Theodor Storm

Carsten Curator von Theodor Storm

Carsten Curator lebt in einer friesischen Hafenstadt Mitte des 19. Jahrhunderts. Er ist ein Kleinbürger und lebt in bescheidenen Verhältnissen. Durch seine Bildung kann er zum Vermögensverwalter aufsteigen. Eine Pflegeverhältnis mündet in eine Ehe mit der wesentlich jüngeren Juliane. Aus der Ehe entsteht der Sohn Heinrich, der die Leichtlebigkeit und Sorglosigkeit seiner Mutter als Charakterzug geerbt hat. Die Frau Juliane stirbt bei der Geburt. Die Rolle der Mutter übernimmt die Schwester des Curators Brigitte. Heinrich wächst zusammen mit der Ziehtochter Carstens, Anna, auf. Anna ist attraktiv und hat einen vorbildlichen Charakter.

Heinrich wird zu Solidität erzogen, entwickelt sich aber zum Glücksspieler und Spekulanten. Der Curator muss sein eigenes Vermögen einsetzen, um dem Sohn in misslicher Lage beizuspringen. Vor dem finanziellen Ruin rettet Heinrich die Heirat mit Anna. Sie hat Vermögen, das von ihrem Pflegevater bisher verwaltet wurde. Dieser hält einen Teil des Vermögens zurück. Sie soll dadurch eine Grundsicherung erhalten. Als Heinrich vor dem Bankrott steht, schlägt Casterns ihm und seiner Pflegetochter die Herausgabe der Sicherheitsreserve aus. Heinrich flieht während eines Novembersturms in den Tod.“Es ist zwar nie errnittelt worden, wer der Mensch gewesen, dessen Notschrei derzeit von den Fluten erstickt wurde; gewiss aber ist es, daß Heinrich weder in jener Nacht noch später wieder nach Hause gekommen oder überhaupt gesehen worden ist.“1

Carstens übersteht den Vorgang nicht unbeschadet. Sein Haus und Annas Ladengeschäft kommen unter den Hammer. Er muß mit seiner Schwiegertochter und dem Enkel in die arme Gegend der Kleinstadt ziehen. Sein Glück ist bescheiden geworden. „Für den Greis aber bildete es eine täglich wiederkehrende Lust, die Züge der Mutter in dem kleinen Antlitz seines Enkels aufzusuchen.’Dein Sohn Anna, Anna; ganz dein Sohn!“pflegte er nach längerer Betrachtung auszurufen. ‚Er hat ein glückliches Gesicht!‘ Dan lächelte Anna und sagte lächelnd: ‚Ja, Großvater; aber der Junge hat ganz Eure Augen.’“2

Tröstlich das Ende: „Heil dem, dessen Leben in seines Kindes Hand gesichert ist; aber auch dem noch, welchem von allem, was er einst besessen, nur eine barmherzige Hand geblieben ist, um seinem Armen Haupte die letzten Kissen aufzuschütteln.“3

Storm schrieb das Werk 1877. Heinrich hat als Hintergrund Storms mißratenen Sohn, der in Würzburg Medizin studierte und dem Alkohol verfallen war. In der Schlußszene, bevor Heinrich in den Tod geht, wirft Carsten Heinrich in der Novelle auch seine Betrunkenheit vor. Der autobiografische Hintergrund ist damit hergestellt. „Zwei stumpfe, gläserne Augen starrten auf ihn hin. Der Greis taumelte zurück. ‚Betrunken!‘ schrie er, ‚du bist betrunken!‘. Er wandte sich ab; mit der einen Hand die qualmende Kerze vor sich haltend, die andere abwehrend hinter sich gestreckt, wankte er nach der Tür des Seitenbaus. Als er hindurchschritt, fühlte er sich an seinem Rocke gezerrt; aber er machte sich los, und es wurde finster im Pesel, und von der anderen Seite drehte sich der Schlüssel in der Tür. Der Trunkene war plötzlich seiner Sinne mächtig geworden.“4 Der Vater lässt sich vom Sohne nicht erweichen. „Eine Weile noch stand er, (der Sohn – Anmerkung von mir) das Ohr gegen die Tür gedrückt; dann endlich ging er fort.“5 „ … er glaubte den Todesschrei der Tiere zu hören, welche die erbarmungslosen Naturgewalten wie im Taumel fortrissen.“6 An dieser Textpassage kann man den Hinweis auf seinen nahenden Tod erkennen. Sein Schaudern deutet darauf hin.7

Theodor_Storm_(1817-1888)

Theodor Storm

 

Aquis submersus

Die Novelle erschien 1876. Es handelt sich um eine Liebestragödie aus dem 17. Jahrhundert. Der Autor ist in seiner Jugendzeit mit dem Porträt eines Priesters konfrontiert, der einen toten Jungen mit Wasserlilie im Arm hat: Auf den Rahmen des Bildes sind mehrere Buchstaben gemalt C.P.A.S. – das bedeutet auf deutsch “durch Schuld des Vaters ertrunken” – der Ursprungstext lautet ”Culpa patris aquis sebmersus” .8 Zum Schluß der Novelle schreibt der Vater Johannes in den Schatten des Bildes seines totes Kindes “Culpa Patris Aquis Submersus” – hier übersetzt “Durch Vaters Schuld in der Flut versunken”. Es war das Kind des Johannes mit seiner Jugendliebe Katharina, unehelich gezeugt- im 17. Jahrundert wie auch im 19. Jahrhundert unschicklich.

Die Novelle spielt nach dem fürchterlichen Dreißigjährien Krieg in Norddeutschland. Noch immer ziehen marodierende Banden durch das Land. Erzähler der Geschichte ist der Maler Johannes- er kommt 1661 auf die Burg seines Freundes Gerhardus. Seine Liebe gilt der Tochter des Gerhardus, Katharina. Der Sohn der Lichtgestalt Gerhardus heißt nicht zufällig Wulf und betreibt die Verheiratung Katharinas mit seinem Saufkumpanen Kurt.9 Johannes und Katharina planen die Flucht der jungen Frau in ein Kloster. Später wollen sie sich heimlich iin Amsterdam treffen. Johannes muss sich in der Nacht vor den Bluthunden des Wulf in Sicherheit bringen. Er flieht in Katherinas Kammer, wo es zum Liebesakt zwischen den beiden kommt.”’Komm!‘ sagte sie.’sie werden dich zerreißen.‘ Da schwang ich mich in ihre Kammer. – Doch als ich drinnen war, ließ mich das Händlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster stund, und hatte ihr Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten ihres Haares lagen auf dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß hinab; der Mond, der draußen die Gartenhecken überstiegen hatte, schien voll herein und zeigete mir alles. Ich stund wie fest gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der Schönheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu ihr:’Katharina, liebe Katharina, träumet ihr denn?‘ Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht:‘ Ich glaub wohl fast, Johannes! – Das Leben ist hart; der Traum ist süß!’”10 In dieser Formulierung deutet sich schon an, dass die Liebesbeziehung nicht harmonisch endet. Vergeblich hält Johannes beim grimmigen Junker um Katharinas Hand an- Johannes wird angeschossen und schwer verletzt. Wieder genesen flieht Johannes nach Holland und kehrt nach Jahren als reicher Mann zurück. Bei seiner Rückkehr muss Johannes erleben, dass Katharina die Frau eines “finsteren Priesters” geworden ist. Dieser hatte sich dieser “gefallenen Frau” erbarmt. Bei einer Zusammenkunft mit seiner Gedliebten kommt es für das Kind zum Schlimmsten. Der Junge ertrinkt in einem Weiher, als er unbeaufsichtigt spielt.

Johannes verlässt den Ort nach Vollendung des Bildes.

Storm äußert sich in einer Tagebuchaufzeichnung über seine Novelle folgendermaßen:”Man würde durchaus fehlgehen, wenn man in ‚Aquis Submersus‘ in der freilich die bestehende Sitte außer acht lassenden Hingebung des Paares die Schuld der Dichtung suchen wollte … Die Schuld, wenn man diese Bezeichnung beibehalten will, liegt auf der anderen Seite , hier auf dem unerbittlichen Geschlechterhasse, dort auf dem Übermute eines Bruchteils der Gesellschaft, der ohne Verdienst auf die irgendwie von den Vorfahren eroberte Ausnahmestellung pochend, sich besseren Blutes dünkt und so das menschlich Schöne und Berechtigte mit der ererbten Gewalt zu Boden tritt. Nicht zu übersehen ist, daß es eben diese feindliche Gewalt ist, die das Paar einander fast blindlings in die Arme treibt.” 11 Hier tritt deutlich Storms Antifeudalismus zu Tage.

Theodor Storm – Hans und Heinz Kirch (1882) hat ähnlich wie bei Carsten Curator wieder den Vater-Sohn-Konflikt zum zentralen Thema. Die Novelle spielt in Heiligenhafen. Hans Kirch ist ein aufstrebender Kapitän, der sich zum Schiffseigentümer emporgearbeitet hat. Seine Werte sind die des Besitzbürgertums. Sein Eifer ist gelegentlich sogar asketisch. Er erwartet, dass sein Sohn sich diese Werte zu eigen macht und genauso wird wie sein Vater.12 Die Erziehung des Vaters ist illiberal hart.13 Heinz hat mit Wieb eine Freundin, die den Wünschen des Vaters nicht entspricht. Er trifft sich am Vortag seiner Abreise als Matrose zu einer Bootsfahrt am Hafen. “ Er hatte Wieb am Tage vorher wiedergesehen; doch nur zu ein paar flüchtigen Worten war Gelegenheit gewesen, nun wollte er noch Abschied von ihr nehmen, sie wie sonst noch einmal an den Warder fahren (Warder ist eine Halbinsel vor Heilgenhafen – Anmerkung von mir C.S.). Es war ein kühler Maiabend ; der Mond stand über dem Wasser , als er an den Hafen hinabkam; aber Wieb war noch nicht da. Freilich hatter sie ihm gesagt, daß sie abends bei einer alten Dame einige leichte Dienste zu versehen habe; desungeachtet, während er an dem einsamen Bollwerk auf und ab ging, konnte er seine Ungeduld kaum niederzwingen: er schalt sich selbst und wußte nicht, weshalb das Klopfen seines Blutes ihm fast den Atem raubte. Endlich sah er sie aus der höher gelegenen Straße herabkommen. Bei dem Mondlicht, das ihr voll entgegenfiel, erschien sie ihm so groß und schlank, daß er erst fast verzagte, ob sie es wirklich sei. Gleichwohl hatte sie den Oberkörper in ein großes Tuch vermummt; einer Kopfbedeckung bedurfte sie nicht, denn das blonde Haar lag voll wie ein Häubchen über ihren zarten Antlitz. ‚Guten Abend, Heinz!‘ sagte sie leise, als sie jetzt zu ihm trat; und schüchtern, fast wie ein Fremder, berührte er ihre Hand, die sie ihm entgegenstreckte. Schweigend führte er sie zu einem Boot, das neben einer großen Kuff (Schiffstyp der Nordseeküste im 18. und 19. Jahrhundert C.S.) im Wasser lag. ‚ Komm nur!‘ sagte er, als er hineingetreten war und der auf der Hafentreppe Zögernden die Arme entgegenstreckte: ‚ ich habe die Erlaubnis, wir werden diesmal nicht gescholten.’”14 ….

‚Wieb,‘, sagte er endlich, und es klang fast bittend, ‚kleine Wieb, das ist nun heut für lange Zeit des letztemal.

‚Ja Heinz.‘ und sie nickte und sah zu Boden; ‚ich weiß es wohl.‘ Es war als ob sie noch etwas anderes sagen wollte, aber sie sagte es nicht. Das schwere Tuch war ihr von der Schulter geglitten; als sie es wieder aufgerafft hatte und nun mit ihrer Hand über der Brust zusammenhielt, vermißte er den kleinen Ring an ihrem Finger, den er einst auf dem Jahrmarkte ihr hatte einhandeln helfen.’Dein Ring, Wieb!‘ rief er unwillkürlich.’Wo hast du deinen Ring gelassen?‘

Einen Augenblick noch saß sie unbeweglich; dann richtete sie sich auf und trat über die nächste Bank zu ihm hinüber. Sie mußte in dem schwankenden Boot die eine Hand auf seine Schulter legen, mit der anderen langte sie in den Schlitz ihres Kleides und zog eine Schnur hervor, woran der Ring befestigt war. Mit stockendem Atem nahm sie ihrem Freunde die Mütze von den braunen Locken und hing die Schnur ihm um den Hals .’Heinz, o bitte, Heinz!‘ Der volle blaue Strahl aus ihren Augen ruhte in den seinen; dann stürzten die Tränen auf sein Angesicht, und die beiden jungen Menschen filen sich um den Hals, und da hat der wilde Heinz die kleine Wieb fast totgeküßt.”15

Heinz kommt zu spät nach Hause, was dem Vater stark mißfällt. “Hasst Du die Bürgerglocke nicht gehört? Wo hast Du Dich herumgetrieben?” Der Vater ist außer sich.

Heinz kehrt nach einem Jahre nicht zurück. Er hat auf einem anderen Schiff angeheuert. Der Brief, den Heinz nach Hause schickt, ist nicht frankiert. Sein Vater verweigert die Annahme.16 Dreißig Schillinge sind ihm zuviel. Eine Zurückweisung ersten Ranges.

Lange bleibt Heinz verschollen. Nach etwa 15 Jahren taucht er in Hamburg wieder auf. In einer Matrosenunterkunft überredet ihn sein Vater, wieder zurückzukehren. “Einige Tage später war Frau Lina (ihr Bruder, C.S.) beschäftigt, in dem Oberbau die Kammer für den Bruder zu bereiten; aber auch heute war ihre Brust nicht freier. Der Brief, worin der Vater sein und des Sohnes Ankunft gemeldet hatte, enthielt kein Wort von einem frohen Wiedersehen zwischen beiden; wohl aber ergab der weitere Inhalt, daß der Wiedergefundene sich anfangs unter seinem angenommenen Namen vor dem Vater zu verbergen gesucht habe und diesem wohl nur widerstrebend in die Heimat folgen werde.”17

Er erzählt nichts von seinem Leben als Matrose, ist am Unternehmen des Vaters nicht interessiert. “Aber auch heimisch schien Heinz sich nicht zu fühlen. Hatte er kurze Zeit im Zimmer bei der Schwester seine Zigarre geraucht, so trieb es ihn wieder fort; hinab nach dem Hafen, wo er dem oder jenem Schifffer ein paar Worte zurief, oder nach dem großen Speicher, wo er teilnahmslos dem Abladen der Steinkohlen oder anderen Arbeiten zusah. Ein paarmal, da er unten im Kontor gesessen, hatte Hans Kirch das eine oder andere der Geschäftsbücher vor ihm aufgeschlagen, damit er von dem gegenwärtigen Stande des Hauses Einsicht nehme; ab er hatte sie jedesmal nach kurzem Hinundherblättern wie etwas Fremdes aus der Hand gelegt.”18

Zweifel an seiner Identität tauchen auf. “Plötzlich, Gott weiß woher, tauchte ein Gerücht auf und wanderte emsig von Tür zu Tür: der Heimgekehrte sei gar nicht Heinz Kirch, es sei Hasselfritz, ein Knabe aus dem Armenhause, der gleichzeitig mit Heinz zur See gegangen war und gleich diesem seitdem nichts von sich hatte hören lassen. Und jetzt, nachdem es eine kurze Weile darum herumgeschlichen , war es auch in das Kirchsche Haus gedrungen. Frau Lina griff sich mit beiden Händen an die Schläfen; sie hatte durch die Mutter wohl von jenem anderen gehört; wie Heinz hatte er braune Augen und braunes Haar gehabt und war wie dieser ein kluger wilder Bursch gewesen; sogar eine Ähnlichkeit hatte man derzeit zwischen ihnen finden wollen. Wenn alle Freude nun um nichts sein sollte, wenn es nun nicht der Bruder wäre!”19

Über seine ehemalige Geliebte Wieb erfährt Heinz, dass sie in einer Hafenschänke arbeitet. Er trifft sie dort und muss miterleben, wie ihr Ehemann säuft und sie schlecht behandelt. Für eine Wiederaufnahme der Beziehung ist es zu spät. Den Ring ihrer Liebe wirft Heinz zu Boden und verlässt den Raum.

Vater und Sohn kommen sich nicht näher. Hans zahlt seinem Sohn das Erbteil aus. Heinz entschließt sich, für immer wegzugegehen. “Heinz betrachtete das alles ; doch nicht lange stand er so; bald trat er an einen Tisch, auf welchem das Kuvert mit den so widerwillig abgezählten Kassenscheinen nach an derselben Stelle lag, wo es Hans Kirch am Abend vorher gelassen hatte.

Ein bitteres Lächeln umflog seinen Mund, während er den Inhalt hervorzog und dann, nachdem er einige der geringeren Scheine an sich genommen hatte, das übrige wieder an seine Stelle brachte. Mit einem Bleistift, den er auf dem Tische fand, notierte er die kleine Summe, welche er herausgenommen hatte, unter der größeren , die auf dem Kuvert verzeichnet stand; dann, als er ihn schon fortgelegt hatte, nahm er noch einmal den Stift und schrieb darunter:’Thanks for the alms and farewell for ever.‘ Er wußte selbst nicht, warum er das nicht auf deutsch geschrieben hatte.”20

Hans Kirch sieht seinen Sohn im Geiste als Toten. Im Herbststurm passiert ihm folgendes: “Alles um ihn herum war still, er hörte nichts; er wollte sich besinnen, ob es nicht vorher noch laut gestürmt habe; da überfiel es ihn, als sei er nicht allein in seiner Kammer; er stützte beide Hände auf die Bettkanten und riß weit die Augen auf. Und – da war es, dort in der Ecke stand sein Heinz; das Gesicht sah er nicht , denn der Kopf war gesenkt, und die Haare, die von Wasser trieften, hingen über die Stirn herab; aber er erkannte ihn dennoch – woran, das wußte er nicht und frug er sich auch nicht. Auch von den Kleidern und von den herabhängenden Armen troff das Wasser; es floß immer mehr herab und bildete einen breiten Strom nach seinem Bette zu. … ‚Er ist tot‘, sagte er, ‚weit von hier.’”21

Noch während der nächsten Jahre, meist an stillen Nachmittagen und wenn die Sonne sich zum Untergange neigte, konnte man Hans Kirch mit seiner steten Begleiterin auf dem Uferwege sehen; zur Zeit des Herbstäquinoktiums war er selbst beim Nordoststurm nicht daheim zu halten. Dann hat man ihn auf dem Friedhof seiner Vaterstadt zur Seite seiner stillen Frau begraben. Das von ihm begründete Geschäft liegt in den besten Händen ; man spricht schon von dem ‚reichen‘ Christian Martens, uns Hans Adams Tochtermanne wird der Stadtrat nicht entgehen; auch ein Erbe ist längst geboren und läuft schon mit dem Ranzen in die Rektorschule; – wo aber ist Heinz Kirch geblieben?”22

Theodor Storm Der Schimmelreiter

Paul Wirgler meint in seiner Einleitung23 zu diesem Spätwerk folgendes: “Die höchste Steigerung von Storms epischer Prosa und das letzte Werk, das er vollendet hat, ist ‚Der Schimmelreiter‘. Lange hatte er die Idee mit sich herumgetragen. Schon 1870 erinnerte er sich an die plattdeutschen Erzählungen der treuen Lena Wies, ‚ mochte es nun die Sage von dem gespenstischern Schimmelreiter sein, der bei Sturmfluten nachts auf den Deichen gesehen wird und, wenn ein Unglück bevorsteht, mit seiner Mähre sich in den Bruch hinabstürzt, oder mochte es ein eigenes Erlebnis oder eine aus dem Wochenblatt oder sonstwie aufgelesene Geschichte sein, alles erhielt in ihrem Munde ein eigentümliices Gepräge und stieg, wie aus geheimnisvoller Tiefe, leibhaftig vor den Hörern auf.‘ Nun, im Alter, ging er daran, sich des heimatlichen Stoffes, ihn neu und groß gestaltend, zu bemächtigen. Er arbeitete an seiner Dichtung schon im Januar 1886, vor seiner Krankheit; im Februar 1888 schloß er sie ab. Der Grund seines Zögerns war nicht nur seine körperliche Schwäche, auch eine innere Hemmung seiner Produktionskraft. ‚Vor der Deichnovelle habe ich einige Furcht und wollte erst diese leichtere Arbeit (den’Bötjer Basch‘) mal zwischenschieben,‘ berichtete er Anfang 1886 an Heyse. Dann, August 1886: ‚In Arbeit ferner:’Der Schimmelreiter‘, eine Deichgeschichte, ein böser Block, da es gilt, eine Deichgespenstsage auf die vier Beine einer Novelle zu stellen, ohne den Charakter des Unheimlichen zu verwischen. …”

Weiter im Oktober 1887: “’Mein vielgenannter ‚Schimmelreiter‘ ist bis Seite 92 der Reinschrift gediehen, und Sonntag will ich nach Heide, um mich mit meinemj deichsachverständigen Freunde Bauinspektor Eckermann ein Nötiges weiter zu besprechen. Aus einem Jungen ist Hauke Haien nun auf dieser 92. Seite zum Deichgrafen geworden; Nun bedarf es der Kunst, um ihn aus einem Deichgrafen zu einem Nachtgespenst zu machen. Ich fürchte, das Thema hätte mir zehn Jahre früher kommen müssen.‘24

Laß, der Husumer Stadtchronist, schildert eine große Sturmflut, die den Porremkoogsdeich auseinanderriß und in die Hattstedter Marsch einbrach; und er weiß auch von einem Spukpferd, ’so ein hermaphrodit‘ war. Doppelt hat Storm, um die Grenze zwischen dem Greifbaren und dem Wahn der erregten Volksphantasie zu überspringen, den Hergang durch Einführung eines berichtenden Mediums vom Leser abgerückt.”25

Lassen wir Storm persönlich über das Ende Hauke Haiens zu Wort kommen: “’Mein Kind! O Elke, o getreue Elke!‘ schrie Hauke in den Sturm hinaus. Da sank aufs neue ein großes Stück des Deiches vor ihm in die Tiefe, und donnernd stürzte das Meer sich hintendrein; Noch einmal sah er drunten den Kopf des Pferdes, die Räder des Gefährtes aus dem wüsten Greuel emportauchen und dann quirlend darin untergehen. Die starren Augen des Reiters, der so einsam auf dem Deiche hielt, sahen weiter rechts:’Das Ende!‘ sprach er leise vor sich hin; dann ritt er an den Abgrund, wo unter ihm die Wasser, unheimlich rauschend, sein Heimatdorf zu überfluten begannen; noch immer sah er das Licht von seinem Hause schimmern; es war ihm wie entseelt. Er richtete sich hoch auf und stieß dem Stimmel die Sporen in die Weichen; das Tier bäumte sich, es hätte sich fast überschlagen, aber die Kraft des Mannes drückte es herunter. ‚Vorwärts!‘ rief er noch einmal, wie er es so oft zum festen Ritt gerufen hatte:’Herr Gott, nimm mich, verschon die anderen!‘

Noch ein Sporenstich; ein Schrei des Schimmels, der Sturm- und Wellenbrausen überschrie; dann unten aus dem herabstürzeden Strom ein dumpfer Schall, ein kurzer Kampf.”26

Handlung davor: Um 1750 stellte Hauke Haien, der Sohn des armen Tede Haiens, fest, dass die alten Deiche falsch angelegt sind und wahrscheinlich damit den Wellen nicht gewachsen sind. Er wird der Nachfolger des alten Deichgrafen Tede Volkerts und setzt seinen Plan durch, einen neuen, architektonisch anspruchsvollen Deich zu bauen. Er will sozusagen die Produktivkräfte entfalten.27 Dem Meer wird Neuland abgetrotzt. Haiens gemeinsames Kind mit seiner Frau Elke ist debil, seine Gesundheit ist zunehmend angegriffen. Sein Gegenspieler Ole Peters verleitet ihn dazu, seine Deichpläne zu ändern. Eine Sturmflut (siehe oben) zerstört den Deich und seine Familie.28 Möglicherweise sah Storm seinen eigenen Tod in dieser Novelle voraus. Es ist sein wohl bekanntestes Werk. Auch Frau und Kind sterben durch den Deichbruch in den Wassermassen.

Die Bekämpfung des Aberglaubens ist ein wichtiges Nebenthema der Novelle.Dieicharbeiter wollen einen Hund in der Deichbefestigung begraben, in der Hoffnung, dass dem Damm dadurch längerer Hakt verliehen wird. Hauke Haien kann dies letztlich verhindern. Der Dialog dazu:

Wer war es?” rief er (Hauke Haien).” wer hat die Kreatur hinabgeworfen?”

Einen Augenblick schwieg alles, denn aus dem hageren Gesicht des Deichgrafen sprühte der Zorn , und sie hatten abergläubische Furcht vor ihm. Da trat von einem Fuhrwerk ein stiernackiger Kerl vor ihn hin. “Ich tat es nicht, Deichgraf”, sagte er und biß von einer Rolle Kautabak ein Endchen ab, das er sic erst ruhig in den Mund schob; “aber der es tat, hat recht getan; soll Euer Deich sich halten, so muß was Lebiges hinein!”

-”Was Lebiges? Aus welchem Katechismus hast du das gelernt?”

Aus keinem Herr!” entgegnete der Kerl, und aus seiner Kehle stieß ein freches Lachen; “das haben unsere Großväter schon gemacht, die sich mit Euch im Christentum wohl messen dürfen! Ein Kind ist besser noch; wenn das nicht da ist, tut’s auch wohl ein Hund!”29

Zum Christentum hatte Storm kein besonders inniges Verhältnis: “Da das Christentum mir nicht eine persönliche, traditionelle Macht aus den Tagen der Kindheit gewesen ist, schätze ich es als eine bloß historische Erscheinung. Gegenstand innerer Lebensüberzeugung und Erfahrung ist es mir nicht geworden.”30 Diese Aussagen beinhalten eine gewisse Distanz.

Biografisches: Theodor Storm wurde 1817 als Sohn eines Advokaten in Husum geboren, seit 1837 studierte er Jura in Kiel und wurde 1847 Advokat in seiner Geburtsstadt. Nachdem Holstein seine Selbständigkeit an Dänemark verloren hatte, gab er die Advokatur auf. Seit 1853 war er drei Jahre lang Assessor am Kreisgericht Potsdam. Von dort pflegte er Verbindung mit literarischen Kreisen in Berlin. 1856 wurde er Kreisrichter in Heiligenstadt (Eichsfeld). 1864 kehrte er nach Husum zurück. 1865 starb seine Frau Constanze nach der Geburt des siebten Kindes. 1866 heiratete er seine Jugendfreundin Dorothea Jensen 1880 übersiedelte er nach Hademarschen. Dort starb er 1888.31

Wichtige Werke: Immensee (1851), Vila Tricolor (1874), Pole Poppenspäler (1875),Aquis submersus (1876/ 1877), Carsten Curator (1877/1978), Renate (1878), Eekenhof (1880), Hans und Heinz Kirch (1882/1883), Der Schimmelreiter (1888).

Seine norddeutsche Heimat liebte er intensiv: das Meer, den Marsch, die Geest. Oft durchzieht seine Novellen das Gefühl des Vergänglichen und Unwiderbringlichen. Ein Gedicht als Beispiel:

Über die Heide (1875)

Über die Heide hallet mein Schritt;

Dumpf aus der Erde wandert es mit.

Herbst ist gekommen, Frühling ist weit –

Gab es denn einmal selige Zeit?

Brauende Nebel geistern umher;

Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer

Wär‘ ich nur hier nicht gegangen im Mai!

Leben und Liebe – wie flog es vorbei!

Humor kannte Storm auch gelegentlich. Zum Beispiel in der Novelle “Die Söhne des Senators” (1880/1881). Es geht um den Erbstreit zweier Senatorensöhne um den väterlichen Garten. Die Handlung spielt wieder einmal in einer kleinen Hafenstadt in Norddeutschland. Der Jüngere Bruder Friedrich Jovers lässt eine Mauer im Streit mit seinem Bruder Christian Albrecht errichten. Sie wird zwischen den Stadthäusern hochgezogen. “Und schon am anderen Tage, während der Herr Onkel Bürgermeister und der Herr Vetter Kirchenpropst noch einmal ihr vergebliches Versöhnungswerk betrieben, wurde zwischen den Höfen der beiden Brüder rüstig fortgemauert, und der struppige Assyrer sang dabei alle Lieder, die er aus seinen Kreuz- und Querzügen aus der Fremde heimgebracht hatte. Im Hause des Senators wurden die Schreibstuben mit jeder neuen Steinlage immer mehr verdunkelt…”32 Friedrich Jovers schlägt letztlich seinem Bruder eine Versöhnung vor: “ … hiemit, so du gleichen Sinnes bist, ist unser Prozeß am Ende; du hast das Urteil unseres Magistrats für dich; meinen Einspruch habe ich zurückgezogen. Tu du nun ein übriges und bestimme als der Älteste, wie es sich mit dem Garten verhalten soll!”33 Eine Versöhnung kommt zustande – der Garten heißt in Zukunft schlicht “Jovers Garten”. Den Stoff hatte Storm von seinen Vorfahren übernommen. Die Söhne von Storms Ururgroßvater, der Bürgermeister in Husum war und Simon Woldsen (1696 bis 1765) hieß, waren wegen eines nachgelassenen Gartens in Streit geraten. Der Streit dauerte bis in an das Lebensende der beiden.34

Storm lebte bei Abfassung der Novelle schon in Hademarschen. Dort starb er am 4. Juli 1888.

Theodor Storm und die Politik

Bei seiner Geburt war Theodor Storm 1817 Däne. Die Herzogtüner Schleswig und Holstein gehörten seit 1773 zu Dänemark. Seine politische Haltung war antidänisch. 1848 arbeitete er für die dänenfeindliche Schleswig-Holsteinische Zeitung. Die dänische Regierung registrierte das mit Unwillen, eine Bestätigung als Rechtsanwalt durch den dänischen König kam 1852 nicht zustande. Er ging danach nach Potsdam in Preußen.35 In seiner neuen Stellung beim Kreisgericht in Potsdam lebte er in bescheidenen Verhältnissen. Den Preußen wie der Aristokratie war er abhold -er mochte sie nicht. 1856 wurde er Kreisrichter in Heilgenstadt – auch hier war er materiell nicht auf Rosen gebettet. 1864 nach dem preußisch-dänischen Krieg wurde Theodor Storm Landvogt in Husum. Im April 1864 besiegte Preußen das dänische Heer bei den Düppeler Schanzen. 1867 wurde das Amt des Landvogts abgeschafft, Storm wurde ein Jahr später preußischer Amtsrichter in Husum. 1874 wurde er zum Oberamtsrichter befördert, 1879 zum Amtsgerichtsrat. Jeder Preuße komme nach Husum mit der Mine eines kleinen persönlichen Eroberers und als müsste er höhere politische Einsicht bringen. Mit dieser Einschätzung dokumentierte er seine antipreußische Einstellung. Politisch wandelt er sich vom Radikaldemokraten zum Nationalliberalen. Der schleswig-holsteinische Befreiungskampf war verbunden mit einem deutschen Sendungsbewußtsein.

1Theodor Storm, Carsten Curator, in: Theodor Storm, Der Schimmelreiter, Klagenfurt o.J., S. 66

2Ebd., S. 67

3Ebd.

4Ebd. S. 62

5Ebd., S. 63

6Ebd.

8Aquis submersus, in: Manfred Kluge/ Rudolf Radler (Hrsg.) Hauptwerke der deutschen Literatur, München 1974, S. 406

10Theodor Storm, Aquis submersus, a.a.O., S. 105

11Hartmut Vincon, Storm, Reinbek bei Hamburg 1980 (6.Auflage), S. 134

13Vgl. Hans-Jürgen Geerdts (Hrsg.), Deutsche Literaturgeschichte in einem Band, Berlin 1971, S. 418

14Theodor Storm, Sämtliche Werke, Band 7, Berlin. O.J., S. 121 f.

15Ebd., S. 122

16Vgl. Hartmut Vincon, Storm, Reinbek bei Hamburg 1980 (6.Auflage), S. 146

17Theoder Storm, Band 7, a.a.O., S. 144

18Ebd., S. 147

19Ebd., S. 151 f.

20Ebd., S. 172

21Ebd., S. 179

22Ebd., S. 184

23Theodor Storm, Sämtliche Werke, Band 10, Berlin o.J., S.11 ff

24Ebd.

25Ebd., S. 12

26Theodor Storm, Der Schimmelreiter, Klagenfurt o.J., S. 256

27Hans-Jürgen Geerdts (Hrsg.), Deutsche Literaturgeschichte in einem Band, Berlin 1971, S. 418

28Vgl.Manfred Kluge, Der Schimmelreiter, in: Manfred Kluge und Rudolf Radler (Hrsg.), Hauptwerke der deutschen Literatur, München 1974, S. 408 f.

29Geerdts, a.a.O., S. 419

30Vgl. Thedor Storms Verhältnis zum Christentum http://pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=3411

31Vgl. Herbert und Elisabeth Frenzel, Daten Deutscher Dichtung – Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte, Bd. II – Vom Biedermeier bis zur Gegenwart, München 1966 (3. Auflage), S. 69

Willy Grabert, Arno Mulot, Helmut Nürnberger, Geschichte der deutschen Literatur, München 1990 (23. Auflage), S. 218

32Theodor Storm, Die Söhne des Senators, in: Theodor Storm, Band 7, a.a.O., S. 44

33Ebd. S. 53

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Veröffentlicht 18. Juni 2010 von schauerchristian in Theodor Storm

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