Archiv für März 2014

Der Kampf mit dem Tier / Anton Schnack – Heimatdichter und Expressionist / Sophie Benning – Das Leben ist ein Kitschroman / Marie Louise Allison – Also bin ich froh

 

Der Kampf mit den Tier

Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel

Pi Patel war mit seinem Zoo gekentert und überlebte mit einigen Tieren, darunter einem Tiger, der Richard Parker hieß „`Ist das nicht zum Lachen, Richard Parker? Wir sind mitten in der Hölle, und trotzdem fürchten wir uns vor der Unsterblichkeit. Sieh doch nur, wie nahe du schon bist! PRRRIIII! PRRRIIII! PRRRIIII! Hurra, hurraaa! Du schafftst es, Richard Parker, du schaffst es! Fang! UFF!‘ “

Ich warf den Rettungsring mit aller Macht. Direkt vor seiner Nase landete er im Wasser. Mit letzten Kräften reckte er sich und hielt sich daran fest.

‚Halt gut fest, ich ziehe dich an Bord. Du ziehst mit den Augen, ich mit den Händen. Gleich sitzen wir beide im Boot. Moment mal – wir sitzen beide im selben Boot? Bin ich denn noch bei Trost?‘

Erst da begriff ich, was ich gerade tat. Ich riss an der Leine.

‚ Lass den Rettungsring los, Richard Parker! Loslassen, sage ich! Ich will dich nicht hier oben haben, hörst du? Schwimm anderswohin. Lass mich in Ruhe. Weg mit dir. Meinetwegen kannst du ertrinken! Los ertrinke!‘

Mit kräftigen Stößen kam er näher. Ich schnappte mir ein Ruder. Ich stach damit nach ihm, wollte ihn wegstoßen. Ich stach daneben, und das Ruder fiel ins Wasser.

Ich nahm ein zweites. Ich steckte es in eine Dolle und zog, so fest ich konnte. Doch statt das Rettungsboot von ihm fortzubringen, drehte ich es nur ein wenig, und das eine Ende war Richard Parker näher denn je.

Ich würde ihm einen Schlag auf den Kopf versetzen! Ich hob das Ruder in die Höhe:

Er war zu schnell. Schon war er am Bootsrand und hievte sich an Bord.

‚Herr im Himmel!‘

Ravi hatte Recht gehabt. Die nächste Ziege war ich. Ich hatte einen nassen, schlotternden, halb ertrunkenen, keuchenden und hustenden ausgewachsenen dreijährigen bengalischen Tiger in meinem Rettungsboot. Richard Parker rappelte sich auf der Plane auf, unsicher auf den Pranken, seine Augen schossen Blitze, als sie in die meinen blickten, die Ohren hatte er angelegt, alle Krallen ausgestreckt. Sein Kopf hatte die Umrisse und die Farbe des Rettungsringes, nur mit Zähnen.

Ich drehte mich um, kletterte über das Zebra und sprang von Bord.“1

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Tiger träumt von Richard Parker

Pi Patel war ein belesener junger Mann und erinnerte sich im Umgang mit wilden Tieren an Anton Schnacks Roman „Der finstere Franz“. Er schildert das Leben des Piraten Francois L’Ollonais, der in den 60er Jahren des 17. Jahrhundert die Karibik unsicher machte. Er galt als extrem grausam. Mit 19 Jahren musste er auf der Insel Espanola ein großes Abenteuer bestehen. „L’Olonois, tief im feuchten Innern an einem Urwaldstrom rastend, vollbrachte etwas, das ihn berühmt unter der Buschläufergilde machte. Ein Trupp lagerte nach erfolgreicher Stierjagd am Fluß, der klares Wasser hatte, aber auch viele Krokodile. L’Olonois und der Jäger Herdue schleiften ihr Zelt an das Ufer, um es zu waschen; denn es war von Ochsenblut bespritzt, von Sumpferde vedrsdchmiert und vom grünen Holzrauch ganz geschwärzt und gebräunt. Während sie darum herumwuschen, schoß ein Kaiman aus dem dicken Pflanzenbrei auf sie zu, erwischte mit dem furchtbaren Gebiß die Zelthaut und tauchte damit freßgierig auf den klaren, hellen Sandgrund des Flusses hinunter. Aber L’Olonois hatte sich an einem Zipfel des Zeltstoffes festgehalten, um ihn aus den Zähnen des Tieres herauszureißen. Doch die Kraft des Tieres wurde größer. Das unterspülte Ufer gab nach. L’Olonois stürzte, immer noch den Zipfel der Telthaut festhaltend, in das Wasser. Zum Glück hatte er ein spitzes, mächtiges Jagdmesser im Gurt: denn das alte bissige Krokodil ließ das Zelt aus den Zähnen fahren und schwamm auf den Mann zu, um ihn zu schnappen und unter Wasser zu zerren.

Die Jäger, die auf das Geschrei des Kameraden Herdue zusammengelaufen waren, sahen im durchsichtigen Wasser den entsetzlichen Kampf zwischen Mensch und Tier. Ratlosigkeit und Schrecken machten sie unschlüssig . Einige schleiften große Stangen herbei, um nach dem Krokodil zu stechen, andere warfen unter Geschrei und Pfiffen faustdicke Steine nach dem Reptil. Der Jäger Wisnil hob schon seine Büchse in die Achsel, aber Tier und Mann gerieten unter Wasser und bildeten ein Knäuel, der sich um und um drehte.

Ein Blutfleck dunkelte bereits im Wasser. War er von ‚l’Olonois? Hatte ihn der schreckliche Rachen erwischt?

Das Wasser war voll Blasen, die mit zischendem Geräusch an der Oberfläche zerplatzten, Ein Strudel hatte sich um die beiden gebildet, aus dem unerwartet l’Olonois mit verzerrtem und grausamem Gesicht herausschoß. Das Messer blitzte in der rechten Faust, und hinter dem ans Ufer Schwimmenden breitete sich ein ekelhafter Blutkreis aus. L’Olonois hatte dem Tier den Bauch aufgeschlitzt, das nicht mehr an die Oberfläche kam, sondern mit ersterbenden Bewegungen auf dem Flußgrund dahintrieb.

L’Olonois stieg mit einem ungeheuren Freudenschrei aus dem Wasser. Die Jäger gaben ihm mit gewaltigen Schreien Antwort. Er war berühmt.“2

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François l’ Olonnais

Pi Patel bedauerte, dass er kein Krokodil vor sich hatte, sondern eine Tiger. Zudem war kein Jagdmesser vorhanden, da Pi Patel ja kein Jäger war, sondern Sohn des Zoodirektors. Sonst hätte er als Nachahmungstöter leichtes Spiel gehabt.

Er erinnerte sich als Literaturkenner auch an den Kampf mit dem Grizzly, den Old Shatterhand zusammen mit Winnetou so grandios in Old Surehand – Band 2“ nach Karl May ausgefochten hatten. Als der große mächtige Grizzly aufgespürt wurde, vollzieht sich das Geschehen folgendermaßen (Ich ist Old Shatterhand): „ Mir war gar nicht bange. Eine unbekannte Gefahr kann einen beunruhigen; sobald man sie aber kennt und nahe vor sich sieht, ist die Unruhe vorüber. Ich zog mein Messer auch mit der linken Hand und huschte an die Felsenkante zurück. Als ich um diese blickte, lag der Bär noch genau so wie vorher. Wahrscheinlich hatte er in der Nacht reichlich gefressen und schlief nun umso besser. Ich wußte, daß dies vor seinem Tod der letzte Schlaf sein werde, nahm einen Stein, trat um die Ecke und warf nach ihm.“ Pi Patel merkte auf – ja ein Stein müsste jetzt her und dachte „Ein Königreich für einen Stein“– so ähnlich dachte Richard III. schon. Auch David war gegenüber Goliath in der Bibel mit einem Stein erfolgreich. „ Dann läuft David zu Goliath hin. Er holt einen Stein aus seiner Tasche, legt ihn in die Schleuder und schießt ihn mit voller Kraft. Der Stein trifft Goliath am Kopf und der Riese fällt tot um. Als die Philister sehen, dass ihr bester Soldat tot ist, drehen sie sich alle um und laufen weg. Die Israeliten jagen ihnen nach und gewinnen den Kampf.“3 Ob Karl May allerdings bei seiner Dichtung Goliath als eine Art Grizzly ein Vorbild war, ist nicht verbürgt. Karl May fährt in seiner Geschichte fort: „Er wurde getroffen und hob den Kopf. Die kleinen giftigen Augen erfaßten mich, und er stand, ohne sich einmal zu drehen und zu strecken, mit einer Schnelligkeit auf, in der ihn gewiß kein Tiger oder Panther übertroffen hätte.“ Wenn Karl May da an Richard Parker gedacht hätte, dachte Pi Patel, hätte er womöglich zurückhaltender formuliert. „Ich huschte um die Ecke zurück und schritt, den Blick auf sie gerichtet, rückwärts dem Busch zu, hinter dem der Apatsche steckte. Jetzt erschien der Bär, und nun galt es freilich das Leben. Wenn ich strauchelte und stürzte, war ich sicher verloren. Das Kunststück bestand darin, den Bären an Winnetou vorüber zu locken und ihn dann zum Stehen zu bringen, um dem Apatschen einen sicheren Stoß zu bieten. Mit jener schwerfällig erscheinenden Leichtigkeit, die außer dem Bären noch dem Elefanten eigen ist, folgte er mir, langsam und überlegend, wie es schien, in Wahrheit aber sehr schnell und entschlossen. Er sah niemand als mich und kam immer näher. Das wollte ich. Als ich den Busch erreichte, war er nur noch acht Schritte entfernt. Ich sprang schneller zurück; jetzt war er am Busch. Noch einen Schritt weiter, und wenn ich ihn nun nicht zum Stehen brachte, war es mit mir aus! Den riesigen Tatzen dieses Ungeheuers konnte kein Geschöpf der Erde widerstehen. An Stärke übertraf er sicher weit den Löwen.

Also entweder – oder! Ich sprang zwei Schritte vor und hob den Arm. Schon war Winnetou hinter dem Busch hervorgetreten und stand mit gezücktem Messer hinter dem Bären. Dieser hielt bei meiner scheinbaren Angriffsbewegung inne und richtete sich auf, kopfshöher als ich. In diesem Augenblick stieß der Appatsche zu, nicht hastig, schnell, sondern mit rascher Bedächtigkeit, die geboten war, wenn er richtig treffen wollte, nämlich zwischen die bekannten Rippen in das Herz. Die Klinge war bis an das Heft hineingefahren; er ließ sie nicht stecken, sondern zog sie schnell wieder heraus, um nicht ohne Waffe zu sein.

Das Ungetüm wankte, als ob er stürzen wolle, drehte sich aber ganz unerwartet im Nu um und streckte die Pranken nach Winnetou aus, der kaum Zeit fand, zurückzuspringen. Jetzt war sein Leben in Gefahr, nicht mehr das meinige. Ich stand sofort hinter dem Bären, holte aus und stach zu, sprang aber augenblicklich, das Messer stecken lassend, wieder zurück. Jetzt gab es kein Biegen und Wanken; der alte ‚Ephrain‘ stand unbeweglich still; nicht einmal der Kopf veränderte seine Stellung. Das dauerte zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Sekunden; dann brach er, wie von einem unsichtbaren Eisenhammer getroffen, genau auf derselben Stelle zusammen und rührte sich nicht mehr.“4

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Der Kampf mit dem Grizzly in „Old Surehand“ Montage C. Schauer

Die Geschichte von der Tötung des Grizzly mit dem Messer hatte für Pi Patel insofern keine reale Bedeutung, da er der einzige Überlebende war und ein Winnetou nicht in Sicht war. Der französische Schiffbrüchige, der dafür kurzfristig in Frage zu kommen schien, gestand, dass er schon einmal einen Mann und eine Frau umgebracht habe. Eine solche Tat könne keinen edlen Mitkämpfer entstehen lassen – so Pis Einschätzung Als der Schiffbrüchige in Pis Boot hinüberklettert, greift er den geschwächten Pi hinterrücks an, wird aber sofort von dem lauernden Tiger gepackt und gefressen.

Pi hatte auch Stanisic „Vor dem Fest“ gelesen und erwog, das verletzte Zebra als eine Art Ziege als Sprungbrett einzusetzen, um Richard Parker zu erwürgen. In seiner Erinnerung führte er sich das Geschehen noch einmal vor Augen: „Durden wollte für seine Hühner ein Gehege errichten. Ditzsche bot an, ihm zu helfen, und warnte ihn vor dem Fuchs. Dann müsse das eben sicherwerden, sagte Durden. Ditzsche erklärte ihm Hühnerhaltung, erklärte ihm den Fuchs. Durden zeichnete einen Plan. Ditzsche verbesserte den Olan und besorgte die Materialien. Gemeinsam bauten sie das Gehege auf. Zwei Tage später wurden die Hühner geliefert. In der folgenden Nacht wurden drei gerissen … Die Hühner waren im Stall getötet worden. Der Zaun war heil, der Boden wies keine Löcher auf. Dann bemerkte Ditzsche die Ziege. Sie graste beim Zaun… Ditzsche untersuchte das Tier. Auf dessen Rücken entdeckte er rötliche Haare. Er zeigte sie Durden. Was der Scheiß solle, fragte der. Ditzsche roch an seinen Fingern. ‚Fuchs. Die Ziege steht zu nah am Zaun. Der Fuchs hat sie als Sprungbrett genommen.‘ Durden wiederholte gedankenverloren das Wort ‚Sprungbrett‘ einige Male. Ruhig, etwas zu ruhig, fragte er dann, warum Ditzsche mit seinem angeblichen Sachverstand diese Eventualität nicht bedacht habe.“5

Da Pi ein Fuchs war, verwarf er den Plan wieder. Das verletzte Zebra als potentielles Sprungbrett tat ihm nur noch leid. Zudem war seine Sprungkraft bei der Havarie doch arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Er hinkte häufig. Unterirdisch ausgedrückt, konnte er als lahme Ente eingestuft werden.

Pi wird zum Pazifisten, der Tiger hat ihn vor dem anderen Schiffbrüchigen gerettet. Möglicherweise hat die häufige Seekrankheit Richard Parker die Aggressivität geraubt. Schließlich stranden die beiden an einer Algen-Insel, auf der vor allem Erdmännchen wimmeln.6 Richard Parker frisst sich an diesen Tieren satt, Pi ernährt sich von den süßen Algen. Das vermeintliche Paradies verschwindet, als Pi merkt, dass die Algen bei Nacht zu gefährlichen fleischfressenden Pflanzen werden. Er zieht mit dem Rettungsboot weiter, sie haben sich aneinander gewöhnt, den Tiger nimmt er mit. Nach 227 Tagen auf See landen die beiden an der mexikanischen Küste. Richard Parker verschwindet im Dschungel. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Pi als Held im Wachsfiguren-Kabinett von Madame Tussaud und Richard Parker als ausgestopfter Tiger-Grizzly im Zoologischen Museum Hamburg. Apropos Museen: im Südtiroler Archäologie-Museum in Bozen ist neben Ötzi die Mumie von Hörnerhannes gelandet. Egger hatte ihn als Gletschermumie gefunden. „ Die Grimassen der Leichen im russischen Eis waren das Schrecklichste, was er in seinem Leben gesehen hatte. Im Gegensatz dazu wirkte der Hörnerhannes auf merkwürdige Weise glücklich. Er hatte in seinem letzten Stündlein dem Himmel entgegengelacht, dachte Egger, und dem Teufel sein Bein als Pfand in den Rachen geworfen. Diese Vorstellung gefiel ihm, sie hatte etwas Tröstliches.“7

Li Patel hatte diesen Roman vor seiner Historisierung als Wachsfigur diesen Roman gelesen und das Résumé gezogen, dass diese Geschichte wesentlich wahrscheinlicher sei als seine eigene. Unter dem Stichwort „Das Tier, dein Freund und Helfer“ fiel ihm noch die Geschichte „Die Spinnen von Utrecht“ ein, in denen der Protagonist, der Holländer Quatremère- d’Isjonval mit Hilfe von klugen Spinnen der Gefangenschaft entkam.8 „Winterspinnen würden Ende November die Häuser und Scheunen zum Überwintern aufsuchen, um auch während des Winters Netze anzulegen. Vor einem Kälteeinbruch würden sie regelmäßig ein neues Gewebe verfertigen; vor eintretendem Tauwetter wären sie fast fieberhaft tätig, sie würden nicht nur zwei, sondern auch drei und vier Gewebe übereinander spinnen; allerdings seien Winterspinnen äußerst selten, und er habe in einer Kolonie von viertausend Spinnen nur fünf Winterspinnen feststellen können.“9 Der in Opposition zum holländischen König Wilhelm V. in das Gefängnis geworfene Protagonist setzt auf den Sieg der Franzosen, die eine Invasion nach Holland gestartet haben. „Ein bestochener Gefängniswärter vermittelte an den französischen Befehlshaber einen Brief; d’Isjonval beschwor in dem Schreiben den französischen Höchstkommandierenden, die Verhandlungen mit Wilhelm V. hinauszuschieben; denn infolge seiner naturwissenschaftlichen Studien könne er voraussagen, daß spätestens in einer Woche wieder stärkerer Frost zu erwarten sei, der dem General das Vorrücken mit dem ganzen Heer gestatten würde. Der französische General ging auf den merkwürdigen Vorschlag des ihm bekannten Holländers Quatremère- d’Isjonval ein. Die Spinnen hatten richtig prophezeit – nach einigen Tagen klirrte eine neue Kältewelle über Holland, das ganze Überschwemmungsgebiet, sogar die Kanäle, froren bis auf den Grund zu, und den Franzosen war es möglich, auch die schwere Artillerie über das Eis zu bringen und vor den Wällen von Utrecht aufzufahren. Wilhelm V. kapitulierte, und Ende Januar marschierte das französische Heer mit klingendem Spiel in Utrecht ein – für d’Isjonval schlug die Stunde der Befreiung.“10

Pi Patel bedauerte, dass es derartige Wetter prognostizierende Spinnen auf seinem Schiff nicht gegeben habe, sonst hätte er womöglich den Untergang seines Schiffes vermeiden können. Aber dagegen hätte sich Yann Martel gewehrt, weil seine Geschichte vorzeitig zu Ende gegangen wäre.

1Yann Martel, Schiffbruch mit Tiger, Frankfurt am Main 2013, S. 125 f.

2Anton Schnack, Der finstere Franz, Leipzig 1937, S. 14 ff.

3Die ganze Geschichte siehe 1. Samuel 17: 1-54

4Karl May, Old Surehand – Zweiter Band, Wien-Heidelberg o.J., S. 246 f.

5 Sascha Stanisic, Vor dem Fest, München 2014, S. 195/196

7Robert Seethaler, Ein ganzes Leben, Berlin 2014, S. 136 f.

8Anton Schnack, Begegnungen am Abend, Mühlacker o.J., S. 65 ff.

9Ebd., S. 69

10Ebd., S. 70 f.

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Anton Schnack – Heimatdichter und Expressionist

Anton Schnack Die bunte Hauspostille – Phantastische Geographie

Brunnen (Die bunte Hauspostille)

„Da waren Brunnen, die seit Jahrhunderten mitten auf dem lärmenden Marktplatz oder in verschollenen und kühlen Baumwinkeln plätscherten; Brunnen, die den Tod sahen, wie er unter Gebet und schwermütiger Trauermusik vorübergetragen wurde; Brunnen an deren Röhren der Frühling saß, weiße Schmetterlinge im zarten Wind vorübertrieb und Vögel an den Tag lockte, die gelbe und zierliche Schnäbel in das quirlende und strudelnde Wasser tauchten.

Andere Brunnen sprangen unter sommerlichen Himmeln und über ihnen stand das segnende Bildnis der Maria, der Mutter der Mütter, oder es brüstete sich der fletschende Drache auf, dem der starke Ritter St. Georg den eisernen Speer in den klaffenden Rachen stieß.“ (S.143)

Am Brunnen vor dem Tore” dieses Volkslied befasst sich genauso mit dem Thema wie “Wenn alle Brünnlein fließen”

Schnack weiter: “Immer liebte ich den alten Brunnen im Hof, der in meinen Schlaf sang oder in die Unruhe meiner Nächte, wenn ich hinter dem Fenster lag und verworrene und unheimliche Gedanken mein Herz bestürmten.” (S.143)

Brunnen

Alzenauer Brunnen

 

 

Was könnte man an diesem Alzenauer Brunnen alles denken? Wieviele Liebespaare haben hier ein frühlingshaftes Rendevouz erlebt? Wieviele cent liegen als Glücksbringer im Wasser? Wieviele Flüche haben frustrierte Stadträte ihm zugerufen?

 

Der Maien

Flieder

Fliederbaum im Mai

 



„Die Schicksale werden immer gefesselter und einförmiger. Tausendjährig erscheine ich mir,der schon lange von den Wäldern Abschied genommen hat. Tief unten im Dunkel der Erinnerung sitzt ein Trieb, ein Bild, ein schattenhaftes Leben. Das Bild von der Wanderung durch Kontinente, über Flüsse, durch die Irrwelt der Steppen und die Halbnacht der Wälder.

Im Mai hatte ich die Städte Halberstadt, Würzburg und Venedig besucht.

Es gab den Mai des Knaben, der die verstaubte Botanisierbüchse aus dem Halbdunkel des Speichers herauskramte und das durchlöcherte Schmetterlingsnetz suchte; denn die Zitronenfalter und Pfauenaugen flogen über den Wiesenweg. Es gab jenen Mai, der mich zu den Landkrämern trieb, die Zigaretten feil hatten zu 3,5 und 7 Pfennigen das Stück, und bei denen ich mir eine Zigarrenschachtel erbettelte. „(S. 123/124)

Phantastisch ist die Geographie auch schon in diesem Werk, wenn Anton Schnack das Ende des Königs von Madagaskar, Moritz von Benyovsky, beschreibt. Historisches: Nach mehreren Aufenthalten in Amerika nahm Benyovski 1783 dann eine zweite Expedition nach Madagaskar in Angriff, diesmal im Auftrag Österreichs. Nach der Ankunft 1785 kam es zu Gefechten mit französischen Truppen, die die Regierung von der Insel Mauritius aus hinsandte. Er wurde am 23. Mai 1786 schwer verwundet starb und kurz darauf. Bei Anton Schnack heißt es: „ Leise fiel er um. Sein Mund murmelte ein paar Worte, sie waren zornig und trugen keine Spur von Furcht. Die Belagerer stiegen blutend, zerschunden, argwöhnisch und mit bitteren Gesichtern über die Pallisaden. Aber es blieb totenstill.

Das war das Ende des ungarischen Grafen Moritz von Benyovsky, der sich zum König von Madagaskar gemacht hatte. Seine Abenteuer begannen schon mit fünfzehn Jahren.“ (S. 203)

Weiter werden in dem Werk noch folgende Personen (unter anderem) behandelt: Dschingis Khan, die Königin von Palmyra, der Prinz von Trinidad oder Seeräuber wie Johan Morgan, Daviot, Eisenarm oder Kapitän Ansel sowie vier chinesische Marschälle. Was haben sie mit den deutschen Brunnen und dem Mai zu tun? Nichts, es handelt sich bei Schnacks Werk um ein Kaleidoskop phantastischer Einfälle.

Die eigentliche Geographie der Phantasie

Schon den Dichter Washington Irving faszinierte die Alhambra in seinen „Erzählungen der Alhambra“. Eine der beeindruckendsten Geschichten ist „Die Sage von den drei schönen Prinzessinnen“. „In alten Zeiten regierte in Granada ein maurischer König namens Mohammed, den seine Untertanen el Hayzari, den Linkshänder nannten.“ Aus der Ehe mit einer christlichen Gefangenen gehen drei Mädchen (Drillinge) hervor, die Zaida, Zoraida und Zorahaida hießen. 1

Anton Schnack hängt die Geschichte unabhängig von Washington Irving an dem spanischen Wind Solano auf. „Ursprünglich war er der heiße Atem des Sol, eines goldenen Gottes der Urzeit, der seine Wohnung im Hause der Sonne hatte und von den heidnischen Völkern der Garamanten, Nasomonen und Masoesyler angebetet wurde. Nach dem Sturz der Götter schlug er sein Bett im Sand der grausamen Wüste Sahara auf, neben den Trümmern und Steinen der alten, prunkvollen Städte Sufetula, Timgad, Thurbisico Numidorum und Bulla Regia.“ 2

Es handelt sich um einen Wind des extremen Kalibers. „Er bewirkt, daß der Fluß Guadalquivir seine Wasser verliert, daß die großen Sümpfe, Las Marismas genannt, Gift und Fieber brauen, daß die Menschen sich wochenlang in die Kühle der Mauern und Höfe zurückziehen oder an den Rand der Brunnen, um sich von Zeit zu Zeit mit einer handvoll Wasser aus den versickernden Schächten zu laben. Unter seiner Herrschaft wird das Maiskorn hart und fast steinig; er schwitzt das fette Öl aus der Olivenhaut; er kocht den Saft der dunklen Trauben zu einem einzigen Tropfen zusammen, der die Süße und Farbe des Honigs hat; er reißt die gelbe Schale der Zitronen auf und trocknet sie aus, und die bitteren Pomeranzen in den andalusischen Gärten umflammt er mit solcher

Glut, daß ihr Mark wie Zunder zermürbt und von den naschhaften Knaben verschmäht und verachtet wird.“ 3

Und jetzt kommt es: Dieser extreme Wind trifft auf die Drillinge!

„Er hat die Liebesromanze der maurischen Prinzessinnen Zayda, Zorayda und Zorahyda belauscht und in die Ohren und Öhrchen aller an der Liebe Leidenden und an der Liebe sich Freuenden in ganz Andalusien geblasen. Er allein konnte die drei schönen Mädchen unbehindert besuchen, denen von ihrem Vater, Mahomed dem Linkischen, das einsame Schloß Salobrenna am Ufer des Meeres zum Aufenthalt angewiesen wurde, damit kein männliches Auge mit irrer und frecher Inbrunst und Begehrlichkeit ihre herrliche Jugend erspähe; der Wind hat die Schwestern nackt gesehen; denn bedrückt und gepeinigt von seiner Glut, warfen sie die Schleier und Gewänder ab, wenn er durch Fenster und Balkontüren in die inneren Gemächer wehte.“ 4

Hier kommt der Mädchenschnack wieder einmal zum Vorschein. Hätte sein Bruder Friedrich Schnack mitgewirkt, so hätte sich in diesem Moment sicherlich ein Schmetterling auf die Schulter von Zayda gesetzt, um die erotische Spannung zu erhöhen. Friedrich befasste sich nämlich nicht selten mit Schmetterlingen.

Wenden wir uns wieder Washington Irving zu. Mohammed der Linkshänder sagte sich: „Die von den Astrologen angedeutete gefährliche Zeit ist also gekommen; meine Töchter sind im heiratsfähigen Alter. Vorsicht ist geboten! …“ So sprach Mohammed, und liess einen Turm auf der Alhambra zum Aufenthaltsort der Infantinnen ausbauen. Dann ritt er an der Spitze seiner tapferen Leibwache bis Salobrena, um die drei Schönheiten mit Kadiga und Hofstaat in höchst eigener Person auf die Königspfalz in Granada zu bringen. 5

In der Nähe der Alhambra waren drei kastilische Edelleute mit Sträflingsarbeiten beschäftigt. „Um die Mittagsstunde des nächsten Tages rasteten die Gefangenen ebenfalls am Fuße des Turmes. Der maurische Wächter, vom heißen Atem des Windes erschlafft und von verbotenem Weingenuß betäubt, schlief in einer umschatteten Mauernische. Wiederum beugten sich die arabischen Mädchen über die Brüstung des Balkons und ließen diesmal drei weiße Schleier flattern, um die unbekannten kastilischen Ritter zu erregen… In diesem Augenblick entflielen den Händen der Prinzessinnen drei Früchte. Geschickt wurden sie von den Rittern aufgefangen: den reifen Pfirsich hatte Zayda geworfen, die gelbe Aprikose Zorayda und Zorahyda eine Nectarine, allgemeine und gebräuchliche Sinnbilder der maurischen Mädchen für Liebesbereitschaft. Die edlen Jünglinge aus den Burgen des Nordens führten die Früchte zum Kusse an die Lippen und hoben verstohlen die Hände zum Gruße.“ 6

Pfirsich, Aprikosen

Pfirsich, Nektarine und Aprikose in Strauch

Was passierte dann: Zayda und Zorayda waren von den Rittern entführt und nach Cordoba gebracht worden, sie heirateten die Ritter, Zorahyda gelang die Flucht nicht. Sie wurde von Mohammed im Innern der Alhambra gefangen gehalten. „Manchmal gelang es dem Solano, bis dorthin seine Schwingen auszubreiten.Aber er sah Zorahyda niemals. Doch hörte er hinter vergitterten Fenstern manchmal den Gesang einer trauervollen Mädchenstimme: in dem Gesang war von einem jungen Ritter im grünen Wams die Rede.“ 7

Wie endet die Geschichte bei Washington Irving? Auch hier lebt Zorahyda einsam in der Alhambra: „Dann und wann sah man sie auf den Zinnen des Turmes; sie schaute traurig zu den Bergen hinüber, hinter denen Cordóba lag. Klagend sang sie zur Laute und beweinte den Verlust ihrer Schwestern und des geliebten Mannes. Sie starb jung und soll in einem Gewölbe unter dem Turm begraben sein. Viele Sagen erzählen uns von ihrem frühen Tod.“ 8             

Wiedergeburt macht es möglich. Zorahyda ist am Biwasee in Japan auferstanden unter dem Namen Graswürzelein, die ihren Ritter mit dem Namen Oizo bekommt, der letztendlich zu ihr spricht: „Dann komme ich wieder und baue in Katata mein Haus. Und du sollst nicht mehr den Ofen deines Vaters schüren. Du sollst neben mir sitzen bei meinem eigenen Feuer. Und ich will dich malen, immer wieder malen, in dem Kleid des Vorfrühlings, am Strand, im Haus, im Mond, im Wasser, am Feuer. Und alle sollen sagen: Das ist das glücklichste Mädchen von Katata. Sie ist auf allen Bildern im Vorfrühling gemalt, zur warmen Abendstunde, in der man den Flug der Wildgänse erwartet und verliebt sagt, auch wenn niemand redet: ‚Still! Sie kommen!‘ „ -“ Da wickelte ‚Graswürzelein“ ihre Hände aus den Ärmeln und umschlang Oizo.“

Was hat Schnack noch zu bieten?

 

Er umfährt auf dem Schiff ‚Fantasia‘ die Kaps der Erde, fährt an den Küsten entlang und zu den Inseln und ruft uns zu: ‚Glaubt nicht den Angaben nüchterner und halbblinder Landvermesser! Glaubt vielmehr euren eigenen Trugbildern und Einbildungen, hängt euch an die Geschichten der Abenteurer fest!‘ So macht er’s selber, und so entsteht eine aus Mythos, Legende, Anschauung, Beobachtung und Traum gemischte Beschreibung der geographischen Erscheinungen, die ihresgleichen nicht hat. Möchte sie in die Hände vieler Lehrer und Eltern gelangen!“ 10

1 Washington Irving , Erzählungen der Alhambra, Barcelona o.J. , S. 198

2 Anton Schnack, Phantastische Geographie, Hamburg 1949, S. 44

3 Ebd., S. 45

4 Ebd.

5 Washington Irving, a.a.O., S. 200 f.

6 Anton Schnack, a.a.O. , 46 f.

7 Ebd., S.47

8 Washington Irving, a.a.O., S. 225

Max Dauthendey, Die acht Gesichter am Biwasee, Frankfurt/M; Berlin 1987, S. 99 f.

10 Vilma Sturm – Fülle der Bilder – Anton Schnack: „Phantastische Geographie“.

 F.A.Z. Literaturblatt (Feuilleton), 19.11.1949

Literatur

Anton Schnack , Die bunte Hauspostille, Leipzig 1938

Anton Schnack, Phantastische Geographie, Hamburg 1949

Washington Irving , Erzählungen der Alhambra, Barcelona o.J.

Max Dauthendey, Die acht Gesichter am Biwasee, Frankfurt/M; Berlin 1987

https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Benjowski

Vilma Sturm – Fülle der Bilder – Anton Schnack: „Phantastische Geographie“.

F.A.Z. Literaturblatt (Feuilleton), 19.11.1949

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Anton Schnack, Liebe im Kriege

Leutnant Christian Außem liebt das Mädchen Klara. „Sein Vater war Buchhalter in einer Kartonagenfabrik. Er hatte den Ehrgeiz, im Sohne den Aufstieg zur Gesellschaft und zum öffentlichen Ansehen zu erleben.“ 1 Wo die Geschichte spielt? Eine Ortsangabe gibt es nicht. Christian ist nicht nur ein Musterschüler, der sich besonders in Mathematik hervortut, sondern liebt auch Klara d’Alleux von Anfang an. Ihr Vater ist Justizrat und bewegt sich in einer anderen gesellschaftlichen Sphäre. Sie erzählt im später, dass sie zunächst von seiner Liebe nichts bemerkt habe. Klara findet bei Christian die emotionale Nähe, die sie bei ihren Eltern vermisst. Diese strahlen Kühle und „verkrustete Gleichgültigkeit“ aus.

Christian wird beim Militär ein „kleiner Leutnant“ -wie ihn Klaras Familie einstuft. Aufgrund der Tatsache, dass er aus „geringer Familie“ stamme, habe er vom Stand her keine Bedeutung für Klaras Familie.

Der Krieg bricht aus, warum, das war für Anton Schnack nie ein Thema. Politischer Ursachenforscher ist er nie gewesen. Wahrscheinlich handelt es sich hier um den Ersten Weltkrieg. Christian muss mit seinem Infanterieregiment ins Feld ziehen. „Die Zuneigung Klaras, die sich bisher noch nicht ganz entschieden hatte und immer ein wenig durch Kühle gedämpft wurde, wuchs nach dem Abschied zu leidenschaftlicher Liebe auf, die nur auf die Stunde wartete, um das angespannte, täglich sich verstärkende Verlangen nach Christian zu zeigen.“ 2

Klaras Sehnsucht nach Christian wird intensiver: “ Sie wunderte sich nicht, daß sie, bisher unantastbar und scheu, plötzlich alle Hemmungen verloren hatte, und daß sie vor dem Spiegel stehend, an den unsichtbaren Christian Aufforderungen richtete, die sie früher mit unerbittlicher Strenge von sich gehalten hätte.” 3

Ein erster Staatsanwalt- von der Mutter für Klara als gute Partie vorgesehen- beklagte sich über die Kühle und Förmlichkeit Klaras.

Die Mutter ist prüde. Öffentliche Zuneigung von ihrem Mann verabscheut sie.

Klara und Christian treffen sich während eines Fronturlaubes wieder.”Trotz der ersten Freude waren Christian und Klara ein wenig belastet voeinander; denn weder er noch sie sprachen das aus, was sie voneinander wollten und wonach sie sich gesehnt hatten.” 4

Klara verlässt ohne das Wissen der Eltern, denen sie eine Krankheit vorspielt, das Elternhaus, um sich mit ihrem Liebhaber zu treffen – in Christians Wohnung.“Die Nacht ihrer Liebe begann und stürzte Klara und Christian in einen Rausch von Küssen und Umarmungen, in ein Stillesein, wo sich ihre Seelen ganz nahe waren. Klara hatte vergessen, daß sie noch kurz vorher in Aufregung und Angst gelebt hatte, eine gnadenvolle Verklärung wuchs aus ihren Herzen über ihr ganzes Sein und Gefühl: ihre Liebesgröße beglückte Christian unsäglich. Sie waren beide ein einziger glühender Block und schienen herausgerissen aus dem Treiben und der Not der Welt zu sein.“ 5

Aber der Krieg holt sie sein. Die Idylle ist zu schön, um wahr zu sein: „Um zwei Uhr nachts fing es ungeheuer, jagend, grell und mit unvermittelter Gewalt und Heftigkeit zu schießen an. Hoch oben, irgendwo in den Nachträumen zwischen Erde und Wolken, wuchsen platzende, flachknallende Geräusche heran, die im Klange immer betäubender wurden.“ 6 Sie sind inmitten eines Fliegerangriffes. Christian wird wütend und will selbst Flieger werden, um den Feind zur Rechenschaft zu ziehen,

In den Morgenstunden verlässt Klara den Geliebten, um nach Hause zurückzukehren. Je näher sie ihrem Elternhaus kommt, um so mehr Menschen sind auf der Straße. Sie erfährt

schließlich, dass ihr Elternhaus zerstört ist. Sie erfährt, dass die Eltern leben, die Tochter allerdings vermisst wird. Hier kann sie nicht umhin, zu offenbaren, dass sie die Tochter ist, die vermeintlich unter Schutt begraben ist.

Mit dem Entschluss, ihre Liebesnacht den Eltern zu offenbaren, offenbarten sich in ihrem inneren Auge Visionen von beiden: „ … das Antlitz ihrer Mutter, das Knochen und verwelkende, gelbe Haut war, wuchs zusehends in der Höhe und Breite und wurde zu einem drohenden Holzgesicht, das mit unerbittlichen Augenhöhlen auf sie niedersah und sie bis in den letzten Seelenwinkel durchforschte. Das hohe und ausgearbeitete Gesicht ihres Vaters wurde dünn und fahl, die grausame Maske eines Inquisitors, der sie mit peinlichen und kalten Augen durchbohrte.“ 7

Es deutet sich bei diesen Vorstellungen nichts Gutes an. „Sie empfand, daß ihrer Liebesnacht etwas Heiliges anhafte, weil sie ihre Rettung war.“ 8

Eine erotische Erfüllung als etwas Heiliges – hier entwickelt Anton Schnack deutlich unkonventionelle Vorstellungen von Heiligkeit, die nicht in die kirchliche Definition passen.

Bei der Zusammenkunft mit den Eltern sind beide förmlich und reserviert. Der Vater hat eine idealistische Vorstellung vom Krieg, die Mutter fährt sie an: „ ‚ Du bist ja im Mantel‘, sprang Klara die Stimme der Mutter an. ‚Du hast ja den Hut auf? Wie kommt das? Wie ist das möglich, da doch alles von dir in die Tiefe gerissen ist?‘ Klara erschrack bis ins Herz von diesen eiskalten Fragen und dachte sich. Das wollen Eltern sein, die zuerst sehen, was ich anhabe, aber nicht fühlen und sehen, daß ich ihrer Güte bedarf.“ 9

Klara bekennt, dass sie nicht zu Hause war, sondern ihren Geliebten Christian getroffen hat: „’Seht Ihr nicht den kleinen Engel neben mir stehen, den kleinen Engel der Liebe, den wunderbaren Engel des Herzens, seht Ihr ihn?‘ aber die verwunderten Eltern, sich umschauend, sahen nichts, nur ihre Tochter stand vor ihnen, ihre Tochter Klara, die gestern noch, vorgestern noch, etwas Kindliches an sich hatte, etwas Stilles, Bescheidenes, Zurückhaltendes, und nun einen unerforschlichen Abgrund vor ihnen auftat.“ 10

Die Reaktion der Eltern ist bigott und schäbig. Ihr Vater schreit sie an: „‘ Verkommene. Dein Begrabensein, an das wir glaubten, an den deine Mutter, ich und die ganze Stadt glaubten, hat sich sonderbar gewandelt. Eine saubere Geschichte, eine Liebesgeschichte also. Während wir zittern, beben und bangen und dich unter Stein und Schutt verschüttet glauben, kommst du aus einem Bett. Die Stadt, die eine Welle von Entsetzen war, wird nun ein Kessel von Gelächter. Du bist gerichtet, und wir sind gerichtet.’“ 11

Ihre Mutter sieht keinen Engel, sondern einen „Teufel der Unordnung und Sinnlichkeit“. Sie ist also verstoßen und deswegen entsetzt und abgestoßen. „Klara hatte Vater und Mutter mit steigendem Entsetzen angehört. Mit der kühlen schärfe der Wissenden sah sie hinein in die armseligen, verkrusteten und leeren Herzen.“ 12

Die Einschätzung der Eltern ist von der vermuteten öffentlichen Meinung bestimmt. Eine anderes Kriterium entwickeln sie nicht. Sie verlässt grußlos das Zimmer, sucht Christian vergeblich und begibt sich zum Bahndamm. „Mit donnerndem Geheul raste der Zug auf sie zu. Klara kniete sich nieder, als wäre sie in einem Heiligtum um zu beten.“ 13

In ihrem Selbstmord erlebt Klara noch einmal visionär eine Liebkosung ihres Geliebten Christian.

Hätte es keine andere Lösung gegeben? Vermutlich wäre eine Legalisierung ihrer unehelichen Beziehung an der öffentlichen bigotten Meinung gescheitert (die Erzählung wurde 1935 veröffentlicht). Fünfunddreißig Jahre später hätte sie kaum noch Probleme mit ihrer unkonventionellen Liebesgeschichte gehabt – zumindest in weiten Teilen der Bundesrepublik.

Die Erzählung ist so spannend geschrieben, dass man sie jedem zur Lektüre empfehlen kann.

Werfen wir kurz noch einen Blick auf literarische Werke, die auch mit einem Selbstmord auf den Gleisen enden. Ein herausragendes Beispiel wird in „Anna Karenina“von Leo Tolstoi beschrieben. In dem Glauben, Wronskij (ihr Liebhaber, nicht ihr Ehemann) verweigere ihr seine Gegenwart, stürzt sich Anna – erschrocken über ihr eigenes Verhalten – vor einen Zug, ähnlich wie sie es bei einem Unfall sah.

Halten wir noch fest, wie Leo Tolstoi das Ende Anna Kareninas beschreibt: „Und genau in dem Augenblick, wo der Raum zwischen den Rädern ihr gegenüber war, warf sie die rote Reisetasche von sich, drückte den Kopf zwischen die Schultern, ließ sich unter den Wagen auf die Hände fallen und kniete mit einer leichten Bewegung, als ob sie vor hätte, sogleich wieder aufzustehen, nieder. Aber im gleichen Augenblick erschrak sie über das, was sie tat. ‚Wo bin ich? Was tue ich? Weshalb?‘ Sie wollte sich erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Gewaltiges, Unerbittliches stieß gegen ihren Kopf und schleppte sie am Rücken mit fort. ‚Herrgott, vergib mir alles!‘ murmelte sie, da sie fühlte, daß ein Widerstand unmöglich sei. Das Männchen wirtschaftete mit dem Eisenwerk herum und redete dabei etwas vor sich hin.Und die Kerze, bei der sie von soviel Sorgen, Betrug, Kummer und Schlechtigkeit erfüllte Buch des Lebens gelesen hatte, leuchtete in hellerem Schein auf als je, erhellte ihr alles, was bisher für sie in Finsternis verborgen gewesen war, knisterte, wurde dunkel und erlosch für immer.“ 14

Christian Schauer August 2015 bis Januar 2016

Fußnoten

1 Anton Schnack, Liebe im Kriege, in : Die Verstoßenen, Leipzig 1935, S. 47

2 Ebd., S. 51

3 Ebd., S. 52

4 Ebd., S. 58

5 Ebd., S. 64

6 Ebd.

7 Ebd., S. 79

8 Ebd.

9 Ebd., S. 88

10 Ebd., S. 90

11 Ebd., S. 92

12 Ebd., S. 93

13 Ebd., S. 95

14 Leo Tolstoi, Anna Karenina, Köln 2010 (Anaconda Verlag), S. 931

Verstoßene

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Anton Schnack, Flirt mit dem Alltag (Zeichnungen von Max Schwimmer), Frankfurt am Main 1956

Schon in den 50er Jahren kam mancher auf allerlei skurrile Ideen, zum Beispiel Anton Schnack in dem oben genannten Buch mit den vielen Zeichnungen von Max Schwimmer. Was macht man im Winter, im Januar, wenn es auch für die Pflanzen und Gemüsearten noch zu kalt ist? Man versenkt in die Mistbeete Gurkenkerne, zieht ihnen aber vorher Wollhöschen an  (S.8), damit die Armen nicht frieren. Zudem werden ihnen Hustonbonbons mitgegeben (S 9).

2013 könnte man dann noch hinzufügen, man gibt ihnen eine Wärmflasche dazu, damit sie sich wirklich nicht erkälten (eigene Idee). Im Februar sucht man dann das Unmögliche und will damit den Kalender korrigieren.

“Auf Suche gehen nach den beiden fehlenden Tagen, nach dem 29. und 30. Februar ….  Wenn beide Tage gefunden, auf einem städtischen Fundbüro abgeben; sich dort wundern, daß es die Abteilung ‘Verlorene Tage’ noch nicht gibt, obwohl das menschliche Leben doch überreich an ‘verlorenen Tagen’ ist. “(S. 11).

Man kann daraus nur folgern, dass der Ort Kahl am Main, nachdem eine Straße nach Anton-Schnack benannt ist und kürzlich ein Denkmal eingeweiht wurde, Schnack noch weiter ehren sollte, in dem die Gemeinde eine Abteilung “Verlorene Tage” einrichtet, in der ehrliche Finder eben solche abgeben könnten. Doch welche Partei erklärt sich zu  einem  solch kühnen Schritt bereit? Wer riskiert einen Zornesausbruch des Bürgermeisters, der schon bei der K-Trasse nicht so ganz sicher war, ob noch alle bei Trost sind. Und der wiederholt von rechtsradikalen Schmierereien genervt ist. Auch das, was Schnack danach folgend zum Thema “Verlorene Tage” schreibt, kann nicht unbedingt als aufbauend für eine neue Abteilung betrachtet werden:

“Mit Bitterkeit bedenken, wieviel unwiederbringliche Tage im Kriege und hinter Stacheldraht verloren gingen.”

Hier empfiehlt sich eine Ergänzung des Kahler Kriegerdenkmals im Schnackschen Sinne: “Denkt an die Bitterkeit der unwiederbringlichen Tage des Krieges” würde neben der Liste der Gefallenen stehen. Mancher Bundeswehrsoldat würde möglicherweise ins Grübeln kommen, ob denn nicht seine Tätigkeit letztendlich doch eher bitter ist. Die Sensibilität gegenüber Tieren kommt bei Schnack auch schon 1956 zum Vorschein:

” Die allgemeine Jagdruhe, die Wildschonung, begrüßen, die den Februar heilígt. Sich freuen, daß Hasen, Rehe, Hirsche, Fasanen nun wieder unbedroht von Schrot und Kugel durch die Felder hoppeln, springen und fliegen dürfen. Doch Schnepfen, Wildtauben und Wildkaninchen bedauern, nicht den Frieden der allgemeinen Schonzeit genießen zu dürfen.” (S. 11)

Die Konsequenz kann nur lauten: auf einen Veggie-Day in den Kahler Kantinen und Restaurants pro Woche drängen, damit auch die Schnepfen für immer aufatmen können. Sich nicht um das Feldgeschrei der ewigen Fleichfresser kümmern! Im März kommt ein Vorschlag, bei dem man sich mit dem einheimischen Lebensmittelhandel anlegt:

“Neue Spargelbeete anlegen. Zweckmäßig, Stangenspargel aus Konservenbüchsen nehmen und in die Beete stecken. Dadurch Rekord denkbar frühester Spargelernte aufstellen, alle Heimgärtner verblüffen und Sensationsmeldung: ‘Erster Spargel im März gestochen’ im Lokalblatt erzielen.” (S. 18)

Nicht ganz einfach der nächste Vorschlag: “Das Tier des Monats März, den ‘Widder’, einfangen und zähmen. Ihm sehr festes Geschirr und Zügel anlegen; den Widder recht störrisch und eigensinnig.”  Das Problem: lässt sich ein Widder einfangen? Scheitert man nicht vor lauter Anstoßen?

Der keusche Märzwald folgt, in dem ein  rotes Eichhörnchen aus dem Winterschlaf erwacht. “Zur Begrüßung einige Haselnüsse in das anmutige Pfötchen drücken.” (S. 19)

Einwurf: Eichhörnchen sind zu scheu, um  sich ein Pfötchen drücken zu lassen. Kann Anton Schnack nicht einfach eines ungeliebten Nachbarns Pfote drücken, um ihn zum anbrechenden Frühling zu gratulieren? Anonymität muß gewahrt bleiben – Kahl ist klein. 1

Nicht weniger humorvoll geht es in einem weiteren Buch Schnacks aus den 50er Jahren zu. Anton Schnack (Zeichnungen von Trix), Brevier der Zärtlichkeit, Frankfurt am Main 1957. Darin heißt es zu passenden Maßen für Frauen, die “Miß Deutschland” werden wollen

Körpergröße von 1,68 m.

Gern hängt Erich am Gestänge

Dieser achtungsvollen Länge!

Gürtelmitte (Taille) von 63 cm.

Zu umfassen Gürtelmitten,

Sind beliebte Männersitten.

(Und auch, Gott sei dank, gelitten!)

Hüftweite von 94 cm.

Jeder Hüftenzentimeter

Hat Verehrer und Anbeter.

Büstenumfang von 91 cm.

Ziel von Jünglings Tatendrang

Ist ein hoher Busenhang.

Haarfarbe in Kastanienbraun.

Auch Mahagoni und Bernsteinblond

Liegen in vorderster Liebhaberfront.

Muskeln, über 500.

Vielgeküßt aus diesem Bund:

Schließmuskel am Mädchenmund!

Knöchlein und Knochen, etwas über 200.

Recht artig ist für Flitterwochen

Das Abzählspiel der “Liebesknochen”.

Herz, um die 300 Gramm

In Wirklichkeit doch gar nicht groß,

An Wirkung aber beispiellos

Poren, in die Millionen

Verliebter Mensch küßt jeder Pore

An Lisa oder Eleonore;

Ist ihm dies Tun auch angenehm,

Es ist und bleibt doch recht extrem!

Es folgen Betrachtungen über verschiedene Arten von Handküssen, die eher in den 50er Jahren den Galan ausmachten. Manche Arten von Zärtlichkeit, die beschrieben sind, müssen als zeitlos eingestuft werden. Geradezu dezent ist das erotische Geschehen, wenn man an das konvulsivische Gedicht “Sexus” in “Der Abenteurer” von 1919 denkt. Damals hieß es:

“Oh Knie, oh Gnade: wer lag schreiend so vor Dir wie ich; gestellt, gereckt,

entblößt

In voller Nacht, in Gärten, mailich; der junge Mond im Ast;

Dich, weißes Fleisch, Dich Süßigkeit, beäderte, Mit Armen warm umfaßt;

Haar rann hinab, im Nacken, Achseln, wirre Wildnis, fließend aufgelöst! –

So Aufgewölbtes (fabelhaft): oh,ich schrie Worte aus von dem, von allem,

von dem Purpurtrunk,

Von knisternder Verseidigung, von Land, dem leiblichlichen, von Brunnen, Fluß,

Von Sternen weiß zu Häupten, von Überflutungen, von eingebißnem Kuß,

Dem Schein der Schenkel, rosnem Knöchel, von menschgewordnem Wasser,

Schale, Scham und Trunk   ….”

Wer weiß, vielleicht wäre Anton Schnack in den wilden 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder so bacchantisch geworden, hätte ihm nicht seine Ehefrau zugeflüstert: “Anton, Du bist schon siebzig, Dein Herz!!!” 2

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Anton Schnack, Die Angel des Robinson, München 1946 (Desch Verlag) Darin: Der Fliederbusch des Käthchens von Heilbronn

“Er, der uralt ist, geneigt von der Last vieler Jahre, vieler stürmischer Winter, herrlicher Frühlinge, glühender und von Gewittern befegter Sommer, der das Geheimnis einer unvergeßlichen Liebe überschattete, wächst an der Lende eines Bergstraßenhügels, der so sommerlich ist, daß Wein und Edelkastanien auf ihm gedeihen. Im Schatten einer zerstörten Mauer hat der Busch seine Wurzeln in den Boden eines Ruinenhofs gsenkt, um hier, müde und fast schon legendenhaft, zu sterben. Er wird sterben. Er wird sterben und doch ewig lebendig bleiben; denn die Liebe hat diesen Busch begnadet und zum Heiligtum gemacht. Über dem Dorfe Schriesheim wächst er am morschen und von Efeu überzogenen Gemäuer der Strahlenburg. Das Dorf, das an den Buchhügel stößt, ist voll kühler Enge. Die Burg ist zerfallen, über einer einzigen Giebelwand steigt ein hoher und schlanker Turm auf. Der Stamm des Fliederbusches ist knorrig und dick, die Rinde vernarbt, zerrissen, geschwärzt. Seine Jahrhunderte hält eine Stütze, die eine verwaschene Tafel trägt. Ich lese: ‘Unter diesem Fliederbusch ruhte das Käthchen von Heilbronn.’ ” Die Reiseliteraur sah bald nach der Uraufführung von Heinrich von Kleists Ritterschauspiel ‘Käthchen von Heilbronn’ im Jahr 1810 in der Strahlenburg die Burg des Wetter vom Strahl und bald fand sich auch unter einem Holunderstrauch die bemooste Steinbank, worauf das Käthchen einst träumte.” Siehe dazu http://www.schriesheim.de/index.php?id=517 Aus dem Holunderbusch wird also bei Anton Schnack ein Fliederbusch, den der Autor schon in “Begegnungen am Abend”  eine Geschichte widmete (siehe unten).

Dem Bauernkrieger Acher Concz ist eines der wenigen politischen Kapitel in dem Buch gewidmet. “Acker Concz wurde er genannt, und er lief mit vielen anderen aus der Taubergegend zu den Bauernhaufen, die vor der prächtigen und mauerumgürtelten Stadt Rothenburg ein Lager aufgeschlagen hatten. Concz trug die Sturmhaube wie fast allesamt, und die vierschrötige Brust hatte er mit einem rindsledernen Koller gegen Schläge und Hiebe geschützt. Er war Bauer und Spielmann zugleich und hatte schon im Dorf Tauberzell und im Markt Königshofen zu Fest und Kirchweih die Trommel gerührt.” Beide sind auf einem Holzschnitt von 1525 zu sehen, der von Hans Sebald Beham gefertigt wurde. In einem seltenen Fall ist die Landschaft bei Anton Schnack keine Idylle, sondern ein Schlachtfeld. Über den Tod von Klos Wuczer heißt es:

“Der ist nicht an der schrecklichen Mauer der Würzburger Festung gefallen. Er gehörte zu denen, die nach der mörderischen Schlacht bei Königshofen in den sumpfigen Tauberwiesen bei Lauda enthauptet wurden. Sein Blut wurde von der Tauber aufgenommen und in langer Reise zum Meere gebracht, zur großen Wasserwiege, wo Blut, Tränen, Regentropfen, Schweiß und Taugeglitzer sich zu einem ewig dauernden und gewaltigen Gesang, Brüllen und Weinen zugleich, vereinigen.”

Möglicherweise hat Anton Schnack bei dieser Rede an Winston Churchill gedacht. Die „Blut, Schweiß und Tränen“-Rede (auch kurz „Blut, Schweiß und Tränen“; engl. „Blood, sweat and tears“) bzw. „Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“-Rede (engl. „Blood, toil, tears, and sweat“) ist eine kurze Ansprache, die der britische Politiker Sir Winston Churchill am 13. Mai 1940 während des Zweiten Weltkrieges vor dem britischen Unterhaus hielt. 3

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Anton Schnack, Begegnungen am Abend, Stuttgart 1940 Darin: Küsse unterm Fliederbusch

“Da er wieder blüht, süßer und betörender scheint es mir als je, verführerisch und voll Wohlgeruch wie in jener Nacht, da der Mond schön und wie eine Kugel aus Bernstein mitten im meergrünen Himmel schwamm, fällt mir manches ein; es sind keine guten Erinnerungen, sie haben alle die Dunkelheit der Trauer und die Verklungenheit der Jugendtorheit.” ” Ohne Nachbarschaft lag das Haus meiner Mutter, und es stand frei und leuchtend in der Sonne. An den zwei anderen Hausseiten verwilderte üppig breitästiges Fliedergebüsch und dickes Jasmingesträuch. Es war eine seltsame Luft um das Haus, wenn die Bäume, der Garten und die großen Gesträuche blühten. Dann war es nicht gut, in diesem Haus zu wohnen; denn der honnigvolle, schwere Blütenatem kam wie eine unwiderstehliche Berauschung durch die Fenster, er kam durch die Türen, er wehte durch alle Zimmer mit einer aufreizenden Heftigkeit, und ich weiß, daß meine Mutter, die damals schon über vierzig war, heimlich weinte. Schwermut und unerklärliche Sehnsucht brannte der unwiderstehliche feurige Duft ins Blut.”

Die Angebetete heißt Graziella. “Nie hätte ich es dir gesagt, wenn du es nicht selbst gewesen wärest, die mit einer plötzlichen und unwiderstehlichen Kraft an mein Herz griff, die mir das bebende und heiße Wort selbst ins Blut warf.”  Der Flieder treibt zu Emotion und Offenbarung. “Niemals, hättest du das tun sollen, leichtsinnige Graziella, niemals, am wenigsten zu jener inbrünstigen Zeit der Fliederblüte, die wie ein glühendes Dickicht in den Gärten flammte und die Luft zu einem berauschenden Wein machte.”  Die Emotion nimmt noch zu: “Wir standen lange da unter der offenen Türe; es begann zu dämmern und wir standen da, es begann die Nacht einzufallen, und wir standen immer noch da, immer näher kamen wir uns, wie von einer unwiderstehlichen Zaubermacht zueinander hingezogen.” Doch es ist zu schön, um wahr zu sein. Der strenge Vater tritt dazwischen: “Aus der Dunkelheit schlug eine schattenhafte Hand mit einem Stock; der peitschende Schlag traf deine lustdurchbebte nackte Schulter, Graziella, schmergekrümmt sankst Du hin.. Ich sah deinen Vater und deinen dir aufgezwungenen und ungeliebten Bräutigam auf uns zuschreiten und dich aus meinen Armen reißen.” Zwangsheirat – heute ein viel beachtetes Thema- der Autor kannte es damals schon. “Weinend und widerstrebend sah ich dich, von der Hand des Vaters gehalten, die Treppe hinauf ins Haus gehen. Mit einem harten Schlage fiel die Türe zu. – Ich aber blieb auf der Bank unter dem Fliederbusche in einer dumpfen Trauer und wünschte, es möge die Nacht kein Ende nehmen und der Morgen nicht anbrechen.”

Soweit die Angst vor dem Tag und der ernüchternden Helligkeit. Die eher romantische Geschichte endet im grauen Alltag, in dem der Traum zerstoben ist. Man trachtet danach, in einem anderen Buch mit Fliederthema – z.B. Nora Roberts Fliedernächte- einen positiven Ausgang einer Liebesbeziehung unter einem Fliederbusch zu suchen.

Gandhi steht vom Gastmal auf, in: Begegnungen am Abend

“Gandhi, der vom Schicksal ausersehene Vorsitende des indischen Nationalkongresses und einflußreiche Führer eines Millionenvolkes, war noch nicht lange in England, als er von Lord A. auf Grund von Empfehlungen eine Einladung zum Diner erhielt.” Auch hier tritt schon die Problematik des Vegetarismus auf, Gandhi erinnert sich an drei Bitten seiner Mutter: “erstens keinen Wein zu trinken; denn der Wein verleite zum Rausch, verdunkle die Vernunft und trübe die geistige Klarheit – ferner keine Frau zu berühren; denn das Weib des Westens würde ihn vom göttichen Bewußtsein und der edlen Kraft der Reinheit weglocken und verderben, und drittens kein Fleisch zu essen; Fleischgenuß sei eine Sünde gegen das Leben und eine Glaubensverletzung und würde ihn von seinen Ahnen entfernen, die niemals Stoffe des Tieres aufgenommen und in sich verwandelt hätten.” Gandhi möchte vom Diener eine Auskunft erhalten, ob die angebotenen Speisen Fleisch enthalten. Lord A. mischt sich ein, weil er das Gespräch als ungebührlich empfindet. Er fragt Gandhi: ” Was haben Sie mit dem Diener oder was wünschen Sie? Sehen Sie denn nicht, daß Ihre Unterhaltung mit dem Bedienten die Abwicklung des Mahles und die Gespräche der Gäste stört!” Gandhi entgegnet: “Sir, ich möchte wissen, da es mir verboten ist, Fleisch zu essen, ob in diesen Pasteten…Fleisch enthalten ist?” Bei der Tischrunde stößt diese Haltung auf Unverständnis. “Gandhi war diesem englischen Hochmut- das fühlte er mit seiner wachen und überempfindlichen Stelle – ein komischer Kauz und eine gesellschaftliche Null geworden.” Der Lord kanzelt Gandhi  folgendermaßen ab: “Herr Gandhi … ich bin mit der ganzen Tafelrunde eines Sinnes; die Willkür und die Nichtverleugnung Ihrer Sonderwünsche sind eines Gentlemans unwürdig!” Das Erhabene spricht Schnack in dieser Erzählung Gandhi zu: “Er stand von der Tafel auf und verließ den Speisesaal, bis ins Innerste klar und gefaßt… Das höhnische Lächeln auf den Gesichtern der Lords und Lakaien fror zusammen, das spöttische Flüstern verstummte vor der undurchdringlichen Miene des Inders. Mit Gandhi ging ein unsichtbares, aber doch fühlbares Etwas, das nicht zu verletzen oder zu demütigen war.  Etwas Millionenhaftes, Dumpfes und Gewaltiges folgte ihm – das ganze unsichtbare indische Volk verließ mit ihm die Tafel englischer Gastfreundschaft.”

Gandhi ist der moralische Sieger gegenüber der Kolonialmacht. Erhabenheit ist übrigens nach Friedrich Schiller der Triumph des Sittlichen über das Sinnliche.

Anton Schnack, Der Bootsmaat Nikifor Begitschew, in: 24 neue deutsche Erzähler – Frühwerke der neuen Sachlichkeit, München 1973

“Er war ein untersetzter Bursche, von Kälte gerötet und von dem vielen Alleinsein schweigend gemacht, Er hatte ein kühles graues Auge und den Instinkt eines Tieres. Sein Gesicht war hoch und ungemein kühn. Er liebte Robbenfleisch, das Nordlicht, das Gleiten der Hundeschlitten und das Erzählen über den russischen General Koltschak.”  So beginnt Schnack seine Erzählung, die zur “Neuen Sachlichkeit” gerechnet wird. “Ende Mai des Jahes 1920 erreichte ihn beim Fallenreinigen die Nachricht der Sowjetunion, daß Amundsens ‘Maud’- Matrosen Peter Tessem und Paul Knudsen seit einem Jahre vermißt wären. Er möge nach ihnen suchen. Die Norweger hätten viel Geld gestiftet.” So hat Begitschew die Absicht, die beiden zu finden. In einer ersten Expedition findet er Knochen, ein Schulterblatt, Schädelstücke und Fingerglieder, aber keine Spur der Verschollenen. Bei einer zweiten Expedition findet er eine Leiche mit einer Taschenuhr, die Tessems Monogramm trägt. “Er begrub den Leichnam unter Steinen und deckte ein Flaggentuch mit dem Sowjetstern darüber.” Weiter heißt es: “Über dem Toten lag ein unerforschtes Geheimnis. Himmel und Schnee und das ewige Brausen des Meeres hatten über dieses Geheimnis ihre Schwermut gelegt.” Unheil deutet sich an. Nach seiner Rückkehr bricht er zu einer dritten Expedition auf. 1926 sollen Eis- und Silberfüchse gejagt werden.

 

“In seiner Begleitung war der Jäger Natalschenko, der einen Kopf größer war und weißblonde Haare hatte. … Diese Natalschenko war der Liebshaber von Begitschews Frau geworden.” 1927 brechen sie auf und finden Bärenspuren. Als die Spuren sich teilen kommt es zum Streit, der von Natalschenko gesucht wird. Begitschew wird von seinem Begleiter zu Boden geworfen – sein Knöchel ist ausgekugelt. “… er konnte nicht vom Boden auf und bat Natalschenko um Hilfe. Aber dieser schlug dem Gefallenen mit dem Ende seiner harten Stiefel auf den Schädel, bis er bewußtlos umsank. Er zog ihm den Mantel aus, riß ihm die Stiefel von den Füßen und ließ ihn liegen. Der Abend brach mit bitterer Kälte herein. Begitschew lag die Nacht durch. Begitschew lag am nächsten Tage noch auf der Erde und lebte. Sein Blut, das aus der gesprungenen Schädeldecke sickerte, fror an ihm fest. Die zweite Nacht kam, Begitschew lag immer noch und sein Herz schlug. Am dritten Tage, in der großen Morgendämmerung, starb er. Aus der Ferne stieg das Meerrauschen.Ein Eisbär kletterte über eine Felskippe und brummte furchtbar. Der Mörder warf Steine über den Toten, brach sein Zelt ab und traf nach drei Tagen die Gefährten. Ihnen sagte er, Nikifor sei am Skorbut gestorben …”

 

Als Motiv muss von Eifersucht ausgegangen werden, Natalschenko war früher Liebhaber von Begitschews Frau. Der Held der Erzählung ist der russische Polarforscher Nikifor Begitschew (1874–1927). Der Tod von Begitschew wird ohne Pathos und sachlich geschildert. Deshalb wird die Erzählung zur “Neuen Sachlichkeit” gerechnet. Ein Expressionist hätte möglicherweise noch eine fiebrige Vision in den Tod Begitschews gelegt, in der sein Sohn sein Wirken fortführt. “Neue Sachlichkeit bezeichnet eine Richtung der Literatur der Weimarer Republik, die sich nüchtern und realistisch vom Pathos des Expressionismus abgrenzt.” 4

Anton Schnack und die Politik

Eine Auseinandersetzung mit der Politik findet in seinen Werken äußerst selten statt.  Sein Name findet sich in einem Dokument, dem “Gelöbnis treuester Gefolgschaft” war ein Treuegelöbnis von 88 deutschen Schriftstellern und Dichtern für Adolf Hitler, das am 26. Oktober 1933 in der Vossischen Zeitung abgedruckt und von der Preußischen Akademie der Künste  in Berlin propagiert wurde. Es wurde gleichzeitig auch in anderen Zeitungen, wie der Frankfurter Zeitung, veröffentlicht. Eine Nähe zum Nationalsozialismus kann aus seinen Werken nicht herausgelesen werden. Er war kein erwünschter, aber ein geduldeter Schriftsteller. Einige Schriftsteller unterzeichneten nach einem Literaturkritiker nur, um ihre Verleger zu schützen. Möglicherweise wollte er von den Nazis in Ruhe gelassen werden. Auch meint der betreffende Literaturkritiker (Joseph Wulfl), daß Unterschriften auch ohne Wissen der Betroffenen zustande gekommen seien. Schnack meint dazu, er hätte keine Gelegenheit gehabt, dazu Stellung zu nehmen. Schon 1929 wurde er von der NSDAP- Ortsgruppe Aschaffenburg als “Schmutz- und Schunddichter” bezeichnet. Drohungen bewirkten, dass er eine Zeitlang nach Südfrankreich emigrierte. In einer Stellungnahme zu dem Vorgang  weist Schnack darauf hin, dass er eine liberale Reaktion zu diesen Vorgängen vergeblich versucht hat, in die Wege zu leiten. Nach einer mißliebigen Kritik 1942 wurden ihm keine Buchmanuskripte mehr genehmigt. Anfang 1944 musste er noch einmal in den Krieg, nach Kriegsende geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wurde aber bald wieder entlassen. Er ging nach Kahl und wohnte dort in der Spessartstraße 8. Als er unpolitischer Mensch neigte Anton Schnack offensichtlich dazu, in dieser Zeit nicht anzuecken, was sich darin niederschlug, dass es bis 1942 im “grossen und ganzen unbehelligt” blieb- nach eigener Einschätzung.

Kritiker werfen ihm noch vor, dass mehr als 50 Texte im “NS-Kampfblatt” Krakauer Zeitung, dem Blatt des Generalgouvernemnts erschienen sind. 7 Der mir vorliegende Text “Phantasien um Virginia” in der Lemberger Zeitung (Regionalausgabe der Krakauer Zeitung vom 12.4.1942)) ist allerdings unpolitischer Natur. Ein Widerstandskämpfer war er demnach allerdings auch nicht.

Seine Erlebnisse als Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg fanden Niederschlag in der Gedichtsammlung “Tier rang gewaltig mit Tier”, die 1920 im Rowohlt Verlag erschien. 1915 wurde er als Armierungssoldat in einem Feldartillerieregiment eingesetzt , das an die Westfront (Somme/Verdun) stationiert war. In diesen Gedichten beschreibt er Angst vor dem Tod, aber auch die Suche nach Gott. Beispiel: Nacht des 21. Februar

Schlaflos – Nacht, Riesin, hochgewölbt, verfinstert, schwarz, mit grüner Lichtschnur, seiden,

streifig, weich;

Manchmal ein Wolkenzug, zerrissen, abenteuerlich gebaut; manchmal ein Wind, ein
unbekannter, der

voll aus einem Winkel kam,

Scharf, kalt, mit toller Kraft … Wen griff in dieser tiefen, bitterlichen Nacht nicht Heimweh und,

ach, das Wunder einer großen Scham? –

Ich stieg heraus an Fenster, grün, voll Schmutz, Spinnweben, Staub; und fand die Nacht den andern

Winternächten gleich.

Und fand sie weiß, voll Rausch und Röte, voll Blitz, weither, aufzuckend, hell; und fand sie voll

Erschütterung, gewaltger Not,

Voll Lärm der Pferde, Rauschen, Brüllen, voll einer Stunde Trommelfeuer (sehr wunderbar zu hören),

dumpfrolend, dunkel, traurig, mächtig.

Ich, tief erschüttert, wortlos, betend, gerüttelt von der Qual, die fern hochwuchs in Schutt und Schnee,

ich sah die Sterne an, ganz seltne, sie waren gelb und prächtig,

Ich sah ins Firmament, es war gewölbt, gewaltig, aufgespannt, ich sah in seine Tiefe, geöffnet,

grundlos, ganz verspritzt mit fabelhaftem Rot.

Ich sah mich sein: tierhaft besorgt, voll Angst, daß er mich würfe, der Tod, mit einem Stein ins

Antlitz, das einst roch Nächte, süßlich, südlich, heiß,

Das einst gebräunt war, schön und dunkel; ich sah mich sein: veraltet, übermüdet, fröstelnd, ein

abendlicher  Mensch, bereit zum Weinen,

Bereit zu gehen mit durchbohrtem Herz in samtne Stille, unbekanntes Land, bereit mich zu verlieren,

achtlos, traurig matt,

Zu altem Zeug, Gerümpel, Tand, zermürbt, verstaubt, vernagt, in eine Ecke, lichtlos, dämmrig, wo

junge Ratten wispern scharf und leis

Wo Rauch war dick und trüb, verflattert, aufgeballt, gewöhnlich, grau, vermufft; wo riesenhafte

Käfer grün glühten unter moosbezogenen Steinen;

Ich sah mich sein: ein Ding, verloren dem Gesetz der Unerbittlichkeit, dem Ruf des Todes, bös

geworfen an die Fenster; ich sah mich überdrüssig, steif und aller Abenteuer satt.

 

So kann man hier getrost feststellen, dass das Kriegserlebnis bis auf den Grund aufwühlt, extrem Ängste hervorruft und die Einsamkeit des Menschen verdeutlicht. Was ich in den Gedichten Anton Schnacks zum Ersten Weltkriegs vermisse, ist die Frage, ob es nicht auch anders geht,  ob es schicksalhaft vorgegeben ist, aus nationalistischen Gründen jahrelang sich das Leben auszublasen. Und psychisch für immer von diesem Schrecken traumatisiert zu sein. Dieser Frage ist Kurt Tucholsky in seinem Gedicht “Der Graben” von 1926 nachgegangen.

Mutter, wozu hast du deinen Sohn aufgezogen?
Hast dich zwanzig’ Jahr mit ihm gequält?
Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,
und du hast ihm leise was erzählt?
Bis sie ihn dir weggenommen haben.
Für den Graben, Mutter, für den Graben.

Junge, kannst du noch an Vater denken?
Vater nahm dich oft auf seinen Arm.
Und er wollt dir einen Groschen schenken,
und er spielte mit dir Räuber und Gendarm.
Bis sie ihn dir weggenommen haben.
Für den Graben, Junge, für den Graben.

Drüben die französischen Genossen
lagen dicht bei Englands Arbeitsmann.
Alle haben sie ihr Blut vergossen,
und zerschossen ruht heut Mann bei Mann.
Alte Leute, Männer, mancher Knabe
in dem einen großen Massengrabe.

Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!
Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!
In die Gräben schickten euch die Junker,
Staatswahn und der Fabrikantenneid.
Ihr wart gut genug zum Fraß für Raben,
für das Grab, Kameraden, für den Graben!

Werft die Fahnen fort!
Die Militärkapellen spielen auf zu euerm Todestanz.
Seid ihr hin: ein Kranz von Immortellen –
das ist dann der Dank des Vaterlands.

Denkt an Todesröcheln und Gestöhne.
Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,
schuften schwer, wie ihr, ums bißchen Leben.
Wollt ihr denen nicht die Hände geben?
Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
übern Graben, Leute, übern Graben –

Leider ist in Schnacks Werk keine politische Einschätzung des Ersten Weltkrieges zu finden. Das Politische blieb im weitgehend fremd. Das meint auch der Rezensent Rolf-Bernhard Essig in der Süddeutschen Zeitung vom 27.04.2004 –  das Politische sei nach dem Ersten Weltkrieg bei Schnack nicht mehr präsent gewesen. Um so mehr die Wunderwelt der Natur und der alltäglichen Dinge, die in den seltensten Fällen bieder daher komme. In einem Werk zum Expressionismus meint ein Rezensent zur Lyrik Anton Schnacks: “A. Schnack beispielsweise zielt in ‘Tier rang gewaltig mit Tier’ die ‘gewaltge Not’ der Frontnächte mit (34), eine Not, die ‘zu groß ward’ und zu Gebeten, ‘ungewollt, verworrsen, stockend, müde’, führte (‘Im Graben’, ebd., 39); es ist die Rede von der ‘Not der Erde’ im Kriege (49) und – im Gedicht ‘Flucht’- von einem ‘Notgeschrei’, in dem eine Stirn lautlos untergeht (71).” 8

 

Lebensdaten

Am 21. Juli wird 1892 Johann Anton Schnack als drittes Kind des GendarmeriestationsKommandanten und späteren Gerichtsvollziehers Hermann Schnack (1853-1913) und dessen Frau Elisabeth (Elise) geb. Faik (1855-1943) im unterfränkischenRieneck an der Sinn geboren. Seine Geschwister sind Eugenie (1886-1978) und Friedrich (1888-1977), der später ebenfalls Schriftsteller wird. 9

Im Gegensatz zu Anton wird Friedrich in den meisten Literaturgeschichten heute noch erwähnt. Zwei von Anton Schnacks Gedichten sind allerdings in der Anthologie Gedichte des Expressionismus ,Hrsg. Dietrich Bode, Stuttgart 2001, nachzulesen. Dort läuft er unter der Rubrik “Süddeutscher Ton”.

Um 1895 zieht die Familie nach Dettelbach um, wohin der Vater dienstlich versetztwird. 1899 besucht Anton die Volksschule in Dettelbach. Um1900 zieht Familie nach Kronach um, 1903 nach Hammelburg. 1905 besucht er des Progymnasiums in Hammelburg. Im Juli 1911 schließt er das Progymnasium ab.

1912 arbeitet er in Emmerich, an der holländischen Grenze bals Redaktionsvolontär beim Boten vom Niederrhein. In Halberstadt/Harz arbeitet er 1913 als Hilfsredakteur bei der Halberstädter Allgemeinen Zeitung. In diesem Jahr beginnt er ein Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität München.

1914 arbeitet er in Bozen arbeitet er bis zum Kriegsausbruch als Hilfsredakteur beim Bozner Tagblatt. Er kehrt nach Deutschland zurück und  begibt sich nach Haßfurt, wo seine Mutter bei ihrer verheirateten Tochter Eugenie wohnt.

1915 zieht die Mutter ins elterliche Anwesen nach Alzenau in Unterfranken
um; Anton Schnack begleitet sie. Er arbeitet im Kahltal-Boten mit. Im November wird er zum Kriegsdienst einberufen. Er dient als Armierungs-
soldat in  einem Feldartillerieregiment, das an die Westfront (Somme/Verdun) geschickt wird. Vorher im August erscheint sein erstes expressionistisches Gedicht.

1916 beendete eine Verletzung beim Entladen von Munition Ende Februar
seinen Kriegsdienst.

1917 wird er beim Kommunalverband Alzenau als Mühlen- und Lebensmittelkontrolleur dienstverpflichtet

Ab Oktober 1918 (bis 1920) arbeitet Schnack in Darmstadt als Feuilleton-redakteur undTheaterkritiker der Darmstädter Zeitung. Er publiziert Gedichte in expressionistischen Zeitschriften.

Im Mai 1919 erscheint Schnacks Gedichtband Strophen der Gier. Im Herbst veröffentlicht er die Gedichtbände Der Abenteurer und Die tausend Gelächter.

Im Frühjahr 1920 erscheint der Gedichtband Tier rang gewaltig mit Tier. 1000 Exemplare gab es in einer nummerierten Auflage. Ab Oktober wurde er Feuilletonredakteur und Theaterkritiker der Neuen Badischen Landes-Zeitung in Mannheim. Seine Tätigkeit dort endete
1925.

Im Frühjahr 1921 erhielt er den Preis der Deutschen Schillerstiftung.

Am 24. Oktober 1924 heiratet er Maria Glöckler 1924 (1901-1978).

1925 begibt er sich auf Auslandsreisen: Er hält sich in Malcesine am Gardasee auf. Dort wohnt sein Freund Ossip Kalenter.

Im Mai 1926 reist er aus Italien ab; er besucht Zoppot und Bohnsack bei Danzig.

1927 hält er sich mehrere Monate in Dalmatien auf, in Ragusa (Dubrovnik). Schnack arbeitet ab September wieder als Feuilletonredakteur und Theaterkritiker bei der Neuen Badischen Landes-Zeitung. (bis 1929)

1929 hält er sich in Südfrankreich (Marseille und Le Lavandou) auf.

1930 wohnt Schnack  mit seiner Frau als freier Schriftsteller in Herrsching am Ammersee.

1931 zieht er nach Prien am Chiemsee um.

1933 wohnt er in Berchtesgaden (bis 1937). Er wird in einer Stellungnahme
von Hitler-Unterstützern geführt. Gelöbnis treuester Gefolgschaft war ein Treuegelöbnis von 88 deutschen Schriftstellern  und Dichtern für Adolf Hitler, das am 26. Oktober 1933 in der Vossischen Zeitung abgedruckt  und von der Preußischen Akademie der Künste in Berlin propagiert wurde. Es wurde gleichzeitig auch in anderen Zeitungen, wie der Frankfurter Zeitung,  veröffentlicht, um eine möglichst weite Verbreitung zu erreichen. Nummer 69 und 70  auf der Liste waren Anton Schnack (1892–1973) und Friedrich Schnack (1888–1977).A. Schnack berichtet  später, er habe keine Gelegenheit gehabt, “dazu Stellung zu nehmen”.

1934 erscheint das Prosabändchen Kalender-Kantate. Er weilt auf der Ostseeinsel Oie, wo Schnacks Roman Zugvögel der Liebe entsteht.

1935 erscheinen die Bände Die fünfzehn Abenteurer. Lebensläufe und Schicksale und die Prosasammlung Kleines Lesebuch. Er erhält den Lyrikerpreis der Zeitschrift Die Dame.

1936 folgen der Gedichtband Die Flaschenpost, der Band Die Verstoßenen- Zwei Erzählungen sowie der Roman Zugvögel der Liebe.

Von 1937 bis 1943 wohnt er  in Frankfurt am Main. Der Roman Der finstere Franz und die Prosasammlung Der gute Nachmittagerscheinen.

1938 erscheint die Prosasammlung Die bunte Hauspostille.

1940 folgt die Prosasammlung Begegnungen am Abend.

1941 erscheint der Prosaband Jugendlegende.

1942 setzt er sich mit dem Schriftsteller Erich Ebermayer (1900 bis 1970) über den Roman Unter anderem Himmel auseinander. Ebermayer hatte zum
Dritten Reich ein etwas schillerndes Verhältnis. Ab 1. September wird er Redakteur bei der Societäts-Druckerei in Frankfurt am Main

1943 Am 1. August stirbt Schnacks Mutter in Burghausen (Oberbayern) Ende des Jahres beendet er seine Tätigkeit bei der Societäts-Druckerei.

1944 Im Februar wird er zum Kriegsdienst als ‚Landesschütze‘ einberufen.

1945 gerät Schnack in amerikanische Kriegsgefangenschaft; nach seiner Entlassung  geht Schnack nach Kahl am Main, wo er mit seiner Frau bis zu seinem Tod im Anwesen der Schwiegereltern, Spessartstraße 8, wohnen wird.

1946 erscheinen die Prosasammlung Die Angel des Robinson sowie die Bände Arabesken um das ABC und Mädchenmedaillons erscheinen.

1947 folgt der Gedichtband Der Annoncenleser.

1948 liegt der Gedichtband Mittagswein vor. Darin

Herbstliche Nacht

Wind, Regen, Nebel. Alles liegt in Trauer.

Wer sinnt die Tiefe dieses Dunkels aus?

Breit ist die Nacht. Verloren steht das Haus.

Du horchst am Fenster, Grübelnder auf Lauer.

Wer sinnt, geht irre. Wer träumt, versteinert.

Musik von Geigen macht die Nacht nicht mild.

Ich habe dich, durchseligt und verfeinert,

Ich habe dich, Geliebte, Traumstück, Bild…

Wind rauscht im Garten. Dunkel bricht das Holz.

Die Uhren rollen plötzlich ihren Schlag.

Das Licht war Gnade, bis es niederschmolz.

Die Nacht ist lange. Weit der bleiche Tag.

Ans Fenster fällt der schwere Regenbruch.

Ein wunderbarer Schlaf kommt plötzlich her.

Der Garten brütet Moder und Geruch.

Dann wird es stille. Keiner atmet mehr 10

1949 Der Prosaband Phantastische Geographie, mit zehn Zeichnungen von Alfred Kubin, erscheint.

1951 Der Band Das Fränkische Jahr erscheint.

1953 Der Band „Jene Dame, welche…“ Gedichte zu kleinen Anzeigen erscheint.

1954 Der Band Buchstabenspiel sowie Die Reise aus Sehnsucht. Zwei Erzählungen erscheinen. Auszug aus Buchstaben Spiel: “Der französische Dichter Rimbaud sagt von A, daß es schwarz sei. A ist nicht schwarz. Der erste Buchstabe kann nicht schwarz sein – er ist weiß und tadellos” 11 Da nicht jeder Mensch bei Buchstaben Assoziationen hat, dürfte es manchem schwer fallen, die Schnackschen zu verstehen.

1956 erscheint Flirt mit dem Alltag (Auszüge des Textes oben)

1957 erscheint das Brevier der Zärtlichkeit (Textauszüge oben) Schnack erhält die Ehrennadel der Stadt Alzenau.

1959 erhät Schnack die Ehrengabe der Hermann-Hesse-Stiftung der Deutschen Kultusministerkonferenz.

1961 erscheint das Werk Schöne Mädchennamen.

1964 wird ihm die Bürgermedaille der Stadt Hammelburg verliehen. Zudem erscheint der Band Weinfahrt durch Franken.

1965 kommt die bibliophile Neuveröffentlichung des Prosastücks Geräusche, Klänge, Laute, die ich liebe, heraus

1968 erhält Schnack den Bayerischen Poetentaler.

1973 stirbt er nach einem Schwächeanfall, der eine längere Aufnahme in die Hanauer Klinik erfordert, am 26. September an den Folgen einer Herzschwäche in Kahl; er wird auf dem dortigen Friedhof begraben.

Im Jahre 1973 wurde er für den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland vorgeschlagen.

2003 Eine Stele für den Heimatdichter Anton Schnack wird eingeweiht

2013 Ein alter Springbrunnen, ein Pavillon – in Nachbarschaft zu einem verwitterten  Pool (dem wahrscheinlich ersten in Kahl) – in diesem Umfeld im Schnackpark wurde am 14.Juni ein Gedenkstein für den Schriftsteller Anton Schnack enthüllt. 12

 

Anton Schnack Gedenkstein

Foto: Bernhard Schmitt

Foto: Bernhard Schmitt

Fußnoten

Kahl hat gegenwärtig etwa 7.400 Einwohner, in den 50er Jahren waren es weniger. 1958 waren es 6.000

2 Die Aussage ist nicht verbürgt, sondern eine Art dichterische Freiheit des Autors C.S.

3 http://de.wikipedia.org/wiki/Blut-Schwei%C3%9F-und-Tr%C3%A4nen-Rede

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_%28Literatur%29

5 Vgl. “Kleine Glückseligkeiten, Bruchstücke aus einer paradiesischen Welt”, Zu Leben und Werken Anton Schnacks. Nachwort von Hartmut Vollmer, in: Anton Schnack, Werke in zwei Bänden, Band 1 – Lyrik, Berlin 2003, S. 458

6 Vgl. ebd.

7 Vgl .Ernst Klee, Kulturlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2009, S. 483 und Main-Post vom 12.10.2011 (Björn Kohlhepp)

8 Wolfgang Rothe, Der Expressionismus: theologische, soziologische und anthropologische Aspekte einer Literatur, Frankfurt am Main 1977, S.89

9 Vgl. Hartmut Vollmer S 474 ff.

10 Die Zeit, 1.12.1949

11 Anton Schnack, Buchstaben Spiel, Stuttgart 1956, S.7

12  Main-Echo 22.5.2013

Literatur

Anton Schnack, Flirt mit dem Alltag (Zeichnungen von Max Schwimmer), Frankfurt am Main 1956

Anton Schnack (Zeichnungen von Trix), Brevier der Zärtlichkeit,
Frankfurt am Main 1957

Anton Schnack, Die Angel des Robinson, München 1946 (Desch Verlag)

Anton Schnack, Begegnungen am Abend, Stuttgart 1940

Anton Schnack, Der Bootsmaat Nikifor Begitschew, in: 24 neue deutsche
Erzähler – Frühwerke der neuen Sachlichkeit, München 1973

Anton Schnack, Tier rang gewaltig mit Tier, Berlin 1920 (Rowohlt Verlag)

http://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Schnack

Anton Schnack, Werke in zwei Bänden, Elfenbein Verlag, Berlin 2003

Anton Schnack, Buchstaben Spiel, Stuttgart 1956 (Reclam Verlag)

Süddeutsche Zeitung, 27.04.2004, Rezension von Rolf-Bernhard Essig

http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_%28Literatur%29

http://de.wikipedia.org/wiki/Gel%C3%B6bnis_treuester_Gefolgschaft

Main-Echo 22.5.2013 Gedenkveranstaltung:  Die Kahler Artur Glöckler
GmbH erinnert am 14. Juni an Schriftsteller Anton Schnack

Main-Echo 18.06.2013  Eine Ehrensache -Gedenkveranstaltung: Die Kahler erinnern sich an »ihren« Schriftsteller Anton Schnack

Main-Post 12.10.2011 Björn Kohlhepp
Walter Bloem und die Brüder Schnack: Rienecks Dichter und die NazisBraune Vergangenheit: Welche Rolle spielten Walter Bloem und die Brüder Schnack in der Nazizeit?

Wolfgang Rothe, Der Expressionismus: theologische, soziologische und anthropologische Aspekte einer Literatur, Frankfurt am Main 1977

http://www.zeit.de/1949/48/herbstliche-nacht

FAZ (Rhein-Main-Zeitung) vom 12.09.2003 – Stele für Heimatdichter Anton Schnack

Ernst Klee, Kulturlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2009

Gedichte des Expressionismus ,Hrsg. Dietrich Bode, Stuttgart 2001

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Sophie Benning, Das Leben ist ein Kitschroman, Bindach 2011

Charlotte ist verliebt in den Tierarzt Carsten, der sie aber mit einer anderen betrügt. “Das ist alles ein missverständnis, Charli”*, stotterte Carsten. “I-ich kann dir das alles erklären und ….”
“Was kannst du erklären?” Seine Freundin stemmte beide Hände in die Seite und sah ihn wütend an.
“Das ist ganz einfach: Wenn Sie nicht da sind, hat dieser nette Tierarzt eine andere Freundin.” Mechthild legte mir eine Hand auf den Rücken.”Dann macht er sich an unserer Scharlodde ran.
Bis Sie wieder hier auftauchen. Dann serviert er sie mit dämlichen Ausreden ab, aber wie wir gerade sehen, kann das ganz schön ins Auge gehen.” “Viellaicht sollte er sainen Namen ändern…” Olga deutete mit dem Zeigefinger auf Carsten. “Denn är ihst kain toller Hächt, sondern
sondern aine miese Rahte. “Carsten?!” Die Stimme der Blondine wurde schrill. “Stimmt das?
Hast du was mit dieser Frau?” “Na ja…” Carsten wand sich.”Haben ist víelleicht etwas übertrieben.
Wir sind mal zum Essen gegangen und…” Vorlauf der Heldin Charlotte: Kein Sex. Und das schon seit unvorstellbaren zehn Monaten. So lange hat sich Charlotte auf  ihr Examen vorbereitet.
Und jetzt steht sie vor einer langweiligen Karriere in der Kanzlei von Dr. Krause.Hierauf hat sie wenig Lust. Der Umzug in die von den Eltern vorgesehene Eigentumswohnung steht zudem bevor.

Carsten entpuppt sich vorher schon als betont unseriöser Liebhaber bei unvorhergesehenen Situationen. Bei einem Lokalbesuch mit seiner Charlotte kommen plötzlich zwei hübsche Frauen durch die Tür. Er entblödet sich nicht, unter dem Tisch zu verschwinden.

“Ein Krampf”, stöhnte er und versuchte das Bein zu strecken. “Oh verdammt, tut das weh!”
“Vielleicht solltest du lieber versuchen aufzustehen, Bei mir hilft das immer. ” Carsten schüttelte den Kopf.”Lass mal. Ist sicher gleich vorüber.” Also tauchte ich wieder auf. Gerade rechtzeitig, um dem verduzten Kellner zu versichern, dass das Essen wunderbar gewesen sei und mein Begleiter noch lebe… Soweit Sophie Benning.

Und die Moral von der Geschichte: Männer, die beim Auftreten von Frauen in Restaurants unter dem Tisch verschwinden, um einen Krampf zu therapieren, handeln unglaubwürdig. Sie haben etwas zu verbergen. Einen Krampf behebt man, indem man mit dem besagten Bein auftritt und sich erhebt. Dann löst sich der Krampf schnell wieder.

Frau Benning weist den Weg, wie man heuchelnde Männer entlarven kann. Das Buch ist insofern wegweisend für Frauen und Männer. Charlotte will alles aufschreiben und an eine Frauenzeitschrift
versenden. Besser als eine Stellung bei Dr. Krause.

* Abkürzung für Charlotte

 

Marie Louise Allison – Also bin ich froh

Die Ich-Erzählerin Jennifer M. Wilson – das “M” steht für Mercy und bedeutet möglicherweise Gnade – arbeitet als Sprecherinbeim Rundfunk und in der Werbung. Sie erinnert sich, dass ihre Eltern – ihre Mutter war die zweite Frau ihres Vaters – ständig vor ihren Augen übereinander herfielen in sexueller Absicht. Macht man das? Warum konnten sie sich nicht beherrschen? Das hatte  ihr Angst eingejagt, solange sie noch klein war. Sie begriff nicht, was die beiden da machten. Während Jennifer noch zur Schule ging, kamen ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall um. 1993 taucht in Glasgow der französische Dichter Cyrano de Bergerac auf , der im 17. Jahrhundert (1655) schon gestorben ist. Die Frage bei einen Toten, genannt hier Savinien, der wieder lebend auftaucht, ist, ob der abstruse Grad einer Handlung nicht zu groß ist, um sich darauf einzulassen. Vorher war die Beziehung mit Steven gescheitert. Kann man so ein Buch ernst nehmen? Muss man es zur Seite legen? Der Leser ist unschlüssig. Kann man vom Abstrusen leben? Der Tod des Protagonisten: „Ich sah, wie er sich auf den Hacken wiegte, taumelte und dann sacht nach vorn fiel. Wie Wasser, das sich teilt, nahmen die Steine ihn auf, und nichts war mehr. … Seine Kleider, noch warm, erfüllt von seinem lebendigen Geruch.“ Zum Schluss noch etwas Tröstliches: „Jetzt kann ich Arthur aus meinem Schlafzimmerfenster sehen. Er hüpft neben seinem Fahrrad , dann in den Sattel und ist weg. Jetzt ist also niemand mehr hier. Ich werde es vermissen und ich werde Savinien vermissen, und ich werde froh sein.“ Das ist wirklich erhellend.

 

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Veröffentlicht 24. März 2014 von schauerchristian in Betrachtungen zur Literatur