Ägypten – Reader

Leserbrief zu: Todesurteile gegen Muslimbrüder bestätigt, in Main-Echo vom 23.6.2014 Das extreme Morden in Ägypten muss endlich aufhören. Todesurteile können in keiner Weise geeignet sein, einen Weg aus der Krise aufzuweisen. Zu viele Menschen sind schon gestorben als dass die neuen Machthaber nicht wenigstens einmal versuchen müssten, einen Weg der Aussöhnung zu begehen. Der prominente ägyptische Oppositionelle Alaa Abd al-Fattah wurde Anfang Juni zusammen mit 24 anderen Aktivisten zu jeweils 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Schnellgericht in der Polizeiakademie von Kairo habe den jungen Blogger und die Mitangeklagten wegen “Aufstachelung zur Gewalt” verurteilt, meinte sein Vater. Das Urteil dokumentiert, dass die Behörden unter dem neuen Präsidenten Abd Al-Fattah al-Sisi in Ägypten wieder diktatorische Verhältnisse schaffen wie zu Mubaraks Zeiten. Er kritisierte Ex-Präsident Mubarak, Muslimbruder Mursi oder General Al-Sisi: Der ägyptische Satiriker Bassem Youssef hat sich mit allen Mächtigen in Ägypten angelegt. Dem Druck weicht er nun aus: Jetzt zieht er sich aus Angst um seine Sicherheit aus dem Showgeschäft zurück.” Ich bin müde und fühle mich in meiner persönlichen Sicherheit bedroht”, meinte er zur Begründung. Auch das war Anfang Juni und zeigt, dass auch von dem neuen Machthaber Al-Sisi eine Demokratie mit garantierter Meinungs- und Kunstfreiheit nicht zu erwarten ist. Der Satiriker hatte sich zuvor über die “ach so spannende” Präsidentenwahl lustig gemacht. Damit hat er zwar recht, denn der Sieger stand schon vorher fest. Aber Ironie ertragen Diktatoren nicht. Mursi so wenig wie Al-Sisi.

C. Schauer, in: Main-Echo online vom 3.7.2014, Print-Ausgabe vom 7.7.2014

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Ägypten – Reader

Frühe Kämpfe zwischen Kopten und Muslimen

Nach der Eroberung Syriens durch die muslimischen Araber begannen diese 639 mit 9.000 Mann, Ägypten zu erobern. Nach ihrem Sieg bei Heliopolis über die Byzantiner wurde das ganze Land besetzt. Alexandria kapitulierte aber erst 642, nachdem den Kopten (ägyptischen Christen) unter dem Patriarchen von Alexandria die Religionsfreiheit zugesichert worden war. Die islamischen Herrscher waren nach ihrem Sieg im 7.Jahrhundert in Ägypten weniger an einem Religionswechsel als an den Abgaben der Kopten interessiert. Dies änderte sich mit Al Hakim bi Amrillah, dem sechsten Kalifen der Fatimiden-Dynastie. Im Jahr 1003 begann die Verfolgung der Kopten. Der Anlaß war eine baufällige koptische Kirche in Al Kahira. Die Bauarbeiten ärgerten die muslimischen Bewohner des Stadtviertels. Vom Kalifen bekamen die Muslime die Erlaubnis, die Kirche niederzureißen. Die Kopten wehrten sich, konnten sich aber nicht durchsetzen, es gab Tote und Verletzte. In den folgenden Jahren wurden Gesetze erlassen, die den Kopten das Leben erschwerten. Alle Kirchengüter wurden beschlagnahmt, Christen hatten schwarze Gürtel und schwarze Turbane zu tragen, sie durften nicht auf Pferden reiten, die Palmsonntag-Prozession wurde verboten. Der koptischen Beamtenschaft wurde von den Muslimen vorgeworfen, Muslime mit härteren Methoden zur Steuerzahlung zu zwingen als Kopten. Der Chef der Finanzverwaltung, ein Christ, wurde daraufhin auf Befehl des Kalifen hingerichtet. Eine frühe Talibanisierung fand unter diesem Kalifen statt. Das Leben der Menschen wurde auf das Jenseits abgerichtet. Der Gesang und das Musikspielen wurde verboten. Der Alkoholgenuß wurde streng bestraft. Schmuck war nicht erlaubt, der Hundebesitz verboten, Schachspiele mussten abgegeben werden und wurden im Kalifen-Palast verbrannt.

Napoleon in Ägypten

1798, als der spätere Kaiser der Franzosen noch der Revolutionsgeneral Bonaparte war, führte er ein Heer von 38000 Soldaten nach Ägypten. Sein Ziel war es, Englands Vormachtstellung im Nahen Osten zu brechen und Englands Handel mit seinen indischen Kolonien zu bedrohen. Denn die Engländer, die unangreifbar auf ihrer trotzigen Insel saßen, waren die ständigen Feinde der revolutionären Franzosen. Durch die Versenkung der französischen Flotte in der Schlacht von Abukir wurde der Seeweg blockiert und Napoleons Armee vom Nachschub abgeschnitten. Das Expeditionskorps zog daraufhin drei Jahre lang durch das Landesinnere und nach Syrien, bis es den Briten schließlich 1801 unterlag. Napoleon war bereits im August 1799 heimlich nach Frankreich zurückgekehrt. Bonaparte wußte damals über die Herkunft des Nilwassers: „Der Nil wird durch die Vereinigung des Blauen und des Weißen Flusses gebildet. Der erstere entspringt dem See Dembea. Unter dem 11. Breitengrad durchbricht er einen Bergkette und stürzt in Tälern dieser Berge über sechs Katarakte, deren Fallhöhe jeweils 10 bis 12 Meter beträgt. Unter dem 14. Breitengrad empfängt er den Fluß Dender, der Nubien von Abessinien trennt. Der Weiße Nil entspringt unter dem 8. Breitengrad, östlich vom Blauen Nil. Er durchbricht dieselbe Bergkette. Die Anzahl seiner Wasserfälle ist jedoch unbekannt. Die beiden Flüsse vereinigen sich unter dem 16. Breitengrad.“1

Die Moslembruderschaft

Die sunnitische Muslimbruderschaft ging 1928 aus einer kleinen Gruppe von Männern um den Grundschullehrer Hasan al-Banna (1906–1949) hervor, die sich als “Brüder im Dienste des Islam” verstanden. Ziel war die Verbreitung islamischer Moralvorstellungen und die Unterstützung wohltätiger Aktionen und sozialer Einrichtungen, aber auch die Befreiung des Landes von der fremden Okkupation sowie der Kampf gegen die britisch-westliche „Dekadenz“, die sich im Lande ihrer Meinung nach offenbarte. Die mitunter auch als “Mutterorganisation des politischen Islams” bezeichnete Muslimbruderschaft versucht, die Regierungen ihrer jeweiligen Heimatstaaten abzulösen und einen islamischen Gottesstaat auf der Grundlage der Scharia zu errichten. In den 1930er Jahren politisierte sich die Bruderschaft stärker und setzte sich für das Ziel der Rückkehr zum ursprünglichen Islam und der Errichtung einer islamischen Ordnung ein. Al-Banna wandte sich 1936 mit diesem Ziel in dem Traktat „Aufbruch zum Licht“ (nahwa an-nūr) an den ägyptischen König und andere arabische Staatsoberhäupter. Er trat auch für den bewaffneten, offensiven Dschihad gegen Nicht-Muslime und deren Helfer ein. 2 1938 initiierte die „Bruderschaft“ gewalttätige Proteste gegen Juden mit Parolen wie „Nieder mit den Juden“ und „Juden raus aus Ägypten“. 1938 erschien Al-Bannas Werk „Die Todesindustrie“, in welchem die Abwendung vom Leben radikalisiert und die Verherrlichung des Märtyrertums entfaltet wird: „Derjenigen Nation, welche die Industrie des Todes perfektioniert und die weiß, wie man edel stirbt, gibt Gott ein stolzes Leben auf dieser Welt und ewige Gunst in dem Leben, das noch kommt.“ Sie hatte 1941 schon ungefähr 60.000, 1948 ungefähr 500.000 Mitglieder und Hunderttausende Sympathisanten. Sie war streng hierarchisch organisiert. Ihr Anführer, Hassan el-Banna, bestand auf der unverzichtbaren Präsenz des Islam im politischen Leben. Die mächtige Organisation unternahm nichts gegen die Besatzungsmacht. Die Handlungsweise gegenüber der Nationalen Front war extrem. Eine Serie von Attentaten prägte ihr Tun. Die Mordanschläge auf Mustafa el-Nahas (am 6. Dezember 1945, am 25. April 1948 und im November 1948), die Ermordung von Amin Osman durch Hussein Taufik (am 5. Januar 1946), der Sprengstoffanschlag auf das Metro-Kino (am 6. Mai 1947), die Ermordung des Vizepräsidenten des Appelationsgerichtes von Kairo, Ahmed al-Chazindar (am 22. März 1948), die wiederholten Bombenanschläge auf jüdische Geschäfte und Wohnviertel (Cicurel und Oreco), das Warenhaus Ades im Juli 1948, Benzion, Gattegno, die Me’adi Company im August; doch vor allem im September die Anschläge auf das Harit el-Yahúd, das jüdische Viertel, (die 20 Tote und 61 Verletzte forderten), die Explosion in der Galal Street im November 1948 und die Lancierung eines mit Sprengstoff beladenen Jeeps, der am 5. November 1948 in Kairo entdeckt wurde.3 Am 4. Dezember 1948 wurde General Selim Zaki, Polizeichef von Kairo, in unmittelbarer Nähe der medizinischen Fakultät, in seinem gepanzerten Dienstfahrzeug ermordet. Das Ziel des Terrors war, die Regierung zu einer Aufhebung der politischen Freiheiten zu zwingen. Letzere sah sich ihrerseits gezwungen, die Muslimbrüderschaft zu zerschlagen. Die Behörden reagierten so ihrerseits mit verstärkter Verfolgung. Al-Banna wurde schließlich am 12. Februar 1949 in Kairo, wahrscheinlich im Auftrag des ägyptischen Königshauses, erschossen; der Attentäter wurde nicht gefasst.4

Der Brand Kairos am 26. Januar 1952

Am 25. Januar verschanzte sich die Provinzpolizei in Ismailia und führte ein 12-stündiges Gefecht gegen britische Panzer und Artillerie, die sie unter gezieltem Feuer hielten. Es folgte ein Massaker unter der Fellachenpolizei. Am folgenden Tag kam es zu einem Generalstreik. Studenten und Arbeiter zogen zum Zentrum von Kairo. Staaatsminister Fattah Hassan versprach einen Abbruch der Beziehungen zu Großbritannien und einen Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion. Kurz vor Mittag traten die Brandleger in Aktion. Sie trugen Listen bei sich, auf denen die Reihenfolge der anzuzündenden Häuser verzeichnet war. Wer waren dies Leute? Einerseits Militärs aus der alten Partei von Ahmed Hussein, die Grünhemden der Jungägypter. Dann die Fanatiker von „Schabab Mohammed“, die die „Rückkehr in die Wüste“ predigten. Nicht zuletzt Anhänger der Muslimbrüderschaft. Mittels einer Angstpsychose versuchten sie, eine antijüdische Stimmung zu erzeugen, die es bisher in Ägypten nicht gab. Die Organisation richtete ihre Zerstörungskampagne gegen die Bars und Unterhaltungszentren von Kairo und Alexandria. Sie schossen auf Liebespaare in dunklen Vorstadtstraßen und predigten religiösen Fanatismus. Um die Mittagszeit stand der Geschäftsbezirk, die moderne City im Herzen Kairos, in Flammen. Die Demonstranten starrten auf die Taten der Brandstifter, die sich mit Hunderten von jungen arbeitslosen Landstreichern aus dem Lumpenproletariat von Kairo verbündet hatten. Ahmed Hussein, Führer der Sozialistischen Partei, wurde angeklagt und später von Innenminister Nasser wieder freigelassen. Sieben Brandstifter wurden zu langjähriger Zwangsarbeit verurteilt und 1959 wieder freigesprochen.

Der Militärputsch von 1952

Die jungen Führungskräfte der Armee waren sämtlich von nationalistischen Ideen beeinflußt. Die meisten waren Wafdisten oder Mitglieder der Moslembruderschaft, eine Minderheit Marxisten. Einige waren Anhänger von Ahmed Hussein. Sie unterstützten General Aziz el-Masri. Er war Stabschef und wurde wegen seines Zusammenspiels mit der Achse 1942 von den Briten aus seiner Position entfernt. Am 23. Juli um drei Uhr morgens besetzte die führende Gruppe der Freien Offiziere das Generalhauptquartier der Armee in Abbassia. Das Oberkommando wurde verhaftet. Drei Tage später muße König Faruk abdanken und Ägypten für immer verlassen. „Die Hauptursache für die Revolution“, schrieb Nasser später in einem Buch „lag in der Notwendigkeit, unseren Lebensraum zu erweitern angesichts des Anwachsens der Bevölkerung, das sich im Laufe der letzten Jahre auf Millionen beläuft und den Produktionsmechanismus fast vollständig gelähmt hat, was für das Land die ernstesten Gefahren mit sich brachte …“

Das Landproblem

Der Gott Pharao war bis zum Ende des Alten Reiches mitsamt einer zentralistischen Bürokratie Herrscher über das Wassersystem – das Ausheben von Bewässerungskanälen und die Regulierung des Nilwasserstandes. Bewässerungs- und Drainagearbeiten beanspruchten einen großen Teil der Arbeitskraft. Es war nicht möglich, diese hydraulischen Aufgaben auf nur lokaler Ebene zu erledigen. Der Pharao war als Herr über Bewässerung und Arbeitsverteilung der alleinige Besitzer des ägyptischen Landes. Seine ausführenden Organe waren Minister, Gebietsverwalter und Priester. Unter Ramses II. im 13. Jahrhundert vor Christus bestand dann die dreifache Aufteilung des Landes unter dem König, den Priestern und den Kriegern. Privaten Landbesitz gab es während des Mittleren Reiches, danach wurde dieser wieder aufgehoben. Auch unter den Lagiden (Dynastie 322 bis 30 vor Christus) scheint der König im Besitz des überwiegenden Teils des ägyptischen Grund und Bodens gewesen zu sein. Auch die Eroberung Ägyptens durch die Araber brachte in der Struktur des Landbesitzes nicht viel Wandel. Die Institution der Wakf (im muslimischen Recht ein ständig der Nutznießung für religiöse oder wohltätige Zwecke zur Verfügung stehender Besitz) faßte Fuß in Ägypten bis 1954. Der Staat war alleiniger Besitzer des ägyptischen Bodens – Nutznießer waren jedoch nicht ausgeschlossen. Es gab drei Hauptformen: die erste bestand darin, daß das Land der Priesterschaft oder den religiösen Institutionen als Entschädigung für die gewährte Unterstützung zur Nutzung übergeben wurde. Später dann gab es die Landzuteilung an Militärführer, deren Unterstüzung sich das Königshaus sichern wollte.5 Zudem gab es noch die Form, in der reichen Bauern Grund und Boden gegen Übernahme von steuerlichen Verpflichtungen und Naturalienzahlungen übergeben wurde.

Ramses II.

Ramses II.

Nur zweimal, im Mittleren Reich und unter den Mameluken, gingern die nutznießenden Militärführer und die Geistlichkeit über die Beschränkungen hinaus und fingen an, ihr Land zu vererben oder es einer dritten Partei zu überlassen. Die zentrale Macht gewann nach kürzester Zeit wieder die Oberhand. Die Mehrheit der Bauern lernte bis ins 17. und 18. Jahrhundert nie einen eigenen Grundbesitz kennen. Friedrich Engels meinte zu Thema Privateigentum im Orient: „Woher kommt es, daß die Orientalen nicht zum Grundeigentum kommen, nicht einmal zum feudalen? Ich glaube, es liegt hauptsächlich am Klima, verbunden mit den Bodenverhältnissen, speziell mit den Wüstenstrichen… Die künstliche Bewässerung ist hier die erste Bedingung des Ackerbaus, und diese ist Sache entweder der Kommunen, Provinzen oder der Zentralregierung. Die Regierung im Orient hatte immer auch nur drei Departements: Finanzen (Plünderung des Inlands), Krieg (Plünderung des Inlands und des Auslands) und Travaux Publics, Sorge für die Reproduktion…“ Von der Zeit der Pharaonen bis heute bildete Ägypten eine einzige geschlossene nationale Einheit. Die Multazimin, die oberen Steuereinnehmer, mußten sich für ihren Posten jedes Jahr durch die Erlegung des Gesamtsteueraufkommens aus ihrem genau abgegrenzten Gebiet entlasten. Sie hatten daher diese Summe mit allen verfügbaren Mitteln aufzubringen und taten das, indem sie den Bauern große Belastungen auferlegten. Das System des Grundbesitzes vor Mohammed Ali entspricht einem „orientalischen Feudalismus“, dessen Grundlagen im Gegensatz zu denen des europäischen Feudalismus im Fehlen privaten Landeigentums und  dem Zentralismus der Staatsmacht auf dem Gebiet der Landwirtschaft bestanden. Es gibt auch Punkte der Ähnlichkeit mit dem europäischen Feudalismus: das Tributsystem und das einer natürlichen Ökonomie auf dem Lande. Bonapartes französische Expedition von 1798 bis 1801 und Mohammed Ali haben den orientalischen Feudalismus stark erschüttert. In dem Gesetz vom 16. September 1789 wurden Bodenpreise festgesetzt, den Bauern ein Erbrecht zuerkannt und die Registrierung des Grundbesitzes geregelt. Unter der Herrschaft Muhammad Alis wurde mit der Privatisierung des sich bis dahin nominell allein im Besitz des Staates befindlichen Landes begonnen und das alte System der Steuerpacht (Iltizam) zugunsten einer direkten Besteuerung von Grund und Boden, durchgesetzt durch bezahlte Angestellte des Staates, ersetzt. Zwei Millionen Feddan6 – das entsprach der bebauten Gesamtfläche- wurden wie folgt aufgeteilt. Es gab von der Katastrierung ausgenommenes Land und Landgüter- von Mohammed Ali Mitgliedern seiner Familie und seines Hofes, Militärführern und hohen Beamten übertragen, insgesamt 200.000 Feddan, die steuerfrei bleiben; 100.000 Feddan, die den früheren Multazimin als Entschädigung übereignet wurden; das Land für die Dorfscheichs, insgesamt 154.000 Feddan; steuerfreies Land, das ausländische Beamte erhielten, insgesamt 6.000 Feddan; Land, das an die Dörfer grenzte und den Beduinen überlassen wurde. 1952 besaßen 94,3 Prozent kleine Besitzer mit weniger als 5 Feddan 35,4 Prozent des Landes, 5,2 Prozent mittlere Besitzer mit 5 bis 50 Feddan 30,4 Prozent des Landes und 0,5 Großgrundbesitzer mit mehr als 50 Feddan 34,2 Prozent des Landes. Innerhalb der ersten Gruppe, die weniger als 5 Feddan besaßen, gab es zwei Untergruppen: die der Bauern, die weniger als 2 Feddan besaßen und nicht in der Lage waren, ihren Lebensunterhalt zu sichern und die Kleingrundbesitzer (2 bis 5 Feddan), die ihre Lebensbedürfnisse befriedigen konnten. Auf die erste Gruppe entfielen 2.308901 Bauern. 84 Prozent der Grundbesitzer verfügten über 21 Prozent des Landes. Andererseits verfügten 0,01 Prozent der Grundbesitzer über 10 Prozent des Landes. Die „Landaristokratie“ oder auch die Feudalisten zerfiel in zwei Gruppen.Die erste Gruppe setzte sich aus Magnaten zusammen, die ihren Besitz gewinnbringend an dritte Parteien , sogenannte Compradores verpachteten. Vor 1952 vollzog sich eine solche Verpachtung auf zwei Arten: entweder an eine Person, die ihrerseits Kleinparzellen von 1 bis 5 Feddan an bearbeitende Kleinbesitzer verpachtete.7 Das Interesse an Verpachtungen nahm nach dem Zweiten Weltkrieg stark zu und stieg von einem Anteil von 1,73 Prozent des Landes im Jahre 1939 auf 60,7 Prozent im Jahre 1949 und auf 75 Prozent 1952. Die Fellachen hatten auch unter einer Vielzahl von Steuern und Abgaben zu leiden sowie einem Anstieg des Pachtpreises parallel zum Anstieg des Baumwollpreises. Den Kern dieser Gruppe bildete der König Faruk mit der königlichen Familie mit einem Gesamtbesitz von 159.000 Feddan und einem jährlichen Ertrag von 750.000 ägyptischen Pfund. Die zweite Gruppe waren die reichen Landwirte, die Minderheit der Großgrundbesitzer, die ihr Land selber bebauten, entweder zur Produktion von Rohmaterialien für die Veredelungsindustrien, überwiegend Baumwolle, oder von Konsumgütern für den einheimischen wie den Weltmarkt. Beide Gruppen verstärkten ihren Einfluß in der Wafd-Partei, der sie eine konservative Prägung gaben, im besonderen unter der Einwirkung von Fuag Serag Eddin. Die mittleren Landbesitzer (5 bis 50) Feddan bebauten ihr Land mithilfe einer kleinen Anzahl von Landarbeitern. Eine Gruppe (20 bis 50 Feddan) waren gut situierte Besitzer, die zu Großgrundbesitzern aufsteigen wollte – sie lehnte sich an die Muslimbruderschaft an. Eine andere Gruppe (5 bis 20 Feddan) hatte es mit einer sich verschlechternden Lage zu tun. Sie fand ihren politischen Ausdruck in der Wafd-Partei. Unterhalb diese Klasse gab es das agrarische Kleinbürgertum, das sich aus Grundbesitzern zwischen 1 und 5 Feddan zusammensetzte. Das Leben dieser Menschen war vom Marktpreis für landwirtschaftiche Produkte abhängig, der auch an weiterverpachteten Parzellen hing. Der linke Flügel der Wafd-Partei hatte bei dieser Gruppe viele Anhänger, auch die Kommunisten. Auch die extrem Rechte unter Achmed Hussein fand hier Anhänger. Der größte Teil der ägyptischen Fellachen besaß überhaupt kein Land. Die Schätzungen schwanken zwischen 8 Millionen und 14 Millionen Personen.1947 überstieg ihre Zahl die von der Landwirtschaft benötigten Arbeitskräfte um 47 Prozent. Sie mußten mit 8 bis 15 Piastern am Tag auskommen. Nach dem Umzug in die Städte drangen Sätze wie „Das Land für die, die es bebauen!“ an die Öffentlichkeit. Die Fellachen drohten sich zu erheben.

Rolle der Banken

Die unter Ismail eingeführte Monokultur von Baumwolle regte die Schaffung eines ganzen Banken- und Hypothekensystems an, durch das sich aus der Arbeit der ägyptischen Bauern eine reiche jährliche Ernte erzielen ließ. Die Ägyptische Bodenkreditbank wurde 1880 mit französischem Kapital gegründet, 1905 folgte die von den Engländern die Land Bank of Egypt. In der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts übten diese Finanz- und Bankengruppen auf den ägyptischen Grundbesitz einen großen Druck aus. Der Wert des kultivierten Landes betrug 120 Millionen ägyptische Pfund, die Hypotheken beliefen sich auf 60 Millionen ägyptische Pfund. Ein beträchtlicher Anteil des ägyptischen Bodens war somit unter dem Einfluß der Kreditbanken.

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Politischer Staatsstreich von 1952

1948/49 engagierte sich Ägypten gemeinsam mit anderen arabischen Armeen im ersten Nahostkrieg gegen den neuen Staat Israel. Die dort erlittene Niederlage schwächte Faruks Autorität. 1952 zwang ihn die Organisation Freie Offiziere zur Abdankung, im folgenden Jahr erklärte ein Revolutionsrat Ägypten zur Republik. 1954 übernahm der Führer der Freien Offiziere, Oberst Gamal Abdel Nasser das Präsidentenamt und errichtete ein diktatorisches Regime. 1954 entging Staatspräsident Gamal Nasser (1918-1970) einem Attentat, für das die Regierung die Muslimbruderschaft verantwortlich machte.  Die Muslimbruderschaft wurde daraufhin verboten und zahlreiche Anhänger u.a. auch Sayyit Qutb verhaftet.

Die Bauernfrage

Zwischen 1949 und 1951 nahmen die Bauernaufstände auf den großen Besitzungen enorm zu. Bewaffnete Bauern griffen Wachen und Polizeikasernen an und erhoben Anspruch auf das von ihnen bearbeitete Land.8 Von den Ereignissen blieben auch die königlichen Ländereien nicht verschont.

Streik von Kafr el-Dawwar

In dem Ort, in dem die angloägyptischen Fabriken der Beyda Dyers Company lagen, beschloß die Gewerkschaft den Streik. Die Führer Mustafa Chamis und Mohammed Hassan el-Bakari sprachen am 13. August 1952 von einer neuen Ära. Am gleichen Tag wurde die Fabrik von der Armee eingeschlossen. Die beiden Arbeiterführer wurden von einem Militärtribunal zum Tode verurteilt und gehängt.

Die Agrarreform von 1952

Die oberste Grenze des Landbesitzes wurde auf 200 Feddan festgelegt. Praktisch jedoch besaß die Mehrheit der Besitzer 300 Feddan (mit Familienzuschlag) Für die Bearbeitung von Brach- und Ödland wurden Ausnahmen zugelassen Jeder von den Auswirkungen des Gesetzes betroffene Eigentümer erhielt Regierungsobligationen für das ihm enteignete Land Das enteignete Land sollte vom Staat innerhalb von fünf Jahren an die Bauern verteilt werden. Die oberste Grenze bei dem Verkauf an Bauern war auf  fünf Feddan festgelegt. Die Ableistung ihrer Schulden für das ihnen vom Staat zugeteilte Land sollten die Bauern über einen Zeitraum von 30 Jahren zu einem Zinssatz von drei Prozent pro Jahr vornehmen Für die Beziehungen von Besitzern und Pächtern galt: Der Pachtwert des Feddan sollte das Siebenfache der Grundsteuer betragen oder der Hälfte des Wertes der Ernte entsprechen. Ein Komitee sollte mit der jährlichen Festlegung der Löhne für die Landarbeiter in den verschiedenen Gebieten betraut werden Agrargenossenschaften sollten für die kleinen Grundbesitzer (bis zu fünf Feddan) eingerichtet werden. Aufgabe war die Beschaffung von Landwirtschaftskrediten sowie die Organisation von Futter- und Düngemitteln und Saatgut. Es war den Landarbeitern gestattet, eigene Vereinigungen zum Schutz ihrer Interessen zu bilden 9 1962 wurde mitgeteilt, daß damals 10 Prozent des kultivierten Landes an zwei Millionen Bauern verteilt wurden. Hierzu meinte ein Kritiker: „Die Agrarreform war eine politische Geste der Sympathie; sie fand den größten Beifall, doch man muß zugeben, daß ihr praktischer Effekt bedeutungslos war.“10

Die Entschädigung der Großgrundbesitzer war großzügig, die Mehrheit hatte den Preis ihres Bodens in 14 Jahren amortisiert. Die kleinen Grundbesitzer mußten nicht selten mehr Abgaben zahlen als sie Einkommen erzielten. Es entstand eine Landwirtschaft von Pächtern, zusätzlich stieg der Anteil von Lohnarbeitern auf dem Land. Bis 1958 existierte eine Föderation von Lohnarbeitergewerkschaften, doch ihr Einfluß war gering.

Agrargenossenschaften – Gegen Ende 1956 bestanden 272 Genossenschaften, gegründet nach dem Gesetz von 1952- ein Jahr später gab es 400 Genossenschaften, in denen 200.000 Bauern mit 500.000 Feddan organisiert waren. Die genossenschaftliche Zusammenarbeit war eine Zusammenarbeit auf Kreditbasis zur Kommerzialisierung.

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Nassers politische Ideologie

Zu Beginn seiner Herrschaft vertrat Nasser vor allem die Idee des ägyptischen Nationalismus. Auch vertrat er eine eher konziliantere Haltung gegenüber dem Staat Israel, den er als eine gelungene Befreiung von kolonialer Herrschaft betrachtete. Nach seiner Machtübernahme verschrieb er sich immer mehr dem Panarabismus. Eine Begründung für seinen Sinneswandel gab Nasser selbst 1953 gegenüber einem engen Freund : “Früher habe ich weder an die Araber noch an den Arabismus geglaubt. Jedesmal wenn du oder jemand anderer mit mir über die Araber geredet hatten, habe ich darüber gelacht. Aber dann habe ich das ganze Potential der arabischen Staaten erkannt! Dadurch habe ich meine Meinung geändert.” 1954 publizierte er das programmatische Buch Die Philosophie der Revolution, welches vom Chefredakteur der Zeitung Heikal geschrieben wurde. Darin wurde die Führung Ägyptens innerhalb der arabischen Welt, Afrikas und der islamischen Welt als Ziel propagiert. Nassers “Drei-Kreise-Theorie” begründete eine Führungsrolle Ägyptens sowohl in der arabischen als auch in der afrikanischen bzw. der islamischen Welt. Infolge seiner Wandlung zum arabischen Nationalisten vertrat Nasser auch eine aggressivere Haltung gegenüber Israel, dessen Existenzrecht er ablehnte. Dies unterstrich Nasser durch seine martialische Rhetorik. Nasser nutzte die Medien, um seine Ideologie in Afrika und vor allem der arabischen Welt zu verbreiten. Dazu benutzte er auch islamische Untertöne. Häufig wurden Falschmeldungen über diese Radiostationen verbreitet. Die Hinwendung zum Panarabismus half Nasser auch dabei, seinen politischen Gegnern – Nagib und der Muslimbruderschaft- ideologisch etwas entgegenzusetzen.

nasser-1968

Gamal Abdel Nasser 1968

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In die Nasserzeit fielen die guten Beziehungen von Teilen des Militärs zum deutschenNationalsozialismus. Im Main-Echo vom 16.2.2009 sind sie von mir zusammengefasst.

Ägypten – beliebter Zufluchtsort für Nazis

Nicht verwunderlich ist das Faktum, dass der NS-Verbrecher Aribert Heim in Ägypten untergetaucht ist, war dieses Land doch neben Argentinien ein bevorzugter Exilort für Nationalsozialisten, denen in Deutschland ein Prozess drohte. Es fanden dort Unterschlupf: Johannes von Leers, Hauptschriftleiter der nationalsozialistischen Zeitung Wille und Weg.  Der Ex-Goebbels-Mitarbeiter wurde politischer Berater des Informationsbüros der ägyptischen Regierung. Von ihm ist die Aussage überliefert: “Wenn es überhaupt eine Hoffnung gibt, die Welt von jüdischer Tyrannei zu befreien, dann mit Hilfe der Moslems, die sich unerschütterlich Zionismus, Kolonialismus und Imperialismus widersetzen.” SS-Standartenführer Leopold Gleim organisierte in Ägypten die Geheimpolizei und war für die Juden Ägyptens zuständig. SS-Obersturmbannführer Bernhard Bender war unter der Leitung Gleims für die politische Abteilung der ägyptischen Geheimpolizei zuständig. SS-Sturmbannführer Joachim Däumling wurde zum Berater im ägyptischen Innenministerium. SS-Sturmführer Wilhelm Boekler arbeitete in der Abteilung Israel im ägyptischen Geheimdienst. SA-Gruppenführer Heinrich Stellmann wurde Berater der Gegenspionage. Louis Heiden vom Reichssicherheitshauptamt  übersetzte Hitlers “Mein Kampf” ins Arabische. Bevorzugt war dieses Buch bei ägyptischen Offizieren verbreitet. Der nationalsozialistische Journalist Franz Bünsche setzte seine Tätigkeit in Ägypten fort. Hans Appler war für den Islamischen Kongress tätig. Selbst wenn Zweifel am Tod Aribert Heims aufkommen, passt sein Aufenthaltsort doch in die Logik der Nachkriegszeit.

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Nicht ganz unsymptomatisch äußerte sich Präsident Nasser in der Nationalzeitung zum Thema Holocaust folgendermaßen: Präsident Gamal Abdel Nasser im Mai 1964 in der „Deutschen Nationalzeitung: „Die Lüge von den sechs Millionen ermordeten Juden wird von niemandem ernst genommen.“ Schon frühzeitig zeigte Nassers Entwicklung in diese Richtung: „In October 1933, the same year Hitler came to power, al-Husseini played a role in the creation of Young Egypt, also known as the Green Shirts, which was headed by Ahmed Hussein and which included among its members a young Gamel Abdel Nasser, a protégé of Al Husseini and later president of Egypt. The Green shirts adopted as their motto the Nazi-style slogan ‘One Folk, One Party, One Leader.’“ 11 Etwa 10 Jahre vorher hatte sich sein Nachfolger Sadat folgendermaßen geäußert. Sadat: „Mein lieber Hitler! Ich gratuliere Ihnen vom Grunde meines Herzens. Auch wenn es so aussieht, als seien Sie geschlagen, in Wirklichkeit sind Sie der Sieger. […] Deutschland wird wiedergeboren werden trotz der westlichen und östlichen Mächte. Es wird keinen Frieden geben, bis Deutschland wieder das wird, was es war.“ – Anwar as Sadat, späterer Präsident von Ägypten, 18. Sep. 1953 (in: „Al Musawar, 18.09.1953)

Schon Anfang 1942 zur Zeit des Vormarsches des deutschen Afrika-Corps riefen ägyptische Studenten der Al Azhar Universität „Vorwärts Rommel“. Zur „Verteidigung“ Ägyptens hatten die Engländer vorgesehen, die Nildämme zu öffnen und das Ackerland zu überfluten, um das Delta für Panzer unpassierbar zu machen.Diese Maßnahmen hätten Rommels Panzer möglicherweise zum Stehen gebracht. „Das ägyptische Kabinett übergab dem Gouverneur von Alexandria einen offiziellen Brief mit dem Befehl, sich zu Rommel zu begeben und ihm die Schlüssel der Stadt auszuliefern, falls er gegen Alexandria vorrücken sollte, damit es weder zu Kämpfen noch zu einer Überflutung käme.“12

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Verstaatlichung des Suezkanals

1956 verstaatlichte Nasser den Suezkanal, was zum Konflikt mit Großbritannien, Frankreich und Israel führte. Sadat erinnert sich daran folgendermaßen: „Ich saß im Bett und hörte der Radioübertragung zu … In der Mitte begann er jedoch über Ferdinand de Lesseps (den Erbauer des Suezkanals) zu sprechen. Nun begriff ich, was er beabsichtigte, und hörte tatsächlich wenige Minuten später, daß ich recht hatte: Nasser verkündete die Verstaatlichung des Suezkanals … Ägypten, ein kleines Land, war endlich imstande, laut und klar die größte Macht der Welt herauszufordern. Es war ein Wendepunkt in der Geschichte unserer Revolution und der gesamten Geschichte Ägyptens.“13 Der Entschluß zur Verstaatlichung des Suezkanals habe gewaltige Folgen gehabt, Nasser sei zu einem mythischen Helden geworden. „Der damalige Premierminister Anthony Eden erhielt die Nachricht von der Verstaatlichung des Suezkanals bei einem Abendessen, das er zu Ehren König Faisals vom Irak und des irakischen Ministerpräsidenten Nuri-el-Said gab.“14 Der Coup Nassers erboste die Engländer. Eden konnte die Haltung Nassers nicht begreifen. Zusammen mit Guy Mollet und David Ben Gurion beschlossen sie, die Waffen sprechen zu lassen. Am 29. Oktober 1956 griff Israel auf dem Sinai an, eine UNO – Vermittlungsversuch scheiterte. Nasser beobachtete von seinem Haus aus, wie englische und französische Luftstreitkräfte den nahe gelegenen Flughafen bombardierten. Die gesamte Luftwaffe der Ägypter wurde vernichtet. In der Folge knüpfte Ägypten engere Beziehungen zur UdSSR. 1958 hatten Ägypten und Syrien eine Vereinigte Arabische Republik ausgerufen, aber der Traum arabischer Einheit zerbrach, als Syrien nach einem Staatsstreich aus der Union ausstieg. Außerdem verwickelte sich der Präsident gegen den Rat seines Botschafters 1962 in eine teure Militäraktion gegen den Jemen. Nasser erwartete einen schnellen Sieg gegen die pro-Saudischen Kräfte. Aber nach drei Jahren war das Truppenkontingent von 5.000 auf 55.000 Soldaten angestiegen und Nassers Ansehen in der arabischen Welt hatte stark abgenommen. 1967 sperrte Ägypten den Golf von Aqaba für israelische Schiffe und erzwang den Abzug der Uno-Truppen, die seit 1957 die ägyptisch-israelische Waffenstillstandslinie abschirmten. Daraufhin kam es zum “Sechstagekrieg”, in dem Ägypten die Sinai-Halbinsel verlor.

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Nachfolger Nassers

Nach dem Tod Nassers 1970 wurde sein Stellvertreter Anwar As Sadat Staatspräsident. Im Jom-Kippur-Krieg 1973 griff Ägypten gemeinsam mit Syrien 1973 Israel an. Zwar konnte die ägyptische Armee einen Teilerfolg erringen, doch musste Sadat erkennen, dass der Konflikt nicht militärisch, sondern nur auf politischem Weg zu lösen war. Die ägyptische Geschichtsschreibung erwähnte die israelische Überquerung des Suezkanals 1973 in Richtung Westen nur am Rande. Die Dritte Ägyptische Armee wurde am Suekanal eingeschlossen.15

Beziehungen zu Israel

1977 entschloss Sadat sich zu einem spektakulären Schritt: Er reiste nach Jerusalem, und Ägypten erklärte sich als erstes arabisches Land bereit, Israel völkerrechtlich anzuerkennen. Nach langwierigen Verhandlungen unter Vermittlung der USA wurde 1979 der ägyptisch-israelische Friedensvertrag unterzeichnet,  der die vollständige Räumung des Sinai durch Israel vorsah. Die Annäherung an Israel und den Westen isolierte Ägypten in der arabischen Welt, die ägyptische Mitgliedschaft in der Arabischen Liga wurde bis 1989 suspendiert. 1981 fiel Sadat einem Attentat zum Opfer. Neuer Präsident wurde der bisherige Vizepräsident Hosni Mubarak. Er setzte die Politik der Zusammenarbeit mit dem Westen fort, konnte jedoch auch die Isolierung Ägyptens innerhalb des arabischen Lagers überwinden. Innenpolitisch trugen die großen sozialen Probleme zu einer Stärkung des militanten islamischen Fundamentalismus bei. 16

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1Gerhard Konzelmann, Der Nil- Heiliger Strom unter Sonnenbarke. Kreuz und Halbmond, München 1985, S.169

2Vgl. Wikipedia Artikel Muslimbruderschaft

3Vgl: Anouar Abdel-Malik, Ägypten: Militärgesellschaft. Das Armeeregime, die Linke und der soziale Wandel unter

Nasser, Frankfurt am Main 1971, S. 71 f.

4Vgl. Wikipedia Artikel Muslimbruderschaft

5Abdel-Malek, a.a.O., S. 97

6`Feddan` ist ein arabisches Flächenmaß, das vornehmlich in Ägypten und dem Sudan gebräuchlich ist.

1 `Feddan` = 24 `Kirat` = 300 `Kassabas` = 4201 mò (0,42 ha).

7Vgl Abdel-Malek, a.a.O, S. 103

8Abdel-Malek, a.a.O.. S. 114

9Abdel-Malek, a.a.O. S. 117 f.

10Abdel-Malek, ebd. S.118

11Chuck Morse, The Nazi connection to Islamic terrorism. Adolf Hitler and Haj Amin Al-Husseini,

Washington D.C. 2010, S. 45 f.

12Der Spiegel vom 25.10.1971 „Die deutschen Waffen töten uns“

13Anwar El Sadat, Unterwegs zur Gerechtigkeit. Die Geschichte meines Lebens, München 1981 (2. Auflage), S. 171 f.

14Ebd., S. 173

15Gerhard Konzelmann, Der Nil- Heiliger Strom unter Sonnenbarke. Kreuz und Halbmond, München 1985, S. 59

16Vgl. Spiegel Lexikon Ägypten

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Politische Probleme zur Zeit Mubaraks

Das Wirtschaftswachstum, das zuvor etwa 3 Prozent ausmachte und gerade mit dem Wachstum der Bevölkerung Schritt hielt, erreichte in den Jahren 2006 bis 2008 einen durchschnittlichen Wert von 7,1 Prozent. Die Regierung hatte mindestens 7 Prozent vorgegeben, um die Arbeitslosigkeit abzubauen und die Armut zu bekämpfen. Dank der Wachstumsraten, die relativ hoch sind, sank der Anteil der Ägypter, die unter der Armutsgrenze von 2 Dollar am Tag leben, knapp. Seit 2008 verlangsamte sich das Wachstum auf 5 Prozent. Die Zahl der völlig Armen stieg wieder an. 2011 betrug das Wirtschaftswachstum etwa 5,5 Prozent. Die Bevölkerung von etwa 82 Millionen ist sehr jung. Jedes Jahr strömen aus den Schulen und Universitäten 750 000 Absolventen auf den Arbeitsmarkt. Von ihnen finden die meisten keine Arbeit oder landen in der Schattenwirtschaft. Sie sind der Rebellion geneigt. Der Internationale Währungsfonds hat immer wieder einen Abbau der staatlichen Subventionen etwa für Lebensmittel gefordert, um das Haushaltsdefizit von 7 bis 8 Prozent am Bruttoinlandsprodukt zu senken. Dem widersetzte sich Mubarak aber in der richtigen Analyse der verheerenden Wirkung. Nicht gelungen ist es in dieser Zeit der Regierung Nazif, mit dem stärkeren Wachstum die Ungleichheit der Vermögen und Einkommen abzubauen. Im Gegenteil, die Schere öffnete sich weiter, und der opulente Lebensstil der Oberschicht wurde immer sichtbarer und von vielen einfachen Ägyptern als empörend empfunden.1 Im November 2012 verkündete der IWF neue geplante Sparmaßnahmen. Die Kürzung von Subventionen für Kraftstoff  oder Brot, auf die eine Vielzahl von armen Ägyptern angewiesen sind, wird wahrscheinlich von der Mehrheit der Bevölkerung nicht hingenommen werden. Zudem verlangte der IWF, dass Ägypten sein “großes Haushaltsdefizit” von elf Prozent des Bruttoinlandsproduktes im abgelaufenen Haushaltsjahr bis Ende des Jahres 2014 auf 8,5 Prozent reduziert.2

Mursi Präsident bis zum 3. Juli 2013

Präsident Ägyptens bis zum 3. Juli 2013 war Mohammed Mursi, der 1951 in Al-Adwah geboren wurde. Als Mitglied der Führungsriege der Muslimbruderschaft beteiligte sich Mursi in der Regierungszeit Mubaraks an regierungskritischen Demonstrationen und wurde dabei mehrfach verhaftet, zuletzt 2011. Nach dem Sturz Mubaraks gründeten die Muslimbrüder die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei und wählten Mursi am 30. April 2011 zum ersten Parteivorsitzenden dieser neuen Partei. Für seine Partei trat er bei der Präsidentschaftswahl 2012 an. Ursprünglich sollte Mursi Parteivorsitzender bleiben, doch die ursprünglich vorgesehene Kandidatur El-Schaters wurde von der Wahlkommission nicht zugelassen. Im ersten Wahlgang erhielt Mursi mit fast 25 % die meisten Stimmen und trat Mitte Juni in einer Stichwahl gegen den unabhängigen Kandidaten Ahmad Schafiq an, gegen den er mit 51,7 % der gültigen Stimmen gewann. Am 30. Juni 2012 trat Mursi sein Amt an.3 Dass es einen Hardliner Mohammed Mursi gibt, einen Mann voller Hass auf das “zionistische Gebilde”, wie Islamisten und arabische Nationalisten den jüdischen Staat nennen, das wurde westlichen Diplomaten und Politikern Mitte des Monats Januar 2013 bewusst. Ein Video aus dem Jahre 2010, veröffentlicht vom Mediendienst Memri, zeigt einen eifernden Islamisten, der sich in einem Interview mit einem arabischen Sender über die Israelis auslässt. “Blutsauger” seien die, “Kriegstreiber”, sagte Mursi ziemlich fanatisch, mit den “Nachkommen von Affen und Schweinen” (diese Formulierung findet sich auch im Hamas-Programm) könne man keinen Frieden schließen. Mursi gibt sich moderat als Präsident aller Ägypter. Die jetzige ideologische Richtung der Muslimbrüder wird von manchem Beobachter als eine Art CDU der 50er Jahre angesehen. Die Kunstfreiheit ist gegenwärtig jedoch in Gefahr. Ende März dieses Jahres drohte dem ägyptischen Komiker Bassem Youssef Gefängnis, weil er sich über Präsident Mursi und islamistische Prediger lustig gemacht hat. Seinen Termin beim Staatsanwalt machte der Satiriker zu einer Art Happening. Für Regierungskritiker ist die Lage in Ägypten gegenwärtig schwierig.

1FAZ vom 4.2.2011

2Vgl. World socialiste web site, 15.1.2013

3Vgl. Wikipedia Mohammed Mursi

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Kommentar zur neuesten Entwicklung im Main-Echo geschrieben am 20. Juli 2013

Man kann gespannt sein, ob die Militärs in Ägypten für eine demokratische Entwicklung sorgen können, für die sie in der Vergangenheit nicht standen. Mursi, der abgesetzte Präsident, war kein Demokrat, sondern instrumentalisierte die Demokratie für eine zunehmende Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft. Am 21. November 2012 hat Mursi ein Dekret erlassen, mit dem er seine Entscheidungen über das Recht stellte und sich selbst unangreifbar durch das Rechtssystem machen wollte. Damit hat er sich als eine Art Diktator etabliert. Er hat zudem 3400 Protestierer festnehmen lassen, die schlimmste Folter haben ertragen müssen, schlimmer als die Folter unter Mubarak, bei dem Folter an der Tagesordnung war. Nach glaubwürdigen Quellen wurden zwanzig Männer in Mursis Gefängnissen vergewaltigt.

Am 17. Juni 2013 macht Mursi sieben Muslimbrüder und ein Mitglied der ehemaligen Terrorgruppe Gamaa Islamija zu Provinzgouverneuren. Bei dem Gamaa Islamija Mitglied handelt es sich um Adel Asaad al-Khayyat. Er wurde zum Gouverneur von Luxor ernannt. 1997 wurde die Gamaa Islamija einer internationalen Öffentlichkeit bekannt, als sie einen Anschlag auf Touristen in Luxor durchführte. 58 Touristen kamen bei diesem Anschlag ums Leben. Der liberale Intellektuelle Hamed Abdel-Samad wurde kürzlich von einer Fatwa wegen islamkritischer Äußerungen in Ägypten heimgesucht. Zur Person, die einen Tötungsaufruf gegen ihn verbreitete, meinte er vor ein paar Tagen: „Es war eigentlich eine Vorführung, dass der Außenminister Westerwelle am 13. Juni von der ägyptischen Regierung verlangte, sich von den Mordaufrufen zu distanzieren, und zwei Tage später empfängt Mursi Assem Abdel Maged, der den Mordaufruf gemacht hat, und umarmt ihn öffentlich, vor laufender Kamera. Das ist eine Farce, und die deutsche Regierung darf sich so etwas nicht gefallen lassen.“ Juden sind in Mursis Welt pauschal „Nachfahren von Affen und Schweinen“ – so lautete die Formulierung in einem Video 2010 – ein Klischee, das ein Staatsoberhaupt disqualifiziert.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau

Veröffentlicht 20. Mai 2014 von schauerchristian in Reader Ägypten

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