Archiv für November 2015

Die Grauen Wölfe – Geschichte der Sinti – Geschichte Haitis – Aspekte der Geschichte Armeniens

 

Die Grauen Wölfe

Der türkische Kulturnationalismus

Hier muss der Soziologe Ziya Gökalp genannt werden. Die organische Gesellschaft funktioniert in einem Staat, der sich auf eine Nation stützt. Das Konzept des „kulturellen Türkismus“ ist verknüpft mit der Verwandtschaft bzw. der Einheit der Türkvölker. Erstrebt ist ein türkischer Nationalstaat, der alle türkischen Völker unter einem Dach vereinigen will. Ausschlaggebend ist die Herausbildung einer Kultur, die durch Sprache von Kindheit vermittelt wird. Vergleichbar ist die Situation der Türken mit der Situation der Deutschen bis 1871. Die Türken sollen wie die Deutschen die Situation durch eine gemeinsame Sprache und Kultur meistern. Im Jahre 1908 hat sich der Türkismus in der Türkei institutionalisiert. Die türkische Bewegung war bestrebt, ein „Großtürkisches Reich“ zu errichten. Länder, in denen Turkvölker lebten (Türkei, Balkan), sollten erobert werden. Deshalb beteiligte man sich an der Seite Deutschlands am Ersten Weltkrieg. Im Gegensatz zu anderen Turanisten, die auch Ungarn und Finnen dazu rechneten, umfasst der Turanismus Gökalps nur die „Oguz-Türken“- die Aserbaidschaner, Tataren, Yakuten, Kirgisen, Usbeken und die Kipcaken. Die jungtürkische Partei „Einheit und Fortschritt“ verlor innerhalb von sechs Jahren mehr Territorium als Abdülhamit II. in dreißig Jahren. Das nationale Selbstbewusstsein war dadurch verletzt. Im Ersten Weltkrieg sollten die im Westen verloren gegangenen Gebiete durch Landgewinne im Osten mit der Vereinigung aller Türken in Turan kompensiert werden. Während des Krieges begann die“Ausräumung“ und Türkisierung anderer Völker (siehe dazu schauerchristian.wordpress.com – Historischer Reader zu Armenien) Zwischen 1877 und 1922 wurden über zwei Millionen Armenier bei türkischen Pogromen getötet- viele durch Folgewirkungen wie Seuchen, Hunger und Flucht.

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Beziehungen zu Deutschland im Zweiten Weltkrieg

Die Nationalsozialisten betrachteten die Türkei, Iran und die arabischen Länder als wichtige Rohstofflieferanten. Nach der Machtergreifung begann der Krupp-Konzern im großen Umfang Eisenbahn-Linien in der Türkei aufzubauen. Vier Tage vor dem Angriff auf die Sowjetunion unterzeichnete die Türkei 1941 einen 10-jährigen Freundschafts- und Nichtangriffspakt mit NS- Deutschland. Im Oktober 1941 schlossen Deutschland und die Türkei einen Wirtschaftsvertrag, in dem die Türkei Rüstungsgüter im Wert von 100 Millionen Türkischen Lira im Ausgleich für die Lieferung von 90.000 Tonnen Chrom bekam. Die türkische Chromproduktion war für die deutsche Rüstungsindustrie nötig. In einem Geheimdokument der Nazis über den MHP-Führer Türkes heisst es: „Aus der Entwicklung der Kriegsführung ergibt sich die Notwendigkeit, Beziehungen in den den pantürkischen und deutschfreundlich gesinnten Gruppen in der Türkei auszubauen und zu pflegen. Gerade in der Türkei bieten im Hinblick auf angrenzende Rohstoffländer solche Verbindungen Möglichkeiten, die sich in ihrer ganzen Tragweite nur aus dem Lande selbst überblicken lassen. Die Türkei war für uns der wichtigste Lieferant für Chrom. Das Reich deckte 30% seines Bedarfes an Chrom, bis die türkische Regierung infolge der bekannten anglo-amerikanischen Note- bei gleichzeitiger Weiterlieferung an England, das 1943 allein 55000 Tonnen Chrom erhielt – die Lieferung an Deutschland einstellte. .. Bislang bestand aufgrund ihrer Haltung gute Verbindungen zu folgenden Personen:

1.  Alparslan Türkes – Absolvent einer Offiziersschule und Führer der pantürkischen Bewegung.

2. Tekin Aryburun – Absolvent einer Militärakademie in England und Attaché der Luftstreitkräfte im Deutschen Reich.

3. Sadi Kotschasch – mit politischen und militärischen Fähigkeiten

Diese Türken verdienen nach wie vor unsere ganze Aufmerksamkeit.“1

Türkes wurde 1917 in Nikosia auf Zypern geboren. Der Name ist eine Anspielung auf den Herrscher der Seldschuken Alp Arslan. Im Jahre 1936 schloss Alparslan Türkes die militärische Ausbildung an der Kadettenschule in Istanbul mit dem Rang eines Oberfähnrichs ab. 1940 heiratete er – fünf Kinder erwuchsen dieser Ehe. Während des zweiten Weltkriegs war er ein wichtiger Kontaktmann der Nazis zu extrem rechten Kräften in der Türkei. 1944 wurde er im sogenannten Rassismus-Turanismus-Verfahren wegen Vaterlandsverrats – ein Vorwurf, den er abstritt – zu mehr als neun Monaten Haft verurteilt. Er durfte in die Armee zurückkehren. Nach 1945 ging Türkes eine Zeit lang zur türkischen Militärmission in die USA nach Washington, um Kontakte zum Pentagon zu knüpfen.

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Verlautbarungen von Organisationen, die den Grauen Wölfen nahe stehen:

 „Auf daß die Rufe des Muezzin eines Tages in Berlin die Horizonte zerreißen und bis in den siebten Himmel aufsteigen. Der zweite Befreiungskrieg wird gegen eine Handvoll Kommunisten, Freimaurer, Zionisten, Volksfeinde und Ungläubige eröffnet. Dieser Krieg wird gemacht, um die Großtürkei wieder zu errichten. Das ist unser absolutes Ziel. 100.000 türkische und muslimische Arbeiter und Studenten sind in Europa dazu organisiert, diesen Kampf zu führen.“ Flugblatt des „Kultur- und Solidaritätsvereins“, Berlin 1970

„Wie glauben fest daran, daß der Jude, dieser Hund, der in der ganzen Welt Bosheit säht … in Finanzen und Wirtschaft eingreift, um die Weltmacht zu erringen, der den Völkern das Blut aussagt, daß dieser von dem nationalistischen türkischen Arbeiter erkannt werden muß. Diese verdammten Bazillen, die Juden waren es, die das osmanische Reich zerstörten… Die „Nationalistische Arbeitervereinigung“ hat die Flagge des Heiligen Kampfes gehißt. Wir werden unsere Feinde wie Ratten zertreten … Es lebe das Türkentum der ganzen Welt! Hoch die Nationalsozialisten!“ Erklärung der „Nationalistischen Arbeitervereinigung“, veröffentlicht in „Tercüman“, 12.2.1972. 1973 schloß sich die Vereinigung der MHP an.

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Der Mythos des Grauen Wolfes

Das mythische Element dieses Tieres ist mit der überlegenen türkischen Nation verbunden. Nach Zeki Velidi Togan ist der Graue Wolf das Totem – ein tierisch- Pflanzliches Wesen, das als zauberhafter Helfer verehrt wird – der Türken. Der Vorfahr der Uygurs ist ein männlicher Wolf, der die Gesellschaft in den großen Kriegen anführt. Die faschistische Bewegung in der Türkei revitalisierte seit Ende der 60er Jahre das Totem des Grauen Wolfes. Ein junger MHP- Anhänger meint unter dem Titel „Was ist der Graue Wolf“: „In den Teilen unserer nationalen Legende, die gemeinsames Eigentum der vielen aufeinander folgenden türkischen Generationen ist, ist der Graue Wolf ein Symbol, das den Türken den Weg zeigt, und die Türken Siege erringen lässt.“2 In der türkischen Legende – Uygur und Göktürk- führt der Graue Wolf die türkischen Stämme zu zahlreichen Siegen. Der MHP-Anhänger schreibt weiter : „Die Geschichte jeder Nation beginnt mit einer oder mehreren Mythologien. Die Mythen gab es bereits vor dem Schreiben … Wie auch in anderen Nationen, so wurde auch die türkische Mythologie nicht von einer einzigen Person geschrieben.Was der Löwe für die Engländer, der Bär für die Russen, der Leopard für die Perser, der Drache für die Japaner … ist, das bedeutet der Graue Wolf für die Türken.“ Das Prunktier wird näher erläutert: „Während der Khunperiode (220 vor Christus bis 220 nach Christus) erleben wir den Grauen Wolf noch umfassender. Er ist nicht nur ein göttlicher Vorfahre oder ein nationales Symbol auf der Fahne, sondern auch eine göttliche Kraft, ein Führer für die Armee, ein Hizir – jemand der Unsterblichkeit erlangt hat- der die Hilflosen rettet, ein Lehrersymbol, der Hakan (so hießen die Herrscher alter türkischer Stämme) und einer, der der Armee Vorsichts-, Fürsorge und Besonnenheitslehren beibringt. Der Graue Wolf kämpft mit Oguz Khan und dessen Armee … Er ist kein Wolf, sondern ein Retter und Held, wird jedoch als wahrgenommen. Er ist ein gelehrter und vernünftiger Hakan.“ Soweit Kaptan, das MHP-Mitglied. Weiter heißt es bei Kaptan:“ In den Teilen unserer nationalen Legende, die gemeinsames Eigentum der vielen aufeinander folgenden türkischen Generationen ist, ist der Graue Wolf ein Symbol, das den Türken den Weg zeigt, und die Türken Siege erringen lässt.“

Wolfsgruß

Wolfsgruß der „Grauen Wölfe“

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Die Ditib

In Deutschland wurde im Jahr 1985 die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ (DITIB) gegründet. DITIB gehört zum Amt für Religionsangelegenheiten, einer offiziellen Organisation des türkischen Staates. Sie untersteht der Kontrolle einer MHP -Organisation, der „Föderation der türkisch-demokratischen Idealistenvereine Europa“. Gründer der DITIB ist ein Oberst namens Altan Ates, der 1986 folgende Sebstdarstellung zum Besten gab: „Unser Thema ist die Psychologische Kriegsführung. Dies ist eine völlig neue Kriegsart. Sie ist ein sehr heimtückischer, sehr wissenschaftlicher und sehr umfassender Krieg. Für diesen Krieg müssen wir uns vorbereiten. Und zur Verwirklichung bedarf es eines sehr starken Nachrichtendienstes.“ Im Mai 1988 fand in Koblenz die Gründung des unter der MHP stehenden Verbandes der türkisch islamischen Kulturvereine statt. Musa Serdar Celebi wurde der erste Vorsitzende. Er führte aus: „Der Verband wahrt die Interessen der Republik Türkei und der türkischen Nation. Er arbeitet mit den Vertretungen der Republik Türkei und … anderen Institutionen zusammen.“3 Celebi war auch zeitweise Vorsitzender der Föderation der Idealisten-Vereine Europa mit Sitz in Frankfurt.

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Integrationswille

Die Selbsteinschätzungen der ADÜTDF(so nennt sich die Föderation auf türkisch) und die Bewertungen anderer gesellschaftlichen Gruppen bezüglich des Integrationswillens sind entgegengesetzt. Christiane Stuff analysierte in ihrem Beitrag „Islamischer Fundamentalismus in Deutschland“, dass „die Haltung gegenüber der deutschen Gesellschaft […] von Distanz geprägt“ sei, „vom Fernhalten von den ‚Ungläubigen‘“. Solches Verhalten finde seine Begründung in fundamentalistischer Auslegung von Korantexten wie der Sure 5, Vers 51: „Ihr Gläubigen! Nehmt nicht die Juden und Christen zu Freunden! Sie sind untereinander Freunde (aber nicht mit euch). Wenn einer von euch sich ihnen anschließt, gehört er zu ihnen (und nicht mehr zur Gemeinschaft der Gläubigen).“ Dies äußere sich als „Verweigerung jeder Form von Integration“. Die ADÜTDF äußere sich hierzu kommentierend so: „Als Türken wollen wir weitere Zugeständnisse an unsere Lebensart, Würde und Identität erreichen. Das verstehen wir unter Integration.“4

Zumindest fragwürdige Entscheidung der Ditib

„Die Gremien der DITIB müssen sich dann aber auch die Frage gefallen lassen, ob es für die Integration förderlich ist,  wenn die größte DITIB Moschee Berlins, die Sehitlik-Moschee, am 8.4.2007 den türkischen Rechtsextremen (Graue Wölfe) überlassen wird, damit diese in der Moschee ihre Gedenkfeier (Anma Gecesi) für ihren am 4.4.1997 verstorbenen Führer, den Oberwolf Türkes veranstalten können.“  Diese Frage stellt Jörg Lau zurecht im September 2007.

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Das Fazit zu den Grauen Wölfen von Emre Arslan, Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum, Wiesbaden 20095

„Der Vergleich zwischen den Ülkücüs in der Türkei und in Deutschland zeigt, dass beide Gruppen den Grundmythos der Türkei als Herrschernation teilen. Beide Gruppen normalisieren und verherrlichen die Ungleichheiten der Nationen in der Welt und wünschen sich eine Herrscherposition der Türken in der Weltpolitik. … Trotz des o.g. einheitlichen Weltbildes haben die heldenhaften Mythen aus der türkischen Geschichte eine noch größere Bedeutung für die türkischen Ultranationalisten in Deutschland.“6

Ideologie der Grauen Wölfe – Verhältnis zum Islam

Der türkische Ultranationalismus stand schon im 19. Jahrhundert zum Islam in einem schwierigen Verhältnis. Die islamistische Bewegung Milli Görüs stellt den wichtigsten Konkurrenten der Grauen Wölfe in der türkischen Politik dar. Je mehr es der MHP gelang, den Nationalismus mit dem Islam zu verbinden, desto mehr Spielraum gewann ihre Politik. 7 In Deutschland gab es die Abspaltungen ATIB und Nizam-i Alem, die den Islam betonten. Nizam-i Alem bedeutet Ordnung der Welt. Die Anhänger dieser Organisation träumen von einem Modernen Osmanischen Reich, das die ganze Welt beherrscht. Geschichtlich geschehen bedeutet der Islam für die türkischen Ultranationalisten die Herrschaft der Osmanen in Teilen Asiens, Afrikas und Europas (die Symbolik der drei Halbmonde rührt von diesen drei Kontinenten her). Letztere drei Halbmonde waren nicht nur auf dem DITIB-Video von 2008 in Aschaffenburg zu sehen, sondern sind es auch auf einem Video der DITIB Bad Salzuflen von 2008, der DITIB Moosburg 2009, DITIB Kassel 2009. Graue Wölfe und Milli Görüs können der rechtsradikalen Szene zugerechnet werden. Beide versuchen, moderne Gesellschaften von einem ideellen „goldenen“ Ursprung her zu erklären. Der Bezug auf diese Urtradition bildet den Mythos der Fundamentalisten. Ultranationalistische Elemente sind ein untrennbarer Bestandteil der Milli-Görüs-Ideologie. Beide Bewegungen handeln in einem gemeinsamen Ideologiebereich. Danach ist die Türkei eine überlegene Nation , das Osmanische Reich repräsentiert ein goldenes Zeitalter. Der Begriff „Ultranationalismus“ kann die Ideologie der „Grauen Wölfe“ am besten charakterisieren.

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1Hoffmann, Opperskalski, Solmaz, Graue Wölfe, Koranschulen, Idealistenvereine, Köln 1981, S.49

2Fikret Aslan, Kemal Bozay (Hrsg.), Graue Wölfe heulen wieder. Türkische Faschisten und ihre Vernetzung in Deutschland. Münster 2012 (3. Auflage), S.124

3Ebd.. S. 148

4Wikipedia ADÜTDF Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland

Christiane Stuff: Islamischer Fundamentalismus in Deutschland. In: Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung / Kilian Kindelberger (Hrsg.): Fundamentalismus. Politisierte Religionen. Potsdam 2004, S.75

5 Emre Arslan, Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum, Wiesbaden 2009

6 Ebd.,  S.238.

7 Vgl. ebd., S. 47

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Geschichte der Sinti und Roma

Die Sinti und Roma verließen im ersten Jahrtausend nach Christus ihre indische Heimat und zogen nach Westen. Sie durchquerten Afghanistan und erreichten Persien. Ein Teil zog nach Armenien bis nach Rußland, der andere Teil gelangte in die Türkei und nach Griechenland und über den Balkan nach Mitteleuropa. 1100 beschreibt ein georgischer Mönch die Ankunft von Sinti und Roma auf Athos. Anfang des 14. Jahrhunderts gab es Sinti und Romagruppen auf dem Balkan, 1399 erreichen sie Böhmen, 1407 werden sie urkundlich in Deutschland erwähnt. Sie gaben sich als Pilger aus, Geleitbriefe wurden ihnen ausgestellt.

Geleitbrief König Sigismunds

Geleitbrief König Sigismunds, ausgestellt am 23. April 1423 in der Zips (Slowakei): „Unser getreuer Ladislaus, Woiwode der Zigeuner, und die anderen, die von ihm abhängen, haben Uns untertänigst gebeten, ihnen unser besonderes Wohlwollen zu bezeugen. Es hat uns gefallen, ihr ehrerbietiges Anliegen zu erhören und ihnen den vorliegenden Brief nicht zu verweigern. Wenn mithin der besagte Ladislaus und sein Volk an irgendeinem Ort Unseres Reiches erscheinen, empfehlen wir Euch, ihnen Eure Treue gegen uns kundzutun. Ihr werdet ihnen Schutz jeder Art gewähren, auf dass sich der Woiwode Ladislaus und die Zigeuner, seine Untertanen, innerhalb Eurer Mauern aufhalten können, ohne Schwierigkeiten zu begegnen. Sollten sich über Leute unter ihnen befinden oder sich ein unliebsamer Vorfall welcher Art immer ereignen, dann wünschen und befehlen Wir ausdrücklich, dass allein der Woiwode Ladislaus mit Ausschluss von Euch allen das Recht zu strafen und freizusprechen auszuüben hat (…)” Der Schutz der Brief wurde bald wirkungslos, weil sich im Gefolge der Sinti und Roma Diebe und entflohene Gefangene aufhielten. 1471 wurden die Sinti und Roma aus Luzern ausgewiesen, 1474 aus Genf. 1482 verbat ihnen Albrecht von Brandenburg, in seinen Herrschaftsbereich einzuziehen. 1497 auf dem Reichstag von Lindau wurden sie zu „Verrätern an den Christenlanden“ erklärt und des Landes verwiesen- 1498 auf dem Reichstag von Freiburg wurden sie für vogelfrei erklärt. Papst Pius V. verwendete sie als Galeerensklaven im Kampf gegen die Türken in der Schlacht von Lepanto 1571. Ins 15. Jahrhundert fällt also der Beginn der Sinti und Roma-Verfolgungen. Alle entlassenen Söldner des Dreißigjährigen Krieges mußten stehlen, also auch die Sinti und Roma.Von 1497 bis 1774 gab es 146 Edikte gegen Sinti und Roma im Gebiet des damaligen deutschen Reiches. 1501 erließ die Stadt Luzern ein Edikt, nach dem „Zigeuner“ gehängt werden, falls sie sich noch einmal in die Stadt und der näheren Umgebung sehen ließen. Im 16. und 17. Jahrhundert gibt es zahlreiche Hinrichtungen und Verteibungen. Im Fürstentum Bayreuth wurden 1724 an einem Tag fünfzehn Zigeunerinnen gehenkt. 1728 erließ die Stadt Aachen ein Edikt. Darin hieß es: „Im Fall der Überrumpelung sind die Zigeuner, ob sie Widerstand geleistet haben oder nicht, unverzüglich hinzurichten.“ An Straßenkreuzungen standen Galgen. Auf einer Tafel stand: „Strafe für das Lumpenpack, die Gauner und die die Zigeuner!“ Bildliche Darstellungen des Auspeitschens und Hängens wurden hinzugefügt- die Zigeuner waren Analphabeten. Zu den berüchtigten Maßnahmen gehörten die Verordnungen der Kaiserin Maria Theresia von Österreich und Ungarn in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Für die Kaiserin bedeutete “Sesshaftmachung” nicht allein die Gewährung eines Niederlassungsrechts. Sie verbot den Roma in Ungarn, ihre Sprache zu sprechen, erlaubte nur wenige Eheschließungen unter Roma und befahl, Romakinder zwangsweise von ihren Eltern zu trennen, um sie ungarischen Eltern zur Adoption zu geben.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchte man in Deutschland vereinzelt, Sinti und Roma seßhaft zu machen. In Baden-Württemberg wurden zwischen 1835 und 1838 die Sinti und Romagruppen aufgelöst und in Einzelfamilien über das Königreich verteilt. In Dörfern sollten sie Unterkunft und Hausrat bekommen. Die Erwachsenen wurden zur Arbeit gezwungen. Der Versuch scheiterte, weil die Verwandten rasch wieder zusammenzogen. In Friedrichslohra sollte ein Sinti und Romadorf geschaffen werden. Es wurde nach einiger Zeit aufgegeben. In Saßmannshausen lebten 1911 40 seßhafte Sinti und Roma. Zur gleichen Zeit enstanden in Berlin, Hamburg und Frankfurt Sinti und Romasiedlungen am Rande der Großstädte.1907 entstand ein Gesetz, das die Ausgabe von Gewerbescheinen von einer festen Adresse abhängig machte.So zogen Sinti und Roma in die Städte. Die Männer trieben Handel, während die Frauen bettelten und wahrsagten.

Sinti und Roma im Nationalsozialismus

Sinti und Roma galten in der Rassenideologie des Nationalsozialismus ebenfalls als “minderwertig”. „Die Zigeuner“ als Opfer des Holocaust sind im öffentlichen Bewusstsein jedoch nicht so stark verankert. Sinti und Roma gelten daher oft als „die vergessenen Opfer“. Roma und Sinti hätten nach den NS-Rassentheorien als Indogermanen, also als „Arier“ gelten müssen. Als „asiatische Abkömmlinge“ waren sie in den Augen der Nazis „rassisch minderwertig“ und wurden wegen ihrer nomadischen Lebensweise als „asozial“ bezeichnet. Die SS begann bereits 1931 mit der Erfassung der Roma und Sinti. Ihre „Erforschung“ sollte mit der Gründung des Rassenhygiene-Instituts 1936 unter Leitung von Dr. Robert Ritter einen wissenschaftlichen Anstrich bekommen. „Fliegende Arbeitsgruppen“ des Instituts erstellten rund 24.000 „Gutachten“, in denen die Roma und Sinti vom „reinrassigen“ bis zum „Achtelzigeuner“ klassifiziert wurden. Diese Gutachten dienten als Grundlage für die späteren Deportationen.

1933 forderte das „Rasse- und Siedlungsamt“ der SS in Berlin, die „Zigeuner und Zigeunermischlinge „ zu sterilisieren. Weitere Pläne gab es 1937. Im Oktober 1939 folgte ein „Festsetzungserlaß“ – Sinti und Roma durften ohne polizeiliche Erlaubnis ihren Wohnsitz oder Aufenthaltsort in den umzäunten und bewachten „Zigeunerlagern“ nicht verlassen- bei Nichtbefolgung mußten sie in ein Konzentrationslager.1

Als Sklavenarbeiter wurden die Sinti und Roma Opfer des Vernichtungsprogramms in SS- Unternehmen. Zu diesen Unternehmen gehörte die Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DEST) aber auch Siemens, Daimler-Benz, AEG, Heinkel, Messerschmitt, BMW, VW, IG Fraben und Steyr-Daimler-Puch. Die Arbeitsbedingungen in den Rüstungsbetrieben waren ähnlich grausam wie in den Konzentrationslagern. Arbeitszeiten von 12 bis 15 Stunden waren mit schlechter Ernährung verbunden. Unterernährung und Krankheit waren die Folge. Am 17. April 1940 ordnete Himmler die erste Deportation ganzer Familien an. Die Deportationszüge mit 2.800 deutschen Sinti und Roma starten in Hamburg, Köln und Hohenasperg bei Stuttgart. Im August 1941 entscheidet Himmler in einem Erlaß, daß für weitere KZ-Deportationen das Reichskriminalpolizeiamt aufgrund eines Rassegutachtens entscheidet. Bis Ende 1944 werden rund 24.000 „Gutachten“ erstellt. Im Januar 1942 werden 5.000 Sinti und Roma aus dem Ghetto von Lodz im Vernichtungslager Kulmhof in Vergasungswagen ermordet. Im August 1942 berichtet die deutsche Militärverwaltung in Serbien, daß die Juden -und Zigeunerfrage mit Hilfe von Vergasungswagen gelöst sei. Am 16. Dezember 1942 traten eine Reihe von Erlassen in Kraft, denen ab März 1943 intensive Verfolgungen der letzten 10.000 Sinti und Roma im Reichsgebiet folgten.Die Transporte gingen in das „Zigeunerlager“ nach Auschwitz. Im Mai 1943 wird Josef Mengele Lagerarzt in Auschwitz. Er schickt mehrere hundert Sinti und Roma ins Gas. Die „Zwillingsforschung“ setzt er durch Tötung von Kindern fort. Am 2. August wird das „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau aufgelöst. Im Juli 1944 lebten noch 6.000 Sinti und Roma dort, 3.000 werden in andere Konzentrationslager verbracht, die anderen 3.000 in der Nacht auf den 3. August ermordert.  2

 

Das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges für die Sinti und Roma: Die Zahl der in Europa bis Kriegsende ermordeten Roma und Sinti wird auf eine halbe Million geschätzt.Von den deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden über 25.000 von 40.000 ermordet. SS-Einsatzgruppenleiter Otto Ohlendorf meinte im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß zur Vernichtung zehntausender „Zigeuner“ hinter der Ostfront: „Es bestand kein Unterschied zwischen den Zigeunern und Juden, für beide galt damals der gleiche Befehl.“ Bericht aus dem Konzentrationslager Ravensbrück. Die Sint-und Roma-Frauen. Am 29. Juni 1939 wurden im Zuge einer vom Reichskriminalpolizeiamt angeordneten Aktion 440 Sint- und Roma-Frauen aus Niederöstreich und dem Burgenland verbracht. Im Dezember dieses Jahres gab es fast 2.500 weibliche Häftlinge. Die Frauen mußten in den Jahren 1939 und 1940 zunächst in den dort eingerichteten SS-Betrieben arbeiten. Anfallende Lagerarbeiten waren: Planieren von Straßen, Bauarbeiten aller Art, Gräben ausheben, Entladen von Kähnen, die mit Steinen beladen waren. Seit dem Frühjahr 1942 wurden nach und nach die meisten Frauen der Sinti und Roma den Rüstungsbetrieben überstellt. Besonders markant war ein Arbeitseinsatz außerhalb des des Lages im Winter 1942/43, bei dem „etwa 60 Häftlinge, darunter auch 13-bis 14jährige Zigeunerkinder, auf der Halbinsel Darß (Ostsee) unter Leitung der Aufseherin Leopold mit dem Rohrschneiden beschäftigt (waren).“ 3 Kinder dieser Altersgruppe wurden auch in die Rüstungsbetriebe gesteckt. Ein zwölfstündiger Arbeitstag war nicht selten.Auch Frauen mußten kurz vor der Entbindung noch schwere Arbeit leisten. Schläge bei der Arbeit waren häufig. Manche Frauen mußten ins Krankenrevier gebracht werden. Wer nicht mehr in der Lage war zu arbeiten, mußte in die Gaskammer. Die SS-Aufseherin Erika Bergmann war berüchtigt dafür, Hunde auf Zigeuner zu hetzen. Aufseherinnen dieser Art waren keine Seltenheit. Sie erhofften durch ihr brutales Vorgehen größere Anerkennung des nationalsozialistischen Staates. Im Frühjahr 1942 wurde in Ravensbrück ein Transport von Frauen (darunter 180 Sinti und Roma) für die Flugzeugwerke Heinkel in Barth/ Pommern zusammengestellt.

Betrachten wir das Schicksal der Sint-Frau Rosa Wiegand aus Wiesbaden stellvertretend: „Es gab praktisch keine Arbeit, die ich nicht getan habe. Ich war in der Mattenflechterei, in der Nähstube, ich habe Häuser mit gebaut und Gräben ausgeschachtet. Ich mußte in diesen Gräben, in denen mir oft das Wasser bis zu den Hüften stand, im Sommer wie im Winter, Erde schaufeln. Ich habe im Wald gearbeitet, Loren gefahren und Kähne mit Steinen entladen. Wir mußten täglich zwölf Stunden arbeiten…. Einmal ist ein Häftling ausgebrochen, es war Winter, es war sehr kalt, und man hat un mitten in der Nacht aus den Betten geholt; wir mußten ohne unsere Holzpantinen, barfuß, und nur im Nachthemd auf der Lagerstraße ‘Strafestehen’; denn, so sagte man uns, wenn einer abhaut, gilt: ‘Einer für alle, alle für einen’. Während wir standen, sind unsere Füße auf dem eisigen Boden angefroren, wir durften uns ja nicht bewegen und nicht warm reiben, und dann haben sie uns auch mit Wasser naß abgspritzt.“4 Über die Behandlung eines „Zigeuners“ in Neuengamme. Der jüdische Häftling berichtet darüber: „Das Schrecklichste, was ich bis heute nicht vergessen kann, war die Ermordung eines wegen Fluchtversuches zurückgebrachten deutschen Zigeuners. Wir alle mußten zum Appell antreten und mußten zusehen, wie man mit solchen ‘Flüchtlingen’ umging. Man legte ihn mit Händen und Füßen gefesselt auf den Rücken.Ein SS-Mann stellte sich auf den Delinquenten. Einen Fuß auf den Bauch und einen Fuß auf den Hals des Gefangenen. In der Hand hatte der SS-Mann einen Stock, an welchem ein Nagel befestigt war. Er stach dabei dem Gefangenen ins Gesicht und bei vollem Bewußtsein die Augen aus. Nachher erhielt der Gefangene noch Schläge auf den Kopf. Zu guter Letzt wurde er rücklings an Ketten am Fenstergitter aufgehängt. So endigte sein Leben.“5

Die Situation der Roma nach dem Zweiten Weltkrieg unterschied sich von der der Juden durch mangelnden Lobbyismus. 1945 wurde unter dem Pseudonym „Landfahrerzentrale“ in München die altbekannte Zigeunerzentrale weitergeführt. Sie wurde erst 1970 offiziell aufgelöst. Während gegenüber den überlebenden Juden auf Grund des Drucks seitens des Staates Israel das Bedauern für die Nazi-Verbrechen ausgedrückt und seit 1948 praktiziert wurde, erfuhren die Sinti und Roma keine staatliche Anerkennung der gegen sie verübten Verbrechen- wer hätte sie auch durchsetzen können. Ihnen gegenüber setzten sich ungebrochen administrative Strukturen der Ausgrenzung und Diskriminierung durch, wie besonders die Arbeit der Polizei zeigt. Ein Beispiel für die Entschädigung eines Sintis, dessen Kind im KZ umkam, liegt vom Regierungspräsidenten in Aurich im Jahr 1955 vor. 150 DM Entschädigung für ein Kind, das durch den Nationalsozialismus getötet wurde. Den Geist der Nachkriegszeit verkörpert ein richterlicher Ausspruch von 1956: „Die nationalsozialistischen Führer haben zahllose Akte der Unmenschlichkeit begangen, die die Rechtsprinzipien mißachteten; aber diese Tatsachen berechtigen nach geltendem Recht niemanden, daraus Anspruch auf Entschädigung herzuleiten.“ 6 Einen internationalen Erfolg erreichten die Roma im März 1979. Sie wurden von der UNO als Nation anerkannt. Die Ziele der Romani-Union daß wir eine moralische wie auch materielle Unterstützung durch öffentliche Organe und Staaten wie die UNO erhalten daß wir Roma selbst eine Einheit bilden müssen … Wir müssen interne Rivalitäten ….abbauen. Nur so werden wir in der Öffentlichkeit respektiert. 7 Nehmen wir die aktuelle Situation in unserem Lande. Aktuelle Zustände in der Bundesrepublik: Etwa 120.000 Mitglieder beider Bevölkerungsgruppen leben in der Bundesrepublik. Etwa 10 Millionen in Europa. Sie nennen sich Rom, d.h. Mensch. Als Mensch gesehen und behandelt zu werden ist eigentlich nur eine Selbstverständlichkeit. 2006 wurde eine Befragung durchgeführt, an der 309 Sinti-und-Roma-Familien teilnahmen.Drei Viertel von ihnen fühlten sich schon häufiger diskriminiert, kam dabei heraus, vor allem bei Arbeits- und Wohnungssuche. Negativ dargestellt sahen  sich Sinti und Roma besonders in den Medien. 90 Prozent fanden, die Berichterstattung fördere Vorurteile. Auch das Zentrum für Antisemitismusforschung stellte durch Umfragen fest, dass mehr als 60 Prozent der Mehrheitsbevölkerung Sinti und Roma gegenüber negativ eingestellt sei – während Ablehnung gegenüber Juden 13 Prozent äußerten. Trotz der Frist vom Juli 2003 hat Deutschland bisher keine umfassende Antidiskriminierungsgesetzgebung geschaffen, die mit der EU-Gleichbehandlungsrichtlinie konform geht.

 

Situation der Sinti und Roma in Bad Hersfeld

Viele Sinti und Roma von Bad Hersfeld beklagen, daß ihnen der Zutritt zu fast allen Gaststätten verwehrt wird. Oft sogar mit einem Schild. Dort hängt ein Schild mit der Aufschrift „Für Landfahrer verboten“. Manchmal werden sie nicht bedient. Die Meinung, daß Zigeuner nicht arbeiten wollen, taucht in Gesprächen immer wieder auf. Der größte Fehler der Stadt sei es gewesen, feste Häuser zu bauen- das habe die Sinti hergelockt – so Herr Schäfer, Leiter des Kreissozialamtes. Ein städtischer Beamter berichtete, die Stadt habe einer Zigeunerfamilie, die sich bereiterklärte, aus Hersfeld wegzuziehen, die Umzugskosten in Höhe von 3000,- DM erstattet. Im Kistnergrund lebt eine Sinti-Frau mit sieben Kindern in zwei feuchten, kalten, schlecht beheizten Räumen. Verursacht durch diese katastrophalen Wohnverhältnisse gibt es reichlich Krankheiten – Bronchitis, Ischias und Rheuma. 8

 

Campingplätze

Ganz in der Nähe noch ein Phänomen, das auch anderswo in Deutschland zu verzeichnen war: ” – In Erbendorf bei Erlangen und in Großwelzheim bei Aschaffenburg und auf vielen anderen Campingplätzen stehen Schilder wie dieses: ‘Naherholungsgebiet- Landfahrer haben keinen Zutritt’ “ 9 Bisher konnte keine Person der Gemeinde Karlstein ein Dokument zu diesen Vorfällen ermitteln, auch gibt es daran bei der Gemeinde keine Erinnerung. Helmut Winter, Ehren-Vorsitzender des Geschichtsvereins Karlstein, konnte sich erinnern und nachweisen, daß eine Campingplatzsatzung mit der genannten Bestimmung 1980 geändert wurde.

 

Würzburger Prozeß

1978 ging in Würzburg ein skandalöser Prozeß gegen Roma zu Ende. Angeklagt waren Bürger, die gegen ein provokatives Treffen der HIAG „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Waffen-SS“ demonstriert haben. Sieben Personen wurden aufgegriffen, davon sechs Roma (zwei, die den Gräueln der Nazizeit entkommen waren) Josef Lehmann wurde mit sechs Jahren mit seiner Familie in ein KZ eingeliefert. Er blieb dort acht Jahre Radani Winterstein – seine Familie wurde zum Großteil im KZ ermordet. Im September 1976 trafen sich 300 ältere Herren in einem Würzburger Restaurant zu einem „Suchdienst- und Kameradentreffen.“ Sie waren Mitglieder der HIAG- Traditionspflege als Angehörige der ehemaligen SS-Grenadierdivisionen „Horst Wessel“ und „Charlemagne“. Josef Lehmann erfuhr von dieser Veranstaltung und sagte zu Hause: „Du Frau, jetzt geht’s wieder los.“ Die VVN und einzelne SPDler intervenierten bei Bürgermeister Dr. Zeitler, um ein Verbot zu erreichen. Rechtlich war das nach seiner Einschätzung nicht möglich. Nach der Veranstaltung kam es in einer Seitenstraße zu einer Schlägerei zwischen sechs SS-Leuten und einer Gruppe von 20 bis 30 Demonstranten. Aus der Demonstrantengruppe wurden Roma ergriffen und vor Gericht gestellt. Radani Winterstein und seine drei Söhne wurden als „Landfahrer“ angeklagt. Die Söhne wurden als notorische Schläger dargestellt. Angegriffen wurde auch die Verteidigerin der Roma, Frau Sobeck, die sich seit damals vierzehn Jahren für diese Bevölkerungsgruppe eingesetzt hat. Das Urteil wurde am 23.8.1977 gefällt. Radani Winterstein wurde zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, seine beiden Söhne Erwin und Manfred jeweils zu neun Monaten ohne Bewährung. Rainer bekam eine Geldbuße und Verwarnung. Nach der Revisionsverhandlung wurden die Strafen noch herauf gesetzt. 10

Literatur:

Luise Rinser, Wer wirft den Stein? Zigeuner sein in Deutschland. Eine Anklage, Frankfurt am Main/ Berlin 1987

Gert Schwab, Edgar Wüpper, Zigeuner- Porträt einer Randgruppe, Luzern und Frankfurt am Main 1981 (2.Auflage)

Romani Rose, Walter Weis, Sinti und Roma im „Dritten Reich“ – Das Programm der Vernichtung durch Arbeit, Göttingen 1991

Tilman Zülch (Hrsg.), In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt. Zur Situation der Roma (Zigeuner) in Deutschland und Europa, Reinbek bei Hamburg 1979

Fußnoten

1 Romani Rose, Walter Weis, Sinti und Roma im „Dritten Reich“ – Das Programm der Vernichtung durch Arbeit, Göttingen 1991, S. 18

2 Vgl. ebd. S.176

3 Vgl. ebd. S. 43

4 S. ebd. S.49 f.

5 ebd. S. 91

6 Luise Rinser, Wer wirft den ersten Stein? Zigeuner sein in Deutschland. Eine Anklage,Frankfurt/Main

Berlin 1985, S.106

7 Ebd., S. 99

8 Siehe: Tilman Zülch (Hrsg.), In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt, S. 219

9 Ebd., S. 2

10 Ebd., S. 172 ff. Da ich damals in Würzburg wohnte, kann ich mich an die Ereignisse noch unscharf erinnern -C.S.

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Haitis Geschichte (Schwerpunkt 17. bis 19. Jahrhundert)

Haiti als Kolonialstaat

1492 kamen die spanischen Seefahrer an die Norwestküste von Haiti und nannten die Insel wegen ihrer Ähnlichkeit mit Spanien Hispaniola. Zehn Jahre später kam der Gouverneur Ovando auf die Insel, die inzwischen Santo Domingo hieß. Ovando war genau so grausam wie die Kolonisatoren Cortez und Pizarro. Er ließ die Eingeborenen mit Hunden hetzen und lebendig rösten. Ihre Königin Anacoana ließ er bei einer friedlichen Zusammenkunft in Ketten legen und zusammen mit den Stammesangehörigen massakrieren. In dieser Zeit plädierte Las Casas vor Karl V. für die Einfuhr von Negersklaven aus Afrika. Sie waren für die Arbeit in den Gold- und Silberminen besser geeignet. 1503 kamen die ersten Negersklaven nach Santo Domingo, 1517 wurde ihre Einfuhr von Karl V. in größerem Maßstab zugelassen. Dreíßig Jahre hatten genügt, um das Land zu entvölkern. 1697 trat Spanien im Frieden von Ryswijk den Westteil von Hispaniola offiziell an Frankreich ab. Mitte des 17. Jahrhunderts war das Zuckerrohr von Java auf die Antillen eingeführt worden- hierdurch wurde eine Revolution ausgelöst. Es entstanden großflächige Pflanzungen und Manufakturen an Stelle kleiner Farmen. Kleinere Ländereien wurden von den Großgrundbesitzern aufgekauft. Es entstanden kapitalistische Unternehmen, Städte wurden gegründet, Straßen und Brücken gebaut. Fruchtbare Ebenen verwandelten sich in Zuckerrohr- und Baumwollfelder, an den Berghängen wurden Kaffeesträucher gepflanzt. Die Hälfte des Bodens wurde landwirtschaftlich genutzt. 1789 gab es in Santo Domingo 793 Zuckerrohrmanufakturen, 3.117 Kaffeepflanzungen, 3.150 Indigo- und 789 Baumwollplantagen, 182 Rumbrennereien und 50 Kakaopflanzungen. 30.000 Sklaven wurden pro Jahr auf die Insel eingeführt, 15.000 Matrosen waren mit dem Transport betraut. Ein Kenner beschrieb die wirtschaftliche Bedeutung der Insel für Frankreich: Der französische Anteil der Insel Santo Domingo sei von allen Besitzungen Frankreichs in der neuen Welt der wichtigste wegen der Reichtümer, den er dem Mutterland liefere. Santo Domingo war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die produktivste Kolonie, die Englands Vorherrschaft auf dem Weltmarkt bedrohte. Die britische Agitation zur Abschaffung des Sklavenhandels bedrohte die wirtschaftlichen Grundlagen der französischen Kolonien. Auf der Insel Santo Domingo gab es am Vorabend der Französischen Revolution drei Klassen: die herrschende Klasse der Weißen (40.000), die Zwischenklasse der Mulatten (30.000) und die besitzlose Klasse der schwarzen Sklaven (450.000). Mulatten der ersten Generation waren zumeist Kinder, die weiße Sklavenhalter mit schwarzen Sklavinnen gezeugt hatten. Sie wurden üblicherweise in die Freiheit entlassen und bildeten bald eine gesellschaftliche Schicht zwischen weißen Herren und schwarzen Sklaven.

Auszug aus dem Sklavengesetz von 1685 (Code noir)

  1. Wir verbieten den Sklaven, sich unter dem Vorwand von Hochzeiten oder anderen Vorgaben bei Tag oder bei Nacht an entlegenen Orten zusammenzurotten, bei Strafe körperlicher Züchtigung, welche wenigstens in Staupenschlägen und Brandmarkung bestehen soll und im Falle mehrfacher Wiederholung und anderer erschwerender Umstände bis zur Todesstrafe gesteigert werden kann, was wir dem Ermessen der Richter überlassen…

  1. Wir erlauben allen unseren die Inseln bewohnenden Untertanen, sich aller ohne Erlaubnisschein der Herren in den Händen von Sklaven befindlichen Waren zu bemächtigen..

XXVIII. Wir erklären hierdurch, daß die Sklaven nichts besitzen können, was nicht als Eigentum ihrer Herren angesehen werden soll, und daß alles, was sie durch ihren Fleiß oder die Freigiebigkeit anderer erlangt haben, ihrem Herrn als dessen Eigentum gehören soll …

XXXIII. Die Sklaven, welche ihren Herrn, seine Gattin oder Beischläferin oder seine Kinder ins Gesicht blutig geschlagen haben, sollen mit dem Tode bestraft werden.

XXXV.  Erwiesene, von oder Freigelassenen Sklaven verübte Diebstähle, wenn sie auch bloß in Pferden, Mauleseln,   Ochsen und Kühen bestehen, sollen peinlich und, je nach den Umständen, mit dem Tode bestraft werden.

XXXVI. Entwendungen von Schafen, Ziegen, Schweinen, Geflügel, Zuckerrohr, Erbsen, Manioc oder anderen Hülsenfrüchten, welche sich Sklaven haben zu Schulden kommen lassen, sollen nach Beschaffenheit des Diebstahls gerichtlich bestraft werden, und diese Strafen sollen erforderlichenfalls in Staupenschlag und Brandmarkung der Schultern bestehen können.

XXXVIII. Einem entflohenen Sklaven, welcher einen Monat abwesend geblieben ist, sollen die Ohren abgeschnitten und er soll auf einer Schulter gebrandmarkt werden; bei einer wiederholten Flucht sollen ihm die Kniekehlen zerschnitten und die andere Schulter gebrandmarkt werden; das dritte Mal wird er mit dem Tode bestraft.

  1. Es soll den Eigentümern der Sklaven erlaubt sein, sie in Ketten legen und mit Ruten oder Stricken hauen zu lassen, wenn sie glauben, daß diese die Züchtigung verdient haben …

XLIV Wir erklären, daß die Sklaven als Mobiliar betrachtet werden und als solches ins gemeinschaftliche Erbe gehören …

Gegenwehr der Sklaven

Der Selbstmord war eine weit verbreitete Art des Widerstandes. Man glaubte, nach dem Tode in die afrikanische Heimat zurückzukehren. Um Selbstmorden vorzubeugen, gingen die weißen Herren dazu über, die Toten öffentlich zu verstümmeln. Häufig fügten sich die Sklaven Verletzungen zu, um arbeitsuntauglich zu werden. Das verbreitetste Mittel des Widerstandes war die Flucht. Schon im 16. Jahrhundert ließen sich sogenannte „Marrons“ (flüchtige Sklaven) in den unzugänglichen Bergen nieder. Die Weißen wurden dieser Entflohenen niemals Herr. 1785 erkannte die französische Regierung die Unabhängigkeit der „Marrons“ an. Diese rekrutierten sich überwiegend aus afrikanischen Sklaven, während die in der Kolonie geborenen das Risiko der Flucht scheuten. Nach dem Ausbruch des Sklavenaufstandes 1791 wurde die Flucht zum Massenphänomen. Ein weiteres Mittel der Gegenwehr war das Gift, das von den pflanzenkundigen Schwarzen in seiner Wirkung beherrscht wurde. Immer wieder gab es rätselhafte Todesfälle an Vieh und Menschen. Besonders markant war der Fall des Voodoopriesters Mackandal. Er gab durch Vergiftungen von Weißen das Signal zum Sklavenaufstand gebe wollte, 1758 wurde er hin- gerichtet. Eine weitere Art des Widerstandes war die Abtreibung, die trotz Verbotes bei den Schwarzen weit verbreitet war. Die Todesfälle übertrafen die Geburten. Von einer Million eingeführten Sklaven lebte 1789 nur noch weniger als die Hälfte. Eine Art Sklavenaristokratie bildeten die Domestiken oder Haussklaven. Köche, Lakaien, Kutscher, Aufseher, Ammen oder Kammerzofen. Es handelte sich dabei um kreolische Schwarze, die als zivilisierter galten als afrikanische Neuankömmlinge. Sie hatten weitgehend angepaßte Moralvorstellungen und imitierten oft die Sitten der Weißen.

Die Auswirkungen der Französischen Revolution

Die Mulatten probten als erste den Aufstand im Namen der Menschenrechte, ohne allerdings für die Freiheit ihrer eigenen Sklaven einzutreten. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und die Anführer hingerichtet. Der Aufstand der Sklaven begann im August 1791 im Norden der Insel. Er überschwemmte bald die gesamte Kolonie und gilt als Beginn der Haitianischen Revolution. Im Verlauf dieser Revolution kam es zu Massakern an der weißen Bevölkerung, zur Abschaffung, Wiedereinführung und erneuten Abschaffung der Sklaverei, zur französischen Invasion der Insel, zur Vertreibung der französischen Truppen durch die schwarzen Generäle, zum Bürgerkrieg zwischen Schwarzen und Mulatten sowie zur Besetzung und späteren Räumung des spanischen Teiles der Insel. Haitis großer Freiheitsheld Toussaint Louverture einigte das Volk und proklamierte die Menschen- und Bürgerrechte.

Toussaint Louverture

Dieser wurde 1743 als Toussaint Bréda als Sklave auf der Pflanzung Bréda im Norden der Insel geboren. Er lernte lesen und schreiben und war Kutscher von Bayon Libertat, Verwalter der Pflanzung Bréda. Er beteiligte sich 1791 an der Vorbereitung des SKLAVENAUFSTANDES, schloß sich jedoch erst den Rebellen an, nach dem er die Familie seines Herrn in Sicherheit gebracht hatte. Als oberster Medziner der Armee trat er in den Dienst von Biassou, bei dem er Leutnant und Berater wurde. 1793 brachte er den Franzosen mehrere Niederlagen bei. Im Mai 1794 schloß er sich mit dem von ihm eroberten Gebieten der französischen Republik an. Sie hatte inzwischen die Aufhebung der Sklaverei verkündet. 1795 wurde er Brigadegeneral, nachdem er die Engländer erfolgreich aus ihren Stützpunken in der Kolonie vertrieben hatte, 1797 wurde er Oberbefehlshaber der Armee; in der Verfassung von 1801 wurde er Generalgouverneur auf Lebenszeit, nachdem er eine Mulattenrebellion im Süden blutig niedergeschlagen und den spanischen Ostteil der Insel annektiert hatte; nach der Landung Leclercs kapitulierte er nach dreimonatigem zähen Widerstand. Im Juni 1802 wurde er durch Verrat festgenommen und nach Frankreich deportiert, wo er auf Befehl Napoleons in Fort de Joux inhaftiert wurde und am 27. April 1803 starb.

Toussaint Louverture

Nachfolger Louvertures

Jean-Jaques Dessalines, der Nachfolger Louvertures, vertrieb in blutigen Gefechten die durch Krankheit geschwächten französischen Soldaten und Pflanzer. 1804 erklärt Haiti nach zwölfjährigem Freiheitskampf seine Unabhängigkeit von Frankreich. Hier lebten Sklaven, die sich  selbst befreit hatten. In Haiti ist deshalb der Ausdruck „Neger“ kein Schimpfwort, sondern bedeutet in der kreolischen Landessprache „Mensch“. Die Freiheit von Sklaverei wich einer neuen ungerechten Herrschaft. Einer der größten Despoten war Henri Christophe (1767 – 1820). Größenwahnsinnig ließ er sich 1811 zum König von Haiti krönen. Nach Vorbild von Schloss „Sanssouci“ ließ er in Milot ein Schloss errichten. Ganz feudal handelte es sich um einen dreistöckigen Monumentalbau mit Kronleuchtern, Wandtäfelungen Marmor, edlen Teppichen und feinen Bädern. Aus Furcht vor einer ausländischen Invasion ließ Christophe von über 200 000 Zwangsarbeitern auf dem 945 m hohen Berg La Fernere die mächtigste Festung außerhalb Europas bauen. 365 Kanonen und 15 000 Soldaten sollten Haiti schützen. Dazu kam es nie. „Sanssouci“ wurde durch ein Erdbeben zerstört, die Zitadelle „La Fernere“ blieb ohne Funktion. Die Beziehungen zu den Inselnachbarn waren indes nicht ungetrübt. Immer wieder versuchte König Henri die von Mulatten gehaltene Hafenstadt Santo Domingo einzunehmen,  was ihm aber nicht gelang. 1821 erklärte Nunez de Caceres die Unabhängigkeit des Ostteils von Hispaniola. Am 1. Dezember 1821 proklamierte er den „Unabhängigen Staat Spanisch-Haiti“ (Estado Independiente de Haití Español). Bereits ein Jahr später eroberte der haitianische Präsident Jean-Pierre Boyer die gesamte Insel. Bürgerkriege herrschten im Land. 1844 wurden die Haitianer vertrieben und die Dominikanische Republik ausgerufen. Die Insel war endgültig geteilt. Vierzehn Herrscher regierten in Haiti zwischen 1843 und 1902. Der Staat wurde zur Beute der herrschenden politischen Klasse. Bauern wurden von machthungrigen Potentaten rekrutiert, um gegeneinander zu kämpfen. Das Ziel war der Einzug in den Nationalpalast von Port-au-Prince. Dabei wurden bedenkenlos gewaltsame Methoden angewandt. Die Grundstrukturen erhielten sich über die Jahrhunderte.

US-Amerikanische Intervention

Von 1915 bis 1934 besetzten die Vereinigten Staaten Haiti, die Finanzverwaltung behielten sie sogar bis 1947. Grund für die Invasion 1915 war nach Angaben der Amerikaner die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung; kurz vorher war der Präsident Guillaume Sam ermordet worden. Als eigentlicher Hintergrund kann die Sicherung wirtschaftlicher und geostrategischer Interessen angesehen werden. Der Panamakanal wurde nämlich 1914 eröffnet. Nach der Ansicht mancher Historiker richtete sich die Intervention gegen die deutschen Interessen in Haiti. Deutsche Einwanderer hatten dominanten Einfluß in der Wirtschaft. Washington fürchtete Flottenstützpunkte des Deutschen Reiches in der Karibik. 1918 erklärte Haiti gezwungenermaßen Deutschland den Krieg, die Deutschen wurden daraufhin enteignet. Die Amerikaner bauten Straßen, Krankenhäuser und Telefonanlagen. Ein rassistischer Dünkel gegen Schwarze und Mulatten demütigte diese. Die Amerikaner verpflichteten Bauern zur Zwangsarbeit für den Straßenbau. Die Unterdrückung der „Caco“ -Rebellen forderte tausende Tote. Haiti ist gegenwärtig nach dem Erdbeben 2010 wieder bei 1915 angekommen, das heißt die USA bestimmen das Geschick der Insel.

Literatur:

Hans Christoph Buch, Die Scheidung von San Domingo. Wie die Negersklaven von Haiti Robespierre beim Wort nahmen, Berlin 1976 (Wagenbach Verlag)

www.uni-protokolle.de Geschichte Haitis

Wikipedia Geschichte Haitis

Unterwasserwelt Haiti. Voodoo, Zombies und Korallen

Ein Land ohne Chance. Die Geschichte Haitis, Tageszeitung vom 20.1.2010

Abgrundtiefe Unterschiede zwischen Herrschern und Beherrschten, FAZ vom 24.10.1994

Sklaverei, Diktatur, Armenhaus – eine Geschichte von Katastrophen, Berliner Morgenpost vom 19.1.2010

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Aspekte der Geschichte Armeniens

Erlasse von Talaat Pascha, dem türkischen Innenminister…Echtheit ist umstritten Fälschung wird unterstellt

Erlasse Talaats (türkischer Innenminister) betreffend Behandlung der deportierten Armenier Telegramme

1.) Nr. 502 An die Präfektur von Aleppo

Wir empfehlen Ihnen, sowohl Frauen als auch Kinder den Verordnungen zu unterwerfen, die Ihnen bereits für den männlichen Teil der bekannten Personen vorgeschrieben sind, und für die Aufgaben vertrauenswürdige Beamte zu bestimmen. 3. September 1915 Minister des Innern Talaat

2.)An die Präfektur von Aleppo

Das Recht der Armenier, auf dem Gebiet der Türkei zu leben und zu arbeiten, wird gänzlich abgeschafft. Die Regierung, die in dieser Beziehung jede Verantwortlichkeit übernimmt, hat befohlen, nicht einmal die Kinder in der Wiege zu lassen. In einigen Provinzen hat man die Ausführung dieses Befehls gesehen. Aus uns unbekannten Gründen macht man dort Ausnahmen mit Personen, die, anstatt an den Ort ihrer Verbannung geschickt zu werden, in Aleppo belassen werden, und stellt dadurch die Regierung vor neue Schwierigkeiten. Lassen Sie, ohne Gründe anzugeben, Frauen oder Kinder, wer sie auch immer sein mögen, sogar diejenigen, die nicht gehen können, von dort abziehen, und geben Sie der Bevölkerung keine Veranlassung, sie zu verteidigen. Die Bevölkerung setzt aus Unwissenheit ihre materiellen Interessen über ihre patriotischen Gefühle und ist nicht imstande, die hohe Politik, die, die Regierung damit verfolgt, zu würdigen. Im Hinblick darauf, dass die anderswo im direkt verübten Unterdrückungsverhandlungen – Härte, Marschbeschleunigung, Scherereien unterwegs – dort direkt sicher gestellt werden können, halten Sie unablässig ohne Zeitverlust darauf. Das Kriegsministerium hat alle Heereskommandos benachrichtigt, dass die Etappenkommandanten sich in die Verschickung der Deportierten nicht einmischen sollen. Benachrichtigen Sie die Beamten, die diese Angelegenheit übernehmen, dass sie ohne Furcht vor Verantwortlichkeit darauf hinwirken müssen, den wirklichen Zweck zu erreichen. Ich bitte, mir jede Woche die Ergebnisse Ihrer Tätigkeit in chiffrierten Berichten mitzuteilen. 9. September 1915 Minister des Innern Talaat

3.) Es ist bereits mitgeteilt worden, dass die Regierung auf Befehl des Djemiet beschlossen hat, alle Armenier, die in der Türkei wohnen, gänzlich auszurotten. Diejenigen, die sich diesem Befehl und diesem Bestbloß widersetzen, verlieren ihre Staatsangehörigkeit. Ohne Rücksicht auf Frauen, Kinder und Kranke, so tragisch die Mittel der Ausrottung auch sein mögen, ist, ohne auf die Gefühle des Gewissens zu hören, ihrem Dasein ein Ende zu machen 15. September 1915 Minister des Innern Talaat
…………………………..

5.) Nr. 537 An die Präfektur von Aleppo

Wir erfahren, dass Leute aus dem Volke und Beamte sich mit armenischen Frauen verheiraten. Ich verbiete dies streng und empfehle dringend, dass die Frauen dieser Art nach ihrer Trennung in die Wüste verschickt werden. 29. September 1915 Minister des Innern Talaat

…………………..
7.) Nr. 603 An die Präfektur von Aleppo

Wir erfahren, dass die kleinen Kinder der bekannten Personen, die aus den Vilajets Sivas, Mamouret ul-Asis, Diarbekr und Erserum verschickt sind, als Waisen und weil ohne Unterstützung (infolge des Todes ihrer Eltern, von muselmanischen Familien adoptiert oder als Dienstboten angenommen wurden. Wir fordern Sie auf, alle solche Kinder zu recherchieren und sie an den Ort ihrer Verbannung zu schicken; außerdem die Bevölkerung darüber durch Ihnen geeignet erscheinende Mittel aufzuklären. 5. November 1915 Minister des Innern Talaat

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9.) Nr. 691 An die Präfektur von Aleppo

Rotten Sie mit geheimen Mitteln jeden Armenier der östlichen Provinzen aus, den Sie in Ihrem Gebiete finden sollten. 23. November 1915 Minister des Innern Talaat

10.) Chiffrierte Depesche des Ministers des Innern an die Präfektur von Aleppo Obgleich ein ganz besonderer Eifer für die Ausrottung der fraglichen Personen bewiesen werden sollte, erfahren wir, dass jene an verdächtige Orte, wie Syrien und Jerusalem, geschickt werden. Dergleichen Duldsamkeit ist ein unverzeihlicher Fehler. Der Ort der Verbannung derartiger Unruhestifter ist das Nichts. Ich empfehle Ihnen, danach zu handeln. 1. Dezember 1915 Minister des Innern Talaat
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12.) Nr. 745 Chiffrierte Depesche des Ministers des Innern an die Präfektur von Aleppo Wir erfahren, dass einige Berichterstatter armenischer Zeitungen, die sich in Ihrem Gebiete aufhalten, sich Photographien und Papiere verschafft haben, die tragische Vorgänge darstellen, und diese dem amerikanischen Konsul Ihres Platzes anvertraut haben. Lassen Sie gefährliche Personen dieser Art verhaften und beseitigen. 11. Dezember 1915 Minister des Innern Talaat

Zu den Behauptungen, die Erlasse seien gefälscht, kann gesagt werden, dass trotz offenkundiger Unstimmigkeiten bei den Daten, eine Ähnlichkeit der Dokumente des Aram Andonian mit Dokumenten bei den späteren Kriegsverbrecherprozessen gegen die Jungtürken nachgewiesen wurde.

Aus einem Gespräch des amerikanischen Botschafters Henry Morgenthau sen. mit dem Innenminister Talaat in dem Werk „Ambassador Morgenthaus’s Story“ heißt es: „Er (Talaat) teilte mir mit, das Komitee ‘Einheit und Fortschritt’ habe die Angelegenheit in allen ihren Einzelheiten sorgfältig untersucht. Die Art und Weise, wie vorgegangen würde, entspräche dem, was sie offiziell beschlossen hätten. Er sagte, ich sollte nicht glauben, über die Deportationen sei in Eile entschieden worden. Diese wären in Wirklichkeit das Ergebnis langer und gründlicher Beratung.“ Enver Pascha, damals Kriegsminister, meinte dazu: „Wir haben dieses Land völlig unter Kontrolle. Ich habe nicht die Absicht, Verantwortung auf Untergebene abzuschieben. Ich beabsichtige, die Verantwortung für ausnahmslos alles zu übernehmen, was geschah. Das Kabinett hat die Deportationen angeordnet, und ich bin überzeugt, dass unsere Maßnahme wegen der feindlichen Einstellung der Armenier gegen das Osmanische Reich hierbei vollkommen gerechtfertigt ist. Wir sind in der Türkei wirklich die Herrscher und kein Untergebener würde bei einer Sache dieser Bedeutung wagen, ohne unsere Befehle zu handeln.“i

Ismail Djanbolat,der Chef der Sicherheitspolizei im Innenministerium erklärte Ende Juni 1915 dem deutschen Generalkonsul Mordtmann, man habe beschlossen. „ die Ausweisungsregeln noch weiter auszudehnen“. Botschafter Wangenheim meinte dazu am 7. Juli 1915: „ … die Art, wie die Umsiedlung durchgeführt wird“ zeige, „dass die türkische Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten.“ii Aus einem Augenzeugenbericht der schwedischen Missionsschwester Alma Johanson aus der Stadt Musch von Anfang November 1914: „Bereits im November (1914) wussten wir, dass es ein Massaker geben würde. Der Mutesharif von Musch, ein sehr enger Freund Enver Paschas, erklärte recht offen, dass sie die Armenier bei der ersten sich bietenden Gelegenheit massakrieren und die ganze Nation auslöschen würden. Bevor die Russen anrückten, wollten sie zuerst die Armenier abschlachten und dann gegen die Russen kämpfen.Ungefähr Anfang April in Gegenwart von Major Lange und mehreren anderen hohen Beamten einschließlich des amerikanischen und deutschen Konsuls, erklärte Ekran Bey ziemlich offen die Absicht der Regierung, die armenische Nation auszulöschen. Alle diese Einzelheiten zeigen so klar wie nur etwas, dass das Massaker genau geplant war.“iii H. Marcher, eine dänische Missionsschwester in deutschen Diensten, hat am 16. März 1915 einen Bericht des deutschen Vizekonsuls Schwarz nach dessen Unterredung mit dem Vali von Harput über die Zukunft der Armenier in der Türkei gehört: „…. Der Vali hatte ihm nachdrücklich dargelegt, die Armenier in der Türkei müssten und würden ausgelöscht werden. Er sagte, sie hätten an Wohlstand und Zahl dermaßen zugenommen, dass sie eine Bedrohung für die türkische Rasse darstellten. Auslöschung sei das einzige Gegenmittel…“iv „Das Telegramm bedeutet: Warum warten Sie?“ Aus der Aussage des armenischen Bischofs Balakian vor einem Berliner Gericht im Prozess gegen den Mörder Talaat Paschas über Talaats Rolle bei den Deportationen: „ … Ich habe aber keinen Grund, an der Authentizität einer Depesche zu zweifeln, die von einem aktiven Vize -Gouverneur gezeigt wurde. Das Telegramm lautete ungefähr in diesem Sinne: ‘Telegraphieret uns gleich direkt, wieviel von den Armeniern schon tot sind und wieviel noch am Leben. Innenminister Talaat.’ Ich habe zuerst nicht verstanden, was das bedeutet. Es war für mich unmöglich, zu denken, dass ein ganzes Volk durch Massakers sollte vernichtet werden; das ist in der Geschichte noch niemals vorgekommen. – Herr Kelekian fragte Asaf Bey: Was bedeutet das, ich verstehe es nicht.

  • Sie sind ja so klug, erwiderte Asaf Bey, Sie sind ein Chefredakteur…Das Telegramm bedeutet:Warum warten Sie? Machen Sie Massaker!

…. Asaf Bey sagte: Arbeiten Sie tüchtig, arbeiten Sie ruhig, dass Sie binnen zwei Wochen in Konstantinopel sind. Ich bin nur noch 15 Tage hier, dann verlasse ich mein Amt. Ich war schon 1909 in Osmanie, damals kamen in Adana große Massakers vor. Man beschuldigte mich, die Armenier misshandelt zu haben, und nur mit großen Schwierigkeiten bin ich gerettet worden. Ich will nicht wieder an armenischen Massakers teilnehmen, weil die Zeit kommen wird, nach dem Kriege, dass alle verantwortlichen höheren Personen ins Ausland fliehen müssen. Und dann wird man uns für diese Massaker verantwortlich machen und uns vielleicht hängen lassen. Ein Geschworener: Welche Unterschrift war unter der Depesche? Zeuge: Die Unterschrift des Telegramms war ‘Talaat’, das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen.“v

 

Zur Schuldfrage

Innenminister Talaat Pascha stellt in seinen posthumen Memoiren folgende Behauptungen auf: “Russland hatte, in der Absicht unsere östlichen Provinzen zu übernehmen, die armenischen Bewohner bewaffnet und ausgerüstet sowie starke armenische Banditenverbände in der Gegend organisiert. Als wir in den Weltkrieg eintraten, begannen an der Kaukasusfront im Rücken der türkischen Armee deren Zerstörungsaktivitäten. Brücken wurden gesprengt, türkische Städte und Dörfer in Brand gesteckt, unschuldige Muslime ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht getötet. Sie verbreiteten in allen östlichen Provinzen Tod und Schrecken und bedrohten die rückwärtigen Verbindungen der türkischen Armee. Alle diese armenischen Banditen fanden bei den örtlichen Armeniern Unterstützung… Jede armenische Kirche diente, das wurde später entdeckt, als Munitionslager. Auf diese illoyale Weise töteten sie (die Armenier) mehr als 300.000 Mohammedaner und zerstörten die Kommunikationsverbindungen zwischen der türkischen Armee und ihren Basen…”

Lepsius stellt in seinem Buchvi folgende Zusammenfassung der türkischen Thesen vor: „Stellen wir die nackten Tatsachen fest, die in den 5 Communiqués der türkischen Regierung mit Anführung von Personen und Ortsnamen als Beweise für eine revolutionäre Erhebung des armenischen Volkes aufgeführt werden. Es sind die Folgenden: Garo Pasdermadschian, der in Tiflis zu Haus ist, begibt sich Ende August 1914, also vor dem Krieg von Erzerum nachdem Kaukasus und schließt sich bei Ausbruch des Krieges, angeblich einem armenischen Freikorps an. Das übrige, was ihm zugeschrieben wird , geht die russische Kriegsführung an. Zwei Armenier, Toros Oglu und Agob, bringen in Cilicien Züge zur Entgleisung. Kommandanten englischer und französischer Schiffe setzen sich mit Armeniern der Küstenorte in Verbindung Armenier von Zeitun haben den Behörden Widerstand geleistet. Die Führer der türkischen Oppositionspartei zettelten ein Komplott an, in das vier Hintschaken verwickelt waren- (Das Komplott wurde vor dem Kriege aufgedeckt.) Armenier von Wan, Schattach, Hawasur, Kewach und Timar um die Südosteecke des Wansees herum „erheben sich mit der Waffe in der Hand.“ 500 Armenier von Schabin-Karahissar besetzen den Burgfelsen. Dies sind die Tatsachen der Communiqués. Für die Beschuldigung einer geplanten armenischen Revolution  reichen diese Beweise nicht aus… Durch unsere obige Darstellung haben wir festgestellt, daß weder das Patriarchat noch die Daschnakzutiun sich irgendwelcher vaterlands-feindlicher Akte schuldig gemacht haben, noch auch daran gedacht haben, solche vorzubereiten.“

 

Anwachsender Türkismus von 1908 bis 1913

Die bekannteste Zeitschrift „Türk Yurdu“ fasste die wichtigsten Intentionen des Türkismus zusammen: Betonung der rassischen Identität von Tataren und Türken, Verherrlichung des Patriotismus und Wiederherstelung der turanischen Gemeinschaft in den Grenzen des 13. Jahr- hunderts.vii Talaat, damals Innenminister, ernannte die Beamten nach dem Kriterium von pantürkischen Überzeugungen. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges sagten nationalistische Journalisten den Fall des Russischen Reiches und den Aufstieg eines Panturanischen Reiches auf seinen Ruinen voraus. „In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hat über der Türkei ein Wind des Wahnsinns geweht … Sowie sich die türkischen Nationalisten dem Kampf für den Pantürkismus angeschlossen hatten, lenkten sie ihren Blick nach Transkaukasien, das nun als potentieller türkischer Lebensraum galt.“viii Auf den Punkt bringt es der pantürkische Nationalist Dr. Nazim kurz nach den Massakern von Kilikien von 1909: „Das Osmanische Reich muß ausschließlich türkisch sein. Die Existenz fremder Elemente bietet einen Vorwand für europäische Interventionen. Dies Elemente müssen mit Waffengewalt türkisiert werden.“ix

 

Geschichte Armeniens

Im 9. Jahrhundert vor Christus gründeten Stämme der Hurriter, die im Hochland um den Vanseen lebten, das Reich von Biainili, auch bekannt unter der Bezeichnung Urartu. Dieses wurde dasmVorgängerland  zum dem, was später Armenien bezeichnet wurde. Leistungen wurden vor allem erbracht in der Landwirtschaft (künstliche Bewässerung), in der Eisengewinnung und im Festungsbau, unter dem König Sarduri II. (765 bis 733 v. Christus) hatte das Land seine größte Ausdehnung. 585 vor Christus fiel Urartu den Medern zu. Die Armenier wurden 519 vor Christus unter dieser griechischen Bezeichnung erstmals erwähnt.  Sprachlich dominiert bei den Armeniern das indoeuropäische Element, es gibt aber auch einen Teilwortschatz aus dem Urartäischen. Im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus erfreuten sich die Armenier gegenüber Persien einer weitgehenden Autonomie. Auch Alexander der Große konnte sich nicht niederwerfen.1 Im 2. Jahrhundert vor Christus gab es zwei armenische Reiche – Großarmenien östlich des Euphrat und Kleinarmenien westlich davon. 95 vor Christus vereinigt Tigran der Große, ein Schwiegersohnmvon Mithritates, beide Teile und erobert Mesopotamien, Syrien, Palästina, Kilikien und Kappadokien. Esmdauerte aber nicht lange, dann eroberte der römische Feldherr Lukullus 69 vor Christus die von den Armeniern besetzten Gebiete. Große Gebietsverluste erlitten die Armenier 114 nach Christus.2 301 wurde unter König Trdat III. das Christentum zur Staatsreligion erhoben (fast ein Jahrhundert später im Römischen Reich 391 nach Christus). Überbringer des Christentums war der arsakidische Fürst Gregor Illuminator. Dieser empfing in Cäsarea die Priesterweihe undmsetzte mit brachialer Gewalt das Christentum durch. Heiden wurden verjagt, eingesperrt, gefoltert oder verbrannt. Die Stadt Etschmiadzin am Fuße des Ararat wurde von ihm erbaut. Hier entstandie erste christliche Kirche.3 Zwischen 350 und 367setzten sich die Armenier den Persern zur Wehr, die das Christentum niederringen wollten. Das armenische Königtum in West-Armenien konnte sich bis 389 halten. In Ostarmenien blieb die Dynastie der Arschakiden bis 428 an der Macht. Der Geschlechteradel wollte lieber unter fremder Herrschaft leben. Unter König Wramschapuh (389 bis 414) wurde eine neue Buchstabenschrift entwickelt. 405 stellte der frühere Hofsekretär  Mesrop Maschtoz (362 bis 440) eine neue Buchstabenschrift vor. Die Armenier waren wegen ihres Glaubens näher an Byzanz, 451 nach Christus erhoben sie sich gegen Persien unter der Führung von Vardan Mamikonian. Sechzigtausend Armenier standen zweihundertfünfzigtausend Persern gegenüber, die Niederlage bei Avarair war für Armenien damit besiegelt. In den Bergen führten die Armenier einen Guerillakrieg unter Führung des Neffen Vardans und ertrotzten eine Art Autonomie. Im selben Jahr blieben die Armenier dem Konzil von Chalzedon fern und vierzig Jahre später der monophysitischen Lehre treu. Damit entwickelten sie eigene Riten und Traditionen.

 

Im 7. Jahrhundert drangen die Araber vor und töteten viele Armenier, plünderten Städte und führten viele Überlebende in die Sklaverei ab. Die adligen Armenier flohen in die Berge und konnten ihren Glauben behalten. Sie waren allerdings steuerpflichtig. Die Nakharars, so wurden die adeligen Armenier auch genannt, konnten jedoch nicht selten gegeneinander ausgespielt werden und durch Araber ersetzt werden.4 859 ernannte das von Abbasiden regierte Bagdad den Bagraditen-Fürsten Aschot zum Gouverneur von Armenien. Byzanz einigte sich mit Bagdad darauf, die armenische Autonomie wieder herzustellen. Seit 885 regierten die Bagratiden sechzig Jahre lang in Freiheit und Wohlstand. Die Hauptstadt Ani wurde zum Herzen Armeniens. Sie wies 40 Tore angeblich und tausendundeine Kirche vor. Im 10. Jahrhundert gab es sieben im Bruderkampf sich befindende armenische Königreiche. Die Unabhängigkeit der Bagratiden endete 1045. Es gelang den Griechen, Armenien zu besetzen. 1048 fielen die Seldschuken in das Königreich Vaspurakan im Norden des Van-Sees ein. Die Hauptstadt Ani wurde 1064 zerstört, das Land unterworfen. 1071 unterwarfen die Seldschuken auch Byzanz in der Schlacht bei Manazkert. Die Seldschuken dehnten nach der Niederlage des Bagratiden-Reiches ihre Herrschaft bis zum Kaukasus aus. Im 13. Jahrhundert fielen die Mongolen in Armenien ein. 1236 verwüsteten sie die Stadt Ani.

 

In Kilikien entstand zwischen 1080 und 1095 unter Fürst Rupen die Baronie Neu-Armenien. Das Gebiet wurde von Bergfestungen im Taurus aus bis zum Mittelmeer ausgedehnt. Im Norden bildeten die Euphrat-Täler Verbindungswege mit Alt-Armenien. Bei den Kreuzfahrern trafen die Armenier auf Sympathie und umgekehrt. Byzanz verbündete sich mit den Türken gegen die nicht-orthodoxen Christen. Nach dem Dritten Kreuzzug wurde Neu-Armenien 1199 unter Leo II. Königreich. 1375 unterlag Neu-Armenien dem Ansturm der Mamelucken, Kilikien wurde bis in das 16. Jahrhundert osmanischer Besitz. Viele Armenier wanderten im 14. Jahrhundert aus. Aus Kilikien ging man nach Zypern, Rhodos, Griechenland, Smyrna, Konstantinopel und Ägypten.

1Vgl.: Yves Ternon, Tabu  Armenien. Geschichte eines Völkermords, Frankfurt am Main/ Berlin1977, S. 14

2Martin Bitschnau (Hrsg.); Armenien: Tabu und Trauma Band 1, Die Fakten im Überblick, Wien 2010, S. 18

3Ternon, a.a.O., S. 16

4Vgl. Ternon, a.a.O., S.18

i Jörg Berlin, Adrian Klenner, Völkermord oder Umsiedlung. Das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich. Darstellung und Dokumente, Köln 2006, S. 55f.

iiRolf Hosfeld, Operation Nemesis. Die Türkei, Deutschland und der Völkermord an den Armeniern, Köln 2009

(zweite Auflage), S. 201

iiiBerlin, Klenner, a.a.O., S. 284

ivEbd., S. 285

vEbd., S. 285 ff.

viJohannes Lepsius, Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei, Potsdam 1916,  S. 215 f.

viiYves Ternon, Tabu Armenien. Geschichte eines Völkermords, Frankfurt am Main, S. 126 f.

viiiEbd., S. 129

ixEbd., S. 136

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