Archiv für Januar 2012

Kurztrips in die Umgebung

Harressee in Seligenstadt im Mai 2017

Es handelt sich in erster Linie um einen Anglersee. Hauptfischarten in dem See sind Karpfen, Schleien, Hechte, Barsche, Aale und verschiedene Weißfischarten. Der Harressee ist ein Baggersee. Für den Badebetrieb ist er nicht zugelassen. Das Angelgewässer ist langfristig an zwei Seligenstädter Angelvereine verpachtet. Der See ist zweigeteilt. Der nördliche See ist 36.720 qm und der südliche See ist 14.900 qm groß. Die Seen grenzen an die Naturschutzgebiete Schwarzbruch im Süden und Pechgraben im Norden.

Harres See zwei

Harressee

Harres See

Harressee

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Seligenstadt an Silvester 2012

Um das Jahr 100 n. Chr. wurde in der Herrschaftszeit des römischen Kaisers Trajan ein Kohortenkastell auf dem Gebiet des heutigen Seligenstädter Marktplatzes erbaut. Etwa 260 n.Christus wurde das Kastell aufgegeben. Auf den Trümmern des ehemaligen Kastells und auf dem heutigen Klosterareal entstand im Talabschnitt des Breitenbaches die frühmittelalterliche Siedlung Obermühlheim. „Obermühlheim“, wie Seligenstadt zur Karolingerzeit hieß, wurde am 815 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Als ein früher Besitzer wird ein Graf Drogo genannt. Einhard, der Biograph Karls des Großen, ließ 828 die Gebeine der Märtyrer Marcellinus und Petrus von Rom in den Ort bringen und begann um 830 mit dem Bau der nach ihm benannten Basilika1, die bis heute das Wahrzeichen der Stadt ist. Im gleichen Jahr ist die Existenz einer klösterlichen Gemeinschaft zur Pflege des Heiligenkultes belegt.2 Die Abteikirche entstand zwischen 830 und 836, Einhard wurde 840 in der nach ihm benannten Basilika beigesetzt. 1063 wurde das Kloster dem Erzbistum Mainz unterstellt. Das Kloster wurde an Kaiser Friedrich I. als Erblehen abgetreten. In der Abtei lebten bis1803 Benediktinermönche. Seligenstadt wurde 1165 zur Stadt. 1525 wurden während des Bauernkrieges die Fruchtspeicher und Weinkeller der Abtei geplündert. Nicht gut ging es dem Kloster im Dreißigjährigen Krieges. Gustav Adolfs Soldaten suchten das Kloster heim. Das Innere der Basilika wurde verwüstet. Unter den Äbten Leonardus Colchon und Franciscus I, und II. erblühte das Kloster im Anschluss zu neuem Leben. Um 1700 entstand das heutige Erscheinungsbild der Klosteranlage. 1574 waren sage und schreibe 66 Orte dem Kloster tributpflichtig, so waren es im 18. Jahrhundert deutlich weniger in der engeren Umgebung des Mains. Die ehemalige Abtei unterstand einer strengen Verwaltungsaufsicht des kurfürstlichen Landesherren. Der vom Konvent gewählt Abt bedurfte der Bestätigung des Erzbischofs. Jährlich fanden Wallfahrten statt, durch die der Konvent Einfluss auf die Volksfrömmigkeit ausübte. Diese wurden erst 1805 eingestellt.3 1803 wurde die Abtei durch Großherzog Ludwig I. Von Hessen und bei Rhein säkularisiert. Der letzte Abt namens Marcellinus II. Molitor durfte im Kloster leben. 1812 wurde eine Pfarrkirche aus der ehemaligen Klosterkirche.

Die Kaiserpfalz

Neueren Forschungsergebnissen des Förderkreises Historisches Seligenstadt und des im Auftrag der Stadt die Restaurierungsarbeiten leitenden Architekten  zufolge wurde das Palatium jedoch von Friedrich I. Barbarossa anlässlich des Hoftages, der 1187 im “Romanischen Haus” stattfand, im 12. Jahrhundert errichtet und nach einem Brand um 1235 unter Friedrich II. umgebaut.  Der elf Meter mal 46 Meter große Sandsteinbau  ist als zweigeschossiges Jagd- oder Lustschloss entstanden. Sein markantes Aussehen erhielt das Bauwerk durch zwei tonnengewölbte Eingänge, die einen balkonartigen Vorbau, einen Altan, trugen. 1237 bestätigte Kaiser Friedrich II. dem Mainzer Erzbischof, dass “die Stadt nicht dem Reich gehört, sondern wir besitzen diese Stadt nach Erbrecht lehensweise von der Mainzer Kirche wie unser Großvater und Vater”. Hier beginnt sich der Einfluss von Mainz zu verstärken. Beim Bau der Stadtmauer um 1460  wurde die Palatium -Mauer in die Befestigung mit einbezogen. In den folgenden Jahrhunderten nutzte die Bevölkerung die Ruine der Kaiserpfalz als Steinlieferant für den Häuserbau. Bei einem Rundgang durch die Innenstadt kann man die vielen Fachwerkhäuser betrachten, die auch für Touristen aus außereuropäischen Ländern attraktiv sind (siehe Bild). Die Silhouette von Seligenstadt kann man auch werktags mit dem Ringbus sehen, wenn dieser über die Station „Fähre Seligenstadt“ von Kahl am Main nach Alzenau fährt.

1 Architektonisch definiert, ist eine Basilika eine Kirche, deren Innenraum durch Säulen- oder Pfeilerreihen in drei oder mehr Längsschiffe geteilt ist, deren mittleres deutlich höher ist als die seitlichen, so dass im Mittelschiff eine hochgelegene Fensterzone entsteht.

2Einhardsbasilika Seligenstadt , Schnell Kunstführer Nr. 1544, 1989 (Zweite Auflage), S. 3

3Vgl. , S. 5

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Buchbesprechung

Marcellin Spahn, Zur Geschichte der Seligenstädter Juden. Aus Dokumenten und Berichten, Seligenstadt 1986.199 Seiten

Die älteste Nachricht über die Seligenstädter Juden datiert aus dem Jahre 1293. Danach wird der Abt verpflichtet, der Stadt einen Schultheiß zu geben, der dem Gericht präsidiert, ausgenommen sind die Taten, die von Juden begangen werden. Juristisch verantwortlich ist hierfür der Vogt. Die Juden waren auch in Seligenstadt von der Pflicht befreit, Fahrdienste für den Heimbürger zu leisten. Zur Zeit der großen Judenverfolgungen Mitte des 14. Jahrhunderts waren in Seligenstadt keine Juden mehr. Der Erzbischof von Mainz befreite seine Juden im Erzstift 1384 drei Jahre lang von außerordentlichen Steuern. 1391 finden sich wieder Spuren von Juden in Seligenstadt . Ihre Unbeliebtheit äußerte sich darin, dass ertappte Wucherer an drei Sonntagen vor dem Hochamt mit dem Weihwasser um die Kirche gehen mussten und das barfuß mit einem Judenhut auf dem Kopf. Ein Judenhut galt dann als besondere Strafe, wenn er von einem Christen getragen wurde. Das Ghetto der Juden bestand in einer Gasse, die nachts nicht von Christen betreten werden durfte. Ihren Lebensunterhalt bestritten die Juden mit Geldgeschäften. Im 14. Jahrhundert wanderten manche Juden nach Frankfurt aus, danach gingen ihre Häuser in christlichen Besitz über. Nach dem Dreißigjährigen Krieg sind wieder Juden in Seligenstadt nachweisbar. Zwei Metzger betrieben dort ihr Handwerk. 1706 fand ein Prozess zwischen Juden und Christen statt. Es ging dabei um eine Konzession für einen Kramladen, letztendlich auch um Konkurrenz. Die christlichen Krämer Seligenstadts zweifelten an der Rechtmäßigkeit der jüdischen Konzessionen für Krämerläden. Die jüdischen Krämer entgegneten:“ Die christlichen Krämer sagen nicht die Wahrheit, sondern begründen ihre Motive mit allerhand Unwahrheiten. Nicht alle Judenkrämer bieten Fett- und Trockenware an (wie vorgeworfen), sondern nur drei von den neuen Krämern , die 1706 hier leben …“ Schließlich willigten die Juden ein, dass zwei der jüdischen Krämer außerhalb der Stadt ihre Nahrung suchten.

1868 wurde der Plan gefasst, eine neue Synagoge zu bauen. Gebaut wurde in neuromanischen Stil mit orientalischen Elementen, 1872 fand die Einweihung des Quaderbaus mit Sandsteinen mit flachem Satteldach statt. Die wertvollsten Gegenstände waren die 1851 geweihten Thorarollen und drei Thoraschilder in Silber. Letztere besaßen einen Wert von 3000 Mark. Das Frauenbad befand sich bis zum Ende der jüdischen Gemeinde in der Kleinen Rathausgasse. Im Zuge der Altstadtsanierung wurde das Haus abgerissen. 1714 kaufte die jüdische Gemeinde für 100 Gulden ein Stück Land zur Bestattung ihrer Toten. Der Judenfriedhof befand sich an der Einhardstraße, Flur II. Zu beachten war auf dem Friedhof: „Auf dem Friedhof darf man nicht essen, trinken, Holz oder Gras sammeln oder das Vieh weiden. Auch das Spazierengehen ist nicht gestattet. Ein geschlossenes Grab darf nicht mehr geöffnet werden. Jüdische Friedhöfe sind auf die Ewigkeit angelegt. Es ist nicht möglich, nach einer Bestattung das Grab zu öffnen, um nahe Angehörige im gleichen Grab zu bestatten. Gräber dürfen nicht verkauft, der Grabstein höchstens einem Armen unentgeltlich übereignet werden. Einer der Gründe für das Verbot, Blumen auf jüdischen Gräbern zu pflanzen, ist die Befürchtung, dass man sie pflücken und anderweitig benützen könnte. Das Grab bleibt Eigentum des Toten. Der jüdische Friedhof muß durch einen Zaun oder eine Mauer gekennzeichnet sein. Sie bestimmen den Umfang des jüdischen Bodens und schützen gegen Eindringlinge und Tiere. Die Schließung des Friedhofs an Sabbat und Feiertagen ist religiöses Gebot, da man an diesen Tagen der Freude und nicht der Trauer verpflichtet ist. Zwischen einzelnen Gräbern muß mindestens ein Zwischenraum von 6 Handbreiten sein.“

Noch Ende des 18. Jahrhunderts nahmen jüdische Kinder nicht am allgemeinen Unterricht Teil. Das Schulgeldverzeichnis enthielt keine jüdischen Namen. 1860 beschloß die jüdische Gemeinde, eine Elementarschule zu gründen. Der Lehrer sollte mit 240 Gulden besoldet werden. Mit dem Unterricht betraut wurde Seligmann Steinberger, der sich ständig mit seiner Gemeinde rieb und darauf nach Gunthersblum versetzt wurde. Die schulischen Auseinander-setzungen wurden 1876 fortgesetzt, als eine ministerielle Verfügung vorschrieb, dass israelitische Kinder die Volksschulen auch an Sabbaten besuchen müssen. Trotz manches Widerstandes wurden die jüdischen Kinder in der allgemeinen Volksschule errichtet. Israelitischen Religionsunterricht erteilten jüdische Lehrer in einem Haus in der Kleinen Rathausgasse.

Wirtschaftliche und soziale Verhältnisse der Juden

Jüdische Metzger lebten seit 1753 in einer Zunftordnung. Darin hieß es: „Den Metzgern soll, so sie auf ihr Handwerk geschworen sind, von anderen Stümpern kein Eingriff geschehen. Daher ist es außer den zünftigen Meistern niemand erlaubt und jedem ernstlich verboten, besonders aber den Juden, in unserer Stadt und Zent Seligenstadt sitzenden Juden durch schädlichen Missbrauch des Schlachtens zur Ernte und Herbstzeiten sich angemaßt, sollen die Juden sich durch allerhand sonstige Commercien und Handlungen ernähren. Es soll ihnen zwar erlaubt sein, vier ganze Wochen lang in ihren Haushaltungen vom 1. November bis 1. Dezember zu schlachten, jedoch soll das Vieh, zur Verhütung allen Betrugs und Unterschleifs lebendig bei Tag in die Stadt geführt und nicht zur Nachtzeit geschlachtet werden. Es soll von den Geschworenen besichtigt und, wenn als Koscher befunden, können sie die vorderen Teile in ihren Haushaltungen, die hinteren Teile viertelweis, nicht pfundweis, damit uns die gebührende Accis nicht entgeht, verkauft werden. Die Metzger sollen das ganze Jahr samstags sich mit frischem Rindfleisch vorsehen. Widrigenfalls, nach Anzeige beim Amt, soll den Juden bei auftretendem Mangel das Schlachten solange erlaubt sein, bis der Mangel beseitigt ist.“ Die jüdischen Metzger beschwerten sich und erreichten, dass sie künftig drei Monate lang schlachten durften.

Der Viehhandel befand sich vollständig in jüdischen Händen. Es war kein christlicher Vieh-händler bekannt. 1876 mußten israelitische Kinder die Volksschulen auch an den Sabbaten besuchen. Den jüdischen Religionsunterricht erteilten jüdische Lehrer in einem Haus, in dem auch das Judenbad eingerichtet war. Die Juden in Seligenstadt waren Kaufleute, Vieh-, Getreide- und Landesproduktehändler. Handwerkliche Berufe gab es in Seligenstadt auch: Schuster, Tapeziere, Schreiner, Bäcker und Metzger. Anfang des 19. Jahrhunderts erwarben Juden in Seligenstadt Grundstücke und Häuser. Jeder Ankauf von Immobilien bedurfte der Genehmigung des Landrats. Der Bürgermeister unterrichtete diesen, ob der jüdische Käufer das Haus benötigte und der Kaufpreis dem Wert des Objektes entsprach. Ankäufe landwirtschaftlich nutzbarer Grundstücke beweisen, dass auch Juden landwirtschaftlich tätig waren. Um 1830 bestand in Seligenstadt der israelitische „Armenfond zur Armenpflege“, der nicht zur politischen Gemeindeverwaltung gehörte, sondern von den Juden selbst betreut wurde. Dieser Armenfond war vom Hospitalfond der Stadt getrennt. Die Witwe eines jüdischen Bürgers bekam keine Unterstützung von der Stadtbehörde mit folgender Begründung: „Er sei nicht gesonnen, aus dem bürgerlichen Vermögen der israelitischen Gemeinde Unterstützung zufließen zu lassen, indem die Stadt und der Hospitalfond genugsam mit christlichen Armen belastet sind. Im übrigen ist die Witwe von David Kleeblatt Mutter von zwei Söhnen, wovon der eine ein sehr bedeutendes Vermögen besitzt, auch ihren Handel mit Ellenwaren recht gut betreiben und schöne Verdienste machen. Die hiesige israelitische Gemeinde ist wohlhabend, da sie einen eigenen Lehrer für 250 fl. angestellt hat, für ein Frauenbad schon vieles aufbrachte und die hier wohnenden 21 Israeliten mehr als 150000 fl. Vermögen besitzen, wodurch sie ihre paar Armen leicht unterstützen können, indem man bei den christlichen Bewohnern 200 Bürger zählen kann, die nicht soviel besitzen wie diese 21 Juden.“ Ähnlich argumentierte die Regierung der Provinz Starkenburg gegenüber dem Landrat: „Wir beauftragen Sie, dem Vorsteher der Israelitischen Gemeinde zu Seligenstadt zu bescheiden, dass diese Gemeinde ihre Armen fernerhin wie bisher selbst unterstützen müsse, indem der dasige Hospitalfond nur für arme Christen gestiftet sey und auch in den Städten Darmstadt und Offenbach unter ähnlichen Verhältnissen das Armenwesen der dasigen israelitischen Gemeinden von demjenigen der Christlichen ganz getrennt sey.“

1849 entstand ein jüdischer Krankenverein, in dem die getrennten Männer- und Frauen- krankenvereine fusionierten. In der Satzung heißt es unter anderem: „Nur vom 14. bis zum 60. Lebensjahr kann man in dieses Institut aufgenommen werden, hierzu ist ein Einkaufsgeld zu entrichten, das nach Altersstufen bemessen wird… Finanzielle Hilfen werden geleistet bei Nachtwachen, Leichenwachen, Rezepturen, offenen Wunden, wenn das Mitglied an der Ausübung seines Berufes gehindert ist. Ferner bei Gicht, Gliederlähmung und Fallsüchtigkeit, solange noch Hoffnung auf Genesung besteht, bei Schröpfen, Aderlassen und Geburtshilfe. Keine Ansprüche an die Krankenkasse haben Krätzpatienten.“ Neben dem Krankenkassen-Verein gab es noch weitere Wohlfahrtseinrichtungen, einen Bestattungsverein, einen Frauenverein, der sich in der Krankenpflege engagierte. Patriotismus war den Juden nicht fremd. 1914 entstand ein Hilfsausschuss zur Unterstützung der in den Krieg ziehenden Soldaten, dem die Juden 1.000 Mark spendeten.

Verfolgung der Juden in den ersten Jahren des Dritten Reiches

Das Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 wirkte auch in Seligenstadt schnell. In Seligenstadt stellte sich ein mit dem Nationalsozialismus sympathisierender Mann vor ein jüdisches Geschäft, um Kunden vor Betreten des Geschäftes zu erinnern. Dies konnte verhindert werden. Zur selben Zeit wurde ein Auto gestohlen, daß dann in Mainflingen wieder auftauchte. Ein Jude, der sich gegen das Waffengesetz vergangen hatte, wurde zu drei Monaten Haft verurteilt. Sein Verteidiger meinte dazu: „Wenn der völlig unbestrafte, unpolitische Mann von jetzt 55 Jahren mit seiner labilen Gesundheit gefänglich eingezogen wird, so wird ihm eine Strafe zugefügt, die bei seiner persönlichen Beschaffenheit weit über die Wirkung hinausgeht, die eine solche Strafe haben soll. Ich glaube, daß der Angeklagte durch die Aufregungen, die mit der Anzeige, der Gerichtsverhandlung verbunden waren, schon an sich eine schwere Strafe erlitten hat. Wenn man im Gnadenwege sie daher bedingt erläßt, vielleicht in eine angemessene Geldstrafe umwandelt, die für ihn tragbar ist, so wird er damit für das, was er begangen, oder richtiger gesagt unterlassen hat, hinreichend gebüßt haben. Ich richte daher an den Hessischen Herrn Justizminister die ergebene Bitte, die gegen August Bender ausgesprochene Strafe mit Rücksicht auf die besonderen Umstände bedingt erlassen zu wollen, die Strafe eventuell in eine angemessene Geldstrafe umzuwandeln. Gez. Carnier.“ Die Gnadengesuche wurden abgeschlagen. NS-Formationen marschierten durch die Stadt. Nicht jeder konnte sich bisher eine Uniform leisten. Sprechchöre ertönten: „Tropft vom Messer Judenblut, geht’s dem deutschen Volke gut“ oder „Juda verrecke!“ 1934 gab es eine judenfeindliche Schmiererei, deren Täter nicht ermittelt wurde. Eine jüdische Metzgerin wurde beschuldigt, gegen das Lebensmittelgesetz verstoßen zu haben. Sie wurde in Schutzhaft genommen, zu zwei Tagen Gefängnis und einer Geldstrafe von 130 Reichsmark verurteilt. In dieser Zeit war es bereits gefährlich, Käufer in jüdischen Geschäften zu sein.

Die Auswanderung (vornehmlich in die USA) war das Ziel vieler Juden. Die finanziellen Bedingungen dafür konnten nicht alle Seligenstädter Juden erfüllen. Am 11. September 1942 wurden 44 Juden mit LKWs abgeholt. „Wie kann man das mit Menschen nur anstellen!“ meinte eine Frau dazu. Widerstand wurde nicht geleistet, geschrieen und geweint schon. Die Seligenstädter Juden wurden zunächst nach Frankfurt zur Großmarkthalle gebracht. Hier befand sich die Sammelstelle für den Transport in den Osten. Ohne eine „Judenkartei“, die schon 1935 aufgestellt wurde, wäre eine Erfassung unmöglich gewesen. Weg- und Zuzüge mussten den Polizeibehörden vom Judenvorstand gemeldet werden, „verschwinden“ konnte dadurch kein Jude. In der Seligenstädter Judenkartei sind 153 Personen erfasst. Nach der Deportation kamen 28,8% ums Leben, 30,7% wanderten aus, 28,1% zogen weg, das Schicksal von 10,5% der Juden war nicht feststellbar und 1,9% der Personen starben. Spahns Darstellung sollten alle lesen, die sich für jüdische Geschichte und Antisemitismus interessieren. Schade, dass es in Alzenau nicht eine so ausführliche Darstellung gibt.

Christian Schauer, Ende 2012

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Drei Touristen in Seligenstadt

Silvester-Touristen

Silvester-Touristen

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Juden in Würzburg und Umgebung – Schwerpunkt Aufklärung

Die Juden in Würzburg und Umgebung – Schwerpunkt Aufklärung

Juden im Mittelalter

Leichenteile wurden 1147 aus dem Main gezogen. Dies war der Beginn eines der blutigsten Kapitel in der Geschichte der Judenverfolgung in Würzburg. Der zweite Kreuzzug begann in Würzburg mit einer Ansammlung von Kreuzfahrern. Dass der Tote – Dietrich genannt- von Juden ermordet wurde, war zwar falsch, verhinderte aber nicht, dass etwa 20 Juden erschlagen wurden. Der bekannteste war Rabbiner Isaak ben Eljakim. Bischof Siegfried von Truhendingen (1146 bis 1150) muss sich in einen festen Turm flüchten, um nicht gesteinigt zu werden. Der im Ägidiusspital beigesetzte Dietrich soll zum Heiligen erklärt werden. Der Spitalname wird auf Dietrich erweitert. Der erste Arzt , der im Dietrich-Spital genannt ist, heisst Süßkind von Trimberg; er ist der einzige jüdische Minnesänger, in der Manessischen Lieder-Handschrift mit gelbem Hut gekennzeichnet. Mit seinem Gehalt als Arzt war er nicht zufrieden.1 Die Juden waren von dem kanonischen Zinsverbot ausgenommen und deckten den wachsenden Geldbedarf der Kreuzzüge, die ohne ein funktionierendes Kreditwesen nicht vorangekommen wären. Ende des 12. Jahrhunderts und Anfang des 13. Jahrhunderts wurden die Juden in Würzburg wohlhabender – das Amt des Münzmeisters erlangte ein Jude namens Jechiel unter Bischof Otto I. von Lobdeburg (1207 bis 1221), eine Reihe von Gelehrten führten den Titel „Chaver“. 1298 kam es zur Hostienschändung.

1298 kam es zur sogenannten Hostienschändung von Röttingen. Eine Gruppe von „Judenschlägern“ zog unter der Anführung des „König Rintfleisch“ durch Franken und angrenzende Gebiete und verübte Massaker an den örtlichen jüdischen Gemeinden. Am 20. April 1298 wurden die Juden der Stadt Röttingen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Überirdische Aspekte traten dadurch auf,dass Rintfleisch verkündete, er habe vom Himmel eine persönliche Botschaft erhalten und sei zum Vernichter aller Juden ernannt worden. Klagelieder hielten die Erinnerung an die Schreckenstage wach: „Trauernd werfe ich meinen Schmuck fort und schere kahl mein Haupt wegen des berühmten Würzburg, der fröhlichen Stadt, welche ein Raub der Flammen, des Hohns und der Plünderung wurde, so daß keiner übrig blieb in Jakobs Zelten, sondern alle zur Schlachtbank geschleppt wurden…“2 Nach Röttingen ging es nach Rothenburg ob der Tauber, dort flüchteten 380 Juden in die Burg. Viele fränkische Orte wurden von Pogromen heimgesucht: Neustadt/Aisch, Windsheim, Iphofen, Mergentheim, Tauberbischofsheim, Ochsenfurt, Kitzingen, Nürnberg. Hier kamen 628 Juden zu Tode, in Bamberg gab es 126 Opfer und in Würzburg starben 900 Menschen.

Springen wir in das 18. Jahrhundert in den sieben Kilometer von Würzburg entfernten Ort Veitshöchheim.

Simon Höchheimer 

Simon Höchheimer wurde 1744 in Veitshöchheim geboren, wo seit 1644 eine orthodoxe jüdische Landgemeinde und seit 1730 eine Synagoge bestand. Nach dem Besuch der jüdischen Elementarschule eignete er sich autodidaktisch mathematische, ökonomische und geografische Kenntnisse an. Beschreiben wir kurz die zeithistorischen Umstände. 1740 besetzte Preußen Schlesien. 1756 bis 1763 tobte der siebenjährige Krieg. Würzburg musste Truppendurchmärsche und Einquartierungen erdulden genauso wie Veitshöchheim. 1747 hauste eine Dragonerkompanie aus Würzburg in Veitshöchheim. In Veitshöchheim befand sich die fürstbischöfliche Sommerresidenz mit ihrem Hofgarten. In dem Ort lebten um 1700 etwa fünf Prozent Juden, 1703 lebten dort acht Familien. Wenig später waren es vierzehn. Samuel Wolf stieg zum Hoffaktor in Würzburg auf. Ein besonders hartes Schicksal traf Löw Nathan. Im Februar 1749 wurde er verhaftet und in Würzburg an den Pranger gestellt. Kurz vorher war Fürstbischof Anselm Franz von Ingelheim gestorben. Für den Hoffaktor Abraham Rost war das ein schwerer Schlag. Beim nächsten Fürstbischof, Karl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads, fiel er in Ungnade. In Marktbreit wurde er gefangen genommen. Von dort floh er nach Ansbach. Der Markgraf lieferte ihn nach Würzburg aus – dort wurde er in Arrest genommen. Der Vorwurf: er habe seine Schulden nicht bezahlt und als „ Justiz-Makler“ dem Land Schaden zugefügt. Löw Nathan war sein Unterhändler.

Betrachten wir die Debatte um den Judenleibzoll in Würzburg und berichten wir vorher allgemein, was das war. Das Phänomen wird auch Judenschutzgeld genannt. Dabei handelt es sich seit dem 13. Jahrhundert vom König erhobene Abgabe als Entgelt für den von ihm gewährten Judenschutz.3 Dieser galt als Regal (dem König zustehendes Recht). Später ging er an die Landesherren über. Dem Kaiser blieb nur noch der Opferpfennig der Juden in Frankfurt am Main und Worms. Zusätzlich blieb ihm die bei jeder Krönung gezahlte Krönungssteuer der Juden in Mainz. In einigen Städten wurde ein doppeltes Judenschutzgeld errichtet, sowohl der Stadt als auch dem Landesherren.4

Der Judenleibzoll

Der Judenleibzoll im Hochstift entstand im 17. Jahrhundert. Vorher sprach man von Geleit – gemeint war Sicherheit der Juden gegen eine Abgabe. Julius Echter 5 führte die Erhebung eines Zolls für eine Person ein. Julius Echter war mehr als vierzig Jahre lang, von 1573-1617, Fürstbischof von Würzburg und damit weltlicher wie geistlicher Herr. 1660 kam es zu einer Erweiterung des Aufenthaltsrechtes der Juden im Fürstbistum Würzburg. Sie durften nun die Messen der Stadt und die Märkte auf dem umliegenden Land besuchen. Die ritterschaftlichen Juden kamen in Besitz des Leibzolles. Ihre Repräsentanten, die Landvorgänger, erzielten Einnahmen, die deutlich über der Pachtsumme lagen, die am Anfang 720 Gulden betrug. 1792 übertrug Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal die Judenleibzollpacht an die Judenschaft des Hochstiftes, die vorher bei der ritterschaftlichen Judenschaft war. Damit erfüllte sich für die Judenschaft des Hochstiftes ein lang ersehnter Wunsch. Anfang des Jahres 1792 bekam die Judenschaft des Hochstiftes die Pacht von 3000 Gulden für ein Jahr. Franz Ludwig von Erthal war nicht gut auf die ritterschaftliche Judenschaft zu sprechen: Sie hätten nur „darauf geachtet, wie sie die Leibzollzeichen anbringen, und sich einen Vorteil daraus verschaffen können; sie waren gewiss wenig bekümmert, was der Fremde Jude, der ein Leibzollzeichen sich erkauft, für ein Gewerb im Lande treibe, ob er handle, bettle, stehle oder sonst erlaubtes oder unerlaubtes trieb.“6

Gehen wir einige Jahre nach vorn. Im Hochstift Würzburg7 lebten um 1800 etwa 265.000 Menschen. 1,4 Prozentwaren Juden; 2933 unterstanden unmittelbar dem Fürstbischof, 739 mediaten Institutionen. Im mainfränkischen Raum lebten 13.000 Juden, das sind vier Prozent der Gesamtbevölkerung. Der größte Teil hatte in ritterschaftlichen Territorien seinen Wohnsitz. 71 Prozent der Juden wurden zu den ritterschaftlichen gezählt, 17 Prozent zu den hochstiftischen. 12 Prozent lebten unter mediaten Herrschaftsträgern. Es gab drei Korporationen: die hochstiftische Landjudenschaft, die Oberländer Judenschaft und die Unterländer Judenschaft.8 Die Emanzipation war unter den Fürstbischöfen Ludwig von Erthal und Georg Karl von Fechenbach nicht so recht vorangekommen. Die Forderungen des Aufklärers9 Simon Höchheimer10 in seiner Schrift „Über Moses Mendelsohns Tod“, die Juden finanziell zu entlasten und sie in das Wirtschaftsleben zu integrieren, wurden nicht aufgegriffen. Eine grundlegende Emanzipation fehlte, einzelne Erleichterungen gab es schon. Im Hochstift Würzburg wurde 1790 das Grundbesitzverbot aufgehoben. Die Juden konnten als jetzt Grund und Boden erwerben. Ein Jahr später folgte die Aufhebung des Hausierverbotes. 1785 besuchte erstmals ein jüdischer Schüler ein Gymnasium in Würzburg, ein Jahr später konnte Isaak Bamberger ein Medizinstudium in der Julius-Maximilian-Universität aufnehmen. Eine Integration der Juden war nicht vorgesehen.11 Das Ende des Hochstiftes Würzburg war in dieser Zeit gekommen, Bayern wurde 1803 (Reichsdeputationshauptschluss) größer und Fürstbischof Karl Georg von Fechenbach musste abdanken, Würzburg wurde eine Provinzstadt.

Jüdische Aufklärung Haskala

Exkurs :Grundzüge der jüdischen Aufklärung Die Haskala bezeichnet die jüdische Aufklärung von 1770 bis 1880. Sie beginnt im Berliner Bürgertum, das von den Schriften vor allem der französischen Aufklärung inspiriert ist. Angesichts der historischen (und der ökonomischen) Entwicklung (besonders der Öffnung der Ghettos und der Industrialisierung) befürchten ihre Vertreter, dass die jüdische Bevölkerung bei einem Festhalten an den bestehenden Sozialstrukturen sich selbst isolieren könnte. Hauptziele der Haskala sind: Säkularisierung als Trennung von Kirche und Staat. Öffnung in die Mehrheitsgesellschaft der Christen durch persönliche und institutionelle Kontakte sowie Bildung, die sowohl die Thora als auch säkulare Inhalte vermitteln soll. Dabei besteht ein Konfliktfeld zwischen dem Versuch der Erneuerung des Judentums und der Konfrontation mit orthodoxen Rabbinern. Der Hauptvertreter und bedeutende Vertreter ist Moses Mendelssohn. Sein Hauptwerk zum Judentum ist „Jerusalem, oder über die religiöse Macht und Judentum“. Das jüdische Leben und der Glaube wurde im Sinne der rationalistischen Aufklärung interpretiert. Höchheimers Schrift über „Über Moses Mendelssohns Tod“ akzeptiert die Kritik an den rabbinisch Talmud – orientierten Glaubenssätzen, die niederzureißen seien12.

Moses Mendelssohn

Moses Mendelssohn, 1771 Gemälde von Anton Graff

 

Emanzipation der Juden

1803 wurde die Diskussion über die Emanzipation der Juden fortgesetzt. Höchheimer verfasste die Schrift „Gedanken über Verbesserung der Jüdischen Nation“.Sein Gesinnungsgenosse Franz Oberthür meinte zum Thema: „ Die Verbesserung der bürgerlichen Lage der Juden ist jetzt ernstlicher als je zur Sprache gekommen, und reger als je ist das Streben derselben nach bürgerlicher Freiheitund Gleichsetzung mit den Christen, den ursprünglichen Bewohnern des Landes.“13 Oberthür setzte eine Bittschrift zur Verbesserung der politischen Lage der Juden auf, er verlangte eine Aufhebung der Sonderabgaben, ihr Los sollte erleichtert werden. Bildung und Erziehung sollten verbessert werden. Die Mehrheit der Juden in Würzburg stand diesen Gedanken der Emanzipation ablehnend gegenüber. Die Rabbiner erziehen die Jugend „für den Himmel“- damit eher weltfremd. Kurz nach der Jahrhundertwende war die Lage der Juden nicht besser als zur Zeit von Höchheimers Schrift zu Mendelssohn von 1786. Sie sind nicht in der bürgerlichen Gesellschaft angekommen, leben von traditionellen Erwerbsmöglichkeiten. Der Staat erlegt ihnen große finanzielle Belastungen auf. Viele sind Bettler . Ihre Lage führt zur Zunahme des internen Zwistes. Anfang 1807 wurde der Judenleibzoll im Großherzogtum Würzburg aufgehoben. Die ritterschaftlichen Juden wurden den alt Würzburgischen Juden gleichgestellt. Sie erhielten Landespatente. Nicht alle erhielten sie, die sich damit nicht ausweisen konnten, wurde der Handel im Großherzogtum nicht erlaubt. Maximilian IV. Joseph wurde 1799 neuer Landesherr als Kurfürst von Bayern. Die Würzburger Juden huldigten ihm 1802, die Bamberger Juden ein Jahr später. Er möge einer „sehr herabgewürdigten Menschenrasse“ gewogen sein.14 Maximilian sah die Juden als „vernachlässigte Menschenklasse“. Mit Hilfe humaner Einrichtungen sollten sich die Juden evolutionär zu „nützlichen Staatsbürgern“ entwickeln. Angestrebt wurde eine bürgerliche Gleichheit zu den anderen Einwohnern. Viel passierte jedoch nicht in den ersten vier Jahren bayerischer Landesherrschaft, die Schutzbriefe wurden bestätigt, die Abgaben wie bisher erhoben. 1803 kehrte der erste Jude nach der Vertreibung 1642 in die Stadt Würzburg zurück. Moses Hirsch mit seinen zwei Söhnen wurde die Erlaubnis zur Niederlassung gewährt. Zwischen 1803 und 1806 wurde er Hoffaktor.1805 und 1806 gewährte er zwei Darlehen. König Maximilian Joseph gewährte seinem Hoffaktor die Freizügigkeit innerhalb Bayerns. Jakob Hirsch kaufte viel säkularisierten geistlichen Besitz auf, zum Beispiel das Kloster Münster Schwarzach. Die Absicht, die zu Kloster Oberzell gehörende Kirche abzubrechen, erregte den Argwohn der christlichen Bevölkerung.

Hep Hep Unruhen

Die Emanzipation der Juden wurde auch von sozialen Protesten begleitet. Mit dem Kampfruf „Hep-Hep, Jud’ verreck!“ kam es im Spätsommer 1819 zu judenfeindlichen Krawallen sowohl in Dänemark als auch in Polen sowie in Österreich. Von Würzburg aus brachen die Unruhen am 2. August aus. 15. Unter bayrischer Herrschaft ließen sich in Würzburg vermehrt Juden nieder.1919 waren bereits 30 jüdische Familien, um die 400 Personen in Würzburg wohnhaft. Dieser Zuzug bewirkte „dumpfe Unzufriedenheit“, wie ein Zeitgenosse meinte. Würzburger Einwohner forderten von der Münchner Regierung die Rücknahme des Ediktes von 1813, das die rechtlichen Verhältnisse der Juden in Bayern regelte. Etliche Juden und liberale Fürsprecher der Emanzipation mühten sich, die Beschränkungen des Niederlassungs- und Erwerbsrechts aufzuheben. Der jüdische Bankier Salomom von Hirsch richtete eine Petition an die bayrische Ständeversammlung. Ein Rechtspraktikant namens Theodor Scheuring sah sich zu einer polemischen Schrift veranlasst.16 Liberale Kritik entzündete sich an dem judenfeindlichen Pamphlet. Scheuring behauptete, dass die christliche Religion der jüdischen überlegen sei und konstatierte negative Charaktereigenschaften der Juden, die bewirkten, dass sie nicht als Gleichberechtigte Staatsbürger aufgenommen werden konnten.17

Scheuring befürwortete die Trennung der Juden von den Christen. Sie sollten in abgelegenen Dörfern angesiedelt werden. Aus Geldgeschäften sollten sie herausgedrängt werden. Am liebsten wollte er die Juden ganz los werden. Am 2. August wurde ein jüdischer Kaufladen verwüstet. An den Darauf folgenden Tagen richteten sich weitere Aggressionen gegen die Wohnungen jüdischer Kaufleute – vor allem gegen die jüdischen Bankiers Salomon und Jakob Hirsch. Sie waren zu Wohlstand gekommen, während breite christliche Bevölkerungsschichten verarmt waren. Bei den Auseinandersetzungen mit der Polizei in Würzburg wurde ein Kaufmann erschossen, zwei Bürger wurden verletzt. Geschäftsleute und Handwerksmeister waren an den Judenverfolgungen interessiert. Trotz des Einsatzes von Militär dauerte es fast zwei Wochen, bis die Unruhen aufhörten. Jüdische Bürger suchten außerhalb der Stadt Zuflucht.

1819 wurde bei den „Hep-Hep-Unruhen“ auch in Rimpar bei Würzburg die Synagoge beschädigt. Die Gebetbücher wurden zerschnitten, die Leuchter zertrümmert und die Thoralade ramponiert. In Preußen rief ein Flugblatt die „Brüder in Christo“ auf, sich gegen die Glaubensfeinde zu wenden: „…Diese Juden, die hier unter uns leben, die sich wie verzehrende Heuschrecken unter uns verbreiten, und die das ganze preußische Christentum mit dem Umsturz bedrohen, das sind Kinder derer, die da schreiben: kreuzige,kreuzige …Hepp! Hepp!! Hepp!!! Aller Juden Tod und Verderben, ihr müßt fliehen oder sterben.“18

Das Scheitern der Integration – das Scheitern der Vernunft

Beim Pogrom im November 1938 wurde die Hauptsynagoge in der Domerschulstraße durch SS- und SA-Männer überfallen. Fenster und die Inneneinrichtung wurden zerschlagen, Leuchter und Ritualien zerstört. Die Thorarollen wurden in Brand gesteckt, das Haus wurde jedoch nicht niedergebrannt – vermutlich mit Rücksichtnahme auf die “arischen” Häuser in der Umgebung. Unter denen, die in der Synagoge zugange waren, war auch Universitätsrektor Prof. Dr. Ernst Seifert, damals SA-Führer und SA-Obersturmbannarzt. Nach dem Pogrom wurde im Synagogengebäude ein Parteibüro der NSDAP eingerichtet. Was war vorausgegangen? 1920 hatte des Judentum in Würzburg eine starke Stellung im mittleren und gehobenen Bürgertum.19 Von 1000 jüdischen Bürgern waren in diesem Jahr nur 395 berufstätig, 1931 schon 440. Politisch näherten sich die Juden den Christen beinahe, indem sie überwiegend die Parteien der Mitte wählten, die rechtsradikalen Parteien NSDAP und Völkischer Block jedoch mieden. Die jüdischen Wähler gingen angesichts des Niederganges der rechtsliberalen DDP überwiegend zur SPD und BVP. Alle drei Parteien der Mitte setzten sich in Würzburg für die jüdische Minderheit ein. Politisch gab es bei den Juden ein Gleichgewicht zwischen Orthodoxen und Liberalen. Die liberale Vorstellung von der Koedukation jüdischer und christlicher Kinder in den städtischen Volksschulen konnte nicht verwirklicht werden. Die jüdische Volksschule sicherte, dass Kindern eine Konfrontation mit dem Antisemitismus erspart blieb. Starke Unterstützung erfuhren auch jüdische Jugendbünde. Antisemitische Vorstellungen wurden in studentischen Korporationen zunehmend hoffähig. Von 1918 bis 1933 war kein einziger jüdischer Student in Würzburg Mitglied einer nichtjüdischen Studentenverbindung.20

Die Argumentation im Würzburger Habima-Prozeß21 von Seiten des Richters und Staatsanwaltes folgte antisemitischen Denkmustern. Ablauf: Für den Abend des 19.November 1930 war ein Auftritt der in der Sowjetunion beheimateten jüdischen Theatergruppe Habima vorgesehen. Die NSDAP – Ortsgruppe reagierte mit einem Flugblatt „Kulturbolschewismus in Würzburg“ darauf, das zu einer Protestaktion aufrief: „Würzburger, der Jude scheut sich also nicht davor, das Stadttheater, das von Euren Steuergroschen erhalten wird, zum Schauplatz für Reklame für seine Kultur, die keine ist, herabzuwürdigen. Es ist geradezu unverständlich, wie eine deutsche Theaterintendanz ihre Räume zu einem solchen Unternehmen hergeben kann … Würzburger! Studenten! Protestiert mit uns gegen diese Kulturschande! Hinein in die Abwehrfront des erwachenden Deutschland! Gegen die Bolschewisierung des Theaters! Für deutsche Art und Kultur!“22 Schon eine halbe Stunde vor der Vorstellung hatten sich Hunderte überwiegend halbwüchsige Demonstranten versammelt. Sie riefen: „Deutschland erwache! Juda verrecke!“ Die Besucher der Veranstaltung mussten Spießruten durch die Menge laufen. Zum Zeitpunkt des Beginns der Veranstaltung schlugen die Demonstranten mit Stöcken und Fäusten gegen die Türen des Theaters. Einer der Demonstranten schrie: „Nieder mit all den Juden, raus mit den Hebräern! Schlagt sie tot!“. Polizisten verhinderten ein gewaltsames Eindringen der Demonstranten. Eine Zeitung berichtete zusammenfassend über die Ereignisse: „ Die Theatervorstellung endigte um ein halb 12 Uhr. Es waren also drei Stunden Zeit, um durch polizeiliche Hilfe den Heimweg der Theaterbesucher sicherzustellen, wie dies vor Beginn der Vorstellung von der Bühne bekanntgegeben wurde. Trotzdem geschah das Unglaubliche, dass die Hauptverkehrsstraßen, deren sich die Theaterbesucher zum Heimweg bedienen mußten, abgesperrt waren: so war insbesondere die Maxstraße zwischen der Vereinsbank und dem Museum von einer Mauer Menschen besetzt, die durch einige Schutzleute zurückgehalten war, ebenso der Ausgang der Theaterstraße und der Juliuspromenade, so daß für alle in der Sanderau wohnenden oder zum Bahnhof gehenden Theaterbesucher die Hauptstraßen abgeriegelt waren. Beim Theaterausgang wurde von Polizeiorganen ausdrücklich erklärt, statt der Maxstraße ist der Weg durch den Ingolstadter Hof und die Domerpfarrgasse frei. Man hatte also den Theaterbesuchern die Hauptstraßen abgeschnitten und ihnen dafür dunkle Nebengassen zum Verkehr freigelassen. Dies machten sich die Demonstranten zunutze. In dem dunklen Ingolstadter Hof, der lediglich am Schrannensaal polizeilich bewacht war, bildete sich eine Menge, die alle durchgehenden Personen, die nach Hunderten zählten, mit Johlen, Schreien und Beschimpfungen belästigten. Aber nicht genug damit. Dem Referenten liegen 12 Anzeigen vor von Personen, die teils im Ingolstadter Hof, teils in der  Domerpfarrgasse tätlich angegriffen worden sind … In keinem dieser Fälle von Tätlichkeiten hatte ein Schutzmann eingegriffen oder war polizeiliche Hilfe erreichbar.“23

Im Februar 1931 wurde ein Urteil gesprochen, das überwiegend unter den Anträgen des Staatsanwaltes Seelos lag. Die Gesamtgefängnisstrafe lag bei 15 Jahren und zwei Wochen. Das Jüdische Echo schrieb dazu: „Dieser Prozeß und dieses Urteil sind wieder einmal symptomatisch für die heute in Deutschland grassierende Umkehrung des normalen Rechtsgefühls. Der Staatsanwalt , anstatt die Verrohung und Verhetzung gebührend zu tadeln, den brutalen politischen Eingriff in kulturelle Bezirke abzuwehren, bescheinigt den Jüngern vom Gummiknüppel ihre idealistische Gesinnung und zwar so, daß jüdische Hörer ihren Eindruck dahin zusammenfaßten: Hier sei den Juden wieder einmal demonstriert worden, daß sie sich als Staatsbürger dritten Ranges zu fühlen hätten. Und das Urteil ist eher noch schlimmer als besser: Gänzlich ungenügende Strafen und eine Begründung, die den Exzedenten Recht gibt und geradezu wie eine Belobigung der Ausschreitungen wirkt. Wenn dieses Urteil sagt, es müsse dahin gestellt bleiben, ob das Gastspiel der jüdischen Truppe am Platze war, so hat es dieses Gastspiel schon verurteilt. Daß die eigentlichen Hetzer bei diesem Prozeß überhaupt nicht zu fassen waren, , ist ja selbstverständlich; daran hat man sich seit langem gewöhnt, daß die Drahtzieher im Dunkeln bleiben und daß der Polizei und den Gerichten entweder der Ernst oder der Wille oder die Fähigkeit fehlen, in dieses Dunkel hineinzuleuchten.“24 In der Würzburger Parteizeitung der NSDAP weht der neue Geist des Antisemitismus besonders scharf. Dort heißt es am 3. April 1931: „Golgatha – Auferstehung. Alljuda wandelt sein Antlitz nicht durch die Jahrtausende. Vor 1900 Jahren starb Jesus Christus, der Galiläer, verraten von Judas Ischariot, den Schächttod am Kreuze. Die Hohenpriester und Rabbiner Judas, sie triumphierten … Aber auf Golgatha folgte die Auferstehung. Über den Geifer und die Lästerung Judas hinweg breitete sich der Triumph der Lehre des Gottessohns.. Heute sitzt das Schächtmesser Alljudas, des ewigen Mörders, am Halse des deutschen Volkes. Millionen hungern, weinen, sterben- Juda lacht. Aber schon flammt das Licht der Erkenntnis durch die Nacht des Betrugs und die Finsternis der Verwirrung. Schon zerrt die Verzweiflung mit Millionen Armen an der Maske, hinter der sich die Fratze der Kötermasse dieser Welt birgt. Schon erstarrt das Lächeln im Antlitz des Volkes mit seinem Talmud und seinem Schächterritual. Schon brennt in Millionen Bannern das Zeichen des Erwachens. Das Hakenkreuz, und kündet die Auferstehung des deutschen Volkes, sein Ostern.“ 25 Zum Thema der sogenannten Rassenschande meinte die „Freiheit“ am 21.8.1931: „Die Mädchen Würzburgs fühlen und denken deutsch. Sie haben, wenn auch zum größten Teil unbewußt, ihren Rassenstolz. Und da ist es kein Wunder, wenn räudige Ausnahmen um so schimpflicher empfunden werden. Das ist die neudeutsche Zeit der ‘Freiheit, Schönheit u. Würde’, der sittlichen Entartung u. Schande.Wir kennen diese Löwenstein, Rosenbusch, Stern, Oppenheimer, Strauss u. noch viele andere. Wir kennen auch die Namen der Schandmädchen, die sich nicht schämen, sich mit Juden einzulassen. Wir warnen die Ria D., Tilly Sch., Ilse etc. Ab nächste Nummer werden wir die vollen Namen der Mädchen veröffentlichen u. sie der allgemeinen Verachtung preisgeben.“ 26 Eine Woche später wurden die Namen der drei Frauen tatsächlich genannt, was zu einer Privatklage führte, die mit einem Vergleich endete. Wo war das Licht der Aufklärung aus dem 18. Jahrhundert geblieben? Wenn man Aufklärung sogar mit einer religiösen Dimension verbindet wie Simon Höchheimer, dann würde dies neuhochdeutsch so lauten. „ Eine Handlung des Menschen geschieht alsdann nur nach echter Religiosität, wenn er durch richtige Vernunft ihren Geist prüft und erkennt, aus guter edler Gesinnung sie wählt, und mit einem reinen tugendhaften Herzen sie ausübt.“ 27 Bei den in Würzburg der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts dargestellten Vorgängen, kann weder von einem Restbestand an Vernunft noch von einer humanen Gesinnung ausgegangen werden. Hier setzte sich schlicht das Gegenteil von Aufklärung, nämlich die Barbarei durch. Das Ganze gipfelte dann im Holocaust – in den Jahren 1941 bis 1943 wurden über 2000 Juden aus Unterfranken verschleppt und ermordet..

Literatur

Werner Dettelbacher, Würzburg – ein Gang durch seine Vergangenheit, Würzburg 1974

Karl-Heinz Grossmann, Würzburgs Mendelssohn – Leben und Werk des jüdischen Aufklärers Simon Höchheimer 1774 bis 1828, Würzburg 2011

Roland Flade, Juden in Würzburg 1918 bis 1933, Würzburg 1985

Helmut Berding, Moderner Antisemitismus in Deutschland, Frankfurt am Main 1988

Alfred Wendehorst (Hrsg.), Würzburg Geschichte in Bilddokumenten, München 1981

1 Vgl. Werner Dettelbacher, Würzburg- ein Gang durch seine Vergangenheit, Würzburg 1974, S. 28

2 Vgl. Alfred Wendehorst (Hrsg.), Würzburg Geschichte in Bilddokumenten, München 1981, S.51

3Vgl. Haberkern/Wallach, Hilfswörterbuch 1für Historiker , München 1972 (3. Auflage), S. 312

4Vgl. ebd.

5Karl-Heinz Grossmann, Würzburgs Mendelssohn – Leben und Werk des jüdischen Aufklärers Simon Höchheimer

1774 bis 1828, Würzburg 2011, S.200

6Ebd., S. 201

7 Das Hochstift Würzburg nahm im Deutschen Reich in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung ein. Es zählte zu den bedeutenden geistlichen Territorien des Reichs, gelegen an der Schnittstelle zwischen den großen Herzogtümern des Reiches im Norden und Süden. Seit der Übertragung der Herzogswürde für die Diözese 1168 lag die geistliche und weltliche Gewalt in der Hand des Bischofs. Durch die starke territoriale Zersplitterung Frankens gelang der Aufbau eines geographisch und rechtlich homogenen Territoriums nie. Der Hochstiftsbesitz umfasste in unterschiedlicher herrschaftlicher Durchdringung etwa ein Drittel des Diözesangebiets.

8Vgl. Grossmann, S. 362

9AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeitist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung…Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.

10Vertreter der jüdischen Aufklärung, genannt Haskala

11In Ochsenfurt war es den jüdischen Händlern zwar meistens erlaubt, ihre Waren auf den Jahr- und Wochenmärkten der Stadt anzubieten, doch herrschte zeitweise ein strenges Hausierverbot (16. bis 18. Jahrhundert). Den jüdischen Händlern war zwar meistens erlaubt, ihre Waren auf den Jahr- und Wochenmärkten der Stadt anzubieten, doch herrschte zeitweise ein strenges Hausierverbot.  1688 soll sich die erste Jüdische Gemeinde in Elmshorn gegründet haben. Ein Hausier -Verbot stürzte Elmshorns Juden in Armut; es war verboten, mit Bauchladen und Kiepe auf Verkaufstour zu gehen.

12Vgl. Grossmann,S.113

13ebd. S.364 siehe auch Christian Wilhelm von Dohm “Über die bürgerliche Verbesserung der Juden”, das 1781 (kurz nach Lessings Tod) erschien, man hat in im das staatsrechtliche Gegenstück zu “Nathan der Weise” gesehen. Dohm forderte die Gleichberechtigung der Juden auf allen Gebieten.

14ebd. S. 381

15Vgl. Helmut Berding, Moderner Antisemitismus in Deutschland, Frankfurt am Main 1988, S. 66 ff.

16Ebd., S.67

17Vgl. Grossmann, S. 445

18Zitiert nach Berding, a.a.O., S.71

19Vgl. Roland Flade, Juden in Würzburg 1918 bis 1933, Würzburg 1985, S. 356

20Vgl. ebd. S. 359

21 Im sogenannten „Habima“-Prozeß 1931 über die tätlichen Angriffe von NSDAP- Schlägern auf Besucher einer Aufführung der hebräischsprachigen Bühne „Habima“ werden wegen „nicht unehrenhafter Motive“ milde Strafen verhängt.

22Hans Steidle, Der Habima-Skandal in Würzburg 1930/31, in: Mainfränkisches Jahrbuch, Jg. 35, 1983, S. 152 bis 210, Zitat: S.161

23Würzburger General-Anzeiger vom 26.11.1930, S.4, zitiert nach Flade, a.a.O., S. 343

24Roland Flade, a.a.O., S.348

25Ebd. , S. 349

26Ebd., S. 350

27Vgl. Grossmann, a.a.O., S. 255