Archiv für August 2011

Memleben, Kyffhäuser, Naumburg/ Reisebericht Nürnberg/ Dresden, Görlitz und Wroclaw/ Cuxhaven/ Herzogenbusch und Antwerpen

Memleben, Nebra, Kyffhäuser und Naumburg 20. bis 23. Juli 2018

Gasthof Zapfengrund in Wutha-Farnroda

Gasthaus (2)

Gasthaus Zapfengrund

Ferienhof, Reiterhof und Pension – ein Gasthof mit Zimmervermietung und Heuhotel. Ein Heuhotel ähnelt einem Matratzenlager auf einer Hütte. Anstatt von Matratzen liegt hier loses Heu. Benötigt wird ein Schlafsack und eine Decke darunter.

Artern

Der Ort, 786 erstmals erwähnt, ist für seine Salzgewinnung bekannt. Das artener Salzwerk zählte zu einem der drei größten in Kursachsen, 1964 wurde die Salzproduktion eingestellt. Im Ort gibt es ein Solebad. Es wurde 1994/1995 vollständig saniert. Das Wasserbecken wird durch eine natürliche Solquelle mit 3,25% Salzgehalt gespeist. Historisch sind in Artern wirtschaftlich der Maschinenbau und die verarbeitende Industrie von Bedeutung.

Memleben

Memleben 1

Kloster Memleben

780 nach Christus wird der Ort erstmals erwähnt. Es gehört zu den Gütern des Klosters Hersfeld. Die Bedeutung des Ortes wuchs unter den sächsischen Königen Heinrich I. und Otto I. Heinrich I. der Vogler starb hier 936. Es könnte ein Schlaganfall gewesen sein. Im Gymnasium in Gunzenhausen sangen wir in den 60er Jahren das Lied “Herr Heinrich sitzt am Vogelherd”. Musik: Paul Loewe, Text: Johann Nepomuk Vogl

Herr Heinrich sitzt am Vogelherd

Herr Heinrich sitzt am Vogelherd recht froh und wohlgemut,
Aus tausend Perlen blinkt und blitzt der Morgenröte Glut.
In Wies‘ und Feld, in Wald und Au, horch, welch ein süßer Schall;
Der Lerche Sang, der Wachtel Schlag, die süße Nachtigall.

Herr Heinrich schaut so fröhlich drein: Wie schön ist heut‘ die Welt!
Was gilt ’s? Heut‘ gibt ’s ’nen guten Fang! Er lugt zum Himmelszelt.
Er lauscht und streicht sich von der Stirn das blondgelockte Haar;
Ei doch! Was sprengt denn dort herauf für eine Reiterschar?

Der Staub wallt auf, der Hufschlag dröhnt, es naht der Waffen Klang.
Daß Gott! Die Herrn verderben mir den ganzen Vogelfang!
Ei nun! – Was gibt ’s? Es hält der Troß vorm Herzog plötzlich an.
Herr Heinrich tritt hervor und spricht: Wen sucht ihr Herrn? Sagt an!

Da schwenken sie die Fähnlein bunt und jauchzen: Unsern Herrn!
Hoch lebe Kaiser Heinrich! Hoch des Sachsenlandes Stern!
Sich neigend knien sie vor ihm hin und huldigen ihm still
Und rufen, als er staunend fragt: ’s ist deutschen Reiches Will!

Da blickt Herr Heinrich tiefbewegt hinauf zum Himmelszelt:
Du gabst mir einen guten Fang; Herr Gott, wie dir ’s gefällt.

Hier wird seine Königserhebung 919 literarisch und musikalisch überhöht. Sachsen bildete fortan mit Franken die Kernlandschaft des Königtum. Danach wurde auch die Huldigung der Schwaben und Bayern erzwungen. Etwas Neues bildete Heinrichs Hausordnung von 929, in der er seinen zweiten Sohn Otto mit Zustimmung der Großen zum Nachfolger erkor. Das Reich war damit unteilbar. Lothringen konnte 925 wieder an das Sachsenreich angeschlossen werden. Die bedeutendste Tat Heinrichs I. war die siegreiche Schlacht bei Riade an der Unstrut 933 über die Ungarn, das Reich hatte sich als eine stammesübergreifende Macht bewährt. Eine Entscheidungsschlacht war es nicht. Das von den Slawen bewohnte Vorfeld des Reiches wurde im Marken verwandelt. Die Slawen wurden bis zur unteren Oder und zur Lausitz tributpflichtig gemacht. Böhmen geriet unter die Oberhoheit des Reiches.

Ottos I. Ruhm gründete sich vor allem auf die siegreiche Schlacht am Lechfeld über die Ungarn am 10. August 955. Die Ungarn waren seit 899 immer wieder in das ostfränkisch-deutsche Reich eingefallen. Er gilt als „Vater des Vaterlandes“ nach Widukind von Corvey.

Otto I. gründete 968 das Erzbistum Magdeburg. Magdeburg war ein Zentrum der christlichen Kirche im ostelbischen Raum. Otto I. starb in Memleben 973. Sei Sohn Otto II. stiftete 979 dort ein Benediktinerkloster, dem er zahlreiche Schenkungen zukommen ließ. Um 1000 war Memleben für den Saale-Unstrut-Raum ein zentraler königlicher Ort für die Ottonen. Heinrich II. unterstellte das Kloster 2015 wieder Hersfeld. 1525 wurde das Kloster im Bauernkrieg geplündert, 1548 wurde es aufgehoben, drei Jahre später der Landessschule Pforta geschenkt, bei der es bis 1945 blieb.

Die Himmelsscheibe von Nebra

Nebra

Arche Nebra

Zwei Raubgräber entdeckten sie 1999, 2002 wurde sie sichergestellt. Sie wurde vor etwa 3600 geschmiedet und ist die älteste konkrete Darstellung des Kosmos. Für die Bronzezeit ging man bis zu diesem Fund von geringeren astronomischen Kenntnissen aus. Die fast kreisrunde Bronzeplatte ist geschmiedet,hat einen Durchmesser von etwa 32 Zentimetern und eine Stärke von 4,5 Millimetern in der Mitte beziehungsweise 1,7 Millimetern am Rand. Ihr Gewicht beträgt 2,3 Kilogramm. Nach einer unbestätigten Theorie machte vor 3600 Jahren die Aschewolke von Santorin, die die Erde etwa 20 Jahre verfinsterte, unbrauchbar. Zudem wurde es dadurch kühler. Nach einer Interpretation der Scheibe häufen sich Symbole intensiver religiöser Themenkreise wie Sonne, Sonnenbarke, Mond und -als besondere Vertreter der Sterne -die Pleijaden (sieben Sterne, ein offener Sternenhaufen, in der Milchstraße). Die religiösen Symbole seien mit Absicht vom Schöpfer der Scheibe zusammengeführt und repräsentierten ein europaweites komplexes Glaubenssystem.

Rosarium Sangerhausen

Das Europa-Rosarium Sangerhausen beherbergt auf einer Fläche von 12,5 ha über 8.500 verschiedene Rosenarten. Es ist damit eine Art Rosenmeer. Das Rosarium gilt als die umfangreichste und bedeutendste Rosensammlung der Welt. Sangerhausen liegt im Süden des Bundeslandes Sachsen-Anhalt und hat mit Ortsteilen fast 30.000 Einwohner.

Rosarium 4

Kaiserin Auguste Viktoria – Büste von 1913

 

Das Kyffhäuser-Gebirge

Mit etwa 60 Quadratkilometern ist es eines der kleinsten Mittelgebirge Deutschlands.Der Kyffhäuser ist durch die Barbarossa oder Kyffhäuser-Sage im ganzen Land bekannt. 1118 wurde der Berg das erste Mal urkundlich erwähnt. Markant auf dem Berg neben ddem Denkmal ist der Barbarossa-Turm. Er diente den Burgherren als letzte Zufluchtstätte.

Kyffhäuser 5

Kyffhäuser Denkmal

Das Kyffhäuser-Denkmal war dem 1888 verstorbenen deutschen Kaiser Wilhelm I. gewidmet. Der Schriftführer des Deutschen Kriegerbundes, Dr. Westphal, wollte ihm auf dem Kyffhäuser ein Denkmal errrichten. Kaiser Weißbart (Wilhelm I.) habe die Sage erfüllt und Kaiser Rotbart erlöst. Im Oktober 1890 begannen die bautechnischen Vorbereitungen. Als Baumaterial wurde der Kyffhäusersandstein verwendet. Im Juni 1896 wurde das Denkmal eingeweiht. Kaiser Wilhelm II. war anwesend. Voluminös war der besucherandrang: fast 20.000 Soldaten und Gäste sowie die Bundesfürsten. Der architektonische Hauptteil des Denkmals ist der Turm, die gesamte Anlage ist 131 Meter hoch und 96 Meter breit. Über dem Reiterstandbild steht: “Für Kaiser und Reich”. Darüber erkennt man den Reichadler. In den Schwingen des Adlers sind die vier deutschen Königreiche eingemeißelt, die 1871 im Deutschen Reich aufgingen: Preußen, Bayern, Württemberg und Sachsen. Weniger zentral die anderen Herzogtümer, Fürstentümer und freien Hansestädte.

Die Barbarossa-Figur stammt von dem Bildhauer Nicolaus Geiger (1849 bis 1897). Das Material dafür wirde im Steinbruch von Edersleben bei Sangerhausen gebrochen. Die Steinplastik ist 6,50 Meter hoch. Der Staufenkaiser Friedrich Barbarossa sitzt am “Marmorenen Tisch”, sein Bart ist in den Tisch hineingewachsen. Auf seinem Haupt sieht man die Kaiserkrone. Mit der rechten Hand fasst er das Schwert, mit der linken seinen riesigen Bart. Dar rechte Bein ist nach hinten gestellt, als wollte er aufstehen, er scheint aufgewacht zu sein.

Die Kyffhäuser-Sage hat folgenden Wortlaut: “Der alte Kaiser Friedrich Barbarossa ist durch einen Zauber, d.h. eine übernatürliche heimliche Gewalt, in ein unterirdisches Schloss des Kyffhäuserberges in Thüringen versetzt worden. Hier sitzt er schlafend auf einem Stuhl von Elfenbein und stützt sein Haupt auf einen Marmortisch. Sein roter Bart, bei Lebzeiten dem gelben Flachse ähnlich, leuchtet wie Glut des Feuers und ist durch den Tisch, ja fast um denselben herumgewachsen. Zuweilen bewegt der Kaiser das blonde Haupt, hebt die schweren Augenlider halb und zwinkt oder blinzelt mit den Augen. Durch solch’ traumhaftes Augenzwinkern winkt er in langen Zeiträumen – von 100 Jahren – einem Zwerg, kaum der Größe eines Knaben, hinaufzugehen und nachzusehen, ob die Raben, die Bilder der Zwietracht und des Unglücks, noch um den Berg fliegen und krächzen. Ist dies der Fall, so schließt der Kaiser seufzend die Augen, schläft und träumt abermals 100 Jahre. Erst, wenn der Bart ganz um den runden Marmortisch gewachsen ist und ein mächtiger Adler in stolzem Flug sich aufschwingt, den Berg umkreist und den Rabenschwarm verscheucht, erst dann wird der Kaiser mit seinen gleichfalls verzauberten Getreuen erwachen.”

Nach einer anderen Version hat sie folgenden Wortlaut „Kaiser Friedrich der Rotbart im Kyffhäuser“ von Ludwig Bechstein – Thüringer Sagenbuch von 1836: „Kaiser Friedrich der Rotbart unternahm einen Kreuzzug in das heilige Land, dieses den Türken zu entreißen, von dannen er nicht wieder heimkehrte. Und bald darauf entstand im Volk mancherlei Gerücht und Sage, dass er nicht, wie doch die Kunde war, gestorben sei, sonder noch lebe, und wiederkommen werde. So wurde gesagt, er sei in eineen Berg verzückt und gebannt. Manche nennen den Untersberg bei Salzburg, andere einen Felsen bei Kaiserslautern, darin der Kaiser verzaubert sein soll. Am meisten aber wird der Kyffhäuser als solcher Berg genannt. Da hineim soll er sich selbst verflucht haben mit seiner Tochter und allem Hofgesinde bis zur Zeit seiner Wiederkehr. Sa sitzt er nun im Bergschloss, umgeben von seinen Wappnern, in einer glänzenden Halle, an einem güldenen Tisch und trägt auf dem Haupt eine alte güldene Krone. Des Kaisers roter Bart ist durch den Tisch gewachsen und reicht zweimal schon um den Tisch herum.Wenn er aber zum dritten Mal herumreicht, dann wird der Kaiser heraufkommen, das Reich wieder behaupten, das Regiment bessern und das gelobte Land mit dem heiligen Grabe den Türken abgewinnen.. Dann wird er seinen Schild hängen an den dürren Ast eines Birnbaumes, der auf dem Ratsfeld steht, und einegroße Schlacht wird dann geschlagen werden, der Baum aber wird grünen und blühen. Auch schläft der Kaiser nicht, sondern er nickt und zwinkert mit dden Augen, wie im Halbschlummer, und alle hundert Jahre sendet er einen Zwerg hinauf zu schauern: ob die Raben noch um die alte Burgwarte von Kyffhausen fliegen? Wenn er nun wiederkommt und aussagt, dass sie noch fliegen, wird der alte Kaiser traurig wie zuvor und schlummert wieder fort. So haben ihn schon manche gesehen.“ Der Adler fehlt hier als Tier der Erlösung.

Neues vom Kyffhäuser

Am Kyffhäuser kifft der Kaffer

Entsetzlich koffert der Gaffer

Barbarossa verlässt jetzt Kyffhausen

Die Raben den Bart nun lausen

Er denkt an den Tod in der Türkei

Im Saleph war sein Leben vorbei

Gott hat ihn zu sich gerufen

Sein Pferd scharrte vergeblich mit Hufen

“Warum musst‘ ich nach Jerusalem reiten

Und durft‘ nicht in der Heimat verbleiben

War der Kreuzzug eine gute Idee

Oder war Staufen nicht schöner denn je!

Wie war der Saleph so kalt

Mein Kreislauf erschöpfte sich bald

Im Fluss da schwammen nur Haie

Es war nicht nur einer nein dreie!”

Dann kehrt er nach Kyffhausen zurück

In der Ferne fand er kein Glück

Zu sehen ist er als Geist

Frage nicht was das heißt

Naumburg

Der Naumburger Dom zählt zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern des europäischen Hochmittelalters. Naumburg entstand um das Jahr 1000. Ekkehard I. errichtete kurz davor die neue Burg der Ekkehardiner. Er starb 1002. Seine Söhne Hermann und Ekkehard II. gründeten danach das Stift St. Moritz und das Benediktinerkloster St. Georg. In Zusammenarbeit mit Kaiser Konrad II. wurde 1028 der Bischofssitz von Zeitz nach Naumburg verlegt. Die Naumburger Bischöfe gingen im 12. Jahrhundert eine engere Bindung an die ludowingischen Landgrafen von Thüringen und die wettinischen Markgrafen von Meißen ein. Eine besondere Rolle spielte Dietrich II. von Meißen.Er setzte sich 1243 von der Mehrheit des Domkapitels gewählten Peter von Hagin als Bischof von Naumburg durch. In der Auseinandersetzung zwischen Kaiser Friedrich II. und Papst Innozenz IV. unterstützte er die Partei des Papstes und des Gegenkönigs Heinrich Raspe. Im Mittelalter lag die Stadt Naumburg an der Via Regia, seit 1278 ist die Naumburger Messe urkundlich erwähnt. Der Aufstieg Leipzigs zur Messestadt seit 1500 schmälerte allerdings die wirtschaftliche Bedeutung Naumburgs. Die Bevölkerung des Bistums war schon nach 1520 zum Protestantismus übergetreten. 1564 wurde das Bistum säkularisiert und Kursachsen unterstellt. Um1160/1170 erhielt der frühromanische Dom eine Hallenkrypta. Große Teil der heutigen Kirche entstanden im 12. und 13.Jahrhundert unter den Bischöfen Berthold (1186 – 1206) und Engelhard (1206 – 1242). Der Nordwestturm wurde im 15. Jahrhundert, der Südwestturm erst 1884 vollendet.

Markant die Reliefs zur Passionsgeschichte am Westlettner. Hier werden in acht Einzelbildern das biblische Geschehen von Gründonnerstag bis zur Kreuztragung Christi geschildert. Dass der Audioguide die bekannten biblischen Geschichten so ausführlich schildert, ist wohl darauf zurückzuführen, dass im Osten sehr viele Menschen nach dem Austritt aus der Kirche nicht mehr mit dem Geschehen vertraut sind. Drei von vier Ostdeutschen gehören keiner Kirche an.

Im Westchor stehen die zwölf überlebensgroßen Stifterfiguren. Besonders markant die Stifterfigur der Uta von Ballenstadt auch Uta von Naumburg genannt. Ihre Gesichtszüge sind prägend für das Idealbild einer mittelalterlichen Frau geworden. Einer ihrer größten Bewunderer war Umberto Eco: „Wenn Sie mich fragten, mit welcher Frau in der Geschichte der Kunst ich gerne essen gehen und einen Abend verbringen würde, wäre da zuerst Uta von Naumburg.“

Uta

Markgraf Ekkehard II. und Uta von Naumburg

Sehenswert im Naumburger Dom ist zudem im Erdgeschoss des Nordwestturms die Elisabethkapelle. Hier hat der Leipziger Maler Neo Rauch drei rote Fenster geschaffen, die die Bedeutung der Elisabeth von Thüringen in unserer Zeit veranschaulichen.

Trockenheit 2018

Wie wirkt sich die Trockenheit in Sachsen-Anhalt und Umgegend aus? Aktuell rechnen die Winzer an Saale und Unstrut laut Weinbauverband mit Einbußen bei der Erntemenge für den Jahrgang 2018 von bis zu 30 Prozent. Der Pegel der Elbe betrug in Magdeburg Mitte Juli 2018 63 Zentimeter statt etwa 2 Meter.

 

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Nürnberg einst und jetzt – Dezember 2016
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Die Stadt Nürnberg wurde 1050 als „nuorenberc“ in der so genannten „Sigena-Urkunde“ Kaiser Heinrich III. erstmals erwähnt. Dieser besprach mit den Mächtigen des Reiches politische Fragen des mittleren Donaubeckens. Frühere Siedlungsspuren wurden 850 datiert. Nürnbergs erster Hoftag im 11.Jahrhundert war Auftakt einer großen Reihe weiterer, die Nürnberg in erster Linie als Tor zum Osten etablierten.
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In der Mitte des zwölften Jahrhunderts errichteten die Staufer eine Burg neben der der Burggrafen. Sie wurde zum Mittelpunkt königlicher Macht im Süden Deutschlands. 1219  trat eine Kaufmannsgilde als Vertreterin der Gesamtbürgerschaft auf. Im 14. Jahrhundert nannte sich die Oberschicht „die Ehrbaren“. Darunter entwickelte sich ein zahlreiches Kleinbürgertum. 1274 wurde die Sebalduskirche geweiht. Sebaldus war der Patron der Stadt. Als Rudolf von Habsburg in diesem Jahr das Interregnum beendete, war die spätromanische Kirche vollendet. 2 Von jetzt an wurde es zur Gewohnheit, dass der neue gewählte Monarch seinen ersten Reichstag in Nürnberg abhielt. Die Stadt an der Pegnitz wurde für zweihundertfünfzig Jahre zur Hauptstadt des Reiches im Südosten. Mitte des 14. Jahrhunderts war Nürnberg die Reichsfreiheit gelungen. 1427 gelangte die Burggrafenburg der Staufer durch Kauf  in Besitz der Stadt. Nürnberg streckte seine Fühler im Handel in alle Richtungen aus. Aus Venedig kamen die Gewürze des Fernen Ostens, aus Lyon wurde Seide bezogen. Aus Krakau kamen Pelze, aus Ypern stammten viele Tuche. Aus Reichenhall bezog man Salz, der Hering kam von der Ostsee aus Lübeck. Nürnberg exportierte Gold- und Silberschmiedegegenstände. Die Waffen kamen aus den Werkstätten der Schwertfeger und Plattner.3
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Kaiser Karl IV. besuchte Nürnberg sage und schreibe 52 mal. Neunmal wurden in Nürnberg von ihm Hof- und Reichstage abgehalten. Das wichtigste Dokument in der Regierungszeit dieses Luxemburgers war die „Goldene Bulle“ von 1356, das „Grundgesetz“ des Heiligen Römischen Reiches. Nürnberg wurde in diesem Dokument eine herausragende Stellung als Stadt des Reiches zuerkannt. In Kapitel 29 wurde bestimmt, dass der erste Hoftag nach jeder Königswahl in Nürnberg stattfinden sollte. Nürnberg schloss auf zu Frankfurt als Königswahlort und Aachen als Krönungsort.
Karl IV. baute Nürnberg zur Residenzstadt aus. Die Erbauung der Frauenkirche wurde in der „Markturkunde“ festgelegt. Sie enthielt auch die Erlaubnis zur Räumung des Judenviertels. Karl der IV. hatte nichts für die Juden in Nürnberg getan. Er gestand am 6.April 1349 Adligen und Patriziern die Nutzung des jüdischen Besitzes zu. Im Oktober sicherte er dem Stadtrat Straffreiheit zu, wenn gegen die Juden vorgegangen wird. Im November 1349 bekommen die Nürnberger vom Kaiser die vertragswidrige Erlaubnis, die Häuser und die Synagoge der Juden abzureißen. An diesem Ort konnte die Marienkirche erbaut werden, Patrizier erhielten dort Judenhäuser. Ein Pogrom folgte am 5. Dezember 1349, dem 560 Juden zum Opfer fielen. 6
In der Stiftungsurkunde von 1355 hieß es, Karl gründete die Kapelle „zu Lob und Ruhm seines Kaisertums, zu Ehren der glorreichen Jungfrau Maria, der Mutter Gottes und unseres Herrn Jesu Christi, zu seinem und seiner Vorfahren Seelenheil, in seiner kaiserlichen Stadt Nürnberg“. 7
In Nürnberg erinnern viele Orte an die  Luxemburger Kaiser. An der Westfassade der Lorenzkirche findet man die Wappen Karls und seiner Frau Anna von Schweidnitz. Die Kindheitsgeschichte Wenzel IV. war auf Wandmalereien in der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Moritzkapelle zu sehen. Kaiserlicher Hofmaler war Sebald Weinschröter – seine Bilder sind in der Lorenzkirche (Wendelin) und der St. Marthakirche zu bewundern.
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Kehren wir zu den Judenmorden zurück, die in der Zeit der großen Pest von 1348 bis 1350 auch in anderen Städten Deutschlands stattfanden und nicht nur dort. In Savoyen kam der Vorwurf auf, die Juden hätten das Trinkwasser vergiftet. Die Flagellanten (Geißler) sahen in den Juden das Subjekt ihrer Aggressionen, der Pöbel folgte ihnen.In manchen Fällen waren es auch Stadträte, die ein gerichtliches Verfahren unterbanden oder zum Pogrom neigende Adlige. Manche Bürger wollten auch von den Schulden loskommen, die sie bei Juden hatten. 8
Intensive Pogrome gab es in Freiburg, Augsburg, Nürnberg, München, Königsberg und Regensburg. In Worms verbrannten sich im März 1349 vierhundert Mitglieder der dortigen jüdischen Gemeinde in ihren Häusern. Im Juli dieses Jahres geschah eine ähnliche Selbsttötung in Frankfurt am Main. Ein Teil der Stadt brannte nieder. In Köln wurden die Juden getötet, obwohl der Rat der Stadt festgestellt hatte, dass die Juden wie andere auch an der Pest stürben. In Mainz wehrten sich die Juden dann und töteten  zweihundert Angreifer. Nach ihrer Überwältigung kehrten sie in ihre Häuser zurück und setzten sie in Brand- es gab sechstausend Tote. In Erfurt kamen alle dreitausend Juden ums Leben. 9
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Die Lorenzkirche
Sie geht in das 13. Jahrhundert zurück. Nach 1250  wurde mit der Errichtung einer monumentalen Basilika begonnen. Im 14.Jahrhundert entstand zwischen dem Turmpaar eine der elegantesten Schmuckfassaden der deutschen Gotik. 10   Das Hauptportal könnte zwischen 1340 und 1350 entstanden sein. Karl IV. war mit Wahrscheinlichkeit ein Förderer dieses Kirchenbaus (siehe Wappen). Im Südturm der Lorenzkirche waren bis 1970  Grabsteine als oberste Treppenstufen  eingesetzt, die vom Judenfriedhof stammten, der 1349  geschleift wurde. Die Kirche wurde Ende des 14. Jahrhunderts vollendet.Die Türme wurden 82 Meter hoch. 1439 entstand der spätgotische Hallenchor. Schon vorher war eine Hallenchor 1379 in der Sebalduskirche entstanden.
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Der Engelsgruß von 1517 des Bildhauers Veit Stoß ist das bekannteste Schnitzwerk Nürnbergs.In einem ovalen Rosenkranz schweben der Erzengel Gabriel und Maria. Auf dem Kopf Mariens sitzt eine Taube. Sie symbolisiert den Heiligen Geist. Um den Heroldsstab Gabriels ist ein Spruchband zu sehen. 1817 stürzte das Schnitzwerk ab. Vorher schwirrten sechs Engel über den Figuren, nach dem Sturz waren es nur noch vier. Wo sind die gefallenen Engel geblieben? Die Antwort weiß nur der Wind! 50 Rosenblüten begrenzen die Figuren. Ganz unten am Kunstwerk hängt die Paradiesschlange mit einem Apfel im Maul. Der Apfel trägt Bissspuren des Menschen. Wer weiß, worum es geht?
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Engelsgruß

Von großer Bedeutung ist zudem das Sakramentshaus des Steinmetzen Adam Kraft. Gestiftet hat es Hans IV. Imhoff. Vacher Sandstein wurde so gehauen, dass über dem Umgang mit dem Selbstbildnis Krafts ein turmartiger Aufbau über 20 Meter hoch ragt.Unten findet man ein Eucharistiegehäuse, darüber biblische Darstellungen. Das Sakramentshaus entstand von 1493 bis 1496.
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Sakramentshaus in der Lorenzkirche

 

Von der Sebalduskirche wurde schon 1255 gesprochen, ob wohl St. Sebaldus erst 1425 heiliggesprochen wurde. 11 Sebaldus von Nürnberg hat wahrscheinlich im 8. Jahrhundert in der Nürnberger Gegend gelebt – er galt als Einsiedler. Nach der Legende ist er ein dänischer Königssohn, der seine Verlobung mit einer französischen Prinzessin löste, um als Glaubensverkünder nach Franken zu kommen. Die Altarweihe der Kirche ist urkundlich 1274 belegt.Es war in der Zeit, als Rudolph von Habsburg das Interregnum beendete – mit einem Reichstag in Nürnberg. König Wenzel, genannt der Faule, wurde 1361 in dieser Kirche getauft, der Hallenchor wurde 1379 geweiht. Schon 1490 wurden die Türme erhöht. Am 2. Januar 1945 wurde die Kirche von der amerikanischen Luftwaffe zerstört. In einer Nacht starben mehr als 1.800 Menschen. In der Kirche steht heute das Nagelkreuz von Coventry, es wurde 1999 übergeben. Betrachten wir noch kurz das Marienportal an der Nordfassade. Drei Szenen zeigen Tod, Begräbnis und Krönung Mariens.Unten rechts wird die legenda aurea dargestellt, wonach die Juden den Leichenzug Mariens gestört haben sollen, weil sie für sie nicht die Mutter Christi war. „Der Legende zufolge wünschte sich Maria, inmitten der Apostel zu sterben, die daraufhin teilweise auf Wolken kamen. Im Marienportal wird Marias Seele gleichsam als ihre Miniaturausgabe von Christus aufgenommen. Die Begräbnislegende variiert das Motiv der Ekklesia und Synagoga (Kirche und Synagoge), wobei Maria die dem Judentum überlegene Kirche verkörpert. Ihr zufolge wollte sich der Hohepriester am Sarg Marias vergreifen, wurde dabei verkrüppelt und erblindete. Mit anderen, ebenfalls erblindeten Juden wurde er erst auf ein zweimaliges Bekenntnis zu Christus von den Qualen erlöst.“ 12
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Sebalduskirche

Das Reichsparteitagsgelände
Das bedeutendste Bauwerk ist hier die Kongreßhalle. Der Grundstein wurde am 11.September 1935 gelegt. Das Zeremoniell fand zu beginn des Parteitages statt, bei dem auch die „Nürnberger Gesetze“ beschlossen wurden. 50.000 Menschen sollten in diesem Riesenbau unterkommen. 1939 wurden die Bauarbeiten eingestellt, die Halle wurde nicht fertig, 60 Prozent des geplanten Bauvolumens wurden erreicht. Mit einer Grundfläche von 275 x 265 Meter ist das Bauwerk das größte erhaltene der NS-Zeit.Währen des Krieges wurde die Kongreßhalle erheblich bestätigt. 1943/44 wurden sämtliche Außenöffnungen des Baues zugemauert und im Inneren Zwischenwände eingezogen. Die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg nutzte sie zu Fabrikationszwecken. Nach 1945 ging die Halle an die Stadt Nürnberg. 1949 fand hier die Deutsche Bauausstellung statt. 1987 gab es einen Plan, ein Einkaufszentrum hieraus zu gestalten. Denkmalschutzgründe verhinderten dieses Vorhaben. Im November 2001 wurde das Dokumentationszentrum vom damaligen Bundespräsidenten, Johannes Rau,  eröffnet.  Die Kosten von geplanten 9 Millionen Euro übernahmen die Bundesrepublik Deutschland, der Freistaat Bayern sowie die Stadt Nürnberg mit dem Bezirk Mittelfranken. Einen Mehrbetrag von 1,7 Millionen Euro übernahm die Stadt Nürnberg.

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Kongreßhalle

Die Ausstellung zeigt in beeindruckenden Bildern den Aufstieg des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik, die Machtergreifung, den Zweiten Weltkrieg und die Niederlage.
Nürnberg hatte schon vor 1933 eine Tradition der Reichsparteitage der NSDAP, im August 1927 fand der dritte Reichsparteitag dieser Partei in Nürnberg statt. Austragungsort war der Luitpoldhain. 1929 fand der vierte Reichsparteitag in Nürnberg  im Luitpoldhain statt. Die „Blutfahne“ trat in Erscheinung. Mit ihr vereidigte Hitler die Teilnehmer auf sich persönlich. 13
Neben der Kongreßhalle  beherbergte das Reichsparteitagsgelände noch die Luitpoldarena, ein Aufmarschgebiet für 150.000 Menschen, das 1933 bis 1937 gebaute Zeppelinfeld. Es war ähnlich einer Festungsanlage konzipiert. 1928 wurde das Städtische Stadion gebaut, es wurde durch eine „Führertribüne“ verändert. Besonders gefüllt war es am „Tag der Hitlerjugend“. Ein „Deutsches Stadion“ war für 400.000 Zuschauer ausgelegt, blieb aber ungebaut. Eine „Große Straße“ führte vom Märzfeld (700 x 900 Meter groß mit riesigen Wallanlagen und 24 Wehrtürmen ) zur Luitpoldarena. Sie war sechzig Meter breit und zwei Kilometer lang. 1937 kam noch eine KdF-Stadt dazu, sie entstand östlich des Reichsparteitagsgeländes.
Die NSDAP riss auch in Nürnberg im März 1933 die Macht an sich. Oberbürgermeister Hermann Luppe wurde zum Rücktritt gezwungen. Sein Nachfolger wurde Willy Liebel (NSDAP). Die Reichsparteitage waren eine Riesenspektakel mit einzelnen Tagen: „Tag der Begrüßung“, „Tag der Kongresseröffnung“, „Tag des Reichsarbeitsdienstes“, „Tag der Gemeinschaft“, „Tag der Politischen Leiter“, „Tag der ‚Hitler-Jugend’“, „Tag der SA und SS“ und „Tag der Wehrmacht“.
Bei den Reichsparteitagen lief nicht alles der Propaganda entsprechend. So hieß es in einem „Erfahrungsbericht der Sittenpolizei über den Reichsparteitag 1935, 28. November 1935“: „Die Erfahrungen der Reichsparteitage 1933 und 1934 machten auch beim Reichsparteitag 1935 die Absperrung der Nürnberger Dirnenstraßen erforderlich. Nach wie vor sind an den Tagen des Reichsparteitages diese Straßen , in denen ungefähr 120 Lohndirnen in einzelnen Häusern beisammen wohnen, das Ziel vieler Reichstagsbesucher. Vor allem musste beobachtet werden, dass P.O. Männer (Politische Leiter), die ja am Reichsparteitag  die größere Freizügigkeit genießen, immer wieder versuchen, trotz der auffälligen Absperrung durch SS-Posten bei Tag und Nacht in diese Straßen einzudringen.“  14
Ähnlich desillusionierend liest sich der „Bericht über die Revision der von den Politischen Leitern während des Reichsparteitages 1936 bewohnten Quartiere: „ Koblenz-Trier: Dieser Gau in der Flurstraße bot in Bezug auf Sauberkeit einen verheerenden Anblick, dass die Bezeichnung ‚Schweinestall‘ noch zu gelinde ist. Nicht nur, dass die Politischen Leiter, die diese Räume bewohnt haben, alle möglichen Papier und Pappkartons zurückgelassen haben, sondern in allen ecken und Nischen lagen Speise-, Wurst und Käsereste, Zigarren- und Zigarettenstummel sowie sonstiger Unrat herum, die einen derartigen Gestank verbreiteten, dass einem beim Betreten der Räume schlecht wurde.“ 15
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Eine markante Schilderung Nürnbergs nach dem Zweiten Weltkrieg liefert Alfred Kerr 1947: „Nürnberg … Das war eine Stadt; und ist eine Schutthalde. Das war gemütlich-bürgerlich; und ist ein Grauen. Ein Grauen ohne Tragik; nur noch was Unangenehmes. Eine Ruppigkeit. Eine Trostlosigkeit … Eine Schutthalde. In den ‚Meistersingern von Nürnberg‘ klang es behaglich, friedvoll: ‚Wie duftet noch der Flieder…‘ Es hat sich ausgeduftet.
Die Lorenzkirche steht noch. Auch ihr Gegenstück: die mit dem wundervollen Sebaldusgrab. (Ist es noch vorhanden?). Der weg zwischen beiden bleibt eine Seelenfolter. Du siehst kaum anderes als Gedröll. Irreführend wäre das Wort ‚Ruinen‘- da denkt man immerhin an gewesene Hausungen; dies aber ist dem Staub viel näher als der billigen Vorstellung zerrissener Wände.
So daß im ersten Augenblick der Gedanke nicht abwegig scheint, dies Trümmertal seinem zustand zu überlassen – und ein neues Nürnberg nebenan zu erbauen …“ 16
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Nürnberg heute – Altstadtidylle

Nürnbergs weitläufiges Reichsparteitagsgelände fiel mir erstmals in den 60er Jahren des 20.Jahrhunderts auf bei Besuchen des städtischen Stadions in Nürnberg. 17
Weitere Besuche galten in Nürnberg dem Zoologischen Garten, dem Theater und der Musik – hier Konzerte von „Ten Years After“ und „Fleetwood Mac“ in den späten sechziger Jahren. Der Zoologische Garten erwies sich als landschaftlich ansprechend. In der unmittelbaren Nachkriegszeit war er dagegen ein Ort eines großen Massakers. „Befreite Kriegsgefangene aus den Lagern Langwasser und Fischbach fielen über die Tiere her, töteten 299 von ihnen und vernichteten damit knapp zwei Drittel des Bestandes.“ 18
In einer Nürnberger Tageszeitung hieß es 1985 dazu: „Gleich nach dem Einmarsch der Amerikaner brach über den Tiergarten Nürnberg das Chaos herein … Wenige Tage danach zogen die russischen Arbeiter zusammen mit anderen zum Plündern in die Stadt. Sie kamen mit einem Weinfaß wieder und feierten eine wüste Orgie … An diesem Tag verließ die US-Einheit den Tiergarten, der damit schutzlos war. Schon am nächsten Morgen kam ein Pulk von 30 bis 40 Polen, Russen und Italienern aus Richtung Mögeldorf herangezogen. Die Männer waren mit Beilen, Messern, spitzen Eisenstangen und Drahtschlingen bewaffnet … Einem Strauß hieben sie den Kopf ab, steckten die makabre Trophäe auf eine Stange und trugen sie johlend durch den Zabo. Dann wüteten sie im Tiergarten weiter. Drei junge Bären wurden aus ihren Käfig ins Freie entlassen, die erwachsenen Tiere aber erdrosselt … Immerhin scheint das Fleisch der getöteten Bären zumindest teilweise gegessen worden zu sein. Angeblich sind in einem Lager nach dem Genuß von Bärenfleisch 80 Russen an Trichinose gestorben …“ 19
2006 beim letzten Besuch waren dann die Reichskleinodien reif zu einer Besichtigung – darunter die Krone Konrads II., der Reichsapfel, das Reichsschwert (wurde 1185 Heinrich VI. Übergeben), der Kaisermantel von 1133 oder die heilige Lanze (sie wurde 926 an Heinrich I. Übergeben, als Burgund die Oberhoheit anerkannte).
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Vgl. Dr. H. Weigel, Nürnberg – Ein Bildwerk der alten Freien Reichsstadt, München o.J.,  S. 3
  Vgl. Hans Martin Barth, Die Sebalduskirche in Nürnberg, Königstein im Taunus o.J., S. 2
Vgl. Weigel, a.a.O.. S. 6
4   Siehe  https://de.wikipedia.org/wiki/Goldene_Bulle
Vgl. Benno Baumbauer/ Jiri Fajt, Das Tor zum Reich, in: Damals 11/2016, S. 40f.
Vgl. Arno Herzig, Jüdische Geschichte in Deutschland – Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1997, S. 48 f.
Baumbauer/ Fajt, a.a.O., S.40
8 Vgl. Jörg Schwarz, Im Würgegriff der Pest, in: Damals 11/2016, S.28
Vgl. Barbara Tuchman, Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert, München 1968 (6. Auflage), S. 117
10 Marco Popp, St. Lorenz in Nürnberg, Lindenberg 2012, S. 5
11 Vgl. Hans-Martin Barth, Die Sebalduskirche in Nürnberg, Königstein im Taunus o.J., S. 2
12  http://www.sebalduskirche.de
13  Museen der Stadt Nürnberg (Hrsg.), Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Nürnberg 2006, S. 38
14 Ebd., S. 64
15 Ebd.
16 Dieter Rossmeisl (Hrsg.), Demokratie von außen-Amerikanische Militärregierung in Nürnberg 1945 -1949, München 1988, S. 76
17 So beispielsweise beim Spiel 1. FC Nürnberg – Hannover 96 am 18. März 1967 (1:1), in dem Walter Rodekamp zur 1:0 Halbzeitführung für Hannover 96 traf, Ludwig Müller erzielte kurz vor Schluß den Ausgleich.
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Mit dabei 1967 Hans Siemensmeyer

18 Rossmeisl a.a.O., S. 43
19 Ebd.


Reisebericht Dresden im September 2016

Vor 40.000 Jahren gab es Dresden noch nicht, dafür aber die Eiszeit! An einem Rastplatz bei Dresden-Plauen ließen sich altsteinzeitliche Jäger nieder. Wieviele? Das ist nicht so genau bekannt. Auch vor 10.000 Jahren kamen wieder Menschen in die Gegend.In dem Ortsteil Wilschdorf wurden Feuersteingeräte gefunden. Frühe Burganlagen gab es in Briesnitz, Strehlen und Leuben.

Auf dem Gebiet des heutigen Dresden gab es nach Christus auch das Thüringerreich, das bis 531 nach Christus existierte. Bild. Slawische Völker und Germanen begegneten sich an der Elbe schon Ende des 6. Jahrhunderts.Nach Karl dem Großen zog Heinrich I. 928/929 über Leipzig nach Meißen. Hier wurde die Meißener Burg begründet. Um das Jahr 1000 wurde das heutige Sachsen als Thüringer Mark, später Mark Meißen, in das Heilige Römische Reich deutscher Nation eingegliedert. Ende des 12. Jahrhunderts wurde „Drzega“, das spätere Dresden von Kaufleuten unterschiedlicher Völker gegründet- Franken, Thüringer, Böhmen und Flamen. Um den jetztigen Altmarkt wuchs ein Markt mit einer Nikolauskapelle. 1

Die Wettiner machten Ende des 15. Jahrhunderts nämlich 1485 Dresden zum Regierungssitz und somit zur Residenzstadt der albertinischen Linie der sächsischen Herrscher. 1491 wurde der größte Teil der Stadt durch einen Großbrand zerstört.

1539 wurde die Reformation in Dresden eingeführt, 1547 erhielten die albertinischen Fürsten die Kurwürde. Dresden war Hauptstadt des bedeutenden protestantischen Landes.

Im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) kämpfte Kursachsen abwechselnd auf kaiserlicher und schwedischer Seite. Die Stadt wurde nicht erobert. Pest und Hunger führten zu einem wirtschaftlichen Niedergang der Stadt.

Betrachten wir den Mätressenkönig August den Starken (Drecksack) etwas näher mit einer Chronik seiner Liebschaften

1694 Sophie von Kassel

1694 – 1696 Maria Aurora Gräfin von Königsmarck, sie gebar 1696 Sohn Moritz von Sachsen

1696 – 1698 Maximiliane Hiserle von Chodau Gräfin Esterle

1698 – 1704 Ursula Catherina Lubomirska. Sie war Reichsfürstin von Teschen

1701 – 1706 Fatima vom Spiegel

1704 -1713 Anna Constantia von Cosel

1707 Henriette Duval

1708 Angélique Duparc

1713 – 1719 Maria Magdalena Gräfin Dönhoff

1720 – 1721 Erdmuthe Sofia von Dieskau

etwa 1721 Henriette von Osterhausen

Von diesen Mätressen stammten insgesamt acht Kinder.

Welche Triebstruktur hat ein Monarch, der eine Mätresse folgendermaßen behandelt:“Friedrich August musterte sie einen Augenblick, erhob sich und ging festen Schrittes auf seine Mätresse zu. Mit einer schnellen Handbewegung riss er ihr die Fontange -Die Fontange ist eine hohe, über einem Gestell aus Draht aufgebaute Haube, die etwa von 1685 bis 1715 von Frauen in Europa getragen wurde-(Anmerkung von mir)-von ihrem Kopf und schleuderte sie auf den Boden. Die Gräfin hielt schützend die Hände über ihr derangiertes Haar und wusste nicht recht, wie ihr geschah, da langte Seine Majestät ein zweites Mal zu. Mit einem groben Ruck riss er ihr das Manteau, das Aufsteckkleid, vom Körper, sodass die Dönhoff nur noch in Mieder und Rock vor ihr stand. Die junge Frau öffnete den Mund zum Schrei. Friedrich August stürzte sich mit rasendem Gebrüll auf sie und zerrte so lange an dem, was sie noch am Leibe trug, bis sie splitterfasernackt inmitten der erstarrten Höflinge stand. Seinerseits erschrocken, warf der kurfürstliche König einen Blick auf das, was er angerichtet hatte – und verließ wortlos den Raum. Gräfin Dönhoff erlitt einen Schreikrampf und wurde laut weinend von Hofdamen, die einen schützenden Kreis um sie bildeten, in ihre Gemächer geführt.“ 2

Ein freies Wörterbuch definiert den Begriff Wüstling folgendermaßen

abwertend : Mensch mit sexuell ausschweifendem Lebenswandel –abwertend: rücksichtsloser, zu Gewalt neigender Mensch

Der Sadist

Was passiert mit einer Mätresse, wenn sie ausgemustert wird? Sie wird in die Verbannung geschickt! Lange war die Gräfin Cosel die Mätresse Augusts des Starken (1704 bis 1713). In einer Biographie werden die Beweggründe Augusts des Starken folgendermaßen eingeschätzt: „… die schlimme und gefährliche Sprache der Gräfin von Cosel, ihr unternehmender und kühner Geist, der zu allem fähig ist, um ihre Leidenschaften und ihre Wut zu befriedigen, sogar zu dem Versuch, durch stärkste Mittel Zwietracht und Verwirrung unter Souveränen zu bringen, die die besten und einigsten Freunde sind.“ 3

Ein Deal zwischen Friedrich Wilhelm I. Und August dem Starken läuft folgendermaßen: August der Starke liefert dem Preußen Deserteure aus. Dafür erhält der Preuße die ehemalige Mätresse des Sachsen. Burg Stolpen wird zum Ort der Gefangenschaft gewählt, Meißen und Nossen werden verworfen. An Weihnachten 1716 wird der Ort erreicht. Die bekannteste Mätresse Augusts des Starken verbrachte 49 Jahre ihres Lebens unfreiwillig auf dieser Burg. Ihre Grabstätte befindet sich in der Stolpener Burgkapelle, obwohl ihr der Ort nie gefiel. Auf den Weg dahin war sie von August dem Starken bereit gestellten Offizieren vergewaltigt worden. Der Gräfin waren auf der Burg zwei Stockwerke zugewiesen worden. Fünf Personen wurden für sie abkommandiert. Bald musste sie erfahren, dass es eine strenge Gefangenschaft war. August der Starke hatte befohlen: „Niemand soll ohne Vorwissen des Kommandanten und dem Kapitän Heinecken ins Schloß gelassen werden, dass sie durch dieselben eine Unterredung pflegen kann. … Weder der Major noch der Kapitän Heinecken sollen allein mit der Gräfin sprechen, sondern beide nur zusammen, sie sollen nicht mit ihr essen… Spaziergänge im Tiergarten sind ihr in Begleitung des Majors und des Kapitäns zu gestatten, doch sind die Schildwachen um den Tiergarten, der vorher zu visitieren ist, zu stellen … Geld darf der Gräfin nicht gegeben werden… In der unter der Gräfin Fenster nach dem Tiergarten zu liegenden Wachstuben muß Tag und Nacht ein Unteroffizier mit der nötigen Mannschaft verbleiben, die aufs schärfste anzuweisen sind, wohl achtzuhaben, damit von den Fenstern nichts heruntergelassen oder hinaufgezogen werden könne. “ 4

Ein Gartenfest Augusts des Starken wurde folgendermaßen beschrieben: „Solche prunkvollen Feste konnten aufs widerwärtigste ausarten, besonders an Höfen, an denen ein burschikoser Saufkomment herrschte. Auf einem Gartenfest zu Ehren Augusts des Starken … war aller Glanz entfaltet: Souper mit Musik in Hütten von frischem Laub, erhelltes Grottenwerk mit künstlichen Wasserfällen, brennende Sinnbilder. Am Ende großes Besäufnis, der König, wacker in diesem Punkte, allen voraus. Übel erging es den geladenen polnischen Magnaten… ‚Einige sahen so blaß aus, wie der Tod; ihre Köpfe wackelten auf den Schultern, und ihre Füsse taten ungewisse Tritte. … Sie taumelten dem ungeachtet voller Ehrerbietung vor dem König herum.‘ Der Hauptspaß, den sich Majestät erdacht hatte, war aber der, daß die Unglücklichen durch Garden am Austreten gehindert wurden, so daß der Überfluß sich über die goldstrotzenden Kleider ergoß oder donnernd in die Hosen ging.“ 5

Der Kriegsherr – Nordischer Krieg

August der Starke wurde 1697 zum polnischen König gekrönt, nachdem er vorher zum Katholizismus konvertiert war. 1698 traf er den russischen Zaren Peter I. in Rawa (Polen). Beide wollten gegen Schweden losziehen, Russland erstrebte den Zugang zur Ostsee, Polen wollte Livland zurückerobern. König Karl XII. Von Schweden wurde als etwas debil eingestuft, was auf sein exotisches Schießverhalten zurückzuführen war. Schießübungen machte er bevorzugt in den Prunksälen seines Schlosses. Der König von Dänemark war auch gegen Schweden eingestellt, keinen Krieg führen wollte dagegen Friedrich I. von Preußen. Ein livländischer Edelmann, Johann Reinhard von Patkul, ermunterte August den Starken, den Konflikt mit Schweden in Livland zu suchen. Anfang 1700 fiel Augusts des Starken Armee ohne Kriegserklärung in Livland ein. Der polnische Sejm hatte diesem Abenteuer nicht zugestimmt. Dänemark folgte dem polnischen König in den Krieg. Diese Ereignisse gelten als Beginn des Nordischen Krieges. Die Dänen kapitulierten früh und mussten den Friedensvertrag von Travendal im August unterzeichnen, in dem sie aus dem Krieg gegen Schweden ausschieden.

Im gleichen Monat erklärte Rußland Schweden den Krieg. Im November 1700 mußte sich Peter I. im baltischen Narwa geschlagen geben. Diplomatische Versuche, den Krieg zu beenden, scheiterten. Im Mai 1702 zogen die Schweden in Warschau ein. In der Schlacht bei Klissow im Juli 1702 siegte erneut Karl XII. Dank des Geschicks des sächsischen Generals Schulenburg wurde die sächsisch-polnische Armee nicht vernichtet. Der schwedische König konnte von den Polen die Entthronung Augusts des Starken 1704 erreichen. Neuer König wurde Stanislaus Leszcynski. Damit gab sich August der Starke nicht zufrieden. Wie kann man stark sein, ohne in Polen zu regieren? Mit der Hilfe Russlands gewann er Stadt um Stadt zurück, 1704 auch Warschau. In Sachsen war man kriegsmüde wegen der hohen Steuern. Die Soldatenwerber stießen auf Widerstand. Die Umgehung der Stände, die direkte Steuern bewilligen mussten, brachte die Generalkonsumtionsakzise, eine indirekte Verbrauchssteuer. Der Adel sollte diese Steuer auch zahlen, zuständig für die Eintreibung war der Finanzfachmann Adolf Magnus Gotthelf von Hoym. Am 24. September 1706 wurde im Schloss Altranstädt der Frieden zwischen Karl XII. Und August dem Starken geschlossen, durch den August der Starke (zumindest für einige Jahre) die polnische Königskrone verlor. Eben dort wurde am 1. September 1707 auch die Altranstädter Konvention zwischen Karl XII. und dem österreichischen Kaiser Joseph I. unterzeichnet, die den Protestanten im damals österreichisch regierten Schlesien Glaubensfreiheit garantierte. Altranstädt liegt 14,5 km westsüdwestlich des Stadtzentrums von Leipzig.

Für August den Starken war dieser Friede ziemlich blamabel. Die Schweden waren nach wie vor Besatzungsmacht in Sachsen, er musste für den Unterhalt des schwedischen Heeres sorgen und Kontributionen zahlen, monatlich 500.000 Taler in bar und 125.000 Taler in Naturalien. Die Besatzungskosten betrugen etwa 23 Millionen Taler, die Besatzung dauerte ein Jahr.

Die Unterzeichner des Friedens, Pfingsten und Imhoff, wurden 1707 verhaftet. Sie wurden in die Festung Königstein in Sachsen gebracht. Die Schweden unterlagen Russland im Juli 1709 in der Schlacht bei Poltawa. Lediglich Karl XII. samt einer geringen Anzahl an Gefolgsleuten gelang die Flucht zu den Osmanen. August II. setzte an der Seite des Zaren den Krieg fort. Am 8. August 1709 zog er seine Unterschrift unter den Altranstädter Frieden zurück. Er ließsich durch den Papst vom Vertrag entbinden.

Der Bauherr

Die Regierungszeit von August dem Starken ist mit einer intensiven baulichen Entwicklung der Stadt Dresden verbunden. 1709 wies er seine Baumeister an, in die Innenseiten des Zwingerwalles eine Orangerie zu bauen. Es entstand ein von Holzgebäuden flankierter halbrunder Festplatz westlich des Schlosses, im Bereich des heutigen Theaterplatzes. Führender Baumeister war Matthäus Daniel Pöppelmann. Dieser besuchte zur Vorbereitung und während der Ausführung des Zwingerbaus verschiedene europäische Städte. 1710 bis 1711 begannen die Arbeiten an den Bogengalerien, dem Nymphenbad und dem Gebäudetrakt des späteren Mathematisch-Physikalischen Salons. Mit dabei war der Bildhauer Balthasar Permoser. Landbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann wurde in dieser Zeit nach Wien geschickt, um den dortigen Palastbau zu studieren. In Italien lernte er Bauten kennen, die den Orangeriebau beeinflussten – große Brunnen waren damals im Kommen.1 1710 verdoppelte August der Starke die Bausumme. Das Kupferhammerwerk Grünthal im Erzgebirge wurde beauftragt, ein großes Wasserbecken zu bauen. Dieses sollte in den Turm eines Stadttores eingebaut werden. „Der Hofmechanikus Gärtner- ein hervorragender Ingenieur- wurde angewiesen, eine ‚machine‘ zu entwickeln, die den Kupferbehälter aus einem Bach mit Wasser versorgt, das von dort aus durch Röhren zum Zwinger geleitet werden kann.“2

Der Zwinger wurde im August 1719 provisorisch fertiggestellt. Er war drei Mal so teuer als ursprünglich geplant. Das am meisten fotografierte Motiv des Zwingers ist das beeindruckende Kronentor. Das Nymphenbad gehört zu den schönsten barocken Brunnenanlagen Deutschlands. So hat diese Wüstling und Sadist doch noch etwas initiiert, das den Besucher auch aktuell noch erfreut.

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Kronentor Zwinger Dresden

1743 wurde der Bau der barocken Frauenkirche vollendet. Dem Bombenangriff vom 13. Februar 1945 hielt sie zunächst stand. Die Krypta gewährte 300 Menschen Zuflucht. Der Brand zerstörte die gesamte hölzerne Inneneinrichtung. Die Temperaturen stiegen auf über 1.000 Grad Celsius. Am 15. Februar krachte die Kirche dann doch wegen des hohen Maßes der Zerstörung zusammen. 1989 entstand eine Bürgerinitiative für den Wiederaufbau. 1994 entstand die Stiftung Frauenkirche Dresden. Am 22. Juni 2004 wurde der Wiederaufbau der Frauenkirche vollendet.

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Frauenkirche Dresden

1 Vgl. Eckhard Bahrs, Dresden, Berlin 2010, S. 19

2 Katja Doubek, August der Starke, Reinbeck bei Hamburg 2011, S. 89

3 Reinhard Delau, August der Starke und seine Mätressen, Dresden 2008, S. 138

4 Ebd., S. 141

5 P. Lahnstein, Das Leben im Barock, Stuttgart 1974, S.105

1 Vgl. Joachim Menzhausen, Der Zwinger, Dresden 1973, S. 9

2 Ebd., S. 10

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Dresden Stadtbild mit Elbe

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Görlitz im Sommer 2016

Die jüdische Geschichte von Görlitz reicht bis in das 13. Jahrhundert zurück. Im 14. Jahrhundert gab es schon eine jüdische Gemeinde. 1395 wurden die Juden aus der Stadt vertrieben.Der Herzog Johann war nicht sehr freundlich zu ihnen. In einer Urkunde wurde den Stadtvätern das Privileg erteilt „…mit den Juden in Görlitz zu thun und zu lasse, sie zu weisen, nimmer dahin wohnhaftig zu kommen, und von ihnen solche Sicherung zu nehmen, als sie es ihnen und dem Lande nützlich erkennen.“ Ihre Absenz dauert 450 Jahre.

1850 wurde ein dreiköpfiger Vorstand gewählt

Erst im Jahre 1847 durften sie sich wieder in Görlitz niederlassen. Die Liegnitzer Aufsichtsbehörde drängte die Stadt auf Wiederansiedlung. Es kamen Kaufmannsfamilien, die im Osthandel zwischen Sachsen, der Oberlausitz und dem Osten sich betätigten. Zudem siedelten sich jüdische Rechtsanwälte und Ärzte an, 1850 waren es etwa 100. Dreißig Jahre später lebten 643 Juden in Görlitz. Auch in der Kulturförderung waren einige Juden tätig. Ein Dr. Paul Mühsam betätigte sich in den 1920er Jahren literarisch. Politisch präferierten die Görlitzer Juden die Sozialdemokratische Partei und die liberale „Demokratische Partei“.

1850 wurde ein dreiköpfiger Vorstand gewählt, danach ein Bethaus eingerichtet.1 Ein Jahr später wurde ein Totengräber gefunden.1854 bildete die Liegnitzer Provinzialregierung sieben Synagogenbezirke, wovon einer Görlitz war. Seit 1875 wurde der Rabbiner auf Lebenszeit eingestellt. Daneben existierte ein Sekretär, ein Gemeindediener, ein Kantor und ein Schächter. 1888 betrug der Gemeindetat 14.000 Mark. 1853 bezog die Gemeinde die Synagoge am Obermarkt 17. Zwischen 1867 und 1869 wurde die Synagoge ständig erweitert. 1909 erfolgte die Grundsteinlegung für eine größere Synagoge. 1911 wurde sie dann eingeweiht. Die jüdische Gemeinde war patriotisch – durch die Teilnahme an Sedans-Feiern zum Beispiel. 1913 wurde zum 25-jährigen Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms II. ein Festgottesdienst veranstaltet. 1915 stifetete sie metallische Rohstoffe aus der Synagoge, 1917 folgte eine Kriegskontribution von einer halben Tonne Dachkupfer. Während des Ersten Weltkriegs gab es ständige Fürbitten für den Kaiser und die Soldaten.

1921 fand dann die Einweihung der Ehrentafel „Zum Andenken an die im letzten Kriege 1914 – 1918 gefallenen Söhne unserer Gemeinde“ statt. Wahrscheinlich fiel diese Ehrentafel in der NS-Zeit der Schändung anheim, möglicherweise gab es aber auch Plünderungen in der Nachkriegszeit.

Paul Mühsam, ein Vetter des anarchistischen Dichters Erich Mühsam und Rechtsanwalt in Görlitz, schrieb 1924 ein denkwürdiges Gedicht, das die Ängste der Juden damals zum Ausdruck brachte:

„Ein Jude bin ich. Das ist mein Verbrechen.

Mich packt Entsetzen vor der Menschheit an.

Daß sie die Wahrheit je erkennen kann,

Fast zweifle ich. Nun treibt mich, mich zu trennen

Von diesem Volk, die äußerste Bedrängnis.

Ich klage nicht an – ich wein um dich.

So schüttle ich den Staub von meinen Füßen

Und gehe, wie ich kam, ganz unerkannt.

Ich grüße dich mit einem letzten Grüßen,

Mein armes, mein verirrtes Vaterland.“

1933 wanderte Mühsam nach Palästina aus.

Vor der Reichspogromnacht wurde 1935 der sozialdemokratische Kaufmann Artur Dresel ermordet. Zudem wurden Wohnungen und Geschäfte verwüstet. Im Oktober 1938 waren noch 207 Gemeindemitglieder in Görlitz.

In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde in der Synagoge Feuer gelegt. Die Täter waren nicht bekannt. Der Feuerwehr gelang es, den Brand rasch zu löschen. Ob ein Gemeindemitglied den Brand gemeldet hatte oder ein in der Nachbarschaft wohnender NSDAP-Parteifunktionär, der ein Übergreifen der Flammen auf sein Haus befürchtete, ist unklar. Ein Teil der Innenausstattung wurde zerstört, der Kuppelbau blieb erhalten. Die „Görlitzer Nachrichten“ begrüßen es, „ … daß nun endlich der Davidstern verschwunden ist, der bisher als Fremdling das Stadtbild unserer aufragenden Türme störte.“ Die Görlitzer Synagoge war die einzige auf dem heutigen Staatsgebiet Sachsens, die nicht vollständig zerstört wurde.

1939 beschloß der Stadtrat, das Grundstück der Synagogengemeinde unter Wert zu kaufen. Der Plan. Ein Hallenschwimmbad dort zu errichten, scheiterte an der Materialknappheit zu Kriegsbeginn. Ab dem 1.September 1941 mussten auch die Görlitzer Juden den Davidstern mit der Aufschrift „Jude“ tragen.2 Im Dezember 1941 wurden die letzten Görlitzer Juden in das Zwangsarbeitslager Tormersdorf/ Rothenberg deportiert. 1942/1943 erfolgte die Verlegung in das KZ Theresienstadt und in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau uns Majdanek.

Nach dem Krieg war die Synagoge zunächst eine Flüchtlingsunterkunft für die Vertriebenen aus dem Osten. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es keine jüdische Gemeinde mehr. Die Dresdner Jüdische Gemeinde bekam auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) das Grundstück übertragen. 1963 kaufte die Stadt Görlitz die Synagoge und erklärte sie zum Kulturdenkmal. 1988 wurde eine Gedenktafel errichtet.

Nach der Wende wurde die bauliche Sicherung 1993 abgeschlossen. Nach einem Baustopp 1994 gab es 1997 ein Eröffnung des Gebäudes mit einem Benefizkonzert unter Beteiligung des Violinisten Yehudi Menuhin.

Das Heilige Grab zu Görlitz

König Podiebrad von Böhmen und König Matthias Corvinus (der Rabe) von Ungarn (1443 bis 1490) stritten um die Herrschaft in der Neißestadt. Ersterer segnete 1471 das Zeitliche. Die Anhänger des Matthias in Görlitz galten als die „Rechtgläubigen“, die des Podiebrad als hussitischer Ketzer. In der Stadt hatten die „Rechtgläubigen“ in Bürgermeister Urban Emmerich und Magister Frauenberg die führenden Anhänger. Anhänger Podiebrads waren der Ratsherr Nikolaus Horschel und der Königliche Richter Nikolaus Mehefleisch. Ein Ereignis, das an Shakespeares „Romeo und Julia“ erinnert trug zur Aufheizung der Gegensätze bei. Georg Emmerich, der Sohn des Bürgermeisters, schwängerte Benigna, die Tochter des Ratsherrn Horschel. Das ganze geschah 1464 – eine Ehe kam nicht zustande, die Familie Emmerich wollte sie nicht – die Ablehnung der Ketzer war zu stark. Emmerich und Frauenburg kamen auf eine andere Idee. Georg Emmerich sollte seine Tat durch eine Pilgerfahrt ins Heilige Land sühnen.

In vierzehn Wochen erreichte Georg Emmerich im Juli 1465 Palästina.Dort wurde er zum „Ritter des Heiligen Grabes“ geschlagen. Die Horschels waren damit nicht zufrieden. Die Ketzer wollten in einer „Pulververschwörung“ selbst die Macht in der Stadt übernehmen. 1467 wurde dieses Komplott aufgedeckt. Der Richter Mehrfleisch wurde gevierteilt, Nikolaus Herschel entging diesem Schicksal. Die katholische Partei hatte den Sieg errungen. Der Anspruch von Matthias Corvinus auf die Lausitz wurde 1471 anerkannt. Die Emmerichs gaben sich mit dem Sieg nicht zufrieden, das Heilige Grab sollte nachgebildet werden. Benigna Horschel heiratete wahrscheinlich einen anderen Mann. Georg Emmerich wurde 1474 Schöppe. Er bearbeitete das Grundbuchwesen und juristische Streitigkeiten. 1481 begann der Bau des Heiligen Grabes.3 Die Anlage wurde möglicherweise 1489 beendet, es ist aber auch möglich, dass sie 1504 beendet wurde.

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Heilig-Grab-Kapelle Görlitz

Das wichtigste Monument ist die Heilig-Grab-Kapelle. Daneben stehen die Golgathakapelle (Oberkapelle) und die Adamskapelle (Unterkapelle). Zudem existiert das Salbhaus. Es ist ein kleines Gebäude mit gotischer Auswölbung. Darin ist ein monumentales Vesperbild, die Marienklage. Als Schöpfer dieser Sandsteinplastik gilt Hans Olmützer. Die Marienklage entstand nach 1490. Maria ist sehr mädchenhaft hier dargestellt. Der Gekreuzigte ist der Mutter nicht mehr zugänglich.4

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Marienklage von Hans Olmützer

Hinter dem Grab befindet sich der Kidronbach, gegenüber ist eine Anhöhe – der Ölberggarten.

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Ölberggarten Görlitz

Die Görlitzer Kopie der Grabkapelle ist eine Kopie der Jerusalemer Kapelle von 1099 bis 1555. Sie ist eine reine Privatstiftung Georg Emmerichs.

Sonstige Eckpunkte der Stadtgeschichte

1071 wird sie zum ersten mal urkundlich erwähnt als „villa Goreliz“. Kaiser Heinrich IV. schenkte dem Stift Meißen acht Königshufen. Eine Königshufe betrug etwa 50 Hektar. Der Ortsname weist auf eine Brandstätte hin. Die slawischen Siedler hatten das Land durch Brandrodung urbar gemacht.

1076 noch vor dem Investiturstreit entzog Kaiser Heinrich IV. dem Meißner Markgrafen das Land Bautzen, das der späteren Oberlausitz entsprach. Es wurde seinem Parteigänger Vratislaw II. von Böhmen. Bis 1142 blieben die östliche Oberlausitz und Görlitz unter böhmischer Herrschaft.

Um 1220 entsteht mit der deutschen Ostsiedlung die Stadt Görlitz- 30 Jahre später wird die Stadt nach Westen erweitert.

1253 fiel die Oberlausitz nach dem Tod des böhmischen Königs an den Markgrafen der brandenburgischen Linie der Askanier

1268 erfolgte die Erbteilung der Oberlausitz in die Länder Bautzen und Görlitz. Münzen sollten im jährlichen Wechsel in Bautzen und Görlitz geprägt werden.

1301 verbot Markgraf Hermann der Lange von Brandenburg den Tuchmachern den Tuchhandel. Der Vertrieb der Tuche wurde das Vorrecht der „Cives“, was die Stellung der Kaufleute stärkte. Sie beherrschte als kleine Gruppe den Rat von Görlitz. Die Kaufleute erhielten das Recht, Verkaufsbuden für Krämer und andere Händler zu bauen. Diese konnten gegen einen bestimmten Jahreszins zum Vorteil der Stadt vermietet werden.

1306 erhielt Görlitz das Salzmonopol. Dieses Privileg füllte die Stadtkasse. Die Dörfer ringsum mussten ihren Salzbedarf in der Stadt decken.

Von 1329 bis 1636 war da Land Görlitz Nebenland der böhmischen Krone

1346 kam der Oberlausische Städtebund zusammen. Er bestand aus den Städten Bautzen, Görlitz, Kamenz, Lauban, Löbau und Zittau und vertrat die Interessen dieser Städte gegenüber dem Landesherren. Während der Regentschaft des Matthias Corvinus setzte sich die Bezeichnung Markgraftum Oberlausitz durch.

Seit 1521 setzte sich der Protestantismus in Görlitz durch. Da die Stadt nur zögerlich das kaiserliche Lager im Schmalkaldischen Krieg unterstützte, musste sie eine hohe Geldstrafe bezahlen und verlor sämtlichen Landbesitz, der Oberlausitzer Pönfall von 1547 war eine Bestrafung des Oberlausischen Städtebundes durch den böhmischen König Ferdinand I. – der Landesherr und die grossen Adelsgeschlechter waren die Sieger. 1636 kam Görlitz zusammen mit der Oberlausitz an das Kurfürstentum Sachsen. 1641 im Dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt erfolgreich von den Schweden belagert. Es gab zahllose Einquartierungen. Fast 110.000 Taler mussten die Görlitzer Bürger den Schweden zahlen.

Der Siebenjährige Krieg von 1756 bis 1763 ruinierte die Stadt Görlitz fast vollständig. Die Schlacht bei Moys in der Nähe von Görlitz endete mit einer Niederlage der Preußen gegen Österreich. 1812 passierten Napoleons Truppen bei Beginn des Feldzuges gegen Russland die Stadt Görlitz.Am 29. Mai trat er selbst in der Stadt auf. Am 10. Dezember dieses Jahres traf er geschlagen wieder in der Stadt ein. 1815 wurde Görlitz der preußischen Provinz Schlesien zugeschlagen, 1833 wurde das preußische Stadtrecht eingeführt.5 1847 erhielt die Stadt eine Bahnverbindung nach Dresden, 1867 wurde die Berlin-Görlitzer Eisenbahnlinie eröffnet. 1919 nach der Teilung Schlesiens kam Görlitz zu Niederschlesien.

Die Stadt wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Oder-Neiße Linie getrennt. Der polnische Ostteil wurde Zgorzelec genannt. Im Juni 1945 wurde die dortige Bevölkerung vertrieben. Die Stadtbevölkerung wuchs in der Nachkriegszeit durch die vielen Vertriebenen kurzzeitig auf über 100.000. Die DDR erkannte im Görlitzer Vertrag vom Juli 1950 die Oder-Neiße Grenze als deutsche Ostgrenze an. Die Anerkennung durch die Bundesrepublik Deutschland erfolgte 1990 im Deutsch-Polnischen Grenzvertrag. Nach der Wende lag Görlitz im Gebiet des Freistaates Sachsen.

Werfen wir noch einen Blick auf die Nikolaikirche. Sie wurde im Spätmittelalter als Hallenkirche errichtet. 1926 wurde ihr Innenraum im Stil des Expressionismus zur Gedächtnisstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges umgestaltet. Der Nikolaifriedhof wurde wahrscheinlich im 12. Jahrhundert angelegt und 1305 erstmals erwähnt. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war er die wichtigste Beerdigungsstätte von Görlitz. Es existiert ein hoher Bestand an Grufthäusern.Begraben ist hier der Mystiker Jakob Böhme (1575 bis 1624). Er suchte die „wahre“ Reformation. Sein Christentum war nicht orthodox. Ein Pantheismus setzte das Wesen Gottes gleich mit dem Wesen der Welt. Die Einheit von Mensch und Gott sollte unter Ausschaltung der Priesterhierarchie möglich sein.6 Dieser Friedhof bietet mit seinen grünen Schatten eine nach Jakob Böhme mystische Vanitas mundi Landschaft.

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Nikolaifriedhof – Grab Jakob Böhmes

Sprung in den Januar 2018

Aktuell macht die Stadt durch drohende Arbeitsplatzverluste auf sich aufmerksam. Im November 2017 hatte die Siemens-Konzernleitung Pläne vorlegt, wonach das Görlitzer Werk trotz guter Auftragslage bis 2023 schließen soll. Die Maßnahme ist Teil eines weltweiten Jobabbaus vor allem in der Kraftwerksparte.
Für die Arbeiter beim kanadische Schienenfahrzeughersteller Bombardier in Görlitz endet die Beschäftigungsgarantie Ende 2019. Bombardier hat angekündigt, in den nächsten Jahren bis zu 2.200 der weltweit 8.500 Arbeitsplätze abzubauen. Hier sind derzeit nach Gewerkschaftsangaben 2.100 und bei Siemens mehr als 900 Mitarbeiter beschäftigt. Was dabei heraus kommt, ist noch unsicher.

1Vgl. Norbert Haase, Die Synagoge zu Görlitz, Berlin 2010, S.12

2BVB Verlagsgesellschaft mbH, Chronik der Stadt Görlitz; Nordhorn 2006, S.35

3Vgl. Förderverein zur Denkmalpflege für das Heilige Grab in Görlitz e.V. (Hrsg.), Heiliges Grab zu Görlitz, S.9

4Ebd., S. 22f.

6Vgl.: Norbert Faust (Kulturamt Görlitz), Biographische Blätter Kakob Böhme 1575 – 1624, Görlitz o,.J.


Wroclaw früher Breslau im Sommer 2016

1000 nach Christus wird Wroclaw, deutsch Breslau, zum ersten Mal offiziell erwähnt. In Gnesen trifft Otto III., der deutsche Kaiser, den Piastenherrscher Boleslav Crobry am Grab des Prager Bischofs Adalbert. Im Jahr 1000 erschien Kaiser Otto III. zudem als Pilger in Gnesen. Dort kam es zum „Akt von Gnesen“. Die genaue Bedeutung dieses Vorgangs ist umstritten. In der polnischen Geschichtsschreibung wurde traditionell davon ausgegangen, dass Otto Bolesław zum König erhoben hat.

Vorher siedelte seit dem 6. Jahrhundert der slawische Stamm der Slezanen am Oderufer. Der böhmische Fürst Wratislaw war im frühen 10. Jahrhundert der Burgherr- er war wahrscheinlich der Namensgeber von Wroclaw. 991 gliederte Miesko I. Auch Schlesien in das polnische Reich ein. Der schon erwähnte Boleslaw Crobry erhielt 1025 die Königskrone.

Nach Streitigkeiten mit Böhmen wird im Pfingstfrieden von Glatz 1137 Schlesien polnisch. Ende des 11.Jahrhunderts kamen zunehmend deutsche Siedler nach Schlesien. Goldberg (1211) und Löwenberg (1217) erhalten das deutsche Stadtrecht, das in Breslau 1226 eingeführt wird.

1241 fallen die Mongolen in der Stadt ein. Teile der Siedlung werden zerstört. Bei Liegnitz wird das Heer Heinrichs II. im gleichen Jahr besiegt. Der Herzog stirbt. Die Mongolen ziehen sich wieder nach Osten zurück.

1335 stirbt der letzte Piasten-Herzog Schlesiens. Auch Breslau geht nun an die böhmische Krone. 1387 wird Breslau Mitglied der Hanse. Es erblühen Handel und Handwerk. 1

1523 wird die Stadt protestantisch, seit 1526 gehört die Stadt zu Habsburg. König Ludwig II. von Böhmen und Ungarn war in der Schlacht bei Mohacs gestorben, in der Ungarn von den Türken erobert wurde. Bis 1741 blieb Schlesien bei Habsburg. 1632 im Dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt von den Schweden und Sachsen besetzt. In dieser Zeit raffte eine Pestepidemie 18.000 von 40.000 Bürgern hinweg.2

1741 eroberte Friedrich der Große die Stadt. Ein Jahr später übergab Maria Theresia den größten Teil des Herzogtums Schlesien den Preußen zum Besitz, ein kleinerer Teil blieb bei Österreich. 1750 erwarb er das barocke Palais des Barons von Spätgen.

1812 sorgte das preußische Emanzipationsdekret dafür, dass die Juden ihren Wohnort frei wählen konnten, in Breslau wählten sie die südlichen Vororte. Ende des 19. und Anfang das 20. Jahrhunderts war das jüdische Viertel ein Handelszentrum der Kaufleute, die aus Osteuropa zugewandert waren. Die Aufklärung repräsentierte in Breslau der Rabbiner Abraham Geiger (1810 bis 1874). Sein Gegenspieler war der orthodoxe Rabbiner Salomon Tiktin. Die Gunst des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. bekam der Sohn Salomons, Gedalje Tiktin, der Landesrabbiner für Schlesien wurde.

1829 wurde die Synagoge am Weißen Storch eingeweiht. 1872 entstand mit der Neuen Synagoge die zweitgrößte Synagoge Deutschlands. Sie wurde von der liberalen Mehrheit genutzt. Die Orthodoxen nutzten zu dieser Zeit die Synagoge Zum Tempel. Das Gebäude der Neuen Synagoge entstand im romanisch-byzantinischen Stil und wurde in der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 zerstört.

Die bekannteste jüdische Stiftung war die Fraenckelsche Stiftung, benannt nach Jonas Fraenckel (1773 bis 1846). Aus den Mitteln dieser Stiftung entstanden ein Krankenhaus, Waisenhaus, Armenhaus und Bibliotheken. 1854 entstand das Breslauer Jüdisch-Theologische Seminar auf Initiative der Stiftung.

1920 entstand eine Jüdische Volksschule für Knaben und Mädchen, bis 1933 besuchten jüdische Kinder auch öffentliche Schulen. Edith Stein (1891 bis 1942) war jüdischer Herkunft und besuchte das Viktoriagymnasium. 1922 wurde sie getauft und Mitglied der katholischen Kirche. Sie wurde Opfer des Holocaust. In Alzenau ist eine Realschule nach ihr benannt. Sie wurde am 9. August 1942 in Auschwitz-Birkenau ermordet. Trotz ihrer Konversion fühlte sich Edith Stein als Jüdin.

Jüdischer Abstammung war auch Ferdinand Lassalle (1825 bis 1864), der Gründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins von 1863. Er war auch dessen erster Vorsitzender. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Jüdischen Friedhof.

SS-Oberführer Fritz Katzmann (seit dem 9.11.1938) wurde im März 1938 Kommandeur des SS-Abschnittes VI in Breslau. In seiner Meldung an seine Vorgesetzten zur Reichspogromnacht steht zu lesen: „Eine Synagoge verbrannt; zwei Synagogen zerstört, zwei jüdische Soziallokale zerstört, das Haus der Gemeinschaft der Freunde demoliert, mindestens 10 jüdische Gaststätten zerstört, etwa 600 Männer verhaftet, etwa 35 andere jüdische Unternehmen zerstört…“3

1941 folgte mit der Judenwohnungsaktion die Umsiedlung der Juden aus ihren bisherigen Wohnungen. Im Herbst dieses Jahres wurden sie in Lager deportiert. Das Emigrationsverbot wurde im November 1941 erlassen, danach erfolgte die Deportation in Konzentrationslager – für Niederschlesien und Breslau bedeutete das die Durchgangslager Tormersdorf, Riebnig, Grüssau und Theresienstadt.Über Theresienstadt wurden die Breslauer Transporte nach Riga, Kaunas und Minsk weitergeleitet – auch die Massenvernichtungslager Majdanek, Treblinka, Sobibor, Belzec und Auschwitz-Birkenau waren Zielpunkt der Breslauer Transporte. Ende 1941 begann die Endlösung der 8.000 Breslauer Juden, drei Jahre später war eine der größten jüdischen Gemeinden in Deutschland erloschen.

Eine prägende NS-Gestalt in Breslau wurde Edmund Heines. Im Frühjahr 1933 wurde er zum Stellvertreter des schlesischen Gauleiters Helmuth Brückner ernannt. Im Juli dieses Jahres wurde er preußischer Staatsrat. Als Obergruppenführer der SA wurde er in dieser Zeit SA-Chef in Schlesien. Das Konzentrationslager Dürrgoy wurde von ihm Ende April 1933 organisiert. Dorthin wurden unter anderem der bisherige Reichstagspräsident Paul Löbe, der Oberpräsident der Provinz Schlesien Hermann Lüdemann und der der Breslauer Bürgermeister Karl Mache verschleppt. Heines misshandelte Mache persönlich. Dieses „wilde KZ“ wurde im Sommer 1933 wieder nach einer Intervention der Ehefrauen der Stadtbeamten aufgelöst. Mitte Dezember 1933 wurde die kommunale Selbstverwaltung abgeschafft. Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 fand auf dem Schlossplatz statt. Das Deutsche Turn- und Sportfest vom 27. bis 31. Juli 1938 war eine Propagandaveranstaltung mit der Anwesenheit Adolf Hitlers. 1940 entstand das Konzentrationslager Gross Rosen. Die Stadt Breslau war Standort des Militär- und Luftwaffenbezirks VIII des Deutschen Reiches. Der Flughafen Gandau hatte zentrale Bedeutung für die Kriegsführung im Osten. Große militärische Bedeutung fiel den Linke-Hofmann-Werken A.G. zu, die unter anderem Panzer, Geschütze und Artillerielastwagen herstellten.

Synagoge zum Weißen Storch

1827 bis 1829 erbaut, gehörte sie bis 1872 zum liberalen Judentum, danach bis 1941 zum konservativen Judentum. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges diente sie als Lager für geraubtes Eigentum der Juden. 2010 wurde sie als Veranstaltungszentrum wieder eröffnet.

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Synagoge zum Weißen Storch

Der Dom

Schon um 950 entstand die erste Kirche an dieser Stelle unter der Herrschaft der Premysliden. Der heutige Bau geht auf das 13. Jahrhundert (1244 bis 1272) zurück. Zisterzienische Einflüsse flossen aus Maulbronn, Ebrach und Walkenried ein. Ein gotischer Backsteinbau repräsentierte die Stadt seit dem Mittelalter. Schwere Schäden zerstörten den Dom am 2. April 1945 zu 70 Prozent. 1951 wurde der Wiederaufbau abgeschlossen.

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Dom von Wroclaw

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Blick vom Dom in Wroclaw

Der Botanische Garten

Der Botanische Garten entstand mit der Gründung der Breslauer Universität 1811. Die Pflanzen stammen von botanischen Gärten der ganzen Welt. Der Garten ist eine Oase der Entspannung und Naturschönheit. Man findet darin sowohl einen geologischen Pfad als auch ein Arboretum (Sammlung verschiedener Bäume und Gehölze).

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Botanischer Garten Wroclaw

Ein großer Liebhaber botanischer Gärten war Goethe (1749 bis 1832). Die häufige Anwesenheit in bedeutenden Gewächshäuser botanischer Gärten, die Goethe auf seinen vielen Reisen besuchte, brachten ihn von 1775 an dazu, mit geologischen und botanischen Studien zu beginnen. So führte er zum „Buch der Natur“ unter anderem aus:

Die Natur ist doch das einzige Buch,

das auf allen Blättern großen Gehalt bietet.

Wie lesbar mir das Buch der Natur

wird, kann ich dir nicht ausdrücken;

mein langes Buchstabieren hat mir

geholfen, jetzt rückt’s auf einmal,

und meine Freude ist unausprechlich.

Rynek – Großer Ring

Der Rynek ist der mittelalterliche Marktplatz in Wroclaw. Er hat die Gestalt eines Rechtecks mit den Maßen 205 mal 175 m. Der Rynek entstand bei der Neugründung der Stadt nach dem Magdeburger Recht im 13. Jahrhundert. 1350 wurde der Begriff Ring das erste Mal erwähnt. Eines der markanten Gebäude um 1900 war das Jugendstil-Warenhaus der Gebrüder Barasch. Im Zweiten Weltkrieg wurde in der Schlacht um Breslau 60 Prozent der Bausubstanz hier beschädigt. Das Alte Rathaus entstand 1299. Im 14. Jahrhundert wurde das Bauwerk erweitert. Ende des 15. Jahrhunderts wurde es im spätgotischen Stil umgebaut. Der Ritter-und Festsaal (Remter) gilt als einer der schönsten gotischen Räume Europas. Sein aktuelles Aussehen erhielt er in den 1930er Jahren.

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Rückseite des Alten Rathauses Wroclaw

1 Vgl.: Klaus Klöppel, Breslau, Berlin 2010, S. 24

3 Städtisches Museum Breslau (Hrsg.), 1000 Jahres Breslau – Führer durch die Ausstellung, Breslau 2011, S. 285 f.

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Reisebericht Cuxhaven Juni 2016

Storm Theodor

Meeresstrand

Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmerung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein

Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.

Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen –
So war es immer schon.

Noch einmal schauert leise
Und schweigt dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.

Hasen in Cuxhaven - rechts die Nordsee

Hasen in Cuxhaven – rechts die Nordsee

Theodor Storm lebte in Husum, die beschriebenen Möwen könnten aber genauso in Cuxhaven gelebt haben. Voller Bedeutung für Cuxhaven ist der Oxter Bach. Hier berühren sich die Marschenrepubliken Land Wursten und Land Hadeln. Was es nicht in Cuxhaven gibt, ist ein Haff, von dem der Dichter berichtet Ein Haff ist durch eine Nehrung oder durch Inseln vom offenen Meer abgetrenntes Gewässer an einer Flachküste.

Literarisch tritt Cuxhaven vor allem als Sitz des Ringelnatz Museums in Erscheinung. Im Ersten Weltkrieg war Joachim Ringelnatz nämlich bei der Kaiserlichen Marine in Cuxhaven stationiert. Die Erlebnisse jener Jahre haben sein Lebenswerk geprägt. 1

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Ringelnatz Museum Cuxhaven

Er ist zudem in Wilhelmshaven, Kiel, Warnemünde, an der Memel und in Litauen stationiert. Die patriotische Begeisterung hielt sich in Ringelnatz‘ Kriegserinnerungen schon nach kurzer Zeit in Grenzen: „Auf dem Lokus wurde ich, als ich Hindenburgs neueste Siege las, hinterrücks von einer Woge besiegt.“2

Joachim Ringelnatz wäre möglicherweise angetan gewesen von dem kleinen Haus in Cuxhaven. Das Museum ist in einem Fachwerkhaus in der Südersteinstraße 44, gegenüber vom Schloss Ritzebüttel, untergebracht. Es existiert seit 2002.

Seine lyrischen Betrachtungen zu Weihnachten suchen ihresgleichen.

Joachim Ringelnatz Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu

Auszug

Aber nun sangen die Gäste »Stille Nacht, Heilige Nacht«,
Und da schenkte er jedem Gast eine Tasse
Und behielt für die Braut nur noch drei.
Aber als er sich später mal darauf setzte,
Gingen auch diese versehentlich noch entzwei,
Ohne daß sich Daddeldu selber verletzte. –

Und ein Mädchen nannte ihn Trunkenbold
Und schrie: er habe sie an die Beine geneckt.
Aber Daddeldu zahlte alles in englischen Pfund in Gold.
Und das Mädchen steckte ihm Christbaumkonfekt
Still in die Taschen und lächelte hold
Und goß noch Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt.
Daddeldu dacht an die wartende Braut.
Aber es hatte nicht sein gesollt,
Denn nun sangen sie wieder so schön und so laut.
Und Daddeldu hatte die Wanzen noch nicht verzollt,
Deshalb zahlte er alles in englischen Pfund in Gold.

Und das war alles wie Traum.
Plötzlich brannte der Weihnachtsbaum.
Plötzlich brannte das Sofa und die Tapete,
Kam eine Marmorplatte geschwirrt,
Rannte der große Spiegel gegen den kleinen Wirt.
Und die See ging hoch und der Wind wehte.

Schloß Ritzebüttel

Das spätmittelalterliche Schloss (14. Jahrhundert) wurde im 18. Jahrhundert an der Vorderseite um den barocken Vorbau erweitert. Es war – wie das dazugehörige Amt Ritzebüttel – von 1394 bis 1937 und damit weit über fünfhundert Jahre lang, eine Exklave der Stadt Hamburg. An der Spitze der Verwaltung stand ein Amtmann. Der bekanntes Amtmann war der Dichter Barthold Heinrich Brockes.(1680 bis 1747).Sein Hauptwerk ist „Irdisches Vergnügen in Gott“. Die Natur wird darin in ihrer Schönheit und Nützlichkeit als Mittler zwischen Mensch und Gott reflektiert. 1712 veröffentlichte er ein bedeutendes Passions-Oratorium. Händel setzte ihm ein Denkmal in der Brockes-Passion. Von 1735 bis 1741 war er Amtmann in Ritzebüttel.

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Schloß Ritzebüttel

Martinskirche Ritzebüttel

Die Grundsteinlegung erfolgte 1816. Der Bau zog sich jedoch hin, weil die nötigen Mittel fehlten und mühsam beschafft werden mussten. Amtmann Abendroth war 1814 von Hamburg nach Ritzebüttel zurückgekommen und nahm den Bau in Angriff. Im August 1919 fand die Weihe statt.Die Kirche wurde nach dem Reformator benannt.3

Für das Kruzifix waren vom Hamburger Senat 600 Mark bewilligt. Abendroth beauftragte den jüdischen Kaufmann S.A. Friedländer mit dem Kauf eines Kruzifixes in Paris. Dieser ließ ein teureres Kruzifix anfertigen und übernahm die Mehrkosten selbst. „Ich verlange nicht mehr als meine erste Auslage von 600 Mark … Und soll Alles Uebrige der Kirche zum Geschänk dienen,.“ So schrieb Friedländer in seiner Endabrechnung. Die jüdische Gemeinde zählte 1817 im Amt Ritzebüttel 16 Familien mit 85 Mitgliedern. 4

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Martinskirche Ritzebüttel

Hamburger Leuchtturm

Er entstand 1802 bis 1804. Er war ein Seezeichen mit Turmfeuer, das 6 km ins Meer sichtbar war. Der Turm ist 23 Meter hoch und war bis 2001 in Betrieb. Sei 1937 war der Turm elektrifiziert.

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Hamburger Leuchtturm

Minensucherdenkmal

Dieses Denkmal für die gefallenen Minensucher erinnert an den Ersten und Zweiten Weltkrieg.1905 wurde Cuxhaven Stützpunkt der kaiserlichen Marine. Es wurde 1935 eingeweiht.

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Minensucherdenkmal

Text der Inschrift:

„Wo aus Tiefen der Tod deutsche Kriegsfahrt bedroht, setzen Männer sich ein, daß frei sollten sein die Andern.“

Insel Neuwerk

Sie ist Hamburger Terrain seit dem 13. Jahrhundert. Man kann sie mit dem Pferd von Cuxhaven aus erreichen (13 km). Das markanteste Bauwerk ist der Neuwerker Leuchtturm. Seine Besteigung lohnt sich wegen des tollen Ausblickes! 2004 eröffnete ein Nationalpark-Haus.5

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Blick vom Neuwerker Leuchtturm

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Neuwerker Leuchtturm Blick auf die Landschaft

1 http://www.ringelnatzstiftung.de/

2 Joachim Ringelnatz, Als Mariner im Krieg, Zürich 1994, S. 64

3 http://www.cuxpedia.de/index.php?title=Martinskirche

4 Kirchenvorstand der Martinskirche (Hrsg.),Die Martinskirche zu Ritzebüttel 1919 -1969 -Eine Gedenkschrift zum 150jährigen Bestehen, Cuxhaven 1969, S. 32

5 S.Gödecke, Cuxhaven . Norseeheilbad an der Weltschiffahrtsstraße, Lübeck o.J. S.50 f.

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Herzogenbusch und Antwerpen im April 2016

Herzogenbusch ist die Hauptstadt der niederländischen Provinz Nordbrabant. Die Stadt hat ungefähr 144.000 Einwohner.

Ein Stadtteil liegt an einer Stelle, an der die Bataver eine Siedlung und einen Tempel für ihren Gott hatten. Bei den Batavern handelt es sich um einen westgermanischen Volksstamm Sie siedelten sich um etwa 50 v. Chr. an der Rheinmündung in der belgischen Provinz des Römerreiches an.

Die Stadt hat ihr Stadtrecht im Jahre 1185 von Herzog Heinrich I. von Brabant verliehen bekommen. Sie liegt auf einem kleinen Sandrücken, der von sumpfigem Terrain umgeben ist. Im Mittelalter war die Stadt strategisch wichtig. Die Festung Herzogenbusch galt als nahezu uneinnehmbar. Die Kaufleute der Stadt importierten Wein aus Deutschland, Sandstein aus Lüttich und Fisch aus den Ländern der Ostsee.

Zwischen 1450 und 1525 hatte die Stadt eine Zeit der wirtschaftlichen Blüte, die im 16. Jahrhundert mit dem Achtzigjährigen Krieg beendet wurde. Im Achtzigjährigen Krieg (auch Spanisch-Niederländischer Krieg) von 1568 bis 1648 erkämpfte die Niederlande ihre Unabhängigkeit von Spanien.

Die Stadt wurde von den Niederländern 1629 durch Friedrich Heinrich von Oranien erobert. Er war von 1625 bis zu seinem Tod 1647 Statthalter der Vereinigten Niederlande.

Anschließend wurde die Zitadelle erbaut. Die Zitadelle von ’s-Hertogenbosch ist eine zwischen 1637 und 1645 angelegte Festung am Rand der Innenstadt von Herzogenbusch. Sie wurde zur Abwehr spanischer Angriffe, aber auch gegen die katholischen Einwohner der Stadt errichtet.

Im Jahre 1815 wurde die Stadt zur Provinzhauptstadt.

Im Mai 1940 wurde auch diese Stadt – wie die ganzen Niederlande – von Truppen der deutschen Wehrmacht besetzt und am 29. Oktober 1944 durch alliierte Truppen befreit.

Ein markantes Bauwerk ist die Kathedrale von Sankt Johannes (Sint-Jan). Die Kirche wurde ab 1220 im romanischen Stil erbaut. 1380 wurde mit dem Bau der von Willem van Kessel entworfenen gotischen Kirche begonnen. Sie wurde 1559 oder 1561 Kathedrale des neu gegründeten Bistums. 1566 gab es einen Bildersturm.1584 brach ein Brand im heutigen Mittelturm aus, der die Kirche schwer beschädigte. Zwischen 1629 und 1810 war die Kirche reformiert, das heißt den Protestanten zugesprochen.

Von 1859 bis 1864 wurde eine erste Restaurierung vorgenommen und von 1961 bis 1985 eine Restaurierung des Innenraumes. Seit 2000 (Jubeljahr) läuft eine weitere Sanierung.

Neben der Ausstattung des Innenraums imponiert das Gebäude durch seine Größe (sie ist ca. 115 m lang). Der Turm ist 73 Meter hoch. Die Fassade ist mit Steinskulpturen geschmückt. 2003 ging als Marienjahr in die Annalen der Kathedrale ein.

Am 26. Juni 1929 erhielt die Kirche den Ehrentitel Basilika Minor. Seit 2007 sind über dem westlichen Eingang die New Yorker Terroranschläge vom 11. September 2001 als Sinnbild der Hölle zu sehen.

Kathedrale von Herzogenbusch

Kathedrale von Herzogenbusch

Bedeutendster Sohn der Stadt ist Hieronymus Bosch. Er wurde als Hieronymus van Aken 1450 in Herzogenbusch geboren. 1487/1488 wird er geschworenes Mitglied der Liebfrauenbruderschaft. Um 1480 heiratet er Aleid van de Meervenne. Seit 1488 signiert er seine Werke mit seinem Namen. 1504 gibt Philipp der Schöne, Herzog von Burgund und Brabant, bei Bosch ein Jüngstes Gericht in Auftrag. 1516 stirbt er.

Das Jüngste Gericht wurde zwischen 1495 und 1505 geschaffen. Auf dem geschlossenen Triptychon ist als Grisaille – man bezeichnet so eine Malerei, die ausschließlich in Grau, Weiß und Schwarz ausgeführt ist – einerseits der Heilige Jakobus und andererseits der Heilige Bravo zu sehen. In der Mitte des geöffneten Triptychons ist das Weltgericht zu sehen. Christus thront als Richter hoch über der Welt. Er wird umrahmt von den Engeln der Apokalypse. Die linke Tafel zeigt das Paradies mit Adam und Eva. Die rechte Tafel zeigt die Schrecken der Hölle.

Hieronymus Bosch "Jüngstes Gericht"

Hieronymus Bosch „Jüngstes Gericht“

Antwerpen

Antwerpen ist eine Hafenstadt in der Region Flandern und ist die Hauptstadt der Provinz Antwerpen. Bezogen auf die Stadt als Verwaltungseinheit ist Antwerpen die größte Stadt des Landes. Besonders der Hafen ist durch seine Größe bedeutend für die Stadt. Er ist der drittgrößte Europas.

Antwerpen liegt an der Schelde. Nach einer Sage über die Stadt war der Riese Antigoon eine schreckliche Figur in der Stadtgeschichte. Die Schiffer mussten, um den Fluß zu überqueren, Zoll zahlen. Wenn sie dies verweigerten, wurde ihnen die Hand abgehackt und sie wurden in die Schelde geworfen. Möglicherweise entstand der Name der Stadt aus einer Kontraktion aus „Hand“ und „Werfen“. Im 7. Jahrhundert wurde der Ort christianisiert. Die Missionare Eligius, Amandus und Willebrordus brachten den Flandern das Christentum. 836 wurde die Stadt von den Normannen verwüstet. 843 wird das Frankenreich geteilt. Flandern mit Antwerpen kommt an das Westfrankenreich.

Die Markgrafschaft Antwerpen gehörte zum Herzogtum Niederlothringen. Das Gebiet erstreckte sich um die Städte Antwerpen und Breda. Allgemein wird angenommen, dass die Mark ein Ergebnis der Grenzpolitik der Ottonen war. Antwerpen bildete die militärische Pufferzone an der Westgrenze des Reichs – jenseits der Schelde lag Frankreich. Anfang des 12. Jahrhunderts kam die Stadt zu den Grafen von Löwen. Graf Gottfried I. von Löwen erhielt 1106 das Herzogtum Niederlothringen. Sein Urenkel Heinrich I. nahm 1183 auch den Titel des Herzogs von Brabant in der Landgrafschaft Brabant an.

Der Ort erhielt 1291 die Stadtrechte. Eine erste Blütezeit erlebte die Stadt im 14. Jahrhundert. Sie war dank des Hafens und des Tuchhandels, der schon im 11. Jahrhundert in Flandern aufblühte, ein führender Handelsplatz und ein Finanzzentrum Europas. Antwerpen fiel 1430 an Burgund, 1477 an Habsburg.

1556 siegte die Reformation in Antwerpen. Im 16. Jahrhundert war Antwerpen reichste Handelsstadt Europas. Nach der spanischen Eroberung Antwerpens 1585 mussten alle Protestanten die Stadt verlassen. 1648 erkämpften die Niederlande ihre Unabhängigkeit. Durch eine Bestimmung des Westfälischen Friedens von 1648 durfte die Schelde nicht als Schifffahrtsweg benutzt werden, was den Handel der Stadt schwer beeinträchtigte.

Nach dem spanischen Erbfolgekrieg 1714 gehörte Antwerpen zu den Österreichischen Niederlanden. 1795 kam das Land zu Frankreich. Nach Napoleons Niederlage bei Waterloo 1815 endete die französische Zeit.

In der Belgischen Revolution von 1830 erhob sich die überwiegend katholische Bevölkerung der südlichen Provinzen der Niederlande gegen die Vorherrschaft der mehrheitlich protestantischen Nordprovinzen. Innerhalb weniger Wochen im August und September führte der Aufstand zur Aufteilung des Königreiches in zwei Staaten. Das überwiegend holländische Flandern und die überwiegend französisch sprechende Wallonie begründeten den neuen Staat Belgien. Antwerpen wurde von niederländische Truppen 1830 beschossen und 1831 erobert. 1832 nach der Belagerung der Zitadelle von Belgien gaben französische Truppen die Stadt Belgien zurück.

Die Belagerung von Antwerpen fand zu Beginn des Ersten Weltkrieges vom 20. August bis zum 10. Oktober 1914 statt. Angreifer waren deutsche Truppen, die Festung musste kapitulieren. Ende 1918 konnte Antwerpen nach der Niederlage Deutschlands seine Unabhängigkeit wieder gewinnen.

Wer kennt sie nicht, die deutschen Wunderwaffen V 1 und V 2, die das Blatt im Zweiten Weltkrieg noch wenden sollten? Antwerpen war ein bevorzugter Zielort der deutschen Vergeltungswaffe V 2. Einer der schwersten Angriffe wird wie folgt geschildert: „27.11.1944,12:10

V2-Treffer auf die Kreuzung Teniers Plaats beim Hauptbahnhof: 126 Tote

Beim V2-Treffer auf den Teniers Plaats beim Hauptbahnhof um 12:10 mittags wurde die Kreuzung zur Hauptverkehrszeit getroffen. An dieser Kreuzung kamen oft alliierte Convoys vorbei, wie auch um diese Zeit. Die Rakete traf auf einen Gegenstand über dem Boden auf und explodierte über dem Boden, so dass kein Krater entstand. Gleichzeitig war die zerstörerische Wirkung furchtbar. Menschen wurden zerfetzt, Autos explodierten oder gerieten in Brand, deren Insassen wurden verbrannt, die Glasscheiben der Trams barsten und verletzten die Passagiere. Fußgänger und Polizisten wurden bis zu 60 m weit weg geschleudert, brennend tot oder lebendig. Der Körper eines verbrannten Verkehrspolizisten wurde auf dem Dach eines Hotels 60 m weiter weg aufgefunden. Der zweite Verkehrspolizist war in Stücke zerrissen. Gleichzeitig wurde eine Hauptwasserleitung getroffen, so dass die Kreuzung bald unter Wasser stand und die Körperteile der Toten im Wasser schwammen. Das rote Wasser floss in die Gulis. Es waren 126 Tote zu beklagen, darunter 26 amerikanische und britische Soldaten, und weitere 309 Personen waren verletzt. Die Überlebenden vergaßen nie den Anblick von Leichen und Blut auf dieser Kreuzung, der durch die deutsche V2 verursacht worden war. Die Verletzten kamen nach der Behandlung bei der Rot-Kreuz-Station nach Hause und die Angehörigen wurden durch die halb verbluteten und blutenden Menschen, die noch Glassplitter in den Haaren hatten, erschreckt.“ 1

Im März 1945 bezeichnete ein amerikanisches Magazin Antwerpen als „The City of Sudden Death“ („Stadt des plötzlichen Todes“). Nicht ganz zu unrecht, bedenkt man einen weiteren Großangriff: im „Rex“-Kino kamen am 16. Dezember 1944 allein 567 Menschen ums Leben.

Die Liebfrauenkirche ist der markanteste Sakralbau der Stadt. Der Turm ist 123 Meter hoch und scheint regelrecht in den Himmel zu wachsen. Die Kirche entstand 1352, der Turm entstand 1420. Mehrere Brände gab es 1434 und 1533. Während der französischen Besatzung wurde sie zwischen 1794 und 1800 ausgeplündert. Das innere ist genauso pompös mit 125 Säulen wie der Turm. Die Länge beträgt 117 Meter. Eines der markantesten Kunstwerke ist die Kreuzabnahme Christi von Peter Paul Rubens 1612 – siehe Bild.

Rubens "Kreuzabnahme Christi"

Rubens „Kreuzabnahme Christi“

Der Hauptbahnhof Antwerpen wurde 1905 erbaut, seine Kuppel ist 75 Meter hoch. Das steinerne Empfangsgebäude in stammt von Louis de la Censerie. Er ließ sich dabei vom Pantheon in Rom inspirieren.

Bahnhof Antwerpen

Bahnhof Antwerpen

Literatur

https://de.wikipedia.org/wiki/%E2%80%99s-Hertogenbosch

Kathedrale Sint-Jan ’s-Hertogenbosch – Faltblatt Deutsch

Noordbrabants museum, Jheronimus Bosch – Visionen eines Genies, #Boschexpo (Ausstellungsführer)

https://de.wikipedia.org/wiki/Antwerpen

https://de.wikipedia.org/wiki/Markgrafschaft_Antwerpen

https://de.wikipedia.org/wiki/Achtzigj%C3%A4hriger_Krieg

Antwerpen und seine Schönheiten, Brüssel o.J.

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Nationalpopulismus und Rechtsradikalismus in Ungarn

Horthy und die Juden

Bezug: In einem Leserbrief im Main-Echo führt Lajos Malina unter anderem folgendes aus: “Und nun zum Miklós Horthy’s »traurigen Engagement«: Er hat die Deportation von jüdischen Mitbürgern in Juli 1941 verboten, und so hat er 200 000 jüdischen Mitbürgern das Leben gerettet! Dafür hat er eine Gedenktafel in der Yad Vashem-Gedenkstätte in Jerusalem bekommen!”

Das Verhältnis Horthys zu den Juden soll etwas ausführlicher dargestellt werden.

Seit 1938 wurde in Ungarn unter Horthy eine Reihe antijüdischer Gesetze erlassen, die Züge der Nünberger Rassengesetze trugen. Es handelte sich bei den Judengesetzen um Maßnahmen, welche die Anzahl der Juden in freien Berufen, in der Verwaltung sowie in Handel und Industrie zunnächst auf 20 Prozent und später bis auf fünf Prozent reduzierten. Ihre politischen Rechte wurden dabei eingeschränkt.

Die Anfänge der “Endlösung” begannen 1941 und Anfang 1942. Verantwortlich war die Regierung Bardossy, die im August 1941 eine Razzia gegen die Ostjuden initiierte.Sie waren vor Jahren aus Galizien nach Ungarn emigriert, hatten aber nicht die ungarische Staatsbürgerschaft. Sie wurden auf das von der Sowjetunion eroberte Gebiet vertrieben. Hiervon waren die Juden der Karpatenukraine besonders betroffen. Ein antijüdisches Gesetz von 1939 verwehrte ihnen die Einbürgerung, wenn sie nicht ihre Präsenz seit 1867 nachweisen konnten. Mehrere tausend vertriebene ungarische Juden, die in Südgalizien weilten, wurden von Deutschen in das Ghetto Stanislawow verbracht. Hier wurden sie 1942 erschossen.

Im Januar 1942 ereignete sich ein zweites antijüdisches Pogrom. In der von Ungarn besetzten jugoslawischen Stadt Novi Sad wurden möglicherweise mehrere Tausend Juden und Serben erschossen.1 Andere Quellen sprechen von knapp über 1.200 Toten.2Verantwortlich war der ungarische General Feketehalmy- Czeydner.

Bardossy musste im März 1942 abtreten. Danach amtierte Ministerpräsident Kallay, der dem Deutschen Drängen, die Juden zu deportieren, nicht entsprach. Allerdings dehnte er den Enteignungsprozeß aus und erweiterte den Arbeitsdienst. Anfang März 1944 wurde in Berlin die Besetzung Ungarns angedroht. Horthy wurde am 15. März 1944 bei einem Besuch beim „Führer“ als Alternative vorgeschlagen, eine den Deutsche genehme Regierung einzusetzen. Als Argument für diesen Schritt wurde von deutscher Seite unter anderem die vorgebliche Sabotage der von Deutschland als „Endlösung“ bezeichnete finale Lösung der Judenfrage durch die ungarische Regierung angeführt. Hier war also Ungarn unter Horthy nach deutscher Einschätzung nicht konsequent genug. Bei Beginn der deutschen Besetzung Ungarns am 19. März 1944 – Vertreter des Auswärtigen Amtes, der SS und Polizei, des Heeres und der Luftwaffe lenkten von Budapest aus und auch in der Provinz das öffentliche Leben – waren allerdings bereits etwa 63.000 Juden den Verfolgungen zum Opfer gefallen. Oberster Koordinator des deutschen Einflusses in Ungarn war der Generalbevollmächtigte Veesenmayer..3

Am 22. März wurde eine neue extrem nationalistische Regierung unter Döme Sztojay als Premierminister gebildet. Die Deportation jüdischer Ungarn nach Auschwitz begann am 15. Mai 1944 und hielt bis zum 9. Juli 1944 an. Hier ließ Horthy die Transporte stoppen. Die jüdische Bevölkerung von Budapest wurde damit weitgehend verschont. Dies geschah auf internationalen Druck, für den Schweden, die Vereinigten Staaten und der Vatikan verantwortlich waren. Vorher waren die so genannten Auschwitz-Protokolle in der Schweiz veröffentlicht worden. 437.000 jüdische Ungarn waren bis zu diesem Zeitpunkt bereits deportiert worden, nur etwa ein Viertel der vormals über 800.000 jüdischen Ungarn überlebte den Holocaust.4 Den Exzess verhinderte Horthy, verstrickt war er deutlich. Bei einem Gespräch mit dem Generalbevollmächtigten Veesenmayer am 4. Juli 1944 äußerte Horthy, dass er kein Freund der Juden sei, aus politischen Gründen habe er sich für die christlichen Juden, die jüdischen Ärzte, für jüdische Arbeitskompanien und die für die Kriegsproduktion wichtigen Juden einzusetzen.5 Horthy stufte sich selbst schon vorher als Antisemiten ein. In einem Brief an Pal Teleki (Ministerpräsident von März bis April 1941) vom 14. Oktober 1940 führte er aus, dass er sein ganzes Leben lang Antisemit gewesen sei, unerträglich seien ihm Fabriken und Banken in jüdischer Hand. Wenn Juden allerdings durch unfähige Blender ersetzt würden, würde das Land bankrott gehen.

Juden wurden auch in Ungarn als Zwangsarbeiter eingesetzt, er wurde im Unterschied zum „Waffendienst“ „Hilfsdienst“ genannt. Dies geschah seit 1942, die Gesamtzahl der Zwangsarbeiter betrug 130.000. Von den Zwangsarbeitern kamen 30.000 bis 40.000 ums Leben.

Horthy versuchte vorzeitig aus dem Krieg auszuscheiden. Am 11. Oktober 1944 wurde eine vorläufige Waffenstillstandsvereinbarung mit der Sowjetunion geschlossen.6 Nach einem verkündeten Waffenstillstand und dem Kidnapping seines Sohnes durch die Deutschen am 15. Oktober 1944 dankte Horthy am Tag darauf zusammen mit dem Ministerpräsidenten Lakatos, der den Deutschen nicht willfährig genug war, ab. Vorher hatte schon Rumänien, ein deutscher Alliierter, den Alliierten einen Waffenstillstand angeboten. Der neue ungarische Reichsverweser und Regierungschef wurde Szalasi, der Führer der rechtsradikalen Pfeilkreuzler-Bewegung. Er war ein Gangster reinsten Wassers – der einzige pronazistische Kandidat, der im Oktober 1944 auffindbar war. Die in Budapest verbliebenen Juden wurden in ein Ghetto gesperrt, das am 10. Dezember 1944 versiegelt wurde. Im Januar 1945 lebten dort etwa 70.000 Juden.7 Unter Szalasi besaßen zahlreiche Juden eine Auswanderungsberechtigung. Seine Pfeilkreuzler wüteten von November 1944 bis Februar 1945 entsetzlich unter den Juden. Große Teile des jüdischen Vermögens wurde zu Staatseigentum erklärt. Im Ghetto herrschte Hunger und Kälte. In dieser Zeit trieben Pfeilkreuzler Juden an der Donau zusammen und erschossen sie. Auf diese Weise wurden wahrscheinlich 2.600 bis 3.600 Menschen liquidiert.8         

Schuhe Budapest

Schuhe am Donauufer in Budapest © Holocaust Memorial

Für die Zeit Horthys, der 1920 zum Reichsverweser – eine Art Staatsoberhaupt- bestellt wurde 9, gelten folgende Charakteristika einer politischen Ordnung – es war ein autoritäres politisches System. Darin anzutreffen war ein reaktionär bürgerlicher Staat vermischt mit diktatorischen antidemokratischen Elementen 10. Soziologisch beruhte das System auf einem Bündnis der Großgrundbesitzer, des Landadels und Teilen des Bürgertums, darunter vielen Offizieren und Beamten. Der Rechtsstaat existierte formal, das Parlament war entmachtet. Ein deutlicher Chauvinismus dominierte, Liberalismus, Demokratie und Sozialismus wurden abgelehnt 11. Das aktuelle Ungarn unter Viktor Orbán weist viele Ähnlichkeiten mit dem System unter Horthy auf. Weshalb Demokraten ihn als Vorbild einstufen, ist daher schleierhaft.

1 Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden Band 2, Frankfurt am Main 1990,  S. 876
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Vgl. Hilberg, a.a.O., S. 886

5 Vgl. Hilberg, a.a.O., S. 916

6 Holger Fischer, Eine kleine Geschichte Ungarns, Frankfurt am Main 1999, S.197

7 Hilberg, a.a.O.., S. 925

10 Vgl. Fischer, a.a.O., S. 180

11 Vgl. ebd.

 

Erschienen auszugsweise als Leserbrief: in Main-Echo online vom 20.4.2018

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Leserbrief zu: „Der bayerisch ungarische Gipfel“, in: Main-Echo vom 5.1.2018, erschienen in Main-Echo online vom 17.1.2018, in der Main-Echo Print-Ausgabe vom 29.1.2018

Der bayerische Ministerpräsident Seehofer meinte vor kurzem in Seeon, der ungarische Ministerpräsident stehe „zweifelsfrei“ auf rechtsstaatlichem Boden.

Wer in Ungarn Zeitung liest oder Radio hört, trifft nur selten auf regierungskritische Berichte. Premierminister Viktor Orbán und seine Regierung kontrollieren einen Großteil der Medienlandschaft. Die Pressefreiheit ist stark eingeschränkt. Das Internet ist noch nicht gänzlich gleichgeschaltet.

Im Oktober 2016 musste eine unabhängige Tageszeitung „Népszabadság“ über Nacht schließen. Zuletzt deckte die Zeitung einige Wochen vorher Korruptionsaffären zweier Vertrauter des ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán auf. Kurz danach wurde auf der Webseite der Budapester Börse bekannt gegeben, dass Mediaworks mitsamt „Népszabadság“ an die regierungsnahe ungarische Firma Opimus Press verkauft wurde. Sie gehört zum Imperium des Orbán-Oligarchen Lörinc Mészaros.

Insgesamt war das nur ein Höhepunkt einer allgemeinen Tendenz. Die öffentlich-rechtlichen Medien in Ungarn wurden durch ein restriktives Mediengesetz unter Orbán regelrecht gleichgeschaltet.

Die Menschenrechte sind sein Feindbild. Mitte März 2016 kritisierte er „Rotten unverbesserlicher Kämpfer für die Menschenrechte“ anläßlich des ungarischen Nationalfeiertages. Europa werde „von einer Zig-Millionen-Masse“ und von einer „finalen Gefahr“ bedroht. Die Sprache ist von Untergangsphantasien gekennzeichnet und kennt keinerlei Differenzierung.

Im Juni 2017 würdigte Orbán Miklós Horthy als “Ausnahmestaatsmann”. Dieser war ein treuer Verbündeter des Deutschen Dritten Reiches. Er war unter anderem mitverantwortlich für die Deportation von 600.000 ungarischen Juden in deutsche Vernichtungslager. Orbáns Einschätzung bezog sich überwiegend auf die Taten Horthys auf den Wiederaufbau Ungarns nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg. Orbán weiter: Auch Ungarns “trauriges Engagement” im Zweiten Weltkrieg könne Horthys Beurteilung “ nicht überschatten”.

Das Wesen des “Rechtsstaates Ungarn” besteht aktuell darin, daß die Grenzen der Regierungspartei nach rechtsaußen zunehmend verwischt werden.

Christian Schauer

Zwei Führer (2)

„Ausnahmestaatsmann“ Horthy links, rechts?

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Leserbrief zu: “Orban und Seehofer üben wieder den Schulterschluss“, in Main-Echo vom 17.10.2016

Ungarn entwickelt sich seit geraumer Zeit unter Viktor Orbán hin zum völkischen Nationalismus. Zwei Plätze tragen seit Mitte Mai 2011 den Namen des Blut- und Boden-Schriftstellers Albert Wass. Er ist ein Repräsentant des völkischen Magyarentums. Der Schriftsteller war in Rumänien 1946 wegen angeblicher Teilnahme an Erschießungen zum Tode verurteilt worden. Das Simon Wiesenthal Center hat die Vorwürfe bestätigt. Er sah die Juden in Ungarn als größtes Übel.

Ein Park Budapests trägt nicht mehr den Namen Endre Bajcsy-Zsilinszky. Der jüdische Politiker hatte zu den führenden Widerständlern gegen das Bündnis des Reichsverwesers Miklós Horthy mit Hitler-Deutschland gehört. Die Pfeilkreuzler hängten ihn dafür 1944. Jetzt hängt ihn das Orbán-Regime zum zweiten Mal symbolisch auf.

Der Direktor des Holocaust Zentrums für Dokumentation und Erinnerung in Budapest, László Harsányi, hat ebenfalls 2011 seinen Posten verloren, weil die Ausstellung nach Ansicht der Orbán-Regierung den Verbündeten des Deutschen Reiches zu deutlich mit der Ermordung von Juden in Verbindung brachte. Es gab unter Horthy Massaker an Juden (z.B. in Novi Sad 1942, dort auch an nichtjüdischen Einwohnern), die Errichtung von Ghettos, unter anderem in Kassa (ab 1941), aber auch in ländlichen Gegenden im Kernland und es entfaltete sich bereits eine von den Pfeilkreuzlern betriebene Terrorherrschaft gegen Andersdenkende, Minderheiten, sowohl ethnischer wie politischer Natur. Nicht erst seit 1944 trieben ermordete Juden in der Donau.Das erste antijüdische Gesetz unter Horthy – es umfasste einen Numerus clausus für jüdische Studenten – stammte aus dem September 1920. Der jüdischen Minderheit (6,2 % der Gesamtbevölkerung) wurde darin der Zugang zur Universität erschwert und eine Beschäftigung im Staatsdienst praktisch unmöglich gemacht. Ab 1938 wurden in Ungarn eine Reihe antijüdischer Gesetze erlassen. Diese Gesetze waren den Nürnberger Rassegesetzen ähnlich. Ab 1940 wurden die Juden aus den ungarisch besetzten Gebieten, wie der Südslowakei und Siebenbürgen, in das Generalgouvernement nach Galizien getrieben, wo sie dem deutschen Zugriff ausgeliefert waren. Entgegen den Wünschen der deutschen Regierung weigerte sich Ungarn allerdings, seine ungarischen jüdischen Einwohner auszuliefern bzw. deren Transport in Lager zuzulassen. C. Schauer

Erschienen in Main-Echo online vom 13.1.2017

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Leserbrief zu: „Ungarn mit Rauswurf aus der EU gedroht“, in Main-Echo vom 13.9.2016, erschienen in Main-Echo online vom 20.9.2016, in Main-Echo Print-Ausgabe vom 22.9.2016

Der Luxemburgische Außenminister Asselborn hat eine Forderung erhoben, nämlich Ungarn aus der EU auszuschließen, der man sich nur anschließen kann. Die völkisch nationalistische Politik unter Viktor Orban setzt auf pauschale Vorurteile gegenüber Flüchtlingen aus muslimischen Ländern. Im November letzten Jahres konnte man diese hysterische Furcht vor Flüchtlingen kennenlernen: „Natürlich gibt man es nicht gerne zu, aber es ist eine Tatsache, dass alle Terroristen letztlich Migranten sind“, sagte Viktor Orbán damals. „Die Frage ist nur, wann sie in die Europäische Union eingewandert sind.“ Eine Anklage wegen Volksverhetzung vor dem Europäischen Gerichtshof wegen Volksverhetzung wäre hier die richtige Antwort. Gegenwärtig wird Ungarn von der rechtskonservativen Regierung zugeklebt mit Plakaten. An manchen Orten hängen fünf, sechs nebeneinander. „Hätten Sie’s gewusst?“, steht da: „Es waren Einwanderer, die die Anschläge von Paris begangen haben.“ Zudem warnen die gleichgeschalteten Staatsmedien in den Nachrichten und in Werbespots tagtäglich vor der „Migrantenflut“. Nationalistische Hysterie statt Aufklärung ersetzt hier ein demokratisches Grundwerteverständnis.

Der Höhepunkt: Ein Europa-Abgeordneter der Orbán-Partei Fidesz twitterte, man solle zur Abschreckung muslimischer Flüchtlinge Köpfe von Schweinen an die Grenzzäune zu Serbien und Kroatien hängen. Ein Vorschlag, der in Deutschland von der NPD kommen könnte.

Fazit: Wer völkisch nationalistisch denkt und handelt, der soll auf die heimische Scholle verwiesen werden und nicht von den Fleischtöpfen der EU profitieren.


Leserbrief zu: »Wir brauchen einen Geist der Besonnenheit« – Heinrich Bedford-Strohm: Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche über Nächstenliebe als globale und lokale Verantwortung, in: Main-Echo vom 12.2.2016 und Seehofer will Orban besuchen, in Main-Echo vom 19.2.2016

Wer immer Ungarn im Konfliktfall die letzte Entscheidung über die Asylgewährung in Europa überlässt, der muss wissen, daß dieses Land und seine rechtskonservative Regierung im Kern keinen einzigen Asylbewerber aus einem anderen Kulturkreis will. Seine Haltung hat Orbán Mitte Dezember 2015 noch einmal prägnant zusammengefasst: „Wir wollen diese Menschen nicht haben.“

Das ungarische Recht und die Rechtspraxis weichen derzeit in mehreren Bereichen von den Bestimmungen der Genfer Flüchtlingskonvention ab. Erstens fehlen im ungarischen Recht ausreichende rechtlich verankerte Garantien zur Gewährleistung der vollen Übereinstimmung mit Artikel 31 der Genfer Flüchtlingskonvention („Flüchtlinge, die sich nicht rechtmäßig im Aufnahmeland aufhalten“). Asylsuchende werden oft verhaftet und es werden Verfahren gegen sie wegen Einreise mit falschen oder gefälschten Reisedokumenten eingeleitet. Trotz der andauernden und langfristigen Bemühungen von UNHCR, die Rechtslage und -praxis zu beeinflussen, sind Personen, die wegen des Verwaltungsvergehens der irregulären Einreise oder des unrechtmäßigen Aufenthalts verurteilt werden, harten Haftbedingungen in Gefängniseinrichtungen, in denen Straftäter untergebracht sind, ausgesetzt.

Zudem kommt Ungarn nicht im vollen Umfang seinen Pflichten gemäß Artikel 35 der Flüchtlingskonvention („Zusammenarbeit der staatlichen Behörden mit en Vereinten Nationen“) nach, insbesondere hinsichtlich der Bereitstellung von Statistiken über Asylsuchende und Flüchtlinge auf Ersuchen von UNHCR (z. B. über die Anzahl der in Haft befindlichen Asyl suchenden Familien mit Kindern und die Anzahl der Familienzusammenführungen von Flüchtlingsfamilien).

Wenn der Regierungschef eines EU-Mitgliedstaates, Herr Orbán, erklärt, sein Land nehme keine muslimischen Flüchtlinge auf, ist das mit der EU-Grundrechtecharta und der Religionsfreiheit, der Rechtsgleichheit und dem Verbot der Diskriminierung nicht vereinbar. Die Behauptung, die Aufnahme vieler Asylbewerber in Deutschland sei rechtswidrig, ist nicht richtig. Zwar sollen Asylverfahren grundsätzlich dort durchgeführt werden, wo ein Asylbewerber erstmals die EU-Außengrenze überschreitet, aber das Dublin-Regime kennt auch ein Selbsteintrittsrecht eines primär nicht zuständigen Staates.

Wer die ungarische Haltung als beispielgebend ansieht mit dem Gerede vom Rechtsstaat, der angeblich von der Bundesregierung ausgehebelt wird, der soll wenigstens vorher die Genfer Flüchtlingskonvention kündigen und versichern, dass auch er mit Flüchtlingen aus anderen Kulturen nichts zu tun haben will.

Christian Schauer, Alzenau – Erschienen in Main-Echo online vom 20.2.2016, in der Print- Ausgabe vom 4.3.2016

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Leserbrief zu „Lebenslang für rechtsradikale Roma-Mörder“, in: „Main-Echo“ vom7.8.2013

Rechtsradikale und antisemitische Tendenzen nehmen in Ungarn Besorgnis erregende Ausmaße an. Mitte März fanden sich auf den Namensschildern mehrerer Professoren der Eötvös- Loránd -Universität in Budapest Aufkleber mit dem Slogan „Juden, die Universität gehört uns, nicht euch“. Betroffen war unter anderem die emeritierte Philosophieprofessorin Ágnes Heller, eine Holocaust Überlebende, die lange Zeit am Hannah Arendt Center der New School for Social Reseaerch in New York lehrte. Dahinter steckt die rechtsextreme Studenten- selbstverwaltung HÖK, die der faschistischen Jobbik-Partei nahe steht. Sie legte Listen von Studenten an, in denen Personen als „hässlicher Judenkopf“ oder „Scheißliberaler“ klassifiziert werden. Nach einer Umfrage wurde Jobbik an den Universitäten zur beliebtesten Partei in Ungarn. Jeder dritte Student in Ungarn neigt zur Wahl dieser rechtsextremen Kraft. Ähnlich viele ziehen eine Diktatur der Demokratie vor. Jobbik ist neueren Umfragen zufolge zweitstärkste Partei. Ihre Ideologie ähnelt der der NSDAP. Demnach sind die „wahren Ungarn“ anderen Volksgruppen überlegen. Die Regierung wird aufgefordert „Judenlisten“ zu erstellen, Beschimpfungen von Juden und Roma sind an der Tagesordnung. Hervorstechend ist die „Neue Ungarische Garde“ -eine paramilitärische Organisation der Jobbik-Partei. Sie verbreitet bei öffentlichen Aufmärschen Angst und Schrecken. Besonders Roma sind das Ziel von Übergriffen.

Der jetzige Ministerpräsident Viktor Orbán tritt diesen Tendenzen nicht entschieden entgegen. Seit seinem Amtsantritt 2010 ist Ungarn fremdenfeindlicher und antisemitischer geworden. Seine nationale Sicht polarisiert. Fernsehjournalisten werden mit Sanktionen bedroht, wenn ihre Beiträge Mißfallen bei den Aufsichtsbehörden hervorrufen. Dem Verfassungsgericht wurde Anfang des Jahres die Kontrollmöglichkeit der Regierung genommen, die Gewaltenteilung damit augehoben. Ferenc Szaniszló, ein rechtsradikaler Redakteur von Echo TV, meint, die Linken bewirkten, dass das Ungarntum „verwest. Sie sind Parasiten, die das reine Blut der Ungarn saugen.“ Roma „Zigeuner“ seien Schmarotzer und „Ungarnmörder“. Der Journalist erhielt am ungarischen Nationafeiertag den Táncsics-Preis, eine hohe Auszeichnung für Journalisten. Herbe Kritik bewirkte, dass Szaniszló den Preis zurück gab. Zum Holocaust-Gedenktag am 21. April wurde zu einer Motorrad-Parade unter dem Motto „Gib Gas“ aufgerufen. Bei Länderstudien zur Verbreitung von Rassismus belegen die Ungarn Spitzenwerte. 62 Prozent glauben, Roma seien „kriminell veranlagt“, zwei Drittel halten Homosexualität für unmoralisch, für 46 Prozent sind „die Juden“ für die gegenwärtige Finanzkrise verantwortlich. Das völkische Denken nahm bereits seit Anfang der 90er Jahre zu. Sein Ausmaß ist bedenklich.

Christian Schauer, erschienen am 20.8.2013 im Main-Echo

Veröffentlicht 20. August 2011 von schauerchristian in Aktueller Kommentar zu Ungarn

Glockenläuten gegen Nationalismus – AfD in Mömbris -Carl-Diem-Straße umbenennen-Asylbewerber in Alzenau – Kritik der NPD im Kreis Aschaffenburg – Bildung ist ein Menschenrecht – Einschätzung von Gemeinschaftsunterkünften – Friedel Heymann – Elektronische Hinweise HLB/KVG – Stolpersteine Schöllkrippen – Save-me-Kampagne regional – Aschaffenburger Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber – Stolpersteine in Hörstein – Kirchliches Theater?

Leserbrief „Weihbischof Boom leitet Bistum“, in: Der Heimatbote vom 21.9.2017, erschienen in: Der Heimatbote vom 23.9.2017

Der jetzige Bistumsleiter hat vor elf Jahren auf sich aufmerksam gemacht. Der damalige Pfarrer Ulrich Boom wurde überregional bekannt, als er am 22. Juli 2006 die Glocken der Miltenberger Jakobuskirche läutete, um eine Kundgebung der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ zu stören.

Zwanzig Minuten haben Ulrich Boom bekannt gemacht. So lange ließ er an diesem Tag die Glocken der Miltenberger Kirche läuten, dann hatten die zu einer Kundgebung versammelten Mitglieder der „Jungen Nationaldemokraten“ genug und brachen ihre Aktion ab. Die Effizienz war damals gegeben. Vielleicht setzt er solche Aktionen auch als Bistumsleiter fort.

Christian Schauer

Glockenläuten JN


Leserbrief zu “Absurd und diffamierend”, in Main-Echo vom 11.5.2017, erschienen in Main-Echo online vom 12.5.2017

Hintergrund:”Der Markt Mömbris bietet künftig auf dem Marktplatz kostenloses W-Lan an – und kooperiert dafür mit Andreas Kropp, der für die AfD in den Bundestag will. Die Mehrheit des Marktgemeinderates bestätigte damit am Dienstagabend einen Beschluss vom März.“ So berichtete das Main-Echo am 4.Mai 2017.

Der Leserbriefschreiber behauptet, es gebe eine klare Trennungslinie zwischen Nationalpopulisten und Rechtsradikalen. Mehrere Beispiele widerlegen dies.

„Wir Deutschen sind das einzige Volk, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“, sagte der AfD-Vorsitzende von Thüringen, Björn Höcke, im Januar 2017 in Dresden.

Ende August 2016 erteilte das AfD-Vorstandsmitglied Jörg Meuthen seiner Partei in Mecklenburg-Vorpommern einen Freibrief, im Falle eines Wahlerfolgs im Parlament mit der NPD zu kooperieren.

Im November 2015 behauptete Höcke während einer Rede zur Asylpolitik am von Götz Kubitschek geleiteten „Instituts für Staatspolitik“, es gäbe genetische Unterschiede im Sexualverhalten von Afrikanern und Europäern. Er sprach dabei vom „lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp“, der auf den „europäischen Platzhaltertyp“ treffe und so eine geschlossene deutsche Grenze notwendig mache. Nicht nur die Amadeu-Antonio-Stiftung bezeichnete diese Aussagen als rassistisch.

Erwiesen sind Kontakte des Saar-Landesvorsitzenden Josef Dörr und seines Stellvertreters Lutz Hecker zu Rechtsradikalen. Dörr und Hecker standen im Herbst 2015 in engem Kontakt mit dem früheren stellvertretenden rheinland-pfälzischen NPD-Vorsitzenden Sascha Wagner.

Im Oktober 2014 verbreiteten und billigten zwei Mitglieder des Landesvorstands der AfD in Sachsen-Anhalt auf Facebook Verschwörungstheorien und Tötungsphantasien gegen den damaligen amerikanischen Präsidenten Obama. Zudem verharmlosten sie den Holocaust. Ein Magdeburger Beisitzer teilte die Inhalte, einem anderen Vorstandskollegen gefielen sie auch. Der Bundesvorstand distanzierte sich von den Äußerungen, auch der AfD-Landesvorsitzende Poggenburg. Er hielt seine Vorstandskollegen aber weiterhin für tragbar. Poggenburg war schon im April 2014 wegen eines herabwürdigenden Beitrag über Michel Friedman kritisiert worden.

Die Reihe von Verbindungen und Ähnlichkeiten zwischen AfD und NPD ließe sich beliebig weiter fortsetzen. Sie zeigt eines: eine klare Trennungslinie der Nationalpopulisten (AfD) zu den Rechtsradikalen (NPD) gibt es nicht.

Christian Schauer

Alzenau bunt

Plakat für ein weltoffenes Alzenau Marktplatz


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Leserbrief zu „Streit um Diem geht im August weiter“, im Main-Echo vom 1.7.2017, in Main-Echo online vom 4.7.2017,  Printausgabe: 6.7.2017

Zusammenhang: Bürgermeister Alexander Legler (CSU) überraschte mit der Ankündigung, das Thema in der Augustsitzung des Stadtrates behandeln zu wollen – allerdings gänzlich anders, als es die Grünen erwartet hätten: Legler will beantragen, dass der grüne Antrag nicht behandelt wird. Der Grund: Alzenaus Stadtrat habe bereits über die Abschaffung des Namens entschieden – und die Abschaffung abgelehnt. Dieser Beschluss sei gültig und habe Bestand.

Der Tatsache, den Antrag auf Umbenennung der Carl-Diem-Straße nicht behandeln zu wollen, widerspricht die Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland seit 2003. In diesem Jahr war ein derartiger Antrag in Alzenau zuletzt gestellt worden.

Seither sind viele Städte dazu übergegangen, Carl-Diem-Straßen, -wege und -hallen umzubennen. Diems Wirken wurde von Kommunalpolitikern kritischer gesehen. Städte wie Aachen (2007), Köln (2007/2008), Neuss (2009), Grevenbroich (2010) und Münster (2010) haben bereits Carl-Diem-Straßen und -Wege umbenannt und somit ein deutliches Zeichen der Distanz zu diesem braunen Sportfunktionär gesetzt. Die einst am Carl-Diem-Weg gelegene Deutsche Sporthochschule in Köln scheiterte 2008 vor Gericht mit dem Versuch, die Umbenennung der Straße in „Am Sportpark Müngersdorf“ zu verhindern. In seiner Geburtsstadt Würzburg wurde eine historische Entscheidung gefällt. Eine Sporthalle ist seit 2004 nicht mehr nach Carl Diem benannt.

Eine überzeugende Argumentation führte ein Kommunalpolitiker in Pulheim (Nordrhein-Westfalen) an, wo es 2009 auch zu einer Umbenennung kam: „Ich bin schockiert, das wir die Frage des ‚ob‘ hier überhaupt noch diskutieren müssen. Gegen das Leid, das dieser Mensch verursacht hat, die Änderungskosten für einen Briefkopf zu setzen, ist zynisch“.

Eine der letzten Umbenennungen fand 2014 in Alsdorf statt. In den Aachener Nachrichten hieß es dazu abschließend: Damit ist auch in Alsdorf vollzogen, was in anderen Städten bereits geschah. Dieser Prozess war zuletzt von allen Parteien unterstützt worden.“

Alzenau stellt sich bisher als ziemlich einzigartig dar, was die Einschätzung von Carl Diem betrifft. Das muss nicht so bleiben.

Christian Schauer, Alzenau

Leserbrief zu: „Michelbacher wollen Diem loswerden“, in: Main-Echo vom 14.3.2017, erschienen in Main-Echo online vom 15.3.2017, in der Printausgabe vom 16.3.2017

Diems extremer Nationalismus und Militarismus zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben: Schon 1931 führte er in der Heeressportschule Wünsdorf folgendes aus: „Vom Standpunkt der Wehrgesinnung gilt es noch ein letztes zu beachten: Sporteinigkeit. Der nächste Krieg wird nicht mit den Kriegsfreiwilligen gewonnen, sowenig wie es im Weltkrieg möglich war, er ruht vielmehr auf dem Wehrwillen der Wehrflauen.“ Nach der Machergreifung 1933 war Sport für ihn „eine weihevolle Tätigkeit“ und „ein Dienst am Vaterland“.

Im Festspiel-Entwurf für das Deutsche Turn- und Sportfest 1938 in Breslau äußerte er seinen romantischen Militarismus: „Allen Spiels heil’ger Sinn, Vaterlandes Hochgewinn – Vaterlandes höchst‘ Gebot in der Not, Opfertod!“

Eine führerzentrierte Skidemonstration entwarf Diem 1940. Höhepunkt sollte eine „Gefechtsfeldübung der Wehrmacht“ und eine Hitleransprache sein. Sein Wunsch, Sportregimenter für die Blitzkriegskonzeption aufzustellen, scheiterte am Widerstand der SA. In einem Memorandum von 1941 begründete er die Beibehaltung weltumspannender olympischer Spiele wir folgt: „ Ich meine aber, daß man den Herrenstandpunkt der überlegenen Rasse nur dann auf Dauer durchhält, wenn auch eine körperliche Gesundheit und Kraft dahinter steht, und darum sehe ich in den Spielen für Europa genau das, was Coubertin in ihnen für Frankreich gesehen hat: die immer wiederkehrende Prüfung im härtesten Feuer und der stachelnde Anreiz, es den besten aller Völker gleichzutun. Wir wollen Weltspiele, weil wir der Welt zeigen wollen, was wir können!“

In einer Rede auf dem Reichsssportfeld vom 18. März 1945 zitierte er den Satz des griechischen Dichters Tyrtaios (7. Jahrhundert vor Christus): „Schön ist der Tod, wenn der edle Krieger für das Vaterland fällt.“

Dass Diem seine Rolle in der NS-Zeit in der Nachkriegszeit öffentlich bereut hat, ist nicht bekannt.

Christian Schauer

Carl Diem

Carl-Diem-Straße Michelbach Foto privat

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Flüchtlinge bald wieder in der Alzenauer “Brezel”?, in Main-Echo vom 5.6.2014

20 der insgesamt 49 Asylbewerber, die im Juli 2013 vor der Alzenauer »Brezel« abgeholt und in andere Flüchtlingsunterkünfte umziehen mussten, wünschen sich die Rückkehr nach Alzenau. Das zeigt eine gelungene Integration in die Unterkunft und teilweise auch in die Stadt. Dass eine baldige Rückkehr nach Alzenau von den Asylbewerbern erwünscht ist, versteht sich daher von selbst. Es bleibt nur zu hoffen, dass die bürokratischen Verfahren bis zur Wiederzulassung den Einzug nicht allzu lange verzögern. Hierzu bedarf es eines guten Willens, der dem langen Leerstand gerecht wird. Ist es eine Besonderheit, wenn eine Traditionsgaststätte sich in eine Asylunterkunft verwandelt?

Ganz selten ist eine derartige Umwidmung in Deutschland wohl nicht. So soll die Traditionsgaststätte Möller in Haina-Löhlbach (Landkreis Waldeck-Frankenberg Nordhessen)  Mitte 2014 ein Asylbewerberwohnheim werden. Das bei Vereinen beliebte Lokal schloß am 23. März dieses Jahres. Früher lebte die Gaststätte auch von Feriengästen.  Eine ähnliche Entwicklung nahm der Gasthof „Adler“ in Unterelchingen (Kreis Neu-Ulm). Dort wurden Ende 2013 Asylbewerber untergebracht.

C. Schauer geschrieben: 08.06.2014 15:32, in: Main-Echo online

Zur Brezel

Bild: Zur Brezel, Foto privat

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Leserbrief zu: „SPD stellt eigenen Antrag zum NPD-Verbot“, in: Der Heimatbote vom 12.1.2013, erschienen  im „Heimatboten“ vom 15.1.2013

Das Treiben der NPD ist nicht nur bundesweit, sondern auch in der Region kriminell. Deswegen ist ein neuerlicher NPD-Verbotsantrag zu begrüßen. Aktueller Hintergrund in der Region: Die Kriminalpolizei sucht den Verfasser eines von der NPD ins Internet gestellten Texts zum Aschaffenburger Pogrom- Gedenken vom 9. November. Dem Autor wird Beleidigung vorgeworfen. Nach der Veröffentlichung auf der Homepage des NPD-Kreisverbands Aschaffenburg/ Miltenberg hatten die Stadt und der Förderkreis Haus Wolfsthalplatz Anzeige erstattet. Es lohnt sich den NPD-Text zur Gedenkrede ausführlicher zu zitieren: „’Bald brennen die Öfen in Aschaffenburg’, könnte man den Grundtenor des unerträglichen Gefasels vor dem Gedenkstein nennen. Jemand ging hinter jemandem und es gibt Aufkleber. Das sind Beweise für das Auferstehen böser Mächte am Untermain, die nicht nur sprachlos, sondern auch betroffen machen – über soviel substantielles Vakuum, sprich Schwachsinn!“ Aus einem Internet-Text vom 9. November 2012 des „Ringes Nationaler Frauen“ stammt dieses Zitat – Titel „Zivilcourage am Untermain hat einen Namen: Sigrid Schüßler“. Es wird deutlich, dass die Vergangenheit des Nationalsozialismus insgesamt als positiv gesehen wird. Das geht auch aus anderen Äußerungen von Frau Schüßler hervor – auf die Frage eines Journalisten, warum sie so betont von der BRD spreche und nicht einfach nur von Deutschland, gab sie zur Antwort: „Die BRD ist der Staat, in dem ich lebe. Deutschland ist meine Heimat. Und ich würde lieber in Deutschland leben.“ Daraus folgt klar, dass eine Art neues Drittes Reich erstehen soll. Eine andere Frau aus dem Bundesvorstand des „Ringes Nationaler Frauen“ wird noch deutlicher: „Für den Erhalt unseres Volkes, unserer Sitten und Werte werde ich mich aktiv einsetzten! Ich möchte den jungen Menschen  andere Lebensweisen vorzeigen, welche nicht von diesem BRD System geprägt sind.” Da keine Kritik am Nationalsozialismus gewünscht ist, ist zu befürchten, dass bei einem Erstarken dieses Denkens in Zukunft die Vergangenheit von 1933 bis 1945 wiederkehrt. Zumindest Aktionen wie die der NSU sind die Folge dieser Feindschaft gegenüber allen Fremden.

Christian Schauer

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Bildung ist ein Menschenrecht”, erschienen in Main-Echo vom 31.10.2012 Leserbrief zu: „Studiengebühren: Weg frei für Plebiszit“, in: Main-Echo vom 23.10.2012

Ende Februar 2011 wurden die allgemeinen Studiengebühren in Nordrhein-Westfalen durch einen Beschluss des Landtags mit den Stimmen von SPD,m Grünen und Linken zum Wintersemester 2011/2012 abgeschafft. Der Bundes-Trend geht mit dieser Entscheidung weiter in eine Richtung. Es werden immer weniger Studiengebühren erhoben. In Hessen und im Saarland waren sie in den letzten Jahren wieder abgeschafft worden. Zum Sommersemester 2012 soll mit den Studiengebühren auch in Baden- Württemberg Schluss sein – das hat die grün-rote Koalition schon in ihrem Koalitionsvertrag geplant. In Hamburg soll das Studium ab dem Wintersemester 2012/13 wieder gebührenfrei sein. Allein Bayern und Niedersachsen halten nun noch an den Gebühren fest. Deswegen kann man nur begrüßen, dass der Bayerische Verfassungsgerichtshof das Volksbegehren zulassen wird und so die Mehrheit der Bürger den Freistaat Bayern zwingt, der bundesweiten Tendenz zu folgen. Wichtigstes Argument gegen Studiengebühren: Auch höhere Bildung muss als Menschenrecht allen gleichermaßen offen stehen. Menschen mit niedrigeren Einkommen haben jedoch einen schlechteren Zugang zu höherer Bildung. Die Erhebung von Studiengebühren verstärkt dieses Problem.

Christian Schauer

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Kritik an Asylheim geht an Realität vorbei!

Samstag, den 18. Februar 2012 um 18:43 Uhr dp   Prima Sonntag

ASCHAFFENBURG. Verwahrlost und menschenunwürdig! Mit diesen Schlagworten beschreiben Kritiker die Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in Aschaffenburg. In der Berichterstattung über das Haus geistern Begriffe wie Stacheldrahtzaun, Einlasskontrolle, Verweigerung der Essenspakete und Überbelegung. Dringend Zeit, die Dinge im Asylantenheim grundlegend zu ändern, möchte man meinen. Der Chef der CSU im Kreis A´burg Peter Winter wollte sich nicht länger aus zweiter Hand über die Zustände dort informieren, besuchte das Haus zweimal ausführlich. Sein Fazit fällt anders aus. Er hält Kritik an der Unterkunft für realitätsfern und nicht gerechtfertigt, weist Vorwürfe wie menschenunwürdige Verhältnisse und Verwahrlosung zurück!

Auszug eines Artikels von Peter Winter- Kommentar dazu
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#4Schauer, Christian2012-02-21 20:21

Man kann die Situation in einem Flüchtlingsheim in Bayern als menschenrechtswidrig einschätzen. Wer über Jahre in einer Gemeinschaftsunterkunft leben muss, der geht psychisch vor die Hunde. Statt den Flüchtlingen zu erlauben, für sich selbst zu sorgen, werden sie systematisch von der Arbeit entwöhnt. Als besonders belastend wird das Arbeitsverbot – Arbeitsverbot während der ersten 12 Monate, danach 3 Jahre lang nur nachrangiger Zugang zum Arbeitsmarkt und damit kaum Chancen, eine Arbeit zu finden – empfunden, das zum Nichtstun verdammt und die lange Asylverfahrensdauer. Knapp 7500 Flüchtlinge leben in Bayern in Gemeinschaftsunterkünften, davon rund 1150 in Unterfranken. Rund ein Drittel hat ein laufendes Asylverfahren, knapp die Hälfte eine „Ausreiseverpflichtung“. Vor allem diese Gruppe lebt dauerhaft hier. Im Schnitt leben die Flüchtlinge gut drei Jahre in den Unterkünften, gelegentlich lebt  eine Person mehr als 18 Jahre in einer solchen Einrichtung. Zur Situation des Asylbewerbers in Würzburg, der sich umgebracht hat: Wiederholt, das berichten unabhängig voneinander gleich mehrere Bewohner, habe er die Atmosphäre in der ehemaligen Kaserne beklagt: Es sei hier wie im Gefängnis. Die Umgebung erinnere ihn ständig an die Polizei, an das Gefängnis im Iran, an die Folter. Auch gegenüber Ärzten äußerte er das.
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+7#2Schauer, Christian2012-02-19 11:25

Man kann anerkennen, dass einiges investiert wurde, um die Infrastruktur der Gemeinschaftsunterkunft zu verbessern, das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass das System Gemeinschaftsunterkünfte insgesamt auf Zermürbung angelegt ist. So meinte der Würzburger Mediziner Stich erst vor kurzem zurecht: “Das System ist menschenverachtend. Die Menschen werden entmündigt. Alles wird vorgegeben, seien es Hygieneartikel oder Nahrungspakete. Die freie Entfaltung wird extrem beschnitten. Und das ist so gewollt. Deswegen geht meine Kritik in Richtung Staatsregierung nach München, wo an diesem System festgehalten wird. Und das, obwohl der Bayerische Flüchtlingsrat errechnet hat, dass jeder GU-Platz teurer ist als die Unterbringung in kleinen Gruppen. Aber man belässt die Menschen in Perspektivlosigkeit. Sie sitzen tagein tagaus in der GU, und es geschieht nichts. Wären da nicht die Ehrenamtlichen und  Wohlfahrtsverbände, wäre alles noch viel schlimmer.”

Christian Schauer
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Leserbrief zu „Rund 250 Teilnehmer dabei“, in: Der Heimatbote vom 31.1.2012, erschienen am 2.2.2012

Beim Rundgang der Demonstration wurde verschiedener Opfer des Nationalsozialismus gedacht,über die die Initiatoren informierten. „Feiglinge und Verräter hängen! Gestern starb ein Offiziersanwärter aus Elsaß – Lothringen bei der Vernichtung eines Feindpanzers den Heldentod. Er lebt weiter. Heute hängt ein Feigling im Offiziersrock, weil er Führer und Volk verriet. Er ist für immer tot !“ So lautet der Text eines Plakates, das der nationalsozialistische Kampfkommandant Emil Lamberth neben dem hingerichteten Friedel Heymann anbringen ließ. Friedel Heymann wurde trotz Verwundung vor ein „Standgericht“ gebracht. Wer die Verhaftung veranlasst hat, ist später ebenso wenig zu klären wie das spurlose Verschwinden der beweisträchtigen Lazarettpapiere, die die Verwundung dokumentieren. Die Hinrichtung fand vor dem damaligen Cafe´ Höfling in der Herstallstraße 5 am 28. März 1945 statt. Heymann hing sieben Tage dort bis zum Einmarsch der Amerikaner am 3.April 1945. Das Standgericht in Aschaffenburg befand sich im Keller des Stabsgebäude der Jägerkaserne in der Würzburger Straße 45. Heymann war nicht der einzige, den es am Ende des Krieges noch erwischte. Es verurteilte auch drei kampfmüde, so genannte fahnenflüchtige Soldaten zum Tode und befahl die Erschießung von Hauptmann Baur aufgrund des bloßen Verdachtes der Spionage. Besonders aktuell werden diese Tatsachen, wenn man die Drohungen des Neonazis Martin Wiese vom Sommer sich vor Augen führt. Bei einer Kundgebung in Unterfranken im August 2011 soll der 35-Jährige Journalisten bedroht haben – unter anderem mit den Worten: “Wir werden eines Tages kommen, euch aus euren Löchern holen, euch vor einen Volksgerichtshof stellen und euch wegen Deutschlands Hochverrat verurteilen zum Tode.” Beim sogenannten Nationalen Frankentag in Roden im Landkreis Main-Spessart soll Wiese zudem ein T-Shirt mit dem Aufdruck “Seine Idee – unser Weg” und der Signatur “Adolf Hitler” getragen haben. Der Geist der Hinrichtung von 1945 ist also nach wie vor aktuell, der Schoß ist fruchtbar noch.

Christian Schauer

Aschaffenburg Demo zum Holocaust-Gedenktag

Demo zum Holocaust-Gedenktag 2012

Fotos privat

Holocaust-Gedenktag 2012

© Main-Echo

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Im Kahlgrund wenig Infos für die Fahrgäste

Insgesamt 14 Fahrten auf der Kahlgrundstrecke zwischen Schöllkrippen und Hanau waren laut Notfahrplan der Hessischen Landesbahn (HLB) am Mittwoch vom Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) betroffen. Wie konnte man das als Fahrgast in Erfahrung bringen? Bei der HLB hieß es dazu am Donnerstag: »Leider haben wir noch keinerlei Informationen, wie lange der Streik noch anhält. Derzeit werden wir noch auf unbestimmte Zeit bestreikt.« Ist es nicht möglich, dass die GDL der HLB mitteilt, wann sie streikt und diese dann der Kahlgrund Verkehrsgesellschaft (KVG) für ihre Anzeigetafeln die Informationen weiterleitet, so dass man am Morgen als unbescholtener Fahrgast dort lesen kann: »Zug fällt aus«?

Christian Schauer, Main-Echo vom 3.9.2011

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Der Leserbrief erschien im Heimatboten vom 6. August 2011

Leserbrief zu „Marktgemeinde unterstützt ‘Stolpersteine’- Projekt“, in: Der Heimatbote vom 4. August 2011

Dass das Projekt der Stolpersteine in Schöllkrippen bei Gesprächen mit den Bürgern auf offene Ohren stieß, ist zu begrüssen. Nicht überall ist das der Fall – in Alzenau war die Ablehnung zu groß. Für die Informationsbroschüre kann man nur auf die Dokumentation „Stolpersteine in Wiesbaden 2005 bis 2008“ hinweisen, die vom „Aktiven Museum Judengasse“ herausgegeben wird. Darin wird auf 175 Seiten über viele Einzelschicksale von Wiesbadener Juden berichtet. Darin heißt es, dass die Stolpersteine nur die Namen und Lebensdaten der gewürdigten Menschen beinhalten, die Dokumentation jedoch ausführlich die Schicksale dieser Menschen schildere. Der Verleger der Stolpersteine, Gunter Demnig, meinte in einem Interview (bezogen auf Wiesbaden) zu  seinem Projekt: „Ich denke, die Millionen-Anzahl der Opfer werde ich sowieso nicht mit neinen Stolperstein- Verlegungen bewältigen können. Es wird immer ein symbolisches Projekt bleiben… Auch die Formulierungen , die auf den Steinen sind, möchte ich bestimmen. Wenn etwa gesagt wird „verschollen in Auschwitz“ kann ich nur sagen, Auschwitz war Mord, da ist keiner verschollen… Das Stolperstein-Projekt ist ja auch ein Kunstwerk, das ich entwickelt, erfunden habe … Und einen Moment später kommt jemand aus dem Haus mit einem Klassenfoto und zeigt auf den und sagt, das war mein Freund. Das sind Momente, wo ich zu mir sagen kann, jetzt weißt du, warum du das machst!“ Es ist insgesamt erfreulich, dass sich nach Aschaffenburg jetzt auch mit Schöllkríppen ein zweiter Ort im Raum Aschaffenburg dieser Initiative angeschlossen hat.

Christian Schauer

Der Heimatbote vom 4.8.2011 Marktgemeinde unterstützt „Stolpersteine“-Projekt

Schöllkrippen. Der Marktgemeinderat Schöllkrippen will dem Schöllkrippener Projekt „Stolpersteine“ – subsidiär – unter die Arme greifen. Was das genau bedeutet, erklärte Bürgermeister Reiner Pistner mit den Worten, dass der Markt hinter dem Vorhaben stehe und den finanziellen Teil, der vom Arbeitskreis „Jüdische Geschichte“, in der Mittelschule, Kirchen, Heimat- und Geschichtsverein sowie die Gemeinde vertreten sind, nicht geleistet werden könne. Auf etwa 2.500 Euro würden sich die Gesamtkosten für die Stolpersteinregelung , inklusive einer Informationsbroschüre und Nebenausgaben belaufen. Der Bürgermeister konnte nach Gesprächen mit Bürgern bestätigen, dass das Projekt durchweg mit offenen Ohren aufgenommen werde. Mit den Stolpersteinen biete sich eine hervorragende Möglichkeit, an die Schicksale ehemaliger jüdischer Mitbürger zu erinnern.

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Main -Echo 29.12.2010

Andere Städte zeigen: Es geht auch besser

Dass es auch anders geht, zeigt die Stadt Hofheim im Taunus. Am 3. November 2010 erklärte die Stadtverordnetenversammlung in einem gemeinsamen Antrag mehrerer Fraktionen (SPD, CDU, GOHL und BfH) bei 38 Ja-Stimmen, nur zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung ihre Bereitschaft, Flüchtlinge im Rahmen eines Resettlement- Programms aufzunehmen und bestmöglich zu integrieren. Die Stadt appellierte gleichzeitig an die Bundesregierung, ein dauerhaftes Aufnahmeprogramm für Flüchtlinge einzurichten. In Deutschland sind inzwischen alle 2500 Irak-Flüchtlinge aus Syrien und Jordanien angekommen, die die Vereinten Nationen im Rahmen des Resettlement-Programms nach Deutschland vermittelt haben. München hat 127 Flüchtlinge aufgenommen; ursprünglich sollten circa 200 von ihnen in dieser Stadt ein neues Leben beginnen. Am 21. April 2010 hat der Nürnberger Stadtrat den Beschluss gefällt: Die Stadt wird Flüchtlinge im Rahmen des UNHCR-Resettlement- Programms aufnehmen. Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly hofft, dass dies ein Signal für andere Kommunen in der Region ist, der Bewegung »Save-me« beizutreten. Seit dem 1. Februar 2010 zählt auch Magdeburg zu den Städten, die sich für eine Aufnahme weiterer Flüchtlinge ausgesprochen haben. Fast einstimmig ist der Antrag beschlossen worden, die einzige Gegenstimme kam von der NPD.

Christian Schauer

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Leserbrief zu „Anstieg der Asylbewerberzahlen in Deutschland“, in: Der Heimatbote vom 16. Oktober 2010

In dem Artikel heißt es, die Gemeinschaftsunterkünfte seien dadurch stark ausgelastet. Es bestehe ein akuter Bedarf an Unterbringungs- und Erstaufnahmeplätzen. Sieht man sich die Zustände in der Aschaffenburger Gemeinschaftsunterkunft an, so kann man einerseits feststellen, daß Sanierungen der sanitären Einrichtungen in Angriff genommen wurden. Gegenwärtig sieht die Lage so aus: Zu gut 90 Prozent ist die Aschaffenburger Gemeinschaftsunterkunft derzeit ausgelastet. 320 Menschen leben Mitte Oktober im Asylbewerberheim, darunter 71 Kinder. Sie verteilen sich auf ein Männerhaus, zwei Familienhäuser und ein Haus für Frauen und Kinder. Die meisten kommen aus dem Irak, Iran, Äthiopien und Afghanistan. Handlungsbedarf gibt es bei Waschmaschinen, bei denen eine für acht Familien reichen muss. Da der Ablauf defekt ist, fließt das Abwasser auf den Boden. Die vielen Menschen auf engem Raum klagen über nervliche Belastungen, alle wollen raus. Das Ziel, die Gemeinschaftsunterkünfte aufzulösen, teilt auch die Regierung von Unterfranken. Insider bestreiten, daß es überhaupt keine kleinen Wohnungen gibt. Bis zum Auszug sollten eingezogene Wände für etwas Privatsphäre sorgen, damit etwas mehr Ruhe herrscht. Man kann nur an Vermieter appellieren, für diese Menschen privaten Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Christian Schauer  Der Leserbrief erschien im „Heimatboten” vom 21. 10.2010

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Main-Echo vom 12.08.2009

Stolpersteine wären besser für Hörstein Leserbrief

Immer noch will man bei der Bewältigung der NS-Geschichte mit Gedenksteinen arbeiten, obwohl es die schon in genügen der Zahl gibt. Warum schließt man sich nicht Aschaffenburg oder Seligenstadt an, wo “Stolpersteine” verlegt wurden? Hier handelt es sich um eine Form des Gedenkens, die sich weitgehend eingebürgert hat. Die pflastersteingroßen Stolpersteine werden glatt in Bürgersteige vor Häusern eingelassen, in denen ermordete Juden oder Regimegegner gewohnt haben. Die Oberflächeführt den Namen, Geburtsjahr, Deportations- und Todesort – soweit zu ermitteln – mit Jahresangabe auf.Gunter Demnig hat seine Denkzeichen bereits in vielen großen und kleineren Orten in Deutschland und in Europa verlegt.Zu unserer Nachbarstadt Seligenstadt lässt sich Folgendes sagen: Rund 150 Menschen jüdischer Abstammung lebten in dieser Stadt, als 1933 die nationalsozialistische Herrschaft begann. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges waren sie alle verschwunden – ausgewandert, deportiert oder häufig unter grausamen Umständen umgebracht. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss vor rund zwei Jahren, diesen Opfern an den Orten ihrer einstigen Existenz bleibende Erinnerungsstücke zu geben. Ein erstes Kontingent von 22 Stolpersteinen wurde im März 2007 in die Gehwege der Altstadt eingelassen. Ich denke, es ist eine sinnvolle Art des Gedenkens. Also Mut zu neuen Lösungen!

Christian Schauer
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Main-Echo vom 12.09.2008

Soll es nur kirchliches Theater geben?

Ich verstehe den Satz “Wir fördern den Unterhalt von Theatern und so auch einer Kultur mit, die uns zum Teil zuwider ist” nicht. Wer ist “uns”? Soll das Theater abgeschafft werden? Soll es nur kirchliches Theater geben? Gegen welchen Kulturbegriff geht es? Was meint Ortspfarrer Clemens Bieber damit? Ein deutscher Dichter namens Friedrich Schiller hat dem Theater einmal eine ganz hohe Aufgabe zugewiesen. Im Text über das Theater als moralische Anstalt ist der Erziehungsgedanke durchaus wichtig; aber er ist nicht ästhetisch, sondern praktisch verstanden. Unter “moralisch” versteht Schiller das gesamte praktische Leben mit seinen Entscheidungen und Werten. Moralisch bedeutet also: Erkenntnisse im Menschen fördernd, die ihn richtig handeln lassen. Und ihn lehren, seine Freiheit richtig zu gebrauchen, im praktischen Sinne – dahinter steht Kant. Ein Philosoph, der gelegentlich von deutschen Politikern zitiert wird. Es mag sein, dass dieses Ideal überhöht ist. Andere Sinnstiftungen für das Theater in der Gegenwart sind weniger hoch schweifend. Abschreckend wirkt der Populismus in der oben genannten Aussage auf jeden Fall.

Christian Schauer

Veröffentlicht 12. August 2011 von schauerchristian in Leserbriefe regional