Archiv für März 2012

Islamisch christliche Zusammenstöße

Die Kreuzzüge, lange vorbei und doch aktuell

Amin Maalouf, Der Heilige Krieg der Barbaren. Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003, 300 Seiten, 12,50 Euro

Hans Wollschläger, Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem, Diogenes Verlag, Zürich 1973, 254 Seiten

Hans-Jürgen Kotzur (Hrsg.): Kein Krieg ist heilig – Die Kreuzzüge, Mainz 2004

Steven Runciman, Geschichte der Kreuzzüge, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003 (4.Auflage),  1338 Seiten, 24,50 Euro

Als Ausgangspunkt des permanenten Kreuzzugsgeistes, der christliche wie islamische Politiker durchdringt, nimmt der Autor Maalouf, ein arabischer Christ aus dem Libanon, die Aussage von George W. Bush nach dem 11. September 2001, wonach ein „Kreuzzug“ gegen den Terrorismus nötig sei. umgekehrt bezeichnen Islamisten Amerikaner und Westeuropäer als „Kreuzritter“, die man mit allen Mitteln bekämpfen müsse. Die „barbarischen Invasoren“ erschreckten die Araber zweihundert Jahre (1096 bis 1291) bis ins Mark. Die erste Schilderung widmet der Autor der Eroberung Jerusalems am 15. Juli 1099, als die Franken nach einer vierundvierzigtägigen Belagerung in die Stadt eindringen. Überlebende Flüchtlinge berichten in Bagdad von den Massakern der Christen, die Zehntausende Moslems hinschlachteten, die Juden in ihrer Synagoge verbrannten und kaum einen entfliehen ließen. 

Wie war es zu diesem ersten Kreuzzug gekommen, der für die Einwohner Jerusalems so tödlich endete? Die christlichen Pilger fühlten sich im heiligen Land nicht mehr sicher. Der byzantinische Kaiser Alexios schilderte 1088 dem Grafen Robert von Flandern eine Reihe von Scheußlichkeiten der Seldschuken, mit denen sich christliche Pilger herumschlagen mussten. Ende 1095 rief Papst Urban II. zum Kreuzzug auf. Wer mitzuziehen bereit war, dem wurde vollständige Sündenvergebung in Aussicht gestellt. Wählerisch war der Papst nicht: “ Mögen denn alle, die früher nur Räuber waren, nun Christi Soldaten werden; möge, wer Söldling sonst war um nur geringen Lohn, jetzt die ew’ge Belohnung gewinnen … Hier werden die Traurigen sein, die Armen, dort aber die Fröhlichen, Reichen; hier Gottes Feinde, dort aber seine Freunde …“ „Gott will es!“ war danach der Schlachtruf des Konzils. Ein leuchtendes Kreuz hefteten sich die Versammelten auf die rechte Schulter. Bald danach erschienen Excitatoria, bebilderte Agitationsschriften für Alphabeten und Analphabeten. Als erstes traf es eine Gruppe der Ungläubigen, die es schon häufig erwischt hatte, die Juden. „Es war dieses Jahr aber ein Jahr der Trübsal für die Kinder Jakobs, und sie wurden zum Raube gegeben in den Landen der Unbeschnittenen und in allen Städten, dahin sie zerstreut waren worden. Und es kam über sie viel Elend und Verwüstung, wie sie geschrieben stehen im Gesetz Moses und nicht können beschrieben werden in einem Buch.“ So fasst die Zustände Ekkehard von Aura in einem Bericht zusammen. Die Kreuzzugsbewegung war insofern erfolgreich, als dass eine regelmäßige bewaffnete Wallfahrt nach Jerusalem vom Ende des 11. Jahrhunderts bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts zum Standardkrieg des Hochmittelalters wurde. Fassen wir die sieben Kreuzzüge kurz zusammen 

Der Erste Kreuzzug (1096 bis 1099)

Ausgehend von den Heilsversprechen Papst Urban II. setzte sich ein riesiges Heer abendländischer Kreuzfahrer in Bewegung, das nach der siegreichen Schlacht gegen die seldschukische Hauptarmee von Dorylaeum 1097 ein Jahr später 1098 die Grafschaft Edessa und das Fürstentum Antiochia als die ersten beiden Kreuzfahrerstaaten errichten konnte. Trauriger Höhepunkt vor der Eroberung Jerusalems sind die Vorgänge in der syrischen Stadt Maara im Dezember 1098. Der Geschichtsschreiber Raoul de Caen berichtet darüber: „In Maara kochten unsere Leute die erwachsenen Heiden in Kesseln, zogen die Kinder auf Spieße und aßen sie geröstet.“ Der Geschichtsschreiber Ussama Ibn Munqidh meint dazu später: „Alle, die nach dem Wesen der Franken geforscht haben, mussten feststellen, dass sie Tiere sind, die uns zwar an Mut und Kampfkraft überlegen sind, aber sonst nicht, eben wie uns die Tiere nur durch ihre Kraft und ihre Angriffslust überlegen sind.“ Nach Darstellung der Anführer der Kreuzfahrer war eine Hungersnot der Grund für den Kannibalismus. Andererseits gab es „fanatische Banden“[1], die lauthals im Gebiet um Maara verkündeten, dass sie Sarazenenfleisch essen. Ein anderer Geschichtsschreiber stellt sogar fest: „Nicht nur, dass die Unseren es nicht verabscheuten, die getöteten Türken und Sarazenen zu essen, sie aßen sogar die Hunde!“[2] Im Juli 1099 können sich die Kreuzfahrer nach einem unermesslichen Blutbad an Juden und Muslims in Jerusalem durchsetzen. Gottfried von Boullion, der Herzog von Niederlothringen, wird zum „Vogt des Heiligen Grabes“ gewählt. Wenig später wird das Königreich Jerusalem gegründet.  

Ein weiterer Erfolg der Kreuzzugsbewegung war 1109 die Gründung der Grafschaft Tripolis. Die Stadt war zweitausend Tage belagert worden war. Die Wiedereroberung von Edessa 1144 durch Zinki, den Herrn von Aleppo, ist nicht die erste große Niederlage der Kreuzfahrer. Schon 1119 müssen die Franken sich bei Sarmada von Ilghazi von Aleppo vernichtend geschlagen geben. Da sich das Abendland dies nicht gefallen ließ, folgte kurz darauf der

Zweite Kreuzzug (1147 bis 1149)

Kurz zuvor hatte Bernhard von Clairvaux 1146 in Speyer eine Kreuzzugspredigt gehalten: „Was tut Ihr, tapfere Männer? Was tut Ihr, Diener des Kreuzes? So wollt Ihr das Heiligtum den Hunden und die Perlen den Säuen geben? Wie viele Sünder haben dort ihre Sünden mit Tränen gebeichtet und Verzeihung erlangt, seit das Schwert der Väter den Heidenunrat hinausgeworfen hat? Der Böse sieht das und schaut scheel darauf; er knirscht mit den Zähnen und erbleicht; er rührt die Gefäße seiner Bosheit und wird gewiss weder Zeichen noch Spur von soviel Frömmigkeit übriglassen, wenn er jemals – was Gott verhüte – stark genug wird, jenes Allerheiligste zu gewinnen. Das wäre dann für alle künftigen Zeiten ein unheilbarer Schmerz und unersetzlicher Schaden; für dies Geschlecht aber, dies ganz unfromme, wäre es unendliche Scham und allewiger Vorwurf.- Weil Euer Land an tapferen Männern fruchtbar ist und kräftig durch die Fülle seiner Jugend – wie denn durch alle Welt Euer Preis geht und der Ruhm Eures Heldentums die ganze Erde erfüllt hat- , so gürtet auch Ihr Euch mannhaft und ergreift die glücklichen Waffen im Eifer für Christi Namen. … Du tapferer Ritter, du Mann des Kriegs, jetzt hast du eine Fehde ohne Gefahr, wo der Sieg Ruhm bringt und der Tod Gewinn. Bist du ein kluger Kaufmann, ein Mann des Erwerbs in dieser Welt –einen großen Markt sage ich Dir an; sieh zu, dass er Dir nicht entgeht. Nimm Kreuzeszeichen, und für Alles, was du reuigen Herzensbeichtest, wirst Du einen Ablass erlangen. Die Ware ist billig, wenn man sie kauft; und wenn man fromm für sie bezahlt, ist sie ohne Zweifel das Reich Gottes wert.“ 

Nicht zum ersten Mal waren die Juden die Leidtragenden von so viel religiöser Inbrunst. Im Sommer 1146 agierte ein fanatischer Zisterzienser Radulf: „Auf, übet die Rache unseres Herrn an seinen Feinden, so unter uns sind; danach dann wollen wir hinabziehen gen Jerusalem!“ In Köln wurde der Rabbiner erschlagen. Geldzahlungen ersparte den Juden hier Schlimmeres. Zu Gräueln kam es in Speyer, Mainz, Worms, Bacharach, Würzburg und Aschaffenburg. Besonders schlimm traf es die Würzburger Gemeinde, die sich nicht rechtzeitig an befestigten Orten in Sicherheit bringen konnte. Am 24. Februar 1147 kulminierte das Geschehen. Die Lüge, dass im Fluss Main der wundertätige Leichnam eines Christen gefunden wurde, heizte die Stimmung an. Kreuzfahrer und örtlicher Pöbel taten sich zusammen, um Pogrome in die Wege zu leiten. Zu Pogromen kam es auch in der Normandie. Führende Persönlichkeiten dieses Kreuzzuges waren der Staufer Konrad III.,  Ludwig VII. von Frankreich und Roger II. von Sizilien. Das Bündnis scheiterte nicht nur an seiner inneren Zerrissenheit, sondern auch wegen der nur gemäßigten Unterstützung durch das Byzantinische Kaiserreich. 

Die Lage der Kreuzfahrerstaaten wurde im 12. Jahrhundert immer schlechter, vor allem als Sultan Saladin das Kreuzfahrerheer 1187 bei Hattin vernichtend geschlagen hatte. Nachdem ihm auch andere Städte und zum Schluss Jerusalem in die Hände fällt (2. Oktober 1187) , erweist er sich als großzügiger Sieger und lässt die Fürsten für Lösegeld abziehen, arme Gefangene können ohne Lösegeld gehen, fränkische Witwen und Waisen wurden sogar beschenkt, bevor sie gehen durften. Der Patriarch schleppte Schätze in erheblichem Umfang fort. Saladin rechtfertigte sein Verhalten mit den Worten:“ Wir müssen die von uns unterzeichneten Verträge wortgetreu einhalten, so wird niemand die Gläubigen beschuldigen können, sie gebrochen zu haben. Ganz im Gegenteil, die Christen werden überall erzählen, mit welchen Wohltaten wir sie überschüttet haben.“[3]  Die Großzügigkeit Saladins ließ ihn nach seinem Tod 1193 als einen „der größten, achtbaren Herrscher der mittelalterlichen Geschichte“[4] erscheinen. Das sich das Abendland noch nicht damit abfinden konnte, dass die Staaten in Outremer auf Dauer nicht zu halten waren, entstand daraus der 

Dritte Kreuzzug (1189 bis 1192)

Hervor tat sich hier besonders Friedrich Barbarossa, dessen Kaiserpfalz in Gelnhausen einen Einblick in staufische Architektur gibt. Er war nicht allein, sondern auch der französische König Philipp II. August und der englische Monarch Richard Löwenherz ließen sich vom Ziel der Rückeroberung der heiligen Stätten zu einem erneuten Abenteuer hinreißen. Aber nicht sah man „zur Rechten wie zur Linken … einen halben Türken heruntersinken“, wie Ludwig Uhland in seinem Gedicht schreibt, sondern Barbarossa versank in Gänze 1190 im Fluss Salef in der Türkei und trug damit dazu bei, dass lediglich die beiden anderen Monarchen ein Jahr darauf Akkon erobern konnten. Ein Tendenz zur beiderseitigen Nutzung Jerusalems konnte Richard Löwenherz 1192 erreichen, als für Christen Jerusalem zu Pilgerbesuchen geöffnet wurde. 

Bedurfte es noch eines Beweises, dass es bei den Kreuzzügen nicht nur um eine Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam ging, dann war es der Vierte Kreuzzug von 1202 bis 1204, als die christlichen Kreuzfahrer das griechische Byzanz eroberten. Es entsteht ein lateinisches Kaiserreich anstelle der griechischen Herrschaft. 

Weiterführen wird die Tendenz, dass Heiligkeit teilbar ist, die Richard Löwenherz 1192 begonnen hatte, der deutsche Staufenkaiser Friedrich II., der 1229 einen zehnjährigen Waffenstillstand mit dem ägyptischen Sultan Al Kamil aushandelte, in dem der friedliche Zugang der heiligen Stätten für die Christenheit zehn Jahre lang garantiert wurde.1229 ließ sich Friedrich II. auch zum König von Jerusalem  krönen. Ein Jahr später konnte er den  päpstlichen Bann lösen. Kurz vor seinem Tode bedachte Friedrich II. das Heilige Land mit 100.000 Goldunzen. Der päpstliche Bann hatte Friedrich 1227 getroffen, als er sein Kreuzzugsgelübde wegen fiebriger Erkrankung nicht einhalten konnte. 

Wie  wird man König von Jerusalem? Friedrich II. beschreibt seine Begegnung mit Isabel von Brienne, durch deren Heirat er 1225 das Königreich gewann. Der König schreibt darüber: „Ich deflorierte Isabella Brienne ohne Lust. Occursius hatte sie nach Art der Chirurgen nur so weit aufgedeckt, wie zur ungehinderten Erledigung dieses Staatsgeschäfts nötig war. Ihm war dabei bewusst gewesen, dass der Anblick des total entblößten Kinderkörpers dieser Dreizehnjährigen bei mir mit Sicherheit eine Erektion verhindern würde.“[5]   

Noch einmal will Friedrich II. 1244 für mehrere Jahre ins Heilige Land ziehen, als Jerusalem den Kreuzfahrern wieder entrissen wird. Danach wird zum zweiten Mal der Bann vom Papst Innozenz IV. aufgehoben. Wer sich für das Leben dieses Renaissance-Menschen und Tierliebhabers, der seiner Zeit voraus war, interessiert, dem sei das zitierte werk von Horst Stern empfohlen. 

Vorausgegangen waren den Taten Friedrichs II. die Ereignisse von 1217 bis 1221, die gemeinhin als der Fünfte Kreuzzug gelten. Belagert von den Kreuzfahrern wurde zunächst der ägyptische Seehafen Damiette. 1221 werden die Kreuzfahrer bei Mansura geschlagen und Damiette muß aufgegeben werden. 

Immer hoffnungslose Versuche unternimmt noch der französische König Ludwig IX. 1248 bis 1254 im Sechsten Kreuzzug. Schon wieder werden die Kreuzfahrer bei Mansura 1250 in Ägypten geschlagen. Sein letztes Unternehmen endet 1270 als Siebter Kreuzzug mit seinem Tod.  

Werfen wir noch einige Blicke auf die Kreuzzüge, die außerhalb der „regulären Kreuzzüge“ liefen.

Im Jahre 1147 gab es einen Kreuzzug gegen die heidnischen Wenden, Slawen, die östlich der Elbe lebten und vollständig unterworfen werden sollten. Er endete mit Scheintaufen und Tributzahlungen. Einen dauerhaften Erfolg hatte das Unternehmen nicht.  

Die Bewegung der Katharer verbreitete sich in der Mitte des 12. Jahrhunderts in Südfrankreich. Ihre Agitation richtete sich gegen die Kirche, die sie eine Hure bezeichneten. Sie nannten sich „gute Menschen“ oder „bonshommes“. Später wurden sie als Reine oder „Katharer“ bezeichnet. Vom Standpunkt ihrer Gegner aus stellte sich ihre Lehre so dar: „Sie alle, Glieder des Antichrists, Erstgeborene des Satans, schlechte Saat, Verbrecher, heuchlerische Lügner, Verführer schlichter Herzen, hatten mit dem Gift ihrer Perdfidie fast die ganze Provinz Narbonne verseucht. Sie sagten, die römische Kirche gleiche einer Räuberhöhle und jener berüchtigten Hure, von welcher in der Offenbarung die Rede ist. Die Sakramente der Kirche hielten sie für nichtig und lehrten in der Öffentlichkeit, das Wasser der Taufe würde sich keineswegs vom fließenden Wasser unterscheiden und die Eucharistie keineswegs vom Brot für den profanen Gebrauch.“[6] Die Katharer wurden in den sogenannten Albigenserkriegen (1209 bis 1229) niedergeworfen. Die Bewegung wurde ausgerottet. 1233 nahm dann die Inquisition ihre Tätigkeit auf. 

1212 begann der sogenannte Kinderkreuzzug. In der Kölner Königschronik

steht dazu: „In diesem Jahr bezeichneten sich aus ganz Frankreich und Deutschland Knaben verschiedenen Alters und Standes mit dem Kreuz und Erklärten, es sei ihnen von Gott aufgetragen zur Unterstützung des heiligen Landes nach Jerusalem zu ziehen. Auch einige schlechte Menschen mischten sich unter sie, und was jene mit sich genommen hatten und was sie tatsächlich von den Gläubigen empfingen, unterschlugen diese heimlich und in nichtswürdiger Weise und machten sich mit dem gesammelten Geld heimlich davon. Einer von diesen wurde in Köln ergriffen und seines Lebens durch den Strang beraubt. Von jenen aber gingen viele in Wäldern und Einöden durch Hitze, Hunger und Durst zu Grunde. Andere wurden sobald sie die Alpen überschritten hatten  und Italien betraten von den Lombarden beraubt und zurückgejagt und kehrten mit Schande heim.“[7] Bei diesem Kinderkreuzzug ist die Quellenlage äußerst kritisch, Mythen mischen sich mit Fakten. Die zweite Fortsetzung der Kölner Chronik meint dazu abschließend: „So zogen sie eine Strecke Wegs vorwärts, einige kehrten in Mainz, andere in Piacenza, andere in Rom um, andere kamen nach Marseille. Ob diese übergesetzt sind oder nicht, und was ihr Ende gewesen sei, das hält man für ungewiß. Es steht nur fest, dass von vielen Tausenden, die ausgezogen waren, nur wenige heimgekehrt sind.“[8] 

1291 erobern die Mamelucken Akkon, Sidon und Beirut. Mit der von den Templern gehaltenen Insel Ruad fällt 1302 der letzte Stützpunkt der Christen. 

Die Politik der italienischen Seerepubliken 

Am Anfang dieser Schilderungen wurde von der religiösen Ergriffenheit der Christen in Clermont berichtet. Es soll allerdings auch ein Blick auf die materiellen Interessen gerichtet werden, die mit den Kreuzzügen verbunden waren. Die italienischen Seerepubliken Venedig, Pisa und Genua spielten von Anfang an in der Kreuzzugsbewegung eine besondere Rolle. Für Kreuzfahrer, die den Landweg scheuten, boten die Schiffe der Venezianer, Genuesen und Pisaner die einzige Möglichkeit das Mittelmeer zu überqueren. In Byzanz und Ägypten besaßen die Republiken wirtschaftliche Interessen. Venedig besaß seit 1082 im byzantinischen Reich das Handelsmonopol. Die beiden anderen Republiken waren vor allem in Nordafrika aktiv. Für die Interessenlage der Seerepubliken galt, dass die Gründung von Kreuzfahrerstaaten unter christlicher Herrschaft ihnen neue Abatzmärkte für ihre Waren bringen würde. In den muslimischen Reichen waren die Kaufleute dieser Republiken nämlich Fremde, deren persönliche Sicherheit und Freiheit nicht ausreichend gewährleistet werden konnte. Ein Konkurrent der Republiken war zudem das Normannenreich in Unteritalien, das sich auf eine starke Seemacht stützte. Ein Konkurrent Venedigs war bis 1073 Amalfi, das in diesem Jahr von den Normannen erobert wurde.[9] Die Genuesen beteiligten sich am ersten Kreuzzug nicht nur durch die Versorgung der Kreuzfahrer mit Lebensmitteln, sondern beteiligten sich auch mit Kriegsgerät an der Belagerung und Eroberung der Städte Antiochia (1098) und Jerusalem (1099). Pisa rüstete frühzeitig eine Flotte mit 120 Schiffen aus, die 1099 in das Kampfgeschehen eingriff. Ohne ihre Hilfe wären die Kreuzfahrerstützpunkte in Palästina wehrlos den Angriffen der fatimidischen Flotte ausgesetzt gewesen. Sie blockierten ein Jahr später eine Reihe von Küstenstädten, die von den Muslimen gehalten wurden – Arsuf, Askalon, Caesarea und Akkon. Durch die Tributpflicht dieser Städte konnte die Herrschaft der Kreuzfahrer zunächst gesichert werden. 

Spätestens 1097 beteiligte sich auch Venedig am ersten Kreuzzug mit einer großen Flotte. Interessiert war Venedig an der Erhaltung seiner Vormachtstellung im byzantinischen Reich. Auch an denn Küsten Palästinas und Syriens sollten Genua und Pisa nicht allein agieren. Venedig rüstete rund 200 Schiffe aus, die von Rhodos aus 1100 eine pisanische Flotte besiegen mussten, ehe sie Palästina erreichten. Ab Juni 1100 unterstützten sie die Kreuzfahrer bei der Eroberung von Küstengebieten. Die Einnahme Haifas im August 1100 geschah mit ihrer Unterstützung. 

Wenden wir uns Venedig wieder zu, als es seinen militärischen Triumph im vierten Kreuzzug verzeichnete. Ursprünglich wollte die Seestadt gegen Syrien und Ägypten vorgehen, letztendlich wurde aber das byzantinische Kaiserreich das Ziel der Begierde. Nach der Einnahme von Byzanz konnte Venedig seine Konkurrenten für lange Zeit aus der Romania vertreiben. Erst im 17. Jahrhundert konnten die Osmanen die Venezianer in dieser Region als Führungsmacht ablösen. Auch die Seestädte betrachteten die Kreuzzüge im ausgehenden 13. Jahrhundert als gescheitert. Durch die vielen Niederlagen der Kreuzfahrer versprachen sie keinen sicheren Gewinn mehr. Eine letzte Seeschlacht lieferten sich Pisa und Genua 1284 bei Meliora; die Pisaner verloren ihre gesamte Flotte.  

Christen gegen Christen

Ein heiliger Krieg gegen Glaubensfeinde, so stellte sich ein Kreuzzug idealtypisch dar, de facto waren die Fronten häufig nicht entlang der Glaubensgemeinschaften zu ziehen, sondern durchfurchten die Christen untereinander. Beispielhaft ist hier der vierte Kreuzzug zur Niederzwingung des Byzantinischen Reiches. 1204 schlossen Kreuzfahrer und Venezianer einen Vertrag, wie die Beute nach der Eroberung der Stadt verteilt werden sollte. Für die Rechte Venedigs war es ausschlaggebend, dass die Privilegien dieser Stadt in Byzanz erhalten blieben. Der zukünftig lateinische Kaiser sollte ein Viertel des Territoriums, Kreuzfahrer und Venezianer je drei Achtel erhalten. Die Beute sollte zwischen Venezianern und Kreuzfahrern im Verhältnis drei zu eins geteilt werden, wobei bei diesem Schlüssel die Schulden der Kreuzfahrer bei den Venezianern ins Gewicht fielen. Letztere waren die Gewinner, drei Achtel des Territoriums fielen ihnen zu, ein zu wählender Kaiser war von ihrem Willen abhängig. 

Die Einnahme der Stadt Byzanz am 13. April 2004 ging in die Geschichte als eine der großen Plünderungsorgien ein. Verbunden damit waren Raub, Totschlag und Vergewaltigung in einem Ausmaß, die die orthodoxe Welt Jahrhunderte lang tief abstieß. Geraubte Kunstschätze schmückten in großer Zahl die Kirchen des Abendlandes. Byzanz war nach diesem Vandalismus als Kunststadt weit zurückgeworfen. Als neuen lateinischen Kaiser konnten die Venezianer Balduin von Flandern durchsetzen. 1261 konnten die Griechen Niceas Byzanz zurückerobern, nachdem das lateinische Kaiserreich schon 1205 dem Ansturm der Bulgaren nicht gewachsen war. Wirtschaftliche Interessen Venedigs und die Abneigung des Abendlands gegen die als Ketzer eingestuften Griechen bewirkten diesen Sonderweg eines Kreuzzuges. 

Gesellschaftliches Leben in den Kreuzfahrerstaaten  

Eine sehr umfangreiche Einwanderung abendländischer Einwanderer hat offensichtlich nicht stattgefunden. Schätzungsweise bevölkerten zu keiner Zeit auch nur tausend Barone und Ritter das Königreich Jerusalem. Dazu kamen noch einmal eine ähnliche Anzahl von nichtkämpfenden Verwandten. Die Oberschicht umfasste also zweitausend bis dreitausend Personen, wenn man die Angehörigen der Geistlichkeit und die Ritter der Militärorden mitzählt. Etwa eine ähnliche Anzahl von Personen des Ritterstandes hielt sich in den anderen Kreuzfahrerstaaten Antiochia, Edessa und Tripolis auf. 

Sergeanten gab es als dienstpflichtige Freisassen mehr. Sie stammten aus Franken und waren bewaffnete Fußsoldaten. Angesiedelt wurden sie auf den Lehnsgütern ihrer Grundherren. Ehen mit einheimischen Christen waren nicht selten. In der Mitte des 12. Jahrhunderts bildete sich eine Klasse vom Poulains, als man sich mit der einheimischen christlichen Bevölkerung vermischte. Um das Jahr 1180 schätzte man die Zahl der Sergeanten auf etwa 5.000. Turkopolen nannte man Personen, die im Land ausgehoben wurden. Ausgebildet wurden sie wie leichte Reiterei in Byzanz. Sie bestanden aus einheimischen Christen, zum Christentum Bekehrten und Mischlingen.  

Da die Ansiedler fast ausschließlich französischer Abkunft waren, sprach man in Jerusalem und Antiochia nordfranzösisch, in Tripolis südfranzösisch. Die Deutschen spielten keine bedeutende Rolle. In den Städten gab es beachtliche italienische Niederlassungen. Auch Marseille hielt in einigen Städten Niederlassungen, Barcelona pflegte eine in Tyros. Einheimische Christen nannte man die Mehrheit der Bevölkerung. Im Königreich Jerusalem waren sie orthodox, sprachen aber überwiegend arabisch. In Tripolis gehörten einige Christen der Sekte der Maroniten an.  

Die Einheimischen konnten dann ihr Land behalten, wenn sie ein Besitzrecht auf Grund und Boden nachweisen konnten. Auf Ländereien, die von mohammedanischen Eigentümern nach der Eroberung verlassen worden waren, setzten die neuen Herren ihre Vasallen ein. Freie Dörfer wie in einst im byzantinischen Reich gab es nicht mehr. Die Dorfgemeinden waren an die Scholle gebunden. Sie musste dem Grundherren einen Teil ihrer Erzeugnisse abliefern. Mit dem Ertrag ernährte der Grundherr seine Hofhaltung, seine Poullains und Turkopolen, die nahe seiner Burg angesiedelt waren. Der einheimische Bauer konnte kein Soldat werden. Der Grundherr bewirtschaftete Obstgärten, Weinberge und Zuckerrohrplantagen selbst. Die Sklavenarbeit beschränkte sich auf die Hofhaltung des Grundherren. Mohammedanische Gefangene mussten vorübergehend auf den Gütern des Königs und der Grundherren schuften. Der rais oder regulus besorgte die Geschäfte der Dorfbewohner mit dem Grundherren. Ein bücherführender Sekretär des Grundherren wurde als Dragoman bezeichnet.[10] 

Das Kronland bestand im Königreich Jerusalem aus den Städten Jerusalem, Akkon und Nablus, zu dem später die Grenzstadt Daron hinzukam. Vor allem die Königin Melisende trug mit der Vergabe von Grund und Boden an die Kirche, Freunde und Orden dazu bei, dass das Kronland schrumpfte. Auch schmälerten verwitwete Königinnen durch Leibgedinge den Besitz des Königs. Verschieden groß waren die Lehen. Während die weltlichen Lehen festgefügte und zusammenhängende Gebietsstücke bildeten, lagen die Liegenschaften der Kirche und der Orden über die fränkischen Gebiete verstreut. Überwiegend waren Güter mit einem Dorf territorial identisch, in seltenen Fällen mit der Hälfte oder einem Drittel eines Dorfes. Dörfer zählten manchmal nur vierzig männliche Einwohner, konnten aber auch größer sein. Bei manchen weltlichen Herren war auch das Geldlehen üblich, das heißt es wurden ihnen aus gewissen Städten und Dörfern feste Geldeinkünfte gewährt. Dafür mussten sie eine entsprechende Anzahl von Soldaten stellen. Diese Geldlehen waren erblich, der König konnte sie nicht aufheben. Die Kronstädte und die Kirche mussten dem König Soldaten stellen. Die Bürgerschaft war zu Geldsteuern verpflichtet. “Es wurden regelmäßige Steuern auf Häfen und Warenausfuhr, Kauf und Verkauf, Ankerplätze, Pilger und die Verwendung von Maßen und Gewichten erhoben. Außerdem gab es das sogenannte terraticum, eine Steuer auf bürgerliches Besitztum und Vermögen, über die kaum etwas bekannt ist. Endlich waren von Zeit zu Zeit besondere Abgaben zu entrichten, um die Kosten dieses oder jenes Feldzuges zu bestreiten. Im Jahr 1166 hatten die Nichtkämpfenden zehn Prozent vom Wert all ihrer beweglichen Habe zu zahlen; und im Jahre 1183 wurde der gesamten Bevölkerung eine Kapitalabgabe von einem Prozent auf allen Besitz und alle Schulden auferlegt sowie zwei Prozent auf alle Einkommen aus Kirchenstiftungen und dem Grundbesitz der Barone. Außer den Naturalien, welche die Dörfer zu liefern hatten, schuldete jeder Bauer seinem Grundherrn noch eine Kopfsteuer; und mohammedanische Untertanen hatten noch einen Zehnten oder dime zu entrichten, welcher der Kirche zufloß … Aber selbst bei Einrechnung des dime fanden die Mohammedaner die allgemeine Besteuerung unter den Franken niedriger als unter den benachbarten islamischen Herren.Auch waren die Mohammedaner nicht von niederen Verwaltungsposten ausgeschlossen. Sie konnten ebenso wie die Christen als Zöllner und Steuereinnehmer Beschäftigung finden.“[11] 

Der Krieg – Männersache? 

Im Mittelalter galt Krieg als Männersache – eine Rolle, die mittlerweilen nicht mehr aktuell ist, erobern doch Frauen zunehmend die Bundeswehr. Kirchengelehrte lehnten Frauen als Kreuzzugsteilnehmer deshalb ab, weil die vermutete Geilheit der Männer ihre kriegerischen Leistungen schmälerte. Argumentiert wurde so während des dritten Kreuzzuges und des vierten. Ein päpstlicher Legat verfügte damals, dass die dem Heer nachgezogenen Frauen in Venedig zurück bleiben sollten. Gut fünfzig Jahre später wurden die Prälaten Frieslands ermahnt, Kreuzfahrerinnen den Weg nach Jerusalem zu versperren. Der Bischof von Bethlehem meinte damals, dass die Anwesenheit von Frauen im Heer zu ungezügeltem Geschlechtsverkehr führen würde und dadurch zu einer Schwächung der Kampfbereitschaft.

Für die Kirche bestand die Funktion der Frauen vor allem darin, durch Gebete zum Gelingen der Kreuzzüge beizutragen. Papst Innozenz IV. gewährte den Frauen zuhause ebenso wie den Männern im Heiligen Land Ablaß. Die Frau sollte entsagen, wenn der Mann in den Krieg zog. Ein von der Kirche gerühmtes Beispiel ist hier die heilige Elisabeth von Thüringen, deren Mann, Landgraf Ludwig IV. von Thüringen in den Krieg zog, während sie entsagte. Dargestellt ist das in einem Fenster der Marburger Elisabethenkirche. Auch der Geschichtsschreiber Ekkehard von Aura sah Teufelswerk bei der Teilnahme mancher Frauen: „Er (Satan) zögerte nicht, unter die gute Saat Unkraut zu säen, falsche Propheten zu erwecken und unter die Heere des Herrn falsche Propheten und ehrlose Weiber zu mischen, unter dem Schein der Frömmigkeit.“ Die Anwesenheit von Prostituierten war etwas durchaus Übliches, am Ende der Reise war auch für diesen Personenkreis der Erlaß der Sünden vorgesehen. Richard Löwenherz war vergeblich darum bemüht, Prostituierte von seinem Heer fernzuhalten. Italienische Adelige gaben ihren Söhnen sogar Prostituierte mit auf den Weg, damit diese nicht mit einheimischen Frauen verkehren mussten. 

Zum Thema Vergewaltigung bei Kreuzzügen  meint ein Historiker: „Wie viele behütete Frauen wurden entehrt, Herrschende beherrscht, junge Mädchen geheiratet, wieviel Keusche mussten sich hingeben, wie viel Verborgene verloren ihre Scham, wieviel Ernste wurden verhöhnt, wie viel Freie genommen, wie viel Begehrliche erschöpft. Wieviel Anmutige wurden verführt, wieviel Jungfrauen entjungfert, Anmaßende geschändet, Rotlippige ausgesaugt, Braune hingestreckt, und Unbezähmbare gezähmt. Glühende entflammten sich an ihnen, Ledige befriedigten sich, Erregte verbrauchten ihre Glut.“ Als Vergewaltiger traten sowohl Christen als auch Muslime auf. Beteiligung am Kampf von Frauen sind vom dritten Kreuzzug dokumentiert, aber auch vorher und nachher. Eine Bogenschützin wurde 1190 beschrieben bei der Belagerung von Akkon. Ein arabischer Chronist meint dazu, dass Frauen  getötet wurden, die „nicht als Frauen erkennbar waren, bis man sie ihrer Rüstung entkleidet hatte.“ 

Das Ordensrittertum

Werfen wir zum Schluß einen Blick auf  das Ordensrittertum, das sich in der Zeit der Kreuzzüge herausbildete. Ritter legten sich für ihre Gemeinschaften eine mönchische Lebensform zu. Durch ein Gelübde verpflichteten sie such zu den mönchischen Tugenden Armut, Keuschheit und Gehorsam. 

Die Templer, die auch „rote Mönche“ genannt wurden, trugen einen weißen Mantel mit Rotem Kreuz. Gründer war 1120 der französische Ritter Hugo von Payens.  Ihr Name ist dadurch entstanden, dass sie in Jerusalem auf dem Boden das Salomonischen Tempels ein Gebäude bezogen. Ursprünglich nannten sie sich „arme Ritter Christi.“ Zweck des Ordens war der Schutz der Pilger. Ein bedeutendes Mitglied wurde der König von Portugal, der den Orden mit reichen Gütern ausstattete. Durch beachtliche Geldmittel aus dem Adel Frankreichs unterstützt, bildete der Großmeister 1129 mit 300 Rittern das erste stehende Heer des Mittelalters.[12]  Zum Protektor des Ordens wurde Bernhard von Clairvaux, der eine Werbeschrift für den Orden verfasste: „An erster Stelle stehen Disziplin und uneingeschränkter Gehorsam. Jeder kommt und geht, wie es der Vorgesetzte befiehlt. Jeder trägt die ihm zugeteilte Kleidung, keiner besorgt sich Nahrung und Kleidung nach seinem Gutdünken. Hinsichtlich Ernährung und Gewandung gibt man sich mit dem Notwendigsten zufrieden und meidet alles Überflüssige. Die Templer leben maßvoll und fröhlich in einer Gemeinschaft, ohne Frauen und Kinder. Um der apostolischen Lebensweise möglichst nahe zu kommen, leben sie alle unter gleichen Bedingungen im gleichen Haus, auch nennen sie nichts ihr eigen, um einer einheitlichen Gesinnung und eines friedlichen Zusammenlebens willen. Ungebührliche Reden, nutzlose Beschäftigung, lautes Gelächter, heimliches Tuscheln und selbst unterdrücktes Kichern sind unbekannt. Sie verabscheuen Schach und Würfelspiel; sie hassen die Jagd, ja, sie erfreuen sich nicht einmal am Flug des Falken. Sie verachten Komödianten, Taschenspieler, Schwätzer und zweideutige Lieder sowie Vorstellungen von Possenreißern, denn sie Erachten das alles als sinnlose, nichtige Torheiten. Sie tragen das Haar kurz geschnitten, weil es ihrer Ansicht nach beschämend  für einen Mann ist, langes Haar zu haben. Niemals übertrieben gekeidet, baden sie selten;  sie sind schmutzig und behaart, und ihre Haut erscheint gebräunt vom Tragen des Kettenhemds und von der Sonne.“ 

Die Johanniter wirkten in erster Linie karitativ. Eine Bruderschaft pflegte in Jerusalem in einem Hospital kranke Bürger. Ihr Schutzpatron war Johannes der Täufer. Im Laufe der Jahre kam als zusätzliche Tätigkeit ein Ritterdienst gegen die Ungläubigen hinzu. Eine Ordensregel nahmen sie 1160 an. Sie trugen einen schwarzen Mantel mit einem weißen Kreuz. Nach dem Vordringen des Islam kamen sie über Zypern nach Rhodos. Ihr zweiter Großmeister Raimund de Podio (1125 bis 1158) wandelte sie in einen geistlichen Ritterorden um, der sich 1183 auch in Prag niederließ. 1325 entstand ein selbständiges Ordenspriorat in Böhmen. 1530 wurde der Orden von Kaiser Karl V. mit Malta, Tripolis und Gozo belehnt. Seine Tätigkeit auf Malta konnte der Orden bis 1798 fortsetzen. In der Bundesrepublik wirkt er unter anderem in der Johanniter-Unfallhilfe. National ist er sonst in Assoziationen gegliedert. 

Der Deutsche Orden wurde 1128 von einem Unbekannten in Jerusalem gestiftet. Das Ordensgewand der „Brüder des Hospitals Unserer Lieben Frau der Deutschen zu Jerusalem“ bestand aus einem weißen Mantel mit einem schwarzen Kreuz. Friedrich von Schwaben, der Sohn Barbarossas, vermachte dem Orden einen Großteil seines Vermögens. Auch dieser Orden hatte zum Ziel, das Heilige Land zu beschützen, Hilfe für Witwen und Waisen zu leisten, Kranke und Leidende zu pflegen. Der Stammsitz des Ordens war in Akkon, sein erster Hochmeister, Walpot von Besenheim, kämpfte nach dem Dritten Kreuzzug gegen die Sarazenen. Auch dieser Orden ist noch aktiv: „Daß er im Zwanzigsten Jahrhundert und ausgerechnet nach dem alles in Frage stellenden Zweiten Weltkrieg einen entscheidenden neuen Impuls erhielt und insbesondere in seinem Ursprungsland Deutschland nach nahezu hundertfünfzigjähriger Verbannung wieder aufblühte, hat die Skeptiker und jenen großen Teil der Öffentlichkeit, für den der Deutsche Orden nur noch sagenumwoben oder auch berüchtigten Erinnerungswert aus dem Geschichtsunterricht hatte, überrascht, wenn nicht gar verblüfft.“[13]  

Relativ frühzeitig legte der Deutsche Orden seinen Schwerpunkt auf die Tätigkeit in Europa. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts ließ er sich in Siebenbürgen nieder, wo Kronstadt gegründet wurde. 1226 erhielt der Orden das Kulmerland, um die heidnischen Preußen zu germanisieren. Bis 1283 wurde das gesamte Preußenland unterworfen. 1309 wurde Marienburg zum Sitz des Großmeisters. Den Höhepunkt seiner Herrschaft erlebte der Orden unter Großmeister Winrich von Kniprode (1351 bis 1382). 1410 unterlag der Orden der litauisch-polnischen Koalition in der Schlacht von Tannenberg. 

Waren die Kreuzzüge eine Reaktion auf den islamischen Djihad seit 711?

Nach Einschätzung des renommierten Historikers Eberhard Mayer unterscheidet sich das christliche Verständnis des „Heiligen Krieges“ vom islamischen Djihad dadurch, dass Christen beanspruchen, einen „gerechten Verteidigungskrieg“ gegen die Heiden zu führen, während Muslime offensiv vorgehen.[14] Gleichzeitig weist er nach, wie blutrünstig die Kreuzfahrer vorgingen. Runciman beschreibt die Kluft, die die Kreuzzüge auch zwischen Ost- und Westchristen hervorbrachte, ihre Spaltung war endgültig.[15] 

Schließen wir den Kreis der Aktualitätsbezüge mit zwei Beispielen aus der jüngsten Vergangenheit. Viele Muslime ordneten den Golfkrieg 1991 als Kreuzzug ein, orthodoxe Ost-Christen nahmen den NATO-Krieg im Kosovo gegen Serbien von 1999 als Kreuzzug der Westkirche wahr.[16]  

Abschließend das vollständige Gedicht von Ludwig Uhland:


Ludwig Uhland

Als Kaiser Rotbart lobesam

Als Kaiser Rotbart lobesam
Zum heil’gen Land gezogen kam,
Da mußt er mit dem frommen Heer
Durch ein Gebirge wüst und leer.
Daselbst erhub sich große Not,
Viel Steine gab’s und wenig Brot,
Und mancher deutsche Reitersmann
Hat dort den Trunk sich abgetan;
Den Pferden war’s so schwer im Magen,
Fast mußte der Reiter die Mähre tragen.

2. Nun war ein Herr aus Schwabenland,
Von hohem Wuchs und starker Hand,
Des Rößlein war so krank und schwach,
er zog es nur am Zaume nach;
Er hätt‘ es nimmer aufgegeben,
Und kostet’s ihn das eigne Leben.
So blieb er bald ein gutes Stück
Hinter dem Heereszug zurück;
Da sprengten plötzlich in die Quer
Fünfzig türkische Ritter daher.

3. Die huben an auf ihn zu schießen,
Nach ihm zu werfen mit den Spießen.
Der wackre Schwabe forcht sich nit,
Ging seines Weges Schritt vor Schritt,
Ließ sich den Schild mit Pfeilen spicken
Und tät nur spöttisch um sich blicken,
Bis einer,dem die Zeit zu lang,
Auf ihn den krummen Säbel schwang.

4. Da wallt dem Deutschen auch sein Blut,
Er trifft des Türken Pferd so gut,
Er haut ihm ab mit einem Streich
Die beiden Vorderfüß‘ zugleich.
Als er das Tier zu Fall gebracht,
Da faßt er erst sein Schwert mit Macht,
Er schwingt es auf des Reiters Kopf,
Haut durch bis auf den Sattelknopf,
Haut auch den Sattel noch zu Stücken
Und tief noch in des Pferdes Rücken;
Zur Rechten sieht man wie zur Linken,
Einen halben Türken heruntersinken.

5. Da packt die andern kalter Graus;
Sie fliehen in alle Welt hinaus,
Und jedem ist’s, als würd‘ ihm mitten
durch Kopf und Leib hindurchgeschnitten.
Drauf kam des Wegs ’ne Christenschar,
Die auch zurückgeblieben war;
Die sahen nun mit gutem Bedacht,
Was Arbeit unser Held gemacht.

6. Von denen hat’s der Kaiser vernommen.
Der ließ den Schwaben vor sich kommen;
Er sprach: „Sag an, mein Ritter wert!
Wer hat dich solche Streich‘ gelehrt?“
Der Held bedacht sich nicht zu lang:
„Die Streiche sind bei uns im Schwang;
Sie sind bekannt im ganzen Reiche,
Man nennt sie halt nur Schwabenstreiche.“

[1] Maalouf, S. 54

[2] Maalouf, S. 55

[3] Maalouf, S. 216

[4] Wollschläger, S. 113

[5] Horst Stern, Mann aus Apulien,  München 1986, S.  35

[6] Peter Milger, Die Kreuzzüge – Krieg im Namen Gottes, München 1988 (Bertelsmann Verlag), S. 264

[7] ebd., S. 304

[8] ebd., S. 305

[9] Vgl. Marie-Luise Favreau-Lilie, Die italienischen Seestädte und die Kreuzzüge, in: Hans-Jürgen Kotzur (Hrsg.), Kein Krieg ist heilig – Die Kreuzzüge, Mainz 2004, S. 193 ff.

[10] Vgl. Steven Runciman, Geschichte der Kreuzzüge, München 2003 (4.Auflage). S. 595 ff.

[11]  ebd., S. 601

[12] vgl.: Nicolaus Heutger, Die Ritterorden im Heiligen Land: Die Hospitäler und Ordensgemeinschaften, in:

Hans-Jürgen Kotzur (Hrsg.), Die Kreuzzüge – Kein Krieg ist heilig,  Mainz 2004, S. 137 ff.

[13]  J.F.G. Grosser/ Johannes Sobotta, Geistiges Rittertum – Islamische und christliche Tugenden, Berlin

1982, S. 27

[14]  vgl.  Bassam Tibi, Kreuzzug und Djihad – Der Islam und die christliche Welt,  München 2001

[15]  Runciman, a.a.O., S. 908

[16]  vgl. Bassam Tibi, a.a.O., S. 117


Christlich-islamische Zusammenstöße des Mittelalters und der frühen Neuzeit

Bevor die Zusammenstöße beschrieben werden, soll hier kurz die Ausbreitung des Islam nach dem Tod Mohammeds berichtet werden.

Bereits 629 war ein arabisch-islamisches Heer in Palästina eingefallen, jedoch von oströmischen und christlich-arabischen Verbänden geschlagen worden. Im Herbst 633 rückte nun wieder eine starke Armee nach Palästina und Syrien vor. Sie konnte kleinere oströmische Verbände schlagen, kam aber insgesamt nur schwer voran. Tatsächlich leisteten die oströmischen Truppen zum Teil erbitterten Widerstand. So forderte der Kalif Abu Bakr beim Kommandeur der Truppen im Südirak, Al – Walid, dringend Verstärkung an:„Beeilt euch! Beeilt euch! Denn bei Gott, die Eroberung eines Dorfes in Syrien kommt mich teurer zu stehen als eine ganze Provinz im Irak.“

Mit Hilfe der angeforderten Verstärkung wurde der oströmische Widerstand nun gebrochen. Kaiser Herakleios, der nicht mit einem Angriff von solcher Wucht aus der Wüste gerechnet hatte, sandte entschlossen stärkere Truppen nach Syrien, die jedoch Mitte 634 südwestlich von Jerusalem geschlagen wurden.
Die Araber eroberten Damaskus 635, dessen Bevölkerung jedoch geschont wurde. Die Stadt  hatte sich ergeben. Der Kapitulationsvertrag der Stadt sollte Modellcharakter erhalten, wonach die Bevölkerung die Kopfsteuer zu entrichten hatte, aber ansonsten weitgehend ungestört blieb.

Am 20. August 636 fand die Schlacht am Jarmuk im heutigen Jordanien statt. Die oströmischen Truppen waren zwar in der Überzahl, jedoch auch erschöpft vom Marsch und taktisch unterlegen. Die Überlegenheit der arabischen schnellen leichten Reiterei, die Streitigkeiten im kaiserlichen Oberkommando und topografische Nachteile bewirkten, dass die Oströmer vernichtend geschlagen wurden, womit das bislang christlich bestimmte Schicksal Syriens und Palästinas besiegelt war. Herakleios, der nur Jahre vorher mit Mühe die Perser abgewehrt hatte, sah sein Lebenswerk zusammenbrechen und verließ Antiochia, bevor auch diese Stadt an die Araber fiel.

638 kapitulierte das isolierte Jerusalem zu günstigen Bedingungen, das Heilige Grab fiel in die Hände der Araber. Cäsarea in Palästina fiel 640 in arabische Hände – es war die letzte byzantinische Bastion Den Arabern stand nun keine Feldarmee mehr im Weg, so dass sie nach Ägypten vorstießen, wo sie im Juli 640 die Oströmer in der Nähe der heutigen ägyptischen Hauptstadt Kairo schlugen. Alexandria fiel endgültig im Jahre 642 in ihre Hände. Nachdem der organisierte militärische Widerstand der kaiserlichen Truppen gebrochen war, arrangierte sich der größte Teil der Zivilbevölkerung in Syrien und Ägypten mit den Arabern – dies umso eher, als die dortigen Christen zumeist  Monophysiten  waren und sich im Dauerstreit mit den orthodoxen Kaisern befunden hatten.
Im Norden überrannten die Araber Armenien  bis in die Mitte des 7.Jahrhunderts, während in Kleinasien die Gebirgskette des Taurus ein schnelles Vordringen verhinderte. Die Oströmer wichen einer erneuten Feldschlacht aus, so dass Kleinasien letztlich gehalten werden konnte.

In Nordafrika kämpften sich die Araber bis nach Marokko vor. Das oströmische Karthago vermochte sich jedoch bis 697/698 zu halten, denn auch die Berber  bekämpften die Araber, wie sie zuvor die Römer bekämpft hatten. Doch für Byzanz blieb entscheidend, dass das Imperium mit den vorderorientalischen Besitzungen zwei Drittel seines Territoriums und gut die Hälfte der Bevölkerung verloren hatte.
Byzanz brauchte Jahrhunderte, um sich von diesem Schock zu erholen und wieder in die Offensive zu gehen. Doch blieb der Verlust nordafrikanischer Territorien wie auch von großen Teilen Syriens und Palästinas endgültig; er besiegelte das Ende der spätantiken Phase des Reiches, das in der Folge administrativ, militärisch und strukturell einen massiven Wandel durchlief.
Sehr viele Flüchtlinge strömten in die byzantinischen Gebiete und stärkten somit langfristig gesehen das Kaiserreich, das nun gänzlich seinen lateinisch-römischen Charakter verlor und sich zum griechisch-byzantinischen Reich des Mittelalters wandelte.

Islamisch christliche Zusammenstöße des Mittelalters und der frühen Neuzeit

711 kommt es zum ersten Aufeinandertreffen des militärisch expandierenden Islam mit einem christlichen Staat. Ein islamischer Historiker schreibt zur Vorgeschichte: „Der Feldherr Tarik Ibn Zejjad kämpfte im Gebiet von Tanger. Da traf er in der Stadt Ceuta auf einen Mann, dessen Name war Julian. Er war dem Goten Roderich, dem Herrn von El Andalus, untertan. Julian hatte eine seiner Töchter an den Hof des Roderich geschickt. Roderich aber hatte das Mädchen schwanger gemacht. Aus Zorn über diese Schandtat hatte Julian geschworen, er werde die Araber nach El Andalus holen.“ Tarik stimmte mit dem Kalifen überein, dass das Hilfegesuch ausgenutzt werden sollte, um in El Andalus Fuß zu fassen. Julian war ein Lehensmann des verdrängten Königs Witiza, den Roderich verdrängt hatte. Die gotische Oberschicht war also zerstritten, was den eroberungswilligen Muslimen zugute kam. Tarik sprach vor der Invasion folgende Worte:“ Der Prophet Mohammed, Allah gebe ihm Frieden, ist mir erschienen. Er war umgeben von vielen Helden aus Mekka und Medina. Alle waren bewaffnet mit Schwertern, Lanzen und Bogen. Mohammed hat mir zugerufen: Schreite Vorwärts, Tarik! Führe aus, was du dir vorgenommen hast. Dann sah ich, wie der Prophet am Himmel entlang zog, weit über das Wasser hin bis nach Al Andalus.“

Der Sieg der Muslime bei Xeres de la Frontera 711 beendete das Gotenreich, König Roderich verschwand in der Versenkung. Hartnäckigen Widerstand leisteten die Festungen Cordoba und Granada. Neben Plünderungen gab es den Raub einheimischer Frauen, nach arabischen Angaben mussten dreißigtausend Frauen sich auf den Weg zu den Sklavenmärkten der arabischen Welt machen. Innerhalb von vier Jahren war El Andalus erobert, ein eigener Statthalter regierte weitgehend selbständig. Weiter nach Norden zu ziehen war die Devise der Araber. Einen ersten Misserfolg gab es 721, die Eroberung von Toulouse misslang, der König von Aquitanien kam dazwischen, als die Festung schon sturmreif war. Die weiteren Vorstöße erfolgten von Narbonne aus 725, das Land an den Ufern der Rhone sollte erkundet werden, Arles und Avignon bildeten weitere Stützpunkte. Auf viel Gegenwehr stießen die Muslime nicht, geplündert wurden die Klöster Chalon-sur- Saone, Macons undLuxeuil. Das fränkische Reich war durch Adelsfehden geschwächt, lange gab es keine starke Zentralgewalt. Die Eroberung der Stadt Bordeaux in Aquitanien war ein weiterer Sieg der Muslime, König Eudo hatte einen wichtigen Stützpunkt verloren. Aus Frustration verbündete er sich sogar mit seinem langjährigen Feind Karl Martell, dem karolingischen Hausmeier, der die Macht in Franken gewonnen hatte. Karl Martell war entschlossen, gegen die Muslime unter ihrem Feldherren Abdel Rahman Ibn Abdallah zu Felde zu ziehen. Dazu wurde der Heerbann, die allgemeine Mobilmachung, ausgerufen.

Auch Klöster und Kirchen sollten einen Beitrag leisten. Manche Prediger riefen zum Glaubenskampf, das Kreuz müsse gegen den Halbmond siegen, aus allen Gegenden Frankens strömten Krieger herbei nach Westen, den Reitertrupps der Muslime entgegen, die sich zunächst in Sicherheit wiegten. Sie wollten die christlichen Wallfahrtsorte Tours und Poitiers überfallen, in denen prächtige Schätze lagerten. Die Plünderung von Poitiers gelang, die anschließende Schlacht von 732 (bei Tours und Poitiers) endete mit einer Niederlage der Muslime, bei der der Feldherr Abdel Rahmann ums Leben kam., das Reiterheer wurde nicht vernichtet, das Frankenreich erwies sich als stärker. Die islamische Expansion war gestoppt. Karl Martell wird seither als Retter des Abendlandes gefeiert, für Muslime war es die „Schlacht der Millionen Tränen“. Ob der Vormarsch der Araber nach Mitteleuropa nach einer Niederlage der Franken nicht mehr aufzuhalten gewesen wäre, ist fraglich. Man geht davon aus, dass die Araber bei einem Sieg nicht in der Lage gewesen wären, eine Vorherrschaft langfristig zu sichern, weil es einfach zu wenige waren. Tausende Soldaten sind alleine nicht in der Lage, ein Land zu verwalten. Aktueller Bezug: nach dem Feldherrn Tarik ist in Frankfurt eine Moschee in der Mönchhofstraße benannt.

Die Eroberung Konstantinopels 1453 traf das oströmische Reich tödlich, kein anderer christlicher Staat war zur Hilfe bereit. Sultan Mehmet II. galt zunächst als Schwächling und wurde doch wegen seiner Entschlusskraft bekannt. Schon Anfang 1451 baute er eine riesige Festung am Bosporus auf dem Territorium des Kaiserreichs. Die Truppen Konstantinopels waren nicht in der Lage, den Bau dieser Festung zu verhindern, im August 1452 war das Bauwerk fertiggestellt. In Zukunft mussten Schiffskapitäne ihre Ladungen hier inspizieren lassen. Bei Zuwiderhandlungen drohten drastische Strafen. Eine venezianische Galeere wurde versenkt, die Besatzung enthauptet, der Kapitän gepfählt. Unter hunderttausend Mann bereiteten sich auf die Belagerung Konstantinopels vor. Die Belagerungsartillerie des Sultans war gefürchtet, allen hervorragend kämpfenden Soldaten wurde das Paradies versprochen. Die Eroberung dieser wichtigen Stadt sei Allah und dem Propheten angenehm. „Die Einnahme von Konstantinopel ist der höchste Triumph des Islam.“ 1453 wurde die Lage für Konstantinopel ernst, die Abschließung war vollkommen. Kriegsführung im Namen des Islam bedeutete damals, den Herrscher dazu aufzufordern, zu kapitulieren, mit der Zusicherung, Güter und Menschenleben würden verschont. Der Befehl wurde zurückgewiesen, danach begann die Beschießung der Wälle, Ende Mai 1453 begann der Sturm, Zehntausende Christen zogen sich in die Hagia Sophia zurück und beteten. Vergeblich hoffte man, die Kirche würde verschont. Jung und alt wurden weggeführt und waren für Sklavenmärkte bestimmt, Ältere wurden erschlagen.1 Konstaninopel wurde gründlich geplündert, selbst religiöse Gegenstände wurden nicht verschont. Sultan Mehmed II. zunächst frustriert vom Grad der Zerstörung, starb 1481. Seine Hauptstadt war zu dieser Zeit ansehnlich, die Kirchen waren in Moscheen verwandelt worden.

Aktueller Bezug: nicht wenige Moscheen sind nach diesem Mehmed II., dem Eroberer, benannt. Der Name „Fatih“ („Der Eroberer“) deutet darauf hin. Protobeispiel ist die Bremer Moschee. Andere Moscheen tragen den Namen „Ayasofya“ und repräsentieren die Umwidmung der christliche Hagia Sophia in eine Moschee. Ayasofya-Moscheen gibt es unter anderem in Nürnberg, Oberhausen, Karlsruhe und Neuss. 2 Ganz in der Nähe in Aschaffenburg heißt eine Moschee „Ayasofya Cami“.

1529 kam es zum ersten Zusammenstoß zwischen einigen christlichen Staaten und dem osmanischen Reich vor Wien. Suleiman der Prächtige sah sich als Stellvertreter des Propheten an: „Ich, dessen Macht aufrechterhalten wird durch die Gnade des Allmächtigen, durch die Segnungen des größten seiner Propheten, durch den Schutz der vier ersten Begünstigten desselben, ich, Schatten Gottes über beide Welten“ so schrieb er an den König von Frankreich. Sein Schwiegersohn Mustapha äußerte 1528: „Weißt Du nicht, dass unser Herr der nächste ist nach Allah, dass wie nur eine Sonne am Himmel, so auch er der einzige Herr auf Erden ist?“

Anfang Mai 1529 setzte sich ein osmanisches Heer in Marsch zum Heiligen Kriege. „Und von da an wälzte sich nun ohne weiteren Widerstand das barbarische Heer nach den deutschen Grenzen, nach einem Lande, sagen die osmanischen Geschichtsschreiber, in das noch nie die Hufe moslemischer Rosse eingeschlagen. Da traf die orientalische Weltmacht …. mit den Kernlanden des okzidentalischen Lebens, in denen die unterbrochenen Kontinuitäten des Fortschritts des allgemeinen Geistes ihren Sitz genommen und in vollen Trieben war, zusammen.“3

Bei der Belagerung mussten Vorstädte geopfert werden. Ausfälle endete zunächst nicht glücklich, den Gefallenen wurden die Köpfe abgeschlagen, auf Stangen gespießt und als Trophäen in das Zelt des Sultans gebracht. Gefangene wurden vom Sultan mit der Mission betraut, für eine Kapitulation zu werben, nach der die Stadt von den Muslimen verschont werde. Das wechselseitige Stollentreiben entwickelte sich zur Kriegsstrategie, Sprengkammern zur Zerstörung von Mauern wurden angelegt.

In Flugblättern wurde auf christlicher Seite die Angst folgendermaßen ausgedrückt

Ach der Herre Gott im höchsten Thron,

Schau dir diesen großen Jammer an.

So der türkisch wütend Tyrann

Im Wienerwalde hat getan.

Elend vermordet er Jungfrauen und Frauen.

Die Kinder mitten entzwey gehauen

Zertreten und entzwey gerissen

An spitzig Pfahl tet er sie spiessen.

O unser Hirte Jesu Christ

Der du gnedig und barmherzig bist

Dein Zoren von dem Volk abwendt

Erett es aus der Türken Hend

Trotz ungemütlicher Lage war Kaiser Karl V. nicht bereit, für die Rettung der Stadt Soldaten aufzutreiben. Seine Widersacher waren der König von Frankreich, der Papst und die Republik Venedig. König Ferdinand appellierte am 28.August 1529 an die gesamte Christenheit, der Stadt Wien zu helfen – vergeblich, dem türkischen Sultan blieb dies nicht verborgen.

Viermal gab Suleiman den Angriffsbefehl, dreimal hätten es ritterliche Werte nur erlaubt,. Wahrscheinlich war es der hereinbrechende Winter (Oktober), der Suleiman aufgeben ließ. In einem Kriegstagebuch hieß es: „Vom Morgengebet bis zum Abend schneite es in einem fort. Einige der Soldaten fanden wegen einer Überschwemmung ihr Gepäck nicht wieder.“ Unter hohen Opfern der Bevölkerung war die Stadt gerettet worden.4

Die weiblichen Gefangenen klagten

Ach weh uns armen Frawen weh

Nun werden wir frolich nymer meh

Seyd wir von den Thürkische mannen

Ins Elend wern geführt von dannen

Aus unserem Christenvaterland

Von Ehr und Gut in Laster und Schand

Von Eltern, Männern, Kindern, Freunden,

Hin zu den unchristlichen Fremden

Nun haben wir auf Erd kein Trost

Dass wir vom Thürcken würden erlöst

1532 führte Suleiman dann Krieg in der Steiermark. Ferdinand erklärte sich bereit, jährlich 30 000 Gulden zu zahlen, wer zahlte galt als abhängig.

Eine der merkwürdigsten Auseinandersetzungen zwischen Türken und Christen fand 1565 um Malta statt, das die Türken vom 18. Mai bis zum 8. September 1565 belagerten. Wie durch ein Wunder konnte das zahlenmäßig weit unterlegene Heer des Johanniterordens, der in Malta beheimatet war, den türkischen Ansturm zurückschlagen. Ein spanisches Entsatzheer war zu Hilfe gekommen. Der Großmeister (Führer) des Johanniterordens, Jean Parisot de la Valette, konnte die Insel dem Orden für mehr als zwei Jahrhunderte retten. Die nach ihm benannte Stadt La Valletta wurde kurz darauf gegründet. Der Erfahrungssatz „Der Türke kehrt immer zurück“ traf diesmal nicht zu. Das Arsenal von Konstantinopel wurde wahrscheinlich von Spionen des Ordens in die Luft gesprengt, Werft und Flotte des Sultans Suleiman weitgehend zerstört. 1566 starb schließlich der Sultan während eines Feldzuges in Ungarn. (Fußnote 4a)

Die zweite Belagerung Wiens durch die Türken endete erfolgloser als die erste. Zwei Monate lang belagerte ein türkisches Heer mit einem riesigen Troß die Stadt Wien.Am 12. September 1683 besiegten polnische, sächsische und habsburgische Truppen unter Erzherzog Karl von Lothringen und dem polnischen König Johann III. Sobieski die Osmanen in einer langen und blutigen Schlacht. Die Beute der Sieger war enorm, als „Türkenbeute“ ist sie in Völkerkundemuseen zu sehen. Nutznießer des Sieges war in erster Linie Habsburg. Für die Osmanen war die Niederlage verheerend, der Großwesir Mustafa Kara wurde umgebracht. Das osmanische Reich hatte nicht mehr die Kraft, derartige Niederlagen wegzustecken. Es brauchte die Beute, um sich selbst bezahlen zu können. (Fußnote 4b)

groswesir-kara-mustafa

Großwesir Kara Mustafa

Aktueller Bezug dazu in der FR vom 6.6.2005

Kara Mustafa · Der in Wien aufbewahrte Kopf des türkischen Großwesirs, erfolgloser Feldherr bei der Belagerung Wiens 1683, soll endlich eine letzte Ruhestätte finden. Noch liefen Versuche, die mangels Totenschein unbestätigte Echtheit des Schädels zu prüfen, berichtete die österreichische Nachrichtenagentur APA. Der osmanische Großwesir Kara Mustafa Pascha (1635/36- 1683) hatte 1683 den Feldzug gegen Österreich und die Zweite Türkenbelagerung Wiens geleitet. Wegen Misserfolgs ließ ihn der Sultan später köpfen. Im Zug der habsburgischen Eroberung Belgrads kam der Schädel nach Wien. Die Türkei bezweifelt die Echtheit des Schädels und zeigte bisher kein Interesse, ihn zurückzuerhalten. dpa

 

Endgültig geschlagen wurden die Türken in der Schlacht von Peterwardein vom 5.August 1716. Der türkische Großwesir erlitt ein melancholisches Schicksal. Als er seine Reiterei auf dem Rückzug, die Janitscharen wanken und sein Heer fliehend sah, stürzte er sich in das Kampfgetümmel. Eine österreichische Kugel traf ihn tödlich. Eugen gewann die Schlacht nach fünf Stunden, die Türken mussten 6000 Tote hinnehmen. Das türkische Lager fiel mit reicher Beute in die Hände der Kaiserlichen: Geschirre und Sättel der Pferde, persische Teppiche und Stoffe, Pferde und Kamele. Der siegreiche Feldherr behielt das Zelt des Großwesirs, luxuriös und mit Räumen aus Gold und Seide; 500 Mann waren erforderlich, um es aufzuschlagen. „Innerhalb der gesamten Christenheit herrschte freudige Erregung über die Niederlage der Ungläubigen bei Peterwardein. In Wien waren die Straßen voll von Menschen und in Rom wurden auf Anordnung des Papstes alle Glocken geläutet und die Straßen der Stadt beleuchtet. An Eugen sandte der Papst einen Ehrendegen und Hut in Anerkennung der überragenden militärischen Verdienste des Prinzen um die Christenheit und die katholische Kirche.“5

Legen wir die Ereignisse von 1571 nach, die einen weiteren Höhepunkt türkisch-habsburgischer Auseinandersetzungen bildeten. 1568 wird Don Juan D’Austria, ein unehelicher Sohn Karls V., zum Oberbefehlshaber der spanischen Mittelmeerflotte ernannt. Seine Worte bei seiner Ernennung sprechen von hohem Selbstbewusststein: „Diese Flotte, an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe, ist die schönste der Welt und gleichzeitig die mächtigste, die dem Halbmond bisher entgegengetreten ist. Auf uns ruhen die Augen der gesamten Christenheit. So bin ich denn entschlossen, sofort die türkische Flotte zu suchen und zu besiegen.“6 Der Feldherr weiter: im Jahre 1565 habe das Selbstvertrauen der osmanischen Feldherren schweren Schaden erlitten, ihr Glaube an Allahs Beistand sei erschüttert worden. D’Austria weiter: „Nicht nur die Küsten sind Bedroht durch die Galeeren der Barbaren, auch die heilige Stadt Rom liegt ungeschützt, den Moslems zur Beute preisgegeben. Das Grab des Petrus zuschänden, das ist die Absicht der Ungläubigen. Ist Rom aber gefallen, dann ist die Sache Christi verloren in Europa.“ Wieder einmal wird die Entscheidungsschlacht zwischen Kreuz und Koran geschlagen. Die Schlacht fand am 7. Oktober 1571 bei Lepanto statt. Der türkische Befehlshaber, Ali Pascha, wurde erschlagen. Die Heilige Liga siegte, doch war ihr Sieg nicht vollständig. Der Gouverneur von Algerien, Uluch Ali, konnte einen Teil der Schiffe an Sultan Selim II. zurückbringen. Schon ein Jahr später war die türkische Flotte reorganisiert. Zypern wurde 1573 von Venedig aufgegeben, obwohl die Heilige Liga für dieses Gebiet gekämpft hatte. Die Vertreibung der Portugiesen aus dem Indischen Ozean, die Uluch Ali bezweckte, gelang unter Sultan Murad III. nicht, der Christen mehr im eigenen Land bekämpfte. Kirchen wurden unter seiner Herrschaft in Moscheen umgewandelt. Nach der Schlacht von Lepanto wurden weder Italien noch Spanien mehr von türkischen Geschwadern bedroht. Die islamische Energie zur See war erloschen. Das Ereignis war so bedeutend, dass es sogar auf dem Deckengemälde der „Kirche zu Unserer Lieben Frau“ in Günzburg bildlich dargestellt ist. Maria greift in den Entscheidungskampf zwischen der christlich-abendländischen und der türkischen Flotte ein.7

 

1 Gerhard Konzelmann, Die islamische Herausforderung, München 1988,  S. 158

2 Udo Ulfkotte, Der Krieg in unseren Städten. Wie radikale Islamisten Deutschland unterwandern, Frankfurt am Main 2004, s. 104 ff.

3 Leopold von Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation Band 2, Hamburg o. J., S.107

4 Gerhard Konzelmann, Die islamische Herausforderung, München 1988, S. 172

4a Vgl. Ingeborg Tetzlaff, Malta und Gozo, Köln 1988 (DuMont Kunst-Reiseführer), S. 67 ff.

4b Michael Neumann-Adrian, Christoph K. Neumann, Die Türkei. Ein Land und seine 9000 Jahre alte Geschichte, München 1990, S. 257

5 Nicholas Henderson, Prinz Eugen. Der edle Ritter, München 1978 (Heyne Biographien), S. 310

6 Konzelmann, a.a.O., S. 199

7 Kirche zu Unserer Lieben Frau in Günzburg, Führer, S. 14

1860: Das Massaker an Christen in Damaskus

Wahrscheinlich starben über 3.000 Personen in den Christenvierteln von Damaskus im Juli 1860. 32.000 Christen lebten damals in dieser Stadt. Der türkische Gouverneur hatte wenig dagegen getan. 1260, sechshundert Jahre vorher, war es zu einem Pogrom an Christen gekommen. 1258 hatten die Mongolen Bagdad erobert. Arabische Christen aus Damaskus hatten sich hilfesuchend an die Mongolen gewandt, um Unterstützung gegen die Mamluken zu erhalten. Der Sultan Baibar konnte die Mongolen vertreiben und wütete darauf gegen die Christen von Damaskus. In der syrischen Hauptstadt entzündeten sich die Feindseligkeiten im Streit zwischen arabischen und christlichen Kaufleuten. Hintergrund bildete die Tatsache, dass von den Franzosen betriebene Schulen mit westlichen Lehrplänen auch für die muslimische Oberschicht Anklang fanden, was den geistlichen Rechtsgelehrten mißfiel.

Zu Massakern kam es auch im Libanon. Frankreich nutzte sie, um im Libanon und Syrien als Schutzmacht der Christen aufzutreten. 8    Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wuchs der christliche Einfluss im Nahen Osten trotz dieser Massaker.

8 Vgl. Gerhard Schwarzer, Syrien verstehen- Geschichte Gesellschaft und Religion, Stuttgart 2015, S. 265 ff.

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