Archiv für Juli 2011

Calw und Hermann Hesse

Besuch in Calw im Juni 2015

Nachruf von Hermann Hesse auf seinen Bruder Hans, der sich das Leben genommen hat (Gesammelte Werke 10, S. 211)

„Die Lateinschule, welche auch mir viele Konflikte gebracht hatte, wurde für Hans mit der Zeit zur Tragödie, auf andere Weise und aus anderen Gründen als für mich, und wenn ich später als junger Schriftsteller in der Erzählung ‚Unterm Rad‘ nicht ohne Erbitterung mit jener Art von Schulen abrechnete, so war das leidensschwere Schülertum meines Bruders dazu beinah ebensosehr, Ursache wie mein eigenes. Hans war durchaus gutwillig, folgsam und zum Anerkennen von Autorität bereit, aber er war kein guter Lerner, mehrere Lehrfächer fielen ihm sehr schwer, und da er weder das naive Phlegma besaß, die Plagereien und Strafen an sich ablaufen zu lassen, noch die Gerissenheit des Sich-Durchwindens, wurde er zu einem jener Schüler, von denen die Lehrer, namentlich die schlechten Lehre, gar nicht loskommen können, welche sie nie in Ruhe lassen können, sondern immer wieder plagen, höhnen und strafen müssen. Es sind mehrere recht schlechte Lehrer dagewesen, und einer von ihnen, ein richtiger kleiner Teufel, hat ihn bis zur Verzweiflung gequält. Dieser Mann hatte unter anderen bösen Gewohnheiten die, daß er sich beim Abfragen dicht und drohend vor dem Schüler aufstellte, ihm mit schrecklichem Richtergesicht anbrüllte und dann, wenn der verängstigte Schüler natürlich versagte und ins Stottern geriet, seine Frage viele Male wiederholte, in einem rhytmischen Singsang, und dazu im Takt mit seinem eisernen Hausschlüssel auf des Schülers Kopf losschlug. Ich weiß aus späteren Erzählungen meines Bruders, daß dieser böse kleine Tyrann mit seinem Hausschlüssel zwei Jahre lang den kleinen Hans nicht nur Tag für Tag, sondern oft auch bis in die Angstträume der Nacht hinein gepeinigt hat. Oft kam er in einem hoffnungslosen Krampf von Kopfweh und Todesangst aus der Schule nach Hause.“

Das Geschehen spielt in der Stadt Calw am Rande des nördlichen Schwarzwalds am Fluß Nagold. Die Stadt wurde urkundlich erstmals 1256 nachgewiesen. Die Grafen von Calw wurden erstmals 1075 erwähnt. Die einflussreiche Adelsfamilie des Hochmittelalters belebte im 11. Jahrhundert das Kloster Hirsau wieder. Das dortige Kloster war 830 gegründet worden. 1345 kam die Stadt in den Besitz der Grafen von Württemberg. 1620 zählte die Stadt etwa 2.500 Einwohner. Sie war wohlhabend und bevölkerungsreich.

1534 wurde die Reformation in Calw eingeführt. Johann Valentin Andreae (1586 bis 1654) war Spezialsuperintendent vor Ort. Hier sorgte er für eine Erneuerung von Schul- und Sozialwesen. Auch die Armenpflege war sein Herzensanliegen. Im 30-jährigen Krieg herrschte soziale Not in der Stadt. Er gründete den Färberstift – mit Geldanlagen wohlhabender Handwerker und Tuchhändler. Calw urde 1634 durch das kaiserliche Heer zerstört, die Kirche angezündet. Nur etwa 1.500 Einwohner kehrten nach dem Krieg in die Stadt zurück. 1650 wurde die “Calwer Zeughandlungscompagnie” gegründet. Sie veredelte und vertrieb Textilien (“Zeuge”). Ihre Teilhaber wurden nicht selten reich. Bedeutend für Calw war auch der Handel mit Salz, Wein und Holz.

1692 wurde Calw wieder zerstört. Es waren die Franzosen unter General Melac. Zerstört wurde auch das Koster Hirsau. 1696 wurde in der Peter- und Paulskirche wieder gepredigt. Beim Wiederaufbau wurde gespart – man benützte ausgeglühte Steine der gebrandschatzten Kirche und des zerstörten Klosters Hirsau. 1884 musste das Schiff abgebrochen werden. Für die Kirchenbesucher bestand Lebensgefahr. Vier Jahre später, 1888, konnte die Kirche wieder eingeweiht werden. Neugotisch war der Stil. Nach dem 2.Weltkrieg versuchte man sich mit einer reinen Gotik. Die Namen der 219 Kriegstoten und Vermissten wurden in die Säulen des Kirchenschiffs eingemeißelt – sind sie richtig in einer Kirche mit dem Gebetsschluß? “Laß die Sonne Deiner Gnade leuchten über dem verheerten Lande.” 1

Evangelische Stadtkirche Peter und Paul

Evangelische Stadtkirche
Peter und Paul

„Das Giebenrathsche Haus stand nahe bei der alten steinernen Brücke und bildete die Ecke zwischen zwei sehr verschiedenen Gassen.Die eine, zu welcher das Haus gerechnet wurde und gehörte, war die längste, breiteste und vornehmste der Stadt und hieß Gerbergasse. Die zweite führte jäh bergan, war kurz, schmal und elend und hieß „Zum Falken“, nach einem uralten, längst eingegangenen Wirtshaus, dessen Schild ein Falke gewesen war.“ 2

Hans Griebenrath soll von seinem Vater versohlt werden, kehrt aber tot nach Hause. „Zu derselbe Zeit trieb der so bedrohte Hans schon kühl und still und langsam im dunklen Flusse talabwärts. Ekel, Scham und Leid waren von ihm genommen, auf seinen dunkel dahintreibenden, schmächtigen Körper schaute die kalte, bläuliche Herbstnacht herab, mit seinen Händen und Haaren und erblaßten Lippen spielte das schwarze Wasser… Niemand wußte auch, wie er ins Wasser geraten sei.“ 3

Hesse-Denkmal in Calw

Hesse-Denkmal in Calw

„Das Wanderbüchlein so in Ordnung zu halten, war allerdings eine von Knulps Liebhabereien. Es stellte in seiner Tadellosigkeit eine anmutige Fiktion oder Dichtung dar, und seine amtlich beglaubigten Einträge bezeichneten lauter ruhmvolle Stationen eines ehrenwerten und arbeitsamen Lebens, in welchem nur die Wanderlust in Form sehr häufiger Ortswechsel auffiel. Das in diesem amtlichen Paß bescheinigte Leben hatte Knulp sich angedichtet und mit hundert Künsten der Scheinexistenz am oft bedrohten Faden weitergeführt, während er in Wirklichkeit zwar wenig Verbotenes tat, aber als arbeitsloser Landstreicher ein ungesetzliches und mißachtetes Dasein hatte. Freilich wäre es ihm kaum geglückt, seine hübsche Dichtung so ungestört fortzusetzen, wären ihm nicht alle Gendarmen wohlgesinnt gewesen. Sie ließen den heiteren , unterhaltsamen Menschen, dessen geistige Überlegenheit und gelegentlichen Ernst sie achteten, nach Möglichkeit in Ruhe. Er war beinahe ohne Vorstrafen, es war ihm kein Diebstahl und kein Bettel nachgewiesen, angesehene Freunde hatte er auch überall; so ließ man ihn passieren, wie etwa in einem Hauswesen eine hübsche Katze mitleben mag, die jeder nachsichtig zu dulden meint, während sie unbekümmert zwischen allen den fleißigen und bedrückten Menschen ein sorgenloses, elegantes, prachtvoll herrenmäßiges und arbeitsloses Dasein verlebt.“ 4 Aus dem Leben eines Taugenichts- im Eichendorffschen Sinne – wird hier also berichtet. Ein Müller schickt bei Eichendorff seinen Sohn, den er einen Taugenichts nennt, weil der ihn die ganze Arbeit allein machen lässt, hinaus in die Welt. Froh und unbeschwert nimmt der Sohn seine Geige und verlässt ziellos sein Dorf.

Knulp durchstreift im Alter die alte Heimat: „Der nachbarliche Fliederbaum war alt und moosig dürr geworden, und das Lattenhaus im anderen Garten war zerfallen, und man mochte an seine Stelle bauen, was man wollte, es wurde nie mehr so schön und beglückend und richtig, wie alles einmal gewesen war.“ 5 Bemerkung dazu Mitte der 70er Jahre: Nach rückwärts gerichtete Sentimentalität – „es gibt nur vergangene Paradiese“. Der einsame Sonderling outet sich auch im Alter: „Er war außerhalb gestanden, ein Bummler und Zaungast, beliebt in den guten jungen Jahren, und allein im Kranksein und Altern.“ 6 Auch Knulps Ende wird als eine Art Schlaf beschrieben: „Als Knulp die Augen nochmals auftat, schien die Sonne und blendete so sehr, daß er schnell die Lider senken mußte. Er spürte den Schnee schwer auf seinen Händen liegen und wollte ihn abschütteln, aber der Wille zum Schlaf war schon stärker als jeder andere Wille in ihm geworden.“ 7 Und das sehr lange vor dem Roman „Schlafes Bruder“.

Knulp -Skulptur in Calw

Knulp -Skulptur in Calw

Auch in anderen Werken ist das Unstete ein konstanter Faktor:„Siddharta wanderte im Walde, schon fern von der Stadt, und wußte nichts als das eine, daß er nicht mehr zurück konnte, daß dies Leben, wie er es nun viele Jahre lang geführt, vorüber und dahin und bis zum Ekel ausgekostet und ausgesogen war. Tot war der Singvogel, von dem er geträumt. Tot war der Vogel in seinem Herzen. Tief war er in Sansara verstrickt, Ekel und Tod hatte er von allen Seiten in sich eingesogen, wie ein Schwarm Wasser eingesaugt, bis er voll ist. Voll war er von Überdruß, voll von Elend, voll von Tod, nichts mehr gab es in der Welt, das ihn locken, das ihn freuen, das ihn trösten konnte.

Sehnlich wünschte er, nichts mehr von sich zu wissen, Ruhe zu haben, tot zu sein. Käme doch ein Blitz und erschlüge ihn! Käme doch ein Tiger und fräße ihn! Gäbe es doch einen Wein, ein Gift, das ihm Betäubung brächte, Vergessen und Schlaf, und kein Erwachen mehr! Gab es denn noch irgendeinen Schmutz, mit dem er sich nicht beschmutzt hatte, eine Sünde und Torheit, die er nicht begangen, eine Seelenöde, die er nicht auf sich geladen hatte?“ 8

Aus dem Gespräch zwischen zwischen Govinda und Siddharta am Ende des Werkes: „Govinda sagte: ‚Aber ist das, was du ‚Dinge‘ nennst, denn etwas Wirkliches, etwas Wesenhaftes? Ist das nicht nur Trug der Maja, nur Bild und Schein? Dein Stein, dein Baum, dein Fluß – sind sie denn Wirklichkeiten?‘

‚Auch dies‘, sprach Siddharta, ‚bekümmert mich nicht sehr. Mögen die Dinge Schein sein oder nicht, auch ich bin alsdann ja Schein, und so sind sie stets meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und verehrenswert macht; sie sind meinesgleichen. Darum kann ich sie lieben. Und dies ist nun die Lehre, über welche du lachen wirst: die Liebe, o Govinda, scheint mir vor allem die Hauptsache zu sein. Die Welt zu durchschauen, sie zu erklären, sie zu verachten, mag großer Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu können, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten zu können.’“ 9

Man kann daher der Redaktion von Kindlers Literaturlexikon zustimmen, die das Werk folgendermaßen zusammenfasst: „Hesses Roman, der sich mit exotischen Wendungen, Archaismen und und einer gleichsam kultisch-rituellen Leitmotivtechnik in die indische Geisteswelt einzufühlen versucht, ist das Zeugnis eines Glaubens, der ’nicht die Erkenntnis, sondern die Liebe obenan stellt’…“ 10

Kehren wir von einem Ausflug nach Indien zu den Glasfenstern der Evangelischen Stadtkirche Peter und Paul in Calw zurück. Die Buntglasfenster wurden von 1886 bis 1914 in München gefertigt. Im Zweiten Weltkrieg beschädigt, wurden sie von 1950 bis 1952 wieder hergestellt. Das markanteste Fenster zeigt die Kreuzigung Christi. 11

1 Faltblatt des Evangelischen Pfarramtes an der Stadtkirche, Hindenburgstraße 14, Calw

Hermann Hesse, Unterm Rad, Frankfurt am Main 2013 (52. Auflage), S. 118

Hermann Hesse, ebd. S 164

4 Hermann Hesse, Knulp, Frankfurt am Main 1974, S. 13 f.

5 Ebd., S.116

6 Ebd., S. 117

7 Ebd., S. 128

8 Hermann Hesse, Siddharta, Frankfurt am Main 1973, S. 80

9 Ebd,. S.132

10 Manfred Kluge / Rudolf Radler, Hauptwerke der deutschen Literatur, München 1974,
S. 489

11 Monika Soffner-Loibl, Evangelische Stadtkirche Peter und Paul Calw, Passau o.J., S. 11

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Veröffentlicht 9. Juli 2011 von schauerchristian in Calw und Hermann Hesse

Vertreibung der Deutschen; Roma in Frankreich – Linker Antisemitismus – Fall Emmely – Obamas Indianerpolitik; Herero-Aufstand


Vertreibung der Deutschen – Historisches und Aktuelles – Die Politik der Vertriebenenverbände

Ohne eine Mindestmaß an historischer Analyse ist eine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Vertreibungsgeschehen des Zweiten Weltkrieges nicht möglich.

Der von den Nationalsozialisten vom Zaum gebrochene Zweite Weltkrieg brachte für die einheimische Bevölkerung im Osten nicht nur unverschuldetes Leid, das von der Einschränkung persönlicher Freiheit bis zur Ermordung von Millionen Menschen reichte, sondern auch eine Politik der Germanisierung, das ist eine Umschreibung für die Vertreibung der slawischen Völker aus ihrer Heimat Osteuropa, die Ansiedlung von Deutschen an ihrer Stelle und die Eindeutschung von Angehörigen anderer Völker. Den slawischen Völkern war die Rolle zugedacht als „Arbeitsvolk“ für das deutsche „Herrenvolk“ zu arbeiten. Bei der Eroberung Osteuropas wurden nationalsozialistische Zielsetzungen mit rabiaten Methoden propagiert und auch angewandt. Die Eroberung der Sowjetunion sollte mit einer Bevölkerungsreduzierung einhergehen, wobei eine Zahl von 30 Millionen verhungernden Sowjetmenschen hingenommen wurde.

Symptomatisch für die Haltung gegenüber den osteuropäischen Völkern ist eine Aussage eines Vertreters des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete:“ Es sei zu erwägen, ob nicht durch die Industrialisierung des baltischen Raumes zweckmäßigerweise die rassisch unerwünschten Teile der Bevölkerung verschrottet werden könnten.“ Weitere Monströsitäten des Generalplanes Ost entwickelte Himmler noch zu einer Idee einer flächendeckenden Germanisierung des Ostens. Die Visionen waren verbunden mit dem Wunsch der Massenvertreibung und der Vernichtung anderer Völker.

Der vom Deutschen Reich als „totaler Krieg“ geführte zweite Weltkrieg konnte nur mit einem totalen Sieg oder einer totalen Niederlage enden. Die Vertreibung der Deutschen wurde in den Konferenzen von Teheran (1943) und Jalta (1945)gutgeheißen und im Potsdamer Abkommen 1945 besiegelt. Der englische Premierminister Churchill meinte dazu im Dezember 1944: „Denn die Vertreibung ist, soweit wir in der Lage sind, es zu überschauen, das befriedigendste und dauerhafteste Mittel. Es wird keine Mischung der Bevölkerung geben…“
Besonders hervor tat sich schon 1941 der tschechoslowakische Staatspräsident Benesch, indem er die restlose Vertreibung der 3,5 Millionen Sudetendeutschen forderte. Insgesamt befanden sich 1946 in den Besatzungszonen über 9,5 Millionen heimatvertriebene Deutsche. Bis 1950 kamen noch einmal über 2 Millionen dazu. Die Vertreibung vollzog sich nicht in den geordneten Bahnen, wie sie im Potsdamer Abkommen vorgesehen waren, sondern wurde mit Massakern und Terror durchgesetzt. So wurden allein 240.000 Sudetendeutsche getötet. Zwei Millionen Menschen starben insgesamt auf der Flucht. Hinrichtungen, Todesmärsche und Vergewaltigungen rücken das Bild einer Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Gesinnung in das Bewußtstein.

Im August 1950 unterzeichneten führende Vertreter der deutschen Heimatvertriebenen in Stuttgart die „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ Darin heißt es:

1. Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung.
Dieser Entschluß ist uns ernst und heilig im Gedenken an das unendliche Leid, welches insbesondere das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat.

2. Wir werden jedes Beginnen mit allen Kräften unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können.

3. Wir werden durch harte, unermüdliche Arbeit teilnehmen am Wiederaufbau Deutschlands und Europas.

Zu einem „Grundrecht auf Heimat“ heißt es: „Wir fühlen uns berufen zu verlangen, daß das Recht auf die Heimat als eines der von Gott geschenkten Grundrechte der Menschheit anerkannt und verwirklicht wird.“

Die Vertriebenenverbände gliederten sich organisatorisch in der Bundesrepublik in zwei Dachverbände
– den Bund der Vertriebenen- Vereinigte Landsmannschaften und Landesverbände (BdV) und
– den Bund der Mitteldeutschen (BMD)

Im BdV sind 19 Landsmannschaften mit etwa 2 Mio. Mitgliedern (Mitte der 80er Jahre 2,25 Mio. Mitgliedern) zusammengefaßt, der BMD hatte um 1990 60.000 Mitglieder (220.000 Mitglieder in den 80er Jahren). Laut BdV hat hat er sich aufgelöst.
Der BdV trat Mitte der 80er Jahre nach eigenen Angaben ein „für die Verwirklichung der Menschenrechte, des Rechts auf Heimat, für die Durchsetzung eines internationalen Vertreibungsverbots sowie für die Entwicklung wirksamer Volksgruppenrechte, für die Wahrung der nationalen und staatlichen Einheit Deutschlands,für die Wiedervereinigung aller Teile Deutschlands in Freiheit und Frieden und für eine friedliche Ordnung der Staaten in einem freien und geeinten Europa“ (Deutscher Ostdienst, Bonn 9/ 1983)
Der Masseneinfluß der Vertriebenen war durch Vererbung gesichert. Nach 1945 in der Bundesrepublik geborene Kinder von Vertriebenen galten ebenfalls als Vertriebene, was dazu führte, daß sich die Vertriebenenzahl trotz mangelnder Vertreibung im Laufe der Jahrzehnte erhöht hat. Zum 1.1.1993 ist die Vertriebeneneigenschaft von Kindern aufgehoben worden. Beachtlichen publizistischen Einfluß üben die Vertriebenenverbände durch Presseorgane wie die „Sudetendeutsche Zeitung“, den „Schlesier“ oder das „Ostpreußenblatt“ aus.

Im „Gesetz über die Angelegenheiten der Vertriebenen und Flüchtlinge“ (Bundesvertriebenengesetz) wird den Vertriebenen eine Sonderstellung in der Bevölkerung zugesichert. Vor allem die CDU-geführten Regierungen pflegten ein freundschaftliches Verhältnis zu den Vertriebenen. Überdurchschnittlich viele der Vertriebenenfunktionäre gehörten der CDU an, ein Bindeglied bildet auch die „Ost- und Mitteldeutsche Vereinigung der CDU/CSU- Union der Vertriebenen“.

Trotz des offiziellen Programmpunktes, der einen Verzicht auf Rache und Vergeltung festschreibt, sind in den Reihen der Vertriebenen immer wieder Äußerungen zu finden, die dieser Absicht entgegenstehen. Um die Jahreswende 1984/1985 tauchte zum „Deutschlandtag“ der Schlesischen Landsmannschaft die Losung „Schlesien bleibt unser“ auf. Aus dieser Formulierung konnte ein Bestreben nach Grenzrevisionen herausgelesen werden, das Ängste im Osten hervorrief. Schon in den 50er Jahren war aufgefallen, daß ein tiefbrauner Vertriebenenminister Oberländer (NSDAP-Mitglied seit 1933) das demokratische Bild der Vertriebenen trübte. Der nationalkonservative Scharfmacher Seebohm bildete als Verkehrsminister einen weiteren Höhepunkt der fraglichen Aussöhnungsbereitschaft mit dem Osten. Er bekannte zum Beispiel 1950 in Kassel, er neige sich „vor jedem Symbol, unter dem deutsche Soldaten ihr Leben gelassen haben.“ Scharf bekämpften die Vertriebenenverbände auch die Ostpolitik der sozialliberalen Regierungen seit 1969. Mit den bestehenden Ostgrenzen wollten sie sich erst recht nicht nach der konservativen Wende von 1982 abfinden. Im Organ „Der Schlesier“ hieß es dazu am 25.5.1984: „Die illegale Fremdbesiedelung Ostdeutschlands stellt absolut kein Faktum dar, an dem nicht mehr gerüttelt werden dürfe. Eine Repatriierung der dort nach 1945 angesiedelten Menschen wäre beileibe keine „zweite Vertreibung“. Es ist nicht unbillig, vom Unrechtsverursacher zu verlangen, die ihm durch die Wiederherstellung des Rechtszustandes entstehenden Härten in Kauf zu nehmen.“ Eine neue Vertreibung der Polen wurde allerdings von den führenden Vertretern der Vertriebenenverbände abgelehnt.

Nicht abfinden konnte sich der Bund der Vertriebenen 1990 mit der Unterzeichnung eines Grenzvertrages, in dem Deutschland die Oder-Neiße-Grenze gegenüber Polen anerkennt. Die Organisation warnte vor einer „totalen Preisgabe deutscher Gebiete und Rechte“ in Polen. Mitte dieses Jahres ließ sich der Bund der Vertriebenen sogar dazu hinreißen, die Beteiligung der Deutschen jenseits von Oder und Neiße an den gesamtdeutschen Wahlen zu fordern. Würden die Deutschen aus diesen Gebieten von den gesamtdeutschen Wahlen ausgeschlossen, „wäre dieses Gesetz illegal und die Wahl ungültig“. In dieser Zeit ermutigte der Vertriebenenverband auch deutschstämmige Polen, deutsche Pässe zu beantragen. „Die Tätigkeit des Bundes der Vertriebenen zielt darauf ab, völkerrechtlich verbindliche Vereinbarungen zur polnischen Westgrenze zu unterlaufen“, meinte der Grünen-Politiker Hubert Kleinert dazu.

Gegenwärtig fordern der Bund der Vertriebenen ebenso wie die CDU ein Zentrum für Vertreibung. Erika Steinbach, Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, meinte dazu anläßlich des Jubiläums der Charta der Heimatvertriebenen, der Verband wolle Menschenrechtsverletzungen in der gesamten Vertreibungspolitik in das gesellschaftliche Bewußtstein bringen.

Ende 1999 brachte die CDU/CSU Bundestagsfraktion den Antrag „Errichtung eines Mahnmals gegen Flucht und Vertreibung“ in den Deutschen Bundestag ein. Mit dem Antrag sollte die Bundesregierung aufgefordert werden, das im Jahre 1955 am Theodor-Heuss-Platz in Berlin errichtete Denkmal für die Opfer von Flucht und Vertreibung als zentrales Mahnmal gegen Flucht und Vertreibung in die Gedenkenstättenkonzeption des Bundes aufzunehmen.

Auf wenig Gegenliebe stößt das vom Bund der Vertriebenen geforderte „Zentrum gegen Vertreibungen“ bei der jetzigen Bundesregierung. Bundeskanzler Gerhard Schröder meinte während seines Auftrittes beim „Tag der Heimat“ Anfang September 2000, es gebe schon jetzt viele und gut ausgestattete Einrichtungen für die Erinnerung an die Geschichte. „Deshalb steht die Bundesregierung Plänen für eine zusätzliche zentrale Gedenkstätte zurückhaltend gegenüber.“ Auch widersprach Schröder Vorstellungen von Vertriebenenfunktionären, die Ost-Erweiterung der Europäischen Union davon abhängig zu machen, daß in Tschechien die Benesch-Dekrete aufgehoben würden.

Einen Konfliktpunkt der Vertriebenenpolitik nach der Bildung einer rotgrünen Regierung 1998 bildete auch die Neubewertung der Vertriebenenkultur durch den Staatsminister für Kultur im Bundeskanzleramt, Michael Neumann, der mittlerweile zurückgetreten ist. Dieser wollte 1999 die Zuwendungen des Bundes für die Pflege der deutschen Kultur in Osteuropa von dreiundvierzig auf fünfunddreißig Millionen Mark 2003 senken. Die „Stiftung Ostdeutscher Kulturrat“ und die „Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen“ sollten ganz aus der Bundesförderung ausgeschlossen werden. Die Unterstützung von Projekten der „Stiftung Deutschlandhaus“ in Berlin wurde Ende 1999 eingestellt. Die Vertriebenenverbände sahen diese Pläne als „Kulturpolitik mit dem Schlachtermesser“.

Christian Schauer

Literatur:

Benz, Wolfgang: Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen, Frankfurt am Main 1988

Rabe, Karl-Klaus: Von Oggersheim bis Oberschlesien. Union und Vertriebenenverbände im politischen Gleichklang- Eine Dokumentation, Bornheim-Merten 1985

Aly, Götz, Heim, Susanne: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Frankfurt am Main 1993

Böddeker, Günter: Die Flüchtlinge. Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, München-Berlin 1980

50 Jahre Charta der Heimatvertriebenen, Reden von Erika Steinbach am 4.August 2000 und vom 2.September 2000 Deutscher Bundestag -hib (heute im Bundestag) vom 7.Dezember 1999, Vertreibungsmahnmal in Gedenkstättenkonzeption aufnehmen (Antrag der CDU/CSU Fraktion)

Munzinger-Archiv über Hans-Christoph Seebohm 49/67 und Theodor Oberländer 31/98

 

Zeitungsberichte:


FAZ vom 28.7.1999: Weniger fördern, statt dessen mehr fordern
FAZ vom 23.10.1999
FAZ vom 4.9.2000: Schröder würdigt die Arbeit der Vertriebenenverbände

Stuttgarter Zeitung vom 4.9.2000: Vorsichtige Annäherung bei klaren Fronten
Die Welt vom 4.9.2000: Landsmann Schröder
FAZ vom 11.12.2000 Umwälzende Neuordnungen- Eine Biographie des Vertriebenenministers Theodor Oberländer

TAZ vom 18.6.1990: „Preisgabe Ostdeutschlands“
TAZ von 23.6.1990: „Nur zur Beruhigung der Welt“
TAZ vom 2.7.1990: Schlesier in Polen- neue Wege oder alte Fronten
TAZ vom 19.7.1990: 2+4-Garantie für Polens Westgrenze
TAZ vom 25.7.1990: Alle sollen wählen
TAZ vom 29.8.1990: Vertriebene schäumen über Oskar Lafontaine
TAZ vom 13.9.1990: Deutschlandvertrag im Windschatten des Golfkonfliktes
TAZ vom 12.10.1990: Gegen Finanzierung der Vertriebenenverbände
Kölner Stadtanzeiger vom 21.3.1991: Durchhalte-Parolen, weil Bonn nicht zahlt?

Bundesvertriebenengesetz (BVFG)- Text im Bundesgesetzblatt 1993 Teil I Seite 830

 

(Quelle: „Asyl am Untermain“, Informationsdienst, Nr. 25, März – August 2001, Seite 10 – 11)

 

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Leserbrief zum Spruch des Tages „Wir würden weit mehr gewinnen, wenn wir uns zeigten, wie wir sind, als bei dem Versuche, das zu scheinen, was wir nicht sind- Larochefoucauld“ und „Roma sollen raus“, in: Der Heimatbote vom 19.8.2010

Zwischen 10.000 und 15.000 Roma aus Rumänien und Bulgarien leben seit etwa zehn Jahren in Frankreich – die meisten im Großraum Paris. Hier sind ihre Einnahmemöglichkeiten aus Betteln und aus Straßenmusik am besten. Oft leben sie in slumähnlichen Verhältnissen. Häufig gehen Nachbargemeinden rechtlich gegen sie vor.

Zwar gilt seit dem 1. Januar 2007 für Staatsangehörige der neuen EU-Mitglieder Rumänien und Bulgarien die Freizügigkeit. Doch Frankreich hat eine “Übergangsfrist” bis 2013 eingeführt. Auf dieser Grundlage hat das Land 2008 mehr als 8.000 Rumänen und Bulgaren abgeschoben. Nach der Abschiebung können sie jedoch problemlos wieder nach Frankreich einreisen. Nicolas Sarkozy hat die osteuropäischen Roma ins Visier genommen. Vor kurzem hatte der französische Präsident seinen Innenminister Maßnahmen ankündigen lassen, mit denen den Roma das Leben in Frankreich schwer bis unmöglich gemacht werden soll. So soll die Hälfte der 300 wilden Camps in Frankreich binnen drei Monaten aufgelöst werden. Zehn Finanzinspektoren sollen die Rechnungsbücher des fahrenden Volkes prüfen. Weiterhin wurde beschlossen, dass bei kriminellen Handlungen auf frischer Tat ertappte Roma sofort nach Rumänien, Bulgarien oder Ex-Jugoslawien ausgewiesen werden. Zudem sollen rumänische Polizisten in Frankreich an der Jagd auf kriminelle Roma beteiligt werden. Innenminister Hortefeux will das Gesetz Ende September der Nationalversammlung präsentieren. Die Initiative erfolgt wenige Tage nach Unruhen in einem Dorf im Loiretal. Roma hatten ihrer Wut über den Tod eines der ihren mit Brandschatzungen und Verwüstungen Luft gemacht. Der Mann war an einer Polizeisperre erschossen worden, als er sich gewaltsam einer Kontrolle entziehen wollte. Die Kampagne gegen die in Frankreich ansässigen Sinti und die ausländischen Roma hatte der französische Präsident eröffnet, als er ihnen pauschal Kinderhandel und Prostitution vorwarf. Zwei Tage später schränkte er ein: Man müsse zwischen einer Minderheit krimineller Roma und der großen Mehrheit dieser Volksgruppe unterscheiden- so seine Meinung.

Die bekannte Schauspielerin Fanny Ardant sagte dazu, in Zeiten von Wirtschaftskrisen suche man Sündenböcke – und als solche dienten Ausländer oder Roma. Auch der Verband Romeurope unterstellt Sarkozy die “Ethnisierung und Stigmatisierung” eines sozialen Problems. Statt aber auf billigen Populismus zu setzen, solle er sich dieser Problematik annehmen. Das Hilfswerk France-Terre d’asile kritisiert, Sarkozy schieße sich auf eine kleine Minderheit von 15 000 Roma ein. Schon jetzt weise die Polizei jedes Jahr Tausende von Roma aus, viele kehrten jedoch sofort nach Frankreich zurück. Es ist bedauerlich, daß eine derartig großangelegte Kampagne gegen ein derartig kleines Volk gestartet wird. Wahrscheinlich geht es für das Sarkozy-Lager tatsächlich darum, mit Hilfe der rechtsradikalen Wählerstimmen wieder den nächsten Präsidenten zu stellen.

Christian Schauer

Der Leserbrief erschien im „Heimatboten“ am 21.8.2010

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Auszug Main-Echo vom 17.7.2010

Raus aus der »Dauermeckerecke« Gesellschaft: Zentralrat der Juden in Deutschland vor 60 Jahren in Frankfurt gegründet – Erinnerung an Holocaust bleibt auch künftig zentrale Aufgabe 1990 begann die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion – die das Judentum in Deutschland nachhaltig verändert hat. Die Zahl der Juden in Deutschland stieg von rund 25 000 auf heute 110 000 an. Die Integration der Einwanderer, die in ihrer Heimat meistens wenig Berührung mit dem Judentum gehabt hatten, wurde zur vordringlichen Aufgabe des Zentralrats. Seit 2008 erhält der Verband, unter anderem für die Integration, jährlich fünf Millionen Euro von der Bundesregierung.
……
Leserbrief schauer

Linker Antisemitismus

Eigentlich ist es erstaunlich, daß überhaupt noch Juden hier bleiben wollten (in Deutschland), nachdem der Widerstand gegen den Antisemitismus nicht sehr groß war während des Zweiten Weltkrieges. Warum waren 1938/39 nach der Proklamation des Großdeutschen Reiches 90 Prozent der Deutschen nicht für die NSDAP, aber für Adolf Hitler? Fragen, die den wenigen dagebliebenen Juden sicherlich ein Unbehagen einflößten. Der Anstieg der Zahl der Juden auf 100.000 belegt allerdings, daß die Bundesrepublik mittlerweilen als sicherer Ort gilt als die ehemaligen Staaten des Ostens (aus denen viele Juden zuwanderten), die früher- in kommunistischer Zeit- schon bedenkliche antisemitische Auswüchse zuließen. Der Auftakt für die antijüdische „Säuberungen“ in der Sowjetunion nach dem 2. Weltkrieg bildete die Ermordung des großen jüdischen Schauspielers Shlomo Michoels durch Stalins Geheimpolizei im Januar 1948. Michoels war Vorsitzender des Jüdischen  Antifaschistischen Komitees. Kurz darauf wurde  das JAFK verboten. Am 12.8.1952 wurde auf Befehl Stalins die Elite der jiddischen sowjetischen Schriftsteller, darunter die weltberühmten Dichter Perez Markisch, ltzik Fejfer und David Bergelson, hingerichtet. Den Höhepunkt des antisemitischen Tendenzen in der Sowjetunion bildete das sogenannte “Ärztekomplott” von Anfang 1953. Die angeklagten Ärzte, unter ihnen auch Stalins Leibärzte, waren fast alle Juden und wurden bezichtigt, Mordpläne gegen Stalin geschmiedet zu haben und mit zionistischen Spionen im Bunde zu sein. Der Tod Stalins am 5.3.1953 verhinderte ein landesweites Pogrom und wahrscheinlich die geplante Massendeportation der russischen Juden nach Sibirien. Sicherlich wäre es schon damals gut gewesen, wenn die Bundesrepublik einige dieser bemitleidenswerten Menschen hätte aufnehmen können.

Christian Schauer

geschrieben: 22.07.2010 20:08

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Main-Echo 17.06.2010 (Auszug) »Emmely« kehrt wieder zu Kaiser’s zurück Kündigungsskandal: Aber nicht in die alte Filiale Berlin  – Die wegen des Einlösens von zwei Pfandbons entlassene und als »Emmely« bundesweit bekanntgewordene Berliner Kassiererin Barbara E. arbeitet ab Montag wieder bei ihrem früheren Arbeitgeber ,der Supermarktkette Kaiser’s.
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Leserbrief schauer

Emmely kehrt wieder zu Kaiser’s zurück

Es ist sehr zu begrüßen, daß es im Fall Emmely durch das Bundesarbeitsgericht zu einer Wende gekommen ist. Derartig niedrig schwellige Verfehlungen wie die Einlösung von liegen gebliebenen Pfandmarken im Wert von 1,30 Euro dürfen nie und nimmer Anlass einer Kündigung sein.Die Wende in den Kündigungsprozessen deutete sich bereits im vorigen Jahr an. Damals betonte das BAG in einer Kündigungs- Entscheidung, dass es auch bei Eigentumsdelikten Fälle geben kann, in denen der Arbeitgeber nicht einfach kündigen darf, sondern zuvor eine Abmahnung aussprechen muss. Das Grundprinzip muss lauten:Verletzt ein Arbeitnehmer seine Pflichten, muss er in der Regel zuerst abgemahnt werden. Die fristlose Kündigung muß die Ausnahme sein.Eine Gesetzesänderung, wie sie SPD und Linke vorschlagen − bei Delikten mit geringem wirtschaftlichen Schaden sollte beim ersten Mal in der Regel nur eine Abmahnung ausgesprochen werden − ist deshalb zu befürworten.

Christian Schauer, geschrieben: 18.06.2010 17:19

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Main-Echo vom 24.12.2009

Obamas Vorgänger begingen historisches Unrecht

Die Entscheidung einer Entschädigung für die Indianer gehört zu den positiven Dingen, die die Präsidentschaft Obamas bisher gebracht hat. Die Indianerkriege erreichten ihren Höhepunkt zwischen 1860 und 1890. 1890 nach der Niederlage der Indianer am »Wounded Knee« war der Widerstand der Indianer gebrochen. Besaßen die Indianer zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch rund 300 000 Quadratkilometer Land, waren es 50 Jahre später noch 100 000 Quadratkilometer. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts waren mehr als die Hälfte der Indianer ohne Arbeit, 90 Prozent ihrer Wohnungen blieben unter dem Standard der übrigen Bevölkerung. Die Krankheit Tuberkulose grassierte bei Indianern acht mal häufiger als bei Weißen, die Kindersterblichkeit war doppelt so hoch, die Lebenserwartung deutlich geringer.

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts begann in der »era of good feelings« 1819 die Auslöschung der Semiolen in Florida; nicht viel besser erging es den Creek, den Choctow, den Mohikanern und den Delawaren. Die Zahl der Pawnees sank zwischen 1838 und 1951 von 10 000 auf 650. Nehmen wir zwei Repräsentativfälle aus den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts. Im November 1864 überfällt in Colorado Oberst Chivington im Morgendämmer mit circa 1000 Mann rund 150 Hütten der Cheyennen und tötet mehr als 450 Menschen. Perfid erpresste man von den Sioux Millionen Acres Land für fast nichts. 1862 kommt es deswegen zu einem großen Aufstand der Sioux, dem fast tausend Weiße zum Opfer fallen. Sioux, die im Anschluss daran nicht fliehen, werden in ein Konzentrationslager gebracht, aufgehängt oder erschossen.1866 schrieb ein General: »Wir müssen mit äußerster Strenge gegen die Sioux vorgehen, bis zu ihrer Ausrottung – Männer, Frauen und Kinder.« Deswegen ist das Eingeständnis der amerikanischen Regierung, dass Vorgänger-regierungen historisches Unrecht begangen haben, ein Stück sinnvolle Vergangenheitsbewältigung. Christian Schauer


 

Leserbrief zu „100 Jahre Herero-Aufstand“ – Gedenken am 12.1.2004; der Leserbrief erschien in der Zeitung „Der Heimatbote“ am 20.1.2004:

Die schrecklichen Ereignisse des Hereroaufstandes wurden von etwas weitblickenderen Persönlichkeiten schon damals als dem deutschen Image nicht förderlich eingestuft. So meinte der letzte deutsche Gouverneur von Ostafrika, Heinrich Schnee, missbilligend zur Ausrottungspolitik General von Trothas in seinen Memoiren: „Trotha führte den Krieg rein militärisch in rücksichtslosester Weise durch, das Ergebnis war äußerst übel; viele Menschen wurden unsinnigerweise unter bedauernswerten Umständen vernichtet. Das Vorgehen war ebenso geeignet, das Ansehen Deutschlands als einer Kulturnation in der Welt herabzusetzen, wie es die wirtschaftliche Entwicklung der ohnehin sehr dünn mit Eingeborenen bevölkerten Kolonie schädigen mußte.“ Grundsätzliche Kritik an einem Kolonialkrieg ist in diesen Worten allerdings nicht zu erkennen.

Eine entschiedenere Kritik an der Kriegspolitik von Trothas übten die Sozialdemokraten im Reichstag. Durch Feldpostbriefe von der unmenschlichen Härte der deutschen Kriegsführung unterrichtet, protestierten sie gegen die Barbarei. Doch auch August Bebel war in seiner Kritik eher zwiespältig: „Es muß auch der größte Gegner der Kolonialpolitik anerkennen, dass diese Männer (die deutschen Soldaten) mit einer Ausdauer und Opferfreudigkeit gekämpft haben, die geradezu als bewundernswert genannt werden muß.“

Welche Folgerungen ergeben sich für die Bundesrepublik heute daraus? Die wirtschaftliche Lage der „Eingeborenen“ ist gegenwärtig nicht sehr positiv. 130000 Nachfahren dieses bedauernswerten Volkes leben in äußerst bescheidenen Verhältnissen. Ein Grund genug für die deutsche Außenpolitik, sich mit besonderem Nachdruck für die unterprivilegierten Hereros einzusetzen. Relative Verbesserungen gegenüber der Politik Helmut Kohls, der 1995 die Vertreter der Hereros nicht empfangen wollte, sind schon eingetreten, indem der jetzige Außenminister Fischer im vergangenen Jahr eine Verantwortung Deutschlands für seine Kolonialgeschichte anerkannte.

Einiges Geld hat die Bundesrepublik seit 1990 nach Namibia transferiert, mit einer halben Milliarde Euro mehr als in andere unterentwickelte Länder. Die Hereros bekommen davon nicht viel zu sehen, haben doch die Ovambos in Namibia das Sagen. Ist es nicht möglich, dass man einen eingegrenzten Verwendungszweck „Verbesserung der Lage der Hereros“ bestimmt und Entwicklungshilfegelder einem demokratisch gewählten Gremium dieses Volkes zukommen lässt?

Last but not least: Eine Von-Trotha-Straße wie in München-Trudering darf es in Deutschland in Zukunft nicht mehr geben.

Christian Schauer