Archiv für Oktober 2011

Nazis in Bolivien

Nazis in Bolivien

Seit 1945 hat Bolivien eine große Zahl von Nationalsozialisten aufgenommen – aus Deutschland, Österreich. Auch kroatische Ustaschi und Mitglieder der Eisernen Garde in Rumänien waren dabei. Am 10.8.1944  trafen sich hohe Wirtschaftsführer des NS-Regimes mit SS-Offizieren in Straßburg. Unter anderem waren es Vertreter von IG Farben, Krupp, Röchling und Messerschmitt. Ziel war der massive Transfer von Kapital nach Südamerika. Nach der Niederlage sollte ein viertes Reich entstehen. In den bolivianischen Regionen von Santa Cruz, Beni und Bravo erwarben deutsche Agenten riesige Agrarindustriegebiete und Transportgesellschaften.

Viele Nazi-Massenmörder wurden von der “Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen” nach Lateinamerika gebracht. Darunter Josef Mengele, der sich zwischen dem Rio Paraguay und dem Departement Santa Cruz versteckte.

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Josef Mengele 1956

Andere waren Eduard Roschmann, der “Schlächter von Riga”, und der Gestapo-Chef Heinrich Müller.  Die Flucht geschah mit Hilfe des Vatikan. Hier hatten Kardinal Stepanovic und Pater Daganovic Schlüsselpositionen inne. 1 Ein “dicker Fisch” in Bolivien war Klaus Barbie, der “Schlächter von Lyon” – Chef der Gestapo von Lyon. Er war verantwortlich für die Ermordung Hunderter französischer Widerstandskämpfer und der jüdischen Kinder von Izieux. Er war Polizeichef unter zwei bolivianischen Generälen – René Barrientos und Ovando Bravo Candia. Unter Innenminister Luiz Arce Gomes sollte Barbie sogar zum General ernannt werden, was von Barbie abgelehnt wurde. Bei der Gefangennahme von Che Guevara spielt er eine Schlüsselrolle. Ein beachtliches Vermögen gewann er als Verwalter der Gesellschaft Transmaritima Boliviana. Unter ihm wirkte eine überwiegend von Altnazis beherrchte Organisation – genannt “Verlobte des Todes”. 1980 bereitete sie die Machtergreifung von General Luiz Arce Gomez vor. 2 

Am 5. Februar 1983 wurde Barbie aufgrund des Wirkens von Beate Klarsfeld, F. Mitterrand und Régis Debray in Santa Cruz verhaftet und anschließend nach Frankreich ausgeliefert. Barbies Freunde hatten bis zum Amtsantritt von Evo Morales Schlüsselpositionen im Geheimdienst des südamerikanischen Landes inne. 1985 wurde ein Ermittlungsverfahren gegen Barbie wegen “Verbrechens gegen die Menschlichkeit” abgeschlossen. 1987 wurde der Angeklagte zur Höchststrafe – lebenslänglich- verurteilt. 3 Barbie wurde in den 60 er Jahren auch vom Bundesnachrichtendienst geschützt. Zwischen Mai und Dezember 1966 nutzte der BND Barbie als nachrichtendienstliche Verbindung unter dem Decknamen “Adler” in Bolivien. Er wurde vor Strafverfolgung geschützt und bekam insgesamt 5.300 DM. 4

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Fußnoten

1 Vgl.  Jean Ziegler, Der Hass auf den Westen, München 2011, S.243
2 Vgl.  ebd. S 244
3 Vgl. Munzinger Archiv Klaus Barbie 28.10.1991
4 Vgl. taz 31.1.2012

Veröffentlicht 11. Oktober 2011 von schauerchristian in Nazis in Bolivien

Die Entwicklung der Türkei

Leserbrief zu „Ankara destabilisiert Nordsyrien“, in: Main-Echo vom 8.10.2019, erschienen in Main-Echo online vom 9.10.2019, in Main-Echo print-Ausgabe vom 30.10.2019

Es ist zu befürchten, dass tatsächlich fundamentalistisch religiöse Kräfte in Syrien durch den Einmarsch der Türkei wieder Auftrieb bekommen. Can Dündar, Chefredakteur der Cumhuriyet, konnte nachweisen, dass Erdogan den IS zeitweise militärisch unterstützte. Das brachte Dündar 2016 fünf Jahre und zehn Monate Freiheitsstrafe, der er sich im Spätsommer 2016 durch Flucht nach Deutschland entzog. Zudem wurde bekannt, dass IS-Kämpfer die Türkei jahrelang als Transitland für ihren Einsatz in Syrien oder im Irak benutzten und verletzte IS-Soldaten in der Türkei behandelt wurden.

Erdogan sucht Teile Nordsyriens aufgrund von nationalistischen Kurdenressentiments unter seine Kontrolle zu bekommen. Er folgt in seiner Syrienpolitik seinemVorbild Sultan Selim I. (1470 bis 1520), der 40.000 Aleviten hinrichten ließ. Danach brachte Selim Syrien und Ägypten unter seine Herrschaft. 1516 besiegte er das mamlukische Heer (Mamluken waren damals Herrscher über Ägypten und Syrien) beim syrischen Mardsch Dabiq. Nach Ägypten wie Selim I. wird Erdogan wohl nicht weitermarschieren. Erdogan ließ eine Brücke in Istanbul nach diesem Sultan benennen.

Es ist sicherlich eine große humanitäre Leistung der Türkei, 3,6 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen zu haben. Wachsende Probleme mit der Wirtschaft verbunden mit zunehmenden Ressentiments gegen syrische Flüchtlinge rechtfertigen allerdings keinen Völkerrechtsbruch. Eine bis 35 Kilometer tiefe Sicherheitszone, die etwa 400 Kilometer lang sein soll, würde ein abermaliges Vertreibungsdesaster bewirken, das die Region nicht gebrauchen kann.

Christian Schauer

Sultan Selim I.

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Selahattin Demirtas, Vorsitzender der HDP, wurde am 4. November 2016 von der türkischen Polizei verhaftet und sitzt seitdem in Edirne in U-Haft. Über seine Bedingungen im Gefängnis schrieb er eine Kurzgeschichte, die vor einem Jahr in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Darin heißt es: „Liebe Kommission! Diese Zeilen schreibe ich Ihnen aus einem Hochsicherheitsgefängnis. Jetzt werden Sie fragen, warum ich schreibe, da kann ich nur sagen: Weil ich da eingesperrt bin. Na das wissen wir , werden Sie sagen, aber warum schreibst du uns, wir haben die Nase voll davon, deine ganzen Briefe zu lesen. Nun, gerade darauf will in hinaus. Ich frage mich nämlich, warum Sie sich diesen Brief ausgesucht haben. Sie lesen die Brief wildfremder Menschen, und womöglich werden Sie auch noch gut dafür bezahlt (das werden Sie tatsächlich, zweitausendsechzig Lira im Monar, das kann ja kein Mensch ausgeben!) Aber darum geht es jetzt nicht. Waorum es wirklich geht, weiß ich selbst nicht (das ist ein Zitat aus einer Erzählung von Ilhami Algör, hoffentlich schwärzen Sie das nicht gleich).

Jetzt, wo ich Sie genügend abgelenkt habe, komme ich zum Thema. Meine Freunde draußen (oder vielmehr: meine Freunde, die sich draußen wähnen) möchten eine letzte Erzählung von mir. Ich habe denen gesagt, seit ich in Haft bin, rauft sich die Brief-Lese-Kommission die Haare. Wegen mir arbeiten sie dort um ein Butterbrot ‚wie die Sklaven.‘ Außerdem bin ich ja kein Schriftsteller. Obwohl, wer in einem Haushalt aufwächst, in dem die Mutter sich mit Kunst beschäftigt und der Vater mit Literatur, bei dem sammelt sich einiges an.“1 Nachdem sein bester Freund Bahir Selbstmord begangene hat, wendet sich der Gefangene zum Schluß wieder seinen Aufsehern mit einer gewissen Ironie zu.“ Ich weiß auch nicht, wie ich nun gerade darauf gekommen bin, aber so ist es nun mal, liebe Kommission. Meine Freunde wollten unbedingt, dass ich etwas schreibe, was mir im Gefängnis widerfahren ist, aber ich habe gesagt, das kann ich den Kommissionsbeamten nicht antun. Schließlich habe ich größtes Verständnis für Arbeit als solche und für die arbeitende Bevölkerung. Das wollte ich Ihnen ja nur mitteilen. Ich wünschen Ihnen gutes Gelingen und viel Erfolg in Ihrem Berufsleben. Hochachtungsvoll…“2 Sehr beengt ist die Wirkungsstätte des Gefangenen in einer anderen Kurzgeschichte:„Unser Gefängnishof ist so groß wie ein rechteckiger Betonbrunnen. Vier mal acht Meter. Zu Fuß kaum zu bewältigen. Wenn man morgens losgeht, ist man abends immer noch nicht angekommen. Zwei Menschen dürfen auf diesen Hof, der Parlamentsabgeordnete Abdullah Zeydan und ich. Was aber nicht heißt, dass er uns allein gehört. Wir teilen uns den Hof mit Ameisen und Spinnen.“3

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Leserbrief zu: Schuldige für Grubenunglück gesucht, in Main-Echo vom 17.5.2014

Mit hoher Wahrscheinlichkeit war das Minenunglück in der Türkei Resultat einer falschen ultraliberalen Unternehmensstrategie. Der Grubenchef Alp Gürkan rühmte sich 2012 damit, die Produktionskosten von 130 Dollar (rund 95 Euro) auf 24 Dollar pro Tonne gesenkt zu haben. Das wurde auch dadurch erreicht, dass Gürkan Aufträge an Subunternehmer vergab, die die Sicherheitsvorkehrungen nicht einhielten und ihre Arbeiter schlechter bezahlen als gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer. Eine Frechheit ist es deshalb, wenn der türkische Ministerpräsident Erdogan das Schicksal beschwört – der Unfall sei Gott gegeben, so sei das Risiko in einem Bergwerk. Man kann nur hoffen, dass eine zunehmende Anzahl von demonstrierenden Türken eine lückenlose Aufklärung der Katastrophe von Soma erzwingen kann. Und der Mythos der AKP mit ihrem undemokratischen Führer bröckelt.

Christian Schauer geschrieben: 25.05.2014 09:46, in: Main-Echo online

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Leserbrief zu: Main-Echo 31.03.2014

Erdogan will Widersacher verfolgen

36 osmanische Sultane standen 2013 für Erdogan zur Auswahl als Namensgeber für die neue Brücke in Istanbul. Eine Provokation in Reinkultur lag für Minderheiten in der Türkei darin, dass ausgerechnet Sultan Selim I. – für seine Grausamkeit bekannt – gewählt wurde. Als strenger Sunnit ging Selim I. (1470 bis 1520) hart gegen sämtliche Schiiten im Osmanischen Reich vor. 40.000 Aleviten ließ er umbringen, als die sich gegen ihn auflehnen wollten. Mit der Enttarnung, dass ein Grund gesucht wurde, in Syrien einzugreifen, steht Erdogan in der Tradition von Selim I. Deswegen kam es vor kurzem sogar zu einer Youtube-Sperrung. Die Veröffentlichung von Aufnahmen eines Gesprächs von Außenminister Ahmet Davutoglu, Geheimdienstchef Hakan Fidan und zwei weiteren ranghohe Politikern über einen möglichen Militäreinsatz im Nachbarland Syrien gefährde die nationale Sicherheit der Türkei, so Erdogan. Journalisten werden wegen unbotmäßiger Äußerungen häufig inhaftiert. Seit Bekanntwerden von Korruptionsvorwürfen ließ Erdogan Ende letzten Jahres mehrere Tausend Polizisten, Richter und Staatsanwälte zwangsversetzen. Langsam kommt jetzt der Wolf zum Vorschein, der seinen Schafspelz abwirft: Im April 1998 wurde Erdogan vom Staatssicherheitsgericht Diyarbakır wegen Missbrauchs der Grundrechte und -freiheiten gemäß Artikel 14 der türkischen Verfassung nach einem Artikel des damaligen türkischen Strafgesetzbuches – Aufstachelung zur Feindschaft auf Grund von Klasse, Rasse, Religion, Sekte oder regionalen Unterschieden- zu zehn Monaten Gefängnis und lebenslangem Politikverbot verurteilt. Anlass war eine Rede bei einer Konferenz in einer ostanatolischen Stadt, in der er aus einem religiösen Gedicht, das dem Soziologen Ziya Gökalp (Vertreter eines türkischen Kulturnationalismus) zugeschrieben wurde, zitiert hatte: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Das heisst im Klartext: Demokratie wird instrumentalisiert, um sie abzuschaffen

Christian Schauer, Alzenau, erschienen in: Main-Echo online, 6.4.2014

Zusätzliches zu Erdogan und Selim I.

“Genau jetzt, da der Nahe Osten im Krieg versinkt und an der türkisch-syrischen Grenze ein Konflikt zwischen Sunniten und Aleviten geschürt wird, geben sie dieser Brücke einen Namen, der die Aleviten ganz bewusst verletzen soll! Das ist eine ganz bewusste politische Entscheidung! Sie wissen genauso gut wie wir, woran der Name Yavuz Sultan Selim uns Aleviten erinnert.” Das meinte ein führender Alevit angesichts der Benennung einer Brücke in Istanbul nach Sultan Selim I. durch die regierende AKP und ihren Präsidenten Erdogan. 1513 begann die Verfolgung der Kizilbasch (“Rotschöpfe”)-zu ihnen zählten neben den Aleviten auch die persischen Safaviden. In einer osmanischen Quelle heißt es dazu: „Der allwissende Sultan* sandte korrekte Schreiber über das gesamte Land, um die Unterstützer der Gruppe** zu vermerken, Stück für Stück und Name für Name, es wurde angeordnet vom Diwan*** , um Aufzeichnungen des Diwans über jeden von sieben bis siebzig Jahren abzuholen und die Namen von vierzigtausend Personen, alt und jung, wurden in diesen Registern aufgezeichnet; danach brachten Beamte diese Register zu den Verwaltern aller Regionen; in den Orten, in die sie gingen, töteten sie mehr als vierzigtausend per Schwert in ihren Heimatregionen.“ Neben den Tötungen erfolgten auch Zwangsumsiedlungen und Vertreibungen in entlegene Gebiete Anatoliens. **** Ein Jahr später 1514 griff Selim I. das persische Safavidenreich an. Östlich des Van-Sees wurde das persische Heer geschlagen. 1516 wurde Syrien erobert, 1517 Ägypten, der Mamlukenstaat ging unter. Als Nachfolger der Mamluken kontrollierte Selim die heiligen Stätten des Islam Mekka und Medina. Der letzte abbasidische Kalif, Mutawakkil III., fand keinen Nachfolger mehr. Im 18. Jahrhundert behaupeteten die Osmanen dann, dass Kalifat sei 1518 auf die Osmanen übergegangen.

* gemeint ist Selim I.

** gemeint sind die Kizilbasch

*** eine Institution der leitenden Exekutive des Osmanischen Reiches

**** Vgl. Ismail Kaplan, Das Alevitentum. Eine Glaubens- und Lebensgemeinschaft in Deutschland, Köln 2004, S. 17

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Türkei nur ein bedingt demokratischer Staat

Die Türkei entwickelt sich immer stärker zu einem nur bedingt demokratischen System. So wird zum Beispiel die bekannte türkische Soziologin Pnar Selek zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, weil sie angeblich ein Mitglied der verbotenen PKK ist und in deren Auftrag 1998 einen Bombenanschlag in Istanbul verübt haben soll. In jüngerer Zeit hat die Regierung Hunderte Journalisten, Akademiker und Oppositionelle inhaftiert. Die Türkei führt gegenwärtig im weltweiten Vergleich, was die Zahl der Journalisten im Gefängnis anbelangt. Es gibt keine Pressefreiheit. Über siebzig Journalisten sitzen in Haft. Sie sind Opfer einer Gesetzgebung, die Berichterstattung über Terrorakte mit Terrorismus gleichsetzt.

Verhandelt wird zum Teil vor Sondergerichten und es kann geschehen, dass ein Staatsanwalt, der aufgrund der dürftigen Beweislage von einer Anklage absehen wollte, abgelöst und durch einen Regierungskonformen ersetzt wird, der das Verfahren dann in größerer Strenge weiterführt. Von den rechtsstaatlichen Standards, die in der Europäischen Union üblich sind, und von der Wahrung der Pressefreiheit ist die Türkei derzeit weit entfernt. Die Frage ist, ob die Türkei tatsächlich nach Europa will. Ein Hoffnungsschimmer liegt darin, dass sich eine Verhandlungslösung im Kurdenkonflikt andeutet. Hier bleibt abzuwarten, ob aus der Kompromissbereitschaft Erdogans in Worten reale Taten folgen. Fazil Say meinte: »Ich weiß nicht, ob ihr es gemerkt habt? Überall wo es Schwätzer, Gemeine, Sensationsgierige, Diebe, Scharlatane gibt, sie alle sind übertrieben gläubig (wörtlich: »Allahisten«). Ist das ein Paradoxon?« Da ihm diese Aussage eine Bewährungsstrafe gebracht hat, denkt er darüber nach, das Land zu verlassen. Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, Alzenau

Main-Echo// Erscheinungsdatum: 3.05.2013 Bezugsartikel Main-Echo 16.04.2013

Pianist Fazil Say verurteilt wegen Islam-Beleidigung Justiz: Twittern brachte ihm zehn Monate auf Bewährung Istanbul Wegen Beleidigung des Islam ist der weltbekannte türkische Pianist und Komponist Fazil Say am Montag von einem Gericht in Istanbul zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Say (43) habe sich mit im Internet verbreiteten Kommentaren der Verletzung religiöser Werte schuldig gemacht, zitierten türkische Medien aus dem Urteil.

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Leserbrief zu: Türkei zieht Botschafter aus Paris ab, in: Der Heimatbote vom 24.12.2011 – Der Leserbrief erschien am 31.12.2011 im “Heimatboten” und am 4.1.2012 im “Main-Echo”

Es ist sicher immer vonnöten, auch vor den Türen der anderen Völker zu kehren, wie der türkische Ministerpräsident Erdogan in der letzten Debatte zum Armenien – Gesetzentwurf der französischen Nationalversammlung in Bezug auf die französische Geschichte meint. Besonders aber die eigene Geschichte sollte man ohne Mythen betrachten. Für die Rechtfertigung des Völkermords wurde in der Türkei eine Dolchstoßlegende konstruiert wie die Behauptung, einige freiwillige Armenier in der russischen Armee hätten die für die Türkei niederschmetternde Niederlage ein der Schlacht bei Sarikamis verursacht. Die dritte Osmanische Armee (100.000 Mann) rückte unvorbereitet im Dezember 1914 und Januar 1915 nach Sarikamis (heute im türkischen Bezirk Kars, damals russisch) vor. Mehrere Schneestürme und meterhoher Schnee schnitten die Armee vom Nachschub ab. Größtenteils erfror die Armee in den Bergen beim Anrücken auf die Stadt. Bis in den Januar 1915 waren noch 5000 türkische Soldaten am Leben. Die etwa 5.000 armenischen Freiwilligen in der Armee des russischen Zaren waren nicht kriegsentscheidend, sie schürten allerdings die Abneigung gegen die Armenier in der Türkei. Auf eine andere Tatsache wies der Oberbefehlshaber der türkischen Armee, Enver Pascha, am 25. Februar 1915 in einem Schreiben an den armenischen Patriarchen hin – er dankte für die Aufopferung armenischer Soldaten im Dienste der osmanischen Armee. Später schrieb er die Niederlage bei Sarikamis dem „Verrat“ der Armenier zu. Er sprach von einer „Gefahr“, die nur zu beseitigen sei, wenn die Armenier an andere Orte verschickt würden. Betrachten sollte man den anwachsenden Türkismus von 1908 bis 1913, der die Ausschaltung der Armenier schon vor dem Ersten Weltkrieg ins Auge fasste. Die bekannteste Zeitschrift „Türk Yurdu“ fasste die wichtigsten Intentionen des Türkismus zusammen: Betonung der rassischen Identität von Tataren und Türken, Verherrlichung des Patriotismus und Wiederherstellung der turanischen Gemeinschaft in den Grenzen des 13. Jahrhunderts. Talaat, damals Innenminister, ernannte die Beamten nach dem Kriterium von pantürkischen Überzeugungen. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges sagten nationalistische Journalisten den Fall des Russischen Reiches und den Aufstieg eines Panturanischen Reiches auf seinen Ruinen voraus. Die türkischen Nationalisten schlossen sich dem Kampf für den Pantürkismus an und lenkten ihren Blick nach Transkaukasien, das nun als potentieller türkischer Lebensraum galt mit dem Endziel eines Großreiches aller Turkvölker. Auf den Punkt bringt es der pantürkische Nationalist Dr. Nazim kurz nach den Massakern von Kilikien von 1909: „Das Osmanische Reich muss ausschließlich türkisch sein. Die Existenz fremder Elemente bietet einen Vorwand für europäische Interventionen. Dies Elemente müssen mit Waffengewalt türkisiert werden.“

Die Vorstellung, die Armenier auszuschalten, war also ein offizielles Programm der Jungtürken (an der Spitze Talaat, Enver Pascha und Ahmet Cemal), die nur nach einem Vorwand suchten, dieses umzusetzen.

Christian Schauer, Neuwiesenstraße 14, 63755

1 Selahattin Demirtas, Morgengrauen – Storys, München 2018, S. 67 f.

2 Ebd., S. 71

3 Ebd., S. 11

Veröffentlicht 10. Oktober 2011 von schauerchristian in Die Entwicklung der Türkei

Wissenswertes aus der Geschichte des jüdischen Volkes

Wissenswertes aus der Geschichte des jüdischen Volkes

Vom letzten Viertel des 4. Jahrhunderts bis zum ersten des 6. Jahrhunderts, also etwa 150 Jahre lang, bestand in Himjar ein mächtiges monotheistisch-jüdisches Königreich– man schreibt die Konversion des himjarischen Königshauses Abu Karib Assad zu, der wahrscheinlich von 390 bis 420 herrschte. Bei einem Feldzug in den Norden der Insel konvertierte er zum Judentum. Vom Sohn des Assad, Surahbi’il Ya’fur, gibt es ein Zeugnis aus dem Jahre 440, in dem sein Judentum dokumentiert wird. „der Herr des Himmels und der Erde“ habe ihm seine Unterstützung zuteilwerden lassen. Der Ausdruck „Der Barmherzige“ taucht in weiteren Inschriften aus dieser Zeit auf. Im Norden von Himjar wurde der christliche Missionar Azkir hingerichtet. Azkir wurde von Regierungsbeamten festgenommen, nachdem er ein christliches Gebetshaus errichtet hatte. Das Christentum hatte sich schon früher in der Stadt festgesetzt. Ein abschreckendes Beispiel war vonnöten. Nach dem Tode von König Surahbi’ìl Yakkaf sank der Stern des Reiches von Himjar. Die Söhne mußten sich dem Druck der Äthiopier beugen. Die Auseinandersetzung zwischen Himjar und dem äthiopischen Aksum war Ausdruck politischer und und wirtschaftlicher Gegensätze.

Nach einigen Jahren christlicher Vorherrschaft kehrte das Judentum unter dem letzten jüdisch- himjarischen Herrscher Du-Nuwas an die Macht zurück. Die Quellen über diesen König sind besonders ergiebig. Der König ist quellenmäßig gut dokumentiert. Sein Krieg gegen das äthiopische Reich war brutal. Du-Nuwas wurde wahrscheinlich 518 geboren. Gegen den von Äthiopien gestützten Vizekönig entfesselte er einen Aufstand. Es gelang ihm, Zafar einzunehmen. Nach seinem Sieg konvertierten viele zum Judentum. Die aufständische Stadt Najran wurde belagert und erobert. Ella Asbeha, der Herrscher von Aksum, erklärte dem jüdischen Himjar nach dem Tod vieler Christen den Krieg. Unterstützung gewährte Byzanz, das Schiffe zur Verfügung stellte. 525 wurde Du-Nuwas nach langem, harten Kampf besiegt.Die Hauptstadt Zafar wurde zerstört, 50 Mitglieder der Herrscherfamilie gerieten in Gefangenschaft. Einige Jahre später scheiterte ein letzter Aufstand. Nach 570 eroberten die Perser das Reich. Die Proselytengemeinde von Himjar bestand auch unter persischer Herrschaft weiter. Nach Ankunft von Mohammeds Armee 629 warnte der Prophet seine Heerführer in einem Brief, Christen und Juden nicht zu zwingen, zum Islam überzutreten. Die Art der Steuern für die Juden belegt, daß viele von der Landwirtschaft lebten. Es gelang der Gemeinde von Himjar dank der theologischen Verbindung nach Babylon, bis ins 20. Jahrhundert zu überleben.

 

Königin Kahina. Sie leistete Widerstand gegen die muslimischen Eroberer. Sie war eine zum Judentum konvertierte Berberführerin, als Magierin wurde sie „Priesterin“ (Kahina) genannt. Sie herrschte eisern über ihr Reich. Als sie Muslime erneut versuchten, Nordafrika zu erobern, vereinigte sie 689 einige starke Stämme und besiegte das Riesenheer von Hassan ben Al-Nu`maan. 694 drehten die Muslime den Spieß um und töteten die kampferprobte Kahina. Diese hatte eine Strategie der verbrannten Erde angewandt. Städte und Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Ihre Söhne konvertierten zum Islam. Die Erinnerung an sie wird in Mythen und Geschichten wachgehalten.

 

Auch die dritte große jüdische Gemeinschaft der Vergangenheit, die in Osteuropa, stammt laut Sand nicht von den Juden aus Eretz Israel ab. Sand bringt die Geschichte des jüdischen Großreiches der Chasaren, vom 10. bis 13. Jahrhundert zwischen Krim, Wolga und Kaspischem Meer gelegen, ins Spiel. Im Chasarenreich bildete sich laut Sand nach der Konversion des chasarischen Königs, des Kagan, zum Judentum allmählich eine eigene jüdische, turksprachige Volksgruppe heraus, die beim Einfall der Mongolen nach Westen floh und sich mit der slawischen Bevölkerung vermischte. Gerade über das jüdische Chasarenreich ist die Quellenlage eindeutig. Sand widerlegt damit die gängige These von der Herkunft der osteuropäischen Juden aus «Aschkenas», d.h. Dem deutschsprachigen Raum. «In den Gemeinden in Köln, Mainz und Worms gab es im 13. Jahrhundert nur einige Tausend Juden. Es kann also vom demografischen Gesichtspunkt her gar nicht sein, dass so viele Juden nach Osten emigrierten und dort ein Volk von Millionen Juden bildeten», erläutert Sand. Er beruft sich dabei unter anderem auf die These der Tel Aviver Linguisten Paul Wexler und anderen, wonach die jiddische Sprache nicht identisch mit dem Judendeutsch des Mittelalters sei. Jiddisch ist laut Wexler eine slawische Sprache mit deutschem Sprachwortschatz und ein Ausdruck der sozioökonomischen Symbiose zwischen deutschen Siedlern und Juden des Spätmittelalters im Gebiet der heutigen Ukraine und Polens. Auch zionistische Historiker wie der vierte israelische Bildungsminister Benzion Dinur wussten das noch in den 1950er Jahren.

Kunde vom Reich der Chasaren gibt ein Brief von Hasdai Ibn Schaprut (915 – 975), Arzt und Staatsmann am Hof des Kalifen Abd Al-Rahman in Cordoba an König Joseph Ben Aharon, den König der Chasaren. König Joseph antwortet, indem er seine Herkunft und die Grenzen seines Reiches bescheibt: „In deinem Brief fragtest du, von welchem Volk, von welcher Familie und von welchem Stamme wir sind. Wisse, dass wir Nachkommen des Japhedt und seines Sohnes Togarma sind. (…) Es heißt, dass damals meine Vorfahren nur wenige waren, und der Herr gaben ihnen Kraft und Heldenmut, und sie führten Krieg gegen viele uns sehr starke Völker, und mit der Hilfe des Herrn vertrieben sie sie und nahmen ihr Land ein (…) Danach vergingen Generationen, bis König Bulan an die Macht kam, ein weiser und gottesfürchtiger Mann, der zutiefst gläubig war, er befreite das Land von den Götzenanbetern und den Magiern und ruhte unter Gottes Fittichen. (…) Der König nahm alle seine Minister und seine Sklaven und sein ganzes Volk und sagte ihnen all das. Und sie hielten es für gut, sie nahmen das Urteil an und versammelten sich vor der Gottheit. (…) Danach kam ein König an die Macht, der ein Nachkomme seiner Nachkommen war, er hieß Ovadia, ein geradliniger Gerechter, er erneuerte das Königreich und setzte das Gesetz in Kraft, er edrbaute Versammlungs- und Lehrhäuser und versammelte dort viele Weise Israels.“

Am Hof von Abd-al-Rahman_III

Am Hof von Abd-al-Rahman III. – Jüdischer Würdenträger und Diplomat dort war Hasdai Ibn Schaprut

 

Die Geschichte der Chasaren beginnt im 4. Jahrhundert nach Christus, als nomadisierende Stämme mit den Hunnen nach Westen zogen.Später errichteten sie ein riesiges Imperium in den Steppen entlang der Wolga und im nördlichen Kaukasus, das sein Ende im 13. Jahrhundert fand, als der Mongolensturm die Überreste dieses einzigartigen Staatswesens vernichtete. Die Chasaren waren ein Verbund starker Clans türkischer oder hunno-bulgarischer Herkunft, die sich mit den Skythen vermischten, die seit Jahrhunderten die Berge und Steppen zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meer bevölkert hatten. Seit dem 6. Jahrhundert tauchten die Chasaren erst in persischen, dann auch in muslimischen Quellen auf. Ihr Einfall führte sie bis in die Gegend von Mossul im heutigen Irak. Zu Beginn des 7. Jahrhunderts schlossen die Perser ein Bündnis mit ihnen, der König heiretete die Tochter des Chasarenherrschers, der wiederum den Persern den Bau von Festungen an den Kaukasuspässen erlaubte. Der Großkahn der Chasaren unterhielt vielfältige Beziehungen mit dem byzantinischen Kaiserreich. Der künftige Kaiser Justinian II. floh Ende des 7. Jahrhunderts ins Chasarenreich und heiratete eine getaufte Chasarenprinzessin namens Theodora, die später als Kaiserin großen Einfluß erlangte. Es blieb nicht das einzige Ehebündnis zwischen diesen beiden Staaten. 733 fand diese außergewöhnliche Eheschließung statt. Der Sohn wurde später Leo der Chasar genannt. 730 kamen die Chasaren bis Mossul. Kalif Marwan II. Erreichte danach eine kurzzeitige Islamisierung des damals noch heidnischen Chasarenreiches. Das chasarische Staatswesen verfügte über eine höchst originelle Doppelspitze- einen heiligen und erhabenen König und einen aktiven, säkularen Herrscher.

Ein Chronist schildert das Chasarenreich 932 folgendermaßen: „Was ihre Staatsordnung und ihre Regierungsgewalt angeht, so wird ihr Herrscher als Großkahn Chasar bezeichnet, und er steht höher als der Chasarenkönig. Doch der König ernennt ihn. Wenn sie ihn zum Großkahn machen wollen, gehen sie zu ihm hin und würgen ihn mit einem Seidenband, bis er beinahe erstickt, und dann fragen sie, wie lange willstr du herrschen? Und er sagt: So und so viele Jahre. Und wenn er vor Ablauf dieser Zeitspanne stirbt, (dann ist es gut) und wenn nicht, dann töten sie ihn, wenn er dieses Jahr erreicht. Nur Sprösslinge aus bekannten Familien können Großkahn werden. Er besitzt keine wirkliche Macht, sondern man bewundert ihn und betet ihn an, wenn man zu ihm geht. Zu ihm kommt niemand außer einigen wenigen, wie etwa der König und diejenigen von seinem Rang. (…) Und niemand, der nicht am Judentum festhält, kann Großkahn werden.“

 

Es gibt Einschätzungen, wonach die Chasaren schon 740 zum Judentum übergetreten sind. Dafür gibt es keine Belege. Im Jahr 864 besagt ein Dokument, dass „alle chasaren (gazari) die jüdischen Gesetze befolgen.“ Zwischen der Mitte des 8-und 9. Jahrhunderts erklärten die Chasaren das Judentum zu ihrer einzigen Religion. In dem Brief von König Joseph wird der Übertritt als mehrstufige Handlung beschrieben. Zunächst wird König Bulan von der Richtigkeit des Judentums überzeugt und entschließt sich zur Konversion. Erst König Ovadia, ein Enkel oder Urenkel, führte „das Gesetz als staatliches und religiöses Gesetz“ ein: Zudem ließ er Synagogen und Lehrhäuser erbauen. Grabinschriften auf dem Gebiet des ehemaligen Chasrenreiches belegen die weite Verbreitung des Judentums; es gab jedoch auch viel Synkretismus. Viele gehen davon aus, daß das Chasarenreich in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts zerstört worden ist. Großfürst Swjatoslaw I. Von Kiew besiegte 965 (oder 969) die den Don beherrschende chasarische Stadt Sarkel (eine Festungsstadt). In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts verlor das Chasrenreich seine Vormachtstellung. 1016 überfiel das vereinte byzantinisch-russische Heer das jüdische Reich und versetzte ihm einen weiteren schweren Schlag. Im 13. Jahrhundert entstand unter den Mongolen ein kleines chasarisches Reich. Nach der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wird es still um das Chasarenrteich. Es verschwand im Dunkel der Geschichte.

 

Sevilla war gegen Ende des Mitelalters die volkreichste Stadt Spaniens geworden. Seit 1378 predigte der Erzdiakon von Sevilla, Ferrando Martínez von Écija, gegen die Juden und hetzte die Christen gegen sie auf. Am 6. Juni 1391 stürzte sich die Menge nach einigen handgreiflichen Auseinandersetzungen auf den jüdischen Wohnbezirk. Die Mehrzahl bekehrte sich zum Christentum, der Rest wurde niedergemacht. In einigen Wochen kam es zu Ausschreitungen in Kastilien und Aragón. In Valencia griff die Menge die aljama an mit dem Schlachtruf: „Martinez kommt! Die Juden – in den Tod oder ins Weihwasser!“ „Die Gier zur Plünderung der Juden nahm jeden Tag zu“ bemerkte der Kanzler Ayala. Zahlreiche Juden fanden Unterschlupf in den Häusern christlicher Bürger. Manche Juden fanden in Schlössern Zuflucht gegen Bezahlung. In Barcelona begingen die Juden zu Dutzenden Selbstmord. In Gerona weigerte sich die Juden, ihrem Glauben abzuschwören. Zahlreiche Juden nahmen die Taufe an. In viel Städten wurden die Conversos nach der Taufe die eifrigsten Verfolger der Juden.1394 hetzten die Conversos von Perpignan die Masse gegen die Juden und hinderten sie daran, in ihre alten Wohnungen zurückzukehren. Auf welche Seite sollte das Vermögen einer Gemeinde fallen, wenn eine aljama in zwei Teile zerfallen war? In Lérida waren 1391 78 Juden ermordet worden. In ganz Spanien wurden Synagogen in Kirchen umgewandelt. In Madrid wurde ein Kloster ärmer, weil die Rente von der jüdischen aljama wegblieb, die vernichtet wurde.

 

Literatur: Shlomo Sand, Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand, Berlin 2008

http://de.wikipedia.org/wiki/Himyar

Léon Poliakov, Geschichte des Antisemitismus -IV. Die Marranen im Schatten der Inquisition,

Worms 1981