Archiv für April 2012

Griechenland Reparationen und Schulden

Leserbrief zu: „Ein gespaltenes Land – Griechenland – Vor dem Referendum läuft der Meinungskampf auf Hochtouren“, in: Der Heimatbote vom 2.7.2015, erschienen am 4.7.2015

Soziale Krise in Griechenland

Die sozialen Folgen der Rezession in Griechenland sind verheerend. Das Arbeitslosengeld von 322 Euro im Monat wird maximal ein Jahr lang gezahlt. Danach ist Schluss. Eine Sozialhilfe oder Grundsicherung gibt es nicht. Wer kein Arbeitslosengeld mehr bekommt, verliert automatisch auch seine Krankenversicherung. Wovon soll man eigentlich leben, wenn man keine Ersparnisse hat? Eine fehlende Krankenversicherung betrifft aktuell sechs von zehn Arbeitslosen, also rund 780.000 Menschen.

In Griechenland ist es nur ein kleiner Schritt von der Arbeitslosigkeit ins Elend. Ein Uno-Armutsexperte schätzt, dass bereits 38 Prozent der Griechen unter der Armutsschwelle leben. Vor allem die soziale Lage vieler Kinder ist dramatisch: „322.000 griechische Kinder haben nicht mal das, was ein Kind als Minimum grundsätzlich braucht“, meint ein Vertreter der griechischen Niederlassung des Weltkinderhilfswerks.

Als die Sparmaßnahmen im Juni 2011 beschlossen wurden, gab es einen starken Anstieg der Selbstmorde von über 35 Prozent im Land. Im Juli 2012 erreichte die Zahl mit durchschnittlich 64 Suiziden pro Monat einen traurigen Höhepunkt.

Empfehlenswert ist ein Blick auf das Londoner Schuldenabkommen von 1953, in dem auch Griechenland auf die Eintreibung deutscher Schulden aus der Kriegszeit verzichtete. Deutschland wurde damals keinem Spardiktat unterworfen, es wurden wachstumsfördernde Maßnahmen beschlossen. Der Weg weist in die richtige Richtung.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755 Alzenau

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Leserbrief zu: “Berlin lehnt Reparationen an Athen ab”, in: ME vom 8.4.2015

Nach dem Abzug der Wehrmacht im Oktober 1944 waren von der Darlehenssumme von 568 Millionen Reichsmark nur noch 476 Millionen zu begleichen. Es handelte sich um einen Kriegskredit, den das Nazi-Regime der griechischen Zentralbank 1942 abgezwungen hat.Für Athen – aber auch nach Einschätzungen mancher Linker – wären das heute mit Zinsen rund elf Milliarden Euro, andere Schätzungen gehen eher von fünf Milliarden aus.

Klar ist, dass die Bundesrepublik 1960 insgesamt 115 Millionen D-Mark an Griechenland gezahlt hat, als Entschädigung für NS-Verfolgte relativ wenig.

Alle weiteren Ansprüche wurden im Londoner Schuldenabkommen von 1953 „bis zur endgültigen Regelung der Reparationsfrage“ in einem Friedensabkommen „zurückgestellt“. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 sah keine weiteren Reparationen mehr an Griechenland vor- leider waren die Griechen in diesen Vertrag nicht involviert.

Der stellvertretende griechische Finanzminister Dimitris Mardas beziffert die Forderungen seines Landes auf 278,7 Milliarden Euro. Das ist sicherlich kein realistischer Betrag für eine angemesse Entschädigung.

Über eine Entschädigung, die einen heutigen Betrag der Darlehenssumme von 1944 zur Grundlage hat, könnte verhandelt werden. Schon allein aufgrund der Tatsache, dass die 115 Millionen D-Mark von 1960 einfach als zu geringe Entschädigungssumme eingestuft werden müssen.

Man sehe sich die Liste von Massakern der Wehrmacht an:

Komeno (16. August 1943, 317 Einwohner ermordet),Lyngiades (3. Oktober 1943, 83 Tote),Kalavitra (13. Dezember 1943, über 650 Tote), Klissoura (Epirus, 5.April 1944, 215 Personen niedergeschossen), Massaker von Distomo (10. Juni 1944, 218 Tote)

Betrachten wir das Massaker von Komeno beispielhaft, das am 16. August 1943 stattfand. Involviert war die 12. Kompanie des 98. Regiments der 1. Gebirgs-Division. Das Dorf wurde eingekreist, bewaffnete Posten sollten eine Flucht von Dorfbewohnern verhindern. Die mit Granaten, Gewehren und Maschinenpistolen bewaffneten Sturmtrupps drangen in die Häuser ein und ermordeten 317 Menschen. Die Flucht gelang anderen der 600 Dorfbewohner über einen unbewachten Fußpfad, von den Wehrmachtsoldaten wurde niemand verletzt.

Ein Zeuge, der das Dorf nach der Tat betrat, beschrieb den Ort des Grauens: „Überall lagen Leichen herum.. Soviel ich aus dem Menschenleiberwirrwarr ersehen konnte, dürften unter den Leichen viel mehr Frauen und Kinder gewesen sein, als Männer. Das Kirchentor war offen, und auch in der Kirche lagen Leichen.“

Main-Echo online 9.4.2015, Main-Echo print-Ausgabe 28.4.2015, Frankfurter Rundschau 13.4.2015

Christian Schauer, Alzenau

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Distomo Memorial

© Martin Windischhofer

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Deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland – Sympathie für die Täter in der Nachkriegszeit

Es gab 200 Ermittlungsverfahren wegen Kriegsverbrechen in Griechenland. Nur ein einziges führte zu einem Hauptverfahren, das 1951 vor dem Langericht Augsburg stattfand. Es ging um die Erschießung von sechs Zivilisten auf Kreta.

Typisch für die Zeitgeist, der deutsche Staatsanwaltschaften damals beseelte war, dass der Standpunkt der Wehrmacht übernommen wurde. Das Landgericht Augsburg bezeichnete es als Notwehr im Sinne des Völkerrechtes, wenn „verdächtge Personen, die sich im Vorfeld der deutschen Hauptkampflinie aufhielten und nicht sofort als harmlos zu erkennen waren, ohne Standgerichtsurteil auf Befehl von Offizieren erschossen wurden.“1

Der Hauptmann ging folgerichtig straffrei aus- alte Seilschaften sprachen sich frei in der Nachkriegszeit. Dazu gehörte der NS-Militärrichter Erich Schwinge. Ein Bochumer Staatsanwalt begründete der Einstellung eines Ermittlungsverfahrens gegen einen Kampfgruppenführer, der sich im Massaker von Kalavytra hervorgetan hatte:“In dieser Situation waren Repressalien notwendig. … Da somit die (…) angeordneten und durchgeführten Repressalien nach dem geltenden Recht nicht als völkerrechtswidrig angesehen werden können, mithin auch strafrechtlich nicht rechtswidrig waren, ist auch die Teilnahme an ihnen, in welcher Form auch immer, nicht rechtswidrig.“2

Das schlimmste Massaker fand am 10.Juni 1944 in Distomo statt. Einheiten der Waffen-SS führten eine sogenannte Sühne-Maßnahme durch. 218 Menschen kamen zu Tode.

1994 fand ein Symposion in Delphi statt, zu dem der eingeladene deutsche Botschafter in Griechenland nicht kam. Die Entschädigungsprozesse bezüglich Distomo sind noch immer nicht abgeschlossen. Im Einsatz war die 2. Kompanie des 7. Regiments der 4. SS-Polizei – Panzer-Grenadier-Division. Aus Distomo war mit Granatwerfern und

Maschinengewehren auf deutsche Soldaten geschossen worden. Der deutsche Kompanie-Chef Fritz Lautenbach berichtete damals: „Ich habe daraufhin die Feuereröffnung und den Angriff mit allen zur Verfügung stehenden Waffen auf Distomon befohlen. Nachdem das Dorf gesäubert war, wurden insgesamt 250 bis 300 tote Bandenangehörige gezählt.“ Dass dem Massaker ein Beschuss aus den Ort vorausgegangen war, wurde von General Felmy dementiert:“ Dieser Bericht und die damit erstattete dienstliche Meldung ist wissentlich falsch. .. Tatsache ist, dass Distomon ohne Feindberührung erreicht wurde, die Truppe sich mehrere Stunden in dem Ort aufhielt, ohne dass Feindeinwirkung erfolgte“

SS- Standartenführer Schümers, der strellvertretende Divisionskommandeur, meinte allerdings letztendlich:“ Er (Lautenbach) hat vielmehr pflichtbewußt und verantwortungsfreudig geglaubt, durch die von ihm angeordneten Maßnahmen den Sinn der Sühnebefehle zu erfüllen,wenn auch gegen den Wortlaut verstoßen wird.“

Für Kriegverbrechen in Griechenland wurden verurteilt: General Helmut Felmy wegen der Massaker von Klissura und Distomo zu 15 Jahren. Wilhelm List musste lebenslänglich in den Knast. Grund: Initiierung und Duldung der Liquidierung von tausenden von Zivilisten bei “Sühnemaßnahmen”. Wilhelm Speidel wurde zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt wegen des Massakers von Kalavytra. Hubert Lanz erwischte es wegen Kriegsverbrechen in Epirus 12 Jahre. Abgesessen hat die Strafen keiner.1951 amnestierte der amerikanische Hochkommissar für die Bundesrepublik Deutschland, John Mc Cloy, Speidel und Lanz, Wilhelm List kam ein Jahr später frei.

In der Bundeswehr setzte Gebirsjäger Reinhold Klebe seine militärische Karriere fort. In Griechenland sind nur vier deutsche Kriegsverbrecher zu höheren Strafen verurteilt worden. Schärfer gingen manche andere kleinere europäische Länder gegen Nazi-Kriegsverbrecher vor: Belgien verurteilte 75 Angeklagte, davon 10 zum Tode. Luxemburg verurteilte 68 Angeklagte, davon 15 zum Tode. In den Niederlanden wurden 19 von 204 Angeklagten zumTode verurteilt. Dänemark brachte es auf 4 Todesurteile (80 verurteilte Angeklagte), Norwegen verurteilte 16 Angeklagte zu Tode (60 verurteilte Angeklagte).

Insgesamt wurden in Griechenland nach gut unterrichteten Kreisen mindestens 30.000 Zivilisten Opfer von Vergeltungsaktionen. Dazu kommen noch 60.000 in den KZ im Osten ermordete Juden. Die meisten starben in Auschwitz-Birkenau. 

Eine Intiative zur Wiedergutmachen hat sich im Rahmen des Projektes “Zug der Erinnerung” entwickelt – dort heißt es:

Gemeinsam mit der Bürgerinitiative „Zug der Erinnerung“ und der Jüdischen Gemeinde von Thessaloniki fordere ich von der Deutschen Bahn AG und ihrer Eigentümerin, die verzinsten Fahrtkosten für die Massendeportationen aus Griechenland nach Auschwitz und Treblinka in vollem Umfang, ohne Umwege und unverzüglich an die Jüdische Gemeinde von Thessaloniki zurückzuerstatten.“

http://www.zug-der-erinnerung.eu/appell/index.php

1 Rüter-Ehlermann, Adelheid u.a.: Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozisslistischer Tötungsverbrechen 1945 – 1966. Bd. VIII, Amsterdam 1972, S. 661 f.

2 Ermittlungsverfahren gegen den Kampfgruppenführer Oberleutnant Franz Juppe, Landgericht Bochum, Einstellungsverfügung (AZ 33 Js 655/72). BArch-Zst, 162/5794, Bl. 247f.

Literatur: Eberhard Rondholz, Blutspur in Hellas. Die lange verdrängten deutschen Kriegsverbrechen im besetztten Griechenland 1941 -1944, in: Blume H.-D. Und Lienau, C. (Hg): Choregia, Münstersche Griechenland-Studien, Münster 2012

http://www.spiegel.de/einestages/kriegsverbrechen-von-ss-und-wehrmacht-in-griechenland-a-1016511.html

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Leserbrief zu: „Besatzungskosten, nicht Zwangskredit“, in: Main-Echo vom 21.5.2015

Die Eroberung Griechenlands Anfang April 1941 geschah gegen den Widerstand des größten Teil des griechischen Volkes.Am 9. April wurde Saloniki eingenommen. Die englischen, australischen und neuseeländischen Einheiten konnten den Vormarsch nicht aufhalten. Am 23. April 1941 kapitulierten die nordgriechischen Streitkräfte vor der Wehrmacht. Am 27. April wurde Athen besetzt. Die englischen Trupppen und griechische Einheiten flohen nach Kreta. Nur wenige griechische Politiker befürworteten die deutsche Besetzung. Die deutsche Besatzung war härter als die italienische. Mussoloni hatte im Oktober 1940 beschlossen, Griechenland besetzen zu lassen, konnte sich aber frühzeitig militärisch nicht durchsetzen. Am 28. April 1941 begannen Angehörige der Wehrmacht mit der Plünderung der Hauptstadt. Ein Journalist berichtete, wie Wehrmachtssoldaten Geschäft für Geschäft in der Innenstadt ausräumten. Die erbeuteten Waren wurden von deutschen Soldaten als Päckchen in die Heimat geschickt. Schon geleerte Geschäfte wurden für nachfolgende Soldaten außen als solche markiert.

In Griechenland hatte die kommunistische Volksbefreiungsarmee ELAS die Oberhand unter den Partisanenverbänden. Der Widerstand in Griechenland war wesentlich durch die große Hungersnot bedingt. Sie war im Herbst und Winter 1941/1942 die mit Abstand schlimmste Hungersnot in der griechischen Geschichte. Sie folgte aus einer auf maximale wirtschaftliche Auspressung ausgelegten Besatzungspolitik des NS-Regimes während der Okkupation Griechenlands. Die Schätzungen über die Zahl der Menschen, die in Griechenland während des Zweiten Weltkrieges an den direkten oder indirekten Folgen des Hungers starben, schwanken zwischen 100.000 und 450.000 Opfern.

Die Beschlagnahmung und der Abtransport durch das Deutsche Reich umfassten nicht nur erzeugte Waren, sondern auch die Demontage sämtlicher Fertigungsanlagen. Der Abtransport geschah durch in Griechenland erbeutete 111 Eisenbahnwaggons und zwei konfiszierte Schiffe. Zuständig war die Spedition Schenker, eine Tochter der Deutschen Reichsbahn, die von Saloniki aus agierte. Schenker erhielt das Transportmonopol für Griechenland.

Einem Bericht zufolge waren landesweit alle Maschinen und Anlagen in damals bedeutenden Bereichen wie dem Textilsektor und der chemischen Industrie demontiert und nach Deutschland geschafft worden. Als es nichts mehr zu konfiszieren gab, konzentrierte sich die Ausbeutung auf Lebensmittel und Rohstoffe. Vertreter deutscher Firmen konnten sich vor Ort aussuchen, welche Güter sie haben wollten. Besonders die fehlenden Nahrungsmittel führten zu einer Hungerkatastrophe und einer Säuglingssterblichkeit von 80 Prozent. Von 300 im Oktober 1944 in Athen untersuchten Kindern waren 290 an Tuberkulose erkrankt.

Zwischen Mai 1941 und November 1944 wurden etwa 28.000 Tonnen reines Chrom aus Griechenland abtransportiert. Diese Menge deckte in dem genannten Zeitraum ein Viertel des Bedarfs des Deutschen Reiches an dem für die Rüstungsproduktion sehr wichtigen Metall.

Wer wie der Leserbriefschreiber aus Eppertshausen von Besatzungskosten spricht, der unterschlägt, dass für die vielen Beschlagnahmungen in Griechenland eine Entschädigung unabdingbar ist und es unmöglich ist, für die Ausplünderung eines Landes auch noch die Einheimischen zahlen zu lassen.

C. Schauer, erschienen auszugsweise in Main-Echo online vom 27.5.2015, gekürzt in: Main-Echo vom 17.6.2015

Nachtrag  “Massaker von Viannos” bei Amiras in Kreta

Nach dem Tod von wahrscheinlich zwölf Soldaten der deutschen Wehrmacht durch griechische Partisanen bei Kato Symi wurden am 14. September 1943 auf Befehl von General Friedrich-Wilhelm Müller, damals Kommandeur der 22. Infanterie-Division in Griechenland, mindestens 358 Männer, Frauen und Kinder des Ortes hingerichtet und der Ortsteil Ano Viannos sowie mehrere umliegende Dörfer niedergebrannt – das sogenannte „Massaker von Viannos“. Der damalige Befehlshaber, General Friedrich-Wilhelm Müller, wurde für diese und andere Kriegsverbrechen durch ein griechisches Gericht zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtet.

 

Gedenkstätte bei Amiras Foto R. Ruf

Gedenkstätte bei Amiras
Foto R. Ruf

 

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Veröffentlicht 10. April 2012 von schauerchristian in Griechenland Reparationen und Schulden