Kurztrips Alzenau und Umgebung – Aschaffenburg – Dieburg – Schöllkrippen- Glauburg

Geschichte der Synagoge in Alzenau – die Reichspogromnacht 1938 in Alzenau und Hörstein

Im 17./18. Jahrhundert besuchten die Alzenauer Juden die Synagoge in Wasserlos. Um 1820 beschloss die Alzenauer jüdische Gemeinde den Bau einer neuen Synagoge.Eine ältere Synagoge hatte sich als zu klein erwiesen. Man erwarb ein Grundstück an der heutigen Alfred-Delp-Straße. Auf diesem wurde 1825/26 eine Synagoge erbaut. Zudem entstanden eine Mikwe und eine Lehrerwohnung. 1826 wurde die Synagoge eingeweiht. Die Wasserloser Juden waren wahrscheinlich finanziell beteiligt.

Die Synagoge befand sich in der Nähe der Metzgerei Pflaum, früher Metzgerei Hein. Mit dieser hatte die Synagoge des öfteren Streit. 1898 wurde die Synagoge sogar einmal mit einem Bretterverschlag versehen. Es ging um der Viehtrieb auf dem Synagogengelände. Ein Vergleich brachte eine Lösung: der Metzgerei Hein wurde gestattet, Vieh über das Gelände zu treiben, ohne den Eingang zur Synagoge mit seinem Wagen zu verstellen. Am Sabbat und anderen jüdischen Feiertagen musste Hein hinnehmen, keinen Mist aus seinem Anwesen zu transportieren. Die Jauche auf dem Weg zur Synagoge fehlte aber in den Folgejahren nach wie vor nicht. 1901 wurde die Synagoge umfangreich renoviert, 1903 entstanden Klappsitze für Männer. Die Männer bekamen in der Synagoge das Parterre zugewiesen, Frauen und Mädchen den ersten Stock. 1911 wurde der Weg zur Synagoge gepflastert. Eine Besonderheit gab es noch an der Außenseite der Synagoge. Ein Stein war dort angebracht. Nach der Hochzeit musste der Bräutigam ein Glas gegen diesen werfen. Erinnert werden sollte an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem.1 Das Wasser für die Mikwe wurde bis 1913 dem Entenbach entnommen. Danach wurde ab 1913 das Wasser von einer Quelle aus dem Anwesen des Gasthofes Köbert zur Synagoge geleitet.

1926 war die Hundertjahrfeier der Synagoge, ein denkwürdiges Ereignis, das überregional Aufsehen erregte. In der “Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung” hieß es am 3. 12. 1926 dazu:” … Seit vielen Jahrhunderten ist im Kahlgrunde auch eine jüdische Bevölkerung ansässig, die nachweislich im 17. Jahrhundert in dem Alzenau benachbarten Wasserlos 30, in Alzenau 12 Familien zählte. Heute hat sich das Zahlverhältnis der jüdischen Bevölkerung der beiden Orte, welche eine Kultusgemeinde bilden, umgekehrt. Während im 17. und 18. Jahrhundert die Juden von Alzenau allsabbatlich zur Synagoge nach Wasserlos wanderten, besuchen heute die jüdischen Familien von Wasserlos die Synagoge zu Alzenau, deren Grundsteinlegung und Bau urkundlich auf das Jahr 1826 festgestellt ist.

Das 100 jährige Bestehen ihres Gotteshauses gab der Gemeinde Alzenau-Wasserlos Anlass zu einer Gedenkfeier, in deren Rahmen die gleichzeitige Feier der 25jährigen Wirksamkeit ihres Lehrers in der Gemeinde mit eingefügt war. Was dieser Doppelfeier die charakteristische Note und für den fremden Teilnehmer den eigenartige Reiz verlieh, war die Beteiligung der gesamten christlichen Bevölkerung des Marktfleckens an dieser jüdischen Feier. Ein seltener Fall in unserem engeren Vaterlande, dass solch friedliche Harmonie zwischen den verschiedenen Glaubensbekenntnissen eines kleinen Ortes besteht, das auch in den politisch unruhigsten Zeiten des vergangenen Jahrzehnts niemals durch den leisesten Misston getrübt war” …Lehrer war damals Benzion Wechsler (geb. 1874 in Schwabach), der seit 1901 die Ämter des Lehrers, Kantors und Schächters bis zu seinem Ruhestand (1938) inne hatte.

Die Ereignisse der Reichspogromnacht vom 9./10. Novenber 1938 sollen hier ausführlich geschildert werden. Auch die Aussagen der Beschuldigten des Pogroms sollen in Teilen widergegeben werden.    

Grundlage der Beschuldigung Alzenauer Bürgerinnen und Bürger zur Reichspogromnacht bildete ein Schreiben einer 1938 etwa 18 jährigen jungen jüdischen Frau aus Alzenau, die in die USA emigriert war.1 Danach folgt der Brief eines nach New York ausgewandereten Alzenauers. Die Orthografie ist nicht immer hundertprozentig richtig.

Sehr geehrter Herr R., … Diese Woche jährt sich der 10. November und da will ich so weit ich mich noch an alles erinnere und Ihnen alles schreiben wie … es an diesem schrecklichen Tage in Alzenau vor sich ging, denn ich vielleicht mehr als jeder überlebende Jude aus Alzenau, kann Ihnen alles so schreiben wie es war. Ich habe eine ganze Liste von Nazies und ich hoffe dass Sie alle diese Gangster und Verbrecher ihren Lohn geben können oder wenigstens veranlassen können. Hier ist es so wie ich es erlebt habe. Als Zeuge und Victim mache ich die folgenden Angaben.

Am 10.November als mein Vater in die Synagoge kam, die gleich neben unserem Haus war, war dieselbe teilweise demoliert und der Almemor (erhöhter Platz mit Toralesepult) sowie auch der Ohraun hakodesch (Toraschrein) angehackt mit einem Beil etc. Ich sah es selbst. Dieses geschah in der Nacht vom 9. auf 10.November 1938. Während des Tages zogen Horden von Nazis vor unserem Hause und der Synagoge auf. Wie man sagte hat P. und E. W. Spitzel beherbergt. …

J. R., Sohn des früheren Ortsdieners H. R., stand Schmiere während Horden von Nazies in die Synagoge eindrangen und bei F. H. der in der Wohnung oben in der Synagoge wohnte. In der Synagoge wurde alles kurz und klein geschlagen auch bei F. H., bei dem sie sogar die Betten aufschlissen und den Herd zum Fenster heraus wurfen. Die Sefer Toras ( das sind die Torarollen) verrissen sie auf der Strasse und in den Wegen zwischen P. und uns war ein richtiges Papiermeer von zerrissenen Sefer Toras und Gebetbüchern. Besonders hervor taten sich bei der Aktion folgende Personen. Die beiden Gebrüder F.. die Gebrüder G.. L. G. von der damaligen Hitler Jugend und dessen Vater. K., der damalige Ortsgruppenleiter, K. E. und dessen Sohn W., Dr. B. Lehrer B., bei dem ich mehrere Jahre in die Schule ging und der schon von Anfang an gegen die jüdischen Kinder discriminiert hat. J. und H. H. (genannt Kirchgickel) wohnhaft im Hause von Sattler N.. SS Mann G. (wohnhaft auf der Oberschur.)

Ganz besonders tat sich hervor der lange K. Der auf der Else wohnt, ein junger Mann der heute ungefähr 28 Jahre alt ist. Der Vorname ist mir unbekannt, aber es wird Ihnen jedersagen können wer er ist. Derselbe hat bei uns öfters die Fensterscheiben eingeschmissen vor dem 10. Nov. 1938. Und viele andere, die heute vielleicht keine Nazis mehr sein wollen.

Mittlerweile hatten die Banden alles bei uns im Hause kurz und klein geschlagen stahlen alles was noch ein bisschen Wert hatte und alles das Wert hatte darunter auch einige tausend Mark. Zwei Brilliantenringe und sonst noch wertvoller Schmuck alles Erbstücke von meinen Grosseltern beiderseits sowie Silber und vieles andere wurde gestohlen. Auf dem Heimwege zurück nach Hörstein gerieten die beiden G. in Streit wegen der Teilung des gestohlenen Gutes, wie wir hörten. Wie ich in der Zwischenzeit erfuhr hat die Frau von A.G. aus Hörstein die Diamantringe. (Beide Ringe hatten soviel ich weiß Monogramme und Daten). Nachts um 2 Uhr kamen die Banden nochmals und da meine Eltern nicht fähig waren zu laufen noch zu rühren musste ich mit acht verwegenen Nazis mit in unser Haus in dem weder Türe noch Fenster waren, die Lichtleitung war durchschnitten und es war alles dunkel. Sie machten nochmals Haussuchung und meine Tante K. H. war halb bewusstlos auf der Treppe gelegen, von wo sie die Verbrecher hinunter wurfen.

Am Abend als wir, das heißt meine Eltern und ich nicht mehr wussten wohin flüchteten wir uns auf die Polizei wo wir von dem Kommissar und den Gendarm so viel ich mich erinnern kann war es R., der wegen seiner Judenhasse bekannt war, warf uns hinaus. Auf dem Heimwege durch die breite Wiese wurde auf uns geschossen. Am nächsten Tage wurde mein Vater verhaftet für 2 Wochen, von diesen Lumpen weil er angeblich gesagt haben sollte es ist gestohlen. Er musste es in der Zeitung zurücknehmen lassen.

Meine Mutter bekam einen Herzanfall, wir wussten nicht wohin, da alles kaputt geschlagen war, so tat ich meine Mutter in das Hospital. Da wurde sie von den Katholischen Schwestern auf Anlass der Behörde hinausgeworfen. Wäre es nicht um N. gewesen bei denen wir ein paar Nächte Obdach fanden (meine Mutter und ich) so hätten wir nicht gewusst wohin.

Herr R. können diese Lumpen wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruch, Raub und Plünderung angezeigt werden? Wenn ja dann sind Sie von mir bevollmächtigt dieses zu tun. Mein Onkel Herr M. S. schrieb mir heute, dass Gendarm A. ganz genau weiß wer bei uns alles geplündert hat und nach dem 10. November noch mehrere male eingebrochen hat. Auch dass der Sohn von R. M. der auch einmal Ortsredner war ein Meisterstück am 10. November geleistet hat.

Lieber Herr R., ich hoffe recht bald von Ihnen zu hören und ich hoffe dass ich Ihnen weiter wenn möglich behilflich sein kann diese Verbrecher zur Sühne zu bringen was ja wohl nie wahr werden wird.“

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Das Schreiben von M.B. war datiert vom 6. November 1946, Adresse: 35-28 99 Street Corons, L.I., N.Y.

 

 

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S. O.

5307 Fort Hamilton Parkway

Brooklyn 19, N.Y. April 25, 1948

Herrn E. Pf.

Ermittler der Spruchkammer,

Haupstrasse 3 ½ A.

Schöllkrippen/ Ufr.

In Beantwortung Ihrer Zuschrift vom 5, Febr. 1948 betr.: Judenpogrom in Alzenau teile ich ihnen folgendes mit: Die judenfeindliche Hetze in Alzenau wurde in der Hauptsache von folgend Nazis angestiftet & geschuert: 1. K. E. 2. H. E. 3. Lehrer B. 4. E. W. 5. ein gewissser Sch. von Offenbach 6. M. Schwiegersohn von ehemaligem Buergemeister P. 7. J. P. Angesteller der Brauerei Stein

Alle oben genannten sind die geistigen Urheber und verantwortlich fuer die judenfeindlichen Aktionen in Alzenau. Es ist dabei von ganz geringer Wichtigkeit wer eigentlich die „Heldentaten“ vollbracht hat. In den meisten Faellen waren diese Burschen die entweder der S.A. oder Hitlerjugend angehoerten und taten was ihnen von den oben genannten aufgetragen wurde, nachdem diese die Aktionen vorher geplant hatten. Ganz besonders hervorgetan bei der Ausfuehrung haben sich die Brueder F., E. jr., K. R. Sohn von Metzger J. R., G. Hanauer Str. Angestellter der Creditkasse, A. R., H. mit Beinverletzung wohnhaft auf der Elze.

Welcher gerade diese oder jene Fensterscheiben eingeworfen, oder Juden auf der Strasse misshandelt oder bei der Synagogenaktion sich besonders hervorgetan hat ist in den meisten Faellen heute nicht mehr festzustellen und auch gar nicht wesentlich. Die Juden sind natürlich nicht auf der Strasse stehen geblieben sondern haben sich verkriechen muessen und sind daher am wenigsten in der Lage ganz genau zu sagen dieser oder jener hat dieses oder jenes getan. Der groesste Teil der Alzenauer Bevölkerung hat sich gefuerchtet und fuerchtet sich auch heute noch gegen die Angeklagten als Zeugen aufzutreten, obwohl jeder an so einem kleinen Ort genau weiss & wusste wer die Uebeltaeter sind. Dass die Angeklagten heute sich alle als unschuldig hinstellen ist ein weiterer Beweis dafuer wie sie den Angaben der Partei auch heute noch Folge leisten. Schon im Jahre 1943 waren von der Partei aus alle Plaene genau ausgearbeitet im Falle einer Niederlage der Nazis, wenn alles schief gehen sollte. Dabei ist auch schon festgelegt worden was jeder aussagen soll wenn er einmal dieserhalb vor Gericht kommen sollte. Dafuer sprechen auch die Aussagen der verschiedenen Angeklagten, welche in ihrem Inhalt alle ziemlich gleich sind und vorher genau einstudiert waren. Mit Juden als Zeugen hat man natuerlich nicht mehr gerechnet, da man glaubte, dass man diese bis dahin alle umgebracht habe.

Ich habe versucht mit diesen Zeilen ein ungefaehres Bild zu geben, bin jedoch nicht in der Lage zu beschwoeren welcher von den Nazis Gegenstaende aus der Synagoge gestohlen oder Herrn J. H. Geld abgenommen hat, da wie bereits erwaehnt ich nicht dabei gestanden habe und ausserdem selbst verhaftet worden bin.

April 28 – 1948 Hochachtungsvoll

S. G. S. O.

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Die Landpolizei Unterfranken verfasste im Dezember 1948 eine zusammenfassende Darstellung der Vernehmungen.

Landpolizei Unterfranken Aschaffenburg, den 3.12.48

Kriminalaußenstelle

Aschaffenburg

Tgb.Nr. 211/48

Betr.: Judenpogrom 1938 in Alzenau

Beilagen: 1.) Akt der Staatsanwaltschaft Aschaffenburg (1 Js-1090/47)

  1. 7 Akten der Spruchkammer Alzenau

  2. 2 Protokoll-Abschriften der Spruchkammer Alzenau

  3. 1 Brief des S. O., Brooklyn (USA)

  4. 1 Ortsplan von Alzenau

  5. Vernehmungsniederschriften

An die Staatsanwaltschaft für den Landgerichtsbezirk Aschaffenburg

Im Auftrage der Staatsanwaltschaft Aschaffenburg vom 24.9.48 waren auf Grund der bisherigen Unterlagen weitere Ermittlungen im Judenpogrom Alzenau zu tätigen.

Bei einer am 5.10.48 stattgefundenen Rücksprache mit dem Öffentlichen Kläger der Spruchkammer Alzenau, Herrn N., und dessen Ermittler Pf. wurde mir erklärt, daß sämtliche Verfahren der vermutlich an der Judenaktion beteiligten Personen von der Spruchkammer Alzenau abgeschlossen sind und daß in keinem Falle eine Verurteilung wegen Beteiligung am Alzenauer Pogrom hätte erfolgen können. Gerade die Alzenauer Judenaktion sei sehr schlecht zu ermitteln gewesen, da verhältnismäßig sehr wenig Belastungsmaterial eingegangen sei und zumal auch die in Amerika lebenden ehemaligen Alzenauer Juden trotz schriftlicher Aufforderung keine Antwort gegeben hätten. Nur der Jude S. O. habe geantwortet, aber auch hier seien konkrete Angaben nicht gamacht worden. (Siehe beiligender Brief des O.). Auch die M. B., geb. H., früher in Alzenau wohnhaft, habe außer dem bekannten Schreiben vom Juli 1947 trotz Aufforderung keine näheren Ausführungen mehr gemacht.

Bei der Spruchkammer waren 2 Protokoll-Abschriften (K.R. und L. M., beide aus Alzenau) vorhanden, die zu den Akten genommen und ausgewertet wurden.

Außerdem wurden die bei der Spruchkammer Alzenau greifbaren Spruchkammerakte der bereits früher ermittelten Beschuldigten A.R., P.K., J.F., A.F., W.E., K.E. und H.E., alle aus Alzenau, erholt und dem Akt beigenommen. Die Akten J.R., K.K., K. R. aus Alzenau sollen sich beim Berufungssenat befinden.

Nach Auskunft der Militärregierung in Alzenau sollen sich dort keine Unterlagen mehr befinden, die Sachdienliches zur Judenaktion Alzenau zum Gegenstand haben.

Wie aus beiliegenden Vernehmungsniederschriften ersichtlich, wurden eine Anzahl der im Schreiben von M. B. genannten Personen, sowie Personen aus den Nachbarhäusern der Synagoge und der Judenanwesen vernommen, wobei aber soviel wie nichts Positives erreichte wurde. Auch bei der Anzahl mündlich befragter Personen musste festgestellt werden, daß heutzutage niemand mehr etwas Belastendes aussagen will und sich der Befragte damit entschuldigt, daß die Tat schon so lange zurückliege und daher die Vorgänge nicht mehr erinnerlich seien,. Das vielfach in Alzenau kursierende Gerücht, daß die Aktion hauptsächlich von den älteren Schülern unter Mitwirkung ihrer Lehrkräfte , insbesonder des Gewerbelehrers B. ausgeführt worden sei, dafür konnten keine Beweise geliefert werden. Ich verweise auf die Angaben des Bürgermeisters A. und des Gewerbelehrers A.

Auf Grund der durchgeführten Ermittlungen dürften sich nach beiliegenden Zeugen- und Beschuldigtenaussagen, außer den bereits früher ermittelten, sich noch folgende Personen an der Aktion beteiligt, bzw. Sachen aus Judenbesitze gstohlen haben:

Erwachsene: B. A, geb. R., wohnhaft in Wasserlos

K.E., geb. R., z.Zt. wohnhaft in Langenselbold (Schwester der B. A.)

Jugendliche: G.K. aus Alzenau,

K.F. aus Alzenau (gefallen)

S.E. aus Alzenau

G.N. aus Alzenau

H.B. „ „

H.H. „ „

Bemerkt wird noch, daß nach den gemachten Wahrnehmungen der Inhalt des belastenden Schreibens der M. B. in ganz Alzenau so bekannt und geradezu in der Zwischenzeit populär wurde, daß sich jeder Betroffene entsprechend einstellen konnte und schon vermutlich aus diesem Grunde jede Anschuldigung strikte abgestritten wird. Es wird auch von vielen Seiten die Ansicht vertreten , daß die damals 14-jährige M. B. den Inhalt des Schreibens nicht aus eigener Kenntnis geschrieben hat, sondern daß die Angaben vermutlich von Alzenauer Bekannten ihr mitgeteilt wurden. Die M. B. gibt in ihren Schreiben an, daß sie von den Gebrüdern G. (V. und A. G. aus Hörstein) mißhandelt worden sei, was von den Gebrüdern G. entschieden bestritten wird. Wie aus dem beiliegenden Spruchkammerprotokoll des R.K. ersichtlich ist, wurde R. wegen Mißhandlung der M.B. von den Zeugen M. und E. H. belastet. Zeugen wollen diese Belastung persönlich durch die M. B. kurz nach der Judenaktion in Alzenau erfahren haben.Von der Spruchkammer daher wurde diese Belastung nicht als Tatsache angenommen. Es erscheint m.E. erforderlich, daß die Zeugin M. B. aus Corons (USA) über ihre gemachten Angaben und Wahrnehmungen eidlich vernommen wird.

Die Beschuldigte E.K. aus Langenselbold macht den Eindruck einer geistig beschränkten Person und sie will ihre zugegebene Tat unter dem Druck der damaligen inzwischen verstorbenen Arbeitgeberin, Frau Apotheker H. aus Alzenau ausgeführt haben. Frau H. war als fanatische Nazistin bekannt und es kann angenommen werden, daß sie die K. tatsächlich hierzu veranlaßt hat. Auch der Zeuge E.R. aus Alzenau bestätigt, daß die K. ihm diese Tatsache kurz nach der Aktion auf Befragen erzählt hätte. Die E.K. wurde in Alzenau allgemein als „die närrische E.“ bezeichnet. Nach Mitteilung der Spruchkammer Alzenau wurde die E.K. durch das Gesundheitsamt Hanau inzwischen als geistig beschränkt erklärt und daher der § 51 StGB zugebilligt.

Die Tatzeit der Judenaktion steht nicht einwandfrei fest. Im allgemeinen wurden die Aktionen in der Nacht vom 8. auf den 9.11.1938 in anderen Orten durchgeführt. Nach Angaben der Zeugen Bürgermeister A., Alzenau und nach dem Schreiben der M. B. dürfte die Aktion in Alzenau einen Tag später, also in der Nscht vom 9. auf den 10.11.1938 stattgefunden haben.

Die Ermittlungen ergaben, daß in Alzenau eine Synagoge und 22 Judenhäuser vorhanden waren. Bei der Aktion wurde die Synagoge weder gesprengt noch angezündet, sondern es wurde in dieser die Inneneinrichtung vollständig demoliert. Außerdem sollen nur in 2-3 Judenhäusern die Inneneinrichtungen sehr stark zerstört worden sein, während die übrigen Judenhäuser nur ganz gering beschädigt worden sein sollten. Diebstähle und Plünderungen sollen ausgeführt worden sein. Der Gesamtschaden kann von hier nicht geschätzt werden.

Als Haupttäter der Judenaktion in Alzenau werden immer wieder auswärtige, unbekannte SS- oder SA-Leute gemannt. Auch der angeblich beteilgte K.R. aus Alzenau gab bei seiner Vernehmung vor der Spruchkammer Alzenau an, daß er 10 -12 Mann in schwarzer Uniform am Tatort gesehen habe und daß dies angeblich die Gruppe „Neuner“ von Aschaffenburg gewesen sein soll. Diese Gruppe habe früher öfters in der Wirtschaft Sittinger in Alzenau getagt.Eine SS-Gruppe„Neuner“ aus Aschaffenburg konnte trotz eingeholter Erkundigungen in Aschaffenburg nicht festgestellt werden. Der SS-Mann K.A. von Alzenau gibt in seiner Vernehmung zu, daß in der Wirtschaft Sittinger öfters SS-Leute aus Aschaffenburg , darunter auch der SS-Sturmführer J. verkehrt sei, aber eine Gruppe „Neuner“ seien nicht bekannt. Die Einheit der SS-Leute von Alzenau und Umgebung sei als der Sturm „Neun“ bezeichnet worden. Führer des Sturms „Neun“ sei ein gewisser B.R. aus Aschaffenburg gewesen.

Festgestellt wurde, daß Obersturmführer B.R. aus Aschaffenburg sich bis vor kurzer Zeit im Interniertenlager befand. Nach Mitteilung der Eltern des R. befindet B.R. nicht mehr in Aschaffenburg, sondern er soll sich bei seiner Familie in Dorfmark, Kr. Fallingpostel bei Hannover, Großer Hof Nr. 1 befinden. Die Ehefrau heißt C.R..

Weitere Beschuldigte konnten nicht ermittelt werden. Die Ermittlungen werden noch fortgesetzt und im Erfolgsfalle Bericht erstattet.

Gesehen: P. H.

Ob.Komm.d.LP: Komm.d. LP.

 

1Staatsarchiv Würzburg, Staatsanwaltschaft Aschaffenburg, Ermittlungsakten 196



Die hier nachfolgend geschilderten Vernehmungen geben den mainstream der Aussagen wider. Die Vernommenen bestreiten die Anschuldigungen der in die USA ausgewanderterten jüdischen jungen Frau. Das waren in den mir vorliegenden Dokumenten 16 Einzelpersonen oder Familien.

Vernehmungsniederschrift

Vorgeladen und zur Wahrheitsangabe ermahnt, gibt der verheiratete Kraftfahrer R. K. auf Vorhalt folgendes an:

                  1. Zur Person

R., Vorname K.J., geb. 16.6.1905 in Alzenau, AG., selbst., Sohn der Fabrikarbeiterseheleute E. und M. R., geb. B. , verh. Kraftfahrer, röm. kath., deutscher Staatsangehöriger, angeblich nicht vorbestraft, wohn

haft in Alzenau, Waldstrasse 20

Wirtschaftliche Verhältnisse: Eigenes Einfamilienhaus, Barvermögen 800.- . Wöchentlicher Verdienst von 50 – 60.- RM. Hat für Frau und 4 Kinder im Alter von 19 – 5 Jahren zu sorgen.

2. Zur Sache

Mit meinen 4 jüngeren Geschwistern bin ich in Alzenau im Elternhaus in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Nach der Schulentlassung habe ich als Bauarbeiter in Hanau/ Frankfurt gearbeitet. Ich gehörte dann als Mitglied der KPD – Rote Hilfe, Sitz Nürnberg an und später dem freien Gewerkschaftsbund bis zur Auflösung 1933. Desgleichen im Arbeiterverein Alzenau. 1939 oder 40 wurde ich gegen meinen Willen – auf Veranlassung des damaligen Geschäftsführers der Cellulosefabrik Alzenau M. K- – in die NSDAP aufgenommen,der ich dann bis Kriegsende angehörte. Irgend ein Amt innerhalb der Partei habe ich zu keinem Zeitpunkt bekleidet. Zur Wehrmacht wurde ich wegen Untauglichkeit – schwere Unfälle – nicht einberufen.

In der Nacht vom 8. auf 9. 11. 1938, das heisst an dem Abend des 8.11. war ich mit noch mehreren Alzenauern in der Wirtschaft Neumann. Ich verliess dann so etwa um 21 oder 22 Uhr, die Zeit kann ich heute nicht mehr genau angeben, das Lokal und begab mich auf den Heimweg. Ich hörte plötzlich eine laute Schreierei und einen Mordskrawall und ging auch drauf zu. Ich sah sehr viele Leute die Strasse (Entengasse) entlang laufen. Ich stand dann am Hofeingang des J. H. und sah Männer im Hofe rumlaufen- ich kann heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagten, ob die Leute SS Uniform trugen oder nicht. Jedenfalls war unter ihnen kein einziger Alzenauer. Ich stand ungefähr 10 Minuten dort und ging dann weiter nach Hause.

Auf dem Weg zum Haus des H. habe ich den Alzenauer O. D. getroffen, der mir mit 2 Judenfrauen im Arm begegnete.Ich sagte zu D.: „Ich hab gedacht die Nazi, die SA würden die Juden verschlagen und dabei nehmen sie sie in Schutz.“ Ich hörte dann noch den D. zu den Frauen sagen: „Beruhigt euch nur, es passiert euch nichts.“ Dieser Wortwechsel geschah nur im Vorbeigehen. Ausser dem D. habe ich keinen einzigen Alzenauer gesehen und die Männer im Hofe des H. waren Fremde und mir Unbekannte.

Wie bereits erwähnt, ging ich, nachdem ich etwa 10 Minuten am Hofeingang des J. H. gestanden hatte, meinen Weg weiter nach Hause.

Dass ich die 14 jährige M. H. misshandelt haben soll, dass ich J. H. misshandelt haben soll, die Barschaft abgenommen und Stoffe entwendet haben soll, stelle ich ganz entschieden in Abrede. Ich habe niemanden angerührt und auch nicht das geringste entwendet, mehr kann ich nicht angeben. Sollte mir jemand etwas anderes beweisen können, so bitte ich, mir diese Person gegenüberzustellen.

Ich ging am 9.11.38 wie immer zur Arbeit in die Cellulosefabrik und während ich über Mittag daheim war, kam der Gendarm D. Und der damalige Bürgermeister A. Sie sagten, dass sie bei mir Haussuchung halten wollten wegen der von mir bei H. entwendeten Stoffe. Da ich mir keiner Schuld bewusst war, war ich ob dieser Beschuldigung sehr erstaunt. Die Haussuchung fand dann statt, die selbstverständlich ergebnislos verlief.

Sonst habe ich nichts gesehen und kann auch weiter keine Angaben machen.

Ein Durchschlag der Niederschrift wurde mir von Hptw. V. vorgelesen. Ich habe gleichzeitig die Urschrift mitgelesen und eigenhändig verbessert. Ihr Inhalt ist in allen Teilen richtig und wird von mir anerkannt.

Geschlossen: Alzenau, den 5.1.1947 v.g.u.

Hptw. d.LP. R.

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Am gleichen Tag sagt A. R., geb. 12.1.1912 in Alzenau, Sohn der Gärtnerseheleute J. und J. R. Zur Sache aus: „Dass ich als Täter in der Sache J. H., seine Frau und Diebstahl von Stoffen dieser Personen genannt worden bin, ist mir völlig unbegreiflich. Ich weiß von dieser Sache nicht und stelle diese Beschuldigungen ganz entschieden in Abrede.“

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Ebenfalls am 5.1.1947 wurde A. K. F., geb. 28.5.1917 in Alzenau, vernommen. Er war Sohn der Händlereheleute J. und L. F.. Zur Sache äußerte er sich folgendermaßen: „Mir ist unbegreiflich, dass ich beschuldigt werde, Gegenstände aus der Synagoge – während der Judenaktion 1938 – entwendet zu haben. Ich kann hierzu nur folgendes sagen. Ich hörte, dass die Synagoge kaputt geschlagen sei und ging am Nachmitttag des 9.11.38 von daheim durch den Hauckwald – über den Kahlsteg – Entengasse – Kirchgasse und kam am heutigen Wirtschaftsamt wieder auf die Hauptstrasse. Aus Neugierde wollte ich mir einmal die Synagoge ansehen. Ich konnte aber nicht bis an die Synagoge herankommen, da sie durch einheimische SA bereits abgesperrt war. Namen kann ich keine angeben, da, ehrlich gesagt, halb Alzenau dort herumgelaufen ist. Ich hielt mich nicht mehr lange dort auf, sondern ging wieder nach Hause.

Ich möchte noch bemerken, dass uns unser Vater sehr oft ermahnte, uns nie an einer Sache gegen die Juden zu beteiligen. Mein Vater stand nämlich als Altmaterialhändler noch immer mit Juden in Geschäftsverbindung.

Sonst kann ich keine weiteren Aussagen machen und von denen zur damaligen Zeit im Umlauf gewesenen Gerüchten, habe ich keine mehr in Erinnerung. …“

Am 12.1.1947 wurde H.E. vernommen, geb. am 17. Juli 1902 in Stadtlauringen Krs. Hofheim Ufr.,Sohn des verstorb. Gendarmerie – Oberkom. J. E. Und seiner Ehefrau M geb. Pf.. … Am 1.1.32 trat ich der NSDAP als Mitglied bei. „Im Jahre 34 wurde ich Mitglied von NSV, DAF, Luftschutz, 1943 a.usserdem noch von der KOV.“

Zur Sache führte er aus: „In der fraglichen Nacht vom 8. auf 9. Nov 38 weilte ich zu Hause bei meiner Familie. Dass in dieser Nacht verschiedentlich Ausfälle gegen Juden vorkamen, erfuhr ich erst am nächsten Morgen auf dem hiesigen Postamt, wo kleinere Gruppen von Menschen zusammenstanden, die sich über die Vorfälle , die in der letzten Nacht passiert seien, unterhielten. Bei dieser Gelegenheit wurde mir auch bekannt, dass in Hanau, Frankfurt, Aschaffenburg und in Schöllkrippen die Synagogen brennen würden. Daraufhin fuhr ich mit meiner Frau nach Hanau, weil ich dort einen Zweigbetrieb hatte. Unweit des Betriebes befindet sich die Hanauer Synagoge, die ich von weitem brennen sah. Ich hatte keine Zeit, mir die ganze Sache selbst anzusehen und kümmerte mich deshalb auch nicht weiter darum. Gegen 16:00 als ich nach Hause gefahren war, erzählte mir meine damals noch 8 jährige Tochter, dass die grossen Buben nach Beendigung der Schule in die Alzenauer Synagoge gegangen seien und dort alles herausgeworfen hätten.

Dass ich mit E. zusammen H. H. misshandelt oder geschlagen hätte, entspricht nicht den Tatsachen; ich habe noch nicht einmal sein Haus betreten. …“

Am 30.1.1947 wurde K.E. vernommen, geb. am 27.4.1899 in Schöllkrippen, Sohn der Kaufmannsleute L. und A. E.. „Zur Sache H.H. kann ich nur sagen, dass das alles nicht der Wahrheit entspricht und vollkommen aus der Luft gegriffen ist. Ich befand mich damals mit meiner Frau beim Maitanz im Saale der Gastwirtschaft Ludorf. Das genaue Datum kann ich heute nicht mehr angeben. Plötzlich kamen Leute in den Saal und erzählten , dass bei H. H. ein Mordsauflauf sei. Wenn ich mich richtig entsinnen kann, kam damals der Ortsgruppenleiter K. und verständigte die Gendarmerie. Soviel ich weisss war Gendarm D. ebenfalls in dem Saal. Ich begab mich dann auf die Strasse und sah, dass dort ein Mordsklamauk war. Viele Menschen – meist Jugendliche- standen unmittelbar vor dem Wohnhaus des H. Ob ich H. E. gesehen habe, kann ich heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, jedenfalls habe ich keinen Wortwechsel mit ihm geführt. Ich habe auch nicht mit E. gemeinsam den H. misshandelt oder fortgeschafft. Ich sagte nur zu den umherstehenden Personen , dass sie nicht so’n Lärm veranstalten sollten, wenn hier etwas nicht in Ordnung wäre, dann wäre einzig und allein die Gendarmerie zuständig. …

Ich war damals in Aschaffenburg bei der DAF beschäftigt, dadurch vom SA Dienst befreit und in Alzenau nicht mehr zuständig. Nicht in der geringsten Weise nahm ich an irgendeiner Aktion gegen die Juden teil. Mir selbst war auch vor dem 8.11.38 nichts von einer derartigen Aktion bekannt. Am 9.11., als ich von Aschaffenburg zurückfuhr, erfuhr ich bereits in Kahl, dass in der Alzenauer Synagoge die Fenster eingeworfen worden seien.. Am gleichen Abend, gleich nach dem Essen, begab ich mich in die Wirtschaft E.H.. Es kam ein Alzenauer Mann – den Namen weiß ich nicht mehr – und erzählte, dass dem Juden D. H. von der SA 7 – 8000 RM gestohlen worden seien. Ich war sehr empört darüber, dass in der SA solche Lumpen stecken und stehlen. Auf telefonischem Wege verständigte ich sofort die Gendarmerie, worauf gleich 2 Beamte eintrafen. Sie forderten mich auf mitzukommen, worauf wir in die Wohnung des H. in die Entengasse gingen. Die Polizei klopfte und H. gewährte uns Einlass. H. machte nun der Polizei gegenüber seine Angaben. Ich persönlich fragte H., ob er die SA-Männer nicht erkannt hätte, worauf er und auch seine Frau sowie die Tochter erklärten, dass es alle Fremde gewesen seien, denn Alzenauer hätten sie ja erkannt. Wir gingen dann auch ins Geschäft und schauten in der Geldkassette nach dem verschwundenen Geld , aber auch dort hatten wir keinen Erfolg. Als wir dann wieder auf dem Rückweg zur Wohnung des H. Auf die Straße kamen, sagte einer der vielen Umstehenden: „Schaut doch einmal nach, ob der Jude das Geld nicht in der Tasche hat!“ Die Polizei durchsuchte dann die Taschen des H. und fand in der Weste 2 Brieftaschen , worin sich der Betrag von 7 – 8000 RM befand. Daraufhin entschuldigte sich H. und sagte, dass er froh sei, das Geld wieder gefunden zu haben. Ich verlangte dann von der Gendarmerie, dass H. die gegen die SA gemachten Äusserungen in der Zeitung zurücknehmen möchte, was auch ohne weiteres geschah. Ich ging dann wieder in die Wirtschaft H. und später nach Hause. Sonst kann ich keine Angaben machen. Diese meine Angaben habe ich gelesen und erkenne sie als richtig an.

Geschlossen v.g.u.

Hptw. d.LP. K.E.

Bei den hier nachfolgend vorliegenden Vernehmungs-Niederschriften sticht eine Person hervor, die die Anschuldigungen nicht abstreitet. Eine andere Person gibt die Verwicklung seines Sohnes zu, eine Frau bestätigt Diebstähle von zweien ihrer Söhne.

Landpolizei Unterfranken L., den 11.Oktober 1948

Krim.- Aussenstelle

Aschaffenburg

Vernehmungs-Niederschrift.

Auf das Dienstzimmer der Schutzpolizei Langenselbold vorgeladen, mit dem Gegenstand der Vernehmung vertraut gemacht, zur Wahrheit ermahnt gibt die beschuldigte Frau K. E., geb. R. aus L. folgendes an:

Zur Person:

K., Vorn: E. geb. R., geb. 18.11.1919 zu Wasserlos, Tochter der Taglöhnersleute G. und M. R., geb. St., verh. mit P. K., deutsch, angeblich 14 Tage Gefängnis wegen Diebstahls vorbestraft, erhielt angeblich Bewährungsfrist.

Wirtschaftliche Verhältnisse: Führt den Haushalt ihres Schwiegervaters, der eine kleine Landwirtschaft besitzt. Der Ehemann ist in der elterlichen Landwirtschaft beschäftigt und hat kein eigenes Einkommen. Die Familie K. lebt in geringen wirtschaftlichen Verhältnissen.

Zur Sache:

Meine Mutter ist im Jahre 1935 verstorben. Meine Eltern lebten getrennt, d.h. sie waren geschieden, mein Vater lebt jetzt noch in Frankfurt. Ich wuchs zuhause in sehr ärmlichen Verhältnisse auf, ich habe noch 6 Geschwister, wovon 2 in Wasserlos wohnhaft. Ich habe in Wasserlos 6 Jahre die Volksschule besucht, ich musste ein Jahr und zwar das erste nachsitzen, weil ich als Kind in der Schule schlecht mitgekommen bin. Ich besuchte auch 3 Jahre lang die Fortbildungsschule in Wasserlos. Meine Schulzeugnisse waren immer schlecht.

Ich habe mich am 14.2.(?)48 verehelicht. Ich kam mit 18 Jahren im Jahre 1938 nach Alzenau, wo ich bei Apotheker H. in Stellung trat. Dort war ich bis 1942. Dann ging ich nach Hamburg in Stellung bis 1944. Ab 1944 war ich in Muna Wildflecken beschäftigt und wurde im Dezember 1944 als Luftwaffenhelferin eingezogen.

Über meine Beteiligung bei der Judenaktion in Alzenau im Jahr 38 wurde ich schon verschiedentlich von der Spruchkammer Alzenau vernommen, ich habe hierbei die reine Wahrheit gesagt und diese meine Angaben halte ich auch heute noch vollkommen aufrecht, weil sie so richtig sind. Ich habe gesagt, was ich noch von der ganzen Sache weiss. Ich schütze niemand, sondern habe gesagt, was ich gesehen habe.

Ich gebe auch zu, dass ich mich selbst bei der Judenaktion beteiligt habe, aber ich habe dies nicht aus freien Stücken gemacht, sondern ich wurde damals von Frau H. hierzu aufgefordert und sozusagen gezwungen.

Die Sache war folgendermassen: An dem Vormittag, als die Synagoge zerstört wurde, kam K. K. in das Büro der H. und sagte, dass sie sich auch beteiligen solle. Frau H. sagte, sie könne nicht hin, sie würde aber jemand anders hinschicken. Dieses Gespräch zwischen der H. und dem K. habe ich heimlich hinter der Tür abgehört. Kurz darauf kam dann Frau H. zu mir und sagte, ich solle auch an die Synagoge gehen und solle dort etwas kaputt schlagen, was ich aber ablehnte. Ich ging in mein Zimmer, aber Frau H. lief mir nach und drängte mich dazu, sodass ich mich in mein Zimmer einschloss. Frau H. drückte daraufhin sogar die Türe , die nur mit einem einfachen Kolben versperrt war, auf und holte mich heraus. Dabei hatte sie die Hundepeitsche in der Hand, sie wollte mich auch damit schlagen, aber ich sprang die Stiege hinunter. Hierbei gab sie mir noch einen Stoss. Ich lief in meiner Angst zur Synagoge und habe mich dann auch an der Zerstörung beteiligt. Bei meiner Ankunft war die Synagogentüre schon auf und es wurde gerade eine Bank von den Jungens raus getragen. Sie stellten die Bank vor die Türe des Pflaum. Ich habe dann dem einen F.- es waren die beiden jungen F. dabei- die Axt abgenommen und habe damit ein Stück von der Bank abgeschlagen. Ich habe nicht die ganze Bank kaputt geschlagen. In diesem Moment kam der alte P. zu mir und sagte, hör auf es hat keinen Wert, geh nach Hause. Ich habe auch sofort aufgehört , habe das Beil einem Jungen, den ich aber nicht kannte, gegeben und bin dann zum Uhrmacher R. E. gegangen, dem ich erklärte, dass ich von der Frau H. zu der Handlung gezwungen wurde, ich habe bei ihm geweint und habe mich über die H. bei ihm beschwert. Ich bin öfters zu R. gekommen und habe mein Leid geklagt, insbesondere meine Behandlung durch Frau H. . Frau H. war eine sehr böse, falsche Frau und eine grosse Nazistin.

Während meiner Anwesenheit an der Synagoge haben sich folgende Personen an der Zerstörung beteiligt: Die beiden Gebrüder F., der junge G., der Sohn des Maurers Sch.. Es waren noch eine ganze Anzahl Jugendlicher an der Stelle, die ich aber mit dem besten Willen nicht angeben kann. Ich kann mit dem besten Willen nicht mehr sagen, ob sich auch erwachsene Personen an der Zerstörung der Synagoge beteiligten, es ist mir jedenfalls niemand in Erinnerung.

Ich kann mich erinnern, dass der K. mit dem Fahrrad an der Synagoge an dem Vormitttag gestanden hat, ich hörte dass er hierbei mit lauter Stimme sagte, so ähnlich wie: „Macht alles kaputt ihr Jungens, nur dran.“ Ich kann das nicht mehr beeiden, ob es K. war, aber der Stimme nach glaube ich bestimmt, dass er es war.

In den Abendstunden der Pogromnacht habe ich den K. wieder mit den Fahrrad durch die Stadt fahren sehen, hier hörte ich wie er zu den Leuten, die in der Hanauerstrasse am Judenhaus H.3 Fenster einwarfen, gesagt hat:“Hört auf.“ Daraufhin hörten auch die Leute auf. K. fuhr weiter. Ich kann nicht sagen, wer die Fenster eingeworfen hat, es waren viele Leute dort gestanden, ich kann aber niemand mehr nennen.

A.B. Ich habe bestimmt nur ein Stück von der Bank kaputt geschlagen, mehr nicht. Diese Bank wurde nach mir von den Gebrüdern F., G. und Sch. vollends kaputt geschlagen. Es war dies eine Betbank. Ich habe nur einmal in die Synagoge hinein geschaut, drin war ich nicht und ich habe sonst auch nichts zerstört.

Im Jahre 1945, als ich zurückkam, sagte mir Sch. B. (der alte) ich hätte die Betten auch aufgeschlitzt an der Synagoge. Er sagte auch, ich hätte einen Herd zum Fenster hinuntergeworfen, dies ist alles gelogen und stimmt nicht. Wie könnte ich einen Herd hinauswerfen!

Ich habe das Beil einem der jungen F. weggenommen, wer es war, kann ich nicht mehr sagen. Wenn ich auch nicht lange damals in Alzenau war, so habe ich doch diese F. und G. und auch Sch. schon von länger gekannt. Die beiden F. kannte ich insbesonder von der Kirmes in Wasserlos, dort waren sie immer mit einem Konfektstand.

Ich bestreite entschieden, mit dem Beil die Synagogentüre aufgeschlagen zu haben, die Tür war schon auf, als ich hinkam.

Ich habe meine Angaben freiwillig und ohne Zwang gemacht und erkenne sie durch meine Unterschrift an:

Geschlossen: V.G.U.U.

H. E. K.

Komm. der LP:

————–

Landpolizei Unterfranken

Kriminalaußenstelle Alzenau, den 15.10. 1948

Aschaffenburg

Vernehmungsniederschrift

Auf Vorladung erscheint auf dem Dienstzimmer der Verk.-Streifengruppe Alzenau der verh. Kaufmann

K. G.

55 Jahre alte, wohnhaft in Alzenau, Spessartstraße, Ohne Nr.

und sagt, mit dem Gegenstand seiner Vernehmung vertraut gemacht und zur Wahrheit ermahnt, folgendes aus:

I. Zur Person:

„… von Beruf Kaufmann, kath,. d.St.A., wohnhaft in Alzenau, Spessartstr., ohne Nummer;

Vorstrafen: keine;

Wirtschaftliche Verhältnisse: Ich bin z.Zt. arbeitslos und habe kein Einkommen, keimerlei Vermögen und Sparguthaben.“

                  1. Zur Sache

„Ich bin PG. seit 1932 und auch seit dieser Zeit Amtswalter der DAF in Alzenau. Ich habe diesen Posten regelmäßig begleitet, während die praktische Tätigkeit von einem durch die Partei eingesetzten Geschäftsführer erledigt wurde. Innerhalb der Partei begleitete ich keinen Posten. Wegen meiner Tätigkeit als Amtswalter wurde ich von Mai 1945 bis Juni 47 interniert.Ich war niemals SS-Mann.Wenn die Frau M. B. angibt, daß ich mich bei der Judenaktion 1938 auch hervorgetan und beteiligt haben soll, so muß ich dies ganz entschieden bestreiten, denn ich hatte damals mit der Aktion nicht das Geringste zu tun. Ich bin seit 1927 bei der Firma Brown Boveri & Co. als kaufmänn. Angestellter beschäftigt gewesen und fuhr täglich von Großauheim mit dem Fahrrad zurück zu meiner Familie in Alzenau. Ich habe auch am 8. und 9.11.38 wie mir von der Firma schriftlich bestätigt wurde, gearbeitet und kann also nicht an der Aktion in Alzenau beteiligt gewesen sein. (Nach vorgezeigter Bestätigung der F. Brown Boveri & Co richtig). Als ich am 9.11.1938 abens zur gewöhnlichen Zeit nach Hause kam, erzählte mir meine Frau, daß in Azenau die Synagoge und die Judenhäuser zerstört worden sei. Hier erfuhr ich erstmals, daß auch in Alzenau die Judenaktion stattgefunden hat. Von den Aktionen in Hanau und Aschaffenburg usw. hatte ich bereits tagsüber im Geschäft erfahren.

Wenn mit vorgehalten wird, daß auch mein Sohn N. bei der Judenaktion an der Synagoge beteiligt gewesen sein soll, so kann ich nur sagen, daß ich davon bis zum heutigen Tage nicht weiß und ich es auch nicht glauben kann, daß er sich daran beteiligt hat, denn er wurde hierzu niemals von seinen Eltern erzogen oder angehalten. Wie gesagt, ich selbst war an diesem Tage nicht zu Hause und mein Sohn war damals täglich bis nachmittags in der Schule in Aschaffenburg. Ob er auf dem Heimweg an der Synagoge war, weiß ich nicht, die Möglichkeit besteht, weil er dort vorbeigehen mußte. Wenn mein Sohn angibt, daß er einige Bänke umgeworfen hat, so wird dies wohl richtig sein. Ich kann jedenfalls selbst zu der ganzen Angelegenheit nichts sagen. Ich erwähne nochmals , daß ich mit der ganzen Judenaktion nicht das geringste zu tun habe. Es ist mir unerklärlich, wie Frau B. mich als Beteiligten benennen kann. Ich habe im Jahre 1938 nicht auf der sog. Oberschur, sondern in der Hanauerstr. Hs.Nr. 18 gewohnt. D.h. bis anfangs 1938 habe ich in der Gunkelsrainstraße (Ortsteil Oberschur) gewohnt und bin dann Mitte 1938 in die Hanauerstr. verzogen.

Meine Angaben entsprechen der vollen Wahrheit. Ich habe sie freiwillig und ohne jeden Zwang gemacht, was ich durch meine Unterschrift bestätige.

Geschlossen: v,. g., u.

H. K. G.

Komm.d.LP:

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Landpolizei Unterfranken

Kriminalaußenstelle Alzenau, den Nov. 1948

Aschaffenburg

Vernehmungsniederschrift

In ihrer Wohnung aufgesucht, erscheint die Hausfrau

                                                                  M. H. geb. K.

Geb. 8.8.94 zu Alzenau, wohnhaft daselbst, Entengasse, Hs. Nr. 7

und sagt, mit dem Gegenstand ihrer Wahrnehmung vertraut gemacht und zur Wahrheit ermahnt, folgendes aus:

Zur Sache:

Zur Zeit des Judenpogroms im Jahr 1938 waren meine 4 Söhne 12, 10, 8 und 16 Jahre alt. Es wurden an dem betreffenden Nachmittag hier in Alzenau durch die Schuljugend die Inneneinrichtungsgegenstände zerstört.Von unserer Wohnung aus hörte man das Gejohle der Schuljugend und einmal ein Poltern, welches daher kam, daß man aus der Wohnung des Juden F. H. allerhand Hausrat herunterwarf.An diesem Nachmittag, das Datum weiß ich heute nicht mehr, ging ich auch einmal an dem Hause J. H. (im Hinterhof stand die Synagoge) vorbei. Trotz der umstehenden Volksmenge konnte ich sehen, daß sich die Jugend im Synagogenhof zu schaffen machte. Als ich auf der Straße an der Synagoge vorbeiging, sah ich eben, wie der SA-Führer E. von hier daherkam. Ob er sich an der Synagoge zu schaffen gemacht hat, weiß ich nicht.

Ich weiß heute nicht mehr, warum ich damals fortging, ob ich nach meinen Jungen sehen wollte oder ob ich etwas zu besorgen hatte. Mir ist nicht mehr in Erinnerung, ob meine Kinder zu dieser Zeit zu Hause waren. Ich will deshalb nicht bestreiten, daß sie auch im Hof der Synagoge waren.

Als mein Mann gegen 16.00 Ihr von der Arbeit kam, verbot er unseren Buben unter Androhung von Schlägen, sich an der Synagoge sehen zu lassen oder etwas von Judeneigentum heimzubringen.

Am nächsten Tage kam der F. H. zu uns und behauptete, meine Jungen hätten seine Wäscheleine gestohlen. Mein Mann ließ sie darauf zu sich kommen und fragte, wer etwas von den Judensachen mitgenommen habe. Mein Sohn B. H. (damals 8 Jahre alt) brachte damals einen Knäuel Schnur aus der Tasche, während sein Bruder H.H. ½ Kärtchen weißes Stopfgarn beibrachte. Mein Mann gab dem F.H. die Sachen zurück.Sonstige Gegenstände haben die beiden nicht nach Hause gebracht. Meine Angaben entsprechen der Wahrheit.

 

v., g., u.

Im Entwurf gezeichnet:

H. M.

Nachtrag: Am Tage nach der Judenaktion erzählte man sich hier in der Entengasse, in der vorhergehenden Nacht sei J.H. , seine Frau und Tochter M. geschlagen worden. Selbst beobachtet habe ich den Vorgang nicht. Auch konnte ich über die näheren Umstände nichts in Erfahrung bringen. Man erzählte sich weiter, daß den Mißhandelten Geld abgenommen und aus ihrem Geschäft Stoffe entwendet worden seien. Die Stoffe sollen die Täter unter dem Kahlsteg versteckt haben. Auch von diesen Begebenheiten habe ich selbst nichts beobachet. Ich weiß auch niemanden , der es gesehen haben will. Es wurde damals von so vielen Vorfällen gesprochen und niemand wußte etwas Genaues.

Geschlossen: v., g., u.

Im Entwurf gez.:

M. ObW.d.LP. M. H.

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Wie in dem Schreiben der Landpolizei Unterfranken vom Dezember 1948 dargestellt, waren die Anschuldigungen der ehemaligen Alzenauerin, die damals in den USA lebte, den Alzenauern damals bekannt. Jeder konnte sich auf seine Aussagen lange einstellen. Da auch der eine oder andere Fehler auftauchte – ein SS-Mann war in einer anderen NS-Organisation und damals wohnte er schon woanders als angegeben – fiel es offensichtlich nicht schwer, die Exaktheit der Anschuldigungen anzuzweifeln. Nicht glaubwürdig ist allerdings, dass nur eine Person die Anschuldigungen bestätigte und zwei Personen kleinere Verfehlungen ihrer Kinder zugaben. Eine derartige Aktion kann von der Planung her nicht von einer geistig beschränkten Person in die Wege geleitet worden sein. Es gilt das, was ein nach New York ausgewanderter jüdischer Bürger aus Alzenau aussagte, indem er eine gewisse Unschärfe zugestand: Die Juden sind natürlich nicht auf der Strasse stehen geblieben, sondern haben sich verkriechen muessen und sind daher am wenigsten in der Lage, ganz genau zu sagen, dieser oder jener hat dieses oder jenes getan.” Fotografien gab es zu den Beschuldigungen nicht wie in anderen Städten. Daß sich nicht wenige Alzenauer im Sinne der Nationalsozialisten betätigten, ist aber augenscheinlich. Der vielfach gebrauchte Ausdruck “Judenaktion” in den Ermittlungsakten zeugt nicht von großer Distanz zu diesem Pogrom, sondern wirkt eher beschönigend. Eine Verurteilung aufgrund der Aussagen der jüdischen ehemaligen Alzenauerin gab es nicht. Der geistig beschränkten Alzenauerin, die sich selbst als Täterin bekannte, wurde § 51 StGB (Unzurechnungsfähigkeit) zugebilligt. Das passt in das Gesamtbild – wer etwas zugibt, kann nicht ganz dicht sein.

Was passierte mit den zerstörten oder ramponierten sakralen Gegenständen? Der Aschaffenburger Konservator Schohe transportierte am 12. November 1938 jüdisches Archivgut aus Alzenau und Schöllkrippen mit einem Lastwagen ab. Darunter waren auch Thorarollen. Die aus aus der Synagoge Alzenau stammenden Reste einer Thorarolle wurden im Bezirksamt verwahrt. Nach der Besichtigung durch Gestapo und Sicherheitsdienst wurden sie vernichtet. 4

In einem Monatsbericht vom 28.11.1938 der Gendarmeriestation Alzenau heißt es zum Pogrom: “In politischer Hinsicht ist im Monat November außer den am 8./9./10 ds. Monats vorgenommenen Judenaktionen nichts wesentliches vorgekommen. Bei diesen Judenaktionen wurden nicht nur Sachen und Gegenstände demoliert, sondern es wurde dabei, wie sich nachträglich herausgestellt hat, auch gestohlen. Die Diebe konnten bis jetzt nicht ermittelt und die gestohlenen Sachen auch nicht beigebracht werden. Ein Teil der Bevölkerung kann nicht verstehen, warum einerseits auf Grund des Vierjahresplanes auf die Erhaltung der Volkswerte Bedacht genommen werden soll und man andererseits durch die Judenaktionen eine Unmenge von Werten hat vernichten lassen. Man kann Äußerungen hören, die dahin laufen, daß es besser gewesen wäre , wenn die Juden in Deutschland an Stelle der Demolierung von Sachen eine zweite Milliarde als Kontribution auferlegt worden wäre.”5

Im Januar 1939 wurde mit einem Bauern aus Alzenau über den Verkauf der Synagoge zum Preis von 2.500 RM verhandelt.6 Elf Juden lebten im April 1942 noch in Alzenau.Fünf von ihnen wurden am 23.April nach Würzburg verbracht und von dort zwei Tage später nach Izbica bei Lublin deportiert. Die sechs anderen wurden Mitte August nach Aschaffenburg überstellt. Sie kamen am 10.September 1942 in das Ghetto Theresienstadt.7

Im Laufe der 1960er-Jahre wurde das Gebäude abgebrochen, hieß es früher. Nach neueren Forschungen geschah der Synagogenabbruch 1972.

 An dem Standort der Synagoge befinden sich heute ein Hof und eine Garage.8 1988 wurde am Ort der ehemaligen Synagoge ein Gedenkstein errichtet. Eine Fotografie der Synagoge konnte nicht gefunden werden.

Hörsteiner Synagoge und Reichspogromnacht

Die Synagoge in Hörstein entstand nach 1824. 1887 gab sich die jüdische Kultusgemeinde in Hörstein eine Synagogenordnung.9 Die Hörsteiner Synagoge wurde 1909 renoviert.

Synagoge Hörstein

In Hörstein richtete sich der NS-Terror nach 1933 auch gegen die Hörsteiner Synagoge. 1936 wurden wiederholt die Fenster der Synagoge eingeworfen. Anfang Juni 1938 wurden die meisten Silberschmuckstücke der Torarollen gestohlen. Im September 1938 steigerte sich der Terror – die Fenster der Synagoge wurden wieder eingeworfen- auf den Straßen hörte man „Schneidet den Juden die Hälse ab!“.

Da in der Synagoge kein Gottesdienst mehr abgehalten werden konnte, brachten die in Hörstein noch lebenden Juden eine Torarolle aus der Synagoge in ein jüdische Wohnung, um hier Gottesdienste zu feiern. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge geschändet, blieb jedoch als Gebäude insgesamt erhalten. Die Inneneinrichtung und die Ritualien wurden völlig vernichtet. Danach wurde sie von der Ortsverwaltung beschlagnahmt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude der Synagoge zunächst als Feuerwehrgerätehaus genutzt. 1982 wurde die ehemalige Synagoge abgebrochen. Die Gebotstafeln vom Giebel der Synagoge landeten im Heimatmuseum.

1Vgl.: Edgar Meyer, Alt Alzenau – neu entdeckt. Von Von der Jahrhundertwende bis zu den „Goldenen Zwwanziger Jahe“, Alzenau o.J., S. 48

2Staatsarchiv Würzburg, Staatsanwaltschaft Aschaffenburg, Ermittlungsakten 196

3Richtiger Name ist H.

4Vgl. Helmut Winter, Die Reichskristallnacht im Bezirk Alzenau, In „Unser Kahlgrund 1989“, S. 201

5Ebd.

6Vgl. Baruch Ophir/ Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 – 1945 – Geschichte und Zerstörung, München – Wien 1979, S. 253

7Ebd, S. 254

9 Peter Körner, Skizzen zur Geschichte der Juden in Alzenau, Wasserlos und Hörstein, Alzenau o.J, S. 11 f.

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Bezugsartikel: „Zur Erinnerung an zwei jüdische Mitbürger -Hörstein hat jetzt seinen Bella- und Israel-Wahler-Platz“, in: Der Heimatbote vom 3.11.2020

Israel Wahler – Quelle: Stadtarchiv Bad Neustadt

In dem Artikel hieß es unter anderem: „Mit neuem Gesicht präsentiert sich der Bereich ‚Bruchhausen/ Ecke Edelmannstraße‘ im Alzenauer Stadtteil Hörstein -. Grund genug, die Bürger aufzurufen, Vorschläge zur Bennung des Platzes einzureichen … Die Abstimmung der Bürgervertreter ergab: ‚Bella- und Israel -Wahler-Platz.‘ Auf dem neugestalteten Platz hat mittlerweile auch der ehemals in der Nähe der ‚Schönen Aussicht‘ befindliche Gedenkstein für Israel und Bella Wahler Platz gefunden. Die vorhandene Bronzeplatte auf diesem Gedenkstein hat folgende Inschrift: ‚Zum Gedenken an Israel Wahler geb. 7. August 1875 in Hörstein, Lehrer der israelitischen Elementar-Schule Hörstein und Bad Neustadt a.d. Saale und Bella Wahler geb. Adler, geb. 7. Mai 1878 in Gleicherwiesen in Thüringen – Opfer der Würzburger Deportation vom 25. April 1942’“ …..

Gedenkstein für Bella und Israel Wahler in Hörstein

Kommentar dazu erschienen im „Heimatboten“ vom 5.11.2020

Am 22. August 2016 starb in Frankfurt am Main Isaac Eddie Wahler, der Sohn von Israel Wahler, geboren 1918 in Frankfurt am Main, wohnhaft in Hörstein und dann in Bad Neustadt. Als 16-Jähriger musste er im Juni 1934 seine Eltern Bella und Israel Wahler verlassen. Er fand Asyl und lebte in den USA.

Im Januar 1947 kehrte er nach Deutschland zurück und arbeitete für das Internationale Militärgericht in Nürnberg als Mitglied der US-Staatsanwaltschaft. Im Sommer dieses Jahres fand er, damals Mitarbeiter des stellvertretenden amerikanischen Chefanklägers bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, Robert Kempner, in Oberursel wichtige Dokumente.

Isaac Wahler, dessen Eltern am 25. April 1942 über Würzburg nach Trawniki bei Lublin deportiert wurden, fand in dem von ihm 1947 in Oberursel gefundenen Dokumenten einiges Material über die Zeit kurz vor der Deportation seiner Eltern, Israel und Bella Wahler aus Bad Neustadt.

So teilte der Bürgermeister der Stadt Bad Neustadt an der Saale am 2.4.1942 dem Landrat von Bad Neustadt an der Saale unter dem Betreff „Evakuierung der Juden; hier Vollzugsmeldung über abgelieferte Schreibmaschinen, Photoapparate usw.“ unter anderem mit, dass Israel Wahler eine Schreibmaschine, Marke Mercedes abgegeben habe. Der Abtransport durfte den Juden erst zwei Tage vorher bekannt gegeben werden. Um das Brot vor dem Austrocknen zu bewahren, sollte den jüdischen Gemeinden empfohlen werden, das Brot für die Fünf-Tage-Reise erst am 21.April 1942 zu kaufen. Oberlehrer Wahler war Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Bad Neustadt. Damit war er Wortführer und Betreuer der Juden. Regen Kontakt hatte er zum Ernährungsamt B, das für die Zuteilung von Lebensmitteln für Direktverbraucher zuständig war. Israel Wahler machte in diesem Amt einen pessimistischen Eindruck, als er die Lebensmittelkarten für den Abtransport abholte. In einem Gespräch mit dem im Ernährungsamt B tätigen Beamten meinte er, daß er sich keinen Täuschungen hingeben würde und das Schlimmste befürchte. Der Beamte erwiderte ihm: „Herr Wahler! Das tut kein Deutscher! Daß er Menschen mordet! – Nein, das tut kein Deutscher! — Seien Sie versichert, Sie kommen alle wieder zurück und wir sehen uns in Neustadt wieder!“

Dieser Beamte soll auch vorher schon menschliche Regungen gehabt haben und ließ Oberlehrer Wahler manchmal für Juden verbotene Bezugsscheine zukommen, z.B. für Dosenmilch.

Bedauerlich ist, dass Isaac Wahler nicht in die Namensgebung des Platzes in Hörstein aufgenommen wurde.

Christian Schauer, Alzenau

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Juden in Hörstein, der Friedhof, die Familie Wahler

In Hörstein entstand eine jüdische Gemeinde Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Gemeinde endete 1940. 1789 wurden 17 „Schutzjuden“ registriert. 1880 wurde mit 137 Juden die höchste Zahl erreicht- das waren 11,9 % der Bevölkerung. Die Gemeinde gehörte zum Bezirksrabbinat Aschaffenburg. Sie war orthodox.

Die Synagoge von Hörstein entstand nach 1820, es gab eine Mikwe, eine Elementarschule und seit etwa 1812 einen Friedhof. Vorher diente Hanau als Begräbnisstätte der Juden.

Judenfriedhof Hörstein

Für diesen Friedhof wurde im März 1890 eine Friedhofsordnung für die israelischen Cultus-Gemeinden Hörstein und Alzenau verfasst. Darin heißt es unter anderem:

§ 1

Der israelitische Friedhof in Hörstein ist der Aufsicht der Ortspolizei Hörstein unterstellt

§ 2

Die Gräber dürfen nur von dem hierfür von den beteiligten Gemeinden angestellten Totengräber gemacht werden.

§ 3

Die Beerdigungen werden von den Mitgliedern der betreffenden Gemeinden vorgenommen.

……………..

§ 8

Jede Beschädigung oder Beschmutzung der aufgestellten Monumente, Grabsteine sowie der Gräber selbst, ebenso das Betreten frischer Gräber, sowie jede Verunreinigung des Friedhofes und seines Zuganges ist verboten.

…………….

§ 11

Zur Nachtzeit ist der Besuch des Friedhofes verboten

§ 12

Das Mitnehmen von Hunden auf dem Friedhof ist verboten.

 

Die Bestimmung in § 8 konnte nicht immer gewährleistet werden. Für das Jahr 1935 wurde in einem Polizeibericht registriert, dass „neuerlich 100 Grabsteine umgestürzt“ wurden.

Grabstein Isaak Wahler
Foto Oded Zingher

Der im Kommentar unten angeführte Isaak Wahler liegt auf dem Judenfriedhof Hörstein begraben. Er starb am 15.2.1912. Auf dem Grabstein heißt es:

1 Hier ist begraben

2 der teure Mann, der treu

3 seine Arbeit im Dienste Gottes verrichtete,

der Gelehrte

4 Izchak, der Sohn des Herrn Kolonimus Wahler,

5 der die Kinder unserer Gemeinde Hörstein

6 auf den rechten Weg führte

und sie unterrichtete in den Geboten Gottes

7 und seiner Lehre. Er ging in seine Welt

am Donnerstag, 27. Shvat

8 und wurde begraben und ein Nachruf

wurde gesprochen

in großer Ehre am Abend des hl. Shabat, 28.

9 Shvat 672 n.kl.Z.

10 Seine Ehrfurcht hatte Vorrang vor seiner Klugheit.

11 Die Gemeinde hörte seine Gebete.

12 Gottes Weißheit pflanzte er den Kindern ein.

13 Er blies das Schofar, um die Juden aufzuwecken.

14 Seine Seele sei eingebunden

in das Bündel des Lebens.

 

Isaak Wahler, Lehrer, Hörstein

5574 – 5672 1

Insgesamt befinden sich auf dem Friedhof 246 Grabsteine. Der Schofar wird auch Hallposaune genannt und ist ein altes Musikinstrument aus dem vorderen Orient. Es wird aus dem Horn eines Widders gefertigt. Der Segenswunsch „Seine/Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens!“ ist oft der einzige hebräische Teil in einer sonst in der Landessprache abgefassten Grabinschrift.

1Oded Zhinger, Ehre Deine Eltern. Der jüdische Friedhof in Hörstein – Alzenauer Beiträge zur Heimatgeschichte Band 2 , Alzenau 2004, S. 214

Leserbrief zu: „Namensgebung wird zur spannenden Angelegenheit“, in Main-Echo vom 13.10.2020, erschienen gekürzt in: Main-Echo online vom 16.10.2020, in Main-Echo Printausgabe vom 30.10.2020, in: “ Der Heimatbote“ FB-Seite vom 19.10.2020

Lehrer der jüdischen Gemeinde in Hörstein war seit 1894 Israel Wahler und damit ein renommiertes Mitglied des Ortes. Er unterrichtete damals vierzehn Kinder an der Jüdischen Volksschule. Sein neuer Wohnort war seit 1931 Bad Neustadt an der Saale, sein Vorgänger war sein Vater. Fast vierzig Jahre lang war bis 1894 Isaak Wahler Lehrer in Hörstein. Er starb 1912 im Alter von 98 Jahren.

Am 22. August 2016 starb in Frankfurt am Main Isaac Eddie Wahler, der Sohn von Israel Wahler, geboren 1918 in Frankfurt am Main, wohnhaft in Hörstein und dann in Bad Neustadt. Als 16-Jähriger musste er im Juni 1934 seine Eltern Bella und Israel Wahler verlassen. Er fand Asyl und lebte in den USA.

Im Januar 1947 kehrte er nach Deutschland zurück und arbeitete für das Internationale Militärgericht in Nürnberg als Mitglied der US-Staatsanwaltschaft. Im Sommer dieses Jahres fand er, damals Mitarbeiter des stellvertretenden amerikanischen Chefanklägers bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, Robert Kempner, in Oberursel wichtige Dokumente. Es handelte sich um das vollständige Aktenmaterial zu den Judendeportationen aus dem Bereich der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), Staatspolizeileitstelle Nürnberg-Fürth, Außendienststelle Würzburg. Für Isaac Wahler hatten die Würzburger Gestapo-Akten eine hohe persönliche Bedeutung. In den Dokumenten fand er die Unterlagen über die Deportation seiner damals noch in Bad Neustadt lebenden Eltern am 25. April 1942 aus Würzburg. Dazu die von nahen Angehörigen und Freunden der Familie.

In einem Gespräch anlässlich des 66. Jahrestages der Wannsee-Konferenz am 17. Januar 2008 im Haus der Wannsee-Konferenz berichtete Isaac Wahler auch über die Vergangenheit in Hörstein. Auf die Frage, ob Antisemitismus 1931 in Hörstein zu spüren war, antwortete Isaac Wahler: „Also in Hörstein bei Aschaffenburg war überhaupt, also nach meiner Erinnerung, als junger Kerl, überhaupt kein Antisemitismus. Die Leute haben sich vollkommen integriert in dem Sinne, dass die Religion zweite Sache war. Sie respektierten die Juden und die Juden respektierten die christliche Bevölkerung. Mein Vater war sehr aktiv, er war in zwei Gesangvereinen, der Dirigent von zwei Gesangvereinen im Ort.“ Dass der Ort nicht antisemitismusfrei geblieben ist, ist bekannt. Manches an Israel Wahler hört sich heute nicht sehr vorbildlich an. So berichtet sein Sohn in dem Interview: „Mein Vater war während des Ersten Weltkrieges enthusiastischer Deutscher und ihm hatte die ganze Weltkriegssache nicht irgendwie angegriffen, sondern zugesagt.“

Es spricht deshalb vieles dafür, den Sohn vorzuziehen und mit der Benennung „Isaac-Wahler Platz“ an die jüdische Geschichte Hörsteins zu erinnern.

Christian Schauer, Alzenau

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Der Kinderbrunnen im Hauckwald

Der Kinderbrunnen enstand anläßlich des zehnjährigen Bestehens des Lions-Clubs Aschaffenburg- Alzenau 1994. Im Juni 1994 wurde er im Alzenauer Hauckwald als Höhepunkt eines Kinderfestes eingeweiht. Der Stadtrat Alzenau hatte dem Angebot des Lions-Clubs zugestimmt, die künsterlische Ausgestaltung des Brunnens zu übernehmen.

Der Künstler Theo Steinbrenner war der Gestalter des Brunnens. Er stammt aus Schwarzach am Main und schuf bis damals schon 130 Brunnen im In- und Ausland. Im Dezember 2018 ist er zweiundsiebzigjährig gestorben. 2002 war er zudem Gestalter des Denkmals für Ludovica Freifrau von des Bordes in Wasserlos.

Die Anlage des Brunnens im Hauckwald ist kreisrund. In der Mitte steht eine wasserspendende Säule mit anfliegenden Tauben. Zentral platziert sind zwei lebensgroße Plastiken mit Kindern, die mit dem Wasser spielen. Im Bereich des Brunnens verteilt findet man zehn unterschiedlich große Sandsteinblöcke, auf denen Vögel sitzen. Der Brunnen soll nicht monumental wirken, sondern die Kinder zum Spiel animieren.

Der Kinderbrunnen im Hauckwald

Technisch war die Stadt Alzenau mit den Vorarbeiten befasst. Das Kinderfest ging am 12. Juni 1994 über die Bühne. Angeboten wurden ein Glücksrad, ein Karussell, Kinderschminken, Ballondrehen und die Hexe Walburga. Für die Bewirtung des Festes sorgte die heimische Gastronomie, unter anderem der „Fränkische Hof“ und das Hotel „Zum Freigericht“ aus Alzenau.

Der Kinderbrunnen befindet sich im Hauckwald, der 1,5 ha groß ist. Er ist Teil des Ortsteiles Oberschur. Weitere Attraktionen im Hauckwald sind ein 36 Quadratmeter großes begehbares Luftbild (Überbleibsel der Landesgartenschau 2015), das Kriegerdenkmal, ein Spielplatz, der Bildstock Maria Maienkönigin und die Anton Schnack Gedenktafel. Neben dem Hauckwald steht die Kindertagesstätte „Am Hauckwald“.

Nach dem Sturm am 18. August 2019 musste der Park für mehrere Tage gesperrt werden. Es bestand die Gefahr, dass weitere herabstürzende Bäume Menschen beim Betreten gefährden könnten. Das Grundproblem des Geländes ist der sandige Untergrund. Ein Stamm wurde liegengelassen, um an den desaströsen Sturm zu erinnern.

Neben den Kinderbrunnen wurde 2008 eine Friedenslinde gepflanzt. Sie erinnert an 50 Jahre Patenschaft Alzenau Alzen/ Oberschlesien – heute Polen. Auf der Inschrift ist zu lesen: „Die Linde gilt als Symbol für Gerechtigkeit, Liebe, Frieden und Heimat sowie als Platz der Gemeinschaft“.

 

Literatur: Main-Echo vom 7.6.1994

Der Heimatbote vom 7.6.1994

Volksblatt vom 14.6.1994

Main-Echo vom 14.6.1994

Main-Echo 26.1.2019

Main-Echo 20.9.2019

https://de.wikipedia.org/wiki/Hauckwald – Stand 17.8.2020

Franz Perseke, Bildstöcke und ausgewählte Kulturdenkmäler im ehemaligen Landkreis,

Alzenau Aschaffenburg 2009

https://de.wikipedia.org/wiki/Theophil_Steinbrenner – Stand 17.8.2020

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Die Kahl in Alzenau – Renaturierung, Bildstöcke und Landschaft

Frühling an der Kahl

Die Kahl bietet aktuell vielen Kindern einen Badespaß. Vor allem an sonnigen Tagen ist der Besucherandrang groß. Der Generationenpark bietet zudem noch einen Spielplatz.

Der aus dem Ortsteil Wasserlos herabströmende Neuwiesenbach und der am Waldschwimmbad entspringende Sälzerbach münden in eben jenem Generationenpark als die letzten beiden Zuflüsse vor der Mündung in die Kahl.

Zwischen Alzenau und Kahl am Main war der Fluß lange stark begradigt. Im Jahr 2013 ist die Kahl auf ihren Flusskilometern 4,5 und 6,7 (gemessen ab der Mündung in Kahl) renaturiert worden. Das ist der Bereich zwischen der Autobahnbrücke und der Mühlwegbrücke in Alzenau. Damals wurden neun Gewässerschleifen angelegt. Fünf der neun dabei entstandenen Altarme sind bewusst nicht verfüllt worden und blieben erhalten. Vor der Renaturierung wurden in dem Bereich sieben Fischarten registriert, aktuell sind es zehn. Als beachtlich wurde es gewertet, dass der Schneider in der Kahl heimisch geworden ist. Die Bachforelle ist nicht im gewünschtenm Umfang anzutreffen. Mittlerweile ist auch das Bachneunauge vorhanden.

Zwei Bildstöcke sind in Alzenau in der Nähe der Kahl zu finden. Der eine steht am unteren Ende der Entengasse neben dem Fußgängersteg. Auf dem Sandstein steht die Zahl 1782. Früher stand er in der Hanauer Straße vor dem ehemaligen Gesundheitsamt. Eine Renovierung fand 1962 statt, seitdem steht er an der Entengasse.

Christophorus Bildstock

Ein zweiter Bildstock steht in der Nähe der Kahlbrücke in der Kaiser Ruprecht Straße. Der Bildhauer war von 1986 an der Aschaffenburger Künstler Willibald Blum. Auch er ist aus rotem Sandstein erbaut. Abgebildet ist der Heilige Christophorus (griechisch „Christusträger“), der der Legende nach, das Christuskind über eine Fluß trug. Er symbolisiert die Überwindung des Wassers. In der westkirchlichen Ikonographie wird er als Riese mit Stab dargestellt. Er zählt zu den vierzehn Nothelfern. Es handelt sich dabei um vierzehn Heilige aus dem zweiten bis vierten Jahrhundert. Die Gruppe besteht aus drei weiblichen und elf männlichen Heiligen, von denen alle bis auf den heiligen Ägidius als Märtyrer starben.

In der ostkirchlichen Tradition wird er als „Hundsköpfiger“ dargestellt.1 Möglicherweise hat er um 250 nach Christus (römischer Kaiser war damals Decius) in Lykien (Südwesttürkei) das Martyrium erlitten. Sein Gedenktag ist der 24. Juli.

Die anderen beiden Halbreliefs ziegen Sankt Florian und Nepomuk. Nepomuk trägt als Brückenheiliger ein Kreuz in der Hand. Da er häufig auch mit Sternenkranz und mit dem Finger auf dem Mund dargestellt wird, bedarf es einiger detektivischer Arbeit, um ihn zu identifizieren. Der historische Johannes Pomuk lebte im 14. Jahrhundert in Böhmen. Wegen seiner Verteidigung der Rechte der Kirche überwarf er sich mit König Wenzel IV., der ihn 1393 der Legende nach in die Moldau werfen ließ, weil Pomuk das Beichtgeheimnis nicht brechen wollte.2

Florian Bildstock

Florian von Lorch lebte im 3.Jahrhundert im keltischen Norikum im heutigen Österreich in Sankt Pölten. Wegen der Bekehrung zun christlichen Glauben wurde er verhaftet und zum Tode verurteilt. Um 304 wurde er in der Enns ertränkt- wie 40 weitere Märtyrer. Es war die Zeit der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian (303/304).Florian zählt zu den vierzehn Nothelfern. Dargestellt wird er oft mit einem Wasserkübel oder einem Mühlstein um den Hals.3 Florian gilt als Schutzpatron gegen Feuer und der Feuerwehr. Für Feuerwehrleute existiert auch die Bezeichnung Floriansjünger.

Die Entwürfe wurden Ende 1986 in der Stadtbibliothek Alzenau ausgestellt. Wenig später wurde der Bildstock in der Nähe der Ruprechtsbrücke aufgestellt. Der Aschaffenburger Willibald Blum setzte sich mit seinen Reliefs gegenüber drei konkurrierenden Künstlern durch. Der Dreierstein wurde zum Abschluß der Hochwasserfreilegung zwischen Mühlweg und Birkenbergbrücke in Auftrag gegeben. Die Kosten für das Kunstwerk betrugen 45.000 D-Mark, der Stein kostete etwa 10.000 Mark.

Der Aschaffenburger Künstler Willibald Blum starb 2009, seine Kunstwerke waren stark religiös geprägt. Zusätzlich kam er in Alzenau noch einmal zum Zuge. 1987 gewann er etwa zur gleichen Zeit der Entstehung des Bildstockes an der Kahl mit der Bronzeplastik „Die Sonne und der Regen“ den vom Landkreis Aschaffenburg ausgeschriebenen Wettbewerb zur künstlerischen Gestaltung des Krankenhaus-Vorplatzes in Wasserlos.

Der Name Kahl stammt vom althochdeutschen Wort „kaldaha“ und dem mitelhochdeutschen „kalde“ ab. Das bedeutet kalt, kühl und klar. Bei sehr niedrigem Wasserstand wie im Sommer 2018 nach der Hitzewelle kann das Adjektiv kühl für das Wasser sicher nicht mehr dem tatsächlichen Zustand entsprechen.

In Kahl am Main mündet die Kahl in den Main. Der bedeutendste Ort an der Kahl ist allerdings Alzenau.

Aktuell findet an der Kahl manche Veranstaltung nicht wie gewöhnlich statt. Wegen der Corona-Krise gab es keinen Pflanzenmarkt im Frühjahr und auch keinen Familientag im Juni. 2017 erregte der Diebstahl von acht der dreißig Liegestühle auf dem Gartenschaugelände Aufsehen. Aktuell sieht man nur noch wenige.

Der drei ha große Generationenpark wird nördlich von der Kahl begrenzt. Auf ihm und im Energiepark fand 2015 die Kleine Landesgartenschau statt. Über den Hauckwald ist das ehemalige Gartenschaugelände mit dem Energiepark verknüpft. Der Biergarten ist aktuell wieder geöffnet. Nebenan bedindet sich eine Kneipp-Anlage. Zwei Tischtennisplatten werden zudem rege genutzt. C.S. Juni/Juli 2020

2 Die Heiligen für jeden Tag. Viten, Legenden, Attribute & Patrozinien, Leipzig o.J., S. 144 und https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Nepomuk 17.7.2020

3 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Florian_von_Lorch 17.7.2020 und vgl .Die Heiligen für jeden Tag, a.a.O., S. 132

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Georg Sebastian Ullrich (1871 bis 1941)

Geboren wurde er im Ullrichshäuschen in der Kahlgasse, heute Mühlweg 2, Alzenau. Seine Eltern waren das Tagelöhnerehepaar Konrad Ullrich und Margarete, geborene Botzem. Seine Lehre machte er in der Alzenauer Zellulosefabrik. Er erlernte das Schlosserhandwerk. Von 1890 bis 1893 arbeitete er als Fabrikschlosser in der Hanauer Pulverfabrik nach drei Jahren Lehrzeit. Zudem arbeitete er bei der Firma Pelissier in Hanau und in den königlichen Betriebswerkstätten der Eisenbahn im Direktionsbezirk Frankfurt am Main. 1891 bis 1894 besuchte er die königlich bayerische Maschinenbauschule im Würzburg. Danach fand er eine Stellung als Assistent des Betriebsingenieurs bei den Elberfelder Farbenfabriken vorm. Bayer & Co. Anschließend war der junge Ingenieur bei den Firmen Fries & Sohn und bei der Deutsch-Amerikanischen Maschinenfabrik Frankfurt am Main beschäftigt – als Konstrukteur für Maschinenbau und Eisenhochbau.

1899 stieg er auf zum Ingenieur der Versuchsstation für Aufbereitung in der „Metallbank und Metallurgischen Gesellschaft in Frankfurt am Main“. Ullrich wurde damit betraut, das neue magnetische Wertherill-Scheideverfahren für die Trennung schwachmagnetischer Erze in der Praxis zu testen. Dies sollte in Australien geschehen. Dort gab es die Schwestergesellschaft „Australian Metal Comp“. Bald gelang es ihm, eine neues magnetisches Scheideverfahren und eine Maschine für tockenmagnetische Scheidung zu erfinden. 1902/1903 reiste Ullrich ein zweites Mal nach Australien – im Auftrag der „Metallurgischen Gesellschaft“. Er stieg zum Betriebsdirektor der dortigen Aufbereitungswerke auf.

Über die damalige Zeit schrieb er: „ Es war mir eine besondere Freude, daß ich als Mitglied der Institution of Mining and Metallurgie, sowie der Mine Manager Association Brokenhill Gelegenheit hatte, der Industrie meines Vaterlandes bei dem Absatz ihrer Maschinen für Aufbereitung und Bergwerksbetrieb in Australien und dem Einkauf der Silber- Zink- und Blei- Conzentrate für das deutsche Hüttenwesen gute Dienste leisten zu können.“1

Noch steigern konnte sich Ulrich 1906. Bis dahin konnten schwachmagnetische Erze nur auf trockenem Wege geschieden werden. Gesundheitlich war das gefährlich wegen des Einatmens des Staubes. Dieser entwickelte sich bei sulphidischen und carbonathaltigen Blei-, Zink- und Silbererzen. Viele Arbeiter erkrankten an Bleikolik.

Ullrich baute eine neue Ringmaschine , die das Problem der Scheidung schwachmagnetischer Erze vollständig auf nassem Wege löste. Die „Institution of Mining and Metallurgie“ in London bot ihm darauf die Mitgliedschaft an. Er heiratete 1908 die Engländerin Ethel Anna Birmingham und kehrte danach mit seiner wohlhabenden Frau nach Deutschland zurück.

Bei der Firma Friedrich Krupp, Grusonwerk AG, in Magdeburg fand er seine Lebensstellung. Ein weiterer Höhepunkt seiner Tätigkeit war die Rückgewinnung von Brennstoffen, Koks und Kohle aus Feuerungsschlacken. Angesichts der großen Brennstoffnot nach dem 1. Weltkrieg galt dies als große Leistung.2 Bald wurden Schlackenscheidungsanlagen betrieben, die etwa 12.000 Tonnen Schlacken pro Tag verarbeiten konnten.

Seinen Lebensabend verbrachte er in Alzenau, wo er 1908 von Tierarzt Karl Härtle dessen Haus in der Wasserloser Straße erwarb. 1938 schied er aus der aktiven Tätigkeit bei Krupp Magdeburg aus und zog sich nach Alzenau in das Privatleben zurück. Im November 1941 starb er an einem Herzschlag.

Anläßlich seines 15. Todestages am 23.11.1956 wurde durch Beschluß des Alzenauer Stadtrates der freie Platz vor dem Zollamt „Dr. Ullrich-Platz“ benannt.

Er war der Inhaber von über 600 Patenten.3 Zudem war Ullrich ein großer Kunstsammler. So besaß er unter anderem japanische Hinterglasmalereien, chinesische Jadeschnitzereien, venezianische Gläser, dalmatinische Gemmen und und asiatische Elfenbeinschnitzereien.

Ullrich-Denkmal in Alzenau

Literatur:

Karl Amberg, Ein Alzenauer mit 600 Patenten. Die Kreisstadt ehrt einen großen Sohn, in : Unser Kahlgrund 1957

Main-Echo vom 11.2.1997 „Die Straßennamen und ihre Bedeutung“

https://www.bavarikon.de/object/bav:UBR-BOS-0000P810XTB00007?p=810

https://www.geni.com/people/Dr-Ing-h-c-Georg-Sebastian-Ullrich/6000000033047381985

1Karl Amberg, Ein Alzenauer mit 600 Patenten. Die Kreisstadt ehrt einen großen Sohn, in : Unser Kahlgrund 1957, S. 67

2Ebd., S. 68

3Main-Echo vom 11.2.1997 „Die Straßennamen und ihre Bedeutung“

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Dreifaltigkeitskapelle Alzenau

Dreifaltigkeitskapelle Alzenau

Massiver Satteldachbau 1892

In der Kapelle: Bildstock 1758 mit Heiliger Dreifaltigkeit, Flurabteilung Wingert

Der Barockbildstock aus rotem Sandstein in der Dreifaltigkeitskapelle wurde 1758 von Sebastian Weismüller und seiner Ehefrau Anna Eva gestiftet.

Über der Eingangstür steht ein Gedicht: „Was schimmert auf dem Berge so schön, wenn die Sternlein hoch am Himmel aufgeh’n? Das ist die Kapelle, still und klein, sie ladet den Pilger zum Beten ein.“

Entstehung: Seit 1884 arbeitete im Distriktkrankenhaus in der Hanauer Straße Schwester Benedikta Hofmann. Sie war Mitglied des Ordens „Kongregation der Töchter des Allerheiligsten Erlösers“- so genannt im Jahre 1866- (seit 1969 „Kongregation der Schwestern des Erlösers“). Eine Niederlassung befand sich seit 1854 in Würzburg.

Die Schwester hatte einen Traum, wonach sie in den Weinbergen über dem nordwestlichen Ausgang Alzenaus an der Stelle des Dreifaltigkeitsbildstockes eine Kapelle erbauen lassen solle. Sie offenbarte ihren Traum einem Maurerpolier und einem Baumeister. Schließlich kam unter Mithilfe zahlreicher Bauern und einem Zimmermeister 1892 die Dreifaltigkeitskapelle zustande. Das Grundstück ist heute im Besitz der Kirchengemeinde. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts stand hier eine Weinbergshütte der Gemeinde.

In der Nähe stand seit 1758 ein Bildstock aus Buntstandstein, den die Eheleute Weismüller hatten aufstellen lassen. Auf ihm sind Symbole der Heiligen Dreifaltigkeit zu sehen. Auf der Rundsäule ist das Reliefbild des heiligen Sebastian zu sehen. Stifter war Sebastian Weismüller, der 1747 Susanne, die Tochter des Alzenauer Lehrers Cembgen heiratete. Er stammte aus Kreutz bei Fulda. Sie starb schon 1748. Ebenso der gemeinsame Sohn. Seine zweite Frau, Anna Eva, und Sebastian stifteten 1758 den Bildstock. Der Stifter starb 1759, der Bildstock bildete nach einer kleinen Versetzung den Mittelpunkt der Kapelle.

Sebastian war ein römischer Soldat, der wahrscheinlich 288 in Rom starb. Seit dem 4. Jahrhundert wird er in der katholischen und später in der orthodoxen Kirche als Märtyrer und Heiliger geehrt. Wahrscheinlich im 5. Jahrhundert bildete sich rund um sein Grabmal und den Namen – Sebastian bedeutet „der zum Kaiser Gehörende“ – eine Heiligenlegende.

Die Jugend verbrachte Sebastian in Mailand. Wegen guter Eignung wurde er zum Offizier der Leibwache von Kaiser Diokletian (Kaiser von 284 bis 305) und Maximian (Kaiser von 286 bis 305) ernannt. Es ist überliefert, dass sich Sebastian als Hauptmann der Prätorianergarde am kaiserlichen Hof öffentlich zum Christentum bekannt und notleidenden Christen geholfen hatte. Diokletian verurteilte ihn deshalb zum Tode und ließ ihn erschießen – durch numidische Bogenschützen.

Im Glauben, er sei tot, ließ man ihn danach liegen. Sebastian war jedoch nicht tot, sondern wurde von einer frommen Witwe, der heiligen Irene (gestorben etwa 288, Witwe des heiligen Märtyrers Kastulus), die ihn eigentlich für das Begräbnis vorbereiten wollte, gesundgepflegt. Glaubensstark kehrte er nach seiner Gesundung zu Diokletian zurück und bekannte sich erneut zum Christentum, was ihm abermals nicht gut bekam.

Diokletian befahl daraufhin, ihn mit Keulen im Circus zu erschlagen. Sebastians Leichnam warf man in die Cloaca Maxima (Kanalisation). Dort wurde er von Christen geborgen. Er soll ihnen im Traum den Ort seines Ablebens übermittelt haben.

Diokletian war ein brutaler Christenverfolger. 303 veranlasste er mit den anderen drei Kaisern das Edikt on Nikomedia, das die Vernichtung der Christen zum Ziel hatte.

Zu den Attributen des heiligen Sebastian gehören Pfeile, die seine Brust durchbohren. Angerufen wird er gegen die Pest und andere Seuchen. Zudem ist er Patron der Sterbenden, der Eisenhändler, Töpfer, Gärtner , Gerber und Bürstenbinder sowie der Polizisten in Deutschland und Italien etc., zudem ist er Patron der Sportler.

Heiligenlegenden beinhalten in erster Linie eine Glaubenswahrheit. Sie haben häufig einen Kern historischer Wahrheit.

Der Bildstock blieb nicht am alten Ort und bildet seit 1892 dem Mittelpunkt der Kapelle. Die Initiatorin der Kapelle Benedikta starb 1918. Mittlerweile ist die Wohnbebauuung dort fortgeschritten. Am Dreifaltigkeitssonntag (Sonntag nach Pfingsten) findet eine Andacht auf dem Platz vor der Kapelle statt. 1955 gab es eine grundlegende Sanierung. In den 70er Jahren entstanden neue Fenster durch den Alzenauer Künstler Franz Wilz.

Quellen:

Wikipedia Heiliger Sebastian, Stand 13.4.2020

Wikipedia Kongregation der Schwestern des Erlösers, Stand 13.4.2020

Heiliger Sebastian – Durchbohrtes Vorbild der Sportler von Agathe Lukassek 20.1.2020, in: http://www.katholisch.de

Walter Scharwies, Das Alzenauer Wingertkapellchen wird hundert Jahre alt, in: Unser Kahlgrund 1992, S. 69 – 71

Franz Perseke, Bildstöcke und ausgewählte Kulturdenkmäler im ehemaligen Landkreis Alzenau, Aschaffenburg 2009

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Den Blick vom Hauckwald zur Burg genoß schon Anton Schnack

Widmung für Alzenau

von Anton Schnack

Geliebter Ort:

Großmutter, Mutter lebten dort

Und schlafen auf dem Friedhof

nun für Ewigkeit fort.

Anmutig angelehnt

Am Hahnenkamm, der waldbedeckt sich dehnt

Von Wanderslust ersehnt.

Versteckt in Gartengrün,

Ein jeder Frühling flammt mit weißem Blüh’n

Um deine Burg, steinkühn.

Durchflossen sanft und schmal

Vom Wasserlauf der Kahl,

Entquollen wiesengrünem Spessarttal.

Ihr Wehr

Sang Rauschen meiner Jugendunruh her.

Das sprach: „Ich wandere zum Meer!“

Akaziendüfte süß und fein;

Der Juniabend wehte sie vom Hauckwaldhain,

Verschwieg’ner Liebe Stelldichein.

So manche warme Sommernacht

In seiner Blätterdämmerung verbracht,

Geküsst, geschäkert, jugendfroh gelacht.

Landschaft mit Obst beschenkt,

Die Äste übervoll behängt,

Wenn sich der Herbst blaudunstig niedersenkt.

Der Mädchen holde Schar

Schon immer lieblich war,

Zu uns’rer Freude auch in diesem Jahr.

Seid ebenfalls gelobt,

Ihr Freunde, treu erprobt,

Hier haben wir gezecht, gesungen,

lebensfroh getobt.

Rundum von Wald umspannt,

Oh Alzenau: Kleinod im Frankenland,

Weithin berühmt, bekannt!

Geliebter Spielpatz meiner Knabenzeit,

Der Jüngling fand hier Liebeslust- und Leid

Der Mann ruht hier vielleicht für immer aus

doch hat’s noch Zeit!

Lebensdaten Anton Schnack (Auszug mit Regionalbezug)

Am 21. Juli wird 1892 Johann Anton Schnack als drittes Kind des GendarmeriestationsKommandanten und späteren Gerichtsvollziehers Hermann Schnack (1853-1913) und dessen Frau Elisabeth (Elise) geb. Faik (1855-1943) im unterfränkischen Rieneck an der Sinn geboren. Seine Geschwister sind Eugenie (1886-1978) und Friedrich (1888-1977), der später ebenfalls Schriftsteller wird.

1915 zieht die Mutter ins elterliche Anwesen nach Alzenau in Unterfranken
um; Anton Schnack begleitet sie. Er arbeitet im Kahltal-Boten mit. Im November wird er zum Kriegsdienst einberufen.

1917 wird er beim Kommunalverband Alzenau als Mühlen- und Lebensmittelkontrolleur dienstverpflichtet.

Am 24. Oktober 1924 heiratet er Maria Glöckler (1901-1978).

Von 1937 bis 1943 wohnt er in Frankfurt am Main.

1945 gerät Schnack in amerikanische Kriegsgefangenschaft; nach seiner Entlassung geht Schnack nach Kahl am Main, wo er mit seiner Frau bis zu seinem Tod im Anwesen der Schwiegereltern, Spessartstraße 8, wohnen wird.

1973 stirbt er nach einem Schwächeanfall, der eine längere Aufnahme in die Hanauer Klinik erfordert, am 26. September an den Folgen einer Herzschwäche in Kahl; er wird auf dem dortigen Friedhof begraben. In diesem Jahr wurde er für den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland vorgeschlagen.

2003 Eine Stele für den Heimatdichter Anton Schnack wird eingeweiht. In Alzenau wird ein Jahr danach eine Gedenktafel aufgestellt.

2013 Ein alter Springbrunnen, ein Pavillon – in Nachbarschaft zu einem verwitterten Pool (dem wahrscheinlich ersten in Kahl) – in diesem Umfeld im Schnackpark wurde am 14.Juni ein Gedenkstein für den Schriftsteller Anton Schnack enthüllt.

Anton Schnack Gedenktafel

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Hohes Kreuz Alzenau

Es gehört neben der Burg und der Pfarrkirche Sankt Justinus zu den Wahrzeichen der Stadt Alzenau. Sie bilden den Alzenauer Dreiklang. Gestiftet wurde das Kreuz 1738 vom Ehepaar Johann Adam und Elisabeth Habermann. Sie besaßen eine Mühle, aus der später die Wellpappen- und Papierfabrik entstand. Bis zum Jahr 1852 stand dieses Kreuz am Dreieck Hanauer Straße/ Mühlweg. Es wird berichtet, dass dort viele Skelettreste gefunden wurden. Der Standort könnte Alzenauer Pestfriedhof gewesen sein. An der Pest Gestorbene wurden nicht in der Nähe der Dorfkirche beerdigt. – In Hörstein starben 1625/1626 allein in vier Wochen 400 Menschen an der Pest.

Die Anregung, das Kreuz zu versetzen, kam vom Alzenauer Pfarrer Anton Kolb (1849 – 1870). Die Ähnlichkeiten der Gestaltung lassen einen Seligenstädter Bildhauer vermuten.

Auf dem Sockel des Hohen Kreuzes kann man folgende Inschrift lesen: “ O Jesu ach mein höchstes Gut – Wasch mich durch dein H. (bedeutet Heilig) Bluth – Bitt durch dein Angst und bittern Todt. Ach stärk mein Seel in letzter Noth. Amen”

Danach kleiner:”Wandersmann stehe still und betrachte Jesus Dein gekreuzigter Heyland dessen Bildnis ihm zu Ehren dahir haben setzen lassen beide Eheleute Johann Adam Habermann und seine Ehefrau Elisabeth geborene Scherbin Ao 1738.”

Hohes Kreuz Alzenau Inschrift

Das Lendentuch ist seit der gotischen Zeit das einzige Kleidungsstück des Gekreuzigten. In romanischen Kreuzesdarstellungen kam es vor, dass Jesus ein Gewand trägt. In frühen oströmischen Darstellungen trägt er ein ärmelloses Gewand. Und in barocken Darstellungen wird das Tuch oft kunstvoll geknotet und von einem Kordelzug gehalten wie in Alzenau.

Betrachten wir den Totenkopf unten am Hohen Kreuz. Der Totenschädel symbolisiert den „alten Adam“ aus dem Paradies. Nach dem Sündenfall erlebt er in der Bibel seine Endlichkeit. „Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“ heißt es im Alten Testament.

Zusammen mit den gekreuzten Knochen ist der Totenschädel jedoch nicht Symbol des Todes und der Vergänglichkeit. Beide zeigen nach dem Willen des Künstlers die Überwindung des Todes durch Jesu Christi Auferstehung.

Aktuell bilden der Wohnpark am Hauckwald neben einem arg gestutzten Baumstumpf und dem Hohen Kreuz einen neuen Alzenauer Dreiklang. Der Wohnpark bietet sozusagen einen neuen Hintergrund des Hohen Kreuzes.

Hohes Kreuz Alzenau 2019

Ein nicht seltenes Phänomen in der Kulturlandschaft ist auch das Wegekreuz. Hier als Beispiel ein Wegekreuz ganz in der Nähe zwischen Somborn und Bernbach, dessen Sockel 1903 errichtet wurde. Ursprünglich war hier ein Bildstock, der nicht mehr vorhanden ist. Finanziert wurde das Kreuz von Gottfried Schneider. Auf dem Sockel steht geschrieben: “Es ist vollbracht. Und mit geneigtem Haupte gab er den Geist auf.” Joh. 29, 30

Wegekreuz zwischen Somborn und Bernbach


Schloß Wasserlos

 

Pavillon Wasserlos

Pavillon Wasserlos 2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kriegerdenkmal im Pavillon Wasserlos


Schloß Wasserlos

Das heutige Kreiskrankenhaus war früher in Teilen das Wasserloser Schloß. Wahrscheinlich im 14. Jahrhundert bauten die Schelriss von Wasserlos das erste Schloß. Seit dem 14. Jahrhundert ist das Adelsgeschlecht der Schelriss in Wasserlos nachweisbar. Etwa 1330 ist eine Fehde mit der Stadt Frankfurt dokumentiert. Im Jahre 1381 müssen sie eine Klage der Hörsteiner Bürger hinnehmen, die für ihre überkommenen Weiderechte kämpfen.1 Die Hörsteiner setzen sich auf einem Märkerding im August durch. Ihre alten Rechte werden bestätigt. König Ruprecht von der Pfalz ließ die Burg 1405 zerstören. Dieser König, der die Stadtrechte an Alzenau vergeben ließ, entschloß sich im Februar 1405, gemeinsam mit der Stadt Frankfurt, Raubburgen in der Wetterau und Umgebung zu bekämpfen. Zunächst wurde die Mömbriser Burg zerstört, danach das Schloß von Wasserlos verbrannt. Total war die Niederlage der Schellriss nicht. Henne Schellriss konnte mit einem weiteren Bewohner unbehelligt abziehen.Sie konnten die nötige Zahl von Früchten mitnehmen.

1504 starb das Geschlecht der Schellriss aus. Prinz Ludwig Eugen (1731 – 1795), der Sohn des Königs von Baden-Württemberg, Karl Alexander (1684 – 1737), erwarb das Schloß 1767. Erbaut wurde das Schloß 1767/682 oder erst 17903 auf den Resten der alten Burg. 1800 ging das Schloß in den Besitz von Johann Gabriel Marquis von Chasteler de Courcelles über. Er erbaute die Gartenanlage und das Wirtschaftsgebäude. Ein Pavillon entstand als Teehaus.

Eine bedeutende Besitzerin von 1845 an war Ludovica Freifrau von des Bordes (1787 – 1854), geborene Brentano von La Roche. Sie war das achte Kind des Frankfurter Kaufmanns Peter Anton Brentano. Sie selbst nannte sich meistens Lulu.4 1805 heirate sie den Bankier Carl Jordis. Er wurde Hofbankier des Königreiches Westfalen in der Residenzstadt Kassel.5 1824 kam es zur Scheidung. 1827 heiratete sie Richard Peter von Rosier des Bordes. Ludovica hatte keine eigenen Kinder, sondern die 1817 geborene Adoptivtochter Meline. Im Februar 1845 kaufte sie das als „kombiniertes Hofgut“ bezeichnete Schloß für 142.000 Gulden. Hier verbrachte sie ihre letzten Lebensjahre. Von Schloß Wasserlos war es kein weiter Weg zu ihrer Schwester Gunda von Savigny auf Hof Trages. In Aschaffenburg lebte die Familie ihres Bruders Christian. Hier wurde 1849 das Brentanohaus gekauft. Ihr Elternhaus war im nahe gelegenen Frankfurt.

Wie sah Wasserlos in dieser Zeit um 1850 aus? Eine Schrift aus dieser Zeit gibt Auskunft: „Wasserlos, katholisches Filial von Alzenau mit 730 Seelen worunter 48 Juden, 1 Kapelle, 2 Schulen, gutem Feld-, Obst- und Weinbau. Die Anhöhe bei Wasserlos war im 14. Jahrhundert der Sitz eines mächtigen Adelsstammes, der Schellrisse von Wasserlos, deren Burg aber im Jahre 1404 vom Heere der verbündeten Städte zerstört wurde.

Sehenswürdig ist hier das Oekonomiegut der Freifrau von Desbordes mit Schloß, herrlichen Garten-Anlagen und musterhaften ökonomischen Einrichtungen. Das jetzt vereinigte Gut bestand früher aus 2 Höfen. Frühere Besitzer: Oberjägermeister von Schleifroß, Prinz Louis von Württemberg, Landgraf von Rothenburg, Marquis von Chasteler, der das Meiste zur Verschönerung des Gartens beitrug, und Geheimer Finanz-Rath von Menz, von welchem es an die gegenwärtige Besitzerin kam, welche viele zweckmäßige Neubauten aufführt und Verschönerungen vornimmt.“6 1851 setzte Freifrau von des Bordes ihre Adoptivtochter Meline als Alleinerbin ein.

Wasserloser Schloß Schatten

Wasserloser Schloß

1851 stiftete Freifrau von des Bordes mit 2.000 Gulden den Grundstock für den Bau der Wasserloser Kirche. Die Grundsteinlegung für die Kirche erfolgte im Mai 1914, 1920 wurde die Kirche bezogen. In ihrem Testament stand folgende Verfügung: „Für die Armen in Wasserlos 2000 fl, welche ich besonders für Kranke und Reinigen der Wohnungen verwendet haben will.“7 (fl=Gulden)

Der Schwiegersohn, Moritz Graf von Bentheim, gründete 1853 den „Verein zur Beförderung der Kreis-Blindenanstalt für Unterfranken“ – im selben Jahr wurde in Würzburg das Kreisblindeninstitut gegründet (heute ist das die unterfränkische Blindeninstitutsstiftung). Graf Bentheim lebte in Wasserlos und in Würzburg. Seit 1854 gab es eine Eisenbahnverbindung nach Würzburg, die er in Dettingen benutzen konnte.

1866 gab es den Krieg zwischen Preußen und Österreich, den Preußen in der Schlacht bei Königgrätz gewann. Das Schloß war in dieser Zeit Kriegslazarett – wie auch während des Zweiten Weltkrieges. 1901 erwarb Baron von Mumm das Schlossgut Wasserlos. Er war ein renommierter Weinbauer sowie Pferde- und Rinderzüchter. 1916 folgte Wilhelm Weigand als Schloßherr, 1942 verkaufte die Familie Weigand das Schloß and die Reichsjugendverwaltung der NSDAP. Reichsjugendführer war seit März 1933 Baldur von Schirach. Im August 1940 wurde er durch seinen Stellvertreter, Artur Axmann, ersetzt.

Im klassizistischen Stil wurde im späten 18. Jahrhundert oder auch Anfang des 19.Jahrhunderts ein Pavillon gebaut, der auch als Belvedere bezeichnet wird. Er wurde als Teehaus genutzt.8 Im 19. Jahrhundert diente der Pavillon als Kapelle. Seit 1901 fanden dort die ersten evangelischen Gottesdienste im Kahlgrund statt.

Heute ist der zum Schloßgarten gehörende Pavillon von einer Straße durchschnitten. 1955 wurde im Pavillon das Krieger-Ehrenmal untergebracht.9 1938/1941 war die Figur eines getöteten Soldaten bei einer Umgestaltung in diesem Pavillon untergebracht worden. Die Anregung an den Gemeinderat Wasserlos zur Errichtung eines Krieger-Ehrenmals kam 1929 von den Vorständen der Ortsvereine. 1929 und im November 1932 gab es Sammlungen dafür. Anfang 1939 wurde begonnen, den Pavillon als Mahnmal umzugestalten. Leitender Architekt war der Direktor der Aschaffenburger Meisterschule für Bauhandwerker, Otto Leitolf. Als Bildhauer wurde Karl Fäth aus Fechenbach, spezialisiert auf Kriegerdenkmäler, ausgewählt. Entlang des Sarkophags befindet sich eine Inschrift, die folgendermaßen lautet: „Ihren für das Vaterland gefallenen Söhnen errichtet zum ewigen Gedächtnis von der Gemeinde Wasserlos.“ Die Figur eines liegenden Kriegers befand sich im Frühjahr 1940 immer noch in Fechenheim. Im Januar 1941 geschah die Sicherung der unvollendet gebliebenen Eingangspforte. Weitere Nachrichten gab es erst Ende 1953, wonach der Krieger, leicht beschädigt an seinem Stahlhelm, noch in dem fensterlosen Pavillon liege.10 Der Zweite Weltkrieg hatte den Pavillon 1943 durch eine frei gesetzte Schockwelle sowohl am Dach als auch an den Fenstern und der Figur ramponiert.

Die Wasserloser Kriegerfigur zeigt nicht gerade große Distanz zum Heldentod im Krieg. Der aufgebahrte Soldat trägt einen Uniformmantel und einen Helm. Sein Kopf liegt auf einem Tornister.Auf seiner rechten Seite drückt er ein Sturmgewehr an seine rechte Körperseite, an seiner linken Seite liegt ein Eichenlaubkranz, zu seinen Füssen ist ein Wappen Unterfrankens zu sehen. Die Besatzungsmacht USA sah derartige Kriegerdenkmäler nach Kriegsende nicht so gerne, nach der Gründung der Bundesrepublik 1949 hatten die Deutschen wieder mehr Einfluss darauf. In der Kirche wollte die Gemeinde Wasserlos das Denkmal allerdings nicht haben.

In dieser Zeit erhielt der Bildhauer Hans König den Auftrag, drei bleiverglaste farbige Fenster anzufertigen. Die Fenster zeigen symbolisch den Krieg, das Opfer und den Frieden. Die herab fliegende Taube steht für den Frieden. Ein Blitz symbolisiert den Krieg, das Kreuz das Opfer. Die Ausmalung der Kuppel wurde dem Kunstmaler Gunter Ullrich übertragen. Gezeigt wird ein Friedens- und Racheengel – weiß gekleidet mit erhobenem Schwert. Ein Friedenssymbol kann darin allerdings nicht gesehen werden – nach meiner Einschätzung. Mit einer Hand lässt der Engel drei Ölzweige als Zeichen des Friedens fallen. Gegenüber der Dominanz des Schwertes wirken die Ölzweige allerdings eher unauffällig und sekundär.

Die Gedenkstätte wurde im Mai 1955 eingeweiht und kostete 15.000 DM.

1949 ging das Schloß Wasserlos an das Land Bayern über. 1951 übergab Bayern das Areal mit dem 3,3 ha großen Englischen Garten an den Landkreis Aschaffenburg. Aktuell ist es Teil des Klinikums Aschaffenburg-Alzenau, nach Ende des Zweiten Weltkrieges war es zunächst das Krankenhaus des Altlandkreises Alzenau.

Um den Erhalt der Lindenallee im Wasserloser Kirschgarten, der zum Pavillon führt, wurde in jüngster Zeit (2017) gestritten. Bei einem Ortstermin im April kam es zu Kontroversen. Die alten Linden fällen und stattdessen die Allee völlig neu anlegen – dafür plädierte die städtische Umweltabteilung.Dem von der Stadt verpflichteten Sachverständigen Jan Goevert aus Kriftel (Main-Taunus-Kreis), dessen Vortrag auf den dringenden Rat hinauslief, die Allee neu anzulegen, bescheinigte eine Anliegerin ebenso wie den Vertretern des Rathauses mangelnde Sachkenntnis: Sehr wohl gebe es Mittel und Wege, das Fällen pilzgeschwächter Bäume zu vermeiden. Sie nannte ein Beispiel im schwäbischen Tübingen.11

Drei Linden seien zu drastisch beschnitten worden, hieß es später im Oktober von dieser Anliegerin. Laut städtischer Umweltabteilung handele es sich um eine Pflegerückschnitt. Die Linden würden ihr Aussehen wieder verändern. Zudem sei die Verkehrssicherheit gefährdet gewesen. Weiter hieß es von der Umweltabteilung: „Die Bäume wurden vor etwa 30 Jahren stark zurückgekürzt, was zu Wunden und einhergehendem Pilzbefall führte. An diesen Schwachstellen müssen in regelmäßigen Abständen Entlastungsschnitte durchgeführt werden, um einem Abbrechen der Äste zuvorzukommen.“12

Kehren wir zu Ludovica Freifrau von des Bordes zurück, vom Pilzbefall zum Trauerbefall sozusagen. Ein bedeutender Dichter der Deutschen Romantik, Joseph von Eichendorff, würdigte die „Geistlichen Gedichte“ der Freifrau entschieden und stellte sie mit den geistlichen Liedern von Annette von Droste-Hülshoff auf eine Stufe:“Die allerneueste Poesie hatte es unternommen, die falsche Aufklärung, welche die Romantiker einst scheinbar zu Grabe getragen, unter nicht geringem Lärm wieder zu erwecken und mit allem Schmuck poetischer Formeln als Göttin der Vernunft auf den Thron zu erheben. Es ist in der Hauptsache ein Vornehmtun gegen Gott, an dem sich insbesondere auch schriftstellernde Damen sehr erfolgreich beteiligten. Wir können es daher nur als erfreuliches Zeichen der Zeit begrüßen, daß neuerdings zwei hochbegabte Frauen wie Annette von Droste-Hülshoff und Frau von des Bordes einen jener Salonweisheit geradezu entgegengesetzten Ton anschlagen.“13

Eines ihrer „Geistlichen Gedichte“ soll hier wiedergegeben werden.

Mein treuester Begleiter

Nur Eins ist mir getreu in diesem Leben –

Es ist der Schmerz,

Mag er mich drücken oder mich erheben,

Er zwingt mein Herz

Und wie die Blüth‘ sich nach dem Brand der Sonne

Im Thau erhebt,

So wird mein Herz nach jeder ird’schen Wonne

Von Schmerz belebt.

Ach alle Lebensfreuden sie beglücken

Nur kleine Weil‘,

Im Opfer nur ist schmerzliches Entzücken,

Im Kreuz ist Heil!

O könnt‘ ich, wie ich wollt‘, mich Dir ergeben,

Erlöser du!

Dann fänd‘ im Liebestode ich das Leben,

Die Seele Ruh‘!14

Ähnlichen Schmerz drückte Heinrich Heine in seinem Gedicht „Rückschau“ 1851 aus:

Ach, jede Lust, ach, jeden Genuß

Hab ich erkauft durch herben Verdruß;

Ich ward getränkt mit Bitternissen

Und grausam von den Wanzen gebissen

Ich ward bedrängt von schwarzen Sorgen,

Ich mußte lügen, ich mußte borgen

Bei reichen Buben und alten Vetteln –

Ich glaube sogar, ich mußte betteln.

Jetzt bin ich müd‘ vom Rennen und Laufen,

Jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen.

Ein religiös versöhnlicher Schluß fehlt hier allerdings. Heinrich Heine lebte eher von der Ironie.

2002 wurde Ludovica sogar in einem Denkmal in der Hahnenkammstraße abgebildet. Sie öffnet das Fenster eines Rundturmes und trägt Kinderlieder vor. Unter dem Fenster sind zwei Kinder zu sehen.Auf dem Turm steht ein krähender Hahn. Die abgebildete Rebe deutet auf den Weinbau in und um Wasserlos hin. Gestalter war Theophil Steinbrecher.

1Heimat- und Geschichtsverein Alzenau (Hrsg.), Kulturgeschichtliche Entwicklung des Alzenauer Raumes, Alzenau 1988, S. 28

2Walter Scharwies, Adeliges Leben, Wohltätigkeit und Liebe zur Landschaft – Familie von des Bordes/ zu Bentheim auf Schloss Wasserlos, in: Stadt Alzenau (Hrsg.), Ludovica Freifrau von des Bordes, geborene Brentano von La Roche, Herrin auf Schloss Wasserlos und Wohltäterin der Gemeinde, Alzenau 2002, S. 25

5Gunda von Savigny, Hof Tages, Hanau 1999, S. 106

6Zitiert nach Scharwies, a.a.O., S. 33 f. – Die Datierung der Zerstörung der Burg differiert hier um ein Jahr

7Scharwies, a.a.O., S. 37

8Karl Braun, Michael Neumann, Wasserlos, in: Stadt Alzenau (Hrsg.), Alzenauer Stadtbuch, Alzenau 2001, S. 139

Siehe auch: Thomas Ratzka, der Gartenpavillon als Ehrenmal – zur Geschichte des ‚Kriegerdenkmals‘ in Wasserlos, in: Unser Kahlgrund 2002, S. 86 ff.

9Vgl. Informationstafel Wasserloser Schloß

10Vgl. Ratzka, a.a.O., S. 89

11Main-Echo vom 13.4.2017

12Main-Echo vom 20.10.2017

13Zitiert nach: Hartwig Schultz, Ludovica von des Bordes, geborene Brentano von La Roche. Von der reichen Kaufmannstochter zur Schriftstellerin in Wohltäterin, in: Stadt Alzenau (Hrsg.), Ludovica Freifrau von des Bordes, geborene Brentano von La Roche, Herrin auf Schloss Wasserlos und Wohltäterin der Gemeinde, Alzenau 2002, S. 16 ff.

14Ebd., S. 17

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Justinuskirche Alzenau

Wahrscheinlich ist die Pfarrei im 9. Jahrhundert nach Christus entstanden. Die Reliquien des heiligen Justinus wurden 834 nach Höchst gebracht. Justinus war ein christlicher Märtyrer im römischen Reich. Wahrscheinlich erlitt er 269 unter Kaiser Claudius II. oder eher Valerian den Märtyrertod. Kaiser Valerian ordnete an, nachdem Justinus seinem christlichen Glauben nicht abgeschworen hatte, ihn zu enthaupten. 1298 kamen die Reliquien nach Mainz in das Stift St. Alban. Teile der Reliquien kamen auch in die Einhardsbasilika nach Seligenstadt .Von dort kam die Justinusverehrung über die Benediktiner nach Wilmundsheim. Im Verlauf des 9. Jahrhunderts wurde von Seligenstadt aus die Pfarrei Wilmundsheim gegründet. Auf dem Kirchberg wurde hier die erste Pfarrkirche gegründet. Seit 830 gab es die benediktinische Klostergemeinschaft in Seligenstadt.

Die Abtei Seligenstadt war im Hochmittelalter bestrebt, die Landeshoheit im Freigericht zu erringen. Dies gelang ihr nicht, seit 1063 war Seligenstadt Mainzer Mediatkloster und damit von den Mainzer Erzbischöfen abhängig. Als Grundherr verfügte die Abtei Seligenstadt in Wilmundsheim über beachtlichen Grundbesitz, der Abt war Obermärker vor Ort. Im ältesten Seligenstädter Zinsregister aus ottonischer Zeit gab es zwei Grundholden (Bauern im Mittelalter, die außerhalb des Fronhofes arbeiteten, aber Steuern an den Grundherren zahlen mussten) in Wilmundsheim, die dem Kloster in Seligenstadt jeweils vier Denare (im Mittelalter gleichbedeutend mit dem Pfennig) pro Jahr entrichten mussten.1

Die Vorläuferkirche von Sankt Justinus stand räumlich in der Nähe des aktuellen Leichenhauses, 1754 wurde sie baufällig. 1756 wird ein Neubau beschlossen. Die Grundsteinlegung erfolgt 1757 nach einem Bauvertrag mit dem Aschaffenburger Unternehmer Franz Bockorny. Die Weihe wurde 1758 durch den Mainzer Weihbischof Christoph Nebel vorgenommen. 1760 wurde der Bau fertiggestellt. Architekt war der Miltenberger Johann Martin Schmidt.

Justinuskirche

Justinuskirche Alzenau

Die beiden Seitenaltäre (links Marienaltar, rechts Johannes-Nepomuk Altar) werden dem Würzburger Bildhauer Johann Peter Wagner (ca. 1764) zugeschrieben.

Der Hochaltar wurde 1776 bei dem Aschaffenburger Bildhauer Ernst Hofmann in Auftrag gegeben. Wahrscheinlich wurde er ein Jahr später errichtet. Der Centgraf Heinrich Neumann stiftete kurz vorher die Summe von 500 fl. (Gulden). 1859 wurde er durch einen Vergolder namens Schneeweiß wie die Kanzel und die Seitenaltäre neu gefasst. Im Mittelpunkt steht der gekreuzigte Christus im Strahlenglanz. Darunter das Tabernakel (Hostienbehälter). Darüber ein weißes Kreuz. Der Altar ist eingerahmt von vier korinthischen Säulen. Der Altar entspricht einer regionalen Sonderform des barocken römischen Baldachinaltars.

Neben dem Altar steht eine Figur Karls des Großen (fränkischer König von 768 bis 814, Kaiser seit 800), auf der anderen Seite die des Bonifatius (673 bis 754/755, 746 Bischof von Mainz).Die beiden kleinen Figuren im Vordergrund sind Benedikt von Nursia (480 bis 547) und der Kirchenpatron Sankt Justinus. Bei ihnen ist ungewiss, ob sie zur Altaranlage gehören.

Um 1971 kamen die Grabmäler des Pfarrers Franz Josef Krick und des Kaplanes Philipp Mark in die Kirche. Die letzte Renovierung gab es 1988 unter Pfarrer Karlheinz Buhleier. Der rote Sandsteinbau ist eines der Wahrzeichen Alzenaus.

Gesamtwürdigung:

„Mit den beiden Seitenaltären Johann Peter Wagners werden kunsträumliche Grenzen und regionale Qualitätsnormen überschritten und der Anschluß an das hohe süddeutsche Kunstniveau des späteren 18. Jh. erreicht.“2

Persönliche Erinnerungen: Pfarrer Buhleier brachte in einer seiner Predigten einmal einen Fußball mit,den er auf dem Boden mehrfach aufdotzen ließ. An den theologischen Hintergrund erinnere ich mich nicht mehr. Wer früher Feste auf dem Marktplatz am Samstag veranstaltete, musste während der Gottesdienstzeit die Lautsprecher ausschalten. Auch bei unbeabsichtigter Überschreitung wurde an Kritik nicht gespart. Anlässlich des Gewinns der Fußballweltmeisterschaft durch die deutsche Nationalmannschaft 2014 läuteten die Kirchenglocken von Sankt Justinus.

Das historische Orgelgehäuse wurde 1992/1993 restauriert. Dabei wurden zwei Zettel gefunden, die bezeugen, dass die Orgel 1734 erbaut wurde. Seit Anfang 1992 ist die Kirche eine der hauptamtlichen Kirchenmusikerstellen der Diözese Würzburg. Einen Monat später wurde die Kantorei Sankt Justinus gegründet.

In der NS-Zeit wurden die Glocken für Kriegszwecke verwendet. In der Woche nach Palmsonntag 1942 wurden die Glocken vom Kirchturm von Sankt Justinus geholt und nach Hamburg weggebracht. Hier wurden sie zu Kriegszwecken eingeschmolzen. Bei Glockenabholung ahnten viele:“Wenn man die Glocken holt, ist der Krieg verloren!“3

Kaplan Walter Zimowski wirkte von Oktober 1941 bis Oktober 1947 in Alzenau. Zusammen mit dem damaligen Bürgermeister Michael Antoni verhinderte er im März 1945 die Zerstörung Alzenaus durch die Amerikaner. Am 28. März fuhren die beiden mit dem Motorrad zu den Amerikanern, um eine kampflose Übergabe der Stadt zu erreichen, was letztendlich gelang. Da es sich nach Ansicht der führenden Nationalsozialisten um Hochverrat handelte, wurde in einem Standgerichtsverfahren gegen beide Personen die Todesstrafe durch Erschießen ausgesprochen.Bürgermeister Antoni konnte erfolgreich untertauchen, Kaplan Zimowski fand bei einer Familie in Wasserlos Unterschlupf. Am Karfreitag, dem 30. März 1945, zogen dann die Amerikaner kampflos in Alzenau ein. Kommandatur war zunächst die Villa Messmer, danach das Postamt. Auf dem Turm der Villa Messmer wehte eine weiße Fahne.

In der Diskussion war die Justinuskirche zuletzt als Aufnahmeort für die Tafeln der Gefallenen der beiden Weltkriege. Seit Ende März 2019 hängen sie wieder in Sankt Justinus. Vor 31 Jahren waren sie daraus entfernt worden. Vor zehn Jahren wurden die Tafeln restauriert und die Namen der evangelischen und konfessionslosen Gefallenen angefügt. Die vierte Tafel wurde ergänzt, eine fünfte neu geschaffen. Der Heimat- und Geschichtsverein zeigte die Tafeln einmal in einer Ausstellung im Michelbacher Schlößchen 2009.

Literatur:

Jan Kölbel, Johann Kugler, Matthias Sittinger, Frank Stickler, Markus Waite, 250 Jahre Sankt Justinus – 100 Jahre Peter und Paul, Alzenau o.J.

Jürgen Julier, Alzenau St. Justinus, München 1981 (Schnell Kunstführer Nr. 1307)

https://de.wikipedia.org/wiki/St._Justinus_(Alzenau)

https://de.wikipedia.org/wiki/Justin_der_Bekenner

Christian Grebner ,Die Geschichte der Pfarrei Alzenau im Überblick, in: Katholisches Pfarramt

St.Justinus (Hrsg.), 225 Jahre Pfarrkirche St. Justinus Alzenau Unterfranken, Alzenau 1983

Edgar Meyer, Alt Alzenau – neu entdeckt Bd. 2, Der Nationalsozialismus in Alzenau, sein Ende und die Zeit danach, Alzenau 1995

1Vgl. Christian Grebner, Die Geschichte der Pfarrei Alzenau im Überblick, in: Katholisches Pfarramt St. Justinus (Hrsg.), 225 Jahre Pfarrkirchze St. Justinus Alzenau Unterfranken, Alzenau 1983, S. 44 ff.

2Jürgen Julier, Alzenau St. Justinus, München 1981 (Schnell Kunstführer Nr. 1307), S. 14

3Edgar Meyer, Alt Alzenau – neu entdeckt Bd. 2, Der Nationalsozialismus in Alzenau, sein Ende und die Zeit danach, Alzenau 1995, S. 51

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König Ruprecht von der Pfalz – die Burg Alzenau

König Ruprecht

Der Mainzer Erzbischof Johann II. (1397 – 1419) ist eine Schlüsselgestalt der Alzenauer Burg. 1399 wurde von ihm eine Urkunde ausgestellt, in der das „nuwe schloß Altzenahe“ genannt wird. Das Schloß wurde in späteren Zeiten in eine Burg umgewandelt, Entstehungszeit der Burg ist somit das Ende des 14. Jahrhunderts. Sie war Verwaltungssitz der Kurfürsten von Mainz. Bis ins 15.Jahrhundert war der Ausdruck Wilmundsheim für das spätere Alzenau gebräuchlich. Schon Ende des 14. Jahrhunderts bekam Wilmundsheim vom Mainzer Erzbischof eine eigene Gerichtsbarkeit und Pfahlbürger. 1401 schaltete sich König Ruprecht von der Pfalz ein, dessen Onkel Erzbischof Johann II. war. Das Dorf Wilmundsheim durfte sich mit Mauern und Graben umgeben – es wurde eine Stadt daraus. Damit konnten auch Jahr- und Wochenmärkte abgehalten werden.1

Ruprecht von der Pfalz (1352 bis 1410) war von 1400 bis 1410 deutscher König und von 1398 bis 1410 Pfalzgraf und Kurfürst der Pfalz. Seit 1374 war er mit Elisabeth von Hohenzollern-Nürnberg verheiratet. Zusammen mit Erzbischof Johann II. gehörte er 1400 zu den Fürsten, die im August in Oberlahnstein König Wenzel (den Faulen, Luxemburger) absetzten.2 Sein Königtum war von Anfang an wacklig. Die Luxemburger lehnten es ab. Aachen verweigerte sich als Krönungsort, so dass die Krönung Anfang 1401 in Köln stattfinden musste.3 Seine Hausmacht war nicht sehr groß.

Ruprechts Italienzug von 1401/1402 erwies sich als vergeblich. In Italien wollte er die Kaiserkrone gewinnen und Mailand bezwingen, das sein Vorgänger, König Wenzel, an die Visconti verloren hatte.4 Feinde der Visconti waren in Italien die Florentiner, die König Wenzel abgelehnt hatten. Verbündet hatte sich Ruprecht mit den Habsburgern, denen territorialer Gewinn in der Lombardei zugesichert worden war. Die Florentiner gewährten Ruprecht ein Geldgeschenk von 200.000 Gulden und eine Anleihe in gleicher Höhe. Mit dem Herzog von Mailand, Gian Galeazzo von Mailand, konnte er nicht mithalten. Seine Einnahmen beliefen sich auf mindestens 1,2 Millionen Florin. Wer mehr Kohle hat, der ist eben nicht zu besiegen, so war es damals schon.

Schon im Oktober 1401 erlitt er eine Niederlage vor Brescia und seine Verbündeten, Erzbischof Friedrich von Köln und Herzog Leopold von Österreich, verließen Ruprechts Heer und kehrten nach Hause zurück. Vergeblich versuchte der König, Venedig in einen Krieg mit Mailand zu ziehen. Auch Papst Bonifaz IX. schloß kein Bündnis mit ihm. Im Mai 1402 war sein Rückzug in München abgeschlossen. Die Visconti erwiesen sich zu stark für ihn, eine deutsche Reichspolitik mit Kaiserkrönung in Rom war nicht mehr erfolgreich. Im Juli 1402 kam eine Hochzeit des 26 Jahre alten Prinzen Ludwig mit der zehnjährigen Prinzessin Blanca von England zustande. Diese Verbindung brachte dem König Geld und nicht nur Ansehen.

Papst Bonifaz IX. erkannte Ruprecht 1403 als König an. Dieser sollte sich für ein Papsttum unter römischer Oberhoheit einsetzen (es war die Zeit des Schismas -1378 bis 1417 – Gegenpäpste in Avignon). Ruprechts Vorgehen gegen die Stände des Reiches führte zur Gründungen des Marbacher Bundes 1405. Sein Onkel Johann II. sah die Fürsten als Mitinhaber des Reiches. Der König konnte es erreichen, dass der Marbacher Bund Ruprechts Macht nicht noch weiter schwächen konnte, indem er Sonderverträge mit einigen Mitgliedern schloß. Brabant ging endgültig an Neuburgund verloren, worauf sich Herzog Rainald von Geldern Ruprecht anschloss und er 1407 in Aachen den Thron Karls des Großen bestieg. Auf dem Konzil zu Pisa 1409 wurde ein dritter Papst, Alexander V., gewählt, die zwei bisher regierenden, Benedikt XIII. Und Gregor XII. wurden abgesetzt. Der größte Teil der deutschen Kirche erkannte Alexander V. an, der deutsche König hielt an dem römischen Papst, Gregor XII. fest.- Als der König gegen Johann von Mainz, der Alexander V. unterstützte und mit Frankreich verbündet war, einen Feldzug vorbereitete, setzte der Tod diesem Vorhaben ein Ende. Er starb am 18. Mai 1410.

Obwohl er nur König war, wurde ihm in Alzenau der Kaisertitel verliehen. Kaiser Ruprecht Apotheke, Kaiser Ruprecht Markt und Kaiser Ruprecht Straße. Man könnte noch einen drauf setzen und Alzenau zur Kaiserstadt machen – „Alzenau Stadt im Grünen und Kaiser Ruprecht Stadt“.

Die Burg Alzenau

Burgtor Alzenau zwei

Burg Alzenau

Stiftsamtmänner aus Mainz residierten in der Burg. In einem Bestallungsbrief von 1529 heißt es zu seiner Funktion: Er sei verpflichtet, „alles, Hab und Gut, die armen Leute getreulich zu schirmen, zu schützen, zu handhaben und zu verteidigen.“5

Im Zweiten Markgräflerkrieg wurde Schloß Johannisberg in Aschaffenburg von Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach 1552 niedergebrannt. Der Burg Alzenau erging es genauso. Mit dem Wiederaufbau begann der Kurfürst Daniel Brendel von Homburg (1523 – 1582). Sein Wappen ist über dem Torbogen des kleinen Innenhofes der Burg zu sehen. Der Wiederaufbau fand in den 70er Jahren des 16. Jahrhunderts statt. Im Verzeichnis der Frondienstleistungen wird das Jahr 1575 genannt.

Einen historischen Höhepunkt erlebte die Burg an Silvester 1634 im Dreißigjährigen Krieg mit dem Überfall schwedischer Truppen auf die kaiserlichen Offiziere des Feldmarschalls Mansfeld. Mehrere Reiterregimenter waren in Alzenau und Umgebung Ende 1634 einquartiert. Die schwedischen Truppen rückten mit 250 Reitern und 150 Musketieren an. Die Erstürmung der Burg überraschte die kaiserliche Besatzung. Nicht wenige kaiserliche Dragoner wurden gefangengenommen oder getötet, einige entkamen.6Die Schweden machten reiche Beute: acht Standarten, mehr als 800 Pferde mit Zaumzeug, mehrere Offiziere und die Kutsche des Grafen Wartberg, der entkommen war. Die Schweden kehrten vor dem Morgengrauen nach Hanau zurück.

Das Amtshaus entstand im 18 Jahrhundert. Die Grafschaft Hessen-Darmstadt entsandte einen Amtsvogt nach der Säkularisation 1803. 1816 kam Alzenau zu Bayern – das Königlich-Bayerische Landgericht zog in die Burg. Aktuell finden in der Burg kulturelle Veranstaltungen statt, Theater im Innenhof, Musikveranstaltungen im zweiten Obergeschoß. Der Rittersaal gilt als „Kabinettstück deutscher Burgenbaukunst“.

Markant ist der Kappellenerker, der sich im Rittersaal befindet. Kennzeichnend ist ein spätgotisches Kappengewölbe. Von der Bemalung des Rittersaales ist nichts mehr übrig.

Randenburg Sage

Die Alzenauer Namensage ist eng mit der Randenburg verbunden. Nach der Einnahme der Burg im 13. Jahrhundert wurde der Frau des Burgherren freier Abzug gewährt. Sie durfte mitnehmen, was sie tragen konnte. Die Frau war selbstlos und nahm ihren Mann auf den Schultern mit. Als ihr die Last zu schwer wurde, bat ihr Mann, sie möge ihn zurücklassen. Sie antwortete „all zu nah“. Bis zur Anhöhe in der Nähe hielt sie durch. Der Randenburger soll hier eine neue Burg gegründet haben, die er im Gedenken an diese Rettung „Allzunah“ nannte. Hieraus entstand dann nach der Sage der Name „Alzenau“.

Randenburg Denkmal

Alzenauer Namensage Denkmal

1Vgl.Burg Alzenau – Schnell Kunstführer Nr. 1445, München und Zürich 1984, S. 2 ff.

3Friedrich Baethgen, Schisma und Konzilszeit Reichsreform und Habsburgs Aufstieg (Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte Band 6) , München 1973, S. 42

4Leo Stern, Erhard Voigt, Johannes Schildhauer, Deutschland von der Mitte des 13. bis zum ausgehenden 15. Jahrhundert, Ost-Berlin 1984, S. 180

5Schnell Kunstführer, a.a.O., S. 5

6Heimat- und Geschichtsverein Alzenau (Hrsg.), Kulturgeschichtliche Entwicklung des Alzenauer Raumes, Alzenau 1988, S. 38 ff.

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Einige Kirchen und das Schloß von Aschaffenburg

Herzog Otto von Schwaben und das Hochstift Achaffenburg

Regesten

Kirchberg am 20.Juni 974: Kaiser Otto schenkt auf Bitten seines gleichnamigen Brudersohnes (des Herzogs von Schwaben), zwei königliche Eigenkirchen, eine in Salz, die andere in Brendlorenzen mit allem Zubehör der in Aschaffenburg zu Ehren des hl. Petrus und des hl. Alexander geweihten Kirche zum Unterhalt der Kanoniker

Nimwegen am 11. März 975: Kaiser Otto überträgt auf Bitten seines gleichnamigen Brudersohnes aus königlichem Eigentum eine Kirche und einenm Hof in Rohr mit allem Zubehör in das Eigentum der Kirche des hl. Petrus in Aschaffenburg

Bothfeld am 29. August 975: Kaiser Otto übergibt auf Bitten seinees Neffen, des Herzogs Otto von Schwaben, die ihm von diesen geschenkten Abgaben aus den Orten Kleinostheim und Dettingen der Kirche des hl. Petrus in Aschaffenburg zur Präbende der Brüder (Präbende bedeutet Pfründe)

Ingelheim am 9. Februar 976: Kaiser Otto, der auf Bitten seines Brudersohnes Otto, des Herzogs von Schwaben, die von demselben in Aschaffenburg gebaute und zu Ehren des hl. Petrus und des hl. Mätyrers Alexander eingeweihte Kirche mit Gütern und Zehnten ausgestattet hat und sie mit kaiserlichen Privilegien festigen und sichern will, bestimmt, daß die Kirche für alle ihre Güter nur einen Vogt haben, zu dessen servicium jedes männliche Familienmitglied das firdeil und einen Denar, jede Kurie ihr Teil entsprechend der Leistung an die Kirche beitragen soll, daß der Vogt nur auf Anruf des Propstes zu den gebotenen Dings kommen und weder von den Familien noch von den Gütern der Aschaffenburger Kirche Steuern erheben darf. Ferner schenkt der Kaiser der Aschaffenburger Kirche die vortreffliche Familie in Wirtheim dergestallt, daß der Propst ohne Rücksicht auf den Vogt jedes Familienmitglied, bevor es zins- und dingpflichtig wird, zu Ministerialen der Kirche machen kann. (Firdeil bedeutet – 976 wird in einer Urkunde Otto II. ein Maas Haber, welches Fir deil heißet, genannt. )

Agathakirche

St. Agatha ist ein katholische Aschaffenburger Kirche, deren Ursprung auf die Zeit 1168/1171 zurückgeht. Sie wurde außerhalb der Stadtmauern errichtet. Die Kirche brannte im März 1945 völlig aus. 1962/1963 wurde der jetzige Turm errichtet. Über dem Portal wurde 1963 eine 4 Meter hohe und 12 Tonnen schwere Sandsteinfigur der heiligen Agatha angebracht. Die Jungfrau Agatha von Catania starb wahrscheinlich unter Kaiser Decius zwischen 249 und 251 als Märtyrerin.

Agathakirche (3)

Agathakirche Aschaffenburg

Christuskirche

Sie ist die erste Stadtkirche in Aschaffenburg, die evangelisch-lutherisch entstand. Sie wurde 1837/1839 errichtet und steht in der Altstadt in der Nähe des Schlosses. Die Mittel zum Bau wurden in einer Landeskollekte gesammelt. Initiatorin war Königin Therese, eine gebürtige Protestantin. Sie war eine Prinzessin von Sachsen-Hildburghausen. Seit 1825 war sie Königin von Bayern nach der Heirat mit Ludwig I. Beim Bau der Christuskirche machte sie zur Auflage, eine Loge auf Kosten der Gemeinde zu erhalten, damit sie bei ihrer Anwesenheit im Schloss am Gottesdienst teilnehmen konnte.

Christuskirche

Christuskirche Aschaffenburg

Ist Karl der Große von Aschaffenburg aus in den Spessart zur Jagd gezogen? Ludwig I., das ist sicher, ließ hier das Pompejanum erbauen. Das Aschaffenburger Schloß Johannisburg ist ein architektonisches Denkmal ersten Ranges aus dem 17. Jahrhundert. Initiiiert von Kurfürst Johann Schweikart von Kronberg wurde 1605 bis 1614 eine symmetrische Vierflügelanlage errichtet, deren Baumeister Georg Ridinger war. Der Bergfried im Schloßhof wurde 1337 errichtet und ist in die Schloßarchitektur integriert. 1552 wurde die Burg im Markgräflerkieg durch den Markgrafen Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach niedergebrannt und geplündert. Dabei wurde auch die Heilig- Grab-Kirche der Beginen zerstört. 1553 war dann das Hochstift Bamberg dran.1614 war die Einweihung – 10 Jahre nach dem Amtsantritt Johann Schweikarts von Kronberg. Wie wurde dieses Schloß finanziert? Es kostete einschließlich der Inneneinrichtung mehr als 1 Million Gulden. Es mußten Anleihen in Nürnberg, Frankfurt und Mainz aufgenommen werden. Aus den Jahren 1600 bis 1630 sind für das Erzstift Mainz, in dem Johann Schweikart Kurfürst war, Dokumente zum Tod von 1879 Opfern von Hexenverfolgungen erhalten geblieben. Im Aschaffenburger Gerichtsbezirk wurde 1592 die erste nachweisbare Hinrichtung einer Hexe verzeichnet. Zwischen 1600 und 1613 sind die Verbrennungen von über 150 Hexen dokumentiert.

Die Hexenprozesse in Aschaffenburg produzierten einen Sozialterror größeren Stils.Der Stadtschultheiß Nicolaus Reigersberger (1624 – 1652) war Vorsitzender der Hexengerichte in Aschaffenburg, Großkrotzenburg, Wörth und Mönchberg. Für die zahlreichen Prozesse in Aschaffenburg und Großkrotzenburg kassierte er fast 1.500 Gulden. Hexenprozesse wurden auch als Mittel der Gegenreformation eingesetzt. Besonders aber als Mittel zum Füllen der Kasse, da das Vermögen der Angeklagten eingezogen wurde. Dieses Geld passte für den Bau des neuen Schlosses Johannisburg in Aschaffenburg, der Umfang des Einsatzes von Hexengeldern ist unklar.

Schloß Johannisburg

Schloß Johannisburg

Geschichte der Stiftskirche   

Die Kirche ist nach bekannten Persönlichkeiten benannt. Mit Petrus ist der Jünger und Apostel Simon Petrus gemeint, der wahrscheinlich in Rom starb. Alexander I. war der sechste Bischof von Rom. Er starb 115 nach Christus. Sankt Peter und Sankt Alexander wurde um 950 durch Herzog Liudolf von Schwaben (Sohn des deutschen Kaisers Otto I.) und seine Frau Ida von Schwaben (Tochter des Herzogs Hermann I. von Schwaben) wahrscheinlich zwischen 947 und 957 erbaut. Die Zeit vor 954 ist wahrscheinlich, da Liudolf infolge einer Auseinandersetzung mit seinem Vater das Herzogtum in diesem Jahr verlor. Später wurde durch den Sohn des Paares, Otto, Herzog von Schwaben, das Kollegiatstift – das ist eine Gemeinschaft von Säkularkanonikern oder Weltpriestern; mit Mönchen sind sie nicht zu verwechseln – Sankt Peter und Sankt Alexander mit Stiftsschule begründet. 974 ist das erwähnt. Seit 975 wurde mit dem Bau der Stiftskirche begonnen. Otto, Herzog von Schwaben und Bayern, ist die Vollendung der ersten großen Stiftskirche zu verdanken.

Spitalkirche 

Die Spitalkirche St. Katharina wurde 1848 als Saalkirche in romanisch-klassizistischem Stil erbaut. Seit 1997 feiert die Rumänisch-Orthodoxe Pfarrei Aschaffenburg dort ihre Gottesdienste. Sie hat das Innere phantasievoll gestaltet. Die bunte Bemalung ist dominant.

Spitalkirche AB (2)

Spitalkirche Aschaffenburg

Sandkirche

Ursprünglich heißt sie „Kirche zur weißen Lilie“, was aus dem Rahmen fällt. Entscheidend ist die Ursprungslegende des Gnadenbildes, das das Herzstück dieser Kirche darstellt. Ein Schäfer soll es entdeckt haben. Es ist eine Pietà (Maria mit Kind). Der Finder soll im Bereich des heutigen Standortes eine weißblühende Lilie entdeckt haben. Bei dem Versuch, die Lilie auszugraben, sei er auf das Gnadenbild gestoßen. 1431 liegt die früheste urkundliche Erwähnung eines Kapellenbaues an dieser Stelle. Der Sandtorturm wird um 1380 das erste Mal urkundlich erwähnt. 1517 wendet sich der Rat der Stadt Aschaffenburg an den Erzbischof Albrecht von Brandenburg mit der Bitte, eine Kapellenstiftung von Rat und Bürgerschaft „unter der Sandpforte“ zu genehmigen. 1606 ist eine große Wallfahrt in Damm erwähnt, deren Grund eine Pestepidemie war. 300 Menschen waren gestorben. 1629 gewährte Papst Urban VIII. den Pilgern aus Anlaß der Wahlbestätigung für Kasimir Wambolt von Umstadt zugunsten des Marienbildes „am Sande“ gewährte. Der Kirchenneubau geschah 1756. Ein Jahr vorher wütete wieder einmal die „Schwarze Pest“! Die Bittgänge und Wallfahrten waren sprunghaft gestiegen! Entscheidend war, dass Kurfürst Johann Friedrich Karl von Ostein als oberster Gönner und Hauptstifter für den Bau der Sandkirche gewonnen werden konnte. Auch sein Bruder, der Reichsgraf und Oberamtmann von Amorbach ,Franz Wolfgang von Ostein, konnte für den Bau gewonnen werden. Hier war 1753/54 die Pfarrkirche errichtet worden. Franz Wolfgang von Ostein wurde „Oberdirektor“ des Sandkirchenbaus. Baumeister war Christian Wolf, für die Deckengemälde konnte Christian Zick gewonnen werden. Sie wurden im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und konnten nicht gerettet werden.

Der geistige Mittelpunkt des Altars ist das Gnadenbild (Pietà), dessen Schöpfer unbekannt ist. Der Kurmainzer Hofwerkmeister Georg Schrantz galt als möglicher Künstler, es blieb bei einer Hypothese. Physiognomisch wirkt Maria nicht besonders edel bei dieser Darstellung, sie ist zu breit geraten.

1986 wurden die alten Fresken wieder ausgemalt – Initiator war der Würzburger Bischof Paul Werner Scheele. Die Fotos der alten Fresken waren nicht besonders toll.Von der historischen Rangordnung ist die Sandkirche eher von bescheidener Bedeutung, durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges ist sie von den alten Pfarrkirchen am besten gekommen.

Quellen

Die Sandkirche zu Aschaffenburg, München und Zürich 1989 – Schnell,Kunstführer Nr. 1745

Franz Herberhold, Beiträge zur älteren Geschichte des Kollegiatstiftes St. Peter und Alexander in Aschaffenburg, in: Aschaffenburger Jahrbuch für Geschichte, Landeskunde und Kunst des Untermaingebietes, Aschaffenburg 1952

Albrecht Sylla, Martin Hahn, Roland Ebert, Blickwinkel Aschaffenburg – Ein Gang durch die Stadt und ihre Geschichte, Aschaffenburg 1996

https://de.wikipedia.org/wiki/St._Agatha_(Aschaffenburg)

https://de.wikipedia.org/wiki/Spitalkirche_St._Katharina_(Aschaffenburg)

https://de.wikipedia.org/wiki/St._Peter_und_Alexander_(Aschaffenburg)

https://de.wikipedia.org/wiki/Christuskirche_(Aschaffenburg)


Reisebericht über Dieburg am 06.01.2005:

Nicht nur Alzenau nennt sich Stadt im Grünen, sondern auch Dieburg.

Werfen wir einen Blick auf die Geschichte, so lässt sich feststellen, dass Dieburg Seine Entstehung den Römern verdankt. Um 125 nach Christus wurde der Ort Dieburg Mittelpunkt der civitas Auderiensium, einer Region, die heute etwa Südhessen umfasst. Funde weisen vorher bis in die späte Bronzezeit zurück- 1000 vor Christus. 1926 fand man in Dieburg Sandsteinskulpturen, die auf ein Mithrasbild schließen ließen. Sie waren Teil eines Mithrastempels, dessen Nachweis in dieser Zeit gelang. Der Mithraskult stammt aus Persien und fasste auch im Römerreich konkurrierend mit dem Christentum Fuß. Eine monotheistische Religion befasste sich mit den letzten Dingen des Seins und verhieß das ewige Leben. Zahlreiche Zeugnisse gibt es davon in der römischen Provinz Germania superior.

Der persische Gott Mithras erscheint auch unter den Staatsgöttern des mesopotamischen Reiches Mitani und ist ursprünglich ein Lichtgott, der Eid, Recht, Treue und Wahrheit beschützt. Ähnlichkeiten gibt es zum Christentum. Auch der Mithraskult kennt eine Taufe und eine Art Abendmahl aus Brot, Wasser und Wein. Es ist eine Erinnerung an die letzte Mahlzeit des Mithras, der dann mit dem Sonnenwagen zum Himmel emporfuhr. Praktiziert wurde der Kult in unterirdischen Räumen, von denen eine Reihe im heutigen Deutschland liegen – neben Dieburg Osterburken, Saalburg, Neuenheim und Heddernheim. In ihnen fanden höchstens 100 Personen Platz, der Altar stand vor einer Apsis. Die Darstellung auf Denkmälern erlaubt in etwa folgende Deutung. Im Mittelpunkt steht die Tötung des Stieres durch Mithras, die die Entstehung der Welt und des Lebens zur Folge hat. Der Kampf gegen das Böse, das vor allem in Unwahrheit und sinnlicher Unreinheit besteht, wird von den Anhängern erwartet. Mithras ermöglicht der Seele nach ihrer Trennung vom Körper den Aufstieg durch sieben Planetensphären. Am Ende erreicht der Mensch die ewige Seligkeit. Bei der Auferstehung am Ende der Tage wird sie durch einen Unsterblichkeitstrank verbürgt. Am 25. Dezember erhielt Mithras einen Festtag, in dem sein Lichtcharakter gefeiert wird. Die zunehmende Identifikation mit der Sonne äußert sich in der Bezeichnung „sol invictus“ (unbesiegte Sonne).[1]

[1] Vgl.: Alfred Bertholet (Begründer), Wörterbuch der Religionen, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1962

Die beschriebenen Inhalte der Religion lassen sich auf dem Dieburger Kultbild in etwa nachvollziehen.

Ein weiterer Höhepunkt der römischen Geschichte ist die Jupitergigantensäule, die 1924 im Areal Ringstraße/ Kettelerstraße gefunden wurde. Sie entstand etwa 200 nach Christus. Die Kultsäule ist mehrteilig. Gut erhalten sind ein Viergötterstein als  Basis und Sockel und darauf sitzend ein Wochengötterstein. Beim Stifter handelt es Sich um den Ratsherrn Decurio Licinius Ob… Er und seine Gattin danken den Göttern für eine Wohltat.

Ein wichtiges Datum der Geschichte dieses Ortes lässt sich 1277 datieren, nämlich die Stadterhebung durch Rudolph I. Wenig später kommt die Stadt in den Besitz des Mainzer Erzbistums, das bis 1803 Stadtherr ist und von Hessen-Darmstadt abgelöst wird. Zu den bedeutendsten Geschlechtern gehörten die Groschlags, die von 1236 an dort ansässig sind und Ende des 18. Jahrhunderts aussterben. Das zweite bedeutende Geschlecht sind die Ulner (1319 bis 1770).

Eine bedeutende Sehenswürdigkeit des Ortes ist die Wallfahrtskirche, die im 8. Jahrhundert errichtet, bald vernichtet wurde, aber schon im 11. Jahrhundert als romanische Basilika neu entstand und 1216 abbrannte. Eine Erneuerung gab es 1400 im gotischen Stil, die Innenausstattung ist durch das Barock um 1700 geprägt. Was wäre eine Wallfahrtskapelle ohne ein Gnadenbild, das in diesem Fall 1420 entstand.1498 bestätigte der Mainzer Weihbischof Erhard die Weihe. Spätestens seit der Aufstellung des Gnadenbildes beginnt die Wallfahrt. Im zweiten Weltkrieg suchten viele Menschen durch die Nähe dieses Bildes in der Sakristei Schutz und Trost. Eine Mariengedächtnisstätte entstand 1998 auf dem Pilgerplatz neben dem Außenaltar.

Zwischen 1699 und 1799 lassen die Freiherren von Groschlag südlich von Dieburg eine Parkanlage anlegen, die noch heute teilweise besichtigt werden kann. Am Ende der einstigen Pappelallee steht ein 9,5 Meter hoher Obelisk, der auch „weißer Turm“ genannt wird. Die sogenannte „Alteneu“ sollte mit ihren drei Bögen an ein römisches Triumphtor erinnern. Zudem wurden ein ionischer Tempel, ein achteckiger Pavillon und ein Chinesisches Haus errichtet.

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Naturerlebnisbad Schöllkrippen am 13. August 2003

2300 Gäste zählte der Heimatbote am 12. August im Naturerlebnisbad Schöllkrippen, das vor nicht allzu langer Zeit eröffnet wurde. „Selbst zu besten Freibadzeiten hat das alte Kassenhäuschen, das jetzt mit einem neuen Anstrich glänzt, solchen Andrang nicht erlebt … Die meisten alten Bäume hatten bei den umfangreichen Erdarbeiten weichen müssen und neue Bäume können zum Teil erst im Herbst gepflanzt werden…’Trotz der intensiven Nutzung haben wir eine Top-Wasserqualität’, erklärte Norbert Ries (Stellvertretender Bürgermeister) auf Nachfrage. Alle Untersuchungen des Badewassers durch das Gesundheitsamt hätten völlig einwandfreie Werte geliefert.“ Ein Leserbrief zu diesem Artikel kann als Empfehlung gewertet werden, dieses Bad einmal zu besuchen, wenn ein kleiner Ausflug geplant ist. Im Heimatboten vom 16. August 2003 führte ich dazu folgendes aus: Es verwundert nicht, daß das Naturerlebnisbad in Schöllkrippen so viele Menschen anzieht, wie sonst kaum eine Freizeiteinrichtung. Selbst wenn die Parkmöglichkeiten, wie zu erwarten, an Grenzen stoßen, gibt es doch zwei Vorteile, die dieses Bad zweifelsfrei vorweist : man schluckt kein Chlor und das Wasser ist nicht so warm wie in einem Badesee in der Umgebung. Beide Vorteile können gar nicht positiv genug eingeschätzt werden. Sollten die Grünflächen noch erweitert werden und der eine oder andere kulturelle Leckerbissen angeboten werden – zum Beispiel Veranstaltungen wie „Skandal am Pool“ in Alzenau – könnte das Bad zu einem der bestbesuchten in ganz Unterfranken werden. Nicht zuletzt könnten die Sportmöglichkeiten im Gelände noch verbessert werden.


Glauberg im September 2020

Kriegerfürst am Glauberg

Beim ersten Besuch am Glauberg gab es das Museum noch nicht, das 2011 eröffnet wurde. Mittlerweile ist die Statue des „Kriegerfürsten“ des 5. Jahrhundert vor Christus im Museum zu sehen. Sein outfit kann aufgrund der Deckungsgleichheit zwischen den auf der Steinstatue abgebildeten Gegenständen und Kleidungsstücken und den Grabbeigaben dieses Herrschers relativ gut rekonstruiert werden.

Blattkappe

Gelegentlich ging man davon aus, dass eine Mistel abgebildet ist. Diese Pflanze war den Kelten besonders heilig. Gefunden wurden herzförmig gebogene Drahtreste, eine Holzscheibe sowie Leder- und Stoffreste zur Rechten des Toten. Es war wahrscheinlich eine Kopfbedeckung.

Bart

Auch auf der Steinskulptur hat der Kelte einen Bart. In den historischen Darstellungen wurde Kelten häufig mit Bart dargestellt.

Goldener Schmuck

Dargestellt ist ein Holz-, Nasen und Fingerring, den die Archäologen auch am Skelett nachweisen konnten.

Schuhe

Auf österreichischen Fundplätzen wurden Schnabelschuhe gefunden.. Sie waren auch bei den Etruskern, mit denen die Kelten rege Kontakte hatten, in Mode. Leider ist die Statue des Keltenfürsten fragmentarisch, was die Füsse betrifft. Man geht davon, dass die Schuhe den Funden in Österreich ähnlich waren.

Mantel

Die große Fibel im Grab und nachgewiesene Stoffreste sind Indizien, dass auch ein Wollumhang mit ins Grab gebracht wurde.

Bewaffnung

Die Kelten nutzten Schwerter und Waffen standardmäßig. Im Grab wurden drei Eschenholzschäfte gefunden. Danach besaßen die drei Speere eine Länge von 1,90 Meter. Das Schwert trug man mit einem Riemen über der Schulter. Ein Lindenholzschild diente dem Schutz des Kriegers. Er ist an der Statue gut zu erkennen.

Panzer

An der Statue ist die Panzerung auffällig. Der Körperpanzer ist mit Ornamenten verziert. Reste davon konnten im Grab nicht eindeutig nachgewiesen werden. Typisch keltisch war ein Nackenschutz und die Verstärkung des Rückens.

Hose

Ob Kelten Hosen trugen, ist unbekannt. Bei den Etruskern gab es Hosen nicht. Da sie die Kelten beeinflussten, könnten Hosen bei den Kelten noch nicht durchgedrungen sein. Möglicherweise trugen die Kelten eine Tunika.1

Der Blick und der Mundwinkel des Keltenfürsten scheinen zum Ausdruck zu bringen, dass die Welt hart ist und man nicht zum Lachen aufgelegt ist. Möglicherweise dachte er: „Möge mir der Druide ein Opiat verabreichen, damit ich optimistischer werde.“

Ernährung auf dem Glauberg

Als Nutztiere wurden in erster Linie Schweine, Schafe, Ziegen und in geringerer Anzahl Rinder gehalten. Seltener wurden die Knochen von Wildtieren wie Rothirsch, Reh, Wildschwein und Feldhase gefunden. Hülsenfrüchte wurden bevorzugt gegessen, daneben Weizenarten wie Emmer, Einkorn und Dinkel sowie Hirse und Gerste.

Honig wurde am Glauberg auch nachgewiesen und zwar in einer Röhrenkanne und einer Schnabelkanne. Wahrscheinlich wurde aus dem Wasser-Honig-Gemisch Met gewonnen Die Gärung übernahmen die Hefepilze.

Die Landschaft um den Glauberg war im 5. Jahrhundert vor Christus gekennzeichnet durch einen Rückgang der waldfreien Flächen. Man geht von einer intensiven Landwirtschaft um 400 vor Christus aus. Wahrscheinlich bestand eine großflächige Waldweide neben intensiver Holznutzung.

Kunst der Kelten

Auch hier sind etruskische Vorbilder überwiegend. Bezeichnend sind konstruierte Kreis- und Bogenornamente. Fabelwesen sind ebenso anzutreffen wie S-förmige Motive. Auch Fischblasen kommen vor. Eine Schnabelkanne konnte mit einer Figurengruppe verziert sein.

Physiognomie der Menschen am Glauberg

Beide bestatteten Krieger waren 1,69 m groß. Zähne und Knochen verraten das Alter. In ihnen verrät die DNA Erbinformationen. 26 Skelette wurden insgesamt am Glauberg gefunden. Der Großteil der hier Bestatteten ist wahrscheinlich nicht am Glauberg geboren sondern anderswo. Körperliche Anstrengungen waren den Glaubergern nicht fremd, dafür sprechen degenerative Veränderungen der Knochen. Die Höhergestellten hatten einen höheren Fleischkonsum.

Im Herrschergrab 1 wurde ein Mann von 21 bis 32 Jahre gefunden. Der Mann verzehrte viel Fleisch und wuchs in einer entfernten Region auf. In Herrschergrab 2 verstarb eine Person zwischen 30 und 40 Jahren. Der Mann wurde verbrannt. Einige hundert Meter vom großen Grabhügel wurde in einem kleineren Grabhügel noch ein Toter entdeckt. Eine Prunkfibel fällt an den Grab auf. Zudem weist ein goldener Ringschmuck auf eine gehobene Stellung, die sonstigen Beigaben sind im Vergleich zu den beiden anderen Personen bescheidener.2 Weitere etwa 20 Skelette im Umfeld des Glaubergs können nicht eindeutig als Bestattungen analysiert werden.

Markant sind zudem noch die Grabstätten eines einjährigen Kindes und einer Frau zwischen 55 und 80 Jahren. Die ältere Frau war o-beinig, 1,65 m groß und wahrscheinlich körperlich extrem gefordert. Bei der Bestimmung des Alters des Kindes wurde das Gebiss analysiert.

Hügel am Glauberg

1Vgl. Keltenwelt am Glauberg (Hrsg.), Der Keltenfürst vom Glauberg und seine Welt, Glauburg 2013, S. 42 ff.

2Ebd., S. 26 ff.

Glauberg an Pfingsten 2002

1200 Jahre ist der Ortsteil Glauberg nun alt, mancher wird sich fragen, was die kleine Gemeinde in der Wetterau so berühmt macht. Viele haben es sicher schon gehört – in diesem Ort wurde zwischen 1994 und 1997 eine archäologische Sensation ersten Ranges entdeckt – die Reste zweier Grabhügel aus frühkeltischer Zeit in einem umfangreichen System aus Gräben und Wällen. Auffällig war die als „Fürst vom Glauberg“ benannte Sandsteinfigur, die im Zentrum einer Ausstellung zu sehen ist, die die Schirn in Frankfurt bis 1.9.2002 präsentiert.

1994 begannen die zum keltischen Fürsten führenden Ausgrabungen in Glauberg in der berechtigten Erwartung, daß der archäologisch bisher schon hoch ergiebige Berg noch weitere Überraschungen zu bieten hätte. Lange vorher schon waren Zeugnisse der jungsteinzeitlichen Bandcheramiker gefunden worden. Hier soll das „Mehlberg-Schweinchen“ (4.800 vor Christus) genannt werden – es handelt sich um eine etwa 4 cm große aus Ton gebrannte Schweinefigur. Zudem wurde ein 48 cm langer Steinpflug entdeckt. Weitere Zeugnisse der Rössener und Michelsberger Kultur weisen auch in die Jungsteinzeit. Die bronzezeitliche Urnenfelderkultur kann ebenso von 1000 bis 800 vor Christus nachgewiesen werden.

Besondere Bedeutung bekam der Glauberg in der frühkeltischen Zeit (der Späthallstattzeit) im 6. und 5. Jahrhundert. Riesige Wälle mit Wasserreservoir auf einer Gesamtfläche von 20 ha lassen heutige Altertumsforscher von einer „Bergstadt der frühkeltischen Zeit“ sprechen. Der Glauberg erhält im 5. Jahrhundert vor Christus den Rang eines Fürstensitzes mit Verbindungen zum Mittelmeerraum. Ein bronzener Halsring weist sogar persische Kunsteinflüsse auf. Im Hügel wurden zwei Fürstengräber gefunden. Im ersten Grab fand man einen etwa 30jährigen Toten mit wertvollem Schmuck, bemerkenswert sind Halsring, Armring und Fingerring aus Gold. Die Schnabelkanne war mit Honigwein als Totentrunk gefüllt. Grab zwei enthielt ebenfalls wertvolle Grabbeigaben wie Schwert und Trachtenschmuck. In einem zweiten Grabhügel konnte ebenfalls eine fürstliche Bestattung eines Kriegers mit prächtigen Grabbeigaben nachgewiesen werden.

Hiermit erwies sich der Glauberg als bedeutendes Zentrum der frühkeltischen Welt, das von regionaler Bedeutung war und mit der Kontrolle der Handelswege in der hessischen Senke und der Salzgewinnung in Bad Nauheim einherging. Nicht restlos geklärt ist, wann die Bedeutung des Glaubergs zurückging – möglich ist es, daß die Wanderungen der Kelten im 4. Jahrhundert vor Christus dem Zentrum Glauberg ein Ende setzten. In der keltischen Spätzeit (2. und 1. Jahrhundert vor Christus) begann die Zeit der Oppida, stadtähnlicher Siedlungen, von denen regional das bedeutendste das Heidetränk-Oppidum nahe Oberursel ist. Hier könnten schon 20.000 Menschen gelebt haben.

Eine ausführlicher Darstellung der keltischen Gesellschaft gibt Gaius Julius Caesar in seinem Werk „Der Gallische Krieg“. Caesar besiegte die von den Römern Gallier genannten Kelten von 58 bis 52 vor Christus in mehreren Feldzügen. Er schreibt in seinem Werk unter anderem: „In ganz Gallien gibt es zwei Klassen von Menschen, die irgendwelche Geltung und Ehre genießen. Denn das niedere Volk nimmt beinahe die Stellung von Sklaven ein. Es darf von sich aus nichts wagen und wird auch zu keiner Versammlung hinzugezogen. Da die meisten durch Schulden, durch große Abgaben oder ungerechterweise von den Mächtigen bedrückt werden, begeben sie sich in den Dienst der Vornehmen, die dann gegen sie dieselben Rechte haben wie Herren gegen Sklaven. Aber von den beiden Ständen ist der eine der der Druiden, der andere der der Ritter. Die Druiden versehen den Gottesdienst, besorgen die öffentlichen und privaten Opfer und legen die Religionssatzungen aus. Bei ihnen finden sich junge Männer in großer Zahl zur Unterweisung ein, und sie genießen bei diesen hohes Ansehen. Denn bei allen öffentlichen und privaten Streitigkeiten urteilen und entscheiden sie. Sie setzen Belohnung und Strafe fest, wenn ein Verbrechen begangen wurde, ein Mord geschah, Erbschafts- und Grenzstreitigkeiten ausbrechen. Fügt sich ein Privatmann oder ein Volk ihrem Entscheid nicht, so schließen sie die Betroffenen vom Gottesdienst aus. Dies bedeutet bei ihnen die härteste Strafe. Die so Ausgeschlossenen gelten als gottlose Verbrecher, ihnen gehen alle aus dem Wege, ihre Annäherung und Gespräch meidet man, um nicht aus der Berührung mit ihnen Nachteil zu erleiden. Ihnen wird, auch wenn sie ihn nachsuchen, kein Rechtsbescheid erteilt, noch wird ihnen irgendwelche Ehre erwiesen. An der Spitze aller Druiden steht einer, der bei ihnen das höchste Ansehen genießt. Nach seinem Tode tritt an die Stelle der, der unter den übrigen an Würde hervorragt, oder, wenn mehrere gleiche Bewerber da sind, entscheiden in dem Wettstreit die Stimmen der Druiden, bisweilen gar die Waffen. Sie tagen zu einer bestimmten Jahreszeit an einer geheiligten Stätte im Lande der Carnuten, das ungefähr in der Mitte ganz Galliens liegt …

Die Druiden ziehen gewöhnlich nicht in den Krieg und zahlen auch keine Abgaben wie die anderen, sind vom Waffendienst befreit und genießen Freiheit von allen Leistungen. Durch so große Vorrechte verlockt, begeben sich viele freiwillig in ihre Lehre oder werden von ihren Eltern und Verwandten hingeschickt. Sie sollen dort Verse in großer Zahl auswendig lernen; deswegen bleiben einige zwanzig Jahre in der Lehre. Sie halten es für Sünde, sie schriftlich niederzulegen, während sie fast in allen übrigen Angelegenheiten, in Staats- und Privatgeschäften, die griechische Schrift benützen. …

Der zweite Stand ist der der Ritter. Wenn ein Bedürfnis vorliegt oder ein Krieg ausgebrochen ist – dies pflegte vor meiner Ankunft in der Regel alle Jahre einzutreten, daß sie selbst Feindseligkeiten eröffneten oder solche abwehrten -, stehen diese alle im Felde und haben, wie ein jeder von ihnen durch sein Geschlecht oder seine Mittel einflußreich ist, möglichst viele Gefolgsleute oder Hörige um sich. Darin erkennen sie den einzigen Einfluß und die einzige Macht.

Das ganze Volk der Gallier ist in hohem Maße religiösen Gebräuchen ergeben. Aus diesem Grunde opfern die, welche von schweren Krankheiten befallen sind und in Kampf und Gefahr schweben, anstelle der Opfertiere Menschen oder geloben deren Opfer und bedienen sich hierbei der Druiden als Opferpriester … Andere Stämme haben Gebilde von ungeheurer Größe, deren aus Ruten zusammengeflochtene Glieder sie mit lebenden Menschen füllen; sie werden dann von unten angezündet, und die von der Flamme Eingeschlossenen werden getötet. …“

Da über die Gesellschaft am Glauberg keine schriftlichen Dokumente existieren, ist es sicher nicht exakt zu ermitteln, wie viele der von Caesar bekundeten Sachverhalte schon vier Jahrhunderte vorher existierten.

Da sich im Westen, Osten und Norden Frankfurts noch weitere bedeutende Orte keltischer Kultur befinden – Büdingen, Bad Nauheim, Oberursel, Butzbach oder der Dünsberg bei Biebertal – wurde vor kurzem die Keltenstraße der Öffentlichkeit vorgestellt. Daß der Ort Glauberg nicht nur wegen seiner Keltenfunde interessant ist, sondern auch danach noch einiges zu bieten hat, zeigt die Tatsache, daß dort im 7. Jahrhundert eine fränkische Großburg entstand, die für die umliegende Landschaft von zentraler Bedeutung war. Im Jahre 802 wurde das Dorf auch zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Die letzte Blüte erlebte Glauberg im 13. Jahrhundert, als eine „Reichsburg“ entstand. Die staufische Wetterau wurde in diesem Jahrhundert zum Kriegsschauplatz zwischen den Kaisertreuen, die zu Friedrich II (Staufer) hielten und der „Kirchenpartei“ um den Mainzer Bischof. Zu den Staufergegnern zählten auch die Büdinger, die mithalfen, daß wahrscheinlich 1256 Burg und Stadt auf dem Glauberg zerstört wurden.

Die heutige Gemeinde Glauburg bersteht aus den Ortsteilen Glauberg (1.300 Einwohner) und Stockheim (2.000 Einwohner). Sie liegt nicht weit von der Autobahn A45 Gießen-Hanau am Schnittpunkt der Bahnlinien Frankfurt-Stockheim und Gießen-Gelnhausen im Tal der Nidder. Eine Fahrt dorthin lohnt sich für Menschen, die an Geschichte Interesse haben und Sehenswertes auch in der Nähe suchen. Das Heimatmuseum ist an Sonntagen von 14 bis 16 Uhr geöffnet.

e-mail: Gemeinde-Glauburg@t-online.de

Christian Schauer

Literatur:
1200 Jahre Glauberg – 50 Jahre Eintracht Glauberg (Festschrift), Glauburg 2002
Hessische Kultur GmbH (Herausgeber), Keltenstraße – Ausflüge in eine verlorene Zeit, Wiesbaden o. J.
Gaius Julius Caesar, Der Gallische Krieg, München 1965
Internet: http://www.Glauburg.de , http://www.Glauberg.de , http://www.Keltenfuerst.de




                                                  

 

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