Archiv für August 2012

Alois Brunner

Georg Hafner, Esther Schapira, Die Akte Alois Brunner. Warum einer der größten Naziverbrecher noch immer auf freiem Fuß ist. Reinbeck bei Hamburg 2002, Burchard Brentjes, Geheimoperation Nahost, Berlin 2001

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Alois Brunner wurde 1912 in Rohrbrunn (Burgenland) geboren. 1938 wurde er Stellvertreter Adolf Eichmanns.In dieser Eigenschaft organisierte er die Deportationen in Paris, in Saloniki, Nizza oder Berlin. Im November 1938 wurde Brunner der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien zugeteilt. Mit dem Antritt dieser neuen Stelle fand die Unstetigkeit in Brunners Leben ein Ende. Zuerst als Mitarbeiter Eichmanns, dann ab 1941 als Leiter der Zentralstelle, organisierte Brunner fortan die Deportation der Wiener Juden in Ghettos und Vernichtungslager im Osten. Am 9. Oktober 1942 meldete er, dass Wien nunmehr „judenfrei“ sei, was bedeutete, dass 180.000 Wiener zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen oder aber bereits in den sicheren Tod geschickt worden waren. Ein erschütterndes Beispiel liegt im Kabarettisten Fritz Grünbaum, der verhaftet wurde und ins KZ Dachau eingeliefert wurde. Am 14. Januar 1941 stirbt Fritz Grünbaum im Alter von 61 Jahren.

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1945 stand er als Nummer 13 auf der Liste der angeklagten Kriegsverbrecher. Im Nürnberger Prozeß sollte er sich verantworten. 120.000 Menschenleben gingen auf sein Konto. Bis 1954 lebte er unbehelligt in Essen. Als „Alois Schmaldienst“ war er dort sogar polizeilich gemeldet. Laut dem Autoren Christopher Simpson war Alois Brunner jahrelang Angestellter des BND1. Bei der Bereitstellung von Fachleuten für den ägyptischen Geheimdienst wurde Hjalmar Schachts Schwiegersohn, Otto Skorzeny, von der Organisation Gehlen angeheuert. 1953 und 1954 mobilisierte er etwa hundert alte Kameraden, darunter auch Alois Brunner. „In Kairo trat Brunner bei Empfängen deutscher Konzernvertreter unter seinem Klarnamen auf.“ Zu denFachleuten in Kairo gehörte auch Franz Buensch, der in Eichmanns Abteilung tätig war. Als Resident der Organisation Gehlen in Kairo teilte er sein Büro mit Brunner. Anfang des Jahres 1954 hält sich Alois Brunner in Ägypten auf. Von Kairo wird er nach Damaskus in Syrien weiter geschleust. Der ehemalige Großmufti von Jerusalem Husseini, der für seine Sympathien für den Nationalsozialismus bekannt ist, hilft ihm dabei. Der Kriegsverbrecher wohnt mit dem ehemaligen Lagerkommandanten von Treblinka und Sobibor, Franz Stangl, in einer Wohnung in Damaskus. Stangl wurde 1970 wegen gemeinschaftlichen Mordes an mindestens 400.000 Juden zu lebenslanger Haft verurteilt. Brunner nennt sich in Syrien Georg Fischer. Er steigt zum Berater der syrischen Regierung auf und betreibt in Syrien einen lukrativen Handel mit Sauerkraut und Schwarzbrot. Brunner macht von Syrien aus Geschäfte mit Adolf Eichmann, der in Argentinien lebt. In Damaskus wohnte Brunner in der Nähe des „Kathar Office“ – einer Im- und Exportfirma- die in der Rue Georges Haddad 22 sich befand. Brunner hieß dort „Mister Fischer“. Mitbetreiber war Adolf Eichmann – in Syrien strandeten aber auch viele andere alte Nazis. Hier war das „Kathar office“ die einschlägige Anlaufstelle. Zum Startkapitel des „Kathar Office“ gehörten Restgelder aus dem Reichssicherheitshauptamtes IV B 4 und Teile des „geheimen Reichsvermögens“3

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Kontaktperson in Damaskus für Interessenten war Franz Rademacher, der auch ein enger Mitarbeiter gewesen war. Er war Judenreferent im Außenministerium. Der Titel seines Buches lautete „Wünsche und Ideen des Auswärtigen Amtes zu der vorgesehenen Gesamtlösung der Judenfrage in Europa“. Seit 1952 lebte er mit einem Decknamen in Damaskus. Brunner bewegte sich in Damaskus ohne Angst vor Entdeckung . Er gründete die Firma „Orient Trading Company“ (Otraco), die überwiegend mit Waffenhandel befasst war. In der Geschäftsleitung sitzen Otto Ernst Remer und Ernst Wilhelm Springer.  Remer war im Dritten Reich Kommandeur des Wach-bataiilons „Großdeutschland“. Den Putschversuch gegen Hitler schlug er an maßgeblicher Stelle nieder. Nach dem Krieg machte er eine Karriere in der „Sozialistischen Reichspartei“, die er im Oktober 1949 mit anderen Nazis gründete. Gefordert wurden „Treue zum Reich“ und „Schutz der Ehre des deutschen Soldaten“.4 Nach dem Parteiverbot 1952 wurde die „Sozialistische Reichspartei“ aufgelöst. Remer, ihr populärer Führer, floh mit Springer zunächst in die Schweiz, dann nach Kairo und schließlich zu seinem Freund Alois Brunner nach Damaskus. Offiziell behauptete er, dass Brunner hingerichtet worden sei. Brunner lebt und wurde zusätzlich Geschäftsführer der „Thameco“, einem pharmazeutischen Unternehmen. Auch Wilhelm Beisner verkehrte im syrischen Innenministerium – er war für das Reichssicherheitshauptamt in Serbien und im Nahen Osten. 1985 wurde Brunner Vertreter für die Dortmunder Aktienbrauerei DAB.5

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Am 10. Oktober 1985 gab Brunner der Zeitschrift „Bunte“ ein Interview. Der Journalist, der ihn interviewte, berichtete einige Jahre später, dass Brunner immer noch stolz darauf sei, geholfen zu haben‚ dieses „Dreckszeug“ (die Juden) wegzuschaffen. Damit meinte er die vielen Juden, die er hatte deportieren lassen. Er sei mit seinem Leben zufrieden und würde, bestünde die Möglichkeit, alles noch einmal so machen. Nur eines ärgere ihn: dass noch immer Juden in Europa lebten.6  Also eindeutig keine Reue. 1960 kam eine gewisse Turbulenz in das Leben des Alois Brunner. Bisher freute sich die deutsche Gemeinde in Damaskus über das  deutsche Bier und das aus Europa importierte Sauerkraut. Auch schwarzes Brot buk  er angeblich selbst. In diesem Jahr fiel auf Brunner der Verdacht, Gelder aus dem  Drogenhandel zu waschen. Der syrische Geheimdienst inhaftiert ihn. Als er sich als  Judenverfolger in der NS-Zeit outet, drückt ihm der Geheimdienstoffizier Lahan die Hand  und sagt: „Herzlich willkommen in Syrien, die Feinde unserer Feinde sind unsere  Freunde.“7  Manche syrischen Geheimdienstler sprachen damals sogar österreichisch  gefärbtes Deutsch.

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Nach der Gefangenname Eichmanns durch die Israelis kommt Brunner sogar gegenüber Lahan auf die Idee, Eichmann aus Israel zu kidnappen. Andererseits  versuchen auch die Israelis, Brunner in Damaskus aufzuspüren. Der Mossad hatte dazu Elle Cohn ausersehen. Dessen Funkfrequenz wird vom syrischen Geheimdienst geknackt, er wird im Mai 1965 in Damaskus öffentlich hingerichtet.8 Wie weit waren die Pläne der Entführung Eichmanns konkret? Dem syrischen Geheimdienst waren sie zu riskant. Auch Brunners Alternative, die Entführung Goldmanns, wurde nicht realisiert.

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Nach Christopher Simpson, Professor an der „American University“ in Washington, wurde Brunner 1947 von der „Organisation Gehlen“ angeheuert: „Für das Jahr 1946 bin ich mir nicht ganz sicher, aber spätestens 1947 hatte er einen neuen Job. Er wurde der Geheimdienst-Experte für Gehlen für die Region des Nahen Ostens. Es gibt nicht den geringsten Zweifel, dass die Amerikaner Gehlen dafür bezahlt haben, den ägyptischen Geheimdienst aufzubauen, und dass im Zuge dieser Operation die ‘Organisation Gehlen’ Brunner angeheuert und beschützt und ihm entsprechende Arbeit gegeben hat.“9 Brunner floh über das „Gasthaus Woess“ in Lembach, wie amerikanische Quellen dokumentieren. Die Akten von Alois Brunner waren dem BND offensichtlich peinlich.

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Die Brunner-Akten wurden zwischen 1994 und 1997 vernichtet. Offenbar auf Anweisung des Kanzleramtes. Damals leitete Friedrich Bohl (CDU) das Kanzleramt.10  Für die Ergreifung Brunners wurde 2007 eine Belohnung von 250.000 Euro ausgesetzt, dass er noch lebt ist unwahrscheinlich.11 So stellt sich die Frage, ob jemals eine Bestätigung des Todes Brunners auftaucht.

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Was geht in einem Menschen vor, der noch im Juli 1944 Paris durchstreift auf der Suche nach versteckten jüdischen Kindern und dort 250 Mädchen und Jungen für den letzten Zug in den Osten findet?12  Hat sich der Haß völlig verselbständigt?

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1993 lebte Brunner in einem Gästehaus Hafis El Assads, des damaligen syrischen Präsidenten in den Bergen bei Damaskus.13 Offensichtlich verspürte der damalige syrische Machthaber eine ideologische Nähe zu Brunner. In Syrien fiel der Nationalsozialismus auf fruchtbaren Boden. 1932 wurde die säkulare und totalitäre Syrische Soziale Nationalistische Partei gegründet. Sie lehnte sich an die NSDAP an (Hakenkreuzfahne, Gruß mit erhobener Hand). Der Ideologe der Baath-Partei Aflaq sah Hitler-Deutschland als eines seiner Vorbilder. Die Baath-Partei herrscht heute noch in Syrien.

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Bild: Alois Brunner, Foto: Polizei

Alois Brunner soll nach Recherchen des französischen Magazins „XXI“ 2001 unter jämmerlichen Bedingungen in Damaskus gestorben sein – dies wurde Anfang 2017 bekannt. Wie das Magazin berichtet, habe er die letzten Jahre seines Lebens in einer Kellerzelle des Geheimdienstes in der syrischen Hauptstadt verbracht.

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Fußnoten

1 Burchard Brentjes, Geheimoperation Nahost, Berlin 2001, S. 255

2 Ebd., S. 256

3 Georg M. Hafner, Esther Schapira, Die Akte Alois Brunner. Warum einer der größten Naziverbrecher noch immer auf freiem Fuß ist, Reinbeck bei Hamburg 2002, S. 272

4 Ebd., S. 274

5 Ebd., S. 275

6 Wikipedia Alois Brunner

7 Hafner, Schapira, a.a.O., S, 277

8 Ebd., S. 279

9 Ebd., S. 284

10 Vgl. Neues Deutschland 23.7.2011

11 Vgl. taz vom 14.1.2010

12 Vgl. Welt vom 20.8.2011

13 Vgl. Wikipedia Alois Brunner

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Veröffentlicht 12. August 2012 von schauerchristian in Die Last der NS-Vergangenheit - Syrien