Archiv für September 2013

Nazis in Argentinien, Die Zeit der Schuldlosen, Opfer der Pflicht

Nazis in Argentinien, Die Zeit der Schuldlosen, Opfer der Pflicht

Peter Z. Malkin, Ich jagte Eichmann. Der Bericht des israelischen Geheimagenten, der den Organisator der „Endlösung“ gefangennahm, Müchen 1990 (Piper Verlag)

Peter Malkin (1927 bis 2005) nimmt als israelischer Agent Eichmann im Mai 1960 in Buenos Aires gefangen. Immer wieder sucht er das Gespräch mit ihm.

„Nachdem wir erst einmal angefangen hatten, dauerte es nicht lange, bis wir zum Kern kamen.

‚Wie ist es dazu gekommen?‘ fragte ich.’Wie kam es, daß Sie das getan haben?‘

Eichmann schien nicht im mindesten überrascht zu sein. ‚Es war ein Auftrag‘, sagte er gleichmütig.’Ich mußte den Auftrag erfüllen.‘

‚Nur ein Auftrag?‘

Er zögerte, vielleicht irritierte ihn meine Reaktion. ‚Sie müssen mir glauben, es war nichts, was ich geplant hatte oder mir ausgesucht hätte.‘

‚Aber warum Sie? Sagen Sie mir genau, wie es dazu gekommen ist.‘

So erzählte er mir die Geschichte seines frühen Aufstiegs in der SS, schilderte, wie er am Anfang todlangweilige Aufgaben bekam und deshalb begeistert die Gelegenheit ergriff, für das neue ‚Jüdische Museum‘ zu arbeiten, das im Hauptquartier aufgebaut wurde.

Ich merkte bald, daß Eichmann gern redete, vor allem über sich, und daß er einen scharfen Verstand hatte. Obwohl sein Ton respektvoll, manchmal geradezu servil war, ein gehorsames Kind, das einen guten Eindruck machen will, war er auch gerissen. Er wußte genau, wie er sich mit gegenüber verhalten mußte. Ich war vermutlich der erste Mensch, vor dem er sich rechtfertigen wollte- ganz bestimmt der erste Jude-, und doch ging er dabei mit kalter Gelassenheit vor. Er war scheinbar aufrichtig, frisierte aber manches zu seinem Vorteil und wies jede Verantwortung von sich, auch wenn er die Fakten in allen Einzelheiten bestätigte.

Die Dinge, meinte er, seien außer Kontrolle geraten. Aber das sei am Anfang nicht beabsichtigt gewesen, weder von seinen unmittelbaren Vorgesetzten noch von ihm. Er habe vom Büro aus gearbeitet und sich immer für Mäßigung ausgesprochen. Aber er sei Soldat gewesen- darauf war er ungeheuer stolz-, und ein Soldat sei nie auf sich allein gestellt. Wenn diejenigen an der Spitze Entscheidungen trafen und Befehle gaben, mußte gehorcht werden. Das war Pflicht. Nur das erkannte er als seine Verantwortung an.

Während ich ihm zuhörte, spürte ich, daß es nicht so leicht war, wie ich dachte, stichhaltige Antworten zu geben. Ich hatte geglaubt, er werde defensiv sein, er werde zumindest Reue vortäuschen. Statt dessen redete er, als ob er in jenen Jahren Buchhalter in einem Lebensmittelgeschäft gewesen wäre. …

‚Sie müssen mir glauben‘, fügte er plötzlich hinzu.’Ich hatte nichts gegen Juden.‘

‚Warum sind Sie dann überhaupt zur SS gegangen? Deren Ideologie war schließlich kein Geheimnis.‘

‚Aber ich stand damit nicht allein. Alle wußten, daß sich in Deutschland etwas ändern mußte; es war nur die Frage, in welcher Form. Die Zeiten waren schrecklich. Ich hatte Arbeit, habe in Oberösterreich Benzin verkauft, und für mich war die Lage nicht so schlimm. Es war eine der schönsten Gegenden der Erde. Die herrlichen Bergwälder hoben jeden Tag meine Stimmung. Aber der Mensch lebt nicht für sich allein. Hitler war der einzige, der das Volk gegen die Kommunisten vereinigen konnte. Er brachte die Hoffnung auf Arbeit und Brot. Ich gebe es offen zu; ich war so mitgerissen wie alle anderen.’” (S. 243 ff.)

Adolf Eichmann

Adolf Eichmann

Eugène Ionesco, Opfer der Pflicht, Frankfurt am Main 1961 (Fischer Verlag)

Gegen Ende dieses Einakters bohrt ein Dichter namens Nikolaus Zwei einem Polizisten das Messer in die Brust, und eine dabeistehende Frau ruft „Hör doch auf“.

Choubert: Ich bin ein Opfer der Pflicht

Nikolaus : Ich auch

Madeleine : Wir alle sind Opfer der Pflicht! Zu Choubert: Kauen

(S. 74)

Die Entzauberung des Herrenmenschen – Fortsetzung Malkin „Ich jagte Eichmann“

„Ich führte ihn in die etwa sechs Meter entfernte Toilette,zog die Schlafanzughose herunter und half ihm, sich zu setzen. Ich ließ die Tür angelehnt und ging ein paar Schritte weg.

Eine Minute verstrich. Dann noch eine.

‚Darf ich anfangen?‘ rief Eichmann.

Ich fing Uzis Blick auf und mußte mich körperlich anstrengen, damit ich nicht herausplatzte.

‚Jawohl!‘ kommandierte ich. ‚Sie können anfangen.‘

Das Verdauungssystem des Mannes mußte in einer fürchterlichen Verfassung gewesen sein.Es folgten Geräusche, die der Phantasie Hohn sprachen. Und nach jedem Furz und jedem langwierigen Gurgeln, nach jedem Ächzer und jedem qualvollen Schnauben entschuldigte er sich. Die Entschuldigungen wurden immer lauter, genau wie die Geräusche, bis es klang, als wende er sich an ein ganzes Bataillon.

‚Entschuldigen Sie.‘

Als wir hörten, wie es eskalierte -Furz, ‚entschuldigen Sie‘; Furz, ‚Entschuldigen Sie‘; Furz, ‚Entschuldigen Sie‘-, konnte Uzi sich nicht mehr zurückhalten. Mein Freund hielt sich den Bauch und stolperte rückwärts ins Wohnzimmer, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Ich versuchte, diskret zu sein, wenn ich schon nicht höflich sein konnte, und biß mir im vergeblichen Versuch, einen Lachanfall zu unterdrücken, auf die Unterlippe.

Aber falls Eichmann etwas davon merkte, falls er überhaupt verstand, daß irgend jemand die Szene komisch finden konnte, ließ er es sich nicht anmerken. Es dauerte weitere zehn Minuten, bis er endlich erklärte, er sei fertig, und um Erlaubnis bat, sich abwischen zu dürfen.“ (S. 239 f.)

Raul Hilberg, Sonderzüge nach Auschwitz, Berlin 1987

Wer sich auch nach Argentinien absetzte, war der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Albert Ganzenmüller, seit 1942 für den Schienenverkehr zuständig. Er gehörte seit 1931 der NSDAP an, war SA-Brigadeführer und Träger des Goldenen Parteiabzeichens. Ganzenmüller floh aus der Internierung nach Argentinien und wurde beratender Ingenieur der argentinischen Staatsbahn. Im Frühsommer 1952 kehrte er in die Bundesrepublik zurück, seit Juli 1952 war er in Diensten der Hoesch AG.

Obwohl er Staatssekretär war, wusste er angeblich nichts davon, dass die Menschen in den Viehwaggons in den Tod fuhren. Ganzenmüller war bereits 1964 im Treblinka-Prozess in Düsseldorf schwer belastet worden.Im April 1973 musste sich Ganzenmüller wegen Beihilfe zum Mord an mehr als einer Million Juden vor dem Schwurgericht in Düsseldorf verantworten. Auf Veranlassung von Reichsführer der SS. Heinrich Himmler, soll er Eisenbahnzüge bereitgestellt haben, mit denen von Juli 1942 bis Herbst 1944 mehr als eine halbe Million Juden in die Vernichtungslager Treblinka, Belcec, Sobibor, Auschwitz und Lublin transportiert wurden.

Über die Vernehmung von Ganzenmüller berichtete die Stuttgarter Zeitung ausführlich am 26. April 1973.

Vorsitzender Richter Legde:“Herr Dr. Ganzenmüller, was war Ihnen als Staatssekretär über die Pläne und Absichten der Reichsregierung bekannt, die Angehörigen der jüdischen Rasse in Europa zu vernichten?“

Ganzenmüller: „Ich hatte nie davon gehört, daß man die Juden vernichten will. Erst nach dem Kriege erfuhr ich es.“

Richter: „Hatten Sie denn nicht die Führer-Rede im Reichstag 1939 gehört?“

Ganzenmüller: „Nein.“

Richter: „Haben Sie den Stürmer gelesen?“

Ganzenmüller: „Nein, ich war viel zu sehr mit Arbeit überhäuft.“

Richter:“Und die Goebbels-Rede 1943 im Berliner Sportpalast, wo Goebbels offiziell von der ‚Ausrottung der Juden‘ sprach?“

Ganzenmüller:“Auch da war ich nicht dabei.“

Richter: „Wann hatten Sie erstmals den Ruf ‚Deutschland erwache – Juda verrecke‘ gehört?“

Ganzenmüller: „Nie.“

Keiner von ihnen ist an der Hitler-Katastrophe unmittelbar ’schuldig’“ meinte Hermann Broch in seinem Roman „Die Schuldlosen“. Die Gestalten seien unpolitisch – sie wissen von nichts. „Trotzdem ist gerade das der Geistes- und Seelenzustand, aus dem – und so geschah es ja – das Nazitum seine eigentlichen Kräfte gewonnen hat. Politische Gleichgültigkeit nämlich ist ethischer Perversion recht nah verwandt.“

Richter: „Im Herbst 1941 waren Sie längere Zeit in der Ukraine, in Poltawa. Dort wurden am 23. November 1538 Juden erschossen. Anschließend hingen entsprechende Plakate in den Straßen Poltawas aus. Was hörten und sahen Sie davon?“

Ganzenmüller: „Nichts … ich war in jedem Fall so weit weg, daß ich nichts gehört und nichts gesehen hatte. Die Front war damals ja 30 bis 40 Kilometer entfernt. Den Kanonendonner konnte man nicht hören.“

Richter: „Sind Ihnen dort die gelben Sterne aufgefallen, die Kennzeichen der Juden also?“

Ganzenmüller: „Nein, gelbe Sterne habe ich nie gesehen.“

Richter: „Am 16. Juli 1942 wurden Sie von SS-Obergruppenführer Wolff aus dem persönlichen Stab Himmlers angerufen und gebeten, Züge für den Abtransport der Juden in die Vernichtungslager bereitzustellen. Wie reagierten Sie?“

Ganzenmüller: „Wenn da ein General der Waffen-SS anrief, so werde ich mutmaßlich gedacht haben, muß es sich wohl um militärische Dinge handeln. Ich werde das Telefonat also an die Abteilung ‚Landesverteidigung‘ weitergegeben haben. Eine exakte Erinnerung habe ich allerdings nicht mehr… Im übrigen war ein Zug täglich von so geringer Bedeutung, daß ich nicht hätte eingeschaltet werden brauchen. SS-Obergruppenführer Wolff hatte sich da offensichtlich vertan. Mit so minimalen Dingen war ich nicht beschäftigt …“

Richter: „Ihr Geheimschreiben vom 28.Juli 1942 … an Himmlers Stab, demzufolge ab 22.Juli täglich ein Zug mit 5000 Juden nach Treblinka rollte und zweimal wöchentlich ein weiterer Zug in das Vernichtungslager Belzec, trägt aber Ihre Unterschrift. Ist sie echt?“

Ganzenmüller:“Ja. Das ist meine Unterschrift … aber ich hatte dem Vorgang keine Beachtung geschenkt … ich war so überlastet mit Arbeit, daß die Grenzen meiner Aufnahmefähigkeit damals überschritten waren…“

Richter:“5000 Juden täglich bedeutete 35000 Juden pro Woche, im Monat rund 150000 also! Machten Sie sich keine Gedanken darüber, was die dort wohl sollten?“

Ganzenmüller: „Ich sagte schon, den Inhalt dieses Schreibens hatte ich innerlich und geistig nicht aufgenommen…“

Richter: „Sie wollen behaupten, daß Sie einen Geheimbrief an den Stab des Reichsführers SS, Himmler, an den zweithöchsten Mann also im Dritten Reich, zwar unterschrieben, aber inhaltlich nicht zur Kenntnis genommen haben?“

Ganzenmüller: „Ja, so ist es. Der Brief ist sicherlich von einer Unterabteilung, der Gruppe L, aufgesetzt und dann von mir lediglich noch routinemäßig unterschrieben worden.“

Richter: „Es war aber einer Ihrer Privatbogen. Wie konnte die Gruppe L wohl an Ihr Privatbriefpapier kommen?“

Ganzenmüller: „Sie werden es vielleicht aus meinem Sekretariat geholt haben…“

Richter:“Und wie konnte das Schreiben, wenn es tatsächlich wie Sie jetzt behaupten, von der Gruppe L aufgesetzt worden war, wie konnte es ohne Tagebuch-Nummer durch die Registratur gehen?“

Ganzenmüller: „Also, um derartige Einzelheiten habe ich mich nicht gekümmert … und es war außerdem ja wirklich nicht leicht, all diese Zusammenhänge zu durchschauen… ich meine, für mich als einfacher Staatsbürger …“

Ganzenmüller fiktiv: „Mein Name ist Hase – ich weiß von nichts. Dass es überhaupt Juden in Deutschland gab, war mir nicht bekannt. In Palästina habe ich sie eher verortet. War nicht Jesus von Nazareth einer von ihnen? Wurden sie nicht irgendwann aus Spanien vertrieben? Im Geschichtsunterricht habe ich öfters gefehlt – ich fuhr lieber mit der Eisenbahn!“

Aus: Das Kabinett des Dr.Caligari von Robert Wiene, Stummfilm von 1919

Eine Rahmenhandlung gibt die Erzählung eines Irren wieder, der durch den unter seltsamen Umständen zustande gekommenen Tod seines Freundes wahnsinnig geworden ist und nun Wahrheit und Phantasie – Ganzenmüller vorwegnehmend – nicht mehr unterscheiden kann. In dem Direktor des Irrenhauses (Adolf Hitler) meint er, Dr. Caligari, den Jahrmarktschausteller, zu erkennen, der den Somnambulen Dr. Ganzenmüller alias Cesare zwingt, hypnotisiert Morde zu begehen. Der Direktor versucht nicht, ihm zu helfen, obwohl er selbst wahnsinnig ist und den Grund des Wahnsinns von Ganzenmüller – hypnotisierte Gefolgschaft – erkannt hat.

Wer trieb sein Unwesen noch in Argentinien? Einer darf nicht fehlen, der noch im Januar 1945 das Ritterkreuz mit Eichenlaub von seinem Führer verliehen bekam.1 Es war Hans Ulrich Rudel (1916 bis 1982). Nach Kriegsende betätigte er sich als Fluchthelfer für seine NS-Freunde und Waffenhändler. Er unterstützte die rechtsextreme Deutsche Reichspartei (DRP), deren Spitzenkandidat er 1953 im Bundestagswahlkampf war. Vorher im Jahre 1948 emigrierte er über eine der Rattenlinien nach Argentinien: Er gelangte über die Schweiz nach Rom und beschaffte sich dort einen gefälschten Pass des Roten Kreuzes mit dem Decknamen „Emilio Meier“. Im Juni 1948 landete mit einem Flug aus Rom in Buenos Aires. In seinem gewünschten Exil gründete Rudel in Buenos Aires das „Kameradenwerk“, eine Hilfseinrichtung für NS-Kriegsverbrecher. Hier versammelten sich neben dem SS-Mann Ludwig Lienhardt weitere NS-Kriegsverbrecher wie Kurt Christmann (Gestapochef unter anderem in Koblenz) und der Österreicher Fridolin Guth. Rudel wirkte auch in Chile. Dort seien die Deutschen „dem alten Deutschtum treu geblieben“ und würden „die neue Richtung nicht mitmachen.“ 2

Nach der Absetzung Perons 1955 wurde Rudel als eine Schlüsselfigur der Wiedererstehung des Nationalsozialismus eingestuft, das Operationszentrum der „Braunen Internationale“ war Argentinien. Ende 1952 wird bekannt, dass Rudel mit Nazigrößen der Bundesrepublik Überfälle auf die Gefängnisse Landsberg, Werl und Wittich geplant habe, um die dort einsitzenden Kriegsverbrecher zu befreien.

1 Michael Frank, Die letzte Bastion – Nazis in Argentinien, Hamburg 1962, S. 138

2 Ebd., S.141

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Veröffentlicht 24. September 2013 von schauerchristian in Nazis in Argentinien