 unterwarfen die Seldschuken auch Byzanz in der Schlacht bei Manazkert. Die Seldschuken dehnten nach der Niederlage des Bagratiden-Reiches ihre Herrschaft bis zum Kaukasus aus. Im 13. Jahrhundert fielen die Mongolen in Armenien ein. 1236 verwüsteten sie die Stadt Ani.

In Kilikien entstand zwischen 1080 und 1095 unter Fürst Rupen die Baronie Neu-Armenien. Das Gebiet wurde von Bergfestungen im Taurus aus bis zum Mittelmeer ausgedehnt. Im Norden bildeten die Euphrat-Täler Verbindungswege mit Alt-Armenien. Bei den Kreuzfahrern trafen die Armenier auf Sympathie und umgekehrt. Byzanz verbündete sich mit den Türken gegen die nicht-orthodoxen Christen. Nach dem Dritten Kreuzzug wurde Neu-Armenien 1199 unter Leo II. Königreich. 1375 unterlag Neu-Armenien dem Ansturm der Mamelucken, Kilikien wurde bis in das 16. Jahrhundert osmanischer Besitz. Viele Armenier wanderten im 14. Jahrhundert aus. Aus Kilikien ging man nach Zypern, Rhodos, Griechenland, Smyrna, Konstantinopel und Ägypten.

1Vgl.: Yves Ternon, Tabu  Armenien. Geschichte eines Völkermords, Frankfurt am Main/ Berlin1977, S. 14

2Martin Bitschnau (Hrsg.); Armenien: Tabu und Trauma Band 1, Die Fakten im Überblick, Wien 2010, S. 18

3Ternon, a.a.O., S. 16

4Vgl. Ternon, a.a.O., S.18

i Jörg Berlin, Adrian Klenner, Völkermord oder Umsiedlung. Das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich. Darstellung und Dokumente, Köln 2006, S. 55f.

iiRolf Hosfeld, Operation Nemesis. Die Türkei, Deutschland und der Völkermord an den Armeniern, Köln 2009

(zweite Auflage), S. 201

iiiBerlin, Klenner, a.a.O., S. 284

ivEbd., S. 285

vEbd., S. 285 ff.

viJohannes Lepsius, Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei, Potsdam 1916,  S. 215 f.

viiYves Ternon, Tabu Armenien. Geschichte eines Völkermords, Frankfurt am Main, S. 126 f.

viiiEbd., S. 129

ixEbd., S. 136

Ägypten – Reader

Leserbrief zu: Todesurteile gegen Muslimbrüder bestätigt, in Main-Echo vom 23.6.2014 Das extreme Morden in Ägypten muss endlich aufhören. Todesurteile können in keiner Weise geeignet sein, einen Weg aus der Krise aufzuweisen. Zu viele Menschen sind schon gestorben als dass die neuen Machthaber nicht wenigstens einmal versuchen müssten, einen Weg der Aussöhnung zu begehen. Der prominente ägyptische Oppositionelle Alaa Abd al-Fattah wurde Anfang Juni zusammen mit 24 anderen Aktivisten zu jeweils 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Schnellgericht in der Polizeiakademie von Kairo habe den jungen Blogger und die Mitangeklagten wegen “Aufstachelung zur Gewalt” verurteilt, meinte sein Vater. Das Urteil dokumentiert, dass die Behörden unter dem neuen Präsidenten Abd Al-Fattah al-Sisi in Ägypten wieder diktatorische Verhältnisse schaffen wie zu Mubaraks Zeiten. Er kritisierte Ex-Präsident Mubarak, Muslimbruder Mursi oder General Al-Sisi: Der ägyptische Satiriker Bassem Youssef hat sich mit allen Mächtigen in Ägypten angelegt. Dem Druck weicht er nun aus: Jetzt zieht er sich aus Angst um seine Sicherheit aus dem Showgeschäft zurück.” Ich bin müde und fühle mich in meiner persönlichen Sicherheit bedroht”, meinte er zur Begründung. Auch das war Anfang Juni und zeigt, dass auch von dem neuen Machthaber Al-Sisi eine Demokratie mit garantierter Meinungs- und Kunstfreiheit nicht zu erwarten ist. Der Satiriker hatte sich zuvor über die “ach so spannende” Präsidentenwahl lustig gemacht. Damit hat er zwar recht, denn der Sieger stand schon vorher fest. Aber Ironie ertragen Diktatoren nicht. Mursi so wenig wie Al-Sisi.

C. Schauer, in: Main-Echo online vom 3.7.2014, Print-Ausgabe vom 7.7.2014

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Ägypten – Reader

Frühe Kämpfe zwischen Kopten und Muslimen

Nach der Eroberung Syriens durch die muslimischen Araber begannen diese 639 mit 9.000 Mann, Ägypten zu erobern. Nach ihrem Sieg bei Heliopolis über die Byzantiner wurde das ganze Land besetzt. Alexandria kapitulierte aber erst 642, nachdem den Kopten (ägyptischen Christen) unter dem Patriarchen von Alexandria die Religionsfreiheit zugesichert worden war. Die islamischen Herrscher waren nach ihrem Sieg im 7.Jahrhundert in Ägypten weniger an einem Religionswechsel als an den Abgaben der Kopten interessiert. Dies änderte sich mit Al Hakim bi Amrillah, dem sechsten Kalifen der Fatimiden-Dynastie. Im Jahr 1003 begann die Verfolgung der Kopten. Der Anlaß war eine baufällige koptische Kirche in Al Kahira. Die Bauarbeiten ärgerten die muslimischen Bewohner des Stadtviertels. Vom Kalifen bekamen die Muslime die Erlaubnis, die Kirche niederzureißen. Die Kopten wehrten sich, konnten sich aber nicht durchsetzen, es gab Tote und Verletzte. In den folgenden Jahren wurden Gesetze erlassen, die den Kopten das Leben erschwerten. Alle Kirchengüter wurden beschlagnahmt, Christen hatten schwarze Gürtel und schwarze Turbane zu tragen, sie durften nicht auf Pferden reiten, die Palmsonntag-Prozession wurde verboten. Der koptischen Beamtenschaft wurde von den Muslimen vorgeworfen, Muslime mit härteren Methoden zur Steuerzahlung zu zwingen als Kopten. Der Chef der Finanzverwaltung, ein Christ, wurde daraufhin auf Befehl des Kalifen hingerichtet. Eine frühe Talibanisierung fand unter diesem Kalifen statt. Das Leben der Menschen wurde auf das Jenseits abgerichtet. Der Gesang und das Musikspielen wurde verboten. Der Alkoholgenuß wurde streng bestraft. Schmuck war nicht erlaubt, der Hundebesitz verboten, Schachspiele mussten abgegeben werden und wurden im Kalifen-Palast verbrannt.

Napoleon in Ägypten

1798, als der spätere Kaiser der Franzosen noch der Revolutionsgeneral Bonaparte war, führte er ein Heer von 38000 Soldaten nach Ägypten. Sein Ziel war es, Englands Vormachtstellung im Nahen Osten zu brechen und Englands Handel mit seinen indischen Kolonien zu bedrohen. Denn die Engländer, die unangreifbar auf ihrer trotzigen Insel saßen, waren die ständigen Feinde der revolutionären Franzosen. Durch die Versenkung der französischen Flotte in der Schlacht von Abukir wurde der Seeweg blockiert und Napoleons Armee vom Nachschub abgeschnitten. Das Expeditionskorps zog daraufhin drei Jahre lang durch das Landesinnere und nach Syrien, bis es den Briten schließlich 1801 unterlag. Napoleon war bereits im August 1799 heimlich nach Frankreich zurückgekehrt. Bonaparte wußte damals über die Herkunft des Nilwassers: „Der Nil wird durch die Vereinigung des Blauen und des Weißen Flusses gebildet. Der erstere entspringt dem See Dembea. Unter dem 11. Breitengrad durchbricht er einen Bergkette und stürzt in Tälern dieser Berge über sechs Katarakte, deren Fallhöhe jeweils 10 bis 12 Meter beträgt. Unter dem 14. Breitengrad empfängt er den Fluß Dender, der Nubien von Abessinien trennt. Der Weiße Nil entspringt unter dem 8. Breitengrad, östlich vom Blauen Nil. Er durchbricht dieselbe Bergkette. Die Anzahl seiner Wasserfälle ist jedoch unbekannt. Die beiden Flüsse vereinigen sich unter dem 16. Breitengrad.“1

Die Moslembruderschaft

Die sunnitische Muslimbruderschaft ging 1928 aus einer kleinen Gruppe von Männern um den Grundschullehrer Hasan al-Banna (1906–1949) hervor, die sich als “Brüder im Dienste des Islam” verstanden. Ziel war die Verbreitung islamischer Moralvorstellungen und die Unterstützung wohltätiger Aktionen und sozialer Einrichtungen, aber auch die Befreiung des Landes von der fremden Okkupation sowie der Kampf gegen die britisch-westliche „Dekadenz“, die sich im Lande ihrer Meinung nach offenbarte. Die mitunter auch als “Mutterorganisation des politischen Islams” bezeichnete Muslimbruderschaft versucht, die Regierungen ihrer jeweiligen Heimatstaaten abzulösen und einen islamischen Gottesstaat auf der Grundlage der Scharia zu errichten. In den 1930er Jahren politisierte sich die Bruderschaft stärker und setzte sich für das Ziel der Rückkehr zum ursprünglichen Islam und der Errichtung einer islamischen Ordnung ein. Al-Banna wandte sich 1936 mit diesem Ziel in dem Traktat „Aufbruch zum Licht“ (nahwa an-nūr) an den ägyptischen König und andere arabische Staatsoberhäupter. Er trat auch für den bewaffneten, offensiven Dschihad gegen Nicht-Muslime und deren Helfer ein. 2 1938 initiierte die „Bruderschaft“ gewalttätige Proteste gegen Juden mit Parolen wie „Nieder mit den Juden“ und „Juden raus aus Ägypten“. 1938 erschien Al-Bannas Werk „Die Todesindustrie“, in welchem die Abwendung vom Leben radikalisiert und die Verherrlichung des Märtyrertums entfaltet wird: „Derjenigen Nation, welche die Industrie des Todes perfektioniert und die weiß, wie man edel stirbt, gibt Gott ein stolzes Leben auf dieser Welt und ewige Gunst in dem Leben, das noch kommt.“ Sie hatte 1941 schon ungefähr 60.000, 1948 ungefähr 500.000 Mitglieder und Hunderttausende Sympathisanten. Sie war streng hierarchisch organisiert. Ihr Anführer, Hassan el-Banna, bestand auf der unverzichtbaren Präsenz des Islam im politischen Leben. Die mächtige Organisation unternahm nichts gegen die Besatzungsmacht. Die Handlungsweise gegenüber der Nationalen Front war extrem. Eine Serie von Attentaten prägte ihr Tun. Die Mordanschläge auf Mustafa el-Nahas (am 6. Dezember 1945, am 25. April 1948 und im November 1948), die Ermordung von Amin Osman durch Hussein Taufik (am 5. Januar 1946), der Sprengstoffanschlag auf das Metro-Kino (am 6. Mai 1947), die Ermordung des Vizepräsidenten des Appelationsgerichtes von Kairo, Ahmed al-Chazindar (am 22. März 1948), die wiederholten Bombenanschläge auf jüdische Geschäfte und Wohnviertel (Cicurel und Oreco), das Warenhaus Ades im Juli 1948, Benzion, Gattegno, die Me’adi Company im August; doch vor allem im September die Anschläge auf das Harit el-Yahúd, das jüdische Viertel, (die 20 Tote und 61 Verletzte forderten), die Explosion in der Galal Street im November 1948 und die Lancierung eines mit Sprengstoff beladenen Jeeps, der am 5. November 1948 in Kairo entdeckt wurde.3 Am 4. Dezember 1948 wurde General Selim Zaki, Polizeichef von Kairo, in unmittelbarer Nähe der medizinischen Fakultät, in seinem gepanzerten Dienstfahrzeug ermordet. Das Ziel des Terrors war, die Regierung zu einer Aufhebung der politischen Freiheiten zu zwingen. Letzere sah sich ihrerseits gezwungen, die Muslimbrüderschaft zu zerschlagen. Die Behörden reagierten so ihrerseits mit verstärkter Verfolgung. Al-Banna wurde schließlich am 12. Februar 1949 in Kairo, wahrscheinlich im Auftrag des ägyptischen Königshauses, erschossen; der Attentäter wurde nicht gefasst.4

Der Brand Kairos am 26. Januar 1952

Am 25. Januar verschanzte sich die Provinzpolizei in Ismailia und führte ein 12-stündiges Gefecht gegen britische Panzer und Artillerie, die sie unter gezieltem Feuer hielten. Es folgte ein Massaker unter der Fellachenpolizei. Am folgenden Tag kam es zu einem Generalstreik. Studenten und Arbeiter zogen zum Zentrum von Kairo. Staaatsminister Fattah Hassan versprach einen Abbruch der Beziehungen zu Großbritannien und einen Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion. Kurz vor Mittag traten die Brandleger in Aktion. Sie trugen Listen bei sich, auf denen die Reihenfolge der anzuzündenden Häuser verzeichnet war. Wer waren dies Leute? Einerseits Militärs aus der alten Partei von Ahmed Hussein, die Grünhemden der Jungägypter. Dann die Fanatiker von „Schabab Mohammed“, die die „Rückkehr in die Wüste“ predigten. Nicht zuletzt Anhänger der Muslimbrüderschaft. Mittels einer Angstpsychose versuchten sie, eine antijüdische Stimmung zu erzeugen, die es bisher in Ägypten nicht gab. Die Organisation richtete ihre Zerstörungskampagne gegen die Bars und Unterhaltungszentren von Kairo und Alexandria. Sie schossen auf Liebespaare in dunklen Vorstadtstraßen und predigten religiösen Fanatismus. Um die Mittagszeit stand der Geschäftsbezirk, die moderne City im Herzen Kairos, in Flammen. Die Demonstranten starrten auf die Taten der Brandstifter, die sich mit Hunderten von jungen arbeitslosen Landstreichern aus dem Lumpenproletariat von Kairo verbündet hatten. Ahmed Hussein, Führer der Sozialistischen Partei, wurde angeklagt und später von Innenminister Nasser wieder freigelassen. Sieben Brandstifter wurden zu langjähriger Zwangsarbeit verurteilt und 1959 wieder freigesprochen.

Der Militärputsch von 1952

Die jungen Führungskräfte der Armee waren sämtlich von nationalistischen Ideen beeinflußt. Die meisten waren Wafdisten oder Mitglieder der Moslembruderschaft, eine Minderheit Marxisten. Einige waren Anhänger von Ahmed Hussein. Sie unterstützten General Aziz el-Masri. Er war Stabschef und wurde wegen seines Zusammenspiels mit der Achse 1942 von den Briten aus seiner Position entfernt. Am 23. Juli um drei Uhr morgens besetzte die führende Gruppe der Freien Offiziere das Generalhauptquartier der Armee in Abbassia. Das Oberkommando wurde verhaftet. Drei Tage später muße König Faruk abdanken und Ägypten für immer verlassen. „Die Hauptursache für die Revolution“, schrieb Nasser später in einem Buch „lag in der Notwendigkeit, unseren Lebensraum zu erweitern angesichts des Anwachsens der Bevölkerung, das sich im Laufe der letzten Jahre auf Millionen beläuft und den Produktionsmechanismus fast vollständig gelähmt hat, was für das Land die ernstesten Gefahren mit sich brachte …“

Das Landproblem

Der Gott Pharao war bis zum Ende des Alten Reiches mitsamt einer zentralistischen Bürokratie Herrscher über das Wassersystem – das Ausheben von Bewässerungskanälen und die Regulierung des Nilwasserstandes. Bewässerungs- und Drainagearbeiten beanspruchten einen großen Teil der Arbeitskraft. Es war nicht möglich, diese hydraulischen Aufgaben auf nur lokaler Ebene zu erledigen. Der Pharao war als Herr über Bewässerung und Arbeitsverteilung der alleinige Besitzer des ägyptischen Landes. Seine ausführenden Organe waren Minister, Gebietsverwalter und Priester. Unter Ramses II. im 13. Jahrhundert vor Christus bestand dann die dreifache Aufteilung des Landes unter dem König, den Priestern und den Kriegern. Privaten Landbesitz gab es während des Mittleren Reiches, danach wurde dieser wieder aufgehoben. Auch unter den Lagiden (Dynastie 322 bis 30 vor Christus) scheint der König im Besitz des überwiegenden Teils des ägyptischen Grund und Bodens gewesen zu sein. Auch die Eroberung Ägyptens durch die Araber brachte in der Struktur des Landbesitzes nicht viel Wandel. Die Institution der Wakf (im muslimischen Recht ein ständig der Nutznießung für religiöse oder wohltätige Zwecke zur Verfügung stehender Besitz) faßte Fuß in Ägypten bis 1954. Der Staat war alleiniger Besitzer des ägyptischen Bodens – Nutznießer waren jedoch nicht ausgeschlossen. Es gab drei Hauptformen: die erste bestand darin, daß das Land der Priesterschaft oder den religiösen Institutionen als Entschädigung für die gewährte Unterstützung zur Nutzung übergeben wurde. Später dann gab es die Landzuteilung an Militärführer, deren Unterstüzung sich das Königshaus sichern wollte.5 Zudem gab es noch die Form, in der reichen Bauern Grund und Boden gegen Übernahme von steuerlichen Verpflichtungen und Naturalienzahlungen übergeben wurde.

Ramses II.

Ramses II.

Nur zweimal, im Mittleren Reich und unter den Mameluken, gingern die nutznießenden Militärführer und die Geistlichkeit über die Beschränkungen hinaus und fingen an, ihr Land zu vererben oder es einer dritten Partei zu überlassen. Die zentrale Macht gewann nach kürzester Zeit wieder die Oberhand. Die Mehrheit der Bauern lernte bis ins 17. und 18. Jahrhundert nie einen eigenen Grundbesitz kennen. Friedrich Engels meinte zu Thema Privateigentum im Orient: „Woher kommt es, daß die Orientalen nicht zum Grundeigentum kommen, nicht einmal zum feudalen? Ich glaube, es liegt hauptsächlich am Klima, verbunden mit den Bodenverhältnissen, speziell mit den Wüstenstrichen… Die künstliche Bewässerung ist hier die erste Bedingung des Ackerbaus, und diese ist Sache entweder der Kommunen, Provinzen oder der Zentralregierung. Die Regierung im Orient hatte immer auch nur drei Departements: Finanzen (Plünderung des Inlands), Krieg (Plünderung des Inlands und des Auslands) und Travaux Publics, Sorge für die Reproduktion…“ Von der Zeit der Pharaonen bis heute bildete Ägypten eine einzige geschlossene nationale Einheit. Die Multazimin, die oberen Steuereinnehmer, mußten sich für ihren Posten jedes Jahr durch die Erlegung des Gesamtsteueraufkommens aus ihrem genau abgegrenzten Gebiet entlasten. Sie hatten daher diese Summe mit allen verfügbaren Mitteln aufzubringen und taten das, indem sie den Bauern große Belastungen auferlegten. Das System des Grundbesitzes vor Mohammed Ali entspricht einem „orientalischen Feudalismus“, dessen Grundlagen im Gegensatz zu denen des europäischen Feudalismus im Fehlen privaten Landeigentums und  dem Zentralismus der Staatsmacht auf dem Gebiet der Landwirtschaft bestanden. Es gibt auch Punkte der Ähnlichkeit mit dem europäischen Feudalismus: das Tributsystem und das einer natürlichen Ökonomie auf dem Lande. Bonapartes französische Expedition von 1798 bis 1801 und Mohammed Ali haben den orientalischen Feudalismus stark erschüttert. In dem Gesetz vom 16. September 1789 wurden Bodenpreise festgesetzt, den Bauern ein Erbrecht zuerkannt und die Registrierung des Grundbesitzes geregelt. Unter der Herrschaft Muhammad Alis wurde mit der Privatisierung des sich bis dahin nominell allein im Besitz des Staates befindlichen Landes begonnen und das alte System der Steuerpacht (Iltizam) zugunsten einer direkten Besteuerung von Grund und Boden, durchgesetzt durch bezahlte Angestellte des Staates, ersetzt. Zwei Millionen Feddan6 – das entsprach der bebauten Gesamtfläche- wurden wie folgt aufgeteilt. Es gab von der Katastrierung ausgenommenes Land und Landgüter- von Mohammed Ali Mitgliedern seiner Familie und seines Hofes, Militärführern und hohen Beamten übertragen, insgesamt 200.000 Feddan, die steuerfrei bleiben; 100.000 Feddan, die den früheren Multazimin als Entschädigung übereignet wurden; das Land für die Dorfscheichs, insgesamt 154.000 Feddan; steuerfreies Land, das ausländische Beamte erhielten, insgesamt 6.000 Feddan; Land, das an die Dörfer grenzte und den Beduinen überlassen wurde. 1952 besaßen 94,3 Prozent kleine Besitzer mit weniger als 5 Feddan 35,4 Prozent des Landes, 5,2 Prozent mittlere Besitzer mit 5 bis 50 Feddan 30,4 Prozent des Landes und 0,5 Großgrundbesitzer mit mehr als 50 Feddan 34,2 Prozent des Landes. Innerhalb der ersten Gruppe, die weniger als 5 Feddan besaßen, gab es zwei Untergruppen: die der Bauern, die weniger als 2 Feddan besaßen und nicht in der Lage waren, ihren Lebensunterhalt zu sichern und die Kleingrundbesitzer (2 bis 5 Feddan), die ihre Lebensbedürfnisse befriedigen konnten. Auf die erste Gruppe entfielen 2.308901 Bauern. 84 Prozent der Grundbesitzer verfügten über 21 Prozent des Landes. Andererseits verfügten 0,01 Prozent der Grundbesitzer über 10 Prozent des Landes. Die „Landaristokratie“ oder auch die Feudalisten zerfiel in zwei Gruppen.Die erste Gruppe setzte sich aus Magnaten zusammen, die ihren Besitz gewinnbringend an dritte Parteien , sogenannte Compradores verpachteten. Vor 1952 vollzog sich eine solche Verpachtung auf zwei Arten: entweder an eine Person, die ihrerseits Kleinparzellen von 1 bis 5 Feddan an bearbeitende Kleinbesitzer verpachtete.7 Das Interesse an Verpachtungen nahm nach dem Zweiten Weltkrieg stark zu und stieg von einem Anteil von 1,73 Prozent des Landes im Jahre 1939 auf 60,7 Prozent im Jahre 1949 und auf 75 Prozent 1952. Die Fellachen hatten auch unter einer Vielzahl von Steuern und Abgaben zu leiden sowie einem Anstieg des Pachtpreises parallel zum Anstieg des Baumwollpreises. Den Kern dieser Gruppe bildete der König Faruk mit der königlichen Familie mit einem Gesamtbesitz von 159.000 Feddan und einem jährlichen Ertrag von 750.000 ägyptischen Pfund. Die zweite Gruppe waren die reichen Landwirte, die Minderheit der Großgrundbesitzer, die ihr Land selber bebauten, entweder zur Produktion von Rohmaterialien für die Veredelungsindustrien, überwiegend Baumwolle, oder von Konsumgütern für den einheimischen wie den Weltmarkt. Beide Gruppen verstärkten ihren Einfluß in der Wafd-Partei, der sie eine konservative Prägung gaben, im besonderen unter der Einwirkung von Fuag Serag Eddin. Die mittleren Landbesitzer (5 bis 50) Feddan bebauten ihr Land mithilfe einer kleinen Anzahl von Landarbeitern. Eine Gruppe (20 bis 50 Feddan) waren gut situierte Besitzer, die zu Großgrundbesitzern aufsteigen wollte – sie lehnte sich an die Muslimbruderschaft an. Eine andere Gruppe (5 bis 20 Feddan) hatte es mit einer sich verschlechternden Lage zu tun. Sie fand ihren politischen Ausdruck in der Wafd-Partei. Unterhalb diese Klasse gab es das agrarische Kleinbürgertum, das sich aus Grundbesitzern zwischen 1 und 5 Feddan zusammensetzte. Das Leben dieser Menschen war vom Marktpreis für landwirtschaftiche Produkte abhängig, der auch an weiterverpachteten Parzellen hing. Der linke Flügel der Wafd-Partei hatte bei dieser Gruppe viele Anhänger, auch die Kommunisten. Auch die extrem Rechte unter Achmed Hussein fand hier Anhänger. Der größte Teil der ägyptischen Fellachen besaß überhaupt kein Land. Die Schätzungen schwanken zwischen 8 Millionen und 14 Millionen Personen.1947 überstieg ihre Zahl die von der Landwirtschaft benötigten Arbeitskräfte um 47 Prozent. Sie mußten mit 8 bis 15 Piastern am Tag auskommen. Nach dem Umzug in die Städte drangen Sätze wie „Das Land für die, die es bebauen!“ an die Öffentlichkeit. Die Fellachen drohten sich zu erheben.

Rolle der Banken

Die unter Ismail eingeführte Monokultur von Baumwolle regte die Schaffung eines ganzen Banken- und Hypothekensystems an, durch das sich aus der Arbeit der ägyptischen Bauern eine reiche jährliche Ernte erzielen ließ. Die Ägyptische Bodenkreditbank wurde 1880 mit französischem Kapital gegründet, 1905 folgte die von den Engländern die Land Bank of Egypt. In der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts übten diese Finanz- und Bankengruppen auf den ägyptischen Grundbesitz einen großen Druck aus. Der Wert des kultivierten Landes betrug 120 Millionen ägyptische Pfund, die Hypotheken beliefen sich auf 60 Millionen ägyptische Pfund. Ein beträchtlicher Anteil des ägyptischen Bodens war somit unter dem Einfluß der Kreditbanken.

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Politischer Staatsstreich von 1952

1948/49 engagierte sich Ägypten gemeinsam mit anderen arabischen Armeen im ersten Nahostkrieg gegen den neuen Staat Israel. Die dort erlittene Niederlage schwächte Faruks Autorität. 1952 zwang ihn die Organisation Freie Offiziere zur Abdankung, im folgenden Jahr erklärte ein Revolutionsrat Ägypten zur Republik. 1954 übernahm der Führer der Freien Offiziere, Oberst Gamal Abdel Nasser das Präsidentenamt und errichtete ein diktatorisches Regime. 1954 entging Staatspräsident Gamal Nasser (1918-1970) einem Attentat, für das die Regierung die Muslimbruderschaft verantwortlich machte.  Die Muslimbruderschaft wurde daraufhin verboten und zahlreiche Anhänger u.a. auch Sayyit Qutb verhaftet.

Die Bauernfrage

Zwischen 1949 und 1951 nahmen die Bauernaufstände auf den großen Besitzungen enorm zu. Bewaffnete Bauern griffen Wachen und Polizeikasernen an und erhoben Anspruch auf das von ihnen bearbeitete Land.8 Von den Ereignissen blieben auch die königlichen Ländereien nicht verschont.

Streik von Kafr el-Dawwar

In dem Ort, in dem die angloägyptischen Fabriken der Beyda Dyers Company lagen, beschloß die Gewerkschaft den Streik. Die Führer Mustafa Chamis und Mohammed Hassan el-Bakari sprachen am 13. August 1952 von einer neuen Ära. Am gleichen Tag wurde die Fabrik von der Armee eingeschlossen. Die beiden Arbeiterführer wurden von einem Militärtribunal zum Tode verurteilt und gehängt.

Die Agrarreform von 1952

Die oberste Grenze des Landbesitzes wurde auf 200 Feddan festgelegt. Praktisch jedoch besaß die Mehrheit der Besitzer 300 Feddan (mit Familienzuschlag) Für die Bearbeitung von Brach- und Ödland wurden Ausnahmen zugelassen Jeder von den Auswirkungen des Gesetzes betroffene Eigentümer erhielt Regierungsobligationen für das ihm enteignete Land Das enteignete Land sollte vom Staat innerhalb von fünf Jahren an die Bauern verteilt werden. Die oberste Grenze bei dem Verkauf an Bauern war auf  fünf Feddan festgelegt. Die Ableistung ihrer Schulden für das ihnen vom Staat zugeteilte Land sollten die Bauern über einen Zeitraum von 30 Jahren zu einem Zinssatz von drei Prozent pro Jahr vornehmen Für die Beziehungen von Besitzern und Pächtern galt: Der Pachtwert des Feddan sollte das Siebenfache der Grundsteuer betragen oder der Hälfte des Wertes der Ernte entsprechen. Ein Komitee sollte mit der jährlichen Festlegung der Löhne für die Landarbeiter in den verschiedenen Gebieten betraut werden Agrargenossenschaften sollten für die kleinen Grundbesitzer (bis zu fünf Feddan) eingerichtet werden. Aufgabe war die Beschaffung von Landwirtschaftskrediten sowie die Organisation von Futter- und Düngemitteln und Saatgut. Es war den Landarbeitern gestattet, eigene Vereinigungen zum Schutz ihrer Interessen zu bilden 9 1962 wurde mitgeteilt, daß damals 10 Prozent des kultivierten Landes an zwei Millionen Bauern verteilt wurden. Hierzu meinte ein Kritiker: „Die Agrarreform war eine politische Geste der Sympathie; sie fand den größten Beifall, doch man muß zugeben, daß ihr praktischer Effekt bedeutungslos war.“10

Die Entschädigung der Großgrundbesitzer war großzügig, die Mehrheit hatte den Preis ihres Bodens in 14 Jahren amortisiert. Die kleinen Grundbesitzer mußten nicht selten mehr Abgaben zahlen als sie Einkommen erzielten. Es entstand eine Landwirtschaft von Pächtern, zusätzlich stieg der Anteil von Lohnarbeitern auf dem Land. Bis 1958 existierte eine Föderation von Lohnarbeitergewerkschaften, doch ihr Einfluß war gering.

Agrargenossenschaften – Gegen Ende 1956 bestanden 272 Genossenschaften, gegründet nach dem Gesetz von 1952- ein Jahr später gab es 400 Genossenschaften, in denen 200.000 Bauern mit 500.000 Feddan organisiert waren. Die genossenschaftliche Zusammenarbeit war eine Zusammenarbeit auf Kreditbasis zur Kommerzialisierung.

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Nassers politische Ideologie

Zu Beginn seiner Herrschaft vertrat Nasser vor allem die Idee des ägyptischen Nationalismus. Auch vertrat er eine eher konziliantere Haltung gegenüber dem Staat Israel, den er als eine gelungene Befreiung von kolonialer Herrschaft betrachtete. Nach seiner Machtübernahme verschrieb er sich immer mehr dem Panarabismus. Eine Begründung für seinen Sinneswandel gab Nasser selbst 1953 gegenüber einem engen Freund : “Früher habe ich weder an die Araber noch an den Arabismus geglaubt. Jedesmal wenn du oder jemand anderer mit mir über die Araber geredet hatten, habe ich darüber gelacht. Aber dann habe ich das ganze Potential der arabischen Staaten erkannt! Dadurch habe ich meine Meinung geändert.” 1954 publizierte er das programmatische Buch Die Philosophie der Revolution, welches vom Chefredakteur der Zeitung Heikal geschrieben wurde. Darin wurde die Führung Ägyptens innerhalb der arabischen Welt, Afrikas und der islamischen Welt als Ziel propagiert. Nassers “Drei-Kreise-Theorie” begründete eine Führungsrolle Ägyptens sowohl in der arabischen als auch in der afrikanischen bzw. der islamischen Welt. Infolge seiner Wandlung zum arabischen Nationalisten vertrat Nasser auch eine aggressivere Haltung gegenüber Israel, dessen Existenzrecht er ablehnte. Dies unterstrich Nasser durch seine martialische Rhetorik. Nasser nutzte die Medien, um seine Ideologie in Afrika und vor allem der arabischen Welt zu verbreiten. Dazu benutzte er auch islamische Untertöne. Häufig wurden Falschmeldungen über diese Radiostationen verbreitet. Die Hinwendung zum Panarabismus half Nasser auch dabei, seinen politischen Gegnern – Nagib und der Muslimbruderschaft- ideologisch etwas entgegenzusetzen.

nasser-1968

Gamal Abdel Nasser 1968

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In die Nasserzeit fielen die guten Beziehungen von Teilen des Militärs zum deutschenNationalsozialismus. Im Main-Echo vom 16.2.2009 sind sie von mir zusammengefasst.

Ägypten – beliebter Zufluchtsort für Nazis

Nicht verwunderlich ist das Faktum, dass der NS-Verbrecher Aribert Heim in Ägypten untergetaucht ist, war dieses Land doch neben Argentinien ein bevorzugter Exilort für Nationalsozialisten, denen in Deutschland ein Prozess drohte. Es fanden dort Unterschlupf: Johannes von Leers, Hauptschriftleiter der nationalsozialistischen Zeitung Wille und Weg.  Der Ex-Goebbels-Mitarbeiter wurde politischer Berater des Informationsbüros der ägyptischen Regierung. Von ihm ist die Aussage überliefert: “Wenn es überhaupt eine Hoffnung gibt, die Welt von jüdischer Tyrannei zu befreien, dann mit Hilfe der Moslems, die sich unerschütterlich Zionismus, Kolonialismus und Imperialismus widersetzen.” SS-Standartenführer Leopold Gleim organisierte in Ägypten die Geheimpolizei und war für die Juden Ägyptens zuständig. SS-Obersturmbannführer Bernhard Bender war unter der Leitung Gleims für die politische Abteilung der ägyptischen Geheimpolizei zuständig. SS-Sturmbannführer Joachim Däumling wurde zum Berater im ägyptischen Innenministerium. SS-Sturmführer Wilhelm Boekler arbeitete in der Abteilung Israel im ägyptischen Geheimdienst. SA-Gruppenführer Heinrich Stellmann wurde Berater der Gegenspionage. Louis Heiden vom Reichssicherheitshauptamt  übersetzte Hitlers “Mein Kampf” ins Arabische. Bevorzugt war dieses Buch bei ägyptischen Offizieren verbreitet. Der nationalsozialistische Journalist Franz Bünsche setzte seine Tätigkeit in Ägypten fort. Hans Appler war für den Islamischen Kongress tätig. Selbst wenn Zweifel am Tod Aribert Heims aufkommen, passt sein Aufenthaltsort doch in die Logik der Nachkriegszeit.

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Nicht ganz unsymptomatisch äußerte sich Präsident Nasser in der Nationalzeitung zum Thema Holocaust folgendermaßen: Präsident Gamal Abdel Nasser im Mai 1964 in der „Deutschen Nationalzeitung: „Die Lüge von den sechs Millionen ermordeten Juden wird von niemandem ernst genommen.“ Schon frühzeitig zeigte Nassers Entwicklung in diese Richtung: „In October 1933, the same year Hitler came to power, al-Husseini played a role in the creation of Young Egypt, also known as the Green Shirts, which was headed by Ahmed Hussein and which included among its members a young Gamel Abdel Nasser, a protégé of Al Husseini and later president of Egypt. The Green shirts adopted as their motto the Nazi-style slogan ‘One Folk, One Party, One Leader.’“ 11 Etwa 10 Jahre vorher hatte sich sein Nachfolger Sadat folgendermaßen geäußert. Sadat: „Mein lieber Hitler! Ich gratuliere Ihnen vom Grunde meines Herzens. Auch wenn es so aussieht, als seien Sie geschlagen, in Wirklichkeit sind Sie der Sieger. […] Deutschland wird wiedergeboren werden trotz der westlichen und östlichen Mächte. Es wird keinen Frieden geben, bis Deutschland wieder das wird, was es war.“ – Anwar as Sadat, späterer Präsident von Ägypten, 18. Sep. 1953 (in: „Al Musawar, 18.09.1953)

Schon Anfang 1942 zur Zeit des Vormarsches des deutschen Afrika-Corps riefen ägyptische Studenten der Al Azhar Universität „Vorwärts Rommel“. Zur „Verteidigung“ Ägyptens hatten die Engländer vorgesehen, die Nildämme zu öffnen und das Ackerland zu überfluten, um das Delta für Panzer unpassierbar zu machen.Diese Maßnahmen hätten Rommels Panzer möglicherweise zum Stehen gebracht. „Das ägyptische Kabinett übergab dem Gouverneur von Alexandria einen offiziellen Brief mit dem Befehl, sich zu Rommel zu begeben und ihm die Schlüssel der Stadt auszuliefern, falls er gegen Alexandria vorrücken sollte, damit es weder zu Kämpfen noch zu einer Überflutung käme.“12

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Verstaatlichung des Suezkanals

1956 verstaatlichte Nasser den Suezkanal, was zum Konflikt mit Großbritannien, Frankreich und Israel führte. Sadat erinnert sich daran folgendermaßen: „Ich saß im Bett und hörte der Radioübertragung zu … In der Mitte begann er jedoch über Ferdinand de Lesseps (den Erbauer des Suezkanals) zu sprechen. Nun begriff ich, was er beabsichtigte, und hörte tatsächlich wenige Minuten später, daß ich recht hatte: Nasser verkündete die Verstaatlichung des Suezkanals … Ägypten, ein kleines Land, war endlich imstande, laut und klar die größte Macht der Welt herauszufordern. Es war ein Wendepunkt in der Geschichte unserer Revolution und der gesamten Geschichte Ägyptens.“13 Der Entschluß zur Verstaatlichung des Suezkanals habe gewaltige Folgen gehabt, Nasser sei zu einem mythischen Helden geworden. „Der damalige Premierminister Anthony Eden erhielt die Nachricht von der Verstaatlichung des Suezkanals bei einem Abendessen, das er zu Ehren König Faisals vom Irak und des irakischen Ministerpräsidenten Nuri-el-Said gab.“14 Der Coup Nassers erboste die Engländer. Eden konnte die Haltung Nassers nicht begreifen. Zusammen mit Guy Mollet und David Ben Gurion beschlossen sie, die Waffen sprechen zu lassen. Am 29. Oktober 1956 griff Israel auf dem Sinai an, eine UNO – Vermittlungsversuch scheiterte. Nasser beobachtete von seinem Haus aus, wie englische und französische Luftstreitkräfte den nahe gelegenen Flughafen bombardierten. Die gesamte Luftwaffe der Ägypter wurde vernichtet. In der Folge knüpfte Ägypten engere Beziehungen zur UdSSR. 1958 hatten Ägypten und Syrien eine Vereinigte Arabische Republik ausgerufen, aber der Traum arabischer Einheit zerbrach, als Syrien nach einem Staatsstreich aus der Union ausstieg. Außerdem verwickelte sich der Präsident gegen den Rat seines Botschafters 1962 in eine teure Militäraktion gegen den Jemen. Nasser erwartete einen schnellen Sieg gegen die pro-Saudischen Kräfte. Aber nach drei Jahren war das Truppenkontingent von 5.000 auf 55.000 Soldaten angestiegen und Nassers Ansehen in der arabischen Welt hatte stark abgenommen. 1967 sperrte Ägypten den Golf von Aqaba für israelische Schiffe und erzwang den Abzug der Uno-Truppen, die seit 1957 die ägyptisch-israelische Waffenstillstandslinie abschirmten. Daraufhin kam es zum “Sechstagekrieg”, in dem Ägypten die Sinai-Halbinsel verlor.

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Nachfolger Nassers

Nach dem Tod Nassers 1970 wurde sein Stellvertreter Anwar As Sadat Staatspräsident. Im Jom-Kippur-Krieg 1973 griff Ägypten gemeinsam mit Syrien 1973 Israel an. Zwar konnte die ägyptische Armee einen Teilerfolg erringen, doch musste Sadat erkennen, dass der Konflikt nicht militärisch, sondern nur auf politischem Weg zu lösen war. Die ägyptische Geschichtsschreibung erwähnte die israelische Überquerung des Suezkanals 1973 in Richtung Westen nur am Rande. Die Dritte Ägyptische Armee wurde am Suekanal eingeschlossen.15

Beziehungen zu Israel

1977 entschloss Sadat sich zu einem spektakulären Schritt: Er reiste nach Jerusalem, und Ägypten erklärte sich als erstes arabisches Land bereit, Israel völkerrechtlich anzuerkennen. Nach langwierigen Verhandlungen unter Vermittlung der USA wurde 1979 der ägyptisch-israelische Friedensvertrag unterzeichnet,  der die vollständige Räumung des Sinai durch Israel vorsah. Die Annäherung an Israel und den Westen isolierte Ägypten in der arabischen Welt, die ägyptische Mitgliedschaft in der Arabischen Liga wurde bis 1989 suspendiert. 1981 fiel Sadat einem Attentat zum Opfer. Neuer Präsident wurde der bisherige Vizepräsident Hosni Mubarak. Er setzte die Politik der Zusammenarbeit mit dem Westen fort, konnte jedoch auch die Isolierung Ägyptens innerhalb des arabischen Lagers überwinden. Innenpolitisch trugen die großen sozialen Probleme zu einer Stärkung des militanten islamischen Fundamentalismus bei. 16

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1Gerhard Konzelmann, Der Nil- Heiliger Strom unter Sonnenbarke. Kreuz und Halbmond, München 1985, S.169

2Vgl. Wikipedia Artikel Muslimbruderschaft

3Vgl: Anouar Abdel-Malik, Ägypten: Militärgesellschaft. Das Armeeregime, die Linke und der soziale Wandel unter

Nasser, Frankfurt am Main 1971, S. 71 f.

4Vgl. Wikipedia Artikel Muslimbruderschaft

5Abdel-Malek, a.a.O., S. 97

6`Feddan` ist ein arabisches Flächenmaß, das vornehmlich in Ägypten und dem Sudan gebräuchlich ist.

1 `Feddan` = 24 `Kirat` = 300 `Kassabas` = 4201 mò (0,42 ha).

7Vgl Abdel-Malek, a.a.O, S. 103

8Abdel-Malek, a.a.O.. S. 114

9Abdel-Malek, a.a.O. S. 117 f.

10Abdel-Malek, ebd. S.118

11Chuck Morse, The Nazi connection to Islamic terrorism. Adolf Hitler and Haj Amin Al-Husseini,

Washington D.C. 2010, S. 45 f.

12Der Spiegel vom 25.10.1971 „Die deutschen Waffen töten uns“

13Anwar El Sadat, Unterwegs zur Gerechtigkeit. Die Geschichte meines Lebens, München 1981 (2. Auflage), S. 171 f.

14Ebd., S. 173

15Gerhard Konzelmann, Der Nil- Heiliger Strom unter Sonnenbarke. Kreuz und Halbmond, München 1985, S. 59

16Vgl. Spiegel Lexikon Ägypten

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Politische Probleme zur Zeit Mubaraks

Das Wirtschaftswachstum, das zuvor etwa 3 Prozent ausmachte und gerade mit dem Wachstum der Bevölkerung Schritt hielt, erreichte in den Jahren 2006 bis 2008 einen durchschnittlichen Wert von 7,1 Prozent. Die Regierung hatte mindestens 7 Prozent vorgegeben, um die Arbeitslosigkeit abzubauen und die Armut zu bekämpfen. Dank der Wachstumsraten, die relativ hoch sind, sank der Anteil der Ägypter, die unter der Armutsgrenze von 2 Dollar am Tag leben, knapp. Seit 2008 verlangsamte sich das Wachstum auf 5 Prozent. Die Zahl der völlig Armen stieg wieder an. 2011 betrug das Wirtschaftswachstum etwa 5,5 Prozent. Die Bevölkerung von etwa 82 Millionen ist sehr jung. Jedes Jahr strömen aus den Schulen und Universitäten 750 000 Absolventen auf den Arbeitsmarkt. Von ihnen finden die meisten keine Arbeit oder landen in der Schattenwirtschaft. Sie sind der Rebellion geneigt. Der Internationale Währungsfonds hat immer wieder einen Abbau der staatlichen Subventionen etwa für Lebensmittel gefordert, um das Haushaltsdefizit von 7 bis 8 Prozent am Bruttoinlandsprodukt zu senken. Dem widersetzte sich Mubarak aber in der richtigen Analyse der verheerenden Wirkung. Nicht gelungen ist es in dieser Zeit der Regierung Nazif, mit dem stärkeren Wachstum die Ungleichheit der Vermögen und Einkommen abzubauen. Im Gegenteil, die Schere öffnete sich weiter, und der opulente Lebensstil der Oberschicht wurde immer sichtbarer und von vielen einfachen Ägyptern als empörend empfunden.1 Im November 2012 verkündete der IWF neue geplante Sparmaßnahmen. Die Kürzung von Subventionen für Kraftstoff  oder Brot, auf die eine Vielzahl von armen Ägyptern angewiesen sind, wird wahrscheinlich von der Mehrheit der Bevölkerung nicht hingenommen werden. Zudem verlangte der IWF, dass Ägypten sein “großes Haushaltsdefizit” von elf Prozent des Bruttoinlandsproduktes im abgelaufenen Haushaltsjahr bis Ende des Jahres 2014 auf 8,5 Prozent reduziert.2

Mursi Präsident bis zum 3. Juli 2013

Präsident Ägyptens bis zum 3. Juli 2013 war Mohammed Mursi, der 1951 in Al-Adwah geboren wurde. Als Mitglied der Führungsriege der Muslimbruderschaft beteiligte sich Mursi in der Regierungszeit Mubaraks an regierungskritischen Demonstrationen und wurde dabei mehrfach verhaftet, zuletzt 2011. Nach dem Sturz Mubaraks gründeten die Muslimbrüder die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei und wählten Mursi am 30. April 2011 zum ersten Parteivorsitzenden dieser neuen Partei. Für seine Partei trat er bei der Präsidentschaftswahl 2012 an. Ursprünglich sollte Mursi Parteivorsitzender bleiben, doch die ursprünglich vorgesehene Kandidatur El-Schaters wurde von der Wahlkommission nicht zugelassen. Im ersten Wahlgang erhielt Mursi mit fast 25 % die meisten Stimmen und trat Mitte Juni in einer Stichwahl gegen den unabhängigen Kandidaten Ahmad Schafiq an, gegen den er mit 51,7 % der gültigen Stimmen gewann. Am 30. Juni 2012 trat Mursi sein Amt an.3 Dass es einen Hardliner Mohammed Mursi gibt, einen Mann voller Hass auf das “zionistische Gebilde”, wie Islamisten und arabische Nationalisten den jüdischen Staat nennen, das wurde westlichen Diplomaten und Politikern Mitte des Monats Januar 2013 bewusst. Ein Video aus dem Jahre 2010, veröffentlicht vom Mediendienst Memri, zeigt einen eifernden Islamisten, der sich in einem Interview mit einem arabischen Sender über die Israelis auslässt. “Blutsauger” seien die, “Kriegstreiber”, sagte Mursi ziemlich fanatisch, mit den “Nachkommen von Affen und Schweinen” (diese Formulierung findet sich auch im Hamas-Programm) könne man keinen Frieden schließen. Mursi gibt sich moderat als Präsident aller Ägypter. Die jetzige ideologische Richtung der Muslimbrüder wird von manchem Beobachter als eine Art CDU der 50er Jahre angesehen. Die Kunstfreiheit ist gegenwärtig jedoch in Gefahr. Ende März dieses Jahres drohte dem ägyptischen Komiker Bassem Youssef Gefängnis, weil er sich über Präsident Mursi und islamistische Prediger lustig gemacht hat. Seinen Termin beim Staatsanwalt machte der Satiriker zu einer Art Happening. Für Regierungskritiker ist die Lage in Ägypten gegenwärtig schwierig.

1FAZ vom 4.2.2011

2Vgl. World socialiste web site, 15.1.2013

3Vgl. Wikipedia Mohammed Mursi

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Kommentar zur neuesten Entwicklung im Main-Echo geschrieben am 20. Juli 2013

Man kann gespannt sein, ob die Militärs in Ägypten für eine demokratische Entwicklung sorgen können, für die sie in der Vergangenheit nicht standen. Mursi, der abgesetzte Präsident, war kein Demokrat, sondern instrumentalisierte die Demokratie für eine zunehmende Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft. Am 21. November 2012 hat Mursi ein Dekret erlassen, mit dem er seine Entscheidungen über das Recht stellte und sich selbst unangreifbar durch das Rechtssystem machen wollte. Damit hat er sich als eine Art Diktator etabliert. Er hat zudem 3400 Protestierer festnehmen lassen, die schlimmste Folter haben ertragen müssen, schlimmer als die Folter unter Mubarak, bei dem Folter an der Tagesordnung war. Nach glaubwürdigen Quellen wurden zwanzig Männer in Mursis Gefängnissen vergewaltigt.

Am 17. Juni 2013 macht Mursi sieben Muslimbrüder und ein Mitglied der ehemaligen Terrorgruppe Gamaa Islamija zu Provinzgouverneuren. Bei dem Gamaa Islamija Mitglied handelt es sich um Adel Asaad al-Khayyat. Er wurde zum Gouverneur von Luxor ernannt. 1997 wurde die Gamaa Islamija einer internationalen Öffentlichkeit bekannt, als sie einen Anschlag auf Touristen in Luxor durchführte. 58 Touristen kamen bei diesem Anschlag ums Leben. Der liberale Intellektuelle Hamed Abdel-Samad wurde kürzlich von einer Fatwa wegen islamkritischer Äußerungen in Ägypten heimgesucht. Zur Person, die einen Tötungsaufruf gegen ihn verbreitete, meinte er vor ein paar Tagen: „Es war eigentlich eine Vorführung, dass der Außenminister Westerwelle am 13. Juni von der ägyptischen Regierung verlangte, sich von den Mordaufrufen zu distanzieren, und zwei Tage später empfängt Mursi Assem Abdel Maged, der den Mordaufruf gemacht hat, und umarmt ihn öffentlich, vor laufender Kamera. Das ist eine Farce, und die deutsche Regierung darf sich so etwas nicht gefallen lassen.“ Juden sind in Mursis Welt pauschal „Nachfahren von Affen und Schweinen“ – so lautete die Formulierung in einem Video 2010 – ein Klischee, das ein Staatsoberhaupt disqualifiziert.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau

Veröffentlicht 20. Mai 2017 von schauerchristian in Reader Ägypten

Andalusien, Geschichte und Religion – Islamisch christliche Zusammenstöße

Die Juden, Mauren und Christen in Spanien, Al Andalus September/Oktober 2018

In Spanien sind Juden seit der Römerzeit nachweisbar.218 vor Christus wird Tarragona gegründet, Cordoba 152 und Mérida 35 vor Christus. Zwischen 100 und 50 vor Christus sind Juden in Tarragona, Tottosa und Mérida bezeugt. Erste Reibereien mit Christen sind Anfang des 4. Jahrhunderts im Konzil von Elvira bezeugt – die Juden sollten auf Distanz gehalten werden und von persönlichen Beziehungen ferngehalten werden.

Weitere wichtige Daten sind die Zerstörung des Tempels 70 nach Christus und der Bar Kochba Aufstand 132 bis 135 nach Christus.Viele Juden fliehen danach in den Mittelmeerraum nach Sepharad, den iberischen Raum. Die bevorzugte Betätigung ist der Handel in den Städten, manchmal besitzen sie einen Weinberg oder Vieh. Der Handel vollzog sich in erster Linie mit Purpur, Pfeffer und Gold, was Waren betrifft. Aber auch mit Sklaven wurde gehandelt.

Die Judenfeindschaft wurde mit dem Eintreffen der Goten im 5. Jahrhundert eher stärker als zur Zeit der Römer. 476 lösten sie die Weströmer in Iberien ab, das westgotische Reich wird unabhängig. Die Sueben müssen sich auf das Territorium des späteren Portugal und Galizien zurückziehen. König Leowigild ist letzter arianischer Herrscher. Rekared, sein Nachfolger, schließt sich 568 dem Katholizismus an. Mit der Annahme des Katholizismus entwickelten sich die Westgoten zu Antisemiten. Der erste Herrscher mit antisemitischer Gesetzgebung ist Sisebut (612 bis 621). Als großer Judenfeind entwickelte sich Isidor von Sevilla. 633 schrieb er sein antijüdisches Traktat „De fide catholica contra Judoes“. Die jüdischen Feiertage duldet er nicht, auch den Sabbat, die christlichen Feiertage sollen gelten. Eine Verfolgung der Juden verlangt er nicht.Spätere Konzile von 660 und 670 sind strenger, sie gebieten den Juden, die Städte zu verlassen. In Anwesenheit von Christen dürfen sie nicht arbeiten. 671 beschloss König Wamba die völlige Ausmerzung der Juden. Jüdische Kinder mussten zwangsgetauft werden und einen christlichen Namen annehmen. Der Erzbischof Julian von Toledo, der dafür mitverantwortlich war, stand im Verdacht, selbst ein getaufter Jude zu sein. In dieser Zeit beginnen sich die Juden zu verstecken. Offiziell wurden sie Christen.

Die Eroberung durch die Araber von 711 wurde von manchen Historikern später den Juden angelastet, die die Araber unterstützt hätten. So behauptet der Historiker Ibn Haijan, die Juden hätten dem Feldherren Tarek in Toledo die Tore geöffnet. Toledo war die Hauptstadt der Westgoten.1 Was man weiß ist, dass versteckt lebende Juden oft von den Arabern gezwungen wurden, eroberte Stützpunkte zu verteidigen.

Der letzte Omajade gründete 756 in Cordoba ein Emirat, das 929 in ein Kalifat umgewandelt wurde. Hier wirkte zu dieser Zeit Abd-ar-Rahman III. Die Regeln für religiöse Minderheiten wurden von dem Mohammed Nachfahren Omar festgelegt. Die Schutzbefohlenen sind Dimmi, Schriftbesitzer. Betroffen sind Christen, Juden und Zoroastrier. Die Christen in Al-Andalus werden Mozaraber genannt und genießen Religionsfreiheit. Sie sind steuerpflichtig. Die Djizya ist eine Kopfsteuer für Nichtmuslime. Sie beten für das Wohlergehen des Herrschers. Muslimische Sklaven sind nicht erlaubt. Jüdische Dimmi sind mit einem gelben Kreis auf der Brust gekennzeichnet sowie einem gelben Turban. Zudem tragen sie eine Leibbinde. Für den Heiligen Krieg sind sie nicht vorgesehen. Das Reittier für sie ist der Esel -ein nicht besonders edles Tier!

Cordoba Ansicht

Stadtansicht von Cordoba

Cordoba

Moschee Kathedrale Cordoba

Somit wurde Cordoba im 10. Jahrhundert das religiöse Zentrum von Al Andalus. Vorher war seine Bedeutung schon ersichtlich, als es 27 vor Christus Hauptstadt der römischen Provinz “Hispania ulterior Baetica” wurde. 411 besetzten die Vandalen die Stadt zeitweise. Gründer des Emirats war Abd ar-Rahman I. (731 bis 788), der einzige Überlebende der Omajaden-Dynastie. In seiner Zeit wurde die Hauptmoschee von Cordoba an Stelle der Basilika San Vicente Mártir errichtet. Sie umfasst elf Längs- und zwölf Querschiffe. Hischam I., sein Nachfolger, lässt ein Minarett hinzufügen.2 793 erlitt er in Asturien eine schwere Niederlage bei Lucos oder Lugo in der Nähe von Oviedo gegen König Alfons II.3 von Asturien. Einen zweiten Feldzug führte Hischam gegen Aquitanien, dessen König Ludwig in Italien weilte. Bei Carcassonne kam es zu einer Schlacht, die wahrscheinlich unentschieden ausging.Wilhelm von Toulouse, Herzog mit der kurzen Nase, trat in Erscheinung. Unter Al -Hakam I. (770 bis 822) sind die Zeiten unruhig. Er muss hinnehmen, dass Barcelona 801 wieder eine christliche Stadt wird. In der Regierungszeit Alfons II. wird Santiago de Compostela gegründet.Hakam I. schlug eine Erhebung in Toledo 797 nieder. Eine Verschwörung in Cordoba wurde von Vetter Casim 805 dem Emir verraten. Dieser ließ dreihundert Verschwörer köpfen. Ein Aufstand gegen Steuererhöhungen in der rebellischen Vorstadt wurde 818 niedergeschlagen. Die Aufständischen wurden gepfählt. 25.000 Bewohner der Vorstadt wurden nach Fez in Nordafrika ausgewiesen.Die Vorstadt wurde zur Plünderung freigegeben, hierbei tat sich die slavonische Leibgarde Hakams I. hervor: Slavonier waren vorher aus Dalmatien rekrutiert worden. Andere der Leibgarde bestanden aus übergetretenen spanischen Christen (“Benicazzi”).4 Der Herrscher fühlte sich offensichtlich unsicher.

Hakam entwickelte sich zu einem Flotten-Emir. Um 800 schwärmten seine Schiffe in das westliche Mittelmeer aus. 799 überfielen seine Muslime auf der Insel Pantellaria ein Kloster, Kämpfe gab es auch auf Sardinien und Korsika. Für das Jahr 806 heißt es in den Reichsannalen dazu: “In diesem Jahr wurde nach Korsika gegen die Mauren, welche dies Insel verwüsteten, von (Karls Sohn) Pippin eine Flotte aus Italien abgeschickt, die Mauren aber machten sich, ohne die Ankunft derselben abzuwarten, davon. Einer von den Unsrigen, der Graf Hadumar von Genua, fiel in einem Kampf, in den er sich unvorsichtig mit ihnen eingelassen hatte…”5 Nicht besiegen konnte er 816 oder 821 Navarra und Asturien, es war die “Schlacht der dreizehn Tage”. Barcelona konnte sich in der Zeit konsolidieren, Graf Bernward, fränkischer Statthalter, konnte die Spanische Mark befestigen.

Hakam wurde Melancholiker, rief mitten in der Nacht seine Berater und die Kadis von Cordoba zusammen, ohne Beschlüsse fassen zu wollen. Er ließ nackte Mädchen tanzen, Sklavinnen machten Musik- die Geister der Vorstadt suchten ihn heim, er schrieb Gedichte und trank spanischen Wein. Man könnte meinen, er hätte das Lied “Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang , der ist ein Narr sein Leben lang” schon gekannt. Er war ein Förderer der Künste.

822 folgte sein Sohn Abd ar-Rahman II. (792 bis 852) dem gestorbenen Emir.Seine Regierungszeit ist geprägt durch die Gegensätze von Berbern und Arabern. Die christlichen Königreiche im Norden nehmen das zum Anlaß für Anstrengungen zur Reconquista. Von 833 bis 855 wird die Moschee durch acht Querschiffe erweitert. Muhammad I. (852 bis 886) hat zwei Söhne Al-Mundir (886 bis 888) und Abdallah I. (888 bis 912). Die Mozaraber (Christen in Andalusien) sind in dieser Zeit ebenso aufständisch wie die Muladies (Personen mit Eltern unterschiedlicher Herkunft).

Unter Abd ar-Rahman III. (910 bis 961) wurde Cordoba zum Kalifat. Markant in seiner Amtszeit ist der Jude Chasdai ibn Schaprut, der gleichzeitig Philosoph, Dichter und Leibarzt des Emirs war und damit am Hofe sehr einflußreich. Medizinisch erfolgreich war er bei der Heilung des dickleibigen Königs Sancho I. von Léon (935 bis 966).6 Mit Hilfe Navarras und der Araber von Cordoba eroberte dieser 959 Zamora und erlangte bald darauf seinen Thron zurück, den er 858 bis 960 an seinen Halbruder Ordono IV. verloren hatte.7 In dieser Zeit schlug Chasdai dem Emir auch erfolgreich ein Bündnis Cordobas mit dem Kaiser von Byzanz gegen die Seeräuber im Mittelmeer vor. Aufgetreten sind im 10. Jahrhundert in Cordoba und Umgegend die Karäer, eine jüdische theologische Schule, die ausschließlich die Thora als Erkenntnisquelle heranzog.Die traditionellen Rabbiner verehrten auch den Talmud. Im 10. Jahrhundert scheint es keine größeren Reibereien zwischen Muslimen und Juden gegeben zu haben. Die jüdische Frau saß verschleiert neben ihrem Mann am Sabbat. Die Männer kleideten sich wie Araber in der Öffentlichkeit, die der Frau verschlossen blieb. Beruflich fungierten die Juden als Ärzte, Händler oder Finanzverwalter. Weinanbau stand ihnen ebenso zu wie Landbesitz. Muslimische Untergebene waren nicht zugelassen. Handwerkliche Berufe standen ihnen auch offen. Auch jüdische Matrosen wurden registriert, zum Beispiel in Kairo. Der Handel trieb die Juden nach Alexandria und Antiochia.8

Chasdai ibn Schaprut pflegte auch Kontakte mit dem König des jüdischen Reiches der Chasaren, Joseph. Es existierte vom 10. bis ins 13. Jahrhundert und war zwischen Krim, Wolga und Kaspischem Meer gelegen. Chasdai würde den jüdischen König gerne besuchen: “Ich werde dann alle empfangenen Ehrenbezeichnungen verachten, ich werde meine Stellung und meine Familie verlassen; ich werde Berge und Täler, Land und Wasser überqueren, um zu kommen und mich vor meinem Könige huldvoll zu verneigen …”9 Das Interesse beruhte auf Gegenseitigkeit, Joseph möchte Chasdai kennenlernen.

Wie entwickelte sich der Kampf zwischen Cordoba und den christlichen Nordreichen? Ordono von Asturien, Sohn des Alfons III. erprobte sich in Frühjahrsfeldzügen gegen den maurischen Süden. Geschehen war dies 916, 917 und 918, die Städte der Araber konnten sich vor der Erstürmung freikaufen. Nach der Eroberung wüteten die Truppen Ordonos allerdings diabolisch. In der Stadt Talavera wurden die waffenfähigen Männer liquidiert, die Frauen und Kinder in die Sklaverei fortgeschleppt. Abd-ar Rahman geizte nicht mit Vergeltung. Beim Vordringen in den Norden wurden Dörfer niedergebrannt, Städte geplündert, viele Gefangene wurden in die Sklaverei entführt. Die Riesenarmee musste allerdings wegen Nahrungsmangel zurückkehren. Die Beute war riesengroß und Ordono griff die geschwächten Mauren an. Nach der Tötung der gefangenen Christen durch die Mauren, griffen die Truppen Ordonons vergeltungssüchtig an. Viele Mauren fielen, unter ihnen der Feldherr Abulhabaz. Provokativer Rekord: Ordono ließ des Feldherren Kopf zusammen mitt einem Schweinskopf auf einer Pike ausstellen.

939 erlitt Abd-ar Rahman in der Schlacht bei Simancas eine schwere Niederlage. Der Historiker Ibn al Hatib (1313 bis 1375) schrieb im 14.Jahrhundert dazu: “Der Himmel prüfte und traf Abderrahman durch eine Niederlage, die Gottes Feind Ramiro, Ordonos Sohn,ihm …vor den Toren der Stad Simancas im christlichen Spanien beibrachte. Vorausgegangen war ein Kampf von mehrerern Tagen, als in erbittertem Ringen eine über die andere Partei abwechselnd die Oberhand gewann. Erneut griffen die Christen an, und jetzt erlitten die Muslime einen unerhörten Zusammenbruch. Und zwar verschuldeten diesen Schlag gewisse Personen im Heere des Herrschers, die ihm den Ruhm neideten und ihn absichtlich falsch beraten hatten.”10 Der Historiker schreibt später, dass die “Verräter” ein schlimmes Schicksal erlitten haben: “Nach dem Verlassen der Walstatt (Schlachtfeld) sandte Abderrahman eine Schar ausgesuchter Gardisten als Vortrupp nach Cordoba. Sie sollten die Frohbotschaft seiner Errettung verkünden, aber auch Pfähle und Kreuze am Ufer des Guadalquivir aufrichten. Sogleich bei seiner Ankunft ließ der Herrscher dreihundert (maurische) Ritter pfählen oder kreuzigen und dazu verkünden, so werde bestraft, wer die Front des Heiligen Krieges auflöse.”11

Von Bedeutung war auch der diplomatische Verkehr mit dem deutschen Kaiser Otto I. und dem Kaiser von Byzanz in der Zeit von 945 an. Otto ließ die Gesandten aus Cordoba drei Jahre warten, ehe sie nach seinem Sieg über die Ungarn 955 heimkehren durften. Es war nicht unbedingt sicher, dass ein Austausch zustande kommen würde. Nur kurze Zeit vorher wurden noch die Leichname christlicher Märtyrer für viel Geld aus Cordoba und anderen muslimischen Städten nach Frankreich, den Niederlanden und Deutschland gebracht. Der Leiter der Mission nach Cordoba war Jean de Gorze. Wichtiges Dokument war ein Traktat, in dem der Erzbischof von Köln, Bruno, die Überlegenheit des Christentums über den Islam behauptete. Ein weiteres Thema des Dialogs war der Piratenstaat von Fraxinetum, den nordafrikanische Piraten in Frankreich errichtet hatten. Er war in der Nähe von Saint Tropez errichtet worden und wurde von Piratenstützpunkten auf Korsika versorgt. Eine Audienz kam nach schwierigen Verhandlungen zustande. Zunächst gefiel das einfache Ordensgewand von Johann dem Kalifen nicht. Abd-ar Rahman III. sandte zunächst eine große Summe Geld, um eine festliche Ausstattung des Mönches zu ermöglichen. Dieser verteilte das Geld unter die Armen und wurde dann vom Kalifen empfangen. Beim Gespräch über die Zustände im damaligen Deutschen Reich mißfiel dem Kalifen die zu große Macht der Reichsfürsten. Die Vorteile des stärkeren Zentralismus des Kalifats zeige sich nach Einschätzung des Kalifen im größeren Reichtum und höherem Bildungsstand.12

Unter Kalif Al-Hakam II. (961 bis 976) wuchs die Einwohnerzahl Cordobas auf etwa 500.000. Nicht sehr tolerant verfuhr der Kammerherr Almansor (971 bis 1002) mit den Juden. Er entmachtete den offiziellen Nachfolger Hischam II. de facto. Nach der Eroberung Barcelonas 985 liqudierte er viele Juden, nur wenige überlebten.

Von 1009 bis 1031 tobte ein Bürgerkrieg in Cordoba, der mit einem Saatstreich unter Führung eines Urenkels Abd ar-Rahmans III. beginnt. Hischam II. wird abgesetzt, der Alkazar und die Medina werden zerstört, die Hauptstadt wird temporär nach Malaga verlegt, zehn verschiedene Kalifen wechseln sich ab. 1031 entsteht dann die Taifa von Cordoba.13, die wesentlich kleiner als das Kalifat ist. 1070 erobert Sevilla dieses Gebiet.

Eine der bekanntesten Geistesgrößen Cordobas war Maimonides. Er wurde 1135 (oder 1138?) in Cordoba geboren und starb 1204 in Kairo. Sein Talent streckte sich von der Philosophie, der Rechtswissenschaft, der Astronomie bis hin zur Medizin. 1148 nach der Regierungsübernahme der intoleranten Almohaden wurde er vor die Wahl gestellt, zum Islam zu konvertieren oder zu emigrieren. Er floh mit seiner Familie zunächst in andere Teile Spaniens, danach in die Provence und wahrscheinlich 1160 nach Fes. 1165 zog er weiter nach Jerusalem, dann über Alexandria in einen Ort nahe Kairo.14 1185 stieg er zum Leibarzt des Sekretärs Sultan Saladins auf, der die Regierungsgeschäfte führte und behandelte auch Sultan Saladin und seinen Sohn. An seinem religionsphilosophischen Hauptwerk „Führer der Unschlüssigen“ arbeitete Maimonides von 1176 an, wahrscheinlich bis zum Jahr 1200. Hauptproblem dieses Werkes ist die Unvereinbarkeit zweier Systeme: einerseits dem des Glaubens mit seiner Offenbarung und andererseits dem System der aristotelischen Logik. Starken Einfluß übte er auf die Haskala des Moses Mendelssohn aus.

Auch Averroes, arabisch Ibn Rushd, wurde 1126 in Cordoba in Spanien geboren, studierte Rechtswissenschaft und Heilkunde und wurde 1169 Richter in Sevilla, 1171 nach Cordoba versetzt, wo er zehn Jahre lang als Richter wirkte. Während dieser Zeit kommentierte er das Werk des Philosophen Aristoteles. 1182 wurde er an den Hof von Marrakesh als Leibarzt gesandt. Der 1198 verstorbene Philosoph sah sich zu Lebzeiten mit dem Vorwurf der Häresie konfrontiert. Seine geisteswissenschasftlichen Werke wurden 1195 verbrannt. Die Theologen erblickten in seinem Denken eine Gefahr für den Glauben.

1236 hatte Ferdinand III., der Heilige, von Kastilien und Leon, seinen großen Auftritt. Er erobert Cordoba. Die arabische Bevölkerung wanderte aus, sie floh in das 1238 gegründete Königreich von Granada. Hier herrscht die Nasriden-Dynastie. Im Jahr der Eroberung wurde die Moschee von Cordoba zur Kathedrale umgebaut, der muslimische Alkazar in einen Bischofspalast.

Wie wurde die Reconquista finanziert? Neben dem Beutemachen (z.B. durch Lebensmittelraub) spielte das Erheben von Tributen eine große Rolle. Fernando III. griff auch auf Darlehen zurück. Bei der Belagerung von Sevilla gewährten ihm galicische Stadträte diese Unterstützung. Geld kam auch von italienischen Bankiers und jüdischen Steuerpächtern wie Don Mayr.

Ein großer Teil des Geldes kam vom Klerus. Er musste zwar nicht die städtische Kopfsteuer bezahlen, er musste aber den königlichen Dritten (tercias reales) abgeben.Die Christen mussten ein Zehntel ihres Enkommens an ihre Pfarrei abführen. Die Pfarrei behielt vom Kirchenzehnten ein Drittel ein, ein Drittel wurde an den Bischof weitergeleitet. Das verbleibende Drittel war eigentlich für die Instandhaltung von Kirchengebäuden vorgesehen. Mit Erlaubnis des Papstes konnte es auch für andere Zwecke genutzt werden. Honorius III. ermächtigte Erzbischof Rodrigo von Toledo dazu, das Geld für Kreuzzüge auszugeben. Gregor IX. kritisierte den kastilischen König zwar, weil er ohne päpstliche Erlaubnis den Dritten erhoben hatte, forderte aber den kastilischen Klerus auf, den König finanziell bei seinen Feldzügen zu untestützen.15 Ein weiterer Faktor waren die Ablässe, die den Kreuzfahrern zuflossen. Sie wurden im Osten erworben und kamen 1225 und 1231 den Gefolgsleuten Fernandos zu.

Mehr islamische Strenge brachten die Geschlechter, die den Omajaden folgten, von 1086 an die Almoraviden und nach 1147 die Almohaden. Unter den ersteren wurde 1084 Toledo von den Arabern zurückerobert von Alfons VI. von Léon. Er nimmt den Titel “Kaiser von Toledo” an.16 Die Almoraviden aus der Sahara wurden von einem Rechtsgelehrten namens Ibn Yasin gegründet. Er war ein Vertreter des Malikismus, der den Koran wörtlich nahm. Ibn Yasin war der geistliche Führer, an der Spitze des Heeres stand ein Emir. Sie waren wenig gebildet, puritanisch und grausam. Wein und Gesang war bei ihnen verpöhnt, in marokkanischen Städten nicht.17 In der Schlacht bei Sagrajas siegte der Almoravide Yusuf 1086 mit den Königen von Sevilla, Granada, Malaga und Badajoz verbündet gegen Alfons VI. von Léon. “Auf dem Schlachtfeld wurden die Köpfe der Christen zu Hügeln geschichtet, von denen herab die Muezzins die Sieger zum Gebet riefen. Wagenladungen von Köpfen wurden dann in die wichtigsten Städte Spaniens und des Maghreb gesandt, um zu zeigen, daß die Christen nicht mehr zu fürchten waren, fromme Muslime gaben Almosen und ließen als Dank Sklaven frei, und die Taifa-Könige hörten auf, Alfonso Tribut zu zahlen.”18

Sevilla zwei

Sevilla Alcazar Löwentor

Die nachfolgenden Almohaden machen Sevilla 1163 zu ihrer Hauptstadt. Die Stadt war 2500 vor Christus eine phönizische Siedlung. Schon in der römischen Zeit kämpften Cordoba und Sevilla um den größten Einfluß in Andalusien. Der schon erwähnte Isidor von Sevilla war in der westgotischen Zeit ein bedeutender Erzbischof. Im 9. Jahrhundert zerstörten die Wikinger de Stadt. Der Emir von Cordoba schlug sie zurück. Einige trieben geduldet Viehzucht. Noch also ein Volk neben Hispaniern und Mauren. Reinrassigkeit ist also auch hier nicht gegeben … Die Almohaden waren den Sevillanern zu streng, die Christen aus dem Norden gefielen auch nicht bis zum Sieg Ferdinands III. 1248. Mehr als fünf Jahrhunderte muslimischer Herrschaft waren beendet. Nach der Eroberung wurde der Alcazar im 14. Jahrhundert zum Palast des kastilischen Königs Peter I. (1334 bis 1369).19 1356 wurde die Stadt von einem schweren Erdbeben heimgesucht.

Seit 1378 predigte der Erzdiakon von Sevilla, Ferrando Martínez von Écija, gegen die Juden und hetzte die Christen gegen sie auf. Sie waren für ihn ein Schrecken. Zur wohlhabenden Stadt war Sevilla im Spätmittelalter geworden. Auch die Bevölkerung war gewachsen, wobei reiche Juden sich an der Verwaltung der Stadt beteiligten. Auch jüdische Karrieren am königlichen Hof nahmen zu. Dem König mißfiel dies, doch Martinez ließ sich nicht beirren:” … Niemand kann mich daran hindern, daß ich predige und das über die Juden sage, was mein Herr Jesus Christus in den Evangelien gesagt hat.”20 Als eifernder Antisemit führte er weiter aus:” Ein Christ,der einem Juden Böses zufügen oder ihn gar töten würde, würde damit beim König und bei der Königin kein Mißfallen erregen. Ganz im Gegenteil! Er wisse das aus einer direkten und sicheren Quelle und würde dafür auch als Bürge einstehen.”21 Diese Agitation wurde zwölf Jahre Jahre fortgesetzt. Martinez forderte seine Zuhörer auf, die Juden zu vertreiben und ihre Synagogen anzuzünden. Der Eskalation der Worte folgte das Pogrom. Vorher starben allerdings noch König Johann I. von Kastilien und Barroso, der Erzbischof von Sevilla. Der Nachfolger, König Heinrich III., war erst 10 Jahre alt. Am 6. Juni 1391 ereignete sich die Ausschreitungen im jüdischen Wohnbezirk. Juden, die sich nicht rechtzeitig verstecken konnten, wurden zur Konversion zum Christentum aufgefordert. Wer sich nicht bekehrte, wurde getötet. Der Aufruhr gegen die Juden wurde auch in anderen Regionen sichtbar – in anderen Städten Andalusiens, in Kastilien und Aragón. Im August griffen die Unruhen auch auf Katalonien und die Balearen über. In Saragossa war der Hauptagitator der Neffe von Martinez. Papst Clemens VII. war in der Sache nicht eindeutig. In Valencia hörte man den Schlachtruf im jüdischen Viertel: “Martinez kommt! Die Juden – in den Tod oder ins Weihwasser!”22 Ein heiliger Furor durchzuckte in dieser Zeit weite Teile Spaniens. Der Geist der Reconquista wütete in den Gehirnen. In Cuenca wurde die Sturmglocke geläutet. Man könnte meinen, die Sportpalastrede von Goebbels vom 18. Februar 1943 sei vorweg genommen worden. “Nun, Volk, steh auf, und Sturm, brich los!” In Tortosa trat ein fahrender Spielmann als Trommler auf. Manche Christen leisteten Hilfe. Adlige boten Juden in ihren Häusern Unterschlupf gegen Bezahlung, die Juden verarmen ließ.23 Dem in Avignon residierenden Papst Clemens VII. wurden von Juden Geschenke angeboten, um ihn zu bewegen, das Vorgehen des Hasspredigers Martinez zu mißbilligen.Auch die Königin von Aragón setzte sich für die Juden ein. Eine Verurteilung der Massaker durch Clemans VII. wurde aber nicht erreicht.

Fest in ihrem Glauben blieben die Juden in Toledo – Juda ben Ascher und seine Schüler. In Barcelona begingen viele Juden Selbstmord, in Gerona schworen die Juden ihrem Glauben nicht ab. Mehrheitlich waren die “Aljamas” (jüdische Gemeinden) allerdings bereit, ihren Glauben aufzugeben.

Nicht wenige Juden ließen sich taufen. Als Beweggründe führte der Arzt Josue de Lorca vier Gründe an: “ Der Ehrgeiz und die Habgier, sich aller irdischen Güter zu erfreuen. Der philosophische Skeptizismus gegenüber den Wahrheiten des Judentums und gegenüber jeder geoffenbarten Religion, woraus dann die Vorliebe hervorgeht, die man der im Augenblick angenehmsten Religion gewährt. Die Überzeugung von einem unmittelbar bevorstehenden Verschwinden des Judentums, als einer Folgeerscheinung der Verfolgungen, und die Verzweiflung. Die Offenbarung der Glaubwürdigkeit des Christentums.”24 Josue de Lorca bekehrte nach seiner Konversion zum Christentum eifrig andere Juden.

Vorher gab es in anderen spanischen Städten schon Ausschreitungen. 1111 plünderte eine Menschenmenge in Sahagun (heutige Provinz Léon) die Judenviertel. Eigentlich rebellierte sie gegen die Stadtverwaltung. Eine Plünderung der Judenviertel fand auch 1146 in Toledo statt – auch gegen Franzosen wurde agitiert. Berengar Oller ließ 1285 in der Nähe der Kathedrale von Barcelona die Juden töten.

Der Dichter und Musiker, Guillaume de Machaut, in Diensten des Königs von Navarra, Karls des Bösen, verfasste im 14. Jahrhundert, im Angesicht der Pest, die in Spanien 1348 wütete und 1361, 1375 und 1383 zurückkehrte, eine judenfeindliche Dichtung “La jugement du Roy den Navarre”, in der es unter anderem heißt:

Es war der Jude, der geschmähte,

der schlechte, der Verräter,

der haßt und alles Böse liebt,

der soviel Gold und Silber gab

und versprach den Christenmenschen.

Der Brunnen, Flüsse und Quellen,

die waren klar und gesund,

an mehreren Orten vergiftet hat

und manchem das Leben nahm;

denn die, die davon tranken,

ganz plötzlich starben sie …

Doch, der oben thront und alles sieht,

der alles lenkt und alles prüft,

er will ihn nicht mehr verbergen,

er läßt den Verrat entdecken…

Denn die Juden wurden ausgerottet,

die einen gehenkt, die andern verbrannt,

die dritten ertränkt und viele geköpft,

mit dem Beil oder mit dem Schwert …25

Die Konvertiten haben es nicht selten in sich. Ein ehemaliger Jude namens Mose von Roquemaure, der sich später Juan d’Avignon nannte und Arzt war, zog nach seiner Konversion 1350 nach Andalusien. Er schrieb 1380 eine Abhandlung zur Medizin “Sevillana medicina”, in der er die Gründe für die Pest in Sevilla beschreibt: “Die Luft in Sevilla ist heiß und feucht … Der Grund dafür ist in der Fäulnis und Verwesung zu suchen, die aus der Juderia kommen. Denn dort leben viele, die zu allen möglichen Leiden verurteilt sind.”26

Auch Könige sonnten sich in ihren Vorurteilen. Alfons X. von Kastilien (1221 bis 1284) lebte mit manchem Juden zusammen, zog aber in seinen “Cantigas de Santa Maria” böse über einen Juden her. Gottesmörder und Verräter in einem sowie geizig und falsch war der von ihm geschilderte Jude. Sein Schatzmeister wurde der Unterschlagung angeklagt und 1280 hingerichtet. Im gleichen Jahr mussten sich die Juden in ihren Synagogen versammeln und eine enorme Summe für ihre Freilassung bezahlen. Es war von täglich (?) 12.000 Maravedis (spanische Goldmünze) als globaler Steuer die Rede, die über mehrere Jahre erhoben werden sollte.27

Auch ist in diesem Werk von Alfons X. von der Jungfrau Maria die Rede, die ein Kind wieder zum Leben erweckt, das von Juden geopfert wurde.

Alfons XI. von Kastilien (1311 bis 1350) starb in Gibraltar an der Pest. Diesmal wurden die Juden nicht als Urheber seines Todes bezichtigt.28 Sein Nachfolger Don Pedro der Grausame – König von 1350 bis 1369 -begünstigte die Juden sogar, sie wurden nicht als Verworfene behandelt. Zwischendurch ging es auch aufwärts mit den Beziehungen der Juden zu christlichen Herrschern. Der Einfluß der Juden am Hof war beachtlich. Seinen Beinamen, der “Grausame” bezog er überwiegend wegen seiner Strenge gegenüber den Hidalgos (niederer spanischer Adel) und Granden (Hochadel). Die Juden hielten zu ihm. Herausragende Juden in seiner Umgebung waren der Dichter Santob de Carrion, der unter anderen die Vorurteile der spanischen Hidalgos gegen die Juden kritisierte. Sein Erzieher war Don Juan Alfonso de Albuquerque, er empfahl ihm erfolgreich als Finanzminister Don Samuel Meir Allavi, obwohl Juden gemäß Cortes-Beschluß dazu nicht mehr zugelassen waren. Arzt und Astrologe an seinem Hofe war Abraham Ibn-Zarzal.Auch einen eigenen Alcalden (Richter) wollte er den Juden lassen, obwohl die Cortes dagegen argumentiert hatten.29 Die Bastardbrüder des Königs bemächtigten sich in einem Bürgerkrieg Toledos und massakrierten hier annähernd 12.000 Juden, die zu Don Pedro standen. In die Innenstadt konnten sie nicht eindringen, weil die Juden die Tore geschlossen hatten. Don Pedro rächte sich an den Parteigängern seiner Bastardbrüder. Peter I., der Grausame, wie er in Westeuropa auch genannt wird, ließ sich von den judenfeindlichen Stimmen seiner Umgebung beeinflussen und betrieb Samuels Sturz. Er ließ Samuels ganzes Vermögen einziehen: unter anderem 170.900 Dublonen und 80 Sklaven. Trotz Folter blieb Samuel standhaft.30 Peters Bastardbruder, Heinrich de Trastamare, schaffte es 1366, den König zu stürzen, nur Sevilla blieb ihm übrig. 1367 eroberte Peter mit Hilfe des Prinzen von Wales seinen Thron zurück. Der “Schwarze Prinz” ließ Peter allerdings danach im Stich. Dieser gewann den König von Granada als Bundesgenossen gegen seinen abermals vorrückenden Bastardbruder. Der König von Granada nahm dreihundert jüdische Familien aus Jaen als Gefangene mit nach Hause. Die jüdische Gemeinde von Toledo kam größtenteils durch Krieg und Hungersnot ums Leben. Bei Montiel unterlag Peter seinem Halbbbruder 1369 und wurde geköpft. Papst Urban V. verstieg sich zu der Aussage: “Die Kirche muß jubeln über den Tod eines solchen Tyrannen, eines Rebellen gegen die Kirche und eines Gönners der Juden und Sarazenen. Der Gerechte freut sich, wenn er Rache sieht.”31 Stark dezimiert wurden die Juden von Toledo, viele Juden in Kastilien wurden zu Bettlern.

Granada Alhambra.JPG

Granada Alhambra

Granada

Die Stadt Ilbira wurde 711 von den Arabern erobert. 756 wurde 10 Kilometer weiter im Nordwesten eine neue Stadt mit dem Namen Madinat Ilbira gegründet. Für die ursprüngliche Stadt setzte sich der Name Granada durch. Möglicherweise steht der Name in Verbindung mit dem romanischen Farbadjektiv granat (deutsch rot). Ob die römische Siedlung Illiberis mit der Stadt identisch ist, ist unklar.

Nach dem Untergang des Kalifats von Cordoba übernahm 1012 ein berberischer Clanchef die Macht in der Provinz und machte das leichter als Ilbira zu verteidigende Granada zum Sitz der Ziriden-Dynastie. Die Dynastie herrschte etwa 80 Jahre lang und wurde von den Almoraviden gestürzt (1090). Danach herrschten die Almohaden, die vertrieben wurden.32

Eine besonders gehobene Stellung in Granada erreichte Samuel ben Josef Halevi ibn Nagrela, oder auch Schmuel ibn Naghrela genannt. Er wurde 993 in einer reichen jüdischen Familie in Cordoba geboren. In Granada schloß er Bekanntschaft mit dem Ziriden-Herrscher Habbus al-Muzaffar. Während dessen Regierungszeit wurde er Großwezir.1038 verhalf ibn Nagrela dem Sohn Badis ibn Habbus zur Macht und wurde zusätzlich Militärführer.33 Religiös war Samuel ibn Nagrela ein gelehrter Polemiker. In einer arabisch verfassten Schrift zählte er in Koran enthaltene Widersprüche auf. Ein berühmter arabischer Theologie, sein Freund Ibn Hasm, polemisierte gegen ihn: “Ein Mann hat sich erhoben, der von Haß gegen unseren Propheten erfüllt ist … Seine verachtungswürdige Seele ist stolz auf ihren Reichtum; Gold und Silber, von denen sein Haus überlaufen, haben seine gemeinen Leidenschaften erregt. Er hat ein Buch geschrieben, um die im Koran enthaltenen Widersprüche zwischen den einzelnen Worten Gottes aufzuzählen … Der König möge sich doch trennen von diesen unreinen, übelriechenden, schmutzigen und verfluchten Menschen, denen Gott eine derart ehrlose Erniedrigung und eine solch schmutzige Demütigung auferlegt hat, wie sie sonst kein anderes Volk kennt. Ihr sollt wissen, daß die Kleidung, in die Gott sie hüllt, weit gefährlicher ist als der Krieg und der ansteckendste Aussatz.”34 Nach seinem Tod folgte Samuel ibn Nagrela sein Sohn Joseph ibn Nagrela 1058 nach. Die Familie erregte Neid in ihrer Umgebung, der Dichter Ishak von Elvira polemisierte scharf gegen Joseph: “Der Herr dieser Affen hat seinen Palast mit Marmorinkrustrationen ausgestattet; er ließ Fontänen einbauen, denen das allerreinste Wasser entspringt, und während er uns an seiner Pforte warten läßt, spottet er über uns und unsere Religion. Mein König, wenn ich sagen würde, er sei ebenso reich wie Sie, dann würde ich die Wahrheit sagen. Auf! Beeilen Sie sich, ihn zu erwürgen und ihn als Ganzopfer (Holocaust) zu schlachten ; opfern Sie ihn – er ist ein fetter Widder! Schonen Sie aber auch nicht seine Verbündeten; auch sie haben unermeßliche Schätze angehäuft…”35 1066 kam es zum ersten großen Pogrom in Europa gegen die Juden. Am 30. Dezember stürmte eine große Menschenmenge den Königspalast. Der jüdische Wesir Joseph ibn Nagrela wurde gekreuzigt. Etwa 4.000 Juden wurden ermordet.

Die Einstufung eines Juden als Affen ist direkt dem Koran entnommen.Hier heißt es: „Und als sie trotzig bei dem verharrten, was ihnen verboten worden war, da sprachen Wir zu ihnen:’Werdet denn verächtliche Affen’“ Sure 7:165. Mohammed konnte Spott nicht ertragen. 630 nach der Rückkehr nach Mekka besaß er zwei Singsklavinnen, die über den Propheten Spottlieder sangen. Mohammed ordnete deshalb an, unter anderem diese beiden zu töten. Die Ereignisse damals erinnern in manchem an die Vorgänge um die Mohammed-Kritik in Frankreich vor fünf Jahren. Am 2. Januar 2013 veröffentlichte die französische Satire-Zeitschrift “Charlie Hebdo” eine Comic-Biographie des Propheten Mohammed. Anfang März 2013 wurde der Chefzeichner des Magazins von einem Al Quaida-Zweig zur Fahndung ausgeschrieben. Ein Slogan war damals” Eine Kugel am Tag schützt vor Ungläubigen”.36 Bei dem Anschlag im Januar 2015 wurden zwölf Mitarbeiter der Zeitschrift hingerichtet. Die beiden Täter, die Brüder Kouachi, riefen Porolen wie “Wir haben den Propheten gerächt”. Ein Verbündeter der beiden, Amedy Coulibaly, überfiel zwei Tage später einen jüdischen Supermarkt und erschoß vier Geiseln. Er bekannte sich zum “Islamischen Staat”. Alle drei Attentäter wurden schließlich von der Polizei getötet. Schon 2005 war es nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten gekommen. Danach kam es vor allem in islamisch geprägten Ländern zu Demonstrationen und Ausschreitungen. Auf einer der Karikaturen war Mohammed mit einem Turban mit Bombe und brennender Lunte dargestellt worden. Eine Provokation gegen das Bilderverbot des Islam. Ende des Jahres kam es zu einer Strafanzeige wegen Blasphemie gegen die Zeitung. Initiatoren waren elf Vertreter islamischer Organisationen in Dänemark.

Die Nasridendynastie. Als Stammvater gilt Muhammad ibn al-Ahmar, der von einem in Jáen ansässigen Geschlecht abstammt.. Anfang des 13. Jahrhunderts wehrte er dort die Vorstösse der Kastilier ab. An einen Sieg gegen die Christen glaubte er nicht mehr. In einer Absprache mit Ferdinand III. von Kastilien erreichte er 1246, dass ein maurisches Reich im Süden akzeptiert wurde. Es sollte von Granada bis zur Meerenge von Gibraltar reichen und Granada als Hauptstadt haben. Als eigentliches Gründungsjahr des Königreiches gilt das Jahr 1238. Bis zur Blütezeit 1325 entwickelte sich ein militaristischer Feudalstaat.37 Danach kam die eigentliche Blütezeit unter Jussuf I. (1333 bis 1354) und seinem Sohn Mohammed V. (1354 bis 1391). Der islamische Einfluß wurde hergestellt von den banu al-Sarray und den banu Kumasa. Absolut herrschte der Sultan (König). Die Ratsversammlung bestand aus den einflussreichsten Persönlichkeiten des Königreiches. Der Gerichtshof bestand daneben. Der Etat des Reiches finanzierte sich aus der Direktbesteuerung sowie Abgaben für den Handel, die Bäder und Erbschaften. Gebäude im typisch islamischen Spiel waren die Medrese (Koranschule) und das Maristán (Krankenhaus). Auch der arabische Markt (Alcaiceria) ist dazu zu zählen!

Die Eroberung Granadas wurde von Isabella von Kastilien (Königin seit 1474) und Ferdinand von Aragon (König seit 1479) in die Wege geleitet. Möglicherweise spielte Kreuzzugsbegeisterung nach der türkischen Eroberung von Konstantinopel von 1453 eine entscheidende Rolle! Man fürchtete, dass der türkische Sultan auch Italien und Griechenland erobern könnte – mit Granada als eine Art Brückenkopf für weiteren Einfluß. König Abu’l Hassan von Granada begann 1481 den Krieg. Ein Jahr später begehrte sein Sohn Abd Allah gegen den Vater auf und rief sich selbst zum König aus. Schließlich nahmen die Christen Abd Allah gefangen und ermöglichten Ferdinand den Durchmarsch durch das Königreich. 1483 bis 1486 eroberten er und der Marqis von Cadiz die westliche Hälfte des Reiches. Ferdinand besetzte 1488/89 die Städte Baza, Almeria und Guadix. Granada kapituliere am 2. Januar 1492, vier Tage später zogen Ferdinand und Isaballa triumphal in die Stadt ein.38 Siedler wurden ins Land geholt wie schon zweihundert Jahre vorher in Cordoba und Sevilla. Die Könige regierten autoritärer als Ferdinand III. Die kirchlichen Ämter wurden von ihnen vergeben, die Städte an die Kandare genommen. Die Muslime verblieben in Granada mit garantierten Religions- und Besitzrechten.

Granada lässt noch in letzter Zeit die Phantasie einer arabischer Autorin blühen:” Warum hat die Alhambra eine Wirkung auf mich, die sie auf meine Freunde nicht hat?

Es gibt keinen Sieger außer Gott! Über jede Wand rankt sich ein feingearbeitetes Ornament. Die Arabesken winden sich empor und wieder hinab, durchbrechen und umflechten sich als Kette und Schuss, wie die Araber sie nannten, in vollkommener Harmonie. Genau wie Mann und Frau miteinander harmonieren, einander anziehen und sich voneinander trennen, oder wie die beiden Pole innerhalb eines Geschöpfs.Was machen diese Ornamente mit mir?…

Ich habe fast das Gefühl, als wimmelten durch mein zauberhaftes Granada Millionen von durchsichtigen Gespenstern.Am Eingang zum alten arabischen Viertel Albaicín empfangen mich die Geister der Mauren. Ich besuche es gern. Ich sehne mich danach, dort zu sein. Warum, weiß ich nicht zu sagen.

Meine Mutter sagt, es sind die Gene. Die Gene meines andalusischen Urahns. Wer weiß! Vielleicht haben ja auch die Gene mich bewogen, Arabisch zu lernen! Zeit genug hatten sie vermutlich, acht Jahrhunderte waren für diese ‚Gene‘ wohl genug, meiner Stadt ihre Spuren aufzuprägen.

Als ich Arabisch gelernt hatte, machte ich eine Entdeckung: dass nämlich von mir schon lange geschätzten Trubadoure, die Europa im zwölften Jahrhundert mit ihren Liebesgedichten berauschten und die bestehende kirchliche Strenge durchbrachen, nichts anderes waren als die Nachfolger der arabischen Dichter des elften Jahrhunderts! Nachfolger des Ibn Farazan und des Mutamid von Sevilla und derer, die als erste von der sogenannten platonischen Liebe schrieben.Selbst Wilhelm IX. von Aquitanien hatte auf seiner Orientreise diese Art der Liebesdichtung kennengelernt und entlehnte ihr seine Wörter und Rhythmen.

In jedem Geliebten offenbart sich für die Liebenden Gott. Deshalb können wir nur eine Person verehren, in der wir Göttliches sehen, sagt Ibn Arabi. Ist das eine eigens an mich gerichtete Botschaft?

Ich stehe auf dem zentralen Platz, beobachte zerstreut die Passanten und spüre bei den Einwohnern von Granada eine sonderbare, eine orientalische Hitze, ein heißes Temperament. Vor kurzem bin ich an der großen Kathedrale mitten im Viertel La Alcaicería vorbeigekommen. Beinahe kam es mir vor, als erblickte ich unter den Ornamenten der Kathedrale die Stadtmoschee, ihr gegenüber die Koranschule, und sähe die Bauarbeiter des 14.Jahrhundrets den Islamischen Palast für Yusuf I. errichten.

Ich bin keine Muslima. Mich treibt nicht die Religion.

Ich versuche meiner Mutter das Ganze zu erklären. Es sind Stimmen aus tiefsten Tiefen, die aus dem Unsichtbaren, Fernen, zu mir dringen, als kämen sie aus meinem Schlaf.

Nicht die Religion treibt mich. Es sind Leben, die durch die Ewigkeit reisen, Leben, die vergangen sind, wiedergekehrt und nochmals wiedergekehrt. Als sei der Körper nur ein ledernes Kleid, das das Leben umhüllt!

Das aus dem Norden anrückende Heer erschreckt mich, als gehörte ich den Nasriden an.

Ich fühle die Tränen des jungen Boabdil, die er an einem Tag im Moment Muharram des Jahres 897 der Hidschra angesichts der Mauern Granadas auf dem Pass über den Rihan-Berg vergossen hat. Als wäre es gestern gewesen, als seien nicht fünfhundert Jahre seitdem dahingegangen!

Ich sehe die Lippen von Boabdils Mutter zittern, während sie ihn so hart zurechtweist. Ich wache auf von den Heeren der Reconquista, die unter Führung Ferdinands und Isabellas in die Täler und Ebenen aussschwärmen.

Ich lese die Kapitulationsabkommen mitsamt seinen 67 Bedingungen.”39

Die Vertreibung der Juden 1492

Ein Höhepunkt antisemitischer Agitation wurde 1412 erreicht, als aufgrund des Wirkens von Vincent Ferrer in Valencia und des Conversos Bischof Pablo de Santa Maria, der Kanzler von Kastilien war, beschlossen wurde, dass Juden und Mauren Kennzeichnungsabzeichen tragen mussten. Sie durften keine Beamten mehr sein, keine Titel führen und ihren Wohnsitz nicht wechseln. Folgende Berufe durften sie nicht mehr ausüben: Lebensmittelhändler, Zimmerleute, Schneider und Fleischer. Das Waffentragen wurde ihnen verboten und die Anstellung von Christen.Auch durften sie mit Christen nicht sprechen.40

1473 fand in Cordoba ein großes Pogrom statt. Eine Prozession der Brüderschaft der “Wohltätigen”fordert dazu auf, sich auf die Juden zu stürzen. Anton de Montoro, ein bekehrter Jude und Dichter, nahm in einem Brief an Königin Isabella kein Blatt vor den Mund: “… Ich sprach das Credo, ich begehrte Töpfe mit fettem Speck, ich hörte die Messe und sagte mein Gebet; dann schlug ich das Kreuz und konnte doch nicht ausmerzen das Bild des getauften Juden … In großer Demut habe ich gehofft, habe den Rosenkranz der Passion geleiert … damit meine Schuld vergehe, doch den Namen des alten, des gemeinen Juden wurde ich nicht los …”41 Kurze Zeit später 1480 gab es schon Scheiterhaufen für Konvertiten. Alle Juden wurden aus den Diözesen Sevilla und Cordoba ausgewiesen. Drei Jahre später steigt Tomas de Torquemada zum obersten Inquisitor auf. Oberrabiner war Abraham Senior, oberster Richter und Finanzfachmann, der Geld für den Krieg gegen Granada für die katholischen Könige auftrieb. Am Hof hielt sich auch Isaak Abrabanel als Berater auf. Er war Schriftsteller, Philosoph und Talmudkenner und finanzierte die Ausrüstung der ersten Schiffe von Christoph Columbus.

Werfen wir eine Blick auf die Bevölkerung Kastiliens und Aragonines Ende des 15. Jahrhunderts. 1482 lebten dort etwa 9 Millionen Menschen. Etwa 0,8 Prozent der Bevölkerung gehörte zum hohen Adel und etwa 0,85 Prozent zum Stadtadel. Zusammen ergibt das 1,65 Prozent der Bevölkerung. Dieser Teil der Bevölkerung herrschte über 97 Prozent des Bodens.42 Das Jahreseinkommen der spanischen Kirche wurde in der damaligen Zeit auf 6 Millionen Dukaten geschätzt, das des Erzbischofs von Toledo auf 80.000 Dukaten.

Am 31. März 1492 wird die Vertreibung der Juden von Isabella und Ferdinand angeordnet. Die Zahl der Ausgewanderten bleibt umstritten. Nach Schätzungen betrug sie zwischen 165.000 und 400.000. Etwa 50.000 blieben im Lande.43 Wie ging es den Vertriebenen nach ihrer Flucht?Ein Betroffener schrieb dazu:“ Einige von ihnen wurden von den Türken getötet, die ihnen das Gold, das sie verschluckt hatten, um es zu verbergen, aus dem Körper holten. Manche kamen durch Hunger und Pestilenz um, und manchen wurden von den Kapitänen nackt auf Inseln im Meer ausgesetzt, andere als Diener und Mägde im Genua und den Vororten verkauft, umd manche wurden ins Meer geworfen.”44

Was waren die Gründe der Vertreibung?Nach Einschätzung eines Historikers”war sie ein Versuch des feudalistischen Adels, jene Elemente des Mittelstandes, die ihrer Vorherrschaft im Staat bedrohlich wurden, auszuschalten. Es war die Weigerung der alten Stände, sich mit dem wachsenden Einfluß jener Bevölkerungsgruppen abzufinden, die den Geldverkehr und den Handel in den Städten beherrschten, eine Reaktion, die sich bereits seit dem frühen 14. Jahrhundert vorbereitete, als die durch die christlichen ‚Wiedereroberungen‘ des 13. Jahrhunderts gefährdete Koexistenz der verschiedenen Volksgruppen auf der Halbinsel zu Ende ging.”45 Die Vertreibung der Juden war aber ein so großer finanzieller Aderlaß, dass die Goldzufuhren aus den eroberten Gebieten Südamerikas nötig waren, um ihn auszugleichen. Die Grabinschrift Ferdinands weist allerdings auch einen religiösen Alleinvertretungsanspruch hin, der absolut intolerant ist: „Die Vernichter der Mohammedanischen Sekte und Auslöscher der ketzerischen Falschheit, Fernando von Aragón und Isabella von Kastilien Gemahl und Gemahlin, allerseits die Katholischen geheißen, umschließt dieses marmorne Grab.“ 46

Die Conversos waren als Wirtschaftsfaktor nicht zu unterschätzen. So waren es Luis de Santangel und Gabriel Sánchez, die die erste Reise von Columbus finanzierten. Möglicherweise stammte Columbus aus einer Familie von Conversos. Ökonomisch waren die Conversos besonders in Aragonien präsent – sie besetzten die fünf bedeutendsten Posten im Königreich am Ende des 15. Jahrhunderts.

Die Mauren nach 1492

Nach der Kapitulation von Granada wurde den Mauren zugesichert (von Ferdinand uns Isabella), dass sie die muslimische Religion unbehindert ausüben können.1499 wandte sich Kaardinal Ximénez davon ab, indem er dazu überging, die maurische Bevölkerung zur Übernahme des christlichen Glaubens zu zwingen. Am 18. Dezember 1499 ließen sich 3.000 Muslime von ihm taufen. Eine der großen Moscheen in Granada wurde in eine christliche Kirche umgewandelt.Danach kam es zu einem Aufstand in Granada.47 Die Regierung war mit der Vorgehensweise des katholischen Kardinals einverstanden, es kam zu Massentaufen in Granada. Die Bewohner bevorzugten dies gegenüber der Deportation nach Afrika. Durch die Eile fand eine religiöse Unterweisung kaum statt. Die Unangepassten flohen in die Berge und leisteten bewaffneten Widerstand. Dieser Aufstand wurde niedergeschlagen. 1501 wurde behauptet, das Königreich Granada sei ein Reich der christlichen Mauren – Moriscos genannt- geworden. 1502 ließ Königin Isabella einen Befehl, der den in Kastilien weilenden Mauren die Wahl zwischen Taufe und Vertreibung ließ. Die Mehrheit- Mudéjares – ließ sich taufen. Eine Auswanderung wurde unmöglich gemacht. Die Situation der Morisken war in Valencia besonders schlimm – sie bildeten ein ländliches Proletariat. Ihre einzige Einnahmequelle war die Landbestellung- Geistliche, Soldaten, Ärzte, Rechtsanwälte und Steuereinnehmer durften sie nicht werden. Vergleichbar war die Situation mit der der Schwarzen in den Südstaaten der Vereinigten Staaten. 1526 gelang es den Moriscos nach einer Reihe Autos de fe (Verbrennungen), mit dem König und dem Großinquisitor einen geheimen Vertrag abzuschließen, daß sie (die moriscos) vierzig Jahre vor Verfolgung geschützt seien, falls sie sich der Zwangstaufe unterzögen. Die Vereinbarung wurde zwei Jahre später bekannt gegeben. Besonders wirksam war das nicht. Die Inquisition legte das so aus, dass sie in maurische Sitten zurückkehrenden Bekehrten den Prozess machen dürfe.

1526 wurde der Sitz der Inquisition von Jaén nach Granada verlegt. Neue Verordnungen verboten den Moriscos, arabisch zu sprechen, ihre ursprüngliche Kleidung zu tragen und arabische Namen tragen. Gegen Bezahlung konnten die Moriscos eine Aufhebung dieser Schriften erreichen, die aber nicht sehr wirksam war. 1567 gab es ein neues Edikt,das die Sprache und die Bräuche der Moriscos verbot. Da auch andere kulturelle Eigenarten verboten wurden, kam 1568 eine Revolte im Bergland der Alpujarras aus, der die Heerführer Philipps II. bis 1570 beschäftigte.

In Aragonien wehrten sich die Gutsherren dagegen, dass die Inquisition von den Moriscos Land konfiszierte zum Schaden der feudalen Besitzer. 1571 kam es zu einem Kompromiß, in dem das Tribunal der Inquisition sich bereit erklärte im Gegenzug für 2.500 Dukaten das Eigentum der der Ketzterei angeklagten Moriscos nicht zu konfiszieren und zu beschlagnahmen. Aufatmen konnte die Inquisition wegen geregelter Einnahmen und die Gutsherren, denen Ländereien, die sie an die Moriscos verpachtet hatten, erhalten blieben.48

1596 lebten in Andalusien und Toledo 20.000 Moriscos, deren Einkommen 20.000 Dukaten überstieg. Es existierte eine Angst, die Moriscos könnten die Türken unterstützen, die auch nach dem Seesieg bei Lepanto 1571 nicht überwunden wurde. 1580 entdeckte man in Sevilla eine Verschwörung von Moriscos. Sie wollten eine Invasion von Moriscos unterstützen. 1602 konspirierten die Moriscos mit Heinrich IV. von Frankreich, 1608 waren die Moriscos von Valencia an der Reihe, indem sie sich an die Araber in Marokko um Hilfe wandten. Die Vertreibung der Moriscos von 1609 bis 1614 geschah auf dem Landwege und zur See. Insgesamt waren 275.000 der etwa 300.000 Moriscos in Spanien betroffen. Die Folgen waren katastrophal, vor allem in Valencia. Die Produktion von Weizen und Zuckerrohr nahm ab. Mit den Moriscos verschwand ein Großteil der arbeitenden Landbevölkerung. Der Landadel gewann durch die beschlagnahmten Äcker der Moriscos noch Land hinzu. Der Mittelstand musste Verluste durch den Wegfall der Pacht für das bestellte Land der Moriscos hinnehmen. Der Adel weigerte sich jedoch, den Pachtzins zu zahlen. Die Sparkasse von Valencia ging 1613 bankrott.49 Cervantes rühmte die Vertreibung der Moriscos durch Philipp III. indirekt in einem seiner Stücke, für Kardinal Richelieu war die Tat barbarisch. Die Vertreibung der Moriscos war eine kastilische Lösung. “Rasse” und “Ehre” – limpieza de sangre – hatten sich durchgesetzt.

Die Gründung der Inquisition 1480 beförderte das Prinzip der “Reinheit des Blutes” “limpieza de sangre”. Tausende heimlicher Juden wurden ketzerischer Bräuche bezichtigt und verbrannt. Die Conversos sollten von allen einflußreichen Posten ausgeschlossen werden. 1483 verfügte der militärische Orden von Alcantra, dass alle Abkömmlinge von Juden und Mauren nicht aufgenommen werden. 1501 erließen die katholischen Majestäten zwei Verfügungen, wonach es Kindern durch die Inquisition verbotener Personen verboten war, Ehrenämter zu bekleiden oder eine Reihe renommierter Berufe zu ergreifen.

Viele Spanier waren stolz, Altchristen zu sein. Ein adliger Begriff von Ehre verachtete körperliche Arbeit. Den Juden und Mauren mussten nach dieser Begrifflichkeit mit verachteten Stellungen bedacht werden. Die Juden wurden als gefährliche Minderheit angesehen. Sie galten als reich und begabt. Die Ehre der Religion konnte nach Auffassung von Altchristen nur gehalten werden, wenn der Stammbaum judenfrei war.Andererseits war bis ins 16. Jahrhundert bekannt, dass führende Familien in Aragon und Kastilien von Conversos abstammten. Dem sollte Einhalt geboten werden.50 Das erste Domkapitel war 1511 das von Badajoz, das die limpieza-Vorschrift in die Statuten aufnahm, 1515 folgte das von Sevilla.

Ronda Arena

Stierkampf-Arena von Ronda

Ronda (ca.36.000 Einwohner)

Hier gründete der römische General Scipio Aemilianus 139 vor Christus den Ritterorden “Legio Arundensis”. Damals wurde die Burg Laurus gebaut. Sertorius zerstörte sie und die Stadt im Krieg gegen Pompeius. 45 vor Christus wurde ein Altar gebaut, wo heute die Kirche “Heilige Maria der Fleischwerdung” steht – der Grund war der Sieg des Caesar über die Pompeius-Söhne. Die Muslime eroberten die Stadt 713 – über den Ruinen sollte die neue Stadt Izna- Rand-Onda gebaut werden. Sie wurde zur Hauptstadt von Tacaroma, einem der fünf Bezirke, in die der Süden Andalusiens unterhalb der Provinz Sevilla unterteilt war.

Ronda Park

Park von Ronda

Im 13.Jahrhundert rief der Nasriden-König Mohamed II. – durch das christliche Vorrücken im Süden Spaniens alarmiert- die nordafrikanische Mariniden- Dynastie zu Hilfe. Ronda kam in ihren Einflußbereich. 1295 wurde Ronda wieder unabhängig- kam nach erneutem Einfluss der Mariniden 1340 wieder in den Machtbereich Granadas – bis 1485. Die Stadt erhielt in diesem Jahr das Recht, sich nach eigenen Gesetzen zu regieren. Im 18. Jarhundert spielte die Viehzucht in Ronda eine entscheidend neben dem Bergbau. Wichtig war der Handel mit Gibraltar. Repräsentative Bauten entstanden die “Alte Brücke”, die “Kirche des Beistands”und die “Kirche der heiligen Cecilia.”

1808 bestieg auf Druck Napoleons sein Bruder Joseph Bonaparte den spanischen Thron. Im Februar 1810 marschierten seine Truppen in Ronda ein und blieben zwei Jahre– sie sprengten, als sie abzogen, die Burg und Teile der Stadtmauern. Drei Jahre später erlangte Spanien seine Unabhängigkeit zurück.51

Bekannt war im 19. Jahrhundert auch das andalusische Räuberwesen. El Tempranillo (1805 bis 1833) ist der bekannteste Repräsentant. Er galt als edler Räuber, der sich für die Benachteiligten einsetzte. Angeblich raubte er an einem Morgen bis zu 110 Reisende aus, was wahrscheinlich übertrieben52 ist. Die Eisenbahn wurde 1891 eingeweiht.1909 wird die Sparkasse gegründet. In den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wanderte fast die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung ab.

Bedeutend ist in Ronda die älteste Stierkampfarena überhaupt von 1784. 1785 trat der legendäre Pedro Romero auf. Eigentümer war das “königliche Korps der Ritterschule”, das von König Philipp II. gegründet wurde. Das Bogenwerk der Arena weist 136 toskanische Säulen auf. Das Fassungsvermögen beträgt 5.000 Plätze, der Durchmesser ist 66 Meter. Pedro Romero (1754 bis 1844) tötete fast 6.000 Stiere und war Gründer der rondesischen Schule. Spektakuläre Besucher Rondas waren Orson Welles und Ernest Hemingway. Ein weiterer berühmter Stierkämpfer dieser Zeit war Antonio Ordonez. Beachtlich ist das Stierkampfmuseum in der Arena. Heute sieht man den Stierkampf vom Tierschutzstandpunkt eher kritisch.

Nicht weit von der Arena entfernt ist die Ecclesia Del Socorro, 1709 erbaut. Die aktuelle Kirche wurde 1956 vollendet, Im Giebelfeld der Fassade ist das kaiserliche Wappen zu sehen. Das Kasino an diesem Platz ist im Jugendstil erbaut.53 Besonders markant am Stadtbild ist die Neue Brücke, die 1793 fertig wurde. Die Vorgängerbrücke stürzte 1741 ein. Daneben stehen pittoresk “hängende Häuser” über dem Tajo.

Cadiz Kathedrale

Kathedrale von Cadiz

Cádiz hat heute 123.000 Einwohner. Ein phönizisches Gräberfeld ist im Museu de Cádiz zu besichtigen.Auch die Römer nutzten die Stadt als Nekropole. In der Nähe lag die Stadt Baelo Claudia, 17 Kilometer nordwestlich von Tarifa in Richtung Cádiz. Dort steht heute eine Kopie der Statue des römischen Kaisers Trajan (98 bis 117 nach Christus). Der Ort wurde im 2. Jahrhundert vor Christus gegründet.54 Eine beeindruckende Grünanlage in Cádiz ist der Park Genovés, ein Botanischer Garten aus dem 19. Jahrhundert.55 Der Gartenarchitekt dieses Parkes hieß Gerónimo Genovés i Puig. 1892 wurde die Neugestaltung vorgenommen.

Ein barockes Bauwerk ist die Kathedrale von Cádiz. Der Bau wurde 1772 begonnen und 1838 vollendet. Der Innenraum ist unglaublich groß (85 Meter lang, 60 Meter breit und 52 Meter hoch). Das Chorgestühl ist aus Mahagoniholzwurde schon 1702 gerschnitzt. In der Krypta befindet sich unterhalb des Meeresspiegels das Grab des Komponisten Manuel de Falla. Der östliche Uhrturm kann bestiegen werden.

Jerez de La Fronterea (211.000 Einwohner)

Von 711 bis 1264 war die Stadt in maurischer Hand. Nach der Eroberung durch Alfons X. von Kastilien war Jerez Grenzstadt zwischen christlichem und maurischem Territorium. Die arabische Bezeichnung für die Stadt war Sherrish. Daraus leitete sich die Bezeichnung des Weines “Sherry” ab. Diesem Wein ist ein eigenes Museum gewidmet (das “Misterio de Jerez”), das die Geschichte der Sherryproduktion beleuchtet. Der Alcázar stammt aus der Almohadenzeit (12. Jahrhundert). Im Inneren finden sich Reste arabischer Bäder und eine Moschee.

Malaga

Friedenstaube Malaga

Malaga (570.000 Einwohner)

Die Stadt wurde im 8. Jahrhundert vor Christus von den Phöniziern gegründet. Im 3. Jahrundert vor Christus kam die Stadt in den römischen Machtbereich. Etwas 83 nach Christus bekam die Stadt unter Kaiser Domitian das flavische Stadtrecht. Ein römisches Theater zeugt von dieser Zeit.In der Völkerwanderungszeit gehörte die Stadt zur Provinz Baetica. 616 kam die Stadt von den Oströmern an die Westgoten. 711 ging die Herrschaft an die Mauren über, die die Schlacht gegen die Westgoten bei Jerez gewonnen hatten.

Hier wurde 1881 Pablo Picasso geboren, genau genommen am 15. Oktober in der Plaza de la Merced Nr.15. Es folgten noch zwei jüngere Schwestern.- Sein Vater war Lehrer für Malerei an der städtischen Kunstschule, seine Mutter stammte aus einer Künstlerfamilie. Die Stadt trug lange Zeit den Namen “Perle des Mittelmeeres”. Landwirtschaftliche Produkte waren vor allem Wein und Obst. Die Industrialisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachte vor allem Textilproduktion und Hochöfen für die Erzeugung von Roheisen.56 10 Jahre nach seiner Geburt verließ Picassos Familie Malaga und zog nach A Coruna. 1895 siedelte die Familie nach Barcelona über. Pablo besuchte Malaga zum letzten mal 1900 – er besuchte seinen Freund Carlos Casagemas. Frühe Themen seiner Malerei waren der Taubensport und der Stierkampf, den er in der Arena La Malagueta kennen gelernt hatte. Selbst in “Guernica”, seinem Bild von 1937, ist ein Stier zu finden. Sein Vater war ein leidenschaftlicher Taubenzüchter. Das Interesse an diesem Vogel übernahm Pablo.

Unweit der Stadt liegt der Ausgangspunkt der Reise

Torremolinos

Torremolinos

Torremolinos (68.000 Einwohner)

Hier beginnt die klassische Costa del Sol. In den 70er Jahren des vergangenen Jarhunderts wurde eine klassische Ferienstadt aus dem Boden gestampft. In der Hochsaison sind hier Zehntausende Urlauber. Ältere Stadttteile sind La Carihuela (Fischersiedlung) und El Bajondillo (typisches andalusisches Dorf). In den Botanischen Garten ist eine Museumsmühle einbezogen.57 Torremolinos‘ Mühlengebäude erreichte Berühmtheit dadurch, dass 1926 König Alphons XIII. und seine Frau Victoria Eugenia hier übernachteten.

El Cid eigentlich Rodrigo Diaz de Vivar (1045 oder 1050 bis 1099)

Er war der Sohn eines kastilischen Kleinadligen. Das Dorf Vivar al Cid liegt in der Nähe von Burgos. Belegt ist der Geburtsort nicht. Die Bezeichnung Meo Cidi (Mein Herr) taucht erst 50 Jahre nach seinem Tod auf. Er war der Gefolgsmann König Sanchos II. von Kastilien und königlicher Bannerträger. Sancho wurde 1072 während der Belagerung Zamoras ermordet.

Das Zerwürfnis mit dem kastilischen König rührte daher, dass sich Rodrigo Diaz 1072 weigerte, Alfonds VI. den Treueeid zu leisten, es sei denn, der König würde dreimal auf die Bibel schwören, dass er nicht an der Ermordung seines Bruders Sancho beteiligt gewesen sei. Die Historizität ist umstritten.

Nach der schweren Niederlage der nordspanischen Christenreiche gegen das Heer der berberischen Almoraviden unter Yusuf ibn Taschfin in der Schlacht bei Sakkala (Zallaqa) kam es ab 1086 zur zeitweiligen Annäherung zwischen dem Cid und Alfons VI. von Kastilien und Leon, der ein Jahr vorher Toledo eingenommen hatte. Alfons VI. hatte Rodrigo aus Kastilien verbannt. Dieser fand Asyl bei dem maurischen Herrscher von Saragossa, Al Mutamin.58 Hier wird schon klar, dass es einen klaren Kampf Christen gegen Muslime nie gab, sondern wechselnde Bündnisse wurden geschlossen. “Spanien war Ende des 11. Jahrhunderts ein unglückliches, zerrissenes Land. Im Norden kämpften die christlichen Königreiche Kastilien, Aragón und Navarra gegeneinander. Im Süden, „al-Andalus“ genannt, hielten es die arabischen Emirate von Granada, Toledo, Valencia, Cordoba und Saragossa nicht anders. Jeder kämpfte gegen jeden, nicht nur Mauren gegen Christen, wie häufig angenommen wird.”59 Nicht selten kämpften christliche Ritter für muslimische Potentaten, die gut zahlten. Ein anderer kämpfte für die Muslime, weil er in die Verbannung geschickt worden war, so Graf García Gómez von Carrión. Er fiel in Diensten Sanchuelos, des Kämmerers des Kalifats von Cordoba. Ende des 12.Jahrhunderts kämpfte Pedro Fernández de Castro für die Almohaden. 1194 traf er eine Übereinkunft mit ihnen und kämpfte für sie 1195 in der Schlacht bei Alarcos, in der Alfons VIII. von Kastilien geschlagen wurde.60

Der arabische Historiker Ibn als Hatib(1313 bis 1374), der die Ereignisse um El Cid beschreibt, meinte über ihn: “In seiner Gegenwart soll man auch islamische Werke erörtert und Biographien berühmter Araber vorgelesen haben; …”61

Etwa ab dieser Zeit übernahm Rodrigo nach jahrelanger Belagerung das formal mit Kastilien verbündete maurische Fürstentum Valencia. Ab 1089/90 wurde es zum Bollwerk gegen die anstürmenden almoravidischen Kräfte. 1092 wurde Valencia vorübergehend von almoravidischen Truppen besetzt, Rodrigo nahm die Stadt am 15. Juni 1094 ein und schlug das Entsatzheer der Almoraviden kurze Zeit später in der Schlacht von Cuarte. Er stützte sich auf die anti-almoravidische Partei unter den muslimischen Stadtbewohnern sowie die kleinere Gruppe der Mozaraber. Er beherrschte das Königreich bis zu seinem Tod am 10. Juli 1099 als oberster Richter und Herr. Dabei gelang ihm zunächst noch die erfolgreiche Verteidigung gegen die vorrückenden Almoraviden, die er 1097 unter Mithilfe von König Peter I. von Aragonien in der Schlacht bei Bairen nochmals schlug. Die Siege von Cuarte und Bairen errang Rodrigo ohne Billigung des Königs. Die Almoraviden waren nicht unbesiegbar – das bewies Rodrigo.

Rodrigos Sieg für die Christen war nicht von Dauer. Schon wenige Jahre nach seinem Tod wurde die Stadt endgültig von den Almoraviden beherrscht.

Der Stoff des Cid fand schon frühzeitig literarische Beachtung. Eine bedeutende Bearbeitung des Stoffes vollbrachte Pierre Corneille (1606 bis 1684) 1636/1637. Liebe und Ehre stehen sich in dem Stück gegenüber. Die Junge Adelige Chimene liebt Rodrigo wie die Infantin. Einer Ehe steht zunächst nichts im Wege. Rodrigo tötet den Vater von Chimene, Don Gomez, als Reaktion auf eine Beleidigung seines Vaters Diego. Aus Gründen der Ehre verlangt Chimene gegenüber dem König die Bestrafung des Mörders. Um der Ehre seines Vaters willen steht Rodrigo zu seiner Tat. Dieser weist Rodrigo an, Sevilla gegenüber den anstürmenden Mauren zu verteidigen. Rodrigo erweist sich als großer Held und erringt einen überwältigenden Sieg – zwei Könige der Mauren werden gefangen genommen. Don Ferdinand heißt der spanische König in dem Stück. Er verleiht ihm den Ehrennamen El Cid (der Herr). Durch seinen kühnen Sieg sieht er Rodrigos Schuld gegenüber Gomez gesühnt. Chimenes Ehrenbegriff läßt nicht locker – auch jetzt will sie noch Rache für den Mord an ihrem Vater. Der König vermittelt einen Zweikampf zwischen Rodrigo und Don Sancho. Auch er liebt Chimene. Dem Sieger winkt die Ehe mit Chimene. Rodrigo gewinnt und schont den Gegner. Er läßt den König beschließen, was er tun soll. Don Ferdinand möchte, dass er erneut gegen die Mauren zu Felde zieht. Seine Worte beschließen das Drama: “Auf deinen Muth hoff‘ und auf mein Versprechen. Da der Geliebten Herz dein, überlaß Ihre Bedenken zu zerstreu’n der Zeit und deiner Tapferkeit und deinem König!”

Die unmittelbare Quelle des Stückes ist “Mocedades der Cid” von Guillém de Castro. Corneille war der Begründer des klassischen französischen Dramas. Dominant ist das Primat der Ehre, somit wirkt ein Ehrenmord aus Beleidigung zündend. Mit Pathos begründen die Personen ihre Handlungen.62 Die positive Darstellung eines Duells unter Männern gefiel Kardinal Richelieu, der dies kurz vorher verboten hatte, nicht.

Zusammenfassung

Kommen wir abschließend auf wirtschaftliche Entwicklungen zu sprechen. Der Ackerbau erfährt nach der islamischen Eroberung starke Förderung durch den Bau von Entwässerungsanlagen. Aus dieser Zeit stammen die andalusischen Gärten, “huertas” genannt und durch Schöpfräder bewässerte Kulturen an den großen Flüssen, die “norias”. In den Bergwerken wurden Silber, in geringem Umfang Gold sowie Eisen, Zinn und Quecksilber gefördert. Zudem gab es Edelsteinbrüche und Korallenfischereien. Neben Cordoba, dem Sitz der Großen Moschee bringt der Handel das Wachstum großer Häfen mit sich. So mausert sich Alméria an der Südostküste zum Zentrum. Mitte des 10. Jahrhunderts entstand hier die Seerepublik Pechina.63

Auf den Herrscher von Al Andalus, Emir genannt – was Kommandant und Gouverneur bedeutet- folgte im 10. Jahrhundet der Kalif Abd ar-Rahman III., der sich durch diesen Titel von der Fatimiden-Dynastie im Maghreb abgrenzte. Überragende Bedeutung nahm in Al Andalus der Kämmerer, “hagib” genannt – einer, der eigentlich zur Dienerschaft des Herrschers gehörte. Er konnte unter einem schwachen Herrscher zu großer Bedeutung heranwachsen. Ein bedeutender “hagib” war Almansor (auch Al Mansur- 971 -1002), der am Ende des 10. Jahrhunderts der eigentliche Herrscher im Kalifat von Cordóba war. Vergleichbar ist er mit den karolongischen Hausmeiern, die im 8. Jahrhundert nach Christus die eigentliche Macht im Merowingerreich innehatten. 1031 traten die Omajaden ab, es kam zur Errichtung kleineren Herrschaften, Regionalkönigtümer oder Taifas. Sevilla, Granada und Valencia blühten auf. Die einen strengen Islam praktizierenden Almoraviden herrschten in Al Andalus von 1046 bis 1147. Die Eroberung Marrakeschs 1147 durch die Almohaden beendete die Dynastie. Die Schlacht von Las Navas de Tolosa ist nach der gleichnamigen Burg im Norden der heutigen spanischen Provinz Jaén benannt. Hier besiegte im Juli 1212 ein Bündnis der christlichenn Königreiche Kastilien, Aragón, Portugal und Navarra unter Führung von König Alfons VIII. von Kastilien die Almohaden unter Kalif Muhammad an-Nasir. Eine arabische Chronik beschreibt stellvertretend für viele Schlachten die schrecklichen Ergebnisse der Schlacht: “Da gab es so viele Tote, daß man vor lauter Leichen nicht vorwärts konnte und wenn jemals die Mauren den Christen Schmach zugefügt hatten, so wurde es ihnen an diesem Tag gehörig vergolten.”64 Dadurch war die Almohadenherrschaft langfristig geschwächt, so daß sich schon im 13. Jahrhundert der Sieg der christlichen Rückeroberer andeutete.

Die Einkünfte im Kalifat von Cordóba waren wahrscheinlich höher als die gesamten Staatseinkünfte der lateinischen Christen und waren einer guten Organisation von Ackerbau, Handel undd Gewerbe geschuldet.65 Die volle Kultfreiheit wurde den nichtmuslimischen Religionen zugestanden. Die von den Westgoten unterdrückten Juden standen der muslimischen Eroberung teilweise positiv gegenüber. Manchen Christen gelang der Aufstieg, Mischehen zwischen Muslimen und Christen waren möglich. Die Kirche war allerdings nicht frei, ihr Grundbesitz war größtenteils eingezogen worden. Bei den Kampfhandlungen wurden viele Kirchen zerstört, ein Neubau war untersagt. Kritik von muslimischen Theologen an christlichen Dogmen war möglich, für Christen war es besser, zu schweigen.

Im 14. Jahrhundert wirkte der Islam anziehend auf Christen. Muslime gab es in dieser Zeit in Granada etwa 200.000, fast nur zum Islam bekehrte ehemalige Christen, eine Zeichen, dass muslimische Herrscher als toleranter eingestuft wurden. Toleranz, wie sie heute in westlichen Demokratien üblich ist, gab es in al-Andalus allerdings nicht. Ein Eroberungskrieg von Mauren war nicht selten. Ihre Herrschaft war milder, sowie kulturell und wirtschaftlich höher entwickelt als im christlichen Europa. Letztendlich ersetzte eine katholische Tyrannei die maurische Herrschaft. Juden, Marranen (zum Christentum konvertierte Juden) wurden vertrieben und verfolgt. Die Vertreibung von 300.000 Mauren aus Spanien war ein gigantisches wirtschaftliches Desaster. Der Geist und die Realität der Inquisition schufen eine bleierne Zeit, die der Marqués von Gondomar in einem Brief an Philipp III. im Jahre 1619 folgendermaßen beschrieb:” Die Entvölkerung, die Armut, das Elend des heutigen Spanien sind derart, dass die Fremden berichten, das Reisen sei schwieriger und unbequemer als in irgendeinem verlassenen Land Europas, denn es gebe weder Betten, noch Herbergen, noch Mahlzeiten, und das infolge der zahlreichen Steuern und Bedrückungen, die auf Ihren Untertanen lasten… In Spanien leisten mehr als fünf Personen auf sechs nichts für den Handel und die Erhaltung des menschlichen Lebens, während in England und in Holland auf hundert Menschen nicht einer müßig geht. Die aus Amerika gekommenen Schätze haben Verheerungen zur Folge gehabt, das Land zugrunde gerichtet und die Arbeit getötet.”66 Die vielen Vertreibungen haben das Land ruiniert.

1Léon Poliakov, Geschichte des Antisemitismus, Bd. III. Religiöse und soziale Toleranz unter dem Islam, Worms 1979, S. 87

2Editorial Fisa Escudo de oro (Hrsg.), Moschee-Kathedrale von Córdoba, o.O. o.J.

4Vg. Hermann Schreiber, Halbmond über Granada. Acht Jahrhunderte maurischer Herrschaft in Spanien, Bergisch Gladbach 1980, S. 121 f.

5Ebd., S.123

6Béatrice Leroy, Die Sephardim. Geschichte des iberischen Judentums, Frankfurt am Main 1991, S. 28

8Beatrice Léroy, a.a.O., S.30 f.

9Léon Poliakov, a.a.O., S. 92

10Schreiber, a.a.O., S. 185

11Ebd., S. 188

12Vgl. Hermann Schreiber, a.a.O., S. 198

13Editorial Fisa Escudo de oro (Hrsg.), Moschee-Kathedrale von Córdoba, o.O. o.J., S. 10

15Derek W. Lomax, Die Reconquista. Die Wiedereroberung Spaniens durch das Christentum, München 1978, S.244

16Derek W. Lomax, Die Reconquista. Die Wiedereroberung Spaniens durch das Christentum, München 1978, S.281

17Ebd., S. 108 f.

18 Ebd., S. 112

20 Léon Poliakov, Geschichte des Antisemitismus -IV. Die Marranen im Schatten der Inquisition, Worms 1981, S. 10

21Ebd.

22Ebd., S. 12

23Vgl. ebd. S. 13

24Ebd., S. 14

25Béatrice Leroy, a.a.O, S. 83 f., Dichtung übersetzt von Frederica Pauli – Übersetzerin dieses Buches ins Deutsche

26Ebd., S. 85

27Ebd. S. 86

28Heinrich Graetz, Volkstümliche Geschichte der Juden – Bd. II, Köln 2000, S. 318 f.

29Vgl ebd., S. 320 f.

30Vgl ebd., S. 324 f.

31Ebd., S. 328

34Léon Poliakov, Religiöse und soziale Toleranz unter denm Islam, a.a.O. S. 93 f.

35Ebd., S. 95

37Vgl. Aurelio Cid Acedo, Die Alhambra -Aus der Nähe betrachtet, Granada o.J., S. 21

38Vgl. Lomax, a.a.O., S. 263

39Rosa Yassin Hassan, Wächter der Lüfte, Köln 2016, S. 297 ff.

40Henry Kamen, Die spanische Inquisition. Verfolgung und Vertreibung, München 1980, S. 24

41Béatrice Leroy, a.a.O., S. 98

42Vgl. Henry Kamen, a.a.O., S. 10

43Vgl. Henry Kamen, a.a.O. S. 29

44Ebd., S. 30

45Ebd., S. 13

47Vgl. Henry Kamen, a.a.O., S. 110 f.

48Vgl. Henry Kamen, a.a.O., S. 115

49Ebd. S. 119 f.

50Vgl. Henry Kamen, a.a.O. S. 124

53José Páez Carrascosa, Ronda aus der Nähe betrachtet, Ronda o.J., S.68 f.

55Oliver Breda, Susanne Lipps, Andalusien, Ostfildern 2017, S. 198 ff.

56Vgl. Francoise Docquiert, Museo Pablo Picasso Málaga, Malaga 2018, S. 6

57Vgl. Ebd., S. 110 f.

59Vgl. Spaniens Ritter, den die Mauren „El Cid“ nannten, in: Die Welt vom 9.1.2016

61Hermann Schreiber, a.a.O., S. 288

62Vgl. Wikipedi Le Cid

Otto Zur Nedden und Karl Ruppel (Hrsg.), Reclams Schauspielführer, Stuttgart 1968 (10.Auflage), S. 185 f.

63Claude Cahen (Hrsg,), Weltbild Weltgeschichte Band 14, Der Islam I – Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches, Augsburg 1998, S. 233

64Vgl. Hermann Schreiber, a.a.O., S. 301

66Ebd.


Die Kreuzzüge, lange vorbei und doch aktuell

Amin Maalouf, Der Heilige Krieg der Barbaren. Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003, 300 Seiten, 12,50 Euro

Hans Wollschläger, Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem, Diogenes Verlag, Zürich 1973, 254 Seiten

Hans-Jürgen Kotzur (Hrsg.): Kein Krieg ist heilig – Die Kreuzzüge, Mainz 2004

Steven Runciman, Geschichte der Kreuzzüge, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003 (4.Auflage),  1338 Seiten, 24,50 Euro

Als Ausgangspunkt des permanenten Kreuzzugsgeistes, der christliche wie islamische Politiker durchdringt, nimmt der Autor Maalouf, ein arabischer Christ aus dem Libanon, die Aussage von George W. Bush nach dem 11. September 2001, wonach ein „Kreuzzug“ gegen den Terrorismus nötig sei. umgekehrt bezeichnen Islamisten Amerikaner und Westeuropäer als „Kreuzritter“, die man mit allen Mitteln bekämpfen müsse. Die „barbarischen Invasoren“ erschreckten die Araber zweihundert Jahre (1096 bis 1291) bis ins Mark. Die erste Schilderung widmet der Autor der Eroberung Jerusalems am 15. Juli 1099, als die Franken nach einer vierundvierzigtägigen Belagerung in die Stadt eindringen. Überlebende Flüchtlinge berichten in Bagdad von den Massakern der Christen, die Zehntausende Moslems hinschlachteten, die Juden in ihrer Synagoge verbrannten und kaum einen entfliehen ließen. 

Wie war es zu diesem ersten Kreuzzug gekommen, der für die Einwohner Jerusalems so tödlich endete? Die christlichen Pilger fühlten sich im heiligen Land nicht mehr sicher. Der byzantinische Kaiser Alexios schilderte 1088 dem Grafen Robert von Flandern eine Reihe von Scheußlichkeiten der Seldschuken, mit denen sich christliche Pilger herumschlagen mussten. Ende 1095 rief Papst Urban II. zum Kreuzzug auf. Wer mitzuziehen bereit war, dem wurde vollständige Sündenvergebung in Aussicht gestellt. Wählerisch war der Papst nicht: “ Mögen denn alle, die früher nur Räuber waren, nun Christi Soldaten werden; möge, wer Söldling sonst war um nur geringen Lohn, jetzt die ew’ge Belohnung gewinnen … Hier werden die Traurigen sein, die Armen, dort aber die Fröhlichen, Reichen; hier Gottes Feinde, dort aber seine Freunde …“ „Gott will es!“ war danach der Schlachtruf des Konzils. Ein leuchtendes Kreuz hefteten sich die Versammelten auf die rechte Schulter. Bald danach erschienen Excitatoria, bebilderte Agitationsschriften für Alphabeten und Analphabeten. Als erstes traf es eine Gruppe der Ungläubigen, die es schon häufig erwischt hatte, die Juden. „Es war dieses Jahr aber ein Jahr der Trübsal für die Kinder Jakobs, und sie wurden zum Raube gegeben in den Landen der Unbeschnittenen und in allen Städten, dahin sie zerstreut waren worden. Und es kam über sie viel Elend und Verwüstung, wie sie geschrieben stehen im Gesetz Moses und nicht können beschrieben werden in einem Buch.“ So fasst die Zustände Ekkehard von Aura in einem Bericht zusammen. Die Kreuzzugsbewegung war insofern erfolgreich, als dass eine regelmäßige bewaffnete Wallfahrt nach Jerusalem vom Ende des 11. Jahrhunderts bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts zum Standardkrieg des Hochmittelalters wurde. Fassen wir die sieben Kreuzzüge kurz zusammen 

Der Erste Kreuzzug (1096 bis 1099)

Ausgehend von den Heilsversprechen Papst Urban II. setzte sich ein riesiges Heer abendländischer Kreuzfahrer in Bewegung, das nach der siegreichen Schlacht gegen die seldschukische Hauptarmee von Dorylaeum 1097 ein Jahr später 1098 die Grafschaft Edessa und das Fürstentum Antiochia als die ersten beiden Kreuzfahrerstaaten errichten konnte. Trauriger Höhepunkt vor der Eroberung Jerusalems sind die Vorgänge in der syrischen Stadt Maara im Dezember 1098. Der Geschichtsschreiber Raoul de Caen berichtet darüber: „In Maara kochten unsere Leute die erwachsenen Heiden in Kesseln, zogen die Kinder auf Spieße und aßen sie geröstet.“ Der Geschichtsschreiber Ussama Ibn Munqidh meint dazu später: „Alle, die nach dem Wesen der Franken geforscht haben, mussten feststellen, dass sie Tiere sind, die uns zwar an Mut und Kampfkraft überlegen sind, aber sonst nicht, eben wie uns die Tiere nur durch ihre Kraft und ihre Angriffslust überlegen sind.“ Nach Darstellung der Anführer der Kreuzfahrer war eine Hungersnot der Grund für den Kannibalismus. Andererseits gab es „fanatische Banden“[1], die lauthals im Gebiet um Maara verkündeten, dass sie Sarazenenfleisch essen. Ein anderer Geschichtsschreiber stellt sogar fest: „Nicht nur, dass die Unseren es nicht verabscheuten, die getöteten Türken und Sarazenen zu essen, sie aßen sogar die Hunde!“[2] Im Juli 1099 können sich die Kreuzfahrer nach einem unermesslichen Blutbad an Juden und Muslims in Jerusalem durchsetzen. Gottfried von Boullion, der Herzog von Niederlothringen, wird zum „Vogt des Heiligen Grabes“ gewählt. Wenig später wird das Königreich Jerusalem gegründet.  

Ein weiterer Erfolg der Kreuzzugsbewegung war 1109 die Gründung der Grafschaft Tripolis. Die Stadt war zweitausend Tage belagert worden war. Die Wiedereroberung von Edessa 1144 durch Zinki, den Herrn von Aleppo, ist nicht die erste große Niederlage der Kreuzfahrer. Schon 1119 müssen die Franken sich bei Sarmada von Ilghazi von Aleppo vernichtend geschlagen geben. Da sich das Abendland dies nicht gefallen ließ, folgte kurz darauf der

Zweite Kreuzzug (1147 bis 1149)

Kurz zuvor hatte Bernhard von Clairvaux 1146 in Speyer eine Kreuzzugspredigt gehalten: „Was tut Ihr, tapfere Männer? Was tut Ihr, Diener des Kreuzes? So wollt Ihr das Heiligtum den Hunden und die Perlen den Säuen geben? Wie viele Sünder haben dort ihre Sünden mit Tränen gebeichtet und Verzeihung erlangt, seit das Schwert der Väter den Heidenunrat hinausgeworfen hat? Der Böse sieht das und schaut scheel darauf; er knirscht mit den Zähnen und erbleicht; er rührt die Gefäße seiner Bosheit und wird gewiss weder Zeichen noch Spur von soviel Frömmigkeit übriglassen, wenn er jemals – was Gott verhüte – stark genug wird, jenes Allerheiligste zu gewinnen. Das wäre dann für alle künftigen Zeiten ein unheilbarer Schmerz und unersetzlicher Schaden; für dies Geschlecht aber, dies ganz unfromme, wäre es unendliche Scham und allewiger Vorwurf.- Weil Euer Land an tapferen Männern fruchtbar ist und kräftig durch die Fülle seiner Jugend – wie denn durch alle Welt Euer Preis geht und der Ruhm Eures Heldentums die ganze Erde erfüllt hat- , so gürtet auch Ihr Euch mannhaft und ergreift die glücklichen Waffen im Eifer für Christi Namen. … Du tapferer Ritter, du Mann des Kriegs, jetzt hast du eine Fehde ohne Gefahr, wo der Sieg Ruhm bringt und der Tod Gewinn. Bist du ein kluger Kaufmann, ein Mann des Erwerbs in dieser Welt –einen großen Markt sage ich Dir an; sieh zu, dass er Dir nicht entgeht. Nimm Kreuzeszeichen, und für Alles, was du reuigen Herzensbeichtest, wirst Du einen Ablass erlangen. Die Ware ist billig, wenn man sie kauft; und wenn man fromm für sie bezahlt, ist sie ohne Zweifel das Reich Gottes wert.“ 

Nicht zum ersten Mal waren die Juden die Leidtragenden von so viel religiöser Inbrunst. Im Sommer 1146 agierte ein fanatischer Zisterzienser Radulf: „Auf, übet die Rache unseres Herrn an seinen Feinden, so unter uns sind; danach dann wollen wir hinabziehen gen Jerusalem!“ In Köln wurde der Rabbiner erschlagen. Geldzahlungen ersparte den Juden hier Schlimmeres. Zu Gräueln kam es in Speyer, Mainz, Worms, Bacharach, Würzburg und Aschaffenburg. Besonders schlimm traf es die Würzburger Gemeinde, die sich nicht rechtzeitig an befestigten Orten in Sicherheit bringen konnte. Am 24. Februar 1147 kulminierte das Geschehen. Die Lüge, dass im Fluss Main der wundertätige Leichnam eines Christen gefunden wurde, heizte die Stimmung an. Kreuzfahrer und örtlicher Pöbel taten sich zusammen, um Pogrome in die Wege zu leiten. Zu Pogromen kam es auch in der Normandie. Führende Persönlichkeiten dieses Kreuzzuges waren der Staufer Konrad III.,  Ludwig VII. von Frankreich und Roger II. von Sizilien. Das Bündnis scheiterte nicht nur an seiner inneren Zerrissenheit, sondern auch wegen der nur gemäßigten Unterstützung durch das Byzantinische Kaiserreich. 

Die Lage der Kreuzfahrerstaaten wurde im 12. Jahrhundert immer schlechter, vor allem als Sultan Saladin das Kreuzfahrerheer 1187 bei Hattin vernichtend geschlagen hatte. Nachdem ihm auch andere Städte und zum Schluss Jerusalem in die Hände fällt (2. Oktober 1187) , erweist er sich als großzügiger Sieger und lässt die Fürsten für Lösegeld abziehen, arme Gefangene können ohne Lösegeld gehen, fränkische Witwen und Waisen wurden sogar beschenkt, bevor sie gehen durften. Der Patriarch schleppte Schätze in erheblichem Umfang fort. Saladin rechtfertigte sein Verhalten mit den Worten:“ Wir müssen die von uns unterzeichneten Verträge wortgetreu einhalten, so wird niemand die Gläubigen beschuldigen können, sie gebrochen zu haben. Ganz im Gegenteil, die Christen werden überall erzählen, mit welchen Wohltaten wir sie überschüttet haben.“[3]  Die Großzügigkeit Saladins ließ ihn nach seinem Tod 1193 als einen „der größten, achtbaren Herrscher der mittelalterlichen Geschichte“[4] erscheinen. Das sich das Abendland noch nicht damit abfinden konnte, dass die Staaten in Outremer auf Dauer nicht zu halten waren, entstand daraus der 

Dritte Kreuzzug (1189 bis 1192)

Hervor tat sich hier besonders Friedrich Barbarossa, dessen Kaiserpfalz in Gelnhausen einen Einblick in staufische Architektur gibt. Er war nicht allein, sondern auch der französische König Philipp II. August und der englische Monarch Richard Löwenherz ließen sich vom Ziel der Rückeroberung der heiligen Stätten zu einem erneuten Abenteuer hinreißen. Aber nicht sah man „zur Rechten wie zur Linken … einen halben Türken heruntersinken“, wie Ludwig Uhland in seinem Gedicht schreibt, sondern Barbarossa versank in Gänze 1190 im Fluss Salef in der Türkei und trug damit dazu bei, dass lediglich die beiden anderen Monarchen ein Jahr darauf Akkon erobern konnten. Ein Tendenz zur beiderseitigen Nutzung Jerusalems konnte Richard Löwenherz 1192 erreichen, als für Christen Jerusalem zu Pilgerbesuchen geöffnet wurde. 

Bedurfte es noch eines Beweises, dass es bei den Kreuzzügen nicht nur um eine Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam ging, dann war es der Vierte Kreuzzug von 1202 bis 1204, als die christlichen Kreuzfahrer das griechische Byzanz eroberten. Es entsteht ein lateinisches Kaiserreich anstelle der griechischen Herrschaft. 

Weiterführen wird die Tendenz, dass Heiligkeit teilbar ist, die Richard Löwenherz 1192 begonnen hatte, der deutsche Staufenkaiser Friedrich II., der 1229 einen zehnjährigen Waffenstillstand mit dem ägyptischen Sultan Al Kamil aushandelte, in dem der friedliche Zugang der heiligen Stätten für die Christenheit zehn Jahre lang garantiert wurde.1229 ließ sich Friedrich II. auch zum König von Jerusalem  krönen. Ein Jahr später konnte er den  päpstlichen Bann lösen. Kurz vor seinem Tode bedachte Friedrich II. das Heilige Land mit 100.000 Goldunzen. Der päpstliche Bann hatte Friedrich 1227 getroffen, als er sein Kreuzzugsgelübde wegen fiebriger Erkrankung nicht einhalten konnte. 

Wie  wird man König von Jerusalem? Friedrich II. beschreibt seine Begegnung mit Isabel von Brienne, durch deren Heirat er 1225 das Königreich gewann. Der König schreibt darüber: „Ich deflorierte Isabella Brienne ohne Lust. Occursius hatte sie nach Art der Chirurgen nur so weit aufgedeckt, wie zur ungehinderten Erledigung dieses Staatsgeschäfts nötig war. Ihm war dabei bewusst gewesen, dass der Anblick des total entblößten Kinderkörpers dieser Dreizehnjährigen bei mir mit Sicherheit eine Erektion verhindern würde.“[5]   

Noch einmal will Friedrich II. 1244 für mehrere Jahre ins Heilige Land ziehen, als Jerusalem den Kreuzfahrern wieder entrissen wird. Danach wird zum zweiten Mal der Bann vom Papst Innozenz IV. aufgehoben. Wer sich für das Leben dieses Renaissance-Menschen und Tierliebhabers, der seiner Zeit voraus war, interessiert, dem sei das zitierte werk von Horst Stern empfohlen. 

Vorausgegangen waren den Taten Friedrichs II. die Ereignisse von 1217 bis 1221, die gemeinhin als der Fünfte Kreuzzug gelten. Belagert von den Kreuzfahrern wurde zunächst der ägyptische Seehafen Damiette. 1221 werden die Kreuzfahrer bei Mansura geschlagen und Damiette muß aufgegeben werden. 

Immer hoffnungslose Versuche unternimmt noch der französische König Ludwig IX. 1248 bis 1254 im Sechsten Kreuzzug. Schon wieder werden die Kreuzfahrer bei Mansura 1250 in Ägypten geschlagen. Sein letztes Unternehmen endet 1270 als Siebter Kreuzzug mit seinem Tod.  

Werfen wir noch einige Blicke auf die Kreuzzüge, die außerhalb der „regulären Kreuzzüge“ liefen.

Im Jahre 1147 gab es einen Kreuzzug gegen die heidnischen Wenden, Slawen, die östlich der Elbe lebten und vollständig unterworfen werden sollten. Er endete mit Scheintaufen und Tributzahlungen. Einen dauerhaften Erfolg hatte das Unternehmen nicht.  

Die Bewegung der Katharer verbreitete sich in der Mitte des 12. Jahrhunderts in Südfrankreich. Ihre Agitation richtete sich gegen die Kirche, die sie eine Hure bezeichneten. Sie nannten sich „gute Menschen“ oder „bonshommes“. Später wurden sie als Reine oder „Katharer“ bezeichnet. Vom Standpunkt ihrer Gegner aus stellte sich ihre Lehre so dar: „Sie alle, Glieder des Antichrists, Erstgeborene des Satans, schlechte Saat, Verbrecher, heuchlerische Lügner, Verführer schlichter Herzen, hatten mit dem Gift ihrer Perdfidie fast die ganze Provinz Narbonne verseucht. Sie sagten, die römische Kirche gleiche einer Räuberhöhle und jener berüchtigten Hure, von welcher in der Offenbarung die Rede ist. Die Sakramente der Kirche hielten sie für nichtig und lehrten in der Öffentlichkeit, das Wasser der Taufe würde sich keineswegs vom fließenden Wasser unterscheiden und die Eucharistie keineswegs vom Brot für den profanen Gebrauch.“[6] Die Katharer wurden in den sogenannten Albigenserkriegen (1209 bis 1229) niedergeworfen. Die Bewegung wurde ausgerottet. 1233 nahm dann die Inquisition ihre Tätigkeit auf. 

1212 begann der sogenannte Kinderkreuzzug. In der Kölner Königschronik

steht dazu: „In diesem Jahr bezeichneten sich aus ganz Frankreich und Deutschland Knaben verschiedenen Alters und Standes mit dem Kreuz und Erklärten, es sei ihnen von Gott aufgetragen zur Unterstützung des heiligen Landes nach Jerusalem zu ziehen. Auch einige schlechte Menschen mischten sich unter sie, und was jene mit sich genommen hatten und was sie tatsächlich von den Gläubigen empfingen, unterschlugen diese heimlich und in nichtswürdiger Weise und machten sich mit dem gesammelten Geld heimlich davon. Einer von diesen wurde in Köln ergriffen und seines Lebens durch den Strang beraubt. Von jenen aber gingen viele in Wäldern und Einöden durch Hitze, Hunger und Durst zu Grunde. Andere wurden sobald sie die Alpen überschritten hatten  und Italien betraten von den Lombarden beraubt und zurückgejagt und kehrten mit Schande heim.“[7] Bei diesem Kinderkreuzzug ist die Quellenlage äußerst kritisch, Mythen mischen sich mit Fakten. Die zweite Fortsetzung der Kölner Chronik meint dazu abschließend: „So zogen sie eine Strecke Wegs vorwärts, einige kehrten in Mainz, andere in Piacenza, andere in Rom um, andere kamen nach Marseille. Ob diese übergesetzt sind oder nicht, und was ihr Ende gewesen sei, das hält man für ungewiß. Es steht nur fest, dass von vielen Tausenden, die ausgezogen waren, nur wenige heimgekehrt sind.“[8] 

1291 erobern die Mamelucken Akkon, Sidon und Beirut. Mit der von den Templern gehaltenen Insel Ruad fällt 1302 der letzte Stützpunkt der Christen. 

Die Politik der italienischen Seerepubliken 

Am Anfang dieser Schilderungen wurde von der religiösen Ergriffenheit der Christen in Clermont berichtet. Es soll allerdings auch ein Blick auf die materiellen Interessen gerichtet werden, die mit den Kreuzzügen verbunden waren. Die italienischen Seerepubliken Venedig, Pisa und Genua spielten von Anfang an in der Kreuzzugsbewegung eine besondere Rolle. Für Kreuzfahrer, die den Landweg scheuten, boten die Schiffe der Venezianer, Genuesen und Pisaner die einzige Möglichkeit das Mittelmeer zu überqueren. In Byzanz und Ägypten besaßen die Republiken wirtschaftliche Interessen. Venedig besaß seit 1082 im byzantinischen Reich das Handelsmonopol. Die beiden anderen Republiken waren vor allem in Nordafrika aktiv. Für die Interessenlage der Seerepubliken galt, dass die Gründung von Kreuzfahrerstaaten unter christlicher Herrschaft ihnen neue Abatzmärkte für ihre Waren bringen würde. In den muslimischen Reichen waren die Kaufleute dieser Republiken nämlich Fremde, deren persönliche Sicherheit und Freiheit nicht ausreichend gewährleistet werden konnte. Ein Konkurrent der Republiken war zudem das Normannenreich in Unteritalien, das sich auf eine starke Seemacht stützte. Ein Konkurrent Venedigs war bis 1073 Amalfi, das in diesem Jahr von den Normannen erobert wurde.[9] Die Genuesen beteiligten sich am ersten Kreuzzug nicht nur durch die Versorgung der Kreuzfahrer mit Lebensmitteln, sondern beteiligten sich auch mit Kriegsgerät an der Belagerung und Eroberung der Städte Antiochia (1098) und Jerusalem (1099). Pisa rüstete frühzeitig eine Flotte mit 120 Schiffen aus, die 1099 in das Kampfgeschehen eingriff. Ohne ihre Hilfe wären die Kreuzfahrerstützpunkte in Palästina wehrlos den Angriffen der fatimidischen Flotte ausgesetzt gewesen. Sie blockierten ein Jahr später eine Reihe von Küstenstädten, die von den Muslimen gehalten wurden – Arsuf, Askalon, Caesarea und Akkon. Durch die Tributpflicht dieser Städte konnte die Herrschaft der Kreuzfahrer zunächst gesichert werden. 

Spätestens 1097 beteiligte sich auch Venedig am ersten Kreuzzug mit einer großen Flotte. Interessiert war Venedig an der Erhaltung seiner Vormachtstellung im byzantinischen Reich. Auch an denn Küsten Palästinas und Syriens sollten Genua und Pisa nicht allein agieren. Venedig rüstete rund 200 Schiffe aus, die von Rhodos aus 1100 eine pisanische Flotte besiegen mussten, ehe sie Palästina erreichten. Ab Juni 1100 unterstützten sie die Kreuzfahrer bei der Eroberung von Küstengebieten. Die Einnahme Haifas im August 1100 geschah mit ihrer Unterstützung. 

Wenden wir uns Venedig wieder zu, als es seinen militärischen Triumph im vierten Kreuzzug verzeichnete. Ursprünglich wollte die Seestadt gegen Syrien und Ägypten vorgehen, letztendlich wurde aber das byzantinische Kaiserreich das Ziel der Begierde. Nach der Einnahme von Byzanz konnte Venedig seine Konkurrenten für lange Zeit aus der Romania vertreiben. Erst im 17. Jahrhundert konnten die Osmanen die Venezianer in dieser Region als Führungsmacht ablösen. Auch die Seestädte betrachteten die Kreuzzüge im ausgehenden 13. Jahrhundert als gescheitert. Durch die vielen Niederlagen der Kreuzfahrer versprachen sie keinen sicheren Gewinn mehr. Eine letzte Seeschlacht lieferten sich Pisa und Genua 1284 bei Meliora; die Pisaner verloren ihre gesamte Flotte.  

Christen gegen Christen

Ein heiliger Krieg gegen Glaubensfeinde, so stellte sich ein Kreuzzug idealtypisch dar, de facto waren die Fronten häufig nicht entlang der Glaubensgemeinschaften zu ziehen, sondern durchfurchten die Christen untereinander. Beispielhaft ist hier der vierte Kreuzzug zur Niederzwingung des Byzantinischen Reiches. 1204 schlossen Kreuzfahrer und Venezianer einen Vertrag, wie die Beute nach der Eroberung der Stadt verteilt werden sollte. Für die Rechte Venedigs war es ausschlaggebend, dass die Privilegien dieser Stadt in Byzanz erhalten blieben. Der zukünftig lateinische Kaiser sollte ein Viertel des Territoriums, Kreuzfahrer und Venezianer je drei Achtel erhalten. Die Beute sollte zwischen Venezianern und Kreuzfahrern im Verhältnis drei zu eins geteilt werden, wobei bei diesem Schlüssel die Schulden der Kreuzfahrer bei den Venezianern ins Gewicht fielen. Letztere waren die Gewinner, drei Achtel des Territoriums fielen ihnen zu, ein zu wählender Kaiser war von ihrem Willen abhängig. 

Die Einnahme der Stadt Byzanz am 13. April 2004 ging in die Geschichte als eine der großen Plünderungsorgien ein. Verbunden damit waren Raub, Totschlag und Vergewaltigung in einem Ausmaß, die die orthodoxe Welt Jahrhunderte lang tief abstieß. Geraubte Kunstschätze schmückten in großer Zahl die Kirchen des Abendlandes. Byzanz war nach diesem Vandalismus als Kunststadt weit zurückgeworfen. Als neuen lateinischen Kaiser konnten die Venezianer Balduin von Flandern durchsetzen. 1261 konnten die Griechen Niceas Byzanz zurückerobern, nachdem das lateinische Kaiserreich schon 1205 dem Ansturm der Bulgaren nicht gewachsen war. Wirtschaftliche Interessen Venedigs und die Abneigung des Abendlands gegen die als Ketzer eingestuften Griechen bewirkten diesen Sonderweg eines Kreuzzuges. 

Gesellschaftliches Leben in den Kreuzfahrerstaaten  

Eine sehr umfangreiche Einwanderung abendländischer Einwanderer hat offensichtlich nicht stattgefunden. Schätzungsweise bevölkerten zu keiner Zeit auch nur tausend Barone und Ritter das Königreich Jerusalem. Dazu kamen noch einmal eine ähnliche Anzahl von nichtkämpfenden Verwandten. Die Oberschicht umfasste also zweitausend bis dreitausend Personen, wenn man die Angehörigen der Geistlichkeit und die Ritter der Militärorden mitzählt. Etwa eine ähnliche Anzahl von Personen des Ritterstandes hielt sich in den anderen Kreuzfahrerstaaten Antiochia, Edessa und Tripolis auf. 

Sergeanten gab es als dienstpflichtige Freisassen mehr. Sie stammten aus Franken und waren bewaffnete Fußsoldaten. Angesiedelt wurden sie auf den Lehnsgütern ihrer Grundherren. Ehen mit einheimischen Christen waren nicht selten. In der Mitte des 12. Jahrhunderts bildete sich eine Klasse vom Poulains, als man sich mit der einheimischen christlichen Bevölkerung vermischte. Um das Jahr 1180 schätzte man die Zahl der Sergeanten auf etwa 5.000. Turkopolen nannte man Personen, die im Land ausgehoben wurden. Ausgebildet wurden sie wie leichte Reiterei in Byzanz. Sie bestanden aus einheimischen Christen, zum Christentum Bekehrten und Mischlingen.  

Da die Ansiedler fast ausschließlich französischer Abkunft waren, sprach man in Jerusalem und Antiochia nordfranzösisch, in Tripolis südfranzösisch. Die Deutschen spielten keine bedeutende Rolle. In den Städten gab es beachtliche italienische Niederlassungen. Auch Marseille hielt in einigen Städten Niederlassungen, Barcelona pflegte eine in Tyros. Einheimische Christen nannte man die Mehrheit der Bevölkerung. Im Königreich Jerusalem waren sie orthodox, sprachen aber überwiegend arabisch. In Tripolis gehörten einige Christen der Sekte der Maroniten an.  

Die Einheimischen konnten dann ihr Land behalten, wenn sie ein Besitzrecht auf Grund und Boden nachweisen konnten. Auf Ländereien, die von mohammedanischen Eigentümern nach der Eroberung verlassen worden waren, setzten die neuen Herren ihre Vasallen ein. Freie Dörfer wie in einst im byzantinischen Reich gab es nicht mehr. Die Dorfgemeinden waren an die Scholle gebunden. Sie musste dem Grundherren einen Teil ihrer Erzeugnisse abliefern. Mit dem Ertrag ernährte der Grundherr seine Hofhaltung, seine Poullains und Turkopolen, die nahe seiner Burg angesiedelt waren. Der einheimische Bauer konnte kein Soldat werden. Der Grundherr bewirtschaftete Obstgärten, Weinberge und Zuckerrohrplantagen selbst. Die Sklavenarbeit beschränkte sich auf die Hofhaltung des Grundherren. Mohammedanische Gefangene mussten vorübergehend auf den Gütern des Königs und der Grundherren schuften. Der rais oder regulus besorgte die Geschäfte der Dorfbewohner mit dem Grundherren. Ein bücherführender Sekretär des Grundherren wurde als Dragoman bezeichnet.[10] 

Das Kronland bestand im Königreich Jerusalem aus den Städten Jerusalem, Akkon und Nablus, zu dem später die Grenzstadt Daron hinzukam. Vor allem die Königin Melisende trug mit der Vergabe von Grund und Boden an die Kirche, Freunde und Orden dazu bei, dass das Kronland schrumpfte. Auch schmälerten verwitwete Königinnen durch Leibgedinge den Besitz des Königs. Verschieden groß waren die Lehen. Während die weltlichen Lehen festgefügte und zusammenhängende Gebietsstücke bildeten, lagen die Liegenschaften der Kirche und der Orden über die fränkischen Gebiete verstreut. Überwiegend waren Güter mit einem Dorf territorial identisch, in seltenen Fällen mit der Hälfte oder einem Drittel eines Dorfes. Dörfer zählten manchmal nur vierzig männliche Einwohner, konnten aber auch größer sein. Bei manchen weltlichen Herren war auch das Geldlehen üblich, das heißt es wurden ihnen aus gewissen Städten und Dörfern feste Geldeinkünfte gewährt. Dafür mussten sie eine entsprechende Anzahl von Soldaten stellen. Diese Geldlehen waren erblich, der König konnte sie nicht aufheben. Die Kronstädte und die Kirche mussten dem König Soldaten stellen. Die Bürgerschaft war zu Geldsteuern verpflichtet. “Es wurden regelmäßige Steuern auf Häfen und Warenausfuhr, Kauf und Verkauf, Ankerplätze, Pilger und die Verwendung von Maßen und Gewichten erhoben. Außerdem gab es das sogenannte terraticum, eine Steuer auf bürgerliches Besitztum und Vermögen, über die kaum etwas bekannt ist. Endlich waren von Zeit zu Zeit besondere Abgaben zu entrichten, um die Kosten dieses oder jenes Feldzuges zu bestreiten. Im Jahr 1166 hatten die Nichtkämpfenden zehn Prozent vom Wert all ihrer beweglichen Habe zu zahlen; und im Jahre 1183 wurde der gesamten Bevölkerung eine Kapitalabgabe von einem Prozent auf allen Besitz und alle Schulden auferlegt sowie zwei Prozent auf alle Einkommen aus Kirchenstiftungen und dem Grundbesitz der Barone. Außer den Naturalien, welche die Dörfer zu liefern hatten, schuldete jeder Bauer seinem Grundherrn noch eine Kopfsteuer; und mohammedanische Untertanen hatten noch einen Zehnten oder dime zu entrichten, welcher der Kirche zufloß … Aber selbst bei Einrechnung des dime fanden die Mohammedaner die allgemeine Besteuerung unter den Franken niedriger als unter den benachbarten islamischen Herren.Auch waren die Mohammedaner nicht von niederen Verwaltungsposten ausgeschlossen. Sie konnten ebenso wie die Christen als Zöllner und Steuereinnehmer Beschäftigung finden.“[11] 

Der Krieg – Männersache? 

Im Mittelalter galt Krieg als Männersache – eine Rolle, die mittlerweilen nicht mehr aktuell ist, erobern doch Frauen zunehmend die Bundeswehr. Kirchengelehrte lehnten Frauen als Kreuzzugsteilnehmer deshalb ab, weil die vermutete Geilheit der Männer ihre kriegerischen Leistungen schmälerte. Argumentiert wurde so während des dritten Kreuzzuges und des vierten. Ein päpstlicher Legat verfügte damals, dass die dem Heer nachgezogenen Frauen in Venedig zurück bleiben sollten. Gut fünfzig Jahre später wurden die Prälaten Frieslands ermahnt, Kreuzfahrerinnen den Weg nach Jerusalem zu versperren. Der Bischof von Bethlehem meinte damals, dass die Anwesenheit von Frauen im Heer zu ungezügeltem Geschlechtsverkehr führen würde und dadurch zu einer Schwächung der Kampfbereitschaft.

Für die Kirche bestand die Funktion der Frauen vor allem darin, durch Gebete zum Gelingen der Kreuzzüge beizutragen. Papst Innozenz IV. gewährte den Frauen zuhause ebenso wie den Männern im Heiligen Land Ablaß. Die Frau sollte entsagen, wenn der Mann in den Krieg zog. Ein von der Kirche gerühmtes Beispiel ist hier die heilige Elisabeth von Thüringen, deren Mann, Landgraf Ludwig IV. von Thüringen in den Krieg zog, während sie entsagte. Dargestellt ist das in einem Fenster der Marburger Elisabethenkirche. Auch der Geschichtsschreiber Ekkehard von Aura sah Teufelswerk bei der Teilnahme mancher Frauen: „Er (Satan) zögerte nicht, unter die gute Saat Unkraut zu säen, falsche Propheten zu erwecken und unter die Heere des Herrn falsche Propheten und ehrlose Weiber zu mischen, unter dem Schein der Frömmigkeit.“ Die Anwesenheit von Prostituierten war etwas durchaus Übliches, am Ende der Reise war auch für diesen Personenkreis der Erlaß der Sünden vorgesehen. Richard Löwenherz war vergeblich darum bemüht, Prostituierte von seinem Heer fernzuhalten. Italienische Adelige gaben ihren Söhnen sogar Prostituierte mit auf den Weg, damit diese nicht mit einheimischen Frauen verkehren mussten. 

Zum Thema Vergewaltigung bei Kreuzzügen  meint ein Historiker: „Wie viele behütete Frauen wurden entehrt, Herrschende beherrscht, junge Mädchen geheiratet, wieviel Keusche mussten sich hingeben, wie viel Verborgene verloren ihre Scham, wieviel Ernste wurden verhöhnt, wie viel Freie genommen, wie viel Begehrliche erschöpft. Wieviel Anmutige wurden verführt, wieviel Jungfrauen entjungfert, Anmaßende geschändet, Rotlippige ausgesaugt, Braune hingestreckt, und Unbezähmbare gezähmt. Glühende entflammten sich an ihnen, Ledige befriedigten sich, Erregte verbrauchten ihre Glut.“ Als Vergewaltiger traten sowohl Christen als auch Muslime auf. Beteiligung am Kampf von Frauen sind vom dritten Kreuzzug dokumentiert, aber auch vorher und nachher. Eine Bogenschützin wurde 1190 beschrieben bei der Belagerung von Akkon. Ein arabischer Chronist meint dazu, dass Frauen  getötet wurden, die „nicht als Frauen erkennbar waren, bis man sie ihrer Rüstung entkleidet hatte.“ 

Das Ordensrittertum

Werfen wir zum Schluß einen Blick auf  das Ordensrittertum, das sich in der Zeit der Kreuzzüge herausbildete. Ritter legten sich für ihre Gemeinschaften eine mönchische Lebensform zu. Durch ein Gelübde verpflichteten sie such zu den mönchischen Tugenden Armut, Keuschheit und Gehorsam. 

Die Templer, die auch „rote Mönche“ genannt wurden, trugen einen weißen Mantel mit Rotem Kreuz. Gründer war 1120 der französische Ritter Hugo von Payens.  Ihr Name ist dadurch entstanden, dass sie in Jerusalem auf dem Boden das Salomonischen Tempels ein Gebäude bezogen. Ursprünglich nannten sie sich „arme Ritter Christi.“ Zweck des Ordens war der Schutz der Pilger. Ein bedeutendes Mitglied wurde der König von Portugal, der den Orden mit reichen Gütern ausstattete. Durch beachtliche Geldmittel aus dem Adel Frankreichs unterstützt, bildete der Großmeister 1129 mit 300 Rittern das erste stehende Heer des Mittelalters.[12]  Zum Protektor des Ordens wurde Bernhard von Clairvaux, der eine Werbeschrift für den Orden verfasste: „An erster Stelle stehen Disziplin und uneingeschränkter Gehorsam. Jeder kommt und geht, wie es der Vorgesetzte befiehlt. Jeder trägt die ihm zugeteilte Kleidung, keiner besorgt sich Nahrung und Kleidung nach seinem Gutdünken. Hinsichtlich Ernährung und Gewandung gibt man sich mit dem Notwendigsten zufrieden und meidet alles Überflüssige. Die Templer leben maßvoll und fröhlich in einer Gemeinschaft, ohne Frauen und Kinder. Um der apostolischen Lebensweise möglichst nahe zu kommen, leben sie alle unter gleichen Bedingungen im gleichen Haus, auch nennen sie nichts ihr eigen, um einer einheitlichen Gesinnung und eines friedlichen Zusammenlebens willen. Ungebührliche Reden, nutzlose Beschäftigung, lautes Gelächter, heimliches Tuscheln und selbst unterdrücktes Kichern sind unbekannt. Sie verabscheuen Schach und Würfelspiel; sie hassen die Jagd, ja, sie erfreuen sich nicht einmal am Flug des Falken. Sie verachten Komödianten, Taschenspieler, Schwätzer und zweideutige Lieder sowie Vorstellungen von Possenreißern, denn sie Erachten das alles als sinnlose, nichtige Torheiten. Sie tragen das Haar kurz geschnitten, weil es ihrer Ansicht nach beschämend  für einen Mann ist, langes Haar zu haben. Niemals übertrieben gekeidet, baden sie selten;  sie sind schmutzig und behaart, und ihre Haut erscheint gebräunt vom Tragen des Kettenhemds und von der Sonne.“ 

Die Johanniter wirkten in erster Linie karitativ. Eine Bruderschaft pflegte in Jerusalem in einem Hospital kranke Bürger. Ihr Schutzpatron war Johannes der Täufer. Im Laufe der Jahre kam als zusätzliche Tätigkeit ein Ritterdienst gegen die Ungläubigen hinzu. Eine Ordensregel nahmen sie 1160 an. Sie trugen einen schwarzen Mantel mit einem weißen Kreuz. Nach dem Vordringen des Islam kamen sie über Zypern nach Rhodos. Ihr zweiter Großmeister Raimund de Podio (1125 bis 1158) wandelte sie in einen geistlichen Ritterorden um, der sich 1183 auch in Prag niederließ. 1325 entstand ein selbständiges Ordenspriorat in Böhmen. 1530 wurde der Orden von Kaiser Karl V. mit Malta, Tripolis und Gozo belehnt. Seine Tätigkeit auf Malta konnte der Orden bis 1798 fortsetzen. In der Bundesrepublik wirkt er unter anderem in der Johanniter-Unfallhilfe. National ist er sonst in Assoziationen gegliedert. 

Der Deutsche Orden wurde 1128 von einem Unbekannten in Jerusalem gestiftet. Das Ordensgewand der „Brüder des Hospitals Unserer Lieben Frau der Deutschen zu Jerusalem“ bestand aus einem weißen Mantel mit einem schwarzen Kreuz. Friedrich von Schwaben, der Sohn Barbarossas, vermachte dem Orden einen Großteil seines Vermögens. Auch dieser Orden hatte zum Ziel, das Heilige Land zu beschützen, Hilfe für Witwen und Waisen zu leisten, Kranke und Leidende zu pflegen. Der Stammsitz des Ordens war in Akkon, sein erster Hochmeister, Walpot von Besenheim, kämpfte nach dem Dritten Kreuzzug gegen die Sarazenen. Auch dieser Orden ist noch aktiv: „Daß er im Zwanzigsten Jahrhundert und ausgerechnet nach dem alles in Frage stellenden Zweiten Weltkrieg einen entscheidenden neuen Impuls erhielt und insbesondere in seinem Ursprungsland Deutschland nach nahezu hundertfünfzigjähriger Verbannung wieder aufblühte, hat die Skeptiker und jenen großen Teil der Öffentlichkeit, für den der Deutsche Orden nur noch sagenumwoben oder auch berüchtigten Erinnerungswert aus dem Geschichtsunterricht hatte, überrascht, wenn nicht gar verblüfft.“[13]  

Relativ frühzeitig legte der Deutsche Orden seinen Schwerpunkt auf die Tätigkeit in Europa. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts ließ er sich in Siebenbürgen nieder, wo Kronstadt gegründet wurde. 1226 erhielt der Orden das Kulmerland, um die heidnischen Preußen zu germanisieren. Bis 1283 wurde das gesamte Preußenland unterworfen. 1309 wurde Marienburg zum Sitz des Großmeisters. Den Höhepunkt seiner Herrschaft erlebte der Orden unter Großmeister Winrich von Kniprode (1351 bis 1382). 1410 unterlag der Orden der litauisch-polnischen Koalition in der Schlacht von Tannenberg. 

Waren die Kreuzzüge eine Reaktion auf den islamischen Djihad seit 711?

Nach Einschätzung des renommierten Historikers Eberhard Mayer unterscheidet sich das christliche Verständnis des „Heiligen Krieges“ vom islamischen Djihad dadurch, dass Christen beanspruchen, einen „gerechten Verteidigungskrieg“ gegen die Heiden zu führen, während Muslime offensiv vorgehen.[14] Gleichzeitig weist er nach, wie blutrünstig die Kreuzfahrer vorgingen. Runciman beschreibt die Kluft, die die Kreuzzüge auch zwischen Ost- und Westchristen hervorbrachte, ihre Spaltung war endgültig.[15] 

Schließen wir den Kreis der Aktualitätsbezüge mit zwei Beispielen aus der jüngsten Vergangenheit. Viele Muslime ordneten den Golfkrieg 1991 als Kreuzzug ein, orthodoxe Ost-Christen nahmen den NATO-Krieg im Kosovo gegen Serbien von 1999 als Kreuzzug der Westkirche wahr.[16]  

Abschließend das vollständige Gedicht von Ludwig Uhland:

Ludwig Uhland

Als Kaiser Rotbart lobesam

Als Kaiser Rotbart lobesam
Zum heil’gen Land gezogen kam,
Da mußt er mit dem frommen Heer
Durch ein Gebirge wüst und leer.
Daselbst erhub sich große Not,
Viel Steine gab’s und wenig Brot,
Und mancher deutsche Reitersmann
Hat dort den Trunk sich abgetan;
Den Pferden war’s so schwer im Magen,
Fast mußte der Reiter die Mähre tragen.

2. Nun war ein Herr aus Schwabenland,
Von hohem Wuchs und starker Hand,
Des Rößlein war so krank und schwach,
er zog es nur am Zaume nach;
Er hätt‘ es nimmer aufgegeben,
Und kostet’s ihn das eigne Leben.
So blieb er bald ein gutes Stück
Hinter dem Heereszug zurück;
Da sprengten plötzlich in die Quer
Fünfzig türkische Ritter daher.

3. Die huben an auf ihn zu schießen,
Nach ihm zu werfen mit den Spießen.
Der wackre Schwabe forcht sich nit,
Ging seines Weges Schritt vor Schritt,
Ließ sich den Schild mit Pfeilen spicken
Und tät nur spöttisch um sich blicken,
Bis einer,dem die Zeit zu lang,
Auf ihn den krummen Säbel schwang.

4. Da wallt dem Deutschen auch sein Blut,
Er trifft des Türken Pferd so gut,
Er haut ihm ab mit einem Streich
Die beiden Vorderfüß‘ zugleich.
Als er das Tier zu Fall gebracht,
Da faßt er erst sein Schwert mit Macht,
Er schwingt es auf des Reiters Kopf,
Haut durch bis auf den Sattelknopf,
Haut auch den Sattel noch zu Stücken
Und tief noch in des Pferdes Rücken;
Zur Rechten sieht man wie zur Linken,
Einen halben Türken heruntersinken.

5. Da packt die andern kalter Graus;
Sie fliehen in alle Welt hinaus,
Und jedem ist’s, als würd‘ ihm mitten
durch Kopf und Leib hindurchgeschnitten.
Drauf kam des Wegs ’ne Christenschar,
Die auch zurückgeblieben war;
Die sahen nun mit gutem Bedacht,
Was Arbeit unser Held gemacht.

6. Von denen hat’s der Kaiser vernommen.
Der ließ den Schwaben vor sich kommen;
Er sprach: „Sag an, mein Ritter wert!
Wer hat dich solche Streich‘ gelehrt?“
Der Held bedacht sich nicht zu lang:
„Die Streiche sind bei uns im Schwang;
Sie sind bekannt im ganzen Reiche,
Man nennt sie halt nur Schwabenstreiche.“

[1] Maalouf, S. 54

[2] Maalouf, S. 55

[3] Maalouf, S. 216

[4] Wollschläger, S. 113

[5] Horst Stern, Mann aus Apulien,  München 1986, S.  35

[6] Peter Milger, Die Kreuzzüge – Krieg im Namen Gottes, München 1988 (Bertelsmann Verlag), S. 264

[7] ebd., S. 304

[8] ebd., S. 305

[9] Vgl. Marie-Luise Favreau-Lilie, Die italienischen Seestädte und die Kreuzzüge, in: Hans-Jürgen Kotzur (Hrsg.), Kein Krieg ist heilig – Die Kreuzzüge, Mainz 2004, S. 193 ff.

[10] Vgl. Steven Runciman, Geschichte der Kreuzzüge, München 2003 (4.Auflage). S. 595 ff.

[11]  ebd., S. 601

[12] vgl.: Nicolaus Heutger, Die Ritterorden im Heiligen Land: Die Hospitäler und Ordensgemeinschaften, in:

Hans-Jürgen Kotzur (Hrsg.), Die Kreuzzüge – Kein Krieg ist heilig,  Mainz 2004, S. 137 ff.

[13]  J.F.G. Grosser/ Johannes Sobotta, Geistiges Rittertum – Islamische und christliche Tugenden, Berlin

1982, S. 27

[14]  vgl.  Bassam Tibi, Kreuzzug und Djihad – Der Islam und die christliche Welt,  München 2001

[15]  Runciman, a.a.O., S. 908

[16]  vgl. Bassam Tibi, a.a.O., S. 117


Bevor die Zusammenstöße beschrieben werden, soll hier kurz die Ausbreitung des Islam nach dem Tod Mohammeds berichtet werden.

Bereits 629 war ein arabisch-islamisches Heer in Palästina eingefallen, jedoch von oströmischen und christlich-arabischen Verbänden geschlagen worden. Im Herbst 633 rückte nun wieder eine starke Armee nach Palästina und Syrien vor. Sie konnte kleinere oströmische Verbände schlagen, kam aber insgesamt nur schwer voran. Tatsächlich leisteten die oströmischen Truppen zum Teil erbitterten Widerstand. So forderte der Kalif Abu Bakr beim Kommandeur der Truppen im Südirak, Al – Walid, dringend Verstärkung an:

Beeilt euch! Beeilt euch! Denn bei Gott, die Eroberung eines Dorfes in Syrienkommt mich teurer zu stehen als eine ganze Provinz im Irak.“

Mit Hilfe der angeforderten Verstärkung wurde der oströmische Widerstand nun gebrochen. Kaiser Herakleios, der nicht mit einem Angriff von solcher Wucht aus der Wüste gerechnet hatte, sandte entschlossen stärkere Truppen nach Syrien, die jedoch Mitte 634 südwestlich von Jerusalem geschlagen wurden.

Die Araber eroberten Damaskus 635, dessen Bevölkerung jedoch geschont wurde. Die Stadt hatte sich ergeben. Der Kapitulationsvertrag der Stadt sollte Modellcharakter erhalten, wonach die Bevölkerung die Kopfsteuer zu entrichten hatte, aber ansonsten weitgehend ungestört blieb.

Am 20. August 636 fand die Schlacht am Jarmuk im heutigen Jordanien statt. Die oströmischen Truppen waren zwar in der Überzahl, jedoch auch erschöpft vom Marsch und taktisch unterlegen. Die Überlegenheit der arabischen schnellen leichten Reiterei, die Streitigkeiten im kaiserlichen Oberkommando und topografische Nachteile bewirkten, dass die Oströmer vernichtend geschlagen wurden, womit das bislang christlich bestimmte Schicksal Syriens und Palästinas besiegelt war. Herakleios, der nur Jahre vorher mit Mühe die Perser abgewehrt hatte, sah sein Lebenswerk zusammenbrechen und verließ Antiochia, bevor auch diese Stadt an die Araber fiel.

638 kapitulierte das isolierte Jerusalem zu günstigen Bedingungen, das Heilige Grab fiel in die Hände der Araber. Cäsarea in Palästina fiel 640 in arabische Hände – es war die letzte byzantinische Bastion Den Arabern stand nun keine Feldarmee mehr im Weg, so dass sie nach Ägypten vorstießen, wo sie im Juli 640 die Oströmer in der Nähe der heutigen ägyptischen Hauptstadt Kairo schlugen. Alexandria fiel endgültig im Jahre 642 in ihre Hände. Nachdem der organisierte militärische Widerstand der kaiserlichen Truppen gebrochen war, arrangierte sich der größte Teil der Zivilbevölkerung in Syrien und Ägypten mit den Arabern – dies umso eher, als die dortigen Christen zumeist Monophysiten waren und sich im Dauerstreit mit den orthodoxen Kaisern befunden hatten. Im Norden überrannten die Araber Armenien bis in die Mitte des 7.Jahrhunderts, während in Kleinasien die Gebirgskette des Taurus ein schnelles Vordringen verhinderte. Die Oströmer wichen einer erneuten Feldschlacht aus, so dass Kleinasien letztlich gehalten werden konnte.

In Nordafrika kämpften sich die Araber bis nach Marokko vor. Das oströmische Karthago vermochte sich jedoch bis 697/698 zu halten, denn auch die Berber bekämpften die Araber, wie sie zuvor die Römer bekämpft hatten. Doch für Byzanz blieb entscheidend, dass das Imperium mit den vorderorientalischen Besitzungen zwei Drittel seines Territoriums und gut die Hälfte der Bevölkerung verloren hatte.

Byzanz brauchte Jahrhunderte, um sich von diesem Schock zu erholen und wieder in die Offensive zu gehen. Doch blieb der Verlust nordafrikanischer Territorien wie auch von großen Teilen Syriens und Palästinas endgültig; er besiegelte das Ende der spätantiken Phase des Reiches, das in der Folge administrativ, militärisch und strukturell einen massiven Wandel durchlief.

Islamisch christliche Zusammenstöße des Mittelalters und der frühen Neuzeit

711 kommt es zum ersten Aufeinandertreffen des militärisch expandierenden Islam mit einem christlichen Staat. Ein islamischer Historiker schreibt zur Vorgeschichte: „Der Feldherr Tarik Ibn Zejjad kämpfte im Gebiet von Tanger. Da traf er in der Stadt Ceuta auf einen Mann, dessen Name war Julian. Er war dem Goten Roderich, dem Herrn von El Andalus, untertan. Julian hatte eine seiner Töchter an den Hof des Roderich geschickt. Roderich aber hatte das Mädchen schwanger gemacht. Aus Zorn über diese Schandtat hatte Julian geschworen, er werde die Araber nach El Andalus holen.“ Tarik stimmte mit dem Kalifen überein, dass das Hilfegesuch ausgenutzt werden sollte, um in El Andalus Fuß zu fassen. Julian war ein Lehensmann des verdrängten Königs Witiza, den Roderich verdrängt hatte. Die gotische Oberschicht war also zerstritten, was den eroberungswilligen Muslimen zugute kam. Tarik sprach vor der Invasion folgende Worte:“ Der Prophet Mohammed, Allah gebe ihm Frieden, ist mir erschienen. Er war umgeben von vielen Helden aus Mekka und Medina. Alle waren bewaffnet mit Schwertern, Lanzen und Bogen. Mohammed hat mir zugerufen: Schreite Vorwärts, Tarik! Führe aus, was du dir vorgenommen hast. Dann sah ich, wie der Prophet am Himmel entlang zog, weit über das Wasser hin bis nach Al Andalus.“

Der Sieg der Muslime bei Xeres de la Frontera 711 beendete das Gotenreich, König Roderich verschwand in der Versenkung. Hartnäckigen Widerstand leisteten die Festungen Cordoba und Granada. Neben Plünderungen gab es den Raub einheimischer Frauen, nach arabischen Angaben mussten dreißigtausend Frauen sich auf den Weg zu den Sklavenmärkten der arabischen Welt machen. Innerhalb von vier Jahren war El Andalus erobert, ein eigener Statthalter regierte weitgehend selbständig. Weiter nach Norden zu ziehen war die Devise der Araber. Einen ersten Misserfolg gab es 721, die Eroberung von Toulouse misslang, der König von Aquitanien kam dazwischen, als die Festung schon sturmreif war. Die weiteren Vorstöße erfolgten von Narbonne aus 725, das Land an den Ufern der Rhone sollte erkundet werden, Arles und Avignon bildeten weitere Stützpunkte. Auf viel Gegenwehr stießen die Muslime nicht, geplündert wurden die Klöster Chalon-sur- Saone, Macons undLuxeuil. Das fränkische Reich war durch Adelsfehden geschwächt, lange gab es keine starke Zentralgewalt. Die Eroberung der Stadt Bordeaux in Aquitanien war ein weiterer Sieg der Muslime, König Eudo hatte einen wichtigen Stützpunkt verloren. Aus Frustration verbündete er sich sogar mit seinem langjährigen Feind Karl Martell, dem karolingischen Hausmeier, der die Macht in Franken gewonnen hatte. Karl Martell war entschlossen, gegen die Muslime unter ihrem Feldherren Abdel Rahman Ibn Abdallah zu Felde zu ziehen. Dazu wurde der Heerbann, die allgemeine Mobilmachung, ausgerufen.

Auch Klöster und Kirchen sollten einen Beitrag leisten. Manche Prediger riefen zum Glaubenskampf, das Kreuz müsse gegen den Halbmond siegen, aus allen Gegenden Frankens strömten Krieger herbei nach Westen, den Reitertrupps der Muslime entgegen, die sich zunächst in Sicherheit wiegten. Sie wollten die christlichen Wallfahrtsorte Tours und Poitiers überfallen, in denen prächtige Schätze lagerten. Die Plünderung von Poitiers gelang, die anschließende Schlacht von 732 (bei Tours und Poitiers) endete mit einer Niederlage der Muslime, bei der der Feldherr Abdel Rahmann ums Leben kam., das Reiterheer wurde nicht vernichtet, das Frankenreich erwies sich als stärker. Die islamische Expansion war gestoppt. Karl Martell wird seither als Retter des Abendlandes gefeiert, für Muslime war es die „Schlacht der Millionen Tränen“. Ob der Vormarsch der Araber nach Mitteleuropa nach einer Niederlage der Franken nicht mehr aufzuhalten gewesen wäre, ist fraglich. Man geht davon aus, dass die Araber bei einem Sieg nicht in der Lage gewesen wären, eine Vorherrschaft langfristig zu sichern, weil es einfach zu wenige waren. Tausende Soldaten sind alleine nicht in der Lage, ein Land zu verwalten. Aktueller Bezug: nach dem Feldherrn Tarik ist in Frankfurt eine Moschee in der Mönchhofstraße benannt.

Die Eroberung Konstantinopels 1453 traf das oströmische Reich tödlich, kein anderer christlicher Staat war zur Hilfe bereit. Sultan Mehmet II. galt zunächst als Schwächling und wurde doch wegen seiner Entschlusskraft bekannt. Schon Anfang 1451 baute er eine riesige Festung am Bosporus auf dem Territorium des Kaiserreichs. Die Truppen Konstantinopels waren nicht in der Lage, den Bau dieser Festung zu verhindern, im August 1452 war das Bauwerk fertiggestellt. In Zukunft mussten Schiffskapitäne ihre Ladungen hier inspizieren lassen. Bei Zuwiderhandlungen drohten drastische Strafen. Eine venezianische Galeere wurde versenkt, die Besatzung enthauptet, der Kapitän gepfählt. Unter hunderttausend Mann bereiteten sich auf die Belagerung Konstantinopels vor. Die Belagerungsartillerie des Sultans war gefürchtet, allen hervorragend kämpfenden Soldaten wurde das Paradies versprochen. Die Eroberung dieser wichtigen Stadt sei Allah und dem Propheten angenehm. „Die Einnahme von Konstantinopel ist der höchste Triumph des Islam.“ 1453 wurde die Lage für Konstantinopel ernst, die Abschließung war vollkommen. Kriegsführung im Namen des Islam bedeutete damals, den Herrscher dazu aufzufordern, zu kapitulieren, mit der Zusicherung, Güter und Menschenleben würden verschont. Der Befehl wurde zurückgewiesen, danach begann die Beschießung der Wälle, Ende Mai 1453 begann der Sturm, Zehntausende Christen zogen sich in die Hagia Sophia zurück und beteten. Vergeblich hoffte man, die Kirche würde verschont. Jung und alt wurden weggeführt und waren für Sklavenmärkte bestimmt, Ältere wurden erschlagen.1 Konstaninopel wurde gründlich geplündert, selbst religiöse Gegenstände wurden nicht verschont. Sultan Mehmed II. zunächst frustriert vom Grad der Zerstörung, starb 1481. Seine Hauptstadt war zu dieser Zeit ansehnlich, die Kirchen waren in Moscheen verwandelt worden.

Aktueller Bezug: nicht wenige Moscheen sind nach diesem Mehmed II., dem Eroberer, benannt. Der Name „Fatih“ („Der Eroberer“) deutet darauf hin. Protobeispiel ist die Bremer Moschee. Andere Moscheen tragen den Namen „Ayasofya“ und repräsentieren die Umwidmung der christliche Hagia Sophia in eine Moschee. Ayasofya-Moscheen gibt es unter anderem in Nürnberg, Oberhausen, Karlsruhe und Neuss. 2 Ganz in der Nähe in Aschaffenburg heißt eine Moschee „Ayasofya Cami“.

1529 kam es zum ersten Zusammenstoß zwischen einigen christlichen Staaten und dem osmanischen Reich vor Wien. Suleiman der Prächtige sah sich als Stellvertreter des Propheten an: „Ich, dessen Macht aufrechterhalten wird durch die Gnade des Allmächtigen, durch die Segnungen des größten seiner Propheten, durch den Schutz der vier ersten Begünstigten desselben, ich, Schatten Gottes über beide Welten“ so schrieb er an den König von Frankreich. Sein Schwiegersohn Mustapha äußerte 1528: „Weißt Du nicht, dass unser Herr der nächste ist nach Allah, dass wie nur eine Sonne am Himmel, so auch er der einzige Herr auf Erden ist?“

Anfang Mai 1529 setzte sich ein osmanisches Heer in Marsch zum Heiligen Kriege. „Und von da an wälzte sich nun ohne weiteren Widerstand das barbarische Heer nach den deutschen Grenzen, nach einem Lande, sagen die osmanischen Geschichtsschreiber, in das noch nie die Hufe moslemische Rosse eingeschlagen. Da traf die orientalische Weltmacht …. mit den Kernlanden des okzidentalischen Lebens, in denen die unterbrochenen Kontinuitäten des Fortschritts des allgemeinen Geistes ihren Sitz genommen und in vollen Trieben war, zusammen.“3

Bei der Belagerung mussten Vorstädte geopfert werden. Ausfälle endete zunächst nicht glücklich, den Gefallenen wurden die Köpfe abgeschlagen, auf Stangen gespießt und als Trophäen in das Zelt des Sultans gebracht. Gefangene wurden vom Sultan mit der Mission betraut, für eine Kapitulation zu werben, nach der die Stadt von den Muslimen verschont werde. Das wechselseitige Stollentreiben entwickelte sich zur Kriegsstrategie, Sprengkammern zur Zerstörung von Mauern wurden angelegt.

In Flugblättern wurde auf christlicher Seite die Angst folgendermaßen ausgedrückt

Ach der Herre Gott im höchsten Thron,

Schau dir diesen großen Jammer an.

So der türkisch wütend Tyrann

Im Wienerwalde hat getan.

Elend vermordet er Jungfrauen und Frauen.

Die Kinder mitten entzwey gehauen

Zertreten und entzwey gerissen

An spitzig Pfahl tet er sie spiessen.

O unser Hirte Jesu Christ

Der du gnedig und barmherzig bist

Dein Zoren von dem Volk abwendt

Erett es aus der Türken Hend

Trotz ungemütlicher Lage war Kaiser Karl V. nicht bereit, für die Rettung der Stadt Soldaten aufzutreiben. Seine Widersacher waren der König von Frankreich, der Papst und die Republik Venedig. König Ferdinand appellierte am 28.August 1529 an die gesamte Christenheit, der Stadt Wien zu helfen – vergeblich, dem türkischen Sultan blieb dies nicht verborgen.

Viermal gab Suleiman den Angriffsbefehl, dreimal hätten es ritterliche Werte nur erlaubt,. Wahrscheinlich war es der hereinbrechende Winter (Oktober), der Suleiman aufgeben ließ. In einem Kriegstagebuch hieß es: „Vom Morgengebet bis zum Abend schneite es in einem fort. Einige der Soldaten fanden wegen einer Überschwemmung ihr Gepäck nicht wieder.“ Unter hohen Opfern der Bevölkerung war die Stadt gerettet worden.4

Die weiblichen Gefangenen klagten

Ach weh uns armen Frawen weh

Nun werden wir frolich nymer meh

Seyd wir von den Thürkische mannen

Ins Elend wern geführt von dannen

Aus unserem Christenvaterland

Von Ehr und Gut in Laster und Schand

Von Eltern, Männern, Kindern, Freunden,

Hin zu den unchristlichen Fremden

Nun haben wir auf Erd kein Trost

Dass wir vom Thürcken würden erlöst

1532 führte Suleiman dann Krieg in der Steiermark. Ferdinand erklärte sich bereit, jährlich 30 000 Gulden zu zahlen, wer zahlte galt als abhängig.

Eine der merkwürdigsten Auseinandersetzungen zwischen Türken und Christen fand 1565 um Malta statt, das die Türken vom 18. Mai bis zum 8. September 1565 belagerten. Wie durch ein Wunder konnte das zahlenmäßig weit unterlegene Heer des Johanniterordens, der in Malta beheimatet war, den türkischen Ansturm zurückschlagen. Ein spanisches Entsatzheer war zu Hilfe gekommen. Der Großmeister (Führer) des Johanniterordens, Jean Parisot de la Valette, konnte die Insel dem Orden für mehr als zwei Jahrhunderte retten. Die nach ihm benannte Stadt La Valletta wurde kurz darauf gegründet. Der Erfahrungssatz „Der Türke kehrt immer zurück“ traf diesmal nicht zu. Das Arsenal von Konstantinopel wurde wahrscheinlich von Spionen des Ordens in die Luft gesprengt, Werft und Flotte des Sultans Suleiman weitgehend zerstört. 1566 starb schließlich der Sultan während eines Feldzuges in Ungarn. (Fußnote 4a)

Die zweite Belagerung Wiens durch die Türken endete erfolgloser als die erste. Zwei Monate lang belagerte ein türkisches Heer mit einem riesigen Troß die Stadt Wien.Am 12. September 1683 besiegten polnische, sächsische und habsburgische Truppen unter Erzherzog Karl von Lothringen und dem polnischen König Johann III. Sobieski die Osmanen in einer langen und blutigen Schlacht. Die Beute der Sieger war enorm, als „Türkenbeute“ ist sie in Völkerkundemuseen zu sehen. Nutznießer des Sieges war in erster Linie Habsburg. Für die Osmanen war die Niederlage verheerend, der Großwesir Mustafa Kara wurde umgebracht. Das osmanische Reich hatte nicht mehr die Kraft, derartige Niederlagen wegzustecken. Es brauchte die Beute, um sich selbst bezahlen zu können. (Fußnote 4b)

Aktueller Bezug dazu in der FR vom 6.6.2005

Kara Mustafa · Der in Wien aufbewahrte Kopf des türkischen Großwesirs, erfolgloser Feldherr bei der Belagerung Wiens 1683, soll endlich eine letzte Ruhestätte finden. Noch liefen Versuche, die mangels Totenschein unbestätigte Echtheit des Schädels zu prüfen, berichtete die österreichische Nachrichtenagentur APA. Der osmanische Großwesir Kara Mustafa Pascha (1635/36- 1683) hatte 1683 den Feldzug gegen Österreich und die Zweite Türkenbelagerung Wiens geleitet. Wegen Misserfolgs ließ ihn der Sultan später köpfen. Im Zug der habsburgischen Eroberung Belgrads kam der Schädel nach Wien. Die Türkei bezweifelt die Echtheit des Schädels und zeigte bisher kein Interesse, ihn zurückzuerhalten. dpa

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Großwesir Kara Mustafa

 Endgültig geschlagen wurden die Türken in der Schlacht von Peterwardein vom 5.August 1716. Der türkische Großwesir erlitt ein melancholisches Schicksal. Als er seine Reiterei auf dem Rückzug, die Janitscharen wanken und sein Heer fliehend sah, stürzte er sich in das Kampfgetümmel. Eine österreichische Kugel traf ihn tödlich. Eugen gewann die Schlacht nach fünf Stunden, die Türken mussten 6000 Tote hinnehmen. Das türkische Lager fiel mit reicher Beute in die Hände der Kaiserlichen: Geschirre und Sättel der Pferde, persische Teppiche und Stoffe, Pferde und Kamele. Der siegreiche Feldherr behielt das Zelt des Großwesirs, luxuriös und mit Räumen aus Gold und Seide; 500 Mann waren erforderlich, um es aufzuschlagen. „Innerhalb der gesamten Christenheit herrschte freudige Erregung über die Niederlage der Ungläubigen bei Peterwardein. In Wien waren die Straßen voll von Menschen und in Rom wurden auf Anordnung des Papstes alle Glocken geläutet und die Straßen der Stadt beleuchtet. An Eugen sandte der Papst einen Ehrendegen und Hut in Anerkennung der überragenden militärischen Verdienste des Prinzen um die Christenheit und die katholische Kirche.“5

Legen wir die Ereignisse von 1571 nach, die einen weiteren Höhepunkt türkisch-habsburgischer Auseinandersetzungen bildeten. 1568 wird Don Juan D’Austria, ein unehelicher Sohn Karls V., zum Oberbefehlshaber der spanischen Mittelmeerflotte ernannt. Seine Worte bei seiner Ernennung sprechen von hohem Selbstbewusststein: „Diese Flotte, an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe, ist die schönste der Welt und gleichzeitig die mächtigste, die dem Halbmond bisher entgegengetreten ist. Auf uns ruhen die Augen der gesamten Christenheit. So bin ich denn entschlossen, sofort die türkische Flotte zu suchen und zu besiegen.“6 Der Feldherr weiter: im Jahre 1565 habe das Selbstvertrauen der osmanischen Feldherren schweren Schaden erlitten, ihr Glaube an Allahs Beistand sei erschüttert worden. D’Austria weiter: „Nicht nur die Küsten sind Bedroht durch die Galeeren der Barbaren, auch die heilige Stadt Rom liegt ungeschützt, den Moslems zur Beute preisgegeben. Das Grab des Petrus zuschänden, das ist die Absicht der Ungläubigen. Ist Rom aber gefallen, dann ist die Sache Christi verloren in Europa.“ Wieder einmal wird die Entscheidungsschlacht zwischen Kreuz und Koran geschlagen. Die Schlacht fand am 7. Oktober 1571 bei Lepanto statt. Der türkische Befehlshaber, Ali Pascha, wurde erschlagen. Die Heilige Liga siegte, doch war ihr Sieg nicht vollständig. Der Gouverneur von Algerien, Uluch Ali, konnte einen Teil der Schiffe an Sultan Selim II. zurückbringen. Schon ein Jahr später war die türkische Flotte reorganisiert. Zypern wurde 1573 von Venedig aufgegeben, obwohl die Heilige Liga für dieses Gebiet gekämpft hatte. Die Vertreibung der Portugiesen aus dem Indischen Ozean, die Uluch Ali bezweckte, gelang unter Sultan Murad III. nicht, der Christen mehr im eigenen Land bekämpfte. Kirchen wurden unter seiner Herrschaft in Moscheen umgewandelt. Nach der Schlacht von Lepanto wurden weder Italien noch Spanien mehr von türkischen Geschwadern bedroht. Die islamische Energie zur See war erloschen. Das Ereignis war so bedeutend, dass es sogar auf dem Deckengemälde der „Kirche zu Unserer Lieben Frau“ in Günzburg bildlich dargestellt ist. Maria greift in den Entscheidungskampf zwischen der christlich-abendländischen und der türkischen Flotte ein.7

Zu Massakern kam es auch im Libanon. Frankreich nutzte sie, um im Libanon und Syrien als Schutzmacht der Christen aufzutreten. 8 Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wuchs der christliche Einfluss im Nahen Osten trotz dieser Massaker.

8 Vgl. Gerhard Schwarzer, Syrien verstehen- Geschichte Gesellschaft und Religion, Stuttgart 2015, S. 265 ff.

1 Konzelmann, Die islamische Herausforderung, München 1988, S. 158

2 Udo Ulfkotte, Der Krieg in unseren Städten. Wie radikale Islamisten Deutschland unterwandern, Frankfurt

am Main 2004, s. 104 ff.

3 Leopold von Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation Band 2, Hamburg o. J., S.107

4 Gerhard Konzelmann, Die islamische Herausforderung, München 1988, S. 172

4a Vgl. Ingeborg Tetzlaff, Malta und Gozo, Köln 1988 (DuMont Kunst-Reiseführer), S. 67 ff.

4b Michael Neumann-Adrian, Christoph K. Neumann, Die Türkei. Ein Land und seine 9000 Jahre alte Geschichte, München 1990, S. 257

5 Nicholas Henderson, Prinz Eugen. Der edle Ritter, München 1978 (Heyne Biographien), S. 310

6 Konzelmann, a.a.O., S. 199

7 Kirche zu Unserer Lieben Frau in Günzburg, Führer, S. 14

1860: Das Massaker an Christen in Damaskus

Wahrscheinlich starben über 3.000 Personen in den Christenvierteln von Damaskus im Juli 1860. 32.000 Christen lebten damals in dieser Stadt. Der türkische Gouverneur hatte wenig dagegen getan. 1260, sechshundert Jahre vorher, war es zu einem Pogrom an Christen gekommen. 1258 hatten die Mongolen Bagdad erobert. Arabische Christen aus Damaskus hatten sich hilfesuchend an die Mongolen gewandt, um Unterstützung gegen die Mamluken zu erhalten. Der Sultan Baibar konnte die Mongolen vertreiben und wütete darauf gegen die Christen von Damaskus. In der syrischen Hauptstadt entzündeten sich die Feindseligkeiten im Streit zwischen arabischen und christlichen Kaufleuten. Hintergrund bildete die Tatsache, dass von den Franzosen betriebene Schulen mit westlichen Lehrplänen auch für die muslimische Oberschicht Anklang fanden, was den geistlichen Rechtsgelehrten mißfiel.

Jean Ziegler- Wir lassen sie verhungern; FIAN – Wirtschaft global- Hunger egal? / Petra Ramsauer – So wird Hunger gemacht / Muhammad Yunus – Mikrokredite/ Beate Klarsfelds Kiesinger-Dokumentation/ Erfahrungen mit direkter Demokratie/ Irak-Krieg 2003

Jean Ziegler, Wir lassen sie verhungern. Massenvernichtung in der Dritten Welt, München 2012 (Dritte Auflage) und FIAN, Wirtschaft global- Hunger egal? Für das Menschenrecht auf Nahrung, Hamburg o.J. (attac Basis Texte 16)

Niger als Beispiel

In Niger gibt es nur wenig Ackerland, nur vier Prozent des Bodens sind nutzbar. Es gibt 20 Millionen Stück Vieh. Die Bewohner werden von den Auslandsschulden erdrückt. Der IWF hat die Schließung des Nationalen Veterinäramtes angeordnet. Damit wurde der Markt für die multinationalen Konzerne der Tierpharmazie geöffnet. Der Staat hat keine Möglichkeit mehr, die Verfallsdaten von Impfstoffen und Medikamenten zu kontrollieren. Jetzt müssen die Viehzüchter in Niger die Medikamente zur Behandlung ihrer Tiere zu dem Preis kaufen, der von den multinationalen Konzernen festgesetzt ist.Viele Viehzüchter sind nicht in der Lage, diese Preise zu bezahlen, deshalb werden die Tiere krank und verenden. Bestenfalls werden die Tiere noch vor ihrem Tod zu Billigpreisen verkauft. Auch die Gesundheit der Menschen verschlechtert sich nach dem Verlust ihrer Herden. Die ehemals stolzen Eigentümer wandern mit ihren Familien in die Elendsviertel von Niamey, Kano oder die großen Küstenstädte. Der IWF hat zusätzlich die Auflösung der nationalen staatlichen Nahrungsreserven auferlegt. Sie beliefen sich auf 40.000 Tonnen Getreide. Die Vorratslager unterhielt der Staat für Notfälle,wenn es zu Dürren, Heuschreckenplagen oder Überschwemmungen kam. Für den IWF durfte der Staat kein Eigentümer des Getreidehandels sein, weil das Dogma des Freihandels gilt. Seit Mitte der achtziger Jahre, als es eine fünfjährige Dürre zu beklagen gab, hat sich die katastrophale Entwicklung beschleunigt. „Inzwischen wird Niger alle zwei Jahre von Hungersnöten heimgesucht.“1

Zum Thema Uran im Niger ist zu sagen, dass der französische Staatskonzern Areva das Abbaumomopol in den Minen des Departements Arlit besitzt. Die dafür zu zahlende Gebühr an den Staat von Niger ist sehr gering. Vergeblich versuchte ein chinesischer Konzern in Niger im Uranbergbau in Niger Fuß zu fassen. 2010 sicherte ein Militärputsch die französischen Interessen. Der neue Machthaber brach die Gespräche mit den Chinesen ab und bekräftigte die guten Bezíehungen zum Areva Konzern aus Frankreich. Ein Bewässerungssystem für Niger schien nach Weltbank Analysen sinnvoll. 440.000 Hektar Land seien ohne größere technische Schwierigkeiten zu bewässern. Auf dem so gewonnenen Boden könnten jährlich drei Ernten eingebracht werden. Die Selbstversorgung an Nahrungsmitteln sei somit möglich. Der Hunger schien besiegbar. Der Areva Konzern hatte keinerlei Interesse, einen Beitrag zur Finanzierung dieses Projektes zu leisten. So scheiterte es. „Und im Niger verhungern die Kinder weiter.“2

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Indien

Wechseln wir den Kontinent nach Indien und springen in den Staat Madhya Pradesh. Im Jahr 2000 also vor zwölf Jahren – wurden 11.000 Bauernfamilien von der bundesstaatlichen Regierung von ihrem Land gejagt – es wurden Staudämme gebaut und Bodenschätze erschlossen. Eine Kohlemine war der Grund der Enteignung von Tausenden von Familien in Hazaribagh. Der gigantische Narmada – Staudamm hat mehrere Tausend Familien ihrer Lebensgrundlage beraubt. In den ländlichen Gebieten von Madhya Pradesh fallen die zu Skeletten abgemagerten Kinder auf.

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Einen Sieg konnte man in Südafrika feiern.

Johannesburg

Die Stadt Johannesburg hatte ihre Trinkwasserversorgung an einen multinationalen Konzern verkauft. Darauf wurde der Wasserpreis massiv erhöht. Viele Bewohner der Armenviertel konnten die hohen Preise nicht bezahlen. Das fließende Wasser wurde vom Betreiber abgestellt. Viele mittellose Familien waren gezwungen, sich ihr Wasser aus Bewässerungsgräben, verschmutzten Bächen oder Tümpeln zu holen. Einige Bewohner zogen in Soweto vor das Oberste Gericht. Der Prozess wurde gewonnen . Die Stadt Johannesburg musste zulassen, das die öffentliche Trinkwasserversorgung zu bezahlbaren Preisen wieder eingeführt wurde.

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Kommen wir zu Haiti. Grundnahrungsmittel ist der Reis. Anfang der 80er Jahre konnte sich Haiti mit Reis selbst versorgen. Die Bauern waren durch einen Einfuhrzoll von 30 Prozent geschützt. Strukturanpassungsmassnahmen des IWF: Der Schutzzoll für Reis wurde von 30 auf 3 Prozent reduziert. Der von den USA hochsubventionierte nordamerikanische Reis eroberte den Markt von Haiti. Er ruinierte den nationalen Anbau und damit die Existenz von Hunderttausenden Reisbauern. „Zwischen 1985 und 2004 stiegen in Haiti die Reisimporte – vor allem aus Nordamerika, wo der Reisanbau, wie gesagt, stark subventioniert wurde – von 15.000 auf 350.000 Tonnen pro Jahr an. Gleichzeitig brach der lokale Reisanbau ein- von 124.000 auf 43.000 Tonnen pro Jahr.“3 „In normalen Zeiten verbrauchen die 9 Millionen Haitianer 320.000 Tonnen Reis pro Jahr.Als sich 2008 der Weltmarktpreis von Reis verdreifachte, konnte der Staat nicht genügend Lebensmittel einführen. Daraufhin ging der Hunger um in der Cité Soleil, der ‘Sonnenstadt’, dem größten Slum Lateinamerikas, der zu Füßen des Hügels von Port – Au 4– Prince am Ufer des Karibischen Meers liegt.“

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Wechseln wir nach Brasilien. Dort hat das Programm, Agrotreibstoffe zu produzieren, absolute Priorität. Hier wird in erster Linie der Rohrzucker verwendet, um Bioethanol herzustellen. Das Programm heißt Plan Pro-Alkohol. 2009 hat Brasilien 14 Milliarden Liter Bioethanol verbraucht und 4 Milliarden Liter exportiert. Ein vages Ziel besteht sogar darin, in Zukunft einmal 200 Milliarden Liter zu exportieren. Jetzt schon werden dazu Häfen ausgebaut. Die Ausbauflächen für Zuckerrohr sollen auf 26 Millionen Hektar ausgedehnt werden. Vom Pro-Alkohol Plan haben vor allem die Zuckerrohrbarone und transnationale Konzerne profitiert. Das Umland von Ribeiráo Preto im Bundesstaat Sao Paulo ist die größte Zuckerregion. Relativ große Zuckerrohrplantagen kommen dadurch zustande, dass die einst unabhängigen Bauern gezwungen werden, ihr Land den Großgrundbesitzern zu veräußern. „Zwischen 1985 und 1996 hat man in Brasilien nicht weniger als 5,4 Millionen von ihrem Land vertriebene Bauern und die Aufgabe von 941.111 kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betrieben gezählt.“5 Wie gesagt profitieren neben den einheimischen Großmagnaten transkontinentale Großkonzerne wie Louis Dreyfus, Bunge, Noble Group, Archer Daniels Midland und Fonds aus China. China kann bis 2013 zwanzig Ethanolfabriken in Brasilien errichten. Dieses „Land grabbing“ ist charakteristisch für eine Entwicklung, in der Einheimische stark unter die Räder kommen. Der Plan Pro-Alkohol wurde selbst vom damaligen Präsidenten Inácio Lula 2007 gerechtfertigt. Zuckerrohr sei keine Nahrungspflanze, im Gegensatz zu den Amerikanern werde weder Mais noch Weizen verbrannt. Das Argument hält Ziegler für nicht stichhaltig. Die Landwirtschaftsgrenze verlagere sich stetig. Das Zuckerrohr dringe in das Innere des kontinentalen Hochlandes vor. Nach einer Hochrechnung der Weltbank seien beim gegenwärtigen Ausmaß der Brandrodung im Jahr 2050 40 Prozent der Amazonaswälder verschwunden.6 Durch zunehmenden Zuckerrohranbau wird das Land gezwungen , Lebensmittel einzuführen. Die zunehmende globale Nachfrage bewirkt eine Preissteigerung der Lebensmittel. 2008 konnten Millionen Menschen wegen der hohen Lebensmittelpreise nicht genügend Nahrung kaufen. Auf den Zuckerrohrfeldern wird nur selten der gesetzliche Mindestlohn bezahlt. Die Hersteller von Agrotreibstoffen stellen in erster Linie Wanderarbeiter ein. Häufig sterben die Schnitter und ihre Kinder an Tuberkulose und Unterernährung. Die Zahl der Landarbeiter ohne Boden beträgt 4,8 Millionen. Wenn die Ernte im Süden beendet ist, müssen die Arbeiter 2.000 Kilometer nach Nordosten ziehen… sie wechseln alle sechs Monate ihren Aufenthaltsort.7 Die Ordnung wird von privaten Zuckermilizen eingehalten. Auch Kinder arbeiten auf den Plantagen. Nach Angaben der ILO sind 2,4 Millionen Kinder unter 17 Jahren in der brasilianischen Landwirtschaft tätig, davon 22.876 auf Zuckerrohrplantagen.8

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Zuckerrohr in Indien

Auch in Indien ist die Situation ähnlich auf einer Plantage im indischen Bundesstaat Gujarat. Die Zuckerrohrschnitter auf der Plantage bekommen von Würmern befallenes Essen, die Hütten bieten keinen Schutz vor Tieren. Wer protestiert, wird durch einen gefügigeren Arbeiter ersetzt. Ausverkauf von Boden an multinationale Konzerne Das angeblich marxistische Äthiopien ist hier ein beachtliches Negativbeispiel. Fast 1,6 Millionen Hektar Land hat es Investoren zum Anbau von Zuckerrohr und Ölpalmen überlassen. Bis 2009 haben auch ausländische Investoren neben über 8.000 einheimischen die Genehmigungen erhalten. Mächtigster Agarinvestor ist der saudische Multimilliardär Al- Ahmoudi. Er bekam viele Tausend Hektar in einigen fruchtbaren Regionen wie Sidamo und Gambella. Er will noch zusätzlich 500.000 Hektar erwerben, um Zuckerrohr anzupflanzen. Früher lebten auf seinen Ländereien Kleinbauernfamilien aus dem Volk der Nuer, die mit Waffengewalt vertrieben wurden. Al-Amoudi zahlt 90 Eurocent Pachtzins pro Hektar und pro Jahr. 2008 wurde dem koreanischen Konzern Daewoo vom Präsidenten Madagaskars, Ravalomanana, eine Million Hektar Ackerboden zugesagt. Der Konzern erhielt die Konzession ohne finanzielle Gegenleistung für 99 Jahre. Geplant war die Herstellung von Bioethanol. Verpflichtet wurde der Konzern, Straßen, Bewässerungskanäle und Lagerhäuser zu bauen. Den Präsidenten kostete dieser Vertrag Ende November 2008 sein Amt, der Nachfolger löste den Vertrag auf.

In Sierra Leone hat der transnationale Konzern Addax Bioenergy, der in Lausanne beheimatet ist, die Konzession für die Nutzung von 20.000 Hektar fruchtbaren Bodens erhalten. Auch dort soll Zuckerrohr für die Nutzung von Bioethanol angebaut werden, ein Ausbau auf 57.000 Hektar ist vorgesehen. Der Vertrag wurde mit der Regierung in Freetown geschlossen, die betroffenen Bauern wissen nichts von ihrem Schicksal. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone endete 2002, 80 Prozent der Bevölkerung lebt in extremer Armut. Versprochen sind 4.000 Arbeitsplätze von Addax, eine Studie widerlegt dieses Versprechen. Gegenwärtig beschäftigt das Unternehmen fünfzig Personen zur Beaufsichtigung der Zuckerrohrsprossen und des Manioks. Der Tageslohn beträgt umgerechnet 1,8 Euro. „Die Agrotreibstoffe verursachen soziale und klimatische Katastrophen. Sie bringen die dem Lebensmittelanbau dienenden Flächen zum Schrumpfen, sie vernichten die bäuerlichen Familienbetriebe und verstärken den Hunger in der Welt.“9

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Nahrungsmittelspekulation

Nach Schätzung der Weltbank sind seit Anfang 2011 zusätzlich mindestens 62 Millionen Menschen in das Heer der Unterernährten abgesunken. Heiner Flassbeck meint dazu: „ Die Auswirkungen der durch die Risikohypotheken (Subprime-Kredite) bewirkten Krise haben weit über die Vereinigten Staaten hinausgegriffen und zu einer allgemeinen Liquiditäts – und Kreditkontraktion geführt. Der Anstieg der Rohstoffpreise, teilweise bewirkt durch spekulative Fonds, die von Finanzinstrumenten auf Agrarrohstoffe umstiegen, erschwert die Ausarbeitung politischer Maßnahmen zur Vermeidung einer Rezession bei gleichzeitiger Kontrolle der Inflation.“10 Zwischen 2003 und 2008 haben die Spekulationen auf Rohstoffe durch Indexfonds um über 2.000 Prozent zugenommen.11 Tatsächlich führen nur zwei Prozent der Rohstoff-Futures tatsächlich zur Lieferung einer Ware. Die restlichen 98 Prozent werden vor dem Fälligkeitsdatum weiterverkauft. Als Lösung schlägt der ehemalige Finanzstaatssekretär, Heiner Flassbeck, der UNCTAD die weltweite Kontrolle über die Börsenkurse für Agrarrohstoffe zu übertragen. „Auf den Terminmärkten dürften fortan nur noch die Erzeuger, Händler oder Verwender von Agrarrohstoffen tätig werden. Wer mit einer Partie Weizen oder Reis, einer Anzahl Hektoliter Öl etc, handle, müsse gehalten sein, die vereinbarte Ware auch zu liefern. Außerdem empfehle es sich, die … zu hinterlegenden Sicherheiten für solche Geschäfte zu erhöhen.“12

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Aktivitäten, die das Verbot der Spekulation mit Grundnahrungsmittel zum Ziel haben: Die Linkspartei in Spanien brachte im Mai 2012 einen Gesetzentwurf ein, in dem das Verbot der Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel gefordert wird. Hintergrund: laut Unicef sind 2012 2,2 Millionen Kinder schwerst und dauerhaft unterernährt. Die Jungsozialisten der Schweiz beschlossen ebenfalls im Mai 2012 eine Volksinitiative mit dem Ziel, das Verbot der Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel in die Bundesverfassung aufzunehmen.

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Zwischeneinwurf: Die Lage der Ernährung in einem Land, das seit Jahrzehnten planwirtschaftlich funktioniert: Nordkorea. Sechs der vierundzwanzig Millionen Nordkoreaner sind stark unterernährt. Zwischen 1996 und 2005 sind zwei Millionen Menschen den verschiedenen Hungersnöten zum Opfer gefallen. Anfang 2011 gab es riesige Überschwemmungen, die die Reisfelder verwüsteten, die Maul- und Klauenseuche hat den Viehbestand reduziert. In Umerziehungslagern gibt es mehr als 200.000 Personen – unter ihnen auch von Chinesen abgeschobene Hungerflüchtlinge. Es wird von Betonwürfeln berichtet, in denen sich Häftlinge weder aufrichten noch hinlegen können – inhaftiert sind hier vor allem „Unruhestifter“. An Mangelernährung sterben in den Lagern 40 Prozent der Häftlinge. Auswirkungen des WTO-Agrarabkommens

Beispiel Jamaika: Dort wurden jährlich 150 Millionen Liter Milch verbraucht. 2002 wurden allerdings jährlich 12 Prozent in Jamaika selbst erzeugt. Für die Kleinbauern hatte das die Auswirkung, dass ihre Milchproduktion in fünf Jahren von 2,5 Millionen auf 300.000 Liter sank. Grund dafür waren die Milchsubventionen der EU, die Milchpulverimporte aus ihr stiegen von 1.200 Tonnen im Jahr 1992 auf 6.300 Tonnen im Jahr 2000.13 1992 hatte Jamaika seine Zölle auf Milchpulver reduziert und die Subventionen für heimische Milchbauern gestrichen. Dies hatte die Weltbank zur Voraussetzung für einen Kredit gemacht. Die Gesamtzahl der Exportsubventionen der EU für Exportsubventionen für Milchprodukte belief sich 1999 auf 1,5 Milliarden Euro. Viele einheimische Bauern in Jamaika zwingen diese Subventionen zum Aufgeben.

Weitere Beispiele für die Subventionspolitik der EU brachte der Entwicklungsexperte Uwe Kekeritz in einem Vortrag im November 2011.14 Von den Milchbauern im Norden Kameruns etwa, die zuerst über die Entwicklungshilfe eine kleine Molkerei bekamen, bevor sie durch Billigmilchimporte aus der EU verdrängt wurden. Von Hähnchenzüchtern in Ghana, die aufgeben mussten, nachdem tiefgefrorene Hähnchenschenkel und -flügel aus der EU den Markt überschwemmten und ihre Preise unterboten.

Die frühere Textilindustrie ganz Afrikas sei gezielt kaputt gemacht worden, ist er überzeugt, durch den Verkauf von Textilien, die hier bei Altkleidersammlungen eingesammelt werden. Es sei eine Frechheit, dass sich das Rote Kreuz, für fünf Cent pro Kilogramm, für die kommerzielle Sammlung über die Altkleidercontainer einspannen lasse, meinte der Referent.15

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Gegenwärtige Preisentwicklung nach Einschätzung der Weltbank: „Der Preisimdex für Lebensmittel, der sich zwischen Oktober 2010 und Januar 2011 um 15 Prozent erhöht hat, ist gegenüber dem Vorjahr um 29 Prozent gestiegen und liegt nur um 3 Prozent unter seinem Höchststand vom Jahr 2008. Der in den letzten drei Monaten beobachtete Anstieg kann großenteils auf die Preiserhöhungen für Zucker (20 Prozent), Fette und Öle (22 Prozent), Weizen (20 Prozent) und Mais (12 Prozent) zurückgeführt werden.“16 Nach Schätzungen der Weltbank sind seit Beginn des Jahres 2011 zusätzlich mindestens 62 Millionen Männer, Frauen und Kinder in das Heer der Unterernährten und vom Hunger Gefährdeten abgesunken.17  

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Wie handeln? „Wie berichtet, haben 146 der damals 193 der UNO angehörenden Staaten ihre Vertreter im September 2000 nach New York entsandt, um ein Verzeichnis der schlimmsten Tragödien anzulegen… Nach Berechnungen, die die Staats- und Regierungschefs vorlegten, müsse man, um die acht Tragödien zu besiegen – unter denen der Hunger den ersten Rang einnimmt -, fünfzehn Jahre lang eine jährliche Investition von 80 Milliarden Dollar vornehmen. Dazu würde es genügen, bei den 1210 vorhandenen Milliardären eine jährliche Vermögenssteuer von 2 Prozent zu erheben…“18 Es ergeben sich in dem Buch doch einige Vorschläge, die dem Hunger ernsthaft zu Leibe rücken.

1Jean Ziegler, Wir lassen sie verhungern. Massenvernichtung in der Dritten Welt, München 2012

(Dritte Auflage), S. 57

2Ebd., S.58

3Ebd., S. 162

4Ebd., S.163

5Ebd. S. 236 f.

6Vgl., S 238 f.

7Vgl., S. 240

8Vgl., S. 241

9Ebd., S. 253

10Ebd., S. 270

11 Indexfonds sind Investmentfonds , die einen bestimmten, repräsentativen Index möglichst exakt nachbilden. Um das zu erreichen, investieren die Fonds zum Beispiel in die dem Index zugrunde liegenden Wertpapiere im gleichen

Verhältnis wie der Index. (Quelle: Wikipedia)

12Ziegler, S. 272

13 Vgl. FIAN, Wirtschaft global- Hunger egal? Für das Menschenrecht auf Nahrung,

Hamburg o.J., S. 40 f.

14Main-Echo 21.11.2011

15Ebd.

16Ziegler, S. 268

17Ebd.

18Ebd., S 303

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Petra Ramsauer, So wird Hunger gemacht, Wer warum am Elend verdient, Wien 2009

Eine Milliarde Menschen sind aktuell von Hunger und Tod bedroht, und die Angst vor der Armut hat längst Schichten in den westlichen Industrieländern erreicht, die sich lange auf der sicheren Seite eines Wohlstandes wähnten, der sich schon immer auf dem Rücken der Ärmsten aufbaute. 1974 wurden 500 Millionen hungrige Menschen registriert, 1996 waren es 830 Millionen Hungernde.

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Ein Anstieg um einen Prozentpunkt der durchschnittlichen Lebensmittelpreise bedeutet, dass 16 Millionen diese Preise nicht mehr bezahlen können, so die Autorin. Wie die Weltbank meint, verursachten 2008 in Afrika die erhöhten Preise für Nahrungsmittel, dass 30 Millionen Menschen zusätzlich in starke Armut gestürzt wurden. Am stärksten traf es Somalia, wo bis Ende 2008 über drei Millionen Menschen Lebensmittelhilfe brauchten.Die hohe Summe von 2,8 Billionen Dollar wurde an den Finanzmärkten im Herbst 2008 vernichtet. Weltweit gaben Regierungen die Summe von 14 Billionen Dollar aus allein bis Herbst 2009 und das zur Rettung ihrer Finanzinstitute. „Alle hungrigen Menschen Afrikas hätten mit dieser Rettungssumme drei Jahre lang satt werden können“ meinte Stephen Muchiri, Vorsitzender der Vereinigung afrikanischer Bauern. Jeffrey Sachs, Direktor des Earth Institute“ der Columbia University formulierte folgendermaßen: „Die USA und Europa haben in den Herbstmonaten des Jahres 2008 Billionen von Dollar für die Unterstützung ihrer gescheiterten Banken aufgebracht. Sie haben es aber nicht geschafft, ein Tausendstel dieser Summe für die Ärmsten der Welt bereitzustellen, die angesichts der Ernährungskrise dringend Hilfe gebraucht hätten.“ 2007 gab es die Ernährungskrise mit sprunghaft gestiegenen Getreidepreisen und steigenden Kursen für Weizen, Mais und Soja.

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Biotreibstoffe sind ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ meint Jean Ziegler. Man kann davon ausgehen, dass sie für den Anstieg der Lebensmittelpreise mit verantwortlich sind. Ein renommiertes Institut geht davon aus, dass 30 Prozent des globalen Anstieges von Lebensmittel-preisen aus ihrem Vorhandensein resultiert. 2008 wurde ein Viertel der Maisernte der Vereinigten Staaten in Biosprit verwandelt. Bis 2016 soll der Anteil auf ein Drittel anwachsen. Eine weitere Dimension von Biotreibstoffen lässt sich in Borneo (Indonesien) nachweisen. Dort werden Urwälder planiert, um riesigen Palmölplantagen Platz zu machen. Zeitgleich verschwinden die Anbauflächen für Lebensmittel. Der Palmölverbrauch hat sich weltweit verdoppelt. Bislang wurden Margarine oder auch Lippenstifte daraus gewonnen, jetzt ist es Biosprit. 20 Millionen Hektar will die indonesische Regierung für Plantagen freigeben, das ist etwa das Fünffache der Fläche der Schweiz. Bemerkenswert ist, dass auf den 23 Millionen Hektar Land, auf denen in Brasilien Zuckerrohr für Bioethanol angebaut wird, Nahrungsmittel für eine vegetarische Ernährung von bis zu 450 Millionen Menschen angebaut werden könnten. Paul Krugmann meint zum Thema Biotreibstoff als Nobelpreisträger: „Jedes Stück Land, das dazu verwendet wird, Biotreibstoffe anzubauen, ist Land, das bei der Nahrungsmittelproduktion fehlt. Förderungen und Steueranreize für ihren Einsatz sind ein wesentlicher Faktor, der zur Nahrungsmittelkrise beiträgt. Oder man könnte es auch so sagen: Man lässt Menschen in Afrika hungern, damit amerikanische Politiker in den Bundesstaaten mit einem hohen Anteil von Farmern ihre Wähler hofieren können.“

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Nehmen wir das Beispiel Mauretanien, um das Problem der Unterernährung zu erläutern. Ein Großteil der Nahrungsmittel muss importiert werden. Zahlreiche Exportländer schränkten zum Schutz ihrer eigenen Konsumenten die Ausfuhren von Getreide und Mais deutlich ein. Daraufhin waren Importländer wie Mauretanien mit erheblichen Mehrkosten konfrontiert. Das Land lebt vom Verkauf von Fischereilizenzen.Ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes wird dadurch erwirtschaftet. Die Hochseeflotten der EU fangen einen Großteil der Fische im Meer vor diesem Land. Der Fang gelangt tiefgefroren in die Verbraucherländer. Die hochwertigen Fische verschwinden, die Sardinen bleiben. „Wir haben keine Chance gegen den Hunger der reichen Länder.“ Die verbleibenden Sardinen sind um die Hälfte teurer und für viele unerschwinglich. Was schlägt Petra Ramsauer als Lösungsmöglichkeit vor?

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„Zum globalisierten Handlungsgeflecht gehören auch die Geschäfte mit Rohstoffen, auch jenen, aus denen unsere Grundnahrungsmittel hergestellt werden. Spekulation und die damit verbundene Finanzakrobatik ist ein wesentlicher Faktor der Preissteigerung von Lebensmitteln geworden. Der US-amerikanische Nobelpreisträger James Tobin hat als Maßnahme gegen die Auswucherungen der

Finanzspekulation die Einführung einer minimalen Transaktionssteuer vorgeschlagen, Tobin Tax genannt. Würde lediglich ein geringer Prozentsatz von 0,5 Prozent aller Kapitalflüsse besteuert, brächte dies jährlich 290 Milliarden Euro… Ein Verbot des Börsenhandels mit Agrarprodukten ist unrealistisch. Allerdings muss bei Spekulationsgeschäften das Regelwerk von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie greifen.“ Letztere Vorstellungen sind allerdings zu vage, um eine Vorstellung zu gewinnen, was konkret zu tun ist.

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Zum Thema „Menschenrecht auf Ernährung“ meint die Autorin: „Um die Hungerkrise zu lösen, ist eine zweite ‘Grüne Revolution’, vor allem in Afrika, nötig, doch diese Revolution darf sich nicht auf die technische Umsetzung von Ertragssicherheit reduzieren: Von einem ‘New Deal’ der globalen Ernährungssicherheit spricht Weltbank-Generaldirektor Robert Zoellick. FAO – Generaldirektor Jacques Diouf hofft angesichts der Krise auf einen Impuls für eine neue Ordnung der weltweiten Agrarproduktion mit dem Schwerpunkt auf dem Menschenrecht auf Nahrung, das längst völkerrechtlich verankert ist. Anlässlich des 60. Jahrestages der Erklärung der Menschenrechte wurde durch die UN-Vollversammlung am 10.Dezember 2008 ein Zusatzprotokoll zu diesem Sozialpakt verabschiedet. Damit soll Opfern von Verletzungen sozialer Menschenrechte, wenn ihnen die Lebensgrundlage gewaltsam entzogen wurde und sie sich nicht ernähren können, die Möglichkeit eingeräumt werden, bei der UNO Beschwerde einzulegen. Mit der Einklagbarkeit ist ein erster Schritt getan. Nun geht es darum, die Durchsetzbarkeit dieses fundamentalen Menschenrechtes auch zu gewährleisten.“ Wie, fragt sich der interessierte Leser. Wäre es nicht sinnvoller, zu fordern: „Verbot der Agrarsubventionen der Industrieländer“?

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Weiter heißt es zum Thema „Kleinbauern stärken“

„Es geht um die Besinnung der Einzelstaaten darauf, was ihre Landwirtschaft zu allererst leisten soll: Versorgung der Bevölkerung. 30 Milliarden Dollar sollten deshalb, fordert die FAO, jährlich in die Landwirtschaft investiert werden. Und zwar in fünf Bereiche: Investitionen in die Produktivitätssteigerung in den abgelegenen Dörfern der weniger entwickelten Welt, in die Bewahrung natürlicher Ressourcen, in den Aufbau der Infrastruktur und der Märkte, in die Ausbildung der lokalen Bauern und auch in den Aufbau von Nothilfeprogrammen.“ Zum Thema „Zukünftige Landwirtschaft“ wird ausgeführt: „… Noch fehlen die endgültigen Beweise, dass es auch langfristig möglich ist, sei es ökonomisch oder ökologisch, mit Gentechnik das Hungerproblem zu lösen. Es stellt sich auch die Frage, ob die industrielle – sehr energieintensive – Form der Landwirtschaft angesichts der schwindenden Energieressourcen in der Lage sein wird, den zu erwartenden Nachfrageanstieg bewältigen zu können. Ermutigend sind allerdings die Resultate einer Untersuchung, die vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) durchgeführt wurde. 114 Projekte mit Biolandwirtschaft in 24 afrikanischen Staaten wurden dafür analysiert. Ertragssteigerungen von 128 Prozent konnten dort verbucht werden, indem Felder mit naturbelassenen Methoden bestellt wurden… Durch den Einsatz traditioneller Methoden schritt die Bodenerosion weniger stark voran, gleichzeitig verringerte sich das Sinken des Grundwasserspiegels.“

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Weiter heißt es zum Problemfeld „Klimaschutz gegen Armut“

„ … Die Produktion von Fleisch ist sehr energieintensiv und verursacht einen großen Anteil der Kohlendioxid- Emissionen in dem Bereich. Pflanzliche ökologische Erzeugnisse verursachen um ein Viertel weniger Treibhausgas – Emissionen als konventionell hergestellte Produkte.. Die neue Regelung (Nachfolgeprotokoll des Kyoto-Abkommens) muss Armutsbekämpfung und Klimaschutz verknüpfen…Eine Möglichkeit wäre es, den Erlös aus dem Handel mit Verschmutzungsrechten zum Teil direkt für die Finanzierung der Millenniumsziele zu verwenden. Derzeit bringt dieser Zertifikatshandel in der EU jährlich 60 Milliarden Euro an Erlösen. Würden die Verschmutzungsrechte global gehandelt, würde das bis zu 250 Milliarden Euro bringen.“ Für verändertes Verbraucherverhalten plädiert Petra Ramsauer zum Schluss ihres lesenswerten Buches:“Laut einer Untersuchung … landet jeder fünfte Laib Brot, der in Österreich produziert wird, am Müll. Eine Ursache für diese Verschwendung ist, dass jeder bis zum Geschäftsschluss eine große Auswahl von Produkten erwartet und am nächsten Tag kaum bereit ist, ‘altes’ Brot zu essen. Umso mehr zeigt sich, wie verrückt und dekadent unsere Welt geworden ist. Es ist so banal. Dies wieder und wieder festzustellen, doch die Folgen dieser Ungleichheit sind tödlich. Für 5 Millionen Kinder pro Jahr.“

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Muhammad Yunus Ein anderer Kapitalismus ist machbar -Wie Social Business Armut beseitigt, Arbeitslosigkeit abschafft und Nachhaltigkeit fördert , München 2018

„Die Weltbevölkerung ist inzwischen auf nahezu acht Milliarden Menschen angewachsen. Es ist wichtiger denn je, das Konzept des Kapitalismus zu überdenken.“

Seine Grundidee ist das Social Business – in seinen Augen nicht einfach nur ein großartiges Werkzeug zur Lösung der Krise, sondern auch ein Ausdruck der menschlichen Kreativität.

Professor Muhammad Yunus kam 1940 im heutigen Bangladesch zur Welt. Er wurde im Distrikt Chittagong geboren. Während seiner Schulzeit war Yunus aktiver Pfadfinder. Zunächst absolvierte er eine Ausbildung an der Dhaka University. Ab 1966 studierte er an der Vanderbilt University in den USA. Zu diesem Zweck wurde ihm ein Stipendium zur Verfügung gestellt. Im Jahr 1969 promovierte er in Volkswirtschaftslehre und wurde 1972 Professor an der Cittagong University in Bangladesh. Er gilt als Erfinder des Mikrokredits sowie des Social Business Konzepts für einen anderen Kapitalismus. Dem Gründer der Grameen-Bank wurde 2006 der Friedensnobelpreis verliehen.

Muhammad Yunus gründete 1983 seine Grameen-Bank, er machte mit ihr genau das Gegenteil von dem, was Geschäftsbanken sonst machen. Er verlieh Geld nur an arme Menschen, fast ausschließlich an Frauen, und er nahm auch keine Sicherheiten. Sein Geschäftskonzept beruhe auf Vertrauen, sagt Yunus. Und der Erfolg neigt sich ihm zu: Heute zählen Millionen von Menschen – 97 Prozent davon Frauen – auch außerhalb Bangladeschs zu seinen Kunden und seine Bank macht Gewinn.

Ein Beispiel für sein Social Business ist „Golden Bees“ ( Goldbienen), eine Firma mit Sitz in Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Die Landwirtschaft ist der wichtigste Industriezweig Ugandas. „Golden Bees“ ist ein Social Business mit dem Ziel, Tausenden von Kleinbauern in Uganda die Bienenzucht beizubringen. Es verkauft die Imkerausrüstung und bildet die Landwirte in Bienzucht aus. Die Firma sammelt die Bienenprodukte ein, um sie weiterzuverarbeiten und zu vermarkten. Alle Gewinne, die das Unternehmen macht, werden in die Expansion des Unternehmens reinvestiert, sodass „Golden Bees“ seine Leistungen noch mehr Bauern zugänglich machen kann.

Mitte 2016 nutzten etwa 1.200 Bauern „Golden Bees“. Nach eigener Einschätzung ist „Golden Bees“ ein Beispiel dafür, wie Unternehmertum armen Menschen dabei helfen kann, der Armut zu entkommen und ihnen ein zusätzliches Einkommen oberhalb der Armutsgrenze zu sichern.

Yunus kommt aus Bangladesh, einem der ärmsten Länder der Welt. Das Land liegt im nordöstlichen Teil Südasiens und ist umgeben von Indien und Myanmar. Es hat 165 Millionen Einwohner, die Fläche ist halb so groß wie die der Bundesrepublik Deutschland. Die Besiedelungsdichte beträgt 1.100 Einwohner pro Quadratkilometer. Die Bevölkerungsdichte hat Umweltprobleme bewirkt. Riesige Waldgebiete verschwanden. Holz sollte für den Hausbau, für Möbel oder Papier gewonnen werden. Fehlende Umweltgesetzgebung hat zu großer Wasser- und Luftverschmutzung geführt. Das hausinterne Kochen und Heizen mit Holz- und Kohleherden hat zu einer hohen Anzahl von Lungenerkrankungen geführt.

Umweltpolitisch droht eine Katastrophe durch die tiefe Lage im Gangesdelta. Die verheerenden Überschwemmungen drohen in Zukunft noch zuzunehmeen. Die Zunahme der Treibhausgase lässt den Meeresspiegel bis Ende des 21. Jahrhunderts voraussichtlich um mehr als einen Meter ansteigen. Voraussichtlich wird der gestiegene Meeresspiegel 2050 etwa 17 Prozent von Bangladesch für immer überschwemmen und 18 Millionen Menschen zur Flucht zwingen. Die Entwicklung könnte noch desaströser werden.

Yunus warnt vor der weiteren Nutzung der Kohle aus umweltpolitischen Gründen. Im Süden von Bangladesch ist in Rampal ein 1.320 Megawatt Kohlekraftwerk geplant. In der Nähe liegt der größte Mangrovenwald der Welt, der durch dieses Kraftwerk gefährdet wird. Zusätzlich soll ein Kernkraftwerk entstehen, dass 2.000 Megawatt Elektrtizität produzieren soll. Yunus outet sich als Gegner der Kernkraftnutzung nach den Katastrophen von Tschernobyl (!986) und Fukushima (2011). Er sieht in ihr das Potential zur Massenvernichtung.

Er lobt „Grameen Shakti“, ein Unternehmen für regenerative Energien– von ihm 1986 ins Leben gerufen. 2008 hatte das Unternehmen 100.000 Solarzellen in Häusern seines Landes installiert. Anfang 2013 wurden 1 Mio. Heimsolarsysteme gefeiert, 2017 wurden 1,8 Mio. Haushalte bedient. Die Versorgung von 12 Millionen Menschen in Bangladesch mit regenerativ erzeugtem Strom sei ein riesiger Schritt nach vorn, meint Yunus. Mittlerweile sei Grameen Shakti nicht das einzige Unternehmen für Ökostrom, sondern weitere 1,5 Millionen weitere Haushalte werden damit bedient.

Ausgeweitet wurde die Angebotspalette für Bangladesch- Küchenherde, die die Brennstoffverschwendung reduzieren und Zehntausende von Biogasfabriken- Kuhdung wird in Methangas zum Kochen verwandelt.

Ein anderes Beispiel zeigt Yunus in Haiti auf. Hier wurde „Haiti Forest“ gegründet -von Yunus Social Business (YSB) . Ziel war es, das Land wiederaufzuforsten. 1923 waren noch 60 Prozent der Fläche Haitis bewaldet. Danach kam es zu massiven Abholzungen – große Holzfirmen kamen zum Zuge. Danach bedeckten Wälder noch 2 Prozent der Fläche Haitis. Auf die Landwirtschaft wirkte sich die Abholzung negativ aus. Die Bauern konnten nur einen ausgelaugten, wenig fruchtbaren Boden bestellen. 2010 kam noch das Erdbeben hinzu. Haiti ist das ärmste Land der westlichen Welt. „Haiti Forest“ wurde gegründet, um das Land wieder aufzuforsten. Das Ziel besteht darin, jedes Jahr mehr als eine Million Bäume zu pflanzen. Auffällig in Haiti auch die Zusammenarbeit von „Kreyol Essence“, einer Öko-Luxus-Kosmetikmarke, mit Bauern. Dieses Unternehmen pflanzt mit einheimischen Kleinbäuerinnen Rizinusbäume. Es kauft die Rizinuspflanzen und -samen zu Preisen, die über dem Marktpreis liegen. Dadurch soll ein besseres Einkommen für die Betroffenen erreicht werden.

Yunus stellt ein Unternehmen aus Uganda vor, nämlich „Savco Millers“, das Waren aus wiederverwerteten Plastikmüll produziert. Nach Expertenschätzung produziert Uganda jeden Tag mehr als 108 Millionen Plastikmüll, die Recyclingkapazität liegt unter 50 Prozent. „Savco Millers“ ist ein social business, das von YSB unterstützt wird. Das Unternehmen kooperiert mit Plastiksammlern. Der Festpreis des Unternehmens ist höher als der übliche Abnahmepreis, da Zwischenhändler ausgeschaltet werden. Die Produkte, die „Savco Millers“ herstellt, sind Pflanzsäcke für junge Bäume, Müllbeutel und Baufolien. Ein Sammler unter einigen ist William Male, früher Straßenkind in Kampala, der durch seine Zusammenarbeit mit dem Unternehmen nach eigener Einschätzung vor „Taschendiebstahl und Klebstoffschnüffeln“ bewahrt wurde.

Ein weiteres Unternehmen, das YSB unterstützt wird, ist „Green Bio Energy“, mit Sitz im Süden der Hauptstadt. Es fertigt vor allem Kohlebriketts für das Kochen in Haus und kleine, tragbare Herde. Die Kohlebriketts sind vollständig aus recycelter Kohle und verschiedenem landwirtschaftlichen Abfall hergestellt, z.B. Maniok-, Bananen- und Reisschalen, dazu kann Fruchtfleisch von Kaffekirschen verwendet werden. Sie brennen lange und sauberer als konventionelle Kohlebriketts, indem sie weniger Rauch und Ruß produzieren. Eine Fünf-Kilo-Sack kostet nur 2 US-Dollar, womit eine durchschnittliche Familie fünf Tage auskommt. Die Mehrzahl der armen Familien kommt damit aus.

Die Küchenherd-Marke „EcoStove“ hat Verbesserungen gegenüber konventionellen Küchenherden erreicht – kleinere und zusätzliche Luftschlitze, eine dickere Keramikoberfläche. Kohle fällt seltener heraus, der Herd kippt nicht leicht um. Die Verkaufszahlen stiegen 2013 nach dem Start dieser Marke sprunghaft an.

Ein weiteres Projekt ist „Impact Water“, eine Firma, die sauberes Wasser da anbietet, wo Kinder überwiegend sich aufhalten – in Schulen. Es wurden verschiedene Systeme der Wasseraufbereitung entwickelt – für kleine Schulen existiert ein Keramikfiltersystem, das pro Stunde 3 bis 5 Liter Wasser liefert, ohne dabei Strom zu verbrauchen. Für größere Schulen wurde ein Ultraviolett-Desinfektionssystem entwickelt. Das Wasser wird hier in einem Edelstahltank aufbereitet und gespeichert. Hierzu braucht man ein bis zwei Stunden Elektrizität pro Tag.

„Impact Water“ garantiert für zwei Jahre vorbeugende Wartung. Für kleinere Schulen ist Wasser von der Firma erschwinglich, die Einnahmen sind mit den Schulgebühren abgestimmt. Ende 2016 hatte „Impact Water“ seine Systeme schon in mehr als eintausend Schulen etabliert und damit mehr als 500.000 Schüler erreicht. Yunus folgert aus diesen Tatsachen, daß kontinuierliches Wirtschaftswachstum nicht notwendigerweise mit gesteigerter Umweltzerstörung einhergehen müsse.

Ein lesenswertes Buch für alle, die am Thema „Umwelt und Arbeit“ interessiert sind.

Nicht ganz so optimistisch bewertet der dänische Fernsehjournalist Tom Heinemann die Praxis der Mikrokredite. Nach einem Besuch eines Dorfes in Bangladesch 2010 berichtete er: „Meine Crew traf arme Leute, die außer mehr Schulden nichts durch Mikrokredite gewonnen hatten.“

Vor allem in Indien entwickelte sich das Verleihen kleiner Geldsummen, zunächst besonders sozial gedacht, innerhalb kürzester Zeit zu einer mehrere Milliarden starken Finanzindustrie. 2010 gab es dort zu einer Serie von Selbstmorden bei den Mikrokredit-Nehmern. Bis zu 70 Prozent von ihnen war nicht zur Zurückzahlung fähig.

Yunus unterschied daraufhin zwischen guten und schlechten Mikrokreditbanken. Er betonte, dass seine Bank zu mehr als 90 Prozent im Besitz ihrer Kunden sei. Schlechte Mikrokreditbanken arbeiteten für den Börsengang und für den eigenen Gewinn.

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Beate Klarsfeld

Die Geschichte des PG 2633930 Kiesinger Dokumentation mit einem Vorwort von Heinrich Böll (Melzer Verlag) Darmstadt 1969

Biografisches

Der dritte Kanzler der Bundesrepublik, Kurt Georg Kiesinger, war bei seiner Wahl 1966 umstritten wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit. Geboren wurde er 1904 in Ebingen in Schwaben. Nach dem frühen Tod seiner Mutter entstammen sechs Stiefgeschwister der zweiten Ehe seines Vaters Christian Kiesinger. Kiesinger bestand die „Einjährigen“- Prüfung und trat in das katholische Lehrerseminar in Rottweil ein. Er war Mitglied der konservativen Korporationen „Sif -Sippia“ und „Laetitia“. Das Abitur holte er an einem Stuttgarter Gymnasiun nach. Damals entstand sein Plan, in den diplomatischen Dienst einzutreten. 1926 ging Kiesinger nach Berlin: Er studierte dort zunächst Neuphilologie, später Jura. Dort schloss er sich der katholischen Studentenvereinigung „Askania“ an sowie dem „Görres Ring“. Damals lernte er Konrad Adenauer kennen, der sowohl Oberbürgermeister von Köln als auch Präsident des Preußischen Staatsrates war. Er war wiederholt Gast im „Herrenklub“ des späteren Reichskanzlers Franz von Papen. Am 1. 3.1933 wurde Kiesinger – nur wenige Stunden nach dem Reichstagsbrand- Mitglied der NSDAP. Die Mitgliedsnummer ist oben schon genannt, zwei Monate später wurde sein späterer Kollege Hans Fritzsche, Angeklagter in Nürnberg, Parteimitglied. Über die Motive seines Eintrittes meinte Kiesinger: „Meine Freunde aus der katholischen Verbindung und ich meinten, man müsse doch irgendwie auf die Entwicklung Einfluß nehmen…“

 

Schwer verständlich äußerte er sich am 4.7.1968 vor dem Landgericht Frankfurt über seine NSDAP – Mitgliedschaft: „Nicht aus Überzeugung, und nicht aus Opportunismus. Ich habe mich dann in den ersten Jahren 33/34 gleich umgesehen. Dann habe ich Verbindung zum NSK*1 aufgenommen … Auch Veranstaltungen des nazistischen Juristenbundes habe ich mir angesehen, habe mich dann aber geweigert, dort einzutreten. Ab 1934 sah ich sehr klar, wohin der Weg lief…“

 

Auswärtiges Amt – Rundfunkpolitische Abteilung

Offiziell wurde Kiesinger in das Auswärtige Amt „dienstverpflichtet“. Dem widerspricht, dass er von entscheidender Stelle für würdig befunden wurde, in leitender Funktion im Auswärtigen Amt tätig zu sein. Dort war er Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter (WHA). Er begann seine Laufbahn nicht als Jurist, sondern als Nachrichten- und Rundfunkpolitiker in der Kulturpolitischen Abteilung (Kult R). 1941 entstand die Rundfunkpolitische Abteilung. Im Oktober und November 1940 erfolgte die Bildung des Kolonialreferates in der Kulturabteilung mit den Mitarbeitern: Dr. Markus Timmler, Referent Zschäck und WHA Kiesinger. 1943 wurde Kiesinger stellvertretender Abteilungsleiter. Übertragen wurden ihm die Referate:

Ru A – Referat Rundfunkeinsatz, Internationale Rundfunkbeziehungen und Rundfunkrecht, technische Angelegenheiten und

Ru B – Allgemeine Propaganda, Koordinierung der Länderreferate, Verbindung zum Propagandaministerium

Kiesinger bestimmte, was in den Referaten geschah und ließ sich regelmäßig Bericht erstatten. In fast fünfjähriger Tätigkeit gingen tausende Dokumente mit nationalsozialistischem Inhalt durch seine Hände. In der Interradio AG hatte er eine Schlüsselfunktion, er war Teilnehmer von Beratungen einflussreicher Propagandagrößen, z.B. am 16.12.1943 an einer von Fritzsche geleiteten Beratung im Propagandaministerium. Eine Woche später verlautet in einem Protokoll über eine abermalige Beratung folgendes: „Kiesinger schlägt vor, einen Sender der kleinen Staaten, einen sogenannten Neutralitätssender laufen zulassen, der als Endziel in ‘neutraler Form’ doch die Richtigkeit der deutschen Belange den Hörern einzufiltern versucht. Hierzu soll Ministervorlage gemacht werden.“

Beispiele der Tätigkeiten Kurt Georg Kiesingers

Nach der Kapitulation Frankreichs wurde eine Reise nach Frankreich geplant. Am 18. Juli 1940 hieß es dazu: „Die Reise steht unter Leitung von Herrn Kurt Georg Kiesinger, der zugleich auch für die politische Zensur …verantwortlich ist …“ Dieser verfasste dazu einen Bericht, in dem es hieß: „Die Reportagen verfolgen den Zweck

  1. den Hörern einen Eindruck zu geben von der unwiderstehlichen Kraft der deutschen Waffen im Kriege und
  2. von der Haltung und Leistung des Siegers während des Krieges und nach Beendigung der Kampfhandlungen“

Unter der Regie von Kurt Georg Kiesinger stand am 18.9.1941 eine „Liste der Persönlichkeiten, die für Rundfunkaufrufe gegen den Bolschewismus dem Herrn RAM vorgeschlagen werden“.

  1. Länder, aus denen offizielle Persönlichkeiten sprechen können

    Italien: Minister für Volkskultur Pavolini

Rumänien: Stellvertretender Ministerpräsident Mihai Antonescu

Ungarn: Ministerpräsident und Außenminister Bardossy

Slowakei: Ministerpräsident Tuka oder Innenminister Mach

Kroatien: Kriegsminister Feldmarschall Kavternik

Finnland: Generalfeldmarschall Mannerheim

  1. Länder, aus denen keine offiziellen Persönlichkeiten in Frage kommen

Spanien: Befehlshaber der Blauen Division General Munes Grande

Dänemark; Kommandeur der Freiwilligendivision Kryssning

Norwegen: Quisling oder Knut Hamsun

Schweden: Sven Hedin

Holland: Führer des NSB Mussert, oder Präsident der niederländischen Bank, Rost von Tonningen

Belgien: Für Flamen: Leiter der VNV Staff de Clerque

Für die Wallonen: Léon Degrelle

Frankreich: Alfonse de Chateau-Briand, Herausgeber der der Zeitschrift „Le Gerbe“ oder Marcel Déat, Leiter des Rassemblement Nationale Populaire oder Robert Brasillach, Herausgeber der Zeitschrift „Je suis Partout“

Zum Thema Griechenland hieß es in einer Sendung vom 19.4.1941: „Athener! Trinkt kein Wasser, die Engländer haben ein fast unglaubliches Vorhaben ausgeführt. Beamte des englischen Geheimdienstes haben den Marathon-See von der Nordostseite her mit Typhusbazillen infiziert, um den Deutschen einen englischen Empfang zu bereiten. Daß dabei nicht die Deutschen, sondern viele Tausende von Athenern zugrunde gingen, ist den Briten gleichgültig…“ Im Zusammenhang mit den antijüdischen Kampagnen des Auswärtigen Amtes charakterisierte der damalige Unterstaatssekretär Baron Steengracht von Moyland bei seiner Vernehmung vor dem Nürnberger Tribunal Kiesinger folgendermaßen: „Kiesinger war der Vertreter von Rühle, Chef der Rundfunkabteilung des AA. Er war eine gewissenhafte Arbeitskraft.“

Welches Verhältnis hatte Kiesinger zum Nationalsozialismus?

In einem Beitrag meint Martin Hirsch (SPD) in der Festausgabe zu Kiesingers 80. Geburtstag, dem Kiesinger als Rechtslehrer 1935/36 begegnete: “Es mag sein, daß Kiesinger damals im Gegensatz zu mir gehofft haben mag, das Naziregime könne doch erträglicher werden oder gar sich selbst kurieren können. Vielleicht war dies der große Irrtum seines Lebens, der ihn dann während des Krieges zu seiner Tätigkeit im Auswärtigen Amt veranlaßt hat. Sicher aber ist, ein Nazi war Kurt Georg Kiesinger ganz gewiß nicht.” Im Gegensatz dazu urteilt Beate Klarsfeld in ihrem Buch dazu: „Es ist geradezu ausgeschlossen, daß Kurt Georg Kiesinger monate- und jahrelang mit geistigen Scheuklappen seine Diensträume in der Saarlandstraße 60 betrat, Zimmer an Zimmer mit Leuten wie Dr. Ahrens und Prof. Mahr zusammenarbeitete, Dienstbesprechungen leitete und sich Berichte schreiben ließ, aber nicht gewußt haben will, was sich in den Nachbarzimmern tat. Nicht gewußt haben will, womit sich AA-Beamte und -Angestellte beschäftigten, die zum Teil viel länger in den Diensten der Rundfunkpolitischen Abteilung (einschließlich dem Vorgänger Kult-R) standen, die er aber allesamt im Tempo der Beförderungen überflügelte.“ (S. 56)

1 Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps – bedeutendes Mitglied: Franz Josef Strauß. Die Mitgliedschaft wuchs in den Jahren von 1934 bis 1940 von 10.000 auf weit über eine halbe Million an.

Christian Schauer, März 2012


Größe und Grenzen direkter Demokratie anhand der Erfahrungen der Weimarer Republik, aus der Schweiz und den Vereinigten Staaten – Problematik der Todesstrafe

Die Weimarer Verfassung bot eine Reihe von Bestimmungen , die eine direkte Demokratie ermöglichte. Plebiszitäre Elemente folgten dem Vorbild der Schweizer Bundesverfassung von 1874. Dem Reichspräsidenten oblag es, sich direkt an das Volk zu wenden. Er konnte nach Art. 73 Abs. 1 die institutionelle Legislative überspielen, indem er ein Gesetz binnen eines Monats nach Beschluß durch den Reichstag zum Volksentscheid brachte. Davon wurde ebenso wenig Gebrauch gemacht wie von einer zweiten Möglichkeit. Im Falle von Meinungsverschiedenheiten zwischen Reichstag und Reichsrat über ein Gesetz konnte der Reichspräsident durch Volksentscheid die Staatsbürger als Schiedsrichter anrufen.

Mehr reales Gewicht bekam ein Passus (Art. 73 Abs. 3) der Weimarer Verfassung, der dem Staatsvolk Gesetzesinitiative zusprach: „… Ein Volksentscheid ist… herbeizuführen, wenn ein Zehntel der Stimmberechtigten das Begehren nach Vorlegung eines Gesetzentwurfs stellt. Dem Volksbegehren muß ein ausgearbeiteter Gesetzentwurf zugrunde liegen..“ Eine hohe Hürde wurde aufgebaut, indem 50 Prozent der Wahlberechtigten sich an dem Volksentscheid beteiligen mußten, um seine Gültigkeit zu gewährleisten. An dieser Hürde scheiterte der Volksentscheid vom 20. Juni 1926 über den Antrag von KPD und SPD auf entschädigungslose Enteignung der ehemals regierenden deutschen Fürstenhäuser („Fürstenenteignung“).

Zwei Volksbegehren gingen vom „Reichsbund für Siedlung und Pachtung“ aus. Es ging um die Beschaffung von Land und Arbeit für Kleinbauern. Der erste Versuch wurde mangels Geld eingestellt, der zweite scheiterte juristisch. Die Regierung reagierte auf die Initiativen nicht ausreichend, was zum Vertrauensverlust der Bauern und Landarbeiter beitrug. Zum Scheitern verurteilt waren auch zwei Initiativen des „Deutschen Sparerbundes“ zur Aufwertung. Die Volksbegehren sollten dem kleinen Sparer Inflationsausgleich verschaffen. Beide scheiterten juristisch.

Das Volksbegehren „Panzerkreuzerverbot“ verdient durch seine potentielle Ähnlichkeit mit einem Volksbegehren „Eurofighter“ etwas näher betrachtet zu werden. Die Marine plante, von 1928 an pro Jahr vier sogenannte Panzerkreuzer zu bauen. Dabei handelte es sich um ein Großrüstungsprojekt mit Doppelcharakter: einerseits ein Aufrüstungsprojekt, andererseits ein Kampf der Marine gegen den Versailler Vertrag. Für die erste Rate dieses Panzerkreuzers „A“ wurden 9,3 Mio. Reichsmark 1928 bereitgestellt. Die Linke einschließlich SPD lehnte dieses Projekt ab. Die Sozialdemokraten warben 1928 mit der Parole „Kinderspeisung statt Panzerkreuzer“ im Wahlkampf gegen dieses Projekt. Die sozialdemokratischen Minister stimmten später dann doch für das Projekt, was bei der Basis einen Sturm der Entrüstung auslöste und ein eher zeitloses Beispiel für den Opportunismus der SPD darstellt.

„So tolpatschig die vier SPD-Minister den Sturm entfesselt hatten, so geschickt betrieben die Parteispitzen in den folgenden Wochen eine Politik der Schadensbegrenzung“, so ein Kenner der Verhältnisse. Ähnlich wie die SPD verhielt sich die liberale DDP. Im August leitete die KPD ein Volksbegehren ein. Ihr Ansinnen richtete sich gegen Aufrüstung überhaupt und damit gegen die zwiespältige Haltung der SPD. Die 10% der Wahlberechtigten wurden nicht erreicht, lediglich ein Viertel der benötigten Stimmen kam zustande. Das Volksbegehren gegen den Panzerkreuzerbau scheiterte damit. Bei Abstimmungen sich als Kommunist zu erkennen zu geben, war in manchen Gegenden Deutschlands mit viel Mut verbunden. Viele potentielle Partner waren durch das „Parteibegehren“ der KPD abgeschreckt worden. Die SPD fand sich schließlich mit der 2. Rate für den Panzerkreuzer ab.

Otmar Jung meint folgende Lehren daraus ziehen zu müssen:

„1. die Freiheit der Bürger; diese formal von der Verfassung gewährleistete Freiheit darf nicht material unterlaufen werden, etwa durch Anwendung sozialen Drucks bei einer gezielt öffentlich gemachten Abstimmung;

2. die Neuorientierung der Parteien…Es verstößt gegen die Verfahrenslogik, die Kombinationen und Aversionen aus dem parlamentarischen Bereich in den plebiszitären Raum zu verlängern. Speziell die dauernde Rede von einem kommunistischen Volksbegehren ist nichts als krasser Regelverstoß. Ein Plebiszit, durchexerziert nach parlamentarischen Regeln, kann nicht funktionieren.“

Das einzige Volksbegehren, das von den rechten und rechtsradikalen Parteien getragen wurde, war das gegen den „Young-Plan“ von 1929. Es erreichte nur knapp die 10-Prozent-Hürde. Nur 13,8 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung stimmte gegen den Young-Plan, obwohl damals etwa 23 Prozent der Bürger die Rechtsparteien wählten. Die SPD sprach von einer „Pleite“ der Nazis. Abgebrochen wurde schließlich 1932 ein Volksbegehren gegen Lohnkürzungen – initiiert von der SPD- weil die Regierung Schleicher dem Anliegen nach kam – die Löhne wurden erhöht.

Plakat zum Volksbegehren gegen den Young-Plan 1929

Plakat zum Volksbegehren gegen den Young-Plan 1929

Besonders bittere Erfahrungen boten die Volksbegehren für den Fortbestand der Demokratie nicht, die Nazis kamen durch sie nicht an die Macht. Das hohe Beteiligungsquorum von 50 Prozent verhinderte, daß überhaupt ein Volksentscheid im Sinne der Initiatoren zustande kam. Die großen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Gegensätze kamen freilich auch bei den Debatten zu Volksbegehren zum Ausdruck. So drohten im Volksbegehren gegen den Young-Plan Reichskanzler und Reichsminister, die mit auswärtigen Mächten Verträge zeichneten, in denen eine Kriegsschuld Deutschlands eingeräumt wurde, Zuchthausstrafen nicht unter zwei Jahren.

Ob Volksentscheide allerdings den Faschismus verhindert hätten, ist auch nicht bewiesen.

Volksentscheide gab es auch in der NS-Zeit:

– Volksentscheid über Austritt aus dem Völkerbund am 12.11.1933 mit 95% Ja – Stimmen

– Volksentscheid über die Vereinigung des Kanzler- mit dem Präsidentenamt in der Person

Hitlers vom 19.8.1934 mit fast 90% Ja – Stimmen

– Volksabstimmung über die Vereinigung Österreichs mit Deutschland am 10.4.1938 mit ca.

99% Ja – Stimmen

Die Volksabstimmungen waren durch verfängliche Fragestellungen und schwer durchschaubare Verfahren gekennzeichnet. Trotzdem ist die Zahl der Zustimmenden frappierend.

Direkte Demokratie in der Schweiz

Die Schweiz gilt als das klassische Beispiel der direkten Demokratie. Seit 1848 sind bis 1996 433 Volksentscheide getroffen worden, 279 seit 1951. Seit 1848 kennt das Land das obligatorische Referendum. Alle Verfassungsänderungen unterliegen der Abstimmung des Volkes und der Kantone. Das Quorum für das Inkrafttreten einer Verfassungsänderung ist eine Mehrheit der Stimmenden und der Kantone. Seit 1848 wurden 139 obligatorische Referenden angenommen und 48 verworfen.

Das fakultative Referendum wurde 1874 eingeführt. Es beinhaltet, daß 50.000 Stimmberechtigte oder acht Kantone verlangen können, daß ein vom Parlament verabschiedetes Gesetz einer Volksabstimmung unterzogen wird. Bis 1996 kam dies 128 mal vor, 66 Gesetze wurden abgelehnt.

Ein weitere Möglichkeit direkter Demokratie besteht in der Volksinitiative zur Teilrevision der Bundesverfassung. Hierin können seit 1891 100.000 Stimmberechtigte einen Vorschlag zur Änderung der Bundesverfassung unterbreiten, der zur Annahme in einer Volksabstimmung der Mehrheit der Abstimmenden und der Kantone bedarf. Dies war bisher nur in 12 Fällen erfolgreich. 106 Initiativen wurden verworfen. Die Volksinitiative ist das stärkste direktdemokratische Mittel.

Zur Praxis von Volksinitiativen und Referenden in der Schweiz ist festzustellen, daß eine konservative Grundstimmung sich häufig durchsetzt. „Kanterniederlage für Rüstungsexport-initiative“ so lautete die Schlagzeile der Neuen Züricher am 9.Juni 1997 anläßlich der Volksinitiative „für ein Verbot der Kriegsmaterialausfuhr“. Bei einer Stimmbeteiligung von etwa 35 Prozent waren über 77 Prozent Nein – Stimmen zu verzeichnen. Alle Kantone lehnten die Initiative ab. In Kantonen, in denen Rüstungsgüter produzierende Unternehmen beheimatet sind, fiel die Ablehnung besonders deutlich aus, so in Thurgau, wo die auf Fertigung gepanzerter Fahrzeuge spezialisierte Firma Mowag ansässig ist.

Keine internationale Gesinnung kam in der Entscheidung vom Februar 1994 zum Ausdruck, als eine Mehrheit die „AlpenInitiative“ befürwortete, die ausländische Laster im Transitverkehr auf die Schiene zwingt.

Auch trat die Schweiz im Dezember 1992 dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) nicht bei.

Knapp abgelehnt wurde im Dezember 1996 eine Verschärfung des Asylrechts. 53 Prozent der Stimmbürger wandten sich gegen eine Verfassungsinitiative der rechtsbürgerlichen Volkspartei (SVP), die illegal Einreisenden das Asylrecht verwehrt hätte. Im Juni 1995 stimmte allerdings eine knappe Mehrheit dafür, Ausländer beim Grundstückserwerb weiter zu diskriminieren. Knapp 53 Prozent der Stimmbürger lehnten eine Lockerung der sogenannten „Lex Friedrich“ ab, die Immobilien von Fremden unter anderem durch Kontingente beschränkt. Das Volk stimmte gegen die meisten Parteien und die Wirtschaftsverbände. „Sieg der Starrköpfe“ meinte ein Kommentator dazu. „Die Schweizer bleiben eingefleischte Isolationisten. `Heimatschutz` ist ihnen lieber als eine Öffnung des Landes, auch wenn dies wirtschaftliche Nachteile hat. Selbst eine Immobilienkrise und rückläufige Direktinvestitionen konnten das Volk nicht dazu bewegen, die in Boomzeiten aufgebauten Hürden gegen ausländische Grundstückskäufer etwas zu senken.“

Volksentscheide in den USA

Bei Verfassungsänderungen der Bundesstaaten der USA ist die Zustimmung des Volkes unabdingbar. Initiativen aus der Bevölkerung, die Verfassungsänderungen anstreben, sind allerdings nur in 23 Bundesstaaten des Westens und mittleren Westens möglich. Dort ist auch eine Gesetzesinitiative vorgesehen, in dem die Bevölkerung über ein Volksbegehren einen selbst formulierten Gesetzesvorschlag zur Abstimmung stellen kann. Das Quorum beim Volksbegehren liegt zwischen 3 und 15 Prozent, im Durchschnitt bei etwa 9 Prozent. Es bezieht sich in der Regel nicht auf die Gesamtzahl der Stimmberechtigten, sondern auf die Teilnehmerzahl an der letzten Wahl, das heißt bei 30 bis 50 Prozent durchschnittlicher Wahlbeteiligung liegt es de facto bei etwa 3,5 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung.

Fast in allen Städten und Gemeinden sind Bürgerentscheide möglich. Auf Gesamtstaatsebene sind keine Volksentscheide möglich.

Einige Beispiele dokumentieren die Ergebnisse wichtiger Umweltreferenden in den USA (Quelle: Volksbegehren und Volksentscheid. Einführung in die Direkte Demokratie, hrsg. von IDEE- Initiative Demokratie Entwickeln e.V., München 1993,S.25)

USA: Zusammenfassung der wichtigsten Umweltreferenden und ihrer Ergebnisse in ausgewählten Bundesstaaten, 1976 bis 1988

Thema Ergebnis

Anti-AKW

7 Bundesstaatenabstimmungen

(Kalifornien, Oregon, Maine), 1976 – 1987 1 Ja 6 Nein

1 lokal in Kalifornien, 1988 1 Nein

1 in Massachusetts, 1988 1 Nein

Einwegflaschen

5 Bundesstaatenabstimmungen (2 x Massachusetts,

Michigan, Kalifornien, Washington DC), 1976, 1987 2 Ja 3 Nein

Pfandbriefemission für Deponiesanierung

1 in Maine, 1987 1 Ja

Sonderfinanzierung von Entgiftungsmaßnahmen

1 in Massachusetts, 1986 1 Ja

Kontrolle radioaktiver Abfälle

1 in Oregon, 1986 1 Nein

Wachstumsbeschränkungen oder Moratorium

8 lokal in Kalifornien und Hawaii, 1985 – 1987 3 Ja 5 Nein

8 lokal an der Küste von Kalifornien, Maine, 1985 – 1987 8 Ja

Sauberes Trinkwasser

1 in Kalifornien, 1986 1 Ja

Summen 19 Ja 21 Nein

Ist das Ergebnis bezüglich Volksentscheiden im Umweltbereich noch durchaus gemischt, so läßt sich anhand eines Volksentscheides in Kalifornien auch in den USA im Konfliktfall eine eher fremdenfeindliche Tendenz ausmachen. Eine große Mehrheit, nämlich 60 Prozent der Abstimmenden, unterstützte Anfang November 1994 den „Vorschlag 187“, mit dem illegalen Einwanderern künftig alle sozialen Dienste, von der Schulbildung bis zur Heilbehandlung, versagt werden. Die acht Millionen Kalifornier hispanischer Herkunft hatten sich gegen den Entwurf empört und dagegen protestiert.

Illegale leben zu Hunderttausenden in Kalifornien, kommen ohne Papiere über die mexikanische Grenze, arbeiten oft zunächst als Saisonarbeiter in der Landwirtschaft und danach als Kleingewerbler. Sie sind vor den Einwanderungsbehörden sicher, da es kein Meldegesetz gibt.

Nur einen Tag nach dem Referendum wurde ein Teil der Vorschriften bereits per Gerichtsbeschluß wieder außer Kraft gesetzt. Ein Gericht stoppte Teile eines Gesetzes, nach denen Kinder Illegaler ab sofort der Besuch öffentlicher Schulen verweigert werden sollte. Zwei Jahre später wurde wieder in Kalifornien mit großer Mehrheit der „Vorschlag 209“ angenommen, bei dem es um die Abschaffung der Sonderbehandlung von Minderheiten im Hinblick auf College-Zulassungen, öffentliche Anstellungen und Ausschreibungen ging.

Was bei direkter Demokratie auch auf dem Spiel stehen kann am Beispiel der Todesstrafe

Die Kriminalitätsfurcht ist in den neunziger Jahren angestiegen. Nach Erhebungen des „Instituts für Demoskopie“ in Allensbach vom Mai 1996 ist in Westdeutschland im Moment noch jeder zweite (52 Prozent) gegen die Todesstrafe, die Zahl derjenigen, die die Todesstrafe ablehnen, ist im Laufe des letzten Jahrzehntes Schritt für Schritt kleiner geworden.

1986 waren noch 57 Prozent grundsätzlich gegen die Todesstrafe, 1983 59 Prozent. In Ostdeutschland schwankt die Einstellung zur Todesstrafe: 1992 waren nur 29 Prozent der Bevölkerung dafür, 1995 40 Prozent, ein Jahr später 35 Prozent. Markante Ergebnisse der Erforschung geschlechtsspezifischer Charakteristika: Eher Männer sind Anhänger der Todesstrafe (32 Prozent), bei den Frauen wird sie von 23 Prozent befürwortet. Jüngere Menschen sind überdurchschnittlich oft Gegner der Todesstrafe, ältere Menschen sprechen sich demgegenüber nur zu 47 dagegen aus.

Zur Wirkung von aktuellen Situationen schreibt das „Institut für Demoskopie: „Aus der Erfahrung vom Herbst 1977, als der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von linken Terroristen ermordet wurde, weiß man, daß die Mehrheit gegen die Todesstrafe schnell auch in ihr Gegenteil umschlagen kann.

Nachdem eine Mehrheit damals schon jahrelang die Todesstrafe als rigoroses Strafmaß abgelehnt hatte, plädierten plötzlich wieder 44 Prozent dafür. Nur 38 Prozent waren nach diesem Mord noch gegen die Todesstrafe.“

Vor etwa einem Jahr ist eine ähnliche Situation zu vermelden. „Mit Unterschriften wird die Todesstrafe gefordert“ berichtet der Wiesbadener Kurier am 1. Februar 1997. Beschrieben wird die „Aktion für gerechtere Strafen bei Kinderschändern und Kinder- mördern“, die Unterschriftenlisten in Wiesbadener Geschäften auslegt, in denen härtere Strafen für Kinderschänder und -mörder fordert, „bis hin zur Todesstrafe für Wiederholungs- und Mehrfachtäter.“

Meine Frage zum Schluß: Sind wir stark genug, in ökonomisch und politisch verschärfter Situation Volksentscheide zu solchen Themen zu gewinnen?

Christian Schauer

Literatur: Hans-Joachim Winkler, Die Weimarer Demokratie, Berlin 1963,

Otmar Jung, Direkte Demokratie in der Weimarer Republik, Frankfurt/Main /New York 1989

IDEE- Initiative Demokratie entwickeln (Hrsg.), Volksbegehren und Volksentscheid. Einführung in die Direkte Demokratie, München 1993

Silvano Möckli, Wenn Volkes Stimme sich erhebt. Die Praxis der direkten Demokratie in der Schweiz, in: FAZ vom 25.3.1997

Bernadette Calonego, Des Volkes Stimme ist nicht progressiv, in: Süddeutsche Zeitung vom 5.4.1994

Konrad Mrusek, Das Mißtrauensvotum des Volkes, in: FAZ vom 10.2.1992

Schweizer gegen Verbot von Rüstungsexporten, FAZ vom 9.6.1997

Schweizer gegen Verschärfung des Asylrechts, FAZ vom 2.12.1996

Schweizer gegen Liberalisierung bei ausländischem Grunderwerb, in: FAZ vom 26.6.1995, dazu: Sieg der Starrköpfe ebd.

Die robuste Wirtschaft hat Clinton zur Wiederwahl verholfen, in: FAZ vom 7.11.1996

Die Rückkehr der Intoleranz in den USA, in: taz vom 11.11.1994

Kalifornien gegen illegale Einwanderer, in: FAZ vom 10.11.1994

Spielautomaten in Flughäfen, Schulverbot für illegale Einwanderer, in: FAZ vom 2.11.1994

Das unsichere Gefühl der Sicherheit. Unter dem Eindruck spektakulärer Verbrechen wird der Ruf nach drakonischen Strafen lauter, in: FAZ vom 20.11.1996

Allensbacher Berichte, Die Mehrheit ist weiterhin gegen die Todesstrafe, 1996/ Nr. 8

Nachtrag im September 2003:

Gegenwärtig wird darüber diskutiert, ob es einen Volksentscheid über die europäische Verfassung geben wird, ein insofern interessanter Vorgang, weil er anhand nationaler Abstimmungen dokumentieren würde, wie stark supranationales Bewußtsein in den Köpfen der Menschen Europas verankert ist. Bundeskanzler Schröder (SPD) hält nichts von einem derartigen Referendum, auch Außenminister Joschka Fischer (Bündnis 90/Die Grünen) will das Volk lieber nicht abstimmen lassen. CDU-Chefin Angela Merkel hält die Europawahl im kommenden Jahr für die beste Volksabstimmung. Im Gegensatz dazu begrüßt die FDP- Bundestagsfraktion mehrheitlich ein EU – Referendum. SPD und Grüne wollen im Herbst 2003 einen Gesetzentwurf zur Einführung direkter Demokratie in den Bundestag einbringen.

Christian Schauer, September 2003


Norman Solomon / Reese Erlich, Angriffsziel Irak. Wie die Medien uns den Krieg verkaufen, Goldmann Verlag München 2003, 223 Seiten, Euro 7,90

Das Buch steht unter dem Motto des unabhängigen Journalisten Stone, der schon vor Jahrzehnten feststellte: „Jede Regierung wird von Lügnern angeführt, und man sollte nichts von dem glauben, was sie sagen.“

Schon in der Einführung wird Rückblick gehalten auf Kriege der Vergangenheit und wie namhafte Schriftsteller sie in Worte faßten. Damit ist eine pazifistische Tradition des Buches vorgezeichnet. Zum Ersten Weltkrieg wird aus dem Roman „1919“ von John Dos Passos zitiert, der zum Tod des amerikanischen Soldaten John Doe schrieb: „In der Teerpappen-Morgue in Châlons-sur-Marne, im Schwalm des Chlorkalks und der Toten, suchten sie den Fichtensarg, der alles enthielt …, was man zusammengescharrt hatte … die Fetzen vertrockneter Eingeweide und … Haut, in Khaki gehüllt …“. Auch weisen die Autoren auf den Bericht von Ron Kovics „Geboren am 4. Juli“ hin, der das Schicksal der Verstümmelten, Gelähmten und Rückgrat Zerschmetterten des Vietnamkrieges in Worte faßt.

Wieviel führenden Repräsentanten der USA Menschenleben wert sind, dokumentiert eine Aussage von General Colin Powell im zweiten Golfkrieg, der nach der Zahl der getöteten Iraker gefragt wurde. „Ich bin wirklich nicht übertrieben an der Zahl interessiert “ – war seien Antwort. Ähnlich desinteressiert wirkte ein ranghoher Pentagon-Mitarbeiter: „Ehrlich gesagt konzentrieren wir uns nicht auf diese Frage.“ Sinngemäß sagte der Brigadegeneral Vincent Brooks ähnliches zur Zahl der irakischen Opfer im jüngsten dritten Golfkrieg: „Wir haben sie nicht alle gezählt.“ Eine Aussage, die die beiden Autoren sicher aufgegriffen hätten, wenn ihr Buch nicht schon kurz vor Beginn dieses Krieges erschienen wäre.

Beide Autoren weißen der Bush – Administration nach, daß sie den Krieg gegen den Irak – unabhängig von Beweisen – auf jeden Fall wollte. Hierzu wird eine Aussage des einflußreichen Präsidentenberaters Richard Perle wiedergegeben: „Angenommen wir finden jemanden, der an der Entwicklung von Waffen beteiligt war und sagt, es gebe Lagerstätten für Nervengas. Man kann sie aber nicht finden, weil sie so gut versteckt sind. Soll der Beweis wirklich erst dann als erbracht gelten, wenn wir das Nervengas vorweisen können?“ Die ganze Argumentation riecht nach manipulierten Aussagen von gedungenen Informanten, die dann tatsächlich als Kriegsgrund benutzt werden. Ein ehemaliger britischer Verteidigungsminister, Peter Kilfoyle, faßt die Position der Bush – Administration zusammen: „Die USA machen der Welt nur vor, dass sie diese Inspektionen unterstützen. In Wirklichkeit beabsichtigt Präsident Bush, einen Krieg zu führen, auch wenn die Inspekteure überhaupt nichts finden. Das macht den ganzen Prozess zur Farce und offenbart Amerikas Entschlossenheit, den Irak in jedem Fall zu bombardieren.“

Über die offizielle Lesart von UNO-Resolutionen schreiben die Autoren: „Manche UN-Resolutionen sind heilig. Andere sind überflüssig. Um im Mediengeschwätz über die Resolutionen des Sicherheitsrats, die in den letzten Jahren angenommen wurden, nicht den Überblick zu verlieren, gilt es vor allem an eines zu denken: In den Augen amerikanischer Nachrichtenmedien besitzt der US-Präsident die Macht eines Midas über diese UN-Resolutionen. Wenn er einer Resolution seine königliche Berührung zuteil werden lässt, dann verwandelt sie sich in eine goldene Regel, die unter allen Umständen durchgesetzt werden muss. Wenn er anderen UN-Resolutionen diesen Segen verwehrt, dann sind sie wertlos. Die Vereinten Nationen können je nach den Umständen äußerst ´relevant´ oder ´irrelevant´ sein.“

Die beiden Autoren schildern anhand von bekannten Ereignissen wie den Anschlägen vom 11. September 2001, wie ihnen von offizieller amerikanischer Seite ein „spin“ gegeben wird, das heißt eine tendenziöse Einfärbung. Im gegebenen Fall wird das Schlagwort „Terrorismus“ verwendet, das bedeutet: „Eine Gruppe von Personen hat Flugzeuge in ihre Gewalt gebracht und als Lenkwaffen gegen Tausende von Menschen eingesetzt.“ Im Zusammenhang mit der politischen Correctness wird damit aber nicht jeder Gewaltakt als terroristisch eingestuft. Israelische Gewalt gegen Palästinenser darf damit nicht bezeichnet werden, obwohl die israelische Menschenrechtsvereinigung B’Tselem im Oktober 2002 nachwies, daß es sich bei 80 Prozent der in jüngster Zeit getöteten Palästinenser um Kinder handelte.

Auch der Vorwurf der Regierung von George W. Bush gegen das irakische Regime, gegen das internationale Recht verstoßen zu haben, kann durch den Mund des Professors der Politikwissenschaft, George Monbiot im August 2002 entgegengehalten werden: „Seit Bushs Amtsantritt haben die USA mehr internationale Abkommen zerfetzt und mehr UN-Übereinkommen missachtet als der Rest der Welt in zwanzig Jahren. Sie haben das Übereinkommen über biologische Waffen torpediert, während sie unerlaubterweise mit eigenen Waffen dieser Art experimentiert haben. Sie haben sich geweigert, Inspekteuren für chemische Waffen uneingeschränkten Zugang zu ihren Laboratorien zu gewähren, sie haben Versuche zunichte gemacht, die Inspektion solcher Waffen im Irak in die Wege zu leiten. Sie haben den Vertrag zur Bekämpfung von Raketenabwehrsystemen in Stücke gerissen und scheinen bereit zu sein, das Abkommen über den Stopp von Atomwaffentests zu verletzen. Sie haben es Killerkommandos der CIA gestattet, verdeckte Operationen der Art wieder aufzunehmen, die in der Vergangenheit unter anderem in der Ermordung ausländischer Staatsoberhäupter resultiert haben. Sie haben den small arms treaty[1] sabotiert, den Internationalen Gerichtshof unterminiert, sich geweigert, das Klimaabkommen zu unterzeichnen, und, im letzten Monat erst, versucht, das UN-Abkommen gegen Folter zu blockieren.“

Im Anhang findet sich die Rede Bushs vom 7. Oktober 2002 zur Situation im Irak mit einer ernüchternden Kommentierung versehen.

Bush zur Atomsituation im Irak: „Viele Menschen haben gefragt, wie nahe Saddam wirklich an der Entwicklung der Atomwaffe ist. Wir wissen es nicht genau, und das ist das Problem. Vor dem Golfkrieg deuteten die besten verfügbaren Geheimdiensterkenntnisse darauf hin, dass der Irak noch acht bis zehn Jahre von der Entwicklung nuklearer Waffen entfernt sei. Nach dem Krieg entdeckten die internationalen Inspekteure, dass das Regime seinem seinem Ziel weit näher gekommen war. Spätestens 1993 hätte der Irak vermutlich eine Atomwaffe in seinen Besitz gehabt.“

Bush fährt fort:

Bevor die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO 1998 aus dem Irak ausgeschlossen wurde, spürte sie drei große Anlagen zur Anreicherung von waffenfähigem Uran auf.“

Robert Jensen, außerordentlicher Professor an der Universität von Texas, dazu: „Bush hat behauptet, der Irak habe die Inspekteure der IAEO 1998 in ihrer Arbeit behindert. Tatsächlich aber sind die Inspekteure zusammen mit denen der UNSCOM im Dezember 1998 von ihren vorgesetzten Behörden abgezogen – und nicht vom Irak ausgewiesen – worden, als klar wurde, dass die Clinton – Regierung den Irak bombardieren werde (was sie auch tat), und die Sicherheit der Inspekteure nicht länger gewährleistet war. Außerdem haben diese Inspekteure in Verletzung ihres Mandats für die Vereinigten Staaten spioniert.“

Kommentiert wird zudem die wichtige Resolution 1441 vom 8. November 2002 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Dennis Halliday, ehemaliger Stellvertretender UN-Generalsekretär und Leiter des Öl-für-Lebensmittel-Programmes der UN im Irak, weist dabei entschieden zurück, daß der Irak einer Gefahr darstelle. Die Resolution sei so abgefaßt, daß der Irak gegen sie verstoßen müsse. Die Resolution sei ein „Beruhigungsmittel für andere Nationen und eine Antwort auf den Druck im eigenen Land, der Bush im September vor die Generalversammlung getrieben hat, wo er sämtlichen Mitgliedstaaten in schamloser Weise drohte.“

Insgesamt trägt das Buch wesentliche Faktensammlungen fundierter Medien- und auch Ideologiekritik des amerikanischen Bush – Establishments zusammen. Vieles, was von diesem behauptet wird, ist einseitig oder so nicht wahr. Wer gläubig gegenüber den USA ist, wird es danach nicht mehr sein. Zu schrecklich hat sich das jahrelange Embargo ohne humanen Sinn auf die Zivilbevölkerung ausgewirkt. Dem ist ein eigenes Kapitel gewidmet „Irak am Abgrund“.

Was ein Manko des Buches ist: Es fehlen detaillierte Quellenangaben und damit überprüfbare Zitate. Auch ein Index würde so einem verdienstvollen Werk gut tun.

Christian Schauer, Ende Mai 2003

Brigitte Kiechle, Irak. Vergangenheit Gegenwart Zukunft: Mit dem Maßstab der Freiheit, Stuttgart 2003, Schmetterling Verlag, 192 Seiten, Euro 12,80

Mit einem linksradikalen , nach eigener Einschätzung antiimperialistischen Freiheitsbegriff untersucht Brigitte Kiechle, Rechtsanwältin aus Karsruhe, die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart des Irak. Freiheit misst Frau Kiechle an der Emanzipation der irakischen und kurdischen Frauen, wobei die Bestandsaufnahme nicht sehr schmeichelhaft ausfällt. Nicht nur die Herrschaft Saddam Husseins wird als frauenfeindlich eingestuft, auch die beiden großen Kurdenparteien PUK (Patriotische Union Kurdistans) und KDP (Kurdische Demokratrische Partei) können den Frauen – nach Einschätzung der Autorin – nicht viel bieten. Als besonders trauriges Beispiel nennt Frau Kiechle das Schicksal der Frauen, die bei den Anfal-Offensiven, in denen Saddam Hussein kurdische Männer verschleppte, unter den Verlusten dieser Männer zu leiden hatten. Betroffen sind etwa 50.000 Frauen Ende der 80 er Jahre und 8.000 Barzani-Witwen, ihre Männer sind offiziell nicht tot. Von den kurdischen Führern werden diese Frauen nicht „freigegeben“, sie sind damit immer noch verheiratet. Befreiungsversuche haben manche Frauen mit dem Leben bezahlt. Wenn neben Ehemännern auch männliche Verwandte verschwunden sind, gelten Frauen in der archaisch-islamischen Gesellschaft als vogelfrei, sie haben keinen männlichen Schutz vor Anfeindungen und Verleumdungen. Vielen Witwen bleibt in der Autonomieverwaltung im irakischen Teil von Kurdistan in ihren Heimatdörfern der Anspruch auf das Eigentum ihrer Ehemänner verwehrt. Nachbarn und Großgrundbesitzer haben sich das Land oft angeeignet. Abweichendes Verhalten von Frauen bei Ehr – und Moralvorstellungen führt in der kurdischen Gesellschaft zu teilweise grausamen Strafen, die nicht im Rahmen einer ordentlichen Gerichtsbarkeit verhängt werden.

1991 nach der Einführung der Selbstverwaltung im kurdischen Teil des Irak wurden männliche Kollaborateure der Baath-Partei amnestiert: manche wurden sogar in die kurdische Verwaltung integriert. Frauen jedoch, denen Beziehungen zu Baathisten vorgeworfen wurden, wurden verfolgt. Über hundert Frauen wurden in diesem Zusammenhang 1991 ermordet, wobei kein Täter zur Rechenschaft gezogen wurde. Trotzdem konzediert die Autorin, daß in den kurdischen Gebieten die Betätigungsmöglichkeiten für Frauenorganisationen besser waren als in den Gebieten, in denen Saddam die Macht hatte.

Insgesamt fürchtet Frau Kiechle den Aufstieg des islamischen Fundamentalismus – vor allem für Frauen. Er wird als ultrareaktionär eingestuft. „Auch im Irak geht es beim Rollback in der Frauenfrage nicht nur um die Frauen, die Religion und die Sittlichkeit. Die aggressive Politik bei der Frauenmoral und den Kleidervorschriften muss vielmehr als eine Offensive gegen alle demokratischen Prozesse gesehen werde, als Angriff auf die zarten Ansätze einer zivilen Gesellschaft, d.h. als Angriff auf die demokratische Opposition.“

Die Autorin kritisiert die militärische Zusammenarbeit der Bundesrepublik mit dem Irak, thematisiert in diesem Zusammenhang aber leider nicht die Ausbildung des faschistischen Sicherheitsapparates des Irak durch die Sowjetunion, die DDR und Kuba.1 Kurzum: gelegentlich müßte jeder sein Fett wegbekommen, um zu einerschonungslosen Analyse wie Francesco Rosi in seinem Film „Die Macht und ihr Preis“ zu gelangen, die etwa im Titel des Theaterstückes von Jean Paul Sartre „Les mains sales“ zusammengefaßt ist.

Schrecklich in diesem Zusammenhang ist, wie stark die Rüstungsexporte der Bundesrepublik und anderer Staaten den ersten Golfkrieg seit 1980 benutzten, um Einfluß zu nehmen. 1982/1983 entwickelte sich die Bundesrepublik zum bedeutendsten Exporteur in den Irak.

Linken Organisationen wirft sie eine Zusammenarbeit mit dem Islamismus vor. Die Chancen einer von Frau Kiechle befürworteten stark linken Politik, die sich in Gegnerschaft zur westlichen Supermacht und dem einheimischen Strömungen nationalistischer und religiöser Politik befindet, dürften gegenwärtig im Irak eher gering sein. Zu sehr lebt das Land in archaischen Traditionen und zu stark hat die Niederlage des real existierenden Sozialismus den Glauben an radikal linke Gesellschaftsentwürfe beschädigt, als daß eine Entwicklung in diese Richtung in absehbarer Zeit als wahrscheinlich gelten kann.

Latif Yahia und Karl Wendl, Ich war Saddams Sohn. Als Doppelgänger im Dienst des irakischen Diktators Hussein, München 2003 (Goldmann Verlag), Euro 9,90

Ein Panoptikum des Grauens bietet dieser autobiographische Bericht des Doppelgängers von Saddam Husseins Sohn Udai. Latif Yahia war dazu ausersehen, Udais Doppelgänger zu werden, weil er ihm ähnlich sah. 1987 wurde er aus dem ersten Golfkrieg abkommandiert, um die Funktion eines Doppelgängers des Präsidentensohnes wahrzunehmen. In Udais Palast muß sich Lahia Videos ansehen, die an Grausamkeit nicht zu überbieten sind. Hier nur einige Beispiele, die die Inhalte dieser Videos beschrieben

– Video 4: Ein nackter Mann steht mit gespreizten Beinen über einer dunkelgrünen Weinflasche mit länglichem Hals. Der Gefangene ist an den Armen gefesselt und wird gezwungen, sich auf die Flasche zu setzen, bis sie in seinem After verschwindet. Der Mann schreit, fleht um Hilfe, doch die Folterer lachen und grinsen und machen Witze: „Gefällt es dir nicht?“

– Video 5: Das Schauspiel heißt: Sitzen auf der Gasheizung. Der Deliquent wird nackt an eine Gasheizung gefesselt. Sie wird aufgedreht, die bläulichen Flammen verbrennen die Haut des Häftlings

– Video 6: Sie befestigen den Gefangenen mit den Beinen an einem ventilatorartigen Gestell, das an der Decke angeschraubt ist. Der Kopf des Gefangenen zeigt nach unten. Der Ventilator wird eingeschaltet, der Körper des Mannes rotiert wie bei einer Pirouette. Die Folterknechte schlagen mit Holzknüppeln auf den Kopf des Rotierenden ein. Mehr als eine Stunde bleibt der Geschundene an dem Ventilator hängen – es scheint fast unmöglich, diese Tortur zu überleben.

– Video 10: Durchbohren der Hände und Füße mit einem elektrischen Handbohrer.

– Video 11: Mit einem schweren, eisernen Hammer wird das Nasenbein gebrochen.

– Video 12: Auseinanderreißen des Mundes, bis der Kiefer bricht. Eine Foltermethode, die bei jenen angewendet wird, die Saddam Hussein beschimpfen.

– Video 14: Abtrennen von Armen und Beinen mit einer Elektrosäge. Manchmal wird das schlicht mit einer Axt durchgeführt.

– Video 15: Einführen einer Luftpumpe in den After. Es wird so lange Luft eingepumpt, bis das Gewebe reißt.

– Video 16: Der Gefangene wird mit den Händen nach hinten an einer Hobelbank festgebunden. Durch Auf- und Abbewegen werden die Schultern gebrochen.

– Video 29: Durchstechen der Zunge mit Nadeln.

– Video 30: Füße und Hände in kochendes Öl

– Video 31: Insektenspray in die Augen.

Hier wurden nur ein rund ein Drittel der Videos aufgeführt, der Rest ist nicht weniger grausam.

Latif Yahia will sich Udai am Anfang nicht unterwerfen, wird aber durch systematische Folter dazu gezwungen.. Die Zähne des Doppelgängers werden denen des Präsidentensohns angepaßt. Von Udai wird er geprügelt und psychisch gebrochen. Hobby des Präsidentensohnes ist es, Frauen die ihn erotisch reizen, von seinen Schergen einfangen zu lassen. Diese Frauen werden dann mindestens vergewaltigt, wenn nicht verletzt oder getötet. Ein Problem ist dann immer noch zu lösen, wenn Ehemänner sich nicht alles gefallen lassen.

Anschaulich wird auch geschildert, wie bei dem Überfall auf Kuwait das Land ausgeplündert wird. Alles wird weggeschafft, was nicht niet – und nagelfest ist, Tausende umgebracht. Ein Friede für Kuwait, wie er schlimmer nicht mehr sein kann! Kapitel 13 „Jeder hat gestohlen“ gibt darüber detailliert Auskunft. „Kuwait ist ein einziger Selbstbedienungsladen für die Soldaten, und offensichtlich hat bisher noch kein Offizier dagegen etwas unternommen. Es ist so, als ob sie alle unter einer Decke steckte. Jeder weiß, dass alle stehlen, aber keiner macht eine Meldung. Wem auch? Alle rauben, als ob das der eigentliche Zweck des Krieges sei. Ich habe nicht den Eindruck, dass wir Kuwait behalten wollten. Würden wir es sonst derart unverschämt ausrauben?“ (Seite 253) „Der ganze Feldzug ist ein unglaubliches, schamloses Rauben. Die einzigen, die als Geiseln im Irak zurückbleiben müssen, sind rund 6000 Gäste. Europäer und Amerikaner. Vertreter jener Länder, deren Regierungen Truppen in den Golf schickten. Sie müssen sich in diversen Hotels in Kuwait melden und werden dann in Gruppen von dort nach Bagdad gebracht.“(Seite 254)

Yahia muß sich in der Öffentlichkeit des Diebstahls von Limousinen bezichtigen und ist dann überflüssig – schwer verletzt wird er vor seinem Elternhaus entsorgt. 1992 gelingt ihm die Flucht in das westliche Ausland. Seine Geschichte wird in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Journalisten Karl Wendl niedergeschrieben und ist ein Dokument, das dem Leser in seiner Grausamkeit oft haarsträubend erscheint. Läßt sich das Ganze nachweisen? Auffallend ist allerdings, daß andere Quellen Ähnliches über die Familie und besonders Udai Hussein berichten. Wer sich mit totaler Macht und ihrer Verwerfung befassen will, der sollte das Buch lesen, wer schwache Nerven hat, nicht. Eine Träne wird man Udai Hussein, der kürzlich getötet wurde, nach dieser Lektüre nicht nachweinen. Zu sehr erscheint er als Bestie in Menschengestalt.

Veröffentlicht 14. September 2015 von schauerchristian in Buchbesprechungen

Jemen-Krieg – Harter Brexit? – Unfairness im Sport – Fluch des Coltan -Nationalpopulismus in Europa und den USA – Begriff Neurussland – Hindenburgstraße umbenennen – Krim -Konflikt – Agrarpreise kontrollieren – Zur Lage der Roma in Serbien – Keine Abschiebungen in den Kosovo – Pierre Vogel – Flüchtlinge Liberia – Aufstand in Syrien – Hartz IV – Nordkorea – Berlusconi

Leserbrief zu: „Kompromiß gefunden – kein Problem gelöst“, In Main-Echo vom 29.3.2019, erschienen in: Main-Echo online vom 8.5.2019

Ausgangslage: Rein deutsche Rüstungsgüter dürfen für ein weiteres halbes Jahr nicht nach Saudi-Arabien geliefert werden. Bei Zulieferungen für europäische Gemeinschaftsprojekte ist die Lage komplizierter. Bis Ende des Jahres dürfen deutsche Unternehmen wieder Bauteile nach Frankreich oder Großbritannien liefern, um eine Fortführung der Produktion zu ermöglichen. Einen Export fertiger Produkte mit deutschen Teilen wie etwa Eurofighter-Kampfjets aus Großbritannien nach Saudi-Arabien und in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) will die Regierung aber unterbinden.

In gekürzter Form erschienen in: Main-Echo vom 4.7.2019 Bezugsartikel: „Stopp für Rüstungsexport ausgehebelt … Die Bundesregierung hat seit Jahresanfang Rüstungslieferungen für mehr als eine Milliarde Euro an die von Saudi-Arabien geführte Allianz im Jemen-Krieg genehmigt“, in Main-Echo vom 17.6.2019

Waffen im Jemen-Krieg – Die Vereinten Nationen bezeichnen den von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten auf der einen Seite, dem Iran auf der anderen geförderten Konflikt als „eine der schlimmsten humanitären Krisen“ der Gegenwart. 24 Millionen Menschen, 80 Prozent der Bevölkerung, brauchen demnach humanitäre Hilfe oder Schutz, darunter 14,3 Millionen Kinder. Die Bilder der vielen unterernährtern Kinder sprechen eine deutliche und schreckliche Sprache.

Im Einsatz sind unter anderem Leclerc-Panzer und Caesar-Kanonen aus französischer Produktion, die im Jemen stationiert sind oder von der Grenze zu Saudi-Arabien aus den Jemen bombardieren. Die Kanonen haben eine Reichweite von 42 Kilometern und werden vom Krauss-Maffei-Wegmann-Partner Nexter hergestellt. Sie sind auf Mercedes-Unimog-Chassis montiert. Damit sind auch deutsche Lieferanten an dem Konflikt beteiligt. Durch den Artilleriebeschuss werden auch Zivilisten getötet.

Die Vereinigten Arabischen Emirate setzen Mirage 2000-9 Kampfbomber ein, die Saudis Tornado-Kampfflugzeuge. Bewaffnet sind sie unter anderem mit Marschflugkörpern des europäischen Herstellers MBDA (Matra BAe Dynamics Aerospatiale).

Es ist ein Kompromiss, der viele enttäuscht: Der Export deutscher Waffen an Saudi-Arabien bleibt verboten, deutsche Bauteile für europäische Waffen dürfen aber wieder geliefert werden. Der Beschluß läßt eine Hintertür offen, durch die deutsche und europäische Waffen weiter im Jemen-Krieg landen können. Auch im Jemen tätige Hilfsorganisationen befürchten zu Recht „Schlupflöcher“ für die Lieferung von Rüstungsgütern. Was sind das eigentlich für Verpflichtungen gegenüber den europäischen Partnern, die zu so einem Elend führen? Müssen sie ewig so weiter gehen?

Christian Schauer

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Krieg im Jemen

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Flagge des Iran

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Leserbrief zu:“ ‚Brexit bringt stürmische Zeiten‘„, in: Der Heimatbote vom 17.1.2019, erschienen in: Der Heimatbote vom 29.1.2019

Man kann gespannt sein, ob der harte Brexit kommt und die vielen Nationalisten ihr Waterloo erleben.

Im Falle eines harten Brexits ist es denkbar, dass Teile des Flugverkehrs zwischen der EU und Großbritannien zeitweilig eingestellt werden. Bei Reisen nach Großbritannien könnten nach einen Austritt wieder Roaming-Gebühren anfallen, das Telefonieren mit dem Handy würde teurer! Autofahrer aus Großbritannien bräuchten einen internationalen Führerschein bei Fahrten in EU-Ländern.

Die britische Exportwirtschaft würde im ersten Brexit-Jahr wahrscheinlich Ausfuhren im Wert von 30 Milliarden Pfund verlieren. Das britische Pfund würde um 25 Prozent an Wert verlieren. Die Hauspreise könnten um 30 Prozent fallen. Da Waren und Personen an den EU-Grenzen wieder kontrolliert werden müssten, müsste der deutsche Zoll 900 zusätzliche Beamte einstellen.

Kommt das Ganze tatsächlich?

Christian Schauer

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Leserbrief zu: „Ronaldo und Bale als Stimmungskiller“, in Main-Echo vom 28.5.2018, erschienen in: Main-Echo vom 30.5.2018

Der Schiedsrichter hat sich zwei Fehlentscheidungen geleistet. Sergio Ramos hätte bei dem Tackling gegen Salah, das zum Ausscheiden des Ägypters führte, mindestens die gelbe Karte bekommen müssen. Er lässt ihn nicht los am Arm, als beide schon fallen und nimmt dadurch eine Verletzung der Schulter in Kauf. Oliver Kahn behauptete in der Pause, dass das ein „normaler Zweikampf“ gewesen sei – dieser Behauptung kann ich nicht folgen. Der Ellenbogenschlag, den Ramos Karius nach der Pause an die Schläfe versetzte, hätte dann zur zweiten gelben Karte führen müssen. Nach einem Platzverweis für Real Madrid wäre das Spiel anders gelaufen.

Ein schlechtes Gewissen schien der Kapitän von Real Madrid, Sergio Ramos, nicht zu haben. Jubelnd riss der Kapitän er immer wieder die Champions-League-Trophäe in die Höhe. Ein Spiegelbild des Profisports. Wer über Leichen geht, wird belohnt – wo das nötige Geld im Spiel ist, sind Skrupel selten und ein namhafter Sportkommentator hätte es wohl ebenso gemacht.

Christian Schauer

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Leserbrief zu „Handy Sammelaktion im Weltladen“, in: Der Heimatbote vom 4. 7.2017, erschienen im Heimatboten vom 11.7.2017

Weiß man wirklich viel über die Handys, die man ständig benutzt? Wahrscheinlich viele eher nicht.- Die im Smartphone verwendeten raren Mineralien stammen häufig aus Afrika, beispielsweise das Erz Coltan aus Minen in der Demokratischen Republik Kongo. Coltan ist alles andere als sehr lange verfügbar, die Weltvorräte neigen sich allmählich dem Ende entgegen. In den Coltan-Minen lässt sich schnell viel Geld verdienen, weshalb man meinen könnte, dass der Coltanabbau dem betreffenden Land und seiner Bevölkerung gut tut. Weltweit steht immer wieder der Coltanabbau in der Regio Kivu in der Demokratischen Republik Kongo im Vordergrund. Die Arbeitsbedingungen – nicht selten kommt es zur Kinderarbeit – sind sehr inhuman.

Der Coltan-Boom bewirkte bei der Bevölkerung ähnliches wie ein Goldrausch -etwas Irrationales. Die Felder wurden nicht bewirtschaftet, weil der Verdienst in den Bergarbeitercamps bis zu fünfmal höher war als in der Landwirtschaft.

Ein Rausch wird auch durch hohe Gewinne noch potenziert.Diese hohen Gewinne für die Konzerne gingen einher mit fehlender staatlicher Überwachung während des Bürgerkrieges in diesem Land. Sie führten zu chaotischem Raubbau, der gravierende Umweltschäden nach sich zog. Unter anderem hatten die Gorillas darunter zu leiden, deren Lebensraum verkleinert wurde.Der Krieg in der Demokratischen Republik Kongo hat seit Anfang der 90er Jahre schätzungsweise fünf Millionen Menschen das Leben gekostet. Auch daran sollte man bei der Nutzung seiner Handys denken.

Christian Schauer, Alzenau

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Leserbrief zu: „Trump justiert Sicherheitspolitik neu“, in Main-Echo vom 31.1.2017 und „Der Kleinkrieg mit den Medien ist Alltag -USA: Trump und sein Umgang mit Journalisten“, in Main-Echo vom 7.2.2017, erschienen in Main-Echo online vom 14.2.2017 und 9.2.2017 , in Main-Echo Printausgabe vom 2.3.2017

Wie Breitbart-News, ein Portal, das dem aktuellen Präsidenten der USA, Donald Trump, nahesteht, Nachrichten verfälscht, kann man anhand der Ereignisse der Silvesternacht 2016 in Dortmund dokumentieren.

Eine Gruppe von mehr als 1.000 Männern habe „Allahu Akbar“ geschrien, Polizisten attackiert und eine historische Kirche in Brand gesetzt, berichtete das umstrittene, nationalpopulistische nordamerikanische Portal „Breitbart“ und zeichnete ein düsteres, bedrohliches Bild von der Silvesternacht in Dortmund. Für den Leser scheint es so, als sei die Lage dort in der Nacht zum neuen Jahr vollkommen außer Kontrolle geraten.

Der Wahrheit entsprach das nicht. Eine Gruppe von 1.000 Männern feierte in der Dortmunder Innenstadt. Es gab auch einzelne „Allahu-Akbar“-Rufe. Eine Feuerwerksrakete landete im Netz eines Baugerüsts der Reinoldikirche. Sie ist, anders als „Breitbart“ berichtete, nicht die älteste Kirche Deutschlands. Dort entstand ein kleinerer Brand, der schnell gelöscht werden konnte. Einige Polizisten wurden verletzt – doch keiner wurde bewußt angegriffen.

Es wird deutlich, dass eine Art Bürgerkrieg aus relativ harmlosen Ereignisssen herbeigeschrieben werden soll.

Steve Bannon, der wichtigste Berater des Präsidenten Trump, weist andererseits schon auf die Unabänderlichkeit von Kriegen auch nach außen hin, wenn er im März 2016 zur China-Politik der Vereinigten Staaten folgendes schreibt: „Wir werden im Südchinesischen Meer in fünf bis zehn Jahren Krieg haben, oder etwa nicht? Daran gibt’s keinen Zweifel. Die nehmen ihre Sandbänke und machen daraus ständige stationäre Flugzeugträger, dann stellen sie noch Raketen drauf. Sie kommen dann in die USA, und sie sagen uns direkt ins Gesicht und Ihnen allen ist klar, wie wichtig das Gesicht ist , die See dort ist seit alters her ihr Territorium.“

Unbewiesene pauschale Vorwürfe an die Medien gehören zum Repertoire Trumps – bei Terroranschlägen gebe es aktive Nachrichtenunterdrückung. Die Berichterstattung über die Anschläge von Nizza, Paris und Berlin beweisen das Gegenteil. Muslime werden kollektiv des Terrors verdächtigt.

Eine Vorstellung von Völkerfreundschaft hat im Denken der Nationalpopulisten nicht die geringste Chance. Man kann nur hoffen, dass die humanen Werten verpflichtete Opposition in den USA stark genug ist, diese Leute zu stoppen.

Christian Schauer

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Leserbrief zu „Den Hass schüren Linke, Grüne, SPD“ und „Trump fordert Einreiseverbot für Muslime“ in: Main-Echo vom 9.12.2015 umd “Sorge um EU-Flüchtlingspolitik nach Rechtsruck in Polen”, in: Main-Echo vom 26.10.2015

Herr Bystron spricht weltweit von 90 Prozent Wirtschaftsmigranten. Er sollte in der aktuellen Debatte lieber die Zahlen für Deutschland berücksichtigen. Demnach wurden von Januar bis November 2015 ca. 965.000 Asylanträge gestellt, davon von Syrern ca. 484.000, von Afghanen ca. 127.000 und Irakern ca. 93.000, das heißt etwa zwei Drittel der Asylanträge wurden von Personen gestellt, die aus Kriegsländern kommen – es handelt sich um Kriegsflüchtlinge.

Ich stimme Herrn Bystron zu, dass arabische Länder wie Saudi-Arabien und Katar keinerlei Vorbildcharakter haben können, wenn sie keine Flüchtlinge aus muslimischen Ländern wie Syrien aufnehmen wollen. Auch Länder wie Großbritannien sind überhaupt nicht vorbildlich, wenn sie ohne Grund im Irak 2003 Krieg führen und wenn die Ergebnisse nicht den behaupteten Ergebnissen entsprechen, kaum Flüchtlinge aufnehmen wollen.

Menschen, die diesen (und auch anderen) Flüchtlingen mit Empathie begegnen, haben es nicht verdient als „Willkommens-Hudler“ oder „nützliche Idioten“ bezeichnet zu werden. Solche Vokabeln versauen die Atmosphäre. Dahinter steckt die nationalistische Logik der Feindschaft gegenüber Menschen in Not, die zum Aufstieg von Pegida und AFD geführt hat.

Dass auch in demokratischen Parteien Ressentiments gegen Minderheiten hoffähig geworden sind, zeigt der Präsidentschaftskandidat der Republikaner in den USA, Donald Trump, mit der Forderung eines Einreiseverbotes für alle Muslime in die USA. Das suggeriert, dass potentiell alle Muslime Terroristen sind.

Mit der pauschalen Ablehnung von Flüchtlingen gewinnt man heute schon Wahlen in Europa. So meinte der Chef der polnischen Nationalkonservativen Jaroslaw Kaczynski Mitte Oktober 2015 auf einer Wahlveranstaltung zum Thema Migration: „Cholera auf den griechischen Inseln, Ruhr in Wien, alle Arten von Parasiten und Bakterien, die in den Organismen dieser Menschen harmlos sind, können hier gefährlich werden“. Es ist skandalös, dass eine Partei „Recht und Gerechtigkeit“ eine Wahl gewinnt, die sich weigert, bei einer Bevölkerungszahl von etwa 38,5 Millionen 7.000 Flüchtlinge aufzunehmen. Auf diese lächerlich geringe Zahl ließ sich die Vorgängerregierung zumindest ein.

Den würdigen Abschluss bietet der ungarische Ministerpräsident: „Natürlich gibt man es nicht gerne zu, aber es ist eine Tatsache, dass alle Terroristen letztlich Migranten sind“, sagt Viktor Orbán. „Die Frage ist nur, wann sie in die Europäische Union eingewandert sind.“ (Welt vom 24.11.2015)

In Ungarn gab es eine rechtsradikale Partei mit dem Namen „Die Pfeilkreuzler“, die massiv in den Holocaust verwickelt war und vom Oktober 1944 bis zum Weltkriegsende 1945 die ungarische Politik bestimmte. Führer war Ferenc Szálasi. Folgende Ungarn waren prominente Mitglieder dieser Partei: Károly Beregfy, Verteidigungsminister dieses Regimes, Gábor Vajna, Innenminister und József Gera war ein Vertrauter des Ministerpräsidenten Szálasi. Alle diese Faschisten waren Ungarn Herr Orbán! Aber nicht alle Ungarn sind Faschisten!

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Foto: Pfeilkreuzler-Flagge und Parteiführer Ferenc Szálasi – Montage:C. Schauer

Der völkische Nationalismus mit seinen grobschlächtigen Ressentiments ist auf dem Vormarsch. Es wird Zeit, ihn zu stoppen.

Christian Schauer, Alzenau – erschienen in Main-Echo online am 19.12.2015, auszugsweise in: Frankfurter Rundschau vom 30.12.2015, Bezugsartikel: „Das braune Problem in Polen wächst“, in FR vom 21.12.2015

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Leserbrief zu: “Putin bekräftigt Bedeutung der Krim für Moskau in Neujahrsansprache”, in: Main-Echo vom 31.12.2014

Wer verbirgt sich hinter der Bewegung, die unter dem Begriff Neurussland im Osten der Ukraine die Separation unterstützt und den Anschluß der Krim an Russland vollzogen hat? Es sind Personen, die eindeutig dem rechtsradikalen Spektrum zuzurechnen sind.

Pawel Gubarew (zeitweilig „Volksgouverneur“ der „Volksrepublik Donezk“) Lange war er Mitglied der paramilitaristischen neofaschistischen Partei „Russische Nationale Einheit“ (RNU), deren Parteiemblem aus dem Hakenkreuz und dem Andreaskreuz der kaiserlichen russischen Marine besteht. Er betätigte sich in zahlreichen panslawistischen und ultranationalistischen Kleinparteien. Zur Zeit ist er Vorsitzender der „Partei Neurussland“, die am 13. Mai 2014 von den Ultranationalisten Valery Korowin, Alexander Prochanow und Alexander Dugin gegründet wurde. Im  Oktober 2014 wurde Gubarew auf einer Fahrt vom russischen Rostow am Don nach Donezk verletzt, nachdem sein Fahrzeug in der umkämpften Oblast Donezk beschossen wurde. Seitdem liegt er in einem Krankenhaus in Rostow am Don.

Alexander Borodai wurde nach dem Referendum im Osten der Ukraine 2014 zum Premierminister der “Volksrepublik Donezk” ernannt. Am 7. August 2014 trat er von diesem Posten zurück  und erklärte, diesen an Alexander Sachartschenko abzugeben. Am 28. September 1993 begannen öffentliche Proteste gegen Jelzins Regierung in den Straßen Moskaus, wobei es zu erstem Blutvergießen kam. Die Armee blieb unter Jelzins Kontrolle, was letztlich den Ausgang der Krise entschied.  Borodai gehörte zusammen mit den Paramilitärs der neofaschistischen RNU zu den Putschisten, die sich in Moskau im Weißen Haus verbarrikadiert hatten. Er betätigte sich auch als freiwilliger Kämpfer für prorussische Rebellen in Transnistrien. Während dieser Zeit war Borodai Redakteur der rechtsextremen und ultranationalistischen Wochenzeitung „Zavtra“ („Morgen“), die Partei Neurussland -Gründer Alexander Prochanow ins Leben gerufen hatte. Um die „auseinanderfallende russische Gesellschaft“ wieder zu vereinen, propagiert

Alexander Prochanow eine nationalsozialistische Ideologie. Es handelt sich um eine Art Faschismus ähnlich dem von Benito Mussolini – ohne ausgewiesenen Rassismus. Prochanow bezeichnet sich selbst als „traditionellen russischen Imperialisten“ – das „ideale Russland“ ist für ihn ein „euroasiatischer Staat“ mit einem „zentralen und regulierenden“ Volk, den Russen. In Prochanows Weltbild wollen „liberale jüdische Gruppen“ Russland von innen heraus aushöhlen. Seine Wochenzeitung „Zavtra“ ist ultranationalistisch. In ihr wird ein deutlicher Antisemitismus gepflegt.

Daneben gibt es noch Igor Girkin, der zeitweilig eine Art Verteidigungsminister darstellte. Auch Igor Girkin, der meist unter seinem Kampfnamen „Strelkow“ („der Schütze“) geführt wird, ist aus Russland. Als Kämpfer im Bosnien-Krieg für die serbische Seite wurden ihm zahlreiche Kriegsverbrechen vorgeworfen.

Die Zusammenarbeit Putins mit der rechtspopulistischen “Nationalen Front” in Frankreich wurde von der Vorsitzenden dieser Partei, Marine Le Pen, Ende November 2014 bestätigt. Zur Höhe eines Kredites meinte sie:  “Wir haben neun Millionen Euro beantragt, und wir haben neun Millionen Euro bekommen.” Auf ukrainischer Seite werden oft die Taten der Svoboda-Partei und des “Rechten Sektors” für die mangelnde Abgrenzung zum Rechtsradikalismus zurecht angeführt. Dass die russische Politik so rechtsradikal beeinflusst ist, wollen viele nicht wahrhaben. Christian Schauer, auszugsweise veröffentlicht als Kommentar zu “Putins Geschichtsklitterung”, in Main-Echo online vom 1.1.2015

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Leserbrief zu: Darmstadt streitet über die Hindenburg-Straße     In: Main-Echo vom 1.9.2014

Paul von Hindenburg erwies sich nach dem Ende der Weimarer Republik als Totengräber der Demokratie. Am 1. Februar 1933 löste er den Reichstag auf. Die Verordnung dazu ist unterschrieben von Hindenburg, Hitler und Frick. Nach dem Reichstagsbrand erfolgte im Laufe des Februars eine Reihe von antidemokratischen Maßnahmen wie die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“. Nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 wurd die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ erlassen, mit der die Grundrechte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges außer Kraft gesetzt wurden. Danach kam es zu Massenverhaftungen von Anhängern der KPD und der SPD. Bei dem am “Tag von Potsdam” am 21. März 1933 wurde der neu gewählte Reichstag in der Garnisonkirche eröffnet. Durch eine symbolische Verneigung Hitlers vor dem greisen Reichspräsidenten wurde eine symbolträchtige Kontinuität zwischen dem Kaiserreich und dem Dritten Reich hergestellt. Beim Streit um die Straßenbenennung in Darmstadt kann deshalb den Befürwortern einer Umbenennung nur beigepflichtet werden.

Christian Schauer, Alzenau geschrieben: 12.09.2014 in Main-Echo online

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Leserbrief zu: “Russland bleibt unbeeindruckt”, in: Main-Echo vom 8.3.2014, erschienen am 11.4.2014

Großrussischer Nationalismus und sowjetisches Expansionsstreben bildeten von Anfang an keinen Gegensatz.

Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt (Hitler Stalin Pakt) 1939 – Geheimes Zusatzprotokoll In einem geheimen Zusatzprotokoll, das erst nach dem Krieg bekannt wurde, legten die Länder die Aufteilung Polens, des Baltikums und Bessarabiens in deutsche und sowjetische Interessensphären für den Fall fest, dass es zu „territorial-politischen Umgestaltungen“ kommen sollte. Die Punkte des Zusatzprotokolls sahen dabei Folgendes vor: Bei den baltischen Staaten (zu denen damals auch Finnland gerechnet wurde) sollten diese „Interessensphären“ durch die Nordgrenze Litauens abgegrenzt werden; Lettland, Estland und Finnland sollten in der sowjetischen Interessensphäre liegen, Litauen in der deutschen. Das Staatsgebiet Polens wurde entlang der Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San in zwei Interessensphären geteilt. „Ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre“, das sollte erst „im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden“. Das Zusatzprotokoll sollte von beiden vertragsschließenden Parteien „streng geheim behandelt werden“ – es wurde aber schließlich doch bekannt. Die Sowjetunion kam durch ein temporäres Bündnis mit dem NS-Staat in den Besitz neuer Gebiete.

Die Breschnew-Doktrin wurde am 12. November 1968 vom sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew auf dem 5. Parteitag der “Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei” verkündet. Sie ging von der „beschränkten Souveränität“ der sozialistischen Staaten aus und leitete daraus das Recht ab, einzugreifen, wenn in einem dieser Staaten der Sozialismus bedroht würde. Dabei lautete die Hauptthese: „Die Souveränität der einzelnen Staaten findet ihre Grenze an den Interessen der sozialistischen Gemeinschaft.” Bestimmt wird ein solcher Fall vom Politbüro der KPdSU. Aktueller Anlaß war der Einmarsch der Warschauer Pakt Staaten 1968 in die Tschechoslowakei.  Im Juni 1953 konnte sich die SED nur mit sowjetischer Hilfe die Macht in Ostdeutschland erhalten. Drei Jahre später war Ungarn an der Reihe. Auch hier konnten sich Kommunisten nur durch sowjetische Bajonette die Herrschaft sichern.

Mit dem Verlust der nach dem Zweiten Weltkrieg in sowjetischen Einflußbereich gekommenen Staaten konnte sich das heutige Rußland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990 abfinden, mit dem Verlust von Gebieten, die früher erobert wurden, nicht. Nachdem die Krim unter Grigori Potjomkin von Russland annektiert worden war, wurde sie von Katharina II. am 8. April 1783 „von nun an und für alle Zeiten“ als russisch deklariert. Vorher stand die Krim Jahrhunderte lang unter türkischem Einfluß. Seit 1475 übten die Osmanen beherrschenden Einfluß aus, gestanden aber eine gewisse Autonomie zu. An Katharinas Formulierun scheint man sich auch heute wieder gerne in Rußland zu erinnern.

Einem Kompromiß ist derartiger Nationalismus wenig zugeneigt. Erschwert wird die Situation dadurch, dass die stark nationalistische “Swoboda-Partei” in der Ukraine nach dem Janukowytsch-Sturz an der neuen Regierung beteiligt ist. Bei der Regierungsbildung am 27. Februar 2014 erhielt der stellvertretende Vorsitzende von Swoboda, Oleksandr Sytsch, das Amt des stellvertretenden Ministerpräsidenten. Die Partei stellt auch weitere Mitglieder der Übergangsregierung, so etwa Ihor Tenjuch als Verteidigungsminister und den Umweltminister. Das EU-Parlament hatte sich in einer Resolution vom 13. Dezember 2012 besorgt über eine “zunehmende nationalistische Stimmung in der Ukraine” erklärt, die im Wahlerfolg der Swoboda zum Ausdruck gekommen sei. Seit Beginn der Proteste in der Ukraine 2013 bildet die “Swoboda” gemeinsam mit der UDAR von Vitali Klitschko und der Allukrainischen Vereinigung „Vaterland“ von Julija Tymoschenko ein oppositionelles Dreierbündnis. Die beiden letzten Parteien streben in die Europäische Union. Das Bündnis mit “Swoboda” macht beide Parteien angreifbar. Gesucht ist in dem Konflikt ein Deeskalationsmechanismus.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau

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Main-Echo 25.01.2013

Agrarpreise kontrollieren

Nach Schätzung der Weltbank sind seit Anfang 2011 zusätzlich mindestens 62 Millionen Menschen in das Heer der Unterernährten abgesunken. Wie die Weltbank meint, verursachten 2008 in Afrika die erhöhten Preise für Nahrungsmittel, dass 30 Millionen Menschen zusätzlich in starke Armut gestürzt wurden. Tatsächlich führen nur zwei Prozent der Rohstoff-Futures tatsächlich zur Lieferung einer Ware. Bei Futures handelt es sich, wie bei Optionen oder Optionsscheinen, um ein standardisierte Termingeschäft. Futures aus dem Rohstoffbereich sind mit wenigen Ausnahmen nur in den USA über einen Broker handelbar. Die restlichen 98 Prozent werden vor dem Fälligkeitsdatum weiterverkauft. Es gibt dazu Alternativen. Als Lösung schlägt der ehemalige Finanzstaatssekretär, Heiner Flassbeck, vor, der UNCTAD die weltweite Kontrolle über die Börsenkurse für Agrarrohstoffe zu übertragen. Flassbeck schreibt dazu: Auf den Terminmärkten dürften fortan nur noch die Erzeuger, Händler oder Verwender von Agrarrohstoffen tätig werden. Wer mit einer Partie Weizen oder Reis, einer Anzahl Hektoliter Öl etc., handle, müsse gehalten sein, die vereinbarte Ware auch zu liefern. Außerdem empfehle es sich, die zu hinterlegenden Sicherheiten für solche Geschäfte zu erhöhen.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, Alzenau

Der Leserbriefschreiber, auf den sich die Stellungnahme bezieht, äußerte Zweifel über die Asylberechtigung der Roma aus Serbien in Deutschland

schauer Sachlich bleiben

Nach Aussagen der serbischen Regierung leben etwa 60 Prozent der geschätzten 450 000 Roma in Serbien in unsicheren und unhygienischen Lebensverhältnissen, im Winter gibt es nur ungenügende Möglichkeiten der Beheizung der illegalen Siedlungen; 30 Prozent haben keinen Zugang zu Trinkwasser; 70 Prozent keinen Zugang zur Kanalisation. Zwangsumsiedlungen in neu erstellte Container-Siedlungen verbessern die Situation der Roma nicht immer, da die Siedlungen oft ebenfalls katastrophale Bedingungen vorweisen. Teilweise sind sie auf ehemaligen Müllhalden errichtet. Serbische Studien belegen, dass Romakinder in Sonderschulen mit einem Anteil von mehr als 30 Prozent deutlich überrepräsentiert sind. Umfragen zufolge gelten sie als die meist diskriminierte Bevölkerungsgruppe in Serbien, eine Diskriminierung, die sich insbesondere im Zugang zum Arbeitsmarkt deutlich macht. Die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) stellte in ihrem letzten Länderbericht zu Serbien fest, dass die Mehrheit aller Roma von Gelegenheitsjobs wie beispielsweise dem Sammeln von Altmetall lebt und dass kaum Roma in staatlichen Betrieben beschäftigt sind. In Serbien gibt es eine obligatorische Krankenversicherung, in der Ende 2010 fast 7 Mio. Personen versichert waren. 2009 waren 93 Prozent der Bevölkerung in dieser obligatorischen Krankenversicherung versichert. Die restlichen sieben Prozent waren vor allem Angehörige der Roma, Ashkali und Ägypter sowie Flüchtlinge und Angestellte, deren Arbeitgeber Beiträge verweigern. Die Notwendigkeit, den Anspruch auf eine Krankenversicherung durch verschiedene amtliche Dokumente belegen zu müssen, stellt für die Roma eine Hürde dar. Roma ohne Registrierung eines permanenten oder temporären Wohnsitzes können nicht versichert werden. Sie können mit ihren beschränkten Mitteln die Reise zum ursprünglichen permanenten Wohnsitz nicht leisten. 2012 war der serbische Staat bemüht, den Zugang der Roma zum Gesundheitswesen zu erleichtern.

geschrieben: 08.11.2012 23:18 Main-Echo

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Leserbrief zu „Amnesty kritisiert auch Deutschland“, in: Main-Echo vom 24.5.2012, erschienen in:Main-Echo vom 6.6.2012

Amnesty kritisierte unter anderem, dass mehrere Bundesländer Roma in den Kosovo abschieben, obwohl ihnen dort Verfolgung und Diskriminierung drohen. Die Kritik konnten Menschenrechtsverbände vor kurzem bestätigen. „Den Abgeschobenen fehlt es oft am Allernötigsten, in vielen Fällen sind noch nicht mal zeitnahe Unterbringung und Ernährung gesichert”, so die Einschätzung einer Delegation des Flüchtlingsrates Niedersachsen und Pro Asyl, die kürzlich den Kosovo besuchte. Die Hilfsprogramme für Abgeschobene existierten teils nur auf dem Papier oder deckten nur die ersten Monate ab. Durch die Abschiebungen würden die Betroffenen aus ihrem bisherigen Lebensumfeld herausgerissenen und stehen im Kosovo in den meisten Fällen vor dem Nichts. Der Schock der Abschiebung lasse vor allem Familien in Angst und Apathie erstarren. Seit dem Abschluss des Rücknahmeübereinkommens mit dem Kosovo im Jahr 2010 wurden über 1000 Menschen aus Deutschland in den Kosovo abgeschoben. Durch die Abschiebungen würden die Betroffenen aus ihrem bisherigen Lebensumfeld herausgerissenen und stünden im Kosovo in den meisten Fällen vor dem Nichts. Der Schock der Abschiebung lasse vor allem Familien in Angst und Apathie erstarren. Seit dem Abschluss des Rücknahmeübereinkommens mit dem Kosovo im Jahr 2010 wurden über 1000 Menschen aus Deutschland in den Kosovo abgeschoben. Die Sicherheitswahrnehmung der Betroffenen sei geprägt von Berichten tätlicher Angriffe durch die albanische Bevölkerungsmehrheit und durch die Polizei. Ein großer Teil der Abgeschobenen fliehe deshalb in Nachbarländer oder zurück in den Westen. Die Konsequenz daraus kann nur heißen, Abschiebungen dorthin in Zukunft zu unterlassen.

Christian Schauer,  Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau

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27.04.2011 Main-Echo Leserbrief (Auszug)

Als Hassprediger verleumdet

Es ist sehr bedauernswert, wie der muslimische Prediger Pierre Vogel als »Hassprediger«, »Extremist« oder »radikaler Islamist« verleumdet wird. Ich verfolge die Vorträge von Herrn Vogel seit Jahren und konnte seinen Predigten nichts entnehmen, was nur annähernd verwerflich klingt.

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Entgegnung schauer zu „Als Hassprediger verleumdet“

Pierre Vogel nimmt eine Reihe von Positionen ein, die aufgeklärten Menschenrechten zuwider laufen. Bei einem seiner Vorträge im Juni 2009 in Stuttgart wurde ein islamisches Frauenbuch angeboten, in dem eheliche Gewalt gegen Frauen gerechtfertigt wird. Zudem werden Ratschläge für spurenlose Misshandlungen gegeben. Bei einem Vortrag am 25. April 2010 in Dillingen (Saarland) sagte er im Hinblick auf die Steinigung von Ehebrecherinnen, dass dies ein Befehl Allahs sei, der ausgeführt werden müsse. Vogel lehnt ein pluralistisches Nebeneinander von Religionen ab und predigt einen Gegensatz von Paradies und Hölle. Entsprechend sollen alle Menschen Muslime werden. Das entspricht nicht dem Grundsatz eines gleichberechtigten Zusammenlebens unterschiedlicher Religionen. Von der Anwendung von Gewalt zur Mission distanziert er sich jedoch. Die Situation der Muslime in Deutschland vergleicht Vogel mit der Lage der Juden in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus. Damit liegt er völlig falsch- mittlerweile gibt es 2500 Moscheen in Deutschland -das ist ein Zeichen von großer Toleranz im Gegensatz zu den Zuständen im muslimischen Saudi-Arabien, wo es keine einzige christliche Kirche gibt. 2007 hat Pierre Vogel in einer Moschee in Göttingen die Verheiratung neunjähriger Mädchen gerechtfertigt und damit erneut eine menschenrechtsfeindliche Position. Zu Osama bin Laden meint er: “Welche Beweise gibt es, dass Osama bin Laden Hinter dem 11. September steht? Wollte man seine Zeugenaussage nicht hören?“ Zum Tode von Bin Laden will er am Samstag eine Kundgebung im Frankfurt abhalten. Wem nützt sie?

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau, geschrieben: 05.05.2011 18:50

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Leserbrief zu: „Friedrich warnt vor falschen Signalen an Nordafrika“, in: Main-Echo vom 12.4.2011

Wenn man die 20.000 Flüchtlinge in Italien auf alle EU-Staaten verteilt, was sinnvoll ist, braucht man keine Angst vor zu vielen Flüchtlingen zu haben. Als Beispiel einer vorbildlichen Gelassenheit, wie man mit weit größeren Flüchtlingsströmen umgeht, kann das kleine Liberia gelten, das sehr viele Flüchtlinge aus der Elfenbeinküste aufnimmt, das gegenwärtig in einem schrecklichen Bürgerkrieg versinkt, den es in seiner direkten Nachbarschaft erlebt. Täglich fliehen Tausende aus der Elfenbeinküste, gegenwärtig sind es mindestens 130.000. Dort werden sie von den Einheimischen sehr freundlich aufgenommen und versorgt, wie Hilfsorganisationen berichten. Die Liberianer, heißt es, erinnerten sich an die eigene, konfliktreiche Vergangenheit (etwa 250.000 Liberianer kamen infolge des Bürgerkrieges in den letzten Jahrzehnten um, eine Million wurden – teilweise in die Nachbarländer – vertrieben) und nähmen jene, die jetzt in Not sind, bereitwillig auf. Akut ist nicht bekannt, dass sich Liberia Wortgefechte mit anderen Ländern in Afrika geliefert hätte zu der Frage, wohin man die Gestrandeten weiterschieben könne oder nicht. Hierin unterscheidet es sich positiv von den Europäern. Zumindest vorübergehend sollte Deutschland Flüchtlinge aus Nordafrika aufnehmen, wie alle anderen EU-Staaten auch. Insgesamt sollte im Falle einer verstärkten Fluchtbewegung aus Libyen oder anderen nordafrikanischen Staaten eine EU-weite Verteilung der neu ankommenden Schutzsuchenden nach humanitären Kriterien erfolgen.

Christian Schauer, Alzenau Der Leserbrief erschien im Main-Echo vom 14.April 2011

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Main-Echo vom 29.4.2011 (Auszug) Syrien bestreitet Meuterei in der Armee Unruhen: Angeblich mehrere Offiziere erschossen – Verurteilung im UN- Sicherheitsrat gescheitert – EU will Sanktionen

Damaskus Die syrischen Streitkräfte haben Berichte über eine angebliche Meuterei in der Armee dementiert. Diese Falschmeldungen sollten das Ansehen der Sicherheitskräfte beschädigen, erklärte ein Armeesprecher. Die EU strebt nach dem Scheitern eines Vorstoßes im UN-Sicherheitsrat Sanktionen gegen Syrien an. ….. Die Organisation syrischer Menschenrechtsbeobachter teilte am Donnerstag mit, ihr lägen die Namen von 453 Menschen vor, die seit Beginn der Unruhen getötet worden seien. Zu den Berichten über eine Meuterei hatten Regimegegner in Syrien berichtet, etliche Offiziere hätten sich geweigert, in der belagerten Stadt Daraa auf Demonstranten zu schießen. Einige von ihnen seien daraufhin von Angehörigen der regimetreuen Republikanischen Garden wegen Befehlsverweigerung erschossen worden. Auch bei den Christen bröckelt die Unterstützung für Assad anscheinend.

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Leserbrief schauer Syrien bestreitet Meuterei“

Der Schatten Alois Brunners liegt auf dem Wirken der Assads. Alois Brunner, die “rechte Hand” von Adolf Eichmann, war in Deutschland, im angeschlossenen Österreich, in Mazedonien, der Slowakei und zuletzt im besetzten Frankreich aktiv an der Ausführung des Mordprogramms der Nazis beteiligt. Die deutsche Justiz wirft ihm vor, direkt für die Deportation von 124 000 Juden und Jüdinnen in die Vernichtungslager verantwortlich zu sein. Seit den fünfziger Jahren fand man Brunner in Damaskus wieder, wo er Berater der politischen Polizei gewesen ist. Der Kriegsverbrecher wohnte mit dem ehemaligen Lagerkommandanten von Treblinka, Franz Stangl, in einer Wohnung in Damaskus. Brunner nannte sich Georg Fischer und stieg zum Berater der syrischen Regierung auf.

Nachdem Hafiz al- Assad schon einen Massenmord 1982 in Hama begangen hatte – beginnend am 2. Februar des Jahres wurde die 350.000 Einwohner zählende Stadt von syrischen Spezialkräften unter Führung des Präsidentenbruders Rifaat al Assad unter Granatbeschuss genommen, nachdem die Luftwaffe die Ausfallstraßen systematisch zerstört hatte. 20.000 bis 30.000 Menschen (die Angaben variieren) fanden während des Angriffs den Tod und viele andere flohen aus der Stadt, wobei auch nicht wenige den Tod fanden. Auch große Teile der Stadt, insbesondere der historischen Altstadt, wurden zerstört – tut es sein Sohn ihm jetzt gleich. Mehr als 120 Tote durch die Kugeln von Regierungssoldaten – kein Wunder, dass die Menschen dem Reformwillen Assads nicht trauen. Amnesty International spricht von 400 Toten seit Beginn der Demonstrationen vor etwa vier Wochen. Die Ideologie der Baath-Partei ähnelt der der deutschen Nationalsozialisten. Der Ideologe der Baath- Partei Aflaq sah Hitler-Deutschland als eines seiner Vorbilder und empfahl seinen Parteigenossen sogar die Lektüre von NS-Ideologen wie Alfred Rosenberg. Deshalb ist für die syrische Opposition nichts Positives zu erwarten.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau geschrieben: 03.05.2011 23:14

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Leserbrief zu „Armut in einem reichen Land in: Der Heimatbote vom 28. Mai 2011

Was kann man tun, um das Gespenst der Armut zu überwinden, vom dem Professor Butterwegge spricht? Unter anderem sollte man an einen höheren Hartz-IV-Regelsatz denken. Eine Erhöhung auf 420 Euro im Monat wegen der gestiegenen Lebensmittel- und Energiepreise ist sinnvoll. Die Anpassung des Hartz-IV-Regelsatzes an die aktuelle Inflationsrate und Preisentwicklung der steigenden Lebenshaltungskosten ist nötig. Es ist dafür einzutreten, dass dem Karlsruher Richterspruch von 2010 durch eine nachvollziehbare Definition des Existenzminimums, das mindestens 420 Euro beträgt, Geltung verschafft wird. Diese Zahl ist das Ergebnis von Berechnungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Die neuen Hartz-IV-Sätze sollten anders berechnet werden als dies die Bundesregierung 2010 getan hat. Die Bedarfe sollten einheitlich auf Basis der unteren 20 Prozent der nach Einkommen geschichteten Haushalte ermittelt werden. Zum Maßstab müssen die realen Ausgaben der Haushalte genommen werden. Diese beinhalteten auch den gelegentlichen Besuch einer Eisdiele oder den bescheidenen Konsum z.B. von Alkohol, wie sie in allen Einkommensgruppen unserer Gesellschaft üblich sind. Insbesondere sollten die Mobilitätserfordernisse realitätsgerecht ermittelt werden. Der Regelsatz müssen die Anschaffung eines Fahrrades oder einer Monatskarte für den öffentlichen Nahverkehr auch tatsächlich ermöglichen. Den Leistungsberechtigten sollen künftig einmalige Leistungen für die Anschaffung oder, wenn wirtschaftlich vertretbar, die Reparatur von Herden, Kühlschränken und Waschmaschinen gewährt werden. Es ist nicht sinnstiftend, Menschen von der Teilhabe an der Gesellschaft auszuschließen.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau

Der Leserbrief erschien im „Heimatboten“ am 4. Juni 2011

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Main-Echo vom 8.1.2011 (Auszug)

Gysi kritisiert Lötzschs Kommunismus-Aussage

Berlin Linke-Fraktionschef Gregor Gysi hat sich von den umstrittenen Kommunismus Äußerungen der Parteivorsitzenden Gesine Lötzsch distanziert. »Wir können mit dem Begriff Kommunismus unsere Ziele nicht erklären«, sagte Gysi.

Leserbrief schauer Realer Kommunismus

Das Wort Kommunismus erweckt keine utopischen Hoffnungen mehr. Sie sind verflogen. Wenden wir uns dem zu, was der Globalisierungskritiker Jean Ziegler über das Nordkorea der 90er Jahre schreibt: „Heute kämpft die internationale Gemeinschaft gegen den Hunger in Nordkorea. Zugleich herrscht in Pjöngjang eines der schlimmsten Regimes der Welt. Von 1995 bis heute sind mehr als zwei Millionen Menschen- die Mehrheit von ihnen Kinder- dort verhungert. Millionen andere erlitten unheilbare Schädigungen auf Grund chronischer Unterernährung. Seit mehr als vier Jahren leidet das Land unter drei Plagen: Die vormals blühende Landwirtschaft- Reisfelder, Zitrusfrüchteplantagen, Viehzucht etc. – wurde durch die Zwangskollektivierung des Landes und der Produktionsmittel ruiniert. 1995 zerstörten sintflutartige Regenfälle einen großen Teil der Reisfelder und ihres ausgeklügelten Bewässerungssystems. 1997 und 1998 versetzten schließlich zwei aufeinander folgende Dürreperioden der Lebensmitteproduktion den Todesstoß. Hinzu kommt, dass eine Einheitspartei, die Partei der Arbeit, und eine korrupte Nomenklatura seit Jahren eine Kriegsparanoia schüren. Die Überbewaffnung der so genannten ‘Volksarmee’ und das Programm zur Entwicklung von Nuklearwaffen verschlingen alljährlich enorme Summen. Diese werden aus der Fronarbeit einer Bauernschaft gezogen, die praktisch auf Sklavenstatus reduziert wurde.”

geschrieben: 28.01.2011 23:47

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Zeitloser Leserbrief zum Dauerthema Berlusconi

Neue Regierungskrise in Italien

Es gibt Menschen, die sind mit jungen Frauen, finsteren Geschäften und Korruption beschäftigt. Sie brauchen es gar nicht zu erzählen, daß sie beschäftigt sind, denn womit, weiß sowieso jeder. Zu ihnen gehört Silvio Berlusconi. Zu Berlusconis Gerichtsverfahren schreibt die Zeit: “Berlusconi ist des Meineides schuldig; er hat Finanzbeamte bestochen; er hat Schmiergelder gezahlt und Steuern hinterzogen. Aber bisher ist er immer davongekommen.” Schon 1994, als Berlusconi kurzfristig Regierungschef war, erstrebte er eine Amnestie gegen Korruptionsvergehen. Die kurze Amtszeit seiner Regierung verhinderte damals dieses Vorhaben. In der Kontinuität solcher im Kern rechtstaatsfeindlicher Vorhaben steht Berlusconis häufig vorgetragene Absicht, den Richtern und Staatsanwälten die Leitung von Ermittlungen zu entziehen. Diese sollen der Polizei anvertraut werden und damit der Exekutive. Zudem soll die Parlamentsmehrheit- also im Endeffekt er selbst festlegen, welche Straftatbestände überhaupt noch geahndet werden. Die hiermit geäußerten putschistischen Absichten gegenüber dem Rechtsstaat und dem Prinzip der Gleichheit suchen an Dreistigkeit in Europa ihresgleichen. Es bleibt nur zu hoffen, daß dieser Spuk bald aufhört.

Christian Schauer, geschrieben: 04.01.2011 21:02 im Main-Echo

Reiseberichte Berlin 2015,2014 und 2013

Reisebericht Berlin August 2015

Pfaueninsel

Die Erschließung der Insel beginnt mit Friedrich Wilhelm II. Was steckte dahinter: die Liebe. Schon als Kronprinz hatte er sich als Frühvollendeter zusammen mit der 13-jährigen Wilhelmine Encke, der Tochter eines Hoftrompeters und Gastwirtes, zu romantischen und erotischen Aufenthalten auf die verwilderte Insel übersetzen lassen. Was kann daraus nur folgen? Wilhelmine wird mit fünfzehn Mutter – die Jugend ist vorbei. Es heißt, der König legte großen Wert auf den Erhalt de Wildnishaften der Insel- möglicherweise hat ihn seine innere Wildheit dazu veranlasst – er war ein Getriebener der Wildnis sozusagen. „Zurück zur Natur“ spielte damals als Motto Rousseaus im Denken des Monarchen eine große Rolle.1

1793 war es dann soweit Durch eine Kabinettsorder vom 12. November übermittelte Friedrich Wilhelm II. seinen Wunsch: „[…] Zu dem Amte Bornstedt gehört eine in der Havel liegendeInsel, genannt der Caninchenwerder, welche ich der Lage halber zu einigen Anlagen selbst übernehmen will“. Der Kern der Insel mit 200 bis 300 alten Eichen blieb als Wildnis unverändert. Die Insel gelangte vom Militärwaisenhaus in Potsdam in den Besitz des Königs. Unter Friedrich Wilhelm II. wurden besonders zwei Bereiche gestaltet: das Schloss am Ufer der Westspitze einerseits. Im Wiesenland im Osten der Insel entstand die Meierei.

Der Schlossbau begann 1794, die Innenausstattung wurde 1795 vollendet. Der Bauplatz sollte vom Marmorpalais aus zu sehen sein. Das Gebäude sollte einem römischen Landhaus ähneln.

Den Kern der Insel bildeten 200 bis 300 alte Eichen – während der Erschließungszeit durch die Bauwerke von Friedrich Wilhelm II. Die Bauleitung lag beim Geheimkämmerer Johann Friedrich Ritz, der durch eine Scheinehe mit Wilhelmine, geborene Encke, liiert war. Ihr wurden sämtliche Bauplanungen vorgelegt. Der Baubeginn des Schlosses war das Frühjahr 1794. Die Bezeichnung Kanincheninsel war bald obsolet – man nannte sie bald Königliche Pfaueninsel.

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Bild: Pfaueninsel

Viele Pfauen sind tatsächlich auf der Insel zu sehen. Seinen Fächer breitete leider keiner aus. Man denkt hier unwillkürlich an das Lied von Leonard Cohen „The story of Isaac“

“And mercy on our uniform

Man of peace or man of war

The peacock spreads his fan”

Das Kavalierhaus wurde 1803/04 als Gärtnerwohnung erbaut. Auf der Pfaueninsel entstanden in den 1960er Jahren Außenaufnahmen für mehrere Edgar Wallace Filme. Neben dem Englischen Landschaftspark diente bei diesen Filmen häufig das Kavaliershaus als Kulisse für Außenaufnahmen. Seine Architektur erinnert an englische Landhäuser.

Die Neue Synagoge Berlin

Am 5. September 1866 fand die Einweihung der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße statt. Von der Reichspogromnacht (9. 10. November 1938) blieb auch die Neue Synagoge nicht verschont. Von SA-Leuten war im Raum vor dem Eingang zur Hauptsynagoge Feuer gelegt worden, das jedoch gelöscht wurde. Viele Synagogen in Berlin waren in dieser Nacht in Brand gesteckt worden. In der Synagoge Oranienburger Straße war nur Inneren ein Brand entstanden. Durch das schnelle Eingreifen des Portiers Wainschel und anderer konnten die Flammen bald gelöscht werden. Die Rettung der Synagoge war Polizeioberleutnant Wilhelm Krützfeld zu verdanken. Eine Brandstiftung größeren Ausmaßes fand nicht statt. Die Synagoge war vorerst bewahrt. Zum Pessachfest 1939 konnte die Neue Synagoge wieder bezogen werden. Gemeindevorsteher Heinrich Stahl und Rabbiner Max Nussbaum betraten das Gebäude trotz Versiegelung. Der Rabbiner berichtete 1970 darüber: „ Über dem Schrein gewahrten wir unser eigenes Wunder, das des zwanzigsten Jahrhunderts: Das Ewige Licht brannte, es hatte während des 9. und 10. November gebrannt (…). Es war ein unvergesslicher Anblick – Symbol und Botschaft zugleich (…)“3

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Bild: Neue Synagoge

Die goldene Kuppel musste mit grauer Farbe übertüncht werden – dies verlangten die Behörden des NS-Regimes aus Luftschutzgründen. Die Übermalung geschah am 14. September 1939. In Inneren fand der Gottesdienst zum Jüdischen Neujahrsfest statt. Der letzte Gottesdienst fand am 30. März 1940 statt. Am 11. Juni 1943 geschah die Beschlagnahmung der Häuser Oranienburger Straße 28-31 durch die NS-Behörden. Rechtsgrundlage war die „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“. Womöglich lagerten im Kellerraum Unterlagen des Reichssippenamtes. Diese Behörde verwaltete seit 1939 die nach der Reichpogromnacht beschlagnahmten Akten des Gesamtarchivs der deutschen Juden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte in Berlin nur noch ein kleiner Teil der ehemaligen jüdischen Bevölkerung – Im November 1949 waren es insgesamt 7.900 Juden. 4.600 hatten in Mischehen überlebt, 1.400 im Versteck. 1.900 waren aus befreiten Konzentrationslagern zurückgekehrt.

Am 5. Juli 1988 konstituierte sich die Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum. 1990 wurde die goldene Kuppel fertiggestellt. 1991 kam der Davidstern dazu. 4

Am 7. Mai 1995 wurde die Neue Synagoge als Centrum Judaicum eröffnet. Anwesend waren der damalige Bundespräsident Roman Herzog, der damalige Kanzler Helmut Kohl und Eberhard Diepgen, ehemals Regierender Bürgermeister von Berlin.

Das Knoblauchhaus

Im Siebenjährigen Krieg 1759 kaufte der Nadlermeister Johann Christian Knoblauch ein Fachwerkhaus im Nikolaiviertel. Er ersetzte es durch ein Rokoko-Eckhaus. Der Familie diente das Haus neben der Nikoaikirche fast 170 Jahre als Wohn- und Geschäftssitz. Aus den Reihen der Knoblauchs gingen Kaufleute, Architekten, Wissenschaftler und Kommunalpolitiker hervor. Wichtige Personen waren Carl Friedrich Knoblauch (1765 – 1813) und Sohn Carl (1793 – 1859). Sie waren Seidenfabrikanten, Seidenhändler und Berliner Stadträte. Eduard Knoblauch (1801 – 1865) entwarf die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße (siehe oben). Ein Urenkel gründete 1868 das Böhmische Brauhaus. Heute beherbergt das Gebäude ein renommiertes Biedermeier-.Museum. Die rekonstruierten Wohnräume im ersten Stock sind den Mitgliedern der Familie Knoblauch gewidmet. In der zweiten Etage informieren Bilder und Gebrauchsgegenstände über das Leben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Haus waren Karl Friedrich Schinkel und Wilhelm von Humboldt früher prominente Dauergäste.

Nikolaikirche

Die Entstehung der Kirche wird um 1230 angenommen. Stilistisch liegt sie zwischen Spätromanik und Frühgotik. Sie wurde 1264 in einem Ablassbrief Bischof Heinrichs von Brandenburg erstmals urkundlich erwähnt. Der heilige Nikolaus gilt als Schutzheiliger der Fischer, Schiffer und Kaufleute. Der Namenspatron – der heilige Nikolaus – geht auf die historische Gestalt des Bischofs von Myra (Lykien) zurück.

Gewirkt hat in der Kirche der dichtende Pfarrer Paul Gerhardt (1607 bis 1676). Vertont wurden die Gedichte von Johann Crüger (1598 bis 1662) und später von Johann Georg Ebeling (1637 bis 1676). Der bedeutende protestantische Pietist Philipp Jakob Spener (1635 bis 1705) war in dieser Kirche Propst. Auch der Aufklärungstheologe Joachim Spalding (1714 bis 1804) lebte hier. Hervor stechen die plastischen Kunstwerke des Renaissance-Bildhauers Hans Schenk. 5

Die Nikolaikirche wird seit 1939 nicht mehr kirchlich genutzt. Sie fand 1987 ihre Bestimmung als Museum. Nach einer umfangreichen Sanierung steht sie seit 2010 wieder Besuchern aus nah und fern offen.

Das Heinrich Zille Museum

Heinrich Zille (1858 – 1929) hat vor allem dem von Armut geprägten Berlin – Leben in den Berliner Hinterhöfen – ein Gesicht gegeben. Durch seine unermüdliche Arbeit, die Umsetzung der Beobachtungen in Berlin spezifische Abbildungen des urbanen Lebens hat Heinrich Zille ein Werk geschaffen, das in seiner gelegentlich derben Qualität Generationen von Menschen anzog.

Fußnoten

 Michael Seiler, Pfaueninsel, Berlin München 2012, S. 2

Hermann Simon, Die Neue Synagoge Berlin, Berlin 2011, S. 77

3 Ebd.. S. 87 f.

4 Ebd. S. 97

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Veröffentlicht 14. November 2014 von schauerchristian in Reiseberichte Berlin 2015, 2014 und 2013

Reiseberichte Ungarn 2012, Zypern 2011 und Gardasee – Venedig 2010

Reisebericht Ungarn 28.5. bis 1.6.2012

Budapest, Eger und Gödöllö Geschichte

Die finnugrische Urheimat erstreckte sich vom mittleren Ural nach Osten bis zum Mittellauf des Ob und des Irtys. In der Heimat Westsibirien lebte dieses Volk von Jägern, Sammlern und Fischern. 4.000 vor Christus löste sich die uralische Gemeinschaft auf. In der Mitte des dritten Jahrtausends machten sich Teile der Finnougrier zur Wolga auf und besiedelten das Gebiet des Baltikums und Südfinnlands. Die Ungarn , die sich selbst Magyaren nennen, wanderten im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts vom östlichen Rand des Urals – ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet- in die Steppen nördlich des Schwarzen Meeres ein. Dort wurden sie 895 von den Petschenegen – einem der alten Turkvölker- vertrieben und wanderten nach Pannonien weiter, das früher eine römische Provinz war. Unter dem Heerfürsten Árpád (ca. 894 bis 907) erfolgte die Landnahme der Ungarn. Die treibende Kraft bei den Raubzügen der Ungarn war der Mitregent des Heerfürsten Bulcsu. 895 bis 896 besetzten sie das östlich der Donau gelegene Tiefland und Westsiebenbürgen. Danach kämpfte man gegen das Großmährische und Bulgarische Reich erfolgreich. 899 griff ein ungarisches Heer Norditalien an. 907 wurden die Bayern vernichtend bei Preßburg geschlagen. Ihre Oberherrschaft wurde bis an die Enns ausgedehnt. Die Ungarn galten als kenntnisreiche extensive Viehzüchter (Pferde und Schafe). Handwerklich widmete man sich dem Waffenschmieden. Erst im 10.Jahrhundert folgten kleine Siedlungen und Stallungen nach der rein nomadischen Lebensweise.1 Die Lebensmittelproduktion war für den Eigenbedarf gedacht. Dieser musste zudem durch Abgaben der unterworfenen Völker gedeckt werden. Im zehnten Jahrhundert wurden vierzig größere Raubzüge unternommen. Hier wurden neben mNahrungsmitteln auch Sklaven beschafft. Die Ungarn fielen in alle Gebiete des Karolingerreiches ein. 915 gelangten sie sogar bis zur dänischen Grenze, 927 im Westen bis zum Atlantik. Der Sieg bei Merseburg 933 brachte Deutschland eine Atempause. Erst der Sieg von Kaiser Otto I. auf dem Lechfeld 955 (bei dem Bulcsu und Lehel getötet wurden) beendete die Ungarnangriffe.

Die Herrschaft Stephans I. (997 bis 1038) begründete die Christianisierung des Landes. Er lehnte sich zunehmend an den deutschen Kaiser Otto III. an. Im Jahre 1000 wurde er zum König von Ungarn gekrönt. Die Stephanskrone wurde zum Symbol der Christlichkeit des Staates. 1001 wurde Gran (Esztergom) zum selbständigen Erzbistum erhoben. 1003 musste sich Gyula von Westsiebenbürgen unterwerfen. Diese Region wurde in das Königreich Ungarn einbezogen. 1030 wehrte er den Angriff des deutschen Kaisers ab und sicherte so die Existenz seines Staates. Stephan I. wurde später im Jahr 1089 heilig gesprochen. 1102 kam durch Personalunion das Königreich Kroatien zu Ungarn.

Ein wichtiges Datum der ungarischen Geschichte ist der Mongolensturm von 1241. Er deckte die Probleme des Landes bezüglich seiner Verteidigung auf. Die uneinigen Ritter trugen zur Niederlage bei Mohi am Sajó bei. König Bela IV. (1235 bis 1270) konnte sich mühevoll nach Dalmatien retten. Die Mongolen zogen sich überraschend 1242 zurück. König Bela IV. nahm danach den Wiederaufbau des Landes in Angriff. Die östlichen Landesteile waren weitgehend entvölkert worden. Die Siedlungspolitik wurde wieder aufgenommen. Die östlich der Karpaten lebenden Kumanen und Jazygen wurden als Gruppen aufgenommen und christianisiert. König Ladislaus IV. (1272 bis 1290) war kumanischer Abstammung.2

 

In der Schlacht von Mohacs von 1526 gegen die Türken verlor Ungarn nach dem Tod des Königs Ludwig II. und eines großen Teils des Adels seine Selbständigkeit. Mehr als zwei Drittel des Landes wurden osmanisch, darunter Siebenbürgen als Vasall des türkischen Reiches. Die türkischen Siege in Ungarn sind chronologisch so zu datieren: 1545. Buda, Esztergom, Fehérvár, Szeged, Nógrád, Hatvan, Veszprém und Pécs, also fast das ganze Land, sind in den Händen der Türken. 1546. Die Türken haben Ungarn in fünfzehn Sandschaks aufgeteilt. Den Ungarn sind nur Oberungarn und ein oder zwei Komitate, die an Österreich grenzen, verblieben 1547. Nicht nur die Türken, sondern auch die Österreicher schinden und schröpfen Ungarn. 1548. Luthers und Calvins Lehre verbreitet sich im ganzen Land. Nicht nur die Türken und die Österreicher sind den Ungarn feind, sie selbst befeinden sich untereinander. 1549. Die Türken nehmen den Ungarn unter dem Titel „Steuern“ alles, sogar Kinder. 1550. Eine walachische und eine türkische Heerschar ziehen gegen Siebenbürgen. Frater Georgius stellt in wenigen Tagen fünfzigtausend Kämpfer auf die Beine. Sie schlagen die Walachen, die Türken nehmen Reißaus. 1551. Königin Isabella verläßt Siebenbürgen. Frater Gregorius wird von Meuchelmördern umgebracht.3

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Der Ungarnaustand von 1956„ Ich gehöre nicht zu den Leuten, die wünschen, das ungarische Volk griffe in einem bald niedergewalzten Aufstand abermals zu den Waffen, während eine internationale Gesellschaft von Zuschauern ihm weder Beifall noch tugendsamem Tränen versagt, um dann zu ihrenPantoffeln zurückzukehren wie die Tribünensportler am Sonntagabend nach einem Meisterschaftsspiel. Im Stadion liegen schon zu viele Tote,und nur mit unserem eigenen Blut dürfen wir freigebig sein. Das ungarische Blut hat sich für Europa und die Freiheit als zu wertvoll erwiesen, als dass wir nicht mit den kleinsten mTropfen haushälterisch umgehen müssten. Aber ich gehöre auch nicht zu den Leuten, die an die Möglichkeit eines selbst resignierten, selbst vorläufigen Kompromisses mit einem Terror-Regime glauben, das ebenso sehr Anspruch auf die Bezeichnung sozialistisch hat wie ehemals die Folterknechte der Inquisition auf die Bezeichnung christlich.“ 4  Das meinte Albert Camus zum Ungarn-Aufstand.

Bild Ungarns nach der Machtübernahme der Kommunisten: Insgesamt erreichte die Zahl der von der Säuberung betroffenen Opfer 200.000. Einer der eher weniger spektakulären Fälle war der des Vorsitzenden der Kleinlandwirte-Partei des Bezirks Tolna. Am 1. Oktober 1949 wurde er wegen angeblicher Spionagetätigkeit festgenommen und in Isolierhaft gehalten. Auch er unterschrieb ein Geständnis, um Folter und Ungewissheit zu beenden .»Mehrere Male hörte ich die Hilferufe meiner Frau aus dem Nebenzimmer«, bezeugte er. (Offensichtlich war das die bevorzugte Methode der Beamten des ungarischen Geheimdienstes.) Nach vierzehn Monaten wurde Anklage gegen ihn und vier andere »Volksfeinde« erhoben.

 

Der Angeklagte sagte sein »Geständnis« auswendig auf und wurde zu fünfzehn Jahren verurteilt.5 Der Aufstand wurde vom Regime des Janos Kadar stets als “Konterrevolution“ bezeichnet, die öffentliche Nennung als Revolution wurde geahndet. Die DDR-Regierung begrüßte ausdrücklich das Eingreifen Moskaus als “Unterdrückung der Konterrevolution” und untersagte jegliche Kritik an den Vorgängen in Ungarn. Seit 1989 ist der 23. Oktober 1956 (der Beginn des Aufstandes) ein Nationalfeiertag in Ungarn. „Der konterrevolutionäre Aufstand in Ungarn vom 23. Oktober bis zum Mitte November 1956 zeigt, welche Folgen es haben kann, wenn der Revisionismus die Führung einer kommunistischen Partei erobert: es führt zur Entfesselung der rechtesten, reaktionärsten Kräfte, zur Entfesselung des weißen Terrors“ das meint der Stalinist auch heute noch dazu.

Quelle

http://www.redchannel.de/mlliteratur/soz_staaten/ungarnaufstand.htm

Panoramablick

An den Ungarnaufstand erinnert heute eine Museum (Haus) des Terrors in Budapest. Das Haus des Terrors ist ein als Gedenkstätte konzipiertes historisches Museum in Budapest. Es soll an die Herrschaft der Pfeilkreuzler und den nach Ende des Zweiten Weltkrieges folgenden Kommunismus in Ungarn erinnern und stellt dabei beide Regime in seiner Ausstellung gegenüber. Hier wurden während der Diktatur nach dem Zweiten Weltkrieg in Ungarn viele Menschen verfolgt, gequält und getötet. Durch schrittweisen Ausbau umfasste das Gefängnis im Endzustand den unterirdischen Bereich unter dem gesamten umgebenden Häuserblock. Es sind nicht wenige Städte in Europa, die ihre Gründung den Römern verdanken. Auch Budapest, die heutige ungarische Hauptstadt, zählt dazu. Aquincum, so der Name der Siedlung zur Römerzeit, wurde im Jahre 89 vor Christus erstmals erwähnt. Schon damals war es keine unbedeutende Niederlassung, denn Aquincum besaß einen Palast und  eine Festung. Diese Bedeutung wurde noch dadurch erhöht, dass die Siedlung Sitz des römischen Statthalters der Provinz Pannonien wurde. Ein Grund für diese herausgehobene Stellung war die ausgezeichnete Lage direkt an der ungemein wichtigen Donau. Im 5. Jahrhundert zogen die Römer ab. Bela IV. ließ im 13. Jahrhundert den heutigen Burgberg in Buda als Königsresidenz befestigen und besiedeln. Pest entwickelte sich auf der anderen Seite der Donau zu einer Kaufmannsstadt. Im 15. Jahrhundert erlebte Buda unter König Matthias als Renaissancemetropole eine Blütezeit. 1541 fiel die Stadt an die Osmanen, die Besatzung dauerte 145 Jahre. 1686 wurden die Habsburger Nachfolger der Türken. Ein neuer Patriotismus wird deutlich in der Errichtung des Nationalmuseums von 1847. 1849 wurden die beiden Städte Buda und Pest durch eine Kettenbrücke verbunden. In Pest kam es 1848 zum Aufstand gegen die Habsburger. 1873 wurden Pest, Buda und Obuda zur Hauptstadt Ungarns vereint. Der Bauboom zeigte sich im Andrassy út und im Großen Ring- beide sind Boulevards nach Pariser Vorbild. 1896 entstand die erste U-Bahn des europäischen Kontinentes. Ödön Lechner schuf eine eigene Variante des Jugendstils. Der Erste Weltkrieg brachte Ungarn starke territoriale Verluste und die Selbständigkeit. Mit der Niederlage im Zweiten Weltkriegs an der Seite des Deutschen Reiches wurde Budapest sehr stark zerstört.

Heldenplatz

Heldenplatz

 

Der Heldenplatz mit dem Milleniumsdenkmal. Es entstand 1896 zu den Feierlichkeiten der Tausendjährigen Geschichte Ungarns. Der Komplex wurde 1929 fertig gestellt. Die 36 Meter hohe Säule zeigt der Erzengel Gabriel. Auf dem Sockel steht Fürst Arpád, ihm zur Seite sind sechs Stammesfürsten positioniert. Im Hintergrund sind 14 bedeutende Ungarn von König Stephan bis zum Helden von 1848, Lajos Kossuth, versammelt.

Matthiaskirche

Matthiaskirche

Betrachten wir näher die Matthiaskirche in Budapest. Sie wurde von Matthias Corvinus (1458 bis 1490), dem jüngsten Sohn von János Hunyadi, mit dem Königsoratorium 1460 erweitert. Laut Überlieferung baute der König Stephan (1000 bis 1038) im Jahre 1015 eine Kirche. Höchstwahrscheinlich wurde die alte Marienkirche in der Zeit des Tatarensturms 1241 bis 1242 zerstört. Diesem Sturm fielen 30 bis  50 Prozent der Landesbevölkerung zum Opfer. Bela IV. (1235 bis 1270) ließ am Budaer Burgberg eine neue, befestigte Hauptstadt errichten. Das Zentrum der Stadt war die neu errichtete Marienkirche von 1247. Ludwig der Große (1342 bis 1382) ließ um 1370 die  einstige romanische Basilika zu einer hoch-gotischen Hallenkirche umbauen. Matthias Corvinus ließ auch 1470 den Südturm wieder  aufbauen. Beide Hochzeiten feierte Corvinus hier, 1461 mit der Königstochter von Böhmen, Katharina von Podiebrand , 1476 mit  Beatrix von Neapel. König Wladislaus Jagiello II. schenkte der Kirche 1515 eine Madonnenstatue. 1541 nahmen die Türken nach der Niederlage bei Mohacs 1526 mit  einer List die Burg von Buda ein. Innerhalb von 24 Stunden gestalteten sie die Kirche in eine Moschee um. Die Wände wurden in der  Eski – Moschee mit Wandteppichen verkleidet, die Madonnenstatue von König Wladislaus wurde eingemauert.6 Sultan Süleyman I. ließ es sich nicht nehmen, Allah hier für die Eroberung Budas zu danken. Die Liebfrauenkirche befand sich 145 Jahre in türkischem Besitz. Weil sie Moschee wurde, blieb die Marienkirche erhalten, die anderen Kirchen in der Burg von Buda wurden von den Türken zerstört. Am 2. 9.1686 eroberte eine von Papst Innozenz XI. organisierte Allianz die Budaer Burg von den Türken zurück. Die Eroberung als Glaubensgeschichte: „Vor dem letzten Angriff ereignete sich in der Marienkirche das Wunder der Marienstatue: bei der Explosion des Pulverturms stürzte die 145 Jahre zuvor vor der Madonnenstatue aufgezogene Mauer ein und vor den in der Moschee betenden Türken erschien die längst vergessene Statue  der Gottesmutter und Patronin der Ungarn. Der abergläubische Schrecken der Augenzeugen bezwang auch die Burgverteidiger: noch am gleichen Tag fiel die Burg in die Hände der Christen. Die siegreiche Marienstatue wurde dann bei der Danksagungsprozession durch die Straßen von Buda getragen.“7

Eger gilt als Prachtstück des Barocks. Die Stadt liegt 130 km nordöstlich von Budapest. 1552 konnte die Stadt einen türkischen Angriff abwehren.8 Unter der Führung von István Dobó gelang es den Ungarn, sich in diesem Jahr zu behaupten. 1596 fiel Eger in türkische Hand und blieb bis 1687 besetzt.9 Hier kann man Erlauer Stierblut trinken. In der Bischofskirche kann man sich ein Orgelkonzert anhören, das beeindruckend ist. 1831 wurde hier die größte Orgel Ungarns errichtet. Weiter beeindruckend das Erzbischöfliche Lyzeum, in dem ein Deckenfresko des österreichischen Malers Johann Lukas Kracker hervorsticht.

Gödöllö

Der Erbauer dieses bedeutenden ungarischen barocken Schlosses Gödöllö war Graf Antal Grassalkovich (1694-1771), ursprünglich aus einer kroatischen Adelsfamilie stammend. Eine charakteristische Gestalt des sich im 18. Jahrhundert neu formierenden ungarischen Hochadels, der persönliche Vertreter des Königs, und Günstling Maria Theresias (1740-1780). Das Schloss ist – gemessen an der überbauten Grundfläche – der größte Barockpalast Ungarns. Mit dem Bau des Schlosses wurde ab 1735 , nach Plänen und unter der Leitung des aus Salzburg stammenden. Baumeisters Andreas Mayerhoffer begonnen. 1867 gelangte das Schloß durch Ankauf in den Besitz der ungarischen Krone und wurde, bis zum Ende der Monarchie 1918, die Erholungsresidenz des österreichischen Kaiserpaares Franz Joseph I und Elisabeth. Königin Elisabeth lebte hier häufig und meinte zum Park: „Am schönsten ist der Park im Frühling und Herbst, wenn die Knospen ausschlagen, die Blumen sich öffnen, und wenn die Blätter fallen, die Blumen verwelken….” Bis zu ihrem Tode 1898 hat Elisabeth mehr als 2000 Tage, vorwiegend im Frühjahr und im Herbst, hier verbracht. In diesem Jahr reifte auch die Idee eines große nationalen Denkmals für diese Frau.10

 

 

Das Panorama der Donau

1Vgl Holger Fischer/ Konrad Gündisch, Eine kleine Geschichte Ungarns, Frankfurt am Main 1999, S. 21.

2Vgl. ebd., S.38

3Vgl. Géza Gárdonyi, Sterne von Eger, (Corvina Verlag), o.O., o.J., S. 327

4Albert Camus, Kadar hat seinen Tag der Angst erlebt, in: Fragen der Zeit, Reinbeck bei Hamburg 1977, S. 177

5Vgl. David Irving, Aufstand in Ungarn – Die Tragödie eines Volkes, München 1981

6Balázs Mátéffy, Matthiaskirche in Budapest, o.O. 2011, S. 8 f.

7Ebd,. S. 9

8 Hiervon erzählt der Roman von Gárdonyi, der oben zitiert ist

9Rita Stiens ,Marco Polo Ungarn Reiseführer , o.O., o.J. S. 87

10Vgl. Dózsa Katalin, Vér Eszter Virág, Der Mythos der Königin Elisabeth, Gödöllö 2007

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Zypern im Juni 2011

Geschichtliches Schon im 6. Jahrtausend vor Christus lebte man in Zypern in festen Häusern. In dieser Zeit gab es schon Handel mit den Nachbarvölkern. Obsidianklingen, die aus Kleinasien stammen, beweisen das. Die Ausbeutung der Kupfervorkommen des Landes begann im 3. Jahrtausend vor Christus. In dieser Zeit gab es Werkzeuge und Waffen aus Bronze. Der Export von Kupfer führte zu Reichtum auf der Insel und zu Berührungen mit den hoch zivilisierten Nachbarinseln. Während des zweiten Jahrtausends entwickelten sich religiöse Vorstellungen mit einem höheren Differenzierungsgrad. Über das kultische Leben der Bronzezeit gibt ein mauerum-schlossenes Heiligtum Aufschluss, in dem ein Einzuweihender vor stehenden menschlichen Figuren kniet. Diese halten Schlangen und tragen Stierhörner. Der Stier wird der Gottheit der Fruchtbarkeit zugeordnet, die Schlange den Göttern der Unterwelt. Beide Tiere symbolisieren also Leben und Tod. Es handelt sich hierbei um ein mystisches Ritual. Mitte des zweiten Jahrtausends gelangten Töpferwaren an die syrisch-palästinensische Küste. Das Kupfer war trotzdem der bedeutendste Exporartikel. Im 17. Jahrhundert war Zypern bei den Königen von Mari in Mesopotamien als kupfererzeugendes Land bekannt. Auch im minoischen Palast von Zakro auf Kreta wurde Kupfer aus Zypern um 1400 vor Christus gefunden. In dieser Zeit kommt es auch zu Handel mit der syrischen Stadt Ugarit, wo die Zyprer wahrscheinlich mit den Kretern zusammen trafen und die zypro-minoische Schrift entwickelten. Um die Mitte des 2. Jahrtausends entstanden die ersten Städte auf Zypern. Das beste Beispiel ist Enkomi an der Ostküste. Nach Kition an der Südküste wurde das Kupfer aus den Bergen transportiert. In den Küstenstädten wurde das Kupfer in Barrenform gebracht. Das Kupfer lockte auch die mykenischen Griechen ins Land. Sie ließen sich in Handelszentren an der Ost- und Südküste nieder. Es entstand die zypro-mykenische Kunst in Zypern. Ende des 13.Jahrhunderts vor Christus kamen die ersten Ägäer auf die Insel. Bald darauf wurde die Insel hellenisiert. Die Städte Enkomi, Kition, Paläokastro wurden mit zyklopischen Mauern umgeben. Zwei Bronzestatuen vom Enkomi sind gehörnte Götter.1

Die ersten Menschen sind in Zypern etwa 6.000 vor Zypern nachzuweisen. Die Bewohner bauten Getreide an und betrieben primitive Töpferei.2 Zwischen 4.500 und 4.000 vor Christus wohnte die Sotira Gruppe in der Nähe von Ayia Napa, die Bevölkerung nahm zu. Runde Lehm-Wohnhäuser waren auf ein Steinfundament gebaut. 1.500 vor Christus schloss Thutmosis III. von Ägypten Zypern seinem Reich an, das Land wurde damit von einem Großreich geschluckt. In dieser Zeit trieben auch die Phönizier von Tyrus und Sidon aus Handel mit Zypern. Im 13. Jahrhundert existierte eine befestigte mykenische Siedlung in der nähe von Paphos. Im 8. ahrhundert vor Christus unterstellten sich die Könige von Zypern dem König von Assyrien, Sargon II. Zehn zypriotische Könige schlossen sich 668 vor Christus dem assyrischen König Assurbanipals Angriff auf Ägypten an. Aber die Meder besiegten die Assyrer. 570 bis 525 herrschte Amasis II. von Ägypten über Zypern. 525 vor Christus schlossen sich die Könige von Zypern dem persischen Reich an. Zypern wurde ein Teil der fünften Provinz Persiens, zu der das heutige Syrien, Libanon und Israel gehörten. Die zypriotischen Stadtkönige schlossen sich 500 vor Christus der „ionischen Revolte” an. Die ionische Stadt Melitus erhob sich mit athenischer Hilfe gegen die Perser. Die Flotte der Perser wurde bei Salamis in der Nähe von Famagusta geschlagen, die Landschlacht verlorenen die Zyprioten und mussten sich danach den Persern anschließen. Melitus bezahlte seinen Aufstand mit der Plünderung und der Niedermetzelung seiner Einwohner. Die restlichen Einwohner wurden versklavt. 312 vor Christus erschlugen die Ptolemäer den letzten König von Kition; die Tempel wurden niedergebrannt. 311 beging der letzte König von Salamis Selbstmord; er wollte sich den Ptolemäern nicht unterwerfen. Bis 58 vor Christus blieb die Insel im Ptolemäerreich. Unter den Ptolemäern entstand eine religiöse Versammlung von ganz Zypern in Paphos. Zypern wurde zwischen 58 und 56 vor Christus römische Provinz, die von einem Prätor beherrscht wurde. Die Schätze wurden vom letzten König Ptolemaios als Kriegsbeute nach Rom geschleppt. 48/47 vor Christus übertrug Marcus Antonius Kleopatra und ihrer jüngeren Schwester Arsinoe die Insel. 3 Nach dem Tod des Marcus Antonius wurde dies rückgängig gemacht. Bis 22 nach Christus herrschte ein Proprätor über die Insel, danach kam ein Prokonsul. Das Christentum wurde 46 nach Christus nach Zypern gebracht. berbringer waren die Apostel Paulus und Barnabas,Sergius Paulus, Gouverneur von Paphos, wurde als erster hochrangiger Römer Christ. Paphos wurde ein bedeutendes Zentrum des Christentums, während in anderen Teilen des Reiches Christen verfolgt wurden. In den Katakomben von Paphos wurde das Christentum gepflegt – und nicht nur dort war Heimlichkeit vonnöten.

Paulus

Auf dem Bild lässt Paulus den Elymas erblinden. Der römische Gouverneur Sergius sieht Paulus verwundert zu. Elymas, ein herausragendes Mitglied der jüdischen Gemeinde von Paphos und Berater des Gouverneurs, war beunruhigt durch das Interesse des Sergius am Christentum. Paulus wurde an eine Säule gebunden und mit 39 Peitschenhieben bestraft. Seinen Ärger brachte Paulus dadurch zum Ausdruck, dass er Elymas blenden ließ.4 Seit dieser Zeit ist Paphos ein Zentrum des Christentums von großer Bedeutung. Im 3.und 4. Jahrhundert zerstörten starke Erdbeben die Stadt. Salamis wurde Hauptstadt des Landes. In dieser Zeit wurde Zypern byzantinisch. Die größte christliche Basilika wurde dort errichtet. Die byzantinischen Kaiser bestraften Anhänger des Aphrodite-Kultes streng. Von 648 an sah sich die Insel einer arabischen Invasion ausgesetzt. Die Raubzüge wurden von Abdul Halign Kaif geleitet, Sklaven und Reichtümer wurden in Mengen ausgeführt, die Bewohner flohen in Gegenden, die höher gelegen als der Hafen waren. 965 beendeteder byzantinische Kaiser Nicephorus Phokas die Raubzüge. Im 11. und 12. Jahrhundert war Paphos von den Auswirkungen der Kreuzzüge geprägt. Bedeutende Kreuzfahrer blieben in Paphos, z.B. der Herzog von Savoyen, Armendeus und Erik I., der dänische König, der dort starb.

 

Was liest man während eines Zypern-Urlaubes? Bücher aus dem griechischen Kulturkreis, z.B. Nikos Kazantzakis, “Freiheit oder Tod”, in einer etwas angestaubten Ausgabe von 1975. Die Handlung dreht sich um den Kampf der Griechen auf Kreta gegen die türkische Fremdherrschaft. „Freiheit oder Tod” schworen die Kreter, als sie zu den Waffen griffen. Protagonist ist der Kapitän Michalis, ein Frauenheld und unerschrockener Kämpfer, der in aussichtsloser Lage weiter kämpft, als andere Kreter schon resignierten. „Eine Kugel drang in seinen Mund. Eine andere durchschlug seine Schläfe. Sein Gehirn verspritzte auf den Steinen.” Die Handlung spielt 1889 . Kreta ist noch immer von den Türken besetzt und die zahlreichen Aufstände im 19. Jahrhundert– der letzte große war 1866 – und ihre Niederschlagungen hatten viele, tiefe Wunden in ihrer die Familien von Kapitän Michalis und die seines Gegenspielers Nuri Bey geschlagen. Gemeinsam aufgewachsen hatten sie einander einst Blutsbrüderschaft geschworen. Die patriotisch heroische Haltung legt Kazantzakis dem Helden folgendermaßen in den Mund: »So steht es also um euch, ihr Großmächte, ihr weigert euch, Kreta die Freiheit zu geben. Schande über euch! Ich, Kapitän Michalis, ich kleines kretisches Stachelschwein, habe euch nicht nötig! Und mag Gott Kreta im Stich lassen, ich lasse es nicht im Stich!«

Nikos Kazantzakis Brudermörder Der Roman spielt im griechischen Bürgerkrieg von 1944 bis 1949. Griechen töten einander, vereinfacht gesagt schwarz gegen rot. Im Mittelpunkt steht Pfarrer Jannaros, dessen Sohn sich den Partisanen in den Bergen angeschlossen hat. Im Dorf Kastelos wütet die Gewalt der verfeindeten Bürger. Pfarrer Jannaros zweifelt immer stärker an der Gerechtigkeit Gottes. Christus kann ihm den Versuch nicht abnehmen, zwischen den Feinden zu vermitteln. Sein Versuch scheitert: „Der Protopalikare schob die Genossen zur Seite, riß das Gewehr hoch. Die Kugel traf Pfarrer Jannaros mitten in die Stirn. Weit breitete er seine Arme aus, ohne einen Laut auszustoßen, und stürzte rücklings auf die Felsen.” Anlässlich eines toten Kindes von drei Jahren kommt es zu einem aufschlussreichen Dialog zwischen dem Pfarrer und dieser Frau: „Tot, Pfarrer Jannaros”, schrie sie, „ja auch der Kleine ist tot, und nun geh und sag das mal deinem Chef da oben! Hatte er denn nicht einmal ein winziges Stück Brot für den Kleinen? Ist er denn etwa nicht der Allmächtige, ist er denn nicht der Allgütige- und hatte nicht einmal ein winziges Stück Brot für den Kleinen?” Pfarrer Jannaros sagte nichts. Er schaute auf den kleinen grünlich verfärbten Leib, auf den unförmig aufgedunsenen Bauch, den dünnen kleinen Hals mit dem übermäßig großen Kopf, der jetzt wie ein Totenkopf aussah… Mit verzerrtem Gesicht lachte sie wieder hämisch und sah den Pfarrer haßerfüllt an, bis sie plötzlich schrie: „Was für ein Gott ist das, erkläre mir das doch, Pfarrer Jannaros – ein Gott, der die Kinder verhungern lässt?” „Still, still, Frau Areti”, mahnte er mit bittendem Tonfall, „ still, lästere nicht.” Warum soll ich nicht lästern?” sprach die Greisin. „Wovor soll ich denn Angst haben? Was kann er mir denn tun?” Sie wies auf ihr totes Enkelkind und schrie abermals:” Was kann dein Gott mir denn noch weiter antun?” Pfarrer Jannaros streckte die Hand nach dem Kinde aus, als ob er es segnen wolle. Aber die Greisin riß es zurück. „Rühr es nicht an!” schrie sie. „Wohin bringst du es, Areti?” „Begraben will ich es. Draußen auf dem Acker, mit der Hacke hier.” „Ohne Gebet und Segen? Ich komme mit dir.” Die Lippen der alten Frau bedeckten sich mit Schaum. „Gebete? Wozu Gebete! Kannst du es wieder lebendig machen? Das kannst du nicht? Dann laß mich gefälligst in Ruhe, mein Bester!” Mit diesen Worten preßte sie wieder ihren toten Enkel an sich und machte sich, weit ausschreitend, auf den Weg nach den Feldern zu. Da ließ Pfarrer Jannaros tief sein Haupt sinken. Er preßte den heiligen Kelch fest an seinen Busen: „Was kannst du dieser alten Frau sagen, mein Christus? Was können wir dieser alten Frau zu unserer Verteidigung sagen, mein Christus?” So war Pfarrer Jannaros im Begriff, den Abendmalskelch zu fragen, aber er fürchtete sich und schwieg. Er ließ tief sein Haupt sinken und nahm seinen Weg wieder auf durch die Gäßchen in Richtung auf seine Kirche.

 

Kehren wir nach Zypern zurück. Die Zeit der Keuzzüge auf Zypern kann man am besten anhand der Burg von Kolossi nachzeichnen. Der Ort hat eine landwirtschaftlich ertragreiche Umgebung und ist nur einige Kilometer vom Hafen von Limassol entfernt. Bekannt ist der Ort für seine Zuckerplantagen und für die Commandaria-Weine. Die Eroberung Zyperns durch Richard Löwenherz spielte sich folgendermaßen ab. Herausragende Gestalten des des dritten Kreuzzuges waren die Könige von England, Richard Löwenherz, von Frankreich, Philipp August und der Deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa. Sie brachen 1990 auf. Richard Löwenherz nahm den Seeweg. Die Flotte Richards geriet in einen Seesturm und war gezwungen, in Messina zu überwintern. Dort verlobte sich Richard mit Berengaria, der Tochter des Königs von Navarra.5 Von Messina segelte Richard nach Rhodos. Nach einem Seesturm gelangte ein Teil seiner Schiffe nach Limassol. Der byzantinische Gouverneur von Zypern hieß Isaak Komnenos, er war während der Herrschaft des byzantinischen Herrschers Andronikos I. Vom byzantinischen Reich abgefallen und ließ sich zum Kaiser von Zypern ausrufen. Er versuchte, Berengaria und die Schwester Richards als Geiseln zu nehmen. Mit Sultan Saladin von Ägypten hatte er ein Bündnis geschlossen. Er hatte sich Saladin gegenüber verpflichtet, den Kreuzrittern nicht zu helfen. Als Isaak nach der Ankunft Richards nichtn sofort kapitulierte, beschloss Richard, die Insel zu erobern. Er landete in Limassol, während Isaak sich nach Koilani zurückzog. Die beiden Protagonisten einigten sich darauf, dass Richard seine Ansprüche auf Zypern fallen lassen sollte und Isaak aufhören sollte, sich den Kreuzrittern gegenüber feindselig zu verhalten, ihnen einen Beitrag von für die Bedürfnisse des Kreuzzuges zur Verfügung stellen sollte und sich mit 500 Männern am Kreuzzug beteiligen sollte. Isaak änderte seine Meinung bald, als er feststellte, dass die Streitkräfte Richards nicht so stark wie angenommen waren. Richard marschierte anschließend nach Kolossi und besiegte Isaak mit 600 bewaffneten Männern. Isaak floh in die Nähe von Nikosia. Im Mai 1191 soll Richard sich mit Berengaria vermählt haben. Sie wurde Königin von England. Sein Verbündeter Guy de Lusignan (König von Jerusalem) schloss ein Militärbündnis mit ihm. In der Schlacht bei Tremetousia wurde Isaak endgültig geschlagen. Guy de Lusignan inhaftierte Isaak bei Kantara, im Mai 1191 ist die ganze Insel unter der Herrschaft des englischen Königs. Nach der Niederlage der Kreuzritter bei Hattin 1187 entwickelte sich Zypern zum geostrategischen Juwel für neuerliche Operationen der Christen im Heiligen Land. Am 5. Juni 1191 segelte Richard nach Syrien zur Vereinigung mit anderen Kreuzrittern. Vorher nahm er den Zyprioten die Hälfte des Landbesitzes ab und gab ihn seinen Soldaten als Lehen. Richard verkaufte Zypern an die Templer, um seinen aufständischen Bruder Johann Ohneland zu Hause zu bekämpfen. Die Templer bezahlten 40.000 Golddinare, die restlichen 60.000 sollten in Jahresraten vom Steuererlös bezahlt werden. 6 Auch die Templer behielten Zypern nicht lange. Im April 1192 traten sie die Insel nach einem Aufstand an Guy de Lusignan ab, der sich hier niederließ. Er war der Dynastiegründer. Von 1192 bis 1489 herrschten die Lusignans auf Zypern. Man betrachtete diese Zeit als „goldene Periode” . Die Feudalherren unterdrückten die Bauern, Güter wurden in den Außenhandel weiter geleitet. Die überwiegend ausländischen Händler entwickelten Zypern zu einem Zentrum des Zwischen-Handels. Ammochostos war das wichtigste Handels-Zentrum der Insel. Guy gewährte Einwanderern reiche Lehen. Die Templer und Johanniter ließen sich auf Zypern nieder. Sie unterhielten eigene Festungen und Soldaten. Die Ritterorden trugen wesentlich zur Verteidigung der Insel bei. Die Assisen (Schwurgerichtssitzungen) legten die Feudalbeziehung folgendermaßen folgendermaßen fest: 1.Jeder untergebene Feudalherr war verpflichtet, beritten und bewaffnet zum Militärdienst bereit zu sein. 2. Die Dauer des Militärdienstes betrug ein Jahr. 3. Zum Militärdienst waren alle Untergebenen des Königreiches verpflichtet. Dazu kamen die sogenannten „Turcopoles”, die die leichte Kavallerie stellten- Guy gewährte diesen Soldaten, die nicht aus dem Adel kamen, kleinere Lehensgüter. Zunächst waren sie Auswärtige, später rekrutierten sie sich auch aus der einheimischen Bevölkerung. An der Spitze dieser Kavallerieeinheiten stand ein fränkischer Offizier. Ein zusätzliches militärisches Hilfscorps stellten die Orden der Templer und Johanniter. Sie unterhielten auch Festungen und beteiligten sich an Operationen im Ausland. Die Johanniter blieben in Zypern auch nach der Auflösung des Templerordens 1313. Im Jahre 1291 siedelte sich der Orden auf Zypern an. Nach dem Fall von Akkon 1291 verlegten sowohl die Templer als auch die Johanniter ihren Hauptsitz nach Lemesos (Limassol). 1302 wurde die Burg Kolossi zum Zentrum der Aktivitäten des Johanniter-Ordens. 1306 wurden die Templer die Besitzer. Kurz danach begann eine Kampagne gegen die Templer, als Papst Clemens V., vom französischen König Philipp IV. unterstützt, den Templerorden für gesetzwidrig erklärte. Letzterer beschloss die Auflösung des Ordens. Der Großmeister und viele führende Mitglieder wurden hingerichtet. In Zypern wurden die Templer in Germasogeia und Lefkara arrestiert. 1313 wurde der Prozess gegen die Templer abgeschlossen, der Orden wurde aufgelöst, in Zypern wurden die Mitglieder in der Burg von Kyreneia inhaftiert. Danach wurde die Burg und der Grundbesitz von Kolossi den Johannitern übergeben.. 1310 verlegten die Johanniter ihren Hauptsitz nach Rhodos – eine Kommanderie (Obere Militärverwaltung) blieb in Kolossi. Diese war ein sehr reiches Besitzgut. In den Ländereien von Kolossi wurden Weizen, Baumwolle, Zucker, Öl und Weine produziert. Bezüglich der Wasser- rechte waren die Johanniter im Vorteil gegenüber ihren Nachbaren von Episkopi, die Zuckerrohr- plantagen besaßen. Beide Orden – die Templer und Johanniter – spielten eine tragende Rolle beim Export zyprischer Weine. So hieß der traditionelle Rotwein Zyperns Commandaria. Der größte Teil des zyprischen Rotweines wurde im 14.Jahrhundert nach England exportiert.

Burg von Kolossi

Burg von Kolossi

Über die Gründung der Burg von Kolossi gibt es zwei Thesen. Nach der ersten ließ sie König Hugo I. 1210 erbauen. Nach der zweiten ließen die Ritter des Heiligen Johannes von Jerusalem die Burg 1454 erbauen. Erbauer der Burg war Louis de Magnac, der Großkomptur war und das Lehensgut 1450 besaß. Werfen wir noch einen Blick auf die Zuckerrohrfabrik von Kolossi. Die Zuckerrohrplantagen wurden vom Fluss Kourris bewässert. 1464 schloss die venezianische Familie Martini einen langjährigen Vertrag mit dem Johanniterorden, der die Zuckerproduktion in Pulverform gestattete. Die Familie Cornari verfügte über große Plantagen im Nachbarort Episkopi. Im Jahr 1455 protestierte der Senat Venedigs, weil die Plantagenbesitzer vom zyprischen König Jean II.(1418 bis 1458) ungerecht behandelt wurden. 1461 konfiszierte der König Louis den ganzen Pulverzucker. Das Zuckerrohr kam im 10. Jahrhundert von Ägypten. Bis ins 16. ahrhundert war es eine bedeutende Pflanze der zyprischen Wirtschaft. Fünf Jahrhunderte waren große Flächen der Insel mit Zuckerrohr bebaut. Die größten Mengen wurden in den Bezirken Limassol und Pafos produziert. Die Blütezeit begann Ende des 13. Jahrhunderts, als die Johanniter in ihrer Commanderie in Kolossi begannen, Zucker zu raffinieren. Hauptsächlich ging der Zucker an die Venezianer. 1494 besuchte der Italiener Casola die Zuckerrohrplantagen von Kolossi und erlebte 400 Menschen, die mit der Zuckerproduktion ihr Brot verdienten. Die Zuckerrohrmühle wird ins 14. Jahrhundert datiert, 1591 wurde sie renoviert, als Murad Pascha vor Zypern war. Die Reparatur wurde nötig, weil Erdbeben von 1567 und 1568 schwere Schäden verursacht hatten. Bei einer Busreise ins Landesinnere kann man aussteigen und sich fotografieren lassen. In den Bergen weht ein kühleres Lüftchen als am Strand.

Als erster Attraktionspunkt wird das Omodos -Kloster erreicht. Das Bergdorf gleichen Namens bietet nach Einschätzung von Tourismus – Fachleuten den schönsten Dorfplatz der Insel. Haupt- einnahme des Dorfes ist der Wein. Das Heiligkreuzkloster wird nicht mehr von Mönchen bewohnt. Nach einer Legende führten Splitter des Heiligen Kreuzes und ein Stück des Hanfstrickes Jesu zur Gründung dieses Klosters. Das Kloster besitzt eine Schädelreliquie des Apostels Philippus. In den Klostertrakten befindet sich das kleine EOKA-Museum, das den zyprischen Widerstand gegen die englische Kolonialherrschaft dokumentiert:

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EOKA ist die Abkürzung für griechisch Ethniki Organosis Kyprion Agoniston, das ist die „Nationale Organisation zypriotischer Kämpfer“, eine gegen Großbritannien gerichtete Untergrundbewegung der griechischen Zyprioten, die in den 1950er Jahren unter General G. Grivas für den Anschluss Zyperns an Griechenland kämpfte. Am 1. April 1955 nahm Grivas an der Spitze der EOKA den Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft auf. Von 1955 bis 1959 führte die EOKA einen Guerilla-Krieg gegen die britischen Besatzungstruppen auf der Insel. Die britische Kolonialzeit auf Zypern endete schließlich 1960.Die EOKA wurde 1974 verboten.

Ausflug in die Berge

Wenn man in das Landesinnere fährt, kann man beim Ausstieg die etwas kühlere Luft der Berge genießen, die angenehm absticht von der schon zu großen Hitze im Juni in den Tälern. So gehört es zu den Standard-Angeboten der Tagesausflüge, das Kykko – Kloster zu besuchen. Es wurde gegen Ende des 11. Jahrhunderts vom byzantinischen Kaiser Alexios Komnenos (1081 bis 1118) gegründet. Nach den Auskünften der Überlieferung lebte in einer Höhle auf dem Kykko – Berg ein tugendhafter Eremit. Nach einer Legende wurde die Tochter des Kaisers von einer unheilbaren Krankheit befallen, nach einer anderen der Gouverneur. Der mit göttlicher Heilkraft ausgestattete Einsiedler Jesaja kurierte das Mädchen bzw. den Gouverneur7 Als Belohnung bat der Einsiedler Jesaja um die Ikone der Jungfrau Maria, die sich im Kaiserpalast in Konstantinopel befand. Ungern trennte sich der Kaiser von seinem kostbaren Schatz, schickte ihn nach Zypern und spendete das Geld zum Bau eines Klosters als würdigen Hort für das heilige Relikt. Der langjährige Präsident Zyperns, Erzbischof Makarios, war Novize in diesem Kloster, in späteren Jahren zog er sich bevorzugt dorthin zurück. Die heutigen Klosterbauten stammen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Das Kloster ist äußerst prächtig. Die Fresken stammen aus den 1990er Jahren. Neben der Marien-Ikone sieht man einen schwarzen Bronzearm. Er erinnert daran, dass ein Schwarzer den Frevel beging, sich eine Zigarette an der Öllampe der Ikone anzuzünden. Als Strafe wurde sein Arm in Bronze verwandelt. Ende der 90er Jahre wurde im Nordwesttrakt des Klosters ein Museum eröffnet. Zu den ältesten Handschriften gehört eine Pergamentrolle aus dem 12. Jahrhundert, die sogenannte Chrysostomos- Liturgie. Auf angemessenes Verhalten wird bestanden. Wer mit überkreuzten Beinen im Kloster sitzt, muss mit einem Rüffel rechnen und das in einem harschen Ton. Also aufgepasst: beide Beine auf den Boden!

Kommen wir nach Kourion, das schon in einer ägyptischen Inschrift aus der Zeit Ramses III. (1198 bis 1167) als eines der wichtigsten Königreiche Zyperns bezeichnet wird. Im Jahr 709 vor Christus huldigte der König von Kourion zusammen mit sechs anderen zyprischen Königen dem assyrischen König Sargon II. Nach dem Jahr 569 vor Christus akzeptierten Kourion and andere zyprische Königreiche die ägyptische Herrschaft. 546 war Kyros von Persien der neue Herrscher. In dieser Zeit dehnte sich die Stadt bis Paleokastro aus. Das Christentum etablierte sich zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Christus. Christenverfolgungen kosteten dem Bischof Philoneides unter Kaiser Diokletian (284 bis 305 nach Christus) das Leben. Hervorstechend ist das hellenistische Theater aus dem späten 2.Jahrhundert vor Christus- in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus wurde es wahrscheinlich unter Kaiser Nero (54 – 68 n. Chr.) radikal erneuert. 77 nach Chr. führte ein Erdbeben zu schweren Zerstörungen, unter Trajans Herrschaft wurden die heutigen Dimensionen erreicht. Noch markanter ist das Haus des Eustolios. Es stammt aus dem Ende des 4.Jahrhunderts bis zur Mitte des 7. Jahrhunderts . Auf einer Mosaikinschrift ist zu lesen: „Anstatt großer Steine und soliden Essens, schimmernder Bronze und auch Adament, ist dieses Haus umgeben von den hochverehrten Zeichen Christi.” Die Darstellungen von Fischen und Vögeln des Paradieses (graue Gans, Fasan, Rebhuhn, Perlhuhn und Falke) zeigen einen tiefen Glauben. Eine weitere Inschrift lautet: „Die Schwestern Ehrfurcht, Klugheit und Frömmigkeit hüten das Podium und diese zerbrechliche Halle.” Eine andere Inschrift hat folgenden Text: „Eustolios, nachdem er gesehen hatte, daß die Bewohner von Kourion, obwohl zuvor sehr reich, in ungerechtfertigter Not waren, vergaß nicht die Stadt seiner Vorfahren, aber nachdem er zuerst die Bäder unserer Stadt gestiftet hatte, kümmerte er sich dann um Kourion wie einst Phoebus (Apollon) es tat und errichtete diese kühle Zuflucht, geschützt vor den Winden.” Kehren wir in die Zeit des ausgehenden zwölften Jahrhunderts zurück. 1192 entschloß sich Guy de Lusignan seinen Erbanspruch auf die Krone von Jerusalem aufzugeben und ihn an den englischen König abzutreten. Im Mai dieses Jahres kamen die Lusignans als „fränkische Dynastie” für fast dreihundert Jahre in den Besitz der Insel. Von 1194 bis 1205 wurde Amalrich I., einer der bedeutendsten Herrscher der Insel.8 Die äußere Sicherheit wurde durch einen Burgengürtel St. Hilarion, Kyrenia und Buffavento bewerkstelligt. 1195 sandte Amalrich I. eine Delegation an den Reichstag von Gelnhausen und empfing von Kaiser Heinrich VI. ein goldenes Zepter als Zeichen der Herrscherwürde. 1197 wurde Amalrich im Dom von Nikosia zum König gekrönt – von keinem geringeren als dem Reichskanzler Bischof Konrad von Hildesheim. Die Insel Zypern wurde damit ein Lehen des Reiches und das für mehrere Jahrzehnte. 1225 kam die Ehe Friedrichs II. mit der Enkelin des ersten Zypernkönigs zustande. Der deutsche Kaiser wurde König von Jerusalem. 1228 kam Friedrich II. nach Zypern um endlich den mehrfach aufgeschobenen Kreuzzug in die Tat umzusetzen. Die Barone von Zypern wollten, dass er sie gegen den Herrn von Beirat, Johann Ibelin, schütze. Dieser wollte nicht, dass auf Zypern ein kaiserlicher Beamtenstaat wie in Sizilien entsteht, der die Lehensrechte beschränkt. Der deutsche Kaiser legte Garnisonen in Zypern an und ließ das Land durch Statthalter regieren. 1229 riss Ibelin die Macht an sich, als Friedrich nach dem Kreuzzug nach Italien zurückkehrte. 1233 gehörte Zypern nicht mehr zum Reich, 1245 erlosch die Lehensverpflichtung.9 1291 brachen die Kreuzfahrerstaaten endgültig zusammen, es strömten viele Rückkehrer nach Zypern – Geistliche, Ritter, Kaufleute; Famagusta wurde zum führenden Umschlageplatz des Handels in der Region. Ende des 15. Jahrhunderts heiratete König Jakob II. die reiche Venezianerin Caterina Cornaro. Als er starb, wurde die Witwe Königin von Zypern. 1489 dankte sie zugunsten der Stadt Venedig ab. Neunzig Jahre Venezianer-Herrschaft waren gekennzeichnet durch Schleifung der Königsburgen und Ummauerung der Städte und Schaffung von Hafenanlagen mit Molen und Leuchtfeuern. Deutsche konnten vom venezianischen Handelssystem profitieren, so der Breslauer Fernkaufmann Johannes Rindfleisch, der das Wappen der Insel führen durfte. 1491 erlebte die Insel ein schweres Erdbeben. 1571 eroberten die Türken Zypern. Ihre Herrschaft hatte schon 1517 begonnen, als die Bewohner dem Sultan eine jährliche Abgabe entrichten mussten. Unschönes Detail am Rande: Der venezianische Statthalter von Zypern hieß Mercantonio Bragadin. Mustafa Pascha, der Eroberer, ließ ihn mehrere Tage foltern und danach töten. Nicht nur das – man schnitt ihm Ohren und Nase ab und häutete ihn bei lebendigem Leibe. Mustafa war wütend, weil Bragadin die seiner Meinung nach großzügigen Kapitulationsbedingungen verletzt hatte, indem er muslimische Pilger, der Freilassung vereinbart war, exekutieren ließ.

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Traditionelle Politik der Türkei war es seit eh und je, den türkischen Bevölkerungsteil in dem eroberten Gebiet durch Zwangsbesiedelung zu vermehren. Sultan Selim verfuhr auch in diesem Fall so, vor allem Bauern sollten nach Zypern – es waren rund dreißig tausend Menschen. Dazu kamen noch Freiwillige. Die Venezianer hatten sich unbeliebt gemacht, weil die Einheimischen auf Zypern zu einem Sklavendasein verurteilt waren. Die türkische Herrschaft erwies sich insofern als erträglicher, als unnötige Abgaben gestrichen wurden, andere erleichtert wurden. Auf die Rechte der einheimischen Bevölkerung wurde geachtet.10 Beim Haus- oder Landkauf durfte ein Türke nur berücksichtigt werden, wenn ein Grieche kein Interesse hatte. Im Gegensatz zu den katholischen Lusignans und Venezianern, die orthodoxe Kirchen geschlossen hatten und deren Besitz ihrer Kirche übereignet hatten, gaben die Türken den Orthodoxen ihre Kirchen zurück. Der Erzbischof wurde aus der Verbannung zurückgeholt und als nationaler Sprecher der Griechen auf der Insel anerkannt. Die Kirche war von Steuerabgaben befreit, für christliche Untertanen war als Steuereintreiber ihr Erzbischof zuständig. Der Erzbischof durfte bei Bedarf mit dem Großwesir sprechen. Bedeutendste Festungen, die von den Türken erbaut wurden, sind die von Paphos und von Larnaka. Markante Moscheen entstanden in Nikosia – die Arab-Ahmet-Pascha- Moschee und die Sarayönü-Moschee – und in Dali – die Moschee des Dichters Ziya Pascha. Auf Zypern liegt ein Derwischkloster mit dem Grab Umm Harams. 11 Sie war eine Tante des Propheten, die 649 zusammen mit ihrem Mann am ersten Kriegszug der Araber gegen Zypern teilgenommen hatte. Das Grab in Larnaka ist ein Heiligtum und vergleichbar mit der Kaaba in Mekka und dem Grab Mohammeds in Medina.12 Eine der ersten Taten der Türken nach der Eroberung war die Wiedererrichtung dieses Grabmals, das jetzt zu besichtigende stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, die Moschee entstand etwa 50 Jahre später. Vorbeiziehende türkische Schiffe begrüßten bis zum Ersten Weltkrieg Umm Haram mit Kanonendonner. Die Kirchen, die die Venezianer in Zypern zurückließen, wurden von den Türken in Moscheen verwandelt. Das Verwaltungssystem der Türken – Einteilung des Landes in sechs Kreise Nikosia, Famagusta, Larnaka, Limassol, Paphos und Kyrenie – bildet auch heute noch die Grundlage des Verwaltungssystems der Insel.

 

1878 wurden die Türken von den Engländern als Herren Zyperns abgelöst. Für sein Abdanken auf Zypern wurde der Türkei von den Engländern im Gegenzug Hilfe gegen das sich ausbreitende Zarenreich zugesagt. Geostrategisch war Zypern besonders wichtig seit dem Bau des Suezkanals 1869. Hier konnte die Kronkolonie Indien besonders gut im Auge behalten werden. Während des Ersten Weltkrieges wurde Zypern der Anschluss an Griechenland in Aussicht gestellt – Zypern war vorher von England annektiert worden. Griechenland nahm jedoch nicht am Ersten Weltkrieg teil. 1925 wurde die Insel Britische Kronkolonie. Forderungen nach Anschluss der Insel an Griechenland wurden Anfang der 1930er Jahre erhoben, es kam zu blutigen Aufständen. Gegen die Achsenmächte entstand jedoch ein „Cyprus Regiment” aus Griechen und Türken der Insel, das der britischen Armee unterstand. Danach verbesserte sich das Klima und es wurden 1943 wieder Kommunalwahlen zugelassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lehnte Großbritannien nach wie vor die Enosis ab. Hier trat zum ersten Mal Erzbischof Makarios III. auf, der das Thema 1950 zum ersten Mal vor die UNO brachte. Makarios wurde am 20. Oktober 1950 im Alter von 37 Jahren zum jüngsten Erzbischof in der Geschichte der orthodoxen Kirche Zyperns gewählt. Nach der Evakuierung des Suezkanals 1954 wurde Zypern für Großbritannien immer wichtiger als Nachschubbasis einer mobilen Eingreif-truppe. 1955 entstand unter General Grivas die EOKA. (Siehe dazu Einlassung zum EOKA- Museum). Als Gegenpol gründeten die Zyperntürken die TMT (Türkische Verteidigungsorganisation), die ebenfalls gewaltsam vorging. 1956 wurde Makarios auf die Seychellen verbannt und kehrte 1957 zurück. Da die Insel für Großbritannien nach der Niederlage in der Suezkrise keine überragende geostrategische Rolle mehr hatte, wurde ein Kompromiss gefunden, der sowohl die Enosis als auch die Teilung der Insel ausschloss.

 

Unabhängigkeit Zyperns 1960

Am 19. August unterzeichneten Makarios III., der Vertreter der Inseltürken Dr. Kücük sowie die Staatschefs Großbritanniens, Griechenlands und der Türkei das Londoner Abkommen, in dem Zypern unabhängige Republik wurde. Ihr erster Präsident wurde erwartungsgemäß Makarios III. Im Parlament waren 35 griechische und 15 türkische Abgeordnete vertreten.Großbritannienkonnte zwei Militärbasen – Akrotiri und Dekeleia- als exterritoriales Gebiet behalten – das waren etwa drei Prozent der Inselfläche. 1960 kam Zypern in die UNO, 1961 in den Europarat. Die Inselgriechen waren nach wie vor für die Enosis. Der überproportionale Einfluss der Türken in der Volksvertretung und in den öffentlichen Ämtern, der bei 30 Prozent lag, war ihnen ein Dorn im Auge. 1963 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Bevölkerungs- gruppen. 1964 verließen die türkischen Vertreter das Parlament. Die türkische Bevölkerung zog sich in Enklaven zurück. Sie durften von den Inselgriechen nicht betreten werden. Die UN entsandte eine Friedenstruppe von 6.000 Mann nach Zypern. 1967 ergriff eine Militärjunta unter Georgios Papadopoulos die Macht in Griechenland- zu ihm gesellten sich Pattakos und Makarezos als Junta- Generäle. In dieser Zeit wollte Makarios die Enosis nicht mehr realisieren – aus Gründen der Ablehnung der Militärdiktatur. Am 15. Juli 1974 initiierte die griechische Militärjunta einen Staatsstreich gegen Makarios – dieser floh nach Pafos und dann nach England. Der Zeitungsverleger Nikos Sampson – der „Schlächter von Omorphita”, der an zahlreichen Massakern an Zyperntürken teilgenommem hatte – wurde Präsident. Fünf Tage danach landete türkisches Militär auf der Insel. Bis Mitte August wurde ein Drittel der Insel von den Türken besetzt. Etwa 160.000 griechische Zyprioten flohen vom Norden in den Süden, etwa 45.000 Türken vom Süden in den Norden. Schätzungsweise achtzig tausend Festlandtürken wurden in Nordzypern angesiedelt.13 Den Flüchtlingen wurde nicht erlaubt, nach Nordzypern zurückzukehren. Nach der Rückkehr von Makarios am 8. Dezember 1974 blieb die Insel geteilt. 1975 proklamierten die türkischen Zyprioten den „Türkischen Bundesstaat Nordzypern” und 1983 die „Türkische Republik Nordzypern”. Sie wurde bisher nur von der Türkei anerkannt. Der Kontakt zwischen den Bevölkerungstruppen war dreißig Jahre fast unmöglich. 2003 kam eine Grenzöffnung zustande. 2004 trat Zypern der Europäischen Union bei. Juristisch gehört die ganze Insel zur EU, de facto nur der griechische Südteil. Der türkische Teil hat einen Sonderstatus.14 2004 stimmten die Zyprer über einen Plan des früheren UN-Generalsekretärs Annan zur Wiedervereinigung der Insel ab. 65 Prozent der Nordzyprer stimmten mit Ja. Die Zyperngriechen stimmten mit 76 Prozent der Stimmen dagegen. Ihr Nein war begründet durch einige unannehmbare Bestimmungen des Planes

35.000 türkische Soldaten sollten im Norden bleiben

die Türkei hatte ein Interventionsrecht

die türkischen Siedler aus Anatolien sollten anerkannt werden

Einschränkung des Rückkehrrechtes griechischer Zyprioten nach Nordzypern

Als Hauptproblem einer potentiellen Wiedervereinigung kann die Forderung der Griechen im Süden gelten, Grund und Boden aus der Zeit vor der Vertreibung 1974 im Norden wieder zu erhalten. Tassos Papadopoulos war in dieser Zeit Präsident der Republik Zypern – er agierte besonders hart gegen den Plan Annans.15

Werfen wir noch einen Blick auf Limassol. Die Stadt wurde nach 1974, als Famagusta in den türkischen Bereich der Insel fiel, wichtigster Hafen des Landes. Die Stadt wuchs durch die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Norden (45.000) und Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Libanon nach der türkischen Invasion rasch an. In den 80er Jahren kauften Libanesen Immobilien in der Stadt, kehrten aber später wieder ein. Eine lange Tradition haben in der Stadt Weinkellereien und Konservenfabriken. Mitte der 90er Jahres des letzten Jahrhunderts sind viele russische Kaufleute nach Limassol gekommen. Das bedeutendste Bauwerk ist die Festung.In ihr soll Richard Löwenherz 1191 seine Berengaria geheiratet haben. Sie wurde im 13. Jahrhundert auf Resten einer Befestigungsanlage errichtet. Im 14. Jahrhundert fiel die Festung an die Lusignans,danach an die Johanniter, unter denen die quadratische gotische Halle im Erdgeschossentstand. Der englische Führer meint zur Baugeschichte in dieser Zeit: „The destruction of the medieval phase of the castle happened during the Genose raids in 1373 where they are reported to have assailed the castle and torched the town. During the 14th century travellers also reported that the city was in shambles and also uninhabited. It appears that the castle underwent repairs by the beginning of the 15th century, since it was an element of the city’s defences against Genoese attacks in 1402 and 1408. A 14th century tombstone, found during the construction of the Church of Panagia Katholiki and depicting a castle with three towers, may refer to the form of the castle during this period. In 1413, the castle successfully withstood the first attacks by the Egyptian Mamelukes, but could not stand against the attack of 1425, most likely due to the damage incurred from the first attack as well as the subsequent earthquakes.16 Durch eine Wendeltreppe gelangt man auf das Dach, das einen schönen Blick über die Altstadt und das Meer bietet. Im Mittelaltermuseum finden sich Grabsteine aus dem 14. und 16. Jahrhundert und ein Teil des Silberschatzes von Lambousa.

Limassol

Die Jolly Roger in Paphos bietet eine Entertainment-Fahrt durch das Mittelmeer. Hier einige visuelle Eindrücke davon. Man kann währen der Fahrt im Meer baden. Der Entertainer aus Wales singt und reißt Witze. Man kann die Figuren des Seeräubers und seiner Geliebten bewundern. Insgesamt ein Ausgleich gegenüber viel Geschichte und Kultur. Ein angenehmer Wind lässt die Hitze erträglich erscheinen. Doch sollte man Hemden mit Ärmeln tragen, da der Wind die stechende Sonne nicht daran hindert, die Haut auf den Schultern und auf den Armen zu röten. Ein Huhn als Rhodeländer ist sicherlich fotogener als ein Mensch. Gibt es Rhodeländer auf Zypern? Eine Frage, die unbeantwortet bleiben muss! Betrachten wir die Bläue des mediterranen Meeres, dann kann man die Rhodeländer vergessen.

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Fußnoten

1 Vgl. Vassos Karageorghis, Kupfer hat Kypros reich gemacht, in Merian Zypern Heft 10/XXIII, S. 28 f.

2Vgl. Dick Richards, Die Geschichte Zyperns in nur zehn Kapiteln, Limassol 1992, S. 7

3 Vgl. Wikipedia Geschichte Zyperns, S. 8

4 Vgl. Renos Lavithis, Paphos – Land der Apphrodite (Reiseführer), London 2004, S. 9

5 Vgl. Ekaterini Ch. Aristidou, Die Burg von Kolossi durch die Jahrhunderte, Nikosia 2005, S. 9

6Vgl. ebd., S. 13

7 Fest steht zweifelsfrei nur, dass es sich nicht um den Esel des Kaisers handelt

8 Vgl.: Walther Hubatsch, Wie ein Ritterroman,in: Merian Zypern Heft 10/XXIII, S. 40

9 Vgl. ebd.

10 Vgl. Vergi H. Bedevi, Auf Sultan Selims Ferman, in: Merian Zypern Heft 10/XXIII, S. 47

11Vgl. ebd., S.48 f.

12Vgl. ebd., S.48 f.

13 Vgl. Dick Richards, a.a.O., S. 59 f.

14 Vgl. Baedecker Zypern, Ostfildern o.J., S. 53

15 Vgl. ebd.

16 The Medieval Museum of Cyprus in the Lemesos Castle (englischsprachiger

Museumsflyer)

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                                  Meer bei Pafos

Hier noch ein Foto des Piratenschiffes Jolly Roger

Christian Schauer  September 2011 bis Januar 2012 Ende Zypern-Reisebericht ———————————————————————————————————–

Anhang zum Zypern-Reisebricht

Sperbergrasmücke

Zyprischer Steinschmätzer

Steinschmätzer

Steinschmätzer

 

Vogelfang in Zypern – Impressionen im Juni 2011

Wie in anderen südeuropäischen Ländern ist das Töten von Vögeln und anderen Tieren eine weit verbreitete „Sportart”. Mit traditioneller Jagd hat dies nichts zu tun, zum Überleben hat diese Art von Jagd nichts zu tun. Im griechisch zypriotischen Teil gibgt es etwa 35.000 Jäger mit offizieller Lizenz (Stand:Anfang der 90er Jahre) Die Leimrute ist eine alte, traditionelle Methode des Kleinvogelfangs. In Gebieten mit hoher Vogeldichte übt dieses „Sport” fast ein Mitglied pro Familie aus. 1980 wurden allein im Gebiet von Paralimni 50.000 bis 84.000 Vögel gefangen. Eine weitere Methode des Vogelfangs sind Netze. Sie werden zusammen mit Fischernetzen in Geschäften angeboten. Die illegale Jagd mit dem Auto ist auch weit verbreitet, obwohl sie illegal ist. Während der Nacht wird diese Jagd mit Autoscheinwerfern ausgeübt. Durch das dichte Straßennetz in den Bergen haben die Vogelfänger leichtes Spiel. 1982 fanden sich am ersten Tag der Turteltaubenjagd über 1000 Jäger am Salzsee von Akrotiri ein, um diesen Vögeln aufzulauern. Im selben Jahr töteten Vogeldiebe sämtliche Wasservögel in Fasouri. Hauptmaßnahme zum Tierschutz ist die Schaffung großer Zonen, in den die Jagd das ganze Jahr verboten ist. Das „Komitee gegen Vogelmord” fordert in einem Protestmail an Umweltminister Dimitris Eliades, Innenminister Neoklis Sylikiotis und Justizminister Loukas Louka ein Ende dieser Unart. Darin heißt es: „ Sehr geehrte Herren Minister, die illegale Verwendung von Leimruten und Netzen zum Vogelfang ist auf Zypern immer noch weit verbreitet. Diese Fanggeräte sind unselektiv und haben einen erheblichen Einfluss auf mehr als 100 Zugvogelarten. Die meisten davon sind selten geworden und in ihrem Bestand gefährdet. Vogelfang wird heute nicht mehr zur “Selbstversorgung” betrieben und ist keine “alte Tradition”. Vielmehr handelt es sich inzwischen um organisierte Kriminalität mit großen Gewinnspannen für professionelle Wilderer, Mittelsmänner und das Gaststättengewerbe. Die Wilderei auf Zypern ist ein ernst zu nehmendes Problem. Die unselektiven Methoden bedeuten den Tod von Millionen Sing- und Zugvögeln, die Zypern auf ihrem Flug über das Mittelmeer als Trittstein nutzen müssen. Die Zugvögel brauchen das entschiedene Handeln der zuständigen Behören. Ihr Ministerium kann hier eine Schlüsselrolle spielen. Wir brauchen ein klares Bekenntnis gegen den Vogelfang und energische Schritte gegen Restaurants, die immer noch geschützte Vögel verkaufen. Ich hoffe deswegen, dass Sie die Möglichkeiten Ihres Amtes nutzen, um zypriotisches wie europäisches Naturschutzrecht besser umzusetzen.” Sperbergrasmücke auf zypriotischer Leimrute – siehe oben Internetseite: http://www.komitee.de/content/start

http://www.komitee.de/content/zypern-protest-2010-0

 

In Zypern nisten die Rauchschalbe, die Mehlschwalbe, der Blaßspötter, der Mauersegler und Fahlsegler. Arten, die es nur auf Zypern gibt, sind die Zyprische Zwergohreule, der Zyprische Steinschmätzer- hier im Bild als Briefmarke- (siehe oben) d ie Zyprische Grasmücke, der Zyprische Gartenbaumläufer, die Zyprische Tannenmeise und die Zyprische Kohlmeise.Die Zyprische Zwergohreule hat mittelgrosse Federohren, sie brütet Ende April 3- 5 Eier und ernährt sich überwiegend von Insekten. Ihr Nistplatz sind Baum- und Mauerlöcher. Sie bleibt das ganze Jahr auf der Insel.Beim Zyprischen Steinschmätzer handelt es sich um einen Vogel, dessen schwarze Färbungbeim Männchen von den Flügeln bis zum Rücken und von den Seiten des Kopfes bis zur Kehle reicht. Er pflanzt sich auf der Insel fort und wandert im Winter nach Äthiopien und in den Norden des Sudans. Der Zyprische Gartenbaumläufer ist eine heimische zypriotische Form der Art Gartenbaumläufer. Er ist ein ständiger Bewohner der Wälder des Troodos. Bei der Zyprischen Kohlmeise ist der Bauch cremefarben, fast weiß, anstelle von gelb bei der Stammart. Sie ist eine ständige Bewohnerin Zyperns. Auch die Zyprische Tannenmeise ist eine heimische Unterart Zyperns. Das Schwarz an der Kehle reicht nicht über die Brust und den Bauch hinweg. Der Kopf der Zyprischen Elster ist am oberen Teil schwarz gepunktet. Sie ist ein ständiger Bewohner der Insel. Ihre Flügel sind schwarz mit einem dunkelblauen Bereich und einem weißen Fleck. Sechsundvierzig Vogelarten verbringen das ganze Jahr auf der Insel und 27 Arten der Zugvögel nisten und pflanzen sich auf der Insel fort. Zu letzteren kommen noch 24 Arten Zugvögel, die nur gelegentlich auf der Insel nisten. 243 Arten kommen nur zum Überwintern auf Zypern oder machen dort Zwischenstation. Das vogelreichste Gebiet sind die Wälder des Troodos-Gebirges.

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Venedig und der Garda-See – Reisebericht Anfang August 2010

Venedig bei Regen Preis: 28.- Euro für sechs Stunden Parken. 71.- Euro für drei Snacks und vier Getränke. Der Markus-Platz bei Regen – anstehen etwa 30 Minuten, um in die Kirche rein zu kommen. Eine mystische Kirche von exorbitanter Qualität. Der Byzantinismus von Sankt Markus. 452 hatte sich die Stadt Aquilleia aus einem römischen Castrum entwickelt.Man floh vor Attila auf die Inseln, die von Bauern und Fischern besiedelt waren. Als immer mehr Flüchtlinge kamen, hieß es „Da kommen ja immer noch welche” (Veni etiam). Die Neubürger wurden zu Venetianern. Cassiodor schreibt: „Dort, in diesem Gebiet, um welches Meer und Erde sich streiten, habt ihr euch Häuser aufgerichtet wie die Nester von Wasservögeln; Durch Faschinen und kunstvolle Dämme wußtet ihr eure Wohnungen miteinander zu verbinden; den Meeressand häuftet ihr an, um die Wut der Wellen zu brechen, und der scheinbar schwache Wall trotzt der Stärke des Wassers.” Der Brief wurde zu Anfang des 6. Jahrhunderts geschrieben. Es ging um den Levantehandel, also um Schiffsverkehr mit Kleinasien und Ägypten. Die Schiffer führten seit geraumer Zeit solche Operationen durch. Narses besiegt wenig später das Ostgotenreich. 568 verwüsten die Langobarden Aquileia- etwa 580 zog sich Paulinus, Patriarch von Aquileia, auf Grado – die nördlichste der Lagunen-Inseln- zurück. Laß die Gondeln Trauer tragen. Der erste Doge hieß Paoluccia. Er mußte gegen Langobarden Kriege führen. Luitprand, König der Langobarden, pflegte zu ihm beste Beziehungen. Der zweite Doge hieß Marcello Tegaliano und regierte von 717 bis 726, Orso Ipato von 726 bis 737. Die Langobardenkönige schicken sich an, ganz Italien zu erobern, an der Grenze zu Venetien herrscht weitgehend Ruhe. Dem nächsten Dogen Deusdedit werden byzantinische Kontrolleure zur Seite gestellt (um die Jahrhundertmitte stieg der Einfluß von Byzanz wieder). Die Dogen residieren jetzt in Malamoco. Orso Ipato wurde 726 der erste von Venezianern gewählte Doge (in der Zeit von Kaiser Leo III). Der Sitz des Dogen befindet sich seit 811 auf der Insel Rivoalto. Rialto liegt am Canale Grande- der Hauptverkehrsader der Stadt. Für den Levante-Handel lohnte es sich, nach Alexandria zu fahren. Hier lag der Apostel Markus begraben- in einem kleinen Mausoleum. Schreiber beschreibt es ironisch: „Nun, die beiden Venezianer erhielten einen einbalsamierten Leichnam, eingeschlagen, versiegelt und rücklings in einem flachen Mumienkorb liegend, wie die Tradition es vermeldete. Sie bedeckten die kostbare Fracht mit allerlei unverdächtigen Lebensmitteln, unter die sie wohlweislich auch Schinkenspeck mischten, weil diesen die Mohammedaner nicht berühren durften, und dann ging es eilends aufs Schiff. Alles, was vom Vorher und Nachher sonst wohl erzählt wurde, ist gewiß Legende.”1 Dies geschah im Jahr 828. Bedeutende Pilger besuchtenVenedig. Papst Benedikt III. 853, Kaiser Otto III.im Jahr 998, Papst Leo IX. im Jahr 1053. Händler und Seefahrer, denen der Levante-Handel Wohlstand gebracht hat, verlassen den Hafen Torcello und siedeln in die Stadt um. Brücken verbinden die Inseln. An den Häusern entstehen Öffnungen zum Abladen der Waren (Rivas), eine Vorhalle (Fondaci) ist Schutzund Zugang zu den Lagern. Der Bau der Dogenkapelle beginnt 829. Daneben existiert eine „Palazzo Comune”.Der Markusdom ist in seine byzantinischen Bauweise einmalig auf italienischem Boden. Der heilige Markus gehört zu den Evangelisten. Venedig strebt nach Unabhängigkeit von Konstantinopel. Um 1000 nach Christus beherrscht die Stadt die adriatischen Küsten von Dalmatien bis Apulien sowie die Küsten des östlichen Mittelmeeres.

 

Kehren wir in das 9. Jahrhundert zurück. Mit Tradonico wurde die Reihe der Partecipazio-Dogen unterbrochen, die seit 809 Amtsinhaber gewesen waren. Er soll ein sehr machtbewußter und durchsetzungsfähiger Doge gewesen sein, wie es venezianische Chronisten überliefern. Er regierte von 836 bis 864.Er wurde vor allem als Schiffbauer bekannt. Er baute die größten Kriegsschiffe, von denen man damals gehört hatte- die Gaggiandre. Er konnte weder lesen noch schreiben. Der Doge verlieh die Flotte an den Kaiser im Osten gegen die Sarazenen und im Westen an den Kaiser gegen die Seeräuber Dalmatiens. Venedig selbst bekämpfte die Piraten. Die alten Geschlechter bekämpften ihn, so bildete er um sich eine Leibwache aus kroatischen Söldnern. Als Tradonico am 13. September 864 die Kirche von San Zaccaria verließ, ermordeten ihn seine Gegner. Der nächste Doge hieß Orso Partecipazio I. Und behielt die kroatische Garde, die den Regierungssitz tagelang verteidigt hatte. Venedigs Rolle im Kreuzzug 1202 sollte Konstantinopel erobert werden. Die Venezianer hatten sich verpflichtet, ihre Handels- und Kriegsschiffe für den Transport des Kreuzheeres zur Verfügung zu stellen. Die Kreuzfahrer fuhren durch Burgund und versammelten sich in Venedig. In San Niccolò auf dem Lido wurde ein großes Zeltlager aufgeschlagen. Venedig verlangte eine gewaltige Summe für die Bereitstellung der Schiffe, die nicht erreicht wurde, sie konnte nicht aufgetrieben werden. Der Doge Enrico Dandalo wies den Ausweg in einer Ansprache an die Venezier. Er bat sie, ihn für den Kreuzzug freizugeben, seinen Sohn mit seiner Stellvertretung zu Hause zu beauftragen und einzuwilligen, daß das Kreuzheer, statt die Restsumme zu bezahlen, die Stadt Zara zurückerobere, die der König von Ungarn bei seinem Vorstoß nach Kroatien und an die Adria der venezianischen Oberhoheit entrissen hatte. Unter allgemeiner Rührung und Anteilnahme auch der Kreuzfahrer wurde dieser Handel gutgeheißen.2 Die Dogenfamilie Dandalo wird um 1130 erwähnt. Der Patriarch von Grado ist der Onkel des Dogen Enrico Dandalo I. 1201 kam der Transportvertrag zustande. Rechnete Dandalo damit, daß die vor allem aus Frankreich kommenden Ritter an einer ertragreichen Raubfahrt mehr interessiert seien würden als an einem Kreuzzug? Der Papst jedenfalls wirkte gegen Dandalo, indem er jeden mit Bann bedrohte, der an der Erstürmung der Stadt Zara für Venedig kämpfen würde. Die Eroberung der Stadt Zara gelang, weil die Bürger dieser Stadt die Aussichtslosigkeit ihres Widerstandes erkannten. Enrico Dandalo schlug vor, in der Stadt zu überwintern. Gewohnheitsgemäß wurde die Stadt geplündert. Blut floß erst am dritten Tag, als die Venezianer die Beute auf die noch offenstehende Schuld anzurechnen wünschten. Die Venezianer zogen den kürzeren. Ägypten war von Papst und Kreuzfahrerheer als Angriefsziel des Kreuzzugs ausersehen. Da Ägypten der Haupthandelspartner Venedigs war, lag dies nicht im Interesse des Dogen. Es war die Wahrheit des Warenumschlags zwischen den Nilschiffen und den Kauffahrern aus Venedig, die für die Haltung Venedigs verantwortlich war. Wäre das Kreuzfahrerheer auf venezianischen Schiffen nach Ägypten gekommen, hätte Venedig diesen Absatzmarkt sicher an Pisa verloren. Dandalo hatte ein Interesse, das Kreuzfahrerheer zu entführen. Dandalo brachte Byzanz ins Spiel. Dort konnte eine Ausgangsbasis für den Marsch nach Syrien gewonnen werden. Dandalo und die Franzosen entwarfen nach gescheiterten Verhandlungen einen Plan zur Aufteilung des Byzantinischen Reiches. Im 20. Jahrhundert könnte man ihn mit dem Hitler-Stalin-Pakt3 vergleichen. 1.Nach Besetzung und Plünderung von Konstantinopel soll ein neuer lateinischer Kaiser gewählt werden- von jeweils sechs Wahlmännern aus jeder Angreiferpartei 2.Kirchliche Regelungen 3.Alles byzantinische Land soll in vier gleiche Teile geschieden werden, eines soll dem Kaiser gehören, die anderen drei sollen unter Venezianer und Franzosen aufgeteilt werden 4.Regelung der Verteilung der Beute 5.Die Armeen sollen ein Jahr in Konstantinopel bleiben (Kreuzzug offiziell verabschiedet) 6.Aufforderung an den Papst, jene mit dem Bann zu belegen, die einen Punkt dieses Vertrages nicht erfüllen Am 12. April 2004 gelang die Eroberung Konstantinopels. Das Kreuzheer wurde zum Plündererheer. Alexios V. Dukas, der Kaiser, vermochte zu fliehen. Es kam zu tagelangem Raub, zu Plünderungen großen Ausmasses. Obwohl in der Stadt niemand mehr Widerstand leistete, wurden noch mehr als zehntausend Einwohner getötet. Bonifazius von Mentferrat rief dazu auf, alle Beute in drei Kirchen zusammenzutragen und sie zu schätzen. Venedig kassierte 35.000 Mark Silber. Dandalo verzichtete auf die Lateinische Kaiserwürde, gewählt wurde Balduin von Flandern. Dieser unterlag im Jahr darauf bei Adrianopel Johannes von Bulgarien und wurde nach furchtbaren Martern wilden Tieren vorgeworfen. War das vielleicht ein gerechtes Schicksal. Das lateinische Kaiserreich bestand bis 1261. Zum Beutemachen heißt es: „Sie plünderten ungescheut nicht allein den Besitz der Menge, sondern auch das dem Gottesdienst Geweihte… Wie wurden die angebeteten Bilder schimpflich zu Boden geworfen! Wie wurden die Reliquien der für Christus gestorbenen Märtyrer an unheilige Örter geschleudert! … Jedermann war an diesen Tagen in Not; Wehklagen und Tränen waren auf allen Straßen und Plätzen und in allen Kirchen, Wegschleppung, Schändung, Knechtung, Gewalttat überall. Es gab nichts, was undurchsucht geblieben wäre.

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Veröffentlicht 11. Mai 2014 von schauerchristian in Reiseberichte Ungarn, Zypern und Gardasee

Der Kampf mit dem Tier / Anton Schnack – Heimatdichter und Expressionist / Sophie Benning – Das Leben ist ein Kitschroman / Marie Louise Allison – Also bin ich froh

 

Der Kampf mit den Tier

Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel

Pi Patel war mit seinem Zoo gekentert und überlebte mit einigen Tieren, darunter einem Tiger, der Richard Parker hieß „`Ist das nicht zum Lachen, Richard Parker? Wir sind mitten in der Hölle, und trotzdem fürchten wir uns vor der Unsterblichkeit. Sieh doch nur, wie nahe du schon bist! PRRRIIII! PRRRIIII! PRRRIIII! Hurra, hurraaa! Du schafftst es, Richard Parker, du schaffst es! Fang! UFF!‘ “

Ich warf den Rettungsring mit aller Macht. Direkt vor seiner Nase landete er im Wasser. Mit letzten Kräften reckte er sich und hielt sich daran fest.

‚Halt gut fest, ich ziehe dich an Bord. Du ziehst mit den Augen, ich mit den Händen. Gleich sitzen wir beide im Boot. Moment mal – wir sitzen beide im selben Boot? Bin ich denn noch bei Trost?‘

Erst da begriff ich, was ich gerade tat. Ich riss an der Leine.

‚ Lass den Rettungsring los, Richard Parker! Loslassen, sage ich! Ich will dich nicht hier oben haben, hörst du? Schwimm anderswohin. Lass mich in Ruhe. Weg mit dir. Meinetwegen kannst du ertrinken! Los ertrinke!‘

Mit kräftigen Stößen kam er näher. Ich schnappte mir ein Ruder. Ich stach damit nach ihm, wollte ihn wegstoßen. Ich stach daneben, und das Ruder fiel ins Wasser.

Ich nahm ein zweites. Ich steckte es in eine Dolle und zog, so fest ich konnte. Doch statt das Rettungsboot von ihm fortzubringen, drehte ich es nur ein wenig, und das eine Ende war Richard Parker näher denn je.

Ich würde ihm einen Schlag auf den Kopf versetzen! Ich hob das Ruder in die Höhe:

Er war zu schnell. Schon war er am Bootsrand und hievte sich an Bord.

‚Herr im Himmel!‘

Ravi hatte Recht gehabt. Die nächste Ziege war ich. Ich hatte einen nassen, schlotternden, halb ertrunkenen, keuchenden und hustenden ausgewachsenen dreijährigen bengalischen Tiger in meinem Rettungsboot. Richard Parker rappelte sich auf der Plane auf, unsicher auf den Pranken, seine Augen schossen Blitze, als sie in die meinen blickten, die Ohren hatte er angelegt, alle Krallen ausgestreckt. Sein Kopf hatte die Umrisse und die Farbe des Rettungsringes, nur mit Zähnen.

Ich drehte mich um, kletterte über das Zebra und sprang von Bord.“1

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Tiger träumt von Richard Parker

Pi Patel war ein belesener junger Mann und erinnerte sich im Umgang mit wilden Tieren an Anton Schnacks Roman „Der finstere Franz“. Er schildert das Leben des Piraten Francois L’Ollonais, der in den 60er Jahren des 17. Jahrhundert die Karibik unsicher machte. Er galt als extrem grausam. Mit 19 Jahren musste er auf der Insel Espanola ein großes Abenteuer bestehen. „L’Olonois, tief im feuchten Innern an einem Urwaldstrom rastend, vollbrachte etwas, das ihn berühmt unter der Buschläufergilde machte. Ein Trupp lagerte nach erfolgreicher Stierjagd am Fluß, der klares Wasser hatte, aber auch viele Krokodile. L’Olonois und der Jäger Herdue schleiften ihr Zelt an das Ufer, um es zu waschen; denn es war von Ochsenblut bespritzt, von Sumpferde vedrsdchmiert und vom grünen Holzrauch ganz geschwärzt und gebräunt. Während sie darum herumwuschen, schoß ein Kaiman aus dem dicken Pflanzenbrei auf sie zu, erwischte mit dem furchtbaren Gebiß die Zelthaut und tauchte damit freßgierig auf den klaren, hellen Sandgrund des Flusses hinunter. Aber L’Olonois hatte sich an einem Zipfel des Zeltstoffes festgehalten, um ihn aus den Zähnen des Tieres herauszureißen. Doch die Kraft des Tieres wurde größer. Das unterspülte Ufer gab nach. L’Olonois stürzte, immer noch den Zipfel der Telthaut festhaltend, in das Wasser. Zum Glück hatte er ein spitzes, mächtiges Jagdmesser im Gurt: denn das alte bissige Krokodil ließ das Zelt aus den Zähnen fahren und schwamm auf den Mann zu, um ihn zu schnappen und unter Wasser zu zerren.

Die Jäger, die auf das Geschrei des Kameraden Herdue zusammengelaufen waren, sahen im durchsichtigen Wasser den entsetzlichen Kampf zwischen Mensch und Tier. Ratlosigkeit und Schrecken machten sie unschlüssig . Einige schleiften große Stangen herbei, um nach dem Krokodil zu stechen, andere warfen unter Geschrei und Pfiffen faustdicke Steine nach dem Reptil. Der Jäger Wisnil hob schon seine Büchse in die Achsel, aber Tier und Mann gerieten unter Wasser und bildeten ein Knäuel, der sich um und um drehte.

Ein Blutfleck dunkelte bereits im Wasser. War er von ‚l’Olonois? Hatte ihn der schreckliche Rachen erwischt?

Das Wasser war voll Blasen, die mit zischendem Geräusch an der Oberfläche zerplatzten, Ein Strudel hatte sich um die beiden gebildet, aus dem unerwartet l’Olonois mit verzerrtem und grausamem Gesicht herausschoß. Das Messer blitzte in der rechten Faust, und hinter dem ans Ufer Schwimmenden breitete sich ein ekelhafter Blutkreis aus. L’Olonois hatte dem Tier den Bauch aufgeschlitzt, das nicht mehr an die Oberfläche kam, sondern mit ersterbenden Bewegungen auf dem Flußgrund dahintrieb.

L’Olonois stieg mit einem ungeheuren Freudenschrei aus dem Wasser. Die Jäger gaben ihm mit gewaltigen Schreien Antwort. Er war berühmt.“2

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François l’ Olonnais

Pi Patel bedauerte, dass er kein Krokodil vor sich hatte, sondern eine Tiger. Zudem war kein Jagdmesser vorhanden, da Pi Patel ja kein Jäger war, sondern Sohn des Zoodirektors. Sonst hätte er als Nachahmungstöter leichtes Spiel gehabt.

Er erinnerte sich als Literaturkenner auch an den Kampf mit dem Grizzly, den Old Shatterhand zusammen mit Winnetou so grandios in Old Surehand – Band 2“ nach Karl May ausgefochten hatten. Als der große mächtige Grizzly aufgespürt wurde, vollzieht sich das Geschehen folgendermaßen (Ich ist Old Shatterhand): „ Mir war gar nicht bange. Eine unbekannte Gefahr kann einen beunruhigen; sobald man sie aber kennt und nahe vor sich sieht, ist die Unruhe vorüber. Ich zog mein Messer auch mit der linken Hand und huschte an die Felsenkante zurück. Als ich um diese blickte, lag der Bär noch genau so wie vorher. Wahrscheinlich hatte er in der Nacht reichlich gefressen und schlief nun umso besser. Ich wußte, daß dies vor seinem Tod der letzte Schlaf sein werde, nahm einen Stein, trat um die Ecke und warf nach ihm.“ Pi Patel merkte auf – ja ein Stein müsste jetzt her und dachte „Ein Königreich für einen Stein“– so ähnlich dachte Richard III. schon. Auch David war gegenüber Goliath in der Bibel mit einem Stein erfolgreich. „ Dann läuft David zu Goliath hin. Er holt einen Stein aus seiner Tasche, legt ihn in die Schleuder und schießt ihn mit voller Kraft. Der Stein trifft Goliath am Kopf und der Riese fällt tot um. Als die Philister sehen, dass ihr bester Soldat tot ist, drehen sie sich alle um und laufen weg. Die Israeliten jagen ihnen nach und gewinnen den Kampf.“3 Ob Karl May allerdings bei seiner Dichtung Goliath als eine Art Grizzly ein Vorbild war, ist nicht verbürgt. Karl May fährt in seiner Geschichte fort: „Er wurde getroffen und hob den Kopf. Die kleinen giftigen Augen erfaßten mich, und er stand, ohne sich einmal zu drehen und zu strecken, mit einer Schnelligkeit auf, in der ihn gewiß kein Tiger oder Panther übertroffen hätte.“ Wenn Karl May da an Richard Parker gedacht hätte, dachte Pi Patel, hätte er womöglich zurückhaltender formuliert. „Ich huschte um die Ecke zurück und schritt, den Blick auf sie gerichtet, rückwärts dem Busch zu, hinter dem der Apatsche steckte. Jetzt erschien der Bär, und nun galt es freilich das Leben. Wenn ich strauchelte und stürzte, war ich sicher verloren. Das Kunststück bestand darin, den Bären an Winnetou vorüber zu locken und ihn dann zum Stehen zu bringen, um dem Apatschen einen sicheren Stoß zu bieten. Mit jener schwerfällig erscheinenden Leichtigkeit, die außer dem Bären noch dem Elefanten eigen ist, folgte er mir, langsam und überlegend, wie es schien, in Wahrheit aber sehr schnell und entschlossen. Er sah niemand als mich und kam immer näher. Das wollte ich. Als ich den Busch erreichte, war er nur noch acht Schritte entfernt. Ich sprang schneller zurück; jetzt war er am Busch. Noch einen Schritt weiter, und wenn ich ihn nun nicht zum Stehen brachte, war es mit mir aus! Den riesigen Tatzen dieses Ungeheuers konnte kein Geschöpf der Erde widerstehen. An Stärke übertraf er sicher weit den Löwen.

Also entweder – oder! Ich sprang zwei Schritte vor und hob den Arm. Schon war Winnetou hinter dem Busch hervorgetreten und stand mit gezücktem Messer hinter dem Bären. Dieser hielt bei meiner scheinbaren Angriffsbewegung inne und richtete sich auf, kopfshöher als ich. In diesem Augenblick stieß der Appatsche zu, nicht hastig, schnell, sondern mit rascher Bedächtigkeit, die geboten war, wenn er richtig treffen wollte, nämlich zwischen die bekannten Rippen in das Herz. Die Klinge war bis an das Heft hineingefahren; er ließ sie nicht stecken, sondern zog sie schnell wieder heraus, um nicht ohne Waffe zu sein.

Das Ungetüm wankte, als ob er stürzen wolle, drehte sich aber ganz unerwartet im Nu um und streckte die Pranken nach Winnetou aus, der kaum Zeit fand, zurückzuspringen. Jetzt war sein Leben in Gefahr, nicht mehr das meinige. Ich stand sofort hinter dem Bären, holte aus und stach zu, sprang aber augenblicklich, das Messer stecken lassend, wieder zurück. Jetzt gab es kein Biegen und Wanken; der alte ‚Ephrain‘ stand unbeweglich still; nicht einmal der Kopf veränderte seine Stellung. Das dauerte zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Sekunden; dann brach er, wie von einem unsichtbaren Eisenhammer getroffen, genau auf derselben Stelle zusammen und rührte sich nicht mehr.“4

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Der Kampf mit dem Grizzly in „Old Surehand“ Montage C. Schauer

Die Geschichte von der Tötung des Grizzly mit dem Messer hatte für Pi Patel insofern keine reale Bedeutung, da er der einzige Überlebende war und ein Winnetou nicht in Sicht war. Der französische Schiffbrüchige, der dafür kurzfristig in Frage zu kommen schien, gestand, dass er schon einmal einen Mann und eine Frau umgebracht habe. Eine solche Tat könne keinen edlen Mitkämpfer entstehen lassen – so Pis Einschätzung Als der Schiffbrüchige in Pis Boot hinüberklettert, greift er den geschwächten Pi hinterrücks an, wird aber sofort von dem lauernden Tiger gepackt und gefressen.

Pi hatte auch Stanisic „Vor dem Fest“ gelesen und erwog, das verletzte Zebra als eine Art Ziege als Sprungbrett einzusetzen, um Richard Parker zu erwürgen. In seiner Erinnerung führte er sich das Geschehen noch einmal vor Augen: „Durden wollte für seine Hühner ein Gehege errichten. Ditzsche bot an, ihm zu helfen, und warnte ihn vor dem Fuchs. Dann müsse das eben sicherwerden, sagte Durden. Ditzsche erklärte ihm Hühnerhaltung, erklärte ihm den Fuchs. Durden zeichnete einen Plan. Ditzsche verbesserte den Olan und besorgte die Materialien. Gemeinsam bauten sie das Gehege auf. Zwei Tage später wurden die Hühner geliefert. In der folgenden Nacht wurden drei gerissen … Die Hühner waren im Stall getötet worden. Der Zaun war heil, der Boden wies keine Löcher auf. Dann bemerkte Ditzsche die Ziege. Sie graste beim Zaun… Ditzsche untersuchte das Tier. Auf dessen Rücken entdeckte er rötliche Haare. Er zeigte sie Durden. Was der Scheiß solle, fragte der. Ditzsche roch an seinen Fingern. ‚Fuchs. Die Ziege steht zu nah am Zaun. Der Fuchs hat sie als Sprungbrett genommen.‘ Durden wiederholte gedankenverloren das Wort ‚Sprungbrett‘ einige Male. Ruhig, etwas zu ruhig, fragte er dann, warum Ditzsche mit seinem angeblichen Sachverstand diese Eventualität nicht bedacht habe.“5

Da Pi ein Fuchs war, verwarf er den Plan wieder. Das verletzte Zebra als potentielles Sprungbrett tat ihm nur noch leid. Zudem war seine Sprungkraft bei der Havarie doch arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Er hinkte häufig. Unterirdisch ausgedrückt, konnte er als lahme Ente eingestuft werden.

Pi wird zum Pazifisten, der Tiger hat ihn vor dem anderen Schiffbrüchigen gerettet. Möglicherweise hat die häufige Seekrankheit Richard Parker die Aggressivität geraubt. Schließlich stranden die beiden an einer Algen-Insel, auf der vor allem Erdmännchen wimmeln.6 Richard Parker frisst sich an diesen Tieren satt, Pi ernährt sich von den süßen Algen. Das vermeintliche Paradies verschwindet, als Pi merkt, dass die Algen bei Nacht zu gefährlichen fleischfressenden Pflanzen werden. Er zieht mit dem Rettungsboot weiter, sie haben sich aneinander gewöhnt, den Tiger nimmt er mit. Nach 227 Tagen auf See landen die beiden an der mexikanischen Küste. Richard Parker verschwindet im Dschungel. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Pi als Held im Wachsfiguren-Kabinett von Madame Tussaud und Richard Parker als ausgestopfter Tiger-Grizzly im Zoologischen Museum Hamburg. Apropos Museen: im Südtiroler Archäologie-Museum in Bozen ist neben Ötzi die Mumie von Hörnerhannes gelandet. Egger hatte ihn als Gletschermumie gefunden. „ Die Grimassen der Leichen im russischen Eis waren das Schrecklichste, was er in seinem Leben gesehen hatte. Im Gegensatz dazu wirkte der Hörnerhannes auf merkwürdige Weise glücklich. Er hatte in seinem letzten Stündlein dem Himmel entgegengelacht, dachte Egger, und dem Teufel sein Bein als Pfand in den Rachen geworfen. Diese Vorstellung gefiel ihm, sie hatte etwas Tröstliches.“7

Li Patel hatte diesen Roman vor seiner Historisierung als Wachsfigur diesen Roman gelesen und das Résumé gezogen, dass diese Geschichte wesentlich wahrscheinlicher sei als seine eigene. Unter dem Stichwort „Das Tier, dein Freund und Helfer“ fiel ihm noch die Geschichte „Die Spinnen von Utrecht“ ein, in denen der Protagonist, der Holländer Quatremère- d’Isjonval mit Hilfe von klugen Spinnen der Gefangenschaft entkam.8 „Winterspinnen würden Ende November die Häuser und Scheunen zum Überwintern aufsuchen, um auch während des Winters Netze anzulegen. Vor einem Kälteeinbruch würden sie regelmäßig ein neues Gewebe verfertigen; vor eintretendem Tauwetter wären sie fast fieberhaft tätig, sie würden nicht nur zwei, sondern auch drei und vier Gewebe übereinander spinnen; allerdings seien Winterspinnen äußerst selten, und er habe in einer Kolonie von viertausend Spinnen nur fünf Winterspinnen feststellen können.“9 Der in Opposition zum holländischen König Wilhelm V. in das Gefängnis geworfene Protagonist setzt auf den Sieg der Franzosen, die eine Invasion nach Holland gestartet haben. „Ein bestochener Gefängniswärter vermittelte an den französischen Befehlshaber einen Brief; d’Isjonval beschwor in dem Schreiben den französischen Höchstkommandierenden, die Verhandlungen mit Wilhelm V. hinauszuschieben; denn infolge seiner naturwissenschaftlichen Studien könne er voraussagen, daß spätestens in einer Woche wieder stärkerer Frost zu erwarten sei, der dem General das Vorrücken mit dem ganzen Heer gestatten würde. Der französische General ging auf den merkwürdigen Vorschlag des ihm bekannten Holländers Quatremère- d’Isjonval ein. Die Spinnen hatten richtig prophezeit – nach einigen Tagen klirrte eine neue Kältewelle über Holland, das ganze Überschwemmungsgebiet, sogar die Kanäle, froren bis auf den Grund zu, und den Franzosen war es möglich, auch die schwere Artillerie über das Eis zu bringen und vor den Wällen von Utrecht aufzufahren. Wilhelm V. kapitulierte, und Ende Januar marschierte das französische Heer mit klingendem Spiel in Utrecht ein – für d’Isjonval schlug die Stunde der Befreiung.“10

Pi Patel bedauerte, dass es derartige Wetter prognostizierende Spinnen auf seinem Schiff nicht gegeben habe, sonst hätte er womöglich den Untergang seines Schiffes vermeiden können. Aber dagegen hätte sich Yann Martel gewehrt, weil seine Geschichte vorzeitig zu Ende gegangen wäre.

1Yann Martel, Schiffbruch mit Tiger, Frankfurt am Main 2013, S. 125 f.

2Anton Schnack, Der finstere Franz, Leipzig 1937, S. 14 ff.

3Die ganze Geschichte siehe 1. Samuel 17: 1-54

4Karl May, Old Surehand – Zweiter Band, Wien-Heidelberg o.J., S. 246 f.

5 Sascha Stanisic, Vor dem Fest, München 2014, S. 195/196

7Robert Seethaler, Ein ganzes Leben, Berlin 2014, S. 136 f.

8Anton Schnack, Begegnungen am Abend, Mühlacker o.J., S. 65 ff.

9Ebd., S. 69

10Ebd., S. 70 f.

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Anton Schnack – Heimatdichter und Expressionist

Anton Schnack Die bunte Hauspostille – Phantastische Geographie

Brunnen (Die bunte Hauspostille)

„Da waren Brunnen, die seit Jahrhunderten mitten auf dem lärmenden Marktplatz oder in verschollenen und kühlen Baumwinkeln plätscherten; Brunnen, die den Tod sahen, wie er unter Gebet und schwermütiger Trauermusik vorübergetragen wurde; Brunnen an deren Röhren der Frühling saß, weiße Schmetterlinge im zarten Wind vorübertrieb und Vögel an den Tag lockte, die gelbe und zierliche Schnäbel in das quirlende und strudelnde Wasser tauchten.

Andere Brunnen sprangen unter sommerlichen Himmeln und über ihnen stand das segnende Bildnis der Maria, der Mutter der Mütter, oder es brüstete sich der fletschende Drache auf, dem der starke Ritter St. Georg den eisernen Speer in den klaffenden Rachen stieß.“ (S.143)

Am Brunnen vor dem Tore” dieses Volkslied befasst sich genauso mit dem Thema wie “Wenn alle Brünnlein fließen”

Schnack weiter: “Immer liebte ich den alten Brunnen im Hof, der in meinen Schlaf sang oder in die Unruhe meiner Nächte, wenn ich hinter dem Fenster lag und verworrene und unheimliche Gedanken mein Herz bestürmten.” (S.143)

Brunnen

Alzenauer Brunnen

 

 

Was könnte man an diesem Alzenauer Brunnen alles denken? Wieviele Liebespaare haben hier ein frühlingshaftes Rendevouz erlebt? Wieviele cent liegen als Glücksbringer im Wasser? Wieviele Flüche haben frustrierte Stadträte ihm zugerufen?

 

Der Maien

Flieder

Fliederbaum im Mai

 



„Die Schicksale werden immer gefesselter und einförmiger. Tausendjährig erscheine ich mir,der schon lange von den Wäldern Abschied genommen hat. Tief unten im Dunkel der Erinnerung sitzt ein Trieb, ein Bild, ein schattenhaftes Leben. Das Bild von der Wanderung durch Kontinente, über Flüsse, durch die Irrwelt der Steppen und die Halbnacht der Wälder.

Im Mai hatte ich die Städte Halberstadt, Würzburg und Venedig besucht.

Es gab den Mai des Knaben, der die verstaubte Botanisierbüchse aus dem Halbdunkel des Speichers herauskramte und das durchlöcherte Schmetterlingsnetz suchte; denn die Zitronenfalter und Pfauenaugen flogen über den Wiesenweg. Es gab jenen Mai, der mich zu den Landkrämern trieb, die Zigaretten feil hatten zu 3,5 und 7 Pfennigen das Stück, und bei denen ich mir eine Zigarrenschachtel erbettelte. „(S. 123/124)

Phantastisch ist die Geographie auch schon in diesem Werk, wenn Anton Schnack das Ende des Königs von Madagaskar, Moritz von Benyovsky, beschreibt. Historisches: Nach mehreren Aufenthalten in Amerika nahm Benyovski 1783 dann eine zweite Expedition nach Madagaskar in Angriff, diesmal im Auftrag Österreichs. Nach der Ankunft 1785 kam es zu Gefechten mit französischen Truppen, die die Regierung von der Insel Mauritius aus hinsandte. Er wurde am 23. Mai 1786 schwer verwundet starb und kurz darauf. Bei Anton Schnack heißt es: „ Leise fiel er um. Sein Mund murmelte ein paar Worte, sie waren zornig und trugen keine Spur von Furcht. Die Belagerer stiegen blutend, zerschunden, argwöhnisch und mit bitteren Gesichtern über die Pallisaden. Aber es blieb totenstill.

Das war das Ende des ungarischen Grafen Moritz von Benyovsky, der sich zum König von Madagaskar gemacht hatte. Seine Abenteuer begannen schon mit fünfzehn Jahren.“ (S. 203)

Weiter werden in dem Werk noch folgende Personen (unter anderem) behandelt: Dschingis Khan, die Königin von Palmyra, der Prinz von Trinidad oder Seeräuber wie Johan Morgan, Daviot, Eisenarm oder Kapitän Ansel sowie vier chinesische Marschälle. Was haben sie mit den deutschen Brunnen und dem Mai zu tun? Nichts, es handelt sich bei Schnacks Werk um ein Kaleidoskop phantastischer Einfälle.

Die eigentliche Geographie der Phantasie

Schon den Dichter Washington Irving faszinierte die Alhambra in seinen „Erzählungen der Alhambra“. Eine der beeindruckendsten Geschichten ist „Die Sage von den drei schönen Prinzessinnen“. „In alten Zeiten regierte in Granada ein maurischer König namens Mohammed, den seine Untertanen el Hayzari, den Linkshänder nannten.“ Aus der Ehe mit einer christlichen Gefangenen gehen drei Mädchen (Drillinge) hervor, die Zaida, Zoraida und Zorahaida hießen. 1

Anton Schnack hängt die Geschichte unabhängig von Washington Irving an dem spanischen Wind Solano auf. „Ursprünglich war er der heiße Atem des Sol, eines goldenen Gottes der Urzeit, der seine Wohnung im Hause der Sonne hatte und von den heidnischen Völkern der Garamanten, Nasomonen und Masoesyler angebetet wurde. Nach dem Sturz der Götter schlug er sein Bett im Sand der grausamen Wüste Sahara auf, neben den Trümmern und Steinen der alten, prunkvollen Städte Sufetula, Timgad, Thurbisico Numidorum und Bulla Regia.“ 2

Es handelt sich um einen Wind des extremen Kalibers. „Er bewirkt, daß der Fluß Guadalquivir seine Wasser verliert, daß die großen Sümpfe, Las Marismas genannt, Gift und Fieber brauen, daß die Menschen sich wochenlang in die Kühle der Mauern und Höfe zurückziehen oder an den Rand der Brunnen, um sich von Zeit zu Zeit mit einer handvoll Wasser aus den versickernden Schächten zu laben. Unter seiner Herrschaft wird das Maiskorn hart und fast steinig; er schwitzt das fette Öl aus der Olivenhaut; er kocht den Saft der dunklen Trauben zu einem einzigen Tropfen zusammen, der die Süße und Farbe des Honigs hat; er reißt die gelbe Schale der Zitronen auf und trocknet sie aus, und die bitteren Pomeranzen in den andalusischen Gärten umflammt er mit solcher

Glut, daß ihr Mark wie Zunder zermürbt und von den naschhaften Knaben verschmäht und verachtet wird.“ 3

Und jetzt kommt es: Dieser extreme Wind trifft auf die Drillinge!

„Er hat die Liebesromanze der maurischen Prinzessinnen Zayda, Zorayda und Zorahyda belauscht und in die Ohren und Öhrchen aller an der Liebe Leidenden und an der Liebe sich Freuenden in ganz Andalusien geblasen. Er allein konnte die drei schönen Mädchen unbehindert besuchen, denen von ihrem Vater, Mahomed dem Linkischen, das einsame Schloß Salobrenna am Ufer des Meeres zum Aufenthalt angewiesen wurde, damit kein männliches Auge mit irrer und frecher Inbrunst und Begehrlichkeit ihre herrliche Jugend erspähe; der Wind hat die Schwestern nackt gesehen; denn bedrückt und gepeinigt von seiner Glut, warfen sie die Schleier und Gewänder ab, wenn er durch Fenster und Balkontüren in die inneren Gemächer wehte.“ 4

Hier kommt der Mädchenschnack wieder einmal zum Vorschein. Hätte sein Bruder Friedrich Schnack mitgewirkt, so hätte sich in diesem Moment sicherlich ein Schmetterling auf die Schulter von Zayda gesetzt, um die erotische Spannung zu erhöhen. Friedrich befasste sich nämlich nicht selten mit Schmetterlingen.

Wenden wir uns wieder Washington Irving zu. Mohammed der Linkshänder sagte sich: „Die von den Astrologen angedeutete gefährliche Zeit ist also gekommen; meine Töchter sind im heiratsfähigen Alter. Vorsicht ist geboten! …“ So sprach Mohammed, und liess einen Turm auf der Alhambra zum Aufenthaltsort der Infantinnen ausbauen. Dann ritt er an der Spitze seiner tapferen Leibwache bis Salobrena, um die drei Schönheiten mit Kadiga und Hofstaat in höchst eigener Person auf die Königspfalz in Granada zu bringen. 5

In der Nähe der Alhambra waren drei kastilische Edelleute mit Sträflingsarbeiten beschäftigt. „Um die Mittagsstunde des nächsten Tages rasteten die Gefangenen ebenfalls am Fuße des Turmes. Der maurische Wächter, vom heißen Atem des Windes erschlafft und von verbotenem Weingenuß betäubt, schlief in einer umschatteten Mauernische. Wiederum beugten sich die arabischen Mädchen über die Brüstung des Balkons und ließen diesmal drei weiße Schleier flattern, um die unbekannten kastilischen Ritter zu erregen… In diesem Augenblick entflielen den Händen der Prinzessinnen drei Früchte. Geschickt wurden sie von den Rittern aufgefangen: den reifen Pfirsich hatte Zayda geworfen, die gelbe Aprikose Zorayda und Zorahyda eine Nectarine, allgemeine und gebräuchliche Sinnbilder der maurischen Mädchen für Liebesbereitschaft. Die edlen Jünglinge aus den Burgen des Nordens führten die Früchte zum Kusse an die Lippen und hoben verstohlen die Hände zum Gruße.“ 6

Pfirsich, Aprikosen

Pfirsich, Nektarine und Aprikose in Strauch

Was passierte dann: Zayda und Zorayda waren von den Rittern entführt und nach Cordoba gebracht worden, sie heirateten die Ritter, Zorahyda gelang die Flucht nicht. Sie wurde von Mohammed im Innern der Alhambra gefangen gehalten. „Manchmal gelang es dem Solano, bis dorthin seine Schwingen auszubreiten.Aber er sah Zorahyda niemals. Doch hörte er hinter vergitterten Fenstern manchmal den Gesang einer trauervollen Mädchenstimme: in dem Gesang war von einem jungen Ritter im grünen Wams die Rede.“ 7

Wie endet die Geschichte bei Washington Irving? Auch hier lebt Zorahyda einsam in der Alhambra: „Dann und wann sah man sie auf den Zinnen des Turmes; sie schaute traurig zu den Bergen hinüber, hinter denen Cordóba lag. Klagend sang sie zur Laute und beweinte den Verlust ihrer Schwestern und des geliebten Mannes. Sie starb jung und soll in einem Gewölbe unter dem Turm begraben sein. Viele Sagen erzählen uns von ihrem frühen Tod.“ 8             

Wiedergeburt macht es möglich. Zorahyda ist am Biwasee in Japan auferstanden unter dem Namen Graswürzelein, die ihren Ritter mit dem Namen Oizo bekommt, der letztendlich zu ihr spricht: „Dann komme ich wieder und baue in Katata mein Haus. Und du sollst nicht mehr den Ofen deines Vaters schüren. Du sollst neben mir sitzen bei meinem eigenen Feuer. Und ich will dich malen, immer wieder malen, in dem Kleid des Vorfrühlings, am Strand, im Haus, im Mond, im Wasser, am Feuer. Und alle sollen sagen: Das ist das glücklichste Mädchen von Katata. Sie ist auf allen Bildern im Vorfrühling gemalt, zur warmen Abendstunde, in der man den Flug der Wildgänse erwartet und verliebt sagt, auch wenn niemand redet: ‚Still! Sie kommen!‘ „ -“ Da wickelte ‚Graswürzelein“ ihre Hände aus den Ärmeln und umschlang Oizo.“

Was hat Schnack noch zu bieten?

„Er umfährt auf dem Schiff ‚Fantasia‘ die Kaps der Erde, fährt an den Küsten entlang und zu den Inseln und ruft uns zu: ‚Glaubt nicht den Angaben nüchterner und halbblinder Landvermesser! Glaubt vielmehr euren eigenen Trugbildern und Einbildungen, hängt euch an die Geschichten der Abenteurer fest!‘ So macht er’s selber, und so entsteht eine aus Mythos, Legende, Anschauung, Beobachtung und Traum gemischte Beschreibung der geographischen Erscheinungen, die ihresgleichen nicht hat. Möchte sie in die Hände vieler Lehrer und Eltern gelangen!’“  10

Washington Irving , Erzählungen der Alhambra, Barcelona o.J. , S. 198

2   Anton Schnack, Phantastische Geographie, Hamburg 1949, S. 44

3  Ebd., S. 45

4  Ebd.

5 Washington Irving, a.a.O., S. 200 f.

Anton Schnack, a.a.O. , 46 f.

7  Ebd., S.47

Washington Irving, a.a.O., S. 225

Max Dauthendey, Die acht Gesichter am Biwasee, Frankfurt/M; Berlin 1987, S. 99 f.

10 Vilma Sturm – Fülle der Bilder – Anton Schnack: „Phantastische Geographie“.

 F.A.Z. Literaturblatt (Feuilleton), 19.11.1949

Literatur

Anton Schnack , Die bunte Hauspostille, Leipzig 1938

Anton Schnack, Phantastische Geographie, Hamburg 1949

Washington Irving , Erzählungen der Alhambra, Barcelona o.J.

Max Dauthendey, Die acht Gesichter am Biwasee, Frankfurt/M; Berlin 1987

https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Benjowski

Vilma Sturm – Fülle der Bilder – Anton Schnack: „Phantastische Geographie“.

F.A.Z. Literaturblatt (Feuilleton), 19.11.1949

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Anton Schnack, Liebe im Kriege

Leutnant Christian Außem liebt das Mädchen Klara. „Sein Vater war Buchhalter in einer Kartonagenfabrik. Er hatte den Ehrgeiz, im Sohne den Aufstieg zur Gesellschaft und zum öffentlichen Ansehen zu erleben.“ 1 Wo die Geschichte spielt? Eine Ortsangabe gibt es nicht. Christian ist nicht nur ein Musterschüler, der sich besonders in Mathematik hervortut, sondern liebt auch Klara d’Alleux von Anfang an. Ihr Vater ist Justizrat und bewegt sich in einer anderen gesellschaftlichen Sphäre. Sie erzählt im später, dass sie zunächst von seiner Liebe nichts bemerkt habe. Klara findet bei Christian die emotionale Nähe, die sie bei ihren Eltern vermisst. Diese strahlen Kühle und „verkrustete Gleichgültigkeit“ aus.

Christian wird beim Militär ein „kleiner Leutnant“ -wie ihn Klaras Familie einstuft. Aufgrund der Tatsache, dass er aus „geringer Familie“ stamme, habe er vom Stand her keine Bedeutung für Klaras Familie.

Der Krieg bricht aus, warum, das war für Anton Schnack nie ein Thema. Politischer Ursachenforscher ist er nie gewesen. Wahrscheinlich handelt es sich hier um den Ersten Weltkrieg. Christian muss mit seinem Infanterieregiment ins Feld ziehen. „Die Zuneigung Klaras, die sich bisher noch nicht ganz entschieden hatte und immer ein wenig durch Kühle gedämpft wurde, wuchs nach dem Abschied zu leidenschaftlicher Liebe auf, die nur auf die Stunde wartete, um das angespannte, täglich sich verstärkende Verlangen nach Christian zu zeigen.“ 2

Klaras Sehnsucht nach Christian wird intensiver: “ Sie wunderte sich nicht, daß sie, bisher unantastbar und scheu, plötzlich alle Hemmungen verloren hatte, und daß sie vor dem Spiegel stehend, an den unsichtbaren Christian Aufforderungen richtete, die sie früher mit unerbittlicher Strenge von sich gehalten hätte.” 3

Ein erster Staatsanwalt- von der Mutter für Klara als gute Partie vorgesehen- beklagte sich über die Kühle und Förmlichkeit Klaras.

Die Mutter ist prüde. Öffentliche Zuneigung von ihrem Mann verabscheut sie.

Klara und Christian treffen sich während eines Fronturlaubes wieder.”Trotz der ersten Freude waren Christian und Klara ein wenig belastet voeinander; denn weder er noch sie sprachen das aus, was sie voneinander wollten und wonach sie sich gesehnt hatten.” 4

Klara verlässt ohne das Wissen der Eltern, denen sie eine Krankheit vorspielt, das Elternhaus, um sich mit ihrem Liebhaber zu treffen – in Christians Wohnung.“Die Nacht ihrer Liebe begann und stürzte Klara und Christian in einen Rausch von Küssen und Umarmungen, in ein Stillesein, wo sich ihre Seelen ganz nahe waren. Klara hatte vergessen, daß sie noch kurz vorher in Aufregung und Angst gelebt hatte, eine gnadenvolle Verklärung wuchs aus ihren Herzen über ihr ganzes Sein und Gefühl: ihre Liebesgröße beglückte Christian unsäglich. Sie waren beide ein einziger glühender Block und schienen herausgerissen aus dem Treiben und der Not der Welt zu sein.“ 5

Aber der Krieg holt sie sein. Die Idylle ist zu schön, um wahr zu sein: „Um zwei Uhr nachts fing es ungeheuer, jagend, grell und mit unvermittelter Gewalt und Heftigkeit zu schießen an. Hoch oben, irgendwo in den Nachträumen zwischen Erde und Wolken, wuchsen platzende, flachknallende Geräusche heran, die im Klange immer betäubender wurden.“ 6 Sie sind inmitten eines Fliegerangriffes. Christian wird wütend und will selbst Flieger werden, um den Feind zur Rechenschaft zu ziehen,

In den Morgenstunden verlässt Klara den Geliebten, um nach Hause zurückzukehren. Je näher sie ihrem Elternhaus kommt, um so mehr Menschen sind auf der Straße. Sie erfährt schließlich, dass ihr Elternhaus zerstört ist. Sie erfährt, dass die Eltern leben, die Tochter allerdings vermisst wird. Hier kann sie nicht umhin, zu offenbaren, dass sie die Tochter ist, die vermeintlich unter Schutt begraben ist.

Mit dem Entschluss, ihre Liebesnacht den Eltern zu offenbaren, offenbarten sich in ihrem inneren Auge Visionen von beiden: „ … das Antlitz ihrer Mutter, das Knochen und verwelkende, gelbe Haut war, wuchs zusehends in der Höhe und Breite und wurde zu einem drohenden Holzgesicht, das mit unerbittlichen Augenhöhlen auf sie niedersah und sie bis in den letzten Seelenwinkel durchforschte. Das hohe und ausgearbeitete Gesicht ihres Vaters wurde dünn und fahl, die grausame Maske eines Inquisitors, der sie mit peinlichen und kalten Augen durchbohrte.“ 7

Es deutet sich bei diesen Vorstellungen nichts Gutes an. „Sie empfand, daß ihrer Liebesnacht etwas Heiliges anhafte, weil sie ihre Rettung war.“ 8

Eine erotische Erfüllung als etwas Heiliges – hier entwickelt Anton Schnack deutlich unkonventionelle Vorstellungen von Heiligkeit, die nicht in die kirchliche Definition passen.

Bei der Zusammenkunft mit den Eltern sind beide förmlich und reserviert. Der Vater hat eine idealistische Vorstellung vom Krieg, die Mutter fährt sie an: „ ‚ Du bist ja im Mantel‘, sprang Klara die Stimme der Mutter an. ‚Du hast ja den Hut auf? Wie kommt das? Wie ist das möglich, da doch alles von dir in die Tiefe gerissen ist?‘ Klara erschrack bis ins Herz von diesen eiskalten Fragen und dachte sich. Das wollen Eltern sein, die zuerst sehen, was ich anhabe, aber nicht fühlen und sehen, daß ich ihrer Güte bedarf.“ 9

Klara bekennt, dass sie nicht zu Hause war, sondern ihren Geliebten Christian getroffen hat: „’Seht Ihr nicht den kleinen Engel neben mir stehen, den kleinen Engel der Liebe, den wunderbaren Engel des Herzens, seht Ihr ihn?‘ aber die verwunderten Eltern, sich umschauend, sahen nichts, nur ihre Tochter stand vor ihnen, ihre Tochter Klara, die gestern noch, vorgestern noch, etwas Kindliches an sich hatte, etwas Stilles, Bescheidenes, Zurückhaltendes, und nun einen unerforschlichen Abgrund vor ihnen auftat.“ 10

Die Reaktion der Eltern ist bigott und schäbig. Ihr Vater schreit sie an: „‘ Verkommene. Dein Begrabensein, an das wir glaubten, an den deine Mutter, ich und die ganze Stadt glaubten, hat sich sonderbar gewandelt. Eine saubere Geschichte, eine Liebesgeschichte also. Während wir zittern, beben und bangen und dich unter Stein und Schutt verschüttet glauben, kommst du aus einem Bett. Die Stadt, die eine Welle von Entsetzen war, wird nun ein Kessel von Gelächter. Du bist gerichtet, und wir sind gerichtet.’“ 11

Ihre Mutter sieht keinen Engel, sondern einen „Teufel der Unordnung und Sinnlichkeit“. Sie ist also verstoßen und deswegen entsetzt und abgestoßen. „Klara hatte Vater und Mutter mit steigendem Entsetzen angehört. Mit der kühlen schärfe der Wissenden sah sie hinein in die armseligen, verkrusteten und leeren Herzen.“ 12

Die Einschätzung der Eltern ist von der vermuteten öffentlichen Meinung bestimmt. Eine anderes Kriterium entwickeln sie nicht. Sie verlässt grußlos das Zimmer, sucht Christian vergeblich und begibt sich zum Bahndamm. „Mit donnerndem Geheul raste der Zug auf sie zu. Klara kniete sich nieder, als wäre sie in einem Heiligtum um zu beten.“ 13

In ihrem Selbstmord erlebt Klara noch einmal visionär eine Liebkosung ihres Geliebten Christian.

Hätte es keine andere Lösung gegeben? Vermutlich wäre eine Legalisierung ihrer unehelichen Beziehung an der öffentlichen bigotten Meinung gescheitert (die Erzählung wurde 1935 veröffentlicht). Fünfunddreißig Jahre später hätte sie kaum noch Probleme mit ihrer unkonventionellen Liebesgeschichte gehabt – zumindest in weiten Teilen der Bundesrepublik.

Die Erzählung ist so spannend geschrieben, dass man sie jedem zur Lektüre empfehlen kann.

Werfen wir kurz noch einen Blick auf literarische Werke, die auch mit einem Selbstmord auf den Gleisen enden. Ein herausragendes Beispiel wird in „Anna Karenina“von Leo Tolstoi beschrieben. In dem Glauben, Wronskij (ihr Liebhaber, nicht ihr Ehemann) verweigere ihr seine Gegenwart, stürzt sich Anna – erschrocken über ihr eigenes Verhalten – vor einen Zug, ähnlich wie sie es bei einem Unfall sah.

Halten wir noch fest, wie Leo Tolstoi das Ende Anna Kareninas beschreibt: „Und genau in dem Augenblick, wo der Raum zwischen den Rädern ihr gegenüber war, warf sie die rote Reisetasche von sich, drückte den Kopf zwischen die Schultern, ließ sich unter den Wagen auf die Hände fallen und kniete mit einer leichten Bewegung, als ob sie vor hätte, sogleich wieder aufzustehen, nieder. Aber im gleichen Augenblick erschrak sie über das, was sie tat. ‚Wo bin ich? Was tue ich? Weshalb?‘ Sie wollte sich erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Gewaltiges, Unerbittliches stieß gegen ihren Kopf und schleppte sie am Rücken mit fort. ‚Herrgott, vergib mir alles!‘ murmelte sie, da sie fühlte, daß ein Widerstand unmöglich sei. Das Männchen wirtschaftete mit dem Eisenwerk herum und redete dabei etwas vor sich hin.Und die Kerze, bei der sie von soviel Sorgen, Betrug, Kummer und Schlechtigkeit erfüllte Buch des Lebens gelesen hatte, leuchtete in hellerem Schein auf als je, erhellte ihr alles, was bisher für sie in Finsternis verborgen gewesen war, knisterte, wurde dunkel und erlosch für immer.“ 14

Christian Schauer August 2015 bis Januar 2016

Fußnoten

1 Anton Schnack, Liebe im Kriege, in : Die Verstoßenen, Leipzig 1935, S. 47

2 Ebd., S. 51

3 Ebd., S. 52

4 Ebd., S. 58

5 Ebd., S. 64

6 Ebd.

7 Ebd., S. 88

8 Ebd.

9 Ebd., S. 88

10 Ebd., S. 90

11 Ebd., S. 92

12 Ebd., S. 93

13 Ebd., S. 95

14 Leo Tolstoi, Anna Karenina, Köln 2010 (Anaconda Verlag), S. 931

Verstoßene

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Anton Schnack, Flirt mit dem Alltag (Zeichnungen von Max Schwimmer), Frankfurt am Main 1956

Schon in den 50er Jahren kam mancher auf allerlei skurrile Ideen, zum Beispiel Anton Schnack in dem oben genannten Buch mit den vielen Zeichnungen von Max Schwimmer. Was macht man im Winter, im Januar, wenn es auch für die Pflanzen und Gemüsearten noch zu kalt ist? Man versenkt in die Mistbeete Gurkenkerne, zieht ihnen aber vorher Wollhöschen an  (S.8), damit die Armen nicht frieren. Zudem werden ihnen Hustonbonbons mitgegeben (S 9).

2013 könnte man dann noch hinzufügen, man gibt ihnen eine Wärmflasche dazu, damit sie sich wirklich nicht erkälten (eigene Idee). Im Februar sucht man dann das Unmögliche und will damit den Kalender korrigieren.

“Auf Suche gehen nach den beiden fehlenden Tagen, nach dem 29. und 30. Februar ….  Wenn beide Tage gefunden, auf einem städtischen Fundbüro abgeben; sich dort wundern, daß es die Abteilung ‘Verlorene Tage’ noch nicht gibt, obwohl das menschliche Leben doch überreich an ‘verlorenen Tagen’ ist. “(S. 11).

Man kann daraus nur folgern, dass der Ort Kahl am Main, nachdem eine Straße nach Anton-Schnack benannt ist und kürzlich ein Denkmal eingeweiht wurde, Schnack noch weiter ehren sollte, in dem die Gemeinde eine Abteilung “Verlorene Tage” einrichtet, in der ehrliche Finder eben solche abgeben könnten. Doch welche Partei erklärt sich zu  einem  solch kühnen Schritt bereit? Wer riskiert einen Zornesausbruch des Bürgermeisters, der schon bei der K-Trasse nicht so ganz sicher war, ob noch alle bei Trost sind. Und der wiederholt von rechtsradikalen Schmierereien genervt ist. Auch das, was Schnack danach folgend zum Thema “Verlorene Tage” schreibt, kann nicht unbedingt als aufbauend für eine neue Abteilung betrachtet werden:

“Mit Bitterkeit bedenken, wieviel unwiederbringliche Tage im Kriege und hinter Stacheldraht verloren gingen.”

Hier empfiehlt sich eine Ergänzung des Kahler Kriegerdenkmals im Schnackschen Sinne: “Denkt an die Bitterkeit der unwiederbringlichen Tage des Krieges” würde neben der Liste der Gefallenen stehen. Mancher Bundeswehrsoldat würde möglicherweise ins Grübeln kommen, ob denn nicht seine Tätigkeit letztendlich doch eher bitter ist. Die Sensibilität gegenüber Tieren kommt bei Schnack auch schon 1956 zum Vorschein:

” Die allgemeine Jagdruhe, die Wildschonung, begrüßen, die den Februar heilígt. Sich freuen, daß Hasen, Rehe, Hirsche, Fasanen nun wieder unbedroht von Schrot und Kugel durch die Felder hoppeln, springen und fliegen dürfen. Doch Schnepfen, Wildtauben und Wildkaninchen bedauern, nicht den Frieden der allgemeinen Schonzeit genießen zu dürfen.” (S. 11)

Die Konsequenz kann nur lauten: auf einen Veggie-Day in den Kahler Kantinen und Restaurants pro Woche drängen, damit auch die Schnepfen für immer aufatmen können. Sich nicht um das Feldgeschrei der ewigen Fleichfresser kümmern! Im März kommt ein Vorschlag, bei dem man sich mit dem einheimischen Lebensmittelhandel anlegt:

“Neue Spargelbeete anlegen. Zweckmäßig, Stangenspargel aus Konservenbüchsen nehmen und in die Beete stecken. Dadurch Rekord denkbar frühester Spargelernte aufstellen, alle Heimgärtner verblüffen und Sensationsmeldung: ‘Erster Spargel im März gestochen’ im Lokalblatt erzielen.” (S. 18)

Nicht ganz einfach der nächste Vorschlag: “Das Tier des Monats März, den ‘Widder’, einfangen und zähmen. Ihm sehr festes Geschirr und Zügel anlegen; den Widder recht störrisch und eigensinnig.”  Das Problem: lässt sich ein Widder einfangen? Scheitert man nicht vor lauter Anstoßen?

Der keusche Märzwald folgt, in dem ein  rotes Eichhörnchen aus dem Winterschlaf erwacht. “Zur Begrüßung einige Haselnüsse in das anmutige Pfötchen drücken.” (S. 19)

Einwurf: Eichhörnchen sind zu scheu, um  sich ein Pfötchen drücken zu lassen. Kann Anton Schnack nicht einfach eines ungeliebten Nachbarns Pfote drücken, um ihn zum anbrechenden Frühling zu gratulieren? Anonymität muß gewahrt bleiben – Kahl ist klein. 1

Nicht weniger humorvoll geht es in einem weiteren Buch Schnacks aus den 50er Jahren zu. Anton Schnack (Zeichnungen von Trix), Brevier der Zärtlichkeit, Frankfurt am Main 1957. Darin heißt es zu passenden Maßen für Frauen, die “Miß Deutschland” werden wollen

Körpergröße von 1,68 m.

Gern hängt Erich am Gestänge

Dieser achtungsvollen Länge!

Gürtelmitte (Taille) von 63 cm.

Zu umfassen Gürtelmitten,

Sind beliebte Männersitten.

(Und auch, Gott sei dank, gelitten!)

Hüftweite von 94 cm.

Jeder Hüftenzentimeter

Hat Verehrer und Anbeter.

Büstenumfang von 91 cm.

Ziel von Jünglings Tatendrang

Ist ein hoher Busenhang.

Haarfarbe in Kastanienbraun.

Auch Mahagoni und Bernsteinblond

Liegen in vorderster Liebhaberfront.

Muskeln, über 500.

Vielgeküßt aus diesem Bund:

Schließmuskel am Mädchenmund!

Knöchlein und Knochen, etwas über 200.

Recht artig ist für Flitterwochen

Das Abzählspiel der “Liebesknochen”.

Herz, um die 300 Gramm

In Wirklichkeit doch gar nicht groß,

An Wirkung aber beispiellos

Poren, in die Millionen

Verliebter Mensch küßt jeder Pore

An Lisa oder Eleonore;

Ist ihm dies Tun auch angenehm,

Es ist und bleibt doch recht extrem!

Es folgen Betrachtungen über verschiedene Arten von Handküssen, die eher in den 50er Jahren den Galan ausmachten. Manche Arten von Zärtlichkeit, die beschrieben sind, müssen als zeitlos eingestuft werden. Geradezu dezent ist das erotische Geschehen, wenn man an das konvulsivische Gedicht “Sexus” in “Der Abenteurer” von 1919 denkt. Damals hieß es:

“Oh Knie, oh Gnade: wer lag schreiend so vor Dir wie ich; gestellt, gereckt,

entblößt

In voller Nacht, in Gärten, mailich; der junge Mond im Ast;

Dich, weißes Fleisch, Dich Süßigkeit, beäderte, Mit Armen warm umfaßt;

Haar rann hinab, im Nacken, Achseln, wirre Wildnis, fließend aufgelöst! –

So Aufgewölbtes (fabelhaft): oh,ich schrie Worte aus von dem, von allem,

von dem Purpurtrunk,

Von knisternder Verseidigung, von Land, dem leiblichlichen, von Brunnen, Fluß,

Von Sternen weiß zu Häupten, von Überflutungen, von eingebißnem Kuß,

Dem Schein der Schenkel, rosnem Knöchel, von menschgewordnem Wasser,

Schale, Scham und Trunk   ….”

Wer weiß, vielleicht wäre Anton Schnack in den wilden 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder so bacchantisch geworden, hätte ihm nicht seine Ehefrau zugeflüstert: “Anton, Du bist schon siebzig, Dein Herz!!!” 2

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Anton Schnack, Die Angel des Robinson, München 1946 (Desch Verlag) Darin: Der Fliederbusch des Käthchens von Heilbronn

“Er, der uralt ist, geneigt von der Last vieler Jahre, vieler stürmischer Winter, herrlicher Frühlinge, glühender und von Gewittern befegter Sommer, der das Geheimnis einer unvergeßlichen Liebe überschattete, wächst an der Lende eines Bergstraßenhügels, der so sommerlich ist, daß Wein und Edelkastanien auf ihm gedeihen. Im Schatten einer zerstörten Mauer hat der Busch seine Wurzeln in den Boden eines Ruinenhofs gsenkt, um hier, müde und fast schon legendenhaft, zu sterben. Er wird sterben. Er wird sterben und doch ewig lebendig bleiben; denn die Liebe hat diesen Busch begnadet und zum Heiligtum gemacht. Über dem Dorfe Schriesheim wächst er am morschen und von Efeu überzogenen Gemäuer der Strahlenburg. Das Dorf, das an den Buchhügel stößt, ist voll kühler Enge. Die Burg ist zerfallen, über einer einzigen Giebelwand steigt ein hoher und schlanker Turm auf. Der Stamm des Fliederbusches ist knorrig und dick, die Rinde vernarbt, zerrissen, geschwärzt. Seine Jahrhunderte hält eine Stütze, die eine verwaschene Tafel trägt. Ich lese: ‘Unter diesem Fliederbusch ruhte das Käthchen von Heilbronn.’ ” Die Reiseliteraur sah bald nach der Uraufführung von Heinrich von Kleists Ritterschauspiel ‘Käthchen von Heilbronn’ im Jahr 1810 in der Strahlenburg die Burg des Wetter vom Strahl und bald fand sich auch unter einem Holunderstrauch die bemooste Steinbank, worauf das Käthchen einst träumte.” Siehe dazu http://www.schriesheim.de/index.php?id=517 Aus dem Holunderbusch wird also bei Anton Schnack ein Fliederbusch, den der Autor schon in “Begegnungen am Abend”  eine Geschichte widmete (siehe unten).

Dem Bauernkrieger Acher Concz ist eines der wenigen politischen Kapitel in dem Buch gewidmet. “Acker Concz wurde er genannt, und er lief mit vielen anderen aus der Taubergegend zu den Bauernhaufen, die vor der prächtigen und mauerumgürtelten Stadt Rothenburg ein Lager aufgeschlagen hatten. Concz trug die Sturmhaube wie fast allesamt, und die vierschrötige Brust hatte er mit einem rindsledernen Koller gegen Schläge und Hiebe geschützt. Er war Bauer und Spielmann zugleich und hatte schon im Dorf Tauberzell und im Markt Königshofen zu Fest und Kirchweih die Trommel gerührt.” Beide sind auf einem Holzschnitt von 1525 zu sehen, der von Hans Sebald Beham gefertigt wurde. In einem seltenen Fall ist die Landschaft bei Anton Schnack keine Idylle, sondern ein Schlachtfeld. Über den Tod von Klos Wuczer heißt es:

“Der ist nicht an der schrecklichen Mauer der Würzburger Festung gefallen. Er gehörte zu denen, die nach der mörderischen Schlacht bei Königshofen in den sumpfigen Tauberwiesen bei Lauda enthauptet wurden. Sein Blut wurde von der Tauber aufgenommen und in langer Reise zum Meere gebracht, zur großen Wasserwiege, wo Blut, Tränen, Regentropfen, Schweiß und Taugeglitzer sich zu einem ewig dauernden und gewaltigen Gesang, Brüllen und Weinen zugleich, vereinigen.”

Möglicherweise hat Anton Schnack bei dieser Rede an Winston Churchill gedacht. Die „Blut, Schweiß und Tränen“-Rede (auch kurz „Blut, Schweiß und Tränen“; engl. „Blood, sweat and tears“) bzw. „Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“-Rede (engl. „Blood, toil, tears, and sweat“) ist eine kurze Ansprache, die der britische Politiker Sir Winston Churchill am 13. Mai 1940 während des Zweiten Weltkrieges vor dem britischen Unterhaus hielt. 3

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Anton Schnack, Begegnungen am Abend, Stuttgart 1940 Darin: Küsse unterm Fliederbusch

“Da er wieder blüht, süßer und betörender scheint es mir als je, verführerisch und voll Wohlgeruch wie in jener Nacht, da der Mond schön und wie eine Kugel aus Bernstein mitten im meergrünen Himmel schwamm, fällt mir manches ein; es sind keine guten Erinnerungen, sie haben alle die Dunkelheit der Trauer und die Verklungenheit der Jugendtorheit.” ” Ohne Nachbarschaft lag das Haus meiner Mutter, und es stand frei und leuchtend in der Sonne. An den zwei anderen Hausseiten verwilderte üppig breitästiges Fliedergebüsch und dickes Jasmingesträuch. Es war eine seltsame Luft um das Haus, wenn die Bäume, der Garten und die großen Gesträuche blühten. Dann war es nicht gut, in diesem Haus zu wohnen; denn der honnigvolle, schwere Blütenatem kam wie eine unwiderstehliche Berauschung durch die Fenster, er kam durch die Türen, er wehte durch alle Zimmer mit einer aufreizenden Heftigkeit, und ich weiß, daß meine Mutter, die damals schon über vierzig war, heimlich weinte. Schwermut und unerklärliche Sehnsucht brannte der unwiderstehliche feurige Duft ins Blut.”

Die Angebetete heißt Graziella. “Nie hätte ich es dir gesagt, wenn du es nicht selbst gewesen wärest, die mit einer plötzlichen und unwiderstehlichen Kraft an mein Herz griff, die mir das bebende und heiße Wort selbst ins Blut warf.”  Der Flieder treibt zu Emotion und Offenbarung. “Niemals, hättest du das tun sollen, leichtsinnige Graziella, niemals, am wenigsten zu jener inbrünstigen Zeit der Fliederblüte, die wie ein glühendes Dickicht in den Gärten flammte und die Luft zu einem berauschenden Wein machte.”  Die Emotion nimmt noch zu: “Wir standen lange da unter der offenen Türe; es begann zu dämmern und wir standen da, es begann die Nacht einzufallen, und wir standen immer noch da, immer näher kamen wir uns, wie von einer unwiderstehlichen Zaubermacht zueinander hingezogen.” Doch es ist zu schön, um wahr zu sein. Der strenge Vater tritt dazwischen: “Aus der Dunkelheit schlug eine schattenhafte Hand mit einem Stock; der peitschende Schlag traf deine lustdurchbebte nackte Schulter, Graziella, schmergekrümmt sankst Du hin.. Ich sah deinen Vater und deinen dir aufgezwungenen und ungeliebten Bräutigam auf uns zuschreiten und dich aus meinen Armen reißen.” Zwangsheirat – heute ein viel beachtetes Thema- der Autor kannte es damals schon. “Weinend und widerstrebend sah ich dich, von der Hand des Vaters gehalten, die Treppe hinauf ins Haus gehen. Mit einem harten Schlage fiel die Türe zu. – Ich aber blieb auf der Bank unter dem Fliederbusche in einer dumpfen Trauer und wünschte, es möge die Nacht kein Ende nehmen und der Morgen nicht anbrechen.”

Soweit die Angst vor dem Tag und der ernüchternden Helligkeit. Die eher romantische Geschichte endet im grauen Alltag, in dem der Traum zerstoben ist. Man trachtet danach, in einem anderen Buch mit Fliederthema – z.B. Nora Roberts Fliedernächte- einen positiven Ausgang einer Liebesbeziehung unter einem Fliederbusch zu suchen.

Gandhi steht vom Gastmal auf, in: Begegnungen am Abend

“Gandhi, der vom Schicksal ausersehene Vorsitende des indischen Nationalkongresses und einflußreiche Führer eines Millionenvolkes, war noch nicht lange in England, als er von Lord A. auf Grund von Empfehlungen eine Einladung zum Diner erhielt.” Auch hier tritt schon die Problematik des Vegetarismus auf, Gandhi erinnert sich an drei Bitten seiner Mutter: “erstens keinen Wein zu trinken; denn der Wein verleite zum Rausch, verdunkle die Vernunft und trübe die geistige Klarheit – ferner keine Frau zu berühren; denn das Weib des Westens würde ihn vom göttichen Bewußtsein und der edlen Kraft der Reinheit weglocken und verderben, und drittens kein Fleisch zu essen; Fleischgenuß sei eine Sünde gegen das Leben und eine Glaubensverletzung und würde ihn von seinen Ahnen entfernen, die niemals Stoffe des Tieres aufgenommen und in sich verwandelt hätten.” Gandhi möchte vom Diener eine Auskunft erhalten, ob die angebotenen Speisen Fleisch enthalten. Lord A. mischt sich ein, weil er das Gespräch als ungebührlich empfindet. Er fragt Gandhi: ” Was haben Sie mit dem Diener oder was wünschen Sie? Sehen Sie denn nicht, daß Ihre Unterhaltung mit dem Bedienten die Abwicklung des Mahles und die Gespräche der Gäste stört!” Gandhi entgegnet: “Sir, ich möchte wissen, da es mir verboten ist, Fleisch zu essen, ob in diesen Pasteten…Fleisch enthalten ist?” Bei der Tischrunde stößt diese Haltung auf Unverständnis. “Gandhi war diesem englischen Hochmut- das fühlte er mit seiner wachen und überempfindlichen Stelle – ein komischer Kauz und eine gesellschaftliche Null geworden.” Der Lord kanzelt Gandhi  folgendermaßen ab: “Herr Gandhi … ich bin mit der ganzen Tafelrunde eines Sinnes; die Willkür und die Nichtverleugnung Ihrer Sonderwünsche sind eines Gentlemans unwürdig!” Das Erhabene spricht Schnack in dieser Erzählung Gandhi zu: “Er stand von der Tafel auf und verließ den Speisesaal, bis ins Innerste klar und gefaßt… Das höhnische Lächeln auf den Gesichtern der Lords und Lakaien fror zusammen, das spöttische Flüstern verstummte vor der undurchdringlichen Miene des Inders. Mit Gandhi ging ein unsichtbares, aber doch fühlbares Etwas, das nicht zu verletzen oder zu demütigen war.  Etwas Millionenhaftes, Dumpfes und Gewaltiges folgte ihm – das ganze unsichtbare indische Volk verließ mit ihm die Tafel englischer Gastfreundschaft.”

Gandhi ist der moralische Sieger gegenüber der Kolonialmacht. Erhabenheit ist übrigens nach Friedrich Schiller der Triumph des Sittlichen über das Sinnliche.

Anton Schnack, Der Bootsmaat Nikifor Begitschew, in: 24 neue deutsche Erzähler – Frühwerke der neuen Sachlichkeit, München 1973

“Er war ein untersetzter Bursche, von Kälte gerötet und von dem vielen Alleinsein schweigend gemacht, Er hatte ein kühles graues Auge und den Instinkt eines Tieres. Sein Gesicht war hoch und ungemein kühn. Er liebte Robbenfleisch, das Nordlicht, das Gleiten der Hundeschlitten und das Erzählen über den russischen General Koltschak.”  So beginnt Schnack seine Erzählung, die zur “Neuen Sachlichkeit” gerechnet wird. “Ende Mai des Jahes 1920 erreichte ihn beim Fallenreinigen die Nachricht der Sowjetunion, daß Amundsens ‘Maud’- Matrosen Peter Tessem und Paul Knudsen seit einem Jahre vermißt wären. Er möge nach ihnen suchen. Die Norweger hätten viel Geld gestiftet.” So hat Begitschew die Absicht, die beiden zu finden. In einer ersten Expedition findet er Knochen, ein Schulterblatt, Schädelstücke und Fingerglieder, aber keine Spur der Verschollenen. Bei einer zweiten Expedition findet er eine Leiche mit einer Taschenuhr, die Tessems Monogramm trägt. “Er begrub den Leichnam unter Steinen und deckte ein Flaggentuch mit dem Sowjetstern darüber.” Weiter heißt es: “Über dem Toten lag ein unerforschtes Geheimnis. Himmel und Schnee und das ewige Brausen des Meeres hatten über dieses Geheimnis ihre Schwermut gelegt.” Unheil deutet sich an. Nach seiner Rückkehr bricht er zu einer dritten Expedition auf. 1926 sollen Eis- und Silberfüchse gejagt werden.

 

“In seiner Begleitung war der Jäger Natalschenko, der einen Kopf größer war und weißblonde Haare hatte. … Diese Natalschenko war der Liebshaber von Begitschews Frau geworden.” 1927 brechen sie auf und finden Bärenspuren. Als die Spuren sich teilen kommt es zum Streit, der von Natalschenko gesucht wird. Begitschew wird von seinem Begleiter zu Boden geworfen – sein Knöchel ist ausgekugelt. “… er konnte nicht vom Boden auf und bat Natalschenko um Hilfe. Aber dieser schlug dem Gefallenen mit dem Ende seiner harten Stiefel auf den Schädel, bis er bewußtlos umsank. Er zog ihm den Mantel aus, riß ihm die Stiefel von den Füßen und ließ ihn liegen. Der Abend brach mit bitterer Kälte herein. Begitschew lag die Nacht durch. Begitschew lag am nächsten Tage noch auf der Erde und lebte. Sein Blut, das aus der gesprungenen Schädeldecke sickerte, fror an ihm fest. Die zweite Nacht kam, Begitschew lag immer noch und sein Herz schlug. Am dritten Tage, in der großen Morgendämmerung, starb er. Aus der Ferne stieg das Meerrauschen.Ein Eisbär kletterte über eine Felskippe und brummte furchtbar. Der Mörder warf Steine über den Toten, brach sein Zelt ab und traf nach drei Tagen die Gefährten. Ihnen sagte er, Nikifor sei am Skorbut gestorben …”

 

Als Motiv muss von Eifersucht ausgegangen werden, Natalschenko war früher Liebhaber von Begitschews Frau. Der Held der Erzählung ist der russische Polarforscher Nikifor Begitschew (1874–1927). Der Tod von Begitschew wird ohne Pathos und sachlich geschildert. Deshalb wird die Erzählung zur “Neuen Sachlichkeit” gerechnet. Ein Expressionist hätte möglicherweise noch eine fiebrige Vision in den Tod Begitschews gelegt, in der sein Sohn sein Wirken fortführt. “Neue Sachlichkeit bezeichnet eine Richtung der Literatur der Weimarer Republik, die sich nüchtern und realistisch vom Pathos des Expressionismus abgrenzt.” 4

Anton Schnack und die Politik

Eine Auseinandersetzung mit der Politik findet in seinen Werken äußerst selten statt.  Sein Name findet sich in einem Dokument, dem “Gelöbnis treuester Gefolgschaft” war ein Treuegelöbnis von 88 deutschen Schriftstellern und Dichtern für Adolf Hitler, das am 26. Oktober 1933 in der Vossischen Zeitung abgedruckt und von der Preußischen Akademie der Künste  in Berlin propagiert wurde. Es wurde gleichzeitig auch in anderen Zeitungen, wie der Frankfurter Zeitung, veröffentlicht. Eine Nähe zum Nationalsozialismus kann aus seinen Werken nicht herausgelesen werden. Er war kein erwünschter, aber ein geduldeter Schriftsteller. Einige Schriftsteller unterzeichneten nach einem Literaturkritiker nur, um ihre Verleger zu schützen. Möglicherweise wollte er von den Nazis in Ruhe gelassen werden. Auch meint der betreffende Literaturkritiker (Joseph Wulfl), daß Unterschriften auch ohne Wissen der Betroffenen zustande gekommen seien. Schnack meint dazu, er hätte keine Gelegenheit gehabt, dazu Stellung zu nehmen. Schon 1929 wurde er von der NSDAP- Ortsgruppe Aschaffenburg als “Schmutz- und Schunddichter” bezeichnet. Drohungen bewirkten, dass er eine Zeitlang nach Südfrankreich emigrierte. In einer Stellungnahme zu dem Vorgang  weist Schnack darauf hin, dass er eine liberale Reaktion zu diesen Vorgängen vergeblich versucht hat, in die Wege zu leiten. Nach einer mißliebigen Kritik 1942 wurden ihm keine Buchmanuskripte mehr genehmigt. Anfang 1944 musste er noch einmal in den Krieg, nach Kriegsende geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wurde aber bald wieder entlassen. Er ging nach Kahl und wohnte dort in der Spessartstraße 8. Als er unpolitischer Mensch neigte Anton Schnack offensichtlich dazu, in dieser Zeit nicht anzuecken, was sich darin niederschlug, dass es bis 1942 im “grossen und ganzen unbehelligt” blieb- nach eigener Einschätzung.

Kritiker werfen ihm noch vor, dass mehr als 50 Texte im “NS-Kampfblatt” Krakauer Zeitung, dem Blatt des Generalgouvernemnts erschienen sind. 7 Der mir vorliegende Text “Phantasien um Virginia” in der Lemberger Zeitung (Regionalausgabe der Krakauer Zeitung vom 12.4.1942)) ist allerdings unpolitischer Natur. Ein Widerstandskämpfer war er demnach allerdings auch nicht.

Seine Erlebnisse als Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg fanden Niederschlag in der Gedichtsammlung “Tier rang gewaltig mit Tier”, die 1920 im Rowohlt Verlag erschien. 1915 wurde er als Armierungssoldat in einem Feldartillerieregiment eingesetzt , das an die Westfront (Somme/Verdun) stationiert war. In diesen Gedichten beschreibt er Angst vor dem Tod, aber auch die Suche nach Gott. Beispiel: Nacht des 21. Februar

Schlaflos – Nacht, Riesin, hochgewölbt, verfinstert, schwarz, mit grüner Lichtschnur, seiden,

streifig, weich;

Manchmal ein Wolkenzug, zerrissen, abenteuerlich gebaut; manchmal ein Wind, ein
unbekannter, der

voll aus einem Winkel kam,

Scharf, kalt, mit toller Kraft … Wen griff in dieser tiefen, bitterlichen Nacht nicht Heimweh und,

ach, das Wunder einer großen Scham? –

Ich stieg heraus an Fenster, grün, voll Schmutz, Spinnweben, Staub; und fand die Nacht den andern

Winternächten gleich.

Und fand sie weiß, voll Rausch und Röte, voll Blitz, weither, aufzuckend, hell; und fand sie voll

Erschütterung, gewaltger Not,

Voll Lärm der Pferde, Rauschen, Brüllen, voll einer Stunde Trommelfeuer (sehr wunderbar zu hören),

dumpfrolend, dunkel, traurig, mächtig.

Ich, tief erschüttert, wortlos, betend, gerüttelt von der Qual, die fern hochwuchs in Schutt und Schnee,

ich sah die Sterne an, ganz seltne, sie waren gelb und prächtig,

Ich sah ins Firmament, es war gewölbt, gewaltig, aufgespannt, ich sah in seine Tiefe, geöffnet,

grundlos, ganz verspritzt mit fabelhaftem Rot.

Ich sah mich sein: tierhaft besorgt, voll Angst, daß er mich würfe, der Tod, mit einem Stein ins

Antlitz, das einst roch Nächte, süßlich, südlich, heiß,

Das einst gebräunt war, schön und dunkel; ich sah mich sein: veraltet, übermüdet, fröstelnd, ein

abendlicher  Mensch, bereit zum Weinen,

Bereit zu gehen mit durchbohrtem Herz in samtne Stille, unbekanntes Land, bereit mich zu verlieren,

achtlos, traurig matt,

Zu altem Zeug, Gerümpel, Tand, zermürbt, verstaubt, vernagt, in eine Ecke, lichtlos, dämmrig, wo

junge Ratten wispern scharf und leis

Wo Rauch war dick und trüb, verflattert, aufgeballt, gewöhnlich, grau, vermufft; wo riesenhafte

Käfer grün glühten unter moosbezogenen Steinen;

Ich sah mich sein: ein Ding, verloren dem Gesetz der Unerbittlichkeit, dem Ruf des Todes, bös

geworfen an die Fenster; ich sah mich überdrüssig, steif und aller Abenteuer satt.

 

So kann man hier getrost feststellen, dass das Kriegserlebnis bis auf den Grund aufwühlt, extrem Ängste hervorruft und die Einsamkeit des Menschen verdeutlicht. Was ich in den Gedichten Anton Schnacks zum Ersten Weltkriegs vermisse, ist die Frage, ob es nicht auch anders geht,  ob es schicksalhaft vorgegeben ist, aus nationalistischen Gründen jahrelang sich das Leben auszublasen. Und psychisch für immer von diesem Schrecken traumatisiert zu sein. Dieser Frage ist Kurt Tucholsky in seinem Gedicht “Der Graben” von 1926 nachgegangen.

Mutter, wozu hast du deinen Sohn aufgezogen?
Hast dich zwanzig’ Jahr mit ihm gequält?
Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,
und du hast ihm leise was erzählt?
Bis sie ihn dir weggenommen haben.
Für den Graben, Mutter, für den Graben.

Junge, kannst du noch an Vater denken?
Vater nahm dich oft auf seinen Arm.
Und er wollt dir einen Groschen schenken,
und er spielte mit dir Räuber und Gendarm.
Bis sie ihn dir weggenommen haben.
Für den Graben, Junge, für den Graben.

Drüben die französischen Genossen
lagen dicht bei Englands Arbeitsmann.
Alle haben sie ihr Blut vergossen,
und zerschossen ruht heut Mann bei Mann.
Alte Leute, Männer, mancher Knabe
in dem einen großen Massengrabe.

Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!
Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!
In die Gräben schickten euch die Junker,
Staatswahn und der Fabrikantenneid.
Ihr wart gut genug zum Fraß für Raben,
für das Grab, Kameraden, für den Graben!

Werft die Fahnen fort!
Die Militärkapellen spielen auf zu euerm Todestanz.
Seid ihr hin: ein Kranz von Immortellen –
das ist dann der Dank des Vaterlands.

Denkt an Todesröcheln und Gestöhne.
Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,
schuften schwer, wie ihr, ums bißchen Leben.
Wollt ihr denen nicht die Hände geben?
Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
übern Graben, Leute, übern Graben –

Leider ist in Schnacks Werk keine politische Einschätzung des Ersten Weltkrieges zu finden. Das Politische blieb im weitgehend fremd. Das meint auch der Rezensent Rolf-Bernhard Essig in der Süddeutschen Zeitung vom 27.04.2004 –  das Politische sei nach dem Ersten Weltkrieg bei Schnack nicht mehr präsent gewesen. Um so mehr die Wunderwelt der Natur und der alltäglichen Dinge, die in den seltensten Fällen bieder daher komme. In einem Werk zum Expressionismus meint ein Rezensent zur Lyrik Anton Schnacks: “A. Schnack beispielsweise zielt in ‘Tier rang gewaltig mit Tier’ die ‘gewaltge Not’ der Frontnächte mit (34), eine Not, die ‘zu groß ward’ und zu Gebeten, ‘ungewollt, verworrsen, stockend, müde’, führte (‘Im Graben’, ebd., 39); es ist die Rede von der ‘Not der Erde’ im Kriege (49) und – im Gedicht ‘Flucht’- von einem ‘Notgeschrei’, in dem eine Stirn lautlos untergeht (71).” 8

 

Lebensdaten

Am 21. Juli wird 1892 Johann Anton Schnack als drittes Kind des GendarmeriestationsKommandanten und späteren Gerichtsvollziehers Hermann Schnack (1853-1913) und dessen Frau Elisabeth (Elise) geb. Faik (1855-1943) im unterfränkischenRieneck an der Sinn geboren. Seine Geschwister sind Eugenie (1886-1978) und Friedrich (1888-1977), der später ebenfalls Schriftsteller wird. 9

Im Gegensatz zu Anton wird Friedrich in den meisten Literaturgeschichten heute noch erwähnt. Zwei von Anton Schnacks Gedichten sind allerdings in der Anthologie Gedichte des Expressionismus ,Hrsg. Dietrich Bode, Stuttgart 2001, nachzulesen. Dort läuft er unter der Rubrik “Süddeutscher Ton”.

Um 1895 zieht die Familie nach Dettelbach um, wohin der Vater dienstlich versetztwird. 1899 besucht Anton die Volksschule in Dettelbach. Um1900 zieht Familie nach Kronach um, 1903 nach Hammelburg. 1905 besucht er des Progymnasiums in Hammelburg. Im Juli 1911 schließt er das Progymnasium ab.

1912 arbeitet er in Emmerich, an der holländischen Grenze bals Redaktionsvolontär beim Boten vom Niederrhein. In Halberstadt/Harz arbeitet er 1913 als Hilfsredakteur bei der Halberstädter Allgemeinen Zeitung. In diesem Jahr beginnt er ein Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität München.

1914 arbeitet er in Bozen arbeitet er bis zum Kriegsausbruch als Hilfsredakteur beim Bozner Tagblatt. Er kehrt nach Deutschland zurück und  begibt sich nach Haßfurt, wo seine Mutter bei ihrer verheirateten Tochter Eugenie wohnt.

1915 zieht die Mutter ins elterliche Anwesen nach Alzenau in Unterfranken
um; Anton Schnack begleitet sie. Er arbeitet im Kahltal-Boten mit. Im November wird er zum Kriegsdienst einberufen. Er dient als Armierungs-
soldat in  einem Feldartillerieregiment, das an die Westfront (Somme/Verdun) geschickt wird. Vorher im August erscheint sein erstes expressionistisches Gedicht.

1916 beendete eine Verletzung beim Entladen von Munition Ende Februar
seinen Kriegsdienst.

1917 wird er beim Kommunalverband Alzenau als Mühlen- und Lebensmittelkontrolleur dienstverpflichtet

Ab Oktober 1918 (bis 1920) arbeitet Schnack in Darmstadt als Feuilleton-redakteur undTheaterkritiker der Darmstädter Zeitung. Er publiziert Gedichte in expressionistischen Zeitschriften.

Im Mai 1919 erscheint Schnacks Gedichtband Strophen der Gier. Im Herbst veröffentlicht er die Gedichtbände Der Abenteurer und Die tausend Gelächter.

Im Frühjahr 1920 erscheint der Gedichtband Tier rang gewaltig mit Tier. 1000 Exemplare gab es in einer nummerierten Auflage. Ab Oktober wurde er Feuilletonredakteur und Theaterkritiker der Neuen Badischen Landes-Zeitung in Mannheim. Seine Tätigkeit dort endete
1925.

Im Frühjahr 1921 erhielt er den Preis der Deutschen Schillerstiftung.

Am 24. Oktober 1924 heiratet er Maria Glöckler (1901-1978).

1925 begibt er sich auf Auslandsreisen: Er hält sich in Malcesine am Gardasee auf. Dort wohnt sein Freund Ossip Kalenter.

Im Mai 1926 reist er aus Italien ab; er besucht Zoppot und Bohnsack bei Danzig.

1927 hält er sich mehrere Monate in Dalmatien auf, in Ragusa (Dubrovnik). Schnack arbeitet ab September wieder als Feuilletonredakteur und Theaterkritiker bei der Neuen Badischen Landes-Zeitung. (bis 1929)

1929 hält er sich in Südfrankreich (Marseille und Le Lavandou) auf.

1930 wohnt Schnack  mit seiner Frau als freier Schriftsteller in Herrsching am Ammersee.

1931 zieht er nach Prien am Chiemsee um.

1933 wohnt er in Berchtesgaden (bis 1937). Er wird in einer Stellungnahme
von Hitler-Unterstützern geführt. Gelöbnis treuester Gefolgschaft war ein Treuegelöbnis von 88 deutschen Schriftstellern  und Dichtern für Adolf Hitler, das am 26. Oktober 1933 in der Vossischen Zeitung abgedruckt  und von der Preußischen Akademie der Künste in Berlin propagiert wurde. Es wurde gleichzeitig auch in anderen Zeitungen, wie der Frankfurter Zeitung,  veröffentlicht, um eine möglichst weite Verbreitung zu erreichen. Nummer 69 und 70  auf der Liste waren Anton Schnack (1892–1973) und Friedrich Schnack (1888–1977).A. Schnack berichtet  später, er habe keine Gelegenheit gehabt, “dazu Stellung zu nehmen”.

1934 erscheint das Prosabändchen Kalender-Kantate. Er weilt auf der Ostseeinsel Oie, wo Schnacks Roman Zugvögel der Liebe entsteht.

1935 erscheinen die Bände Die fünfzehn Abenteurer. Lebensläufe und Schicksale und die Prosasammlung Kleines Lesebuch. Er erhält den Lyrikerpreis der Zeitschrift Die Dame.

1936 folgen der Gedichtband Die Flaschenpost, der Band Die Verstoßenen- Zwei Erzählungen sowie der Roman Zugvögel der Liebe.

Von 1937 bis 1943 wohnt er  in Frankfurt am Main. Der Roman Der finstere Franz und die Prosasammlung Der gute Nachmittagerscheinen.

1938 erscheint die Prosasammlung Die bunte Hauspostille.

1940 folgt die Prosasammlung Begegnungen am Abend.

1941 erscheint der Prosaband Jugendlegende.

1942 setzt er sich mit dem Schriftsteller Erich Ebermayer (1900 bis 1970) über den Roman Unter anderem Himmel auseinander. Ebermayer hatte zum
Dritten Reich ein etwas schillerndes Verhältnis. Ab 1. September wird er Redakteur bei der Societäts-Druckerei in Frankfurt am Main

1943 Am 1. August stirbt Schnacks Mutter in Burghausen (Oberbayern) Ende des Jahres beendet er seine Tätigkeit bei der Societäts-Druckerei.

1944 Im Februar wird er zum Kriegsdienst als ‚Landesschütze‘ einberufen.

1945 gerät Schnack in amerikanische Kriegsgefangenschaft; nach seiner Entlassung  geht Schnack nach Kahl am Main, wo er mit seiner Frau bis zu seinem Tod im Anwesen der Schwiegereltern, Spessartstraße 8, wohnen wird.

1946 erscheinen die Prosasammlung Die Angel des Robinson sowie die Bände Arabesken um das ABC und Mädchenmedaillons erscheinen.

1947 folgt der Gedichtband Der Annoncenleser.

1948 liegt der Gedichtband Mittagswein vor. Darin

Herbstliche Nacht

Wind, Regen, Nebel. Alles liegt in Trauer.

Wer sinnt die Tiefe dieses Dunkels aus?

Breit ist die Nacht. Verloren steht das Haus.

Du horchst am Fenster, Grübelnder auf Lauer.

Wer sinnt, geht irre. Wer träumt, versteinert.

Musik von Geigen macht die Nacht nicht mild.

Ich habe dich, durchseligt und verfeinert,

Ich habe dich, Geliebte, Traumstück, Bild…

Wind rauscht im Garten. Dunkel bricht das Holz.

Die Uhren rollen plötzlich ihren Schlag.

Das Licht war Gnade, bis es niederschmolz.

Die Nacht ist lange. Weit der bleiche Tag.

Ans Fenster fällt der schwere Regenbruch.

Ein wunderbarer Schlaf kommt plötzlich her.

Der Garten brütet Moder und Geruch.

Dann wird es stille. Keiner atmet mehr 10

1949 Der Prosaband Phantastische Geographie, mit zehn Zeichnungen von Alfred Kubin, erscheint.

1951 Der Band Das Fränkische Jahr erscheint.

1953 Der Band „Jene Dame, welche…“ Gedichte zu kleinen Anzeigen erscheint.

1954 Der Band Buchstabenspiel sowie Die Reise aus Sehnsucht. Zwei Erzählungen erscheinen. Auszug aus Buchstaben Spiel: “Der französische Dichter Rimbaud sagt von A, daß es schwarz sei. A ist nicht schwarz. Der erste Buchstabe kann nicht schwarz sein – er ist weiß und tadellos” 11 Da nicht jeder Mensch bei Buchstaben Assoziationen hat, dürfte es manchem schwer fallen, die Schnackschen zu verstehen.

1956 erscheint Flirt mit dem Alltag (Auszüge des Textes oben)

1957 erscheint das Brevier der Zärtlichkeit (Textauszüge oben) Schnack erhält die Ehrennadel der Stadt Alzenau.

1959 erhät Schnack die Ehrengabe der Hermann-Hesse-Stiftung der Deutschen Kultusministerkonferenz.

1961 erscheint das Werk Schöne Mädchennamen.

1964 wird ihm die Bürgermedaille der Stadt Hammelburg verliehen. Zudem erscheint der Band Weinfahrt durch Franken.

1965 kommt die bibliophile Neuveröffentlichung des Prosastücks Geräusche, Klänge, Laute, die ich liebe, heraus

1968 erhält Schnack den Bayerischen Poetentaler.

1973 stirbt er nach einem Schwächeanfall, der eine längere Aufnahme in die Hanauer Klinik erfordert, am 26. September an den Folgen einer Herzschwäche in Kahl; er wird auf dem dortigen Friedhof begraben.

Im Jahre 1973 wurde er für den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland vorgeschlagen.

2003 Eine Stele für den Heimatdichter Anton Schnack wird eingeweiht

2013 Ein alter Springbrunnen, ein Pavillon – in Nachbarschaft zu einem verwitterten  Pool (dem wahrscheinlich ersten in Kahl) – in diesem Umfeld im Schnackpark wurde am 14.Juni ein Gedenkstein für den Schriftsteller Anton Schnack enthüllt. 12

 

Anton Schnack Gedenkstein

Foto: Bernhard Schmitt

Foto: Bernhard Schmitt

Fußnoten

Kahl hat gegenwärtig etwa 7.400 Einwohner, in den 50er Jahren waren es weniger. 1958 waren es 6.000

2 Die Aussage ist nicht verbürgt, sondern eine Art dichterische Freiheit des Autors C.S.

3 http://de.wikipedia.org/wiki/Blut-Schwei%C3%9F-und-Tr%C3%A4nen-Rede

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_%28Literatur%29

5 Vgl. “Kleine Glückseligkeiten, Bruchstücke aus einer paradiesischen Welt”, Zu Leben und Werken Anton Schnacks. Nachwort von Hartmut Vollmer, in: Anton Schnack, Werke in zwei Bänden, Band 1 – Lyrik, Berlin 2003, S. 458

6 Vgl. ebd.

7 Vgl .Ernst Klee, Kulturlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2009, S. 483 und Main-Post vom 12.10.2011 (Björn Kohlhepp)

8 Wolfgang Rothe, Der Expressionismus: theologische, soziologische und anthropologische Aspekte einer Literatur, Frankfurt am Main 1977, S.89

9 Vgl. Hartmut Vollmer S 474 ff.

10 Die Zeit, 1.12.1949

11 Anton Schnack, Buchstaben Spiel, Stuttgart 1956, S.7

12  Main-Echo 22.5.2013

Literatur

Anton Schnack, Flirt mit dem Alltag (Zeichnungen von Max Schwimmer), Frankfurt am Main 1956

Anton Schnack (Zeichnungen von Trix), Brevier der Zärtlichkeit,
Frankfurt am Main 1957

Anton Schnack, Die Angel des Robinson, München 1946 (Desch Verlag)

Anton Schnack, Begegnungen am Abend, Stuttgart 1940

Anton Schnack, Der Bootsmaat Nikifor Begitschew, in: 24 neue deutsche
Erzähler – Frühwerke der neuen Sachlichkeit, München 1973

Anton Schnack, Tier rang gewaltig mit Tier, Berlin 1920 (Rowohlt Verlag)

http://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Schnack

Anton Schnack, Werke in zwei Bänden, Elfenbein Verlag, Berlin 2003

Anton Schnack, Buchstaben Spiel, Stuttgart 1956 (Reclam Verlag)

Süddeutsche Zeitung, 27.04.2004, Rezension von Rolf-Bernhard Essig

http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_%28Literatur%29

http://de.wikipedia.org/wiki/Gel%C3%B6bnis_treuester_Gefolgschaft

Main-Echo 22.5.2013 Gedenkveranstaltung:  Die Kahler Artur Glöckler
GmbH erinnert am 14. Juni an Schriftsteller Anton Schnack

Main-Echo 18.06.2013  Eine Ehrensache -Gedenkveranstaltung: Die Kahler erinnern sich an »ihren« Schriftsteller Anton Schnack

Main-Post 12.10.2011 Björn Kohlhepp
Walter Bloem und die Brüder Schnack: Rienecks Dichter und die NazisBraune Vergangenheit: Welche Rolle spielten Walter Bloem und die Brüder Schnack in der Nazizeit?

Wolfgang Rothe, Der Expressionismus: theologische, soziologische und anthropologische Aspekte einer Literatur, Frankfurt am Main 1977

http://www.zeit.de/1949/48/herbstliche-nacht

FAZ (Rhein-Main-Zeitung) vom 12.09.2003 – Stele für Heimatdichter Anton Schnack

Ernst Klee, Kulturlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2009

Gedichte des Expressionismus ,Hrsg. Dietrich Bode, Stuttgart 2001

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Sophie Benning, Das Leben ist ein Kitschroman, Bindach 2011

Charlotte ist verliebt in den Tierarzt Carsten, der sie aber mit einer anderen betrügt. “Das ist alles ein missverständnis, Charli”*, stotterte Carsten. “I-ich kann dir das alles erklären und ….”
“Was kannst du erklären?” Seine Freundin stemmte beide Hände in die Seite und sah ihn wütend an.
“Das ist ganz einfach: Wenn Sie nicht da sind, hat dieser nette Tierarzt eine andere Freundin.” Mechthild legte mir eine Hand auf den Rücken.”Dann macht er sich an unserer Scharlodde ran.
Bis Sie wieder hier auftauchen. Dann serviert er sie mit dämlichen Ausreden ab, aber wie wir gerade sehen, kann das ganz schön ins Auge gehen.” “Viellaicht sollte er sainen Namen ändern…” Olga deutete mit dem Zeigefinger auf Carsten. “Denn är ihst kain toller Hächt, sondern
sondern aine miese Rahte. “Carsten?!” Die Stimme der Blondine wurde schrill. “Stimmt das?
Hast du was mit dieser Frau?” “Na ja…” Carsten wand sich.”Haben ist víelleicht etwas übertrieben.
Wir sind mal zum Essen gegangen und…” Vorlauf der Heldin Charlotte: Kein Sex. Und das schon seit unvorstellbaren zehn Monaten. So lange hat sich Charlotte auf  ihr Examen vorbereitet.
Und jetzt steht sie vor einer langweiligen Karriere in der Kanzlei von Dr. Krause.Hierauf hat sie wenig Lust. Der Umzug in die von den Eltern vorgesehene Eigentumswohnung steht zudem bevor.

Carsten entpuppt sich vorher schon als betont unseriöser Liebhaber bei unvorhergesehenen Situationen. Bei einem Lokalbesuch mit seiner Charlotte kommen plötzlich zwei hübsche Frauen durch die Tür. Er entblödet sich nicht, unter dem Tisch zu verschwinden.

“Ein Krampf”, stöhnte er und versuchte das Bein zu strecken. “Oh verdammt, tut das weh!”
“Vielleicht solltest du lieber versuchen aufzustehen, Bei mir hilft das immer. ” Carsten schüttelte den Kopf.”Lass mal. Ist sicher gleich vorüber.” Also tauchte ich wieder auf. Gerade rechtzeitig, um dem verduzten Kellner zu versichern, dass das Essen wunderbar gewesen sei und mein Begleiter noch lebe… Soweit Sophie Benning.

Und die Moral von der Geschichte: Männer, die beim Auftreten von Frauen in Restaurants unter dem Tisch verschwinden, um einen Krampf zu therapieren, handeln unglaubwürdig. Sie haben etwas zu verbergen. Einen Krampf behebt man, indem man mit dem besagten Bein auftritt und sich erhebt. Dann löst sich der Krampf schnell wieder.

Frau Benning weist den Weg, wie man heuchelnde Männer entlarven kann. Das Buch ist insofern wegweisend für Frauen und Männer. Charlotte will alles aufschreiben und an eine Frauenzeitschrift
versenden. Besser als eine Stellung bei Dr. Krause.

* Abkürzung für Charlotte

 

Marie Louise Allison – Also bin ich froh

Die Ich-Erzählerin Jennifer M. Wilson – das “M” steht für Mercy und bedeutet möglicherweise Gnade – arbeitet als Sprecherin beim Rundfunk und in der Werbung. Sie erinnert sich, dass ihre Eltern – ihre Mutter war die zweite Frau ihres Vaters – ständig vor ihren Augen übereinander herfielen in sexueller Absicht. Macht man das? Warum konnten sie sich nicht beherrschen? Das hatte  ihr Angst eingejagt, solange sie noch klein war. Sie begriff nicht, was die beiden da machten. Während Jennifer noch zur Schule ging, kamen ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall um. 1993 taucht in Glasgow der französische Dichter Cyrano de Bergerac auf , der im 17. Jahrhundert (1655) schon gestorben ist. Die Frage bei einen Toten, genannt hier Savinien, der wieder lebend auftaucht, ist, ob der abstruse Grad einer Handlung nicht zu groß ist, um sich darauf einzulassen. Vorher war die Beziehung mit Steven gescheitert. Kann man so ein Buch ernst nehmen? Muss man es zur Seite legen? Der Leser ist unschlüssig. Kann man vom Abstrusen leben? Der Tod des Protagonisten: „Ich sah, wie er sich auf den Hacken wiegte, taumelte und dann sacht nach vorn fiel. Wie Wasser, das sich teilt, nahmen die Steine ihn auf, und nichts war mehr. … Seine Kleider, noch warm, erfüllt von seinem lebendigen Geruch.“ Zum Schluss noch etwas Tröstliches: „Jetzt kann ich Arthur aus meinem Schlafzimmerfenster sehen. Er hüpft neben seinem Fahrrad , dann in den Sattel und ist weg. Jetzt ist also niemand mehr hier. Ich werde es vermissen und ich werde Savinien vermissen, und ich werde froh sein.“ Das ist wirklich erhellend.

 

Veröffentlicht 24. März 2014 von schauerchristian in Betrachtungen zur Literatur

Hermann Hesse – ein deutscher Romantiker/ Edzard Schaper „Die Freiheit des Gefangenen“

Der Steppenwolf und Klein und Wagner

Der Steppenwolf” ist die Geschichte einer psychischen Spaltung der Hauptfigur Harry Haller, einer inneren Projektion des Dichters. Haller leidet an der Schizophrenie seines Ichs. Einerseits hat er eine bürgerlich angepasste Seite, ist eine Art Spießer. Andererseits wirkt in ihm eine steppenwölfische Dimension. In dieser ist er einsam und zerrisssen und ein Kritiker seines Standes. Beide Seiten bekämpfen sich und schränken die künstlerische Entwicklung ein.Der Weg der Versöhnung beider Seiten ist der Humor, im Lachen über sich selbst und die Gesellschaft. Der Humor lässt eine künstlerischen Vollendung möglich erscheinen. In seinem Teil des magischen Theaters findet sich neben Orgien und Dialogen mit Mozart auch ein Kapitel “Auf zum fröhlichen Jagen! Hochjagd auf Automobile”.Hier heißt es unter anderem:

Auf den Straßen jagten Automobile, zum Teil gepanzerte, und machten Jagd auf auf die Fußgänger, überfuhren sie zu Brei, drückten sie an den Mauern der Häuser zuschanden. Ich begriff sofort: es war der Kampf zwischen Menschen und Maschinen, lange vorbereitet, lang erwartet, lang gefürchtet, nun endlich zum Ausbruch gekommen. Überall lagen Tote und Zerfetzte herum, überall auch zerschmissene,verbogene, halbverbrannte Automobile, über dem wüsten Durcheinander kreisten Flugzeuge, und auf sie wurde von vielen Dächern und Fenstern aus mit Büchsen und Maschinengewehren geschossen.” Die Fußgänger schlagen allerdings zurück. Haller und sein Jugendfreund Gustav leisten Revanche. “‘Auf den Chauffeur zielen!’ befahl Gustav schnell, eben rannte der schwere Wagen unter uns vorbei. Und schon zielte ich und drückte los, dem Lenker in die blaue Mütze. Der Mann sank zusammen, der Wagen sauste weiter, stieß gegen die Wand, prallte zurück, stieß schwer und wütend wie eine große dicke Hummel gegen die niedere Mauer, überschlug sich und krachte mit einem kurzen leisen Knall über die Mauer in die Tiefe hinunter: ‘Erledigt!’ lachte Gustav. ‘Den nächsten nehme ich.’ “

 

Soweit die abnorme Aggressivität gegen Automobilfahrer, die auch heute manchen umzutreiben scheint: “Der Mann, der in Nürnberg auf Autos geschossen haben soll, ist ein 49-jähriger Rechtsanwalt aus Nürnberg. Das hat die Polizei bei einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Der Mann hat die Taten gestanden.” BR- Nachrichten 20.11.2014. Es heißt dort weiter: “Warum der verheiratete 49-Jährige auf die Autos geschossen hat, wollte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen noch nicht bekannt gegeben. Der Mann sei zwar geständig, bestreitet aber, dass er in Tötungsabsicht geschossen hat. ”Vielleicht hat er den “Steppenwolf” gelesen, festgestellt, daß der Harry Haller auch etwa 50 ist und wurde dann Nachahmungstäter. Jüngere Täter wurden bei einem anderen Fall verhaftet. “Nach den Schüssen auf Autos und Busse im Ruhrgebiet haben über 50 Autobesitzer Schäden an ihren Fahrzeugen bei der Polizei gemeldet. Die Täter konnten unterdessen gefasst werden; sie haben gestanden.” Beide Täter waren zwanzig: “Zum Verhängnis wurde den Tätern ihr auffälliges Auto. Der BMW Z4 wurde am Sonntagabend von zwei Zeugen gesehen, die Ermittlungen führten zu einem 20-Jährigen Schüler aus Recklinghausen. In dessen Wohnung wurde dann auch eine umgebaute Softair-Pistole und dazugehörige Stahlmunition gefunden. Weitere Ermittlungen führten dann zum zweiten Täter: Einem ebenfalls 20jährigen Handwerker aus Recklinghausen.” Ruhr Nachrichten 25.3.2014. Ein Motiv konnten die beiden nicht benennen. Konnten es Gustav und Harry Haller?

 

Eine Beatgruppe namens “Steppenwolf” nannte sich nach dem Werk Hesses. Können die Empfehlungen in “Born to be wild” in Hesses Werk nachgewiesen werden? Yeah, darlin’ Gonna make it happen Take the world in a love embrace. Betrachten wir die Zusammenkunft Hallers mit Hermine im magischen Theater Nur für Verrückte”: “Wir beide standen und blickten einander an. Einen Augenblick lang wurde ich wach und nüchtern, fühlte ungeheure Müdigkeit mich von hinten überfallen, fühlte die durchgeschwitzten Kleider widerlich feucht und lau um mich hangen, sah meine Hände rot und dickgeädert aus zerdrückten und verzwickten Manschetten hervorkommen. Ab sofort war das wieder vorbei, ein Blick Herminens löschte es aus. Vor ihrem Blick, aus dem meine eigene Seele mich anzuschauen schien, sank alle Wirklichkeit zusammen, auch die Wirklichkeit meines sinnlichen Verlangens nach ihr. Verzaubert blickten wir einander an, blickte meine arme kleine Seele mich an. Du bist bereit?’ fragte Hermine, und ihr Lächeln verflog, wie der Schatten über ihre Brust verflogen war, Fern und hoch verklang jenes fremde Lachen in unbekannten Räumen.” 1 Die Gruppe “Steppenwolf” dichtet weiter: “Steck’ die Welt in eine Umarmung der Liebe, Schieß’ all’ Deine Waffen zugleich ab und explodiere ins All.”

 

Im Zeitalter der Upanishaden (750-500 v. Chr.) werden Brahman und Atman als Wesenseinheit begriffen, die das wahre Wesen der Welt repräsentieren. Atman ist das innerste Wesen der Persönlichkeit, das eigentliche Ich. Die Seele des Einzelnen ist mit dem Brahman – der Weltseele- eins. Hier könnte die Gruppe die Vision am Schluß von “Klein und Wagner” gelesen und in Worte gefasst haben: Diese Schizophrenie gipfelt schließlich in Kleins Selbstmord, der zur Symbiose der sich widersprechenden Elemente wird. Wie detaillert das Sterben Kleins geschildert ist, wie unermesslich tief dieser Rausch, dieser Taumel, dieser Sog geschildert ist, den der Sterbende als Weg zu Glück und Erlösung empfindet, das ist wahrlich groß.” 2

 

Wobei Klein nicht direkt explodiert, sondern ins All gleitet. Helden und Denker traten aus dem Weltstrom, Propheten, Verkünder. ‘Siehe, das ist Gott der Herr, und sein Weg führt zum Frieden’, rief einer, und viele folgten ihm. Ein andrer verkündete, daß Gottes Bahn zum Kampf und Kriege führe. Einer nannte ihn Licht, einer nannte ihn Nacht, einer Vater, einer Mutter. Einer pries ihn als Ruhe, einer als Bewegung, als Feuer, als Kühle, als Richter, als Tröster, als Schöpfer, als Vernichter, als Verzeiher, als Rächer. Gott selbst nannte sich nicht, Er wollte genannt, er wollte geliebt, er wollte gepriesen, verflucht, gehaßt, angebetet sein, denn die Musik der Weltchöre war sein Gotteshaus und war sein Leben – aber es galt ihm gleich, mit welchen Namen man ihn pries, ob man ihn liebte oder haßte, ob man bei ihm Ruhe und Schlaf, oder Tanz und Raserei suchte. Jeder konnte suchen. Jeder konnte finden. Jetzt vernahm Klein seine eigene Stimme. Er sang. Mit einer neuen, gewaltigen, hellen, hallenden Stimme sang er laut und hallend Gottes Lob, Gottes Preis. Er sang im rasenden Dahinschwimmen inmitten der Millionen Geschöpfe, ein Prophet und Verkünder. Laut schallte sein Lied, hoch stieg das Gewölbe der Töne auf, strahlend saß Gott im Innern. Ungeheuer brausten die Ströme hin.” 3

 

Hier steigert sich Hesse in einen Sprachrausch, der den Schluß zu einer metaphysischen Phantasie werden lässt. Visionen sind gelegentlich fiebrig – aber sucht nicht der Visionär das Fieber? In den vergangen Jahren tauchte eine Gruppe “Die Yogischen Flieger” in der Politik auf.4 Möglicherweise haben sie auch manches von Hesse gelesen. Persönlich komme ich schwimmend dem All auch nicht näher nach dem Genuß von mindestens drei Gläsern Bier! Man muß wohl eine erbliche Disposition dazu haben! In einem Brief schreibt Hesse 1919 über seine Beziehung zur asiatischen Kultur und Religion: „Ich bin seit vielen Jahren davon überzeugt, dass der europäische Geist im Niedergang steht und der Heimkehr zu seinen asiatischen Quellen bedarf. Ich habe jahrelang Buddha verehrt und indische Literatur schon seit meiner frühesten Jugend gelesen. Später kamen mir Lao Tse und die andern Chinesen näher. Zu diesen Gedanken und Studien war meine indische Reise bloß eine kleine Beigabe und Illustration.“ Was war dem Tod Kleins vorausgegangen? Der unbedeutende Beamte Klein hat sein Gewissen mit einem Verbrechen, das er im Traum beging, belastet. 5 Ein vierfacher Mord an Frau und Kindern stand im Raume. Der Zwangsvorstellung entging er durch Flucht in den Süden. Der Schullehrer Wagner spielt eine zentrale Rolle in seinem Traum. Er beging einen vierfachen Mord, dem Klein zustimmte. Das Theater mit der Aufschrift ‚Wagner’, war das nicht er selbst, war es nicht Aufforderung, in sich selbst einzutreten, in das fremde Land seines wahren Innern? Denn Wagner war er selber – Wagner war der Mörder und Gejagte in ihm, aber Wagner war auch der Komponist, der Künstler, das Genie, der Verführer, die Neigung zu Lebenslust, Sinnenlust, Luxus – Wagner war der Sammelname für alles Unterdrückte, Untergesunkene, zu kurz Gekommene in dem ehemaligen Beamten Friedrich Klein.” 6 Daß mit diesem Wagner auch Richard Wagner gemeint sein könnte, ist möglich. 7Das Erhabene und das Verworfene in einer Person. “Wie ist es möglich, daß der Schwärmer selbst, er, der Beamte Klein, den Musiker und auch den Mörder Wagner in sich trägt? Das ist die Frage für den Flüchtling, und ist die Frage des Dichters.” 8 Autobiographisch fließt in die Erzählung folgendes ein: Als Hesse im April 1919 in das Tessin zog und sich dort in Montagnola niederließ, hatte er gerade die Entscheidung getroffen, seine Frau und seine drei Söhne zu verlassen. 9 Seine erste Frau Mia verfiel im Oktober 1918 in eine schwere Gemütskrankheit. Ihre Depressionen wurden bis 1925 in drei verschiedenen Heilanstalten stationär behandelt. Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung kam zu dem Ergebnis, dass eine Trennung der Ehepartner Hesse unausweichlich sei. 10 Kehren wir zum “Steppenwolf” zurück. Sein Gebiß ist scharf. Seine Ironie liegt darin, dass er mit 50 das Tanzen lernt, obwohl er eigentlich eher mit Mozart auf einer Wellenlänge liegt. “Als Wappen – und Totemtier tritt er an die Spitze eines Bundes von heimlich Versunkenen, deren Herz und Geist die hohen Worte blank und rein erhalten wissen will.” 11

 

Dass er dabei zwischendurch reichlich durchgeknallt agiert, wird hier leider verschwiegen. In seinen eigenen Worten meint er dazu: ” In meinem Leben haben stets Perioden einer hochgespannten Sublimierung, einer auf Vergeistung zielenden Askese abgewechselt mit Zeiten der Hingabe an das naiv Sinnliche, ans Kindliche, Törichte, auch ans Verrückte und Gefährliche. Jeder Mensch hat hat dies in sich. Ein großer Teil, ja der allergrößte Teil dieser dunkleren, vielleicht tieferen Lebenshälfte ist in meinen früheren Dichtungen unbewußt verschwiegen oder beschönigt worden. Der Grund zu diesem Verschweigen lag, wie ich glaube, nicht in einer naiven Verdrängung des Sinnlichen, sondern in einem Gefühl der Minderwertigkeit auf diesem Gebiete. Ich verstand mich auf das Geistige im weitesten Sinne besser als auf das Sinnliche…” 12

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Bild: Hesse-Denkmal in Calw

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Fußnoten

1 Hermann Hesse, Der Steppenwolf, Frankfurt am Main 2013 (54. Auflage), S. 221. f.

2 http://www.shitesite.de/2004/11/03/durchgelesen-hermann-hesse-klein-undwagner/

3 Hermann Hesse, Klein und Wagner, Frankfurt am Main 2014 (21. Auflage), S. 95

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Naturgesetz_Partei

5 Vgl. Hugo Ball, Hermann Hesse.Sei Leben und sein Werk, Frankfurt am Main 1972, S. 173

6 Hermann Hesse, Klein und Wagner, ebd. S.70

7 Vgl. Hugo Ball ebd.

8 Ebd., S.174

9 http://de.wikipedia.org/wiki/Klein_und_Wagner

10 vgl. ebd.

11 Hugo Ball, ebd. S. 214

12 Nachwort Buch Krisis, in: Bernhard Zeller, Hermann Hesse, in Selbstzeugnissen und

Bilddokumenten, Reinbeck bei Hamburg 1973 (11. Auflage), S. 102

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Literatur:

Der Steppenwolf aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Hermann Hesse, Der Steppenwolf, Frankfurt 2013 (54. Auflage)

Hermann Hesse, Klein und Wagner, Frankfurt am Main 2014 (21. Auflage)

Hugo Ball, Hermann Hesse.Sei Leben und sein Werk, Frankfurt am Main 1972

http://de.wikipedia.org/wiki/Klein_und_Wagner

http://www.shitesite.de/2004/11/03/durchgelesen-hermann-hesse-klein-und-wagner/

Bernhard Zeller, Hermann Hesse, in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbeck bei

Hamburg 1973 (11. Auflage)

http://de.wikipedia.org/wiki/Steppenwolf_%28Band%29

http://de.wikipedia.org/wiki/Born_to_Be_Wild

http://www.songtexte.com/songtext/steppenwolf/born-to-be-wild-7bd47640.html

Geschrieben: Ende 2014, Anfang 2015

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Hermann Hesse Narziß und Goldmund (Erschienen 1930 – Die Aufzeichnungen entstanden ungefähr 1968  bis 1970)

 

In der Klosterschule schließen der asketische Mönch Narziß und der künstlerisch begabte Goldmund Freundschaft. Durch psychoanalytische Einwirkung gibt Narziß dem Freunde die Erinnerung an die vergessene Mutter zurück und öffnet ihm den Weg zu seiner wahren Natur. Goldmund geht durch unzählige Liebesabenteuer hindurch, in denen er das Urbild der Mutter, das Weib als Eva und Madonna, sucht. Jedoch um die Darstellung dieses Bildes ringt er, der verschmäht, aus der Bildhauerkunst einen Broterwerb zu machen, vergeblich. Erst im Tode nimmt ihn die Urmutter zu sich. Im Mittelpunkt des Romans steht der Gegensatz Geist – Natur, der in dem Freundespaar Narziß – Goldmund Gestalt annimmt. Narziß, der Mönch, lebt ausschließlich in einer geistigen Welt, ist ein Mensch, der fernab von jeder Sinnlichkeit sich in transzendenten Bindungen zu finden sucht. Er, der jede kleine Sünde durch selbst auferlegte Buße sühnen will, ist schon als Jüngling seinem Vorgesetzten an Geist weit überlegen. Dieses Verhältnis von Narziß zu seinem Vorgesetzten, dem Abt war schwierig – dem Abt war die Einfalt ja die Wahrheit.Darin scheint sich die eigentliche Tragik des Mönchtums zu enthüllen. Durch die absolute Gehorsamspflicht nämlich, die Narziß auferlegt wird, kann er seine geistigen Fähigkeiten nicht voll zur Geltung bríngen. Diese Unterwürfigkeit weiß er zwar auf sich zu nehmen, sie dient ihm zur Bekämpfung seines Stolzes. Er ist aber in dieser Rolle nur ein Schatten von dem, was er sein könnte. Narziß empfindet vom ersten Augenblick an für Goldmund tiefe Sympathie. Er erkennt frühzeitig, dass Goldmund der gerade Gegenpol zu ihm ist, dass aber genau dieser Gegenpol auch eine Ergänzung einschließt. Seine ausgesprochen gute Menschenkenntnis zeigt sich in dem psychoanalytischen Meisterstück, durch das er Goldmund die Erinnerung an seine Mutter zurückgibt.Dies ist der Eckpfeiler für Goldmunds späteres Leben.

 

Narziß ist ein Mensch, der es ablehnt, anderen Menschen seine Gefühle zu zeigen. Er weiß sich zu beherrschen, eine Eigenschaft, die er in oftmaligen Bußübungen erweitert hat. So enthält er sich auch grundsätzlich, den nur um ein paar Jahre jüngeren Goldmund in der Schule zu bevorzugen – er war schon frühzeitig Lehrer geworden. Vielmehr muss Goldmund in mühseligen Bestrebungen um einen anerkennenden Blick oder ein freundliches Nicken um seine Gunst buhlen. Diese Härte gegen sich selbst und seine Umwelt löst sich vollständig erst am Ende, als er die Stirn Goldmunds mit den Lippen berührt und ihm seine aufrichtige Freundschaft gesteht. Dies bedarf allerdings des nahen Todes seines Freundes. Hesse verkörpert wie gesagt in Narziß den Geist, der seinen Gegenpunkt in Goldmund hat. Goldmund wird durch die geschickte psychoanalytische Einwirkung seines Freundes zu seiner wahren Bestimmung, zur Kunst,zur Sinnlichkeit, zur „Mutter“ hingeführt. Er erkennt, nachdem er die erste Begegnung mit einem Mädchen hatte, dass er sich zum Mönchtum nicht eignet, dass er vielmehr durch die Welt wandern und seiner Sinnlichkeit frönen muss. Diese Freiheit des Vagabundendaseins mit vielen amorösen Abenteuern erscheint ihm meist als das richtigste, was er seiner Anlagen gemäß, tun kann. Gegen die Sesshaftigkeit der Spießbürger hegt er von Anfang an eine heftige Antipathie. Sein dauernder Trieb, Liebe zu finden und geliebt zu werden, läßt ihn oft nicht wählerisch sein mit der Art der Frau, die er zu seiner geschlechtlichen Befriedigung wählt. Fast alle diese Beziehungen sind aber lediglich nur kurze Episoden (meistens nur eine Nacht lang), während er die „wahre Liebe“ nur zwei Mal findet. Nämlich in Lydia und Agnes. Diese Sinnlichkeit ist eine der stärksten Charakterzüge Goldmunds, den nur noch der Hang zur Kunst, zum selbständigen Schaffen an Intensität übertrifft. In der Kunst sucht er den Sinn seines Lebens, die Gestalt – Werdung seiner Ideale, das dauerhafte Sein im Vergehen. Das tiefe Verlangen, ein großes Werk zu schaffen, ergreift ihn nur in gewissen Situationen, nämlich wenn er einer ihm bedeutsamen Persönlichkeit ein bleibendes Denkmal in zeitloser Gestalt setzen will (Narziß, Lydia).

 

„Hesses Roman ‘Narziß und Goldmund’ … setzt mit großer sprachlicher Schönheit ein und scheint in einer mittelalterlichen Zeitlosigkeit zu schweben …ohne dadurch seine schmerzliche Fühlung mit den Problemen der Gegenwart zu verleugnen.“ Dies meinte Thomas Mann. Immer wieder webt Hesse geschickt seine Meinungen in die Handlung ein. Diese Meinungen, so möchte ich meinen, sind äußerst gut durchdacht und aufgrund von langjährigen Erfahrungen erworben. Besonders zutreffend finde ich, ist,was Hesse (hier mit Goldmunds Worten) über die Kunst schreibt. „Vielleicht“ dachte er, „ist die Wurzel aller Kunst und vielleicht auch alles Geistes die Furcht vor dem Tode. Wir fürchten ihn, wir schauern vor der Vergänglichkeit, mit Trauer sehen wir immer wieder die Blumen welken und die Blätter fallen und spüren im eigenen Herzen die Gewissheit, dass auch wir vergänglich sind und bald verwelken. Wenn wir nun als Künstler Bilder schaffen oder als Denker Gesetze suchen und Gedanken formulieren, so tun wir es, um doch irgend etwas aus dem großen Totentanz zu retten, etwas hinzustellen, was längere Dauer hat als wir selbst.“ Hermann Hesse wurde in seiner Jugend eine sehr strenge Erziehung zuteil. Sein großes schriftstellerisches Talent drohte durch die pietistische Erziehung seiner Eltern (sein Vater war Pfarrer) nicht zur Entfaltung zu kommen. Aus diesem Grund ist es zu verstehen, daß Hesse, als er sich von seinem Elternhaus losriss (er sollte auch Pfarrer werden), eine ganz andere, eine freie Einstellung zur Kunst und zur Sittlichkeit fand.

 

„War der Mensch wirklich dazu geschaffen, den Aristoteles und Thomas von Aquin zu studieren, Griechisch zu können, seine Sinne abzutöten und der Welt zu entfliehen? War er nicht vielmehr von Gott geschaffen mit Sinnen und Trieben , mit blutigen Dunkelheiten, mit der Fähigkeit zur Sünde, zur Lust, zur Verzweiflung?“ Diese Aussagen im Monolog der Narziß scheinen mir ein Hauptproblem des Werkes von Hermann Hesse zu sein, seine Triebe zu befriedigen, sich zur Natur zu bekennen, wenn schon diese Triebe unabwendbar sind. Der Typ, den Goldmund teilweise einnimmt, dürfte nach Hesse nicht empfehlenswert sein zur Nachahmung. Aber es ist klar, dass Hesse ihn so darstellen muss, um den Gegensatz zu Narziß so deutlich wie möglich hervorzuheben. Als gelungen möchte ich den Schluss bezeichnen. Hesse gibt sich nicht zufrieden mit einem Goldmund, der in der Religion ein Stück Halt findet. Er lässt Goldmund im Tod die Erfüllung seines Lebens finden.Gern gibt er sich dem Gedanken an das Sterben hin: „Und nun sieh, wie wunderlich es mir mit ihr,( der Mutter), gegangen ist:statt dass meine Hände sie formen und gestalten, ist sie es, die mich formt und gestaltet. Sie hat ihre Hände um mein Herz und löst es los und macht mich leer, sie hat mich zum Sterben verführt, und mit mir stirbt auch mein Traum, die schöne Figur, das Bild der großen Eva-Mutter. Noch sehe ich es, und wenn ich Kraft in den Händen hätte, könnte ich es gestalten. Aber sie will das nicht, sie will nicht, dass ich ihr Geheimnis sichtbar mache. Lieber will sie, dass ich sterbe. Ich sterbe gern, sie macht es mir leicht.“

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Edzard Schaper Die Freiheit des Gefangenen

 

A Kurze Angaben zur Person Edzard Schapers (geboren 1908)1:

Von entscheidender Bedeutung für Schapers Werk erweist sich die Konversion des Schriftstellers zum Katholizismus. Die Romane Schapers sind durch die Darstellung überkonfessionell religiöser Themen gekennzeichnet: Die Bewährung des im Glauben gebundenen Gewissens, Erfahren von Schuld und Gnade, der Kampf der Kirche gegen atheistische Mächte.

B I. Inhaltsangabe:

Pierre de Molart, Leutnant in der Armee Bonapartes, verliebt sich in die junge Gräfin Hortense d’Anjou, die man als entschiedene Anhängerin der monarchistischen Opposition gegen Napoleon bezeichnen kann. Wegen dieser Beziehung wird er ohne Nennung von Gründen verhaftet und eingekerkert. Er nimmt Kontakt zum Gefängnispersonal auf und erhält durch diese Beziehungen die Chance zur Flucht. Nacheinander werden nämlich ein Gefolgsmann der Gräfin (der Priester) und die Gräfin selbst ins Gefängnis eingeschleußt; beide können ihn jedoch nicht zur Flucht bewegen. Die Liebe zur Gräfin und der Eid auf Bonapartes Armee treten sich unvereinbar gegenüber. Den Entschluß, nicht zu fliehen, bereut er postwendend. Ob die zweite und dritte Chance zur Flucht verwirklicht wird, bleibt in diesem Teil des Buches offen.2

 

II.Die wichtigsten Personen und die an ihnen dargelegten Probleme

1. Du Molart: er gehört zu jenen Menschen, die sich in einer soldatischen Gemeinschaft am wohlsten fühlen. Im Großen und Ganzen gefestigter Christ, Soldat und Patriot, kennt du Molart doch in gewissen Situationen den Zweifel, zumindest den an der militärischen Ordnung. Schaper beschreibt an Du Molart den Konflikt des religiös gebundenen Gewissens zwischen dem Fahneneid und dem Streben nah individuellem Glück. Außerdem zeigt er an ihm die Willkür und Uneinsehbarkeit des Schicksals. Diese führt aber nicht zur Auflehnung, sondern letztlich zum Glauben.

2. Hortense d’Anjou: sie ist eine Frau von eisernem Willen und radikaler politischer Überzeugung. Für ihre Ideen zeigt sie sich bereit, Menschen zu Opfern, denn vom Menschen denkt sie allgemein sehr geringschätzig. Durch sie erst wird du Molart in den entscheidenden Konflikt gestürzt.

III:Religiöse Thematik. und christliches Gedankengut in Schapers Roman

Neben einigen biblischen Vergleichen versucht Schaper die Stellung des Menschen klarzustellen. Er ist der Überzeugung, dass Gott als Maß dienen muss, damit der Mensch nicht zu einem Geschöpf der Verzweiflung wird. Bemerkenswert ist auch die Kritik am Papst, dessen Unfehlbarkeit durch den Priester grundlegend angezweifelt wird. Zu einer radikalen Absage gegenüber dem Papsttum reicht es jedoch nicht. Natürlich wirkt es nicht verwunderlich, dass die Sprache dem Inhalt angemessen ist. Neben archaischen Wendungen gebraucht der Dichter gerne etwas veraltete Fremdwörter.

 

C Schapers Zentralproblem, der Konflikt du Molarts, ist vielleicht heute nicht mehr ganz aktuell. Es hat sich gezeigt, dass Eide, wie die du Molarts, immer wieder dazu benutzt werden, Menschen durch falsche Treue gegen einander aufzuhetzen. Deshalb erscheint es heute nicht mehr verständlich, dass ein Mensch sein individuelles Glück wegen eines solchen Eides aufgeben kann. Als überzeugendste Stelle könnte man die Situation sehen, in der du Molart die Möglichkeit des Selbstmordes in Betracht zieht. Schaper deutet an, dass gerade diese Möglichkeit, die oftmalig als Inbegriff der menschlichen Freiheit angesehen wird, zur Qual der Qualen werden kann.

Geschrieben 1970 Nachbemerkung: Die Thematik galt damals als etwas verstaubt. Sie traf einen, der sich lange für kein anderes Werk entscheiden konnte und dann das nehmen musste, das noch übrig war.

Fußnoten

1 Gestorben 1984 – nachträglich hinzugefügt

2 „Die Macht der Ohnmächtigen„ heißt ein weiterer Roman. Er ist die Fortsetzung des Romans „Die Freiheit des Gefangenen“. Sie entstanden 1950/1951

Veröffentlicht 12. März 2014 von schauerchristian in Betrachtungen zur deutschen Literatur

Die Wiener Juden 1938 und Robert Seethalers „Der Trafikant“

Die Wiener Juden 1938 und Robert Seethalers „Der Trafikant“

„Der Deutsche Gruß ist der Gruß der deutschen Volksgenossen. Juden (§ 4, Absatz 1 und 2 des Erlasses des Führeres und Reichskanzlers über die Vereidigung der öffentlichen Beamten des Landes Österreich vom 15. März 1938, LGBl. Nr. 3/1938) ist daher der Deutsche Gruß im Verkehr mit den Justizbehörden, insbesondere bei den Verhandlungen, nicht gestattet. In den Verhandlungen haben sie sich zur Begrüßung des Gerichts nur von den Plätzen zu erheben.“ Aus: Erlässe des (österreichischen) Justizministeriums betreffend die Einführung des „Deutschen Grußes“, April 1938.

G.E.R. Gedye, Als die Bastionen fielen, schreibt unter anderem: „Die erste Reibpartie sah ich auf dem Praterstern. Sie mußte das Bild Schuschniggs entfernen, das mit einer Schablone auf den Sockel eines Monuments gemalt worden war. SA-Leute schleppten einen bejahrten jüdischen Arbeiter und seine Frau durch die beifallklatschende Menge. Tränen rollten der alten Frau über die Wangen, und während sie starr vor sich hinsah und förmlich durch ihre Peiniger hindurchblickte, konnte ich sehen, wie der alte Mann, dessen arm sie hielt, versuchte ihre Haand zu streicheln. ‚Arbeit für die Juden!‘ heulte die Menge. ‚ Wir danken unserem Führer, er hat Arbeit für die Juden geschaffen!’“

Die pogromartigen Ausschreitungen in den Straßen Wiens waren eine Art Volksbelustigung. Juden wurden gruppenweise gezwungen, Schuschniggs Wahlparolen von den Straßen zu waschen. Auch Bemalungen wurden befohlen. Man zwang Juden, jüdische Geschäfte mit der Aufschrift „Jude“ zu versehen oder einen Zionsstern zu malen.

Etwa 25.000 NSDAP-Funktionäre wurden „Kommissarische Vertreter“ in jüdischen Betrieben. Sie stellten hohe Gehaltsforderungen und schwächten dadurch die Betriebe finanziell. Im Deutschen Reich wollte man das jüdische Vermögen eher in der Rüstungsindustrie einsetzen.1

Am 17. und 18. März wurden die Amtsräume der Israelitischen Kultusgemeinde Wien durchsucht. Die beiden Präsidenten wurden frühzeitig – am 1. April 1938- nach Dachau verschickt. Die jüdische Gemeinde musste 500.000 Reichsmark aufbringen, um die Amtstätigkeit der Kultusgemeinde Anfang Mai wieder aufnehmen zu dürfen.

Antijüdische Maßnahmen waren nach dem „Anschluß“ die Entlassung von Beamten, Journalisten und Hochschullehrern, Auftrittsverbote von Schauspielern und Musikern und ein vorläufiges Berufsverbot für Rechtsanwälte.

Zu verzeichnen war eine große Anzahl von Selbstmorden. Geschäftswegnahmen, Requirierung von Wohnungen, Angst vor Verhaftung waren die Gründe. Man kann von einer Verfierfachung der Suizide der Wiener Juden ausgehen.

Die Universität führte einen Numerus Clausus für jüdische Studenten ein, 1937/1938 entstanden Judenschulen.

Von 206.000 Juden, die am 13. März 1938 in Österreich lebten, erlebten 5.816 Menschen die Niederlage des NS-Regimes. 65.459 Personen fielen dem Holocaust zu Opfer. Seit der Reichspogromnacht wussten die Juden, was die Stunde geschlagen hat. Danach gabe es im Oktober 1941 einen Transport von 4.995 Juden nach Litzmannstadt. Im April 1942 folgten Transporte Wiener Juden nach Sobibor. Die größte Aussiedlungsaktion in diesem Jahr war die Deportation nach Theresienstadt. Ende 1942 gab es in Wien nur noch 8.102 Juden. Meist hatten sie „arische“ Ehepartner.

Werfen wir einen Blick auf die Ära Schuschnigg (1898 bis 1977), die der Nazizeit vorausging. Er war vom 29. Juli 1934 bis zum 11. März 1938 diktatorisch regierender Bundeskanzler Österreichs. Die Staatsform galt als austrofaschistisch oder halbfaschistisch. Es war ein Ständestaat, er fand ein christliches Österreich als „besseren deutschem Staat“.2 Zahlreiche Oppositionelle wurden arrestiert, im September 1934 waren es schon über 13.000. Sein „Bundesgesetz zum Schutze des Ansehens Österreichs“ verbot vor allem ausländische Presseerzeugnisse.

Wie spiegelt sich die antijüdische Stimmung im Roman „Der Trafikant“ von Robert Seethaler? Der Trafikant ist Otto Trsnjek, der den jungen Franz Huchel bei sich aufnimmt. „Als Otto Trsnjek um sechs Uhr morgens pünktlich zur Ladenöffnung kam, sagte er kein Wort schweigend betrachtete er die Angelegenheit: den über den Eingang schief hingeschnittenen Schriftzug Hier kauf der Jud!, den kübelweise ausgekippten Dreck, die Scherben, das Blut, die Hühnerköpfe, den stinkenden Gedärmehaufen auf der Verkaufstheke und seinen Lehrling Franz, der zusammengesunken auf dem Hocker in der fensterlosen Auslage saß und aufs Pflaster hinaussstarrte. Lange stand er einfach nur so da, unbeweglich und stumm. Schließlich öffnete er den Mund, um etwas zu sagen, aber mehr als ein kleiner Ton, kaum lauter als das Platzen eines Spuckebläschens, kam dabei nicht heraus. Also macht er sich an die Arbeit.“3

Nach der Übernahme der Macht in Österreich durch die Hitler-Invasion wird der Trafik verwüstet. Die Gestapo erscheint und misshandelt Otto schwer. Der Vorwurf an ihn besteht in der Verbreitung pornografischer Schriften. Franz nimmt die Schuld auf sich, indem er behauptet, dass die Hefte ihm gehören. Er kann nicht verhindern, dass Otto abgeführt wird.

„Im Keller der Gestapo-Dienststelle, in der ehemaligen Wäscherei des Hotels Metropol, mussten sich fünfzehn jüdische Geschäftsleute nackt ausziehen und mit den Händen über dem Kopf auf die Abholung zum Einzelverhör warten. In der Mitte des Raumes waren ihre Kleider zu einem Haufen zusammengeworfen, dessen Spitze eine Mütze bildete, kariert und zerknautscht wie die Mütze eines amerikanischen Stummfilmkomikers. Am Gleis II des Wiener Westbahnhofs saßen vierhunderzweiundfünzig jüdische Gefangene zusammengedrängt in den hinteren Waggons eines Sonderzugs und warteten auf die Abfahrt nach Dachau.“4

Was ist sonst noch erheblich für die Handlung? Der Roman spielt 1937 und 1938. Franz Huchel verlässt sein Heimatdorf, weil seine Mutter einen reichen Gönner verloren hat, der eine amoröses Verhältnis zu seiner Mutter hat. Alois Preisinger geht baden im doppelten Sinne. In die Idylle bricht der Tod: „Der Donner war ohrenbetäubend. Ein Krachen, das die Welt auseinanderzureißen schien. Alois lachte auf und planschte wild mit Armen und Beinen. Er schrie vor Vergnügen. Noch nie hatte er sich so lebendig gefühlt. Das Wasser um ihn herum brodelte, der Himmel über ihm stürzte zusammen, aber er lebte. Er lebte! Er bäumte seinen Oberkörper aus dem Wasser und juchzte in die Wolken hinauf. Genau in diesem Moment schlug ein Blitz in seinem Kopf ein. Eine strahlende Helligkeit füllte sein Schädelinneres aus, und für den Bruchteil einer Sekunde fühlte er so etwas wie eine Ahnung von Ewigkeit in sich aufsteigen. Dann blieb sein Herz stehen, und mit einem erstaunten Gesichtsausdruck und eingehüllt in einen Schleier zartglitzernder Luftbläschen sank er auf den Grund.“5 So kommt der Tod in einem Augenblick der Euphorie!

Franz wird von seiner Mutter nach Wien geschickt und arbeitet in einer Trafik – einem kleinen Tabak- und Zeitungsgeschäft bei einem Bekannten seiner Mutter. Hier verliebt er sich unsterblich in die Varieté-Tänzerin Anezka aus Böhmen. Beide sind mit einem intimen Verhältnis einverstanden: „Mit einer höflichen, gleichzeitig weltmännisch-gelassenen Geste wollte Franz ihr den Weg in sein Kämmerchen weisen, doch da spürte er ihre Hand an seinem Hintern, genau an der Stelle, wo sie schon einmal gelegen hatte, damals, vor unendlich langer Zeit beim Tanz im Schweizerhaus. Sofort begann sein Herz wie verrückt zu klopfen, und eine brennende Hitze stieg in ihm hoch. Irgendetwas wollte er fragen, etwas ungeheuer Dringliches, etwas unerhört Wichtiges, etwas, das ihm auf der Zunge prickelte, aber da lag auch schon ihre Hand an seiner Hinterbacke und ihre Hüfte drängelte sich an seine, und in seinem Kopf verdampften die Worte wie Tropfen auf dem heißen Herd. Sie sah ihm in die Augen und näherte ganz langsam ihr Gesicht, und als er ihren Atem an seinem Mund spürte und das zarte Zittern ihrer Oberlippenwölbung sah, durchlief ihn ein derart heftiger Wonneschauer, dass er mit ziemlicher Sicherheit rückwärts ins Zigarreregal gekippt wäre, wenn ihn Anezka nicht im letzten Augenblick gehalten und fest an ihren Körper gedrückt hätte. Er schloss die Augen und hörte sich selbst einen gurgelnden Laut ausstoßen. Und während die Hose an seinen Beinen runterrutschte und damit alle Last seines bisherigen Lebens von ihm abzufallen schien und er den Kopf in den Nacken legte und in der Dunkelheit unter der Decke hinaufblickte, hatte er für einen seligen Moment das Gefühl, die Dinge der Welt in ihrer unermesslichen Schönheit begreifen zu können. Schon komisch, dachte er, das Leben und diese ganzen Sachen. Dann spürte er, wie Anezka vor ihm auf den Boden glitt, wie ihre Hände seinen nackten Hintern packten und ihn mit sich zogen. ‚Komm, Burschi!‘, hörte er sie flüstern und mit einem Lächeln ließ er sie los.“6 Danach machen beide nackt im Freien noch eine Schneeballschlacht. Außer ihnen ist niemand auf der Straße.

Wie ging es doch in früheren Darstellungen einer Verlobung dezent zu, so in Theodor Fontanes „Mathilde Möhring“ beim Zueinanderfinden von Mathilde Möhring und ihrem späteren Mann Kurt Großmann: „Sie stellte die kleine Teekanne vor ihn hin und was sonst noch auf dem Tablett stand. Und als sie alles geordnet und die Decke geradegezupft hatte, nahm sie das Tablett unter den linken Arm, bückte sich zu ihm herab und gab ihm einen Kuß auf die Stirn. Er wollte sie, vielleicht in unklarer Vorstellung von Bräutigamsrecht und -pflicht, festhalten und einen Sturm auf ihre schmalen Lippen versuchen, aber sie entwand sich ihm sanft. An der Türe legte sie den Zeigefinger an die Lippen und nickte ihm nochmals zu.7“ Eine große Diskrepanz vom braven Stelldichein in Fontanes Roman zum Hinterbacken Ruckizucki bei Robert Seethaler!

Mit Anezka hat Franz auf längere Sicht wenig Glück. Sie arbeitet tagsüber als Haushaltshilfe und nachts als Varieté-Tänzerin mit Nacktauftritt. Von Franz will sie letztlich nichts mehr wissen, sondern zieht ihm einen SS-Mann vor.

In der Trafik lernt Franz auch Sigmund Freud kennen, der dort verkehrt. Zum Liebeskummer seines Klienten meint Freud:„Wir tasten uns mühselig durch die Dunkelheit, um wenigstens hier und da auf etwas Brauchbares zu stoßen.“ Franz schreibt regelmäßig seine Träume auf. Bei Freuds erzwungenem Abschied aus Österreich gelingt es Franz am 4. Juni 1938 dem Psychoanalytiker seine Lieblingszigarre zuzustecken.

Im Mai 1938 erhält Franz die Nachricht vom Tod seines Chefs Otto – mitsamt einem Paket der persönlichen Dinge Ottos, unter anderem die einbeinige Hose. Der Fleischer Roßhuber wird mit Ottos Tod konfrontiert.8 Franz übernimmt die Leitung des Trafik.

Franz bleibt allein in Wien zurück. Bei einer Protestaktion in einer Juninacht entfernt er von einem der drei Fahnenmasten vor dem Wiener Gestapo-Hauptquartier die NS-Fahne. Trsnjeks einbeinige Hose wird als neue Fahne gehisst. Ironisch weht sie oben in der Luft. Am nächsten Tag wird Franz verhaftet. Seine Zukunft bleibt offen.

Der Roman endet am 12. März 1945. “Anezka überquerte die Straße und blieb stehen. Ein Kohlefuhrwerk kam ihr entgegen … Sie ging am Installationsbüro Veithammer vorbei und gelangte ein paar Schritte weiter vor die Ladenfront der ehemaligen Tabaktrafik Trsnjek. Vom Rahmen der Eingangstür blätterte die Farbe, und die Auslagenscheibe war mit einer feinen Staubschicht bedeckt….”9 Sie liest das letzte Traumfragment von Franz: “ 7. Juni 1938 Der See hat auch schon bessere Zeiten gesehen, die Geranien leuchten in der Nacht, aber es ist ja ein Feuer, und getanzt wird sowieso immer das Kicht ver”10 Im Inneren des Trafiks ist nichts. Der Krieg holt sie ein: “Als sie an der ehemaligen Fleischerei Roßhuber vorbeikam, hatte sie wieder das Gefühl, dass die Luft um sie vibrierte. Doch diesmal war es keine Täuschung, und als sie auf Höhe der Votivkirche ihre Schritte beschleunigte und schließlich, so schnell sie konnte, zu laufen begann, war der Himmel längst erfüllt vom rasch anschwellenden Motorengeräusch der alliierten Bomberverbände, die sich wie ein riesiger, dunkler Schwarm von Westen näherten und die Stadt in Schatten legten.”11

Sigmund Freud war damals schon gestorben. Er überlebte sein Exil in London nur ein gutes Jahr. Am 23. September 1939 starb er an einer von ihm gewünschten tödlichen Dosis Morphin.

Mythologisch in dem Roman ist der Einsatz des Pestvogels, der kurz vor dem Anschluß Österreichs erscheint und als Prolepse (Vorausdeutung) auf die sich verschärfende politische Situation einzustufen ist. “Plötzlich raschelte es neben der Bank.Im nächsten Moment kam ein kleiner Vogel aus der Hecke geflattert und setzte sich direkt vor die Füße der beiden Männer (Freud und Franz – Klarstellung von mir) inden Kies. Er hatte den Körperbau eines Sperlings, doch sein Gefieder sah aus wie gebleicht, mit einigen fahlgelblichen Flecken an der Seite. Seine Augen waren rot. Eine Weile saß der Vogel reglos da, dann breitete er die Flügel aus, duckte sich und fing an, sich im Kies zu wälzen. Dabei wackelter er mit dem Schwanz und schüttelte sein Gefieder. Genauso plötzlich, wie er damit begonnen hatte, hörte er auch wieder auf. Mit zwei Hüpfern bewegte er sich auf die Bank zu, verharrte für einem Moment, flog schließlich auf und zog in einem weiten bogen in Richtung Schottenring davon. ‚Jetzt sind sogar schon die Spatzen verrückt geworden‘, sagte Franz und wischte mit dem Fuß über den Kies.

‚ Das war der Pestvogel‘, murmelte Freud. ‚ es heißt, dass er immer nur vor dem Ausbruch von Seuchen , Kriegen und anderen Katstrophen auftaucht.‘ Die Zigarre in seiner Hand knisterte . Ein leichter Wind war aufgekommen und rauschte in den Baumkronen.

‚Wird es denn eine Katastrophe geben, Herr Professor?‘ ‚Ja‘, sagte Freud und blickte dem Perstvogel hinterher, der längst hinter dem Burgtheater verschwunden war.”12

Der Seidenschwanz gilt noch heute als der Pestvogel. Das unerklärliche Auftreten von Seidenschwanzschwärmen in Mitteleuropa hat frühere Generationen nicht selten veranlasst, in diesem Vogel das Vorzeichen übler Ereignisse zu sehen – im Niederländischen heißt er noch immer „Pestvogel“. Der Pestvogel verkündet in der Regel dunkle Zeiten, die auch wirklich gekommen sind. Wenn ein Verhärmter dann kurz vor Schluß einer Geranie den Blütenkopf abschneidet, dann steht das dunkle Ende kurz bevor.13

Pestvogel

Christian Schauer – November/ Dezember 2019

1 Vgl. Jonny Moser, die Apokalypse der Wiener Juden, in: Historisches Museum der Stadt Wien (Hrsg.), 110. Sonderausstellung,Wien 1938, Wien 1988, S. 287 ff.

3Robert Seethaler, Der Trafikant, Zürich -Berlin 2018, S.152 f.

4Ebd., S. 186

5Ebd.; S. 13 f.

6Ebd., S. 92 f.

7Theodor Fontane, Mathilde Möhring, : Werke in fünf Bänden- Band zwei, München 1974, S. 610

9Seethaler, a.a.O. S 248 f.

10Ebd., S. 250

11Ebd.

12Ebd., S. 137