Archiv für Oktober 2010

Flüchtlingskatastropen in der Ägäis und bei Lampedusa – Fluchtursachen/ EU-Außengrenze ohne Menschenrechte

Leserbrief zu “Minderjährige Flüchtlinge in Deutschland eingetroffen”, in Main-Echo vom 19.4.2020, erschienen in: Main-Echo online vom 1.5.2020

Worum geht es bei den Flüchtlingskindern unter anderem?

Ein zwölfjähriger Junge aus Syrien erreichte Lesbos am 1. März 2020 auf einem Schlauchboot. Bewohner der Insel – darunter auch Rechtsradikale – hinderten das Boot daran, anzulegen. Die griechische Küstenwache schleppte das Boot in einen anderen Hafen. Der Junge wurde Tage später auf das griechische Festland verbracht und im Haflager Malakasa zusammen mit Erwachsenen festgesetzt. Der Fall kam vor den „Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte“. Der Junge lebt nach wie vor auf dem Gelände des Lagers, er hat Verwandte in Deutschland.

Eine siebenköpfige Familie war aus Idlib zunächst in die Türkei geflohen. Im Mai 2019 kam sie auf Chios. Der Vater war im Syrien Assads gefoltert worden, die älteste Tochter litt nach schrecklichen Erfahrungen in Idlib an einer posttraumatischen Belastungsstörung. In Chios wurde die Famile inhaftiert, um sie in die Türkei abzuschieben. Die Abschiebung dorthin konnte durch eine Intervention beim „Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte“ verhindert werden. Die Familie lebt aktuell in einem provisorischen Zelt auf Chios. Ein Kind ist gesundheitlich stark gefährdet bei einer schlechten Versorgungslage. Die Pandemie erzwingt restriktive Ausgangsbestimmungen.

Die zwei Beispiele zeigen, dass bei der Aufnahmebereitschaft deutlich mehr gemacht werden muss – von ganz Europa.

Christian Schauer

Flüchtlingsschiff

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Leserbrief zu “Rettungsschiffe mit 49 Migranten vor Malta weiter ohne Hafen“, in Main-Echo vom 5.1.2019, erschienen teilweise in ME online vom 11.1.2019, in Main-Echo Printausgabe vom 11.2.2019

Wir geben Erpressungen nicht nach“, sagte Italiens Innenminister Matteo Salvini von der „Lega Nord“. Die Menschen an Bord der Schiffe müssten in Malta an Land gehen, meinte er. Seine Positionen sind schon seit Jahren stark xenophob.

Im Jahr 2009 schlug Salvini eine Trennung der Rassen von Einwanderern und Italienern in der italienischen Eisenbahn vor. Er sprach sich für die Wiedereinführung eines Straftatbestandes zur Bekämpfung „illegaler Einwanderung“ aus. Im Juli 2013 kommentierte Salvini die Rede von Papst Franziskus in Lampedusa (wo sehr viele Flüchtlinge starben) dahingehend, dass Franziskus nicht die „Globalisierung des Verbrecherischen“ fördern solle.Über Sinti und Roma meinte Salvini, dass, wenn diese in der Öffentlichkeit als kriminell eingeschätzt würden, es dafür auch einen Grund geben müsse.

Im Oktober 2018 ließ Salvini mehrere Hundert Migranten aus dem als Musterbeispiel für Integration von Flüchtlingen europaweit bekannten Riace in Kalabrien in Flüchtlingsunterkünfte bringen. Gegen den Bürgermeister der Gemeinde, Domenico Lucano, wurde mit dem Vorwurf der Beihilfe zur illegalen Einwanderung von der Staatsanwaltschaft ermittelt. Salvini setzte seinen ausländerfeindlichen Kurs fort. Der Ort war ein Beispiel dafür geworden, dass die Integration von Migranten gelingen kann.

Als Lucano Bürgermeister wurde, beschloss er, die Politik von Riace in die Hand zu nehmen. Er stellte den angekommenen Migrantenfamilien leer stehende Häuser zur Verfügung. Die Gründung von Kooperativen brachte Migranten in bezahlte Beschäftigung. Europäische und italienische Fördergelder wurden klug eingesetzt. Das „Wunder von Riace“ war entstanden. Der Ort erwachte aus seiner Verödung, sogar die Schule öffnete. „Die Migranten haben dazu beigetragen, das Problem zu lösen und über die Resignation zu siegen. Die Flüchtlinge haben Gemeinschaften wiederauferstehen lassen“, meinte Lucano.

Lucano musste sich im Oktober 2018 von Riace fernhalten, das Verfahren gegen ihn läuft weiter. Aber er bekam viel Solidarität aus anderen Gemeinden, die sich ebenfalls für Migranten einsetzen. Ein Netzwerk von mehr als 260 Kommunen entstand. Die Zahl der dort ansässigen Migranten wurde deutlich reduziert. Die Gemeinde bekam kein Geld mehr für Flüchtlingshilfe.

Viele Rechtspopulisten scheuen keine Mühen, selbst gut laufende Integrationsprojekte zu torpedieren. Schlimm ist, dass so viele Menschen sie wählen.

Christian Schauer

 

Riace in Kalabrien

Riace in Kalabrien

 


Leserbrief zu: „Gewissenloser Vater war Schuld“, in Main-Echo vom 1.4.2016, erschienen in Main-Echo online vom 2.4.2016, in der Print-Ausgabe vom 25.4.2016

Von einem gewissenlosen Vater kann bei den Vorgängen um den toten Kurdenjungen Aylan Kurdi nur sprechen, wer Ressentiments schüren will, die frei von Faktenkenntnis sind.

Anfang September 2015 schilderte der Vater des ertrunkenen Jungen, Abdullah Kurdi, den Tod seiner Familie. Das Boot sei wegen des hohen Wellengangs gekentert, sagte er: „Ich half meinen beiden Söhnen und meiner Frau und versuchte mehr als eine Stunde lang, mich am gekenterten Boot festzuhalten. Meine Söhne lebten da noch. Mein erster Sohn starb in den Wellen, ich musste ihn loslassen, um den anderen zu retten.“ Vergeblich, wie er weiter berichtete. Nach dem Tod seiner Frau und seiner beiden Kinder sei er noch drei Stunden im Wasser gewesen, bis die Küstenwache ihn gerettet habe. Kurdi sagte, die Familie habe 4.000 Euro für die Überfahrt gezahlt. Als die Wellen höher wurden, sei der Schlepper ins Wasser gesprungen, um sich in Sicherheit zu bringen, und habe die Flüchtlinge an Bord seines Boots alleine gelassen. Türkischen Agenturen zufolge wurden am Donnerstag vier mutmaßliche Schlepper festgenommen. Die Syrer im Alter von 30 bis 41 Jahren werden für den Tod der Flüchtlinge verantwortlich gemacht.

Das Ziel der Familie Kurdi war Kanada. Eine Tante Aylan Kurdis, die seit mehr als zwanzig Jahren in Vancouver lebt, äußerte sich zu den Vorfällen wie folgt: Wie Syrer in der Türkei behandelt werden, sei „schrecklich“. Sie habe versucht, die Familie nach Kanada zu holen, indem sie für sie bürgte, doch die kanadischen Behörden hätten ihr Gesuch im Juni wegen Problemen mit den türkischen Ämtern abgelehnt.

Christian Schauer,  Alzenau

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Leserbrief zu der Berichterstattung des Flüchtlingsdramas bei Lampedusa und

“EU will an der Flüchtlingspolitik nichts ändern”, Main-Netz, 8.10 2013 25.10.2013 Fluchtursachen müssen zuerst bekämpft werden

Ein größeres Engagement ist nicht nur von Deutschland nötig, um die zahlreichen Toten vor Lampedusa und an anderen Orten im Mittelmeer zu verhindern. Hier ist Martin Schulz recht zu geben. Zudem müssen die Fluchtursachen bekämpft werden. Was treibt Menschen auf die klapprigen Boote zur Flucht aus ihren afrikanischen Ländern?

Von Auslandsschulden erdrückt

Nehmen wir den Staat Niger als Beispiel. Hier gibt es nur wenig Ackerland, nur vier Prozent des Bodens sind nutzbar. Es gibt 20 Millionen Stück Vieh. Die Bewohner werden von den Auslandsschulden erdrückt. Der IWF hat die Schließung des Nationalen Veterinäramtes angeordnet. Damit wurde der Markt für die multinationalen Konzerne der Tierpharmazie geöffnet. Der Staat hat keine Möglichkeit mehr, die Verfallsdaten von Impfstoffen und Medikamenten zu kontrollieren. Jetzt müssen die Viehzüchter in Niger die Medikamente zur Behandlung ihrer Tiere zu dem Preis kaufen, der von den multinationalen Konzernen festgesetzt ist. Viele Viehzüchter sind nicht in der Lage, diese Preise zu bezahlen, deshalb werden die Tiere krank und verenden. Bestenfalls werden die Tiere noch vor ihrem Tod zu Billigpreisen verkauft. Auch die Gesundheit der Menschen verschlechtert sich nach dem Verlust ihrer Herden. Die ehemals stolzen Eigentümer wandern mit ihren Familien in die Elendsviertel von Niamey, Kano oder die großen Küstenstädte.

Missbrauch privater Interessen

Wer kämpft gegen den Missbrauch privater Interessen auf Kosten der Gesundheit von Tieren und der Verarmung von Menschen? Kommen wir zu den Milchbauern im Norden Kameruns, die zuerst über die Entwicklungshilfe eine kleine Molkerei bekamen, bevor sie durch Billigmilchimporte aus der EU verdrängt wurden. Betrachten wir die Hähnchenzüchter in Ghana, die aufgeben mussten, nachdem tief gefrorene Hähnchenschenkel und -flügel aus der EU den Markt überschwemmten und ihre Preise unterboten. Kommen wir zu Mauretanien. Das Land lebt vom Verkauf von Fischereilizenzen. Ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes wird dadurch erwirtschaftet. Die Hochseeflotten der EU fangen einen Großteil der Fische im Meer vor diesem Land. Der Fang gelangt tief gefroren in die Verbraucherländer. Die hochwertigen Fische verschwinden, die Sardinen bleiben. Die verbleibenden Sardinen sind um die Hälfte teurer und für viele unerschwinglich. Wer hat die Macht, den Industrieländern zu verbieten, ihre Agrarprodukte zu subventionieren, um dadurch eine von mehreren Fluchtursachen zu verhindern? Christian Schauer, Alzenau

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Leserbrief zu: “EU beginnt mit neuer Grenzüberwachung”, in: Der Heimatbote vom 3.12.2013, erschienen am 7.12.2013

In dem Artikel heißt es, dass die EU-Länder bei Eurosur-Einsätzen die Menschenrechte beachten sollen. Flüchtlinge dürfen nicht an Orte zurückgeschickt werden, an denen ihr Leben und ihre Freiheit bedroht ist. Real wird darauf nicht überall geachtet. An der türkisch-griechischen Land- und Seegrenze werden Flüchtlinge systematisch völkerrechtswidrig zurückgewiesen. Push Backs finden von griechischen Gewässern, von griechischen Inseln und von der Landgrenze statt. Die Mehrheit der Opfer sind syrische Flüchtlinge – darunter auch besonders schutzbedürftige Personen wie Kinder, Babies und Schwerstkranke – die Europa erreichen wollen, um internationalen Schutz zu suchen und zu ihren Familien in Ländern wie Deutschland, Schweden oder Großbritannien zu gelangen. Während die EU öffentlich ihr Engagement für die syrischen Flüchtlinge beteuert, werden deren grundlegende Menschenrechte an europäischen Grenzen verletzt. Es wurden mindestens 2.000 Schutzsuchende an griechisch-türkischen Land- und Seegrenzen zurückgewiesen.

Christian Schauer

Pushbacks_klein

© Pro Asyl

Leserbrief zu: “Europa verstärkt Abschottung”, in: Frankfurter Rundschau vom 5.12.2013

An EU-Grenzen werden Grundrechte verletzt, erschienen in FR vom 7.12.2013 – Auszug Kein Flüchtling soll mehr europäischen Boden über den Seeweg betreten dürfen. Mit Marokko und Tunesien wurden Verträge zum Abfangen von Flüchtlingen geschlossen, mit Libyen ist ähnliches geplant. Griechenland hat den Rechtsstaat für Flüchtlinge jetzt schon abgeschafft.

Polens Nationalkonservative

Józef Pilsudski

Vorbild der nationalpopulistischen Regierung in Polen ist der nationale Held Józef Pilsudski (1867 bis 1935). Jaroslav Kaczynski drückte mehrfach seine Begeisterung für Marschall Józef Pilsudski aus, den Nationalhelden, dem Polen die Unabhängigkeit nach über hundert Jahren Teilungen verdankte. Sein Sieg über die Rote Armee 1920 machte ihn zur Legende. Rußland war ihm von den drei Großmächten, die Polen lange aufteilten – Österreich, Preußen und Rußland – die unsympathischste Macht. Ein Bombenattentat auf den russischen Zaren Alexander III. , an dem er beteiligt war, scheiterte. Nach der Rückkehr aus Sibirien, wohin er verbannt wurde, war er 1892 Mitbegründer der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS). Im Ersten Weltkrieg sah Pilsudski seinen Hauptgegner in Rußland. Im Februar 2019 wurde er Polens erster Staatspräsident. Unter seiner Führung eroberte die polnische Armee 1919 fast ganz Litauen und Weißrussland.

Nach dem Inkrafttreten der März-Verfassung musste Pilsudski im Dezember 1922 seinen Posten des Staatschefs räumen und behielt nur noch militärische Funktionen. Staatspräsident wurde Gabriel Narutowicz.

1925 gab es in Polen 32 Parteien. Zwischen 1918 und 1935 wechselte die Regierung vierzehn Mal. Eine extrem hohe Inflation ruinierte 1923 weite Teile der Bevölkerung. Im Mai 1926 putschte sich Pilsudski mithilfe befreundeter Offiziere an die Macht zurück.

Er putschte aber 1926 auch das Parlament weg und regierte vom Hinterzimmer aus das Land autoritär und undemokratisch. Pilsudski war dennoch kein Faschist. Das parlamentarische System wurde unter ihm zunehmend ausgehöhlt, aber nicht abgeschafft, die Parteien wurden nicht verboten, aber in ihrem Handlungsspielraum beschnitten. Wahlen wurden manipuliert, politische Gegner verfolgt, einige liquidiert. Nach seinem Regierungsantritt im Oktober 1926 ließ er den Sejm vertagen und spaltete die Opposition. Wer sich der Politik der Gesundung „Sanacja“ entgegenstellte, wurde ausgeschaltet. Religiös unterscheidet er sich von der heutigen Regierung, die sehr katholisch ist, durch größere Indifferenz zum Katholizismus. Im Spätsommer 1927 beauftragte er seinen Vertrauten Oberst Walery Slawek, einen „Parteilosen Block der Zusammenarbeit mit der Regierung Marschall Pilsudski, BBWR“ zu gründen, der ein Jahr später die Opposition neutralisierte.

Wichtige Positionen besetzte er mit Personen seines Vertrauens. 1930 entstand so das „Obristen Regime“. Als Ministerpräsident ließ er den Sejm häufig vertagen, um Entscheidungen außerhalb des Parlaments zu treffen. Beleidigungen der Parlamentarier gehörten zu seiner Lieblingsbeschäftigung. Den Höhepunkt der Konfrontation erreichte nach einem gewaltsamen Zusammenstoß mit der Opposition Pilsudski mit der Auflösung des Sejm und der Aufhebung der Immunität der Abgeordneten. Anfang September 1930 wurden insgesamt 5.000 Oppositionelle verhaftet, darunter 84 Abgeordnete und Senatoren. Sie wurden ins Militärgefängnis nach Brest Litowsk geschafft und dort gefoltert.

Außenpolitisch kam im Juli 1932 ein polnisch-sowjetischer Nichtangriffspakt zustande. Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts entwickelte Pilsudski das Konzept eines „Intermarium“, eines Bundes der neuen Staaten, die nach dem Ersten Weltkrieg zwischen Deutschland und Russland entstanden waren und in dem Polen die Führung anstrebte.

Im Januar 1934 wurde das deutsch-polnische Gewaltverzichtsabkommen unterzeichnet.

Um ihn enstand ein regelrecht nationalistischer Kult. Das „Hauptbürgerkomitee der Namenstagsfeier des Ersten Marschalls Polens Józef Pilsudski“ bringt dem Pilsudski -Kult im März 1933 folgendermaßen zum Ausdruck: „Józef Pilsudski – das ist die Waffe Polens, bedeckt mit dem Ruhm der Legionen im Weltkrieg Józef Pilsudski -das ist der Wille zum leben und zum Sieg an der Schwelle zum unabhängigen Vaterland, der seinen Ausdruck fand in der unvergeßlichen Verteidigung von Lemberg und Wilna Józef Pilsudski – das sind die Grenzen der heutigen Republik, gezogen von der Stärke der polnischen Waffen Józef Pilsudski – das ist der ruhmvolle Frieden, die Frucht der Arbeit des siegreichen Führers der Nation Józef Pilsudski – das ist die Losung (unserer) gemeinsamen Anstrengung zur Festigung der Macht der Republik in der neuen polnischen Gesellschaft.“

Literatur:

Berthold Seewald – Jozef Pilsudski – Kriegsheld, Diktator und Vorbild für Kaczynski, in: Welt vom 22.12.2015

Heidi Hein, Der Pilsudski-Kult und seine Bedeutung für den polnischen Staat 1926 – 1939, Marburg 2002

https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B3zef_Pi%C5%82sudski Stand Anfang April 2020

Der Gute Wandel der PiS im Wandel von Marcin Pietraszkiewicz 15.Februar 2018 – Telepolis

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Leserbrief zu Polen-Wahl: Nationalkonservative fahren Triumph ein, in Main-Echo 14.10. 2019, erschienen in Main -Echo online am gleichen Tag auszugsweise

Seit 2015 regiert die nationalkonservative PiS-Partei („Recht und Gerechtigkeit“) Polen. Ihr Ziel ist eine illiberale Demokratie. Bei der Verfolgung dieses Ziels hat sie schon viel erreicht. Durch die Medienreform von 2016 kann der Schatzmeister der Regierung Führungspositionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach seinen Vorstellungen besetzen. Der nationalkonservative Politiker Jacek Kurski wurde Leiter des Fernsehsenders TVP. Die linksliberaler Blätter wie „Polityka“ werden systematisch benachteiligt.Auch die der Solidarnosc nahestehende „Gazeta Wyborcza“ wird schikaniert. Regierungsnahe Unternehmen annoncieren nur noch in PiS-treuen Medien. Die Justiz wurde weitgehend gleichgeschaltet (siehe unten). Dagegen hat die EU-Kommission ein dreistufiges Sanktionsverfahren eingeleitet, das noch nicht beendet ist. Aktuell wird das Verfassungsgericht von PiS-nahen Richtern dominiert. In den Schulen wird eine „patriotische Erziehung“ propagiert. Die „Nationalhelden“ stehen im Vordergrund. Abgelehnt werden die Gleichberechtigung von Mann und Frau, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, abweichende sexuelle Identitäten und die Integration von Migranten. „Die Ausgestaltung eines nationalen Identitätsgefühls wird ein ständiges und wichtiges Element im polnischen Lehrplans sein“ – so das Wahlprogramm der PiS.

Warum schließen sich nationalpopulistische Parteien der EU an? Sie denken nur national und sollten nicht von supranationalen Organisationen profitieren!

Gegen die sozialen Wohltaten dieser Partei muss man nicht sein. Jedes verheiratete Paar bekommt jeden Monat pro Kind etwa 125 Euro.Der Mindestlohn steigt auf etwa 950 Euro pro Monat, das Rentenalter wurde auf 60 Jahre gesenkt. Alte erhalten kostenlose Medikamente. Jeder Schüler erhält zum Schuljahresanfang etwa 75 Euro.

Es geht das Gerücht um, dass die polnische Nationalhymne“Noch ist Polen nicht verloren“ in der zweiten Zeile neugefasst werden soll mit dem Wortlaut „Nichtpolen haben in Polen nichts verloren“. Jaroslaw Kaczynski meinte dazu in der Begründung: „Es muss klar sein, dass eine ethnisch reine Bevölkerung nur weiß rot definiert werden kann. Schon Henryk Dabrowski1 hat sich einen Ahnenpass ausstellen lassen!“

Ein Taz-Kolumnist hat den führenden Politiker der nationalkonservativen PIS, Jaroslav Kaczinsky, vor drei Jahren einmal glänzend als Kartoffel karikiert. Dort heißt es unter anderem: „Jeden Morgen, den er werden lässt, treten Staatsoberhaupt Andrzej Duda, Premier Beata Szydło und die Minister bei ihm an und rufen wie aus ihrem Mund „Guten Morgen, geliebter Herr Präses!“. Bevor aber jeder seinen Arbeitsplan mit einem Diener oder Knicks zu fassen kriegt, prüft Kaczyński, ob die Ohren poliert, die Fingernägel gefegt und die Schuhe gekämmt sind, die Bügelfalten korrekt aus den Hosen ragen und die Röcke unten zu sind. So präsentiert er der ganzen Weltkugel das blank gebürstete Bild eines traditionsbewussten Polens, das endlich wieder nach alter Größe schnappt. …

Die Erdkugel mit ihren sieben Milliarden Fremden zu viel betrachtet jeder völkische Politiker als Feindesland und begegnet ihr mit Argwohn und banger Hose. Vor allem zwei Nationen gehen Kaczyński, der außer Polnisch keine Fremdsprache spricht, über die Hutschnur: die Deutschen, die nach wie vor Schmierseife aus dem östlichen Nachbarn machen wollen, und die Russen, die den Heldentod seines Zwillingsbruders Lech auf ihrem riesigen Kerbholz haben.“

1 Polnischer Nationalheld (1755 bis 1818) – Während eines polnischen Aufstandes gegen die Zweite Teilung Polens 1793 und die politische Entmündigung durch Russland war Dąbrowski Kommandierender General. Am 2. Oktober 1794 besetzte er Bromberg. Vorher hatte er in der Schlacht bei Bromberg ein preußisches Korps geschlagen. Der Aufstand war nicht erfolgreich.

Polnische Flagge


Leserbrief zu „Streit um Polens Justizreform“, in Main-Echo vom 19.7.2017, erschienen in: Main-Echo online vom 24.7.2017, in der Print-Ausgabe vom 3.8.2017

Nach der Gleichschaltung des Rundfunks im November 2015 – die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten werden in „Nationale Kulturinstitute“ umgewandelt- wird jetzt eine unabhängige Justiz in Polen zu Grabe getragen.

Wes Geistes Kind sind diese Leute von der PiS? Anlässlich einer Gedenkrede in Auschwitz im Juni 2017 am „Nationalen Gedenktag an die Opfer der deutschen Nazi-Konzentrations- und Vernichtungslager“, der an den ersten Transport am 14. Juni 1940 erinnerte, führte die Ministerpräsidentin Beata Szydlo (PiS) aus: „Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen, verblendet von verbrecherischen Ideen, anderen das Recht auf ihr Leben nehmen. ..Auschwitz ist in unseren unruhigen Zeiten eine große Lektion dessen, dass man alles tun muss, um Sicherheit und Leben der eigenen Staatsbürger zu schützen“

Szydlos Satz bezieht sich auf die permanente Hetze der rechtskonservativen Regierungspartei gegen die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen. Politiker der EU erinnern die Polen an die vereinbarte Aufnahme von rund 7.000 Flüchtlingen (extrem viele).

Das „Nie wieder“ instrumentalisiert Szydlo nun aber ausgerechnet in Auschwitz für die eigene pauschal ablehnende Flüchtlingspolitik. Es wird suggeriert, dass die Flüchtlinge die neuen Nazis seien, die Polen besetzen und ermorden wollten. Das hätte jeder Rechtsradikale genauso sagen können.

Im August 2015 forderte Andrzej Bacza, der für die Nationalisten (PiS) im Stadtrat des oberschlesischen Cieszyn (früher Teschen) sitzt, ein Konzentrationslager für Politiker der liberalkonservativen Bürgerplattform. Nach den Parlamentswahlen im Oktober würden deren „Mitglieder und Sympathisanten im Geschichtsnebel“ verschwinden. Für sie suche er ein Terrain, rund 1000 Hektar groß, mit Bahnrampe und unter Strom stehenden Zaun. „Ein Scherz“, meinte er später. Mit Menschenvernichtung scherzt man nicht.

Der Historiker Jan Thomasz Gross geriet nach kritischen Aussagen über die Mittäterschaft Polens am Holocaust Anfang 2016 in das Visier der polnischen rechtskonservativen Justiz. Der an der Universität von Princeton in den USA tätige Professor erklärte einer Nachrichtenagentur damals, er sei in Kattowitz fünf Stunden lang verhört worden. Ihm werde vorgeworfen, die polnische Nation öffentlich beleidigt zu haben. International bekannt wurde Gross durch das Buch „Nachbarn“ aus dem Jahr 2001. Schon damals bezweifelte er, Polen seien während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg nur Opfer gewesen.

Konkret hatte er im September 2015 geschrieben, dass die Polen, die so stolz auf ihren Widerstand gegen die Nazis seien, im Zweiten Weltkrieg mehr Juden getötet hätten als Deutsche.

Ein Historiker vom „Polnischen Zentrum für Holocaust-Forschung“ führte aus, es sei schwer zu sagen, wie viele Juden im Zweiten Weltkrieg tatsächlich von Polen getötet wurden. Die Zahl sei aber hoch und Gross könnte mit seiner Einschätzung, dass es mehr Juden waren als Deutsche, tatsächlich richtig liegen. Unbequeme Wahrheiten kann man als glühender Verfechter des Nationalismus nicht ertragen – sonst wäre man gar nicht mehr so glühend.

Christian Schauer, Alzenau

Veröffentlicht 19. Oktober 2010 von schauerchristian in Polens Nationalkonservative

Palmyra virtuell und historisch

Baal Schamin Tempel Palmyra

Baal Schamin Tempel Palmyra – Foto privat

 

Palmyra virtuell und historisch

Palmyra war die Zwischenstation zwischen der Welt des Persischen Golfes und den Hauptstädten des Mittelmeeres. Auf derm Markt von Palmyra wurden Waren von China bis Südarabien getauscht. Der Reichtum an Wasser kam aus unterirdischen Quellen, der Sonnentempel war das markanteste Gebäude. Palmyra ist ein griechischer Name, vor der griechischen Zeit hieß die Oasenstadt Thadmor. Die Bedeutung „Ort der Dattelpalmen“ führt in die Irre, weil in Palmyra keine Dattelpalmen standen, die Gärten und Blumen der Stadt waren weltberühmt.

Im dritten Jahrhundert nach Christus sprach man dort Aramäisch, Zweitsprache war Griechisch. Berühmt war die Stadt für ihre Panzerreiter und Bogenschützen. Die Stadt war reich, was sich nicht zuletzt in den Turm-Gräbern äußerte, die vergleichsweise hohe Häuser waren.

Kaiser Valerian passierte etwas, das seinesgleichen suchte, er geriet 260 nach der Schlacht von Edessa in persische Gefangenschaft. Sein Sohn Gallienus konnte sich auf einen Araber aus Palmyra verlassen. Er hieß Septimius Odainathos. Ein Gegenkaiser zu Gallienus wurde von ihm besiegt. Die Perser mussten aus Mesopotamien und Armenien weichen. Die Stellung des Odainathos war einem Imperator ähnlich. Er erhielt den Titel eines „Corrector des ganzen Orients“ und führte auch den Titel „König der Könige“. 267 nach Christus wurde er ermordet. Ob Rom dahinter steckte, ist nicht restlos geklärt.

Nachfolger wurde sein Sohn Vaballathos. Weil er noch zu jung war, übernahm seine Mutter Zenobia, die Witwe des Odainathos, die Regierungsgewalt in Palmyra. Der Name ist griechisch, sie sah sich in der Nachfolge der ägyptischen Herrscher. Sie galt als schön und spröde. Cassius Longinus, ein berühmter Philosoph, war ihr Lehrer. 270 wurde Arabien unter die Oberhoheit Palmyras gebracht.

Zenobia war fasziniert von Ägypten und hatte die Absicht, dieses Land zu erobern. Der römische Präfekt Probus glänzte durch Abwesenheit, die Zenobia mit ihrem Oberfeldherrn 270 zur Eroberung nutzte. Zenobia hielt sich für eine Nachfahrin Kleopatras und führte in Ägypten wieder die ptolemäische Währung ein.

270 starb der römische Kaiser Claudius II. an der Pest, sein Nachfolger war Aurelian. Im siegreichen Kampf gegen die Gothen unter Claudius II. hatte er sich ausgezeichnet. Er war geistigen Dingen nicht sehr zugetan. Alemannen und Markomannen konnte er 270 in Schach halten.

Mit Zenobia und ihrem Sohn schloß er einen Vertrag, in dem er Palmyras Herrschaftsbereich unangetastet ließ. 271 geprägte Münzen zeigen den Sohn der Zenobia, Vaballathus, noch nicht mit dem Titel „Augustus“, was bekundet, dass die Oberhoheit Roms noch anerkannt wurde.

Im Sommer 271 erhob sich Zenobia zur Augusta und ihren Sohn zum Kaiser, was als Loslösung und Emanzipation von Rom einzustufen ist. Aurelian sah sich zum Handeln gezwungen. Ende 271 zog er los gegen Palmyra. Er siegte 272 bei Antiochia und Emesa (heute Homs). In Antiochia schützte Aurelian die Zivilbevölkerung. Vor Emesa machte er Zenobia noch ein Friedensangebot – vergebens. Aurelian meinte zu seinem letzten Sieg: „Der Sonnengott von Emesa hat seine Heimat verlassen und Rom den Sieg geschenkt.“

Aurelians Truppen zogen gen Palmyra weiter. Zenobia schätzte ihre militärische Lage frühzeitig negativ ein und floh in Richtung Euphrat, um bei den Persern um Hilfe zu bitten – vergeblich. Sie wurde gefangen genommen und ihre Ratgeber enthauptet. 273 wurde die Stadt nach einer Rebellion gegen die Römer weitgehend zerstört.

274 wurde sie im Triumphzug in Rom vorgeführt. Nach einer Quelle trug sie dabei Juwelen und eine goldene Kette. Auch exotische Tiere – zwanzig Elefanten, vier Tiger -begleiteten die ehemalige Herrscherin Palmyras. Sie ging ihrem prächtigen Kampfwagen zu Fuß voran. Möglicherweise verbrachte sie ihren Lebensabend in der Nähe einer Villa Hadrians in Tivoli. Verheiratet soll sie mit einem römischem Senator gewesen sein. Nachkommen sollen bis ins 5. Jahrhundert in Rom nachweisbar sein.

Wie wird Zenobia heute gesehen? Hafiz al Assads rechte Hand, Mustafa Tlas, zeichnete sie 1985 in einer Fernsehserie als unerschrockene Kämpferin gegen das den Okzident repräsentierenden römische Kaiserreich. Zusätzlich schrieb er auch ein Buch “Zenobia, Königin von Tadmur”, in dem die Römer als besonders grausam dargestellt werden. Zenobia ist eine Heldin des arabischen Befreiungskampfes.

Palmyra wurde in letzter Zeit, im Mai 2015, durch die Eroberung durch den Islamischen Staat bekannt, die im März 2016 durch Truppen Von Machthaber Assad mit russischer Unterstützung wieder beendet wurde. Von Dezember 2016 bis März 2017 dominierte der IS erneut in der antiken Stadt. Der IS ließ zahlreiche Sprengfallen zurück. In Palmyra zeichneten sich die Dschihadisten durch die Zerstörung von historischen Bauwerken und Denkmälern aus.

2015 wurde Zenobia in Kommentaren der syrischen Presse auch als Kämpferin gegen den IS eingestuft.

Palmyra, die antike Oasenstadt, liegt im heutigen Bezirk Homs in Syrien. Vor dem Bürgerkrieg hatte die Stadt 51.000 Einwohner. Die ersten archäologischen Funde stammen aus der Jungsteinzeit. Im zweiten Jahrtausend vor Christus war sie ein wichtiger Handelsposten. Die Stadt war Teil des Seleukidenreiches. Im ersten Jahrhundert nach Christus erlebte sie nach der römischen Annexion eine Blütezeit. Die Stadt lag an einer wichtigen Karawanenstraße und wurde durch zwei Quellen gespeist. Immer noch erhalten sind zwei Palmengärten. Die Sprache der Palmyrer war ein Dialekt des Aramäischen. Der Götterhimmel ist von Persern, Römern und Griechen beeinflusst. Seit 1918 gehört die Stadt zum eigenständigen Staat Syrien. 1980 wurde die Stadt zum Weltkulturerbe erklärt.

Virtuell in der Bonner Ausstellung zu sehen ist hier de Baal Schamin -Tempel. Er wurde zu Zeiten von Jesus Christus errichtet. Kaiser Hadrian ließ ihn im 2. Jahrhundert ausbauen. Baal Schamin war einer der Hauptgötter der Stadt, ein Himmelsgott für Blitze zuständig und einen Adler symbolisierend! Er ist eines der kleineren Bauwerke der Stadt.

Bedeutender ist der Baal-Tempel, der im ersten Jahrhundert nach Christus eines der bedeutendsten religiösen Bauwerke im Nahen Osten. Ende August 2015 wurde er vom IS gesprengt.

Weiter von Bedeutung ist das römische Theater. Es entstammt aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus. Früher hatte es wahrscheinlich mehr Sitzreihen als heute. Die Bühnenrückwand stammt aus dem 3. Jahrhundert nach Christus . Im Juli 2015 richtete der Islamische Staat darin syrische Regierungssoldaten hin.

Weiter sind auch Thermen und der Tempel des Nebo (mesopotamische Gottheit) in Palmyra zu sehen. Die Prachtstraße aus dem dritten Jahrhundert ist einen Kilometer lang.

Besonders attraktiv bei der Ausstellung sind die virtuellen Rekonstruktionen, durch die der Besucher durch die Stadt, wie sie vor zweitausend Jahren war, geführt wird. Hier lebt man kurzzeitig in einer anderen Welt. Das gilt für Besucher von Flensburg über Lengfeld bis Garmisch, aber auch für die außerhalb Deutschlands.

Motto: Sei virtuell high like a bird fly!

Literatur: https://de.wikipedia.org/wiki/Valerian

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/palmyras-antike-herrscherin-zenobia-13607489.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Baaltempel_von_Palmyra

https://www.tagesspiegel.de/kultur/is-sprengt-baalschamin-tempel-in-palmyra-wie-der-islamische-staat-seine-geschichte-wegbombt/12228168.html

Joseph Croitoru, Zenobia, die arabische Heldin, in: FAZ vom 24.5.2015

Ivar Lissner, So lebten die römischen Kaiser – Macht und Wahn der Cäsaren, München 1977

Michael Grant, Die römischen Kaiser- Von Augustus bis zum Ende des Imperiums -Eine Chronik, Bergisch Gladbach 1996

Fergus Millar (Hrsg.), Das Römische Reich und seine Nachbarn – Die Mittelmeerwelt im Altertum IV, Augsburg 1998

https://de.wikipedia.org/wiki/Zenobia





Veröffentlicht 3. Oktober 2010 von schauerchristian in Palmyra virtuell und historisch