Reiseberichte Berlin 2015,2014 und 2013

Reisebericht Berlin August 2015

Pfaueninsel

Die Erschließung der Insel beginnt mit Friedrich Wilhelm II. Was steckte dahinter: die Liebe. Schon als Kronprinz hatte er sich als Frühvollendeter zusammen mit der 13-jährigen Wilhelmine Encke, der Tochter eines Hoftrompeters und Gastwirtes, zu romantischen und erotischen Aufenthalten auf die verwilderte Insel übersetzen lassen. Was kann daraus nur folgen? Wilhelmine wird mit fünfzehn Mutter – die Jugend ist vorbei. Es heißt, der König legte großen Wert auf den Erhalt de Wildnishaften der Insel- möglicherweise hat ihn seine innere Wildheit dazu veranlasst – er war ein Getriebener der Wildnis sozusagen. „Zurück zur Natur“ spielte damals als Motto Rousseaus im Denken des Monarchen eine große Rolle.1

1793 war es dann soweit Durch eine Kabinettsorder vom 12. November übermittelte Friedrich Wilhelm II. seinen Wunsch: „[…] Zu dem Amte Bornstedt gehört eine in der Havel liegendeInsel, genannt der Caninchenwerder, welche ich der Lage halber zu einigen Anlagen selbst übernehmen will“. Der Kern der Insel mit 200 bis 300 alten Eichen blieb als Wildnis unverändert. Die Insel gelangte vom Militärwaisenhaus in Potsdam in den Besitz des Königs. Unter Friedrich Wilhelm II. wurden besonders zwei Bereiche gestaltet: das Schloss am Ufer der Westspitze einerseits. Im Wiesenland im Osten der Insel entstand die Meierei.

Der Schlossbau begann 1794, die Innenausstattung wurde 1795 vollendet. Der Bauplatz sollte vom Marmorpalais aus zu sehen sein. Das Gebäude sollte einem römischen Landhaus ähneln.

Den Kern der Insel bildeten 200 bis 300 alte Eichen – während der Erschließungszeit durch die Bauwerke von Friedrich Wilhelm II. Die Bauleitung lag beim Geheimkämmerer Johann Friedrich Ritz, der durch eine Scheinehe mit Wilhelmine, geborene Encke, liiert war. Ihr wurden sämtliche Bauplanungen vorgelegt. Der Baubeginn des Schlosses war das Frühjahr 1794. Die Bezeichnung Kanincheninsel war bald obsolet – man nannte sie bald Königliche Pfaueninsel.

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Bild: Pfaueninsel

Viele Pfauen sind tatsächlich auf der Insel zu sehen. Seinen Fächer breitete leider keiner aus. Man denkt hier unwillkürlich an das Lied von Leonard Cohen „The story of Isaac“

“And mercy on our uniform

Man of peace or man of war

The peacock spreads his fan”

Das Kavalierhaus wurde 1803/04 als Gärtnerwohnung erbaut. Auf der Pfaueninsel entstanden in den 1960er Jahren Außenaufnahmen für mehrere Edgar Wallace Filme. Neben dem Englischen Landschaftspark diente bei diesen Filmen häufig das Kavaliershaus als Kulisse für Außenaufnahmen. Seine Architektur erinnert an englische Landhäuser.

Die Neue Synagoge Berlin

Am 5. September 1866 fand die Einweihung der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße statt. Von der Reichspogromnacht (9. 10. November 1938) blieb auch die Neue Synagoge nicht verschont. Von SA-Leuten war im Raum vor dem Eingang zur Hauptsynagoge Feuer gelegt worden, das jedoch gelöscht wurde. Viele Synagogen in Berlin waren in dieser Nacht in Brand gesteckt worden. In der Synagoge Oranienburger Straße war nur Inneren ein Brand entstanden. Durch das schnelle Eingreifen des Portiers Wainschel und anderer konnten die Flammen bald gelöscht werden. Die Rettung der Synagoge war Polizeioberleutnant Wilhelm Krützfeld zu verdanken. Eine Brandstiftung größeren Ausmaßes fand nicht statt. Die Synagoge war vorerst bewahrt. Zum Pessachfest 1939 konnte die Neue Synagoge wieder bezogen werden. Gemeindevorsteher Heinrich Stahl und Rabbiner Max Nussbaum betraten das Gebäude trotz Versiegelung. Der Rabbiner berichtete 1970 darüber: „ Über dem Schrein gewahrten wir unser eigenes Wunder, das des zwanzigsten Jahrhunderts: Das Ewige Licht brannte, es hatte während des 9. und 10. November gebrannt (…). Es war ein unvergesslicher Anblick – Symbol und Botschaft zugleich (…)“3

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Bild: Neue Synagoge

Die goldene Kuppel musste mit grauer Farbe übertüncht werden – dies verlangten die Behörden des NS-Regimes aus Luftschutzgründen. Die Übermalung geschah am 14. September 1939. In Inneren fand der Gottesdienst zum Jüdischen Neujahrsfest statt. Der letzte Gottesdienst fand am 30. März 1940 statt. Am 11. Juni 1943 geschah die Beschlagnahmung der Häuser Oranienburger Straße 28-31 durch die NS-Behörden. Rechtsgrundlage war die „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“. Womöglich lagerten im Kellerraum Unterlagen des Reichssippenamtes. Diese Behörde verwaltete seit 1939 die nach der Reichpogromnacht beschlagnahmten Akten des Gesamtarchivs der deutschen Juden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte in Berlin nur noch ein kleiner Teil der ehemaligen jüdischen Bevölkerung – Im November 1949 waren es insgesamt 7.900 Juden. 4.600 hatten in Mischehen überlebt, 1.400 im Versteck. 1.900 waren aus befreiten Konzentrationslagern zurückgekehrt.

Am 5. Juli 1988 konstituierte sich die Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum. 1990 wurde die goldene Kuppel fertiggestellt. 1991 kam der Davidstern dazu. 4

Am 7. Mai 1995 wurde die Neue Synagoge als Centrum Judaicum eröffnet. Anwesend waren der damalige Bundespräsident Roman Herzog, der damalige Kanzler Helmut Kohl und Eberhard Diepgen, ehemals Regierender Bürgermeister von Berlin.

Das Knoblauchhaus

Im Siebenjährigen Krieg 1759 kaufte der Nadlermeister Johann Christian Knoblauch ein Fachwerkhaus im Nikolaiviertel. Er ersetzte es durch ein Rokoko-Eckhaus. Der Familie diente das Haus neben der Nikoaikirche fast 170 Jahre als Wohn- und Geschäftssitz. Aus den Reihen der Knoblauchs gingen Kaufleute, Architekten, Wissenschaftler und Kommunalpolitiker hervor. Wichtige Personen waren Carl Friedrich Knoblauch (1765 – 1813) und Sohn Carl (1793 – 1859). Sie waren Seidenfabrikanten, Seidenhändler und Berliner Stadträte. Eduard Knoblauch (1801 – 1865) entwarf die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße (siehe oben). Ein Urenkel gründete 1868 das Böhmische Brauhaus. Heute beherbergt das Gebäude ein renommiertes Biedermeier-.Museum. Die rekonstruierten Wohnräume im ersten Stock sind den Mitgliedern der Familie Knoblauch gewidmet. In der zweiten Etage informieren Bilder und Gebrauchsgegenstände über das Leben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Haus waren Karl Friedrich Schinkel und Wilhelm von Humboldt früher prominente Dauergäste.

Nikolaikirche

Die Entstehung der Kirche wird um 1230 angenommen. Stilistisch liegt sie zwischen Spätromanik und Frühgotik. Sie wurde 1264 in einem Ablassbrief Bischof Heinrichs von Brandenburg erstmals urkundlich erwähnt. Der heilige Nikolaus gilt als Schutzheiliger der Fischer, Schiffer und Kaufleute. Der Namenspatron – der heilige Nikolaus – geht auf die historische Gestalt des Bischofs von Myra (Lykien) zurück.

Gewirkt hat in der Kirche der dichtende Pfarrer Paul Gerhardt (1607 bis 1676). Vertont wurden die Gedichte von Johann Crüger (1598 bis 1662) und später von Johann Georg Ebeling (1637 bis 1676). Der bedeutende protestantische Pietist Philipp Jakob Spener (1635 bis 1705) war in dieser Kirche Propst. Auch der Aufklärungstheologe Joachim Spalding (1714 bis 1804) lebte hier. Hervor stechen die plastischen Kunstwerke des Renaissance-Bildhauers Hans Schenk. 5

Die Nikolaikirche wird seit 1939 nicht mehr kirchlich genutzt. Sie fand 1987 ihre Bestimmung als Museum. Nach einer umfangreichen Sanierung steht sie seit 2010 wieder Besuchern aus nah und fern offen.

Das Heinrich Zille Museum

Heinrich Zille (1858 – 1929) hat vor allem dem von Armut geprägten Berlin – Leben in den Berliner Hinterhöfen – ein Gesicht gegeben. Durch seine unermüdliche Arbeit, die Umsetzung der Beobachtungen in Berlin spezifische Abbildungen des urbanen Lebens hat Heinrich Zille ein Werk geschaffen, das in seiner gelegentlich derben Qualität Generationen von Menschen anzog.

Fußnoten

 Michael Seiler, Pfaueninsel, Berlin München 2012, S. 2

Hermann Simon, Die Neue Synagoge Berlin, Berlin 2011, S. 77

3 Ebd.. S. 87 f.

4 Ebd. S. 97

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Veröffentlicht 14. November 2014 von schauerchristian in Reiseberichte Berlin 2015, 2014 und 2013

Die Grauen Wölfe – Geschichte der Sinti – Geschichte Haitis – Aspekte der Geschichte Armeniens

Die Grauen Wölfe

Der türkische Kulturnationalismus

Hier muss der Soziologe Ziya Gökalp genannt werden. Die organische Gesellschaft funktioniert in einem Staat, der sich auf eine Nation stützt. Das Konzept des „kulturellen Türkismus“ ist verknüpft mit der Verwandtschaft bzw. der Einheit der Türkvölker. Erstrebt ist ein türkischer Nationalstaat, der alle türkischen Völker unter einem Dach vereinigen will. Ausschlaggebend ist die Herausbildung einer Kultur, die durch Sprache von Kindheit vermittelt wird. Vergleichbar ist die Situation der Türken mit der Situation der Deutschen bis 1871. Die Türken sollen wie die Deutschen die Situation durch eine gemeinsame Sprache und Kultur meistern. Im Jahre 1908 hat sich der Türkismus in der Türkei institutionalisiert. Die türkische Bewegung war bestrebt, ein „Großtürkisches Reich“ zu errichten. Länder, in denen Turkvölker lebten (Türkei, Balkan), sollten erobert werden. Deshalb beteiligte man sich an der Seite Deutschlands am Ersten Weltkrieg. Im Gegensatz zu anderen Turanisten, die auch Ungarn und Finnen dazu rechneten, umfasst der Turanismus Gökalps nur die „Oguz-Türken“- die Aserbaidschaner, Tataren, Yakuten, Kirgisen, Usbeken und die Kipcaken. Die jungtürkische Partei „Einheit und Fortschritt“ verlor innerhalb von sechs Jahren mehr Territorium als Abdülhamit II. in dreißig Jahren. Das nationale Selbstbewusstsein war dadurch verletzt. Im Ersten Weltkrieg sollten die im Westen verloren gegangenen Gebiete durch Landgewinne im Osten mit der Vereinigung aller Türken in Turan kompensiert werden. Während des Krieges begann die“Ausräumung“ und Türkisierung anderer Völker (siehe dazu schauerchristian.wordpress.com – Historischer Reader zu Armenien) Zwischen 1877 und 1922 wurden über zwei Millionen Armenier bei türkischen Pogromen getötet- viele durch Folgewirkungen wie Seuchen, Hunger und Flucht.

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Beziehungen zu Deutschland im Zweiten Weltkrieg

Die Nationalsozialisten betrachteten die Türkei, Iran und die arabischen Länder als wichtige Rohstofflieferanten. Nach der Machtergreifung begann der Krupp-Konzern im großen Umfang Eisenbahn-Linien in der Türkei aufzubauen. Vier Tage vor dem Angriff auf die Sowjetunion unterzeichnete die Türkei 1941 einen 10-jährigen Freundschafts- und Nichtangriffspakt mit NS- Deutschland. Im Oktober 1941 schlossen Deutschland und die Türkei einen Wirtschaftsvertrag, in dem die Türkei Rüstungsgüter im Wert von 100 Millionen Türkischen Lira im Ausgleich für die Lieferung von 90.000 Tonnen Chrom bekam. Die türkische Chromproduktion war für die deutsche Rüstungsindustrie nötig. In einem Geheimdokument der Nazis über den MHP-Führer Türkes heisst es: „Aus der Entwicklung der Kriegsführung ergibt sich die Notwendigkeit, Beziehungen in den den pantürkischen und deutschfreundlich gesinnten Gruppen in der Türkei auszubauen und zu pflegen. Gerade in der Türkei bieten im Hinblick auf angrenzende Rohstoffländer solche Verbindungen Möglichkeiten, die sich in ihrer ganzen Tragweite nur aus dem Lande selbst überblicken lassen. Die Türkei war für uns der wichtigste Lieferant für Chrom. Das Reich deckte 30% seines Bedarfes an Chrom, bis die türkische Regierung infolge der bekannten anglo-amerikanischen Note- bei gleichzeitiger Weiterlieferung an England, das 1943 allein 55000 Tonnen Chrom erhielt – die Lieferung an Deutschland einstellte. .. Bislang bestand aufgrund ihrer Haltung gute Verbindungen zu folgenden Personen:

1.  Alparslan Türkes – Absolvent einer Offiziersschule und Führer der pantürkischen Bewegung.

2. Tekin Aryburun – Absolvent einer Militärakademie in England und Attaché der Luftstreitkräfte im Deutschen Reich.

3. Sadi Kotschasch – mit politischen und militärischen Fähigkeiten

Diese Türken verdienen nach wie vor unsere ganze Aufmerksamkeit.“1

Türkes wurde 1917 in Nikosia auf Zypern geboren. Der Name ist eine Anspielung auf den Herrscher der Seldschuken Alp Arslan. Im Jahre 1936 schloss Alparslan Türkes die militärische Ausbildung an der Kadettenschule in Istanbul mit dem Rang eines Oberfähnrichs ab. 1940 heiratete er – fünf Kinder erwuchsen dieser Ehe. Während des zweiten Weltkriegs war er ein wichtiger Kontaktmann der Nazis zu extrem rechten Kräften in der Türkei. 1944 wurde er im sogenannten Rassismus-Turanismus-Verfahren wegen Vaterlandsverrats – ein Vorwurf, den er abstritt – zu mehr als neun Monaten Haft verurteilt. Er durfte in die Armee zurückkehren. Nach 1945 ging Türkes eine Zeit lang zur türkischen Militärmission in die USA nach Washington, um Kontakte zum Pentagon zu knüpfen.

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Verlautbarungen von Organisationen, die den Grauen Wölfen nahe stehen:

 „Auf daß die Rufe des Muezzin eines Tages in Berlin die Horizonte zerreißen und bis in den siebten Himmel aufsteigen. Der zweite Befreiungskrieg wird gegen eine Handvoll Kommunisten, Freimaurer, Zionisten, Volksfeinde und Ungläubige eröffnet. Dieser Krieg wird gemacht, um die Großtürkei wieder zu errichten. Das ist unser absolutes Ziel. 100.000 türkische und muslimische Arbeiter und Studenten sind in Europa dazu organisiert, diesen Kampf zu führen.“ Flugblatt des „Kultur- und Solidaritätsvereins“, Berlin 1970

„Wie glauben fest daran, daß der Jude, dieser Hund, der in der ganzen Welt Bosheit säht … in Finanzen und Wirtschaft eingreift, um die Weltmacht zu erringen, der den Völkern das Blut aussagt, daß dieser von dem nationalistischen türkischen Arbeiter erkannt werden muß. Diese verdammten Bazillen, die Juden waren es, die das osmanische Reich zerstörten… Die „Nationalistische Arbeitervereinigung“ hat die Flagge des Heiligen Kampfes gehißt. Wir werden unsere Feinde wie Ratten zertreten … Es lebe das Türkentum der ganzen Welt! Hoch die Nationalsozialisten!“ Erklärung der „Nationalistischen Arbeitervereinigung“, veröffentlicht in „Tercüman“, 12.2.1972. 1973 schloß sich die Vereinigung der MHP an.

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Der Mythos des Grauen Wolfes

Das mythische Element dieses Tieres ist mit der überlegenen türkischen Nation verbunden. Nach Zeki Velidi Togan ist der Graue Wolf das Totem – ein tierisch- Pflanzliches Wesen, das als zauberhafter Helfer verehrt wird – der Türken. Der Vorfahr der Uygurs ist ein männlicher Wolf, der die Gesellschaft in den großen Kriegen anführt. Die faschistische Bewegung in der Türkei revitalisierte seit Ende der 60er Jahre das Totem des Grauen Wolfes. Ein junger MHP- Anhänger meint unter dem Titel „Was ist der Graue Wolf“: „In den Teilen unserer nationalen Legende, die gemeinsames Eigentum der vielen aufeinander folgenden türkischen Generationen ist, ist der Graue Wolf ein Symbol, das den Türken den Weg zeigt, und die Türken Siege erringen lässt.“2 In der türkischen Legende – Uygur und Göktürk- führt der Graue Wolf die türkischen Stämme zu zahlreichen Siegen. Der MHP-Anhänger schreibt weiter : „Die Geschichte jeder Nation beginnt mit einer oder mehreren Mythologien. Die Mythen gab es bereits vor dem Schreiben … Wie auch in anderen Nationen, so wurde auch die türkische Mythologie nicht von einer einzigen Person geschrieben.Was der Löwe für die Engländer, der Bär für die Russen, der Leopard für die Perser, der Drache für die Japaner … ist, das bedeutet der Graue Wolf für die Türken.“ Das Prunktier wird näher erläutert: „Während der Khunperiode (220 vor Christus bis 220 nach Christus) erleben wir den Grauen Wolf noch umfassender. Er ist nicht nur ein göttlicher Vorfahre oder ein nationales Symbol auf der Fahne, sondern auch eine göttliche Kraft, ein Führer für die Armee, ein Hizir – jemand der Unsterblichkeit erlangt hat- der die Hilflosen rettet, ein Lehrersymbol, der Hakan (so hießen die Herrscher alter türkischer Stämme) und einer, der der Armee Vorsichts-, Fürsorge und Besonnenheitslehren beibringt. Der Graue Wolf kämpft mit Oguz Khan und dessen Armee … Er ist kein Wolf, sondern ein Retter und Held, wird jedoch als wahrgenommen. Er ist ein gelehrter und vernünftiger Hakan.“ Soweit Kaptan, das MHP-Mitglied. Weiter heißt es bei Kaptan:“ In den Teilen unserer nationalen Legende, die gemeinsames Eigentum der vielen aufeinander folgenden türkischen Generationen ist, ist der Graue Wolf ein Symbol, das den Türken den Weg zeigt, und die Türken Siege erringen lässt.“

Wolfsgruß

Wolfsgruß der „Grauen Wölfe“

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Die Ditib

In Deutschland wurde im Jahr 1985 die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“-DITIB) gegründet. DITIB gehört zum Amt für Religionsangelegenheiten, einer offiziellen rganisation des türkischen Staates. Sie untersteht der Kontrolle einer MHP -Organisation, der „Föderation der türkisch-demokratischen Idealistenvereine Europa“. Gründer der DITIB ist ein Oberst namens Altan Ates, der 1986 folgende Sebstdarstellung zum Besten gab: „Unser Thema ist die Psychologische Kriegsführung. Dies ist eine völlig neue Kriegsart. Sie ist ein sehr heim-tückischer, sehr wissenschaftlicher und sehr umfassender Krieg. Für diesen Krieg müssen wir uns vorbereiten. Und zur Verwirklichung bedarf es eines sehr starken Nachrichtendienstes.“ Im Mai 1988 fand in Koblenz die Gründung des unter der MHP stehenden Verbandes der türkisch islamischen Kulturvereine statt. Musa Serdar Celebi wurde der erste Vorsitzende. Er führte aus: „Der Verband wahrt die Interessen der Republik Türkei und der türkischen Nation. Er arbeitet mit den Vertretungen der Republik Türkei und … anderen Institutionen zusammen.“3 Celebi war auch zeitweise Vorsitzender der Föderation der Idealisten-Vereine Europa mit Sitz in Frankfurt.

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Integrationswillen

Die Selbsteinschätzungen der ADÜTDF(so nennt sich die Föderation auf türkisch) und die Bewertungen anderer gesellschaftlichen Gruppen bezüglich des Integrationswillens sind entgegengesetzt. Christiane Stuff analysierte in ihrem Beitrag „Islamischer Fundamentalismus in Deutschland“, dass „die Haltung gegenüber der deutschen Gesellschaft […] von Distanz geprägt“ sei, „vom Fernhalten von den ‚Ungläubigen‘“. Solches Verhalten finde seine Begründung in fundamentalistischer Auslegung von Korantexten wie der Sure 5, Vers 51: „Ihr Gläubigen! Nehmt nicht die Juden und Christen zu Freunden! Sie sind untereinander Freunde (aber nicht mit euch). Wenn einer von euch sich ihnen anschließt, gehört er zu ihnen (und nicht mehr zur Gemeinschaft der Gläubigen).“ Dies äußere sich als „Verweigerung jeder Form von Integration“. Die ADÜTDF äußere sich hierzu kommentierend so: „Als Türken wollen wir weitere Zugeständnisse an unsere Lebensart, Würde und Identität erreichen. Das verstehen wir unter Integration.“

– Christiane Stuff: Islamischer Fundamentalismus in Deutschland4

Zumindest fragwürdige Entscheidungen der Ditib

Die Gremien der DITIB müssen sich dann aber auch die Frage gefallen lassen, ob es für die Integration förderlich ist,  wenn die größte DITIB Moschee Berlins, die Sehitlik-Moschee, am 8.4.2007 den türkischen Rechtsextremen (Graue Wölfe) überlassen wird, damit diese in der Moschee ihre Gedenkfeier (Anma Gecesi) für ihren am 4.4.1997 verstorbenen Führer, den Oberwolf Türkes veranstalten können.

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Das Fazit zu den Grauen Wölfen von Emre Arslan, Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum, Wiesbaden 20095

„Der Vergleich zwischen den Ülkücüs in der Türkei und in Deutschland zeigt, dass beide Gruppen den Grundmythos der Türkei als Herrschernation teilen. Beide Gruppen normalisieren und verherrlichen die Ungleichheiten der Nationen in der Welt und wünschen sich eine Herrscherposition der Türken in der Weltpolitik. … Trotz des o.g. einheitlichen Weltbildes haben die heldenhaften Mythen aus der türkischen Geschichte eine noch größere Bedeutung für die türkischen Ultranationalisten in Deutschland.“6

Ideologie der Grauen Wölfe – Verhältnis zum Islam

Der türkische Ultranationalismus stand schon im 19. Jahrhundert zum Islam in einem schwierigen Verhältnis. Die islamistische Bewegung Milli Görüs stellt den wichtigsten Konkurrenten der Grauen Wölfe in der türkischen Politik dar. Je mehr es der MHP gelang, den Nationalismus mit dem Islam zu verbinden, desto mehr Spielraum gewann ihre Politik. 7 In Deutschland gab es die Abspaltungen ATIB und Nizam-i Alem, die den Islam betonten. Nizam-i Alem bedeutet Ordnung der Welt. Die Anhänger dieser Organisation träumen von einem Modernen Osmanischen Reich, das die ganze Welt beherrscht. Geschichtlich geschehen bedeutet der Islam für die türkischen Ultranationalisten die Herrschaft der Osmanen in Teilen Asiens, Afrikas und Europas (die Symbolik der drei Halbmonde rührt von diesen drei Kontinenten her). Letztere drei Halbmonde waren nicht nur auf dem DITIB-Video von 2008 in Aschaffenburg zu sehen, sondern sind es auch auf einem Video der DITIB Bad Salzuflen von 2008, der DITIB Moosburg 2009, DITIB Kassel 2009. Graue Wölfe und Milli Görüs können der rechtsradikalen Szene zugerechnet werden. Beide versuchen, moderne Gesellschaften von einem ideellen „goldenen“ Ursprung her zu erklären. Der Bezug auf diese Urtradition bildet den Mythos der Fundamentalisten. Ultranationalistische Elemente sind ein untrennbarer Bestandteil der Milli-Görüs-Ideologie. Beide Bewegungen handeln in einem gemeinsamen Ideologiebereich. Danach ist die Türkei eine überlegene Nation , das Osmanische Reich repräsentiert ein goldenes Zeitalter. Der Begriff „Ultranationalismus“ kann die Ideologie der „Grauen Wölfe“ am besten charakterisieren.

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1Hoffmann, Opperskalski, Solmaz, Graue Wölfe, Koranschulen, Idealistenvereine, Köln 1981, S.49

2Fikret Aslan, Kemal Bozay (Hrsg.), Graue Wölfe heulen wieder. Türkische Faschisten und ihre Vernetzung in Deutschland. Münster 2012 (3. Auflage), S.124

3Ebd.. S. 148

4Wikipedia ADÜTDF Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland

5 Emre Arslan, Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum, Wiesbaden 2009

6 Ebd.,  S.238.

7 Vgl. ebd., S. 47

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Geschichte der Sinti und Roma

Die Sinti und Roma verließen im ersten Jahrtausend nach Christus ihre indische Heimat und zogen nach Westen. Sie durchquerten Afghanistan und erreichten Persien. Ein Teil zog nach Armenien bis nach Rußland, der andere Teil gelangte in die Türkei und nach Griechenland und über den Balkan nach Mitteleuropa. 1100 beschreibt ein georgischer Mönch die Ankunft von Sinti und Roma auf Athos. Anfang des 14. Jahrhunderts gab es Sinti und Romagruppen auf dem Balkan, 1399 erreichen sie Böhmen, 1407 werden sie urkundlich in Deutschland erwähnt. Sie gaben sich als Pilger aus, Geleitbriefe wurden ihnen ausgestellt.

Geleitbrief König Sigismunds

Geleitbrief König Sigismunds, ausgestellt am 23. April 1423 in der Zips (Slowakei): „Unser getreuer Ladislaus, Woiwode der Zigeuner, und die anderen, die von ihm abhängen, haben Uns untertänigst gebeten, ihnen unser besonderes Wohlwollen zu bezeugen. Es hat uns gefallen, ihr ehrerbietiges Anliegen zu erhören und ihnen den vorliegenden Brief nicht zu verweigern. Wenn mithin der besagte Ladislaus und sein Volk an irgendeinem Ort Unseres Reiches erscheinen, empfehlen wir Euch, ihnen Eure Treue gegen uns kundzutun. Ihr werdet ihnen Schutz jeder Art gewähren, auf dass sich der Woiwode Ladislaus und die Zigeuner, seine Untertanen, innerhalb Eurer Mauern aufhalten können, ohne Schwierigkeiten zu begegnen. Sollten sich über Leute unter ihnen befinden oder sich ein unliebsamer Vorfall welcher Art immer ereignen, dann wünschen und befehlen Wir ausdrücklich, dass allein der Woiwode Ladislaus mit Ausschluss von Euch allen das Recht zu strafen und freizusprechen auszuüben hat (…)” Der Schutz der Brief wurde bald wirkungslos, weil sich im Gefolge der Sinti und Roma Diebe und entflohene Gefangene aufhielten. 1471 wurden die Sinti und Roma aus Luzern ausgewiesen, 1474 aus Genf. 1482 verbat ihnen Albrecht von Brandenburg, in seinen Herrschaftsbereich einzuziehen. 1497 auf dem Reichstag von Lindau wurden sie zu „Verrätern an den Christenlanden“ erklärt und des Landes verwiesen- 1498 auf dem Reichstag von Freiburg wurden sie für vogelfrei erklärt. Papst Pius V. verwendete sie als Galeerensklaven im Kampf gegen die Türken in der Schlacht von Lepanto 1571. Ins 15. Jahrhundert fällt also der Beginn der Sinti und Roma-Verfolgungen. Alle entlassenen Söldner des Dreißigjährigen Krieges mußten stehlen, also auch die Sinti und Roma.Von 1497 bis 1774 gab es 146 Edikte gegen Sinti und Roma im Gebiet des damaligen deutschen Reiches. 1501 erließ die Stadt Luzern ein Edikt, nach dem „Zigeuner“ gehängt werden, falls sie sich noch einmal in die Stadt und der näheren Umgebung sehen ließen. Im 16. und 17. Jahrhundert gibt es zahlreiche Hinrichtungen und Verteibungen. Im Fürstentum Bayreuth wurden 1724 an einem Tag fünfzehn Zigeunerinnen gehenkt. 1728 erließ die Stadt Aachen ein Edikt. Darin hieß es: „Im Fall der Überrumpelung sind die Zigeuner, ob sie Widerstand geleistet haben oder nicht, unverzüglich hinzurichten.“ An Straßenkreuzungen standen Galgen. Auf einer Tafel stand: „Strafe für das Lumpenpack, die Gauner und die die Zigeuner!“ Bildliche Darstellungen des Auspeitschens und Hängens wurden hinzugefügt- die Zigeuner waren Analphabeten. Zu den berüchtigten Maßnahmen gehörten die Verordnungen der Kaiserin Maria Theresia von Österreich und Ungarn in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Für die Kaiserin bedeutete “Sesshaftmachung” nicht allein die Gewährung eines Niederlassungsrechts. Sie verbot den Roma in Ungarn, ihre Sprache zu sprechen, erlaubte nur wenige Eheschließungen unter Roma und befahl, Romakinder zwangsweise von ihren Eltern zu trennen, um sie ungarischen Eltern zur Adoption zu geben.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchte man in Deutschland vereinzelt, Sinti und Roma seßhaft zu machen. In Baden-Württemberg wurden zwischen 1835 und 1838 die Sinti und Romagruppen aufgelöst und in Einzelfamilien über das Königreich verteilt. In Dörfern sollten sie Unterkunft und Hausrat bekommen. Die Erwachsenen wurden zur Arbeit gezwungen. Der Versuch scheiterte, weil die Verwandten rasch wieder zusammenzogen. In Friedrichslohra sollte ein Sinti und Romadorf geschaffen werden. Es wurde nach einiger Zeit aufgegeben. In Saßmannshausen lebten 1911 40 seßhafte Sinti und Roma. Zur gleichen Zeit enstanden in Berlin, Hamburg und Frankfurt Sinti und Romasiedlungen am Rande der Großstädte.1907 entstand ein Gesetz, das die Ausgabe von Gewerbescheinen von einer festen Adresse abhängig machte.So zogen Sinti und Roma in die Städte. Die Männer trieben Handel, während die Frauen bettelten und wahrsagten.

Sinti und Roma im Nationalsozialismus

Sinti und Roma galten in der Rassenideologie des Nationalsozialismus ebenfalls als “minderwertig”. „Die Zigeuner“ als Opfer des Holocaust sind im öffentlichen Bewusstsein jedoch nicht so stark verankert. Sinti und Roma gelten daher oft als „die vergessenen Opfer“. Roma und Sinti hätten nach den NS-Rassentheorien als Indogermanen, also als „Arier“ gelten müssen. Als „asiatische Abkömmlinge“ waren sie in den Augen der Nazis „rassisch minderwertig“ und wurden wegen ihrer nomadischen Lebensweise als „asozial“ bezeichnet. Die SS begann bereits 1931 mit der Erfassung der Roma und Sinti. Ihre „Erforschung“ sollte mit der Gründung des Rassenhygiene-Instituts 1936 unter Leitung von Dr. Robert Ritter einen wissenschaftlichen Anstrich bekommen. „Fliegende Arbeitsgruppen“ des Instituts erstellten rund 24.000 „Gutachten“, in denen die Roma und Sinti vom „reinrassigen“ bis zum „Achtelzigeuner“ klassifiziert wurden. Diese Gutachten dienten als Grundlage für die späteren Deportationen.

1933 forderte das „Rasse- und Siedlungsamt“ der SS in Berlin, die „Zigeuner und Zigeunermischlinge „ zu sterilisieren. Weitere Pläne gab es 1937. Im Oktober 1939 folgte ein „Festsetzungserlaß“ – Sinti und Roma durften ohne polizeiliche Erlaubnis ihren Wohnsitz oder Aufenthaltsort in den umzäunten und bewachten „Zigeunerlagern“ nicht verlassen- bei Nichtbefolgung mußten sie in ein Konzentrationslager.1

Als Sklavenarbeiter wurden die Sinti und Roma Opfer des Vernichtungsprogramms in SS- Unternehmen. Zu diesen Unternehmen gehörte die Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DEST) aber auch Siemens, Daimler-Benz, AEG, Heinkel, Messerschmitt, BMW, VW, IG Fraben und Steyr-Daimler-Puch. Die Arbeitsbedingungen in den Rüstungsbetrieben waren ähnlich grausam wie in den Konzentrationslagern. Arbeitszeiten von 12 bis 15 Stunden waren mit schlechter Ernährung verbunden. Unterernährung und Krankheit waren die Folge. Am 17. April 1940 ordnete Himmler die erste Deportation ganzer Familien an. Die Deportationszüge mit 2.800 deutschen Sinti und Roma starten in Hamburg, Köln und Hohenasperg bei Stuttgart. Im August 1941 entscheidet Himmler in einem Erlaß, daß für weitere KZ-Deportationen das Reichskriminalpolizeiamt aufgrund eines Rassegutachtens entscheidet. Bis Ende 1944 werden rund 24.000 „Gutachten“ erstellt. Im Januar 1942 werden 5.000 Sinti und Roma aus dem Ghetto von Lodz im Vernichtungslager Kulmhof in Vergasungswagen ermordet. Im August 1942 berichtet die deutsche Militärverwaltung in Serbien, daß die Juden -und Zigeunerfrage mit Hilfe von Vergasungswagen gelöst sei. Am 16. Dezember 1942 traten eine Reihe von Erlassen in Kraft, denen ab März 1943 intensive Verfolgungen der letzten 10.000 Sinti und Roma im Reichsgebiet folgten.Die Transporte gingen in das „Zigeunerlager“ nach Auschwitz. Im Mai 1943 wird Josef Mengele Lagerarzt in Auschwitz. Er schickt mehrere hundert Sinti und Roma ins Gas. Die „Zwillingsforschung“ setzt er durch Tötung von Kindern fort. Am 2. August wird das „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau aufgelöst. Im Juli 1944 lebten noch 6.000 Sinti und Roma dort, 3.000 werden in andere Konzentrationslager verbracht, die anderen 3.000 in der Nacht auf den 3. August ermordert.  2

 

Das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges für die Sinti und Roma: Die Zahl der in Europa bis Kriegsende ermordeten Roma und Sinti wird auf eine halbe Million geschätzt.Von den deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden über 25.000 von 40.000 ermordet. SS-Einsatzgruppenleiter Otto Ohlendorf meinte im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß zur Vernichtung zehntausender „Zigeuner“ hinter der Ostfront: „Es bestand kein Unterschied zwischen den Zigeunern und Juden, für beide galt damals der gleiche Befehl.“ Bericht aus dem Konzentrationslager Ravensbrück. Die Sint-und Roma-Frauen. Am 29. Juni 1939 wurden im Zuge einer vom Reichskriminalpolizeiamt angeordneten Aktion 440 Sint- und Roma-Frauen aus Niederöstreich und dem Burgenland verbracht. Im Dezember dieses Jahres gab es fast 2.500 weibliche Häftlinge. Die Frauen mußten in den Jahren 1939 und 1940 zunächst in den dort eingerichteten SS-Betrieben arbeiten. Anfallende Lagerarbeiten waren: Planieren von Straßen, Bauarbeiten aller Art, Gräben ausheben, Entladen von Kähnen, die mit Steinen beladen waren. Seit dem Frühjahr 1942 wurden nach und nach die meisten Frauen der Sinti und Roma den Rüstungsbetrieben überstellt. Besonders markant war ein Arbeitseinsatz außerhalb des des Lages im Winter 1942/43, bei dem „etwa 60 Häftlinge, darunter auch 13-bis 14jährige Zigeunerkinder, auf der Halbinsel Darß (Ostsee) unter Leitung der Aufseherin Leopold mit dem Rohrschneiden beschäftigt (waren).“ 3 Kinder dieser Altersgruppe wurden auch in die Rüstungsbetriebe gesteckt. Ein zwölfstündiger Arbeitstag war nicht selten.Auch Frauen mußten kurz vor der Entbindung noch schwere Arbeit leisten. Schläge bei der Arbeit waren häufig. Manche Frauen mußten ins Krankenrevier gebracht werden. Wer nicht mehr in der Lage war zu arbeiten, mußte in die Gaskammer. Die SS-Aufseherin Erika Bergmann war berüchtigt dafür, Hunde auf Zigeuner zu hetzen. Aufseherinnen dieser Art waren keine Seltenheit. Sie erhofften durch ihr brutales Vorgehen größere Anerkennung des nationalsozialistischen Staates. Im Frühjahr 1942 wurde in Ravensbrück ein Transport von Frauen (darunter 180 Sinti und Roma) für die Flugzeugwerke Heinkel in Barth/ Pommern zusammengestellt.

Betrachten wir das Schicksal der Sint-Frau Rosa Wiegand aus Wiesbaden stellvertretend: „Es gab praktisch keine Arbeit, die ich nicht getan habe. Ich war in der Mattenflechterei, in der Nähstube, ich habe Häuser mit gebaut und Gräben ausgeschachtet. Ich mußte in diesen Gräben, in denen mir oft das Wasser bis zu den Hüften stand, im Sommer wie im Winter, Erde schaufeln. Ich habe im Wald gearbeitet, Loren gefahren und Kähne mit Steinen entladen. Wir mußten täglich zwölf Stunden arbeiten…. Einmal ist ein Häftling ausgebrochen, es war Winter, es war sehr kalt, und man hat un mitten in der Nacht aus den Betten geholt; wir mußten ohne unsere Holzpantinen, barfuß, und nur im Nachthemd auf der Lagerstraße ‘Strafestehen’; denn, so sagte man uns, wenn einer abhaut, gilt: ‘Einer für alle, alle für einen’. Während wir standen, sind unsere Füße auf dem eisigen Boden angefroren, wir durften uns ja nicht bewegen und nicht warm reiben, und dann haben sie uns auch mit Wasser naß abgspritzt.“4 Über die Behandlung eines „Zigeuners“ in Neuengamme. Der jüdische Häftling berichtet darüber: „Das Schrecklichste, was ich bis heute nicht vergessen kann, war die Ermordung eines wegen Fluchtversuches zurückgebrachten deutschen Zigeuners. Wir alle mußten zum Appell antreten und mußten zusehen, wie man mit solchen ‘Flüchtlingen’ umging. Man legte ihn mit Händen und Füßen gefesselt auf den Rücken.Ein SS-Mann stellte sich auf den Delinquenten. Einen Fuß auf den Bauch und einen Fuß auf den Hals des Gefangenen. In der Hand hatte der SS-Mann einen Stock, an welchem ein Nagel befestigt war. Er stach dabei dem Gefangenen ins Gesicht und bei vollem Bewußtsein die Augen aus. Nachher erhielt der Gefangene noch Schläge auf den Kopf. Zu guter Letzt wurde er rücklings an Ketten am Fenstergitter aufgehängt. So endigte sein Leben.“5

Die Situation der Roma nach dem Zweiten Weltkrieg unterschied sich von der der Juden durch mangelnden Lobbyismus. 1945 wurde unter dem Pseudonym „Landfahrerzentrale“ in München die altbekannte Zigeunerzentrale weitergeführt. Sie wurde erst 1970 offiziell aufgelöst. Während gegenüber den überlebenden Juden auf Grund des Drucks seitens des Staates Israel das Bedauern für die Nazi-Verbrechen ausgedrückt und seit 1948 praktiziert wurde, erfuhren die Sinti und Roma keine staatliche Anerkennung der gegen sie verübten Verbrechen- wer hätte sie auch durchsetzen können. Ihnen gegenüber setzten sich ungebrochen administrative Strukturen der Ausgrenzung und Diskriminierung durch, wie besonders die Arbeit der Polizei zeigt. Ein Beispiel für die Entschädigung eines Sintis, dessen Kind im KZ umkam, liegt vom Regierungspräsidenten in Aurich im Jahr 1955 vor. 150 DM Entschädigung für ein Kind, das durch den Nationalsozialismus getötet wurde. Den Geist der Nachkriegszeit verkörpert ein richterlicher Ausspruch von 1956: „Die nationalsozialistischen Führer haben zahllose Akte der Unmenschlichkeit begangen, die die Rechtsprinzipien mißachteten; aber diese Tatsachen berechtigen nach geltendem Recht niemanden, daraus Anspruch auf Entschädigung herzuleiten.“ 6 Einen internationalen Erfolg erreichten die Roma im März 1979. Sie wurden von der UNO als Nation anerkannt. Die Ziele der Romani-Union daß wir eine moralische wie auch materielle Unterstützung durch öffentliche Organe und Staaten wie die UNO erhalten daß wir Roma selbst eine Einheit bilden müssen … Wir müssen interne Rivalitäten ….abbauen. Nur so werden wir in der Öffentlichkeit respektiert. 7 Nehmen wir die aktuelle Situation in unserem Lande. Aktuelle Zustände in der Bundesrepublik: Etwa 120.000 Mitglieder beider Bevölkerungsgruppen leben in der Bundesrepublik. Etwa 10 Millionen in Europa. Sie nennen sich Rom, d.h. Mensch. Als Mensch gesehen und behandelt zu werden ist eigentlich nur eine Selbstverständlichkeit. 2006 wurde eine Befragung durchgeführt, an der 309 Sinti-und-Roma-Familien teilnahmen.Drei Viertel von ihnen fühlten sich schon häufiger diskriminiert, kam dabei heraus, vor allem bei Arbeits- und Wohnungssuche. Negativ dargestellt sahen  sich Sinti und Roma besonders in den Medien. 90 Prozent fanden, die Berichterstattung fördere Vorurteile. Auch das Zentrum für Antisemitismusforschung stellte durch Umfragen fest, dass mehr als 60 Prozent der Mehrheitsbevölkerung Sinti und Roma gegenüber negativ eingestellt sei – während Ablehnung gegenüber Juden 13 Prozent äußerten. Trotz der Frist vom Juli 2003 hat Deutschland bisher keine umfassende Antidiskriminierungsgesetzgebung geschaffen, die mit der EU-Gleichbehandlungsrichtlinie konform geht.

 

Situation der Sinti und Roma in Bad Hersfeld

Viele Sinti und Roma von Bad Hersfeld beklagen, daß ihnen der Zutritt zu fast allen Gaststätten verwehrt wird. Oft sogar mit einem Schild. Dort hängt ein Schild mit der Aufschrift „Für Landfahrer verboten“. Manchmal werden sie nicht bedient. Die Meinung, daß Zigeuner nicht arbeiten wollen, taucht in Gesprächen immer wieder auf. Der größte Fehler der Stadt sei es gewesen, feste Häuser zu bauen- das habe die Sinti hergelockt – so Herr Schäfer, Leiter des Kreissozialamtes. Ein städtischer Beamter berichtete, die Stadt habe einer Zigeunerfamilie, die sich bereiterklärte, aus Hersfeld wegzuziehen, die Umzugskosten in Höhe von 3000,- DM erstattet. Im Kistnergrund lebt eine Sinti-Frau mit sieben Kindern in zwei feuchten, kalten, schlecht beheizten Räumen. Verursacht durch diese katastrophalen Wohnverhältnisse gibt es reichlich Krankheiten – Bronchitis, Ischias und Rheuma. 8

 

Campingplätze

Ganz in der Nähe noch ein Phänomen, das auch anderswo in Deutschland zu verzeichnen war: ” – In Erbendorf bei Erlangen und in Großwelzheim bei Aschaffenburg und auf vielen anderen Campingplätzen stehen Schilder wie dieses: ‘Naherholungsgebiet- Landfahrer haben keinen Zutritt’ “ 9 Bisher konnte keine Person der Gemeinde Karlstein ein Dokument zu diesen Vorfällen ermitteln, auch gibt es daran bei der Gemeinde keine Erinnerung. Helmut Winter, Ehren-Vorsitzender des Geschichtsvereins Karlstein, konnte sich erinnern und nachweisen, daß eine Campingplatzsatzung mit der genannten Bestimmung 1980 geändert wurde.

 

Würzburger Prozeß

1978 ging in Würzburg ein skandalöser Prozeß gegen Roma zu Ende. Angeklagt waren Bürger, die gegen ein provokatives Treffen der HIAG „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Waffen-SS“ demonstriert haben. Sieben Personen wurden aufgegriffen, davon sechs Roma (zwei, die den Gräueln der Nazizeit entkommen waren) Josef Lehmann wurde mit sechs Jahren mit seiner Familie in ein KZ eingeliefert. Er blieb dort acht Jahre Radani Winterstein – seine Familie wurde zum Großteil im KZ ermordet. Im September 1976 trafen sich 300 ältere Herren in einem Würzburger Restaurant zu einem „Suchdienst- und Kameradentreffen.“ Sie waren Mitglieder der HIAG- Traditionspflege als Angehörige der ehemaligen SS-Grenadierdivisionen „Horst Wessel“ und „Charlemagne“. Josef Lehmann erfuhr von dieser Veranstaltung und sagte zu Hause: „Du Frau, jetzt geht’s wieder los.“ Die VVN und einzelne SPDler intervenierten bei Bürgermeister Dr. Zeitler, um ein Verbot zu erreichen. Rechtlich war das nach seiner Einschätzung nicht möglich. Nach der Veranstaltung kam es in einer Seitenstraße zu einer Schlägerei zwischen sechs SS-Leuten und einer Gruppe von 20 bis 30 Demonstranten. Aus der Demonstrantengruppe wurden Roma ergriffen und vor Gericht gestellt. Radani Winterstein und seine drei Söhne wurden als „Landfahrer“ angeklagt. Die Söhne wurden als notorische Schläger dargestellt. Angegriffen wurde auch die Verteidigerin der Roma, Frau Sobeck, die sich seit damals vierzehn Jahren für diese Bevölkerungsgruppe eingesetzt hat. Das Urteil wurde am 23.8.1977 gefällt. Radani Winterstein wurde zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, seine beiden Söhne Erwin und Manfred jeweils zu neun Monaten ohne Bewährung. Rainer bekam eine Geldbuße und Verwarnung. Nach der Revisionsverhandlung wurden die Strafen noch herauf gesetzt. 10

Literatur:

Luise Rinser, Wer wirft den Stein? Zigeuner sein in Deutschland. Eine Anklage, Frankfurt am Main/ Berlin 1987

Gert Schwab, Edgar Wüpper, Zigeuner- Porträt einer Randgruppe, Luzern und Frankfurt am Main 1981 (2.Auflage)

Romani Rose, Walter Weis, Sinti und Roma im „Dritten Reich“ – Das Programm der Vernichtung durch Arbeit, Göttingen 1991

Tilman Zülch (Hrsg.), In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt. Zur Situation der Roma (Zigeuner) in Deutschland und Europa, Reinbek bei Hamburg 1979

Fußnoten

1 Romani Rose, Walter Weis, Sinti und Roma im „Dritten Reich“ – Das Programm der Vernichtung durch Arbeit, Göttingen 1991, S. 18

2 Vgl. ebd. S.176

3 Vgl. ebd. S. 43

4 S. ebd. S.49 f.

5 ebd. S. 91

6 Luise Rinser, Wer wirft den ersten Stein? Zigeuner sein in Deutschland. Eine Anklage,Frankfurt/Main

Berlin 1985, S.106

7 Ebd., S. 99

8 Siehe: Tilman Zülch (Hrsg.), In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt, S. 219

9 Ebd., S. 2

10 Ebd., S. 172 ff. Da ich damals in Würzburg wohnte, kann ich mich an die Ereignisse noch unscharf erinnern -C.S.

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Haitis Geschichte (Schwerpunkt 17. bis 19. Jahrhundert)

Haiti als Kolonialstaat

1492 kamen die spanischen Seefahrer an die Norwestküste von Haiti und nannten die Insel wegen ihrer Ähnlichkeit mit Spanien Hispaniola. Zehn Jahre später kam der Gouverneur Ovando auf die Insel, die inzwischen Santo Domingo hieß. Ovando war genau so grausam wie die Kolonisatoren Cortez und Pizarro. Er ließ die Eingeborenen mit Hunden hetzen und lebendig rösten. Ihre Königin Anacoana ließ er bei einer friedlichen Zusammenkunft in Ketten legen und zusammen mit den Stammesangehörigen massakrieren. In dieser Zeit plädierte Las Casas vor Karl V. für die Einfuhr von Negersklaven aus Afrika. Sie waren für die Arbeit in den Gold- und Silberminen besser geeignet. 1503 kamen die ersten Negersklaven nach Santo Domingo, 1517 wurde ihre Einfuhr von Karl V. in größerem Maßstab zugelassen. Dreíßig Jahre hatten genügt, um das Land zu entvölkern. 1697 trat Spanien im Frieden von Ryswijk den Westteil von Hispaniola offiziell an Frankreich ab. Mitte des 17. Jahrhunderts war das Zuckerrohr von Java auf die Antillen eingeführt worden- hierdurch wurde eine Revolution ausgelöst. Es entstanden großflächige Pflanzungen und Manufakturen an Stelle kleiner Farmen. Kleinere Ländereien wurden von den Großgrundbesitzern aufgekauft. Es entstanden kapitalistische Unternehmen, Städte wurden gegründet, Straßen und Brücken gebaut. Fruchtbare Ebenen verwandelten sich in Zuckerrohr- und Baumwollfelder, an den Berghängen wurden Kaffeesträucher gepflanzt. Die Hälfte des Bodens wurde landwirtschaftlich genutzt. 1789 gab es in Santo Domingo 793 Zuckerrohrmanufakturen, 3.117 Kaffeepflanzungen, 3.150 Indigo- und 789 Baumwollplantagen, 182 Rumbrennereien und 50 Kakaopflanzungen. 30.000 Sklaven wurden pro Jahr auf die Insel eingeführt, 15.000 Matrosen waren mit dem Transport betraut. Ein Kenner beschrieb die wirtschaftliche Bedeutung der Insel für Frankreich: Der französische Anteil der Insel Santo Domingo sei von allen Besitzungen Frankreichs in der neuen Welt der wichtigste wegen der Reichtümer, den er dem Mutterland liefere. Santo Domingo war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die produktivste Kolonie, die Englands Vorherrschaft auf dem Weltmarkt bedrohte. Die britische Agitation zur Abschaffung des Sklavenhandels bedrohte die wirtschaftlichen Grundlagen der französischen Kolonien. Auf der Insel Santo Domingo gab es am Vorabend der Französischen Revolution drei Klassen: die herrschende Klasse der Weißen (40.000), die Zwischenklasse der Mulatten (30.000) und die besitzlose Klasse der schwarzen Sklaven (450.000). Mulatten der ersten Generation waren zumeist Kinder, die weiße Sklavenhalter mit schwarzen Sklavinnen gezeugt hatten. Sie wurden üblicherweise in die Freiheit entlassen und bildeten bald eine gesellschaftliche Schicht zwischen weißen Herren und schwarzen Sklaven.

Auszug aus dem Sklavengesetz von 1685 (Code noir)

  1. Wir verbieten den Sklaven, sich unter dem Vorwand von Hochzeiten oder anderen Vorgaben bei Tag oder bei Nacht an entlegenen Orten zusammenzurotten, bei Strafe körperlicher Züchtigung, welche wenigstens in Staupenschlägen und Brandmarkung bestehen soll und im Falle mehrfacher Wiederholung und anderer erschwerender Umstände bis zur Todesstrafe gesteigert werden kann, was wir dem Ermessen der Richter überlassen…

  1. Wir erlauben allen unseren die Inseln bewohnenden Untertanen, sich aller ohne Erlaubnisschein der Herren in den Händen von Sklaven befindlichen Waren zu bemächtigen..

XXVIII. Wir erklären hierdurch, daß die Sklaven nichts besitzen können, was nicht als Eigentum ihrer Herren angesehen werden soll, und daß alles, was sie durch ihren Fleiß oder die Freigiebigkeit anderer erlangt haben, ihrem Herrn als dessen Eigentum gehören soll …

XXXIII. Die Sklaven, welche ihren Herrn, seine Gattin oder Beischläferin oder seine Kinder ins Gesicht blutig geschlagen haben, sollen mit dem Tode bestraft werden.

XXXV.  Erwiesene, von oder Freigelassenen Sklaven verübte Diebstähle, wenn sie auch bloß in Pferden, Mauleseln,   Ochsen und Kühen bestehen, sollen peinlich und, je nach den Umständen, mit dem Tode bestraft werden.

XXXVI. Entwendungen von Schafen, Ziegen, Schweinen, Geflügel, Zuckerrohr, Erbsen, Manioc oder anderen Hülsenfrüchten, welche sich Sklaven haben zu Schulden kommen lassen, sollen nach Beschaffenheit des Diebstahls gerichtlich bestraft werden, und diese Strafen sollen erforderlichenfalls in Staupenschlag und Brandmarkung der Schultern bestehen können.

XXXVIII. Einem entflohenen Sklaven, welcher einen Monat abwesend geblieben ist, sollen die Ohren abgeschnitten und er soll auf einer Schulter gebrandmarkt werden; bei einer wiederholten Flucht sollen ihm die Kniekehlen zerschnitten und die andere Schulter gebrandmarkt werden; das dritte Mal wird er mit dem Tode bestraft.

  1. Es soll den Eigentümern der Sklaven erlaubt sein, sie in Ketten legen und mit Ruten oder Stricken hauen zu lassen, wenn sie glauben, daß diese die Züchtigung verdient haben …

XLIV Wir erklären, daß die Sklaven als Mobiliar betrachtet werden und als solches ins gemeinschaftliche Erbe gehören …

Gegenwehr der Sklaven

Der Selbstmord war eine weit verbreitete Art des Widerstandes. Man glaubte, nach dem Tode in die afrikanische Heimat zurückzukehren. Um Selbstmorden vorzubeugen, gingen die weißen Herren dazu über, die Toten öffentlich zu verstümmeln. Häufig fügten sich die Sklaven Verletzungen zu, um arbeitsuntauglich zu werden. Das verbreitetste Mittel des Widerstandes war die Flucht. Schon im 16. Jahrhundert ließen sich sogenannte „Marrons“ (flüchtige Sklaven) in den unzugänglichen Bergen nieder. Die Weißen wurden dieser Entflohenen niemals Herr. 1785 erkannte die französische Regierung die Unabhängigkeit der „Marrons“ an. Diese rekrutierten sich überwiegend aus afrikanischen Sklaven, während die in der Kolonie geborenen das Risiko der Flucht scheuten. Nach dem Ausbruch des Sklavenaufstandes 1791 wurde die Flucht zum Massenphänomen. Ein weiteres Mittel der Gegenwehr war das Gift, das von den pflanzenkundigen Schwarzen in seiner Wirkung beherrscht wurde. Immer wieder gab es rätselhafte Todesfälle an Vieh und Menschen. Besonders markant war der Fall des Voodoopriesters Mackandal. Er gab durch Vergiftungen von Weißen das Signal zum Sklavenaufstand gebe wollte, 1758 wurde er hin- gerichtet. Eine weitere Art des Widerstandes war die Abtreibung, die trotz Verbotes bei den Schwarzen weit verbreitet war. Die Todesfälle übertrafen die Geburten. Von einer Million eingeführten Sklaven lebte 1789 nur noch weniger als die Hälfte. Eine Art Sklavenaristokratie bildeten die Domestiken oder Haussklaven. Köche, Lakaien, Kutscher, Aufseher, Ammen oder Kammerzofen. Es handelte sich dabei um kreolische Schwarze, die als zivilisierter galten als afrikanische Neuankömmlinge. Sie hatten weitgehend angepaßte Moralvorstellungen und imitierten oft die Sitten der Weißen.

Die Auswirkungen der Französischen Revolution

Die Mulatten probten als erste den Aufstand im Namen der Menschenrechte, ohne allerdings für die Freiheit ihrer eigenen Sklaven einzutreten. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und die Anführer hingerichtet. Der Aufstand der Sklaven begann im August 1791 im Norden der Insel. Er überschwemmte bald die gesamte Kolonie und gilt als Beginn der Haitianischen Revolution. Im Verlauf dieser Revolution kam es zu Massakern an der weißen Bevölkerung, zur Abschaffung, Wiedereinführung und erneuten Abschaffung der Sklaverei, zur französischen Invasion der Insel, zur Vertreibung der französischen Truppen durch die schwarzen Generäle, zum Bürgerkrieg zwischen Schwarzen und Mulatten sowie zur Besetzung und späteren Räumung des spanischen Teiles der Insel. Haitis großer Freiheitsheld Toussaint Louverture einigte das Volk und proklamierte die Menschen- und Bürgerrechte.

Toussaint Louverture

Dieser wurde 1743 als Toussaint Bréda als Sklave auf der Pflanzung Bréda im Norden der Insel geboren. Er lernte lesen und schreiben und war Kutscher von Bayon Libertat, Verwalter der Pflanzung Bréda. Er beteiligte sich 1791 an der Vorbereitung des SKLAVENAUFSTANDES, schloß sich jedoch erst den Rebellen an, nach dem er die Familie seines Herrn in Sicherheit gebracht hatte. Als oberster Medziner der Armee trat er in den Dienst von Biassou, bei dem er Leutnant und Berater wurde. 1793 brachte er den Franzosen mehrere Niederlagen bei. Im Mai 1794 schloß er sich mit dem von ihm eroberten Gebieten der französischen Republik an. Sie hatte inzwischen die Aufhebung der Sklaverei verkündet. 1795 wurde er Brigadegeneral, nachdem er die Engländer erfolgreich aus ihren Stützpunken in der Kolonie vertrieben hatte, 1797 wurde er Oberbefehlshaber der Armee; in der Verfassung von 1801 wurde er Generalgouverneur auf Lebenszeit, nachdem er eine Mulattenrebellion im Süden blutig niedergeschlagen und den spanischen Ostteil der Insel annektiert hatte; nach der Landung Leclercs kapitulierte er nach dreimonatigem zähen Widerstand. Im Juni 1802 wurde er durch Verrat festgenommen und nach Frankreich deportiert, wo er auf Befehl Napoleons in Fort de Joux inhaftiert wurde und am 27. April 1803 starb.

Toussaint Louverture

Nachfolger Louvertures

Jean-Jaques Dessalines, der Nachfolger Louvertures, vertrieb in blutigen Gefechten die durch Krankheit geschwächten französischen Soldaten und Pflanzer. 1804 erklärt Haiti nach zwölfjährigem Freiheitskampf seine Unabhängigkeit von Frankreich. Hier lebten Sklaven, die sich  selbst befreit hatten. In Haiti ist deshalb der Ausdruck „Neger“ kein Schimpfwort, sondern bedeutet in der kreolischen Landessprache „Mensch“. Die Freiheit von Sklaverei wich einer neuen ungerechten Herrschaft. Einer der größten Despoten war Henri Christophe (1767 – 1820). Größenwahnsinnig ließ er sich 1811 zum König von Haiti krönen. Nach Vorbild von Schloss „Sanssouci“ ließ er in Milot ein Schloss errichten. Ganz feudal handelte es sich um einen dreistöckigen Monumentalbau mit Kronleuchtern, Wandtäfelungen Marmor, edlen Teppichen und feinen Bädern. Aus Furcht vor einer ausländischen Invasion ließ Christophe von über 200 000 Zwangsarbeitern auf dem 945 m hohen Berg La Fernere die mächtigste Festung außerhalb Europas bauen. 365 Kanonen und 15 000 Soldaten sollten Haiti schützen. Dazu kam es nie. „Sanssouci“ wurde durch ein Erdbeben zerstört, die Zitadelle „La Fernere“ blieb ohne Funktion. Die Beziehungen zu den Inselnachbarn waren indes nicht ungetrübt. Immer wieder versuchte König Henri die von Mulatten gehaltene Hafenstadt Santo Domingo einzunehmen,  was ihm aber nicht gelang. 1821 erklärte Nunez de Caceres die Unabhängigkeit des Ostteils von Hispaniola. Am 1. Dezember 1821 proklamierte er den „Unabhängigen Staat Spanisch-Haiti“ (Estado Independiente de Haití Español). Bereits ein Jahr später eroberte der haitianische Präsident Jean-Pierre Boyer die gesamte Insel. Bürgerkriege herrschten im Land. 1844 wurden die Haitianer vertrieben und die Dominikanische Republik ausgerufen. Die Insel war endgültig geteilt. Vierzehn Herrscher regierten in Haiti zwischen 1843 und 1902. Der Staat wurde zur Beute der herrschenden politischen Klasse. Bauern wurden von machthungrigen Potentaten rekrutiert, um gegeneinander zu kämpfen. Das Ziel war der Einzug in den Nationalpalast von Port-au-Prince. Dabei wurden bedenkenlos gewaltsame Methoden angewandt. Die Grundstrukturen erhielten sich über die Jahrhunderte.

US-Amerikanische Intervention

Von 1915 bis 1934 besetzten die Vereinigten Staaten Haiti, die Finanzverwaltung behielten sie sogar bis 1947. Grund für die Invasion 1915 war nach Angaben der Amerikaner die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung; kurz vorher war der Präsident Guillaume Sam ermordet worden. Als eigentlicher Hintergrund kann die Sicherung wirtschaftlicher und geostrategischer Interessen angesehen werden. Der Panamakanal wurde nämlich 1914 eröffnet. Nach der Ansicht mancher Historiker richtete sich die Intervention gegen die deutschen Interessen in Haiti. Deutsche Einwanderer hatten dominanten Einfluß in der Wirtschaft. Washington fürchtete Flottenstützpunkte des Deutschen Reiches in der Karibik. 1918 erklärte Haiti gezwungenermaßen Deutschland den Krieg, die Deutschen wurden daraufhin enteignet. Die Amerikaner bauten Straßen, Krankenhäuser und Telefonanlagen. Ein rassistischer Dünkel gegen Schwarze und Mulatten demütigte diese. Die Amerikaner verpflichteten Bauern zur Zwangsarbeit für den Straßenbau. Die Unterdrückung der „Caco“ -Rebellen forderte tausende Tote. Haiti ist gegenwärtig nach dem Erdbeben 2010 wieder bei 1915 angekommen, das heißt die USA bestimmen das Geschick der Insel.

Literatur:

Hans Christoph Buch, Die Scheidung von San Domingo. Wie die Negersklaven von Haiti Robespierre beim Wort nahmen, Berlin 1976 (Wagenbach Verlag)

www.uni-protokolle.de Geschichte Haitis

Wikipedia Geschichte Haitis

Unterwasserwelt Haiti. Voodoo, Zombies und Korallen

Ein Land ohne Chance. Die Geschichte Haitis, Tageszeitung vom 20.1.2010

Abgrundtiefe Unterschiede zwischen Herrschern und Beherrschten, FAZ vom 24.10.1994

Sklaverei, Diktatur, Armenhaus – eine Geschichte von Katastrophen, Berliner Morgenpost vom 19.1.2010

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Aspekte der Geschichte Armeniens

Erlasse von Talaat Pascha, dem türkischen Innenminister…Echtheit ist umstritten Fälschung wird unterstellt

Erlasse Talaats (türkischer Innenminister) betreffend Behandlung der deportierten Armenier Telegramme

1.) Nr. 502 An die Präfektur von Aleppo

Wir empfehlen Ihnen, sowohl Frauen als auch Kinder den Verordnungen zu unterwerfen, die Ihnen bereits für den männlichen Teil der bekannten Personen vorgeschrieben sind, und für die Aufgaben vertrauenswürdige Beamte zu bestimmen. 3. September 1915 Minister des Innern Talaat

2.)An die Präfektur von Aleppo

Das Recht der Armenier, auf dem Gebiet der Türkei zu leben und zu arbeiten, wird gänzlich abgeschafft. Die Regierung, die in dieser Beziehung jede Verantwortlichkeit übernimmt, hat befohlen, nicht einmal die Kinder in der Wiege zu lassen. In einigen Provinzen hat man die Ausführung dieses Befehls gesehen. Aus uns unbekannten Gründen macht man dort Ausnahmen mit Personen, die, anstatt an den Ort ihrer Verbannung geschickt zu werden, in Aleppo belassen werden, und stellt dadurch die Regierung vor neue Schwierigkeiten. Lassen Sie, ohne Gründe anzugeben, Frauen oder Kinder, wer sie auch immer sein mögen, sogar diejenigen, die nicht gehen können, von dort abziehen, und geben Sie der Bevölkerung keine Veranlassung, sie zu verteidigen. Die Bevölkerung setzt aus Unwissenheit ihre materiellen Interessen über ihre patriotischen Gefühle und ist nicht imstande, die hohe Politik, die, die Regierung damit verfolgt, zu würdigen. Im Hinblick darauf, dass die anderswo im direkt verübten Unterdrückungsverhandlungen – Härte, Marschbeschleunigung, Scherereien unterwegs – dort direkt sicher gestellt werden können, halten Sie unablässig ohne Zeitverlust darauf. Das Kriegsministerium hat alle Heereskommandos benachrichtigt, dass die Etappenkommandanten sich in die Verschickung der Deportierten nicht einmischen sollen. Benachrichtigen Sie die Beamten, die diese Angelegenheit übernehmen, dass sie ohne Furcht vor Verantwortlichkeit darauf hinwirken müssen, den wirklichen Zweck zu erreichen. Ich bitte, mir jede Woche die Ergebnisse Ihrer Tätigkeit in chiffrierten Berichten mitzuteilen. 9. September 1915 Minister des Innern Talaat

3.) Es ist bereits mitgeteilt worden, dass die Regierung auf Befehl des Djemiet beschlossen hat, alle Armenier, die in der Türkei wohnen, gänzlich auszurotten. Diejenigen, die sich diesem Befehl und diesem Bestbloß widersetzen, verlieren ihre Staatsangehörigkeit. Ohne Rücksicht auf Frauen, Kinder und Kranke, so tragisch die Mittel der Ausrottung auch sein mögen, ist, ohne auf die Gefühle des Gewissens zu hören, ihrem Dasein ein Ende zu machen 15. September 1915 Minister des Innern Talaat
…………………………..

5.) Nr. 537 An die Präfektur von Aleppo

Wir erfahren, dass Leute aus dem Volke und Beamte sich mit armenischen Frauen verheiraten. Ich verbiete dies streng und empfehle dringend, dass die Frauen dieser Art nach ihrer Trennung in die Wüste verschickt werden. 29. September 1915 Minister des Innern Talaat

…………………..
7.) Nr. 603 An die Präfektur von Aleppo

Wir erfahren, dass die kleinen Kinder der bekannten Personen, die aus den Vilajets Sivas, Mamouret ul-Asis, Diarbekr und Erserum verschickt sind, als Waisen und weil ohne Unterstützung (infolge des Todes ihrer Eltern, von muselmanischen Familien adoptiert oder als Dienstboten angenommen wurden. Wir fordern Sie auf, alle solche Kinder zu recherchieren und sie an den Ort ihrer Verbannung zu schicken; außerdem die Bevölkerung darüber durch Ihnen geeignet erscheinende Mittel aufzuklären. 5. November 1915 Minister des Innern Talaat

……………………..
9.) Nr. 691 An die Präfektur von Aleppo

Rotten Sie mit geheimen Mitteln jeden Armenier der östlichen Provinzen aus, den Sie in Ihrem Gebiete finden sollten. 23. November 1915 Minister des Innern Talaat

10.) Chiffrierte Depesche des Ministers des Innern an die Präfektur von Aleppo Obgleich ein ganz besonderer Eifer für die Ausrottung der fraglichen Personen bewiesen werden sollte, erfahren wir, dass jene an verdächtige Orte, wie Syrien und Jerusalem, geschickt werden. Dergleichen Duldsamkeit ist ein unverzeihlicher Fehler. Der Ort der Verbannung derartiger Unruhestifter ist das Nichts. Ich empfehle Ihnen, danach zu handeln. 1. Dezember 1915 Minister des Innern Talaat
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12.) Nr. 745 Chiffrierte Depesche des Ministers des Innern an die Präfektur von Aleppo Wir erfahren, dass einige Berichterstatter armenischer Zeitungen, die sich in Ihrem Gebiete aufhalten, sich Photographien und Papiere verschafft haben, die tragische Vorgänge darstellen, und diese dem amerikanischen Konsul Ihres Platzes anvertraut haben. Lassen Sie gefährliche Personen dieser Art verhaften und beseitigen. 11. Dezember 1915 Minister des Innern Talaat

Zu den Behauptungen, die Erlasse seien gefälscht, kann gesagt werden, dass trotz offenkundiger Unstimmigkeiten bei den Daten, eine Ähnlichkeit der Dokumente des Aram Andonian mit Dokumenten bei den späteren Kriegsverbrecherprozessen gegen die Jungtürken nachgewiesen wurde.

Aus einem Gespräch des amerikanischen Botschafters Henry Morgenthau sen. mit dem Innenminister Talaat in dem Werk „Ambassador Morgenthaus’s Story“ heißt es: „Er (Talaat) teilte mir mit, das Komitee ‘Einheit und Fortschritt’ habe die Angelegenheit in allen ihren Einzelheiten sorgfältig untersucht. Die Art und Weise, wie vorgegangen würde, entspräche dem, was sie offiziell beschlossen hätten. Er sagte, ich sollte nicht glauben, über die Deportationen sei in Eile entschieden worden. Diese wären in Wirklichkeit das Ergebnis langer und gründlicher Beratung.“ Enver Pascha, damals Kriegsminister, meinte dazu: „Wir haben dieses Land völlig unter Kontrolle. Ich habe nicht die Absicht, Verantwortung auf Untergebene abzuschieben. Ich beabsichtige, die Verantwortung für ausnahmslos alles zu übernehmen, was geschah. Das Kabinett hat die Deportationen angeordnet, und ich bin überzeugt, dass unsere Maßnahme wegen der feindlichen Einstellung der Armenier gegen das Osmanische Reich hierbei vollkommen gerechtfertigt ist. Wir sind in der Türkei wirklich die Herrscher und kein Untergebener würde bei einer Sache dieser Bedeutung wagen, ohne unsere Befehle zu handeln.“i

Ismail Djanbolat,der Chef der Sicherheitspolizei im Innenministerium erklärte Ende Juni 1915 dem deutschen Generalkonsul Mordtmann, man habe beschlossen. „ die Ausweisungsregeln noch weiter auszudehnen“. Botschafter Wangenheim meinte dazu am 7. Juli 1915: „ … die Art, wie die Umsiedlung durchgeführt wird“ zeige, „dass die türkische Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten.“ii Aus einem Augenzeugenbericht der schwedischen Missionsschwester Alma Johanson aus der Stadt Musch von Anfang November 1914: „Bereits im November (1914) wussten wir, dass es ein Massaker geben würde. Der Mutesharif von Musch, ein sehr enger Freund Enver Paschas, erklärte recht offen, dass sie die Armenier bei der ersten sich bietenden Gelegenheit massakrieren und die ganze Nation auslöschen würden. Bevor die Russen anrückten, wollten sie zuerst die Armenier abschlachten und dann gegen die Russen kämpfen.Ungefähr Anfang April in Gegenwart von Major Lange und mehreren anderen hohen Beamten einschließlich des amerikanischen und deutschen Konsuls, erklärte Ekran Bey ziemlich offen die Absicht der Regierung, die armenische Nation auszulöschen. Alle diese Einzelheiten zeigen so klar wie nur etwas, dass das Massaker genau geplant war.“iii H. Marcher, eine dänische Missionsschwester in deutschen Diensten, hat am 16. März 1915 einen Bericht des deutschen Vizekonsuls Schwarz nach dessen Unterredung mit dem Vali von Harput über die Zukunft der Armenier in der Türkei gehört: „…. Der Vali hatte ihm nachdrücklich dargelegt, die Armenier in der Türkei müssten und würden ausgelöscht werden. Er sagte, sie hätten an Wohlstand und Zahl dermaßen zugenommen, dass sie eine Bedrohung für die türkische Rasse darstellten. Auslöschung sei das einzige Gegenmittel…“iv „Das Telegramm bedeutet: Warum warten Sie?“ Aus der Aussage des armenischen Bischofs Balakian vor einem Berliner Gericht im Prozess gegen den Mörder Talaat Paschas über Talaats Rolle bei den Deportationen: „ … Ich habe aber keinen Grund, an der Authentizität einer Depesche zu zweifeln, die von einem aktiven Vize -Gouverneur gezeigt wurde. Das Telegramm lautete ungefähr in diesem Sinne: ‘Telegraphieret uns gleich direkt, wieviel von den Armeniern schon tot sind und wieviel noch am Leben. Innenminister Talaat.’ Ich habe zuerst nicht verstanden, was das bedeutet. Es war für mich unmöglich, zu denken, dass ein ganzes Volk durch Massakers sollte vernichtet werden; das ist in der Geschichte noch niemals vorgekommen. – Herr Kelekian fragte Asaf Bey: Was bedeutet das, ich verstehe es nicht.

  • Sie sind ja so klug, erwiderte Asaf Bey, Sie sind ein Chefredakteur…Das Telegramm bedeutet:Warum warten Sie? Machen Sie Massaker!

…. Asaf Bey sagte: Arbeiten Sie tüchtig, arbeiten Sie ruhig, dass Sie binnen zwei Wochen in Konstantinopel sind. Ich bin nur noch 15 Tage hier, dann verlasse ich mein Amt. Ich war schon 1909 in Osmanie, damals kamen in Adana große Massakers vor. Man beschuldigte mich, die Armenier misshandelt zu haben, und nur mit großen Schwierigkeiten bin ich gerettet worden. Ich will nicht wieder an armenischen Massakers teilnehmen, weil die Zeit kommen wird, nach dem Kriege, dass alle verantwortlichen höheren Personen ins Ausland fliehen müssen. Und dann wird man uns für diese Massaker verantwortlich machen und uns vielleicht hängen lassen. Ein Geschworener: Welche Unterschrift war unter der Depesche? Zeuge: Die Unterschrift des Telegramms war ‘Talaat’, das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen.“v

 

Zur Schuldfrage

Innenminister Talaat Pascha stellt in seinen posthumen Memoiren folgende Behauptungen auf: “Russland hatte, in der Absicht unsere östlichen Provinzen zu übernehmen, die armenischen Bewohner bewaffnet und ausgerüstet sowie starke armenische Banditenverbände in der Gegend organisiert. Als wir in den Weltkrieg eintraten, begannen an der Kaukasusfront im Rücken der türkischen Armee deren Zerstörungsaktivitäten. Brücken wurden gesprengt, türkische Städte und Dörfer in Brand gesteckt, unschuldige Muslime ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht getötet. Sie verbreiteten in allen östlichen Provinzen Tod und Schrecken und bedrohten die rückwärtigen Verbindungen der türkischen Armee. Alle diese armenischen Banditen fanden bei den örtlichen Armeniern Unterstützung… Jede armenische Kirche diente, das wurde später entdeckt, als Munitionslager. Auf diese illoyale Weise töteten sie (die Armenier) mehr als 300.000 Mohammedaner und zerstörten die Kommunikationsverbindungen zwischen der türkischen Armee und ihren Basen…”

Lepsius stellt in seinem Buchvi folgende Zusammenfassung der türkischen Thesen vor: „Stellen wir die nackten Tatsachen fest, die in den 5 Communiqués der türkischen Regierung mit Anführung von Personen und Ortsnamen als Beweise für eine revolutionäre Erhebung des armenischen Volkes aufgeführt werden. Es sind die Folgenden: Garo Pasdermadschian, der in Tiflis zu Haus ist, begibt sich Ende August 1914, also vor dem Krieg von Erzerum nachdem Kaukasus und schließt sich bei Ausbruch des Krieges, angeblich einem armenischen Freikorps an. Das übrige, was ihm zugeschrieben wird , geht die russische Kriegsführung an. Zwei Armenier, Toros Oglu und Agob, bringen in Cilicien Züge zur Entgleisung. Kommandanten englischer und französischer Schiffe setzen sich mit Armeniern der Küstenorte in Verbindung Armenier von Zeitun haben den Behörden Widerstand geleistet. Die Führer der türkischen Oppositionspartei zettelten ein Komplott an, in das vier Hintschaken verwickelt waren- (Das Komplott wurde vor dem Kriege aufgedeckt.) Armenier von Wan, Schattach, Hawasur, Kewach und Timar um die Südosteecke des Wansees herum „erheben sich mit der Waffe in der Hand.“ 500 Armenier von Schabin-Karahissar besetzen den Burgfelsen. Dies sind die Tatsachen der Communiqués. Für die Beschuldigung einer geplanten armenischen Revolution  reichen diese Beweise nicht aus… Durch unsere obige Darstellung haben wir festgestellt, daß weder das Patriarchat noch die Daschnakzutiun sich irgendwelcher vaterlands-feindlicher Akte schuldig gemacht haben, noch auch daran gedacht haben, solche vorzubereiten.“

 

Anwachsender Türkismus von 1908 bis 1913

Die bekannteste Zeitschrift „Türk Yurdu“ fasste die wichtigsten Intentionen des Türkismus zusammen: Betonung der rassischen Identität von Tataren und Türken, Verherrlichung des Patriotismus und Wiederherstelung der turanischen Gemeinschaft in den Grenzen des 13. Jahr- hunderts.vii Talaat, damals Innenminister, ernannte die Beamten nach dem Kriterium von pantürkischen Überzeugungen. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges sagten nationalistische Journalisten den Fall des Russischen Reiches und den Aufstieg eines Panturanischen Reiches auf seinen Ruinen voraus. „In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hat über der Türkei ein Wind des Wahnsinns geweht … Sowie sich die türkischen Nationalisten dem Kampf für den Pantürkismus angeschlossen hatten, lenkten sie ihren Blick nach Transkaukasien, das nun als potentieller türkischer Lebensraum galt.“viii Auf den Punkt bringt es der pantürkische Nationalist Dr. Nazim kurz nach den Massakern von Kilikien von 1909: „Das Osmanische Reich muß ausschließlich türkisch sein. Die Existenz fremder Elemente bietet einen Vorwand für europäische Interventionen. Dies Elemente müssen mit Waffengewalt türkisiert werden.“ix

 

Geschichte Armeniens

Im 9. Jahrhundert vor Christus gründeten Stämme der Hurriter, die im Hochland um den Vanseen lebten, das Reich von Biainili, auch bekannt unter der Bezeichnung Urartu. Dieses wurde dasmVorgängerland  zum dem, was später Armenien bezeichnet wurde. Leistungen wurden vor allem erbracht in der Landwirtschaft (künstliche Bewässerung), in der Eisengewinnung und im Festungsbau, unter dem König Sarduri II. (765 bis 733 v. Christus) hatte das Land seine größte Ausdehnung. 585 vor Christus fiel Urartu den Medern zu. Die Armenier wurden 519 vor Christus unter dieser griechischen Bezeichnung erstmals erwähnt.  Sprachlich dominiert bei den Armeniern das indoeuropäische Element, es gibt aber auch einen Teilwortschatz aus dem Urartäischen. Im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus erfreuten sich die Armenier gegenüber Persien einer weitgehenden Autonomie. Auch Alexander der Große konnte sich nicht niederwerfen.1 Im 2. Jahrhundert vor Christus gab es zwei armenische Reiche – Großarmenien östlich des Euphrat und Kleinarmenien westlich davon. 95 vor Christus vereinigt Tigran der Große, ein Schwiegersohnmvon Mithritates, beide Teile und erobert Mesopotamien, Syrien, Palästina, Kilikien und Kappadokien. Esmdauerte aber nicht lange, dann eroberte der römische Feldherr Lukullus 69 vor Christus die von den Armeniern besetzten Gebiete. Große Gebietsverluste erlitten die Armenier 114 nach Christus.2 301 wurde unter König Trdat III. das Christentum zur Staatsreligion erhoben (fast ein Jahrhundert später im Römischen Reich 391 nach Christus). Überbringer des Christentums war der arsakidische Fürst Gregor Illuminator. Dieser empfing in Cäsarea die Priesterweihe undmsetzte mit brachialer Gewalt das Christentum durch. Heiden wurden verjagt, eingesperrt, gefoltert oder verbrannt. Die Stadt Etschmiadzin am Fuße des Ararat wurde von ihm erbaut. Hier entstandie erste christliche Kirche.3 Zwischen 350 und 367setzten sich die Armenier den Persern zur Wehr, die das Christentum niederringen wollten. Das armenische Königtum in West-Armenien konnte sich bis 389 halten. In Ostarmenien blieb die Dynastie der Arschakiden bis 428 an der Macht. Der Geschlechteradel wollte lieber unter fremder Herrschaft leben. Unter König Wramschapuh (389 bis 414) wurde eine neue Buchstabenschrift entwickelt. 405 stellte der frühere Hofsekretär  Mesrop Maschtoz (362 bis 440) eine neue Buchstabenschrift vor. Die Armenier waren wegen ihres Glaubens näher an Byzanz, 451 nach Christus erhoben sie sich gegen Persien unter der Führung von Vardan Mamikonian. Sechzigtausend Armenier standen zweihundertfünfzigtausend Persern gegenüber, die Niederlage bei Avarair war für Armenien damit besiegelt. In den Bergen führten die Armenier einen Guerillakrieg unter Führung des Neffen Vardans und ertrotzten eine Art Autonomie. Im selben Jahr blieben die Armenier dem Konzil von Chalzedon fern und vierzig Jahre später der monophysitischen Lehre treu. Damit entwickelten sie eigene Riten und Traditionen.

 

Im 7. Jahrhundert drangen die Araber vor und töteten viele Armenier, plünderten Städte und führten viele Überlebende in die Sklaverei ab. Die adligen Armenier flohen in die Berge und konnten ihren Glauben behalten. Sie waren allerdings steuerpflichtig. Die Nakharars, so wurden die adeligen Armenier auch genannt, konnten jedoch nicht selten gegeneinander ausgespielt werden und durch Araber ersetzt werden.4 859 ernannte das von Abbasiden regierte Bagdad den Bagraditen-Fürsten Aschot zum Gouverneur von Armenien. Byzanz einigte sich mit Bagdad darauf, die armenische Autonomie wieder herzustellen. Seit 885 regierten die Bagratiden sechzig Jahre lang in Freiheit und Wohlstand. Die Hauptstadt Ani wurde zum Herzen Armeniens. Sie wies 40 Tore angeblich und tausendundeine Kirche vor. Im 10. Jahrhundert gab es sieben im Bruderkampf sich befindende armenische Königreiche. Die Unabhängigkeit der Bagratiden endete 1045. Es gelang den Griechen, Armenien zu besetzen. 1048 fielen die Seldschuken in das Königreich Vaspurakan im Norden des Van-Sees ein. Die Hauptstadt Ani wurde 1064 zerstört, das Land unterworfen. 1071 unterwarfen die Seldschuken auch Byzanz in der Schlacht bei Manazkert. Die Seldschuken dehnten nach der Niederlage des Bagratiden-Reiches ihre Herrschaft bis zum Kaukasus aus. Im 13. Jahrhundert fielen die Mongolen in Armenien ein. 1236 verwüsteten sie die Stadt Ani.

 

In Kilikien entstand zwischen 1080 und 1095 unter Fürst Rupen die Baronie Neu-Armenien. Das Gebiet wurde von Bergfestungen im Taurus aus bis zum Mittelmeer ausgedehnt. Im Norden bildeten die Euphrat-Täler Verbindungswege mit Alt-Armenien. Bei den Kreuzfahrern trafen die Armenier auf Sympathie und umgekehrt. Byzanz verbündete sich mit den Türken gegen die nicht-orthodoxen Christen. Nach dem Dritten Kreuzzug wurde Neu-Armenien 1199 unter Leo II. Königreich. 1375 unterlag Neu-Armenien dem Ansturm der Mamelucken, Kilikien wurde bis in das 16. Jahrhundert osmanischer Besitz. Viele Armenier wanderten im 14. Jahrhundert aus. Aus Kilikien ging man nach Zypern, Rhodos, Griechenland, Smyrna, Konstantinopel und Ägypten.

1Vgl.: Yves Ternon, Tabu  Armenien. Geschichte eines Völkermords, Frankfurt am Main/ Berlin1977, S. 14

2Martin Bitschnau (Hrsg.); Armenien: Tabu und Trauma Band 1, Die Fakten im Überblick, Wien 2010, S. 18

3Ternon, a.a.O., S. 16

4Vgl. Ternon, a.a.O., S.18

i Jörg Berlin, Adrian Klenner, Völkermord oder Umsiedlung. Das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich. Darstellung und Dokumente, Köln 2006, S. 55f.

iiRolf Hosfeld, Operation Nemesis. Die Türkei, Deutschland und der Völkermord an den Armeniern, Köln 2009

(zweite Auflage), S. 201

iiiBerlin, Klenner, a.a.O., S. 284

ivEbd., S. 285

vEbd., S. 285 ff.

viJohannes Lepsius, Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei, Potsdam 1916,  S. 215 f.

viiYves Ternon, Tabu Armenien. Geschichte eines Völkermords, Frankfurt am Main, S. 126 f.

viiiEbd., S. 129

ixEbd., S. 136

Jean Ziegler- Wir lassen sie verhungern; FIAN – Wirtschaft global- Hunger egal? / Petra Ramsauer – So wird Hunger gemacht / Beate Klarsfelds Kiesinger-Dokumentation

Jean Ziegler, Wir lassen sie verhungern. Massenvernichtung in der Dritten Welt, München 2012 (Dritte Auflage) und FIAN, Wirtschaft global- Hunger egal? Für das Menschenrecht auf Nahrung, Hamburg o.J. (attac Basis Texte 16)

Niger als Beispiel

In Niger gibt es nur wenig Ackerland, nur vier Prozent des Bodens sind nutzbar. Es gibt 20 Millionen Stück Vieh. Die Bewohner werden von den Auslandsschulden erdrückt. Der IWF hat die Schließung des Nationalen Veterinäramtes angeordnet. Damit wurde der Markt für die multinationalen Konzerne der Tierpharmazie geöffnet. Der Staat hat keine Möglichkeit mehr, die Verfallsdaten von Impfstoffen und Medikamenten zu kontrollieren. Jetzt müssen die Viehzüchter in Niger die Medikamente zur Behandlung ihrer Tiere zu dem Preis kaufen, der von den multinationalen Konzernen festgesetzt ist.Viele Viehzüchter sind nicht in der Lage, diese Preise zu bezahlen, deshalb werden die Tiere krank und verenden. Bestenfalls werden die Tiere noch vor ihrem Tod zu Billigpreisen verkauft. Auch die Gesundheit der Menschen verschlechtert sich nach dem Verlust ihrer Herden. Die ehemals stolzen Eigentümer wandern mit ihren Familien in die Elendsviertel von Niamey, Kano oder die großen Küstenstädte. Der IWF hat zusätzlich die Auflösung der nationalen staatlichen Nahrungsreserven auferlegt. Sie beliefen sich auf 40.000 Tonnen Getreide. Die Vorratslager unterhielt der Staat für Notfälle,wenn es zu Dürren, Heuschreckenplagen oder Überschwemmungen kam. Für den IWF durfte der Staat kein Eigentümer des Getreidehandels sein, weil das Dogma des Freihandels gilt. Seit Mitte der achtziger Jahre, als es eine fünfjährige Dürre zu beklagen gab, hat sich die katastrophale Entwicklung beschleunigt. „Inzwischen wird Niger alle zwei Jahre von Hungersnöten heimgesucht.“1

Zum Thema Uran im Niger ist zu sagen, dass der französische Staatskonzern Areva das Abbaumomopol in den Minen des Departements Arlit besitzt. Die dafür zu zahlende Gebühr an den Staat von Niger ist sehr gering. Vergeblich versuchte ein chinesischer Konzern in Niger im Uranbergbau in Niger Fuß zu fassen. 2010 sicherte ein Militärputsch die französischen Interessen. Der neue Machthaber brach die Gespräche mit den Chinesen ab und bekräftigte die guten Bezíehungen zum Areva Konzern aus Frankreich. Ein Bewässerungssystem für Niger schien nach Weltbank Analysen sinnvoll. 440.000 Hektar Land seien ohne größere technische Schwierigkeiten zu bewässern. Auf dem so gewonnenen Boden könnten jährlich drei Ernten eingebracht werden. Die Selbstversorgung an Nahrungsmitteln sei somit möglich. Der Hunger schien besiegbar. Der Areva Konzern hatte keinerlei Interesse, einen Beitrag zur Finanzierung dieses Projektes zu leisten. So scheiterte es. „Und im Niger verhungern die Kinder weiter.“2

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Indien

Wechseln wir den Kontinent nach Indien und springen in den Staat Madhya Pradesh. Im Jahr 2000 also vor zwölf Jahren – wurden 11.000 Bauernfamilien von der bundesstaatlichen Regierung von ihrem Land gejagt – es wurden Staudämme gebaut und Bodenschätze erschlossen. Eine Kohlemine war der Grund der Enteignung von Tausenden von Familien in Hazaribagh. Der gigantische Narmada – Staudamm hat mehrere Tausend Familien ihrer Lebensgrundlage beraubt. In den ländlichen Gebieten von Madhya Pradesh fallen die zu Skeletten abgemagerten Kinder auf.

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Einen Sieg konnte man in Südafrika feiern.

Johannesburg

Die Stadt Johannesburg hatte ihre Trinkwasserversorgung an einen multinationalen Konzern verkauft. Darauf wurde der Wasserpreis massiv erhöht. Viele Bewohner der Armenviertel konnten die hohen Preise nicht bezahlen. Das fließende Wasser wurde vom Betreiber abgestellt. Viele mittellose Familien waren gezwungen, sich ihr Wasser aus Bewässerungsgräben, verschmutzten Bächen oder Tümpeln zu holen. Einige Bewohner zogen in Soweto vor das Oberste Gericht. Der Prozess wurde gewonnen . Die Stadt Johannesburg musste zulassen, das die öffentliche Trinkwasserversorgung zu bezahlbaren Preisen wieder eingeführt wurde.

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Kommen wir zu Haiti. Grundnahrungsmittel ist der Reis. Anfang der 80er Jahre konnte sich Haiti mit Reis selbst versorgen. Die Bauern waren durch einen Einfuhrzoll von 30 Prozent geschützt. Strukturanpassungsmassnahmen des IWF: Der Schutzzoll für Reis wurde von 30 auf 3 Prozent reduziert. Der von den USA hochsubventionierte nordamerikanische Reis eroberte den Markt von Haiti. Er ruinierte den nationalen Anbau und damit die Existenz von Hunderttausenden Reisbauern. „Zwischen 1985 und 2004 stiegen in Haiti die Reisimporte – vor allem aus Nordamerika, wo der Reisanbau, wie gesagt, stark subventioniert wurde – von 15.000 auf 350.000 Tonnen pro Jahr an. Gleichzeitig brach der lokale Reisanbau ein- von 124.000 auf 43.000 Tonnen pro Jahr.“3 „In normalen Zeiten verbrauchen die 9 Millionen Haitianer 320.000 Tonnen Reis pro Jahr.Als sich 2008 der Weltmarktpreis von Reis verdreifachte, konnte der Staat nicht genügend Lebensmittel einführen. Daraufhin ging der Hunger um in der Cité Soleil, der ‘Sonnenstadt’, dem größten Slum Lateinamerikas, der zu Füßen des Hügels von Port – Au 4– Prince am Ufer des Karibischen Meers liegt.“

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Wechseln wir nach Brasilien. Dort hat das Programm, Agrotreibstoffe zu produzieren, absolute Priorität. Hier wird in erster Linie der Rohrzucker verwendet, um Bioethanol herzustellen. Das Programm heißt Plan Pro-Alkohol. 2009 hat Brasilien 14 Milliarden Liter Bioethanol verbraucht und 4 Milliarden Liter exportiert. Ein vages Ziel besteht sogar darin, in Zukunft einmal 200 Milliarden Liter zu exportieren. Jetzt schon werden dazu Häfen ausgebaut. Die Ausbauflächen für Zuckerrohr sollen auf 26 Millionen Hektar ausgedehnt werden. Vom Pro-Alkohol Plan haben vor allem die Zuckerrohrbarone und transnationale Konzerne profitiert. Das Umland von Ribeiráo Preto im Bundesstaat Sao Paulo ist die größte Zuckerregion. Relativ große Zuckerrohrplantagen kommen dadurch zustande, dass die einst unabhängigen Bauern gezwungen werden, ihr Land den Großgrundbesitzern zu veräußern. „Zwischen 1985 und 1996 hat man in Brasilien nicht weniger als 5,4 Millionen von ihrem Land vertriebene Bauern und die Aufgabe von 941.111 kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betrieben gezählt.“5 Wie gesagt profitieren neben den einheimischen Großmagnaten transkontinentale Großkonzerne wie Louis Dreyfus, Bunge, Noble Group, Archer Daniels Midland und Fonds aus China. China kann bis 2013 zwanzig Ethanolfabriken in Brasilien errichten. Dieses „Land grabbing“ ist charakteristisch für eine Entwicklung, in der Einheimische stark unter die Räder kommen. Der Plan Pro-Alkohol wurde selbst vom damaligen Präsidenten Inácio Lula 2007 gerechtfertigt. Zuckerrohr sei keine Nahrungspflanze, im Gegensatz zu den Amerikanern werde weder Mais noch Weizen verbrannt. Das Argument hält Ziegler für nicht stichhaltig. Die Landwirtschaftsgrenze verlagere sich stetig. Das Zuckerrohr dringe in das Innere des kontinentalen Hochlandes vor. Nach einer Hochrechnung der Weltbank seien beim gegenwärtigen Ausmaß der Brandrodung im Jahr 2050 40 Prozent der Amazonaswälder verschwunden.6 Durch zunehmenden Zuckerrohranbau wird das Land gezwungen , Lebensmittel einzuführen. Die zunehmende globale Nachfrage bewirkt eine Preissteigerung der Lebensmittel. 2008 konnten Millionen Menschen wegen der hohen Lebensmittelpreise nicht genügend Nahrung kaufen. Auf den Zuckerrohrfeldern wird nur selten der gesetzliche Mindestlohn bezahlt. Die Hersteller von Agrotreibstoffen stellen in erster Linie Wanderarbeiter ein. Häufig sterben die Schnitter und ihre Kinder an Tuberkulose und Unterernährung. Die Zahl der Landarbeiter ohne Boden beträgt 4,8 Millionen. Wenn die Ernte im Süden beendet ist, müssen die Arbeiter 2.000 Kilometer nach Nordosten ziehen… sie wechseln alle sechs Monate ihren Aufenthaltsort.7 Die Ordnung wird von privaten Zuckermilizen eingehalten. Auch Kinder arbeiten auf den Plantagen. Nach Angaben der ILO sind 2,4 Millionen Kinder unter 17 Jahren in der brasilianischen Landwirtschaft tätig, davon 22.876 auf Zuckerrohrplantagen.8

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Zuckerrohr in Indien

Auch in Indien ist die Situation ähnlich auf einer Plantage im indischen Bundesstaat Gujarat. Die Zuckerrohrschnitter auf der Plantage bekommen von Würmern befallenes Essen, die Hütten bieten keinen Schutz vor Tieren. Wer protestiert, wird durch einen gefügigeren Arbeiter ersetzt. Ausverkauf von Boden an multinationale Konzerne Das angeblich marxistische Äthiopien ist hier ein beachtliches Negativbeispiel. Fast 1,6 Millionen Hektar Land hat es Investoren zum Anbau von Zuckerrohr und Ölpalmen überlassen. Bis 2009 haben auch ausländische Investoren neben über 8.000 einheimischen die Genehmigungen erhalten. Mächtigster Agarinvestor ist der saudische Multimilliardär Al- Ahmoudi. Er bekam viele Tausend Hektar in einigen fruchtbaren Regionen wie Sidamo und Gambella. Er will noch zusätzlich 500.000 Hektar erwerben, um Zuckerrohr anzupflanzen. Früher lebten auf seinen Ländereien Kleinbauernfamilien aus dem Volk der Nuer, die mit Waffengewalt vertrieben wurden. Al-Amoudi zahlt 90 Eurocent Pachtzins pro Hektar und pro Jahr. 2008 wurde dem koreanischen Konzern Daewoo vom Präsidenten Madagaskars, Ravalomanana, eine Million Hektar Ackerboden zugesagt. Der Konzern erhielt die Konzession ohne finanzielle Gegenleistung für 99 Jahre. Geplant war die Herstellung von Bioethanol. Verpflichtet wurde der Konzern, Straßen, Bewässerungskanäle und Lagerhäuser zu bauen. Den Präsidenten kostete dieser Vertrag Ende November 2008 sein Amt, der Nachfolger löste den Vertrag auf.

In Sierra Leone hat der transnationale Konzern Addax Bioenergy, der in Lausanne beheimatet ist, die Konzession für die Nutzung von 20.000 Hektar fruchtbaren Bodens erhalten. Auch dort soll Zuckerrohr für die Nutzung von Bioethanol angebaut werden, ein Ausbau auf 57.000 Hektar ist vorgesehen. Der Vertrag wurde mit der Regierung in Freetown geschlossen, die betroffenen Bauern wissen nichts von ihrem Schicksal. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone endete 2002, 80 Prozent der Bevölkerung lebt in extremer Armut. Versprochen sind 4.000 Arbeitsplätze von Addax, eine Studie widerlegt dieses Versprechen. Gegenwärtig beschäftigt das Unternehmen fünfzig Personen zur Beaufsichtigung der Zuckerrohrsprossen und des Manioks. Der Tageslohn beträgt umgerechnet 1,8 Euro. „Die Agrotreibstoffe verursachen soziale und klimatische Katastrophen. Sie bringen die dem Lebensmittelanbau dienenden Flächen zum Schrumpfen, sie vernichten die bäuerlichen Familienbetriebe und verstärken den Hunger in der Welt.“9

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Nahrungsmittelspekulation

Nach Schätzung der Weltbank sind seit Anfang 2011 zusätzlich mindestens 62 Millionen Menschen in das Heer der Unterernährten abgesunken. Heiner Flassbeck meint dazu: „ Die Auswirkungen der durch die Risikohypotheken (Subprime-Kredite) bewirkten Krise haben weit über die Vereinigten Staaten hinausgegriffen und zu einer allgemeinen Liquiditäts – und Kreditkontraktion geführt. Der Anstieg der Rohstoffpreise, teilweise bewirkt durch spekulative Fonds, die von Finanzinstrumenten auf Agrarrohstoffe umstiegen, erschwert die Ausarbeitung politischer Maßnahmen zur Vermeidung einer Rezession bei gleichzeitiger Kontrolle der Inflation.“10 Zwischen 2003 und 2008 haben die Spekulationen auf Rohstoffe durch Indexfonds um über 2.000 Prozent zugenommen.11 Tatsächlich führen nur zwei Prozent der Rohstoff-Futures tatsächlich zur Lieferung einer Ware. Die restlichen 98 Prozent werden vor dem Fälligkeitsdatum weiterverkauft. Als Lösung schlägt der ehemalige Finanzstaatssekretär, Heiner Flassbeck, der UNCTAD die weltweite Kontrolle über die Börsenkurse für Agrarrohstoffe zu übertragen. „Auf den Terminmärkten dürften fortan nur noch die Erzeuger, Händler oder Verwender von Agrarrohstoffen tätig werden. Wer mit einer Partie Weizen oder Reis, einer Anzahl Hektoliter Öl etc, handle, müsse gehalten sein, die vereinbarte Ware auch zu liefern. Außerdem empfehle es sich, die … zu hinterlegenden Sicherheiten für solche Geschäfte zu erhöhen.“12

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Aktivitäten, die das Verbot der Spekulation mit Grundnahrungsmittel zum Ziel haben: Die Linkspartei in Spanien brachte im Mai 2012 einen Gesetzentwurf ein, in dem das Verbot der Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel gefordert wird. Hintergrund: laut Unicef sind 2012 2,2 Millionen Kinder schwerst und dauerhaft unterernährt. Die Jungsozialisten der Schweiz beschlossen ebenfalls im Mai 2012 eine Volksinitiative mit dem Ziel, das Verbot der Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel in die Bundesverfassung aufzunehmen.

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Zwischeneinwurf: Die Lage der Ernährung in einem Land, das seit Jahrzehnten planwirtschaftlich funktioniert: Nordkorea. Sechs der vierundzwanzig Millionen Nordkoreaner sind stark unterernährt. Zwischen 1996 und 2005 sind zwei Millionen Menschen den verschiedenen Hungersnöten zum Opfer gefallen. Anfang 2011 gab es riesige Überschwemmungen, die die Reisfelder verwüsteten, die Maul- und Klauenseuche hat den Viehbestand reduziert. In Umerziehungslagern gibt es mehr als 200.000 Personen – unter ihnen auch von Chinesen abgeschobene Hungerflüchtlinge. Es wird von Betonwürfeln berichtet, in denen sich Häftlinge weder aufrichten noch hinlegen können – inhaftiert sind hier vor allem „Unruhestifter“. An Mangelernährung sterben in den Lagern 40 Prozent der Häftlinge. Auswirkungen des WTO-Agrarabkommens

Beispiel Jamaika: Dort wurden jährlich 150 Millionen Liter Milch verbraucht. 2002 wurden allerdings jährlich 12 Prozent in Jamaika selbst erzeugt. Für die Kleinbauern hatte das die Auswirkung, dass ihre Milchproduktion in fünf Jahren von 2,5 Millionen auf 300.000 Liter sank. Grund dafür waren die Milchsubventionen der EU, die Milchpulverimporte aus ihr stiegen von 1.200 Tonnen im Jahr 1992 auf 6.300 Tonnen im Jahr 2000.13 1992 hatte Jamaika seine Zölle auf Milchpulver reduziert und die Subventionen für heimische Milchbauern gestrichen. Dies hatte die Weltbank zur Voraussetzung für einen Kredit gemacht. Die Gesamtzahl der Exportsubventionen der EU für Exportsubventionen für Milchprodukte belief sich 1999 auf 1,5 Milliarden Euro. Viele einheimische Bauern in Jamaika zwingen diese Subventionen zum Aufgeben.

Weitere Beispiele für die Subventionspolitik der EU brachte der Entwicklungsexperte Uwe Kekeritz in einem Vortrag im November 2011.14 Von den Milchbauern im Norden Kameruns etwa, die zuerst über die Entwicklungshilfe eine kleine Molkerei bekamen, bevor sie durch Billigmilchimporte aus der EU verdrängt wurden. Von Hähnchenzüchtern in Ghana, die aufgeben mussten, nachdem tiefgefrorene Hähnchenschenkel und -flügel aus der EU den Markt überschwemmten und ihre Preise unterboten.

Die frühere Textilindustrie ganz Afrikas sei gezielt kaputt gemacht worden, ist er überzeugt, durch den Verkauf von Textilien, die hier bei Altkleidersammlungen eingesammelt werden. Es sei eine Frechheit, dass sich das Rote Kreuz, für fünf Cent pro Kilogramm, für die kommerzielle Sammlung über die Altkleidercontainer einspannen lasse, meinte der Referent.15

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Gegenwärtige Preisentwicklung nach Einschätzung der Weltbank: „Der Preisimdex für Lebensmittel, der sich zwischen Oktober 2010 und Januar 2011 um 15 Prozent erhöht hat, ist gegenüber dem Vorjahr um 29 Prozent gestiegen und liegt nur um 3 Prozent unter seinem Höchststand vom Jahr 2008. Der in den letzten drei Monaten beobachtete Anstieg kann großenteils auf die Preiserhöhungen für Zucker (20 Prozent), Fette und Öle (22 Prozent), Weizen (20 Prozent) und Mais (12 Prozent) zurückgeführt werden.“16 Nach Schätzungen der Weltbank sind seit Beginn des Jahres 2011 zusätzlich mindestens 62 Millionen Männer, Frauen und Kinder in das Heer der Unterernährten und vom Hunger Gefährdeten abgesunken.17  

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Wie handeln? „Wie berichtet, haben 146 der damals 193 der UNO angehörenden Staaten ihre Vertreter im September 2000 nach New York entsandt, um ein Verzeichnis der schlimmsten Tragödien anzulegen… Nach Berechnungen, die die Staats- und Regierungschefs vorlegten, müsse man, um die acht Tragödien zu besiegen – unter denen der Hunger den ersten Rang einnimmt -, fünfzehn Jahre lang eine jährliche Investition von 80 Milliarden Dollar vornehmen. Dazu würde es genügen, bei den 1210 vorhandenen Milliardären eine jährliche Vermögenssteuer von 2 Prozent zu erheben…“18 Es ergeben sich in dem Buch doch einige Vorschläge, die dem Hunger ernsthaft zu Leibe rücken.

1Jean Ziegler, Wir lassen sie verhungern. Massenvernichtung in der Dritten Welt, München 2012

(Dritte Auflage), S. 57

2Ebd., S.58

3Ebd., S. 162

4Ebd., S.163

5Ebd. S. 236 f.

6Vgl., S 238 f.

7Vgl., S. 240

8Vgl., S. 241

9Ebd., S. 253

10Ebd., S. 270

11 Indexfonds sind Investmentfonds , die einen bestimmten, repräsentativen Index möglichst exakt nachbilden. Um das zu erreichen, investieren die Fonds zum Beispiel in die dem Index zugrunde liegenden Wertpapiere im gleichen

Verhältnis wie der Index. (Quelle: Wikipedia)

12Ziegler, S. 272

13 Vgl. FIAN, Wirtschaft global- Hunger egal? Für das Menschenrecht auf Nahrung,

Hamburg o.J., S. 40 f.

14Main-Echo 21.11.2011

15Ebd.

16Ziegler, S. 268

17Ebd.

18Ebd., S 303

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Petra Ramsauer, So wird Hunger gemacht, Wer warum am Elend verdient, Wien 2009

Eine Milliarde Menschen sind aktuell von Hunger und Tod bedroht, und die Angst vor der Armut hat längst Schichten in den westlichen Industrieländern erreicht, die sich lange auf der sicheren Seite eines Wohlstandes wähnten, der sich schon immer auf dem Rücken der Ärmsten aufbaute. 1974 wurden 500 Millionen hungrige Menschen registriert, 1996 waren es 830 Millionen Hungernde.

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Ein Anstieg um einen Prozentpunkt der durchschnittlichen Lebensmittelpreise bedeutet, dass 16 Millionen diese Preise nicht mehr bezahlen können, so die Autorin. Wie die Weltbank meint, verursachten 2008 in Afrika die erhöhten Preise für Nahrungsmittel, dass 30 Millionen Menschen zusätzlich in starke Armut gestürzt wurden. Am stärksten traf es Somalia, wo bis Ende 2008 über drei Millionen Menschen Lebensmittelhilfe brauchten.Die hohe Summe von 2,8 Billionen Dollar wurde an den Finanzmärkten im Herbst 2008 vernichtet. Weltweit gaben Regierungen die Summe von 14 Billionen Dollar aus allein bis Herbst 2009 und das zur Rettung ihrer Finanzinstitute. „Alle hungrigen Menschen Afrikas hätten mit dieser Rettungssumme drei Jahre lang satt werden können“ meinte Stephen Muchiri, Vorsitzender der Vereinigung afrikanischer Bauern. Jeffrey Sachs, Direktor des Earth Institute“ der Columbia University formulierte folgendermaßen: „Die USA und Europa haben in den Herbstmonaten des Jahres 2008 Billionen von Dollar für die Unterstützung ihrer gescheiterten Banken aufgebracht. Sie haben es aber nicht geschafft, ein Tausendstel dieser Summe für die Ärmsten der Welt bereitzustellen, die angesichts der Ernährungskrise dringend Hilfe gebraucht hätten.“ 2007 gab es die Ernährungskrise mit sprunghaft gestiegenen Getreidepreisen und steigenden Kursen für Weizen, Mais und Soja.

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Biotreibstoffe sind ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ meint Jean Ziegler. Man kann davon ausgehen, dass sie für den Anstieg der Lebensmittelpreise mit verantwortlich sind. Ein renommiertes Institut geht davon aus, dass 30 Prozent des globalen Anstieges von Lebensmittel-preisen aus ihrem Vorhandensein resultiert. 2008 wurde ein Viertel der Maisernte der Vereinigten Staaten in Biosprit verwandelt. Bis 2016 soll der Anteil auf ein Drittel anwachsen. Eine weitere Dimension von Biotreibstoffen lässt sich in Borneo (Indonesien) nachweisen. Dort werden Urwälder planiert, um riesigen Palmölplantagen Platz zu machen. Zeitgleich verschwinden die Anbauflächen für Lebensmittel. Der Palmölverbrauch hat sich weltweit verdoppelt. Bislang wurden Margarine oder auch Lippenstifte daraus gewonnen, jetzt ist es Biosprit. 20 Millionen Hektar will die indonesische Regierung für Plantagen freigeben, das ist etwa das Fünffache der Fläche der Schweiz. Bemerkenswert ist, dass auf den 23 Millionen Hektar Land, auf denen in Brasilien Zuckerrohr für Bioethanol angebaut wird, Nahrungsmittel für eine vegetarische Ernährung von bis zu 450 Millionen Menschen angebaut werden könnten. Paul Krugmann meint zum Thema Biotreibstoff als Nobelpreisträger: „Jedes Stück Land, das dazu verwendet wird, Biotreibstoffe anzubauen, ist Land, das bei der Nahrungsmittelproduktion fehlt. Förderungen und Steueranreize für ihren Einsatz sind ein wesentlicher Faktor, der zur Nahrungsmittelkrise beiträgt. Oder man könnte es auch so sagen: Man lässt Menschen in Afrika hungern, damit amerikanische Politiker in den Bundesstaaten mit einem hohen Anteil von Farmern ihre Wähler hofieren können.“

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Nehmen wir das Beispiel Mauretanien, um das Problem der Unterernährung zu erläutern. Ein Großteil der Nahrungsmittel muss importiert werden. Zahlreiche Exportländer schränkten zum Schutz ihrer eigenen Konsumenten die Ausfuhren von Getreide und Mais deutlich ein. Daraufhin waren Importländer wie Mauretanien mit erheblichen Mehrkosten konfrontiert. Das Land lebt vom Verkauf von Fischereilizenzen.Ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes wird dadurch erwirtschaftet. Die Hochseeflotten der EU fangen einen Großteil der Fische im Meer vor diesem Land. Der Fang gelangt tiefgefroren in die Verbraucherländer. Die hochwertigen Fische verschwinden, die Sardinen bleiben. „Wir haben keine Chance gegen den Hunger der reichen Länder.“ Die verbleibenden Sardinen sind um die Hälfte teurer und für viele unerschwinglich. Was schlägt Petra Ramsauer als Lösungsmöglichkeit vor?

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„Zum globalisierten Handlungsgeflecht gehören auch die Geschäfte mit Rohstoffen, auch jenen, aus denen unsere Grundnahrungsmittel hergestellt werden. Spekulation und die damit verbundene Finanzakrobatik ist ein wesentlicher Faktor der Preissteigerung von Lebensmitteln geworden. Der US-amerikanische Nobelpreisträger James Tobin hat als Maßnahme gegen die Auswucherungen der

Finanzspekulation die Einführung einer minimalen Transaktionssteuer vorgeschlagen, Tobin Tax genannt. Würde lediglich ein geringer Prozentsatz von 0,5 Prozent aller Kapitalflüsse besteuert, brächte dies jährlich 290 Milliarden Euro… Ein Verbot des Börsenhandels mit Agrarprodukten ist unrealistisch. Allerdings muss bei Spekulationsgeschäften das Regelwerk von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie greifen.“ Letztere Vorstellungen sind allerdings zu vage, um eine Vorstellung zu gewinnen, was konkret zu tun ist.

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Zum Thema „Menschenrecht auf Ernährung“ meint die Autorin: „Um die Hungerkrise zu lösen, ist eine zweite ‘Grüne Revolution’, vor allem in Afrika, nötig, doch diese Revolution darf sich nicht auf die technische Umsetzung von Ertragssicherheit reduzieren: Von einem ‘New Deal’ der globalen Ernährungssicherheit spricht Weltbank-Generaldirektor Robert Zoellick. FAO – Generaldirektor Jacques Diouf hofft angesichts der Krise auf einen Impuls für eine neue Ordnung der weltweiten Agrarproduktion mit dem Schwerpunkt auf dem Menschenrecht auf Nahrung, das längst völkerrechtlich verankert ist. Anlässlich des 60. Jahrestages der Erklärung der Menschenrechte wurde durch die UN-Vollversammlung am 10.Dezember 2008 ein Zusatzprotokoll zu diesem Sozialpakt verabschiedet. Damit soll Opfern von Verletzungen sozialer Menschenrechte, wenn ihnen die Lebensgrundlage gewaltsam entzogen wurde und sie sich nicht ernähren können, die Möglichkeit eingeräumt werden, bei der UNO Beschwerde einzulegen. Mit der Einklagbarkeit ist ein erster Schritt getan. Nun geht es darum, die Durchsetzbarkeit dieses fundamentalen Menschenrechtes auch zu gewährleisten.“ Wie, fragt sich der interessierte Leser. Wäre es nicht sinnvoller, zu fordern: „Verbot der Agrarsubventionen der Industrieländer“?

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Weiter heißt es zum Thema „Kleinbauern stärken“

„Es geht um die Besinnung der Einzelstaaten darauf, was ihre Landwirtschaft zu allererst leisten soll: Versorgung der Bevölkerung. 30 Milliarden Dollar sollten deshalb, fordert die FAO, jährlich in die Landwirtschaft investiert werden. Und zwar in fünf Bereiche: Investitionen in die Produktivitätssteigerung in den abgelegenen Dörfern der weniger entwickelten Welt, in die Bewahrung natürlicher Ressourcen, in den Aufbau der Infrastruktur und der Märkte, in die Ausbildung der lokalen Bauern und auch in den Aufbau von Nothilfeprogrammen.“ Zum Thema „Zukünftige Landwirtschaft“ wird ausgeführt: „… Noch fehlen die endgültigen Beweise, dass es auch langfristig möglich ist, sei es ökonomisch oder ökologisch, mit Gentechnik das Hungerproblem zu lösen. Es stellt sich auch die Frage, ob die industrielle – sehr energieintensive – Form der Landwirtschaft angesichts der schwindenden Energieressourcen in der Lage sein wird, den zu erwartenden Nachfrageanstieg bewältigen zu können. Ermutigend sind allerdings die Resultate einer Untersuchung, die vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) durchgeführt wurde. 114 Projekte mit Biolandwirtschaft in 24 afrikanischen Staaten wurden dafür analysiert. Ertragssteigerungen von 128 Prozent konnten dort verbucht werden, indem Felder mit naturbelassenen Methoden bestellt wurden… Durch den Einsatz traditioneller Methoden schritt die Bodenerosion weniger stark voran, gleichzeitig verringerte sich das Sinken des Grundwasserspiegels.“

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Weiter heißt es zum Problemfeld „Klimaschutz gegen Armut“

„ … Die Produktion von Fleisch ist sehr energieintensiv und verursacht einen großen Anteil der Kohlendioxid- Emissionen in dem Bereich. Pflanzliche ökologische Erzeugnisse verursachen um ein Viertel weniger Treibhausgas – Emissionen als konventionell hergestellte Produkte.. Die neue Regelung (Nachfolgeprotokoll des Kyoto-Abkommens) muss Armutsbekämpfung und Klimaschutz verknüpfen…Eine Möglichkeit wäre es, den Erlös aus dem Handel mit Verschmutzungsrechten zum Teil direkt für die Finanzierung der Millenniumsziele zu verwenden. Derzeit bringt dieser Zertifikatshandel in der EU jährlich 60 Milliarden Euro an Erlösen. Würden die Verschmutzungsrechte global gehandelt, würde das bis zu 250 Milliarden Euro bringen.“ Für verändertes Verbraucherverhalten plädiert Petra Ramsauer zum Schluss ihres lesenswerten Buches:“Laut einer Untersuchung … landet jeder fünfte Laib Brot, der in Österreich produziert wird, am Müll. Eine Ursache für diese Verschwendung ist, dass jeder bis zum Geschäftsschluss eine große Auswahl von Produkten erwartet und am nächsten Tag kaum bereit ist, ‘altes’ Brot zu essen. Umso mehr zeigt sich, wie verrückt und dekadent unsere Welt geworden ist. Es ist so banal. Dies wieder und wieder festzustellen, doch die Folgen dieser Ungleichheit sind tödlich. Für 5 Millionen Kinder pro Jahr.“

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Beate Klarsfeld

Die Geschichte des PG 2633930 Kiesinger Dokumentation mit einem Vorwort von Heinrich Böll (Melzer Verlag) Darmstadt 1969

Biografisches

Der dritte Kanzler der Bundesrepublik, Kurt Georg Kiesinger, war bei seiner Wahl 1966 umstritten wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit. Geboren wurde er 1904 in Ebingen in Schwaben. Nach dem frühen Tod seiner Mutter entstammen sechs Stiefgeschwister der zweiten Ehe seines Vaters Christian Kiesinger.Kiesinger bestand die „Einjährigen“- Prüfung und trat in das katholische Lehrerseminar in Rottweil ein. Er war Mitglied der konservativen Korporationen „Sif -Sippia“ und „Laetitia“. Das Abitur holte er an einem Stuttgarter Gymnasiun nach. Damals entstand sein Plan, in den diplomatischen Dienst einzutreten. 1926 ging Kiesinger nach Berlin: Er studierte dort zunächst Neuphilologie, später Jura. Dort schloss er sich der katholischen Studentenvereinigung „Askania“ an sowie dem „Görres Ring“. Damals lernte er Konrad Adenauer kennen, der sowohl Oberbürgermeister von Köln als auch Präsident des Preußischen Staatsrates war. Er war wiederholt Gast im „Herrenklub“ des späteren Reichskanzlers Franz von Papen. Am 1. 3.1933 wurde Kiesinger – nur wenige Stunden nach dem Reichstagsbrand- Mitglied der NSDAP. Die Mitgliedsnummer ist oben schon genannt, zwei Monate später wurde sein späterer Kollege Hans Fritzsche, Angeklagter in Nürnberg, Parteimitglied. Über die Motive seines Eintrittes meinte Kiesinger: „Meine Freunde aus der katholischen Verbindung und ich meinten, man müsse doch irgendwie auf die Entwicklung Einfluß nehmen…“

 

Schwer verständlich äußerte er sich am 4.7.1968 vor dem Landgericht Frankfurt über seine NSDAP – Mitgliedschaft: „Nicht aus Überzeugung, und nicht aus Opportunismus. Ich habe mich dann in den ersten Jahren 33/34 gleich umgesehen. Dann habe ich Verbindung zum NSK*1 aufgenommen … Auch Veranstaltungen des nazistischen Juristenbundes habe ich mir angesehen, habe mich dann aber geweigert, dort einzutreten. Ab 1934 sah ich sehr klar, wohin der Weg lief…“

 

Auswärtiges Amt – Rundfunkpolitische Abteilung

Offiziell wurde Kiesinger in das Auswärtige Amt „dienstverpflichtet“. Dem widerspricht, dass er von entscheidender Stelle für würdig befunden wurde, in leitender Funktion im Auswärtigen Amt tätig zu sein. Dort war er Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter (WHA). Er begann seine Laufbahn nicht als Jurist, sondern als Nachrichten- und Rundfunkpolitiker in der Kulturpolitischen Abteilung (Kult R). 1941 entstand die Rundfunkpolitische Abteilung. Im Oktober und November 1940 erfolgte die Bildung des Kolonialreferates in der Kulturabteilung mit den Mitarbeitern: Dr. Markus Timmler, Referent Zschäck und WHA Kiesinger. 1943 wurde Kiesinger stellvertretender Abteilungsleiter. Übertragen wurden ihm die Referate:

Ru A – Referat Rundfunkeinsatz, Internationale Rundfunkbeziehungen und Rundfunkrecht, technische Angelegenheiten und

Ru B – Allgemeine Propaganda, Koordinierung der Länderreferate, Verbindung zum Propagandaministerium

Kiesinger bestimmte, was in den Referaten geschah und ließ sich regelmäßig Bericht erstatten. In fast fünfjähriger Tätigkeit gingen tausende Dokumente mit nationalsozialistischem Inhalt durch seine Hände. In der Interradio AG hatte er eine Schlüsselfunktion, er war Teilnehmer von Beratungen einflussreicher Propagandagrößen, z.B. am 16.12.1943 an einer von Fritzsche geleiteten Beratung im Propagandaministerium. Eine Woche später verlautet in einem Protokoll über eine abermalige Beratung folgendes: „Kiesinger schlägt vor, einen Sender der kleinen Staaten, einen sogenannten Neutralitätssender laufen zulassen, der als Endziel in ‘neutraler Form’ doch die Richtigkeit der deutschen Belange den Hörern einzufiltern versucht. Hierzu soll Ministervorlage gemacht werden.“

Beispiele der Tätigkeiten Kurt Georg Kiesingers

Nach der Kapitulation Frankreichs wurde eine Reise nach Frankreich geplant. Am 18. Juli 1940 hieß es dazu: „Die Reise steht unter Leitung von Herrn Kurt Georg Kiesinger, der zugleich auch für die politische Zensur …verantwortlich ist …“ Dieser verfasste dazu einen Bericht, in dem es hieß: „Die Reportagen verfolgen den Zweck

  1. den Hörern einen Eindruck zu geben von der unwiderstehlichen Kraft der deutschen Waffen im Kriege und
  2. von der Haltung und Leistung des Siegers während des Krieges und nach Beendigung derKampfhandlungen“

Unter der Regie von Kurt Georg Kiesinger stand am 18.9.1941 eine „Liste der Persönlichkeiten, die für Rundfunkaufrufe gegen den Bolschewismus dem Herrn RAM vorgeschlagen werden“.

  1. Länder, aus denen offizielle Persönlichkeiten sprechen können

    Italien: Minister für Volkskultur Pavolini

Rumänien: Stellvertretender Ministerpräsident Mihai Antonescu

Ungarn: Ministerpräsident aund Außenminister Bardossy

Slowakei: Ministerpräsident Tuka oder Innenminister Mach

Kroatien: Kriegsminister Feldmarschall Kavternik

Finnland: Generalfeldmarschall Mannerheim

  1. Länder, aus denen keine offiziellen Persönlichkeiten in Frage kommen

Spanien: Befehlshaber der Blauen Division General Munes Grande

Dänemark; Kommandeur der Freiwilligendivision Kryssning

Norwegen: Quisling oder Knut Hamsun

Schweden: Sven Hedin

Holland: Führer des NSB Mussert, oder Präsident der niederländischen Bank, Rost von Tonningen

Belgien: Für Flamen: Leiter der VNV Staff de Clerque

Für die Wallonen: Léon Degrelle

Frankreich: Alfonse de Chateau-Briand, Herausgeber der der Zeitschrift „Le Gerbe“ oder Marcel Déat, Leiter des Rassemblement Nationale Populaire oder Robert Brasillach, Herausgeber der Zeitschrift „Je suis Partout“

Zum Thema Griechenland hieß es in einer Sendung vom 19.4.1941: „Athener! Trinkt kein Wasser, die Engländer haben ein fast unglaubliches Vorhaben ausgeführt. Beamte des englischen Geheimdienstes haben den Marathon-See von der Nordostseite her mit Typhusbazillen infiziert, um den Deutschen einen englischen Empfang zu bereiten. Daß dabei nicht die Deutschen, sondern viele Tausende von Athenern zugrunde gingen, ist den Briten gleichgültig…“ Im Zusammenhang mit den antijüdischen Kampagnen des Auswärtigen Amtes charakterisierte der damalige Unterstaatssekretär Baron Steengracht von Moyland bei seiner Vernehmung vor dem Nürnberger Tribunal Kiesinger folgendermaßen: „Kiesinger war der Vertreter von Rühle, Chef der Rundfunkabteilung des AA. Er war eine gewissenhafte Arbeitskraft.“

Welches Verhältnis hatte Kiesinger zum Nationalsozialismus?

In einem Beitrag meint Martin Hirsch (SPD) in der Festausgabe zu Kiesingers 80. Geburtstag, dem Kiesinger als Rechtslehrer 1935/36 begegnete: “Es mag sein, daß Kiesinger damals im Gegensatz zu mir gehofft haben mag, das Naziregime könne doch erträglicher werden oder gar sich selbst kurieren können. Vielleicht war dies der große Irrtum seines Lebens, der ihn dann während des Krieges zu seiner Tätigkeit im Auswärtigen Amt veranlaßt hat. Sicher aber ist, ein Nazi war Kurt Georg Kiesinger ganz gewiß nicht.” Im Gegensatz dazu urteilt Beate Klarsfeld in ihrem Buch dazu: „Es ist geradezu ausgeschlossen, daß Kurt Georg Kiesinger monate- und jahrelang mit geistigen Scheuklappen seine Diensträume in der Saarlandstraße 60 betrat, Zimmer an Zimmer mit Leuten wie Dr. Ahrens und Prof. Mahr zusammenarbeitete, Dienstbesprechungen leitete und sich Berichte schreiben ließ, aber nicht gewußt haben will,was sich in den Nachbarzimmern tat. Nicht gewußt haben will, womit sich AA-Beamte und -Angestellte beschäftigten, die zum Teil viel länger in den Diensten der Rundfunkpolitischen Abteilung (einschließlich dem Vorgänger Kult-R) standen, die er aber allesamt im Tempo der Beförderungen überflügelte.“ (S. 56)

1 Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps – bedeutendes Mitglied: Franz Josef Strauß. Die Mitgliedschaft wuchs in den Jahren von 1934 bis 1940 von 10.000 auf weit über eine halbe Million an.

Christian Schauer, März 2012

Veröffentlicht 14. September 2015 von schauerchristian in Buchbesprechungen

Reiseberichte Ungarn 2012, Zypern 2011 und Gardasee – Venedig 2010

Reisebericht Ungarn 28.5. bis 1.6.2012

Budapest, Eger und Gödöllö Geschichte

Die finnugrische Urheimat erstreckte sich vom mittleren Ural nach Osten bis zum Mittellauf des Ob und des Irtys. In der Heimat Westsibirien lebte dieses Volk von Jägern, Sammlern und Fischern. 4.000 vor Christus löste sich die uralische Gemeinschaft auf. In der Mitte des dritten Jahrtausends machten sich Teile der Finnougrier zur Wolga auf und besiedelten das Gebiet des Baltikums und Südfinnlands. Die Ungarn , die sich selbst Magyaren nennen, wanderten im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts vom östlichen Rand des Urals – ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet- in die Steppen nördlich des Schwarzen Meeres ein. Dort wurden sie 895 von den Petschenegen – einem der alten Turkvölker- vertrieben und wanderten nach Pannonien weiter, das früher eine römische Provinz war. Unter dem Heerfürsten Árpád (ca. 894 bis 907) erfolgte die Landnahme der Ungarn. Die treibende Kraft bei den Raubzügen der Ungarn war der Mitregent des Heerfürsten Bulcsu. 895 bis 896 besetzten sie das östlich der Donau gelegene Tiefland und Westsiebenbürgen. Danach kämpfte man gegen das Großmährische und Bulgarische Reich erfolgreich. 899 griff ein ungarisches Heer Norditalien an. 907 wurden die Bayern vernichtend bei Preßburg geschlagen. Ihre Oberherrschaft wurde bis an die Enns ausgedehnt. Die Ungarn galten als kenntnisreiche extensive Viehzüchter (Pferde und Schafe). Handwerklich widmete man sich dem Waffenschmieden. Erst im 10.Jahrhundert folgten kleine Siedlungen und Stallungen nach der rein nomadischen Lebensweise.1 Die Lebensmittelproduktion war für den Eigenbedarf gedacht. Dieser musste zudem durch Abgaben der unterworfenen Völker gedeckt werden. Im zehnten Jahrhundert wurden vierzig größere Raubzüge unternommen. Hier wurden neben mNahrungsmitteln auch Sklaven beschafft. Die Ungarn fielen in alle Gebiete des Karolingerreiches ein. 915 gelangten sie sogar bis zur dänischen Grenze, 927 im Westen bis zum Atlantik. Der Sieg bei Merseburg 933 brachte Deutschland eine Atempause. Erst der Sieg von Kaiser Otto I. auf dem Lechfeld 955 (bei dem Bulcsu und Lehel getötet wurden) beendete die Ungarnangriffe.

Die Herrschaft Stephans I. (997 bis 1038) begründete die Christianisierung des Landes. Er lehnte sich zunehmend an den deutschen Kaiser Otto III. an. Im Jahre 1000 wurde er zum König von Ungarn gekrönt. Die Stephanskrone wurde zum Symbol der Christlichkeit des Staates. 1001 wurde Gran (Esztergom) zum selbständigen Erzbistum erhoben. 1003 musste sich Gyula von Westsiebenbürgen unterwerfen. Diese Region wurde in das Königreich Ungarn einbezogen. 1030 wehrte er den Angriff des deutschen Kaisers ab und sicherte so die Existenz seines Staates. Stephan I. wurde später im Jahr 1089 heilig gesprochen. 1102 kam durch Personalunion das Königreich Kroatien zu Ungarn.

Ein wichtiges Datum der ungarischen Geschichte ist der Mongolensturm von 1241. Er deckte die Probleme des Landes bezüglich seiner Verteidigung auf. Die uneinigen Ritter trugen zur Niederlage bei Mohi am Sajó bei. König Bela IV. (1235 bis 1270) konnte sich mühevoll nach Dalmatien retten. Die Mongolen zogen sich überraschend 1242 zurück. König Bela IV. nahm danach den Wiederaufbau des Landes in Angriff. Die östlichen Landesteile waren weitgehend entvölkert worden. Die Siedlungspolitik wurde wieder aufgenommen. Die östlich der Karpaten lebenden Kumanen und Jazygen wurden als Gruppen aufgenommen und christianisiert. König Ladislaus IV. (1272 bis 1290) war kumanischer Abstammung.2

 

In der Schlacht von Mohacs von 1526 gegen die Türken verlor Ungarn nach dem Tod des Königs Ludwig II. und eines großen Teils des Adels seine Selbständigkeit. Mehr als zwei Drittel des Landes wurden osmanisch, darunter Siebenbürgen als Vasall des türkischen Reiches. Die türkischen Siege in Ungarn sind chronologisch so zu datieren: 1545. Buda, Esztergom, Fehérvár, Szeged, Nógrád, Hatvan, Veszprém und Pécs, also fast das ganze Land, sind in den Händen der Türken. 1546. Die Türken haben Ungarn in fünfzehn Sandschaks aufgeteilt. Den Ungarn sind nur Oberungarn und ein oder zwei Komitate, die an Österreich grenzen, verblieben 1547. Nicht nur die Türken, sondern auch die Österreicher schinden und schröpfen Ungarn. 1548. Luthers und Calvins Lehre verbreitet sich im ganzen Land. Nicht nur die Türken und die Österreicher sind den Ungarn feind, sie selbst befeinden sich untereinander. 1549. Die Türken nehmen den Ungarn unter dem Titel „Steuern“ alles, sogar Kinder. 1550. Eine walachische und eine türkische Heerschar ziehen gegen Siebenbürgen. Frater Georgius stellt in wenigen Tagen fünfzigtausend Kämpfer auf die Beine. Sie schlagen die Walachen, die Türken nehmen Reißaus. 1551. Königin Isabella verläßt Siebenbürgen. Frater Gregorius wird von Meuchelmördern umgebracht.3

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Der Ungarnaustand von 1956„ Ich gehöre nicht zu den Leuten, die wünschen, das ungarische Volk griffe in einem bald niedergewalzten Aufstand abermals zu den Waffen, während eine internationale Gesellschaft von Zuschauern ihm weder Beifall noch tugendsamem Tränen versagt, um dann zu ihrenPantoffeln zurückzukehren wie die Tribünensportler am Sonntagabend nach einem Meisterschaftsspiel. Im Stadion liegen schon zu viele Tote,und nur mit unserem eigenen Blut dürfen wir freigebig sein. Das ungarische Blut hat sich für Europa und die Freiheit als zu wertvoll erwiesen, als dass wir nicht mit den kleinsten mTropfen haushälterisch umgehen müssten. Aber ich gehöre auch nicht zu den Leuten, die an die Möglichkeit eines selbst resignierten, selbst vorläufigen Kompromisses mit einem Terror-Regime glauben, das ebenso sehr Anspruch auf die Bezeichnung sozialistisch hat wie ehemals die Folterknechte der Inquisition auf die Bezeichnung christlich.“ 4

Albert Camus zum Ungarn-Aufstand

Bild Ungarns nach der Machtübernahme der Kommunisten: Insgesamt erreichte die Zahl der von der Säuberung betroffenen Opfer 200.000. Einer der eher weniger spektakulären Fälle war der des Vorsitzenden der Kleinlandwirte-Partei des Bezirks Tolna. Am 1. Oktober 1949 wurde er wegen angeblicher Spionagetätigkeit festgenommen und in Isolierhaft gehalten. Auch er unterschrieb ein Geständnis, um Folter und Ungewissheit zu beenden .»Mehrere Male hörte ich die Hilferufe meiner Frau aus dem Nebenzimmer«, bezeugte er. (Offensichtlich war das die bevorzugte Methode der Beamten des ungarischen Geheimdienstes.) Nach vierzehn Monaten wurde Anklage gegen ihn und vier andere »Volksfeinde« erhoben.

 

Der Angeklagte sagte sein »Geständnis« auswendig auf und wurde zu fünfzehn Jahren verurteilt.5 Der Aufstand wurde vom Regime des Janos Kadar stets als “Konterrevolution“ bezeichnet, die öffentliche Nennung als Revolution wurde geahndet. Die DDR-Regierung begrüßte ausdrücklich das Eingreifen Moskaus als “Unterdrückung der Konterrevolution” und untersagte jegliche Kritik an den Vorgängen in Ungarn. Seit 1989 ist der 23. Oktober 1956 (der Beginn des Aufstandes) ein Nationalfeiertag in Ungarn. „Der konterrevolutionäre Aufstand in Ungarn vom 23. Oktober bis zum Mitte November 1956 zeigt, welche Folgen es haben kann, wenn der Revisionismus die Führung einer kommunistischen Partei erobert: es führt zur Entfesselung der rechtesten, reaktionärsten Kräfte, zur Entfesselung des weißen Terrors“ das meint der Stalinist auch heute noch dazu.

Quelle

http://www.redchannel.de/mlliteratur/soz_staaten/ungarnaufstand.htm

Panoramablick

An den Ungarnaufstand erinnert heute eine Museum (Haus) des Terrors in Budapest. Das Haus des Terrors ist ein als Gedenkstätte konzipiertes historisches Museum in Budapest. Es soll an die Herrschaft der Pfeilkreuzler und den nach Ende des Zweiten Weltkrieges folgenden Kommunismus in Ungarn erinnern und stellt dabei beide Regime in seiner Ausstellung gegenüber. Hier wurden während der Diktatur nach dem Zweiten Weltkrieg in Ungarn viele Menschen verfolgt, gequält und getötet. Durch schrittweisen Ausbau umfasste das Gefängnis im Endzustand den unterirdischen Bereich unter dem gesamten umgebenden Häuserblock. Es sind nicht wenige Städte in Europa, die ihre Gründung den Römern verdanken. Auch Budapest, die heutige ungarische Hauptstadt, zählt dazu. Aquincum, so der Name der Siedlung zur Römerzeit, wurde im Jahre 89 vor Christus erstmals erwähnt. Schon damals war es keine unbedeutende Niederlassung, denn Aquincum besaß einen Palast und  eine Festung. Diese Bedeutung wurde noch dadurch erhöht, dass die Siedlung Sitz des römischen Statthalters der Provinz Pannonien wurde. Ein Grund für diese herausgehobene Stellung war die ausgezeichnete Lage direkt an der ungemein wichtigen Donau. Im 5. Jahrhundert zogen die Römer ab. Bela IV. ließ im 13. Jahrhundert den heutigen Burgberg in Buda als Königsresidenz befestigen und besiedeln. Pest entwickelte sich auf der anderen Seite der Donau zu einer Kaufmannsstadt. Im 15. Jahrhundert erlebte Buda unter König Matthias als Renaissancemetropole eine Blütezeit. 1541 fiel die Stadt an die Osmanen, die Besatzung dauerte 145 Jahre. 1686 wurden die Habsburger Nachfolger der Türken. Ein neuer Patriotismus wird deutlich in der Errichtung des Nationalmuseums von 1847. 1849 wurden die beiden Städte Buda und Pest durch eine Kettenbrücke verbunden. In Pest kam es 1848 zum Aufstand gegen die Habsburger. 1873 wurden Pest, Buda und Obuda zur Hauptstadt Ungarns vereint. Der Bauboom zeigte sich im Andrassy út und im Großen Ring- beide sind Boulevards nach Pariser Vorbild. 1896 entstand die erste U-Bahn des europäischen Kontinentes. Ödön Lechner schuf eine eigene Variante des Jugendstils. Der Erste Weltkrieg brachte Ungarn starke territoriale Verluste und die Selbständigkeit. Mit der Niederlage im Zweiten Weltkriegs an der Seite des Deutschen Reiches wurde Budapest sehr stark zerstört.

Heldenplatz

Heldenplatz

 

Der Heldenplatz mit dem Milleniumsdenkmal. Es entstand 1896 zu den Feierlichkeiten der Tausendjährigen Geschichte Ungarns. Der Komplex wurde 1929 fertig gestellt. Die 36 Meter hohe Säule zeigt der Erzengel Gabriel. Auf dem Sockel steht Fürst Arpád, ihm zur Seite sind sechs Stammesfürsten positioniert. Im Hintergrund sind 14 bedeutende Ungarn von König Stephan bis zum Helden von 1848, Lajos Kossuth, versammelt.

Matthiaskirche

Matthiaskirche

Betrachten wir näher die Matthiaskirche in Budapest. Sie wurde von Matthias Corvinus (1458 bis 1490), dem jüngsten Sohn von János Hunyadi, mit dem Königsoratorium 1460 erweitert. Laut Überlieferung baute der König Stephan (1000 bis 1038) im Jahre 1015 eine Kirche. Höchstwahrscheinlich wurde die alte Marienkirche in der Zeit des Tatarensturms 1241 bis 1242 zerstört. Diesem Sturm fielen 30 bis  50 Prozent der Landesbevölkerung zum Opfer. Bela IV. (1235 bis 1270) ließ am Budaer Burgberg eine neue, befestigte Hauptstadt errichten. Das Zentrum der Stadt war die neu errichtete Marienkirche von 1247. Ludwig der Große (1342 bis 1382) ließ um 1370 die  einstige romanische Basilika zu einer hoch-gotischen Hallenkirche umbauen. Matthias Corvinus ließ auch 1470 den Südturm wieder  aufbauen. Beide Hochzeiten feierte Corvinus hier, 1461 mit der Königstochter von Böhmen, Katharina von Podiebrand , 1476 mit  Beatrix von Neapel. König Wladislaus Jagiello II. schenkte der Kirche 1515 eine Madonnenstatue. 1541 nahmen die Türken nach der Niederlage bei Mohacs 1526 mit  einer List die Burg von Buda ein. Innerhalb von 24 Stunden gestalteten sie die Kirche in eine Moschee um. Die Wände wurden in der  Eski – Moschee mit Wandteppichen verkleidet, die Madonnenstatue von König Wladislaus wurde eingemauert.6 Sultan Süleyman I. ließ es sich nicht nehmen, Allah hier für die Eroberung Budas zu danken. Die Liebfrauenkirche befand sich 145 Jahre in türkischem Besitz. Weil sie Moschee wurde, blieb die Marienkirche erhalten, die anderen Kirchen in der Burg von Buda wurden von den Türken zerstört. Am 2. 9.1686 eroberte eine von Papst Innozenz XI. organisierte Allianz die Budaer Burg von den Türken zurück. Die Eroberung als Glaubensgeschichte: „Vor dem letzten Angriff ereignete sich in der Marienkirche das Wunder der Marienstatue: bei der Explosion des Pulverturms stürzte die 145 Jahre zuvor vor der Madonnenstatue aufgezogene Mauer ein und vor den in der Moschee betenden Türken erschien die längst vergessene Statue  der Gottesmutter und Patronin der Ungarn. Der abergläubische Schrecken der Augenzeugen bezwang auch die Burgverteidiger: noch am gleichen Tag fiel die Burg in die Hände der Christen. Die siegreiche Marienstatue wurde dann bei der Danksagungsprozession durch die Straßen von Buda getragen.“7

Eger gilt als Prachtstück des Barocks. Die Stadt liegt 130 km nordöstlich von Budapest. 1552 konnte die Stadt einen türkischen Angriff abwehren.8 Unter der Führung von István Dobó gelang es den Ungarn, sich in diesem Jahr zu behaupten. 1596 fiel Eger in türkische Hand und blieb bis 1687 besetzt.9 Hier kann man Erlauer Stierblut trinken. In der Bischofskirche kann man sich ein Orgelkonzert anhören, das beeindruckend ist. 1831 wurde hier die größte Orgel Ungarns errichtet. Weiter beeindruckend das Erzbischöfliche Lyzeum, in dem ein Deckenfresko des österreichischen Malers Johann Lukas Kracker hervorsticht.

Gödöllö

Der Erbauer dieses bedeutenden ungarischen barocken Schlosses Gödöllö war Graf Antal Grassalkovich (1694-1771), ursprünglich aus einer kroatischen Adelsfamilie stammend. Eine charakteristische Gestalt des sich im 18. Jahrhundert neu formierenden ungarischen Hochadels, der persönliche Vertreter des Königs, und Günstling Maria Theresias (1740-1780). Das Schloss ist – gemessen an der überbauten Grundfläche – der größte Barockpalast Ungarns. Mit dem Bau des Schlosses wurde ab 1735 , nach Plänen und unter der Leitung des aus Salzburg stammenden. Baumeisters Andreas Mayerhoffer begonnen. 1867 gelangte das Schloß durch Ankauf in den Besitz der ungarischen Krone und wurde, bis zum Ende der Monarchie 1918, die Erholungsresidenz des österreichischen Kaiserpaares Franz Joseph I und Elisabeth. Königin Elisabeth lebte hier häufig und meinte zum Park: „Am schönsten ist der Park im Frühling und Herbst, wenn die Knospen ausschlagen, die Blumen sich öffnen, und wenn die Blätter fallen, die Blumen verwelken….” Bis zu ihrem Tode 1898 hat Elisabeth mehr als 2000 Tage, vorwiegend im Frühjahr und im Herbst, hier verbracht. In diesem Jahr reifte auch die Idee eines große nationalen Denkmals für diese Frau.10

 

 

Das Panorama der Donau

1Vgl Holger Fischer/ Konrad Gündisch, Eine kleine Geschichte Ungarns, Frankfurt am Main 1999, S. 21.

2Vgl. ebd., S.38

3Vgl. Géza Gárdonyi, Sterne von Eger, (Corvina Verlag), o.O., o.J., S. 327

4Albert Camus, Kadar hat seinen Tag der Angst erlebt, in: Fragen der Zeit, Reinbeck bei Hamburg 1977, S. 177

5Vgl. David Irving, Aufstand in Ungarn – Die Tragödie eines Volkes, München 1981

6Balázs Mátéffy, Matthiaskirche in Budapest, o.O. 2011, S. 8 f.

7Ebd,. S. 9

8 Hiervon erzählt der Roman von Gárdonyi, der oben zitiert ist

9Rita Stiens ,Marco Polo Ungarn Reiseführer , o.O., o.J. S. 87

10Vgl. Dózsa Katalin, Vér Eszter Virág, Der Mythos der Königin Elisabeth, Gödöllö 2007

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Zypern im Juni 2011

Geschichtliches Schon im 6. Jahrtausend vor Christus lebte man in Zypern in festen Häusern. In dieser Zeit gab es schon Handel mit den Nachbarvölkern. Obsidianklingen, die aus Kleinasien stammen, beweisen das. Die Ausbeutung der Kupfervorkommen des Landes begann im 3. Jahrtausend vor Christus. In dieser Zeit gab es Werkzeuge und Waffen aus Bronze. Der Export von Kupfer führte zu Reichtum auf der Insel und zu Berührungen mit den hoch zivilisierten Nachbarinseln. Während des zweiten Jahrtausends entwickelten sich religiöse Vorstellungen mit einem höheren Differenzierungsgrad. Über das kultische Leben der Bronzezeit gibt ein mauerum-schlossenes Heiligtum Aufschluss, in dem ein Einzuweihender vor stehenden menschlichen Figuren kniet. Diese halten Schlangen und tragen Stierhörner. Der Stier wird der Gottheit der Fruchtbarkeit zugeordnet, die Schlange den Göttern der Unterwelt. Beide Tiere symbolisieren also Leben und Tod. Es handelt sich hierbei um ein mystisches Ritual. Mitte des zweiten Jahrtausends gelangten Töpferwaren an die syrisch-palästinensische Küste. Das Kupfer war trotzdem der bedeutendste Exporartikel. Im 17. Jahrhundert war Zypern bei den Königen von Mari in Mesopotamien als kupfererzeugendes Land bekannt. Auch im minoischen Palast von Zakro auf Kreta wurde Kupfer aus Zypern um 1400 vor Christus gefunden. In dieser Zeit kommt es auch zu Handel mit der syrischen Stadt Ugarit, wo die Zyprer wahrscheinlich mit den Kretern zusammen trafen und die zypro-minoische Schrift entwickelten. Um die Mitte des 2. Jahrtausends entstanden die ersten Städte auf Zypern. Das beste Beispiel ist Enkomi an der Ostküste. Nach Kition an der Südküste wurde das Kupfer aus den Bergen transportiert. In den Küstenstädten wurde das Kupfer in Barrenform gebracht. Das Kupfer lockte auch die mykenischen Griechen ins Land. Sie ließen sich in Handelszentren an der Ost- und Südküste nieder. Es entstand die zypro-mykenische Kunst in Zypern. Ende des 13.Jahrhunderts vor Christus kamen die ersten Ägäer auf die Insel. Bald darauf wurde die Insel hellenisiert. Die Städte Enkomi, Kition, Paläokastro wurden mit zyklopischen Mauern umgeben. Zwei Bronzestatuen vom Enkomi sind gehörnte Götter.1

Die ersten Menschen sind in Zypern etwa 6.000 vor Zypern nachzuweisen. Die Bewohner bauten Getreide an und betrieben primitive Töpferei.2 Zwischen 4.500 und 4.000 vor Christus wohnte die Sotira Gruppe in der Nähe von Ayia Napa, die Bevölkerung nahm zu. Runde Lehm-Wohnhäuser waren auf ein Steinfundament gebaut. 1.500 vor Christus schloss Thutmosis III. von Ägypten Zypern seinem Reich an, das Land wurde damit von einem Großreich geschluckt. In dieser Zeit trieben auch die Phönizier von Tyrus und Sidon aus Handel mit Zypern. Im 13. Jahrhundert existierte eine befestigte mykenische Siedlung in der nähe von Paphos. Im 8. ahrhundert vor Christus unterstellten sich die Könige von Zypern dem König von Assyrien, Sargon II. Zehn zypriotische Könige schlossen sich 668 vor Christus dem assyrischen König Assurbanipals Angriff auf Ägypten an. Aber die Meder besiegten die Assyrer. 570 bis 525 herrschte Amasis II. von Ägypten über Zypern. 525 vor Christus schlossen sich die Könige von Zypern dem persischen Reich an. Zypern wurde ein Teil der fünften Provinz Persiens, zu der das heutige Syrien, Libanon und Israel gehörten. Die zypriotischen Stadtkönige schlossen sich 500 vor Christus der „ionischen Revolte” an. Die ionische Stadt Melitus erhob sich mit athenischer Hilfe gegen die Perser. Die Flotte der Perser wurde bei Salamis in der Nähe von Famagusta geschlagen, die Landschlacht verlorenen die Zyprioten und mussten sich danach den Persern anschließen. Melitus bezahlte seinen Aufstand mit der Plünderung und der Niedermetzelung seiner Einwohner. Die restlichen Einwohner wurden versklavt. 312 vor Christus erschlugen die Ptolemäer den letzten König von Kition; die Tempel wurden niedergebrannt. 311 beging der letzte König von Salamis Selbstmord; er wollte sich den Ptolemäern nicht unterwerfen. Bis 58 vor Christus blieb die Insel im Ptolemäerreich. Unter den Ptolemäern entstand eine religiöse Versammlung von ganz Zypern in Paphos. Zypern wurde zwischen 58 und 56 vor Christus römische Provinz, die von einem Prätor beherrscht wurde. Die Schätze wurden vom letzten König Ptolemaios als Kriegsbeute nach Rom geschleppt. 48/47 vor Christus übertrug Marcus Antonius Kleopatra und ihrer jüngeren Schwester Arsinoe die Insel. 3 Nach dem Tod des Marcus Antonius wurde dies rückgängig gemacht. Bis 22 nach Christus herrschte ein Proprätor über die Insel, danach kam ein Prokonsul. Das Christentum wurde 46 nach Christus nach Zypern gebracht. berbringer waren die Apostel Paulus und Barnabas,Sergius Paulus, Gouverneur von Paphos, wurde als erster hochrangiger Römer Christ. Paphos wurde ein bedeutendes Zentrum des Christentums, während in anderen Teilen des Reiches Christen verfolgt wurden. In den Katakomben von Paphos wurde das Christentum gepflegt – und nicht nur dort war Heimlichkeit vonnöten.

Paulus

Auf dem Bild lässt Paulus den Elymas erblinden. Der römische Gouverneur Sergius sieht Paulus verwundert zu. Elymas, ein herausragendes Mitglied der jüdischen Gemeinde von Paphos und Berater des Gouverneurs, war beunruhigt durch das Interesse des Sergius am Christentum. Paulus wurde an eine Säule gebunden und mit 39 Peitschenhieben bestraft. Seinen Ärger brachte Paulus dadurch zum Ausdruck, dass er Elymas blenden ließ.4 Seit dieser Zeit ist Paphos ein Zentrum des Christentums von großer Bedeutung. Im 3.und 4. Jahrhundert zerstörten starke Erdbeben die Stadt. Salamis wurde Hauptstadt des Landes. In dieser Zeit wurde Zypern byzantinisch. Die größte christliche Basilika wurde dort errichtet. Die byzantinischen Kaiser bestraften Anhänger des Aphrodite-Kultes streng. Von 648 an sah sich die Insel einer arabischen Invasion ausgesetzt. Die Raubzüge wurden von Abdul Halign Kaif geleitet, Sklaven und Reichtümer wurden in Mengen ausgeführt, die Bewohner flohen in Gegenden, die höher gelegen als der Hafen waren. 965 beendeteder byzantinische Kaiser Nicephorus Phokas die Raubzüge. Im 11. und 12. Jahrhundert war Paphos von den Auswirkungen der Kreuzzüge geprägt. Bedeutende Kreuzfahrer blieben in Paphos, z.B. der Herzog von Savoyen, Armendeus und Erik I., der dänische König, der dort starb.

 

Was liest man während eines Zypern-Urlaubes? Bücher aus dem griechischen Kulturkreis, z.B. Nikos Kazantzakis, “Freiheit oder Tod”, in einer etwas angestaubten Ausgabe von 1975. Die Handlung dreht sich um den Kampf der Griechen auf Kreta gegen die türkische Fremdherrschaft. „Freiheit oder Tod” schworen die Kreter, als sie zu den Waffen griffen. Protagonist ist der Kapitän Michalis, ein Frauenheld und unerschrockener Kämpfer, der in aussichtsloser Lage weiter kämpft, als andere Kreter schon resignierten. „Eine Kugel drang in seinen Mund. Eine andere durchschlug seine Schläfe. Sein Gehirn verspritzte auf den Steinen.” Die Handlung spielt 1889 . Kreta ist noch immer von den Türken besetzt und die zahlreichen Aufstände im 19. Jahrhundert– der letzte große war 1866 – und ihre Niederschlagungen hatten viele, tiefe Wunden in ihrer die Familien von Kapitän Michalis und die seines Gegenspielers Nuri Bey geschlagen. Gemeinsam aufgewachsen hatten sie einander einst Blutsbrüderschaft geschworen. Die patriotisch heroische Haltung legt Kazantzakis dem Helden folgendermaßen in den Mund: »So steht es also um euch, ihr Großmächte, ihr weigert euch, Kreta die Freiheit zu geben. Schande über euch! Ich, Kapitän Michalis, ich kleines kretisches Stachelschwein, habe euch nicht nötig! Und mag Gott Kreta im Stich lassen, ich lasse es nicht im Stich!«

Nikos Kazantzakis Brudermörder Der Roman spielt im griechischen Bürgerkrieg von 1944 bis 1949. Griechen töten einander, vereinfacht gesagt schwarz gegen rot. Im Mittelpunkt steht Pfarrer Jannaros, dessen Sohn sich den Partisanen in den Bergen angeschlossen hat. Im Dorf Kastelos wütet die Gewalt der verfeindeten Bürger. Pfarrer Jannaros zweifelt immer stärker an der Gerechtigkeit Gottes. Christus kann ihm den Versuch nicht abnehmen, zwischen den Feinden zu vermitteln. Sein Versuch scheitert: „Der Protopalikare schob die Genossen zur Seite, riß das Gewehr hoch. Die Kugel traf Pfarrer Jannaros mitten in die Stirn. Weit breitete er seine Arme aus, ohne einen Laut auszustoßen, und stürzte rücklings auf die Felsen.” Anlässlich eines toten Kindes von drei Jahren kommt es zu einem aufschlussreichen Dialog zwischen dem Pfarrer und dieser Frau: „Tot, Pfarrer Jannaros”, schrie sie, „ja auch der Kleine ist tot, und nun geh und sag das mal deinem Chef da oben! Hatte er denn nicht einmal ein winziges Stück Brot für den Kleinen? Ist er denn etwa nicht der Allmächtige, ist er denn nicht der Allgütige- und hatte nicht einmal ein winziges Stück Brot für den Kleinen?” Pfarrer Jannaros sagte nichts. Er schaute auf den kleinen grünlich verfärbten Leib, auf den unförmig aufgedunsenen Bauch, den dünnen kleinen Hals mit dem übermäßig großen Kopf, der jetzt wie ein Totenkopf aussah… Mit verzerrtem Gesicht lachte sie wieder hämisch und sah den Pfarrer haßerfüllt an, bis sie plötzlich schrie: „Was für ein Gott ist das, erkläre mir das doch, Pfarrer Jannaros – ein Gott, der die Kinder verhungern lässt?” „Still, still, Frau Areti”, mahnte er mit bittendem Tonfall, „ still, lästere nicht.” Warum soll ich nicht lästern?” sprach die Greisin. „Wovor soll ich denn Angst haben? Was kann er mir denn tun?” Sie wies auf ihr totes Enkelkind und schrie abermals:” Was kann dein Gott mir denn noch weiter antun?” Pfarrer Jannaros streckte die Hand nach dem Kinde aus, als ob er es segnen wolle. Aber die Greisin riß es zurück. „Rühr es nicht an!” schrie sie. „Wohin bringst du es, Areti?” „Begraben will ich es. Draußen auf dem Acker, mit der Hacke hier.” „Ohne Gebet und Segen? Ich komme mit dir.” Die Lippen der alten Frau bedeckten sich mit Schaum. „Gebete? Wozu Gebete! Kannst du es wieder lebendig machen? Das kannst du nicht? Dann laß mich gefälligst in Ruhe, mein Bester!” Mit diesen Worten preßte sie wieder ihren toten Enkel an sich und machte sich, weit ausschreitend, auf den Weg nach den Feldern zu. Da ließ Pfarrer Jannaros tief sein Haupt sinken. Er preßte den heiligen Kelch fest an seinen Busen: „Was kannst du dieser alten Frau sagen, mein Christus? Was können wir dieser alten Frau zu unserer Verteidigung sagen, mein Christus?” So war Pfarrer Jannaros im Begriff, den Abendmalskelch zu fragen, aber er fürchtete sich und schwieg. Er ließ tief sein Haupt sinken und nahm seinen Weg wieder auf durch die Gäßchen in Richtung auf seine Kirche.

 

Kehren wir nach Zypern zurück. Die Zeit der Keuzzüge auf Zypern kann man am besten anhand der Burg von Kolossi nachzeichnen. Der Ort hat eine landwirtschaftlich ertragreiche Umgebung und ist nur einige Kilometer vom Hafen von Limassol entfernt. Bekannt ist der Ort für seine Zuckerplantagen und für die Commandaria-Weine. Die Eroberung Zyperns durch Richard Löwenherz spielte sich folgendermaßen ab. Herausragende Gestalten des des dritten Kreuzzuges waren die Könige von England, Richard Löwenherz, von Frankreich, Philipp August und der Deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa. Sie brachen 1990 auf. Richard Löwenherz nahm den Seeweg. Die Flotte Richards geriet in einen Seesturm und war gezwungen, in Messina zu überwintern. Dort verlobte sich Richard mit Berengaria, der Tochter des Königs von Navarra.5 Von Messina segelte Richard nach Rhodos. Nach einem Seesturm gelangte ein Teil seiner Schiffe nach Limassol. Der byzantinische Gouverneur von Zypern hieß Isaak Komnenos, er war während der Herrschaft des byzantinischen Herrschers Andronikos I. Vom byzantinischen Reich abgefallen und ließ sich zum Kaiser von Zypern ausrufen. Er versuchte, Berengaria und die Schwester Richards als Geiseln zu nehmen. Mit Sultan Saladin von Ägypten hatte er ein Bündnis geschlossen. Er hatte sich Saladin gegenüber verpflichtet, den Kreuzrittern nicht zu helfen. Als Isaak nach der Ankunft Richards nichtn sofort kapitulierte, beschloss Richard, die Insel zu erobern. Er landete in Limassol, während Isaak sich nach Koilani zurückzog. Die beiden Protagonisten einigten sich darauf, dass Richard seine Ansprüche auf Zypern fallen lassen sollte und Isaak aufhören sollte, sich den Kreuzrittern gegenüber feindselig zu verhalten, ihnen einen Beitrag von für die Bedürfnisse des Kreuzzuges zur Verfügung stellen sollte und sich mit 500 Männern am Kreuzzug beteiligen sollte. Isaak änderte seine Meinung bald, als er feststellte, dass die Streitkräfte Richards nicht so stark wie angenommen waren. Richard marschierte anschließend nach Kolossi und besiegte Isaak mit 600 bewaffneten Männern. Isaak floh in die Nähe von Nikosia. Im Mai 1191 soll Richard sich mit Berengaria vermählt haben. Sie wurde Königin von England. Sein Verbündeter Guy de Lusignan (König von Jerusalem) schloss ein Militärbündnis mit ihm. In der Schlacht bei Tremetousia wurde Isaak endgültig geschlagen. Guy de Lusignan inhaftierte Isaak bei Kantara, im Mai 1191 ist die ganze Insel unter der Herrschaft des englischen Königs. Nach der Niederlage der Kreuzritter bei Hattin 1187 entwickelte sich Zypern zum geostrategischen Juwel für neuerliche Operationen der Christen im Heiligen Land. Am 5. Juni 1191 segelte Richard nach Syrien zur Vereinigung mit anderen Kreuzrittern. Vorher nahm er den Zyprioten die Hälfte des Landbesitzes ab und gab ihn seinen Soldaten als Lehen. Richard verkaufte Zypern an die Templer, um seinen aufständischen Bruder Johann Ohneland zu Hause zu bekämpfen. Die Templer bezahlten 40.000 Golddinare, die restlichen 60.000 sollten in Jahresraten vom Steuererlös bezahlt werden. 6 Auch die Templer behielten Zypern nicht lange. Im April 1192 traten sie die Insel nach einem Aufstand an Guy de Lusignan ab, der sich hier niederließ. Er war der Dynastiegründer. Von 1192 bis 1489 herrschten die Lusignans auf Zypern. Man betrachtete diese Zeit als „goldene Periode” . Die Feudalherren unterdrückten die Bauern, Güter wurden in den Außenhandel weiter geleitet. Die überwiegend ausländischen Händler entwickelten Zypern zu einem Zentrum des Zwischen-Handels. Ammochostos war das wichtigste Handels-Zentrum der Insel. Guy gewährte Einwanderern reiche Lehen. Die Templer und Johanniter ließen sich auf Zypern nieder. Sie unterhielten eigene Festungen und Soldaten. Die Ritterorden trugen wesentlich zur Verteidigung der Insel bei. Die Assisen (Schwurgerichtssitzungen) legten die Feudalbeziehung folgendermaßen folgendermaßen fest: 1.Jeder untergebene Feudalherr war verpflichtet, beritten und bewaffnet zum Militärdienst bereit zu sein. 2. Die Dauer des Militärdienstes betrug ein Jahr. 3. Zum Militärdienst waren alle Untergebenen des Königreiches verpflichtet. Dazu kamen die sogenannten „Turcopoles”, die die leichte Kavallerie stellten- Guy gewährte diesen Soldaten, die nicht aus dem Adel kamen, kleinere Lehensgüter. Zunächst waren sie Auswärtige, später rekrutierten sie sich auch aus der einheimischen Bevölkerung. An der Spitze dieser Kavallerieeinheiten stand ein fränkischer Offizier. Ein zusätzliches militärisches Hilfscorps stellten die Orden der Templer und Johanniter. Sie unterhielten auch Festungen und beteiligten sich an Operationen im Ausland. Die Johanniter blieben in Zypern auch nach der Auflösung des Templerordens 1313. Im Jahre 1291 siedelte sich der Orden auf Zypern an. Nach dem Fall von Akkon 1291 verlegten sowohl die Templer als auch die Johanniter ihren Hauptsitz nach Lemesos (Limassol). 1302 wurde die Burg Kolossi zum Zentrum der Aktivitäten des Johanniter-Ordens. 1306 wurden die Templer die Besitzer. Kurz danach begann eine Kampagne gegen die Templer, als Papst Clemens V., vom französischen König Philipp IV. unterstützt, den Templerorden für gesetzwidrig erklärte. Letzterer beschloss die Auflösung des Ordens. Der Großmeister und viele führende Mitglieder wurden hingerichtet. In Zypern wurden die Templer in Germasogeia und Lefkara arrestiert. 1313 wurde der Prozess gegen die Templer abgeschlossen, der Orden wurde aufgelöst, in Zypern wurden die Mitglieder in der Burg von Kyreneia inhaftiert. Danach wurde die Burg und der Grundbesitz von Kolossi den Johannitern übergeben.. 1310 verlegten die Johanniter ihren Hauptsitz nach Rhodos – eine Kommanderie (Obere Militärverwaltung) blieb in Kolossi. Diese war ein sehr reiches Besitzgut. In den Ländereien von Kolossi wurden Weizen, Baumwolle, Zucker, Öl und Weine produziert. Bezüglich der Wasser- rechte waren die Johanniter im Vorteil gegenüber ihren Nachbaren von Episkopi, die Zuckerrohr- plantagen besaßen. Beide Orden – die Templer und Johanniter – spielten eine tragende Rolle beim Export zyprischer Weine. So hieß der traditionelle Rotwein Zyperns Commandaria. Der größte Teil des zyprischen Rotweines wurde im 14.Jahrhundert nach England exportiert.

Burg von Kolossi

Burg von Kolossi

Über die Gründung der Burg von Kolossi gibt es zwei Thesen. Nach der ersten ließ sie König Hugo I. 1210 erbauen. Nach der zweiten ließen die Ritter des Heiligen Johannes von Jerusalem die Burg 1454 erbauen. Erbauer der Burg war Louis de Magnac, der Großkomptur war und das Lehensgut 1450 besaß. Werfen wir noch einen Blick auf die Zuckerrohrfabrik von Kolossi. Die Zuckerrohrplantagen wurden vom Fluss Kourris bewässert. 1464 schloss die venezianische Familie Martini einen langjährigen Vertrag mit dem Johanniterorden, der die Zuckerproduktion in Pulverform gestattete. Die Familie Cornari verfügte über große Plantagen im Nachbarort Episkopi. Im Jahr 1455 protestierte der Senat Venedigs, weil die Plantagenbesitzer vom zyprischen König Jean II.(1418 bis 1458) ungerecht behandelt wurden. 1461 konfiszierte der König Louis den ganzen Pulverzucker. Das Zuckerrohr kam im 10. Jahrhundert von Ägypten. Bis ins 16. ahrhundert war es eine bedeutende Pflanze der zyprischen Wirtschaft. Fünf Jahrhunderte waren große Flächen der Insel mit Zuckerrohr bebaut. Die größten Mengen wurden in den Bezirken Limassol und Pafos produziert. Die Blütezeit begann Ende des 13. Jahrhunderts, als die Johanniter in ihrer Commanderie in Kolossi begannen, Zucker zu raffinieren. Hauptsächlich ging der Zucker an die Venezianer. 1494 besuchte der Italiener Casola die Zuckerrohrplantagen von Kolossi und erlebte 400 Menschen, die mit der Zuckerproduktion ihr Brot verdienten. Die Zuckerrohrmühle wird ins 14. Jahrhundert datiert, 1591 wurde sie renoviert, als Murad Pascha vor Zypern war. Die Reparatur wurde nötig, weil Erdbeben von 1567 und 1568 schwere Schäden verursacht hatten. Bei einer Busreise ins Landesinnere kann man aussteigen und sich fotografieren lassen. In den Bergen weht ein kühleres Lüftchen als am Strand.

Als erster Attraktionspunkt wird das Omodos -Kloster erreicht. Das Bergdorf gleichen Namens bietet nach Einschätzung von Tourismus – Fachleuten den schönsten Dorfplatz der Insel. Haupt- einnahme des Dorfes ist der Wein. Das Heiligkreuzkloster wird nicht mehr von Mönchen bewohnt. Nach einer Legende führten Splitter des Heiligen Kreuzes und ein Stück des Hanfstrickes Jesu zur Gründung dieses Klosters. Das Kloster besitzt eine Schädelreliquie des Apostels Philippus. In den Klostertrakten befindet sich das kleine EOKA-Museum, das den zyprischen Widerstand gegen die englische Kolonialherrschaft dokumentiert:

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EOKA ist die Abkürzung für griechisch Ethniki Organosis Kyprion Agoniston, das ist die „Nationale Organisation zypriotischer Kämpfer“, eine gegen Großbritannien gerichtete Untergrundbewegung der griechischen Zyprioten, die in den 1950er Jahren unter General G. Grivas für den Anschluss Zyperns an Griechenland kämpfte. Am 1. April 1955 nahm Grivas an der Spitze der EOKA den Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft auf. Von 1955 bis 1959 führte die EOKA einen Guerilla-Krieg gegen die britischen Besatzungstruppen auf der Insel. Die britische Kolonialzeit auf Zypern endete schließlich 1960.Die EOKA wurde 1974 verboten.

Ausflug in die Berge

Wenn man in das Landesinnere fährt, kann man beim Ausstieg die etwas kühlere Luft der Berge genießen, die angenehm absticht von der schon zu großen Hitze im Juni in den Tälern. So gehört es zu den Standard-Angeboten der Tagesausflüge, das Kykko – Kloster zu besuchen. Es wurde gegen Ende des 11. Jahrhunderts vom byzantinischen Kaiser Alexios Komnenos (1081 bis 1118) gegründet. Nach den Auskünften der Überlieferung lebte in einer Höhle auf dem Kykko – Berg ein tugendhafter Eremit. Nach einer Legende wurde die Tochter des Kaisers von einer unheilbaren Krankheit befallen, nach einer anderen der Gouverneur. Der mit göttlicher Heilkraft ausgestattete Einsiedler Jesaja kurierte das Mädchen bzw. den Gouverneur7 Als Belohnung bat der Einsiedler Jesaja um die Ikone der Jungfrau Maria, die sich im Kaiserpalast in Konstantinopel befand. Ungern trennte sich der Kaiser von seinem kostbaren Schatz, schickte ihn nach Zypern und spendete das Geld zum Bau eines Klosters als würdigen Hort für das heilige Relikt. Der langjährige Präsident Zyperns, Erzbischof Makarios, war Novize in diesem Kloster, in späteren Jahren zog er sich bevorzugt dorthin zurück. Die heutigen Klosterbauten stammen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Das Kloster ist äußerst prächtig. Die Fresken stammen aus den 1990er Jahren. Neben der Marien-Ikone sieht man einen schwarzen Bronzearm. Er erinnert daran, dass ein Schwarzer den Frevel beging, sich eine Zigarette an der Öllampe der Ikone anzuzünden. Als Strafe wurde sein Arm in Bronze verwandelt. Ende der 90er Jahre wurde im Nordwesttrakt des Klosters ein Museum eröffnet. Zu den ältesten Handschriften gehört eine Pergamentrolle aus dem 12. Jahrhundert, die sogenannte Chrysostomos- Liturgie. Auf angemessenes Verhalten wird bestanden. Wer mit überkreuzten Beinen im Kloster sitzt, muss mit einem Rüffel rechnen und das in einem harschen Ton. Also aufgepasst: beide Beine auf den Boden!

Kommen wir nach Kourion, das schon in einer ägyptischen Inschrift aus der Zeit Ramses III. (1198 bis 1167) als eines der wichtigsten Königreiche Zyperns bezeichnet wird. Im Jahr 709 vor Christus huldigte der König von Kourion zusammen mit sechs anderen zyprischen Königen dem assyrischen König Sargon II. Nach dem Jahr 569 vor Christus akzeptierten Kourion and andere zyprische Königreiche die ägyptische Herrschaft. 546 war Kyros von Persien der neue Herrscher. In dieser Zeit dehnte sich die Stadt bis Paleokastro aus. Das Christentum etablierte sich zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Christus. Christenverfolgungen kosteten dem Bischof Philoneides unter Kaiser Diokletian (284 bis 305 nach Christus) das Leben. Hervorstechend ist das hellenistische Theater aus dem späten 2.Jahrhundert vor Christus- in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus wurde es wahrscheinlich unter Kaiser Nero (54 – 68 n. Chr.) radikal erneuert. 77 nach Chr. führte ein Erdbeben zu schweren Zerstörungen, unter Trajans Herrschaft wurden die heutigen Dimensionen erreicht. Noch markanter ist das Haus des Eustolios. Es stammt aus dem Ende des 4.Jahrhunderts bis zur Mitte des 7. Jahrhunderts . Auf einer Mosaikinschrift ist zu lesen: „Anstatt großer Steine und soliden Essens, schimmernder Bronze und auch Adament, ist dieses Haus umgeben von den hochverehrten Zeichen Christi.” Die Darstellungen von Fischen und Vögeln des Paradieses (graue Gans, Fasan, Rebhuhn, Perlhuhn und Falke) zeigen einen tiefen Glauben. Eine weitere Inschrift lautet: „Die Schwestern Ehrfurcht, Klugheit und Frömmigkeit hüten das Podium und diese zerbrechliche Halle.” Eine andere Inschrift hat folgenden Text: „Eustolios, nachdem er gesehen hatte, daß die Bewohner von Kourion, obwohl zuvor sehr reich, in ungerechtfertigter Not waren, vergaß nicht die Stadt seiner Vorfahren, aber nachdem er zuerst die Bäder unserer Stadt gestiftet hatte, kümmerte er sich dann um Kourion wie einst Phoebus (Apollon) es tat und errichtete diese kühle Zuflucht, geschützt vor den Winden.” Kehren wir in die Zeit des ausgehenden zwölften Jahrhunderts zurück. 1192 entschloß sich Guy de Lusignan seinen Erbanspruch auf die Krone von Jerusalem aufzugeben und ihn an den englischen König abzutreten. Im Mai dieses Jahres kamen die Lusignans als „fränkische Dynastie” für fast dreihundert Jahre in den Besitz der Insel. Von 1194 bis 1205 wurde Amalrich I., einer der bedeutendsten Herrscher der Insel.8 Die äußere Sicherheit wurde durch einen Burgengürtel St. Hilarion, Kyrenia und Buffavento bewerkstelligt. 1195 sandte Amalrich I. eine Delegation an den Reichstag von Gelnhausen und empfing von Kaiser Heinrich VI. ein goldenes Zepter als Zeichen der Herrscherwürde. 1197 wurde Amalrich im Dom von Nikosia zum König gekrönt – von keinem geringeren als dem Reichskanzler Bischof Konrad von Hildesheim. Die Insel Zypern wurde damit ein Lehen des Reiches und das für mehrere Jahrzehnte. 1225 kam die Ehe Friedrichs II. mit der Enkelin des ersten Zypernkönigs zustande. Der deutsche Kaiser wurde König von Jerusalem. 1228 kam Friedrich II. nach Zypern um endlich den mehrfach aufgeschobenen Kreuzzug in die Tat umzusetzen. Die Barone von Zypern wollten, dass er sie gegen den Herrn von Beirat, Johann Ibelin, schütze. Dieser wollte nicht, dass auf Zypern ein kaiserlicher Beamtenstaat wie in Sizilien entsteht, der die Lehensrechte beschränkt. Der deutsche Kaiser legte Garnisonen in Zypern an und ließ das Land durch Statthalter regieren. 1229 riss Ibelin die Macht an sich, als Friedrich nach dem Kreuzzug nach Italien zurückkehrte. 1233 gehörte Zypern nicht mehr zum Reich, 1245 erlosch die Lehensverpflichtung.9 1291 brachen die Kreuzfahrerstaaten endgültig zusammen, es strömten viele Rückkehrer nach Zypern – Geistliche, Ritter, Kaufleute; Famagusta wurde zum führenden Umschlageplatz des Handels in der Region. Ende des 15. Jahrhunderts heiratete König Jakob II. die reiche Venezianerin Caterina Cornaro. Als er starb, wurde die Witwe Königin von Zypern. 1489 dankte sie zugunsten der Stadt Venedig ab. Neunzig Jahre Venezianer-Herrschaft waren gekennzeichnet durch Schleifung der Königsburgen und Ummauerung der Städte und Schaffung von Hafenanlagen mit Molen und Leuchtfeuern. Deutsche konnten vom venezianischen Handelssystem profitieren, so der Breslauer Fernkaufmann Johannes Rindfleisch, der das Wappen der Insel führen durfte. 1491 erlebte die Insel ein schweres Erdbeben. 1571 eroberten die Türken Zypern. Ihre Herrschaft hatte schon 1517 begonnen, als die Bewohner dem Sultan eine jährliche Abgabe entrichten mussten. Unschönes Detail am Rande: Der venezianische Statthalter von Zypern hieß Mercantonio Bragadin. Mustafa Pascha, der Eroberer, ließ ihn mehrere Tage foltern und danach töten. Nicht nur das – man schnitt ihm Ohren und Nase ab und häutete ihn bei lebendigem Leibe. Mustafa war wütend, weil Bragadin die seiner Meinung nach großzügigen Kapitulationsbedingungen verletzt hatte, indem er muslimische Pilger, der Freilassung vereinbart war, exekutieren ließ.

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Traditionelle Politik der Türkei war es seit eh und je, den türkischen Bevölkerungsteil in dem eroberten Gebiet durch Zwangsbesiedelung zu vermehren. Sultan Selim verfuhr auch in diesem Fall so, vor allem Bauern sollten nach Zypern – es waren rund dreißig tausend Menschen. Dazu kamen noch Freiwillige. Die Venezianer hatten sich unbeliebt gemacht, weil die Einheimischen auf Zypern zu einem Sklavendasein verurteilt waren. Die türkische Herrschaft erwies sich insofern als erträglicher, als unnötige Abgaben gestrichen wurden, andere erleichtert wurden. Auf die Rechte der einheimischen Bevölkerung wurde geachtet.10 Beim Haus- oder Landkauf durfte ein Türke nur berücksichtigt werden, wenn ein Grieche kein Interesse hatte. Im Gegensatz zu den katholischen Lusignans und Venezianern, die orthodoxe Kirchen geschlossen hatten und deren Besitz ihrer Kirche übereignet hatten, gaben die Türken den Orthodoxen ihre Kirchen zurück. Der Erzbischof wurde aus der Verbannung zurückgeholt und als nationaler Sprecher der Griechen auf der Insel anerkannt. Die Kirche war von Steuerabgaben befreit, für christliche Untertanen war als Steuereintreiber ihr Erzbischof zuständig. Der Erzbischof durfte bei Bedarf mit dem Großwesir sprechen. Bedeutendste Festungen, die von den Türken erbaut wurden, sind die von Paphos und von Larnaka. Markante Moscheen entstanden in Nikosia – die Arab-Ahmet-Pascha- Moschee und die Sarayönü-Moschee – und in Dali – die Moschee des Dichters Ziya Pascha. Auf Zypern liegt ein Derwischkloster mit dem Grab Umm Harams. 11 Sie war eine Tante des Propheten, die 649 zusammen mit ihrem Mann am ersten Kriegszug der Araber gegen Zypern teilgenommen hatte. Das Grab in Larnaka ist ein Heiligtum und vergleichbar mit der Kaaba in Mekka und dem Grab Mohammeds in Medina.12 Eine der ersten Taten der Türken nach der Eroberung war die Wiedererrichtung dieses Grabmals, das jetzt zu besichtigende stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, die Moschee entstand etwa 50 Jahre später. Vorbeiziehende türkische Schiffe begrüßten bis zum Ersten Weltkrieg Umm Haram mit Kanonendonner. Die Kirchen, die die Venezianer in Zypern zurückließen, wurden von den Türken in Moscheen verwandelt. Das Verwaltungssystem der Türken – Einteilung des Landes in sechs Kreise Nikosia, Famagusta, Larnaka, Limassol, Paphos und Kyrenie – bildet auch heute noch die Grundlage des Verwaltungssystems der Insel.

 

1878 wurden die Türken von den Engländern als Herren Zyperns abgelöst. Für sein Abdanken auf Zypern wurde der Türkei von den Engländern im Gegenzug Hilfe gegen das sich ausbreitende Zarenreich zugesagt. Geostrategisch war Zypern besonders wichtig seit dem Bau des Suezkanals 1869. Hier konnte die Kronkolonie Indien besonders gut im Auge behalten werden. Während des Ersten Weltkrieges wurde Zypern der Anschluss an Griechenland in Aussicht gestellt – Zypern war vorher von England annektiert worden. Griechenland nahm jedoch nicht am Ersten Weltkrieg teil. 1925 wurde die Insel Britische Kronkolonie. Forderungen nach Anschluss der Insel an Griechenland wurden Anfang der 1930er Jahre erhoben, es kam zu blutigen Aufständen. Gegen die Achsenmächte entstand jedoch ein „Cyprus Regiment” aus Griechen und Türken der Insel, das der britischen Armee unterstand. Danach verbesserte sich das Klima und es wurden 1943 wieder Kommunalwahlen zugelassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lehnte Großbritannien nach wie vor die Enosis ab. Hier trat zum ersten Mal Erzbischof Makarios III. auf, der das Thema 1950 zum ersten Mal vor die UNO brachte. Makarios wurde am 20. Oktober 1950 im Alter von 37 Jahren zum jüngsten Erzbischof in der Geschichte der orthodoxen Kirche Zyperns gewählt. Nach der Evakuierung des Suezkanals 1954 wurde Zypern für Großbritannien immer wichtiger als Nachschubbasis einer mobilen Eingreif-truppe. 1955 entstand unter General Grivas die EOKA. (Siehe dazu Einlassung zum EOKA- Museum). Als Gegenpol gründeten die Zyperntürken die TMT (Türkische Verteidigungsorganisation), die ebenfalls gewaltsam vorging. 1956 wurde Makarios auf die Seychellen verbannt und kehrte 1957 zurück. Da die Insel für Großbritannien nach der Niederlage in der Suezkrise keine überragende geostrategische Rolle mehr hatte, wurde ein Kompromiss gefunden, der sowohl die Enosis als auch die Teilung der Insel ausschloss.

 

Unabhängigkeit Zyperns 1960

Am 19. August unterzeichneten Makarios III., der Vertreter der Inseltürken Dr. Kücük sowie die Staatschefs Großbritanniens, Griechenlands und der Türkei das Londoner Abkommen, in dem Zypern unabhängige Republik wurde. Ihr erster Präsident wurde erwartungsgemäß Makarios III. Im Parlament waren 35 griechische und 15 türkische Abgeordnete vertreten.Großbritannienkonnte zwei Militärbasen – Akrotiri und Dekeleia- als exterritoriales Gebiet behalten – das waren etwa drei Prozent der Inselfläche. 1960 kam Zypern in die UNO, 1961 in den Europarat. Die Inselgriechen waren nach wie vor für die Enosis. Der überproportionale Einfluss der Türken in der Volksvertretung und in den öffentlichen Ämtern, der bei 30 Prozent lag, war ihnen ein Dorn im Auge. 1963 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Bevölkerungs- gruppen. 1964 verließen die türkischen Vertreter das Parlament. Die türkische Bevölkerung zog sich in Enklaven zurück. Sie durften von den Inselgriechen nicht betreten werden. Die UN entsandte eine Friedenstruppe von 6.000 Mann nach Zypern. 1967 ergriff eine Militärjunta unter Georgios Papadopoulos die Macht in Griechenland- zu ihm gesellten sich Pattakos und Makarezos als Junta- Generäle. In dieser Zeit wollte Makarios die Enosis nicht mehr realisieren – aus Gründen der Ablehnung der Militärdiktatur. Am 15. Juli 1974 initiierte die griechische Militärjunta einen Staatsstreich gegen Makarios – dieser floh nach Pafos und dann nach England. Der Zeitungsverleger Nikos Sampson – der „Schlächter von Omorphita”, der an zahlreichen Massakern an Zyperntürken teilgenommem hatte – wurde Präsident. Fünf Tage danach landete türkisches Militär auf der Insel. Bis Mitte August wurde ein Drittel der Insel von den Türken besetzt. Etwa 160.000 griechische Zyprioten flohen vom Norden in den Süden, etwa 45.000 Türken vom Süden in den Norden. Schätzungsweise achtzig tausend Festlandtürken wurden in Nordzypern angesiedelt.13 Den Flüchtlingen wurde nicht erlaubt, nach Nordzypern zurückzukehren. Nach der Rückkehr von Makarios am 8. Dezember 1974 blieb die Insel geteilt. 1975 proklamierten die türkischen Zyprioten den „Türkischen Bundesstaat Nordzypern” und 1983 die „Türkische Republik Nordzypern”. Sie wurde bisher nur von der Türkei anerkannt. Der Kontakt zwischen den Bevölkerungstruppen war dreißig Jahre fast unmöglich. 2003 kam eine Grenzöffnung zustande. 2004 trat Zypern der Europäischen Union bei. Juristisch gehört die ganze Insel zur EU, de facto nur der griechische Südteil. Der türkische Teil hat einen Sonderstatus.14 2004 stimmten die Zyprer über einen Plan des früheren UN-Generalsekretärs Annan zur Wiedervereinigung der Insel ab. 65 Prozent der Nordzyprer stimmten mit Ja. Die Zyperngriechen stimmten mit 76 Prozent der Stimmen dagegen. Ihr Nein war begründet durch einige unannehmbare Bestimmungen des Planes

35.000 türkische Soldaten sollten im Norden bleiben

die Türkei hatte ein Interventionsrecht

die türkischen Siedler aus Anatolien sollten anerkannt werden

Einschränkung des Rückkehrrechtes griechischer Zyprioten nach Nordzypern

Als Hauptproblem einer potentiellen Wiedervereinigung kann die Forderung der Griechen im Süden gelten, Grund und Boden aus der Zeit vor der Vertreibung 1974 im Norden wieder zu erhalten. Tassos Papadopoulos war in dieser Zeit Präsident der Republik Zypern – er agierte besonders hart gegen den Plan Annans.15

Werfen wir noch einen Blick auf Limassol. Die Stadt wurde nach 1974, als Famagusta in den türkischen Bereich der Insel fiel, wichtigster Hafen des Landes. Die Stadt wuchs durch die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Norden (45.000) und Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Libanon nach der türkischen Invasion rasch an. In den 80er Jahren kauften Libanesen Immobilien in der Stadt, kehrten aber später wieder ein. Eine lange Tradition haben in der Stadt Weinkellereien und Konservenfabriken. Mitte der 90er Jahres des letzten Jahrhunderts sind viele russische Kaufleute nach Limassol gekommen. Das bedeutendste Bauwerk ist die Festung.In ihr soll Richard Löwenherz 1191 seine Berengaria geheiratet haben. Sie wurde im 13. Jahrhundert auf Resten einer Befestigungsanlage errichtet. Im 14. Jahrhundert fiel die Festung an die Lusignans,danach an die Johanniter, unter denen die quadratische gotische Halle im Erdgeschossentstand. Der englische Führer meint zur Baugeschichte in dieser Zeit: „The destruction of the medieval phase of the castle happened during the Genose raids in 1373 where they are reported to have assailed the castle and torched the town. During the 14th century travellers also reported that the city was in shambles and also uninhabited. It appears that the castle underwent repairs by the beginning of the 15th century, since it was an element of the city’s defences against Genoese attacks in 1402 and 1408. A 14th century tombstone, found during the construction of the Church of Panagia Katholiki and depicting a castle with three towers, may refer to the form of the castle during this period. In 1413, the castle successfully withstood the first attacks by the Egyptian Mamelukes, but could not stand against the attack of 1425, most likely due to the damage incurred from the first attack as well as the subsequent earthquakes.16 Durch eine Wendeltreppe gelangt man auf das Dach, das einen schönen Blick über die Altstadt und das Meer bietet. Im Mittelaltermuseum finden sich Grabsteine aus dem 14. und 16. Jahrhundert und ein Teil des Silberschatzes von Lambousa.

Limassol

Die Jolly Roger in Paphos bietet eine Entertainment-Fahrt durch das Mittelmeer. Hier einige visuelle Eindrücke davon. Man kann währen der Fahrt im Meer baden. Der Entertainer aus Wales singt und reißt Witze. Man kann die Figuren des Seeräubers und seiner Geliebten bewundern. Insgesamt ein Ausgleich gegenüber viel Geschichte und Kultur. Ein angenehmer Wind lässt die Hitze erträglich erscheinen. Doch sollte man Hemden mit Ärmeln tragen, da der Wind die stechende Sonne nicht daran hindert, die Haut auf den Schultern und auf den Armen zu röten. Ein Huhn als Rhodeländer ist sicherlich fotogener als ein Mensch. Gibt es Rhodeländer auf Zypern? Eine Frage, die unbeantwortet bleiben muss! Betrachten wir die Bläue des mediterranen Meeres, dann kann man die Rhodeländer vergessen.

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Fußnoten

1 Vgl. Vassos Karageorghis, Kupfer hat Kypros reich gemacht, in Merian Zypern Heft 10/XXIII, S. 28 f.

2Vgl. Dick Richards, Die Geschichte Zyperns in nur zehn Kapiteln, Limassol 1992, S. 7

3 Vgl. Wikipedia Geschichte Zyperns, S. 8

4 Vgl. Renos Lavithis, Paphos – Land der Apphrodite (Reiseführer), London 2004, S. 9

5 Vgl. Ekaterini Ch. Aristidou, Die Burg von Kolossi durch die Jahrhunderte, Nikosia 2005, S. 9

6Vgl. ebd., S. 13

7 Fest steht zweifelsfrei nur, dass es sich nicht um den Esel des Kaisers handelt

8 Vgl.: Walther Hubatsch, Wie ein Ritterroman,in: Merian Zypern Heft 10/XXIII, S. 40

9 Vgl. ebd.

10 Vgl. Vergi H. Bedevi, Auf Sultan Selims Ferman, in: Merian Zypern Heft 10/XXIII, S. 47

11Vgl. ebd., S.48 f.

12Vgl. ebd., S.48 f.

13 Vgl. Dick Richards, a.a.O., S. 59 f.

14 Vgl. Baedecker Zypern, Ostfildern o.J., S. 53

15 Vgl. ebd.

16 The Medieval Museum of Cyprus in the Lemesos Castle (englischsprachiger

Museumsflyer)

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                                  Meer bei Pafos

Hier noch ein Foto des Piratenschiffes Jolly Roger

 Werfen wir noch einen Blick auf das Aliathon Holiday village, eine Art pool – durchsetztes Ferienparadies in Pafos.

Christian Schauer  September 2011 bis Januar 2012 Ende Zypern-Reisebericht ———————————————————————————————————– Anhang zum Zypern-Reisebricht  Sperbergrasmücke   Zyprischer Steinschmätzer

 

Vogelfang in Zypern – Impressionen im Juni 2011

Wie in anderen südeuropäischen Ländern ist das Töten von Vögeln und anderen Tieren eine weit verbreitete „Sportart”. Mit traditioneller Jagd hat dies nichts zu tun, zum Überleben hat diese Art von Jagd nichts zu tun. Im griechisch zypriotischen Teil gibgt es etwa 35.000 Jäger mit offizieller Lizenz (Stand:Anfang der 90er Jahre) Die Leimrute ist eine alte, traditionelle Methode des Kleinvogelfangs. In Gebieten mit hoher Vogeldichte übt dieses „Sport” fast ein Mitglied pro Familie aus. 1980 wurden allein im Gebiet von Paralimni 50.000 bis 84.000 Vögel gefangen. Eine weitere Methode des Vogelfangs sind Netze. Sie werden zusammen mit Fischernetzen in Geschäften angeboten. Die illegale Jagd mit dem Auto ist auch weit verbreitet, obwohl sie illegal ist. Während der Nacht wird diese Jagd mit Autoscheinwerfern ausgeübt. Durch das dichte Straßennetz in den Bergen haben die Vogelfänger leichtes Spiel. 1982 fanden sich am ersten Tag der Turteltaubenjagd über 1000 Jäger am Salzsee von Akrotiri ein, um diesen Vögeln aufzulauern. Im selben Jahr töteten Vogeldiebe sämtliche Wasservögel in Fasouri. Hauptmaßnahme zum Tierschutz ist die Schaffung großer Zonen, in den die Jagd das ganze Jahr verboten ist. Das „Komitee gegen Vogelmord” fordert in einem Protestmail an Umweltminister Dimitris Eliades, Innenminister Neoklis Sylikiotis und Justizminister Loukas Louka ein Ende dieser Unart. Darin heißt es: „ Sehr geehrte Herren Minister, die illegale Verwendung von Leimruten und Netzen zum Vogelfang ist auf Zypern immer noch weit verbreitet. Diese Fanggeräte sind unselektiv und haben einen erheblichen Einfluss auf mehr als 100 Zugvogelarten. Die meisten davon sind selten geworden und in ihrem Bestand gefährdet. Vogelfang wird heute nicht mehr zur “Selbstversorgung” betrieben und ist keine “alte Tradition”. Vielmehr handelt es sich inzwischen um organisierte Kriminalität mit großen Gewinnspannen für professionelle Wilderer, Mittelsmänner und das Gaststättengewerbe. Die Wilderei auf Zypern ist ein ernst zu nehmendes Problem. Die unselektiven Methoden bedeuten den Tod von Millionen Sing- und Zugvögeln, die Zypern auf ihrem Flug über das Mittelmeer als Trittstein nutzen müssen. Die Zugvögel brauchen das entschiedene Handeln der zuständigen Behören. Ihr Ministerium kann hier eine Schlüsselrolle spielen. Wir brauchen ein klares Bekenntnis gegen den Vogelfang und energische Schritte gegen Restaurants, die immer noch geschützte Vögel verkaufen. Ich hoffe deswegen, dass Sie die Möglichkeiten Ihres Amtes nutzen, um zypriotisches wie europäisches Naturschutzrecht besser umzusetzen.” Sperbergrasmücke auf zypriotischer Leimrute – siehe oben Internetseite: http://www.komitee.de/content/start

http://www.komitee.de/content/zypern-protest-2010-0

 

In Zypern nisten die Rauchschalbe, die Mehlschwalbe, der Blaßspötter, der Mauersegler und Fahlsegler. Arten, die es nur auf Zypern gibt, sind die Zyprische Zwergohreule, der Zyprische Steinschmätzer- hier im Bild als Briefmarke- (siehe oben) d ie Zyprische Grasmücke, der Zyprische Gartenbaumläufer, die Zyprische Tannenmeise und die Zyprische Kohlmeise.Die Zyprische Zwergohreule hat mittelgrosse Federohren, sie brütet Ende April 3- 5 Eier und ernährt sich überwiegend von Insekten. Ihr Nistplatz sind Baum- und Mauerlöcher. Sie bleibt das ganze Jahr auf der Insel.Beim Zyprischen Steinschmätzer handelt es sich um einen Vogel, dessen schwarze Färbungbeim Männchen von den Flügeln bis zum Rücken und von den Seiten des Kopfes bis zur Kehle reicht. Er pflanzt sich auf der Insel fort und wandert im Winter nach Äthiopien und in den Norden des Sudans. Der Zyprische Gartenbaumläufer ist eine heimische zypriotische Form der Art Gartenbaumläufer. Er ist ein ständiger Bewohner der Wälder des Troodos. Bei der Zyprischen Kohlmeise ist der Bauch cremefarben, fast weiß, anstelle von gelb bei der Stammart. Sie ist eine ständige Bewohnerin Zyperns. Auch die Zyprische Tannenmeise ist eine heimische Unterart Zyperns. Das Schwarz an der Kehle reicht nicht über die Brust und den Bauch hinweg. Der Kopf der Zyprischen Elster ist am oberen Teil schwarz gepunktet. Sie ist ein ständiger Bewohner der Insel. Ihre Flügel sind schwarz mit einem dunkelblauen Bereich und einem weißen Fleck. Sechsundvierzig Vogelarten verbringen das ganze Jahr auf der Insel und 27 Arten der Zugvögel nisten und pflanzen sich auf der Insel fort. Zu letzteren kommen noch 24 Arten Zugvögel, die nur gelegentlich auf der Insel nisten. 243 Arten kommen nur zum Überwintern auf Zypern oder machen dort Zwischenstation. Das vogelreichste Gebiet sind die Wälder des Troodos-Gebirges.

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Venedig und der Garda-See – Reisebericht Anfang August 2010

Venedig bei Regen Preis: 28.- Euro für sechs Stunden Parken. 71.- Euro für drei Snacks und vier Getränke. Der Markus-Platz bei Regen – anstehen etwa 30 Minuten, um in die Kirche rein zu kommen. Eine mystische Kirche von exorbitanter Qualität. Der Byzantinismus von Sankt Markus. 452 hatte sich die Stadt Aquilleia aus einem römischen Castrum entwickelt.Man floh vor Attila auf die Inseln, die von Bauern und Fischern besiedelt waren. Als immer mehr Flüchtlinge kamen, hieß es „Da kommen ja immer noch welche” (Veni etiam). Die Neubürger wurden zu Venetianern. Cassiodor schreibt: „Dort, in diesem Gebiet, um welches Meer und Erde sich streiten, habt ihr euch Häuser aufgerichtet wie die Nester von Wasservögeln; Durch Faschinen und kunstvolle Dämme wußtet ihr eure Wohnungen miteinander zu verbinden; den Meeressand häuftet ihr an, um die Wut der Wellen zu brechen, und der scheinbar schwache Wall trotzt der Stärke des Wassers.” Der Brief wurde zu Anfang des 6. Jahrhunderts geschrieben. Es ging um den Levantehandel, also um Schiffsverkehr mit Kleinasien und Ägypten. Die Schiffer führten seit geraumer Zeit solche Operationen durch. Narses besiegt wenig später das Ostgotenreich. 568 verwüsten die Langobarden Aquileia- etwa 580 zog sich Paulinus, Patriarch von Aquileia, auf Grado – die nördlichste der Lagunen-Inseln- zurück. Laß die Gondeln Trauer tragen. Der erste Doge hieß Paoluccia. Er mußte gegen Langobarden Kriege führen. Luitprand, König der Langobarden, pflegte zu ihm beste Beziehungen. Der zweite Doge hieß Marcello Tegaliano und regierte von 717 bis 726, Orso Ipato von 726 bis 737. Die Langobardenkönige schicken sich an, ganz Italien zu erobern, an der Grenze zu Venetien herrscht weitgehend Ruhe. Dem nächsten Dogen Deusdedit werden byzantinische Kontrolleure zur Seite gestellt (um die Jahrhundertmitte stieg der Einfluß von Byzanz wieder). Die Dogen residieren jetzt in Malamoco. Orso Ipato wurde 726 der erste von Venezianern gewählte Doge (in der Zeit von Kaiser Leo III). Der Sitz des Dogen befindet sich seit 811 auf der Insel Rivoalto. Rialto liegt am Canale Grande- der Hauptverkehrsader der Stadt. Für den Levante-Handel lohnte es sich, nach Alexandria zu fahren. Hier lag der Apostel Markus begraben- in einem kleinen Mausoleum. Schreiber beschreibt es ironisch: „Nun, die beiden Venezianer erhielten einen einbalsamierten Leichnam, eingeschlagen, versiegelt und rücklings in einem flachen Mumienkorb liegend, wie die Tradition es vermeldete. Sie bedeckten die kostbare Fracht mit allerlei unverdächtigen Lebensmitteln, unter die sie wohlweislich auch Schinkenspeck mischten, weil diesen die Mohammedaner nicht berühren durften, und dann ging es eilends aufs Schiff. Alles, was vom Vorher und Nachher sonst wohl erzählt wurde, ist gewiß Legende.”1 Dies geschah im Jahr 828. Bedeutende Pilger besuchtenVenedig. Papst Benedikt III. 853, Kaiser Otto III.im Jahr 998, Papst Leo IX. im Jahr 1053. Händler und Seefahrer, denen der Levante-Handel Wohlstand gebracht hat, verlassen den Hafen Torcello und siedeln in die Stadt um. Brücken verbinden die Inseln. An den Häusern entstehen Öffnungen zum Abladen der Waren (Rivas), eine Vorhalle (Fondaci) ist Schutzund Zugang zu den Lagern. Der Bau der Dogenkapelle beginnt 829. Daneben existiert eine „Palazzo Comune”.Der Markusdom ist in seine byzantinischen Bauweise einmalig auf italienischem Boden. Der heilige Markus gehört zu den Evangelisten. Venedig strebt nach Unabhängigkeit von Konstantinopel. Um 1000 nach Christus beherrscht die Stadt die adriatischen Küsten von Dalmatien bis Apulien sowie die Küsten des östlichen Mittelmeeres.

 

Kehren wir in das 9. Jahrhundert zurück. Mit Tradonico wurde die Reihe der Partecipazio-Dogen unterbrochen, die seit 809 Amtsinhaber gewesen waren. Er soll ein sehr machtbewußter und durchsetzungsfähiger Doge gewesen sein, wie es venezianische Chronisten überliefern. Er regierte von 836 bis 864.Er wurde vor allem als Schiffbauer bekannt. Er baute die größten Kriegsschiffe, von denen man damals gehört hatte- die Gaggiandre. Er konnte weder lesen noch schreiben. Der Doge verlieh die Flotte an den Kaiser im Osten gegen die Sarazenen und im Westen an den Kaiser gegen die Seeräuber Dalmatiens. Venedig selbst bekämpfte die Piraten. Die alten Geschlechter bekämpften ihn, so bildete er um sich eine Leibwache aus kroatischen Söldnern. Als Tradonico am 13. September 864 die Kirche von San Zaccaria verließ, ermordeten ihn seine Gegner. Der nächste Doge hieß Orso Partecipazio I. Und behielt die kroatische Garde, die den Regierungssitz tagelang verteidigt hatte. Venedigs Rolle im Kreuzzug 1202 sollte Konstantinopel erobert werden. Die Venezianer hatten sich verpflichtet, ihre Handels- und Kriegsschiffe für den Transport des Kreuzheeres zur Verfügung zu stellen. Die Kreuzfahrer fuhren durch Burgund und versammelten sich in Venedig. In San Niccolò auf dem Lido wurde ein großes Zeltlager aufgeschlagen. Venedig verlangte eine gewaltige Summe für die Bereitstellung der Schiffe, die nicht erreicht wurde, sie konnte nicht aufgetrieben werden. Der Doge Enrico Dandalo wies den Ausweg in einer Ansprache an die Venezier. Er bat sie, ihn für den Kreuzzug freizugeben, seinen Sohn mit seiner Stellvertretung zu Hause zu beauftragen und einzuwilligen, daß das Kreuzheer, statt die Restsumme zu bezahlen, die Stadt Zara zurückerobere, die der König von Ungarn bei seinem Vorstoß nach Kroatien und an die Adria der venezianischen Oberhoheit entrissen hatte. Unter allgemeiner Rührung und Anteilnahme auch der Kreuzfahrer wurde dieser Handel gutgeheißen.2 Die Dogenfamilie Dandalo wird um 1130 erwähnt. Der Patriarch von Grado ist der Onkel des Dogen Enrico Dandalo I. 1201 kam der Transportvertrag zustande. Rechnete Dandalo damit, daß die vor allem aus Frankreich kommenden Ritter an einer ertragreichen Raubfahrt mehr interessiert seien würden als an einem Kreuzzug? Der Papst jedenfalls wirkte gegen Dandalo, indem er jeden mit Bann bedrohte, der an der Erstürmung der Stadt Zara für Venedig kämpfen würde. Die Eroberung der Stadt Zara gelang, weil die Bürger dieser Stadt die Aussichtslosigkeit ihres Widerstandes erkannten. Enrico Dandalo schlug vor, in der Stadt zu überwintern. Gewohnheitsgemäß wurde die Stadt geplündert. Blut floß erst am dritten Tag, als die Venezianer die Beute auf die noch offenstehende Schuld anzurechnen wünschten. Die Venezianer zogen den kürzeren. Ägypten war von Papst und Kreuzfahrerheer als Angriefsziel des Kreuzzugs ausersehen. Da Ägypten der Haupthandelspartner Venedigs war, lag dies nicht im Interesse des Dogen. Es war die Wahrheit des Warenumschlags zwischen den Nilschiffen und den Kauffahrern aus Venedig, die für die Haltung Venedigs verantwortlich war. Wäre das Kreuzfahrerheer auf venezianischen Schiffen nach Ägypten gekommen, hätte Venedig diesen Absatzmarkt sicher an Pisa verloren. Dandalo hatte ein Interesse, das Kreuzfahrerheer zu entführen. Dandalo brachte Byzanz ins Spiel. Dort konnte eine Ausgangsbasis für den Marsch nach Syrien gewonnen werden. Dandalo und die Franzosen entwarfen nach gescheiterten Verhandlungen einen Plan zur Aufteilung des Byzantinischen Reiches. Im 20. Jahrhundert könnte man ihn mit dem Hitler-Stalin-Pakt3 vergleichen. 1.Nach Besetzung und Plünderung von Konstantinopel soll ein neuer lateinischer Kaiser gewählt werden- von jeweils sechs Wahlmännern aus jeder Angreiferpartei 2.Kirchliche Regelungen 3.Alles byzantinische Land soll in vier gleiche Teile geschieden werden, eines soll dem Kaiser gehören, die anderen drei sollen unter Venezianer und Franzosen aufgeteilt werden 4.Regelung der Verteilung der Beute 5.Die Armeen sollen ein Jahr in Konstantinopel bleiben (Kreuzzug offiziell verabschiedet) 6.Aufforderung an den Papst, jene mit dem Bann zu belegen, die einen Punkt dieses Vertrages nicht erfüllen Am 12. April 2004 gelang die Eroberung Konstantinopels. Das Kreuzheer wurde zum Plündererheer. Alexios V. Dukas, der Kaiser, vermochte zu fliehen. Es kam zu tagelangem Raub, zu Plünderungen großen Ausmasses. Obwohl in der Stadt niemand mehr Widerstand leistete, wurden noch mehr als zehntausend Einwohner getötet. Bonifazius von Mentferrat rief dazu auf, alle Beute in drei Kirchen zusammenzutragen und sie zu schätzen. Venedig kassierte 35.000 Mark Silber. Dandalo verzichtete auf die Lateinische Kaiserwürde, gewählt wurde Balduin von Flandern. Dieser unterlag im Jahr darauf bei Adrianopel Johannes von Bulgarien und wurde nach furchtbaren Martern wilden Tieren vorgeworfen. War das vielleicht ein gerechtes Schicksal. Das lateinische Kaiserreich bestand bis 1261. Zum Beutemachen heißt es: „Sie plünderten ungescheut nicht allein den Besitz der Menge, sondern auch das dem Gottesdienst Geweihte… Wie wurden die angebeteten Bilder schimpflich zu Boden geworfen! Wie wurden die Reliquien der für Christus gestorbenen Märtyrer an unheilige Örter geschleudert! … Jedermann war an diesen Tagen in Not; Wehklagen und Tränen waren auf allen Straßen und Plätzen und in allen Kirchen, Wegschleppung, Schändung, Knechtung, Gewalttat überall. Es gab nichts, was undurchsucht geblieben wäre.

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Veröffentlicht 11. Mai 2014 von schauerchristian in Reiseberichte Ungarn, Zypern und Gardasee

Anton Schnack – Heimatdichter und Expressionist / Sophie Benning – Das Leben ist ein Kitschroman / Marie Louise Allison – Also bin ich froh

Anton Schnack – Heimatdichter und Expressionist

Anton Schnack Die bunte Hauspostille – Phantastische Geographie

Brunnen (Die bunte Hauspostille)

„Da waren Brunnen, die seit Jahrhunderten mitten auf dem lärmenden Marktplatz oder in verschollenen und kühlen Baumwinkeln plätscherten; Brunnen, die den Tod sahen, wie er unter Gebet und schwermütiger Trauermusik vorübergetragen wurde; Brunnen an deren Röhren der Frühling saß, weiße Schmetterlinge im zarten Wind vorübertrieb und Vögel an den Tag lockte, die gelbe und zierliche Schnäbel in das quirlende und strudelnde Wasser tauchten.

Andere Brunnen sprangen unter sommerlichen Himmeln und über ihnen stand das segnende Bildnis der Maria, der Mutter der Mütter, oder es brüstete sich der fletschende Drache auf, dem der starke Ritter St. Georg den eisernen Speer in den klaffenden Rachen stieß.“ (S.143)

Am Brunnen vor dem Tore” dieses Volkslied befasst sich genauso mit dem Thema wie “Wenn alle Brünnlein fließen”

Schnack weiter: “Immer liebte ich den alten Brunnen im Hof, der in meinen Schlaf sang oder in die Unruhe meiner Nächte, wenn ich hinter dem Fenster lag und verworrene und unheimliche Gedanken mein Herz bestürmten.” (S.143)

Brunnen

Alzenauer Brunnen

 

 

Was könnte man an diesem Alzenauer Brunnen alles denken? Wieviele Liebespaare haben hier ein frühlingshaftes Rendevouz erlebt? Wieviele cent liegen als Glücksbringer im Wasser? Wieviele Flüche haben frustrierte Stadträte ihm zugerufen?

 

Der Maien

Flieder

Fliederbaum im Mai

 



„Die Schicksale werden immer gefesselter und einförmiger. Tausendjährig erscheine ich mir,der schon lange von den Wäldern Abschied genommen hat. Tief unten im Dunkel der Erinnerung sitzt ein Trieb, ein Bild, ein schattenhaftes Leben. Das Bild von der Wanderung durch Kontinente, über Flüsse, durch die Irrwelt der Steppen und die Halbnacht der Wälder.

Im Mai hatte ich die Städte Halberstadt, Würzburg und Venedig besucht.

Es gab den Mai des Knaben, der die verstaubte Botanisierbüchse aus dem Halbdunkel des Speichers herauskramte und das durchlöcherte Schmetterlingsnetz suchte; denn die Zitronenfalter und Pfauenaugen flogen über den Wiesenweg. Es gab jenen Mai, der mich zu den Landkrämern trieb, die Zigaretten feil hatten zu 3,5 und 7 Pfennigen das Stück, und bei denen ich mir eine Zigarrenschachtel erbettelte. „(S. 123/124)

Phantastisch ist die Geographie auch schon in diesem Werk, wenn Anton Schnack das Ende des Königs von Madagaskar, Moritz von Benyovsky, beschreibt. Historisches: Nach mehreren Aufenthalten in Amerika nahm Benyovski 1783 dann eine zweite Expedition nach Madagaskar in Angriff, diesmal im Auftrag Österreichs. Nach der Ankunft 1785 kam es zu Gefechten mit französischen Truppen, die die Regierung von der Insel Mauritius aus hinsandte. Er wurde am 23. Mai 1786 schwer verwundet starb und kurz darauf. Bei Anton Schnack heißt es: „ Leise fiel er um. Sein Mund murmelte ein paar Worte, sie waren zornig und trugen keine Spur von Furcht. Die Belagerer stiegen blutend, zerschunden, argwöhnisch und mit bitteren Gesichtern über die Pallisaden. Aber es blieb totenstill.

Das war das Ende des ungarischen Grafen Moritz von Benyovsky, der sich zum König von Madagaskar gemacht hatte. Seine Abenteuer begannen schon mit fünfzehn Jahren.“ (S. 203)

Weiter werden in dem Werk noch folgende Personen (unter anderem) behandelt: Dschingis Khan, die Königin von Palmyra, der Prinz von Trinidad oder Seeräuber wie Johan Morgan, Daviot, Eisenarm oder Kapitän Ansel sowie vier chinesische Marschälle. Was haben sie mit den deutschen Brunnen und dem Mai zu tun? Nichts, es handelt sich bei Schnacks Werk um ein Kaleidoskop phantastischer Einfälle.

Die eigentliche Geographie der Phantasie

Schon den Dichter Washington Irving faszinierte die Alhambra in seinen „Erzählungen der Alhambra“. Eine der beeindruckendsten Geschichten ist „Die Sage von den drei schönen Prinzessinnen“. „In alten Zeiten regierte in Granada ein maurischer König namens Mohammed, den seine Untertanen el Hayzari, den Linkshänder nannten.“ Aus der Ehe mit einer christlichen Gefangenen gehen drei Mädchen (Drillinge) hervor, die Zaida, Zoraida und Zorahaida hießen. 1

Anton Schnack hängt die Geschichte unabhängig von Washington Irving an dem spanischen Wind Solano auf. „Ursprünglich war er der heiße Atem des Sol, eines goldenen Gottes der Urzeit, der seine Wohnung im Hause der Sonne hatte und von den heidnischen Völkern der Garamanten, Nasomonen und Masoesyler angebetet wurde. Nach dem Sturz der Götter schlug er sein Bett im Sand der grausamen Wüste Sahara auf, neben den Trümmern und Steinen der alten, prunkvollen Städte Sufetula, Timgad, Thurbisico Numidorum und Bulla Regia.“ 2

Es handelt sich um einen Wind des extremen Kalibers. „Er bewirkt, daß der Fluß Guadalquivir seine Wasser verliert, daß die großen Sümpfe, Las Marismas genannt, Gift und Fieber brauen, daß die Menschen sich wochenlang in die Kühle der Mauern und Höfe zurückziehen oder an den Rand der Brunnen, um sich von Zeit zu Zeit mit einer handvoll Wasser aus den versickernden Schächten zu laben. Unter seiner Herrschaft wird das Maiskorn hart und fast steinig; er schwitzt das fette Öl aus der Olivenhaut; er kocht den Saft der dunklen Trauben zu einem einzigen Tropfen zusammen, der die Süße und Farbe des Honigs hat; er reißt die gelbe Schale der Zitronen auf und trocknet sie aus, und die bitteren Pomeranzen in den andalusischen Gärten umflammt er mit solcher

Glut, daß ihr Mark wie Zunder zermürbt und von den naschhaften Knaben verschmäht und verachtet wird.“ 3

Und jetzt kommt es: Dieser extreme Wind trifft auf die Drillinge!

„Er hat die Liebesromanze der maurischen Prinzessinnen Zayda, Zorayda und Zorahyda belauscht und in die Ohren und Öhrchen aller an der Liebe Leidenden und an der Liebe sich Freuenden in ganz Andalusien geblasen. Er allein konnte die drei schönen Mädchen unbehindert besuchen, denen von ihrem Vater, Mahomed dem Linkischen, das einsame Schloß Salobrenna am Ufer des Meeres zum Aufenthalt angewiesen wurde, damit kein männliches Auge mit irrer und frecher Inbrunst und Begehrlichkeit ihre herrliche Jugend erspähe; der Wind hat die Schwestern nackt gesehen; denn bedrückt und gepeinigt von seiner Glut, warfen sie die Schleier und Gewänder ab, wenn er durch Fenster und Balkontüren in die inneren Gemächer wehte.“ 4

Hier kommt der Mädchenschnack wieder einmal zum Vorschein. Hätte sein Bruder Friedrich Schnack mitgewirkt, so hätte sich in diesem Moment sicherlich ein Schmetterling auf die Schulter von Zayda gesetzt, um die erotische Spannung zu erhöhen. Friedrich befasste sich nämlich nicht selten mit Schmetterlingen.

Wenden wir uns wieder Washington Irving zu. Mohammed der Linkshänder sagte sich: „Die von den Astrologen angedeutete gefährliche Zeit ist also gekommen; meine Töchter sind im heiratsfähigen Alter. Vorsicht ist geboten! …“ So sprach Mohammed, und liess einen Turm auf der Alhambra zum Aufenthaltsort der Infantinnen ausbauen. Dann ritt er an der Spitze seiner tapferen Leibwache bis Salobrena, um die drei Schönheiten mit Kadiga und Hofstaat in höchst eigener Person auf die Königspfalz in Granada zu bringen. 5

In der Nähe der Alhambra waren drei kastilische Edelleute mit Sträflingsarbeiten beschäftigt. „Um die Mittagsstunde des nächsten Tages rasteten die Gefangenen ebenfalls am Fuße des Turmes. Der maurische Wächter, vom heißen Atem des Windes erschlafft und von verbotenem Weingenuß betäubt, schlief in einer umschatteten Mauernische. Wiederum beugten sich die arabischen Mädchen über die Brüstung des Balkons und ließen diesmal drei weiße Schleier flattern, um die unbekannten kastilischen Ritter zu erregen… In diesem Augenblick entflielen den Händen der Prinzessinnen drei Früchte. Geschickt wurden sie von den Rittern aufgefangen: den reifen Pfirsich hatte Zayda geworfen, die gelbe Aprikose Zorayda und Zorahyda eine Nectarine, allgemeine und gebräuchliche Sinnbilder der maurischen Mädchen für Liebesbereitschaft. Die edlen Jünglinge aus den Burgen des Nordens führten die Früchte zum Kusse an die Lippen und hoben verstohlen die Hände zum Gruße.“ 6

Pfirsich, Aprikosen

Pfirsich, Nektarine und Aprikose in Strauch

Was passierte dann: Zayda und Zorayda waren von den Rittern entführt und nach Cordoba gebracht worden, sie heirateten die Ritter, Zorahyda gelang die Flucht nicht. Sie wurde von Mohammed im Innern der Alhambra gefangen gehalten. „Manchmal gelang es dem Solano, bis dorthin seine Schwingen auszubreiten.Aber er sah Zorahyda niemals. Doch hörte er hinter vergitterten Fenstern manchmal den Gesang einer trauervollen Mädchenstimme: in dem Gesang war von einem jungen Ritter im grünen Wams die Rede.“ 7

Wie endet die Geschichte bei Washington Irving? Auch hier lebt Zorahyda einsam in der Alhambra: „Dann und wann sah man sie auf den Zinnen des Turmes; sie schaute traurig zu den Bergen hinüber, hinter denen Cordóba lag. Klagend sang sie zur Laute und beweinte den Verlust ihrer Schwestern und des geliebten Mannes. Sie starb jung und soll in einem Gewölbe unter dem Turm begraben sein. Viele Sagen erzählen uns von ihrem frühen Tod.“ 8             

Wiedergeburt macht es möglich. Zorahyda ist am Biwasee in Japan auferstanden unter dem Namen Graswürzelein, die ihren Ritter mit dem Namen Oizo bekommt, der letztendlich zu ihr spricht: „Dann komme ich wieder und baue in Katata mein Haus. Und du sollst nicht mehr den Ofen deines Vaters schüren. Du sollst neben mir sitzen bei meinem eigenen Feuer. Und ich will dich malen, immer wieder malen, in dem Kleid des Vorfrühlings, am Strand, im Haus, im Mond, im Wasser, am Feuer. Und alle sollen sagen: Das ist das glücklichste Mädchen von Katata. Sie ist auf allen Bildern im Vorfrühling gemalt, zur warmen Abendstunde, in der man den Flug der Wildgänse erwartet und verliebt sagt, auch wenn niemand redet: ‚Still! Sie kommen!‘ „ -“ Da wickelte ‚Graswürzelein“ ihre Hände aus den Ärmeln und umschlang Oizo.“

Was hat Schnack noch zu bieten?

 

Er umfährt auf dem Schiff ‚Fantasia‘ die Kaps der Erde, fährt an den Küsten entlang und zu den Inseln und ruft uns zu: ‚Glaubt nicht den Angaben nüchterner und halbblinder Landvermesser! Glaubt vielmehr euren eigenen Trugbildern und Einbildungen, hängt euch an die Geschichten der Abenteurer fest!‘ So macht er’s selber, und so entsteht eine aus Mythos, Legende, Anschauung, Beobachtung und Traum gemischte Beschreibung der geographischen Erscheinungen, die ihresgleichen nicht hat. Möchte sie in die Hände vieler Lehrer und Eltern gelangen!“ 10

1 Washington Irving , Erzählungen der Alhambra, Barcelona o.J. , S. 198

2 Anton Schnack, Phantastische Geographie, Hamburg 1949, S. 44

3 Ebd., S. 45

4 Ebd.

5 Washington Irving, a.a.O., S. 200 f.

6 Anton Schnack, a.a.O. , 46 f.

7 Ebd., S.47

8 Washington Irving, a.a.O., S. 225

Max Dauthendey, Die acht Gesichter am Biwasee, Frankfurt/M; Berlin 1987, S. 99 f.

10 Vilma Sturm – Fülle der Bilder – Anton Schnack: „Phantastische Geographie“.

 F.A.Z. Literaturblatt (Feuilleton), 19.11.1949

Literatur

Anton Schnack , Die bunte Hauspostille, Leipzig 1938

Anton Schnack, Phantastische Geographie, Hamburg 1949

Washington Irving , Erzählungen der Alhambra, Barcelona o.J.

Max Dauthendey, Die acht Gesichter am Biwasee, Frankfurt/M; Berlin 1987

https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Benjowski

Vilma Sturm – Fülle der Bilder – Anton Schnack: „Phantastische Geographie“.

F.A.Z. Literaturblatt (Feuilleton), 19.11.1949

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Anton Schnack, Liebe im Kriege

Leutnant Christian Außem liebt das Mädchen Klara. „Sein Vater war Buchhalter in einer Kartonagenfabrik. Er hatte den Ehrgeiz, im Sohne den Aufstieg zur Gesellschaft und zum öffentlichen Ansehen zu erleben.“ 1 Wo die Geschichte spielt? Eine Ortsangabe gibt es nicht. Christian ist nicht nur ein Musterschüler, der sich besonders in Mathematik hervortut, sondern liebt auch Klara d’Alleux von Anfang an. Ihr Vater ist Justizrat und bewegt sich in einer anderen gesellschaftlichen Sphäre. Sie erzählt im später, dass sie zunächst von seiner Liebe nichts bemerkt habe. Klara findet bei Christian die emotionale Nähe, die sie bei ihren Eltern vermisst. Diese strahlen Kühle und „verkrustete Gleichgültigkeit“ aus.

Christian wird beim Militär ein „kleiner Leutnant“ -wie ihn Klaras Familie einstuft. Aufgrund der Tatsache, dass er aus „geringer Familie“ stamme, habe er vom Stand her keine Bedeutung für Klaras Familie.

Der Krieg bricht aus, warum, das war für Anton Schnack nie ein Thema. Politischer Ursachenforscher ist er nie gewesen. Wahrscheinlich handelt es sich hier um den Ersten Weltkrieg. Christian muss mit seinem Infanterieregiment ins Feld ziehen. „Die Zuneigung Klaras, die sich bisher noch nicht ganz entschieden hatte und immer ein wenig durch Kühle gedämpft wurde, wuchs nach dem Abschied zu leidenschaftlicher Liebe auf, die nur auf die Stunde wartete, um das angespannte, täglich sich verstärkende Verlangen nach Christian zu zeigen.“ 2

Klaras Sehnsucht nach Christian wird intensiver: “ Sie wunderte sich nicht, daß sie, bisher unantastbar und scheu, plötzlich alle Hemmungen verloren hatte, und daß sie vor dem Spiegel stehend, an den unsichtbaren Christian Aufforderungen richtete, die sie früher mit unerbittlicher Strenge von sich gehalten hätte.” 3

Ein erster Staatsanwalt- von der Mutter für Klara als gute Partie vorgesehen- beklagte sich über die Kühle und Förmlichkeit Klaras.

Die Mutter ist prüde. Öffentliche Zuneigung von ihrem Mann verabscheut sie.

Klara und Christian treffen sich während eines Fronturlaubes wieder.”Trotz der ersten Freude waren Christian und Klara ein wenig belastet voeinander; denn weder er noch sie sprachen das aus, was sie voneinander wollten und wonach sie sich gesehnt hatten.” 4

Klara verlässt ohne das Wissen der Eltern, denen sie eine Krankheit vorspielt, das Elternhaus, um sich mit ihrem Liebhaber zu treffen – in Christians Wohnung.“Die Nacht ihrer Liebe begann und stürzte Klara und Christian in einen Rausch von Küssen und Umarmungen, in ein Stillesein, wo sich ihre Seelen ganz nahe waren. Klara hatte vergessen, daß sie noch kurz vorher in Aufregung und Angst gelebt hatte, eine gnadenvolle Verklärung wuchs aus ihren Herzen über ihr ganzes Sein und Gefühl: ihre Liebesgröße beglückte Christian unsäglich. Sie waren beide ein einziger glühender Block und schienen herausgerissen aus dem Treiben und der Not der Welt zu sein.“ 5

Aber der Krieg holt sie sein. Die Idylle ist zu schön, um wahr zu sein: „Um zwei Uhr nachts fing es ungeheuer, jagend, grell und mit unvermittelter Gewalt und Heftigkeit zu schießen an. Hoch oben, irgendwo in den Nachträumen zwischen Erde und Wolken, wuchsen platzende, flachknallende Geräusche heran, die im Klange immer betäubender wurden.“ 6 Sie sind inmitten eines Fliegerangriffes. Christian wird wütend und will selbst Flieger werden, um den Feind zur Rechenschaft zu ziehen,

In den Morgenstunden verlässt Klara den Geliebten, um nach Hause zurückzukehren. Je näher sie ihrem Elternhaus kommt, um so mehr Menschen sind auf der Straße. Sie erfährt

schließlich, dass ihr Elternhaus zerstört ist. Sie erfährt, dass die Eltern leben, die Tochter allerdings vermisst wird. Hier kann sie nicht umhin, zu offenbaren, dass sie die Tochter ist, die vermeintlich unter Schutt begraben ist.

Mit dem Entschluss, ihre Liebesnacht den Eltern zu offenbaren, offenbarten sich in ihrem inneren Auge Visionen von beiden: „ … das Antlitz ihrer Mutter, das Knochen und verwelkende, gelbe Haut war, wuchs zusehends in der Höhe und Breite und wurde zu einem drohenden Holzgesicht, das mit unerbittlichen Augenhöhlen auf sie niedersah und sie bis in den letzten Seelenwinkel durchforschte. Das hohe und ausgearbeitete Gesicht ihres Vaters wurde dünn und fahl, die grausame Maske eines Inquisitors, der sie mit peinlichen und kalten Augen durchbohrte.“ 7

Es deutet sich bei diesen Vorstellungen nichts Gutes an. „Sie empfand, daß ihrer Liebesnacht etwas Heiliges anhafte, weil sie ihre Rettung war.“ 8

Eine erotische Erfüllung als etwas Heiliges – hier entwickelt Anton Schnack deutlich unkonventionelle Vorstellungen von Heiligkeit, die nicht in die kirchliche Definition passen.

Bei der Zusammenkunft mit den Eltern sind beide förmlich und reserviert. Der Vater hat eine idealistische Vorstellung vom Krieg, die Mutter fährt sie an: „ ‚ Du bist ja im Mantel‘, sprang Klara die Stimme der Mutter an. ‚Du hast ja den Hut auf? Wie kommt das? Wie ist das möglich, da doch alles von dir in die Tiefe gerissen ist?‘ Klara erschrack bis ins Herz von diesen eiskalten Fragen und dachte sich. Das wollen Eltern sein, die zuerst sehen, was ich anhabe, aber nicht fühlen und sehen, daß ich ihrer Güte bedarf.“ 9

Klara bekennt, dass sie nicht zu Hause war, sondern ihren Geliebten Christian getroffen hat: „’Seht Ihr nicht den kleinen Engel neben mir stehen, den kleinen Engel der Liebe, den wunderbaren Engel des Herzens, seht Ihr ihn?‘ aber die verwunderten Eltern, sich umschauend, sahen nichts, nur ihre Tochter stand vor ihnen, ihre Tochter Klara, die gestern noch, vorgestern noch, etwas Kindliches an sich hatte, etwas Stilles, Bescheidenes, Zurückhaltendes, und nun einen unerforschlichen Abgrund vor ihnen auftat.“ 10

Die Reaktion der Eltern ist bigott und schäbig. Ihr Vater schreit sie an: „‘ Verkommene. Dein Begrabensein, an das wir glaubten, an den deine Mutter, ich und die ganze Stadt glaubten, hat sich sonderbar gewandelt. Eine saubere Geschichte, eine Liebesgeschichte also. Während wir zittern, beben und bangen und dich unter Stein und Schutt verschüttet glauben, kommst du aus einem Bett. Die Stadt, die eine Welle von Entsetzen war, wird nun ein Kessel von Gelächter. Du bist gerichtet, und wir sind gerichtet.’“ 11

Ihre Mutter sieht keinen Engel, sondern einen „Teufel der Unordnung und Sinnlichkeit“. Sie ist also verstoßen und deswegen entsetzt und abgestoßen. „Klara hatte Vater und Mutter mit steigendem Entsetzen angehört. Mit der kühlen schärfe der Wissenden sah sie hinein in die armseligen, verkrusteten und leeren Herzen.“ 12

Die Einschätzung der Eltern ist von der vermuteten öffentlichen Meinung bestimmt. Eine anderes Kriterium entwickeln sie nicht. Sie verlässt grußlos das Zimmer, sucht Christian vergeblich und begibt sich zum Bahndamm. „Mit donnerndem Geheul raste der Zug auf sie zu. Klara kniete sich nieder, als wäre sie in einem Heiligtum um zu beten.“ 13

In ihrem Selbstmord erlebt Klara noch einmal visionär eine Liebkosung ihres Geliebten Christian.

Hätte es keine andere Lösung gegeben? Vermutlich wäre eine Legalisierung ihrer unehelichen Beziehung an der öffentlichen bigotten Meinung gescheitert (die Erzählung wurde 1935 veröffentlicht). Fünfunddreißig Jahre später hätte sie kaum noch Probleme mit ihrer unkonventionellen Liebesgeschichte gehabt – zumindest in weiten Teilen der Bundesrepublik.

Die Erzählung ist so spannend geschrieben, dass man sie jedem zur Lektüre empfehlen kann.

Werfen wir kurz noch einen Blick auf literarische Werke, die auch mit einem Selbstmord auf den Gleisen enden. Ein herausragendes Beispiel wird in „Anna Karenina“von Leo Tolstoi beschrieben. In dem Glauben, Wronskij (ihr Liebhaber, nicht ihr Ehemann) verweigere ihr seine Gegenwart, stürzt sich Anna – erschrocken über ihr eigenes Verhalten – vor einen Zug, ähnlich wie sie es bei einem Unfall sah.

Halten wir noch fest, wie Leo Tolstoi das Ende Anna Kareninas beschreibt: „Und genau in dem Augenblick, wo der Raum zwischen den Rädern ihr gegenüber war, warf sie die rote Reisetasche von sich, drückte den Kopf zwischen die Schultern, ließ sich unter den Wagen auf die Hände fallen und kniete mit einer leichten Bewegung, als ob sie vor hätte, sogleich wieder aufzustehen, nieder. Aber im gleichen Augenblick erschrak sie über das, was sie tat. ‚Wo bin ich? Was tue ich? Weshalb?‘ Sie wollte sich erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Gewaltiges, Unerbittliches stieß gegen ihren Kopf und schleppte sie am Rücken mit fort. ‚Herrgott, vergib mir alles!‘ murmelte sie, da sie fühlte, daß ein Widerstand unmöglich sei. Das Männchen wirtschaftete mit dem Eisenwerk herum und redete dabei etwas vor sich hin.Und die Kerze, bei der sie von soviel Sorgen, Betrug, Kummer und Schlechtigkeit erfüllte Buch des Lebens gelesen hatte, leuchtete in hellerem Schein auf als je, erhellte ihr alles, was bisher für sie in Finsternis verborgen gewesen war, knisterte, wurde dunkel und erlosch für immer.“ 14

Christian Schauer August 2015 bis Januar 2016

Fußnoten

1 Anton Schnack, Liebe im Kriege, in : Die Verstoßenen, Leipzig 1935, S. 47

2 Ebd., S. 51

3 Ebd., S. 52

4 Ebd., S. 58

5 Ebd., S. 64

6 Ebd.

7 Ebd., S. 79

8 Ebd.

9 Ebd., S. 88

10 Ebd., S. 90

11 Ebd., S. 92

12 Ebd., S. 93

13 Ebd., S. 95

14 Leo Tolstoi, Anna Karenina, Köln 2010 (Anaconda Verlag), S. 931

Verstoßene

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Anton Schnack, Flirt mit dem Alltag (Zeichnungen von Max Schwimmer), Frankfurt am Main 1956

Schon in den 50er Jahren kam mancher auf allerlei skurrile Ideen, zum Beispiel Anton Schnack in dem oben genannten Buch mit den vielen Zeichnungen von Max Schwimmer. Was macht man im Winter, im Januar, wenn es auch für die Pflanzen und Gemüsearten noch zu kalt ist? Man versenkt in die Mistbeete Gurkenkerne, zieht ihnen aber vorher Wollhöschen an  (S.8), damit die Armen nicht frieren. Zudem werden ihnen Hustonbonbons mitgegeben (S 9).

2013 könnte man dann noch hinzufügen, man gibt ihnen eine Wärmflasche dazu, damit sie sich wirklich nicht erkälten (eigene Idee). Im Februar sucht man dann das Unmögliche und will damit den Kalender korrigieren.

“Auf Suche gehen nach den beiden fehlenden Tagen, nach dem 29. und 30. Februar ….  Wenn beide Tage gefunden, auf einem städtischen Fundbüro abgeben; sich dort wundern, daß es die Abteilung ‘Verlorene Tage’ noch nicht gibt, obwohl das menschliche Leben doch überreich an ‘verlorenen Tagen’ ist. “(S. 11).

Man kann daraus nur folgern, dass der Ort Kahl am Main, nachdem eine Straße nach Anton-Schnack benannt ist und kürzlich ein Denkmal eingeweiht wurde, Schnack noch weiter ehren sollte, in dem die Gemeinde eine Abteilung “Verlorene Tage” einrichtet, in der ehrliche Finder eben solche abgeben könnten. Doch welche Partei erklärt sich zu  einem  solch kühnen Schritt bereit? Wer riskiert einen Zornesausbruch des Bürgermeisters, der schon bei der K-Trasse nicht so ganz sicher war, ob noch alle bei Trost sind. Und der wiederholt von rechtsradikalen Schmierereien genervt ist. Auch das, was Schnack danach folgend zum Thema “Verlorene Tage” schreibt, kann nicht unbedingt als aufbauend für eine neue Abteilung betrachtet werden:

“Mit Bitterkeit bedenken, wieviel unwiederbringliche Tage im Kriege und hinter Stacheldraht verloren gingen.”

Hier empfiehlt sich eine Ergänzung des Kahler Kriegerdenkmals im Schnackschen Sinne: “Denkt an die Bitterkeit der unwiederbringlichen Tage des Krieges” würde neben der Liste der Gefallenen stehen. Mancher Bundeswehrsoldat würde möglicherweise ins Grübeln kommen, ob denn nicht seine Tätigkeit letztendlich doch eher bitter ist. Die Sensibilität gegenüber Tieren kommt bei Schnack auch schon 1956 zum Vorschein:

” Die allgemeine Jagdruhe, die Wildschonung, begrüßen, die den Februar heilígt. Sich freuen, daß Hasen, Rehe, Hirsche, Fasanen nun wieder unbedroht von Schrot und Kugel durch die Felder hoppeln, springen und fliegen dürfen. Doch Schnepfen, Wildtauben und Wildkaninchen bedauern, nicht den Frieden der allgemeinen Schonzeit genießen zu dürfen.” (S. 11)

Die Konsequenz kann nur lauten: auf einen Veggie-Day in den Kahler Kantinen und Restaurants pro Woche drängen, damit auch die Schnepfen für immer aufatmen können. Sich nicht um das Feldgeschrei der ewigen Fleichfresser kümmern! Im März kommt ein Vorschlag, bei dem man sich mit dem einheimischen Lebensmittelhandel anlegt:

“Neue Spargelbeete anlegen. Zweckmäßig, Stangenspargel aus Konservenbüchsen nehmen und in die Beete stecken. Dadurch Rekord denkbar frühester Spargelernte aufstellen, alle Heimgärtner verblüffen und Sensationsmeldung: ‘Erster Spargel im März gestochen’ im Lokalblatt erzielen.” (S. 18)

Nicht ganz einfach der nächste Vorschlag: “Das Tier des Monats März, den ‘Widder’, einfangen und zähmen. Ihm sehr festes Geschirr und Zügel anlegen; den Widder recht störrisch und eigensinnig.”  Das Problem: lässt sich ein Widder einfangen? Scheitert man nicht vor lauter Anstoßen?

Der keusche Märzwald folgt, in dem ein  rotes Eichhörnchen aus dem Winterschlaf erwacht. “Zur Begrüßung einige Haselnüsse in das anmutige Pfötchen drücken.” (S. 19)

Einwurf: Eichhörnchen sind zu scheu, um  sich ein Pfötchen drücken zu lassen. Kann Anton Schnack nicht einfach eines ungeliebten Nachbarns Pfote drücken, um ihn zum anbrechenden Frühling zu gratulieren? Anonymität muß gewahrt bleiben – Kahl ist klein. 1

Nicht weniger humorvoll geht es in einem weiteren Buch Schnacks aus den 50er Jahren zu. Anton Schnack (Zeichnungen von Trix), Brevier der Zärtlichkeit, Frankfurt am Main 1957. Darin heißt es zu passenden Maßen für Frauen, die “Miß Deutschland” werden wollen

Körpergröße von 1,68 m.

Gern hängt Erich am Gestänge

Dieser achtungsvollen Länge!

Gürtelmitte (Taille) von 63 cm.

Zu umfassen Gürtelmitten,

Sind beliebte Männersitten.

(Und auch, Gott sei dank, gelitten!)

Hüftweite von 94 cm.

Jeder Hüftenzentimeter

Hat Verehrer und Anbeter.

Büstenumfang von 91 cm.

Ziel von Jünglings Tatendrang

Ist ein hoher Busenhang.

Haarfarbe in Kastanienbraun.

Auch Mahagoni und Bernsteinblond

Liegen in vorderster Liebhaberfront.

Muskeln, über 500.

Vielgeküßt aus diesem Bund:

Schließmuskel am Mädchenmund!

Knöchlein und Knochen, etwas über 200.

Recht artig ist für Flitterwochen

Das Abzählspiel der “Liebesknochen”.

Herz, um die 300 Gramm

In Wirklichkeit doch gar nicht groß,

An Wirkung aber beispiellos

Poren, in die Millionen

Verliebter Mensch küßt jeder Pore

An Lisa oder Eleonore;

Ist ihm dies Tun auch angenehm,

Es ist und bleibt doch recht extrem!

Es folgen Betrachtungen über verschiedene Arten von Handküssen, die eher in den 50er Jahren den Galan ausmachten. Manche Arten von Zärtlichkeit, die beschrieben sind, müssen als zeitlos eingestuft werden. Geradezu dezent ist das erotische Geschehen, wenn man an das konvulsivische Gedicht “Sexus” in “Der Abenteurer” von 1919 denkt. Damals hieß es:

“Oh Knie, oh Gnade: wer lag schreiend so vor Dir wie ich; gestellt, gereckt,

entblößt

In voller Nacht, in Gärten, mailich; der junge Mond im Ast;

Dich, weißes Fleisch, Dich Süßigkeit, beäderte, Mit Armen warm umfaßt;

Haar rann hinab, im Nacken, Achseln, wirre Wildnis, fließend aufgelöst! –

So Aufgewölbtes (fabelhaft): oh,ich schrie Worte aus von dem, von allem,

von dem Purpurtrunk,

Von knisternder Verseidigung, von Land, dem leiblichlichen, von Brunnen, Fluß,

Von Sternen weiß zu Häupten, von Überflutungen, von eingebißnem Kuß,

Dem Schein der Schenkel, rosnem Knöchel, von menschgewordnem Wasser,

Schale, Scham und Trunk   ….”

Wer weiß, vielleicht wäre Anton Schnack in den wilden 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder so bacchantisch geworden, hätte ihm nicht seine Ehefrau zugeflüstert: “Anton, Du bist schon siebzig, Dein Herz!!!” 2

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Anton Schnack, Die Angel des Robinson, München 1946 (Desch Verlag) Darin: Der Fliederbusch des Käthchens von Heilbronn

“Er, der uralt ist, geneigt von der Last vieler Jahre, vieler stürmischer Winter, herrlicher Frühlinge, glühender und von Gewittern befegter Sommer, der das Geheimnis einer unvergeßlichen Liebe überschattete, wächst an der Lende eines Bergstraßenhügels, der so sommerlich ist, daß Wein und Edelkastanien auf ihm gedeihen. Im Schatten einer zerstörten Mauer hat der Busch seine Wurzeln in den Boden eines Ruinenhofs gsenkt, um hier, müde und fast schon legendenhaft, zu sterben. Er wird sterben. Er wird sterben und doch ewig lebendig bleiben; denn die Liebe hat diesen Busch begnadet und zum Heiligtum gemacht. Über dem Dorfe Schriesheim wächst er am morschen und von Efeu überzogenen Gemäuer der Strahlenburg. Das Dorf, das an den Buchhügel stößt, ist voll kühler Enge. Die Burg ist zerfallen, über einer einzigen Giebelwand steigt ein hoher und schlanker Turm auf. Der Stamm des Fliederbusches ist knorrig und dick, die Rinde vernarbt, zerrissen, geschwärzt. Seine Jahrhunderte hält eine Stütze, die eine verwaschene Tafel trägt. Ich lese: ‘Unter diesem Fliederbusch ruhte das Käthchen von Heilbronn.’ ” Die Reiseliteraur sah bald nach der Uraufführung von Heinrich von Kleists Ritterschauspiel ‘Käthchen von Heilbronn’ im Jahr 1810 in der Strahlenburg die Burg des Wetter vom Strahl und bald fand sich auch unter einem Holunderstrauch die bemooste Steinbank, worauf das Käthchen einst träumte.” Siehe dazu http://www.schriesheim.de/index.php?id=517 Aus dem Holunderbusch wird also bei Anton Schnack ein Fliederbusch, den der Autor schon in “Begegnungen am Abend”  eine Geschichte widmete (siehe unten).

Dem Bauernkrieger Acher Concz ist eines der wenigen politischen Kapitel in dem Buch gewidmet. “Acker Concz wurde er genannt, und er lief mit vielen anderen aus der Taubergegend zu den Bauernhaufen, die vor der prächtigen und mauerumgürtelten Stadt Rothenburg ein Lager aufgeschlagen hatten. Concz trug die Sturmhaube wie fast allesamt, und die vierschrötige Brust hatte er mit einem rindsledernen Koller gegen Schläge und Hiebe geschützt. Er war Bauer und Spielmann zugleich und hatte schon im Dorf Tauberzell und im Markt Königshofen zu Fest und Kirchweih die Trommel gerührt.” Beide sind auf einem Holzschnitt von 1525 zu sehen, der von Hans Sebald Beham gefertigt wurde. In einem seltenen Fall ist die Landschaft bei Anton Schnack keine Idylle, sondern ein Schlachtfeld. Über den Tod von Klos Wuczer heißt es:

“Der ist nicht an der schrecklichen Mauer der Würzburger Festung gefallen. Er gehörte zu denen, die nach der mörderischen Schlacht bei Königshofen in den sumpfigen Tauberwiesen bei Lauda enthauptet wurden. Sein Blut wurde von der Tauber aufgenommen und in langer Reise zum Meere gebracht, zur großen Wasserwiege, wo Blut, Tränen, Regentropfen, Schweiß und Taugeglitzer sich zu einem ewig dauernden und gewaltigen Gesang, Brüllen und Weinen zugleich, vereinigen.”

Möglicherweise hat Anton Schnack bei dieser Rede an Winston Churchill gedacht. Die „Blut, Schweiß und Tränen“-Rede (auch kurz „Blut, Schweiß und Tränen“; engl. „Blood, sweat and tears“) bzw. „Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“-Rede (engl. „Blood, toil, tears, and sweat“) ist eine kurze Ansprache, die der britische Politiker Sir Winston Churchill am 13. Mai 1940 während des Zweiten Weltkrieges vor dem britischen Unterhaus hielt. 3

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Anton Schnack, Begegnungen am Abend, Stuttgart 1940 Darin: Küsse unterm Fliederbusch

“Da er wieder blüht, süßer und betörender scheint es mir als je, verführerisch und voll Wohlgeruch wie in jener Nacht, da der Mond schön und wie eine Kugel aus Bernstein mitten im meergrünen Himmel schwamm, fällt mir manches ein; es sind keine guten Erinnerungen, sie haben alle die Dunkelheit der Trauer und die Verklungenheit der Jugendtorheit.” ” Ohne Nachbarschaft lag das Haus meiner Mutter, und es stand frei und leuchtend in der Sonne. An den zwei anderen Hausseiten verwilderte üppig breitästiges Fliedergebüsch und dickes Jasmingesträuch. Es war eine seltsame Luft um das Haus, wenn die Bäume, der Garten und die großen Gesträuche blühten. Dann war es nicht gut, in diesem Haus zu wohnen; denn der honnigvolle, schwere Blütenatem kam wie eine unwiderstehliche Berauschung durch die Fenster, er kam durch die Türen, er wehte durch alle Zimmer mit einer aufreizenden Heftigkeit, und ich weiß, daß meine Mutter, die damals schon über vierzig war, heimlich weinte. Schwermut und unerklärliche Sehnsucht brannte der unwiderstehliche feurige Duft ins Blut.”

Die Angebetete heißt Graziella. “Nie hätte ich es dir gesagt, wenn du es nicht selbst gewesen wärest, die mit einer plötzlichen und unwiderstehlichen Kraft an mein Herz griff, die mir das bebende und heiße Wort selbst ins Blut warf.”  Der Flieder treibt zu Emotion und Offenbarung. “Niemals, hättest du das tun sollen, leichtsinnige Graziella, niemals, am wenigsten zu jener inbrünstigen Zeit der Fliederblüte, die wie ein glühendes Dickicht in den Gärten flammte und die Luft zu einem berauschenden Wein machte.”  Die Emotion nimmt noch zu: “Wir standen lange da unter der offenen Türe; es begann zu dämmern und wir standen da, es begann die Nacht einzufallen, und wir standen immer noch da, immer näher kamen wir uns, wie von einer unwiderstehlichen Zaubermacht zueinander hingezogen.” Doch es ist zu schön, um wahr zu sein. Der strenge Vater tritt dazwischen: “Aus der Dunkelheit schlug eine schattenhafte Hand mit einem Stock; der peitschende Schlag traf deine lustdurchbebte nackte Schulter, Graziella, schmergekrümmt sankst Du hin.. Ich sah deinen Vater und deinen dir aufgezwungenen und ungeliebten Bräutigam auf uns zuschreiten und dich aus meinen Armen reißen.” Zwangsheirat – heute ein viel beachtetes Thema- der Autor kannte es damals schon. “Weinend und widerstrebend sah ich dich, von der Hand des Vaters gehalten, die Treppe hinauf ins Haus gehen. Mit einem harten Schlage fiel die Türe zu. – Ich aber blieb auf der Bank unter dem Fliederbusche in einer dumpfen Trauer und wünschte, es möge die Nacht kein Ende nehmen und der Morgen nicht anbrechen.”

Soweit die Angst vor dem Tag und der ernüchternden Helligkeit. Die eher romantische Geschichte endet im grauen Alltag, in dem der Traum zerstoben ist. Man trachtet danach, in einem anderen Buch mit Fliederthema – z.B. Nora Roberts Fliedernächte- einen positiven Ausgang einer Liebesbeziehung unter einem Fliederbusch zu suchen.

Gandhi steht vom Gastmal auf, in: Begegnungen am Abend

“Gandhi, der vom Schicksal ausersehene Vorsitende des indischen Nationalkongresses und einflußreiche Führer eines Millionenvolkes, war noch nicht lange in England, als er von Lord A. auf Grund von Empfehlungen eine Einladung zum Diner erhielt.” Auch hier tritt schon die Problematik des Vegetarismus auf, Gandhi erinnert sich an drei Bitten seiner Mutter: “erstens keinen Wein zu trinken; denn der Wein verleite zum Rausch, verdunkle die Vernunft und trübe die geistige Klarheit – ferner keine Frau zu berühren; denn das Weib des Westens würde ihn vom göttichen Bewußtsein und der edlen Kraft der Reinheit weglocken und verderben, und drittens kein Fleisch zu essen; Fleischgenuß sei eine Sünde gegen das Leben und eine Glaubensverletzung und würde ihn von seinen Ahnen entfernen, die niemals Stoffe des Tieres aufgenommen und in sich verwandelt hätten.” Gandhi möchte vom Diener eine Auskunft erhalten, ob die angebotenen Speisen Fleisch enthalten. Lord A. mischt sich ein, weil er das Gespräch als ungebührlich empfindet. Er fragt Gandhi: ” Was haben Sie mit dem Diener oder was wünschen Sie? Sehen Sie denn nicht, daß Ihre Unterhaltung mit dem Bedienten die Abwicklung des Mahles und die Gespräche der Gäste stört!” Gandhi entgegnet: “Sir, ich möchte wissen, da es mir verboten ist, Fleisch zu essen, ob in diesen Pasteten…Fleisch enthalten ist?” Bei der Tischrunde stößt diese Haltung auf Unverständnis. “Gandhi war diesem englischen Hochmut- das fühlte er mit seiner wachen und überempfindlichen Stelle – ein komischer Kauz und eine gesellschaftliche Null geworden.” Der Lord kanzelt Gandhi  folgendermaßen ab: “Herr Gandhi … ich bin mit der ganzen Tafelrunde eines Sinnes; die Willkür und die Nichtverleugnung Ihrer Sonderwünsche sind eines Gentlemans unwürdig!” Das Erhabene spricht Schnack in dieser Erzählung Gandhi zu: “Er stand von der Tafel auf und verließ den Speisesaal, bis ins Innerste klar und gefaßt… Das höhnische Lächeln auf den Gesichtern der Lords und Lakaien fror zusammen, das spöttische Flüstern verstummte vor der undurchdringlichen Miene des Inders. Mit Gandhi ging ein unsichtbares, aber doch fühlbares Etwas, das nicht zu verletzen oder zu demütigen war.  Etwas Millionenhaftes, Dumpfes und Gewaltiges folgte ihm – das ganze unsichtbare indische Volk verließ mit ihm die Tafel englischer Gastfreundschaft.”

Gandhi ist der moralische Sieger gegenüber der Kolonialmacht. Erhabenheit ist übrigens nach Friedrich Schiller der Triumph des Sittlichen über das Sinnliche.

Anton Schnack, Der Bootsmaat Nikifor Begitschew, in: 24 neue deutsche Erzähler – Frühwerke der neuen Sachlichkeit, München 1973

“Er war ein untersetzter Bursche, von Kälte gerötet und von dem vielen Alleinsein schweigend gemacht, Er hatte ein kühles graues Auge und den Instinkt eines Tieres. Sein Gesicht war hoch und ungemein kühn. Er liebte Robbenfleisch, das Nordlicht, das Gleiten der Hundeschlitten und das Erzählen über den russischen General Koltschak.”  So beginnt Schnack seine Erzählung, die zur “Neuen Sachlichkeit” gerechnet wird. “Ende Mai des Jahes 1920 erreichte ihn beim Fallenreinigen die Nachricht der Sowjetunion, daß Amundsens ‘Maud’- Matrosen Peter Tessem und Paul Knudsen seit einem Jahre vermißt wären. Er möge nach ihnen suchen. Die Norweger hätten viel Geld gestiftet.” So hat Begitschew die Absicht, die beiden zu finden. In einer ersten Expedition findet er Knochen, ein Schulterblatt, Schädelstücke und Fingerglieder, aber keine Spur der Verschollenen. Bei einer zweiten Expedition findet er eine Leiche mit einer Taschenuhr, die Tessems Monogramm trägt. “Er begrub den Leichnam unter Steinen und deckte ein Flaggentuch mit dem Sowjetstern darüber.” Weiter heißt es: “Über dem Toten lag ein unerforschtes Geheimnis. Himmel und Schnee und das ewige Brausen des Meeres hatten über dieses Geheimnis ihre Schwermut gelegt.” Unheil deutet sich an. Nach seiner Rückkehr bricht er zu einer dritten Expedition auf. 1926 sollen Eis- und Silberfüchse gejagt werden.

 

“In seiner Begleitung war der Jäger Natalschenko, der einen Kopf größer war und weißblonde Haare hatte. … Diese Natalschenko war der Liebshaber von Begitschews Frau geworden.” 1927 brechen sie auf und finden Bärenspuren. Als die Spuren sich teilen kommt es zum Streit, der von Natalschenko gesucht wird. Begitschew wird von seinem Begleiter zu Boden geworfen – sein Knöchel ist ausgekugelt. “… er konnte nicht vom Boden auf und bat Natalschenko um Hilfe. Aber dieser schlug dem Gefallenen mit dem Ende seiner harten Stiefel auf den Schädel, bis er bewußtlos umsank. Er zog ihm den Mantel aus, riß ihm die Stiefel von den Füßen und ließ ihn liegen. Der Abend brach mit bitterer Kälte herein. Begitschew lag die Nacht durch. Begitschew lag am nächsten Tage noch auf der Erde und lebte. Sein Blut, das aus der gesprungenen Schädeldecke sickerte, fror an ihm fest. Die zweite Nacht kam, Begitschew lag immer noch und sein Herz schlug. Am dritten Tage, in der großen Morgendämmerung, starb er. Aus der Ferne stieg das Meerrauschen.Ein Eisbär kletterte über eine Felskippe und brummte furchtbar. Der Mörder warf Steine über den Toten, brach sein Zelt ab und traf nach drei Tagen die Gefährten. Ihnen sagte er, Nikifor sei am Skorbut gestorben …”

 

Als Motiv muss von Eifersucht ausgegangen werden, Natalschenko war früher Liebhaber von Begitschews Frau. Der Held der Erzählung ist der russische Polarforscher Nikifor Begitschew (1874–1927). Der Tod von Begitschew wird ohne Pathos und sachlich geschildert. Deshalb wird die Erzählung zur “Neuen Sachlichkeit” gerechnet. Ein Expressionist hätte möglicherweise noch eine fiebrige Vision in den Tod Begitschews gelegt, in der sein Sohn sein Wirken fortführt. “Neue Sachlichkeit bezeichnet eine Richtung der Literatur der Weimarer Republik, die sich nüchtern und realistisch vom Pathos des Expressionismus abgrenzt.” 4

Anton Schnack und die Politik

Eine Auseinandersetzung mit der Politik findet in seinen Werken äußerst selten statt.  Sein Name findet sich in einem Dokument, dem “Gelöbnis treuester Gefolgschaft” war ein Treuegelöbnis von 88 deutschen Schriftstellern und Dichtern für Adolf Hitler, das am 26. Oktober 1933 in der Vossischen Zeitung abgedruckt und von der Preußischen Akademie der Künste  in Berlin propagiert wurde. Es wurde gleichzeitig auch in anderen Zeitungen, wie der Frankfurter Zeitung, veröffentlicht. Eine Nähe zum Nationalsozialismus kann aus seinen Werken nicht herausgelesen werden. Er war kein erwünschter, aber ein geduldeter Schriftsteller. Einige Schriftsteller unterzeichneten nach einem Literaturkritiker nur, um ihre Verleger zu schützen. Möglicherweise wollte er von den Nazis in Ruhe gelassen werden. Auch meint der betreffende Literaturkritiker (Joseph Wulfl), daß Unterschriften auch ohne Wissen der Betroffenen zustande gekommen seien. Schnack meint dazu, er hätte keine Gelegenheit gehabt, dazu Stellung zu nehmen. Schon 1929 wurde er von der NSDAP- Ortsgruppe Aschaffenburg als “Schmutz- und Schunddichter” bezeichnet. Drohungen bewirkten, dass er eine Zeitlang nach Südfrankreich emigrierte. In einer Stellungnahme zu dem Vorgang  weist Schnack darauf hin, dass er eine liberale Reaktion zu diesen Vorgängen vergeblich versucht hat, in die Wege zu leiten. Nach einer mißliebigen Kritik 1942 wurden ihm keine Buchmanuskripte mehr genehmigt. Anfang 1944 musste er noch einmal in den Krieg, nach Kriegsende geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wurde aber bald wieder entlassen. Er ging nach Kahl und wohnte dort in der Spessartstraße 8. Als er unpolitischer Mensch neigte Anton Schnack offensichtlich dazu, in dieser Zeit nicht anzuecken, was sich darin niederschlug, dass es bis 1942 im “grossen und ganzen unbehelligt” blieb- nach eigener Einschätzung.

Kritiker werfen ihm noch vor, dass mehr als 50 Texte im “NS-Kampfblatt” Krakauer Zeitung, dem Blatt des Generalgouvernemnts erschienen sind. 7 Der mir vorliegende Text “Phantasien um Virginia” in der Lemberger Zeitung (Regionalausgabe der Krakauer Zeitung vom 12.4.1942)) ist allerdings unpolitischer Natur. Ein Widerstandskämpfer war er demnach allerdings auch nicht.

Seine Erlebnisse als Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg fanden Niederschlag in der Gedichtsammlung “Tier rang gewaltig mit Tier”, die 1920 im Rowohlt Verlag erschien. 1915 wurde er als Armierungssoldat in einem Feldartillerieregiment eingesetzt , das an die Westfront (Somme/Verdun) stationiert war. In diesen Gedichten beschreibt er Angst vor dem Tod, aber auch die Suche nach Gott. Beispiel: Nacht des 21. Februar

Schlaflos – Nacht, Riesin, hochgewölbt, verfinstert, schwarz, mit grüner Lichtschnur, seiden,

streifig, weich;

Manchmal ein Wolkenzug, zerrissen, abenteuerlich gebaut; manchmal ein Wind, ein
unbekannter, der

voll aus einem Winkel kam,

Scharf, kalt, mit toller Kraft … Wen griff in dieser tiefen, bitterlichen Nacht nicht Heimweh und,

ach, das Wunder einer großen Scham? –

Ich stieg heraus an Fenster, grün, voll Schmutz, Spinnweben, Staub; und fand die Nacht den andern

Winternächten gleich.

Und fand sie weiß, voll Rausch und Röte, voll Blitz, weither, aufzuckend, hell; und fand sie voll

Erschütterung, gewaltger Not,

Voll Lärm der Pferde, Rauschen, Brüllen, voll einer Stunde Trommelfeuer (sehr wunderbar zu hören),

dumpfrolend, dunkel, traurig, mächtig.

Ich, tief erschüttert, wortlos, betend, gerüttelt von der Qual, die fern hochwuchs in Schutt und Schnee,

ich sah die Sterne an, ganz seltne, sie waren gelb und prächtig,

Ich sah ins Firmament, es war gewölbt, gewaltig, aufgespannt, ich sah in seine Tiefe, geöffnet,

grundlos, ganz verspritzt mit fabelhaftem Rot.

Ich sah mich sein: tierhaft besorgt, voll Angst, daß er mich würfe, der Tod, mit einem Stein ins

Antlitz, das einst roch Nächte, süßlich, südlich, heiß,

Das einst gebräunt war, schön und dunkel; ich sah mich sein: veraltet, übermüdet, fröstelnd, ein

abendlicher  Mensch, bereit zum Weinen,

Bereit zu gehen mit durchbohrtem Herz in samtne Stille, unbekanntes Land, bereit mich zu verlieren,

achtlos, traurig matt,

Zu altem Zeug, Gerümpel, Tand, zermürbt, verstaubt, vernagt, in eine Ecke, lichtlos, dämmrig, wo

junge Ratten wispern scharf und leis

Wo Rauch war dick und trüb, verflattert, aufgeballt, gewöhnlich, grau, vermufft; wo riesenhafte

Käfer grün glühten unter moosbezogenen Steinen;

Ich sah mich sein: ein Ding, verloren dem Gesetz der Unerbittlichkeit, dem Ruf des Todes, bös

geworfen an die Fenster; ich sah mich überdrüssig, steif und aller Abenteuer satt.

 

So kann man hier getrost feststellen, dass das Kriegserlebnis bis auf den Grund aufwühlt, extrem Ängste hervorruft und die Einsamkeit des Menschen verdeutlicht. Was ich in den Gedichten Anton Schnacks zum Ersten Weltkriegs vermisse, ist die Frage, ob es nicht auch anders geht,  ob es schicksalhaft vorgegeben ist, aus nationalistischen Gründen jahrelang sich das Leben auszublasen. Und psychisch für immer von diesem Schrecken traumatisiert zu sein. Dieser Frage ist Kurt Tucholsky in seinem Gedicht “Der Graben” von 1926 nachgegangen.

Mutter, wozu hast du deinen Sohn aufgezogen?
Hast dich zwanzig’ Jahr mit ihm gequält?
Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,
und du hast ihm leise was erzählt?
Bis sie ihn dir weggenommen haben.
Für den Graben, Mutter, für den Graben.

Junge, kannst du noch an Vater denken?
Vater nahm dich oft auf seinen Arm.
Und er wollt dir einen Groschen schenken,
und er spielte mit dir Räuber und Gendarm.
Bis sie ihn dir weggenommen haben.
Für den Graben, Junge, für den Graben.

Drüben die französischen Genossen
lagen dicht bei Englands Arbeitsmann.
Alle haben sie ihr Blut vergossen,
und zerschossen ruht heut Mann bei Mann.
Alte Leute, Männer, mancher Knabe
in dem einen großen Massengrabe.

Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!
Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!
In die Gräben schickten euch die Junker,
Staatswahn und der Fabrikantenneid.
Ihr wart gut genug zum Fraß für Raben,
für das Grab, Kameraden, für den Graben!

Werft die Fahnen fort!
Die Militärkapellen spielen auf zu euerm Todestanz.
Seid ihr hin: ein Kranz von Immortellen –
das ist dann der Dank des Vaterlands.

Denkt an Todesröcheln und Gestöhne.
Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,
schuften schwer, wie ihr, ums bißchen Leben.
Wollt ihr denen nicht die Hände geben?
Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
übern Graben, Leute, übern Graben –

Leider ist in Schnacks Werk keine politische Einschätzung des Ersten Weltkrieges zu finden. Das Politische blieb im weitgehend fremd. Das meint auch der Rezensent Rolf-Bernhard Essig in der Süddeutschen Zeitung vom 27.04.2004 –  das Politische sei nach dem Ersten Weltkrieg bei Schnack nicht mehr präsent gewesen. Um so mehr die Wunderwelt der Natur und der alltäglichen Dinge, die in den seltensten Fällen bieder daher komme. In einem Werk zum Expressionismus meint ein Rezensent zur Lyrik Anton Schnacks: “A. Schnack beispielsweise zielt in ‘Tier rang gewaltig mit Tier’ die ‘gewaltge Not’ der Frontnächte mit (34), eine Not, die ‘zu groß ward’ und zu Gebeten, ‘ungewollt, verworrsen, stockend, müde’, führte (‘Im Graben’, ebd., 39); es ist die Rede von der ‘Not der Erde’ im Kriege (49) und – im Gedicht ‘Flucht’- von einem ‘Notgeschrei’, in dem eine Stirn lautlos untergeht (71).” 8

 

Lebensdaten

Am 21. Juli wird 1892 Johann Anton Schnack als drittes Kind des GendarmeriestationsKommandanten und späteren Gerichtsvollziehers Hermann Schnack (1853-1913) und dessen Frau Elisabeth (Elise) geb. Faik (1855-1943) im unterfränkischenRieneck an der Sinn geboren. Seine Geschwister sind Eugenie (1886-1978) und Friedrich (1888-1977), der später ebenfalls Schriftsteller wird. 9

Im Gegensatz zu Anton wird Friedrich in den meisten Literaturgeschichten heute noch erwähnt. Zwei von Anton Schnacks Gedichten sind allerdings in der Anthologie Gedichte des Expressionismus ,Hrsg. Dietrich Bode, Stuttgart 2001, nachzulesen. Dort läuft er unter der Rubrik “Süddeutscher Ton”.

Um 1895 zieht die Familie nach Dettelbach um, wohin der Vater dienstlich versetztwird. 1899 besucht Anton die Volksschule in Dettelbach. Um1900 zieht Familie nach Kronach um, 1903 nach Hammelburg. 1905 besucht er des Progymnasiums in Hammelburg. Im Juli 1911 schließt er das Progymnasium ab.

1912 arbeitet er in Emmerich, an der holländischen Grenze bals Redaktionsvolontär beim Boten vom Niederrhein. In Halberstadt/Harz arbeitet er 1913 als Hilfsredakteur bei der Halberstädter Allgemeinen Zeitung. In diesem Jahr beginnt er ein Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität München.

1914 arbeitet er in Bozen arbeitet er bis zum Kriegsausbruch als Hilfsredakteur beim Bozner Tagblatt. Er kehrt nach Deutschland zurück und  begibt sich nach Haßfurt, wo seine Mutter bei ihrer verheirateten Tochter Eugenie wohnt.

1915 zieht die Mutter ins elterliche Anwesen nach Alzenau in Unterfranken
um; Anton Schnack begleitet sie. Er arbeitet im Kahltal-Boten mit. Im November wird er zum Kriegsdienst einberufen. Er dient als Armierungs-
soldat in  einem Feldartillerieregiment, das an die Westfront (Somme/Verdun) geschickt wird. Vorher im August erscheint sein erstes expressionistisches Gedicht.

1916 beendete eine Verletzung beim Entladen von Munition Ende Februar
seinen Kriegsdienst.

1917 wird er beim Kommunalverband Alzenau als Mühlen- und Lebensmittelkontrolleur dienstverpflichtet

Ab Oktober 1918 (bis 1920) arbeitet Schnack in Darmstadt als Feuilleton-redakteur undTheaterkritiker der Darmstädter Zeitung. Er publiziert Gedichte in expressionistischen Zeitschriften.

Im Mai 1919 erscheint Schnacks Gedichtband Strophen der Gier. Im Herbst veröffentlicht er die Gedichtbände Der Abenteurer und Die tausend Gelächter.

Im Frühjahr 1920 erscheint der Gedichtband Tier rang gewaltig mit Tier. 1000 Exemplare gab es in einer nummerierten Auflage. Ab Oktober wurde er Feuilletonredakteur und Theaterkritiker der Neuen Badischen Landes-Zeitung in Mannheim. Seine Tätigkeit dort endete
1925.

Im Frühjahr 1921 erhielt er den Preis der Deutschen Schillerstiftung.

Am 24. Oktober 1924 heiratet er Maria Glöckler 1924 (1901-1978).

1925 begibt er sich auf Auslandsreisen: Er hält sich in Malcesine am Gardasee auf. Dort wohnt sein Freund Ossip Kalenter.

Im Mai 1926 reist er aus Italien ab; er besucht Zoppot und Bohnsack bei Danzig.

1927 hält er sich mehrere Monate in Dalmatien auf, in Ragusa (Dubrovnik). Schnack arbeitet ab September wieder als Feuilletonredakteur und Theaterkritiker bei der Neuen Badischen Landes-Zeitung. (bis 1929)

1929 hält er sich in Südfrankreich (Marseille und Le Lavandou) auf.

1930 wohnt Schnack  mit seiner Frau als freier Schriftsteller in Herrsching am Ammersee.

1931 zieht er nach Prien am Chiemsee um.

1933 wohnt er in Berchtesgaden (bis 1937). Er wird in einer Stellungnahme
von Hitler-Unterstützern geführt. Gelöbnis treuester Gefolgschaft war ein Treuegelöbnis von 88 deutschen Schriftstellern  und Dichtern für Adolf Hitler, das am 26. Oktober 1933 in der Vossischen Zeitung abgedruckt  und von der Preußischen Akademie der Künste in Berlin propagiert wurde. Es wurde gleichzeitig auch in anderen Zeitungen, wie der Frankfurter Zeitung,  veröffentlicht, um eine möglichst weite Verbreitung zu erreichen. Nummer 69 und 70  auf der Liste waren Anton Schnack (1892–1973) und Friedrich Schnack (1888–1977).A. Schnack berichtet  später, er habe keine Gelegenheit gehabt, “dazu Stellung zu nehmen”.

1934 erscheint das Prosabändchen Kalender-Kantate. Er weilt auf der Ostseeinsel Oie, wo Schnacks Roman Zugvögel der Liebe entsteht.

1935 erscheinen die Bände Die fünfzehn Abenteurer. Lebensläufe und Schicksale und die Prosasammlung Kleines Lesebuch. Er erhält den Lyrikerpreis der Zeitschrift Die Dame.

1936 folgen der Gedichtband Die Flaschenpost, der Band Die Verstoßenen. Zwei Erzählungen sowie der Roman Zugvögel der Liebe.

Von 1937 bis 1943 wohnt er  in Frankfurt am Main. Der Roman Der finstere Franz und die Prosasammlung Der gute Nachmittagerscheinen.

1938 erscheint die Prosasammlung Die bunte Hauspostille.

1940 folgt die Prosasammlung Begegnungen am Abend.

1941 erscheint der Prosaband Jugendlegende.

1942 setzt er sich mit dem Schriftsteller Erich Ebermayer (1900 bis 1970) über den Roman Unter anderem Himmel auseinander. Ebermayer hatte zum
Dritten Reich ein etwas schillerndes Verhältnis. Ab 1. September wird er Redakteur bei der Societäts-Druckerei in Frankfurt am Main

1943 Am 1. August stirbt Schnacks Mutter in Burghausen (Oberbayern) Ende des Jahres beendet er seine Tätigkeit bei der Societäts-Druckerei.

1944 Im Februar wird er zum Kriegsdienst als ‚Landesschütze‘ einberufen.

1945 gerät Schnack in amerikanische Kriegsgefangenschaft; nach seiner Entlassung  geht Schnack nach Kahl am Main, wo er mit seiner Frau bis zu seinem Tod im Anwesen der Schwiegereltern, Spessartstraße 8, wohnen wird.

1946 erscheinen die Prosasammlung Die Angel des Robinson sowie die Bände Arabesken um das ABC und Mädchenmedaillons erscheinen.

1947 folgt der Gedichtband Der Annoncenleser.

1948 liegt der Gedichtband Mittagswein vor. Darin

Herbstliche Nacht

Wind, Regen, Nebel. Alles liegt in Trauer.

Wer sinnt die Tiefe dieses Dunkels aus?

Breit ist die Nacht. Verloren steht das Haus.

Du horchst am Fenster, Grübelnder auf Lauer.

Wer sinnt, geht irre. Wer träumt, versteinert.

Musik von Geigen macht die Nacht nicht mild.

Ich habe dich, durchseligt und verfeinert,

Ich habe dich, Geliebte, Traumstück, Bild…

Wind rauscht im Garten. Dunkel bricht das Holz.

Die Uhren rollen plötzlich ihren Schlag.

Das Licht war Gnade, bis es niederschmolz.

Die Nacht ist lange. Weit der bleiche Tag.

Ans Fenster fällt der schwere Regenbruch.

Ein wunderbarer Schlaf kommt plötzlich her.

Der Garten brütet Moder und Geruch.

Dann wird es stille. Keiner atmet mehr 10

1949 Der Prosaband Phantastische Geographie, mit zehn Zeichnungen von Alfred Kubin, erscheint.

1951 Der Band Das Fränkische Jahr erscheint.

1953 Der Band „Jene Dame, welche…“ Gedichte zu kleinen Anzeigen erscheint.

1954 Der Band Buchstabenspiel sowie Die Reise aus Sehnsucht. Zwei Erzählungen erscheinen. Auszug aus Buchstaben Spiel: “Der französische Dichter Rimbaud sagt von A, daß es schwarz sei. A ist nicht schwarz. Der erste Buchstabe kann nicht schwarz sein – er ist weiß und tadellos” 11 Da nicht jeder Mensch bei Buchstaben Assoziationen hat, dürfte es manchem schwer fallen, die Schnackschen zu verstehen.

1956 erscheint Flirt mit dem Alltag (Auszüge des Textes oben)

1957 erscheint das Brevier der Zärtlichkeit (Textauszüge oben) Schnack erhält die Ehrennadel der Stadt Alzenau.

1959 erhät Schnack die Ehrengabe der Hermann-Hesse-Stiftung der Deutschen Kultusministerkonferenz.

1961 erscheint das Werk Schöne Mädchennamen.

1964 wird ihm die Bürgermedaille der Stadt Hammelburg verliehen. Zudem erscheint der Band Weinfahrt durch Franken.

1965 kommt die bibliophile Neuveröffentlichung des Prosastücks Geräusche, Klänge, Laute, die ich liebe, heraus

1968 erhält Schnack den Bayerischen Poetentaler.

1973 stirbt er nach einem Schwächeanfall, der eine längere Aufnahme in die Hanauer Klinik erfordert, am 26. September an den Folgen einer Herzschwäche in Kahl; er wird auf dem dortigen Friedhof begraben.

Im Jahre 1973 wurde er für den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland vorgeschlagen.

2003 Eine Stele für den Heimatdichter Anton Schnack wird eingeweiht

2013 Ein alter Springbrunnen, ein Pavillon – in Nachbarschaft zu einem verwitterten  Pool (dem wahrscheinlich ersten in Kahl) – in diesem Umfeld im Schnackpark wurde am 14.Juni ein Gedenkstein für den Schriftsteller Anton Schnack enthüllt. 12

 

Anton Schnack Gedenkstein

Foto: Bernhard Schmitt

Foto: Bernhard Schmitt

Fußnoten

Kahl hat gegenwärtig etwa 7.400 Einwohner, in den 50er Jahren waren es weniger. 1958 waren es 6.000

2 Die Aussage ist nicht verbürgt, sondern eine Art dichterische Freiheit des Autors C.S.

3 http://de.wikipedia.org/wiki/Blut-Schwei%C3%9F-und-Tr%C3%A4nen-Rede

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_%28Literatur%29

5 Vgl. “Kleine Glückseligkeiten, Bruchstücke aus einer paradiesischen Welt”, Zu Leben und Werken Anton Schnacks. Nachwort von Hartmut Vollmer, in: Anton Schnack, Werke in zwei Bänden, Band 1 – Lyrik, Berlin 2003, S. 458

6 Vgl. ebd.

7 Vgl .Ernst Klee, Kulturlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2009, S. 483 und Main-Post vom 12.10.2011 (Björn Kohlhepp)

8 Wolfgang Rothe, Der Expressionismus: theologische, soziologische und anthropologische Aspekte einer Literatur, Frankfurt am Main 1977, S.89

9 Vgl. Hartmut Vollmer S 474 ff.

10 Die Zeit, 1.12.1949

11 Anton Schnack, Buchstaben Spiel, Stuttgart 1956, S.7

12  Main-Echo 22.5.2013

Literatur

Anton Schnack, Flirt mit dem Alltag (Zeichnungen von Max Schwimmer), Frankfurt am Main 1956

Anton Schnack (Zeichnungen von Trix), Brevier der Zärtlichkeit,
Frankfurt am Main 1957

Anton Schnack, Die Angel des Robinson, München 1946 (Desch Verlag)

Anton Schnack, Begegnungen am Abend, Stuttgart 1940

Anton Schnack, Der Bootsmaat Nikifor Begitschew, in: 24 neue deutsche
Erzähler – Frühwerke der neuen Sachlichkeit, München 1973

Anton Schnack, Tier rang gewaltig mit Tier, Berlin 1920 (Rowohlt Verlag)

http://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Schnack

Anton Schnack, Werke in zwei Bänden, Elfenbein Verlag, Berlin 2003

Anton Schnack, Buchstaben Spiel, Stuttgart 1956 (Reclam Verlag)

Süddeutsche Zeitung, 27.04.2004, Rezension von Rolf-Bernhard Essig

http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_%28Literatur%29

http://de.wikipedia.org/wiki/Gel%C3%B6bnis_treuester_Gefolgschaft

Main-Echo 22.5.2013 Gedenkveranstaltung:  Die Kahler Artur Glöckler
GmbH erinnert am 14. Juni an Schriftsteller Anton Schnack

Main-Echo 18.06.2013  Eine Ehrensache -Gedenkveranstaltung: Die Kahler erinnern sich an »ihren« Schriftsteller Anton Schnack

Main-Post 12.10.2011 Björn Kohlhepp
Walter Bloem und die Brüder Schnack: Rienecks Dichter und die NazisBraune Vergangenheit: Welche Rolle spielten Walter Bloem und die Brüder Schnack in der Nazizeit?

Wolfgang Rothe, Der Expressionismus: theologische, soziologische und anthropologische Aspekte einer Literatur, Frankfurt am Main 1977

http://www.zeit.de/1949/48/herbstliche-nacht

FAZ (Rhein-Main-Zeitung) vom 12.09.2003 – Stele für Heimatdichter Anton Schnack

Ernst Klee, Kulturlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2009

Gedichte des Expressionismus ,Hrsg. Dietrich Bode, Stuttgart 2001

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Sophie Benning, Das Leben ist ein Kitschroman, Bindach 2011

Charlotte ist verliebt in den Tierarzt Carsten, der sie aber mit einer anderen betrügt. “Das ist alles ein missverständnis, Charli”*, stotterte Carsten. “I-ich kann dir das alles erklären und ….”
“Was kannst du erklären?” Seine Freundin stemmte beide Hände in die Seite und sah ihn wütend an.
“Das ist ganz einfach: Wenn Sie nicht da sind, hat dieser nette Tierarzt eine andere Freundin.” Mechthild legte mir eine Hand auf den Rücken.”Dann macht er sich an unserer Scharlodde ran.
Bis Sie wieder hier auftauchen. Dann serviert er sie mit dämlichen Ausreden ab, aber wie wir gerade sehen, kann das ganz schön ins Auge gehen.” “Viellaicht sollte er sainen Namen ändern…” Olga deutete mit dem Zeigefinger auf Carsten. “Denn är ihst kain toller Hächt, sondern
sondern aine miese Rahte. “Carsten?!” Die Stimme der Blondine wurde schrill. “Stimmt das?
Hast du was mit dieser Frau?” “Na ja…” Carsten wand sich.”Haben ist víelleicht etwas übertrieben.
Wir sind mal zum Essen gegangen und…” Vorlauf der Heldin Charlotte: Kein Sex. Und das schon seit unvorstellbaren zehn Monaten. So lange hat sich Charlotte auf  ihr Examen vorbereitet.
Und jetzt steht sie vor einer langweiligen Karriere in der Kanzlei von Dr. Krause.Hierauf hat sie wenig Lust. Der Umzug in die von den Eltern vorgesehene Eigentumswohnung steht zudem bevor.

Carsten entpuppt sich vorher schon als betont unseriöser Liebhaber bei unvorhergesehenen Situationen. Bei einem Lokalbesuch mit seiner Charlotte kommen plötzlich zwei hübsche Frauen durch die Tür. Er entblödet sich nicht, unter dem Tisch zu verschwinden.

“Ein Krampf”, stöhnte er und versuchte das Bein zu strecken. “Oh verdammt, tut das weh!”
“Vielleicht solltest du lieber versuchen aufzustehen, Bei mir hilft das immer. ” Carsten schüttelte den Kopf.”Lass mal. Ist sicher gleich vorüber.” Also tauchte ich wieder auf. Gerade rechtzeitig, um dem verduzten Kellner zu versichern, dass das Essen wunderbar gewesen sei und mein Begleiter noch lebe… Soweit Sophie Benning.

Und die Moral von der Geschichte: Männer, die beim Auftreten von Frauen in Restaurants unter dem Tisch verschwinden, um einen Krampf zu therapieren, handeln unglaubwürdig. Sie haben etwas zu verbergen. Einen Krampf behebt man, indem man mit dem besagten Bein auftritt und sich erhebt. Dann löst sich der Krampf schnell wieder.

Frau Benning weist den Weg, wie man heuchelnde Männer entlarven kann. Das Buch ist insofern wegweisend für Frauen und Männer. Charlotte will alles aufschreiben und an eine Frauenzeitschrift
versenden. Besser als eine Stellung bei Dr. Krause.

* Abkürzung für Charlotte

 

Marie Louise Allison – Also bin ich froh

Die Ich-Erzählerin Jennifer M. Wilson – das “M” steht für Mercy und bedeutet möglicherweise Gnade – arbeitet als Sprecherinbeim Rundfunk und in der Werbung. Sie erinnert sich, dass ihre Eltern – ihre Mutter war die zweite Frau ihres Vaters – ständig vor ihren Augen übereinander herfielen in sexueller Absicht. Macht man das? Warum konnten sie sich nicht beherrschen? Das hatte  ihr Angst eingejagt, solange sie noch klein war. Sie begriff nicht, was die beiden da machten. Während Jennifer noch zur Schule ging, kamen ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall um. 1993 taucht in Glasgow der französische Dichter Cyrano de Bergerac auf , der im 17. Jahrhundert (1655) schon gestorben ist. Die Frage bei einen Toten, genannt hier Savinien, der wieder lebend auftaucht, ist, ob der abstruse Grad einer Handlung nicht zu groß ist, um sich darauf einzulassen. Vorher war die Beziehung mit Steven gescheitert. Kann man so ein Buch ernst nehmen? Muss man es zur Seite legen? Der Leser ist unschlüssig. Kann man vom Abstrusen leben? Der Tod des Protagonisten: „Ich sah, wie er sich auf den Hacken wiegte, taumelte und dann sacht nach vorn fiel. Wie Wasser, das sich teilt, nahmen die Steine ihn auf, und nichts war mehr. … Seine Kleider, noch warm, erfüllt von seinem lebendigen Geruch.“ Zum Schluss noch etwas Tröstliches: „Jetzt kann ich Arthur aus meinem Schlafzimmerfenster sehen. Er hüpft neben seinem Fahrrad , dann in den Sattel und ist weg. Jetzt ist also niemand mehr hier. Ich werde es vermissen und ich werde Savinien vermissen, und ich werde froh sein.“ Das ist wirklich erhellend.

 

Veröffentlicht 24. März 2014 von schauerchristian in Betrachtungen zur Literatur

Nazis in Argentinien, Die Zeit der Schuldlosen, Opfer der Pflicht

Nazis in Argentinien, Die Zeit der Schuldlosen, Opfer der Pflicht

Peter Z. Malkin, Ich jagte Eichmann. Der Bericht des israelischen Geheimagenten, der den Organisator der „Endlösung“ gefangennahm, Müchen 1990 (Piper Verlag)

Peter Malkin (1927 bis 2005) nimmt als israelischer Agent Eichmann im Mai 1960 in Buenos Aires gefangen. Immer wieder sucht er das Gespräch mit ihm.

„Nachdem wir erst einmal angefangen hatten, dauerte es nicht lange, bis wir zum Kern kamen.

‚Wie ist es dazu gekommen?‘ fragte ich.’Wie kam es, daß Sie das getan haben?‘

Eichmann schien nicht im mindesten überrascht zu sein. ‚Es war ein Auftrag‘, sagte er gleichmütig.’Ich mußte den Auftrag erfüllen.‘

‚Nur ein Auftrag?‘

Er zögerte, vielleicht irritierte ihn meine Reaktion. ‚Sie müssen mir glauben, es war nichts, was ich geplant hatte oder mir ausgesucht hätte.‘

‚Aber warum Sie? Sagen Sie mir genau, wie es dazu gekommen ist.‘

So erzählte er mir die Geschichte seines frühen Aufstiegs in der SS, schilderte, wie er am Anfang todlangweilige Aufgaben bekam und deshalb begeistert die Gelegenheit ergriff, für das neue ‚Jüdische Museum‘ zu arbeiten, das im Hauptquartier aufgebaut wurde.

Ich merkte bald, daß Eichmann gern redete, vor allem über sich, und daß er einen scharfen Verstand hatte. Obwohl sein Ton respektvoll, manchmal geradezu servil war, ein gehorsames Kind, das einen guten Eindruck machen will, war er auch gerissen. Er wußte genau, wie er sich mit gegenüber verhalten mußte. Ich war vermutlich der erste Mensch, vor dem er sich rechtfertigen wollte- ganz bestimmt der erste Jude-, und doch ging er dabei mit kalter Gelassenheit vor. Er war scheinbar aufrichtig, frisierte aber manches zu seinem Vorteil und wies jede Verantwortung von sich, auch wenn er die Fakten in allen Einzelheiten bestätigte.

Die Dinge, meinte er, seien außer Kontrolle geraten. Aber das sei am Anfang nicht beabsichtigt gewesen, weder von seinen unmittelbaren Vorgesetzten noch von ihm. Er habe vom Büro aus gearbeitet und sich immer für Mäßigung ausgesprochen. Aber er sei Soldat gewesen- darauf war er ungeheuer stolz-, und ein Soldat sei nie auf sich allein gestellt. Wenn diejenigen an der Spitze Entscheidungen trafen und Befehle gaben, mußte gehorcht werden. Das war Pflicht. Nur das erkannte er als seine Verantwortung an.

Während ich ihm zuhörte, spürte ich, daß es nicht so leicht war, wie ich dachte, stichhaltige Antworten zu geben. Ich hatte geglaubt, er werde defensiv sein, er werde zumindest Reue vortäuschen. Statt dessen redete er, als ob er in jenen Jahren Buchhalter in einem Lebensmittelgeschäft gewesen wäre. …

‚Sie müssen mir glauben‘, fügte er plötzlich hinzu.’Ich hatte nichts gegen Juden.‘

‚Warum sind Sie dann überhaupt zur SS gegangen? Deren Ideologie war schließlich kein Geheimnis.‘

‚Aber ich stand damit nicht allein. Alle wußten, daß sich in Deutschland etwas ändern mußte; es war nur die Frage, in welcher Form. Die Zeiten waren schrecklich. Ich hatte Arbeit, habe in Oberösterreich Benzin verkauft, und für mich war die Lage nicht so schlimm. Es war eine der schönsten Gegenden der Erde. Die herrlichen Bergwälder hoben jeden Tag meine Stimmung. Aber der Mensch lebt nicht für sich allein. Hitler war der einzige, der das Volk gegen die Kommunisten vereinigen konnte. Er brachte die Hoffnung auf Arbeit und Brot. Ich gebe es offen zu; ich war so mitgerissen wie alle anderen.’”

Adolf Eichmann

Adolf Eichmann

Eugène Ionesco, Opfer der Pflicht, Frankfurt am Main 1961 (Fischer Verlag)

Gegen Ende dieses Einakters bohrt ein Dichter namens Nikolaus Zwei einem Polizisten das Messer in die Brust, und eine dabeistehende Frau ruft „Hör doch auf“.

Choubert: Ich bin ein Opfer der Pflicht

Nikolaus : Ich auch

Madeleine : Wir alle sind Opfer der Pflicht! Zu Choubert: Kauen

(S. 74)

Die Entzauberung des Herrenmenschen

„Ich führte ihn in die etwa sechs Meter entfernte Toilette,zog die Schlafanzughose herunter und half ihm, sich zu setzen. Ich ließ die Tür angelehnt und ging ein paar Schritte weg.

Eine Minute verstrich. Dann noch eine.

‚Darf ich anfangen?‘ rief Eichmann.

Ich fing Uzis Blick auf und mußte mich körperlich anstrengen, damit ich nicht herausplatzte.

‚Jawohl!‘ kommandierte ich. ‚Sie können anfangen.‘

Das Verdauungssystem des Mannes mußte in einer fürchterlichen Verfassung gewesen sein.Es folgten Geräusche, die der Phantasie Hohn sprachen. Und nach jedem Furz und jedem langwierigen Gurgeln, nach jedem Ächzer und jedem qualvollen Schnauben entschuldigte er sich. Die Entschuldigungen wurden immer lauter, genau wie die Geräusche, bis es klang, als wende er sich an ein ganzes Bataillon.

‚Entschuldigen Sie.‘

Als wir hörten, wie es eskalierte -Furz, ‚entschuldigen Sie‘; Furz, ‚Entschuldigen Sie‘; Furz, ‚Entschuldigen Sie‘-, konnte Uzi sich nicht mehr zurückhalten. Mein Freund hielt sich den Bauch und stolperte rückwärts ins Wohnzimmer, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Ich versuchte, diskret zu sein, wenn ich schon nicht höflich sein konnte, und biß mir im vergeblichen Versuch, einen Lachanfall zu unterdrücken, auf die Unterlippe.

Aber falls Eichmann etwas davon merkte, falls er überhaupt verstand, daß irgend jemand die Szene komisch finden konnte, ließ er es sich nicht anmerken. Es dauerte weitere zehn Minuten, bis er endlich erklärte, er sei fertig, und um Erlaubnis bat, sich abwischen zu dürfen.“ (S. 239 f.)

Raul Hilberg, Sonderzüge nach Auschwitz, Berlin 1987

Wer sich auch nach Argentinien absetzte, war der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Albert Ganzenmüller, seit 1942 für den Schienenverkehr zuständig. Er gehörte seit 1931 der NSDAP an, war SA-Brigadeführer und Träger des Goldenen Parteiabzeichens. Ganzenmüller floh aus der Internierung nach Argentinien und wurde beratender Ingenieur der argentinischen Staatsbahn. Im Frühsommer 1952 kehrte er in die Bundesrepublik zurück, seit Juli 1952 war er in Diensten der Hoesch AG.

Obwohl er Staatssekretär war, wusste er angeblich nichts davon, dass die Menschen in den Viehwaggons in den Tod fuhren. Ganzenmüller war bereits 1964 im Treblinka-Prozess in Düsseldorf schwer belastet worden.Im April 1973 musste sich Ganzenmüller wegen Beihilfe zum Mord an mehr als einer Million Juden vor dem Schwurgericht in Düsseldorf verantworten. Auf Veranlassung von Reichsführer der SS. Heinrich Himmler, soll er Eisenbahnzüge bereitgestellt haben, mit denen von Juli 1942 bis Herbst 1944 mehr als eine halbe Million Juden in die Vernichtungslager Treblinka, Belcec, Sobibor, Auschwitz und Lublin transportiert wurden.

Über die Vernehmung von Ganzenmüller berichtete die Stuttgarter Zeitung ausführlich am 26. April 1973.

Vorsitzender Richter Legde:“Herr Dr. Ganzenmüller, was war Ihnen als Staatssekretär über die Pläne und Absichten der Reichsregierung bekannt, die Angehörigen der jüdischen Rasse in Europa zu vernichten?“

Ganzenmüller: „Ich hatte nie davon gehört, daß man die Juden vernichten will. Erst nach dem Kriege erfuhr ich es.“

Richter: „Hatten Sie denn nicht die Führer-Rede im Reichstag 1939 gehört?“

Ganzenmüller: „Nein.“

Richter: „Haben Sie den Stürmer gelesen?“

Ganzenmüller: „Nein, ich war viel zu sehr mit Arbeit überhäuft.“

Richter:“Und die Goebbels-Rede 1943 im Berliner Sportpalast, wo Goebbels offiziell von der ‚Ausrottung der Juden‘ sprach?“

Ganzenmüller:“Auch da war ich nicht dabei.“

Richter: „Wann hatten Sie erstmals den Ruf ‚Deutschland erwache – Juda verrecke‘ gehört?“

Ganzenmüller: „Nie.“

Keiner von ihnen ist an der Hitler-Katastrophe unmittelbar ’schuldig’“ meinte Hermann Broch in seinem Roman „Die Schuldlosen“. Die Gestalten seien unpolitisch – sie wissen von nichts. „Trotzdem ist gerade das der Geistes- und Seelenzustand, aus dem – und so geschah es ja – das Nazitum seine eigentlichen Kräfte gewonnen hat. Politische Gleichgültigkeit nämlich ist ethischer Perversion recht nah verwandt.“

Richter: „Im Herbst 1941 waren Sie längere Zeit in der Ukraine, in Poltawa. Dort wurden am 23. November 1538 Juden erschossen. Anschließend hingen entsprechende Plakate in den Straßen Poltawas aus. Was hörten und sahen Sie davon?“

Ganzenmüller: „Nichts … ich war in jedem Fall so weit weg, daß ich nichts gehört und nichts gesehen hatte. Die Front war damals ja 30 bis 40 Kilometer entfernt. Den Kanonendonner konnte man nicht hören.“

Richter: „Sind Ihnen dort die gelben Sterne aufgefallen, die Kennzeichen der Juden also?“

Ganzenmüller: „Nein, gelbe Sterne habe ich nie gesehen.“

Richter: „Am 16. Juli 1942 wurden Sie von SS-Obergruppenführer Wolff aus dem persönlichen Stab Himmlers angerufen und gebeten, Züge für den Abtransport der Juden in die Vernichtungslager bereitzustellen. Wie reagierten Sie?“

Ganzenmüller: „Wenn da ein General der Waffen-SS anrief, so werde ich mutmaßlich gedacht haben, muß es sich wohl um militärische Dinge handeln. Ich werde das Telefonat also an die Abteilung ‚Landesverteidigung‘ weitergegeben haben. Eine exakte Erinnerung habe ich allerdings nicht mehr… Im übrigen war ein Zug täglich von so geringer Bedeutung, daß ich nicht hätte eingeschaltet werden brauchen. SS-Obergruppenführer Wolff hatte sich da offensichtlich vertan. Mit so minimalen Dingen war ich nicht beschäftigt …“

Richter: „Ihr Geheimschreiben vom 28.Juli 1942 … an Himmlers Stab, demzufolge ab 22.Juli täglich ein Zug mit 5000 Juden nach Treblinka rollte und zweimal wöchentlich ein weiterer Zug in das Vernichtungslager Belzec, trägt aber Ihre Unterschrift. Ist sie echt?“

Ganzenmüller:“Ja. Das ist meine Unterschrift … aber ich hatte dem Vorgang keine Beachtung geschenkt … ich war so überlastet mit Arbeit, daß die Grenzen meiner Aufnahmefähigkeit damals überschritten waren…“

Richter:“5000 Juden täglich bedeutete 35000 Juden pro Woche, im Monat rund 150000 also! Machten Sie sich keine Gedanken darüber, was die dort wohl sollten?“

Ganzenmüller: „Ich sagte schon, den Inhalt dieses Schreibens hatte ich innerlich und geistig nicht aufgenommen…“

Richter: „Sie wollen behaupten, daß Sie einen Geheimbrief an den Stab des Reichsführers SS, Himmler, an den zweithöchsten Mann also im Dritten Reich, zwar unterschrieben, aber inhaltlich nicht zur Kenntnis genommen haben?“

Ganzenmüller: „Ja, so ist es. Der Brief ist sicherlich von einer Unterabteilung, der Gruppe L, aufgesetzt und dann von mir lediglich noch routinemäßig unterschrieben worden.“

Richter: „Es war aber einer Ihrer Privatbogen. Wie konnte die Gruppe L wohl an Ihr Privatbriefpapier kommen?“

Ganzenmüller: „Sie werden es vielleicht aus meinem Sekretariat geholt haben…“

Richter:“Und wie konnte das Schreiben, wenn es tatsächlich wie Sie jetzt behaupten, von der Gruppe L aufgesetzt worden war, wie konnte es ohne Tagebuch-Nummer durch die Registratur gehen?“

Ganzenmüller: „Also, um derartige Einzelheiten habe ich mich nicht gekümmert … und es war außerdem ja wirklich nicht leicht, all diese Zusammenhänge zu durchschauen… ich meine, für mich als einfacher Staatsbürger …“

Ganzenmüller fiktiv: „Mein Name ist Hase – ich weiß von nichts. Dass es überhaupt Juden in Deutschland gab, war mir nicht bekannt. In Palästina habe ich sie eher verortet. War nicht Jesus von Nazareth einer von ihnen? Wurden sie nicht irgendwann aus Spanien vertrieben? Im Geschichtsunterricht habe ich öfters gefehlt – ich fuhr lieber mit der Eisenbahn!“

Aus: Das Kabinett des Dr.Caligari von Robert Wiene, Stummfilm von 1919

Eine Rahmenhandlung gibt die Erzählung eines Irren wieder, der durch den unter seltsamen Umständen zustande gekommenen Tod seines Freundes wahnsinnig geworden ist und nun Wahrheit und Phantasie – Ganzenmüller vorwegnehmend – nicht mehr unterscheiden kann. In dem Direktor des Irrenhauses (Adolf Hitler) meint er, Dr. Caligari, den Jahrmarktschausteller, zu erkennen, der den Somnambulen Dr. Ganzenmüller alias Cesare zwingt, hypnotisiert Morde zu begehen. Der Direktor versucht nicht, ihm zu helfen, obwohl er selbst wahnsinnig ist und den Grund des Wahnsinns von Ganzenmüller – hypnotisierte Gefolgschaft – erkannt hat.

Wer trieb sein Unwesen noch in Argentinien? Einer darf nicht fehlen, der noch im Januar 1945 das Ritterkreuz mit Eichenlaub von seinem Führer verliehen bekam.1 Es war Hans Ulrich Rudel (1916 bis 1982). Nach Kriegsende betätigte er sich als Fluchthelfer für seine NS-Freunde und Waffenhändler. Er unterstützte die rechtsextreme Deutsche Reichspartei (DRP), deren Spitzenkandidat er 1953 im Bundestagswahlkampf war. Vorher im Jahre 1948 emigrierte er über eine der Rattenlinien nach Argentinien: Er gelangte über die Schweiz nach Rom und beschaffte sich dort einen gefälschten Pass des Roten Kreuzes mit dem Decknamen „Emilio Meier“. Im Juni 1948 landete mit einem Flug aus Rom in Buenos Aires. In seinem gewünschten Exil gründete Rudel in Buenos Aires das „Kameradenwerk“, eine Hilfseinrichtung für NS-Kriegsverbrecher. Hier versammelten sich neben dem SS-Mann Ludwig Lienhardt weitere NS-Kriegsverbrecher wie Kurt Christmann (Gestapochef unter anderem in Koblenz) und der Österreicher Fridolin Guth. Rudel wirkte auch in Chile. Dort seien die Deutschen „dem alten Deutschtum treu geblieben“ und würden „die neue Richtung nicht mitmachen.“ 2

Nach der Absetzung Perons 1955 wurde Rudel als eine Schlüsselfigur der Wiedererstehung des Nationalsozialismus eingestuft, das Operationszentrum der „Braunen Internationale“ war Argentinien. Ende 1952 wird bekannt, dass Rudel mit Nazigrößen der Bundesrepublik Überfälle auf die Gefängnisse Landsberg, Werl und Wittich geplant habe, um die dort einsitzenden Kriegsverbrecher zu befreien.

1 Michael Frank, Die letzte Bastion – Nazis in Argentinien, Hamburg 1962, S. 138

2 Ebd., S.141

Veröffentlicht 24. September 2013 von schauerchristian in Nazis in Argentinien

Die Haube und der Homburg

Meier Helmbrecht – Die Haube als superbia-Symbol – Procol Harums Homburg im Vergleich – Kannte Keith Reid Werner den Gärtner?

In der Eingangsszene wird ausführlich die Haube geschildert, die sich der junge Helmbrecht von einer aus dem Kloster entflohenen Nonne hat anfertigen lassen und in die er seine künstlich gelockten Haare fasst. Einen Homburg gab es damals noch nicht. Der Hut Homburg ist ein hoher Herrenhut aus Filz mit hochgebogener, eingefasster Krempe. Er wurde als „Homburg“ zu einem weltweiten Verkaufsschlager.Der Homburg wurde ursprünglich in der deutschen Stadt Bad Homburg (Hessen) durch die 1806 gegründete Hutfabrik Ph. Möckel hergestellt.

Homburg

Homburg

Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Homburg_(Hut)

Auf der Haube sind außer aufgestickten Vögeln und Tanzszenen Motive aus der heroischen Literatur abgebildet. Im Originaltext heißt es dazu:

Genauso wie den Vater nannte man den Sohn:

beide hießen sie Helmbrecht.

In einem knappen, einfachen Bericht

werde ich euch sagen,

was auf der Haube

für wunderliche Dinge abgebildet waren.

Was ich sage, ist wahrheitsgetreu;

denn ich sage es nicht nur so auf Vermutung hin.

Hinten vom Nackenhaar

über den Scheitel bis zum Haarschopf

mitten auf dem Kopf

war der Saum mit vögeln übersät,

genauso, als wären sie dorthin geflogen

direkt aus dem Spessart.

Auf den Kopf eines Bauern

ist niemals ein bessere Kopfbedeckung gekommen,

als man sie auf Helmbrechts Kopf sehen konnte.

Dem Bauerntölpel

war ungefähr am rechten Ohr

auf die Haube genäht

(wollt Ihr nun hören, was darauf war?):

wie Troja belagert worden ist,

als der vermessene Paris

dem König von Griechenland seine Gemahlin geraubt hatte,

die ihm so lieb war wie sein eigenes Leben;

und wie man Troja erobert hat

und Aeneas von dort geflüchtet ist,

und zwar zu Schiff auf dem Wasserweg;

und wie die Türme herabgestürzt sind

und unzählige Steinmauern.

Ach, daß jemals ein Bauer

solch eine Haube tragen mußte,

von der soviel zu berichten ist! 1

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Meier Helmbrecht mit Haube

Man sieht hier den “Bauernsohn Helmbrecht, der sich mit einem zutiefst höfischen Symbol schmückt, dadurch seinen Aufstiegswillen kundtut und die von Gott gegebene Ständeordnung verletzt.” 2

Entstanden ist die Dichtung wahrscheinlich im Zeitraum zwischen 1250 und 1285 im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet an Salzach und Inn. Die Bauern, die den verstümmelten Meier ergreifen, zerreißen, bevor sie ihn töten, seine Locken und die Haube und treten letztere in den Staub. Während sie sich an ihm mit Schlägen rächten, riefen sie:

Nun gib acht auf deine Haube, Helmbrecht!”

Was an ihr zuvor der Scherge

ganz gelassen hatte,

das wurde nun vollständig zerstört.

Es war ein grausiger Vorgang,

nicht einmal ein pfenniggroßes Stück

von ihr blieb ganz.

Die Papageien und Lerchen,

Sperber und Turteltauben,

die auf die Haube genäht waren,

sie wurden auf dem Weg zerstreut.

Hier lag eine Locke, dort ein Fetzen

von Haube und Haar.

Wenn ich jemals die Wahrheit gesagt habe,

dann glaubt mir

die Geschichte von der Haube,

in wie kleine Stücke man sie zerriß.

Niemals habt Ihr einen Kopf gesehen,

der so kahl war. 3

Die Haube ist ein Leitmotiv und Symbol für Helmbrechts Übermut und „superbia“ (Anmaßung) sowie für die Strafe dafür. Procols Homburg wird nicht zerrissen, sondern aus Demut abgenommen. Über Helmbrechts Gedanken wird nichts berichtet,über die Gedanken des Hutabnehmers auch nicht.

In „Homburg“ von Procol Harum ist die Kopfbedeckung, der Homburg, die letzte Station einer Enttäuschung.Im Gegensatz zur Haube in „Helmbrecht“ ist der Homburg nur schwarz und weist keine Bilder auf.4

Your Trouser Cuffs Are Dirty

And Your Shoes Are Laced Up Wrong

You’d Better Take Off Your Homburg

‚cos Your Overcoat Is Too Long

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Vorausgegangen war eine Eine-Nacht – Bekanntschaft (one night stand – ein erotisches Abenteuer), die schnell ins Nichts zerfällt , von der nur aschengefüllte Aschenbecher bleiben und ein Bett, das durch Lippenstiftspuren gekennzeichnet ist. Der Protagonist empfindet zudem nicht die geringste Lust, die Zeit zu erzählen, denn sie steht still, die Wegweiser deuten ins Nichts. The town clock in the market square Stands waiting for the hour When its hands they both turn backwards And on meeting will devour Both themselves and also any fool Who dares to tell the time And the sun and moon will shatter And the signposts cease to sign

Dem Verlust des Homburgs war eine gescheiterte Beziehung vorausgegangen. Doch was bereitete Helmbrechts Ende vor?

Helmbrecht, der Sohn eines Meiers (eines meist reichen Bauern, der für den Grundherrn Verwaltungsarbeiten ausübt), will nicht länger in seinem Stand verbleiben und harte Landarbeit verrichten, sondern – mit Unterstützung seiner Schwester und der Mutter – Ritter werden. Entgegen den Warnungen des Vaters, der den Sohn auf ein schlechtes Ende seiner Bemühungen hinweist, „lässt der Sohn sich schließlich sein Erbe in Form einer ritterlichen Ausrüstung auszahlen und zieht zu einem Burgherrn, der gerade Fehde führt und ihn in seine berittene Truppe aufnimmt.“5

Deren Art, Krieg zu führen, besteht in Morden, Rauben und Brennen. In Mord und Totschlag also. Helmbrecht führt ein Leben in Überschwang und Fülle, vor allem auf Kosten der Landbevölkerung.Vergleichbar ist im Song „Homburg“ damit nichts.

Helmbrecht verheiratet seine Schwester mit einem seiner Bekannten (Lemberslint). Noch während der Hochzeit werden sie von den Schergen eines Richters überwältigt. Die „Raubritter“ werden erhängt. Helmbrecht ereilt die Höchststrafe: er wird geblendet und verstümmelt.

Nach einem Jahr in der Fremde sucht er bei seinem Vater Unterschlupf, der von dem Geächteten nichts mehr wissen will. Von Bauern, die er einst beraubt und geschunden hatte, wird er zu guter letzt aufgehängt.

Der Autor Werner der Gärtner ist in einer Urkunde nicht nachzuweisen. Auch sein Name, den er im Epilog nennt, ist in seiner Deutung umstritten: Die Leser der Geschichte sollen für den Dichter Fürbitte leisten, „Wernher dem Gartenaere“. Er kommt wahrscheinlich aus Bayern oder Österreich.

Die fahrende Lebensweise des Dichters könnte auch für einen Wandermönch, eventuell für einen Franziskaner, sprechen. Indizien dafür sind nicht nur die Bibelkenntnisse des Autors, sondern auch seine Affinität zu franziskanischem Gedankengut.

Die Erzählung vermittelt als zentrale Lehre: wer sich gegen seinen eigenen Stand auflehnt und den Gehorsam gegenüber den Eltern aufkündigt, wird letztendlich scheitern! Schuster bleib bei deinen Leisten!

“Die Hauptschuld, die auf Gotelint lastet, liegt darin, daß sie ihrem Bruder in die Superbia folgt, indem sie sich genau wie ihr Bruder von ihrem Vater lossagt und ihn nicht mehr als leiblichen Vater anerkennt.” 6 Welche Schuld in “Homburg” auf der Geschäftsfreundin lastet, wird überhaupt nicht behandelt.

Der Song „Homburg“ vermittelt die Einschätzung, dass eine unschickliche Beziehung in einer totalen Enttäuschung enden wird. Der Protagonist ist nicht leiblich, sondern psychisch tot. Das Chaos seiner Kleidung symbolisiert dies.

„Die schmutzigen Hosenumschläge, die falsch geschnürten Schuhe, der zu lange Mantel lassen auf persönliches Versagen, auf den Zusammenbruch der eigenen Welt und vielleicht auch auf gesellschaftlichen Abstieg schließen – der Angesprochene soll von einem Homburg, einem Statussymbol der Oberschicht, Abschied nehmen.“ 7

Hat der Lyriker von Procol Harum, Keith Reid, den „Meier Helmbrecht“ gekannt? Vermutlich nicht, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Stichwort „Homburg, Teil zwei“.

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1 Wernher der Gartenaere, Helmbrecht (mittelhochdeutscher Text und Übertragung), Frankfurt am Main 1974 (2. Auflage), S. 7 ff.

2 Patrick Müller,. Symbole und Leitmotive im „Helmbrecht“ Wernhers des Gartenaere, o.O. 2001, Haubenschilderung

3 Wernher der Gartenaere, Helmbrecht, a.a.O., S. 99 ff.

4 https://www.youtube.com/watch?v=oty-xMa-res&list=RDoty-xMa-res#t=23 Dieses Youtoube-Video zeigt den Homburg völlig schwarz

5 Artikel von Theodor Nolte http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45153

6 Olaf Koch, Der Helmbrecht als Familientragödie, o.O. 2001 http://www.grin.com/de/e-book/105059/der-helmbrecht-als-familientragoedie

7 Peter Urban, Rollende Worte – die Poesie des Rock. Von der Straßenballade zum Pop-Song. Frankfurt am Main 1979, S. 273

Empfohlener link
http://www.procolharum.com/w/w9903.htm

Veröffentlicht 26. April 2013 von schauerchristian in Die Haube und der Homburg