Archiv für Januar 2011

Skandal in Reinkultur

Leserbrief zu “Mit SS-Massenmördern an einem Tisch”, in: Main-Echo vom 10.1.2014,

erschienen in: Main-Echo vom 14.1.2014

Die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts können in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen als die Epoche der großen Amnestie gegenüber Kriegsverbrechern. Man denke an Hans Globke, den Kommentator der Nürnberger Rassengesetze, der als Personalchef des Bundeskanzlers Adenauer das Auswärtige Amt zu zwei Dritteln mit ehemaligen NS-Diplomaten besetzte. Der damalige Bundeskanzler meinte rechtfertigend dazu: „Man kann doch ein Auswärtiges Amt nicht aufbauen, wenn man nicht wenigstens zunächst an den leitenden Stellen Leute hat, die von der Geschichte von früher etwas verstehen.«

Die Todesurteile gegen Einsatzgruppenleiter und Angehörige des Reichsicherheitshauptamtes führten 1951 nach der Vollstreckung zu scharfen Protesten eines Teils der deutschen Presse. Franz Blücher, Stellvertreter des Bundeskanzlers, nannte sie eine „Ungerechtigkeit.“ Die „Organisation Gehlen“, eine Abteilung des ehemaligen Oberkommandos der Hitlerwehrmacht – Abteilung Fremde Heere Ost – wurde im Mai 1955 zum Bundesnachrichtendienst umfunktioniert.

Der Friede mit den Tätern des Nationalsozialismus – er war eine Herzensangelegenheit der politischen Elite der deutschen Nachkriegsepoche. Juristen des NS-Staates mussten um ihre Nachkriegskarriere nicht bangen. Tausende von belasteten Richtern durften wieder amtieren, sie besetzten die Posten der Landgerichts- und Oberlandesgerichtspräsidenten. Im Bonner Justizministerium agierten Juristen wie Dr. Schafheutle und Dr. Ernst Kanter, die im NS-Staat hervorgehobene Positionen im Reichsjustizministerium inne hatten. 1958 wurde Kanter Präsident des 3.Strafsenats des Bundesgerichtshofes.

Zwischen 1945 und 1965 wurden insgesamt gegen über 60.000 Beschuldigte Ermittlungen wegen Verdachtes der Beteiligung an NS-Kriegsverbrechen geführt. Ganze zehn Prozent davon, nämlich 6115, führten zu rechtskräftigen Urteilen– die Verurteilten wurden häufig vorzeitig entlassen. Kein einziger Angehöriger des Volksgerichtshofes wurde rechtskräftig verurteilt- ein Skandal in Reinkultur. Das 131-Gesetz, das der Bundestag 1951 verabschiedete, gab der Wiederverwendung von ehemaligen Nationalsozialisten in bundesdeutschen Behörden Rechtskraft- Amnestie auch hier.

Man kann Richter Fritz Bauer als Vorbild einstufen, mit dem Auschwitz Prozeß von 1963 ein Signal zur Verurteilung der NS-Vergangenheit zu setzen. Auch ist Herrn Reusings Erinnerungskultur zu würdigen.

 Fritz Bauer_©_Fritz Bauer Institut

Bild: Fritz Bauer © Fritz-Bauer-Institut

Christian Schauer

Neuwiesenstraße 14

63755 Alzenau

Bezugs-Artikel Main-Echo 10.01.2014

Mit SS-Massenmördern an einem Tisch

Zeitgeschichte: Roland Reusing aus Hohl hat vor 50 Jahren als junger Jurist den Frankfurter Auschwitz-Prozess erlebt Roland Reusing als Jurist beim Frankfurter Auschwitz-Prozess Roland Reusing aus Mömbris-Hohl hat als Zeitzeuge den Frankfurter Auschwitz-Prozess erlebt. Vor gut 50 Jahren, exakt am 20. Dezember 1963, begann in Frankfurt der Prozess gegen 22 Angeklagte, der am 20. August 1965 endete. Roland Reusing als junger Justizbeamter in den 60er Jahren. Den ersten Auschwitz-Prozess vor einem deutschen Gericht hat er ab 1963 in Frankfurt hautnah erlebt.

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